20

Die Idee setzte Baltasar gleich in die Tat um. Auf dem Rückweg fuhr er über Zwiesel. Die Glasfachschule lag in einer Straße, die parallel zum Großen Regen verlief, in Fußmarschnähe vom Stadtpark und dem Tatort. Er parkte den Wagen gegenüber der Schule. Sie war in einem zweistöckigen Haus mit Verbindungsbauten und Fassadenfenstern in Türkis.

Einige farbige Schalen weckten seine Aufmerksamkeit. Sie standen im Fenster eines Nebengebäudes, ausgestellt wie in einem Geschäft, und zeugten von einer Qualität, die einer Vitrine Ehre machen würde. Eine Schale war mit blauen Glasfäden überzogen, als hätte jemand sie versehentlich mit der Farbtube bespritzt. Ein anderes Modell bestand aus mehreren Schichten Glas, die teilweise wieder abgetragen worden waren und so ein Muster aus Kreisen erzeugten. Ein Objekt sah aus, als hätte das Material Blasen geworfen, was einen plastischen Eindruck hervorrief.

Durch ein Seitenfenster konnte Baltasar in eine Werkstatt mit mehreren Brennöfen und Spezialgeräten sehen. An den Arbeitstischen saßen zwei Glasfachschüler, die Gegenstände in eine Flamme hielten, ähnlich Bunsenbrennern, die er aus dem Chemieunterricht seiner Schulzeit kannte.

Er betrat das Gebäude durch den Haupteingang.

Die Vorhalle war leer, genauso wie die Schaukästen, die an der Seite aufgebaut worden waren. Schilder wiesen den Weg zur Glasbläserei, zum Apparatebau, zu Konferenzräumen und Lehrsälen.

Baltasar folgte einem Gang, der Richtung Werkstatt führte. Beim Eintreten traf ihn fast der Schlag. Der Raum war extrem heiß, und die Ursache dafür war unübersehbar: Ein Glasfachlehrer in kurzer Hose und T-Shirt hatte die Tür von einem Spezialofen geöffnet, drinnen brodelte etwas wie Lava.

Der Mann hielt in seiner Hand ein dünnes Rohr mit Mundstück und Griff, an dessen Ende eine glühende Kugel klebte, die aussah wie eine brennende Orange. Ohne Baltasar zu beachten, blies er in das Rohr, und die Masse wölbte sich wie ein träger Luftballon. Der Mann hielt sie in eine Holzform, drehte dabei unaufhörlich sein Werkzeug und zog daran. Er griff zu weiteren Formen, Dampf stieg auf, und innerhalb kurzer Zeit war eine Vase zu erkennen.

Feuer und Glas. Baltasar war fasziniert, aus welch einfachen Rohstoffen sich solche Kunstwerke zaubern ließen. Eine Mischung aus Quarz, Kalk und Pottasche reichte, um dieses durchsichtige, harte Material entstehen zu lassen, ein Material, das schon bei Ägyptern und Römern begehrt war. Die Transparenz von Glas bewunderten Menschen seit Jahrtausenden, für besondere Stücke zahlten sie damals wie heute hohe Preise.

»Guten Tag«, grüßte Baltasar.

Der Glasbläser hatte sein Werkzeug abgelegt und sah Baltasar an. »Sind Sie der neue Dozent?«

»Ich? Oh, nein, nein, ich bin nur ein Besucher.« Baltasar musterte den Mann unauffällig. Kannte er ihn nicht von irgendwo?

»Was tun Sie dann hier in der Werkstatt?«

»Ich habe Ihre Arbeit von draußen gesehen, und das hat mich so neugierig gemacht, dass ich es mir aus der Nähe ansehen wollte.«

»Ihre Neugierde in Ehren, aber das hier ist keine Touristenattraktion.« Der Mann schnaufte, und sein Atem rasselte. »Wir sind eine Schule.«

»Ich bewundere Ihre Arbeit. Wie geschickt Sie aus diesem Klumpen eine Vase geformt haben, Herr …?«

»Nun, gelernt ist gelernt.« Der Glasbläser klang versöhnlicher. »Ich bin Franz Kehrmann und unterrichte in den Basistechniken. Schon seit Jahren. Meine Schüler sind zufrieden.«

»Das glaube ich sofort. Ich muss gestehen, ich wurde hierher geschickt, weil ich hier angeblich die besten Fachleute für mein Problem finde.«

»Was heißt hier angeblich? Bei uns finden Sie die besten Experten für Glasherstellung in ganz Bayern. Aber was sage ich? In ganz Deutschland. Was für ein Problem haben Sie denn?«

Baltasar zog seine Fotos hervor.

»Nun, vielleicht wissen Sie ja, was das genau für ein Objekt ist und wer es hergestellt haben könnte.«

Franz Kehrmann betrachtete die Bilder.

»Gegossenes Glas mit künstlerischen Bearbeitungen. Sicher aus dem Bayerischen Wald.«

»Warum sind Sie da sicher?«

»Die Form, die Farben … dieses Objekt kommt mir bekannt vor. Vielleicht wurde es sogar bei uns in der Schule produziert.« Der Mann gab Baltasar die Aufnahmen zurück. »Schade, dass Sie kein Original haben. Dann könnte ich es Ihnen genau sagen. Was interessiert Sie an dem Stück?«

»Es ist eine Erinnerung an einen alten Freund.«

»Ich wüsste einen wirklichen Fachmann für Ihre Fragen. Wenn Sie warten wollen? In zehn Minuten beginnt Louis Manrique mit seinem Unterricht. Er ist Glaskünstler. Fragen Sie ihn.«

Baltasar setzte sich in eine Ecke.

Eine Viertelstunde später betrat ein Mann den Raum, der ganz in Schwarz gekleidet war. Seine halblangen dunklen Haare mit silbernen Strähnen hatte er nachlässig hinters Ohr geklemmt, und er betrachtete seine Umgebung über den Rand einer Halbbrille hinweg.

Baltasar fragte sich, woher er auch diesen Mann kannte, er hatte ihn schon einmal gesehen, es konnte noch nicht lange her sein, doch es wollte Baltasar einfach nicht einfallen, wo.

Eine Traube von Schülern hatte sich um Louis Manrique versammelt.

Baltasar konnte Marlies Angerer, das Mädchen aus der Clique, nicht unter ihnen entdecken.

Der Meister erklärte die Aufgabe für heute und gab Anweisungen. Bald war der Raum erfüllt mit Lärm von Maschinen, Sägen und der Entlüftungsanlage.

Franz Kehrmann redete mit dem Künstler und zeigte auf Baltasar.

Louis Manrique kam zu ihm, machte eine übertrieben theatralische Verbeugung und fragte: »Womit kann ich Ihnen dienen, mein Guter?«

Baltasar hatte einen französischen Akzent erwartet, stattdessen waren die Worte bayerisch eingefärbt. Er stellte sich vor.

»Monsieur Manrique, ich danke Ihnen, dass Sie sich Zeit nehmen. Welchen Ursprung hat Ihr Name, wenn ich fragen darf?«

»Lassen Sie den Monsieur weg, mein Guter. Ich bin hier in der Gegend geboren, in Spiegelau. Habe lange in Paris gearbeitet. Jetzt hat es mich wieder zurück in die alte Heimat verschlagen.«

Der Künstler sah Baltasar mit einem seltsam abschätzenden Blick an.

»Sie arbeiten hauptberuflich an der Schule?«

»Oh, là, là, wo denken Sie hin? Mein Leben gehört der Kunst. Ich habe mich einer Mission verschrieben.«

Baltasar runzelte die Stirn. Jetzt fiel ihm plötzlich wieder ein, warum ihm der Mann bekannt vorkam: Er war einer der drei Besucher, die sich am Grab von Anton Graf so respektlos benommen hatten. Der Dreitagebart mit den grauen Stoppeln.

Was hatte dieser Manrique mit seinem Nachbarn zu tun?

Baltasar fragte sich, ob Franz Kehrmann der Zweite im Bunde und wer dann der Dritte gewesen war.

Manrique drehte sich eine Zigarette und steckte sie an einem Bunsenbrenner an. Er blies den Rauch in die Luft. Wieder dieser hochnäsige Blick.

»Meine Mission ist es, das Material Glas, Urmasse unserer Kultur, zu neuen Höhen zu führen, es spirituell zu durchdringen. Sehen Sie, mein Guter, Malerei, Bildhauerei, Fotografie – alles mündet letztlich in den ultimativen Werkstoff, das Glas, wo sich alles vereinigt und auf eine höhere Ebene gehoben wird. Dazu will ich meinen bescheidenen Beitrag leisten und die Kunst einen Schritt weiterbringen. Eine Lebensaufgabe, mein Guter, verstehen Sie?«

Er inhalierte einen tiefen Zug und blies langsam den Rauch aus.

»Darf ich fragen, was Sie von Beruf sind?«

Baltasar sagte es ihm.

»Na bitte, da sehen Sie’s, denken Sie nur an die eindrucksvollen Kirchenfenster, die Künstler der früheren Jahrhunderte aus Glas geschaffen haben. Das ist Meditation in Farbe und Form. Was wären die Gotteshäuser ohne diese wunderbaren Inspirationen? Nur Glas macht das möglich.«

»Waren Sie vor Kurzem in einer Kirche? Haben Sie eine Messe besucht? Oder eine Beerdigung?«

»Ich baue mir eine Kathedrale im Kopf, mein Glaube ist die Kunst. An dieser Art von Schöpfung mag auch der liebe Gott seinen Anteil haben. Wer weiß.«

Baltasar konnte nicht einschätzen, ob Manrique ihn ebenfalls erkannt hatte. Auf dem Friedhof waren sie nur wenige Meter voneinander entfernt gestanden. Falls der Mann ihn erkannte, konnte er gut schauspielern. Seinen Fragen wich er jedenfalls aus.

»Ihre Schüler können froh sein, von einem solchen Experten unterrichtet zu werden.«

»Ich gebe mein Bestes, glauben Sie mir. Die Schule ist eine willkommene Abwechslung zu meiner Arbeit im Atelier. Und wenn ich der jungen Generation wenigstens ein Körnchen meiner Inspirationen weitergeben kann, ist es schon ein Erfolg.«

»Mir wurde gesagt, Sie könnten mir mehr über dieses Objekt hier sagen.«

Baltasar legte die Fotos auf den Tisch.

Louis Manrique sah sie kurz an, dann wischte er die Aufnahmen mit einem Schwung vom Tisch. »Das ist Schund! Ich will mir solchen Schund nicht anschauen!« Seine Stimme war lauter geworden. »Woher haben Sie das?«

»Einem guten Freund gehörte das abgebildete Objekt. Er ist leider verstorben. Ich würde gerne so ein Stück als Andenken haben.« Wieder diese Lüge, aber Baltasar wollte vor Fremden nicht die Wahrheit offenbaren. Oder kannte Manrique in Wirklichkeit das Stück, so wie er in Wahrheit Anton Graf kannte, jedenfalls höchstwahrscheinlich?

»Ich kann Ihnen etwas aus meiner Kollektion zeigen. Da sehen Sie Qualität, und ich kann Ihnen etwas zum Sonderpreis überlassen, vorausgesetzt, Sie brauchen keine Quittung. Aber das …«, er wies auf die Fotos, die Baltasar wieder aufgehoben hatte, »… das ist unterstes Niveau. Abfall. Schund eben! Darüber mag ich mich gar nicht äußern.«

»Ich verstehe Ihre Ablehnung, Herr Manrique«, sagte Baltasar, obwohl er selbstverständlich überhaupt nichts verstand. »Verzeihen Sie, ich bin nur ein Laie, der eine Auskunft sucht. Was genau ist in Ihren Augen so verabscheuungswürdig?«

»Sehen Sie das nicht? Die ganze Machart, die Ausführung, das ist Pseudo… das ist … Mir fehlen die Worte.«

»Heißt das, Sie kennen das Objekt auf dem Foto oder den Produzenten?«

»Dieser … Dieser Zapfen stammt sicher von jemandem hier aus der Schule. Denn die Tönung des Glases weist auf eine Sonderfarbe hin, die sehr selten und teuer ist und die hier bei uns gelegentlich verwendet wird. Eine Schande, sie für so was zu verschwenden.«

Die Worte quollen aus ihm hervor, als müsste er gleich erbrechen.

»Und der Künstler? Wer hat das hergestellt?«

»Was erlauben Sie sich, in diesem Zusammenhang von Künstler zu reden?«, donnerte Manrique. »Da war ein Pfuscher am Werk. Ich kenne ihn nicht, ich wünschte nur, er hätte sich diesen Zapfen in den A…! Aber lassen wir das, es ist unter meiner Würde. Ein armseliger Versuch von jemandem, sich als Künstler aufzuspielen. Sie haben mir den Tag vergällt. Auf Wiedersehen!«

Manrique drehte sich um und ging zu seinen Schülern.

Baltasar verließ den Raum und überlegte, warum Manrique sich dermaßen über das auf den Fotos abgebildete Glasobjekt aufgeregt hatte. Es gab weiß Gott Hässlicheres, wenn er nur an seinen Besuch im Glassupermarkt in Bodenmais dachte …

Sein nächster Plan war nun, mit Marlies Angerer zu sprechen, die angeblich Schülerin hier in der Glasfachschule sein sollte, vor allem, nachdem sie auch auf der Beerdigung von Anton Graf aufgetaucht war. Er beschloss, sich in der Verwaltung nach ihr zu erkundigen, und suchte die Gänge im Erdgeschoss ab, bis er auf eine Tür mit der Aufschrift »Sekretariat« stieß. Er klopfte und trat ein, obwohl niemand geantwortet hatte.

Das Zimmer war leer, der Schreibtisch verwaist. In einem Regal stapelten sich Aktenordner. Das Fenster gab den Blick frei in einen Hinterhof, und eine Seitentür stand offen, die zu einem weiteren Büro führte.

»Hallo? Ist da jemand?« Baltasar war unschlüssig, was er tun sollte. Aus dem Nebenzimmer vernahm er ein Geräusch.

»Einen Moment bitte«, sagte da jemand.

Eine tiefe Stimme. Nach einiger Zeit kam ein Mann mittleren Alters heraus. Er trug einen Anzug, der oberste Hemdknopf war offen, die Krawatte verrutscht. Auffällig war seine Brille mit blauem Gestell und verschnörkelten Bügeln.

»Entschuldigen Sie, meine Sekretärin ist gerade nicht da. Ich bin Rufus Feuerlein, der Schulleiter. Was kann ich für Sie tun?«

»Guten Tag. Mein Name ist Senner, Baltasar Senner. Ich suche eine Schülerin von Ihnen, sie heißt Marlies Angerer.«

»Wir haben viele Schüler bei uns im Haus. Ist sie auf der Technikerschule, der Berufsfachschule oder Berufsschule? Das finden Sie hier alles unter einem Dach.«

»Das weiß ich ehrlich gesagt nicht.«

Auf einmal fühlte sich Baltasar wie in einem schlechten Traum. Dieser Mann, dieser Schulleiter – wenn er ihn sich mit einer Sonnenbrille vorstellte, konnte er der dritte unbekannte Besucher auf Antons Beerdigung gewesen sein? Baltasar war sich in nichts mehr sicher. In seinem Kopf begann sich alles zu drehen. Welches Interesse sollten all die Menschen hier in der Schule an seinem Nachbarn gehabt haben? Und warum sprach keiner offen darüber? Welchen Grund gab es, daraus ein Geheimnis zu machen?

»Darf ich fragen, um was es geht? Es ist gerade Unterrichtszeit.«

»Nun, wissen Sie, ich bin Pfarrer von Beruf, und Marlies war neulich bei der Beerdigung eines Freundes. Ich glaube, nach dem Schock braucht sie spirituellen Beistand. Deshalb möchte ich gerne mit ihr reden.«

Baltasar hoffte, der Schulleiter würde genauer nachfragen, damit er ihn auch auf seine Anwesenheit an Antons Grab ansprechen konnte.

»Ein Todesfall? Das wusste ich nicht. So was ist immer schrecklich. Ich will sehen, was ich tun kann.«

Baltasar fragte sich kurz, ob er nachbohren sollte, doch wenn die Wahrheit nicht von selbst kam, würde es wenig nützen. Rufus Feuerlein musste der Unbekannte vom Friedhof sein.

Feuerlein setzte sich an den Computer seiner Sekretärin.

»Angerer, sagten Sie? Marlies Angerer?«

Namenslisten flimmerten über den Bildschirm.

»Da haben wir sie ja schon. Moment, ich sehe im Stundenplan nach.« Er tippte einige Befehle ein. »Sie müsste jetzt im Klassenzimmer 201 zu finden sein, gleich die Treppe hoch und dann rechts im Gang.«

Baltasar bedankte sich.

»Ich habe schon Ihre Werkstatt bewundern dürfen. Eine beeindruckende Ausstattung haben Sie hier.«

»Dann haben Sie sicher auch Herrn Kehrmann kennengelernt.«

»Und Herrn Manrique.«

»Ja, ja, unser Künstler.« Rufus Feuerlein hatte den Tonfall gewechselt. »Wir wissen, was wir an ihm haben. Er ist, wie soll ich sagen, eine ganz besondere Persönlichkeit.«

»Ich finde es bemerkenswert, dass bei Ihnen solche Fachleute unterrichten«, sagte Baltasar.

»Wir müssen den Schülern schon was bieten. Das Glashandwerk ist eher rückläufig. Sie brauchen sich nur zu vergegenwärtigen, wie viele Glashütten in den vergangenen Jahrzehnten im Bayerischen Wald geschlossen haben. Und in der industriellen Glasproduktion sieht es auch nicht besser aus.« Er klang wehmütig. »Deshalb bin ich froh um jeden, der noch einen solchen Beruf erlernen und damit die jahrhundertealte Tradition bei uns in der Region aufrechterhalten will. Und kreative Lehrende motivieren den Nachwuchs.«

»Ich finde es lobenswert, wenn sich jemand neben seinem Hauptberuf dafür Zeit nimmt.«

»Louis Manrique ist nicht der einzige Künstler, den wir engagieren. Es gibt noch zwei andere. Für sie liegt der Reiz darin, mit jungen Menschen zu arbeiten, statt allein in ihren Ateliers zu sitzen. Und das Nebeneinkommen ist natürlich auch nicht zu verachten. Schließlich verkaufen die Künstler nicht jeden Tag ihre Werke. Man muss bloß darauf achten, dass diese Herren nicht aneinandergeraten. Dann gibt es Hahnenkämpfe. Sie können sich wahrscheinlich gar nicht vorstellen, wie eitel Künstler sein können! Ein jeder von ihnen eine Primadonna, jeder glaubt, ihm allein gebührt die Krone.« Er schüttelte den Kopf. »Aber was rede ich. Sie wollten ja zu unserer Schülerin. Am besten warten Sie vor dem Klassenraum, in zehn Minuten ist die Stunde zu Ende.«

21

Baltasar ging den Gang auf und ab. Ein Gong ertönte, die Tür wurde aufgerissen, und eine Horde Jugendlicher drängte heraus.

Er hielt Ausschau nach Marlies Angerer, doch er konnte sie nirgends entdecken.

Jemand sprach ihn an: »Suchen Sie jemanden?«

»Ah, sind Sie der Lehrer?«

Der Mann nickte.

»Ich würde gerne mit Marlies Angerer sprechen.«

»Die ist gerade an Ihnen vorbei, das Mädchen mit der roten Jacke dort vorne.« Er deutete in Richtung Treppe.

»Danke.«

Baltasar beschleunigte seinen Schritt und rief ihren Namen: »Marlies!«

Eine junge Frau drehte sich um, das Haar kurz geschnitten. Es war Marlies Angerer. Er hätte sie fast nicht wiedererkannt: Sie war ungeschminkt, ihre Haare waren glatt gebürstet. In Jacke und Jeans war sie viel unauffälliger gekleidet, nur der Piercingschmuck in Nase und Lippe erinnerte an die Marlies Angerer aus dem Stadtpark.

Sie blieb stehen und wartete, bis er näher gekommen war.

»Guten Tag, Frau Angerer. Erkennen Sie mich?«

Marlies sah ihn an und schüttelte den Kopf. Dann vollzog sich jedoch eine Änderung in ihrem Gesicht, ihre Augen weiteten sich. »Lassen Sie mich, Herr Pfarrer.« Der Ton war schroff. Sie wandte sich ab und wollte gehen.

Baltasar hielt sie am Ärmel fest. »Warten Sie, bitte, Frau Angerer. Ich würde gerne mit Ihnen reden, es ist wirklich wichtig.«

Sie riss sich los.

»Aber ich will nicht mit Ihnen reden. Gehen Sie!«

Sie beschleunigte ihre Schritte, zwängte sich durch einen Pulk von Schülern und stürmte die Treppe hinunter. Baltasar versuchte, ihr zu folgen. Er mühte sich durch die Jugendlichen, die überhaupt nicht daran dachten, ihm Platz zu machen. Als er im Erdgeschoss angekommen war, war Marlies verschwunden.

Er lief auf die Straße, hielt Ausschau nach der roten Jacke – doch es war vergebens. Er fragte einen Schüler, der gerade herauskam, nach ihr.

»Marlies? Hab ich vorhin noch gesehen.« Der Junge zeigte auf einen weißen Motorroller, der an der Seite lehnte. »Das ist ihr Gefährt, sie muss also noch in der Schule sein.«

Hatte sie sich vor ihm versteckt? Er ging zurück ins Schulgebäude, sah in den Gängen nach, in der Werkstatt. Er wartete vor den Toiletten, sah nach, ob sie vielleicht durch eine Seitentür verschwunden war. Ohne Erfolg. Sie schien wie vom Erdboden verschluckt.

Als er schließlich wieder draußen war, kam ihm eine Idee. Es war absolut nicht rechtens, was er nun vorhatte, doch Baltasar hoffte, der Herrgott möge ihm dennoch die Absolution erteilen. Er sah sich verstohlen in alle Richtungen um, dann ging er wie zufällig zu dem Roller hinüber, sah sich nochmals um – und ließ in Blitzesschnelle die Luft aus dem Vorderreifen, indem er das Ventil öffnete.

