ELF

Barry und Jill standen auf dem überdachten Fußweg vor dem Rätselschloss und atmeten die klare Nachtluft. Jenseits der hohen Mauern summten Grillen und Zikaden ihr endloses Lied, eine beruhigende Erinnerung daran, dass da draußen immer noch eine normale Welt existierte.

Die flüchtige Begegnung mit dem Verhängnis hatte bei Jill ein Schwindelgefühl und leichte Übelkeit hinterlassen. Barry hatte sie zartfühlend zum Hinterausgang geführt, weil er der Meinung war, frische Luft würde ihr gut tun. Er hatte weder Chris noch Wesker gefunden, schien allerdings sicher, dass sie noch am Leben waren. Er informierte Jill über den verschlungenen Weg, den er durch das Haus genommen hatte. Jill lehnte währenddessen an der Mauer und sog die laue Luft in tiefen Zügen ein.

„… und als ich die Schüsse hörte, bin ich losgerannt.“ Wie geistesabwesend rieb sich Barry über seinen kurzen Bart. Zögernd lächelte er ihr zu. „Das war dein Glück. Ein paar Sekunden später, und du wärst nur noch ein Jill-Sandwich gewesen.“

Jill lächelte dankbar zurück und nickte. Ihr entging jedoch nicht, dass er etwas angespannt war. Sein Humor wirkte aufgesetzt. Seltsam, sie hätte Barry nicht als jemanden eingeschätzt, der im Angesicht von Gefahr verkrampfte.

Ist das ein Wunder? Wir sitzen hier fest, wir können das Team nicht finden, und die ganze Villa scheint nur dem Zweck zu dienen – uns zu erledigen. Nicht unbedingt ein Grund für Fröhlichkeit …

„Ich hoffe, ich kann mich dafür revanchieren, wenn’s für dich mal eng wird“, sagte sie leise. „Ehrlich, du hast mir das Leben gerettet.“

Barry sah weg und errötete sogar leicht. „Bin froh, dass ich helfen konnte“, sagte er rau. „Sei einfach vorsichtiger. Dieses Haus ist verdammt gefährlich.“

Sie nickte abermals und dachte daran, wie knapp sie dem Tod entronnen war. Fröstelnd schob sie die Erinnerung beiseite. Sie mussten sich jetzt auf Chris und Wesker konzentrieren. „Du glaubst also, dass sie noch leben?“

„Ja. Außer den Patronenhülsen lagen im anderen Flügel mehrere dieser Ghuls sauber mit Kopfschuss niedergestreckt. Das muss Chris gewesen sein – im Obergeschoss war ich allerdings gezwungen, selbst noch ein paar umzunieten, deshalb geh ich davon aus, dass er sich unterwegs irgendwo verschanzt hat …“

Barry nickte zu dem in die Wand eingelassenen Kupferdiagramm hin. „War das Sternwappen schon drin?“

Jill zog die Stirn kraus. Der plötzliche Themenwechsel überraschte sie ein wenig. Chris war einer von Barrys besten Freunden. „Nein. Ich hab es in einem anderen Raum gefunden, der auch mit einer Falle gesichert war. Dieses Haus scheint voller Tücken zu sein. Vielleicht sollten wir zusammen nach Wesker und Chris suchen – wer weiß, wo sie reingestolpert sind oder was einem allein sonst noch passieren könnte.“

Barry schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht. Ich meine, du hast recht, wir sollten aufpassen, wo wir hintreten – aber das sind ’ne Menge Zimmer, und unser wichtigstes Ziel sollte sein, einen Fluchtweg zu finden. Wenn wir uns trennen, können wir gleichzeitig nach den restlichen Wappen und Chris suchen. Und nach Wesker.“

Auch wenn sich an seinem Verhalten nichts änderte, gewann Jill doch plötzlich den Eindruck, dass Barry sich unbehaglich fühlte. Er hatte sich umgedreht, um das Kupferdiagramm genauer zu studieren, aber es erweckte beinahe den Anschein, als versuche er nur, ihrem Blick auszuweichen.

„Außerdem“, fuhr er fort, „wissen wir jetzt, womit wir es zu tun haben. Solange wir unseren gesunden Menschenverstand einsetzen, wird uns schon nichts passieren.“

„Barry, bist du okay? Du wirkst – müde.“ Das war nicht das passende Wort, aber das einzige, das ihr einfiel.

Er seufzte, und endlich sah er sie an. Seine Müdigkeit war tatsächlich nicht zu übersehen. Unter den Augen lagen dunkle Ringe, und er ließ die breiten Schultern hängen.

„Nein, mir geht’s gut. Mach mir höchstens Sorgen um Chris …“

Jill nickte, wurde aber das Gefühl nicht los, dass Barry ihr nicht die volle Wahrheit sagte. Seit er sie aus der Falle gezogen hatte, machte er einen ungewohnt niedergeschlagenen Eindruck, mehr noch, er war hochnervös.

Bist du paranoid? Du redest hier von Barry Burton, dem Rückgrat des Raccoon-S.T.A.R.S. – und obendrein dem Mann, der dir gerade das Leben gerettet hat. Was sollte er denn zu verbergen haben?

Jill wusste, dass sie wahrscheinlich übertrieben misstrauisch reagierte – dennoch beschloss sie, vorerst kein Wort über Trents Computer zu verlieren. Nach allem, was hinter ihr lag, brachte sie niemandem uneingeschränktes Vertrauen entgegen. Und es klang, als hätte Barry ohnehin schon eine recht gute Vorstellung von der Raumaufteilung der Villa, weshalb er diese Informationen nicht zwingend brauchte

Gut so, denk nur weiter ganz rational. Als Nächstes beschuldigst du dann Captain Wesker, die ganze Sache eingefädelt zu haben.

Jill machte sich innerlich über sich selbst lustig, während sie sich von der Wand abdrückte und mit Barry langsam zum Haus zurückging. Das jedenfalls war paranoid.

An der Tür blieben sie stehen. Jill nahm noch ein paar Atemzüge von der wohltuenden Luft, als Balsam für ihr angegriffenes Nervenkostüm. Barry hatte seinen Colt Python gezogen. Mit grimmiger Miene lud er die leeren Kammern.

„Ich hab mir gedacht, dass ich noch mal in den Ostflügel geh und zuseh, ob ich die Fährte von Chris finde“, sagte er. „Warum gehst du nicht schon nach oben und suchst die anderen Wappen? Auf die Weise könnten wir alle Räume abchecken und uns zur Haupthalle zurückarbeiten …“

Jill nickte, und Barry öffnete die Tür. Die rostigen Angeln quietschten protestierend. Eine Woge kalter Luft rollte über sie hinweg, und Jill bereitete sich mit einem Seufzer darauf vor, sich neuerlich einem Labyrinth aus eisigen, schattenerfüllten Gängen zu stellen – und weiteren Türen, hinter denen unschöne Überraschungen lauerten.

„Du kommst schon klar“, meinte Barry in sanftem Ton, legte ihr seine warme Hand auf die Schulter und geleitete sie zurück ins Haus. Kaum hatte sich die Tür hinter ihnen geschlossen, hob er die Hand lächelnd zu einem lässigen Salut.

„Viel Glück“, sagte er, und ehe Jill etwas erwidern konnte, drehte er sich um und eilte, die Waffe in der Hand, davon. Er schlüpfte durch die Doppeltür am Ende des Korridors und war verschwunden.

Jill schaute ihm nach, einmal mehr allein in der Stille des düsteren Flures. Sie bildete es sich nicht nur ein – Barry verheimlichte ihr tatsächlich etwas. Aber war es etwas, weswegen sie sich Sorgen machen musste, oder versuchte er nur, sie zu beschützen?

Vielleicht hat er Chris oder Wesker tot aufgefunden und wollte es mir nicht sagen …

Das war kein schöner Gedanke, aber er hätte Barrys seltsames Verhalten erklärt. Er wollte offensichtlich, dass sie so schnell wie möglich aus dem Haus herauskamen und sie, Jill, auf der Westseite blieb. Dazu kam die Art und Weise, wie er auf den Rätselmechanismus fixiert war – er schien sich mehr um einen Ausweg zu sorgen als um den Verbleib von Chris und Wesker …

Jill sah auf die beiden zusammengesunkenen Gestalten, die im Flur lagen, umgeben von langsam trocknenden roten Lachen mit klebriger Flüssigkeit. Vielleicht versuchte sie zu sehr, ein Motiv zu finden, das es gar nicht gab. Vielleicht hatte Barry, genau wie sie, einfach nur Angst und die Nase voll von dem Wissen, dass der Tod jederzeit zuschlagen konnte.

Vielleicht sollte ich endlich aufhören, darüber nachzudenken, und meinen Job tun. Ob wir die anderen nun finden oder nicht, er hat recht, wenn er sagt, wir müssen hier raus. Die Leute in der Stadt müssen erfahren, was hier draußen los ist …

Jill straffte die Schultern, ging zu der hinter der Treppe liegenden Tür, und zog ihre Waffe. Sie hatte es so weit gebracht, da konnte sie es wohl auch noch ein bisschen weiter schaffen und versuchen, das Geheimnis zu lüften, das so viele das Leben gekostet hatte.

Oder bei dem Versuch sterben, wisperte es verhalten in ihrem Kopf.

Forest Speyer war tot. Den gut gelaunten, feinen alten Knaben aus dem Süden, der stets verschlissene Klamotten und ein lockeres Grinsen zur Schau getragen hatte, gab es nicht mehr. Dieser Forest war fort, und zurückgelassen hatte er einen blutüberströmten Doppelgänger, der zusammengesunken an der Wand lag.

Auf dieses „Double“ starrte Chris hinab. Die fernen Geräusche der Nacht gingen unter in einem plötzlichen Windstoß, der ums Gesims peitschte und heulend durch das Geländer der Dachterrasse fuhr. Es waren gespenstische Laute, doch Forest konnte sie nicht hören; Forest würde nie wieder etwas hören.

Chris ging neben dem reglosen Körper in die Hocke. Behutsam wand er die Beretta aus den kalten Fingern. Er nahm sich vor, nicht hinzuschauen, doch als er nach Forests Gürteltasche langte, begegnete sein Blick doch der furchtbaren Leere, dort, wo einmal die Augen des Bravos gewesen waren.

Herrgott, was ist geschehen? Was ist mit dir passiert, Mann?

Forests Leiche war mit Wunden übersät, die meisten drei bis fünf Zentimeter durchmessend und gesäumt von rohem, blutigem Gewebe – als sei Hunderte Male mit einem stumpfen Messer auf ihn eingestochen worden und als habe jeder dieser brutalen Hiebe Fetzen aus seiner Haut und seinem Fleisch gerissen. Ein Teil des Brustkorbs war grausam entblößt. Knochenhelle Streifen stachen von der aufgebrochenen Röte ab. Forests augenloses Starren setzte dem Entsetzen die Krone auf. Als habe sich der Mörder nicht damit begnügen können, ihm das Leben zu nehmen, sondern seine Seele noch dazu gewollt …

In Forests Tasche fanden sich drei Magazine für die Beretta. Chris steckte sie ein und stand rasch auf. Er riss den Blick gewaltsam von dem verheerten Leichnam los. Schweratmend sah er hinaus über den dunklen Wald. Seine Gedanken waren ein heilloses Durcheinander. Sie suchten nach Halt, nach einer Erklärung, und waren doch außerstande, sich an die klar ersichtlichen Fakten zu klammern.

Zurück in der Haupthalle hatte Chris beschlossen, sämtliche Türen zu überprüfen, um herauszufinden, welche davon abgesperrt waren – und als er den blutigen Handabdruck in der kleinen Diele im Obergeschoss bemerkt und die klagenden Vogelschreie gehört hatte, war er losgestürmt, bereit, der Gerechtigkeit zu einem ersten Teilsieg zu verhelfen …

Krähen. Es klang wie Krähen, wie eine ganze Schar … Oder ein Schwarm, um es genau zu sagen. Ja, ein Rudel Hunde, eine Rotte Wildschweine, ein Schwarm Krähen …

Chris blinzelte und lenkte seinen müden Geist auf dieses Stückchen offenbar belangloses Wissen. Mit gerunzelter Stirn kniete er noch einmal neben Forests verstümmeltem Körper nieder und besah sich die ausgefransten Wunden näher. Zwischen den schweren Schnittverletzungen lagen Dutzende winziger Kratzer – Kratzer, die Linien bildeten.

Klauen. Krallen …

Just als der Gedanke in ihm aufstieg, vernahm Chris das unruhige Schlagen von Flügeln. Langsam drehte er sich um, Forests Beretta immer noch in seiner Hand, die plötzlich so kalt wie die des Toten geworden war.

Ein geschmeidiger, unnatürlich großer Vogel hockte auf dem Geländer, gerade mal einen Schritt entfernt, und musterte ihn aus klugen schwarzen Augen. Die weichen Federn schimmerten matt auf dem aufgedunsenen Leib und von seinem Schnabel hing etwas wie ein rotes, feuchtes Band herab.

Der Vogel neigte den Kopf zur Seite und stieß ein fürchterliches Kreischen aus. Der Fetzen Fleisch aus Forests Körper fiel auf das Geländer. Von überall her fluteten die Antwortschreie der versammelten Artgenossen des Vogels durch die Nacht. Ein wütendes Flüstern übergroßer Flügel hob an, als Dutzende dunkler, flatternder Schemen unter dem Dachgesims hervorbrachen, schreiend und mit zuckenden Krallen.

Chris rannte, den Anblick von Forests leeren Augenhöhlen tief in sein hämmerndes Denken eingebrannt. Kopfüber floh er, stolperte auf den kleinen Flur hinaus und schmetterte dem lauter werdenden Gekreische der Vögel die Tür entgegen. Adrenalin pumpte stoßweise in heißen Wogen durch seine Adern.

Er atmete tief durch, dann noch einmal, und nach einem Moment verlangsamte sich sein Herzschlag auf normales Tempo. Das Vogelgeschrei entfernte sich, wurde vom leise wimmernden Wind verweht.

Gott, wie blöd kann ich mich denn noch anstellen? Das war dumm, das war so was von leichtsinnig …

Er war auf die Terrasse hinausgestürmt, hatte den Kampf gesucht, den Tod der anderen S.T.A.R.S.-Mitglieder rächen wollen – doch was er vorgefunden hatte, hatte ihn dermaßen geschockt, dass er nicht mehr zu denken imstande gewesen war. Im Angesicht von Forests Leiche hatte er die Nerven verloren, sonst hätte er die Verbindung zwischen den Vögeln und der Art der Verletzungen schon eher hergestellt – und die sich zusammenrottenden Fleischfresser vielleicht bemerkt, die ihn auf der Suche nach ihrem nächsten Opfer aus den Schatten heraus belauert hatten.

Wütend auf sich selbst, weil er sich unvorbereitet in eine so heikle Situation gestürzt hatte, kehrte Chris zur Tür zurück, die in die Haupthalle führte. Er konnte es sich nicht leisten, fortwährend Fehler zu machen, seine Aufmerksamkeit schleifen zu lassen. Das hier war kein Spiel, bei dem er eine Reset-Taste drücken konnte, wenn etwas schief gelaufen war, um noch einmal von vorne zu beginnen. Menschen starben, Freunde starben.

Und wenn du dir nicht endlich in den Arsch trittst und vorsichtiger bist, wirst du dich ihnen bald anschließen – ein weiterer zerfetzter, lebloser Körper sein, irgendwo in einem kalten Flur – ein weiteres Opfer des Wahnsinns, der in diesem Haus nistet!

Chris brachte das quälende Flüstern in sich zum Verstummen und holte tief Luft. Dann trat er erneut hinaus auf die Galerie, die im Obergeschoss das Foyer umlief, und schloss die Tür hinter sich. Sich mit Selbstvorwürfen zu geißeln war auch nicht sinnvoller, als in einer fremden und gefährlichen Umgebung blindlings herumzustürmen und Vergeltung üben zu wollen. Er musste sich auf das konzentrieren, was wichtig war, auf die vermissten Alphas und auf Rebecca.

Er steuerte die Treppe an und klemmte sich Forests Waffe fest hinter seinen Hosenbund. Zumindest würde Rebecca sich damit nun selbst ihrer Haut erwehren können …

„Chris.“

Erschrocken blickte er nach unten, wo er das junge S.T.A.R.S.-Mitglied am Ende der breiten Stufen entdeckte. Rebecca lächelte zu ihm empor.

Er eilte die Treppe hinunter. Obwohl sich etwas in ihm dagegen sperrte, war er froh, sie zu sehen. „Was ist passiert? Ist alles in Ordnung?“

Als er bei ihr anlangte, hielt Rebecca, immer noch breit lächelnd, einen silbernen Schlüssel hoch. „Ich habe etwas gefunden und dachte, dass du es vielleicht brauchen könntest.“

Er nahm den Schlüssel. Bevor er ihn in seine Weste gleiten ließ, bemerkte er, dass eine winzige Schrift darauf eingraviert war. Rebecca strahlte; ihre Augen funkelten vor Aufregung.

„Nachdem du gegangen warst, spielte ich auf dem Flügel, und da öffnete sich diese Geheimtür in der Wand. Darin war dieses Goldemblem, eine Art Wappenschild. Ich vertauschte es mit dem im Speisezimmer – und die Standuhr bewegte sich. Dahinter fand ich diesen Schlüssel …“

Unvermittelt brach sie ab. Ihr Lächeln verblasste, als sie sein Gesicht betrachtete. „Tut mir leid … Ich weiß, ich hätte das Zimmer nicht verlassen sollen, aber ich dachte, ich könnte dich noch einholen, bevor du zu weit –“

„Schon in Ordnung“, sagte er mit gezwungenem Lächeln. „Ich war nur überrascht, dich zu sehen. Hier, ich hab was für dich. Ist ein bisschen besser als eine Dose Insektenspray.“

Er reichte ihr die Beretta zusammen mit einem Ersatzmagazin. Rebecca betrachtete die Waffe nachdenklich.

Als sie wieder zu ihm aufsah, war ihr Blick ernst und eindringlich. „Wem hat sie gehört?“

Chris erwog zu lügen, sah aber, dass sie es ihm nicht abkaufen würde. Mit einem Mal erkannte er, was in ihm das Bedürfnis weckte, sie zu beschützen, sie von der traurigen und widerlichen Wahrheit fernzuhalten.

Claire.

Ja, das war es. Rebecca erinnerte ihn an seine kleine Schwester – angefangen bei ihrem wildfanghaften Sarkasmus über ihre Klugheit bis hin zu der Art, wie sie ihr Haar trug.

„Hör zu“, sagte sie in ruhigem Ton, „ich weiß, du fühlst dich für mich verantwortlich, und ich gebe zu, dass das alles noch ziemlich neu für mich ist. Aber ich bin ein Mitglied dieses Teams, und mich in Watte zu packen, könnte meinen Tod bedeuten. Also – wem hat sie gehört?“

Chris starrte sie einen Augenblick lang schweigend an, dann seufzte er. Sie hatte recht. „Forest. Ich hab ihn draußen gefunden. Er wurde von Krähen zerhackt. Kenneth ist auch tot.“

Ein Ausdruck von Schmerz blitzte durch ihre Augen, aber sie nickte beherrscht und wich seinem Blick nicht aus. „Okay. Und was machen wir jetzt?“

Chris konnte sich ein ganz leichtes Lächeln nicht verkneifen, während er sich zu erinnern versuchte, ob er jemals so jung gewesen war.

