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Das Büro des Rechtsanwalts war in der Adolph-Kolping-Straße in Regensburg. »Dr. Herbert Schneider & Partner« war in das Glas der Eingangstür geätzt. Die Frau am Empfang setzte ein professionelles Lächeln auf, das für Besucher reserviert war, die einem verdächtig vorkamen.
»Guten Tag, was kann ich für Sie tun?« Was wohl in Wirklichkeit so viel heißen sollte wie »Haben Sie sich in der Tür geirrt?«. Vielleicht lag es daran, dass Baltasar Jeans und Blouson trug.
»Mein Name ist Senner, ich hatte angerufen. Herr Doktor Schreiber erwartet mich.«
Sie sah in ihrer Liste nach. »Da haben wir’s, Herr Pfarrer Senner.« Ihr Lächeln wechselte in den Also-gut-wenn-es-sein-muss-Modus. »Bitte folgen Sie mir.«
Das Büro des Anwalts war bestückt mit Einrichtungsgegenständen aus Glas und Chrom, selbst der Aktenschrank bestand aus einem Chromgestänge mit gläsernen Einlegeböden.
»Herr Senner, Ihr Anruf kam überraschend«, sagte Herbert Schneider. »Das Mandat liegt nämlich schon lange zurück. Aber als Sie den Namen Anton Graf erwähnten, hat es bei mir natürlich sofort geklingelt. Herr Graf war nämlich erst vor wenigen Wochen noch bei mir in der Kanzlei.«
»Anton war hier? Was wollte er?« Die Überraschung war dem Rechtsanwalt gelungen.
»Bitte immer der Reihe nach, Hochwürden. Mir ist nicht ganz klar, warum Sie der Fall interessiert und warum ich Ihnen Auskunft geben sollte.«
Baltasar lieferte eine kurze Zusammenfassung der Ereignisse und seiner speziellen Verwicklung in den Fall. »Der Mord hat unsere Gemeinde sehr erschüttert. Es sind einige Fragen offen, die wir klären möchten, das würde vielen Menschen etwas bedeuten.« Vor allem mir selber, dachte Baltasar, aber das sagte er nicht, sondern er verlegte sich auf eine spezielle Version der Wahrheit, der Allmächtige würde es ihm verzeihen. »Außerdem vertrete ich einige ehemalige Mitarbeiter der Glasfabrik, die durch den Konkurs viel verloren haben und endlich Aufklärung über die Vermögenslage des Unternehmens wünschen. Hatten Sie in der Zeitung nichts über die Ermordung Anton Grafs gelesen?«
»Natürlich habe ich die Nachricht registriert, wenn auch nur am Rande.«
»Mich wundert es ein wenig, dass Sie nicht zur Polizei gegangen sind.«
»Ich sehe da keinen Zusammenhang. Laut Artikel ist Herr Graf einem Raubüberfall zum Opfer gefallen. Wenn das mit meinem früheren Auftrag zu tun hätte, würden sich die Behörden schon bei mir melden. Außerdem erlauben Sie mir einen Vergleich: Wenn jemand Ihren Gottesdienst besucht und Tage später überfallen wird, würden Sie auch keine Verbindung zu dieser Tat herstellen.«
»Warum hat Anton Sie aufgesucht, wenn die ganze Sache längst erledigt war, wie Sie sagen?«
»Ich darf Sie korrigieren, Herr Pfarrer, der Auftrag ist lange her. Aber die Akten sind noch immer nicht geschlossen.«
»Das verstehe ich nicht.«
»Ich wurde damals vom Gericht als Konkursverwalter eingesetzt. Meine Aufgabe bestand unter anderem darin, die Vermögenswerte festzustellen, eine Aufstellung von Schulden und Ansprüchen Dritter zu machen und nach Möglichkeiten zu suchen, Aktiva zugunsten der Gläubiger zu verwerten, das heißt einen Investor zu finden, das Unternehmen als Ganzes zu verkaufen oder Teile zu veräußern.«
Der Anwalt faltete die Hände.
»Der Job ist größtenteils erledigt, aber es ist noch Restvermögen zu verwerten, einige Grundstücke der Angra, die leider kontaminiert sind, das heißt auf gut Deutsch mit Chemikalien verseucht. Finden Sie mal dafür einen Käufer! Deshalb werden Sie verstehen, dass der Fall in unserer Kanzlei ruht, bis sich wider Erwarten eine Gelegenheit bietet, die Akten endgültig zu schließen.«
»Und wie passt Herr Graf da rein?«
»Ich kenne ihn als Mehrheitseigentümer der Angra, wir hatten damals eine Vielzahl von Gesprächen. Aber ich war von seinem letzten Besuch auch überrascht, nach all der Zeit. Ganz klar war mir der Zweck nicht, am besten lässt er sich wohl mit Neuanfang umschreiben.«
»Neuanfang? In Antons Alter?«
»Er sagte, es seien noch Rechnungen offen, im übertragenen Sinn. Das wolle er klären.«
»Was meinte er damit?«
»Nun, er fragte mich, wie seine Chancen seien, Geld aus alten Forderungen einzutreiben. Und ob er weitere Markenrechte verkaufen könne, die ihm noch gehörten. Soweit ich es aus seinen Andeutungen heraushören konnte, ging es darum, jemanden wegen Schadenersatzes zu belangen, Vorauszahlungen und Kredite zurückzufordern, die er früher geleistet hatte.«
»Ich dachte, Anton hatte eigenes Vermögen?«
»Offenbar wollte er wegziehen und brauchte dafür zusätzliche Barmittel. Ich weiß aus dem Insolvenzverfahren, dass Herr Graf als Haupteigentümer einige Überbrückungskredite gegeben haben muss. Aber die Originalverträge waren nicht auffindbar, und Herr Graf wollte damals keine Angaben machen und keine Dokumente vorlegen. Wie überhaupt die Buchhaltung der Angra sehr unvollständig war.«
»Haben Sie als Konkursverwalter nicht darauf gedrängt, sich Klarheit zu verschaffen?«
»Selbstverständlich, wo denken Sie hin. Aber in der Buchhaltung waren Lücken, es roch nach Manipulation. Deshalb habe ich auch die Staatsanwaltschaft informiert, die hat die Ermittlungen aufgenommen. Aber es gab zu wenig Beweise, es reichte nicht für eine Anklage.«
»Sie meinen gegen den Geschäftsführer Rufus Feuerlein.«
»Vordergründig ja. Aber in Wirklichkeit steckte wohl auch Anton Graf in der Sache. Jedenfalls war in den Jahren vor der Pleite systematisch Geld aus dem Unternehmen gezogen worden, es wurden Scheinrechnungen ausgestellt, und die Angra überwies dann auf Konten, die Herrn Graf zugerechnet wurden oder Personen gehörten, die ihm nahestanden.«
»Wie Barbara Spirkl.«
»Für einen Pfarrer kennen Sie sich bemerkenswert gut aus, Herr Senner. Genau, der Name dieser Dame tauchte auf den Belegen öfters auf. Es sieht so aus, als ob sie Herrn Graf als Strohmann oder besser Strohfrau gedient hatte, wenn Sie mir diesen Ausdruck gestatten. Auch die Rechte an dem Namen Angra oder an gewissen Editionen erwarb eine Privatfirma, hinter der Herr Graf stand. Diese Firma war von dem Konkurs nicht betroffen.«
»Meinen Sie die Rechte an Glaskünstlerserien?«
»Unter anderem. Die Namensrechte an Johann Helfer oder Nicolai Ravens und all den anderen Kreativen, die für die Firma arbeiteten. Die Künstler hatten ihre Rechte abgetreten und dafür viel Geld erhalten.«