Er wartete in seinem Auto. Nach einer halben Stunde sah er die rote Jacke. Marlies Angerer klappte den Sitz des Motorrollers auf und holte den Sturzhelm heraus. Dann bemerkte sie den platten Reifen. Sie trat mehrmals dagegen, und Baltasar glaubte, ihre Flüche zu hören. Er stieg aus.

»Kann ich Ihnen helfen?« Baltasar stellte sich ihr in den Weg.

Marlies erschrak. »Sie schon wieder! Ich hab Ihnen doch gesagt, dass Sie mich in Ruhe lassen sollen.«

»Ist der Reifen zerstochen worden?« Er befühlte den Gummi.

»Keine Ahnung. Irgendwer fand das wohl lustig.«

»Schlimm, dieser Vandalismus heutzutage.«

Das Mädchen verstaute den Helm wieder. »So ein Mist! Gerade jetzt, wo ich dringend wegmuss.«

»Wohin soll’s denn gehen? Ich kann Sie mitnehmen.«

»Das geht Sie nichts an! Und von Ihnen lass ich mich sicher nicht fahren.«

»Warum so abweisend? Ich will doch nur mit Ihnen reden.«

»Ich will nichts mit Ihnen zu tun haben, und damit hat sich’s.«

Baltasar richtete den Motorroller auf. »Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Ich schiebe Ihnen den Roller zur nächsten Tankstelle, dort können wir den Reifen aufpumpen. Sieht so aus, als ob er nicht zerstochen worden wäre.«

»Keine Sorge, ich find schon jemanden, der mir hilft.«

»Kann sein. Aber ich sehe im Moment niemanden hier – außer mir.«

Marlies verschränkte ihre Arme. »Dann warte ich eben.«

»Hatten Sie nicht gesagt, Sie hätten es eilig?« Ohne sie zu beachten, griff er den Lenker und begann, den Roller zu schieben. »Kommen Sie, Frau Angerer, die nächste Tankstelle ist nicht weit. Nur kurz plaudern.«

»Was erlauben Sie sich …«

Aber nachdem Baltasar sich nicht darum kümmerte, sondern den Roller einfach weiterschob, holte sie auf und ging neben ihm her.

»Ich habe Sie in der Kirche bei der Beerdigung von Anton Graf gesehen. Anton Graf war mein Freund und Nachbar. Kannten Sie ihn?«

»Nö.«

»Sind Sie so gläubig, dass Sie Beerdigungen von Fremden besuchen, noch dazu in anderen Gemeinden? Wobei Bestattungsfeierlichkeiten trotz allem recht nett sein können, vor allem der Leichenschmaus danach …«

»Ich will nicht darüber reden.«

»Sehen Sie, Frau Angerer, alles, was Sie mir anvertrauen, bleibt unter uns. Niemand kann mich zwingen, Dritten etwas von dem preiszugeben, was Sie mir sagen. Und Sie haben doch nichts Schlimmes zu verbergen, oder?«

»Nein … ich … meine Freunde … Ich will nicht …« Sie hielt den Blick gesenkt, während sie neben ihm herging.

»Ich bin nicht Ihr Feind. Ich bin Ihr Freund, Frau Angerer. Helfen Sie mir bitte ein wenig, in Gottes Namen!«

»Es hat etwas mit meinen Freunden zu tun, Hochwürden.« Marlies sah ihn direkt an. »Versprechen Sie mir, den anderen niemals etwas von diesem Gespräch zu erzählen?«

»Versprochen!«

»Nun, eigentlich kenne ich … also, ich kenne diesen Mann, diesen Herrn Graf, gar nicht. Ich hab erst in der Zeitung sein Bild gesehen und darüber gelesen … über … über den …«

»Mord, meinen Sie?«

Sie nickte. »Aber ich bin ihm vorher einmal begegnet …«

Jetzt blieb Baltasar stehen. »Sie haben Herrn Graf getroffen? Wann war das genau?«

»Das ist es ja eben. Es war genau an dem Tag, an dem er …«

Es durchfuhr Baltasar wie heißer Stahl. »Sie haben Anton an seinem Todestag …«

»Ja. Am Vormittag. Wir hatten uns am Spielplatz verabredet, um eine Spontanparty zu feiern.«

»Sie meinen den Spielplatz im Stadtpark, wo ich Sie letztes Mal getroffen habe, den Spielplatz in der Nähe vom Tatort?«

»Genau. Wir hatten schon einiges getankt, als der Mann, der Herr Graf, meine ich, direkt an uns vorbeispazierte. Einer der Jungs fühlte sich provoziert, was weiß ich, warum, und sprach ihn an.«

»Sie wollen sagen, Ihr Freund wurde ohne Grund aggressiv.«

»Er fühlte sich angemacht, weil ihn der Mann so komisch ansah. Es kam zu einer Diskussion, und das Ganze schaukelte sich immer weiter hoch.«

»Und dann?«

»Der Herr Graf wurde auch lauter und schubste meinen Freund weg. Daraufhin gab es ein kleines Gerangel. Und der Herr Graf … nun, der fing sich eine.«

»Eine Prügelei? So viele gegen einen? Wirklich mutig!« Die Bitterkeit in Baltasars Stimme war nicht zu überhören.

»Es … es war ja keine richtige Prügelei. Einer der Jungs hat ein- oder zweimal zugeschlagen und diesen Graf ins Gesicht getroffen, glaube ich. Der ist dann weggelaufen. Für uns war die Sache damit erledigt.«

Baltasar dachte an die Frau, die regelmäßig mit ihrem Kind zu dem Spielplatz ging und die ihm ebenfalls über einen Streit zwischen den Jungs und einem Unbekannten berichtet hatte. Also musste Anton Graf kurz vor seinem Tod tatsächlich auf die Clique getroffen sein. Aber was war danach passiert?

»Um wie viel Uhr war das?«

»Weiß ich nicht genau. Vielleicht so um halb zwölf, zwölf.«

»Und wer war derjenige, der zugeschlagen hat?«

»Das … das will ich nicht sagen. Das müssen Sie verstehen, Hochwürden, bei allem Respekt, aber ich kann meine Freunde nicht verraten.«

»War es Jonas Lippert?«

Marlies’ Mund klappte auf. »Woher kennen Sie den Namen von … von Jonas?«

»Nun, einem jungen Mann mit Schlagring begegnet man nicht alle Tage. Da interessiert man sich schon, was für ein Mensch er ist und wie er heißt. Also habe ich mich ein wenig umgehört.«

»Jonas … das war saublöd, wie er sich Ihnen gegenüber verhalten hat. Wissen Sie, er hatte schon einiges intus und war hackedicht. Normalerweise ist er nicht so. Glauben Sie mir, er ist ganz in Ordnung. Nur wenn er zu viel getankt hat …«

»Schöner Trost. Nur den Betroffenen hilft das leider nicht viel. Sie haben sich ja dann dankenswerterweise eingemischt.«

»Das war doch selbstverständlich. Jonas ging eindeutig zu weit. Und dieser Herr Graf hat mir leidgetan, nachdem ich das über ihn gelesen hatte. Dass er ermordet wurde. Und deshalb bin ich zu der Beerdigung gefahren.«

»Sind Sie allein dorthin gefahren?«

Marlies sah ihn überrascht an. »Wie meinen Sie das, allein gefahren? Natürlich bin ich allein hingefahren.«

»Weil ich glaube, dass ich auf dem Friedhof auch Herrn Manrique und Ihren Schulleiter, Herrn Feuerlein, gesehen habe. Es hätte ja sein können, dass sie Sie mitgenommen haben.«

»Ehrlich? Ich habe sie nicht gesehen. Aber ich bin nach der Kirche sofort gegangen. Klar kenne ich die beiden aus der Schule, aber mir würde nicht im Traum einfallen, bei ihnen mitzufahren.«

»Haben Sie eine Ahnung, warum der Schulleiter und der Schulkünstler zur Beerdigung gekommen sind? Oder woher die beiden Herren Anton Graf kennen könnten?«

»Was weiß ich! Ist mir auch völlig egal, was die tun oder lassen.«

»Eine andere Frage: Warum sind Sie nicht zur Polizei gegangen, wenn Sie schon von dem Verbrechen wussten?«

Baltasar hielt an. Am Ende der Straße war eine Tankstelle in Sicht.

»Die Kripo hatte doch nach Zeugen gesucht. Und Sie und Ihre Freunde waren nur wenige Schritte vom Tatort entfernt und haben obendrein das Opfer getroffen, bevor es zu dem Verbrechen kam.«

»Sie mit Ihrer Erwachsenenlogik! Also erst mal ist die Stelle im Stadtpark mit dem Brunnen ziemlich weit entfernt von dem Spielplatz. Von dort aus würde man nichts mitkriegen. Und der Vorfall mit Jonas war lange, bevor …«

»Der Kripo würde jeder Hinweis helfen, um den Täter zu finden. Und Sie könnten den Fehler immer noch gutmachen.«

»Herr Pfarrer, Herr Pfarrer, seien Sie nicht naiv. Ich werde ganz sicher nicht zu den Bullen rennen, bei meinem Leben! Und Sie haben versprochen, mich nicht zu verraten.« Ihre Stimme war lauter geworden. »Wir haben mit der Sache nichts zu tun. Das war nur ein blöder Zufall. Was glauben Sie, welchen Ärger es gäbe, wenn die Polizei meine Freunde in die Mangel nimmt? Die hatten in der Vergangenheit bereits Stress mit den Bullen. Wer würde uns glauben? Ich sag Ihnen, wer: niemand. Vielmehr wären wir plötzlich die Hauptverdächtigen, Sie wissen doch, wie das ist, die Polizei braucht einen schnellen Erfolg, und mit uns als möglichen Tätern könnte sie was vorweisen. Nein, nein, wir sind doch nicht bekloppt, wir halten uns da raus. Egal, ob Mord oder nicht!«

22

Agnes Wohlrab, die Frau des Bürgermeisters, hatte den Tisch mit Blümchendecke und Stoffservietten eingedeckt, das Porzellan hatte ein blaues Zwiebelmuster und sah aus, als würde es nur zu besonderen Anlässen benutzt.

Heute jedenfalls schien so ein Anlass zu sein: der Bibelkreis. Es war Tradition, dass man einander reihum einlud, wobei es ausschließlich Frauen waren. Die Männer aus dem Bayerischen Wald verdrehten in der Regel die Augen, wenn sie das Wort »Bibelkreis« nur hörten, und manch einer war insgeheim froh, wenn die Gattin ausging und er sich in Ruhe ein Fußballspiel ansehen konnte.

Deshalb war Baltasar das einzige männliche Wesen in der Runde geblieben. Er liebte diese Versammlungen, die jedes Mal frisch gebackene Leckereien versprachen. Schließlich wollte sich keine Gastgeberin die Blöße geben, Fertiggebäck anzubieten.

Die Bürgermeistersgattin, bewaffnet mit einem Tortenheber, verteilte Kirschkäsekuchen und Prinzregentenstücke – ein Rezept ihrer Großmutter aus Grafenau, wie sie nebenbei betonte, was Baltasar an die Kreationen seiner Haushälterin Teresa denken ließ. Leider kam der Kaffee aus einem dieser modischen Vollautomaten, die sich in der Küche wie ein Kraftwerk gerierten, sehr viel Geld kosteten und zwar kein schlechtes, aber auch kein wirklich gutes Gebräu ausspuckten. Kaffeebohnen kamen für Baltasar immer noch am besten mit der klassischen Filtermethode zur Geltung.

»Wohin hast du denn deinen Mann geschickt, Agnes?« Emma Hollerbach, heute im hochtoupierten Retrolook, spießte ihren Kuchen mit der Gabel auf.

»Der ist mit seinen Investoren essen. Du weißt doch, das geplante Altersheim. Das wird eine gute Sache, nicht wahr, Herr Pfarrer?«

Baltasar setzte seine Tasse bewusst langsam ab. So schindete er etwas Zeit, um zu überlegen, was er antworten sollte. Seniorenresidenzen waren grundsätzlich sinnvoll, jedenfalls dort, wo es Bedarf gab. Er bezweifelte jedoch, dass diese überdimensionierte Luxusversion, die dem Bürgermeister vorschwebte, zu ihrem Ort passen würde.

»Es ist noch zu früh, um darüber ein endgültiges Urteil zu fällen«, antwortete er dann, »und soweit ich weiß, sind weder die Finanzierung gesichert noch die Verträge unterschrieben.«

»Das wird schon, das wird schon.« Agnes Wohlrabs Stimme klang begeistert. »Mein Mann ist immer so engagiert, immer sorgt er sich um Wohlstand und Arbeitsplätze bei uns.«

Amen, ergänzte Baltasar stumm.

»Besitzt dein Gatte nicht auch Grundstücke in dem geplanten Baugebiet?« Emma Hollerbach fuhr die Linien des Musters auf ihrem Teller nach.

»Daran siehst du, wie uneigennützig er ist – er gibt sogar seinen Besitz für einen guten Zweck ab.«

»Er spendet das Areal? Wie nobel!« Elisabeth Trumpisch, die Frau des Sparkassendirektors, spielte mit ihrer Perlenkette. Noch mehr Perlen, groß wie Murmeln, zierten auch ihre Ohrringe.

»Aber wo denkst du hin, meine Liebe? Für Geschenke besteht kein Anlass, es wird schon ein angemessener Preis werden.«

»Apropos Spenden, wir wollten doch noch besprechen, wie wir Herrn Senner helfen können, den Kirchturm wieder instand zu setzen«, sagte Emma Hollerbach.

Alle anderen nickten. Baltasar berichtete von den geringen Erträgen bei der letzten Kollekte in der Kirche. Es wurde diskutiert, ob man einen zweiten Spendenaufruf starten und das Projekt mit Handzetteln und Plakaten bewerben sollte.

»Das bringt doch nichts«, winkte Agnes Wohlrab ab. »Die Leute sind das Spenden einfach leid, ständig die Aufrufe, den Geldbeutel zu öffnen, auch im Fernsehen. So reich sind die Bayerwälder auch wieder nicht.«

»Aber ohne Geld geht’s eben kaum«, entgegnete Emma Hollerbach.

»Genau. Deshalb müssen wir einen Weg finden, damit sie ihre Euros gerne hergeben für einen guten Zweck und dabei noch das Gefühl haben, ein Schnäppchen zu machen«, sagte Elisabeth Trumpisch. »Wenn’s was billiger gibt, denken die meisten, sie würden sparen. Ihr wisst schon, was ich meine. Beim letzten Schlussverkauf hab ich ein Paar Schuhe zum halben Preis ergattert, sie waren ein echtes Schnäppchen. Ich bin erst zu Hause darauf gekommen, dass ich sie eigentlich gar nicht gebraucht hätte, weil ich fast das gleiche Paar im Schrank stehen habe.«

Agnes Wohlrab lachte. »Man kann nie genug Schuhe haben. Oder Blusen. Oder Taschen … Aber ich verstehe, was du meinst: Die Taler fließen leichter, wenn man den richtigen guten Zweck findet – nämlich was fürs eigene Ego und fürs Wohlbefinden zu tun.«

»Deshalb lasst uns einen großen Flohmarkt veranstalten, und der Erlös kommt dem Kirchturm zugute.«

»Das ist gut, aber wir müssen ihn anders nennen, ›Flohmarkt‹ klingt zu ärmlich, wir brauchen eine schillerndere Bezeichnung dafür«, sagte die Frau des Metzgers. »Was haltet ihr zum Beispiel von Schnäppchengalerie oder Schnäppchenatelier oder Schnäppchenmesse?«

Agnes Wohlrab klatschte in die Hände. »Das ist wunderbar! Und ein Rahmenprogramm soll es geben, und die Presse wird natürlich eingeladen!«

»Wie klingt Himmelskiosk oder Kleines Engelsparadies?«, warf Emma Hollerbach ein.

Die nächste halbe Stunde verging mit Diskussionen über attraktive Bezeichnungen, die Art der Waren und die Dekoration rund um die Veranstaltung.

»Auf jeden Fall brauchen wir Speisen und Getränke«, sagte die Metzgerin. »Das kommt immer gut an.«

»Und Musik«, ergänzte Agnes Wohlrab. »Ein Kinderchor wäre ideal. Bei den süßen Stimmen spenden sie alle sofort«, sagte Elisabeth Trumpisch.

»Was haltet ihr davon, ein Glücksspiel zu machen«, fragte Emma Hollerbach, »ein Glücksrad oder eine Verlosung, bei der man was gewinnen kann.«

»Eine Tombola! Das ist es!« Agnes Wohlrab verschluckte sich vor Begeisterung an ihrem Kuchen. »Da brauchen wir nur einen Sponsor, der den Hauptpreis stiftet.«

»Schade, dass Ihr Nachbar als Sponsor ausfällt«, sagte die Frau des Bürgermeisters. »Herr Graf galt als sehr großzügig.«

»Er hat kurz vor seinem Tod noch für die Renovierung gespendet«, sagte Baltasar. Er erinnerte sich daran, dass er den Scheck noch gar nicht eingelöst hatte. Das würde er bei der nächsten Gelegenheit nachholen.

»Woher willst du denn wissen, Agnes, ob Herr Graf – Gott sei seiner Seele gnädig – in allen Dingen so großzügig war?«, fragte Emma Hollerbach. »Bei uns hat er immer nur Kleinigkeiten eingekauft und sich das Wechselgeld bis auf den letzten Cent rausgeben lassen.«

»Er lebte bescheiden«, sagte Baltasar, »aber ich hatte nicht den Eindruck, dass er geizig war.«

»Dazu kannte ich ihn zu wenig«, antwortete Agnes Wohlrab. »Er wohnte ja erst seit ein paar Jahren bei uns. Er soll früher Unternehmer gewesen sein.«

»Das hat man ihm jedenfalls nicht angesehen«, sagte Elisabeth Trumpisch. »Und ich glaube nicht, dass er ein guter Kunde unserer Sparkasse war, mein Mann hätte sicher was erwähnt, wenn Herr Graf ein Vermögen auf seinem Konto gehabt hätte.«

»Männern sieht man vieles nicht an«, sagte Agnes Wohlrab. »Manche haben eben verborgene Qualitäten.«

»Ach, wirklich?« Emma Hollerbach verzog das Gesicht. »Ich hab immer nur welche kennengelernt, bei denen ich bis heute nach verborgenen Qualitäten suche.«

»Ihr erwartet zu viel von ihnen.« Elisabeth Trumpisch grinste. »Ein Mann, der keinen Dreck macht und seine Unterwäsche aufräumt, ist ein guter Mann. Wenn er nach dem Abendessen beim Abräumen hilft, ist er sogar ein sehr guter. Mehr ist einfach nicht drin. Zumindest nicht auf unserem Planeten.«

»Und was ist mit den gewissen Nächten? Da braucht man doch jemanden, der einem …« Agnes Wohlrab spitzte den Mund.

»Das wird überbewertet. Außerdem, muss man deswegen heiraten? Ist das den ganzen Spaß wert?«, fragte Emma Hollerbach. »Es gibt doch andere Wege … Bitte Herr Pfarrer, hören Sie mal weg … da muss man eben kreativ sein, wisst ihr?«

Baltasar spielte brav seine Rolle. Er dachte an seine früheren Beziehungen in der Zeit, als er noch kein Geistlicher war. Besonders an … Aber das war Geschichte. Er hatte sich entschieden, auch wenn es nicht leicht gewesen war. Denn in seinem tiefsten Inneren hatte er das Zölibat nie akzeptieren können …

»Fand denn jemand diesen Herrn Graf anziehend?« Agnes Wohlrab sah in die Runde. »Friede seiner Seele, aber war er für Frauen attraktiv?«

»Du meinst, ob ich mir vorstellen könnte, mit ihm …?« Emma Hollerbach schüttelte den Kopf.

»Ich meine, ob er eine feste Beziehung hatte«, sagte die Bürgermeistersgattin. »Mir jedenfalls ist nicht aufgefallen, dass er jemals in weiblicher Begleitung war.«

»Das stimmt, zu uns kam er immer allein«, sagte Emma Hollerbach.

»Das stimmt nicht. Ich hab ihn einmal mit einer Frau in einem Café sitzen gesehen«, sagte Elisabeth Trumpisch. »Ich erinnere mich genau, weil ich ihm durchs Fenster zuwinkte und er so tat, als würde er mich nicht kennen. Er hat sich weggedreht, als wäre es ihm peinlich gewesen, ertappt worden zu sein.«

*

Nach dem Bibelkreis fuhr Baltasar zu seinem Freund Vallerot.

Philipp dirigierte ihn sofort in sein Arbeitszimmer.

»Ich habe deinen Befehl ausgeführt, Herr Major. Hier die gewünschten Unterlagen.«

Philipp Vallerot legte einen Stapel Computerausdrucke auf den Tisch.

»Das war nur ein Wunsch«, sagte Baltasar. »Aber nett, dass du dich darum gekümmert hast. Deine verkommene Seele hat doch noch Chancen auf Rettung.«

»Gib’s auf. Mir ist nicht nach einem Trip ins Paradies, wo immer das sein mag. Für mich besteht das Paradies aus einer Rockmusik-CD, einem Glas Wein und meiner Couch.«

»Wie langweilig. Ohne meine Aufträge würdest du eingehen wie eine Pflanze ohne Wasser. Rück raus, was hast du aus dem Internet gesaugt?«

»Langsam, langsam, setz dich erst mal. Also, es war eigentlich ganz einfach. Nur ein paar Verknüpfungen herstellen, ein wenig auf Online-Plattformen herumsurfen, und schwupps! – schon springen einen die Daten an. Das ist, wie wenn jemand mit heruntergelassenen Hosen herumläuft: alles zu sehen.«

Baltasar berichtete von seinem Treffen mit Marlies Angerer.

»Was hast du über sie herausgefunden?«

»Was sie dir erzählt hat, stimmt alles. Sie wohnt noch zu Hause, macht eine Ausbildung an der Glasfachschule Zwiesel, fährt einen weißen Roller, mag rot und schwarz und trägt vorzugsweise …«

Baltasar hob die Hand. »Das will ich gar nicht alles wissen. Beschränk dich bitte auf die wichtigen Details.«

»Ihre wichtigsten Freunde, abgesehen von einem Mädchen in Hamburg, stammen alle aus dem Bayerischen Wald und wohnen in Zwiesel und Umgebung.« Philipp breitete die Papiere aus. »Schaut man sich die Querverbindungen zwischen den einzelnen Freunden an und liest ihre Einträge im Internet, ergibt sich ein klares Bild über Gewohnheiten und Treffpunkte. Und die passenden Fotos gibt’s gratis dazu.« Er deutete auf ein Bild. »Das ist deine Marlies auf einer Party.«

Eine offensichtlich angetrunkene Marlies stierte in die Kamera. Ihr ärmelloses T-Shirt war halb von der Schulter gerutscht, der Lidschatten verschmiert. Ein junger Mann umarmte sie, er reckte seinen Mittelfinger dem Fotografen entgegen.