Mit einer Geste wies er die Stufen hinauf und hoffte, dass er nicht im Begriff war, einen weiteren Fehler zu begehen. „Ich schätze, wir versuchen es mit einer anderen Tür …“

Wesker schnappte nicht viel von dem Gespräch zwischen Barry und Jill auf, aber nach einem gedämpften „Viel Glück“ von Mr Burton hörte er, wie nicht weit entfernt eine Tür schlug – und einen Moment später ertönte das hohle Hämmern von Stiefeltritten auf Holz, gefolgt vom Klang einer weiteren sich schließenden Tür. Die Luft im Gang draußen war rein, sein Team unterwegs mit dem Auftrag, die restlichen Kupferwappen zu finden.

Sieht aus, als hätte ich mir den richtigen Raum zum Warten ausgesucht …

Wesker hatte den Schlüssel mit dem eingravierten Helm benutzt, um sich in ein Studierzimmer nahe der Hintertür einzuschließen. Es war der perfekte Ort, um das Vorankommen des Teams zu überwachen. Nicht nur, dass er seine Leute kommen und gehen hören konnte, er würde von hier aus auch einen Vorsprung zu den Labors haben.

Grinsend hielt Wesker das schwere Windwappen ins Licht der Schreibtischlampe. Es war beinahe schon zu einfach gewesen. Auf dem Rückweg nach seiner Unterhaltung mit Barry war er auf die Gipsstatue gestoßen und hatte sich daran erinnert, dass sie irgendwo ein Geheimfach besaß. Anstatt wertvolle Zeit mit der Suche danach zu vergeuden, hatte er das scheußliche Ding kurzerhand von der Galerie über dem Speisesaal gestoßen. Es war zwar keines der Wappen darin versteckt gewesen, doch das Funkeln des blauen Juwels inmitten der Trümmer war fast ebenso gut gewesen. Ganz in der Nähe des Esszimmers gab es einen Raum, in dem eine Tigerstatue mit einem roten und einem blauen Auge stand. Das war einer der wenigen Mechanismen, an den sich Wesker von einem früheren Besuch her erinnern konnte. Ein kurzer Abstecher zu der Statue hatte seine Annahme bestätigt: Beide Augen hatten gefehlt, und nachdem das grellblaue Juwel von ihm in die passende Augenhöhle eingesetzt worden war, hatte sich der Tiger zur Seite gedreht und ihm das Wappen offenbart. So war Wesker der Erfüllung seiner Mission auf einfachste Weise einen weiteren Schritt näher gekommen.

Wenn sich die anderen drei Wappen an Ort und Stelle befinden, warte ich, bis Barry und Jill weg sind, um nach dem letzten zu suchen. Danach schleiche ich mich zur Tür hinaus.

Er spielte mit dem Gedanken, jetzt schon hinauszugehen, um das Diagramm zu überprüfen, verwarf ihn jedoch. Das Haus war groß, aber nicht so groß, und es bestand kein Grund, sich dem Risiko einer Entdeckung auszusetzen. Außerdem hatten sie es wahrscheinlich noch nicht geschafft, eines der anderen Wappen zu finden. Es war schon knapp gewesen, als er nach unten gegangen war, um das Juwel zu bergen – dabei wäre er beinahe Chris Redfield über den Weg gelaufen. Chris hatte die Rekrutin gefunden; die beiden tappten ohne Sinn und Verstand umher und suchten vermutlich nach „Hinweisen“ …

Abgesehen davon ist dieses Zimmer wirklich gemütlich. Vielleicht mache ich ein Nickerchen, solange ich drauf warte, dass andere meinen Job erledigen.

Zufrieden mit dem bislang Erreichten, lehnte Wesker sich im Schreibtischsessel zurück. Was zur Katastrophe hätte werden können, lief nun doch recht rund – weil er schnell überlegt und gehandelt hatte. Er hatte bereits eines der Wappen gefunden, Barry und Jill arbeiteten für ihn – und darüber hinaus hatte er das Glück gehabt, in der Bibliothek Ellen Smith über den Weg zu laufen …

Stopp, falsch: Es muss Doktor Ellen Smith heißen, jawohl.

Nachdem er das Windwappen geholt hatte, war er in die Bibliothek gegangen, um den kleinen Nebenraum zu überprüfen, von dem aus man den Heliport des Anwesens überblickte und dessen Zugang hinter einem Bücherschrank verborgen lag. Eine rasche Durchsuchung hatte nichts Nützliches zutage gefördert, und Wesker war gerade im Begriff gewesen, sich das Hinterzimmer vorzunehmen, als Dr. Smith erschienen war, um ihn zu „begrüßen“.

Seit er nach Raccoon gezogen war, hatte er mit ihr ausgehen wollen, hingerissen von ihren langen Beinen und ihrem platinblonden Haar. Er hatte schon immer eine Schwäche für Blondinen gehabt, vor allem für solche mit Köpfchen. Und diese ganz Spezielle hatte ihn nicht nur wiederholt abblitzen lassen, sie hatte sich dabei nicht einmal um die Grundregeln der Höflichkeit bemüht. Er hatte sie mit Ellen angesprochen und war von ihr kühl darauf hingewiesen worden, dass sie seine Vorgesetzte sei und den Doktortitel besitze. Ein Eisklotz, durch und durch. Wäre sie nicht so verdammt gutaussehend gewesen, hätte er es überhaupt gar nicht erst versucht, mit ihr anzubandeln.

Aber, ach je, wie schnell Ihre Schönheit doch verwelkte, Dr. Ellen …

Wesker schloss voll Genugtuung die Augen und rief sich die Begegnung noch einmal in Erinnerung. Es waren die schmutzigen blonden Haarsträhnen gewesen, an denen er Ellen identifiziert hatte, als sie hinter einem der Regale hervorschlurfte und ächzend die Hände nach ihm ausstreckte. Ihre Beine waren immer noch lang gewesen, aber sie hatten viel von ihrer Klasse eingebüßt gehabt – ganz zu schweigen von einer beträchtlichen Menge Haut …

„Sie haben sich für ein prächtiges Parfüm entschieden, Dr. Ellen.“ Mit dieser höhnischen Begrüßung hatte Wesker ihr zwei Kugeln in den Schädel gejagt, und sie war in einem Blut- und Knochenregen zu Boden gegangen. Wesker sah sich selbst nicht gern als einen Mann von niederen Instinkten, aber auf dieses arrogante Miststück zu schießen, war herrlich gewesen – zutiefst befriedigend.

Das Tüpfelchen auf dem i, ein kleiner Bonus dafür, dass ich die Sache in die Hand nehme. Wenn ich Glück habe, treffe ich unten in den Labors vielleicht auch noch auf Sarton, diesen Pisser …

Nach einem Weilchen stand Wesker auf. Er streckte sich und wandte sich dem Regal hinter dem Schreibtisch zu, um ein paar der Bücher darin in Augenschein zu nehmen. Er brannte darauf, weiterzumachen, aber die S.T.A.R.S.-Mitglieder mochten eine Zeit lang brauchen, um den Rest der Puzzleteile aufzuspüren, und es gab nun einmal nichts, was er hätte tun können, um diesen Prozess zu beschleunigen. Also konnte er sich zwischenzeitlich ebenso gut mit etwas anderem beschäftigen.

Mit gefurchter Stirn versuchte er die Bedeutung der Buchtitel zu ergründen, zum Beispiel Phagen: Alpha-Komplementvektoren oder cDNS-Bibliotheken und elektrophoretische Konditionen.

Biochemische und medizinische Abhandlungen … Vielleicht kam er ja doch zu seinem Nickerchen. Allein die Titel zu lesen, machte ihn schläfrig.

Sein Blick fiel auf einen dicken Wälzer, der in einer der unteren Regalreihen stand und in feines rotes Leder gebunden war. Wesker nahm den Folianten heraus und war froh, auf dem Deckel einen Titel zu finden, den er verstand – auch wenn er albern war: Adler des Ostens, Wolf des Westens.

Moment – genau das Gleiche steht doch auf dem Brunnen …

Wesker starrte die Worte an und spürte, wie sich seine gute Laune verabschiedete. Es konnte unmöglich sein – die Forscher waren zwar durchgedreht, aber sie hatten sicher nicht die Labors verbarrikadiert. Dazu gab es keinen Grund.

Am Rande der Verzweiflung schlug Wesker das Buch auf, betend, dass er sich irrte.

Als er sah, was in der Buchattrappe mit den zusammengeklebten Seiten versteckt war, stieß er ein hilfloses Stöhnen aus. In dem ausgeschnittenen Fach zwischen den Deckeln lag ein Messing-Medaillon mit einem eingravierten Adler – Teil eines Schlüssels zu einem weiteren von Spencers verrückten Schlössern.

Es war wie die Pointe eines grausamen Witzes. Um aus dem Haus zu gelangen, musste er die Wappen finden. War er einmal draußen auf dem Hof, musste er sich seinen Weg durch ein Labyrinth verschlungener Tunnel suchen, das in einem versteckten Teil des Gartens begann; ein alter Steinbrunnen markierte dort den Zugang zu den unterirdischen Labors. Der Brunnen war eine von Spencers bizarren Schöpfungen, ein Wunderwerk der Technik, das geöffnet und geschlossen werden konnte, um die Einrichtung darunter zu tarnen – vorausgesetzt natürlich, man besaß die passenden Schlüssel: Zwei Medaillons, eines mit einem Adler, das andere mit einem Wolf darauf.

Und dass er, Wesker, nun den Adler gefunden hatte, bedeutete, dass der Zugang geschlossen war. Was wiederum hieß, dass der Wolf sonst wo sein konnte – und dass seine, Weskers, Chance, das Labor überhaupt zu erreichen, soeben drastisch gesunken war. Sie lag jetzt irgendwo bei Null …

Unfähig, die Beherrschung zu wahren, schnappte Wesker sich die Medaille und schleuderte das Buch wutentbrannt gegen den Schreibtisch. Die Lampe darauf fiel um, zerbrach und tauchte das Zimmer schlagartig in Finsternis.

Es machte nicht länger Sinn, das Windwappen zurückzuhalten. Sein perfekter Plan war ruiniert. Er musste seinen Vorteil aufgeben und darauf hoffen, dass einer der anderen zufällig für ihn über die Wolfsmedaille stolperte, die irgendwo auf dem riesigen, weitläufigen Anwesen versteckt war.

Das bedeutet erhöhtes Risiko, eine aufwändigere Suche – und die Möglichkeit, dass einer von ihnen die Labors vor mir erreicht.

Wutschäumend stand Wesker, die Fäuste geballt, in der tintenschwarzen Stille und zwang sich, nicht laut loszuschreien.

ZWÖLF

Jill hörte etwas, das wie zerbrechendes Glas klang, verhielt sich ganz still und lauschte. Die Akustik der Villa war sonderbar, die langen Korridore und der ungewöhnliche Grundriss erschwerten die Feststellung, woher ein Geräusch kam.

Falls du überhaupt etwas gehört hast …

Jill seufzte und ließ den Blick ein letztes Mal durch die von Büchern umrahmte Lounge am oberen Ende der Treppe schweifen. Die anderen drei Räume entlang der Galerie hatte sie bereits inspiziert, ohne etwas von Interesse zu finden – ein spartanisches Schlafzimmer mit zwei Betten, ein Büro und ein leeres Zimmer mit einer abgeschlossenen Tür und einem Kamin darin. Die einzigen Schalter, die sie hatte entdecken können, waren Lichtschalter gewesen. Trotzdem war sie beim Anblick eines ziemlich unheilvoll aussehenden schwarzen Knopfes, den sie an einer Wand des Büros gefunden hatte, in helle Aufregung geraten. Bis sie ihn gedrückt und herausgefunden hatte, dass dadurch lediglich der Abflussmechanismus eines leeren Aquariums, das in der Ecke stand, in Gang gesetzt worden war.

Sie hatte etwas Munition für die Remington gefunden und dachte, dass sie zumindest dafür dankbar sein sollte – ein Dutzend Patronen in einer Metallschachtel unter einem der Betten im Schlafzimmer. Aber wenn hier irgendwo Wappen versteckt waren, dann hatte Jill sie übersehen.

Sie zog Trents Computer hervor und bestimmte auf der Karte ihren Standort am oberen Treppenende. Direkt hinter der zweiten Tür der Lounge lag ein breiter, U-förmiger Korridor, der im Bogen zurück zu dieser Galerie über der Eingangshalle führte. Außerdem lagen auf jenem Gang zwei Räume – einer war eine Sackgasse, und der andere führte in ein paar weitere.

Jill steckte den kleinen Computer weg, zog die Beretta und nahm sich einen Moment Zeit, um ihren Kopf klar zu bekommen, bevor sie auf den Korridor hinaustrat. Es fiel ihr nicht leicht. Sie war hin- und hergerissen zwischen dem Bemühen herauszufinden, was in dem Haus vorgefallen war – wer diese Monster erschaffen hatte –, und der Sorge um ihr Team. Beides brachte Jills Gedanken ziemlich durcheinander.

Ich hätte mir diese Papiere genauer ansehen sollen.

Das Büro war schlicht gewesen: ein Schreibtisch, ein Bücherregal. Nahe der Tür hatte ein Regal mit Laborkitteln gestanden, und bei den Papieren, die über dem Schreibtisch verstreut gelegen hatten, handelte es sich in der Hauptsache um Listen aus Zahlen- und Buchstabenkolonnen. In Chemie kannte Jill sich gerade soweit aus, um festzustellen, dass diese Papiere etwas mit Chemie zu tun hatten. Deshalb hatte sie sich nicht damit aufgehalten, sie zu lesen – doch seit sie diese Papiere gefunden hatte, hielt sie die Zombies für das Ergebnis eines missglückten Experiments. Die Villa war zu gut instandgehalten, als dass private Gelder dahinterstecken konnten, und die Tatsache, dass ihr wahrer Zweck so lange hatte geheim gehalten werden können, war ein weiteres Indiz für eine gezielte Verschleierung. Jill schätzte, dass auf ziemlich allem hier Monate alter Staub lag – was zeitlich mit den ersten Angriffen in Raccoon zusammenpasste. Wenn die Leute in diesem Haus verdeckte Forschungen betrieben hatten und dabei etwas schief gelaufen war …

Etwas, das sie in Fleisch fressende Schauergestalten verwandelt hat? Das ist ein bisschen weit hergeholt, oder?

Aber es war immer noch in sich stimmiger als alles andere, was ihr dazu einfallen wollte. Trotzdem würde sie ihr Denken auch für andere Möglichkeiten offen halten. Was ihre Besorgnis um das Team anging, nun, Barry benahm sich merkwürdig, Chris und Wesker waren noch immer verschollen. Diesbezüglich gab es also keine neuen Erkenntnisse.

Und es wird auch keine geben, wenn du nicht endlich durchstartest.

Richtig. Jill ließ das Grübeln sein und trat auf den Gang hinaus.

Den Geruch bemerkte sie, noch ehe sie den Zombie sah, der ein Stück weit entfernt am Boden lag. Die kleinen Wandleuchter warfen einen unsteten Schimmer über die Leiche, weil ihr Licht von dunkelrotem Zierholz reflektiert wurde und der Korridor in dunkelroter Farbe gehalten war. Jill richtete ihre Waffe auf den reglosen Körper – und hörte, wie sich irgendwo, unweit entfernt, eine Tür schloss.

Barry?

Er hatte zwar gesagt, dass er in den anderen Flügel der Villa gehen würde, aber vielleicht hatte er ja etwas gefunden und war gekommen, um nach ihr zu suchen. Oder sie würde endlich auf ein anderes Team-Mitglied stoßen …

Diese Vorstellung zauberte ein Lächeln auf Jills Lippen. Sie eilte den düsteren Flur hinunter und brannte darauf, einem vertrauten Gesicht zu begegnen.

Als sie sich der Ecke näherte, trieb ihr eine neuerliche Woge von Verwesungsgestank entgegen –

– und die zu ihren Füßen liegende Kreatur grapschte nach ihrem Stiefel!

Als die Hand kraftvoll ihren Knöchel umschloss, breitete Jill erschrocken die Arme aus und kämpfte um ihr Gleichgewicht. Angeekelt schrie sie auf, als der sabbernde Zombie sein verrottendes Gesicht Zentimeter um Zentimeter auf ihren Stiefel zubewegte. Die sich auflösenden, teilweise bereits skelettierten Finger kratzen über das dicke Leder, suchten nach festerem Halt …

Instinktiv trat Jill mit ihrem anderen Stiefel nach dem Hinterkopf des Zombies. Das grobe Profil schrammte mit einem abscheulichen schmatzenden Laut über den Schädel, riss ein breites Stück der Kopfhaut ab und entblößte schimmernden Knochen. Die Kreatur fühlte keinen Schmerz und setzte ihr Bemühen, sich festzukrallen, unbeeindruckt weiter fort.

Jills zweiter und dritter Tritt trafen den Nacken des Ungetüms – beim vierten spürte und hörte sie ein dumpfes Krachen, wie von einem morschen Zweig, als das Genick unter ihrem Stiefelabsatz brach.

Die bleichen Hände zuckten noch einmal, ehe der Zombie erstickt röchelnd auf dem miefigen Teppich erstarrte.

Jill trat über den schlaffen Körper hinweg und hetzte, einen gallebitteren Geschmack auf der Zunge, um die nächste Ecke. Sie war inzwischen überzeugt, dass es sich bei den Mitleid erregenden Gestalten, die durch die Flure strichen, um Opfer handelte – ähnlich wie Becky und Pris es damals gewesen waren. Sie tat den entmenschten Kreaturen einen Gefallen, wenn sie sie in den Tod entließ. Nichtsdestotrotz blieben diese Wesen auch eine Bedrohung – ganz davon abgesehen, dass jede Begegnung mit ihnen gehörig auf den Magen schlug … Jill nahm sich vor, noch vorsichtiger zu sein.

Rechts von ihr lag eine Tür aus massivem Holz. Sie war mit schnörkelreichen Metallverzierungen versehen. Über dem Schließblech befand sich die Abbildung einer Rüstung, doch im Gegensatz zu den anderen Türen, an denen Jill im Obergeschoss vorbei gekommen war, war diese hier nicht zugeschlossen.

In dem hell erleuchteten Raum befand sich niemand, doch Jill zögerte; mit einem Mal war sie kaum noch gewillt, ihre Suche nach demjenigen fortzusetzen, der sich ebenfalls in diesem Bereich der Villa herumtrieb. An zwei Wänden des großen Raumes reihten sich jeweils acht Ritterrüstungen, und im rückwärtigen Teil stand eine kleine Vitrine. Nicht zu übersehen war außerdem ein großer roter Schalter in der Mitte des graugefliesten Bodens.

