16
Einen Tag nach der Urteilsverkündung, am Samstag, dem 22. April 2006, schrieb ich einen Brief an die Mitglieder meiner Oldie-Rockband in Hamburg:
«Euch habe ich in der letzten Zeit etwas vernachlässigt. Das Verfahren hier hat mich sehr in Anspruch genommen. Für Eure Unterstützung, Eure Briefe und Mails bedanke ich mich sehr. Für mich war und ist es keine leichte Zeit, umso mehr habe ich mich gefreut! Ihr werdet inzwischen wissen, dass mein Zeitplan nicht aufgeht, ich werde in den nächsten Monaten nicht nach Hamburg zurückkehren können. Ich bin von einer Mischung aus Fassungslosigkeit und Zorn erfüllt, aber auch mit Ärger über meine Naivität. Die USA haben mit einem Rechtsstaat in unserem Sinne nichts zu tun. Ob hier jemand im Gefängnis sitzt oder nicht, entscheiden zu einem beträchtlichen Teil Zufall und Willkür. Die hiesige Staatsanwaltschaft ist nicht an Wahrheit, sondern an Verurteilung interessiert, der Jury werden völlig ungeniert mit Vorsatz Lügen und Verdrehungen aufgetischt. Wer von Euch zu meinem Fall nähere Einzelheiten wissen möchte, sollte sich auf ein Glas Wein mit Jan, der mich hier mit verteidigt, und Anne zusammensetzen. Ich selbst werde mit der Situation vergleichsweise gut fertig. Was wirklich wehtut, ist die Trennung von den Kindern, von Veronika und von den Freunden, von Euch. Aber wir arbeiten daran. Schreiben kann ich, wie Ihr seht. Telefonieren geht momentan begrenzt innerhalb von Florida, vielleicht aber bald auch nach Deutschland.
Natürlich fehlt mir das Musikmachen mit Euch. Ich habe allerdings begründete Hoffnung, dass ich ab August die Möglichkeit habe, zumindest zeitweise an eine Gitarre zu kommen. Ich werde selbstverständlich berichten. Von Euch wünsche ich mir, dass Ihr auf jeden Fall weitermacht und alle noch da seid, wenn ich zurückkomme – auch wenn das noch etwas dauern wird. Vielleicht findet Ihr einen Keyboarder, der für mich einspringen kann. Ansonsten – ohne geht es auch!
Habt nochmals vielen Dank für alles und grüßt Eure Lebensgefährten und Lebensgefährtinnen von mir. Stay tuned (ich mache das auch)! Reinhard»
Wenn ich heute auf jene Tage zurückblicke, so denke ich: Das war eigentlich die schlimmste Zeit. Bis zum 21. April 2006 hatte ich mit der Hoffnung gelebt, dass dieser Albtraum mit dem Urteil der Jury einfach vorbei sein würde. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte es mir auch nicht so viel ausgemacht, dass ich wieder im Broward County Jail saß, denn ich verbrachte meine Tage ja ohnehin im Gericht, wo ich mit Jeanne Baker und Jan Jütting sprechen konnte, und ab und zu auch mit meinen Kindern.
Aber jetzt war zum ersten Mal klar: Das hier konnte noch Jahre dauern. Erst einmal musste ich noch Monate auf die Entscheidung über mein Strafmaß warten, dann erst konnten wir über weitere Schritte entscheiden: darüber, in den appeal zu gehen oder meine Überstellung in ein deutsches Gefängnis zu betreiben.
Es war nicht zu fassen: Wir hatten die Jury nicht von meiner Unschuld überzeugen können. Das konnte ich gar nicht verstehen. Nach wie vor fiel es mir schwer, den Prozess überhaupt aus dieser Perspektive zu betrachten. Mein ganzes Berufsleben hatte gegolten: in dubio pro reo, im Zweifel für den Angeklagten. Und jetzt hatten ein paar vage Zweifel, ob an den Vorwürfen nicht doch irgendwas dran sein könnte, gereicht, um mich aus allem herauszureißen, was mein bisheriges Leben gewesen war. Während meine Kinder und die Mitarbeiter meiner Kanzlei zu Hause weiterkämpfen mussten, dass dieses Urteil nicht auch noch die Existenzgrundlage unserer Familie und ein gutes Dutzend Arbeitsplätze vernichtete.