»Das könnte einer aus der Clique sein«, meinte Baltasar, »aber sicher bin ich mir nicht.«

»Kein Problem. Ich habe noch mehr.« Philipp suchte weitere Ausdrucke heraus.

»Das ist einer von ihnen!« Baltasar erkannte den Jungen. Er war ebenfalls auf dem Spielplatz gewesen.

»Der Knabe heißt Valentin Moser. Ist achtzehn Jahre alt und wohnt bei seiner Mutter. Geht in Zwiesel aufs Gymnasium, müsste kurz vor dem Abitur stehen. Er scheint ein Freund von Marlies zu sein, den Einträgen und E-Mails nach zu urteilen.«

»Der mit dem Schlagring war ein anderer. Er heißt Jonas Lippert.«

»Hier hast du deinen Kleinkriminellen. Beachte die Posen.« Philipp zog weitere Dokumente hervor. Der Jugendliche auf dem Foto war eindeutig der Angreifer vom Stadtpark. Jonas Lippert. Auf dem Bild hielt er ein seltsames Gerät hoch, zwei Stöcke, verbunden mit einer Kette. Eine andere Aufnahme zeigte ihn mit einem Maschinengewehr.

»Die Hölzer sind ein asiatisches Kampfgerät«, sagte Philipp. »Machen ordentlich Kopfweh, wenn man damit einen Schlag abbekommt. Die Knarre scheint nur eine Softairwaffe zu sein«, ergänzte er, nachdem er Baltasars Reaktion bemerkt hatte. »Du weißt schon, diese Knarren, die mit Propangas betrieben werden, eine Art Luftgewehr, mit dem sich Militärfreaks gegenseitig beschießen. Als Munition dienen Kugeln aus Plastik oder welche, die mit Farbe gefüllt sind.«

»Unser Freund scheint einen fatalen Hang zu Waffen zu haben. Ob das alles nur mit Spaß und Freizeit zu tun hat?«

»Er ist ein Fan von Chuck Norris und Bruce Lee, den Karateschauspielern, außerdem von Alkohol und verbotenen Stimulanzien«, sagte Philipp, »seine Kommentare auf Facebook lassen keinen anderen Schluss zu.«

»Wo kann ich ihn finden?«

»Er bewohnt ein Zimmer zur Untermiete in einem Kaff bei Zwiesel. Ich hab die Adresse aufgeschrieben und die Treffpunkte, wo sich dieser Jonas für gewöhnlich rumtreibt. Ansonsten ist er 17 Jahre alt, fährt ein kleines Motorrad und ist momentan arbeitslos. Er hat eine Lehre als Elektriker begonnen, aber wieder abgebrochen. Bemerkenswert ist: Der Knabe ist jetzt mit dieser Marlies zusammen. Interessante Dreier-Konstellation, oder?«

»Ich weiß nicht. Die beiden waren wohl nicht gleichzeitig mit dem Mädchen zusammen. Zumindest scheinen sie sich arrangiert zu haben, denn sie sind immer noch miteinander befreundet.«

»Woher willst du das wissen? Bisher hast du nur mit der Marlies geredet. Und ob die dir die Wahrheit gesagt hat …«

»Du glaubst, sie belügt einen Pfarrer?«

»Ich denke, für die jungen Leute bist du ein alter Sack. Pfarrer oder nicht, da gelten andere Regeln. Auf der einen Seite die Jungen, auf der anderen die Alten.«

»Jedenfalls werde ich mit diesem Jonas reden. Er ist Anton offenbar kurz vor dessen Tod angegangen. Eigentlich erstaunlich, dass die Polizei bei ihren Ermittlungen bisher nicht auf diese Gang gestoßen ist.«

»Es ist besser, ich begleite dich, wenn du zu diesem Lippert fährst. Mein Angebot steht. Der ist unberechenbar. Ich spiele sozusagen den Bodyguard für dich.«

»Danke. Aber das würde ihn erst recht misstrauisch machen. Ich gehe lieber allein.«

»Dann nimm wenigstens was aus meinem Arsenal mit, ich verfüge über einige wirksame Werkzeuge zur Selbstverteidigung. Beispielsweise hätte ich einen schnuckeligen kleinen Elektroschocker, leicht zu bedienen, bei dem werden die stärksten Kerle schwach. Oder eine handliche Pistole im Kaliber 765, wenn es zum Äußersten kommt.«

»Ich will nicht James Bond spielen. Ich vertraue auf die Kraft des Wortes – mit Gottes Hilfe natürlich.«

»Dein Großer Außerirdischer würde dir mindestens einen Flammenwerfer mitgeben. Eines dieser Dinger, mit denen er Sodom und Gomorrha abgefackelt hat.«

»Ich habe eine positive Grundeinstellung den Menschen gegenüber. Solltest du auch mal probieren. Es wird schon gehen, auch ohne Armee im Rücken.«

»Wirst schon sehen, wie weit du mit deiner Starrköpfigkeit kommst!«

23

Hallo, jemand da?«

Baltasar rief in die Gaststube und wartete. Es war zu früh am Vormittag, die »Einkehr« hatte noch nicht offiziell geöffnet. Er ging weiter in die Küche, auch dort war kein Mensch. Durch eine Seitentür gelangte er ins Treppenhaus.

»Hallo?«

Von oben hörte er ein Geräusch. Er ging hinauf in den ersten Stock, blieb stehen.

»Frau Stowasser?«

Von dem Gang gingen in regelmäßigen Abständen Türen ab. Teppichboden dämpfte den Schritt, das Muster hatte jemand entworfen, der ein Faible für Kreise und Karos hatte.

Aus einem der hinteren Zimmer hörte Baltasar Musik. Jemand fluchte. Er folgte der Musik, einem Reggae-Rhythmus, bis zu einer Tür mit Kunststoffoberfläche, wie sie in den Achtzigerjahren modern war.

»Frau Stowasser?«

Die Wirtin fuhr hoch. »Sie sind’s, Herr Senner! Ich hab Sie gar nicht gehört.« Sie schaltete das Radio aus. »Sie kommen zu einem ungünstigen Zeitpunkt, ich kann Sie jetzt gar nicht gebrauchen. Was wollen Sie denn?« Ärger lag in ihrer Stimme.

Der Grund dafür war unübersehbar. Der Fußboden war mit Zeitungspapier ausgelegt, eine Farblache hatte sich darauf ausgebreitet. Ein Eimer war umgestürzt, er enthielt ebenfalls Farbe, wenn auch nur einen Rest.

»Ich wollte mit Ihnen über den geplanten Flohmarkt für meine Kirche sprechen, es wäre wunderbar, wenn Sie einige Ihrer Leckereien beisteuern könnten.«

»Mist, Mist, Mist, dass mir das passieren muss!«, fluchte die Wirtin leise.

Victoria Stowasser trug einen alten Werkstattkittel, ihr Haar steckte unter einer Duschhaube. In der Hand hielt sie einen Farbroller.

»Sie malern selbst?«

»Sie malern selbst, Sie malern selbst … Was für eine Frage! Das sehen Sie doch! Glauben Sie, ich mache das freiwillig?« Jedes Wort war elektrisch geladen. »Ich hab mir die Handwerkerangebote eingeholt. Bin ich Krösus? Also, was bleibt mir anderes übrig, als die Zimmer selber zu renovieren? Ich hab genug andere Ausgaben am Hals. Und irgendwann will ich auch vermieten.«

Der Raum war leer, an den Wänden waren die Spuren weißer Farbe deutlich erkennbar, die der Roller hinterlassen hatte. Victoria stellte den Eimer wieder auf.

»Jetzt darf ich auch noch den Mist wegwischen, verdammt!« Die Wirtin knallte ihr Werkzeug auf den Boden. »Und diese Wand ist nikotingelb, man muss dreimal drüberstreichen, bis es deckt. Und jetzt stehen Sie hier rum und halten mich von der Arbeit ab. Verschwinden Sie!«

»Sie haben Farbe im Gesicht.« Baltasar fand die Sprengsel auf Nase, Backen und Ohrläppchen irgendwie reizend, wie weiße Sommersprossen. Er hütete sich aber, das auszusprechen. »Darf ich?«

Ohne die Antwort abzuwarten, holte er sein Taschentuch heraus, zog Victoria zu sich heran und tupfte ihr einige Flecken von der Schläfe. Seine Fingerkuppen berührten ihr Gesicht. Die Haut fühlte sich weich und geschmeidig an. Er fuhr mit dem Stoff über die Wange, nahm die Farbe auf, arbeitete sich weiter vor zur Nase, zu den Mundwinkeln. Er wagte es kaum, auch nur sanften Druck auszuüben aus Angst, diese Balance von Weichheit und Spannung zu zerbrechen. Der Augenblick war perfekt, als hätte der Allmächtige auf die Pausetaste seiner Fernbedienung gedrückt. Das war der Beweis, dass es einen Gott gab, der einem solche Momente im Leben schenkte. Baltasar wünschte, er könnte diesen Augenblick in einer besonderen Kammer seines Inneren aufbewahren, um ihn immer wieder hervorzuholen.

Victoria stand völlig unbeweglich, sie hatte die Augen geschlossen. Er fuhr über ihre Lider. Er spürte ihren Atem, duftig und süß. Er hielt die Luft an. Die Zeit im Raum schien losgelöst von seinen Gesten. Bewegte er sich überhaupt? Es waren nur Sekunden vergangen, ihm kam es wie eine Ewigkeit vor.

Sie standen einander ganz still gegenüber, Victoria und er. Die einzige Verbindung zwischen ihnen waren seine Fingerspitzen.

Dann öffnete sie die Augen, und ihr Blick traf ihn, ein Blick, den er bisher noch nie bei ihr gesehen hatte. Ein seltsamer Zustand erfasste seinen Körper, ein Zittern, er konnte nichts dagegen tun. Victoria.

Er ließ seinen Arm sinken, und das Taschentuch fiel ihm aus der Hand. Ohne einen Ton zu sagen, drehte er sich um und ging.

*

Baltasar suchte nach der Adresse. Er war nach wie vor fest entschlossen, mit diesem Jonas Lippert zu sprechen. Es war – zugegebenermaßen – auch ein willkommener Vorwand, um sich abzulenken und nicht weiter über Victoria Stowasser nachdenken zu müssen.

Philipp hatte ihm die Anschrift des Siebzehnjährigen gegeben, laut Straßenkarte musste die Wohnadresse am Rande von Rabenstein sein, einem Ortsteil von Zwiesel, früher eine Glasmachersiedlung, die Ende der Siebzigerjahre ihre Selbstständigkeit verlor und eingemeindet wurde.

Er parkte das Auto vor einem zweistöckigen Wohngebäude, das aussah wie ein umgebauter Bauernhof, eines dieser Sacherl, in denen die Bauern ihren Lebensabend verbrachten, nachdem sie das Erbe weitergegeben hatten. Die Fläche vor dem Haus war mit Kies aufgeschüttet, ein Holzschuppen lehnte windschief daneben. Schaufeln und eine Harke steckten in einem Sandhaufen, Pflastersteine stapelten sich an der Wand.

Auf dem Briefkasten klebte Lipperts Name. Baltasar suchte nach der Klingel, fand aber nur einen Türklopfer und betätigte ihn. Eine alte Frau mit Kleid, Schürze und Kopftuch öffnete und nuschelte etwas, was er als »Ja?« deutete. Sie behielt die Klinke in der Hand, bereit, die Tür jederzeit wieder zuzuschlagen.

»Guten Tag. Senner mein Name. Ich möchte Jonas besuchen.«

»Hat er wieder was ausgefressen.« Es war mehr eine Feststellung als eine Frage.

»Ich würde einfach gerne mit ihm sprechen.«

Die Antwort war ein Grummeln, das Baltasar mit »hinten rum« übersetzte.

»Hinten rum?«, fragte er sicherheitshalber nach.

»Der Bub wohnt im Keller, Eingang da rum.« Sie machte eine Bewegung, die andeuten sollte, dass er auf die andere Seite des Hauses gehen musste. »Wenn Sie den Bub sehen, richten Sie ihm aus, er soll seine Arbeit hier fertigmachen.« Sie zeigte auf den Sandhaufen. »Das Pflaster sollte eigentlich schon vor drei Wochen fertig sein. Saustall, das alles.«

Baltasar bedankte sich und umrundete das Gebäude. Im Hinterhof war ein Gemüsebeet angelegt geworden, die rückseitige Fassade war teilweise abgebröckelt und gab den Blick auf die Ziegelsteine frei. Eine Holztreppe führte außen hinunter zum Kellereingang.

Das war Jonas Lipperts Behausung?

Die Kellertür war nicht verschlossen.

»Herr Lippert?«

Baltasar brauchte einen Moment, bis er sich an das Halbdunkel gewöhnt hatte. Die einzigen Lichtquellen waren zwei Kellerschächte.

Plötzlich spürte er einen Arm um seinen Hals. Jemand hatte ihm aufgelauert und ihn von hinten an der Gurgel gepackt. Der Griff schnürte Baltasar die Luft ab.

»Was wollen Sie hier?«, zischte eine Stimme an seinem Ohr, die unverkennbar zu Jonas Lippert gehörte.

»Ich … bin … Pfarrer Senner …«

Er hatte Mühe, die Worte hervorzupressen.

»Ich … will … mit Ihnen … reden.«

Der Griff lockerte sich.

»Das ist meine Wohnung. Sie haben hier nichts zu suchen. Hausfriedensbruch nennt man so was. In Amerika könnte ich Sie jetzt auf der Stelle erschießen, und das wäre legal.«

»Gott sei Dank leben wir im Bayerischen Wald, da bewaffnet man sich allenfalls mit Mistgabeln.«

Baltasar spürte, wie die Luft wieder in seine Lunge strömte.

»Ich muss mich mit Ihnen unterhalten.«

Jonas Lippert ließ ihn los.

Baltasar rieb sich den Hals. »Kraft haben Sie, junger Mann, das muss man Ihnen lassen.«

»Selber schuld. Und jetzt hauen Sie ab. Oder glauben Sie, Sie sind was Besonderes, nur weil Sie Pfarrer sind, oder zumindest behaupten, einer zu sein?«

»Ich bin tatsächlich Geistlicher. Erkennen Sie mich nicht wieder?«

Jonas betrachtete ihn eine Weile.

»Nö, woher sollte ich Sie kennen?«

»Wir haben uns auf dem Spielplatz getroffen, im Stadtpark von Zwiesel. Sie waren mit Ihren Freunden dort. Sie hatten mir Ihr kleines Spielzeug gezeigt, Ihren Schlagring.«

Die Reaktion war anders als erwartet.

Jonas stieß Baltasar beiseite, dass er stolperte und rücklings auf einer Couch landete. Der Jugendliche stieß die Tür auf, stürmte hinaus und raste die Kellertreppe hoch.

Baltasar rappelte sich hoch und nahm die Verfolgung auf. Im Hinterhof war niemand zu sehen, nur ein Vorhang im ersten Stock bewegte sich leicht.

Beobachtete ihn die alte Frau?

Er spurtete zum Vordereingang, doch die Haustür war zu. Hinter dem Haus begann ein Feld, in der Ferne war Wald zu sehen. War Jonas in den Wald geflüchtet? Warum war er überhaupt geflüchtet?

Baltasar ging wieder hinunter in den Keller.

Nichts.

Dann hörte er Motorengeräusch. Es kam aus dem Schuppen.

In dem Moment, als Baltasar das Tor öffnen wollte, sprang es auf, und Jonas schoss auf einem Leichtmotorrad heraus. Er trug Sturzhelm und Handschuhe.

»Halt!«, rief Baltasar und stellte sich dem Jungen in den Weg. Der gab Gas und fuhr direkt auf ihn zu. Baltasar hechtete zur Seite, Jonas Lippert fuhr weiter und bog mit quietschenden Reifen in die nächste Straße ein.

Es war kein extrem schnelles Modell. Baltasar rannte zu seinem Käfer, betete, dass die Kiste aufs erste Mal ansprang, der Motor rasselte unwillig, der Gang krachte beim Einlegen – und das Auto machte einen Satz nach vorne.

Baltasar folgte dem Jungen.

Jonas nahm die Kiesslingstraße Richtung Zwiesel. Er war nur etwa 100 Meter vor Baltasar, und der Abstand wurde mit jeder Sekunde kleiner. Der Jugendliche schien seinen Verfolger bemerkt zu haben, denn er drehte sich um und machte eine obszöne Geste.

Auf einmal zog er seine Maschine nach links und lenkte sie auf einen Feldweg. Staub wirbelte auf. Das Motorrad geriet ins Schlingern, Jonas konnte jedoch einen Sturz vermeiden.

Baltasar musste wohl oder übel denselben Weg wählen. Er wurde durchgeschüttelt wie ein Gummiball und hatte Angst, die Stoßdämpfer würden nun endgültig ihren Dienst versagen.

Der Feldweg stieg an, in einiger Entfernung war der Waldrand zu erkennen. Er drückte das Gaspedal ganz durch, um Jonas vorher einzuholen. Noch zehn Meter, fünf, drei, zwei …

Jetzt lenkte der Junge seine Maschine direkt auf den Acker. Baltasar folgte ihm und dankte dem Herrgott für seine Sicherheitsgurte. Die Bäume tauchten vor ihnen auf. Mit einem Satz verschwand das Motorrad zwischen den Baumstämmen. Baltasar bremste ab, die Vorderräder gruben sich in den Schlick, der Motor erstarb. Jonas hielt kurz an, machte eine Siegerpose und verschwand endgültig im Wald.

Baltasar schlug auf das Lenkrad. Es wurmte ihn, dass er Jonas Lippert so knapp verpasst hatte. Zu allem Überfluss konnte er das Auto nicht frei bekommen, die Reifen hingen fest und wollten weder im Vorwärts- noch im Rückwärtsgang ihren Dienst tun.

Es blieb ihm nichts anderes übrig, als zu Fuß zurückzugehen, bis er einen Bauern fand, der ihn mit seinem Traktor aus der Falle befreite.

Der Bauer staunte nicht schlecht, als Baltasar ihn zu der Stelle gelotst hatte, und Baltasar musste mehrere Bemerkungen über sich ergehen lassen, ob Hochwürden es beim nächsten Ausflug nicht vielleicht mit einem elektronischen Navigationsgerät versuchen solle und dass man die Nebenwirkungen der heimischen Biere nicht unterschätzen dürfe.

Als Baltasar zwei Stunden später endlich fahren konnte, hatte sein Ärger sich verdoppelt. Jonas Lippert blieb verschwunden. Aber Baltasar wollte nicht so einfach aufgeben, von diesem Halbwüchsigen würde er sich nicht länger ärgern lassen.

Er holte Philipps Liste mit den bevorzugten Aufenthaltsorten der Clique hervor und beschloss, jede einzelne Station abzusuchen.

Seine erste Anlaufstelle war der Stadtpark in Zwiesel. Baltasar fuhr die Straße daneben mehrmals langsam auf und ab, schaute auch bei der Glaspyramide, doch weder der Junge noch sein Motorrad war zu sehen.

Das nächste Ziel war eine Tankstelle am Ortsrand. Er tankte dort auf und bemerkte mehrere junge Menschen, die, Bierdosen in den Händen haltend, zusammenstanden. Nachdem er bezahlt hatte, schlenderte er in die Richtung der Gruppe, aber es waren andere Jugendliche, er hatte sie nie zuvor gesehen.

Der dritte Treffpunkt war der Parkplatz vor dem Supermarkt. Leute mit Einkaufswagen gingen ein und aus, Fußgänger mit Taschen oder Rucksäcken – aber keine Jugendlichen.

Baltasar stellte seinen Wagen auf dem Parkplatz ab. Er ging hinüber zum Stadtplatz und suchte sich dort ein Gasthaus zum Abendessen. Der Schweinsbraten hatte eine wunderbare Kruste, nur den Semmelknödel fand Baltasar zu trocken, anders als bei Victoria.

Victoria. Da hatte sie sich wieder in seine Gedanken geschlichen. Ihr letztes Zusammentreffen erschien vor seinem inneren Auge, er konnte sich an jede Einzelheit erinnern, an den Teint ihrer Haut, an die Form ihrer Wimpern. Er zwang sich, nicht daran zu denken. Die Situation war verfahren. Er war Pfarrer. Katholischer Pfarrer. Ständig stand er in der Öffentlichkeit, ein Zugereister, immer noch argwöhnisch beäugt.

Er bestellte einen Nachtisch und ließ sich Zeit, ihn zu essen. Das Lokal verließ er erst, als es schon dunkel geworden war, die Geschäfte hatten bereits geschlossen. Er genoss die kühle Luft. Der Parkplatz lag im Dunkeln, nur die Straßenlaternen warfen Lichtflecken auf den Boden.

Als er ins Auto einstieg, bemerkte Baltasar ein Motorrad, das an der Mauer neben dem Eingang des Supermarktes lehnte. Er sah sich die Maschine aus der Nähe an. Kein Zweifel möglich, sie gehörte Jonas Lippert. Der Sturzhelm war angekettet, kein Mensch war auf dem Platz zu sehen. Baltasar entschied sich für den Fußweg in Richtung Stadtplatz. Irgendwo musste der Junge doch stecken.

Er kam an einer Kneipe vorbei, aus der Musik dröhnte. In dem Moment öffnete sich die Tür. Zwei Mädchen kamen heraus, ihnen folgte Jonas Lippert.

»Moment, Herr Lippert.« Baltasar hielt den Jungen am Arm fest und sagte zu den beiden Mädchen: »Ihr beiden geht jetzt lieber heim.«

Diese Sekunde der Unachtsamkeit nutzte Jonas. Er riss sich los und rannte die Straße hinunter. Baltasar spurtete hinterher. Der Junge verschwand in einer Passage am Stadtplatz. Diesmal war Baltasar jedoch schneller und bekam ihn am Kragen zu fassen. Jonas verlor das Gleichgewicht, stolperte und blieb am Boden liegen.