»Und Herr Feuerlein war darin verwickelt?«
»Er hat als Geschäftsführer die Verträge unterschrieben. Es ist doch bemerkenswert, dass er trotz der Ermittlungen der Behörden keine Aussage zu Lasten von Graf gemacht hat. Und das, obwohl er von ihm über den Tisch gezogen wurde.«
»Wie das?«
»Durch die dubiosen Manöver hat Herr Graf zumindest einen kleinen Teil seines Vermögens retten können, obwohl das meiste bei der Pleite draufging. Feuerlein und seine Familie als Minderheitseigentümer haben jedoch alles verloren, was sie in die Firma gesteckt hatten. Und der Geschäftsführer stand in der Öffentlichkeit als Buhmann da, obwohl Graf im Hintergrund die Fäden zog und mindestens genauso viel Schuld an dem Niedergang der Angra trug wie Feuerlein.«
»Warum also hielt der Geschäftsführer dann den Mund?«
»Das ist leicht zu erraten: weil er vermutlich irgendwie dafür entschädigt wurde, vielleicht ein Gegengeschäft, Privatdarlehen von Graf beispielsweise, das nie zurückgezahlt zu werden brauchte, oder etwas in dieser Geschmacksrichtung. Da gibt es viele Möglichkeiten, die Außenstehenden nicht auffallen. Nur die beiden Betroffenen müssen sich einig sein.«
»Bei all den Schiebereien vergessen Sie die Angestellten«, sagte Baltasar. »Die waren die eigentlich Leidtragenden bei der ganzen Sache.«
»Wenn Sie es so betrachten wollen … Aber es stimmt, in der Konkursmasse blieb nicht viel übrig für einen Sozialplan, das ging zu Lasten der Mitarbeiter. Manche waren auf die Zahlungen dringend angewiesen. Ich kann die Wut der Menschen auf das Management verstehen. Nicht umsonst gab es die ganzen Proteste. Es war ein Wunder, dass alles friedlich ablief.«
»Vor allem, weil viele Angra-Beschäftigte danach überhaupt keinen Job mehr gefunden haben.«
»Arbeitsplätze sind ein generelles Problem im Bayerischen Wald, viele ziehen deswegen weg oder pendeln in andere Städte für ihre Jobs.«
»Hat Anton Ihnen erzählt, was er als Nächstes plante?«
»Er meinte nur, er wolle mit verschiedenen Leuten wieder Kontakt aufnehmen und mit ihnen neu verhandeln, er sagte, jetzt sei die Zeit reif dafür. Ich weiß nicht, was bei diesen Gesprächen herausgekommen ist.«
Baltasar holte die Fotos von den Kunstgegenständen und die Zeitungsausschnitte heraus und präsentierte sie dem Anwalt.
»Was halten Sie davon, Herr Doktor Schneider? Das sind Wertgegenstände, die früher in der Angra-Verwaltung und in Herrn Grafs Büro hingen und jetzt in seinem Haus aufgefunden wurden.«
Der Mann studierte die Fotos mehrere Minuten.
»Das ist wirklich frappierend! Es handelt sich eindeutig um dieselben Gemälde. Selbst der Kronleuchter … Was mich noch mehr überrascht, ist die Tatsache, dass es diese Wertsachen überhaupt gibt. Davon höre ich heute zum ersten Mal. Denn in den Vermögensaufstellungen, die wir nach der Insolvenz angefertigt haben, tauchen diese Gegenstände nicht auf. Und zwar deshalb, weil sie nirgends verzeichnet waren. Entweder waren die Gemälde schon so lange im Firmenbesitz, dass sie nicht bilanziert wurden, oder jemand hat absichtlich …«
»Wem gehören denn nun die Gemälde?«
»Ohne das abschließend rechtlich beurteilen zu können, würde ich dem Augenschein nach sagen: Diese Gegenstände gehören nicht Herrn Graf oder seinen Erben, diese Gegenstände gehören in die Konkursmasse.«
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Das waren verwirrende neue Details. Gemeinsam mit den Informationen, die Baltasar nach und nach wie Puzzleteile zusammengetragen hatte, sollte eigentlich ein Bild entstehen können, das Sinn ergab. Die Schwierigkeit war nur, dass er keine Anleitung hatte, um die Teile an den passenden Platz zu schieben und damit eine schlüssige Antwort auf die elementare Frage zu erhalten:
Wer hatte Anton Graf ermordet und warum?
Baltasar spürte, dass er der Lösung des Rätsels ganz nahe war. Es fehlte nur noch eine Kleinigkeit, ein zündender Impuls vielleicht, der schlagartig alles ins richtige Licht rücken würde.
Irgendetwas stimmte nicht an den verschiedenen Versionen der Geschichte, die er von den früheren Weggefährten Grafs gehört hatte. Keiner von ihnen hatte ihm die ganze Wahrheit erzählt, jeder hatte etwas dazuerfunden oder weggelassen. Doch einer oder eine von ihnen musste dabei sein, der oder die ihm die Unwahrheit nur aus einem Grund präsentiert hatte: um das Verbrechen zu verbergen. Vielleicht brachte ein Ortswechsel ihn auf die richtige Spur.
Und auf einmal wusste Baltasar, welcher Ort das sein könnte: das Haus seines Nachbarn.
*
Die Eingangstür war nur provisorisch zugezogen, das Polizeisiegel klebte über der Spalte des Rahmens. Baltasar sah sich prüfend um, ob die Luft rein war. Weit und breit war kein Mensch zu sehen. Er trat mit dem Fuß gegen das Holz, und die Tür flog auf. Vermutlich würde man später jugendliche Randalierer dafür verantwortlich machen, aber das war ihm in diesem Moment egal.
Nachmittagslicht durchflutete die Räume. Alles sah noch so aus wie am Abend zuvor. Die wenigen persönlichen Gegenstände im Arbeitszimmer gaben keinen Aufschluss über Antons Pläne. Hatte er tatsächlich umziehen wollen? Weder in Antons Terminkalender noch auf Notizzetteln hatte es Hinweise darauf gegeben, mit wem er sich an jenem unglückseligen Tag hatte treffen wollen, und auch auf seinem Mobiltelefon hatte die Polizei nichts Verwertbares gefunden.
Baltasar dachte an die Fotos von Grafs Büro in der Angra, die in der Tageszeitung abgebildet waren. Sein Nachbar war es gewohnt gewesen, fürstlich zu residieren. Verglichen damit war sein Haus hier fast spartanisch eingerichtet, von den Kunstwerken einmal abgesehen. War Anton mit diesem Leben unzufrieden gewesen? Baltasar hatte keine Antwort darauf.
Er betrachtete nochmals die leer geräumte Vitrine, die Bilder, die der Einbrecher zurückgelassen hatte, und den monströsen Kristallleuchter, so auffällig, dass ihn sicher niemand stehlen würde. Wahrscheinlich hatte der Einbrecher nicht genug Zeit gehabt, alle Kunstwerke auf einmal mitzunehmen und ins Auto zu verladen. Hatte er den Großteil im Beichtstuhl der Kirche deponiert, weil im Kofferraum zu wenig Platz gewesen war? Oder war er überrascht worden und musste deshalb auf das Zwischenlager ausweichen?
Baltasar sah sich im Schlafzimmer um. Das Bett, der Kleiderschrank. Es wirkte nüchtern wie eine Mönchszelle.