Eine weitere Falle? Oder ein neues Rätsel?

Gespannt betrat Jill den Raum und ging auf die Glasfront der Vitrine zu. Die laut- und leblosen Wächter schienen jede ihrer Bewegungen zu verfolgen. Im Boden befanden sich sonderbare, mit Gittern gesicherte Löcher, je eines auf jeder Seite des roten Schalters. Vielleicht dienten sie zur Belüftung …

Jill spürte, wie ihr Herz schneller zu schlagen begann. Plötzlich war sie sicher, auf eine weitere Falle gestoßen zu sein.

Bei der Untersuchung der staubigen Vitrine fand Jill keine Möglichkeit, sie zu öffnen. Die Glasfront bestand aus einer dicken Scheibe. Und in einer dunklen Ecke am Boden schimmerte etwas wie stumpfes Kupfer …

Ich soll diesen Knopf drücken und glauben, dass er die Vitrine öffnet … Und was dann?

Auf einmal sah sie klar und deutlich vor ihrem geistigen Auge, wie sich die vergitterten Öffnungen luftdicht schlossen und die Tür automatisch zuglitt – damit wäre der Tod durch langsames Ersticken in einer hermetisch abgedichteten Kammer vorprogrammiert gewesen … Oder der Raum konnte sich mit Wasser füllen – oder irgendeinem toxischen Gas.

Jill schaute sich um. Sie überlegte, ob sie versuchen sollte, die Tür zu blockieren, oder ob vielleicht in einer der leeren Rüstungen ein weiterer Schalter verborgen sein konnte.

Jedes Rätsel hat mehr als eine Lösung, Jilly, vergiss das nicht.

Plötzlich grinste sie. Warum sollte sie den Knopf überhaupt drücken?

Sie ging neben der Vitrine in die Knie und umfasste ihre Pistole fest am Lauf. Das Glas zersprang klirrend, dünne Linien breiteten sich spinnennetzartig um die Stelle herum aus, die Jill getroffen hatte. Mit dem Kolben der Waffe schlug Jill ein größeres Stück heraus und griff dann vorsichtig durch das entstandene Loch.

Sie bekam etwas zu fassen, was sich beim Herausziehen als sechseckiges Kupferwappen entpuppte, in das eine altertümlich anmutende lächelnde Sonne eingraviert war. Selbstzufrieden erwiderte Jill das Lächeln. Offensichtlich ließen sich einige Tücken des Hauses umgehen, vorausgesetzt man ignorierte die Regeln des Fairplay. Wie auch immer, Jill eilte zur Tür zurück – sie wollte sich erst freuen, wenn sie diesen Saal sicher wieder hinter sich gelassen hatte.

Als sie in den düsterrot gehaltenen Korridor zurückkehrte, verharrte sie einen Moment mit dem Wappen in der Hand und wog ihre Möglichkeiten ab. Sie konnte entweder weiter nach demjenigen suchen, der die andere Tür geschlossen hatte, oder zu dem Rätselschloss zurückgehen, um das Wappen einzusetzen. So sehr sie ihr Team auch wiederfinden wollte, Barry hatte recht, wenn er meinte, dass sie schnellstens aus der Villa verschwinden mussten. Wenn noch andere S.T.A.R.S. am Leben waren, würden sie bestimmt ebenfalls nach einem Fluchtweg suchen …

Jills nachdenklicher Blick fiel auf die abscheulich riechende Kreatur, die sie getötet hatte. Die dunkle Lache, die den schorfigen Kopf des Geschöpfes umgab, breitete sich langsam aus, und mit einem Mal begriff Jill, wie verzweifelt sie sich danach sehnte, dieses Haus zu verlassen – seiner verdorbenen Luft und den ekelerregenden Ungeheuern, die durch seine kalten, staubigen Gänge schlichen, zu entkommen. Sie wollte weg, und das so rasch wie menschenmöglich.

Auf diese Weise motiviert, eilte Jill den Weg zurück, den sie gekommen war. Das schwere Wappen hielt sie fest umklammert. Sie hatte bereits zwei andere Stücke entdeckt, die gebraucht wurden, um der Villa zu entrinnen. Und auch wenn sie noch nicht wusste, wohin sie fliehen würden, musste jeder andere Ort zwangsläufig besser sein als das, was sie hier hinter sich ließen …

„Richard!“ Rebecca ließ sich neben dem Bravo auf die Knie fallen. Mit zitternder Hand suchte sie an seinem Hals nach einem Puls.

Chris starrte stumm auf den schwerverletzten Körper. Er wusste bereits, dass Rebecca keinen Herzschlag mehr finden würde – die klaffende Wunde an Richard Aikens rechter Schulter trocknete bereits, es floss kein frisches Blut mehr aus dem zerfetzten Gewebe nach. Richard war tot.

Chris beobachtete, wie Rebeccas schmale Hand langsam vom Hals des Bravos herabrutschte, dann nach oben glitt, um die gläsern starren Augen zu schließen. Ihre Schultern sanken herab. Der Fund verursachte auch Chris Übelkeit. Der Kommunikations-Experte war ein netter, lebensfroher Kerl gewesen – und gerade mal dreiundzwanzig Jahre alt geworden …

Chris sah sich in dem stillen Raum um und suchte ziellos nach einem Hinweis darauf, wie Richard umgekommen war. Das Zimmer, das von der Galerie im Obergeschoss erreichbar war, präsentierte sich schmucklos und leer. Außer Richard befand sich rein gar nichts darin.

Mit gerunzelter Stirn ging Chris ein paar Schritte auf die zweite Tür des Zimmers zu, bückte sich und strich über den dunklen Fliesenboden. Zwischen Richards Leiche und der schlichten, drei Meter entfernten Holztür gab es auf dem Boden eine getrocknete Blutkruste in Form eines Stiefelabsatzes. Chris musterte die Tür nachdenklich und umfasste die Beretta noch fester.

Was immer ihn umgebracht hat, es ist auf der anderen Seite und wartet wahrscheinlich schon auf weitere Opfer …

„Chris, sieh dir das an!“

Rebecca kniete noch immer neben Richard, den Blick auf die blutige Masse gerichtet, die einmal die Schulter des Bravos gewesen war. Chris ging zu ihr, ohne eine Vorstellung davon zu haben, was er sich ansehen sollte. Die Wunde war ausgefranst und schmutzig, das Fleisch dunkelgrau verfärbt. Seltsam war allerdings, dass die Verletzung nicht sehr tief zu sein schien.

„Siehst du diese violetten Linien, die von der Verletzung ausgehen? Und wie der Muskel punktiert wurde, hier und hier?“ Rebecca zeigte auf zwei dunkle Löcher, etwa fünfzehn Zentimeter auseinander liegend und jeweils umsäumt von Haut, die wie von einer Entzündung gerötet war.

Rebecca setzte sich auf die Fersen und blickte zu Chris auf. „Ich glaube, er wurde vergiftet. Sieht aus wie ein Schlangenbiss.“

Chris sah sie an. „Was für eine Schlange erreicht denn eine solche Größe …?“

Im Aufstehen zuckte Rebecca die Achseln. „Auch wieder wahr. Vielleicht war es etwas anderes. Aber die Verletzung allein hätte ihn nicht so schnell getötet. Ich bin ziemlich sicher, dass er vergiftet wurde.“

Chris zollte ihr Respekt. Sie besaß einen guten Blick für Details und hielt sich in Anbetracht der Umstände bemerkenswert tapfer.

Er unterzog Richards Kleidung einer schnellen Durchsuchung, die ein weiteres volles Magazin und ein Kurzwellenfunkgerät zutage förderte. Beides reichte er an Rebecca weiter, Richards leere Beretta klemmte er sich hinter den Gürtel.

Nach einem Blick zur Tür, wandte er sich wieder an Rebecca. „Was ihn auch umgebracht hat, es könnte hinter dieser Tür stecken …“

„Dann müssen wir vorsichtig sein“, sagte sie. Ohne ein weiteres Wort näherte sie sich der Tür, blieb stehen und wartete, dass er zu ihr aufschloss.

Ich muss aufhören, in ihr ein Kind zu sehen. Sie hat bereits die meisten ihres Teams überlebt. Sie braucht weder meinen Schutz noch ist es nötig, sie aufzufordern, sich hinter mir zu halten …

Chris stellte sich neben die Tür und nickte Rebecca zu. Sie drehte den Knauf und drückte die Tür auf. Sie hoben ihre Waffen, als sie in einen schmalen Flur eindrangen.

Geradeaus befanden sich ein paar Holzstufen, die zu einer weiteren geschlossenen Tür führten. Links lag eine kurze Abzweigung des Ganges, und am Ende befand sich ebenfalls eine Tür. Die Wände zu beiden Seiten der Stufen waren blutverschmiert, und Chris war plötzlich sicher, dass es sich dabei um Richards Blut handelte – sein Mörder befand sich hinter dieser Barriere.

Chris zeigte in den kurzen Seitengang und flüsterte: „Du nimmst diesen Raum. Wenn du auf Schwierigkeiten stößt, kommst du wieder hierher und wartest. Sei aber auf jeden Fall in fünf Minuten wieder hier.“

Rebecca nickte und bewegte sich den engen Flur hinab. Chris wartete, bis sie den Raum betreten hatte, ehe er die Stufen emporstieg. Sein Herz schlug hart gegen seine Rippen.

Die Tür war abgeschlossen, doch Chris sah, dass neben dem Schlüsselloch ein winziger Wappenschild eingraviert war. Rebecca erwies sich als nützlicher, als er es sich je hätte vorstellen können. Er zog den Schlüssel hervor, den sie ihm gegeben hatte, und sperrte die breite Tür auf. Bevor er hineinging, prüfte er noch kurz die Bereitschaft seiner Beretta.

Es war ein großer Dachboden, in seiner Schlichtheit der völlige Kontrast zum übrigen Prunk der Villa. Hölzerne Stützbalken ragten vom Boden bis zur schrägen Decke empor, und bis auf ein paar Kisten und Fässer an den Wänden war der Raum leer.

Chris trat tiefer ein, blieb aber abwehrbereit, während er nach einer verdächtigen Bewegung Ausschau hielt. Auf der anderen Seite des langen Raumes befand sich eine niedrige Mauer, ein paar Fußlängen von der Rückwand des Dachbodens entfernt. Das Ganze erinnerte an die Box in einem Pferdestall. Gleichzeitig war es der einzige Bereich, der sich nicht einsehen ließ.

Langsam bewegte sich Chris darauf zu. Seine Stiefeltritte auf dem Holzboden verursachten hohle Echos in der kühlen Luft.

Er drückte sich an die hüfthohe Mauer und schob klopfenden Herzens die Mündung seiner Beretta über den Rand hinweg, während er den Kopf vorstreckte.

Es gab keine Schlange dahinter. Dafür ein Loch über den Dielenbrettern der rückwärtigen Wand, etwa ein Fuß hoch und vier, fünf breit – und ein beißender, moschusartiger Geruch, wie von einem wilden Tier, strömte davon aus. Chris furchte die Stirn, wollte zurückweichen, hielt aber dann doch inne und beugte sich noch weiter vor.

Neben dem Loch lag ein rundes Stück Metall, geformt wie ein Penny, aber von der Größe einer kleinen Faust. Darauf war etwas eingeprägt, etwas Sichelförmiges …

Chris ging um die Teilmauer herum und betrat die „Stallbox“. Er hielt das Loch scharf im Auge, während er sich bückte und das Metallstück aufhob. Es handelte sich um eine sechseckige Kupferscheibe mit einer Mondsichel darauf, eine künstlerisch durchaus anspruchsvolle Arbeit, die –

Aus dem Loch ertönte ein weiches, gleitendes Geräusch.

Chris trat den Rückzug an und richtete die Beretta auf die Öffnung. So wich er nach hinten, bis seine Schultern die Wand des Dachbodens streiften. Als er sich seitwärts wandte, schoss etwas Röhrenförmiges blitzartig aus der Öffnung. Seine Spitze prallte nur knapp neben Chris’ rechtem Bein gegen die Wand. Holz splitterte unter der Schwere der Wucht.

Verdammt, das ist eine Schlange – und was für eine!

Der Durchmesser ihres Körpers war so groß wie ein Essteller … Chris stolperte davon, während das riesige Reptil noch mehr von seinem langen, dunklen Leib aus der Wand zog. Zischelnd richtete es sich auf, hob den Kopf bis er auf Höhe von Chris’ Brust war und entblößte tropfende Giftzähne.

Chris spurtete bis zur Mitte des Raumes, wirbelte dann herum und schoss auf die große, diamantförmige Schädelpartie. Die Schlange stieß einen seltsamen fauchenden Schrei aus, als die Kugel seitlich durch das weit aufgerissene Maul fuhr und ein Loch in die straff gespannte Haut riss.

Das Ungetüm ließ sich zu Boden fallen und katapultierte sich mit einem einzigen wellenartigen Stoß seines muskulösen, langen Leibes auf Chris zu. Er schoss erneut, traf und schlug einen Batzen geschuppten Fleisches aus dem Schlangenrücken. Dunkles Blut sprudelte aus der Wunde. Das Ungeheuer war gut dreimal so lang wie ein ausgewachsener Mann.

Mit einem weiteren brüllenden Zischen bäumte sich das Reptil neuerlich vor Chris auf, bis der monströse Schädel nur noch ein, zwei Handspannen von der Pistolenmündung entfernt war. Aus dem Loch im Maul des Giganten strömte noch immer Blut.

Die Augen. Halt auf seine Augen …

Chris zog den Abzug durch, und die Schlange prallte auf ihn, riss ihn mit zu Boden. Ihr Leib zuckte wie entfesselt. Das Schlangenende drosch so heftig gegen einen der dicken Stützbalken, dass er brach. Derweil war Chris bemüht, seine eingeklemmten Arme frei zu bekommen, um dem Ungeheuer wenigstens noch mehr Schmerzen zuzufügen, bevor es ihn dahinraffte.

Doch plötzlich erschlaffte der kalte, schwere Körper.

„Chris!“ Rebecca stürmte in den Raum und blieb dann, auf das riesige Reptil starrend, wie angewurzelt stehen. „Boah …“

Chris fand mit dem Fuß an einem der Holzbalken Halt, und schaffte es, sich so abzudrücken, dass er sich unter dem dicken Leib hervorwinden konnte. Mit noch immer vor Staunen geweiteten Augen reichte Rebecca ihm die Hand, um ihm aufzuhelfen.

Kurz darauf starrten beide auf die Wunde, die das Tier getötet hatte – das schwarze, nasse Loch, wo sich einmal sein rechtes Auge befunden hatte. Ein Neunmillimetergeschoss hatte es zerstört.

„Bist du okay?“, fragte Rebecca besorgt.

Chris nickte, obwohl er wahrscheinlich ein paar gequetschte Rippen hatte, aber was spielte das unter diesen Umständen für eine Rolle? Er war dem Tod nur um Haaresbreite entronnen, hatte sich in höchste Lebensgefahr gebracht, um –

Er hob die Hand, die immer noch das Kupferwappen hielt, und musste seinen Klammergriff um das dicke Metall fast gewaltsam lösen. Er hatte es auch während der Auseinandersetzung festgehalten, ohne sich dessen bewusst zu sein, und als er es jetzt betrachtete, hatte er das sichere Gefühl, dass es von Bedeutung war …

Das glaubst du doch nur, weil du beinahe zu Schlangenfutter verarbeitet worden wärst, als du es dir unter den Nagel gerissen hast.

Rebecca nahm es und ließ die Fingerkuppe über den eingravierten Mond gleiten.

„Hast du auch etwas gefunden?“, fragte Chris.

Rebecca schüttelte den Kopf. „Nur einen Tisch, ein paar Regale … Was meinst du, was das hier ist?“

Chris zuckte die Achseln, hatte den Blick immer noch auf das blutige Loch gerichtet, wo sich einmal das glänzende Auge der Schlange befunden hatte. Ihn schauderte bei der Vorstellung, was passiert wäre, wenn er diesen letzten Schuss daneben gesetzt hätte …

„Vielleicht finden wir es unterwegs heraus“, meinte er leise. „Komm, lass uns jetzt von hier verschwinden.“

Rebecca reichte ihm das Wappen zurück, und gemeinsam verließen sie den kalten Dachboden. Als er die Tür hinter ihnen schloss, wusste Chris, dass er, obwohl sie ihn früher nie gekümmert hatten, künftig einen großen Bogen um jede Art von Schlangen machen würde.

Schwerfällig stieg Barry die Treppe zur Haupthalle hinauf. Der Angstknoten in seiner Magengrube zog sich mit jedem Schritt enger zusammen. Er hatte jeden Raum des Ostflügels durchsucht, der zu öffnen gewesen war, und stand nun trotzdem mit leeren Händen da.

Wieder und wieder tummelten sich in seinem Kopf dieselben entsetzlichen Bilder, während er die Stufen emporstapfte: Kathy und Moira und Poly Anne, voller Furcht und von Fremden gepeinigt, in ihrem eigenen Haus. Kathy kannte die Kombination zu seinem Waffensafe im Keller, aber die Chance, dass sie es die Treppe hinunterschaffte, bevor sie von dem oder den Einbrechern überwältigt wurde, war verschwindend gering.

Barry erreichte den ersten Treppenabsatz und rang zittrig nach Luft. Kathy würde nicht einmal auf den Gedanken kommen, eine Waffe zu holen, wenn sie hörte, wie jemand durch ein Fenster oder eine Tür eindrang. Sie würde zuallererst zu den Mädchen laufen, um sicherzugehen, dass diese okay waren.

Nur – wenn ich nicht bald diese Wappen auftreibe, wird gar nichts mehr okay sein.

Er hatte nirgends im Haus ein Telefon oder Funkgerät gesehen. Und wenn Wesker nicht in dieses verfluchte Laboratorium hineingelangen konnte, wie sollte er dann in der Lage sein, Kontakt zu den Leuten von White Umbrella aufzunehmen, um die Killer zurückzupfeifen …?

Barry erreichte die Tür am oberen Treppenabsatz, die in den Westflügel führte. Seine einzige Hoffnung war, dass entweder Jill oder Wesker die drei fehlenden Stücke inzwischen gefunden hatten. Er wusste nicht, wo Wesker sich aufhielt (wenn er auch keinen Zweifel daran hatte, dass dieser Bastard nur zu bald wieder auftauchen würde), aber Jill suchte vermutlich immer noch im Obergeschoss. Sie konnten sich die Räume, die sie noch nicht überprüft hatte, teilen und zumindest die unwahrscheinlichsten Bereiche ausklammern. Wenn sie die Wappen nicht fanden, würde er noch einmal den Ostflügel durchkämmen und anfangen müssen, das Mobiliar auseinander zu nehmen.

In Gedanken versunken öffnete er die Tür zu dem ganz in Rottönen gehaltenen Korridor – und stieß beinahe mit Chris Redfield und Rebecca Chambers zusammen, als sie aus der rechts von ihm gelegenen Tür kamen.