»Endstation, mein Lieber.«

Baltasar versuchte, wieder zu Atem zu kommen. Sie waren in einem Untergeschoss gelandet, aus dem es keinen zweiten Ausgang gab.

Jonas versuchte mühsam, sich aufzurichten. Er stöhnte.

»Alles in Ordnung?« Baltasar reichte ihm die Hand, um ihm aufzuhelfen. Er sah ihn an. Irgendetwas stimmte nicht mit dem Jungen.

»Haben Sie sich verletzt?«

Der junge Mann hielt sich den Magen. Baltasar konnte die Alkoholfahne riechen. Aber da war noch etwas: ein unregelmäßiges Flackern in den Augen. Er tippte auf Drogen.

»Ich glaube, es ist besser, wenn ich einen Krankenwagen rufe, Herr Lippert, Sie sehen gar nicht gut aus.«

»Nein … Nein … nicht … Bloß kein Krankenhaus, Alter … Die informieren die Polizei … das gibt nur Action … Bin gleich wieder auf dem Damm.«

»Was für ein Zeug hast du dir denn eingeworfen?«

»Eine Spezialmischung.«

Baltasar dachte an seine eigenen Weihrauchmischungen und deren segensreiche Wirkungen. Aber das hier war etwas anderes.

»Ein Arzt wäre jetzt aber das Richtige.«

»Nicht … Bitte … Ich nehm den Stoff regelmäßig … Hab alles unter Kontrolle, nur etwas zu viel erwischt … Noch ein paar Minuten, dann geht’s wieder. Bloß keine Bullen!«

»Also gut, wir werden sehen.«

Baltasar half dem Jungen auf und stützte ihn ein paar Schritte weit bis zur Wand, damit er sich mit dem Rücken anlehnen konnte.

»Aber nur unter einer Bedingung: Du erzählst mir jetzt, was ich wissen will! Einverstanden?«

»Ich … Ich kann nicht …« Seine Stimme erstarb. Der Brustkorb hob und senkte sich unregelmäßig.

Baltasar schüttelte ihn. »Jetzt bloß nicht ohnmächtig werden. Also, was ist, haben wir einen Deal, oder soll ich die Sanitäter rufen?«

Jonas fluchte, also ging es ihm schon wieder besser. Er versuchte aufzustehen, doch Baltasar drückte ihn wieder an die Wand. »Es ist keine gute Idee, in deinem Zustand jetzt rumzulaufen.«

Sie schwiegen. In dem Untergeschoss waren die Geräusche vom Stadtplatz nicht mehr zu hören.

Nach einiger Zeit fragte Jonas Lippert: »Haste ‘ne Kippe für mich?«

»Freut mich, dass es dir wieder besser geht. Und Zigaretten gibt’s keine. Ich bin Nichtraucher.« Baltasar beobachtete den Jungen. Sein Kreislauf schien sich stabilisiert zu haben, nur seine Augen flackerten noch, und es fiel ihm schwer, deutlich zu sprechen.

»Und wie wär’s mit ’nem Bier?« Jonas suchte seine Taschen ab. »Irgendwo hab ich noch einen Fünfer. Ich geb einen aus. Aber du musst das Zeug besorgen, Alter.«

War das wieder ein Trick, um abzuhauen? Baltasar war fest entschlossen, sich nicht mehr hereinlegen zu lassen.

»Ich will jetzt endlich was von dir hören, Freundchen, und zwar keine Ausreden bitte. Ist das bei dir angekommen?«

»Was willste denn wissen, Alter? Mit einem Bierchen ging’s mir gleich besser.«

»Quatsch nicht! Es geht um den Vormittag, an dem mein Freund Anton Graf im Stadtpark ermordet wurde.«

»Du kennst diesen Spacko? Voll krass, der Typ.«

Baltasar packte den Jungen und zog ihn zu sich her. »Pass auf, was du sagst, mein Lieber. Da verstehe ich keinen Spaß.«

»He, Alter, krieg dich wieder ein. Der Typ war doch gestört.«

»Ich hab dir’s gesagt, reiß dich zusammen. Du kennst den Mann also?«

»Ich kann Zeitung lesen, auch wenn’s nicht so aussieht. Wir könnten uns einen genehmigen, was meinst du, Alter? Dann quatschen wir weiter. Ich kenn da eine Tankstelle …«

»Du bleibst hier.«

»Schon gut. War nur ‘n Vorschlag. Zigaretten hast du auch nicht … dann wär ich wieder voll klar im Kopf.«

»Eure Clique ist mit Graf auf dem Spielplatz im Park zusammengetroffen. Eine Frau hat euch beobachtet. Also streit es nicht ab.«

Jonas hob die Hände. »Friede, Alter. Will doch gar nichts abstreiten, warum auch? Wir haben den Typen nicht kaltgemacht. Wir waren’s nicht. Obwohl dieser Dätschenkopf eine Abreibung verdient hatte. Außerdem sind wir keine Clique, das sind einfach meine Kumpels, verstehst du? Freunde halt.«

»Schöne Freunde, die einen Wehrlosen angreifen.«

»War Notwehr, Alter, so heißt das doch? Notwehr. Der Kerl hat uns angequatscht. Das war voll die Beleidigung. Und beleidigen lassen müssen wir uns nicht, oder? Du wehrst dich doch auch, wenn dir einer in die Eier tritt, oder?«

»Anton Graf hat nur mit euch geredet. Daraufhin hast du zugeschlagen. Das ist etwas völlig anderes.«

»Der Typ ist uns angegangen, weil wir ein wenig gefeiert haben. Mit Bier und Schnaps und so, leckere Mischung. Da hat sich der Alte tierisch aufgeregt. Ob wir nichts Besseres zu tun hätten, ob wir nicht zur Arbeit oder in die Schule müssten, was diese Spackos halt so reden. Da haben wir ihm unsere Meinung gesagt. Das ist doch unser Recht als Bürger. Genauso wie das Feiern, das ist ein Menschenrecht, von der Verfassung geschützt. Was ist jetzt mit einem Bierchen? Mir ist vor lauter Labern die Kehle ausgetrocknet.«

»Lenk nicht ab. Was war weiter?«

»Wir haben gesagt, dass er sich ja nicht so haben soll und dass es ihn einen Dreck angeht, was wir machen. Da wurde der Typ lauter. Er meinte, wir sollten ihn durchlassen, er hätte noch eine Verabredung. Dann stieß er meinen Kumpel zur Seite.«

»Und da hast du deinen Schlagring herausgeholt und auf den Mann eingedroschen.«

Baltasar stellte sich die Szene vor: Anton gegen eine Meute Jugendlicher. Er war ja selbst in die Situation geraten …

»Alter, ich brauch schließlich was für meine Selbstverteidigung, du weißt ja, welches Gesindel sich auf den Straßen rumtreibt. Da darf man nicht unbewaffnet sein. Aber bei dem Typen war’s nicht so.«

»Sondern?«

»Ich hab kein Problem damit, einem was aufs Maul zu hauen, der mir blöd kommt, glaub mir. Aber in dem Fall hat das mein Kumpel erledigt, nicht ich.«

»Was … Was? Du warst es nicht, der zugeschlagen hat? Wer dann?«

»Mein Kumpel. Sag ich doch gerade.«

Baltasar war überrascht. »Und wie heißt dieser Kumpel? Hat der auch einen Namen?«

»Jetzt laberst du wie ein Bulle. Hat der auch einen Namen, hat der auch einen Namen?« Er äffte Baltasars Tonfall nach. »Natürlich hat der auch einen Namen. Aber den sag ich dir nicht.«

»Warum nicht? Hast du etwa Angst? Wenn euer Vorgehen doch nur Selbstverteidigung war, wie du behauptest, dann brauchst du keine Angst vor der Polizei zu haben.«

»Ich hab keine Angst vor den Bullen. Gib mir ein Bierchen aus, Alter, und wir reden weiter.«

Baltasar spürte, dass seine Geduld rieselte wie Sand in einer Sanduhr. »Du bekommst schon was, versprochen. Aber jetzt spuck’s aus!«

»He, das hat Valentin erledigt. Er war an dem Tag gut drauf, viel besser als ich.«

»Valentin Moser?«

»Du kennst ihn, Alter? Genau, mein Kumpel.«

»Wie ging es dann weiter?«

»Das war mir doch egal. Ich hab nichts mitgekriegt, sondern mir die Show reingezogen. Hätte ich Valentin gar nicht zugetraut. Und was ist jetzt mit meinem Bierchen?«

»Du bekommst was viel Besseres von mir: Ich fahre dich nach Hause.«

24

Teresa machte ihm ein Zeichen und hielt ihm den Telefonhörer hin. Sie formte ein Wort mit den Lippen, das Baltasar nicht verstand, und deutete nach oben.

»Baltasar Senner, grüß Gott.«

Eine männliche Stimme meldete sich am anderen Ende der Leitung. »Einen Moment, Seine Exzellenz möchte Sie sprechen. Ich stelle durch.«

Die Verbindung war unterbrochen. Baltasar jubelte innerlich. Hatten seine Anrufe bei der Diözese am Ende doch etwas genutzt, und der Bischof bequemte sich endlich, sich um die Renovierung des Glockenturms zu kümmern.

Es knackte. »Herr Senner? Gott zum Gruße.« Unverkennbar die gönnerhafte Stimme seines Vorgesetzten. »Wie geht’s denn so bei Ihnen? Was macht die Gemeinde?«

»Exzellenz, schön, dass Sie Ihren unwürdigen Diener beehren.« Baltasar dosierte die Ironie, schließlich wollte er Vinzenz Siebenhaar nicht gegen sich aufbringen, den Geldboten ärgerte man besser nicht.

»Lassen Sie das, Senner, immer Ihre Förmlichkeit. Es ist doch normal, dass der Hirte nach seinen Schäfchen schaut. Ha, ha, ha.« Für einen Witz hatte der Bischof eine Spur zu nüchtern geklungen.

»Das freut mich, der Hirte bringt gute Sachen. Darauf habe ich schon gewartet.«

»Ich habe von dem schrecklichen Vorfall gehört. Ihr Nachbar. Das schmerzt. Mein Beileid.«

»Danke, Exzellenz.«

»Hat die Polizei schon eine Spur?«

»Ich glaube nicht, aber die Kriminalbeamten informieren einen nicht darüber, ich weiß nur, was man so hört.«

»Herr Senner, Sie werden doch nicht selbst auf Spurensuche gehen.« Der Bischof klang besorgt. »Das gehört sich für einen Priester nicht, und ich würde es Ihnen kraft meines Amtes verbieten.«

»Spurensuche ist Sache der Polizei. Meine Sorge gilt dem Gotteshaus. Schließlich ist unsere Kirche derzeit nicht vollständig, sie hat einen Defekt, wie Sie wissen, Exzellenz. Allein die Gottesdienste …«

»Mein Guter, Ihre Messen leben von der tausendfach geprobten katholischen Liturgie und von Ihrer Überzeugungskraft bei der Predigt. Das Wort Gottes wirkt immer und überall, ob in einer Kathedrale oder vor einem Grab.«

»Aber Glockengeläut gehört dazu.«

»Die Bedeutung wird überschätzt, glauben Sie mir. Ich habe schon Messen auf dem Feld abgehalten, ich denke da an die wunderbare Erntedankfeier vor vier Jahren … Und als ich erst unlängst auf dem Großen Arber wandern war, habe ich spontan mit meinen Begleitern eine kleine Messe vor dem Gipfelkreuz zelebriert. Es war ergreifend, sage ich Ihnen, der Himmel über uns, die herrliche Fernsicht über den Bayerischen Wald, die gesunde Luft. Mehr braucht man als Geistlicher nicht, um glücklich zu sein. Solche Momente entschädigen einen für alles, der Allmächtige gibt einem so viel zurück. Und ich sage Ihnen, eine Glocke hat in diesem Augenblick nicht gefehlt, im Gegenteil, sie hätte das Erlebnis, Gott so nah zu sein, sogar gestört. Die Musik der Natur ist viel sinnlicher als alle Glocken dieser Welt.«

»Aber meine Gemeindemitglieder wollen auf das gewohnte Läuten nicht verzichten.«

»Deswegen rufe ich an, mein Lieber. Es geht um Ihre Gemeinde. Es erwartet Sie die wunderbare Aufgabe, etwas für Ihre Gemeinde zu tun.«

»Indem ich endlich den Dachstuhl und das Gebälk reparieren lasse – mit Hilfe der Diözese.«

»Meinen Sie, die Urchristen hätten Glocken gehabt?« In Siebenhaars Stimme hatte sich Widerwillen geschlichen. »Denen genügten ein Kreuz und Brot und Wein für die heilige Feier.«

»Die mussten auch keine Riesenbehörden im Vatikan ernähren«, entfuhr es Baltasar.

»Das ist unangemessen, Herr Senner. Mäßigen Sie sich! So von dem Heiligen Vater zu reden! Aber ich will Ihnen verzeihen.« Der Bischof versuchte, freundlich zu klingen, was ihm nicht ganz gelang. »Denken Sie nur an den heiligen Franz von Assisi, der mit den Vögeln sprach und sagte, ich zitiere: ›Gar müsst ihr euren Schöpfer loben, der euch mit Federn bekleidet und die Flügel zum Fliegen gegeben hat; die klare Luft wies er euch zu und regiert euch, ohne dass ihr euch zu sorgen braucht‹. Daran sollten Sie sich ein Beispiel nehmen.«

»Ich kann mir ja ein Messgewand aus Kartoffelsäcken nähen lassen, wenn das der Wunsch der Diözese ist.« Baltasar merkte, wie sein Blutdruck stieg. Er zwang sich, dreimal tief durchzuatmen.

»Ein Bußgewand, ha, ha, ha. Sie als Bußprediger, ha, ha. Sie haben Humor, Herr Senner. Die Freude verstehe ich, denn Sie haben die Chance, was sage ich, die einzigartige Chance, hier bei uns eine Großgemeinde zu etablieren. Wie ich von Ihrem Herrn Bürgermeister gehört habe, übrigens ein freundlicher und gläubiger Mensch, soll ein wunderbares christliches Altersheim entstehen.«

»Hat Sie unser Herr Wohlrab um eine Finanzierung gebeten, oder gar um eine Beteiligung an dem Projekt?«

»Sie scherzen, die Diözese muss sparen. Die Einnahmen aus der Kirchensteuer schrumpfen kontinuierlich, aber das brauche ich Ihnen nicht zu erzählen. Diese Sorgen quälen mich, nächtelang wälze ich mich im Bett und zermartere mir das Gehirn, wie ich die Gehälter, so auch Ihr Gehalt, weiter finanzieren kann. Und Sie kommen mir mit so was Profanem wie wurmstichigen Holzbalken.«

»Eine Kirche mit kaputtem Glockenturm ist keine richtige Kirche. Was würden Sie sagen, wenn Ihr Dom in Passau plötzlich verstummen würde?«

»Jetzt machen Sie ausnahmsweise mal was richtig, Herr Senner, und sorgen Sie wie ein Missionar dafür, dass sich dieses Altersheim mit christlichen Mitbürgern und Mitbürgerinnen füllt. Die sollen aus ganz Deutschland kommen, sagt Herr Wohlrab, stellen Sie sich vor, von diesen hochverschuldeten protestantischen Bundesländern, die können Sie zur wahren Lehre bekehren, Herr Senner. Wenn die Leute den schönen Bayerischen Wald und Ihre Gemeinde sehen, treten die freiwillig in die katholische Kirche ein, weil sie glauben werden, sie sind im Paradies gelandet.«

»Da geht es nur ums Geld. Nicht um den Glauben. Das ist nichts für mich.«

»Glaube ohne Geld ist auch nichts. Also strengen Sie sich an, Herr Senner, tun Sie was fürs Altersheim. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass es danach auch mit Ihrem Dachstuhl weitergeht. Und wie Sie selbst gesagt haben: Seien Sie ein gehorsamer Diener!«

*

Am Nachmittag kam Teresa aufgeregt in sein Arbeitszimmer, ihr Handy in der Hand. »Hochwürden, Hochwürden, mein Cousin haben angerufen!«

Baltasar wirkte offenbar etwas begriffsstutzig, denn die Haushälterin fügte hinzu: »Mein Cousin aus Krakau, der mich besuchen wollen.«

»Ja, stimmt.« Er erinnerte sich.

»Cousin ist schon in Deutschland, hat angerufen, bereits die Grenze passiert, bald hier sein!«

»Was, jetzt? Etwas überraschend ist das schon. Warum hat er nicht früher angerufen? Da sollten Sie ihm das Gästezimmer herrichten.«

»Ein Zimmer? Ich denke …« Teresa druckste herum. »Ich weiß nicht …«

»Was ist?«

»Äh … Nichts … Wir abwarten, bis Verwandter kommt.«

Der Besuch kündigte sich eine Stunde später mit lautem Hupen an. Die Haushälterin eilte hinaus, Baltasar trank in Ruhe seinen Kaffee zu Ende. Der Begrüßungslärm irritierte ihn, er war ungewöhnlich laut, es klang sogar, als ob mehrere Personen gleichzeitig sprachen. Er ging ebenfalls hinaus – und für einen Moment verschlug es ihm den Atem.

Auf dem Platz vor dem Pfarrheim parkte ein Kleintransporter, der in den Neunzigerjahren als Baustellenfahrzeug gedient haben musste. Eine Seite war verbeult, Rost hatte sich an den Kratzspuren gebildet. Ein Riss in der Seitenscheibe war mit Aufklebern kaschiert.

Teresa sprach mit einem mittelgroßen Mann, er hatte volles Haar und mochte etwa Ende 40 sein. Neben ihm standen zwei jüngere Frauen mit blondierten Haaren, die bis über die Schultern fielen. Zwei kleine Buben rannten um den Wagen herum und spielten Fangen, dabei riefen sie laut etwas auf Polnisch. Mehrere Koffer und Taschen waren bereits ausgeladen worden, weitere Gepäckstücke stapelten sich noch im Kofferraum.

Baltasar winkte die Haushälterin zu sich. »Teresa, was ist das?« Er deutete auf die Szene.

»Mein Cousin Karol. Ich Ihnen von seinem Besuch erzählt.«

»Arbeitet Ihr Cousin freiberuflich als Schlepper und Schleuser? Das sieht hier aus wie ein Flüchtlingstransport.«

»Sein Verwandte von Karol.«

»Ach so, sie fahren weiter und haben Ihren Cousin nur abgeliefert. Da bin ich aber froh.«

»Äh … was soll ich sagen … die würden alle gerne hier bleiben.«

»Sagten Sie nicht, Ihr Cousin käme allein?«

»Karol musste kurzfristig seine Pläne ändern. Ich Sie stellen ihm vor, dann er alles erzählen. Er kann ein wenig Deutsch. Die andern aber leider nicht.«

Karol drückte Baltasar zur Begrüßung so fest an sich, dass er keine Luft mehr bekam.

»Danke, Sie uns aufnehmen, Eure Geistlichkeit, danke, danke. Ich heißen Karol und sein aus Krakau, so wie Teresa.« Er winkte seine Passagiere zu sich. »Die Kleinen seien Pawel und Jan, zehn und zwölf Jahre alt.« Der Mann schob die Kinder an die Seite und fasste die beiden Frauen um die Hüfte. »Diese beiden Goldstücke sein meine Schwester Jana und ihre Freundin Lenka, sind Augenstern, oder nicht?«

Baltasar wusste immer noch nicht, was er sagen sollte. Wie er den Erzählungen Karols und der Dolmetscherarbeit Teresas entnahm, sei Karols Schwester plötzlich krank geworden, ein Magenleiden, er habe sie und ihre Kinder deshalb nicht allein zurücklassen können. Lenka sei als Unterstützung mitgekommen, sie solle sich um die Kleinen kümmern, bis Jana wieder völlig gesund sei.

»Wenn Ihnen nicht passt, Eure Geistlichkeit, Sie uns wieder nach Hause schicken dürfen.« Der Mann nahm Baltasars Hand und drückte sie mehrmals. »Wir Ihnen nicht zur Last fallen, wir sein Mäuschen im Haus, Sie nichts merken von uns.« Er übersetzte das, seine beiden Begleiterinnen nickten, die Buben schien es nicht zu interessieren, denn sie widmeten sich wieder ihrem Spiel.

»Wo sollen die denn alle schlafen, Teresa?« Baltasar schwante nichts Gutes.

»Sie doch haben ein Arbeitszimmer, das ist wenig benutzt«, antwortete die Haushälterin. »Ich holen Matratzen vom Speicher.«

25

Aus der Küche drangen polnische Volksweisen ins Schlafzimmer, die Lautstärke war offenbar auf ein Maximum gedreht. Dazu wurde mitgesungen. Es klang wie ein schlecht gestimmter Kirchenchor.

Baltasar zog sich das Kopfkissen über den Kopf und hoffte, dass der Kelch bald an ihm vorübergehen würde. Vergebens. Der Gesang wurde abgelöst von Gelächter, die Kinder stritten im Arbeitszimmer, bis einer von ihnen zu weinen anfing und die Tür zuknallte.

Eine Zeitlang versuchte Baltasar, die Geräusche einfach zu ignorieren. Es gelang ihm nicht, ans Weiterschlafen war nicht mehr zu denken. Er kroch aus dem Bett, duschte sich und zog sich an.

In der Küche roch es nach Kaffee und frisch gebackenem Brot. Karol im Jogginganzug mit Streifenmuster sprang auf und begrüßte Baltasar. Er bedankte sich nochmals für die Gastfreundschaft seiner Geistlichkeit.

»Nennen Sie mich einfach Baltasar, Baltasar Senner.«

Er fragte sich, ob der Mann noch im Schlafanzug war oder seine normale Garderobe trug. Die Frauen zogen an ihren Zigaretten, verwedelten den Rauch und fragten etwas auf Polnisch.

»Sie fragen, ob draußen rauchen sollen«, übersetzte Karol.

»Wäre vielleicht besser.« Baltasar goss sich eine Tasse Kaffee ein und strich sich ein Marmeladenbrot.

Auf dem Tisch stand eine geöffnete Dose mit undefinierbarem Inhalt.