Antons Anzüge im Schrank waren maßgeschneidert, wie das Etikett verriet, alle anderen Kleidungsstücke wiesen teure Markennamen auf. Baltasar ging wieder hinunter ins Erdgeschoss, ging in die Küche, sah nochmals in den Schränken nach, konnte jedoch nichts Auffälliges entdecken.
Er beschloss spontan, in die Kirche zu gehen, so wie es der Einbrecher getan hatte.
Der Weg über den Seiteneingang war in der Tat eine gute Möglichkeit, im Schutz der Dunkelheit zur Kirche zu gelangen. Dennoch bestand das Risiko, dass das Diebesgut vorzeitig gefunden würde.
Baltasar setzte sich in den Beichtstuhl. Er schloss die Augen und ließ seinen Gedanken freien Lauf.
Was passte an der ganzen Geschichte nicht? Ein Widerhaken steckte in seinem Kopf und zwang ihn, den Sachverhalt nochmals aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Er versuchte, die Perspektive des Täters einzunehmen, und spielte verschiedene Varianten durch. Antons überdimensionaler Kristallleuchter tauchte vor seinem inneren Auge auf, die Vision ließ sich nicht verscheuchen.
Das war’s!
Baltasar sprang wie von der Tarantel gestochen auf, lief hinüber zum Pfarrhaus und holte seine Autoschlüssel.
Er hatte eine Idee, und während er zu Philipp fuhr, entwickelte sich aus der Idee eine Theorie, die alles erklärte und doch nur Spekulation war.
Baltasar brauchte Gewissheit.
Philipp wollte zuerst protestieren, aber nachdem Baltasar ihm seine Überlegungen ausgebreitet hatte, sahen sie gemeinsam die gesammelten Unterlagen nochmals durch.
»Deine These ist nicht zu erschüttern«, sagte sein Freund schließlich. »Aber du hast keine Beweise.«
»Das weiß ich«, meinte Baltasar. »Ich kann es nur mit einem Bluff versuchen. Bei Gott, ich hoffe, dass es funktioniert!«
*
Minutenlang hielt er den Hörer in der Hand, ohne sich zu rühren. Er versuchte, sich zu konzentrieren, betete, dass seine Aufführung glaubhaft würde, und bat den Allmächtigen im Voraus um Absolution für seinen kreativen Umgang mit der Wahrheit, der nun nötig sein würde.
Alles hing davon ab, dass sein Gesprächspartner ihm glaubte.
Baltasar wählte die Nummer. Das Freizeichen ertönte. Jemand meldete sich.
»Hallo?«
»Senner hier, hallo. Ich möchte etwas Persönliches mit Ihnen besprechen. Es geht um den Einbruch in Anton Grafs Haus.«
Baltasar bemühte sich, seine Stimme freundlich klingen zu lassen, gerade so, wie man es von einem Priester erwartete.
»Ich habe die Wertgegenstände im Beichtstuhl gefunden. Sie brauchen Sie nicht abzuholen.«
»Von was reden Sie?« Es klang ungehalten. Einen Moment lang befürchtete Baltasar, dass das Gespräch abgebrochen würde.
»Von Grafs Kunstgegenständen, die Sie im Beichtstuhl der Kirche deponiert haben. Das war ein klasse Versteck. Aber leider habe ich es entdeckt.«
»Was soll der Unsinn?«
»Hören Sie, damit wir uns nicht missverstehen, ich will Sie nicht der Polizei ausliefern, ganz und gar nicht. Deshalb rufe ich Sie auch privat an. Ich will mich nur mit Ihnen treffen und diese Angelegenheit aus der Welt schaffen.«
»Sie verdächtigen mich des Diebstahls? Sind Sie nicht mehr ganz bei Trost, Herr Senner?«
»Das ist kein Verdacht, sondern Gewissheit.« Baltasar atmete tief durch, bevor er weitersprach. »Ich habe gesehen, wie Sie das Diebesgut im Beichtstuhl verstaut haben.«
Am anderen Ende der Leitung blieb es sekundenlang still.
»Sind Sie noch dran?«, fragte Baltasar.
»Sie … Sie phantasieren ja, Hochwürden. Ein Hirngespinst ist das, sonst nichts, und unverschämt ist es obendrein!«
»Ich möchte Sie über etwas informieren, das Sie nicht wissen können: Wir haben in unserer Kirche seit einiger Zeit eine Überwachungskamera mit Bewegungssensor installiert. Auf der Aufzeichnung aus jener Nacht sind Sie klar zu erkennen, ein wenig dunkel das Bild, aber es sind doch eindeutig Sie.«
»Sie gefallen mir, Hochwürden. Und diesen Schmarrn soll ich Ihnen abkaufen? Etwas Besseres haben Sie nicht auf Lager? Eine Überwachungskamera in der Kirche, dass ich nicht lache!«
»Lachen Sie lieber nicht. Sie haben in der Zeitung bestimmt von den Opferstöcken gelesen, die ein Unbekannter reihenweise aufgebrochen hat. Außerdem ist in der Kirche ein sehr wertvoller Rosenkranz ausgestellt. Deshalb hat die Diözese angeordnet, dass wir eine Kamera einbauen.«
»Und wo soll diese versteckte Kamera installiert sein?«
»Sie ist gar nicht so versteckt, wenn man weiß, wo man suchen muss. Wenn Sie unsere Kirche betreten, sich umdrehen und dann nach oben schauen, sehen Sie über dem Portal eine geschnitzte Putte. Statt einer Fahne hält sie seit einiger Zeit eine kleine Videokamera im Arm. Ich zeige sie Ihnen, wenn Sie wollen, können Sie sofort herkommen.«
»Sie können mich mal!« Die Stimme hatte an Schärfe zugenommen. »Was wollen Sie von mir, Hochwürden?«
»Ich kann es gern noch mal wiederholen: Ich will die Angelegenheit privat regeln, wir beide unter uns, ohne Polizei. Ich gebe Ihnen als Priester mein Wort darauf. Schlagen Sie einen Treffpunkt vor, ich komme dorthin, und wir werden gemeinsam eine Lösung finden.«
»Ich soll Ihnen trauen?«
»Wem auf der Welt können Sie sonst trauen, außer einem Geistlichen? Mir liegt nichts an materiellen Dingen. Ich bin nur interessiert an der Wahrheit. Und dazu brauche ich Sie.«
»Und wenn Sie mir eine Falle stellen? Wenn womöglich jemand dieses Telefonat mithört?«
»Sie können mir glauben, dass dieses Gespräch nur zwischen Ihnen und mir stattfindet. Niemand hört mit.«
Baltasar hielt einen Augenblick inne, bevor er weitersprach. »Außerdem glaube ich zu wissen, wo Sie die anderen Kunstgegenstände einstweilen untergestellt haben.«
»Sind Sie jetzt auch noch Hellseher?«
»Nein. Es war nicht schwer herauszufinden. Sie würden nicht so dumm sein und das Diebesgut …«
»Diebesgut? Was reden Sie?«
»… und die Stücke bei sich daheim aufbewahren. Das wäre viel zu gefährlich. Natürlich könnten Sie sie irgendwo vergraben. Aber dazu fehlte Ihnen nach dem Einbruch die Zeit. Und deshalb bin ich davon überzeugt, dass Sie die Beute dort versteckt haben, wo sie garantiert niemand suchen würde.«
»Sie sind ein verdammter Besserwisser!«
»Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Ich werde jetzt zu diesem Ort fahren, und ich hoffe, dass Sie ebenfalls kommen. Ich verspreche Ihnen, dass ich allein da sein werde. Und damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich werde dort nach den Kunstgegenständen suchen. Wenn ich sie finde, übergebe ich sie der Polizei.«
*
Das Licht der Straßenlaternen reichte nicht bis in den Hinterhof. Baltasar ließ die Taschenlampe dennoch lieber aus. Wie ein Einbrecher kam er sich vor, der er ja gewissermaßen auch war, schließlich wollte er sich unbefugt Zutritt zu dem Gebäude verschaffen. Er tastete in die Mauernische auf der linken Seite und atmete auf – der Schlüssel war noch an seinem Platz. Er sperrte auf und öffnete die Tür zentimeterweise, um keinen Lärm zu machen.
