EPILOG

 

6. AUGUST

Chartres, Frankreich
00:03 Uhr

 

Die Stadt erhob sich über den golden wogenden Weizenfeldern wie eine mittelalterliche Insel. Tausend Jahre alte Mauern, deren Mörtel die Jahrhunderte geglättet hatten, zeigten unübersehbar das Alter des ehemaligen Fürstensitzes an. Fachwerkhäuser begrenzten die schmalen Kopfsteinpflasterstraßen. Uralte Brücken führten über die Eure, deren drei tintendunkle Zuflüsse von Steinbögen überwölbt wurden.

Chartres. Etwa neunzig Kilometer südwestlich von Paris gelegen, war die Stadt geradezu ein Magnet für wichtige historische Ereignisse, und sie war Zeugin einiger der düstersten Tage der Menschheit.

Der Schwarze Tod. Das Große Sterben.

Den Hügel, auf dem der Ort errichtet worden war, krönte Notre-Dame de Chartres, eine der beeindruckendsten Kathedralen Europas. Zwei schwindelerregend hohe Kirchtürme, deren faszinierende Gestaltung so typisch für die Architektur des 12. bis 16. Jahrhunderts sein sollte, ragten über einhundert Meter hinauf in den Himmel und waren schon aus vielen Kilometern Entfernung aus allen Richtungen zu erkennen. Strebebögen umgaben die gotische Basilika und die mächtige romanische Krypta, deren Fundamente eine Fläche von fast 12 000 Quadratmetern umschlossen. Mittelalterliche Skulpturen schmückten die Fassade und Portale, Buntglas die Fenster.

Es war kurz nach Mitternacht. Die Straßen um die Kathedrale waren verlassen. Gerüchte hatten die Runde gemacht, sodass sich keine Seele nach draußen wagte, um nicht den Zorn Gottes auf sich zu ziehen.

 

Zu Fuß näherten sie sich der Kirche. Jedes Mitglied hatte den Tag zuvor irgendwo isoliert im Ort verbracht. Sie kamen nicht alle auf einmal, sondern in einem gewissen Abstand voneinander. Durch eine höhlenartige Passage, deren Eingang auf einem angrenzenden Grundstück lag und von dichtem Laubwerk verhüllt wurde, betraten sie das Gebäude.

Neun Männer. Jeder von ihnen trug eine schwere Mönchsrobe, deren Kapuze sein Gesicht verhüllte.

Neun Männer. Ihre Namen wurden niemals ausgesprochen, keiner wusste, wer die anderen waren, um zu verhindern, dass sich einer über den anderen aufspüren ließ oder einer die Identität des anderen würde preisgeben können, sollte man ihn foltern.

Die neun Unbekannten.

 

Das unterirdische Lagezentrum befand sich drei Stockwerke unter der Kirche, seine Wände waren mehr als zwei Meter dick. Der Raum enthielt einen eigenen Generator und war mit Sechzehn-Kanal-Nachtsicht-Überwachungsmonitoren und drei kreisförmigen Sicherheits-Computerstationen ausgestattet. Ein Mitglied der Neun saß an einer Computerkonsole, sieben weitere hatten es sich auf hochlehnigen gepolsterten Sesseln um einen großen, ovalen Eichentisch herum bequem gemacht. Acht Männer, die durch die Ereignisse der letzten Monate zu anderen Menschen geworden waren. Sie warteten auf das Eintreffen ihres Führers.

Pankaj Patel saß im siebten Sessel. Der Psychologieprofessor schien in rasendem Tempo einen uralten aramäischen Text zu lesen. Nummer fünf, ein siebenunddreißig Jahre altes Technik-Genie aus Österreich, zu dessen Vorfahren Nikola Tesla gehörte, verließ von Neugier getrieben seinen Sicherheitsposten, um mit dem neuesten Mitglied der Sekte zu sprechen. »Du liest den Zohar?«

»Ehrlich gesagt überfliege ich das Buch nur.«

»Was ist los, Sieben? Hast du eine Wette mit dem Ältesten verloren?«

»Ich habe gewisse Dinge gesehen, Fünf. Ich bin über das Wasser gegangen.«

»Ich dachte, das war Eis.«

»Es war ein Wunder, schlicht und einfach. Jetzt bin ich ein anderer Mensch geworden. Ich bete. Ich spreche die Danksagungen. Ich schreibe sogar ein spirituelles Buch. Alle Einnahmen daraus werden an die neue Kinderklinik in Manhattan gehen.«

»Bewundernswert. Aber sag mir doch mal, Sieben: Wenn du betest, bittest du dann auch für die Seele Bertrand DeBorns?«