»Sind Knorpelstückchen in Schweineschmalz«, sagte Teresa. »Haben unsere Gäste mitgebracht. Delikatesse aus Polen.«

Bereits vom Zuhören braucht man einen Verdauungsschnaps, dachte Baltasar. Ihm fiel ein, dass er Teresa gar nicht gefragt hatte, wo sie ihre Gäste untergebracht hatte. Die beiden Frauen würden doch nicht mit Karol im Zimmer schlafen …?

»Und was habt ihr heute vor?«, fragte er.

»Sightseeing. Ort angucken«, sagte Karol.

Baltasar überlegte, ob der Tag nicht ideal wäre, Dinge außerhalb der Pfarrei zu erledigen und die Gäste sich selbst zu überlassen.

*

Der Scheck, den ihm Anton Graf kurz vor seinem Tod gegeben hatte, die Spende in Höhe von 15.000 Euro für die Reparatur des Kirchturms, war ihm wieder eingefallen. Nach der Ermordung seines Nachbarn standen andere Dinge im Vordergrund. Nun fragte er sich jedoch, was er mit dem Scheck machen sollte. Durfte er ihn überhaupt einlösen? Oder war das Geld mittlerweile Teil des Erbschaftsvermögens und gehörte jemand anderem, möglicherweise Quirin Eder?

Er musste der Sache auf den Grund gehen. Sein Arbeitszimmer hatten die beiden Kinder in ein Indianercamp verwandelt, aus Büchern hatten sie ein Gerüst gebaut und darüber ein Leintuch als Zelt gespannt. Die Aktenordner dienten als Zaun. Er bahnte sich seinen Weg durch das Spielzeug, das auf dem Boden verstreut lag.

Er setzte sich an seinen Schreibtisch und suchte nach dem Scheck, er war sich sicher, ihn in die oberste Schublade gelegt zu haben. Da war er jedoch nicht. Er sah in den anderen Schubläden nach – ohne Ergebnis. Er wiederholte die Suche auf der anderen Seite des Schreibtisches. Nichts. Er wurde nervös. Wo steckte der Scheck? Sollten etwa die Kinder …?

Er kroch unter die Plane des provisorischen Wigwams. Ein paar der Bücher dienten als Hocker, und in der Mitte hatten die Jungs aus Büroklammern, Stiften und Gummiringen einen Kreis gebildet: das Lagerfeuer. Darin befanden sich Papierkugeln als Holzscheite.

Baltasar sah sich jedes Knäuel an, doch sie bestanden alle lediglich aus altem Zeitungspapier. Auch der Boden war mit Zeitungen ausgelegt. Er schob die Seiten ein wenig auseinander, und da entdeckte er den Scheck. Zerknittert, aber noch ganz.

Als ausstellende Bank war auf dem Dokument eine Adresse in Regensburg angegeben.

Kurzentschlossen sagte Baltasar Teresa Bescheid, sie solle mit dem Mittagessen nicht auf ihn warten und die Gäste mit ihren Spezialitäten verwöhnen. Er selber habe außer Haus etwas zu erledigen.

*

Die Sonne hatte sich zwischen die Wolken gezwängt, der Wind hatte nachgelassen, es versprach, ein herrlicher Ausflug zu werden.

Auf der Autobahn war an diesem Vormittag wenig Verkehr. Er schaltete das Radio ein und suchte einen Sender mit Rockmusik. Seine Gedanken trieben dahin, die Landschaft rauschte an ihm vorbei.

Er nahm die Ausfahrt Regensburg Zentrum und steuerte die Tiefgarage am Bismarckplatz an.

Zuerst spazierte er die Glockengasse entlang, bog in die Krebsgasse ein und ging bis zum Haidplatz. Er liebte die Gassen der Regensburger Altstadt, die mittelalterlichen Gemäuer, die ehemaligen Adelshäuser, die Kirchen. Vor allem liebte er es, von Schaufenster zu Schaufenster zu bummeln, die Auslagen der kleinen Geschäfte zu betrachten: Souvenirs für Touristen, Raritäten für Sammler, wunderbar nutzlose, aber manchmal auch durchaus nützliche Dinge für den Alltag.

An der Steinernen Brücke kaufte er sich eine Semmel mit Bratwurst und Senf, am Alten Rathaus gönnte er sich zwei Pralinen als Dessert.

Im Dom Sankt Peter legte er eine Pause ein, studierte die Glasmalereien, die Heiligenfiguren und das Taufbecken und lauschte – ein wenig neidisch – dem Glockenschlag vom Turm.

Die auf dem Scheck angegebene Bank befand sich am Neupfarrplatz neben der gleichnamigen Kirche aus dem 16. Jahrhundert. Der Platz war gesäumt von Gebäuden aus verschiedenen Jahrhunderten, vom Barockbau bis zum Plattenbau eines Kaufhauses. Reisegruppen flanierten umher, Touristen machten die obligatorischen Fotos, Gaststätten luden zu Mittagsmenus ein.

Baltasar betrat die Bank und stellte sich in der Schlange vor dem Schalter an. Als er an die Reihe kam, holte er den Scheck heraus und zeigte ihn der Bankangestellten.

Die sah ihn an, als ob er ihr Falschgeld andrehen wollte.

»Was beabsichtigen Sie mit diesem Papier?« Eine Spur Gereiztheit war aus ihrem geschäftlichen Ton herauszuhören.

»Diesen Scheck habe ich bekommen.«

Die Frau nahm ihm das Papier aus der Hand, hielt es zuerst gegen das Licht und strich es dann glatt.

»Es sind Schokoladeflecken darauf. Außerdem ist das Dokument zerknittert und beschädigt. Sehen Sie da, die eingerissene Ecke?« Sie tippte auf die Stelle.

»Und?«

»Der Scheck sieht mir eher aus, als gehörte er zu einem Spiel. Oder wie so ein Sammelbild aus einer Packung Cornflakes.«

Baltasar wusste nicht, ob er das als Scherz auffassen sollte.

»Sie glauben nicht, was man heutzutage mit einem Farbkopierer alles machen kann«, fuhr sie fort. »Wenn Sie wüssten, was wir jeden Tag vorgelegt bekommen …«

»Der Scheck ist echt!«

»Ich glaube Ihnen gerne, mein Herr, dass Sie in bestem Wissen und Gewissen gehandelt haben. Man kennt seine Geschäftspartner nicht immer genau.« Sie sah ihn an. »Also gut. Warten Sie einen Augenblick.« Sie verschwand in einen nicht einsehbaren Bereich des Schalterraumes.

Aus dem Augenblick wurde eine Viertelstunde. Die Angestellte kam ohne den Scheck zurück. »Wenn Sie mir bitte folgen wollen.« Sie führte ihn zu einer Tür, klopfte an und öffnete. »Wenn Sie bitte eintreten wollen.«

Sie betraten einen engen Raum, der gerade Platz bot für einen Aktenschrank, einen Schreibtisch mit Computer und einen Stuhl. »Nehmen Sie bitte Platz.«

Ein Mann mittleren Alters im grauen Anzug stellte sich vor.

»Schulz mein Name. Ich betreue die besonderen Fälle beim Kundenservice. Sie wollen diesen Scheck einlösen?«

Der Angestellte holte eine Lupe heraus und begutachtete den Scheck, ohne ein Wort zu sagen.

»Ich will vor allem wissen, ob damit alles in Ordnung ist«, unterbrach Baltasar das Schweigen.

»Ich verstehe.« Der Bankangestellte setzte seine Arbeit fort, ohne aufzusehen. Dann tippte er etwas in seinen Computer. Schließlich fragte er: »Wie ist es denn zu dem Zustand des Dokuments gekommen?«

Baltasar kam sich vor wie ein Schüler vor seinem Lehrer in der mündlichen Prüfung.

»Sie wissen doch, wie Kinder sind.«

»Kinder, so, so.«

Wieder herrschte Stille.

»Dürfte ich bitte Ihre Legitimation sehen, Herr …«

»Senner, Baltasar Senner, Pfarrer von Beruf.«

Er gab Herrn Schulz seinen Personalausweis.

Eine Augenbraue des Mannes hob sich. »Sie sind Geistlicher? So sehen Sie eigentlich gar nicht aus …«

»Wie sehen denn Priester Ihrer Meinung nach aus?« Baltasar spürte ein Kribbeln unter der Haut. »Gehen Sie regelmäßig in die Kirche? Glauben Sie an Gott? Glauben Sie überhaupt an etwas?«

»Ich pflege die Religiosität auf meine Art. Aber deswegen sind wir nicht hier.«

»Weswegen denn? Schließlich geht es genau um die Frage, ob Sie glauben. Einem Pfarrer glauben. Mir glauben.«

»Was denken Sie, was ich mir für Geschichten anhören muss? Neulich war einer da, der behauptet hat, er wäre Gefäßchirurg, dabei war er Heilpraktiker.«

»Neulich habe ich einen Bankmanager getroffen, der behauptet hat, er verstehe was von Geldanlagen.«

»Nun, Herr … Senner. Wir sind als Geldinstitut dazu verpflichtet, alle Urkunden auf ihre Echtheit zu überprüfen. Dieser Scheck ist eine Urkunde, und er ist echt. Er wurde von unserer Bank ausgegeben.«

»Wunderbar. Wo liegt dann das Problem?«

»Ich würde es nicht gerade ein Problem nennen. Eher eine Auffälligkeit. Über den Zustand der Urkunde haben wir bereits gesprochen.«

»Ja und?«

»Sehen Sie, der Scheck wurde von Herrn Anton Graf ausgestellt. Ich habe gerade im Computer seine Unterschrift mit der bei uns hinterlegten Signatur verglichen, und dem Augenschein nach ist die Unterschrift original, vorbehaltlich weiterer Prüfungen, versteht sich.«

»Sagte ich doch. Und ich bin der Begünstigte.«

»Das steht auf dem Dokument, ja. Allerdings dienen solche Schecks nur zur Verrechnung. Wir könnten Ihnen das Geld nicht in bar auszahlen.«

»Das müssen Sie auch nicht. Ich will es auch nicht jetzt haben, sondern ich wollte mich nur vergewissern, dass alles seine Ordnung hat.«

»Auffällig ist, dass der Betrag ungewöhnlich hoch ist. Normalerweise überweist man heutzutage solche Summen direkt. Das ist bequemer und geht schneller. Der Punkt ist der: Ich möchte mich bei der Kontoinhaberin rückversichern, dass diese 15.000 Euro auch ihren Absichten entsprechen.«

Baltasar horchte auf. »Kontoinhaberin? Ich verstehe nicht ganz. Was meinen Sie damit?«

»Sehen Sie, Herr Senner, das Konto läuft auf den Namen einer Frau. Herr Graf hat lediglich eine Vollmacht für dieses Konto.«

Für einen Moment blieb Baltasar die Luft weg. Sein Nachbar war gar nicht der Kontoinhaber? Und das Geld?

»Ich denke, ich weiß, was Sie denken, Herr Senner.« Der Angestellte versuchte ein Lächeln. »Das Guthaben gehört selbstverständlich der Kontoinhaberin. Sie bestimmt allein darüber. Und sie hat verfügt, dass Herr Graf Geld abheben darf. Sie kann jedoch theoretisch ihre Verfügung widerrufen.«

»Wie heißt diese Frau? Haben Sie eine Adresse? Dann kann ich mich mit ihr direkt in Verbindung setzen und die Sache klären.«

Der Mann bekam einen Hustenanfall. »Wo denken Sie hin? Wir sind eine Bank. Wir dürfen nicht so einfach Auskünfte über unsere Kunden erteilen, so leid es mir tut.«

»Das würde das Verfahren aber ungemein beschleunigen.«

»Manchmal muss man eben gründlicher vorgehen. Wie gesagt, tut mir leid. Wie sollen wir also jetzt vorgehen?«

»Wenn Sie mir freundlicherweise meinen Ausweis und den Scheck zurückgeben würden? Beides gehört mir. Ich werde sehen, was zu tun ist.«

Baltasar erhob sich.

Der Mann zögerte, dann händigte er ihm die Unterlagen aus.

Auf halber Strecke zum Ausgang kam Baltasar eine Idee. Er machte kehrt und stellte sich erneut an, jedoch vor einem der anderen Schalter als beim ersten Mal.

»Gott zum Gruße. Haben Sie eine Leselupe für mich?«, fragte Baltasar, als er an der Reihe war. Die junge Frau, offenbar eine Auszubildende, sah ihn verständnislos an.

»Wissen Sie, ich habe meine Brille vergessen und kann nicht lesen, was für ein Formular ich ausfüllen muss, um diesen Scheck einzureichen.«

Die Angestellte holte einen Vordruck und legte ihn vor Baltasar.

»Könnten Sie das für mich ausfüllen? Bitte.« Er lächelte sie an. »Ich weiß, dass Sie hier viel zu tun haben.«

Die Frau lächelte zurück. »Einen Moment.« Sie übertrug die Daten auf den Vordruck.

»Leider steht auf dem Scheck nur die Kontonummer. Könnten Sie für mich vielleicht auch noch den Kontoinhaber eintragen?«

Die Mitarbeiterin las in ihrem Monitor und schrieb einen Namen auf das Formular.

Baltasar nahm das Papier und den Scheck wieder an sich. »Oh je, jetzt habe ich doch glatt vergessen, wie meine eigene Kontonummer lautet. Ich bin so ein Schussel.« Er hoffte, seine Theateraufführung war glaubwürdig. »Entschuldigen Sie. Jetzt muss ich nach Hause fahren und dann noch mal wiederkommen. Danke jedenfalls herzlich für Ihre Hilfe!«

26

Die Angelegenheit war mysteriös. Warum war Anton Graf nicht der Inhaber des Kontos der Regensburger Bank, warum griff er auf fremdes Geld zu? Und warum umging er sein Konto bei der heimischen Sparkasse? Baltasar wusste, dass sein Nachbar dort Kunde gewesen war. Und warum um alles in der Welt räumte diese Frau Anton eine Vollmacht ein?

Sie hieß Barbara Spirkl, den Namen hatte die junge Bankangestellte auf das Formular geschrieben. Vermutlich stand ihre Adresse im Telefonbuch, ansonsten musste ihm sein Freund Philipp noch mal einen Gefallen tun …

Baltasar wusste nicht, was er nun mit dem Scheck anstellen sollte. Einlösen? Er hatte sich bei Herrn Schulz nicht nach den rechtlichen Konsequenzen in Folge des Ablebens seines Nachbarn erkundigt. Aber wenn es nicht Antons Geld war, wurde alles noch komplizierter. Zudem schien Herr Schulz über Grafs Tod nicht informiert zu sein.

*

Noch etwas anderes brannte Baltasar auf der Seele. Er wollte die letzten Stunden seines Freundes vor dessen Ermordung rekonstruieren.

Jonas Lipperts Aussagen hatten eine ganz neue Version ergeben. Falls er den Jugendlichen, der unter Drogen und Alkohol stand, ernst nehmen konnte, war Valentin Moser der Angreifer gewesen. Und es gab nur einen Weg, das herauszufinden.

Mit etwas Glück würde er Valentin Moser nach der Schule erwischen. Er ging in die zwölfte Klasse des Gymnasiums in Zwiesel. Wie es der Zufall wollte, lag die Schule in der Doktor-Schott-Straße, nicht weit entfernt vom Tatort.

Baltasar erkundigte sich im Gymnasium nach den Unterrichtszeiten der Zwölftklässler, danach hatte er eine Dreiviertelstunde, bis die Schüler frei hatten. Er ging zum Stadtplatz und wieder zurück und kam genau gleichzeitig mit einem Pulk von Jugendlichen, die aus dem Schulgebäude strömten.

Baltasar erkannte Valentin sofort wieder. Er war in Schwarz gekleidet, hatte einen markanten Bürstenschnitt und Stecker in den Ohren. Er wirkte eher klein, fast schmächtig und sah jünger aus als 18.

»Herr Moser? Haben Sie einen Moment Zeit für mich?« Baltasar verstellte ihm den Weg.

»Wer sind Sie?«

Tat der Junge nur so, oder wusste er tatsächlich nicht mehr, wen er vor sich hatte?

»Ich bin Pfarrer Baltasar Senner. Ich habe mit Jonas Lippert gesprochen.«

»Was? Jonas? Das hätte der mir doch gesagt!«

»Tatsächlich? Vielleicht hatte er ja einen Grund, es Ihnen nicht zu sagen.«

»Jonas macht jetzt sicher keinen auf Ministrant.« Valentin lachte, Grübchen bildeten sich in seiner Wange. »Welche Ehre, einen echten Pfarrer zu treffen.« Er betonte die Worte übertrieben.

»Jonas hat mir erzählt, was an dem Vormittag vorgefallen ist, an dem mein Freund und Nachbar Anton Graf umgebracht wurde. Sie haben davon sicher in der Zeitung gelesen.«

»Ach der, den sie hier in der Nähe im Park abgestochen haben.«

»Genau der. Und zu dem hatten Sie kurz vor seinem Tod Kontakt, sagt Jonas.«

»Was der so redet! Und an was der sich überhaupt noch erinnern kann, so zugedröhnt wie er immer ist. Was soll er Ihnen erzählt haben?«

»Haben Sie Lust auf einen kleinen Spaziergang? Dann können wir uns besser unterhalten.«

»Was ist, wenn ich keinen Bock habe?«

»Niemand zwingt Sie dazu. Doch mir liegt sehr viel daran, mehr über die letzten Stunden meines Freundes zu erfahren. Sie könnten mir dabei helfen.«

»Ihr Freund war das?« Valentin sah ihn abschätzig an. »Na gut, gehen wir ein Stück, wenn’s Ihnen Spaß macht. In Ihrem Alter braucht man frische Luft.«

Sie gingen von der Doktor-Schott-Straße aus in die Holzweberstraße und bogen dann ab. Schweigend gingen sie nebeneinander her, bis sie zur Glasfachschule gelangten. Vor dem Haupteingang blieben sie stehen.

»Ihre Freundin geht hier zur Schule?« Baltasar formulierte es als Feststellung.

»Warum fragen Sie, wenn Sie es schon wissen? Marlies hat mir längst erzählt, dass sie Sie getroffen hat. Wir haben keine Geheimnisse voreinander.«

»Warum auch? Sie waren ja früher mit ihr befreundet, nicht wahr?«

»Sind wir immer noch.«

»Ich meine, sie war Ihre feste Freundin?«

»Sie meinen, ob ich noch Sex mit ihr habe?« Valentin musste grinsen. »Es geht Sie zwar nichts an, aber das ist nicht mehr der Fall. Wir sind einfach nur Freunde.« Er deutete auf den Eingang. »Ich hab sie früher oft hier abgeholt.«

Täuschte sich Baltasar, oder klang leise Wehmut aus seinen Worten? »Ich war da auch schon drin. Beeindruckende Werkstatt.«

»Vor allem cool zum Feiern. Wir sind früher öfter mal abends da rein. Da bist du ungestört.«

»Wenn euch der Hausmeister nicht erwischt. Oder der Schulleiter.«

»Du musst halt aufpassen.« Valentin grinste wieder. »Der Feuerlein checkt’s eh nicht.«

Sie gingen den Weg zurück und dann weiter bis zum Spielplatz im Stadtpark.

»Hier ist einer eurer Lieblingstreffpunkte, oder?«, fragte Baltasar.

»Klar, ist doch cool, Mann, was zum Sitzen, im Grünen, Geschäfte in der Nähe, Schule nicht weit weg.«

»An dieser Stelle ist Ihr Freund mich angegangen.«

Sie setzten sich auf eine Bank.

»Der Jonas scheint ein Waffenfan zu sein. Hat er immer einen Schlagring dabei?«

»Was weiß ich. Er meint es nicht ernst, ist halt ein Gag von ihm. Er ist schwer in Ordnung.«

»Erinnern Sie sich nicht an die Auseinandersetzung zwischen Jonas und mir? Sie waren doch auch beteiligt.«

»He, Mann, was soll das? Erwarten Sie von mir jetzt eine Beichte oder so was, damit Sie mir die Absolution erteilen können? Sammeln Sie Beweise für die Bullen? Dann können wir das Gespräch gleich beenden.« Sein Ton wurde aggressiv.

»Keine Sorge, ich spreche rein privat mit Ihnen. Also, was ist, erinnern Sie sich?«

»Wir feiern oft, hier oder anderswo. Kann passieren, dass es dabei hoch hergeht und wir ein paar Schluck mehr zu uns nehmen. Ich kann mich nicht erinnern, was da gewesen sein soll. An Sie kann ich mich auch nicht erinnern.«

Baltasar hatte das Gefühl, dass er log. »Aber bei dem Vorfall mit Anton Graf haben Sie keine Gedächtnislücken?«

Er beschrieb Valentin das Aussehen seines Nachbarn.

»Ja, der Typ machte einen auf Oberlehrer. Fing an zu motzen, wir sollten keinen Lärm auf dem Spielplatz machen, und ob wir es nötig hätten, in der Öffentlichkeit zu trinken. Na klar, Mann, haben wir geantwortet, das macht Spaß, besonders im Freien. Und was es ihn überhaupt angeht, ob das Altersheim jetzt Ausgang hat und so. Wir haben uns kaum eingekriegt. Voll der Spießer.«

»Komm, lass uns weitergehen«, schlug Baltasar vor.

Sie standen auf und folgten dem Spazierweg durch den Park.

»Was geschah dann?«

»Der Typ hat sich immer weiter aufgeregt. Voll reingesteigert. Dann hat er meine Jacke gepackt und mich beschimpft und gemeint, er müsste eigentlich die Polizei holen.«

»Hat er irgendwann etwas von einem Termin gesagt?«

»Kann schon sein, keine Ahnung. Jedenfalls wurde er immer lauter, der wollte uns voll die Party vermiesen, dieser Schwachkopf. Hat mich weggeschubst. Das hab ich mir natürlich nicht gefallen lassen! Wie kommt der Typ dazu, mich zu schubsen? Bin ich sein Toy Boy oder was? Da hab ich zurückgeschubst.«

»Und zugeschlagen.«

»Hey, der Typ war voll aggressiv. Ich habe mich nur gewehrt.«

»Sie haben Anton ins Gesicht geschlagen.«

»War nur eine harmlose Watschn. Hab ihn ja nicht mal richtig getroffen. Ich lass mir doch nicht alles gefallen. Jedenfalls hat der Typ dann endlich Ruhe gegeben und sich verzogen.«

Sie waren an dem Hirtenbrunnen angekommen. Valentin Moser setzte sich wieder auf eine Bank, seltsamerweise genau die, auf der Anton Graf erstochen wurde.