Es dauerte ein wenig, bis er sich an die Dunkelheit im Gang gewöhnt hatte. Seine Erinnerung ließ ihn nicht im Stich, er fand den Weg zur Werkstatt auf Anhieb. Vor der Tür blieb er einen Moment stehen und lauschte, doch es blieb still. Totenstill. Nur ein Wummern störte diese Ruhe. Es kam von dem Schmelzofen. Er betrat den Raum, die Wärme schlug ihm entgegen. Die Stahltür des Ofens stand offen, die glühende Masse im Innern warf gelbe und rote Lichtflecken in den Raum.
Es war zumindest so hell, dass Baltasar sich ohne Probleme orientieren konnte. Er suchte die Regale mit den Werkstücken nach ungewöhnlichen Objekten ab, doch alles, was er fand, waren Übungsarbeiten von Anfängern.
Sein nächstes Ziel war die Gruft. Sie war vollgestopft mit Vasen, Tellern und Skulpturen. Baltasar räumte einzelne Teile heraus, stellte sie auf einer Werkbank ab und suchte in den verborgenen Winkeln weiter.
»Sie werden nichts finden, Herr Senner. Sie sind zu spät dran!«
Eine Stimme, scharf und klar wie Kristall.
Baltasar drehte sich um.
Vor dem Schmelzofen stand Louis Manrique.
»Herr Manrique, oder soll ich sagen Herr Helfer? Schön, dass Sie doch hergefunden haben.« Baltasar rührte sich nicht vom Fleck.
»Schön ist das falsche Wort in dieser Situation«, sagte der Künstler. »Ich habe Sie beobachtet, Sie sind tatsächlich allein gekommen.«
»Das war so ausgemacht. Ich halte mich an meine Versprechen.«
»Gut, gut, das höre ich gern. Ihr Anruf hat mich etwas nervös gemacht, das gebe ich zu.«
»Sie haben ein riskantes Spiel begonnen, glauben Sie ernsthaft, damit haben Sie immer Glück?«
»Wie sind Sie darauf gekommen, die Gegenstände könnten hier in der Schule sein? Das interessiert mich wirklich, die pure Neugierde.«
»Der Kronleuchter in Antons Haus hat mich darauf gebracht.«
»Der Kronleuchter?« Der Künstler schüttelte den Kopf. »Wirklich?«
»Genauer gesagt, die Umstände. Niemand würde einen so sperrigen und auffälligen Kronleuchter mitnehmen. Das ist klar. Dann ist mir aber aufgefallen, dass an dem Einbruch etwas nicht stimmte: Warum ließ der Dieb ausgerechnet die kleinen Gegenstände zurück im Beichtstuhl? Gegenstände, die überdies die wertvollsten Stücke im Haus waren? Stattdessen waren lediglich die Glasskulpturen aus der Vitrine im ersten Stock verschwunden, schwere, unhandliche Stücke. Ich als Einbrecher hätte diese Objekte jedenfalls zurückgelassen und mich dafür auf die Gemälde konzentriert.«
»Sie sind aber kein Einbrecher.«
»Das ist richtig. Warum handelte der Dieb so unlogisch?, fragte ich mich. Darauf gab es nur eine Antwort: Er hatte es von vornherein nur auf die Glasskulpturen abgesehen, auf sonst nichts. Der Diebstahl der Gemälde diente nur zur Tarnung. Sie waren Ballast, deshalb ließen Sie sie in der Kirche zurück. Sie hatten nie vor, diesen Teil der Beute später zu holen.«
»Was für eine blühende Phantasie Sie haben, Hochwürden. Sie sollten auf Märchenerzähler umschulen. Warum sollte ich es gerade auf die Glaskunst abgesehen haben?«
»Ganz einfach: weil es Ihre Werke waren. Unikate, entstanden in der Blütezeit Ihrer Schaffensperiode, wahrscheinlich sogar die besten, die Sie je entworfen haben. Mir war aufgefallen, dass die schlichteren Glasskulpturen in Antons Haus achtlos zu Boden geworfen worden waren, denn Sie erachteten sie für minderwertig.«
»Dafür haben Sie keinerlei Beweise.« Manrique betastete einige Werkzeuge, die an der Wand hingen, ließ Baltasar währenddessen jedoch nicht aus den Augen.
»Jetzt noch nicht, da haben Sie recht. Aber Ihre Werke wurden fotografiert, und ich bin mir sicher, dass die Polizei auf Belege stoßen wird, die Ihre Urheberschaft nachweisen, wenn sie die Archive der Angra durchforstet.«
»Wenn es meine Werke wären, Herr Pfarrer, dann hätte ich Graf ja nur bitten müssen, sie mir zurückzugeben.«
»Wahrscheinlich haben Sie genau das getan, mehrmals sogar, wie ich vermute. Aber Anton Graf blieb stur, er wollte sie um jeden Preis behalten. Vermutlich wussten Sie zuerst nicht, wo er sie aufbewahrte, deshalb mussten Sie sich durch einen Einbruch Klarheit verschaffen und haben dann die Chance ergriffen.«
»Das ist doch unlogisch. Weshalb sollte ich etwas stehlen, was ohnehin mir gehört?«
»Jetzt kommen wir zu dem entscheidenden Punkt. Sie hatten die Originalentwürfe und die Rechte daran gegen einen üppigen Vorschuss an Herrn Graf beziehungsweise an die Angra verkauft. Sogar Ihren Namen Johann Helfer haben Sie verkauft, damit das Unternehmen damit werben konnte. Bedauerlicherweise verschwanden Ihre Entwürfe in der Versenkung, Ihre Kunstserien wurden nie produziert, ich denke, weil sie Anton oder Herrn Feuerlein nicht gut genug waren für die Vermarktung.«
»Sie haben doch gar keine Ahnung! Solche Entwürfe wie meine hatte die Firma vorher noch nie gesehen. Sie waren einzigartig! Doch statt sie publik zu machen, blieben die Skulpturen weggesperrt von der Welt, für immer. Und das nur, weil ein einzelner Herr es so beschlossen hatte.«
»Immerhin besaß Herr Graf die Rechte an den Werken und konnte damit tun und lassen, was er wollte.«
»Aber dazu hatte er kein Recht! Dazu nicht! Warum sollten meine Werke unter Verschluss gehalten werden, wenn die Angra längst pleite war? Dafür gab es keinen Grund. Ich hatte schon genug für dieses Unternehmen geopfert. Ich hätte ganz Europa erobern können mit meiner Kunst – Johann Helfer war ein Name, der damals über die Ländergrenzen hinaus einen Klang hatte. Doch Graf wollte mich nicht aus dem Vertrag entlassen. Deshalb konnte ich meinen eigenen Namen nicht weiterverwenden, stellen Sie sich das vor, Hochwürden, meinen eigenen Namen! Ich musste mich umtaufen in Louis Manrique, musste meine Identität als Künstler ändern. Natürlich kannte niemand diesen Manrique aus dem Bayerischen Wald, ich fing wieder bei null an, ein Unbekannter mit einem französischen Namen. All meine Bemühungen und Erfolge der vergangenen Jahre waren vernichtet!«
»Daran hätten Sie denken sollen, bevor Sie wegen des Geldes Ihre Seele verkauften.« Baltasar überlegte, wie er sich unauffällig in Richtung Ausgang bewegen könnte. »Aber das war noch nicht das Ende der Geschichte. Anton nahm Kontakt mit Ihnen auf. Dann erst eskalierte die Situation.«
»Reine Spekulation. Ihnen fehlen die Beweise.«
Helfer nahm eine Eisenlanze aus der Halterung und steckte die Spitze in die Glut des Ofens.