»Halt endlich die Klappe, Fünf.«

»Sieben!« Der Älteste hatte den Raum betreten. Der Blick aus seinen undurchdringlichen Augen fixierte Patel vorwurfsvoll. »Selbstbeherrschung, mein Freund. Denk immer daran.«

»Ich bitte um Entschuldigung, Ältester.«

Nummer fünf und der Älteste setzten sich ebenfalls in die für sie vorgesehenen Sessel um den ovalen Eichentisch. »Nummer drei, es ist gut, dass du hier bist, besonders angesichts deiner neuen Verantwortung im Politbüro. Werden unsere russischen Freunde Präsident Kogelos neuem Abrüstungsplan zustimmen?«

»Wenn du mich vor zwei Tagen gefragt hättest, hätte ich ganz entschieden mit nein geantwortet. Doch inzwischen haben vier Hardliner einen tödlichen Herzinfarkt erlitten.«

»Das muss am Wasser liegen«, warf Nummer acht, ein chinesischer Arzt Mitte sechzig, ein. »Auch bei uns sind letzte Woche zwei der radikaleren kommunistischen Parteiführer gestorben. Niemand vermutet irgendwelche Manipulationen, doch wie der Älteste so gerne sagt: Es gibt keine Zufälle.«

»Möchtest du dazu einen Kommentar abgeben, Nummer sieben?«

»Das muss Shepherd sein«, stellte Pankaj fest. »Man muss sich nur mal vor Augen halten, was mit den Neocons in Israel passiert ist … und mit den Hardlinern in der Hamas. Nicht zu vergessen die beiden radikalen Geistlichen im Iran, die vor den Wahlen gestorben sind.«

»Aktion gleich Reaktion«, erwiderte Nummer sechs, ein mexikanischer Umwelt-Aktivist und Nachfahre der Zapoteken. »Während Shepherd versucht, durch direkte Eingriffe in die physische Welt den Ablauf der Ereignisse zu steuern, wird Santa Muerte in der Dunkelheit darunter immer mächtiger.«

»Woher willst du das wissen, Nummer sechs?«

»Irgendwie ist es der Schnitterin gelungen, einen Spalt zu öffnen, durch den sie aus der Hölle Zugang zur physischen Welt gefunden hat. Vor zwei Wochen hat sie die Überreste eines Priesters exhumiert, der in Guadalajara an der Schweinegrippe gestorben war, und damit eine lokale Hochzeitsgesellschaft infiziert.«

Der Älteste lehnte sich im Sessel zurück. »Ebenso wie Kaiser Ashoka und Monseigneur de Chauliac vor ihm muss Mr. Shepherd lernen, sich zu beherrschen. Und wir müssen einen Weg finden, mit unserem neuen Engel der Dunkelheit Kontakt aufzunehmen. Nummer sieben, hatte deine Frau irgendwelche übernatürlichen Erlebnisse, seit du mit deiner Familie wieder nach Manhattan gezogen bist?«

Der Professor schien sich unbehaglich zu fühlen. »Nein, Ältester.«

»Und was ist mit deiner Tochter?«

 

 

Trinity-Friedhof
Washington Heights, Manhattan, New York
12:03 Uhr

 

An diesem Tag im August brannte die Mittagssonne auf die fünf großen Stadtbezirke New Yorks nieder, und die Hitze, die von den Bürgersteigen aufstieg, ließ den Zement wie Steinplatten in einem Backofen wirken.

An der Oberfläche des Hudson konnte das bloße Auge kaum eine Bewegung erkennen, doch auf mikroskopischer Ebene schleuderten Miniatur-Tsunamis unzählige Wassermoleküle in die Atmosphäre und erhöhten die Feuchtigkeit der Kumuluswolken, die sich bereits im Westen bildeten.

In der Stadt stöhnte die Menge unter der Mittagshitze. Geschäftsleute eilten von einem klimatisierten Gebäude ins nächste, während rotgesichtige Straßenverkäufer unter großen Sonnenschirmen und vor tragbaren Ventilatoren Erleichterung suchten.

Vierzig Tage waren mit einer gründlichen Inspektion Manhattans vergangen, weitere einhundertdreiundfünfzig mit dem Abtransport von Trümmern, vielfältigen Reparaturarbeiten und zahlreichen Gottesdiensten. Der Puls des Big Apple hatte erneut zu schlagen begonnen. Inzwischen lebten schon fast wieder sechshunderttausend Menschen in Manhattan, und die gesunkenen Mieten versprachen einen weiteren Zustrom.

 

Der Friedhofswärter schlief in seinem Büro seinen Rausch aus. Über einer Klimaanlage, die ihre Garantiezeit längst hinter sich hatte, waren die Jalousien heruntergezogen worden. Im Augenblick gab es keine Beerdigungen, und die Sommerhitze hatte die Touristen vertrieben.