»Warum setzen Sie sich ausgerechnet auf diesen Platz?«

»Was Sie alles wissen wollen! Gleich fragen Sie mich noch über meine Toilettengewohnheiten aus. Ich sitz halt gerne hier, das ist alles.«

»Genau auf dieser Bank wurde mein Nachbar ermordet. Wenn Sie etwas beiseiterutschen, sehen Sie noch die eingetrockneten Blutflecken.«

Valentin Moser blieb unbewegt. »Ist das wahr, Mann? Cool! Ein echter Tatort, das hat Thrill. Aber was kann ich dafür, dass man den Typen hier abgemurkst hat?«

Er verschränkte seine Arme vor der Brust.

»Es passierte nur etwa eine halbe Stunde, nachdem Sie ihn angegriffen haben.«

»Und wenn’s fünf Minuten danach gewesen wäre. Na und?«

»Sie sind doch nicht dumm, immerhin gehen Sie aufs Gymnasium.« Baltasar stellte sich direkt vor den Jungen. »Und halten Sie bitte auch mich nicht für dumm. Selbstverständlich ist dies wichtig, denn allein der gesunde Menschenverstand lässt vermuten, dass der Mörder wahrscheinlich bereits in der Gegend war, vielleicht sogar schon im Park, und dass er Anton Graf und auch Ihre Clique beobachtet haben muss.«

Valentin starrte vor sich hin.

»Hm. Kann sein. Kann aber auch nicht sein. Wenn’s eine Zeitmaschine gäbe, würde ich zurückreisen bis zu dem Moment, als dieser Graf zu uns kam, und auf alles achten.«

»Haben Sie nichts bemerkt? Ist Ihnen nicht vielleicht doch irgendetwas Ungewöhnliches aufgefallen?«

»Jetzt reden Sie genauso wie die Bullen. Ich sag doch, wir hatten Spaß. Und das ist auch schon alles.«

»Tut Ihnen leid, was passiert ist?«

»Wie meinen Sie das, Herr Pfarrer? Der Typ hat mich angemacht, und ich habe mich gewehrt. Was passiert ist, ist passiert. Oder meinen Sie, ob mir leid tut, dass er tot ist? Natürlich ist das schlimm. Aber wie viele Menschen sterben genau in diesem Moment bei einem Autounfall? Ich sag Ihnen was, auch wenn das für Ihre Ohren hart klingt: Es ist mir egal!«

»Aber Sie kennen diesen Platz am Brunnen?« Baltasar ging einen Schritt zur Seite. »Und die ganze Gegend hier?«

»Was für eine Frage! Ich gehe hier zur Schule. Jeder Schüler kennt den Stadtpark, ist doch klar. Auch die von der Glasfachschule. Und die Anwohner und Angestellten in der Nähe sowieso.«

»Was haben Sie und Ihre Freunde gemacht, nachdem Herr Graf weggegangen war?«

»Nichts mehr. Die Party war kurz danach zu Ende. Die Stimmung war irgendwie nicht mehr wie vorher. Jeder ist seiner Wege gegangen.«

»Und Sie?«

»Ich bin zurück in die Schule. Hatte mir nur einige Stunden freigenommen. Das ist das Schöne, wenn man volljährig ist.«

»Sie sind nicht wieder hierhergekommen?«

»Hören Sie mir nicht zu? Ich bin in die Schule zurückgegangen!«

»Und Herrn Graf haben Sie nicht mehr gesehen?«

»Jetzt reicht’s mir aber!«

Valentin Moser war aufgesprungen.

»Die Antwort ist nein. Und unsere Session ist hiermit beendet!«

27

Baltasar telefonierte mit Quirin Eder und bat ihn, ins Pfarrheim zu kommen. Und Eder kam am Nachmittag, diesmal mit einem Auto.

Seine Gäste hatte Baltasar zusammen mit Teresa zu einem Ausflug in den Nationalpark Bayerischer Wald geschickt. Er hatte etwas von Bären und Wildnis und Abenteuern erzählt, was die Kinder sofort begeisterte. Seit der Ankunft der Gäste war das ganze Haus ein Abenteuerspielplatz geworden. Jedes Zimmer wurde einbezogen, und Baltasar war froh, dass sie wenigstens sein Schlafzimmer ausgelassen hatten – bis auf ein Rennauto unter seinem Bett.

Der Grund, Eder herzubitten, war ein Brief, den Baltasar am Morgen erhalten hatte. Es handelte sich um das Schreiben eines Notars aus Grafenau, der zu einem Termin in der »Erbsache Anton Graf« einlud. Er zeigte Eder den Brief.

»Haben Sie auch eine solche Nachricht erhalten?«

»Natürlich. Es wird um die Testamentseröffnung meines Vaters gehen. Ich wusste nicht, ob er überhaupt einen letzten Willen verfasst hatte. Zumindest habe ich nichts in seinen Unterlagen … Wie auch immer, anscheinend hatte er das Testament bei jemanden deponiert.«

»Haben Sie schon mit dem Notar gesprochen? Es ist noch reichlich Zeit bis zu dem Termin.«

Quirin nahm das Glas Orangensaft entgegen, das Baltasar ihm hinhielt.

»Er sagte am Telefon nur, dass er das Testament allen Beteiligten vorlesen werde und um Anwesenheit bitte. Mehr war aus ihm nicht herauszukriegen. Ich überlege die ganze Zeit, ob ich noch mal in das Haus meines Vaters gehen soll, um eine Bestandsaufnahme der Wertsachen für den Notar zu machen.«

»Keine Chance«, sagte Baltasar. »Die Kripo hat den Eingang versiegelt. Wie ist denn der Stand der Ermittlungen?«

»Die beiden Herren haben mich nochmals befragt und sind auch zu meiner Mutter gefahren, um sie zu verhören. Zumindest scheint der Mordverdacht gegen mich ausgeräumt zu sein.«

»Seien Sie sich nicht zu sicher. Wenn die Polizei keine anderen Verdächtigen findet …«

»Sie sind zu pessimistisch, Hochwürden. Die werden schon den richtigen Täter überführen.«

»Immerhin haben Sie kein richtiges Alibi. So was macht einen in den Augen der Kripo verdächtig.«

»Bei meiner Mutter waren sie richtig lästig. Dabei weiß die Arme gar nichts darüber, was Anton in der letzten Zeit gemacht hat.«

»Glauben Sie, ich könnte einmal mit Ihrer Mutter sprechen? Mich würde interessieren, wie sie Anton früher erlebt hat.«

»Ich kann sie fragen. Sie redet nicht gerne über die Zeit. Mein Vater war damals Ihr Chef, müssen Sie wissen. Er hatte hier in der Region eine Fabrik.«

»Er war als Unternehmer ansässig im Bayerischen Wald, tatsächlich? Das wusste ich gar nicht. Erzählen Sie mir mehr.«

»Fragen Sie meine Mutter, die kann Ihnen die Geschichte besser erzählen. Ich war damals noch nicht auf der Welt und weiß alles nur aus zweiter Hand.«

»Anton traf kurz vor seinem Tod auf eine Gruppe Jugendlicher.« Baltasar nannte die Namen und beschrieb die Personen. »Sie behaupten zwar, es wäre ein spontanes Zusammentreffen gewesen, aber ich frage mich, ob es wirklich nur Zufall war. Kennen Sie jemanden von denen? Haben Sie eine Idee, ob es eine Verbindung zu Ihrem Vater gibt?«

Quirin lehnte sich zurück und trank betont langsam aus seinem Glas.

»Ich weiß nicht. Kann sein, dass mir solche Youngsters irgendwann mal über den Weg gelaufen sind, aber erinnern kann ich mich sicher nicht. Sie gehören nicht zu meinem Freundeskreis. Außerdem wohn ich ganz woanders.« Er stellte das Glas wieder ab. »Ich wüsste auch nicht, was mein Vater mit denen zu schaffen gehabt haben soll. Könnten ja seine Enkel sein.«

Quirin erzählte Baltasar, was er mit seinem Erbe plante: eine Reise, eine neue Stereoanlage, ein neues Auto. »Vielleicht ziehe ich in das Haus meines Vaters. Mir gefällt’s hier. Dann sind wir bald Nachbarn.«

*

Wolfram Dix lenkte das Auto auf einen Parkstreifen am Straßenrand und schaltete den Motor aus.

»Warum halten wir?«, fragte Oliver Mirwald.

»Schauen Sie sich das an.« Der Kommissar zeigte auf eine Weide, die sich bis zum Waldrand zog. »Da.«

»Was da? Ich sehe nur Landschaft, den Bayerischen Wald in Reinkultur sozusagen. Deswegen halten wir?«

»Gucken Sie genauer hin. Dort am Zaun. Bei der Tränke.«

Eine Schweinefamilie grub gerade den Boden um. Die Ferkel drängten sich um ihre Mutter, suchten nach dem besten Platz, schoben sich gegenseitig weg.

»Ist das nicht lieb anzuschauen?« Dix strahlte.

»Das sind nur Schweine. Die sind mir als Schinken am liebsten. Fahren wir weiter.«

»Genießen Sie den Anblick, Mirwald. Freilaufende Tiere, das ist selten, sogar im Bayerischen Wald. Bei euch in Norddeutschland wachsen die vermutlich nur noch in Hallen mit Kunstlicht auf. Und hier: reine Natur, Bio-Landwirtschaft und gute Luft.«

»Das nennen Sie gute Luft?« Dix’ Assistent kurbelte das Fenster wieder hoch. »Hier stinkt’s nach Gülle. Das Parfum des Bayerischen Waldes.«

»Das heißt hier Odel, nicht Gülle. Ein natürlicher Dünger. Landwirtschaft duftet eben nicht nur nach Ringelblumen. Außerdem sind Schweine äußerst intelligent, viel intelligenter als Hunde. Und viel reinlicher, auch wenn es auf der Wiese anders aussieht.«

»Ihr Biologieunterricht in allen Ehren, Herr Dix, aber wir müssen weiter. Sie können mich ja später zu einem Schweinsbraten einladen und mir alle Details über die Zucht von Ferkeln oder das Wegschaufeln von Gülle, Verzeihung, Odel erzählen.«

»Ich wollte Ihnen eine Freude machen und Ihnen was Typisches für diesen Landstrich zeigen, und Sie denken nur ans Essen, Mirwald. Jetzt habe ich selber Hunger.«

Dix startete den Motor. Den Rest der Fahrt pfiff er ein Lied und hörte selbst dann nicht auf, als Mirwald das Radio lauter drehte.

Sie bogen in die Straße zum Pfarrhaus ein. Ein Auto kam ihnen entgegen.

»War das nicht dieser Quirin Eder?« Mirwald sah dem Fahrer hinterher. »Was wollte der bei dem Pfarrer?«

»Werden wir ja gleich erfahren.«

Dix parkte vor dem Eingang. Bislang war es ein netter Ausflug gewesen. Das Wetter passte, diese Region war eine Gegend zum Erholen. Er musste die Chancen einfach nutzen, die sich ihm boten, aus dem muffigen Büro in Passau herauszukommen und die verfluchten Aktenberge hinter sich zu lassen.

»Ermittlungen« – das Zauberwort, das einem Kommissar die Tür zur Freiheit öffnete. Wer wollte einen Beamten schon aufhalten, der in offizieller Mission eine Dienstfahrt machte? Als Kommissar war man niemandem Rechenschaft schuldig, selbst die Vorgesetzten hielten sich zurück, solange man Resultate vorweisen konnte. Aber wie jemand seine Ermittlungen organisierte, wen er besuchte und was er recherchierte, das blieb ihm selbst überlassen. Deshalb hatte er beschlossen, eine kleine Reise aufs Land zu unternehmen: weil ihm gerade danach war.

Sie läuteten an der Tür.

Der Gesichtsausdruck des Pfarrers verriet Dix sofort, dass sie nicht willkommen waren.

»Guten Tag, Herr Senner, schön, Sie wiederzusehen.« Die Ironie in Mirwalds Stimme war unüberhörbar. »Dürfen wir eintreten?«

»In Gottes Namen.«

Sie folgten Baltasar in die Küche.

Der Assistent wäre beinahe auf einem Skateboard ausgerutscht, das im Gang stand, nur der spontane Griff an die Garderobe rettete ihn vor dem Sturz.

»Kinder«, sagte der Pfarrer leichthin. »Sind Sie wohlauf?« Seine Worte klangen eine Spur schadenfroh.

»Haben Sie Nachwuchs bekommen?« Mirwald rieb sich den Ellenbogen. »Sind die Kleinen adoptiert, oder haben Sie ein Waisenhaus eröffnet?«

»Besuch aus Krakau, bei meiner Haushälterin. Aber Sie sind wohl nicht gekommen, um sich um meine Gäste zu kümmern, nehme ich an.«

»Wir würden uns gerne noch mal mit Ihnen unterhalten, Hochwürden«, sagte Wolfram Dix. »Es ist dienstlich.«

»Das ist wohl wieder eine der Prüfungen, die mir der Allmächtige auferlegt hat«, sagte Senner. »Also gut, setzen Sie sich. Ich mache Kaffee. Erzählen Sie mir derweil, ob Sie Anton Grafs Mörder endlich dingfest gemacht haben.«

»Nicht so schnippisch, Herr Senner.« Mirwald nahm Platz. »Wir tun unsere Arbeit. Das dauert.«

»Also haben Sie noch immer keine Spur?«

»Was wollte Quirin Eder von Ihnen?«

»Ich habe ihn gebeten, zu mir zu kommen, weil ich ein Schreiben wegen Grafs Testamentseröffnung erhalten hatte und mich darüber informieren wollte. Eder ist natürlich auch dabei. Zählt er denn noch zu Ihren Verdächtigen?«

»Mit Verlaub, das geht Sie nichts an, Herr Pfarrer.« Mirwald sagte es lauter als nötig. »Wir können nicht mit jeder Privatperson unsere Ergebnisse teilen. Ich bitte um Verständnis.«

»Wenn Sie Ergebnisse haben.« Der Pfarrer schenkte Kaffee ein.

»Jetzt aber …« Mirwald beugte sich vor.

»Oh, dieser Kaffee duftet fantastisch!«, schwärmte Wolfram Dix und roch an der Tasse. Jetzt noch ein Stück Kuchen dazu, und der Tag wäre perfekt, dachte er. Aber er hielt sich lieber zurück, denn das Gebäck der Haushälterin …

»Etwas dürfen wir verraten, glaube ich, das sagt schon der gesunde Menschenverstand: Eine Person, die ein Motiv und kein Alibi hat, steht auf der Liste der Verdächtigen.«

»Was haben denn die Zeugenaufrufe gebracht? Ich kann mir nicht vorstellen, dass niemand meinen Nachbarn bei dem Brunnen gesehen hat.«

»Doch. Eine Zeugin hat sich gemeldet«, sagte Dix. »Ich glaube, Sie kennen sie.«

»Ich?«, fragte Baltasar überrascht.

»Ja, es ist die Frau, die mit ihrem Kind regelmäßig auf den Spielplatz dort im Stadtpark geht. Sie haben mit ihr gesprochen, Hochwürden. Daraufhin hat sie sich offensichtlich an ihre Bürgerpflichten erinnert und eine Aussage gemacht. Ihrer Version zufolge hatte Graf eine Auseinandersetzung mit einer Gruppe Jugendlicher, kurz bevor er ermordet wurde. Wir sind zur Zeit dabei, die betreffenden Jugendlichen zu ermitteln. Deshalb sind wir hier.«

»Aber nicht nur deshalb«, ergänzte Mirwald. »Es hat sich inzwischen einiges angesammelt, alles nicht ganz gesetzeskonform. Und immer wieder taucht Ihr Name auf. Eigentlich würden Sie ebenfalls auf die Liste der Verdächtigen gehören. Ein Motiv würden wir schon finden, Streit unter Nachbarn beispielsweise. Das wäre nicht der erste Mord bei solchen Streitereien.«

»Mein Kollege macht einen Scherz, er meint es nicht ernst …«, sagte Dix.

»Doch!« Mirwald klang trotzig.

»… aber mit Ihrer problematischen Einstellung behördlichen Hoheitsaufgaben speziell der Polizei gegenüber hat Mirwald recht, Hochwürden. Wir hatten Sie doch gebeten, sich nicht in unsere Arbeit einzumischen. Ich bin, offen gesagt, enttäuscht von Ihrem Verhalten.«

»Ihre Ermittlungen störe ich aber nicht, oder? Ich unterhalte mich nur mit Menschen, die meinen Freund gekannt haben.«

»Werden Sie nicht spitzfindig!« Mirwald stellte seine Tasse so unsanft auf dem Tisch ab, dass etwas Kaffee überschwappte.

»Ich würde mir doch niemals anmaßen, Ihre Kompetenz in Frage zu stellen.« Baltasars Miene blieb unbewegt. »Aber es gibt doch kein Gesetz, und bitte verbessern Sie mich, Herr Doktor, wenn ich falschliege, das es mir verbietet, mit Menschen zu sprechen. Auch die Themen solcher Gespräche darf ich mir hoffentlich noch selber aussuchen.«

»Solange Sie unsere Ermittlungen nicht behindern, ja«, antwortete Mirwald. »Wir haben jedoch den Eindruck, dass Sie versuchen, unsere Arbeit zu sabotieren. Und da gelangen wir in einen Bereich, wo es anfängt, ärgerlich zu werden und wo die Gesetzesparagraphen eindeutig sind.«

»Ich unterstütze Sie doch, wo ich kann!«

»Das ist genau das Problem. Ihre so genannte Unterstützung macht uns nur noch mehr Arbeit.«

»Immerhin habe ich damit in früheren Fällen …«

»Hochwürden, bitte!« Dix rührte in seinem Kaffee. »Jetzt können Sie beweisen, dass Sie uns wirklich helfen wollen. Erzählen Sie uns alles.«

Der Pfarrer schwieg. Nach einiger Zeit sagte er: »Ich hatte gehofft, die Jugendlichen außen vor lassen zu können.«

»Wir reden hier von Mord! Da müssten Sie aber schon wissen, was wichtiger ist«, antwortete Dix.

»Also gut. Was wollen Sie wissen?«

»Beginnen wir mit den Zeugen vom Spielplatz.«

Senner berichtete über seine Begegnungen im Stadtpark.

»Du lieber Himmel!«, entfuhr es Dix. »Sie werden von diesem Halbstarken mit einem Schlagring angegriffen und versuchen, das alleine zu regeln! Hat bei Ihnen der Verstand ausgesetzt?«

»Dieser junge Mann scheint nicht durch und durch böse zu sein. Ich dachte …«

»Überlassen Sie das Denken uns. Wir kennen uns mit Kriminellen besser aus als Sie!« Mirwald verdrehte die Augen und sah nach oben, als erwarte er von dort himmlische Unterstützung. »Herr Senner, Herr Senner, sind Sie denn von allen guten Geistern verlassen?«

»Ich glaube nicht an Geister. Und Sie sollten das auch nicht tun, Herr Doktor.«

»Aber was da hätte passieren können! Und seien Sie doch nicht so naiv: gewaltbereite junge Männer, die nur ein paar Schritte vom Tatort entfernt sind, und obendrein mehr oder weniger zur Tatzeit. Das ist für unsere Ermittlungen von herausragender Bedeutung!«

»Nun, da ist noch etwas.«

Der Priester berichtete, wie Anton Graf etwa eine halbe Stunde vor seiner Ermordung Streit mit den Jugendlichen hatte.

»Am Ende kam es zu Tätlichkeiten.«

»Tätlichkeiten?« Wolfram Dix bekam einen Hustenanfall. »Sie meinen körperliche Gewalt? Sie haben nette Untertreibungen, Hochwürden. Ich muss meinem Kollegen zustimmen. Das alles hätten Sie uns nicht vorenthalten dürfen! Diese Jugendlichen sind Verdächtige, zumindest sind sie wichtige Zeugen! Wir müssen sie sofort vernehmen. Das ist ein Durchbruch in dem Mordfall! Was wissen Sie noch? Lassen Sie bitte bloß kein Detail aus!«

Baltasar berichtete von seinen Treffen mit Jonas Lippert und Valentin Moser. »Beide waren mir gegenüber offen. Ich habe keinen Grund anzunehmen, dass sie gelogen haben. Deshalb sehe ich in ihnen keine Tatverdächtigen.«

»Mein Gott! Ein Pfarrer, der seine verlorenen Schäfchen wieder einsammeln will, wie niedlich!« Mirwald nahm einen salbungsvollen Ton an. »Dass ihr Priester unbedingt jeden vor der Hölle retten wollt! Es gibt nun mal Gut und Böse. Das ist das Leben.«

»Ich glaube an das Gute im Menschen, bis zum Beweis des Gegenteils.« Senner blieb ruhig. »Was soll daran falsch sein?«

»Laien!« Mirwald schoss das Wort wie eine Gewehrkugel ab. »Das sind die Schlimmsten! Das sag ich schon immer, und Sie, Herr Pfarrer, mit Ihrem verqueren Missionarseifer und Ihrem Aufklärungswahn, Sie gehören eindeutig zu dieser Sorte! Was haben Sie noch für Überraschungen für uns auf Lager? Mir juckt’s in den Fingern, Sie mitzunehmen und zu vernehmen, bis Ihnen Hören und Sehen vergeht!«

»Mirwald, jetzt haben wir extra die Fahrt hierher gemacht«, sagte Dix. »Jetzt will ich nicht gleich wieder zurück nach Passau. Wir bleiben noch.«

»Kaffee?« Der Pfarrer schenkte nach. »Ich kann Ihnen sonst nichts anbieten. Allenfalls von gestern ist noch etwas übrig. Meine Haushälterin …«

»Danke, danke.« Mirwald hob abwehrend die Hände. »Ich hab keinen Appetit.«

Senner war aufgestanden. »Schön, dass Sie mich wieder einmal besucht haben.«

»Das könnte Ihnen so passen«, sagte der Assistent. »So schnell werden Sie uns nicht los.«

»Hochwürden, bitte setzen Sie sich wieder«, ergänzte Dix. »Wir sind noch nicht fertig mit unserem Gespräch. Es gibt noch ein Thema, das wir diskutieren sollten.« Der Kommissar holte ein Foto hervor und legte es auf den Tisch. »Erkennen Sie jemanden auf diesem Foto?«

Senner betrachtete es. »Das bin eindeutig ich, auch wenn ich aus diesem Aufnahmewinkel nicht sehr vorteilhaft aussehe.«

»Es stammt aus der Überwachungskamera einer Bank in Regensburg«, sagte Mirwald. »Der Filialleiter hat die Polizei alarmiert. Verdacht auf Geldwäsche. Und da die Ausweisdaten vorlagen, war es nicht schwer, Sie ausfindig zu machen, Herr Pfarrer. Wieder mal haben wir Sie also bei einer Ihrer Extratouren erwischt. Und wieder haben Sie uns wichtige Informationen in diesem Mordfall vorenthalten.«

»Ich habe mich informiert, was es mit einem gewissen Scheck auf sich hat. Das hat mit Geldwäsche rein gar nichts zu tun. Außerdem ist der Betrag dafür zu niedrig.«

»Mit einem gewissen Scheck auf sich hat …« Mirwald äffte Baltasars Stimme nach. »Ein Scheck des Opfers, den er Ihnen kurz vor seinem Tod ausgestellt hat. Und ein seltsames Konto. Wenn das nicht wichtig ist für unsere Ermittlungen, dann bin ich Jesus und wandle auf dem Wasser.«

»Dazu haben Sie nicht genug Tiefgang«, antwortete Senner. »Der Scheck hat nichts mit dem Mord zu tun. Es war eine großzügige Spende meines Nachbarn Anton Graf für die Renovierung des Dachstuhls unserer Kirche. Übrigens veranstalten wir zu diesem Zweck einen Flohmarkt mit großer Tombola. Sie sind selbstverständlich herzlich willkommen, wir können jede Unterstützung brauchen. Ich schicke Ihnen eine Einladung.«

»15.000 Euro. Das ist ein Wort«, sagte Mirwald. »Menschen sind schon wegen weniger umgebracht worden. Warum diese Großzügigkeit Ihres Nachbarn?«

»Ich war, offen gesagt, selbst überrascht. Aber Anton hatte eben ein großes Herz.«

»Mit fremdem Geld kann man leicht spendabel sein«, warf Dix ein. »Die Zusammenhänge mit der Besitzerin des Kontos werden wir noch zu klären haben. Wo ist der Scheck jetzt?«

Der Pfarrer verschwand in sein Arbeitszimmer und kam mit dem Scheck in der Hand zurück.