»Es gibt einen Zeugen, mit dem Graf kurz vor seinem Tod gesprochen und dem er seine Pläne erzählt hat.« Baltasar wusste, dass sich dies nicht ganz mit der Wahrheit deckte.
»Mal rein theoretisch: Stellen Sie sich vor, Ihr früherer Geschäftspartner meldet sich nach Jahren wieder bei Ihnen und will Sie erpressen.«
»Graf hat Sie erpresst?«
»Wie würden Sie das denn nennen, wenn er nochmals Geld dafür verlangt, dass er Gegenstände herausgibt, die sowieso mein Eigentum sind, Rechte hin oder her? Dieser Bastard wollte tatsächlich Geld aus mir herausquetschen, das war der Gipfel der Unverschämtheit!« Helfer drehte die Lanze in der Glasmasse des Ofens. »Ich hatte mich längst mehr oder weniger mit dem Verlust abgefunden. Und da kommt dieser Mensch, der Geld genug hat, und provoziert mich. Nach all den Jahren!«
»Anton Graf wollte alte Schulden eintreiben. Waren Sie ihm etwas schuldig?«
»Schuldig? Ich ihm? Dankbar hätte er mir sein müssen! Was habe ich alles für seine Firma getan! Und er? Hat den ganzen Profit eingestrichen. Was wäre Angra ohne meine Ideen gewesen? Nur durch meine Arbeit hat das Unternehmen so lange überlebt. Anton Graf stand tief in meiner Schuld. Doch er besaß die Unverschämtheit, Geld von mir zu verlangen. Sonst würde ich meine frühen Werke nie mehr wiedersehen, das waren seine Worte. Da hätte er mir gleich das Herz aus dem Leib reißen können!«
»Jedenfalls wollte Anton Ihnen einen Deal vorschlagen. Er brauchte Geld, weil er wegziehen wollte. Für ihn waren die Kunstwerke nur totes Kapital. Und deshalb haben Sie sich mit ihm getroffen.«
»Er sagte, es wäre meine letzte Chance, die Entwürfe zu bekommen. Sonst würde er alles vernichten. Er schlug einen Treffpunkt vor.«
»Den Hirtenbrunnen im Stadtpark von Zwiesel.«
»Der Ort war ideal, nur wenige Meter von der Schule entfernt. Ich konnte für kurze Zeit verschwinden, ohne dass es jemandem auffiel.«
»Und Ihren Eiszapfen aus der Gruft haben Sie mitgenommen.« Baltasar bewegte sich langsam Richtung Ausgang.
»Das war Zufall. Die Skulptur lag in Reichweite, sie war eines meiner wenig geglückten Werke und hätte längst vernichtet gehört. Außerdem ließ sie sich problemlos unter der Jacke hinausschmuggeln.«
»Hatten Sie zu dem Zeitpunkt schon geplant, Anton Graf umzubringen?«
»Ich wollte … etwas dabeihaben, eine Art Waffe, zur Selbstverteidigung.«
»Das klingt aber nicht sehr überzeugend. Was passierte dann?«
Johann Helfer drehte die Lanze im Ofen und zog sie heraus. An der Spitze klebte ein glühender Ball.
»Sehen Sie sich diese Masse an, Hochwürden. Ist sie nicht faszinierend? Ihr habe ich mein ganzes Künstlerleben gewidmet. Diese Farbe, dieses Leuchten! Doch würde eine kleine Berührung mit der menschlichen Haut diese Schönheit in ein Brenneisen verwandeln, das das Fleisch sekundenschnell bis auf die Knochen verdampfen lässt. Kunst ist mein Leben. Niemand wird das zerstören. Anton Graf nicht, und Sie auch nicht.«
»Sie trafen sich am Brunnen und dann …«
Baltasar machte zwei weitere Schritte nach links.
»Herr Graf kam gleich zur Sache, er hielt sich nicht lange mit Smalltalk auf. Er forderte eine horrende Summe als Ausgleich für gezahlte Honorare, dafür, dass ich meine Werke zurückerhalte, und für die Rechte an dem Markennamen Johann Helfer. Er bezeichnete das als ›Angebot‹.«
Der Künstler kam näher, spielerisch drehte er die Eisenlanze.
»Dieser Idiot! Hätte er mir dieses ›Angebot‹ früher gemacht, wäre ich in einer schwachen Stunde vielleicht sogar darauf eingegangen. Aber jetzt, nach all der Zeit? Es war eine Beleidigung. Eine Schmähung sondergleichen. Mir wurde plötzlich klar, wie viele Jahre ich seinetwegen verloren habe. Dass er allein schuld war an meiner ruinierten Karriere. Bayerischer Wald statt Paris. Dieses so genannte Angebot machte mich unfassbar wütend.«
»Und dann haben Sie zugestochen.«
»Anton konnte es zuerst nicht glauben, er sah an sich herab und versuchte, den Glaszapfen aus seinem Körper zu ziehen. Er wankte ein paar Meter, und ich sage Ihnen, Herr Senner, es war ein Genuss, ihn sterben zu sehen. Ja, das war es. Dann ging ich zurück in die Schule. Ich bereue keine Sekunde lang, was ich getan habe.«
»Gut. Ich denke, wir haben genug geplaudert. Ich gehe jetzt.« Baltasar machte einen Schritt weiter Richtung Tür. »Wenn Sie Frieden mit sich schließen wollen, gehen Sie zur Polizei und stellen Sie sich.«
»Aber wo bleiben die Beweise? Ich habe noch viel vor im Leben. Ich lasse mich von niemandem davon abhalten, auch von Ihnen nicht, Herr Senner.«
Baltasar machte einen Satz zur Tür. Doch Johann Helfer war schneller. Er wirbelte seine Lanze in Baltasars Richtung und schnitt ihm damit den Weg ab.
Baltasar duckte sich und fiel nach hinten, fing sich aber gleich und kam wieder auf die Beine. Er wich zurück hinter eine Werkbank.
»Sehen Sie die Ironie, Hochwürden, dass der Glasfabrikant durch ein Glasmodell seines Künstlers starb? Wie würden Sie am liebsten sterben? Denken Sie darüber nach.«
Mit der glühenden Lanze kam Helfer direkt auf Baltasar zu. Baltasar wich noch weiter zurück. Seine Hände berührten etwas. Es war Glas. Es waren die Objekte, die er aus der Gruft geräumt hatte. Er griff nach einer Vase und schleuderte sie in Helfers Richtung. Doch der konnte ausweichen und kam unbeeindruckt näher. Baltasar ließ einen Teller folgen, dann einen Becher. Auch diese verfehlten das Ziel und zerschellten an der Wand.
»Schade um die Stücke.«
Helfer stieß zu und streifte Baltasars Ärmel.