Es gab nur zwei Besucher.

Unter einer gnadenlosen Sonne standen eine Mutter und ihre Tochter inmitten einer Metropolis aus Mausoleen und alten Gräbern und starrten auf einen polierten Grabstein. Nach zehn Minuten fragte das Kind: »Wurde Patrick hier wirklich beerdigt, Mommy?«

Leigh Nelson wog ihre Antwort sorgfältig ab. Sie dachte darüber nach, welche Formulierung der Wahrheit die Neugierde ihrer Tochter befriedigen würde, ohne das Mädchen in Albträume zu stürzen. »Patrick ist jetzt bei Gott. Der Grabstein ist nichts weiter als ein Ort, wo wir ihm sagen können, wie sehr wir ihn lieben und wie sehr wir ihn vermissen.« Ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Und wie dankbar wir ihm für das sind, was er getan hat.«

Der Fahrer des Range Rover, der vor dem Gittertor des Westeingangs parkte, drückte auf die Hupe.

Leigh lächelte Autumn an. »Ich glaube, wir müssen los. Daddy vermisst uns.«

»Ich möchte noch bleiben.«

»Ich weiß, aber es ist Dienstag, und Daddy muss zurück zur Arbeit. Wir kommen ein andermal wieder, vielleicht am Wochenende. Okay, Schätzchen?«

»Okay.«

Hand in Hand gingen sie über die geborstenen Steinplatten des Friedhofswegs den steilen Hang des Hügels hinab. Auf halber Höhe sah Leigh ein elfjähriges Hindu-Mädchen, das im Schatten eines Grabes saß. Sie wartet geduldig auf eine Privataudienz. Leigh winkte.

Dawn Patel winkte zurück. Dann eilte sie den steilen Hügel hinauf. Das Grab mit der Skulptur des engelgleichen Kindes ließ sie sicher den Weg zwischen allen anderen Gräbern hindurch finden.

Sie legte eine von zwei Rosen auf das ältere Grab, während sie leise die Inschrift las.

 

PATRICIA ANN SEGAL

20. AUGUST 1977 – 11. SEPTEMBER 2001
GELIEBTE MUTTER UND SEELENGEFÄHRTIN

 

DONNA MICHELE SHEPHERD

21. OKTOBER 1998 – 11. SEPTEMBER 2001
GELIEBTE TOCHTER

 

Der Grabstein gleich daneben war neu. Er war von den sechsunddreißig Überlebenden errichtet worden, die man zwei Tage nach dem Grauen der Dezember-Epidemie im Museum der Freiheitsstatue entdeckt hatte – sechsunddreißig Menschen, von denen kein einziger mit der Pest infiziert war.

Die Inschrift dieses Grabsteins war derjenigen des ersten auf unheimliche Weise ähnlich.

 

PATRICK RYAN SHEPHERD

20. AUGUST 1977 – 21. DEZEMBER 2012
GELIEBTER SEELENGEFÄHRTE – GESEGNETER FREUND

 

Das Mädchen legte die zweite Rose auf dieses Grab, in dessen Sarg nur die Armprothese ihres verstorbenen Besitzers lag. Dawn trat einen Schritt zurück und setzte sich auf den Rand eines Steines in der Nähe, der sich so sehr aufgeheizt hatte, dass sie es selbst durch ihre Denim-Shorts hindurch kaum aushalten konnte.

Wenige Augenblicke später fühlte sie die weibliche Präsenz ihres Schutzengels zu ihrer Linken – und die plötzliche Kühle, die die dunklere männliche Kraft zu ihrer Rechten ausströmte. »Ihr beide wurdet am gleichen Tag geboren. Ich finde das so romantisch.«

Dawns Kopfhaut kribbelte, als das übernatürliche weibliche Wesen ihr spielerisch das Haar zerzauste.

Der düstere Schnitter blieb halb im Schatten einer Eiche verborgen.

»Bald fängt die Schule wieder an. Es heißt, dass einige Klassen zusammengelegt werden, bis wieder mehr Leute in die Stadt kommen.«

In der Ferne grollte der Donner. Bizarre Formen erschienen am westlichen Himmel. Die tief hängenden Wolken wogten auf und nieder wie zwölf Meter hohe Wellen, und der Horizont schimmerte limonengrün.

»Ach ja, erinnerst du dich noch an das Wunderbaby, das Neugeborene, das in einem Brutkasten im VA Hospital gefunden wurde? Das Mädchen ist endlich adoptiert worden, aber niemand sagt einem, wer die neuen Eltern sind. Angeblich war es ihre Mutter, die Scythe freigesetzt hat. Mein Gott, kannst du dir vorstellen, wie es ist, wenn so etwas ständig über einem hängt?«

Die höchsten Blätter der Eiche wurden vom Wind nach oben geweht – ein untrügliches Zeichen für das kurz bevorstehende nachmittägliche Gewitter.