Chris’ Gesicht hellte sich zu einem breiten Grinsen auf. „Barry!“

Der jüngere Mann trat vor und umarmte ihn ungestüm, dann rückte er, unverändert feixend, wieder von ihm ab. „Herrgott, tut das gut, dich zu sehen! Ich war schon drauf und dran zu glauben, dass Rebecca und ich die Einzigen sind, die noch leben. – Wo sind Jill und Wesker?“

Während Barry nach einer Antwort suchte, die ihm geeignet schien, setzte er ebenfalls ein Lächeln auf. Dabei war ihm fast schlecht vor Schuldgefühl. Jill zu belügen war schon nicht einfach gewesen, aber Chris kannte er seit Jahren.

Aber Kathy und die Mädchen – wenn sie umgebracht werden …

„Jill und ich sind dir nachgegangen. Aber alle Türen auf diesem Flur waren zugesperrt – und als wir zurück in die Lobby kamen, war der Captain verschwunden. Seitdem suchen wir nach euch beiden und nach einem Weg hier raus …“ Barry lächelte eine Spur weniger starr, als er hinzufügte: „Bin auch froh, dich wiederzusehen. Euch beide.“

Wenigstens das ist wahr.

„Wesker ist also einfach verschwunden?“, hakte Chris nach.

Barry nickte unbehaglich. „Ja. Und wir haben Ken gefunden. Eines dieser zombieartigen Ungeheuer hat ihn erwischt.“

Chris seufzte. „Hab’s gesehen. Forest und Richard sind auch tot.“

Barry verspürte tiefe Trauer und schluckte hart. Plötzlich hasste er Wesker noch mehr. Die Leute, für die Wesker arbeitete, hatten das angerichtet, und jetzt wollten sie alles vertuschen, um keine Verantwortung für ihr Tun übernehmen zu müssen.

Und ob’s mir passt oder nicht, ich werde ihnen dabei brav helfen …

Barry atmete tief ein und aus, während er vor seinem geistigen Auge das Bild seiner Frau und seiner Kinder fixierte. „Jill hat eine Hintertür gefunden. Wir glauben, dass es ein Weg nach draußen sein könnte – da ist nur dieses Trickschloss, so eine Art Puzzle, und wir brauchen erst alle Teile, bevor wir es öffnen können. Es gibt vier Wappen aus Kupfer – Jill hat schon eins davon, aber die restlichen müssen irgendwo in der Villa versteckt sein …“

Er verstummte, weil Chris plötzlich noch jungenhafter grinste und unter seine Weste griff. „Etwas in der Art hier?“

Barry glotzte das Wappen an, das Chris hervorgeholt hatte. Sein Herzschlag beschleunigte. „Ja, das ist eins davon! Wo hast du’s gefunden?“

Rebecca ergriff scheu lächelnd das Wort. „Er musste mit einer großen Schlange darum kämpfen – einer wirklich großen Schlange. Ich glaube, sie war von den Auswirkungen des Unfalls betroffen, obwohl … ein artübergreifendes Virus, so etwas kommt eher selten vor.“

In vorgetäuschter Gelassenheit griff Barry nach dem Wappen und furchte die Stirn. „Unfall?“, fragte er.

Chris nickte. „Wir sind auf eindeutige Indizien gestoßen, dass sich auf dem Anwesen so was wie eine geheime Forschungseinrichtung befindet – und dass ein Virus, an dem dort gearbeitet wurde, ausgebrochen ist.“

„Eins, das offenbar Säugetiere und Reptilien infizieren kann“, ergänzte Rebecca. „Nicht nur unterschiedliche Spezies, sondern ganz verschiedene Familien.“

Meine bedroht es jedenfalls ganz sicher, dachte Barry düster.

Die Furchen auf seiner Stirn wurden noch tiefer. Während er allgemeine Nachdenklichkeit vortäuschte, suchte er lediglich nach einer plausibel klingenden Ausrede, um sich wieder absetzen zu können. Der Captain würde nicht mit ihm in Kontakt treten, solange er mit anderen zusammen war. Und er wollte dringend das Kupferstück in das Diagramm einsetzen, um zu demonstrieren, dass er noch mitspielte, kooperierte – und dass er den Rest des Teams dazu gebracht hatte, ihm bei der Suche zu helfen. Er konnte spüren, wie die Sekunden verrannen. Das Metall wurde warm unter seinen schwitzigen Fingern.

„Wir müssen das FBI hinzuziehen“, sagte er schließlich. „Umfassende Ermittlungen sind unumgänglich – militärische Unterstützung. Das Gebiet muss unter Quarantäne gestellt werden …“

Chris und Rebecca nickten, und wieder fühlte sich Barry von seinen Schuldgefühlen nahezu erdrückt. Gott, wenn sie doch nur nicht so arglos ihm gegenüber gewesen wären!

„ … aber dazu müssen wir erst die übrigen Wappen finden“, fuhr er fort. „Jill könnte inzwischen noch eins aufgestöbert haben, vielleicht sogar beide.“

Ich kann nur beten, dass es so ist.

„Weißt du, wo sie sich aufhält?“, fragte Chris.

Barry nickte geistesgegenwärtig. „Ich bin ziemlich sicher, aber dieses Haus ist ja der reinste Irrgarten … Warum wartet ihr beide nicht unten in der Haupthalle, während ich sie holen gehe? Dann könnten wir unsere Suche besser organisieren und effektiver vorgehen.“

Er lächelte und hoffte inständig, dass es überzeugender wirkte, als es ihm vorkam. „Sollten wir nicht umgehend auftauchen, sucht erst mal weiter nach diesen Dingern. Die Hintertür liegt am Ende der Korridore im Westflügel – Erdgeschoss.“

Chris schaute ihn einen Moment lang an, und Barry konnte sehen, wie sich in dem wachen Blick Fragen formten – Fragen, auf die Barry keine sehr überzeugenden Antworten hätte geben können: Warum sollten wir uns überhaupt trennen? Was ist mit der Suche nach dem vermissten Captain? Wie konnte er sicher sein, dass die Hintertür ein Fluchtweg war?

Bitte, tut einfach, was ich sage …

„Okay“, sagte Chris widerstrebend. „Wir warten. Aber wenn sie nicht dort ist, wo du glaubst, kommst du zurück und holst uns. Unsere Chancen, heil durch dieses Haus zu kommen, stehen besser, wenn wir zusammenbleiben.“

Barry nickte und wartete keine weitere Bemerkung von Chris ab, sondern drehte sich um und trabte den dämmrigen Gang hinunter. Er hatte das Zögern in Chris’ Augen gesehen, die Unsicherheit in seiner Stimme gehört – und bei seinen eigenen Worten hatte Barry gespürt, wie verzweifelt er seinen Freund vor Weskers Verrat hatte warnen wollen. Abrupt zu gehen, war die einzige Möglichkeit gewesen zu verhindern, dass er etwas sagte, was er womöglich bereut hätte. Etwas, das seine Familie das Leben kosten konnte.

Als er hörte, wie sich die Tür zur Galerie schloss, beschleunigte er sein Tempo und rannte um die Biegungen. Nahe der Tür zur Treppe lag ein toter Zombie. Barry setzte über ihn hinweg. Der damit verbundene Gestank blieb erst hinter ihm zurück, als er durch den Verbindungsgang stürmte. Drei Stufen auf einmal nehmend, hetzte er die Hintertreppe hinab, und ebenso unablässig wie mitleidlos erinnerte ihn sein Gewissen an den Verrat, den er beging.

Du bist ein elender Lügner, Barry – du benutzt deine Freunde genauso, wie Wesker dich benutzt, spielst mit ihrem Vertrauen. Du hättest ihnen sagen können, was wirklich läuft, hättest dir von ihnen helfen lassen können, dieser verdammten Sache einen Riegel vorzuschieben …

Als er die Tür zum überdachten Fußweg erreichte, drosch Barry das schwere Metallhindernis förmlich zur Seite. Er konnte und würde es nicht riskieren, seine Freunde einzuweihen. Was, wenn Wesker in der Nähe war und alles mitangehört hatte? Er hatte Barrys Familie, um diesen damit zu erpressen, und wenn Chris und die anderen die Wahrheit erst einmal kannten – was sollte Wesker dann noch davon abhalten, sie einfach umzubringen? Nein, wenn er Wesker half, die Beweise zu vernichten, stellte das S.T.A.R.S.-Team keine Gefahr mehr dar, und der Captain konnte es bedenkenlos laufen lassen!

Barry erreichte das Diagramm neben der Tür, blieb stehen und starrte darauf. Erleichterung überkam ihn, kühl und wohltuend. Drei der vier Vertiefungen waren bereits belegt, Wind-, Sonnen- und Sternen-Wappen befanden sich schon an der vorgesehenen Stelle. Es war vorbei.

Jetzt kann Wesker zum Labor und seine Leute zurücktrommeln, er braucht uns nicht mehr! Ich kann wieder ins Haus gehen und das Team ablenken, derweil er tut, was er denkt tun zu müssen. Schließlich wird das RCPD aufkreuzen, und wir können vergessen, dass diese Scheißgeschichte jemals passiert ist …

Barry war in solcher Hochstimmung, dass er die gedämpften Schritte auf den Steinplatten hinter sich überhörte und nicht erkannte, dass er nicht mehr allein war – bis Weskers sanfte Stimme neben ihm ertönte.

„Warum vollenden Sie das Puzzle nicht, Mister Burton?“

Barry fuhr erschrocken herum. Er funkelte Wesker feindselig an, verabscheute das selbstgefällige Gesicht hinter der Sonnenbrille. Lächelnd nickte Wesker in Richtung des Wappens in Barrys Hand.

„Ja, sicher“, murmelte Barry finster und setzte das letzte fehlende Teil ein. In der Tür ertönte ein dumpfer metallischer Laut.

Wesker trat an Barry vorbei und drückte die Tür auf. Dahinter lag ein kleiner Geräteschuppen. Barry warf einen Blick hinein und sah den Ausgang in der gegenüberliegenden Wand. Es gab kein weiteres Diagramm, keine weiteren verrückten Rätsel, die zu lösen waren.

Kathy und die Mädchen waren gerettet.

Mit einer tiefen Verbeugung und einem Wink bedeutete Wesker ihm, in den Schuppen zu gehen. Immer noch lächelnd sagte er: „Die Zeit ist knapp, Barry, und wir haben noch viel zu tun.“

Barry blickte ihn verwirrt an. „Wovon reden Sie? Sie können jetzt ins Labor –“

„Es hat sich eine geringfügige Änderung des Plans ergeben. Sehen Sie, es hat sich herausgestellt, dass ich noch etwas anderes finden muss, und ich habe einen Verdacht, wo es sein könnte. Aber die Sache ist nicht ohne Risiken … und Sie haben bisher so gute Arbeit geleistet, dass ich Sie gerne mit einbeziehen möchte.“

Weskers Lächeln verwandelte sich in ein haifischartiges Grinsen, eine kalte, erbarmungslose Erinnerung an das, was für Barry auf dem Spiel stand.

„Ich fürchte“, fügte er hinzu, „dass ich auf Ihre Unterstützung bestehen muss.“

Und nach einem schrecklich langen Moment löste sich Barrys Erstarrung in einem hilflosen Nicken.

DREIZEHN

Meine liebste Alma,

ich sitze hier und überlege, wo ich anfangen soll, wie ich mit ein paar einfachen Worten all das erklären soll, was sich in meinem Leben ereignet hat, seit wir zuletzt miteinander sprachen – und schon versage ich. Ich hoffe, dieser Brief erreicht dich bei bester Gesundheit und dass du mir die Sprunghaftigkeit meiner Gedanken verzeihst; das Ganze fällt mir nicht leicht. Selbst während ich schreibe, spüre ich, dass mir die einfachsten Zusammenhänge entgleiten; wie ich sie verliere an das Gefühl von Verzweiflung und Verwirrung. Doch ich muss dir sagen, was in meinem Herzen ist, ehe ich Ruhe finden kann. Habe Geduld und glaube mir, dass das, was ich dir erzähle, die Wahrheit ist.

Wollte ich dir die ganze Geschichte erzählen, bräuchte ich Stunden, und die Zeit ist knapp, also akzeptiere diese Dinge als Tatsache: Vorigen Monat ereignete sich ein Unfall im Labor, und das Virus, das wir untersuchten, brach aus. Alle meine Kollegen, die infiziert wurden, sind tot oder liegen im Sterben, und die Natur dieser Krankheit ist solcherart, dass diejenigen, die noch leben, ihren Verstand verloren haben. Das Virus beraubt seine Opfer ihres Menschseins und zwingt sie in ihrer Krankheit, Leben aufzuspüren und dieses zu vernichten. Selbst jetzt, da ich diese Worte schreibe, kann ich die anderen hören, sie drücken gegen meine verschlossene Tür wie geistlose, hungrige Tiere und schreien verlorenen Seelen gleich.

Es gibt keine Worte, die ehrlich und tief genug wären, um das Bedauern und die Scham auszudrücken, die ich empfinde ob des Wissens, dass ich an ihrer Erschaffung beteiligt war. Ich glaube zwar, dass sie jetzt nichts mehr spüren, weder Angst noch Schmerz – aber dass es sie nicht zu erschrecken vermag, was aus ihnen wurde, nimmt nicht die Last der Schuld von mir. Ich bin, zum Teil jedenfalls, verantwortlich für den Albtraum, der mich umgibt.

Trotz dieser Bürde, die sich mir ins Innerste gebrannt hat und die mich mit jedem Atemzug heimsucht, hätte ich doch versucht zu überleben, und sei es nur, um dich wiederzusehen. Doch auch mein stärkstes Bemühen konnte das Unvermeidliche nur hinauszögern; ich bin infiziert, und für das, was folgt, gibt es keine Heilung. Ich kann nur mein Leben beenden, bevor ich das Einzige verliere, was mich noch von den anderen unterscheidet: meine Liebe zu dir.

Bitte verstehe, bitte glaube mir, dass es mir leid tut.

Martin Crackhorn

Jill seufzte und legte das zerknitterte Blatt Papier behutsam auf den Schreibtisch. Diese Kreaturen waren Opfer ihrer eigenen Forschung. Es sah aus, als hätte sie den richtigen Verdacht gehabt hinsichtlich dessen, was in der Villa geschehen war – doch diesen innigen Brief zu lesen, dämpfte allen Stolz, den sie aufgrund ihrer detektivischen Fähigkeiten vielleicht empfunden hätte. Nachdem das Sonnen-Wappen ins Diagramm eingesetzt gewesen war, hatte Jill beschlossen, dass das Büro im Obergeschoss eine eingehendere Betrachtung verdiente – und nachdem sie dort ein wenig herumgewühlt hatte, war sie in einer Schublade auf das letzte hingekritzelte Bekenntnis von Crackhorn gestoßen.

Crackhorn, Martin Crackhorn – das war einer der Namen auf Trents Liste …

Jill runzelte die Stirn und ging langsam zur Tür des Büros. Aus irgendeinem Grund wollte Trent, dass S.T.A.R.S.vor allen anderen herausfand, was in der Villa vorgefallen war. Aber da er doch offensichtlich umfassend darüber Bescheid wusste, warum hatte er es nicht freiheraus gesagt? Und was gewann er, wenn er überhaupt etwas darüber in Umlauf brachte?

Jill durchquerte den kleinen Bürovorraum und trat, immer noch in Gedanken versunken, hinaus auf den Gang. Barry hatte sich zuvor merkwürdig verhalten, und sie musste herausfinden, weshalb. Vielleicht würde sie eine ehrliche Antwort bekommen, wenn sie ihn einfach auf den Kopf zu fragte.

Vielleicht aber auch nicht. Aber es wird mir in jedem Fall Aufschluss geben.

An der Hintertreppe hielt Jill inne, atmete tief durch – und hatte das Gefühl, dass etwas anders geworden war. Unsicher sah sie sich um, versuchte herauszufinden, was ihr Instinkt ihr mitteilen wollte.

Es ist wärmer. Nur ein bisschen, aber es ist definitiv wärmer. Und die Luft riecht nicht mehr ganz so abgestanden.

Als hätte jemand ein Fenster geöffnet. Oder vielleicht eine Tür.

Jill drehte sich um und lief die Stufen hinab. Es zog sie förmlich zu dem Rätselschloss, mit aller Macht. Am Fuß der Treppe angelangt sah sie, dass die Tür, die einen Flur mit dem nächsten verband, offen stand. Von fern vernahm sie das Zirpen von Grillen; frische Nachtluft wehte durch die kalte Modrigkeit des Hauses zu ihr.

Sie eilte in den dunkleren Korridor und dann nach rechts, versuchte ihre Hoffnungen nicht zu hoch zu schrauben. Ein weiterer scharfer Rechtsschwenk, dann konnte sie sehen, dass die Tür zu dem überdachten Fußweg offen war.

Vielleicht ist das ja schon alles. Es muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass das Rätsel gelöst ist …

Jill begann zu rennen, spürte die belebende Wärme der Sommerluft auf ihrer Haut, als sie die Biegung des Mosaikwegs nahm –

– und stieß ein kurzes, triumphierendes Lachen aus, als sie die vier eingesetzten Wappen neben der offenen Tür entdeckte. Eine warme Brise fuhr durch den Raum, den das Puzzle geöffnet hatte – ein kleiner Schuppen für Gartengeräte. Die Metalltür in der gegenüberliegenden Wand stand offen, und Jill sah Mondlicht, das jenseits der rostigen Angeln über eine Ziegelwand kroch.

Barry hatte recht gehabt, die Tür führte hinaus. Jetzt konnten sie Hilfe holen, einen sicheren Weg durch den Wald suchen oder zumindest ein Signal abgeben.

Aber wenn Barry die fehlenden Teile gefunden hat, warum hat er mich dann nicht verständigt?

Jills Lächeln verblasste, als sie den Schuppen betrat und geistesabwesend die staubigen Kisten und Fässer musterte, die entlang der grauen Steinmauern standen. Barry hatte gewusst, wo sie war, hatte selbst vorgeschlagen, dass sie sich die erste Etage des Westflügels vornahm.

Vielleicht war es ja nicht Barry, der die Tür geöffnet hatte.

Genau. Es konnte auch Chris oder Wesker gewesen sein, oder einer der Bravos. Falls das der Fall war, hätte sie wohl besser wieder hineingehen und nach Barry suchen sollen …

Oder ich sehe mich erst etwas um und verschaffe mir einen Eindruck, ob es überhaupt der Mühe wert ist.

Das klang ein bisschen nach einer Rechtfertigung, aber Jill musste sich eingestehen, dass der Gedanke, in die Villa zurückzukehren, nun, da ein möglicher Fluchtweg existierte, nicht allzu verlockend war. Entschlossen nahm sie ihre Beretta aus dem Holster und ging auf die nach draußen führende Tür zu.

Das Erste, was sie bemerkte, war das Rauschen fließenden Wassers, das die sanfte Geräuschkulisse des Waldes übertönte und die kühlende Luft erfüllte. Es klang wie von einem Wasserfall. Das Zweite und Dritte waren die beiden Hunde, die auf einem gewundenen Steinpfad lagen. Erschossen.