Baltasar roch den verbrannten Stoff. Er tastete nach hinten, bekam eine Flasche zu fassen und schlug zu.
Es war ein hässliches Geräusch, als das Gefäß Johann Helfers Schläfe traf. Die Flasche zerbarst. Später erinnerte Baltasar sich daran, dass ihm das Muster in dem Glas aufgefallen war, Sprengsel in Gold und Schwarz, durchsetzt mit kleinen schwarzen Quadraten.
Johann Helfer lag reglos am Boden. Blut rann von seiner Schläfe hinunter.
Irgendwie fand Baltasar den Weg nach draußen.
»Da bist du ja endlich«, rief Philipp Vallerot. »Ich dachte schon, ich bin zu spät dran.«
»Gott sei Dank, du bist mir doch gefolgt«, sagte Baltasar mit schwacher Stimme. »Ich hatte es dir zwar verboten, aber ich bin sehr froh, dass du dich nicht daran gehalten hast. Da drinnen liegt Johann Helfer. Er ist bewusstlos.«
»Mach dir keine Gedanken. Warte hier. Ich seh mal nach und rufe die Polizei.«
Philipp verschwand im Gebäude.
Baltasar schleppte sich zum Auto und ließ sich auf den Sitz fallen. Das alles hatte ihn weitaus mehr beansprucht, als er sich eingestehen wollte.
Irgendwann kam Philipp zurück.
»Schlechte Nachrichten. In der Werkstatt ist niemand. Johann Helfer ist verschwunden.«
42
Er hatte die Sorte Maydi aus Somalia genommen und die Mischung mit Weihrauch aus dem Bayerischen Wald, dem Harz von Fichten, angereichert. Ein kräftiger Duft entströmte dem Turibulum, das der Ministrant neben ihm schwenkte. Baltasar inhalierte unauffällig, eine Prise seiner Spezialzutat wäre jetzt ideal, aber das konnte er den Kirchenbesuchern nicht zumuten.
Die Bänke waren gefüllt, es hatte sich herumgesprochen, dass der Fall Anton Graf abgeschlossen war. Wahrscheinlich erwarteten sie von seiner heutigen Predigt saftige Details über den Mörder und seine Motive und wie er zur Strecke gebracht worden war – ein willkommener Stoff für das nächste Schwätzchen beim Einkauf.
Baltasar hatte Glück gehabt, nicht selbst verletzt worden zu sein, dafür dankte er Gott. Im Nachhinein kam es ihm leichtsinnig vor, wie er den Täter herausgefordert hatte. Aber was hätte er sonst tun können, um ihn aus der Reserve zu locken?
Jedenfalls wollte er diese Messe als Bußgottesdienst gestalten. Er stimmte ein passendes Lied an:
Herr, willst du ins Gerichte gehen,
der du unendlich heilig bist,
Herr, wer wird dann vor dir bestehen,
wenn er auch sonst unsträflich ist?
Dein Auge, das nicht fehlen kann,
trifft überall noch Fehler an.
Baltasar erhob die Hände zum Gebet und hielt sie einen Moment in der Luft – eine Methode, um die Aufmerksamkeit des Publikums zu gewinnen. Bürgermeister Wohlrab und seine Frau saßen wie immer in der ersten Reihe, daneben Sparkassendirektor Alexander Trumpisch mit Gattin. In der Mitte konnte er Barbara Spirkl ausmachen, die allein schon durch ihre teuer aussehende Kleidung auffiel. Wolfram Dix und sein Assistent Oliver Mirwald hatten ganz hinten Platz genommen. Nur Teresa und ihr Besuch waren nirgendwo zu sehen.
Und – das versetzte ihm einen Stich – auch Victoria war nicht gekommen.
Sein Blick wanderte zur Putte über dem Eingangsportal. Wäre es nicht tatsächlich eine gute Idee, dort eine Überwachungskamera zu montieren? Doch irgendwie ging ihm diese Vorstellung gegen den Strich. Eine Kirche war ein offenes Haus, das jeder besuchen konnte, ohne sich ständig beobachtet fühlen zu müssen. Und der Allmächtige sah sowieso alles.
Und ach, mir wird die Welt zu enge,
wenn des Gesetzes Donner schlägt
und bei der Übertretung Menge
sich ängstlich mein Gewissen regt,
das dich als einen Richter scheut,
der Rechnung heischt und Strafe droht.
Er stieg auf die Kanzel. Eine Bußpredigt hatte er sich vorgenommen. Damit wollte er die Menschen aufrütteln, vor allem auch sich selbst ermahnen.
Er hatte in seinem Hochmut vieles falsch eingeschätzt. Sein Nachbar war nicht der liebe, freundliche Mensch gewesen, sondern jemand, der seine Vergangenheit und seine wahren Motive verborgen hatte. Jemand, der sich auf Kosten anderer bereichert und der dem Unternehmen illegal ein Vermögen entzogen hatte. Und der seinen späteren Mörder erpresst hatte. Nichts anderes war es gewesen.
Baltasar sprach über die Fehlbarkeit der Menschen, über den Unterschied zwischen Schein und Sein, über Lügen und Wahrheit, über Schwächen und Fehler jedes Einzelnen und die Notwendigkeit, dafür Buße zu tun und auf die Vergebung und die Gnade des Herrn zu hoffen.
In deiner Hand steht Tod und Leben,
du bist es, den man fürchten muss;
doch, Herr, du kannst und willst vergeben
aus deiner Gnade Überfluss.
Dein Wort, das Wort des Lebens, spricht,
du willst den Tod des Sünders nicht.
Er beendete seine Predigt mit einem Lob an die Gemeinde. Der Erfolg der Benefizaktion sei überwältigend gewesen, dank des Engagements und der Spendierlaune der Gäste, der Grundstock für die Renovierung des Glockenturms sei gelegt.
Auch wenn sich mit der Summe die Reparatur noch nicht finanzieren ließ – doch das behielt Baltasar für sich. Er brachte es nicht übers Herz, die Freude, die er in den Gesichtern der Gemeindemitglieder sah, zu dämpfen.
Nach dem Gottesdienst standen die Menschen in kleinen Gruppen zusammen und tauschten die Neuigkeiten aus.
»Weiß man schon, was aus Grafs Haus wird?«, fragte der Sparkassendirektor.
»Das Testament ist noch nicht verlesen. Wahrscheinlich wird sein Sohn Quirin Eder der Erbe.«
»Wenn Sie mich rechtzeitig informieren könnten? Ich wäre Ihnen sehr dankbar«, meinte Trumpisch. »Unsere Bank bietet eine Reihe von Dienstleistungen rund ums Kaufen und Verkaufen von Immobilien, wie Sie wissen. Ein Tipp sollte Ihnen nicht zum Schaden gereichen.«
»Ich werde es weitergeben.« Baltasar wandte sich an den Bürgermeister. »Warum sind die Investoren heute nicht dabei? Denen würde so eine Messe mit den Einheimischen sicher gefallen.«
»Die sind abgereist. Sie haben das Projekt ganz aufgegeben.« Xaver Wohlrab sah verdrießlich drein. »Die ganze Arbeit, für nichts.«
»Was hat denn die Meinungsänderung bewirkt?«
»Die Soft Facts waren ihnen zu hart. Nachdem der Einbruch in Anton Grafs Haus publik wurde, die Schmierereien an der Wand zu sehen waren und die Tatsache sich bis zu den Investoren herumsprach, dass Graf einem Mord zum Opfer gefallen war, meinten sie, unser Ort wäre wohl doch nicht das richtige Umfeld für ihre Klientel. So etwas würde sie abstoßen, es gebe genug andere Gemeinden, die nur so danach lechzten, eine Seniorenresidenz beherbergen zu dürfen.«
»Was werden Sie jetzt tun?«
»Mir wird schon was einfallen. Ich werde eine Kerze für die Heilige Jungfrau Maria anzünden, vielleicht habe ich dann eine Eingebung.«
»Und ein Gebet dazu. Das erhöht die Chancen.«
Baltasar lächelte. Er sah Barbara Spirkl auf sich zukommen.