»Den müssen wir als Beweismittel mitnehmen.« Mirwald machte Anstalten, ihm den Scheck zu entreißen.

»Finger weg!« Senner zuckte zurück. »Das ist ein Geschenk von Graf an mich. Eine Kopie muss Ihnen reichen.«

»Wir müssen dieser Spur nachgehen. Dazu brauchen wir das Original. Bitte.« Dix drückte seine Hand auf sein Herz. »Ich verspreche Ihnen feierlich, dass Sie den Scheck zurückbekommen. Haben Sie ein wenig Geduld. Dafür kommen wir auch bestimmt zu Ihrer Tombola.«

»Welch ein Trost.« Der Pfarrer übergab den Scheck. »Da geht die Spende dahin.«

»Nachdem wir das erledigt haben, können wir gehen.« Dix stand auf. »Der Tag ist noch viel zu jung, um schon zurück nach Passau zu fahren. Auf, auf, Mirwald, wir müssen dringend diese beiden Jugendlichen vernehmen. Das ist nur ein kleiner Ausflug. Und Sie, Hochwürden, begleiten uns und zeigen uns den Weg.«

28

Während der Fahrt diskutierte Baltasar mit den Kommissaren, ob es Nötigung oder Entführung sei, dass sie ihn mitnahmen. Mirwald meinte, angesichts seiner Verstöße gegen das Gesetz sei das nur eine milde Strafe. Wolfram Dix schien die Unterhaltung nicht zu interessieren, er betrachtete die Landschaft und wies regelmäßig auf Besonderheiten der Natur hin.

Schon bei der Auffahrt zu dem Sacherl merkte Baltasar, dass etwas nicht stimmte: Das Tor des Schuppens stand offen, Jonas Lipperts Motorrad fehlte.

»Niemand da«, sagte er. »Der Junge ist unterwegs.«

»Wir vergewissern uns lieber.«

Sie stiegen aus, und Baltasar führte sie zu der Kellertür.

Mirwald klopfte an. »Hallo, Herr Lippert, hier ist die Kriminalpolizei, öffnen Sie sofort die Türe!« Er öffnete seinen Pistolenhalter.

Es blieb still.

Mirwald rüttelte an der Tür und schlug mit der Faust dagegen. »Öffnen Sie! Sofort!«

Dix fiel ihm in den Arm. »Der junge Mann scheint auf der Walz zu sein. Wir kommen später wieder.«

Sie fuhren zu der Adresse von Valentin Moser, eine Wohnung im Süden von Zwiesel. Eine Frau Ende 40 öffnete, sie trug einen Rock und eine Seidenbluse.

»Ja?«

Mirwald zückte seinen Ausweis. »Kriminalpolizei Passau. Wir würden gerne Herrn Valentin Moser sprechen.«

»Ich bin Valentins Mutter, Jutta Moser. Valentin ist nicht zu Hause.«

»Wann kommt er zurück?«

»Ich weiß es nicht. Worum geht es eigentlich? Hat mein Sohn etwas angestellt? Ist es wegen seiner Freunde?« Ihre Stimme zitterte ein wenig.

Dix stellte sich vor. »Wir wollten ihn lediglich befragen. Wir brauchen ihn als Zeugen. Vielleicht kann er uns weiterhelfen. Dürfen wir reinkommen und auf ihn warten?«

Die Frau zögerte. »Äh … Ich weiß nicht, also … Also … ja, meinetwegen.« Sie öffnete die Tür ganz und führte sie ins Wohnzimmer. »Wollen Sie etwas trinken? Tee, Saft?«

»Danke, nein, sehr freundlich.« Baltasar setzte sich zu den beiden Beamten aufs Sofa.

Die Einrichtung bestand aus hellen, bunt zusammengewürfelten Möbeln, der Teppich war abgewetzt, über dem Couchtisch lag ein Platzdeckchen, darauf stand eine Vase mit Blumen.

»Wissen Sie denn ungefähr, wann Ihr Sohn zurückkommt?« Dix bemühte sich um einen freundlichen Ton.

»Er wollte nur kurz in die Stadt, was erledigen«, sagte die Frau. »Es kann nicht lange dauern.«

»Hat er gesagt, was er vorhat?«, fragte Mirwald.

»Ich … ich weiß nicht. Er ist etwas eigen, wissen Sie. Auf mich hört er nicht. Aber er ist schließlich volljährig und kann tun, was er will.«

»Was sagt der Vater dazu?«

»Wir wohnen hier zu zweit. Ich bin seit vielen Jahren geschieden. Valentin ist mein einziges Kind.«

»Darf ich fragen, was Sie beruflich machen?« Dix rutschte auf dem Sofa hin und her.

»Ich arbeite als Verkäuferin in einem Factory-Outlet-Center für Glaswaren, hier in Zwiesel.«

»Sicher nicht leicht, mit dem Gehalt als alleinerziehende Mutter durchzukommen. Allein die Miete verschlingt viel Geld. Mein Respekt«, sagte Dix mit Nachdruck.

»Es wäre einfacher gewesen, wenn mein Exmann Unterhalt gezahlt hätte, wenigstens einen kleinen Teil dessen, was er hätte zahlen müssen. Aber er ist seit Jahren arbeitslos. Das hat ihm zugesetzt, er ist psychisch angeschlagen. Ich bin nur froh, wenn der Valentin endlich das Abitur schafft und sich nach einem Job umschaut.«

»Will er denn nicht studieren?«, fragte Baltasar.

»Heute will er dies und morgen das. Mir fällt dazu nicht mehr viel ein.« Die Frau seufzte. »Er macht gerade eine schwierige Phase durch. Ich hoffe, das legt sich bald, sonst weiß ich auch nicht … Aber Sie haben mir immer noch nicht gesagt, was Sie eigentlich von ihm wollen.«

»Wir ermitteln im Mordfall Anton Graf«, sagte Mirwald.

Jutta Moser ließ ihr Glas fallen. Es zersprang am Boden, die Flüssigkeit sickerte in den Teppich. Sie beachtete es gar nicht. »Mord?« Sie wurde plötzlich blass.

Dix warf seinem Assistenten einen missbilligenden Blick zu. »Frau Moser, bitte erschrecken Sie nicht, wir wollen nur eine Auskunft von Valentin, das ist reine Routine, seine Freunde und er haben das Opfer möglicherweise kurz vor dessen Tod noch gesehen.«

»Mein Junge … Anton Graf … Ich habe davon in der Zeitung gelesen. Was … was hat mein Sohn damit zu tun?«

»Kennen Sie seine Freunde?« Dix’ Stimme klang beruhigend.

»Ja, die waren ein paar Mal bei uns, aber ich habe Valentin darum gebeten, sie nicht mehr mitzubringen.«

»Warum?«

»Sie haben sich die ganze Zeit in Valentins Zimmer eingeschlossen, die Musik war auf volle Lautstärke gedreht, und die Nachbarn haben sich beschwert. Außerdem waren sie meistens betrunken.«

»Einer von ihnen speziell? Jonas Lippert vielleicht?«

»Jonas Lippert ist Valentins bester Freund. Aber ich werde mit dem Jungen nicht warm. Er ist mir unheimlich. Und seine Klamotten erst, seine ganze Aufmachung!«

»Und seine Freundin Marlies Angerer?«, fragte Baltasar.

Die Kommissare sahen ihn mit großen Augen an. Diesen Namen hatte er vorher noch nicht erwähnt.

»Marlies … Ja. Sie war Valentins Freundin. Als die beiden noch zusammen waren, war Valentin umgänglicher … nicht so verschlossen. Mich hat es gewundert, dass Valentin und Jonas wegen des Mädchens nicht gestritten haben. Aber Jonas und Valtentin verstehen sich immer noch gut.«

»Jonas Lippert scheint ganz schön jähzornig zu sein«, meinte Dix.

»Dazu kann ich nichts sagen. Zu mir ist er immer freundlich. Man sollte diese Dinge bei Kindern in dem Alter nicht überbewerten.«

»Kinder?«

»Ach, manchmal sind sie zwar schon wie Erwachsene, aber manchmal sind sie noch wie Kinder.« Jutta Moser stand auf. »Ich muss das Essen vorbereiten. Wenn Sie mich entschuldigen? Oder wollen Sie nicht lieber später noch mal wiederkommen?«

Baltasar gab seinen Begleitern ein Zeichen. »Wenn es Ihnen nichts ausmacht, warten wir noch ein paar Minuten, am besten im Zimmer von Valentin. Da stehen wir Ihnen bei der Arbeit nicht im Weg.«

Die Frau zögerte. »Meinetwegen, wie Sie wollen. Es ist das Zimmer links vom Gang. Aber bitte nichts anfassen, mein Sohn hasst es, wenn jemand an seinen Sachen dran ist. Das ist sein eigenes Reich, selbst ich betrete es selten.«

»Und wer macht sauber?«

Dix und sein Assistent waren ebenfalls aufgestanden.

»Sie werden es nicht glauben, Herr Kommissar, aber das erledigt Valentin alleine. Er weiß, wie man einen Staubsauger bedient.«

Valentins Zimmer war quadratisch, mit einem Bett, einem Schrank, einem Bistrotisch und drei Stühlen. In der Ecke stand ein Stereoturm, Lautsprecherboxen flankierten die Tür. Auf dem Schreibtisch standen ein Laptop und ein kleiner Fernseher, an der Wand hingen Poster von Kinoactionhelden und Rennwagen. Ein Schnappschuss im Bilderrahmen zeigte das Trio: Jonas, Valentin und Marlies. Der Hintergrund war unscharf, aber Baltasar glaubte, die Schmelzöfen in der Werkstatt der Glasfachschule zu erkennen.

»Und jetzt?« Mirwald setzte sich auf einen Drehstuhl und spielte mit dem Mechanismus.

»Wenn wir schon mal hier sind, könnten wir uns doch ein wenig umsehen«, sagte Baltasar. »Wir werden schon nichts durcheinanderbringen.«

»Nun, da uns die Mutter quasi eingeladen hat, tun wir auch nichts Ungesetzliches.« Dix rieb sich die Hände. »Wo wollen wir anfangen?«

Mirwald nahm sich das Bett vor. Er tastete die Zwischenräume und Ritzen ab. Er hob die Matratze hoch und befühlte den Lattenrost.

»Was haben wir denn da?«

Er zerrte ein Plastiktütchen mit Tabletten hervor, das mit Klebeband an einer Holzlatte befestigt war. Mirwald befeuchtete seinen Finger, fuhr über eine Tablette und kostete die Probe.

»Aspirin ist das sicher nicht«, sagte er. »Sollen wir’s mitnehmen?«

»Lassen Sie mal, Mirwald. Das bedeutet nur zusätzliche Aktenarbeit und bringt nichts. Wir sind nicht vom Drogendezernat. Wir haben einen Mord aufzuklären.«

Sie durchsuchten die Schreibtischschubläden, fanden aber nur Schulunterlagen, Bücher und Fotos, die Valentin mit seinen Freunden zeigten und mit einem Mann – der Ähnlichkeit nach war es sein Vater.

Mirwald filzte sogar die CD-Hüllen, wurde aber nicht fündig. Im Schrank lagen mehr oder weniger geordnet Unterwäsche, Hemden, Socken und Hosen in den einzelnen Fächern. An der Kleiderstange hingen Jacken und Sweatshirts.

»Wenn meine Frau das sehen würde, würde sie in Ohnmacht fallen«, sagte Dix. »Wie man mit so wenig Kleidung auskommen kann!«

»Ich glaube, hier finden wir nichts«, stellte Mirwald fest.

Ein Stoffsack am Boden des Schranks zog Baltasars Aufmerksamkeit auf sich. Er nahm ihn heraus und schüttete den Inhalt auf dem Boden aus.

Mirwald hielt sich die Nase zu. »Dreckwäsche! Das stinkt ja entsetzlich! Packen Sie das sofort wieder ein.«

»Nun, die Socken sind schon länger nicht gewaschen worden.«

Baltasar stopfte sie wieder in den Sack, ebenso die T-Shirts und Unterhosen.

»Ob der junge Mann selber wäscht?« Er wollte gerade ein Sweatshirt wegräumen, als ihm Flecken auf dem Stoff auffielen. »Was ist denn das?« Er zeigte seinen Begleitern das Sweatshirt.

Dix kratzte vorsichtig daran. »Ich würde sagen, das ist getrocknetes Blut.«

Alle drei betrachteten die Flecken. »Das muss nichts heißen«, sagte Mirwald. »Vielleicht hat er sich irgendwo geschnitten.«

»Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden.« Dix drehte das Kleidungsstück auf die andere Seite. »Wir müssen den Stoff im Labor untersuchen lassen. Und wir müssen dringend diesen Valentin befragen.«

Kurz danach hörten sie, dass die Haustür geöffnet wurde. Es folgte ein Wortwechsel in der Küche, von dem jedoch nichts weiter zu verstehen war.

»Was hast du ihnen erlaubt?« Es wurde lauter.

Sekunden später wurde die Tür aufgerissen, und Valentin Moser stürmte herein. »Was fällt Ihnen ein? Hier drin haben Sie nichts verloren. Verlassen Sie sofort mein Zimmer! Raus hier! Sofort, sonst …«

»Sonst was?« Mirwald war aufgesprungen. »Holst du dann deinen Schlagring heraus? Oder deinen Totschläger?«

»Das ist Hausfriedensbruch! Sie sind in meine Privatsphäre eingedrungen. Hauen Sie ab!«

Dann erkannte er Baltasar und baute sich vor ihm auf.

»Das hätte ich mir gleich denken können. Sie Verräter! Kaum spricht man mit einem Pfarrer, schon bringt der die Bullen mit. Gibt es bei Ihnen nicht so was wie ein Beichtgeheimnis?«

»Wir haben nur miteinander geplaudert. Das war keine Beichte.« Baltasar fühlte sich gar nicht wohl in seiner Haut.

»Lüge! Alles Lüge!« Valentins Stimme überschlug sich. »Raus jetzt!«

»Haben Sie wieder Ihre Tabletten eingeworfen?« Mirwald wies aufs Bett. »Setzen Sie sich. Ihre Show können Sie sich sparen. Wir sind nicht zum Spaß hier. Es geht um Mord, und da hört der Spaß auf. Also, setzen Sie sich und beantworten ein paar Fragen, dann sind wir bald wieder weg.«

Valentin Moser ließ sich aufs Bett fallen. »Ich hab doch schon alles dem Pfarrer erzählt. Fragen Sie den.«

»Und Ihre Freunde? Haben die später etwas erwähnt, beispielsweise ob sie Herrn Graf verfolgt haben?«

»Was meine Kumpels gemacht haben, weiß ich nicht.«

»Wir wollen von Ihnen wissen, was an dem Tag des Verbrechens vorgefallen ist. Wo waren Sie zwischen halb zwölf und halb eins?«

Stockend wiederholte Valentin dasselbe, was er bereits Baltasar berichtet hatte.

»Und Sie haben Herrn Graf attackiert.« Mirwald klang wie ein Offizier in der Kaserne.

»Das war harmlos, ein kleines Gerangel.«

»Sie bestreiten also nicht, das spätere Opfer angegriffen und körperlich bedrängt zu haben?«

»Bleiben Sie ruhig, Mann.«

»Ich bin ganz entspannt, Freundchen.« Mirwald fixierte ihn. »Aber Sie weichen mir aus. Beantworten Sie endlich meine Frage!«

»Wie gesagt, es war nicht der Rede wert, Ich hab den Mann höchstens touchiert. Dann ist er gleich verschwunden, und danach habe ich ihn nicht mehr gesehen.«

Mirwald beugte sich zu Valentin vor. »Ich will Ihnen mal was sagen, junger Mann. Nämlich wie es wirklich war. Sie haben sich geärgert, dass ein Erwachsener Ihnen widersprochen hat und sich von Ihrem Benehmen nicht einschüchtern ließ. Das brachte Sie auf die Palme, und Sie steigerten sich in eine riesige Wut gegen diesen Mann hinein. Zugleich hatten Sie Angst, der Unbekannte könnte zur Polizei gehen und Sie anzeigen. Das mussten Sie verhindern, und zwar um jeden Preis. Sie verabschiedeten sich unter einem Vorwand von Ihrer Clique und gingen vermeintlich zur Schule, doch in Wirklichkeit schlichen Sie zurück, Sie kennen ja jeden Baum und jeden Busch in dem Park, und Sie verfolgten Anton Graf unbemerkt. Als der Mann vor dem Brunnen stand, nutzten Sie einen unbeobachteten Moment und stachen zu.«

»Blödsinn!« Valentin Moser spuckte das Wort aus, als wäre es giftig. »Das sind Märchen, blödsinnige Theorien, mehr nicht. Sie können überhaupt nichts beweisen.«

»Sehen Sie sich das bitte an, Herr Moser. Das haben wir in Ihrem Schrank gefunden.« Dix holte das Sweatshirt hervor. »Die Sprengsel darauf sehen aus wie Blutflecken. Haben Sie eine Erklärung dafür?«

Valentin sprang auf und schnappte nach dem Sweatshirt.

»Sie haben in meinen Sachen geschnüffelt!«, brüllte er. »Das geht Sie nichts an! Das ist illegal!«

Mirwald packte ihn an den Schultern und drückte ihn zurück aufs Bett. »Schnüffeln ist der richtige Ausdruck. Die Klamotten stinken wie aus dem Affenhaus. Waschen Sie nie? Oder warten Sie, bis Ihre Mama Zeit hat?«

»Sie … Sie …« Valentin Moser ballte die Faust.

»Also, wie lautet Ihre Erklärung?« Mirwald blieb unerbittlich.

»Das … Das … ist mir passiert, als ich mir die Finger aufgekratzt habe.« Er hob die Hand, am Nagelbett waren dunkle Ränder zu erkennen, es konnte Dreck sein oder getrocknetes Blut. »Da werd ich die Flecken herhaben.« Er wandte sich an Mirwald. »Sind Sie damit zufrieden, Miss Marple?«

Dix packte das Sweatshirt wieder ein. »Wir nehmen es mit und lassen es untersuchen, wenn es Ihnen recht ist, Herr Moser. Das wird Sie entlasten.«

»Und wenn ich das nicht will?«

»Dann nehmen wir es trotzdem mit, Sie Schlauberger«, sagte Mirwald.

»Nur unter Protest.« Valentin lehnte sich zurück.

»Ist zu Protokoll genommen«, sagte Dix. Er steckte das Kleidungsstück in eine Plastiktüte. Mirwald sah ihm zu.

Diesen Moment nutzte Valentin. Er schnellte hoch und rempelte den Assistenten um. Mirwald prallte gegen Dix und riss ihn mit zu Boden. Der Jugendliche sprang mit einem Satz über die beiden Kommissare und stürmte zur Tür. Doch Baltasar war schneller und stellte sich davor.

»Gehen Sie zur Seite, Herr Pfarrer, sonst …«

»Weglaufen bringt nichts, Valentin. Du hättest keine Chance. Wenn du ein reines Gewissen hast, dann stell dich.«

»Sie … Sie haben …«

Der Rest seiner Worte ging in einem Handgemenge unter. Mirwald hatte sich aufgerappelt, war auf den jungen Mann zugehechtet und umklammerte ihn von hinten. Wieder stürzten beide zu Boden, doch diesmal kam der Kommissar auf dem Jungen zu liegen. Er bog Valentins Arme nach hinten, holte Handschellen heraus, legte sie an und ließ sie zuschnappen.

»Jetzt hat der Spaß ein Ende, Cowboy.«

29

Die Küche des Pfarrheims sah aus wie ein Pfadfinderlager. Tannenzweige lagen verstreut auf dem Boden herum, getrocknete Wurzelhölzer stapelten sich auf dem Tisch, Moose und Farne füllten das Abspülbecken. Pawel und Jan, die beiden Buben, hatten sich eine Baumrinde vorgenommen und bemalten sie mit Farbe. Teresa half ihrem Cousin Karol, ein Stück Holz mit einem Küchenmesser zu bearbeiten, es sah nach einem Schnitzwerk aus.