Würde drauf wetten, dass einer aus dem S.T.A.R.S.-Team hier lang gekommen ist …

Jill tat einen Schritt in einen von hohen Mauern umrahmten Hof hinaus. Niedrige Hecken wuchsen auf jeder Seite in ziegelsteingesäumten Beeten. Über ihr hingen, drückend tief, dunkle Wolken. Auf der anderen Seite der offenen Fläche gab es ein eisernes Gittertor, unmittelbar hinter einer Gruppe von Sträuchern. Zu ihrer Linken lag ein schnurgerader Weg, von hohen Mauern überschattet, die ihn begrenzten. Das sanfte Rauschen des Wasserfalls schien aus dieser Richtung zu kommen, obwohl der Pfad abrupt vor einem mehrere Fuß hohen Metalltor endete.

Vielleicht geht dahinter eine Treppe hinunter?

Jill zögerte, sah wieder zu dem rostigen Bogentor, das vor ihr lag, dann auf die verkrümmten Leiber der mutierten Hunde. Sie befanden sich beide näher beim Tor als am Pfad, und davon ausgehend, dass sie bei einem Angriff getötet worden waren, musste der Schütze also in diese Richtung gegangen sein …

Plötzlich erklang das Geräusch von heftig spritzendem Wasser und nahm Jill die Entscheidung ab. Sie wandte sich um, lief den mondbeschienenen Weg hinunter. Sie hoffte, einen Blick auf das zu erhaschen, was immer dieses Geräusch verursachte.

Sie erreichte das Ende des Steinpfads, lehnte sich über das Tor – und zog sich sofort wieder etwas zurück, überrascht von dem abrupt gähnenden Tiefe dahinter. Es gab keine Treppe. Hinter dem Tor lagen eine vergleichsweise winzige Aufzugsplattform und, etliche Fuß darunter, ein weitläufiger Hof.

Die platschenden Laute kamen von rechts. Jill schaute gerade noch rechtzeitig in und über den weiten Hof, um zu sehen, wie eine schemenhafte Gestalt durch den Wasserfall ging, den sie gehört hatte, und hinter dem Wasservorhang verschwand, der die Westwand herabströmte.

Was zum Teufel –

Sie fixierte den kleinen Wasserfall, blinzelte, weil sie nicht ganz sicher war, ob ihre Augen ihr einen Streich spielten. Das Spritzen und Platschen verklang, kaum dass die Person verschwunden war, und Jill war ziemlich sicher, dass sie sich das alles nicht nur eingebildet hatte – was bedeutete, dass das rauschende Wasser einen geheimen Durchgang verbarg.

Großartig, das ist genau das, was noch gefehlt hat. Drinnen hatte ich weiß Gott noch nicht genug fiese Überraschungen.

Die Steuerung des offenen Ein-Personen-Aufzugs befand sich an einer Metallstrebe neben dem rostigen Tor, die Plattform selbst unten im Hof. Jill legte den Einschalthebel um, aber nichts geschah. Sie musste einen anderen Weg hinunter finden – und Zeit vergeuden, während die geheimnisvolle Person, die hinter dem Wasserfall verschwunden war, ihren Vorsprung vergrößern konnte.

Es sei denn …

Jill schaute den engen Aufzugschacht hinab, ein Quadrat, das an der dem Hof zugewandten Seite offen war. Heraufzuklettern wäre schwierig gewesen, aber hinunter? Eine Kleinigkeit. Sie konnte den Abstieg in längstens einer Minute schaffen, wenn sie ihr Gewicht mit Rücken und Beinen abstützte.

Als sie zur Vorbereitung der Kletterpartie das Gewehr vom Rücken nahm, kam ihr ein beunruhigender Gedanke: Falls die Person, die durch den Wasserfall gegangen war, zum S.T.A.R.S.-Team gehörte – woher hatte sie gewusst, dass es diese versteckte Passage gab?

Eine gute Frage, aber keine, mit der sich Jill lange befassen wollte. Die Pumpgun fest umklammert, drückte sie das Tor auf und machte sich vorsichtig an den Abstieg.

Sie hatten Barry volle fünfzehn Minuten gegeben, bevor sie sich aufmachten in das Gewirr der Gänge des Westflügels und die offene Hintertür fanden. Dort standen sie jetzt und besahen sich die Kupferplatte mit den vier eingravierten Wappen.

Chris starrte verwirrt und mehr als nur ein wenig besorgt auf den Halbmond, den Barry mitgenommen hatte. Barry war einer der ehrlichsten, geradlinigsten Männer, die er kannte. Wenn er sagte, dass er nach Jill suchen und dann zu ihnen zurückkommen wollte, würde er genau das tun.

Aber er ist nicht zurückgekommen. Und wenn er in Schwierigkeiten geraten ist, wie ist dann das Teil, das ich ihm gegeben habe, hierher gekommen?

Ihm gefiel keine der Erklärungen, die ihm sein Verstand offerierte. Jemand konnte es Barry abgenommen haben; er konnte es selbst eingesetzt haben und dann irgendwie verletzt worden sein … Die Zahl der Möglichkeiten schien unendlich, und keine davon bedeutete Gutes.

Seufzend wandte sich Chris von dem Diagramm ab und sah Rebecca an. „Was auch immer mit Barry passiert ist, wir sollten weitergehen. Das ist vielleicht der einzige Weg, der hier raus führt.“

Rebecca lächelte leicht. „Soll mir recht sein. Es wäre einfach ein gutes Gefühl, von hier wegzukommen …“

„Wem sagst du das“, erwiderte er mitfühlend. Bis sie das Haus verlassen hatten, war ihm nicht einmal aufgefallen, wie sehr er sich schon an die kalte und bedrückende Atmosphäre darin gewöhnt hatte. Der Unterschied war wirklich erstaunlich.

Sie durchquerten den ordentlich aufgeräumten Lagerschuppen und blieben vor der anderen Tür stehen. Beide atmeten tief durch. Rebecca überprüfte ihre Beretta zum ungefähr hundertsten Mal, seit sie die Haupthalle verlassen hatten, und nagte nervös an ihrer Unterlippe. Chris konnte sehen, wie angespannt sie war, und überlegte, ob es irgendetwas gab, das sie wissen musste; etwas, das ihr helfen würde, falls sie zum Kampf gezwungen würden. Das S.T.A.R.S.-Training deckte zwar alles Grundlegende ab, aber es blieb letztlich wirklichkeitsfremd, wie gekonnt auch immer, mit einer Spielzeugpistole auf einen Video-Monitor zu schießen.

Plötzlich grinste er. Er erinnerte sich an die weisen Worte, die er bei seiner ersten Mission zu hören bekommen hatte, einer Auseinandersetzung mit durchgeknallten Survivalisten im Norden des Staates New York. Er hatte Angst gehabt und war verzweifelt bemüht gewesen, es nicht zu zeigen. Beim einsatzleitenden Captain hatte es sich um eine eisenharte Sprengstoffexpertin gehandelt, eine außergewöhnlich kleine Frau namens Kaylor. Kurz vor dem Zugriff hatte sie ihn beiseite genommen, von oben bis unten gemustert und ihm den allerbesten Rat gegeben, den er je bekommen hatte.

„Sohn“, hatte sie gesagt, „ganz egal, was passiert – wenn die Schießerei losgeht, versuch dir nicht in die Hosen zu scheißen.“

Diese Bemerkung hatte ihn in seiner Nervosität dermaßen überrascht, war so vollkommen bizarr gewesen, dass er buchstäblich gezwungen gewesen war, einen Teil seiner Angst sausen zu lassen, um Raum für ihre Worte zu schaffen …

„Warum grinst du so?“

Chris schüttelte den Kopf. Sein Lächeln verging. Irgendwie glaubte er, dass der Spruch bei Rebecca nicht funktionieren würde – und die Gefahren, mit denen sie es hier zu tun hatten, schossen auch nicht zurück. „Lange Geschichte. Komm, gehen wir.“

Sie traten in die Nacht hinaus. Das schläfrige Summen von Grillen und Zikaden erfüllte den umliegenden Wald. Sie befanden sich in einer Art Hinterhof, auf jeder Seite ragten hohe Ziegelsteinmauern empor, links von ihnen gab es einen abzweigenden Fußweg. Chris konnte ganz in der Nähe das Rauschen von Wasser hören und von weiter weg drang der klagende, einsame Ruf eines Hundes oder Kojoten zu ihnen vor.

Apropos Hunde …

Zwei davon lagen niedergestreckt vor ihnen auf den Steinen. Weiches Mondlicht schimmerte auf ihren feuchten, sehnigen Leibern. Chris trat neben einen, bückte sich und berührte die Flanke des Tieres. Rasch zog er die Hand wieder zurück. Ein angewiderter Ausdruck erschien auf seinem Gesicht. Der mutierte Hund war klebrig und warm, als wäre er in eine dicke Schleimschicht gepackt.

Chris stand auf und wischte sich die Hand an der Hose ab. „Ist noch nicht lange tot“, sagte er leise. „Nicht länger als eine Stunde jedenfalls.“

Vor ihnen, hinter ein paar Hecken, war ein verrostetes Tor auszumachen. Chris nickte Rebecca auffordernd zu, und während sie darauf zugingen, steigerte sich das Rauschen des Wassers zu einem dumpfen Dröhnen.

Chris drückte gegen das Tor. Es schwang laut in seinen Angeln quietschend auf und offenbarte ein gewaltiges, aus Stein gehauenes Becken von der Größe mehrerer Swimmingpools. An den Seiten wucherten tiefe Schatten, hervorgerufen von der scheinbar undurchdringlichen Mauer aus dunkelgrünen Bäumen und üppiger Vegetation, die durch das umkränzende Geländer zu brechen drohte.

Sie gingen weiter und verharrten am Rand des weitläufigen Beckens. Offenbar wurde der Pegel gerade gesenkt; der tosende Lärm rührte von dem Wasser her, das in einem schmalen Strom durch ein hochgezogenes Schott an der Ostseite abfloss. Es gab keinen Rundweg um das Becken, aber Chris sah, dass ein Steg den Pool teilte, der bei randvollem Becken etwa mannstief unter der Wasseroberfläche liegen musste. An beiden Seiten befanden sich verschraubte Leitern, und der Steg hatte offenbar bis vor kurzem noch unter Wasser gelegen – das Gestein war voller nassglänzender Algen.

Chris betrachtete das ungewöhnliche Szenario für einen Augenblick und fragte sich, wie man bei Höchststand des Wassers hinübergekommen sein mochte. Ein weiteres Rätsel auf der immer länger werdenden Liste unbeantworteter Fragen.

Wortlos kletterten sie hinab und eilten hinüber. Ihre Stiefel patschten über den rutschigen Stein, feuchte Luft umgab sie. Rasch erklomm Chris die Leiter, dann fasste er hinunter, um Rebecca bei Aufstieg zu helfen.

Der überschattete Pfad war mit Ästen und Kiefernnadeln bedeckt. Er begrenzte, über das offene Schleusentor verlaufend, das östliche Ende des Reservoirs. Sie hielten auf den künstlichen Wasserfall zu, waren aber erst ein paar Schritte weit gekommen, als es zu regnen begann.

Plop … Plop-plop …

Chris runzelte die Stirn. Eine innere Stimme setzte ihn sachlich darüber in Kenntnis, dass er eigentlich nicht in der Lage hätte sein dürfen, durch das Dröhnen des ablaufenden Wassers hindurch ein paar Regentropfen zu hören.

Er spähte nach oben und sah, wie ein verdrehter Ast aus dem Laubwerk, das über das Geländer hing, fiel. Ein Ast, der auf dem Stein aufschlug – und geschmeidig davonglitt.

Das ist kein Ast …

Es befanden sich schon Dutzende andere „Äste“ auf dem glitschigen Boden, schlängelten sich darüber, zischelten und wanden sich, während immer mehr aus den Bäumen fielen.

Rebecca und er waren von Schlangen umzingelt.

„O Shit!“

Erschrocken drehte sich Rebecca zu Chris um. Sie fühlte, wie kaltes Entsetzen in ihr hochschoss und ihr Herz mit eisigem Griff umklammerte, als ihr Blick auf den Weg hinter Chris fiel. Der Boden war in Aufruhr geraten. Schwarze Schemen schlängelten sich auf ihre Füße zu und weitere fielen von oben herab wie lebender Regen.

Rebecca war im Begriff, ihre Pistole zu heben, als sie, wie betäubt, einsehen musste, dass es zu viele waren. Chris packte sie grob am Arm.

„Lauf!“

Sie taumelten vorwärts. Rebecca schrie auf, als ein dicker, sich windender Leib auf ihre Schulter fiel und kühle Schuppen ihren Arm berührten, während er schwer an ihr herabglitt und auf den Stein prallte.

Der Pfad verlief im Zickzack. Sie rannten durch die wogenden Schatten. Ihre Sohlen knarrten über gummiartiges, sich bewegendes Fleisch. Immer wieder mussten sie um ihr Gleichgewicht ringen. Schlangen schossen vor, versuchten nach ihren Stiefeln zu schnappen. Chris und Rebecca rannten über einen stählernen Steg, unter dem schwarzes, schäumendes Wasser donnerte. Das Geräusch ihrer Schritte auf dem Metall ging im Tosen unter.

Vor ihnen waren die Steine klarer zu erkennen – aber der Weg fiel auch steil ab. Eine kleine Aufzugsplattform markierte sein Ende. Es war der einzige Weg, der ihnen blieb.

Sie drängten sich auf die winzige Plattform, und Rebecca griff nach der Steuerung. Ihr Atem floh in panischen Stößen. Chris drehte sich um und drückte mehrmals mit seiner Waffe ab. Die Schüsse übertönten das tobende Wasser. Rebecca drosch auf den Knopf, der den Aufzug in Bewegung setzte.

Die Plattform erzitterte, dann senkte sie sich, glitt vorbei an felsigen Wänden und auf einen weiten, leeren Hof zu. Rebecca wandte sich um und hob die Beretta, um Chris zu unterstützen.

Doch dann merkte sie, wie ihre Kinnlade herunterklappte, wie sich ihre Kehle angesichts der grausigen Szene verengte. Es mussten Hunderte sein!

Der Weg war fast vollständig bedeckt von den hin- und hergleitenden Körpern, die sich in abnormer Raserei wanden, zischten und wie wild aufeinander einpeitschten. Als Rebecca es endlich schaffte, die Lähmung abzustreifen, war das abscheuliche Bild aus ihrem Blickfeld entschwunden.

Die Fahrt mit dem Lift schien ewig zu dauern. Beide starrten sie angespannt zum Rand des Weges hinauf, den sie hinter sich gelassen hatten. Atemlos warteten sie darauf, dass die Leiber herabfielen. Als der Aufzug nur noch ein paar Fuß vom Boden entfernt war, sprangen sie ab und taumelten, so schnell sie konnten, von der Wand weg.

Keuchend lehnten sie sich gegen den kühlen Fels. Zwischen zittrigen Atemzügen ließ Rebecca ihren Blick durch den Hof schweifen, in den sie entkommen waren, und das Geräusch des plätschernden Wasserfalls beruhigend auf ihre Nerven einwirken. Es war ein weiter, offener Raum aus Ziegelstein und nacktem Fels – die Farben im schwachen Licht verwaschen, fast nebelhaft. Das Wasser aus dem Reservoir über ihnen floss in zwei steinerne Becken, die nicht weit entfernt lagen, und ihnen gegenüber befand sich ein Tor.

Und hier sind keine Schlangen.

Noch einmal holte Rebecca tief Atem und stieß ihn wieder aus, dann wandte sie sich Chris zu.

„Haben sie dich gebissen?“

Er schüttelte den Kopf. „Dich?“

„Nein“, sagte sie. „Aber wenn es dir nichts ausmacht, würde ich lieber nicht auf diesem Weg zurückgehen. Ich bin eigentlich mehr ein Katzentyp.“

Chris sah sie einen Moment lang an, dann grinste er und stieß sich von der Wand ab. „Komisch, ich hätte bei dir eher auf Laborratten getippt. Ich –“

Biep-biep.

Das Funkgerät!

Rebecca griff danach. Es hing an ihrem Gürtel. Plötzlich waren die Schlangen vergessen. Auf diesen Ton hatte sie gehofft, seit sie Richard gefunden hatten. Jemand rief nach ihnen, vielleicht eine Suchmannschaft …

Rebecca drückte die Empfangstaste mit dem Daumen und hielt das Gerät so, dass sie beide hören konnten, was aus dem Lautsprecher drang. Zunächst war es nur statisches Knistern, dazu das leise Heulen eines unsteten Signals. Dann: „ … hier Brad! … Alpha-Team … hören? Wenn … hören könnt …“

Die Stimme ging in statischem Rauschen unter. Rebecca drückte die Sendetaste und rief: „Brad? Brad, kommen!“

Das Signal war weg. Sie lauschten beide noch einen Moment, aber es kam nichts mehr.

„Er muss außer Reichweite sein“, meinte Chris. Seufzend trat er weiter auf den offenen Hof hinaus und sah zum dunklen, bewölkten Himmel empor.

Rebecca befestigte das wieder stumme Funkgerät an ihrem Gürtel. Sie verspürte trotz des Scheiterns nun mehr Hoffnung als die ganze bisherige Nacht über. Der Pilot war irgendwo da draußen, kreiste und suchte nach ihnen. Jetzt, da sie nicht mehr in der Villa waren, konnten sie sein Signal empfangen.

Vorausgesetzt er kommt zurück.

Rebecca ignorierte den Gedanken und ging zu Chris, der eine weitere kleine Aufzugsplattform gefunden hatte. Sie lag versteckt in einer Ecke, dem Wasserfall gegenüber. Eine rasche Überprüfung ergab jedoch, dass der Lift ohne Strom war.

Chris wandte sich in Richtung des Tores und rammte ein neues Magazin in seine Beretta. „Sollen wir nachsehen, was hinter Tor Nummer eins ist?“

Es war eine rhetorische Frage. Wenn sie die Schlangen meiden wollten, blieb ihnen nur dieser Weg als Alternative.

Nichtsdestotrotz lächelte und nickte Rebecca, um ihm zu zeigen, dass sie bereit war – und sie hoffte inständig, dass sie es, sollte ihre Entschlossenheit auf die Probe gestellt werden, auch tatsächlich sein würde.

VIERZEHN

Jill stand am Rand einer Grube, die inmitten des dunklen Tunnels gähnte, und starrte hilflos zu der Tür auf der anderen Seite hinüber. Die Grube war zu breit für einen sicheren Sprung, und es gab keine Möglichkeit, hinunterzuklettern, zumindest fand Jill keine. Sie würde umkehren und es mit der Tür an der Leiter versuchen müssen.

Ihr frustriertes Seufzen ging in ein Frösteln über. Dazu hätte schon die feuchte Kälte genügt, die von den Steinwänden ausging, aber zu allem Überfluss war Jill auch noch tropfnass.

Toller Geheimeingang. Um ihn zu nutzen, muss man eine Lungenentzündung in Kauf nehmen.