»Frau Spirkl, grüß Gott. Ich freue mich, dass Sie aus Regensburg den Weg in unsere Kirche gefunden haben.«
»Ich wollte Ihnen nur etwas geben.« Sie öffnete ihre Tasche und drückte ihm ein zerknittertes Papier in die Hand. »Für Ihren Glockenturm.«
Baltasar wusste, dass es Antons Scheck war. Er strich ihn glatt und las nochmals die Summe: 15.000 Euro.
»Ich habe Rücksprache mit der Bank gehalten. Sie können den Scheck einlösen. Anton hat es so gewollt.«
Doch Baltasar gab ihr den Scheck zurück. »Ich kann dieses Geld leider nicht annehmen.«
»Aber … Aber warum nicht?«
»Der Betrag gehört eigentlich der Glasfabrik und den damals dort Angestellten. Dorthin sollte das Geld fließen. Sorgen Sie bitte dafür.«
Er verabschiedete sich.
Hauptkommissar Wolfram Dix und Oliver Mirwald winkten ihm zu.
»Herr Senner, wie immer eine schöne Predigt. Deshalb verzeihen wir Ihnen, was Sie sich mit Ihrem Alleingang in der Glasfachschule wieder geleistet haben.«
»Immerhin haben Sie jetzt Ihren Mörder. Das kommt bei Ihren Vorgesetzten sicher gut an.«
»Noch haben wir ihn nicht verhaftet«, sagte Dix. »Aber Johann Helfer alias Louis Manrique ist zur Fahndung ausgeschrieben. Es ist nur noch eine Frage der Zeit.«
»Trotzdem. Sie hätten uns vor Ihrem Abenteuer informieren müssen. Wir haben die Mittel und die Fachleute, die für solche Einsätze ausgebildet sind«, sagte Mirwald. »Die wissen, wie man mit solchen Leuten umgeht.«
»Ich werde mich bessern.«
»Warum glaube ich nicht daran?« Dix verdrehte die Augen.
»Direktor Feuerlein hat sich übrigens beschwert, dass in der Werkstatt mehrere unwiederbringliche Kunstwerke zerstört wurden. Wir konnten ihn soweit beruhigen, dass er keine Anzeige erstatten wird«, sagte Mirwald. »Er hofft, dass wir im Gegenzug der Presse unterschlagen, dass der Täter als Lehrer in der Schule tätig war. Das sei schlecht fürs Image, meinte er.«
Baltasar schüttelte ihnen die Hände. »Wenigstens konnten Sie heute den Ausflug aufs Land und die gute Luft genießen. Bis zum nächsten Mal.«
»Bloß kein nächstes Mal!« Mirwald erschrak. »Bitte konzentrieren Sie sich lieber auf Ihre Gemeindearbeit. Da gibt’s genug zu tun für Sie.«
43
Sonnenstrahlen fanden den Weg durchs Fenster und malten Lichtflecken auf dem Mahagonitisch. Auf einem Silbertablett standen Flaschen mit Wasser und Saft, eine Assistentin servierte Kaffee. Der Notar verlas die Namen der Anwesenden und erklärte die Formalien.
»Ich verkünde nun den letzten Willen von Herrn Anton Graf«, trug er mit geschäftsmäßiger Stimme vor. »Ich werde Ihnen den Text des Testaments vorlesen.«
»Können Sie nicht gleich zur Sache kommen?«, fragte Quirin Eder, der schon die ganze Zeit auf seinem Stuhl hin und her rutschte.
Seine Mutter saß neben ihm und nickte bekräftigend.
»Vielleicht zuerst eine Zusammenfassung in einfachen Worten?«
Der Notar sah die Gäste an.
Baltasar, Barbara Spirkl und Rufus Feuerlein gaben ihre Zustimmung.
»Also gut. Ich verzichte vorerst auf die Verlesung und informiere Sie über die Regelungen, die der Verstorbene getroffen hat.« Er blätterte in seinen Papieren. »Herr Rufus Feuerlein, ›mein geschätzter Geschäftspartner‹, wie es Herr Graf formuliert hat …«
»Scheinheiliger Hadalump!«, entfuhr es dem Schuldirektor.
»Bitte mehr Respekt.« Der Notar sah ihn tadelnd an. »Der Erblasser hat bestimmt, dass Herr Feuerlein seine Kunstbücher erhält sowie zwei Glasskulpturen, ›Adam und Eva‹, aus seiner Sammlung.« Er räusperte sich. »Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass diese Gegenstände laut Aussage der Polizei bei einem Einbruch zerstört wurden. Es sind nur noch die Einzelteile …«
Feuerlein sprang von seinem Stuhl auf. »Dieser Saftsack! Selbst im Tod ärgert er mich noch!«
Er ging zur Tür.
»Auf diesen Schrott lass ich einen fahren!«
Die Tür knallte zu.
»Wir nehmen zu Protokoll, dass Herr Rufus Feuerlein auf das Erbe verzichtet«, sagte der Notar, ohne seine Stimmlage zu ändern. »Nächster Punkt: Nachlass für Herrn Baltasar Senner. Herr Pfarrer, Sie erhalten ein Kruzifix, 18. Jahrhundert, unbekannter Künstler, befindlich in der Küche des Verstorbenen.«
Baltasar kannte das Kreuz. Eine Holzschnitzerei.
»Kann ich das Erbe überhaupt annehmen? Wer sagt denn, dass es Anton tatsächlich gehört hat und nicht zum Inventar seiner ehemaligen Glasfabrik zählte?«
»Da kann ich Sie beruhigen, Hochwürden, das Stück gehörte der Familie Graf seit Generationen, was in diesen Aufzeichnungen hier vermerkt ist.« Der Notar sah in seinen Unterlagen nach. »Frau Barbara Spirkl, wohnhaft in Regensburg, erbt einen Goldring mit Perlen, ebenfalls aus dem Familienbesitz, und eine dazu passende Halskette. Der Schmuck soll sich in einem Bankschließfach befinden, zu dem Sie Zugang haben, gnädige Frau. Ist das korrekt?«
Barbara Spirkl bejahte.
»Außerdem hat Herr Graf eine etwas seltsame Bemerkung in sein Testament geschrieben, ich zitiere. ›Was Barbara bisher pro forma gehörte, gehört ihr nun ganz.‹ Können Sie mit dieser Aussage etwas anfangen?«
Sie nickte stumm.
»Frau Charlotte Eder erhält ein Album mit Fotos aus der gemeinsamen Zeit, ebenfalls im Bankschließfach deponiert, ›zur Erinnerung an vergangene Tage‹, wie es Herr Graf formulierte.«
Charlotte Eder sagte nichts und senkte den Kopf. Eine Träne lief ihr über die Wange, ob aus Trauer oder aus Enttäuschung, das wusste nur sie allein.
»Nun zu Herrn Quirin Eder, dem unehelichen Sohn des Erblassers.«
Quirin sah den Notar erwartungsvoll an.