»Aber sei’s drum. Ich wollte eigentlich nur vorbeikommen, um euch alles Gute zum Geburtstag zu wünschen. Und jetzt sollte ich schon gleich wieder los. Meine Mutter glaubt, dass ich mir bei Minos ein Stück Pizza hole. Übrigens, weißt du, dass das Baby nach dir benannt wurde? Patrick Lennon Minos. Ich finde das ziemlich cool.«

Die Atmosphäre änderte sich und war plötzlich von Elektrizität erfüllt. Hinter dem Mädchen war die Ladung besonders stark, doch bevor Dawn sich der Störungsquelle zuwenden konnte, riss der weibliche Geist sie von ihrem Platz am Grab weg – nur Sekundenbruchteile, bevor die sich materialisierende Sensenklinge auf den jetzt leeren Stein niederkrachte.

Kaum hatte sich Dawn wieder gefasst, sah sie von Grauen erfüllt, wie die Hexe aus einem mit eisernen Gittertoren verschlossenen Mausoleum heraus auf sie zustürmte. Die Schnitterin trug eine gewellte schwarze Perücke und ein dazu passendes Satinkleid. Die höllische Macht griff mit ihren zehn fleischlosen Fingern nach ihr, doch ihr männliches Gegenstück sprang ihr entgegen.

Als die beiden Wächter des Todes mitten in der Luft gegeneinanderprallten, entstand ein violetter Lichtblitz, der von der Erde in den Himmel schoss und die jahrhundertealte Eiche in zwei Teile spaltete.

Die aus einem außerweltlichen Reich stammende Energie riss die beiden Gestalten in eine andere Dimension.

Dawns spirituelle Begleiterin drängte und schob das Mädchen die Ostseite des Hügels hinab und weigerte sich, stehen zu bleiben, bis die beiden den Broadway erreicht hatten.

Dann verschwand auch sie.

Während sie heftig in der Augustsonne schwitzend auf dem Bürgersteig stand, versuchte das Mädchen sich zu beruhigen. Über ihr hatte sich die wogende, olivfarbene Wolkenformation aufgelöst.

Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sich Dawn Patel allein.

 

Das Bewusstsein, das einst Patrick Shepherd war, erwacht.

Von Dunkelheit umhüllt, kniet er auf einem flachen, felsigen Berggipfel. Purpurne Blitze erhellen das Tal unter ihm und erlauben ihm kurze Blicke auf die Gehenna. Ein einzelner Funke lässt einen Busch hell orangefarben aufflammen, doch dann strömt aus den dichten Zweigen und Blättern nur schwefeliger Rauch, ohne dass sie zu brennen scheinen.

Eine Frau tritt aus dem Schatten ins Licht … und ihr nackter Körper ist deutlich zu sehen.

Ihre Haut besteht wie menschliche Fingernägel aus Keratin und ist so fahl wie reflektiertes Mondlicht. Ihr langes, gewelltes Haar ist ebenholzfarben wie der Abgrund. Ihr nackter Körper ist das Urbild sexueller Verheißung. Der rohe, würzige Duft ihrer Pheromone erfüllt ihr männliches Gegenüber unwillkürlich mit zuckendem Verlangen.

Sie spricht mit tiefer und beruhigender Stimme. »Heute ist der neunte Av, eine Zeit, in der Bilanz gezogen wird. Gib dich mir zu erkennen.«

Innerhalb von Sekunden umschließen Blutgefäße und Nerven, Sehnen, Muskeln und Haut das Skelett des Sensenmannes, der so die Gestalt Patrick Shepherds annimmt. »Wer bist du? Warum hast du mich an diesen Ort gerufen? «

Sie geht langsam auf ihn zu. Jeder sorgfältig gesetzte Schritt lässt seinen Puls schneller schlagen. »Ich bin der Sturm, der Adam erwachen ließ, der Geist, der im Baum der Erkenntnis wohnte. Ich bin das Kichern des Neugeborenen, das dessen eigenen Schlaf heimsucht … das Verlangen, das junge Männer dazu bringt, sich einsame Genüsse zu verschaffen. Und wenn der Samen vergossen ist, findet er seinen Weg in meine Lenden, um meine Dämonen zu zeugen. Ich bin die personifizierte Dunkelheit, ein Schwarzes Loch der Existenz, wo das Licht des Oberen Reiches niemals verweilen kann.

Ich bin Lilith, und du, Noah, bist mein Seelengefährte.«