Sie drehte sich um. Ihre Füße schmatzten in den nassen Stiefeln, und noch in der Bewegung fing ihr Blick ein metallisches Schimmern auf. Jill wischte sich eine nasse Strähne aus den Augen und sah genauer hin. Es handelte sich um eine kleine Eisenplatte, die in den Stein eingelassen war; in der Mitte befand sich ein sechseckiges Loch von der Größe einer 25-Cent-Münze. Nachdenklich blickte sie zur Tür zurück.

Vielleicht lässt sich irgendwie eine Brücke ausfahren, oder es senkt sich eine Treppe herab …?

Es war egal, da sie ja kein Gerät besaß, das man dazu hätte einsetzen können. Sie war in einer Sackgasse gelandet. Aber davon abgesehen war es auch unwahrscheinlich, dass derjenige, den sie durch den Wasserfall hatte gehen sehen, es geschafft haben sollte, da hinüberzukommen.

Jill kehrte durch den gewundenen Tunnel zurück zum Einstieg. Sie war nach wie vor beeindruckt von dem, was sie hinter dem Wasservorhang vorgefunden hatte. Unter dem Anwesen schien ein regelrechtes Netz von Tunneln zu verlaufen. Die Wände waren rau und uneben; Brocken sandigen Kalksteins ragten in sonderbaren Winkeln hervor – der Arbeitsaufwand, um diese unterirdischen Gänge einzurichten, musste immens gewesen sein.

Jill erreichte die Metalltür neben der Leiter. Sie riss sich zusammen, um nicht mit den Zähnen zu klappern, als oben vom Hof ein eisiger Luftzug herunterwehte. Das Geräusch des Wasserfalls klang seltsam gedämpft. Der stete, hallende Rhythmus von Wasser, das auf den Felsboden tropfte, war viel lauter und verlieh dem Tunnelsystem eine fast mittelalterliche Atmosphäre …

Jill zog die Tür auf – und erstarrte. Gemischte Gefühle bestürmten sie, als Barry Burton zu ihr herumwirbelte, den Revolver in der Hand. Die Verblüffung gewann letztlich die Oberhand.

„Barry?“

Rasch senkte er die Waffe. Er sah so erschrocken aus, wie sie sich fühlte – und war auch in etwa gleich nass. Sein T-Shirt klebte ihm auf den breiten Schultern, das kurze Haar lag wie hingegossen am Kopf.

„Jill! Wie bist du hier runtergekommen?“

„Offenbar auf demselben Weg wie du. Aber woher wusstest du –?“

Mit erhobener Hand bedeutete er ihr, still zu sein. „Horch!“

In angespannter Stille standen sie da. Jill lauschte nach beiden Seiten des steinernen Korridors, konnte jedoch nichts hören, worauf Barry sie offenbar hinweisen wollte. An jedem Ende des Gangs lagen Metalltüren. Sie wurden von den trüben Deckenlampen in Schatten gehüllt.

„Ich dachte, ich hätte was gehört“, sagte Barry schließlich. „Stimmen …“

Ehe Jill auch nur eine Frage stellen konnte, wandte er sich um und sah sie mit einem unsicheren Lächeln an. „Hey, tut mir leid, dass ich nicht auf dich gewartet habe, aber ich habe gehört, wie jemand in den Garten rausging und musste einen Blick riskieren. Das hier habe ich zufällig gefunden, bin praktisch drüber gestolpert – und reingefallen … Na, jedenfalls bin ich froh, dass du da bist. Schauen wir uns um. Mal sehen, was wir aufstöbern.“

Jill nickte, beschloss allerdings, vorerst ein wachsames Auge auf Barry zu halten. Vielleicht war sie ja paranoid, aber entgegen seiner Behauptung schien er überhaupt nicht froh über ihr unverhofftes Wiedersehen …

Aufpassen und abwarten, flüsterte es in ihrem Kopf. Im Moment konnte sie nicht mehr tun.

Mit erhobenem Colt näherte sich Barry der rechten Tür. Er zog am Griff und öffnete sie – dahinter lag ein weiterer düsterer Tunnel.

Ein paar Schritte entfernt befand sich rechter Hand noch eine Metalltür. Ihr gegenüber führte der Gang in fast vollkommene Finsternis. Barry zeigte auf die Tür, und Jill nickte. Er drückte die Tür auf, und gemeinsam betraten sie einen weiteren stillen Korridor.

Jill seufzte insgeheim, als sie die nackten Felswände musterte, und wünschte sich, sie hätte ein Stück Kreide besessen. Der Tunnel, in dem sie sich jetzt befanden und der nach links hin anstieg, unterschied sich kaum von den anderen. Sie kam sich schon jetzt verloren vor und hoffte, dass es nicht allzu viele Kurven und Abzweigungen gab.

„Hallo? Wer ist da?“ Irgendwo vor ihnen erklangen die Rufe einer tiefen, vertrauten Stimme. Die Worte hallten im Gang wider.

„Enrico?“, rief Jill.

„Jill? Bist du das?“

Aufgeregt rannte Jill die wenigen Schritte bis zur Gangbiegung und weiter. Barry war dicht hinter ihr. Der Führer des Bravo-Teams war also noch am Leben. Irgendwie hatte es ihn hier herunter verschlagen …

Jill bog um die nächste Ecke und sah Enrico Marini an der Wand sitzen. Der Tunnel verbreiterte sich an der Stelle und mündete in einen schattenerfüllten Alkoven.

„Stehen bleiben! Keinen Schritt weiter!“

Jill erstarrte, den Blick auf die Beretta gerichtet, die Enrico auf sie richtete. Er war verletzt, Blut tropfte von seinem Bein und bildete eine Pfütze auf dem Boden.

„Ist jemand bei dir, Jill?“ Seine dunklen Augen waren schmal vor Misstrauen. Das schwarze Mündungsloch seiner Halbautomatischen zitterte nicht im Geringsten.

„Barry ist auch hier – Enrico, was ist passiert? Was soll das?“

Als Barry hinter der Ecke hervortrat, starrte Enrico sie beide für einen langen Moment mit nervös hin- und herhuschendem Blick an – dann entspannte er sich und senkte die Pistole, während er sich wieder gegen den Stein lehnte. Barry und Jill eilten zu ihm und gingen neben dem verwundeten Bravo in die Hocke.

„Tut mir leid“, sagte er schwach. „Ich musste sichergehen …“

Es war, als hätten ihn das Heben der Waffe und seine Worte von eben das letzte Quäntchen Kraft gekostet. Sanft nahm Jill Enricos Hand, dessen Blässe sie beunruhigte. Seine Hose war mit Blut getränkt, das aus seinem Schenkel quoll.

„Diese ganze Sache war ein abgekartetes Spiel“, keuchte er und starrte Jill aus wässrigen Augen an. „Ich hab mich verirrt, bin über den Zaun geklettert und auf die Tunnel gestoßen … Hab das Papier gefunden … Umbrella wusste die ganze Zeit Bescheid …“

Barry machte einen betroffenen Eindruck. Sein Gesicht war fast so bleich wie das von Enrico. „Halt durch, Rico. Wir bringen dich hier raus, du musst nur ruhig liegen bleiben …“

Enrico schüttelte den Kopf, sah immer nur Jill an. „Unter den S.T.A.R.S.-Leuten befindet sich ein Verräter“, flüsterte er. „Er hat –“

Bamm! Bamm!

Enricos Körper zuckte, als plötzlich zwei Löcher in seiner Brust erschienen, aus denen Blut spritzte. Durch die widerhallenden Echos der Schüsse drangen schwach die Schritte einer den Gang entlangrennenden Person.

Barry fuhr hoch und stürmte um die Ecke, während Jill Enricos zitternde Hand in hilfloser Ohnmacht drückte. Ihr Herz raste. Ihr wurde übel. Enrico sank nach vorn. Er war tot, noch ehe er den kalten Felsboden berührte.

Während auch Barrys Schritte verklangen und die Stille zurückkehrte, schwirrte Jill der Kopf. Was für ein Papier hatte der Bravo gefunden? Als Enrico „Verräter“ gesagt hatte, war ihr sofort Barry in den Sinn gekommen, weil er sich so merkwürdig benahm – aber er war direkt neben ihr gewesen, als die Schüsse abgefeuert worden waren.

Wer also hat es getan? Von wem hat Trent gesprochen? Wen hat Enrico beschuldigen wollen?

Mit dem Gefühl, verloren und allein zu sein, hielt Jill Enricos erkaltende Hand umfasst und wartete auf Barrys Rückkehr.

Rebecca durchwühlte einen alten Schrankkoffer, der an einer Wand des gerade betretenen Raumes stand. Die Stirn in Falten gelegt, blätterte sie in Stößen von Papieren, während Chris das restliche Zimmer unter die Lupe nahm. Eine zerwühlte Liege, ein Schreibtisch und ein hohes, altertümliches Bücherregal waren die einzigen sonstigen Möbelstücke. Nach der kalten, fast unwirklichen Pracht der Villa war Chris auf absurde Weise dankbar, sich jetzt in einer schlichteren Umgebung zu befinden.

Am Ende des Weges, der sich vom Hof fortwand, waren sie auf ein Haus gestoßen, sehr viel kleiner und weit weniger einschüchternd als die Villa. Die Diele, die sie betreten hatten, war in glattem, schmucklosem Holz gehalten, ebenso die beiden angrenzenden kleinen Schlafzimmer. Chris nahm an, dass es sich um eine Unterkunft für Bedienstete der Villa handelte.

Sofort beim Betreten war ihm die dicke, unberührte Staubschicht im Dielenbereich aufgefallen. Daraus schlussfolgerte er, dass es keiner der anderen S.T.A.R.S.-Mitglieder hierher geschafft hatte. Da er und Rebecca keine Möglichkeit besaßen, zurückzugehen, blieb ihnen nur, den Hinterausgang zu finden und so Hilfe zu holen. Das gefiel Chris zwar nicht, aber es gab keine Alternative.

Nach einem kurzen Blick in die Regale ging Chris zu dem zerschrammten Schreibtisch und zog an der Schublade. Sie war abgeschlossen. Er bückte sich, tastete über die Unterseite der Schublade und grinste, als seine Finger ein dickes Stück Klebeband berührten.

Schauen sich die Leute eigentlich nie Filme an? Der Schlüssel klebt immer unter der Schublade …

Er zog das Klebeband ab und förderte einen kleinen silbernen Schlüssel zutage.

In der Schublade befanden sich ein Päckchen mit Spielkarten, ein paar Kugelschreiber und Bleistifte, Gummibänder, eine zerknautschte Zigarettenschachtel – größtenteils Müll, wie er sich in allen Schreibtischschubladen anzusammeln schien …

Bingo!

Selbstzufrieden ergriff Chris den Schlüsselbund, an dem ein Lederanhänger befestigt war. Wenn es genauso leicht war, den Ausgang zu finden, würden sie in Nullkommanichts auf dem Weg zurück nach Raccoon sein.

„Sieht aus, als hätten wir den Durchbruch geschafft“, sagte er leise und hielt die Schlüssel hoch. In eine Seite des ledernen Anhängers war das Wort „Alias“ eingebrannt, auf der anderen Seite stand mit verwischter Kugelschreibertinte die Zahl „345“ geschrieben. Chris wusste nicht, was die Zahl zu bedeuten hatte, aber an den Spitznamen aus dem Tagebuch, das er in der Villa gefunden hatte, erinnerte er sich.

Danke, Mr Alias. Wenn er davon ausgehen konnte, dass der Schlüsselbund zur Mitarbeiter-Unterkunft gehörte, waren sie ihrem Vorhaben, vom Anwesen zu verschwinden, ein gutes Stück näher gekommen.

Rebecca saß immer noch vor dem Schrankkoffer, umgeben von Papieren, Kuverts und einigen grobkörnigen Fotos, die sie hervorgekramt hatte. Sie schien völlig versunken in ihre Lektüre, und erst als Chris zu ihr trat, sah sie mit sorgenverhangenem Blick zu ihm auf.

„Hast du was gefunden?“

Rebecca hielt das Blatt Papier hoch, von dem sie gerade las. „Einiges. Hör dir das an: ,Vier Tage sind seit dem Unfall vergangen, und die Pflanze in Point 42 wächst und mutiert noch immer mit unglaublicher Geschwindigkeit …‘“

Sie übersprang einige Zeilen und fuhr, während sie sprach, mit dem Finger über das Blatt. „In diesem Bericht wird das Ding als Pflanze 42 bezeichnet. Die Wurzel soll sich im Keller befinden. Warte … hier: ,Kurz nach dem Unfall wurde eines der infizierten Mitglieder des Forschungsteams gewalttätig und zerstörte den Wassertank im Keller. Der gesamte Bereich wurde überflutet. Wir glauben, dass Spuren der Chemikalien, die bei den T-Virus-Tests Verwendung fanden, das Wasser vergiftet und zu der umfassenden Mutation von Pflanze 42 beigetragen haben. Ein paar Ableger erstrecken sich bereits in verschiedene Bereiche des Gebäudes, aber die Hauptpflanze hängt jetzt von der Decke des großen Konferenzraums im Erdgeschoss … Wir haben festgestellt, dass Pflanze 42 mittlerweile auf Bewegungen reagiert und zum Fleischfresser geworden ist. Kommen ihr Menschen zu nahe, benutzt sie tentakelartige Greifranken, um ihre Beute zu fangen, während egelähnliche Saugnäpfe sich an bloßliegender Haut festsaugen und dem gefangenen Körper große Mengen Blut entziehen. Einige Angehörige des Personals fielen solchen Angriffen bereits zum Opfer.‘ – Der Bericht datiert vom einundzwanzigsten Mai und ist mit Henry Sarton unterzeichnet.“

Chris schüttelte den Kopf. Wieder fragte er sich, wie jemand ein Virus wie das, mit dem sie es hier zu tun hatten, hatte entwickeln können. Es schien alles, was es berührte, mit Wahnsinn zu infizieren, und den Träger in einen mörderischen, blutgierigen Organismus zu verwandeln.

Mein Gott, eine menschenfressende Pflanze!

Chris schauderte. Plötzlich war er doppelt froh, dass sie bald von hier verschwinden würden.

„Es infiziert also auch Pflanzen“, sagte er. Mit grimmiger Miene reichte Rebecca ihm ein Foto – den undeutlichen Schnappschuss eines Mannes in mittlerem Alter, der einen Laborkittel trug. Steif stand er vor einer schlichten Holztür, die Chris als die identifizierte, durch die sie vor kaum zehn Minuten gekommen waren. Der Vordereingang dieses Hauses.

Er drehte das Bild um und las aus zusammengekniffenen Augen die winzige Beschriftung: „H. Sarton, Januar ’98, Point 42.“

Er sah Rebecca an. Plötzlich verstand er ihren angsterfüllten Blick. Sie befanden sich bereits in Point 42. Diese Fleisch fressende Pflanze war hier.

Wesker stand in der Dunkelheit des unbeleuchteten Tunnels und hörte mit wachsendem Unmut, wie Barry durch die hallenden Korridore stolperte. Jill würde nicht ewig warten, und der wutentbrannte Mr Burton kam anscheinend nicht darauf, dass Enricos Mörder kurzerhand in die Schatten gleich hinter der Ecke geschlüpft war, das nächstliegende Versteck, das es hier gab.

Komm schon, komm schon …

Seit sie das Haus verlassen hatten, war Wesker endlich überzeugt gewesen, dass die Dinge zu seinen Gunsten liefen. Er hatte sich des unterirdischen Raumes nahe des Eingangs zu den Labors erinnert und war fast sicher, dass sich die Wolfsmedaille dort befand. Und die Tunnel waren sauber. Zunächst hatte er damit gerechnet, dass die 121er hier frei herumliefen, doch allem Anschein nach hatte nach dem Unfall niemand mit dem Mechanismus des Durchgangs herumgespielt.

Barry und Wesker hatten sich getrennt, um nach dem Hebel zu suchen, mit dem sich die Durchgänge kontrollieren ließen – und das Ding war direkt vor ihrer Nase gewesen, ragte neben dem Mechanismus auf, der damit zu bedienen war.

Alles wäre perfekt gewesen – wenn nur dieser gottverdammte Enrico Marini nicht herumspaziert und über ein sehr wichtiges Papier gestolpert wäre, das Wesker versehentlich verloren hatte – seine Instruktionen, die er direkt von der Führung von White Umbrella erhalten hatte. Und dann, um die Sache noch komplizierter zu machen, war Jill im Tunnelsystem aufgetaucht, ehe Wesker seinen Auftrag erledigen konnte.

Er seufzte innerlich. Sobald etwas klappte, ging dafür etwas anderes schief. In Wirklichkeit war diese ganze Angelegenheit von Anfang an ein Riesenproblem gewesen. Wenigstens war die Underground Security nicht aktiviert worden – obwohl er das nicht sicher hatte sagen können, bis sie die Tunnel erreicht hatten. Und obwohl er Barry quasi als Rückversicherung mitgeschleift hatte, musste er sich jetzt mit den Folgen auseinandersetzen. Wenn die Bezahlung nicht so anständig gewesen wäre … Wesker grinste. Wen wollte er hier eigentlich verarschen? Die Bezahlung war fantastisch.

Nach, wie ihm schien, Stunden stürmte Barry keuchend den finsteren Raum und fuchtelte ziellos mit dem Revolver herum. Wesker spannte sich und wartete darauf, dass Barry an der Nische mit dem Generator vorbeikam. Dieser Teil konnte heikel werden – Barry und Enrico hatten sich nahe gestanden.

Als Barry vorbeistürmte, trat Wesker hinter ihm hervor und rammte ihm die Mündung seiner Beretta hart in den Rücken. Gleichzeitig begann er leise und schnell zu reden: „Ich weiß, dass Sie mich umbringen wollen, Barry, aber ich rate Ihnen, sich gut zu überlegen, was Sie tun. Sterbe ich, stirbt Ihre Familie. Und im Moment sieht es aus, als ob Jill auch sterben müsste – aber Sie können es verhindern. Sie können all dem Töten ein Ende setzen.“

Barry hatte sich nicht mehr gerührt, seit er die Waffe zwischen den Schulterblättern fühlte, doch in seiner Stimme konnte Wesker die kaum verhaltene Wut hören – schieren, lodernden Hass.

„Sie haben Enrico umgebracht“, schnappte Barry.

Wesker drückte ihm die Pistolenmündung fester ins Kreuz. „Ja. Aber ich wollte es nicht. Enrico hat ein paar Informationen gefunden, die er nicht hätte finden dürfen, und wusste zu viel. Wenn er Jill gesagt hätte, was er über Umbrella weiß, hätte ich sie auch töten müssen.“

„Sie werden sie ohnehin umbringen. Sie werden uns alle umbringen!“

Wesker seufzte und gestattete es einem flehenden Unterton, sich in seine Stimme zu mischen. „Das ist nicht wahr! Begreifen Sie denn nicht – ich will nur zum Laboratorium und die Beweise beseitigen, bevor sie jemand findet! Wenn das Material erst einmal vernichtet ist, gibt es keinen Grund mehr, dass noch irgendjemand verletzt werden müsste. Wir können alle einfach … verschwinden.“

Barry schwieg, und Wesker konnte spüren, dass er ihm glauben wollte – verzweifelt glauben wollte, dass die Dinge so einfach liegen könnten. Wesker ließ ihn einen Moment zappeln, ehe er in dieser Richtung weitermachte.