Baltasar bahnte sich seinen Weg durch die Flora zum Kühlschrank. Dort fand er nur eine angebrochene Tüte Milch, einen Rest Butter und zwei offene Dosen mit polnischem Etikett. Er ließ die Kühlschranktür resigniert wieder zufallen.

»Ich noch nicht Zeit hatte zum Einkaufen«, sagte Teresa, die seinen Blick bemerkt hatte. »Wir erst abends essen. Sie sehen, wir sind so beschäftigt mit unseren Fundsachen.«

»Was soll das werden? Ein wenig Brennstoffvorrat? Oder bastelt ihr eine Krippe fürs nächste Weihnachtsfest?«

»Wir haben gefunden bei Spaziergang im Wald«, sagte Karol, ohne von seiner Schnitzarbeit aufzusehen. »Wunderbare Bäume hier in der Region, so gesund und grün. Wir machen Wurzelsepp.«

»Wurzelsepp?«

»Ja, wir gesehen im Geschäft, bemaltes Gesicht auf Holz. Sehr lustig. Schönes Andenken an den Bayerischen Wald.«

»Warum? Wollen Sie schon wieder heimfahren?«

Baltasar hoffte, bald wieder seine Ruhe zu haben und Küche und Arbeitszimmer ohne Störungen benutzen zu können.

»Ach, noch nicht, es ist so schön hier. Danke für Ihre Gastfreundschaft.« Karol lächelte.

»Und wo sind Jana und Lenka?«

»Liegen noch im Bett, machen Schönheitsschlaf.«

Baltasar überlegte, dass es das Beste wäre, das Feld zu räumen und in die »Einkehr« essen zu gehen.

Da läutete es an der Haustür.

Es war Quirin Eder.

»Darf ich reinkommen, Herr Pfarrer?«

»Das ist gerade nicht so günstig. Ich habe Besuch. Aber wir können draußen reden. Oder in der Kirche.«

»Macht nichts. Ich wollte Sie nur um Ihre Hilfe bitten.« Er hob ein Gerät hoch, das aussah wie ein Handroller mit Griff. »Diesmal brauche ich nicht Ihren geistlichen Beistand, sondern Ihre praktische Mithilfe.«

»Gerne. Was kann ich tun?«

»Wir müssten noch mal aufs Grundstück meines Vaters. Ich will jetzt doch eine Bestandsaufnahme machen, für später, nur zur Sicherheit.«

»Wenn’s sein muss. Aber hat das nicht Zeit bis zur Testamentseröffnung? Sie wissen doch noch gar nicht, was Ihr Vater Ihnen alles hinterlassen hat und was überhaupt zur Erbmasse gehört. Oder hat Ihnen der Notar mittlerweile eine Aufstellung zugeschickt?«

»Nein, das nicht. Und die Polizei hat sich bisher auch noch nicht darum gekümmert, obwohl ich diesen Mirwald extra angerufen und ihn gebeten habe, die Vermögenswerte meines Vaters zu recherchieren und im Zweifel sicherzustellen, damit niemand anders sich was untern Nagel reißt. Sie wissen doch, wie gierig die Leute sind, wenn’s was umsonst gibt.«

»Was hat Mirwald gesagt?«

»War ziemlich kurz angebunden, um nicht zu sagen unhöflich, offenbar wollte er mich abwimmeln. Er meinte nur, sie hätten Wichtigeres zu tun als Erbschaftssachen zu regeln. Ich sollte mich ans Amtsgericht wenden.«

»Hat er was zum Stand der Ermittlungen gesagt?«

»Dieser Mirwald, dieser Oberheini, sagte, ich solle mich nicht so aufspielen, ich sei noch nicht aus dem Schneider, sie würden mein angebliches Alibi schon noch genauer überprüfen.«

»Herr Mirwald ist eben ein spezieller Charakter. Das müssen Sie nicht so ernst nehmen. Er hat auch seine guten Seiten.«

»Die hab ich noch nicht entdeckt.«

Quirin öffnete die Gartentür zu Antons Grundstück.

»Jetzt müssten Sie das mal halten, Hochwürden.« Er drückte ihm das eine Ende des Gerätes in die Hand, es war ein übergroßes Maßband, 50 Meter lang, wie der junge Mann sagte.

Die nächste halbe Stunde musste Baltasar auf Anweisungen Quirins das Maßband mal hier, mal da hinhalten: Länge und Breite des Grundstücks, Außenkanten des Gebäudes, Abstand zur Straße, während Antons Sohn sich die Daten notierte.

Zeit, mich abzuseilen, dachte Baltasar eine ganze Zeit später. Er hatte lange genug den Handlanger gespielt.

»Ich muss los, eine Verabredung, Herr Eder.« Er drückte dem jungen Mann das Maßband in die Hand. »Weiterhin viel Erfolg mit Ihrer Unternehmung.«

Er brauchte was zu essen, und zwar in der »Einkehr«.

Auf dem Weg dahin verlangsamte er plötzlich unsicher werdend seine Schritte. Was sollte er zu Victoria sagen? Wie würde sie reagieren? Ihr letztes Zusammentreffen war anders gewesen als sonst, und er war sich nicht sicher, wie sie es wahrgenommen hatte. Er gestand sich ein, dass er nicht den Mumm hatte, sie darauf anzusprechen.

Die Gaststube war etwa zur Hälfte gefüllt. Er nahm einen Platz am Fenster und studierte die Speisekarte. Vom Tisch gegenüber winkte Xaver Wohlrab ihm zu. Der Bürgermeister saß mit zwei Herren zusammen, die Baltasar nicht kannte, vermutlich waren es die Investoren für das Altersheim. Er grüßte zurück, hatte aber nicht die geringste Lust, sich zu dem Trio zu gesellen.

Eine Bedienung kam und fragte nach seinen Wünschen. Sie musste neu sein, er hatte sie noch nie zuvor gesehen. Er gab seine Bestellung auf und erkundigte sich nach Victoria.

»Die ist nicht da«, antwortete die Kellnerin.

»Wann kommt sie denn wieder?«

»Ich weiß es nicht, ich bin hier nur die Aushilfe. Frau Stowasser sagte was von Erledigungen und dass es länger dauern würde.«

»Hat sie eine Nachricht für Herrn Senner hinterlassen?«

»Herrn wer? Nein, sie hat nur gesagt, dass, wenn sie bis zum Abend nicht zurück ist, ich schon mal die Abrechnung machen soll.«

»Gut. Dann richten Sie ihr doch bitte schöne Grüße von Herrn Senner aus. Der bin ich.«

Baltasars Laune war augenblicklich gesunken. Wollte Victoria ihn nicht mehr sehen? War ihr Ausflug nur eine Ausrede? Er schlang sein Essen hinunter, zahlte und wollte gerade wieder gehen, als der Bürgermeister ihn am Arm zurückhielt.

»Herr Senner, machen Sie mir die Freude? Darf ich Sie meinen Geschäftspartnern vorstellen?« Wohlrab zog ihn zu dem Tisch.

Baltasar fügte sich in sein Schicksal und begrüßte alle reihum mit Handschlag, vermied es jedoch, sich zu setzen.

Der Bürgermeister hob Baltasars Arbeit in der Gemeinde hervor, völlig übertrieben, wie Baltasar fand, er pries die Weitsicht und die unternehmerische Denkweise der Herren, deren Idee einer Seniorenresidenz einzigartig sei. Baltasar wurde übel bei so viel Lobhudelei, und unter einem Vorwand verabschiedete er sich.

Zurück ins Pfarrheim wollte er nicht. Schon die Vorstellung von dem Chaos in seiner Küche wirkte wie eine Stimmungsbremse. Er beschloss, die Nachforschungen über den Tod seines Nachbarn fortzusetzen – den Ermahnungen der Kommissare zum Trotz. Vor allem wollte er schneller sein als die Beamten aus Passau, denn es war nur eine Frage der Zeit, bis sie Grafs seltsame Bankverbindung überprüfen würden.

Und er hatte immerhin einen Vorsprung: Sein Freund Philipp hatte Adresse und Telefonnummer der Kontoinhaberin Barbara Spirkl schon herausgefunden. Baltasar meldete sich telefonisch bei der Unbekannten an, er erklärte ihr in aller Kürze, worum es ging. Die Frau war bereits im Bilde, sie sagte, ihre Bank habe sie schon über einen Herrn Senner informiert und er solle einfach vorbeikommen.

*

Barbara Spirkl wohnte im ersten Stock eines renovierten Bürgerhauses in der Altstadt von Regensburg, unweit des historischen Rathauses. Sie war Mitte 40, gepflegtes Äußeres, dezent geschminkt, der Kurzhaarschnitt gab den Blick auf ein Paar Smaragdohrringe frei. Dazu trug sie die passende Halskette, deren Wert wohl dem mehrfachen Monatslohn der meisten Angestellten entsprach.

»Herr Senner? Kommen Sie herein.«

Baltasar stellte sich vor und folgte ihr ins Wohnzimmer. Die Gastgeberin bot ihm einen Platz auf einem Sofa an, das er als Möbel aus der Biedermeierzeit identifizierte. Der Raum war vollgestellt mit Antiquitäten, auf dem Parkettboden lagen Orientteppiche, Ölgemälde hingen an den Wänden, eine Vitrine war gefüllt mit Porzellanfiguren, die vermutlich in Meissen hergestellt worden waren. Auf dem Beistelltisch standen Glasskulpturen, Mann und Frau in inniger Umarmung, moderne Machart.

»Murano?«, fragte Baltasar, um das Schweigen zu brechen.

»Bayerischer Wald«, antwortete Barbara Spirkl. »Viele kennen nur die Objekte aus venezianischem Glas und unterschätzen dabei die Qualität der Künstler aus unserer Region. Deren Werke sind absolut ebenbürtig mit den Leistungen der Glasgestalter aus anderen Teilen der Welt. Dagegen ist Murano nur noch Touristenramsch.«

Baltasar musste an den Hund aus buntem Muranoglas denken, den sein Onkel ihm geschenkt hatte, als er noch ein Kind war. Lange Zeit hatte das Stück einen Ehrenplatz im Regal seines Kinderzimmers gehabt.

»Ich habe kürzlich einen Glaskünstler kennengelernt, Herrn Louis Manrique, er lehrt in der Schule.«

»Ja, ja, der Johann.« Die Frau lachte. »Ich kenne ihn gut, habe auch irgendwo eine Vase von ihm stehen, glaube ich. Eine besondere Persönlichkeit.«

»Verzeihung, der Herr heißt Manrique, Louis Manrique.«

»Hochwürden, ich verrate Ihnen ein Geheimnis: Sein echter Name ist Johann Helfer. Er ist ein Einheimischer aus Spiegelau. Johann oder Hannes, wie seine alten Freunde ihn nennen, fand vor Jahren, dass es besser wäre fürs Geschäft, wenn er sich einen Künstlernamen zulegt. Deshalb wurde aus Johann Helfer über Nacht Louis Manrique. Wenn Sie mich fragen, ich finde das ziemlich albern.«

»Aber … er hat mir erzählt, er habe in Paris gelebt?«

»Kann schon sein. Aber das war wohl eher ein längerer Urlaub. Wie auch immer, Hannes denkt in anderen Dimensionen, er träumt von einer internationalen Karriere. Was haben Sie mit der Glasfachschule zu tun, wenn ich fragen darf?«

»Ich suchte eine Bekannte, die dort Schülerin ist. Ich hatte dort übrigens auch die Gelegenheit, mit dem Glasbläser Herrn Kehrmann zu sprechen und mit Herrn Feuerlein, dem Schulleiter.«

»Ach ja.«

Etwas in der Stimme der Frau verriet Baltasar, dass sie die Männer kannte. Er fragte direkt nach.

»Natürlich bin ich den Herren schon begegnet. Aber das ist lange her. Wenn man wie ich früher mit Glas zu tun hatte, ist es unvermeidlich, die Leute aus der Branche zu kennen.«

»Sie haben in der Glasindustrie gearbeitet?«

»Zu meiner Geschichte kommen wir gern später. Sagen Sie mir doch erst, warum Sie mich treffen wollten.«

Baltasar erzählte, woher er Anton Graf kannte, von der Beerdigung und auch von der merkwürdigen Szene mit den drei unbekannten Männern am Grab.

»Ich glaube, dass dieser Manrique, also … Johann Helfer und Rufus Feuerlein dort auf dem Friedhof waren. Was Herrn Kehrmann angeht, bin ich mir nicht sicher. Haben Sie vielleicht eine Ahnung, warum sie zu der Zeremonie gekommen sind?«

»Es ist so lange her! Dieser Hass ….«

Barbara Spirkl starrte an die Wand.

Dann sah sie Baltasar an und sagte mit fester Stimme: »Keine Ahnung, was die drei Herren dazu motiviert hat. Ich möchte auch nicht darüber sprechen, all das ist längst Geschichte. Nur so viel: Sie sind keine Freunde von Anton.«

Sie erhob sich und servierte Tee in einer Silberkanne.

»Aber Sie sind sicher nicht hier, um mit mir über alte Zeiten zu plaudern, sondern wegen des Kontos. Meine Bank hatte mich ja informiert, dass jemand einen Scheck von Anton einlösen wollte. Haben Sie den Scheck bei sich?«

»Nur eine Kopie. Das Original hat die Polizei.« Baltasar reichte ihr das Papier. »Sie müssen damit rechnen, dass die Kriminalbeamten, die in dem Mordfall ermitteln, bei Ihnen nachfragen werden.«

»Ich bin darauf vorbereitet.« Sie sah sich die Kopie an. »Das ist eindeutig Antons Unterschrift. Ausgestellt an seinem Todestag. Was für ein makabrer Zufall. Warum hat er Ihnen das Geld geben wollen?«

Baltasar berichtete von dem Unfall auf dem Kirchturm und von den zerstörten Glockenhalterungen. »Es war als großzügige Spende für die Renovierung gedacht.«

»Anton hatte schon immer ein Herz für skurrile Projekte.« Sie gab ihm die Kopie zurück.

»Mir ist nur nicht klar, warum er ein fremdes Konto für diesen Scheck benutzte. Er war doch Kunde bei unserer Sparkasse im Ort.«

»Das ist kompliziert zu erklären.«

»Versuchen Sie es?«

Barbara Spirkl ließ einige Stücke Kandiszucker in den Tee fallen und rührte um.

»Wissen Sie, er ist ein alter Freund von mir. Wir kennen uns noch aus seiner aktiven Zeit. Ich habe ihm viel zu verdanken. Deshalb habe ich ihm eine Vollmacht für dieses spezielle Konto eingeräumt, falls er einmal einen außerordentlichen Finanzierungsbedarf haben sollte.«

»Wie definieren Sie außerordentlich?«

»Das habe ich Anton überlassen. Ich habe mit seiner Hilfe durch Investitionen sehr gut verdient. Da wollte ich mich dankbar erweisen. Es waren gewissermaßen Geschenkgutscheine, die Gutscheine waren die Schecks.«

»Hat er denn oft Schecks mit hohen Beträgen ausgestellt?«

»Meistens war es weniger, aber Summen in dieser Größenordnung waren durchaus auch dabei.«

Es klang plausibel, wie sie es erzählte, aber Baltasar hatte dennoch Zweifel. Es war höchst ungewöhnlich, einem Freund, selbst einem guten Freund, so hohe Beträge zu schenken und Blankoschecks zu akzeptieren.

»Sie sprachen von seiner aktiven Zeit. Was meinen Sie damit?«

»Ich dachte, das wüssten Sie, Hochwürden. Anton gehörte früher eine Glasfabrik im Bayerischen Wald, die Angra Gesellschaft mit beschränkter Haftung, mit Hauptsitz in Zwiesel. Sagt Ihnen der Name was?«

Baltasar konnte sich erinnern, Angra war ein Markenname für Haushaltsglaswaren.

»Wissen Sie, Herr Senner, Angra setzt sich zusammen aus den Anfangsbuchstaben der beiden Namen Anton und Graf, ganz einfach.«

Baltasar war erschüttert. Warum hatte sein Nachbar ihm nie etwas davon erzählt?

»Wie groß war seine Firma denn?«

»In den besten Zeiten waren 250 Menschen beschäftigt. Die Firma hatte einen guten Ruf weit über die Region hinaus. Dann gingen die Geschäfte immer schleppender, und Anton zog sich aus dem Unternehmen zurück. Den Markennamen verkaufte er an die Konkurrenz.«

»Und als Privatier zog er zu uns in die Gemeinde. Aber er hat niemandem je etwas über seine Vergangenheit erzählt.«

Die Wahrheit ist aber auch, dachte Baltasar, dass ihn niemand danach gefragt hatte.

»Mit seinem früheren Leben hatte er abgeschlossen. Es war für ihn schmerzhaft zu sehen, wie sein Lebenswerk in fremde Hände ging. In gewisser Weise hatte er versagt, weil er sein Unternehmen nicht aus eigener Kraft weiterführen konnte.«

»Seltsam. Natürlich kenne ich die Angra-Glaswaren, aber der Name Anton Graf ist mir dabei nie untergekommen. Auch in der Zeitung habe ich nie etwas darüber gelesen. Aber vielleicht auch nur, weil ich mich für solche Themen nicht besonders interessiere.«

»Kein Wunder.« Barbara Spirkl stand auf und brachte eine Schale mit Pralinen. »Die müssen Sie probieren, Herr Senner, frisch gemacht und original aus Regensburg.« Sie schob ihm einen Teller hin. »Wo waren wir stehengeblieben? Ja, Anton Graf war nicht in der Geschäftsleitung tätig, sondern er war der Mehrheitsgesellschafter. Ihm gehörten mehr als 90 Prozent der Anteile an der GmbH.«

»Wer leitete dann die Firma?«

»Sie haben ihn bereits kennengelernt. Der Geschäftsführer war Rufus Feuerlein. Später übernahm der die Leitung der Schule.«

Also hatte Baltasar sich nicht getäuscht. Feuerlein war am Grab seines Nachbarn gewesen, und jetzt war er sich auch sicher, dass die beiden anderen Kehrmann und Manrique alias Helfer gewesen waren.

»Und welche Verbindung bestand zwischen Anton und dem Künstler und dem Glasbläser der Schule?«

»Ich glaube, Kehrmann war in der Firma tätig, aber genau weiß ich das nicht, dort arbeiteten wie gesagt Hunderte von Menschen. Sie sollten ihn am besten selber fragen. Und Hannes, der hat ein paar Kollektionen für die Angra GmbH entworfen.«

Baltasar schob sich eine Praline in den Mund. Nougat mit Zimt. Verführerisch, diese Dinger. Er musste sich beherrschen, nicht gleich wieder zuzulangen.

»Mir ist noch nicht klar, Frau Spirkl, wie Sie mit alldem im Zusammenhang stehen. Hatten Sie geschäftlich mit Anton zu tun?«

»Ja, sozusagen. Er gab mir die Chance, mich an der Angra zu beteiligen. Es waren weniger als zwei Prozent der Firmenanteile, aber immerhin war ich dadurch Mitgesellschafterin. Kurz bevor Anton ausstieg, habe ich meinen Anteil wieder verkauft – mit gutem Gewinn.«

»Wer hat Ihren Anteil gekauft?«

»Eine Familiengesellschaft, die bereits Minderheitsgesellschafterin war. Diese Gesellschaft gehörte mehreren Personen, die untereinander verwandt waren. Ihr Sprecher war Rufus Feuerlein.«

»Demnach war der Schulleiter nicht nur Manager, sondern indirekt auch Mitbesitzer der Glasfabrik. Ist diese Familiengesellschaft noch aktiv?«

»Ich weiß es nicht, und es interessiert mich auch nicht. Nachdem ich ausbezahlt wurde und Anton ebenfalls raus aus dem Geschäft war, habe ich mich anderen Dingen gewidmet. Das Kapitel war für mich abgeschlossen.«

»Und wie standen Sie persönlich zu Anton Graf?«

»Wir waren gut befreundet. Deshalb war ich auch so schockiert, als ich von dem Mord in der Zeitung las. Ich habe ihn in der Vergangenheit mehrmals besucht, er hatte sich ein schönes Haus gekauft …«

»… in unserer Gemeinde direkt neben dem Pfarrhof …«

»… und nur mehr privatisiert. Ein Rentner gewissermaßen. Ich glaube, er war in seiner Zurückgezogenheit zufrieden, obwohl er immer wieder auch davon sprach, nochmals durchzustarten.«

»Wie gut waren Sie mit Anton befreundet?«

Barbara Spirkl setzte ihre Teetasse ab.

»Ihre Frage zielt in Wirklichkeit auf etwas anderes. Sie wollen wissen, ob ich ein Verhältnis mit Anton hatte, nicht wahr? Herr Pfarrer, Herr Pfarrer, so etwas fragt man eine Dame nicht, und schon gar nicht als Geistlicher. Meine Antwort ist: Wir waren sehr eng befreundet. Mehr sage ich dazu nicht. Wie Sie vermutlich wissen, war Anton nie verheiratet.«

»Ja. Warum eigentlich nicht?«

»Es schien sich nie ergeben zu haben. Vielleicht hat er nie die Richtige gefunden, mit der er sein Leben teilen wollte. Andererseits war er früher in dieser Hinsicht recht unbeschwert, auch auf Frauen bezogen, er wollte sich wohl nicht fest binden. Und die Glasfabrik hat sowieso das Gros seiner Freizeit in Anspruch genommen. Sie glauben ja nicht, wie schwierig es ist, so ein Unternehmen am Laufen zu halten.«

»Aber Sie sagten doch vorhin, Rufus Feuerlein sei der Geschäftsführer gewesen. Dann hätte der doch eigentlich die Hauptverantwortung zu tragen gehabt, oder nicht?«

»Da kannten Sie Anton schlecht. Er hat sich gerne eingemischt, ob es den leitenden Angestellten passte oder nicht. Darüber hinaus saß er im Beirat der Firma, einer Art Kontrollgremium, vor dem sich auch ein Geschäftsführer rechtfertigen musste. Feuerlein war froh, als Anton sich zurückzog. Aber das ist lange her.«