»Herr Eder ist der Haupterbe und erhält das verbliebene Vermögen von Herrn Graf.«
»Ja!« Ein Grinsen machte sich im Gesicht des jungen Mannes breit. »Ich wusste es! Haben Sie eine Aufstellung über sein Vermögen?«
»An dieser Stelle muss ich zu einer etwas umfangreicheren Erklärung ausholen«, sagte der Notar. »Eine Liste der Vermögensgegenstände ist in den Akten, aber hier ergeben sich einige Unstimmigkeiten.«
»Unstimmigkeiten? Was reden Sie? Ist doch alles klar.« Quirin wurde ungeduldig.
»Nun, wir haben ein Schreiben von den Anwälten der Kanzlei Schneider & Partner erhalten, die sich als Konkursverwalter der Angra ausgewiesen haben.«
»Na und?«
»Die Kanzlei meldet Rechte auf Wertgegenstände an, die im Besitz von Herrn Graf waren, die aber zum Konkursvermögen der ehemaligen Glasfabrik gehören. Die Rechtsanwälte haben Nachweise beigefügt. Möchten Sie die Dokumente sehen?«
»Uns interessiert nur, was das konkret bedeutet, nicht wahr, Mutter?«
Charlotte Eder nickte.
Der Notar zog ein Schriftstück hervor.
»Sämtliche Gemälde, die Glasskulpturen und der Kronleuchter gehören Herrn Graf nicht. Sie müssen an die Kanzlei als Verwerter des Angra-Vermögens zurückgegeben werden. Ihnen, Herr Eder, bleiben die Möbel und alle Einrichtungsgegenstände im Haus, ebenso natürlich Dinge wie Gläser, Geschirr und persönliche Wertsachen.«
»Was … Was … soll das heißen?« Quirin Eders Gesicht hatte die Farbe gewechselt. »Bin ich enterbt worden?«
»Im Gegenteil, Sie sind der Haupterbe. Nur ist eben wenig Erbmasse vorhanden.«
»Und das Haus?«
»Die Immobilie ist Eigentum von Frau Barbara Spirkl. Herr Graf hatte lediglich ein Wohnrecht auf Lebenszeit.«
»Das ist korrekt«, sagte Barbara Spirkl. »Anton wollte es so.«
»Das lasse ich mir nicht bieten. Man will mich reinlegen!« Quirin war aufgesprungen, sein Stuhl kippte um, er beachtete es nicht. »Komm, Mutter, wir gehen. Sie werden von unserem Anwalt hören.«
*
Die Straße zum Pfarrhof war von zwei Lkws blockiert. Baltasar hupte. Nichts tat sich. Er stieg aus, ging zur Fahrerkabine und gab dem Mann drinnen ein Zeichen.
»Würden Sie bitte weiterfahren? Ich muss da rein, ich wohne hier.« Baltasar zeigte auf den Pfarrhof.
Der Fahrer stieg aus.
»Sind Sie Pfarrer Senner?«
Baltasar bestätigte es.
»Wunderbar, das Warten hat ein Ende. Wir kommen wegen des Kirchturms.«
»Wie bitte?«
»Seine Exzellenz hat uns geschickt. Wir sollen mit der Renovierung der kaputten Glockenhalterung beginnen.«
Baltasar warf einen Blick auf die Ladefläche. »Haben Sie da Eisenbahnschienen geladen?«
»Wo denken Sie hin, Hochwürden? Das sind T-Stahlträger, da können Sie zehn Elefanten dranhängen, die bewegen sich keinen Millimeter.«
»Und was hat das mit unserem zerstörten Gebälk zu tun?«
»Wir ziehen die Stahlträger oben im Turm ein, hängen die Glocken dran, und – klingeling – haben Sie wieder den gewohnten Sound. Der andere Lastwagen hat einen Kran geladen. Wir fangen gleich an abzuladen und aufzubauen.«
»Langsam, langsam.« Baltasar konnte es immer noch nicht fassen. »Sie wollen das historische Gebälk durch Eisenschienen ersetzen?«
»Ganz genau.« Der Mann strahlte. »Sie haben es verstanden!«
»Wie kam Herr Siebenhaar denn auf diese Idee?«
»Die Teile sind auf einer anderen Baustelle übrig geblieben. Weil die Rechnung schon bezahlt war, verlangte Seine Exzellenz, dass wir die Reste hier bei Ihnen anbringen. Mein Chef hat nach einigen Verhandlungen nachgegeben. Wer kann schon einem Bischof was abschlagen?«
Baltasar wollte sich das nicht länger anhören. Er stürmte ins Haus und lief Teresa direkt in die Arme.
»Herr Pfarrer, ich mit Ihnen sprechen muss.«
Er seufzte. »Kann das nicht warten?«
»Der Kommissar hat angerufen, Herr Dix. Die französische Polizei hat Johann Helfer aus einem Zug geholt. Er hatte eine Fahrkarte nach Paris in der Tasche.«
»Gute Nachricht. Aber war das so eilig?«
»Ich … wollen beichten.«
»Also gut, ich höre.«
»Das mit … Karol tut mir leid. Ich muss Ihnen gestehen, er ist gar nicht mein Cousin.«
»Sondern?«
»Mein früherer Freund aus Krakau. Wir längst haben Schluss gemacht. Aber er hat angerufen und gesagt, er will mich sehen. Da bin ich schwach geworden.«
»Warum haben Sie nicht gleich die Wahrheit gesagt?«
»Ich … Ich hatte Angst, Sie würden nein sagen, wenn ich meinen Freund einlade. Darum habe ich die Geschichte erfunden.«
»Und was ist mit Jana und Lenka, mit Pavel und Jan, wie stehen die zu Ihnen?«
»Das sind Verwandte von Karol, wirklich. Wollten die Gelegenheit nutzen, wenn sie mitfahren durften. Verzeihen Sie mir?«
Baltasar schwieg einen Moment lang und sagte dann: »Ja, ich verzeihe Ihnen. Aber künftig bitte keine Lügen mehr. Und bitte sag deinen Gästen, dass sie sich, wenn sie noch länger bleiben wollen, ein Quartier suchen müssen. Aber ich brauche meine Räume ab sofort wieder für mich.«
»Aber …«
»Keine Widerrede. Helfen Sie ihnen beim Packen.«
Zwanzig Minuten später standen die fünf Gäste mit hängenden Köpfen vor dem Auto und verstauten ihr Gepäck im Kofferraum.
»Ich komme mit«, sagte Baltasar, »alles einsteigen!«
Alle starrten ihn verwundert an, trauten sich jedoch nichts zu sagen. Die Fahrt war nur kurz – Baltasar hielt vor dem Gasthaus »Einkehr« an.
»Bitte alles aussteigen, die Reise ist beendet.«
Victoria Stowasser kam aus dem Lokal.
»Das sind also die Gäste, von denen Sie mir erzählt haben, Herr Senner?« Sie schüttelte allen die Hand, auch Teresa. »Herzlich willkommen, bitte treten Sie ein!«
In der Gaststube klärte Baltasar sie über seinen Plan auf: Er hatte mit Victoria vereinbart, die polnischen Gäste könnten hier bei freier Kost und Logis wohnen. Als Gegenleistung müssten sie der Wirtin bei der Renovierung der Gästezimmer helfen.
»Ist das ein Angebot?«
Karol und Teresa strahlten, die anderen lächelten. Schnell holten sie ihr Gepäck aus dem Auto.
»Jetzt habe ich noch einen Grund mehr, Sie zu besuchen«, sagte Baltasar zu Victoria.
»Jetzt habe ich noch einen Grund mehr, mich zu freuen«, antwortete Victoria.