Das Letzte, was ich mir jetzt aber leisten konnte und wollte, war Selbstmitleid. An meinen Mitgefangenen konnte ich jeden Tag beobachten, was aus Menschen wird, die sich selbst aufgeben. Vielen von ihnen wurden Psychopharmaka verschrieben. Mir hat man solche Medikamente nie angeboten. Ich habe auch nie tagelang auf dem Bett gelegen, an die Decke gestarrt und mich irgendeiner Verzweiflung hingegeben.
Am Nachmittag des 26. April 2006 schrieb ich zwei lange Briefe nach Hamburg. Beide sollten mir und meinen Angehörigen helfen, die Lähmung zu überwinden, auch wenn es nicht einfach war, den Blick jetzt wieder in die Zukunft zu richten. Mein Brief an Jan Jütting beschäftigte sich mit der Frage, welche rechtlichen Möglichkeiten es noch gab, am Urteil der Jury zu rütteln. Trotz aller juristischen Fragen, so fand ich aber, musste sich das Leben in Hamburg auch mal wieder um etwas anderes drehen als um meinen Fall. Und das schrieb ich meinen Kindern in einem zweiten Brief.
Erst einmal erzählte ich von meinen Gedanken und Gefühlen: «Es gibt viele Dinge, die mir in den letzten Monaten durch den Kopf gegangen sind. Da ist nicht nur meine unglaubliche Dummheit, überhaupt hierher zu fahren, nicht nur die hochkriminelle und skrupellose Falschbeschuldigung durch Carl F. und sodann die Willkür-Entscheidung einer amerikanischen Jury, es ist vor allem der gedankliche Umgang damit, den ich an mir selbst beobachte.» Im Grunde genommen, führte ich weiter aus, sei der Blick zurück nämlich ziemlich schnell abgehakt. «Das ist schon erstaunlich, andere Leute würden möglicherweise den ganzen Tag in ihrer Zelle rumrennen und über Vergeltung nachdenken – ich nicht.» Ich suchte vielmehr nach anderen, positiveren Themen, auf die ich meine Gedanken richten und mit denen ich meine Hoffnung auf das Leben nach dem Knast nähren konnte: Ich wollte mir jetzt die Umbaupläne für unser Haus auf Mallorca vornehmen. Ich brauchte etwas, worauf ich mich freuen konnte.
Ich schrieb den Kindern, wie wichtig es sei, dass sie sich jetzt wieder auf ihre Ausbildung konzentrierten. Die vier sollten sich bei all dem, was ohnehin noch auf sie zukam, jedenfalls keine Sorgen um mein Befinden machen. «Wenn Ihr die letzten Monate betreffend meine Person Revue passieren lasst (und diesen Brief richtig lest)», so schrieb ich ihnen, «dann werdet Ihr wissen, dass ich offenbar mit einem ziemlich gesunden Überlebenswillen ausgestattet bin. Ich komme klar, und ich glaube, das wisst Ihr auch. Das Schwierigste für mich ist, hier ohnmächtig zu sitzen und Euch so wenig helfen zu können.»
So wollte ich es gerne sehen. Aber für einmal hatte ich meine Kräfte falsch eingeschätzt.
In der darauffolgenden Nacht begannen mich ungute Träume zu quälen. Am nächsten Morgen erinnerte ich mich nur bruchstückhaft daran: Es ging um ein Auto. Ein paar mir unbekannte Personen hatten etwas angestellt: Das Fahrzeug geklaut? Einen Unfall gebaut? Irgendwie hing ich da mit drin und wurde von der Polizei verfolgt.