„Ich will nur, dass Sie Jill ablenken. Halten Sie das Mädchen und alle anderen, die Ihnen über den Weg laufen, von den Labors fern, für ein Weilchen zumindest. Damit retten Sie ihr Leben – und ich schwöre Ihnen, sobald ich habe, was ich brauche, werden Sie und Ihre Familie nie mehr von mir hören.“

Er wartete. Und als Barry endlich antwortete, wusste Wesker, dass er gewonnen hatte.

„Wo sind die Labors?“

Braver Junge!

Wesker senkte die Pistole. Seine Miene blieb ausdruckslos. Er zog ein zusammengefaltetes Blatt Papier aus seiner Westentasche und schob es Barry in die Hand; es war eine Karte der Tunnel, die zur ersten Keller-Ebene führten.

„Wenn Sie Jill aus irgendeinem Grund nicht fern halten können, gehen Sie wenigstens mit ihr. Dort unten gibt es eine Menge Türen mit Schlössern, schlimmstenfalls können Sie sie einsperren, bis alles vorbei ist. Ich meine es ernst, Barry – niemand muss mehr verletzt werden. Es liegt alles an Ihnen.“

Wesker trat rasch zurück und griff nach dem Hebel mit der sechseckigen Spitze, den er neben dem Generator deponiert hatte. Er beobachtete Barry noch ein paar Sekunden und sah, wie die Schultern des großen Mannes herabsanken, wie er ergeben den Kopf senkte. Zufrieden machte Wesker kehrt und verließ den Raum. Die Wahrscheinlichkeit, dass es einer der S.T.A.R.S.-Angehörigen zum Labor schaffte, war überaus gering, und Mr Burton würde dafür sorgen, dass es selbst dann zu keinerlei Schwierigkeiten kam.

Wesker eilte durch den Eingangstunnel zurück. Er beglückwünschte sich selbst, dass er die Dinge wieder unter Kontrolle gebracht hatte, und hielt auf den ersten Passagemechanismus zu. Ab hier würde er schnell sein müssen; es gab ein paar Dinge, die er Barry gegenüber nicht erwähnt hatte – zum Beispiel die experimentelle Zusatzsicherung, die in die Tunnel entlassen werden würde, sobald er diesen Hebel betätigt hatte …

Sorry, Barry. War mir doch glatt entfallen.

Es wäre interessant gewesen zu verfolgen, wie es seinem Team mit den 121ern, den Jägern, erging. Es würde eine Mordsshow werden, die den S.T.A.R.S.-Mitgliedern alle Kraft und Geschicklichkeit abverlangte. Leider musste er, Wesker, sie sich entgehen lassen.

Es war wirklich zu schade. Die Jäger waren so lange eingesperrt gewesen – und würden sehr, sehr hungrig sein …

FÜNFZEHN

Barry war schon zu lange weg. Jill hatte keine Ahnung, wie ausgedehnt das Netz der Tunnel war, aber soweit sie es hatte erkennen können, sahen sie alle gleich aus. Barry konnte sich verlaufen haben, und vielleicht versuchte er, den Weg zurückzufinden. Oder er hatte den Mörder gefunden, und ohne Rückendeckung …

Womöglich kommt er überhaupt nicht zurück.

Es brachte sie jedenfalls nicht weiter, wenn sie sich hier die Beine in den Bauch stand. Jill warf einen letzten Blick auf Enrico Marinis bleiches Gesicht und wünschte ihm Frieden. Dann ging sie.

Was mag er herausgefunden haben, dass er es mit dem Leben bezahlen musste? Und wer hat ihn umgebracht?

Enrico hatte nur noch andeuten können, dass der Verräter ein Er war, aber das grenzte den Kreis nicht wesentlich ein – außer Jill selbst und der Rekrutin waren sämtliche Mitglieder der Raccoon S.T.A.R.S.-Abteilung männlich. Chris konnte sie wohl ausschließen, da er von Anfang an überzeugt gewirkt hatte, dass hier etwas Merkwürdiges vorging – und jetzt Barry, der bei ihr gewesen war, als Marini starb. Brad Vickers war einfach nicht der Typ, der Derartiges riskiert hätte, und Joseph und Kenneth waren tot …

Blieben noch Richard Aiken, Forest Speyer und Albert Wesker übrig.

Keiner von ihnen schien wirklich in Frage zu kommen, aber Jill musste zumindest die Möglichkeit in Betracht ziehen. Enrico war tot. Und sie zweifelte nicht mehr daran, dass Umbrella eines der S.T.A.R.S.-Mitglieder in der Tasche hatte.

An der Tür angelangt, bückte sie sich rasch, zog die Schnürsenkel ihrer feuchten Stiefel fester und machte sich bereit. Wer immer den Bravo erschossen hatte, hätte ebenso leicht sie oder Barry ausschalten können – und da er es nicht getan hatte, konnte sie nur vermuten, dass er sonst niemanden töten wollte und nicht nach weiteren Zielen suchte. Angenommen er befand sich noch in diesem unterirdischen Labyrinth, dann musste sie so leise wie möglich sein, wenn sie ihn finden wollte; die Tunnel waren perfekte Schallleiter, die selbst das leiseste Geräusch verstärkten.

Vorsichtig öffnete Jill die Metalltür, lauschte und schob sich dann in den düsteren Tunnel, wo sie sich dicht an der Wand hielt. Der Gang vor ihr war unbeleuchtet. Sie entschied sich, lieber den Weg zurückzugehen, den sie auch gekommen war. Die Dunkelheit eignete sich hervorragend für einen Hinterhalt. Jill wollte sich keine Kugel einfangen, um auf solch drastische Weise festzustellen, dass sie sich bezüglich der Absichten des Killers doch geirrt hatte.

Ein leises, knirschendes Rumpeln vibrierte durch die massiven Steinwände, als bewege sich etwas Großes. Instinktiv nutzte Jill das Geräusch aus, um einige gleitende Schritte nach vorne zu machen. Sie erreichte die nächste Metalltür genau in dem Moment, als das Rumpeln aufhörte und schlüpfte wieder in den Tunnel, wo sie auf Barry getroffen war. Leise schloss sie die Tür hinter sich.

Was zum Teufel war das? Hat sich angehört, als bewege sich eine ganze Wand!

Sie schauderte, als sie wieder an die sich senkende Decke in einem der Zimmer des Hauses denken musste. Vielleicht waren die Tunnel ähnlich präpariert? Sie musste bei jedem Schritt auf der Hut sein. Die Vorstellung, zermalmt zu werden von irgendeinem bizarren unterirdischen Mechanismus, weckte neues Grauen.

Das sechseckige Loch neben der Grube kam ihr wieder in den Sinn. Jill nickte langsam und beschloss, dass sie noch einen Blick auf die Türen werfen musste, an die sie vorhin nicht herangekommen war. Vielleicht verfügte der Mörder über das erforderliche Werkzeug, und womöglich hatte der Lärm, den sie gehört hatte, daher gerührt, dass er es benutzt hatte. Sie konnte sich irren, aber nachzusehen konnte nicht schaden …

Und dabei werde ich mich wenigstens nicht verlaufen.

Sie streckte die Hand nach der Tür aus, durch die sie dorthin zurückgelangen würde, hielt jedoch inne und legte den Kopf schief, um besser das seltsame Geräusch aufzufangen, das aus dem Tunnel hinter ihr drang. Es hörte sich an wie … das Quietschen einer rostigen Angel? Oder irgendein Vogel vielleicht? Was immer es auch sein mochte, es war laut.

Wamp. Wamp. Wamp.

Dieses Geräusch kannte sie. Schritte, die sich in ihre Richtung bewegten – entweder Barry oder jemand, der eine ähnliche Statur besaß. Das Stapfen dröhnte laut – aber es waren zu große Pausen dazwischen, es kam zu … bedächtig.

Hau bloß ab. Los!

Jill packte den Metallriegel und rannte in den nächsten Tunnel. Es kümmerte sie nicht mehr, wie viel Lärm sie machte. Mochte sie ihn manchmal auch falsch interpretieren, so ging ihr Instinkt doch nie fehl – und jetzt sagte er ihr, dass sie keinesfalls vor Ort sein wollte, wenn – wer oder was auch immer diese Geräusche verursachte – aufkreuzte.

Jill rannte den Korridor ein Stück weit hinunter, weg von der Leiter, die zum Hof empor führte – dann zwang sie sich, langsamer zu werden, und atmete tief durch. Sie konnte nicht einfach blindlings weiterhasten. Es gab hier unten bestimmt noch andere Gefahren als die, die sie bereits bewältigt hatte …

Hinter ihr öffnete sich die Tür.

Jill wirbelte herum, riss die Beretta hoch – und starrte entsetzt auf das Ding, das da stand. Es war riesig und von menschlicher Gestalt – doch damit hörte die Ähnlichkeit auch schon auf. Es war nackt, aber geschlechtslos, und sein gesamter muskulöser Körper war von rauer, dunkelgrüner, amphibienhafter Haut bedeckt. Vornüber gebeugt stand es da, so dass seine unmöglich langen Arme fast den Boden berührten. Sowohl Hände als auch Füße waren mit Furcht erregenden Krallen bestückt. Kleine, helle Augen in einem flachen Reptilienschädel starrten auf Jill.

Das Ding fixierte sie mit seinem unheimlichen Blick, öffnete sein breites Maul – und stieß einen fürchterlichen, hohen Schrei aus, wie Jill ihn noch nie gehört hatte. Das Kreischen hallte von den Wänden wider und schürte Todesangst.

Jill drückte ab. Drei Schüsse klatschten der Kreatur in die Brust und ließen sie nach hinten taumeln. Sie strauchelte, und prallte gegen die Tunnelwand, ehe sie sich mit einem weiteren furchtbaren Schrei mit ihren kraftstrotzenden Beinen abstieß, die zuckenden Klauen ausstreckte und sprang.

Sie feuerte wieder und wieder, während das Ding auf sie zuflog. Die Kugeln bissen in seine runzlige Haut. Ströme dunklen Blutes flatterten wie Fahnen im Wind. Dann landete es gebückt und federnd nur ein paar Schritte von Jill entfernt, immer noch kreischend. Einer seiner langen Arme schlug wie ein Tentakel nach ihren Beinen. Moschusartiger, erdiger Tiergeruch strich an ihr vorbei. Sie spürte animalische Wut darin.

Herrgott, warum stirbt es denn nicht …?

Jill richtete die Beretta auf den Kopf der Kreatur und schoss das Magazin leer. Selbst als Fetzen grünen Fleisches davongeschleudert wurden und Knochen splitterten, feuerte sie weiter. Die heißen Geschosse wühlten sich in die breiige, rosafarbene Masse des Gehirns.

Klick. Klick. Klick.

Die Munition war aufgebraucht. Am ganzen Leib zitternd, senkte Jill die Waffe. Es war vorbei, die Kreatur war tot – aber dazu hatte es ein volles Magazins gebraucht, fünfzehn Neun-Millimeter-Patronen, die letzten sieben oder acht in dichter Abfolge gefeuert …

Immer noch auf das tote Monster starrend, warf sie das leere Magazin aus und schob, bevor sie die Beretta ins Holster steckte, ein neues ein. Sie langte nach hinten und bekam die Remington zu fassen. Das exakt ausgewogene Gewicht der Pumpgun hatte etwas Tröstliches.

Woran zum Teufel habt ihr Typen hier draußen gearbeitet? Es schien, dass die Umbrella-Forscher nicht nur ein Virus entwickelt hatten, sondern darüber hinaus noch etwas mindestens ebenso Tödliches. Etwas mit Krallen.

Und davon kann es noch mehr geben.

Nie zuvor war Jill ein erschreckenderer Gedanken gekommen. Die Remington eng am Körper, drehte sie sich um und rannte.

Chris und Rebecca schritten einen langen, holzumrahmten Gang hinab und sahen sich bei jedem zweiten Schritt achtsam um. Etwas, das wie vertrockneter, abgestorbener Efeu aussah, ragte aus jeder Fuge und Spalte, wo Wände und Decke aufeinander trafen – ein knochenfarbener Bewuchs, der die Bohlen wie Pilzgeflecht überzog. Es sah harmlos aus – aber nach dem, was Rebecca ihm über die Pflanze 42 vorgelesen hatte, war Chris darauf gefasst, blitzschnell reagieren zu müssen.

Beim Durchsehen der restlichen Unterlagen aus dem Schrankkoffer war Rebecca auf den Bericht über eine Art Herbizid namens V-Schock gestoßen, das offenbar in Point 42 hergestellt werden konnte. Sie hatte den Bericht mitgenommen, obwohl Chris bezweifelte, dass er von Nutzen sein würde. Alles, was er wollte, war, einen Ausgang zu finden, und wenn sie der Killerpflanze dabei aus dem Weg gehen konnten, umso besser.

Die Eingangsdiele war frei von dem Bewuchs gewesen, auch wenn Chris nicht bereit war, sie deshalb als sicher einzustufen. Außer den beiden Schlafzimmern bei der Eingangstür hatte es noch einen Aufenthaltsraum gegeben, der spürbar unheimlich gewesen war. Chris hatte hineingeschaut, und augenblicklich war sein Instinkt geweckt worden, auch wenn er nicht gewusst hatte, warum. Denn er hatte nichts Gefährliches ausmachen können, nur eine Theke und ein paar Tische. Trotz des scheinbaren Friedens hatte er die Tür schnell wieder zugemacht, und sie waren weitergegangen. Sein ungutes Gefühl war ihm Grund genug gewesen, die Finger von diesem Zimmer zu lassen.

Vor der einzigen Tür des langen, gewundenen Flures blieben sie stehen. Nach wie vor achteten sie beide nervös auf den Efeu, der in Deckennähe wucherte. Chris drehte den Knauf, und die Tür schwang auf.

Warme, feuchte Luft drang aus dem schattenerfüllten Raum, schwül und tropisch – aber mit einem unangenehmen Beigeschmack, der an verdorbenes Obst erinnerte. Beim Anblick der Zimmerwände schob Chris Rebecca hinter sich. Sie waren vollständig bedeckt von diesem seltsamen wuchernden Gewächs, das sie bereits vom Flur her kannten – hier jedoch war der Efeu üppig und von einem saftigen, unnatürlichen Grün.

Aus dem Raum kam ein schwaches Rascheln, eine leise Ahnung von Bewegung – und Chris erkannte, dass es von dem abstoßenden Pflanzendickicht selbst ausging. Die Wände zitterten wie in einer absurden optischen Täuschung. Als kröchen und wüchsen die herabhängenden Ranken so rasend schnell, dass es mit dem bloßen Auge erkennbar war.

Rebecca wollte an ihm vorbei, doch Chris ließ es nicht zu. „Bist du noch bei Trost? Du hast doch selbst gesagt, dass dieses Ding einem das Blut aussaugt!“

Kopfschüttelnd blickte sie auf die gespenstisch wispernden Wände. „Das ist nicht Pflanze 42 – jedenfalls nicht der Teil, von dem in diesem Bericht die Rede war. Pflanze 42 muss größer sein und sehr viel beweglicher. Ich habe mich nie eingehender mit Phytologie befasst, aber dieser Studie zufolge suchen wir nach einer Angiosperme mit beweglichem Blattwerk.“

Ein nervöses Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Entschuldige. Stell dir einfach eine sehr große Pflanze mit drei bis sechs Meter langen Ranken vor.“

Chris zog eine Grimasse. „Na toll. Danke für die beruhigenden Worte.“

Sie betraten den großen Raum und waren sorgsam darauf bedacht, den knisternden Wänden nicht zu nahe zu kommen. Außer der Tür, durch die sie eingetreten waren, gab es noch drei weitere: Eine direkt gegenüber dem Eingang und die beiden anderen links von ihnen, wo sich der Raum erweiterte. Chris hielt auf die Tür gegenüber dem Eingang zu, weil er annahm, dass sie am wahrscheinlichsten aus diesem Haus hinausführte.

Die Tür war unverschlossen. Chris hatte sie gerade geöffnet, als –

BAMM!

Die Tür krachte zu, ließ ihn wie auch Rebecca mit einem Satz zurückfahren und die Waffen hochreißen. Eine Folge dumpfer, gleitender Geräusche folgte, als trete jemand von draußen gegen die Wände – nur dass die Laute überall waren, über und unter dem stabilen Rahmen der Tür. Mehr noch, sie ertönten aus jedem Winkel des Raumes.

„Viele Ranken, hast du gesagt?“, vergewisserte sich Chris.

Rebecca nickte. „Ich glaube, wir haben gerade Pflanze 42 gefunden.“

Sie lauschten einen Moment. Chris überlegte, wie viel Kraft und Gewicht nötig war, um die Tür so fest zuschlagen zu können.

Kein Zweifel, sie muss gigantisch sein … und blockiert wahrscheinlich den einzigen Ausgang. Fantastisch.

Sie wichen zurück in den offenen Bereich und musterten die beiden anderen Türen. Über der rechten stand die Nummer „002“. Chris holte die Schlüssel hervor, die er gefunden hatte, sah sie durch und fand einen mit der entsprechenden Nummer.

Er sperrte die Tür auf und trat über die Schwelle. Rebecca folgte ihm. Links lag eine kleinere Tür, die sich in ein stilles, staubiges Badezimmer öffnete. Der Raum selbst war ein weiteres Schlafzimmer mit einer Liege, einem Schreibtisch und ein paar Regalen. Nichts von Interesse.

Hinter der Rückwand erklang eine weitere Folge dumpfer Schläge, und sie kehrten schnell in den schwülwarmen, raschelnden Raum zurück. Chris versuchte sich der immer stärker werdenden Überzeugung zu erwehren, dass sie sich mit der Pflanze würden auseinandersetzen müssen, wenn sie hier noch einmal herauskommen wollten.

Nicht unbedingt, es könnte noch einen anderen Weg geben.

So, wie sich die Dinge bisher darstellten, glaubte er das allerdings nicht. Angefangen bei den Zombies, die durch das Haupthaus schlurften, bis hin zu ihrer Flucht über den Hof, als Schlangen von den Bäumen gefallen waren, schien jeder Bereich des Spencer-Anwesens darauf ausgerichtet zu sein, sie am Entkommen zu hindern.

Als sie sich der letzten Tür des düsteren Raumes näherten, gelang es Chris zwar, die negativen Gedanken beiseite zu schieben – doch sie kehrten beim Anblick des kleinen grünen Tastenfeldes neben dem Rahmen mit Macht wieder zurück. Chris rüttelte am Türknauf, der jedoch nicht nachgab. Eine weitere Sackgasse.

„Sicherheitsschloss“, seufzte er. „Ohne Code kommen wir da nicht durch.“

Rebecca betrachtete die Reihen winziger roter Lichter, die sich über den nummerierten Tasten befanden, mit missmutigem Blick. „Wir könnten einfach Zahlenfolgen ausprobieren, bis wir die richtige erwischen …“

Chris schüttelte den Kopf. „Du kannst dir doch vorstellen, wie unsere Chancen stehen, zufällig die richtige Kombination –“

Er verstummte, starrte Rebecca an und holte dann den Schlüsselring aus der Tasche.