Nach dem Aufwachen fühlte mich unwohl. Ich spürte einen dumpfen Schmerz, besser ein dumpfes Drücken unterhalb meiner Brust, das von dort abwärts in meinen Bauch ausstrahlte. Ich versuchte, erst einmal tief durchzuatmen und mich zu entspannen. Doch das half überhaupt nichts, im Gegenteil. Ich begann intensiv zu schwitzen. Was geschah mit mir? War das ein Herzinfarkt? Oder ein Schlaganfall? Ich bekam es mit der Angst zu tun.
Einer meiner roommates schaltete sofort, drückte den Alarmknopf in unserer Zelle und erklärte durch die Gegensprechanlage, dass ich ärztliche Hilfe brauchte. Dann ging alles sehr schnell: Ein Schließer kam in die Zelle und rief sofort zwei nurses. Ich war inzwischen schweißgebadet. Die beiden Krankenpfleger hatten ihren Notfallkoffer und checkten erst mal meinen Blutdruck: 63 zu 41, ein ganz ungewöhnlich niedriger Wert. Ich war aufgestanden, bemerkte aber ein leichtes Flimmern vor den Augen und musste mich sofort wieder hinsetzen. Irgendwer hatte schon einen Rollstuhl geholt, packte mich hinein und schob mich aus der Zelle in den Untersuchungsraum auf der infirmary.
Dort wurde ich sofort an ein EKG angeschlossen. Ich begann, mich ein wenig zu beruhigen. Immerhin kümmerte man sich schnell und tatkräftig um meine Gesundheit. Kurz darauf stürmten zwei firefighters ins Behandlungszimmer. Eine blonde junge Frau gab die Kommandos, ein junger Mann folgte ihren Anweisungen, während sie mich noch einmal umbetteten, an ein Dauer-EKG anschlossen und auf einer rollbaren Liege auf den Hof schoben, wo schon ein Notarztwagen auf mich wartete. Mit Blaulicht und Sirene rasten wir ein paar Kilometer durch Fort Lauderdale ins Broward General Medical Center.
Dass etwas Ungewöhnliches passiert war, erfuhren meine Töchter nur wenige Stunden später. Sie hatten, wie jeden Tag nach meiner Verurteilung, morgens als Erstes meinen Namen in die Suchmaschine des Bureau of Prisons eingegeben. Jeden Tag war mit meiner Verlegung zu rechnen, und dann wusste man wieder einmal nicht, wohin die Reise ging. An diesem Vormittag aber erschien, nach Eingabe des Namens Reinhard Berkau, unter inmate search die rätselhafte Auskunft: not in custody. Nicht mehr in Haft. Was hatte das zu bedeuten? Natürlich riefen sie sofort Jeanne Baker an, aber sie wusste von nichts.
Meine Töchter, die gerade erst den Schock meiner Verurteilung hatten verkraften müssen, waren höchst alarmiert. Über Kontaktpersonen von Andreas B., der ja auch im Broward County Jail saß, erfuhren sie schließlich, dass ich ins Krankenhaus abtransportiert worden war. Sie telefonierten sämtliche Kliniken der Umgebung ab, aber sie hatten keine Chance, mich zu finden: Gefangene werden grundsätzlich unter Pseudonym ins Krankenhaus eingecheckt, um Befreiungsversuche zu vereiteln. Für ihre unmittelbaren Angehörigen sind sie damit praktisch wie vom Erdboden verschwunden.
Sollte eins meiner Kinder schon wieder in das nächste Flugzeug nach Miami steigen, um herauszufinden, was mit mir los war, ob ich ihre Hilfe oder ihre Nähe brauchte? Vorher versuchten sie es noch mit einer zweiten Telefonrunde bei den Krankenhäusern, und diesmal traten sie etwas energischer auf. Schließlich fragte eine entnervte Rezeptionistin nach meinen Geburtsdaten, gab diese in den Computer ein – und zögerte mit ihrer Antwort dann doch einen Augenblick zu lange. «Darüber darf ich Ihnen keine Information geben», erklärte sie streng. Die Botschaft war angekommen: Meine Töchter baten Jeanne Baker, sofort in der Klinik nachzufragen, was mit mir los war.
Mir ging es, den Umständen entsprechend, inzwischen schon wieder ganz gut. Mein Zustand hatte sich, das hatte ich selbst registriert, rasch wieder stabilisiert. Ich war mit Hilfe diverser Apparate gründlich untersucht worden. Auf einer komfortablen Liege, allerdings mit der linken Hand und dem linken Fuß angekettet, konnte ich die Aufzeichnungen meiner Werte auf einem Monitor verfolgen. Blutdruck und Herzfrequenz schienen in Ordnung. Ich hatte einen kurzen Blick auf den EKG-Ausdruck aus dem Broward County Jail werfen können: Mit der Kurve konnte ich nichts anfangen. Aber rechts oben auf dem Bogen war vermerkt, dass es Unregelmäßigkeiten gebe und ein Herzinfarkt unbekannten Alters nicht auszuschließen sei.
Zum Abschluss der Untersuchungen ließen sie mich einen sogenannten Stress-Test absolvieren. Dazu gehörte ein Belastungs-EKG auf dem Fahrrad und eine Spritze, die meinen Puls kurzfristig in die Höhe trieb. Solche Tests macht man nur mit Patienten, die nicht akut gefährdet sind, das wusste ich.
Danach wurde ich in ein ganz normales Einzelzimmer verfrachtet. Auf einem Plastik-Armband, wie es Neugeborene auf der Entbindungsstation tragen, war vermerkt, wie ich für die Dauer meines Krankenhausaufenthaltes heißen sollte: Ronald Black. Ich hatte einen Fernseher am Bett und konnte mir das Programm selbst aussuchen. Zwei bewaffnete deputies im Schichtdienst passten auf mich auf. «Okay, ich liege jetzt im Zimmer 6006 und mir geht es gut. Da kommt eine Krankenhausangestellte rein, mit einem Mini-Computer (Palm-Top) in der Hand und fragt die deputies und mich, was es denn zum Essen sein soll: Hamburger oder Beef-Stew oder Sandwich mit Chicken-Salad? Ich wähle verantwortungsbewusst das Sandwich. Ob als sidedish ein Salat gewünscht wird? Yes! Ob ich Milch, Fruchtsaft oder Eistee gerne hätte? Fruchtsaft. Welcher es denn sein soll, Apfelsaft, Orangensaft oder Cranberries? Cranberry natürlich, soll die Nierenfunktion anregen. Als sie sich anschickt rauszugehen, schaue ich die deputies an und sage zu ihnen: ‹I think I am in Paradise!›» So schilderte ich diesen Teil dieses Erlebnisses in einem Brief an meine Kinder. Ich hatte noch nachträglich meinen Spaß daran. Es hatte mir einfach gutgetan, für kurze Zeit mal wieder so behandelt zu werden, wie ich es mein Leben lang für normal gehalten hatte.
Nach zwei Tagen erfolgte die Vertreibung aus dem Paradies. Es ging zurück ins Broward County Jail. Niemand sprach mit mir über die Ergebnisse der Untersuchungen. Der junge Gefängnisarzt versprach mir immerhin, die Befunde anzufordern. Ich selbst vermutete, dass mein Zusammenbruch die Folge der hartnäckigen Magen-Darm-Beschwerden war, die durch die einseitige Gefängniskost und meine noch einseitigere Auswahl daraus verursacht worden waren. Heute ist mir aber klar, dass mein Körper damals etwas ausgedrückt hat, was ich meiner Psyche einfach nicht erlauben konnte: den Zusammenbruch.
Meine Zellengenossen hatten während meiner Abwesenheit darauf geachtet, dass meine Sachen nicht wegkamen und mein Bett nicht anderweitig belegt wurde. Auf diese Jungs war wirklich Verlass. Das Leben im Knast konnte weitergehen.