„Versuch mal drei-vier-fünf“, sagte er und sah ungeduldig zu, wie Rebecca die Zahlen eingab.

Komm schon, Mr Alias, lass uns nicht im Stich …

Das Muster aus roten Lichtern blinkte, dann erloschen die Lämpchen, eins nach dem anderen. Als das letzte ausging, ertönte in der Tür ein Klicken.

Chris grinste, drückte die Tür auf – und fühlte seine Hoffnung schwinden, als er sich in dem winzigen Raum umschaute. Staubige Regale, die mit kleinen Glasflaschen gefüllt waren, und ein rostfleckiger Ausguss – alles in allem nicht der Ausgang, den er sich gewünscht hatte.

Nein, das wäre wohl auch zu einfach gewesen. So leicht wird es uns weiß Gott nicht gemacht.

Rebecca trat rasch an eines der Regale, ließ ihren Blick über die Glasfläschchen wandern und murmelte: „Hyoscyamin, Anhydrid, Dieldrin …“

Mit einem Ausdruck von Genugtuung auf den Lippen wandte sie sich an Chris. „Wir können die Pflanze umbringen! Dieses V-Schock, das Phytotoxin – ich kann es hier zusammenmixen. Wenn wir in den Keller gelangen und die Wurzeln der Pflanze finden –“

Chris’ Lächeln kehrte zurück. „– dann können wir das verdammte Ding vernichten, ohne es offen bekämpfen zu müssen!“, vollendete er den Satz für sie. „Rebecca, du bist brillant. Wie lange brauchst du dafür?“

„Zehn, fünfzehn Minuten.“

„Okay. Bleib hier, ich bin so schnell wie möglich wieder zurück.“

Rebecca nahm bereits Flaschen aus dem Regal, als Chris die Tür schloss und vorbei an den knisternden Wänden aus dunklem Grün in Richtung Korridor lief.

Sie würden die Tücken dieses Ortes überwinden, und wenn sie erst einmal draußen waren, würde Umbrella untergehen – mit Pauken und Trompeten!

Barry stand vor Enricos kaltem Körper. Mit einer Hand zerknüllte er Weskers Karte. Jill war bei seiner Rückkehr fort gewesen – und anstatt nach ihr zu suchen, war er jetzt nicht imstande, sich überhaupt von der Stelle zu rühren. Nicht einmal den Blick vermochte er von der Leiche seines ermordeten Freundes zu lösen.

Es ist meine Schuld. Hätte ich Wesker nicht geholfen, das Haus zu verlassen, wärst du noch am Leben …

Am Ende seiner Nervenkraft starrte Barry in Enricos Gesicht. Er war so voller Schuld und Scham, dass er nicht mehr wusste, was er tun sollte. Ihm war klar, dass er Jill finden und verhindern musste, dass sie auf Wesker stieß; dass er seine Familie vor Schaden bewahren musste – und doch konnte er sich nicht zum Gehen überwinden. Was er mehr als alles andere wollte, war, sich Enrico zu erklären, ihm begreiflich zu machen, weshalb alles so gekommen war, wie es nun war.

Er hat Kathy und die Babys, Rico … Was hätte ich denn tun sollen? Was bleibt mir anderes übrig, als seinen Befehlen zu gehorchen?

Der Bravo erwiderte seinen Blick aus glasharten, blinden Augen. Kein Vorwurf, kein Verständnis – gar nichts. Niemals. Auch wenn Barry dem Captain weiterhin half und alles so lief, wie es laufen sollte, würde Rico Marini doch immer noch tot sein. Und Barry wusste nicht, wie er mit dem Wissen weiterleben sollte, dass er daran schuld war …

Mehrere Schüsse hallten durch das Tunnelsystem.

Jill!

Barrys Kopf fuhr herum. Automatisch griff er nach seiner Waffe. Die Geräusche trieben ihn zum Handeln. Heiße Wut stieg in ihm empor. Für die Schüsse gab es nur eine Erklärung: Wesker hatte Jill gefunden.

Barry drehte sich um und rannte, ganz krank von dem Gedanken, dass ein weiteres S.T.A.R.S.-Mitglied durch Weskers verräterische Hand den Tod finden würde – und wütend auf sich selbst, weil er die Lügen des Captains geglaubt hatte.

Die Tür vor ihm wurde aufgestoßen, und Barry blieb wie angewurzelt stehen. Alle Gedanken an Wesker und Jill und Enrico wurden fortgewischt von dem Anblick des kauernden Dings. Sein Verstand konnte nicht erfassen, was seine Augen sahen. Sein erstarrter Blick fütterte das Begriffsvermögen mit Informationsbruchstückchen, die keinen Sinn ergaben.

Grüne Haut. Stechende, weißorangefarbene Augen. Schuppen.

Dieses Etwas kreischte. Es war ein schrecklicher, quietschender Schrei, und Barry hörte auf zu denken. Er zog den Abzug durch, und das Kreischen verwandelte sich in ein blubberndes, ersticktes Röcheln, als das großkalibrige Geschoss in die Kehle der Kreatur fuhr, die zu Boden gerissen wurde.

Das Geschöpf schlug wild mit seinen Gliedmaßen um sich, während Blut aus dem qualmenden Loch spritzte. Barry vernahm ein mehrfaches scharfes Knacken wie von brechenden Knochen, sah, wie noch mehr Blut aus den Fäusten des Ungetüms quoll, als lange, dicke Krallen am Fels abbrachen.

Barry beobachtete reglos und in stummem Staunen, wie das Geschöpf weiterhin von heftigen Krämpfen geschüttelt wurde und durch das ausgefranste Loch in seiner Kehle blubberte, als versuche es immer noch zu schreien. Der Schuss hätte ihm eigentlich den Kopf abreißen müssen – doch es dauerte noch eine volle Minute, bis es verendete und das rasende Umsichschlagen endlich nachließ, während immer noch Blut in Schüben aus der Wunde pulsierte. Endlich hörte es auf, sich zu bewegen – und der dunkle, giftige See, den es geschaffen hatte, machte Barry klar, dass es verblutet war, bis zum Ende bei vollem Bewusstsein.

Was habe ich da gerade umgebracht? Was zum –

Im Tunnel draußen hallte ein neuerliches kreischendes Heulen durch die klamme Luft – eine zweite Stimme fiel mit ein, dann eine dritte. Die animalischen Schreie steigerten sich, wütend und widernatürlich – das Brüllen von Kreaturen, die nicht hätten existieren dürfen.

Mit zitternden Händen wühlte Barry in seiner Hüfttasche und kramte Patronen für den Colt hervor. Dabei betete er zu Gott, dass er noch genügend besaß – und dass die Schüsse, die er gehört hatte, nicht Jills letztes Gefecht untermalt hatten.

SECHZEHN

Es mochte einmal eine Spinne gewesen sein – zumindest wenn man Spinnen zugestand, dass sie die Größe eines Rindes erreichen konnten. Der dicken Schicht aus weißem Gespinst nach zu schließen, die den Raum vom Boden bis zur Decke vereinnahmte, konnte es sich schwerlich um etwas anderes gehandelt haben.

Schaudernd starrte Jill auf die gekrümmten, borstigen Beine dieser Scheußlichkeit hinab. Die geschuppte Kreatur, die sie am Zugang zum Hof angegriffen hatte, war furchterregend gewesen, aber zugleich so fremdartig, dass Jill sie mit nichts hatte vergleichen können. Spinnen hingegen … Spinnen hasste sie ohnedies schon, hasste ihre dunklen, emsigen Leiber und huschenden Beine. Die hier musste die Mutter aller Spinnen gewesen sein – und selbst tot jagte sie Jill noch einen namenlosen Schrecken ein.

Kann noch nicht lange tot sein …

Sie zwang sich, das Ding anzusehen, die öligen Pfützen voll grünlichen Blutes, das aus den Wunden des ovalen, haarigen Leibes tropfte. Das monströse Etwas war von mehreren Kugeln getroffen worden – und anhand des giftigen Schlicks, der aus den Wunden troff, schätzte Jill, dass es vor einer guten Viertelstunde noch gelebt hatte und herumgekrabbelt war.

Immer noch fröstelnd entfernte sie sich in Richtung der Doppeltür aus Metall, die aus dem spinnwebenverhangenen Zimmer führte. Raschelnde Fetzen des klebrigen Zeugs hafteten an ihren Stiefeln und erschwerten das Vorankommen. Jill machte vorsichtige, unregelmäßige Schritte, darauf bedacht, nur nicht hinzufallen. Der Gedanke, von dem gesponnenen Netz begraben zu werden, es am ganzen Körper kleben zu haben, war mehr als gruselig. Sie erschauerte ein ums andere Mal und schluckte hart.

Denk an etwas anderes, irgendetwas!

Wenigstens wusste sie, dass sie auf der richtigen Spur und demjenigen dicht auf den Fersen war, der den Tunnelmechanismus ausgelöst hatte. Ein netter Trick war das. Als sie an die Stelle gekommen war, wo sich die Grube befunden hatte, hatte Jill zuerst gemeint, sich vielleicht doch verlaufen zu haben. Das klaffende Loch war verschwunden gewesen, an seiner Stelle hatte sich glatter Stein befunden. Ein Blick nach oben hatte ihr die gezackten Ränder der Grube gezeigt, die nun in der Decke klaffte. Dieser ganze Teil des Tunnels war durch irgendeine wundersame Vorrichtung gedreht worden wie ein gigantisches Rad.

Die Türen hatten in einen anderen geraden und leeren Tunnel geführt. An einem Ende lag ein riesiger Felsbrocken und dahinter jener Raum, den sie jetzt verlassen wollte …

Jill packte den Knauf einer der Türen, drückte sie auf und stolperte in einen weiteren finsteren Durchgang. Tief durchatmend lehnte sie sich nach hinten gegen die Tür und konnte kaum dem Drang widerstehen, ihre Kleidung mit den Händen zu säubern.

Ich kann zwar mindestens so gut wie jeder andere Zombies und sonstige Monster umnieten – aber zeig mir eine Spinne, und ich verlier verdammt noch mal meinen Verstand!

Der kurze, leere Tunnel verlief vor ihr von links nach rechts, an jedem Ende eine Tür – doch die Tür zu ihrer Linken war in dieselbe Wand eingelassen wie die, durch die sie gerade getreten war, und führte offenbar zurück zum Hof. Jill entschied sich folglich für die rechte und hoffte, dass ihr Orientierungssinn noch funktionierte.

Die Metalltür öffnete sich quietschend. Jill trat hindurch. Die Veränderung in der Luft fiel ihr sofort auf. Vor ihr teilte sich der Tunnel. Rechts verdichteten sich die Schatten, wo sich die Felswände in einen anderen Korridor öffneten. Links von Jill jedoch befand sich ein schmaler Aufzugschacht, ähnlich denen im Hof. Ein warmer, herrlicher Wind strich von oben herab und über sie hinweg – sie hatte schon fast vergessen gehabt, wie Freiheit roch.

Grinsend hielt Jill auf den Schacht zu, dessen Plattform, wie sie erkannte, nach oben geholt worden war. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich noch auf der Fährte von Enricos Mörder befand, war groß.

Oder auch nicht. Vielleicht hat er den anderen Weg genommen, und du verlierst ihn gerade.

Jill zögerte, blickte wehmütig zu dem schmalen Schacht – und wandte sich dann seufzend ab. Sie musste zumindest nachsehen.

Sie betrat den steinernen Gang, der sich vor ihr erstreckte. Umgehend sank die Temperatur auf die mittlerweile vertraute, aber immer noch unangenehme Kühle herab. Der Tunnel setzte sich ein paar Schritte weit nach rechts fort und endete als Sackgasse. Links markierte ein massiver, abgerundeter Felsbrocken wie der, den sie vorhin gesehen hatte, einen Steinwurf entfernt das andere Ende. Und davor lag irgendetwas Kleines, Blaues …

Die Stirn gefurcht, ging Jill auf den gewaltigen Felsbrocken zu und versuchte, den blauen Gegenstand davor zu identifizieren. Auf halbem Weg zweigte ein Seitengang von dem dämmrigen Tunnel ab. Die Metallplatte daneben erkannte Jill als dieselbe Art von Mechanismus wie jenen, der die Grube bewegt hatte.

Sie ging in den engen Nebengang und untersuchte die abgenutzten Steine um die Öffnung herum. Rechts befand sich eine kleine Tür, und Jill stellte fest, dass Durchgang und Raum mittels des Mechanismus verborgen werden konnten – die Wände ließen sich drehen, um den Zugang zu blockieren.

Meine Güte, es muss Jahre gedauert haben, um all das zu bauen. Und ich habe schon das Haus für beeindruckend gehalten …

Sie öffnete die Tür und sah ins Innere eines quadratischen Raumes von mittlerer Größe, aus rohem Stein gehauen. Einzige Dekoration darin war die auf einem Sockel stehende Statue eines Vogels. Es gab keinen anderen Ausgang, und Jill empfand Erleichterung, als ihr bewusst wurde, was das bedeutete: Sie konnte die unterirdischen Gänge verlassen – der Mörder musste bereits von hier verschwunden und mit dem Aufzug nach oben gefahren sein.

Lächelnd kehrte sie in den Tunnel zurück und hielt auf den riesigen Fels zu. Auf das blaue Ding war sie immer noch neugierig, und im Näherkommen erkannte sie, dass es sich um ein Buch mit einem Einband aus blau gefärbtem Leder handelte. Jemand hatte es achtlos hingeworfen, und da lag es nun, mit den aufgeschlagenen Seiten nach unten. Jill hängte sich die Remington über den Rücken und bückte sich, um es aufzuheben.

Es war ein Buch mit Geheimfach. Ihr Vater hatte ihr davon erzählt, selbst hatte sie zuvor noch keines zu Gesicht bekommen. Unter dem Deckel war ein Fach in die Seiten geschnitten, in dem sich etwas verstecken ließ. Aber es war leer.

Jill schlug das Buch zu und fuhr, schon auf dem Rückweg zum Aufzug, die mit Blattgold veredelten Buchstaben des Titels nach: Adler des Ostens, Wolf des Westens. Klang nicht gerade wie ein Thriller, aber der Einband war schön …

Jill erstarrte, als der Boden unter ihrem linken Fuß ein klein wenig wegsackte – im selben Augenblick merkte sie, dass der ganze Tunnel von hier aus sanft abschüssig war.

Hinter ihr erklang das tiefe, dröhnende Geräusch von Fels, der über Fels rieb.

O nein!

Jill ließ das Buch fallen und rannte los, um eine sichere Deckung zu suchen. Sie nahm die Beine in die Hand, während das Rumpeln stetig lauter wurde und der angestoßene, rollende Felsbrocken offenbar an Fahrt gewann. Die rettende Öffnung des Seitengangs schien noch Meilen entfernt zu sein.

Schaffsnichtwerdsterben …

Sie konnte die Tonnen von Stein, die sich auf sie zuwälzten, fast spüren, wollte sich verzweifelt umschauen, fürchtete jedoch, dass dieser verschwendete Bruchteil einer Sekunde genügt hätte, sie in den Tod zu reißen.

In einer letzten, verzweifelten Anstrengung legte sie noch einmal an Tempo zu, sprang im letzten Augenblick kopfüber in die Öffnung der Abzweigung, prallte hart auf dem Boden auf und zog instinktiv die Beine eng an ihren Körper.

Hinter sich hörte sie den gewaltigen Felsbrocken vorbeirollen, der sie nur um Haaresbreite verfehlt hatte. Noch während sie Atem holte, krachte die Steinkugel mit einem ohrenbetäubenden Lärm, der Boden und Wände erbeben ließ, gegen das Tunnelende.

Für einen Moment konnte Jill nichts anderes tun, als sich auf den kalten Boden kauern. Sie spürte den Drang, sich zu übergeben. Nachdem dieses Gefühl abgeebbt war, kam sie langsam wieder auf die Beine und wischte sich den Staub ab. Ihre Handballen waren beim Sturz aufgeschürft worden und beide Knie geprellt, aber das war in jedem Fall besser, als von einem riesigen Felsbrocken zermalmt zu werden.

Jill zog die Remington und hielt auf den Aufzugschacht zu, heilfroh, diese Unterwelt endlich hinter sich lassen zu können. Sie drückte sich die Daumen, dass etwas anderes als diese an den Nerven zehrende Kälte auf sie wartete. Und dass es dort, wo sie hinging, keine Spinnen gab.

Der Keller war also überschwemmt. Eine schöne Bescherung …

Chris stand am oberen Ende einer kurzen Rampe, die zu den Kellertüren führte, und betrachtete sein eigenes ernstes Gesicht im Spiegel des schimmernden Wassers, das kalt aussah. Und tief.

Nachdem er Rebecca zurückgelassen hatte, war er den Flur hinuntergelaufen und hatte am Ende Zimmer 003 gefunden. Die Leiter zum Keller war in dem ordentlich aufgeräumten und sauberen Schlafzimmer hinter einem Bücherregal verborgen gewesen. Er war in einen kühlen, von summenden Leuchtstoffröhren erhellten Betonkorridor hinabgestiegen – ein harter Kontrast zu dem rustikalen Stil des Quartierhauses darüber.

Na ja, immerhin habe ich den Keller gefunden.

Es sah so aus, als bestünde ihre einzige Fluchtmöglichkeit darin, jene ominöse Pflanze 42 zu vernichten. Im Haus hatte Chris keinen anderen Ausgang entdeckt, was bedeutete, dass er hinter dem Zimmer liegen musste, welches die Pflanze in Beschlag genommen hatte – oder es gab überhaupt keine Hintertür; ein Gedanke, der Chris spürbar beunruhigte. Einerseits war dies höchst unwahrscheinlich, andererseits galt dies aber auch für menschenfressende Pflanzen …

Und du wirst es nicht rausfinden, wenn du das hier nicht endlich hinter dich bringst.

Chris seufzte und stieg ins Wasser. Es war eisig und roch unangenehm nach Chemie. Er watete zur Tür. Das Wasser stieg erst träge schwappend über seine Knie hoch und schließlich bis zur Mitte seiner Oberschenkel. Zitternd vor Kälte drückte er mit Macht die Tür auf und trat hindurch.

Der Keller wurde beherrscht von einem riesigen Tank mit gläserner Front, der in der Mitte des Raumes stand und vom Boden bis zur Decke reichte. Rechts klaffte in Bodennähe ein großes, gezacktes Loch. Chris war nicht allzu gut im Schätzen, aber um diesen ganzen Bereich mit Wasser zu füllen, musste der Tank, so nahm er an, etliche tausend Gallonen Wasser enthalten haben.

Was zum Teufel haben die erforscht, dass sie so viel Wasser brauchten? Flutwellen?

Es war egal. Er fror und wollte endlich finden, was er finden musste, und dann schleunigst zurück aufs Trockene. Er bewegte sich nach links, langsam, weil er sich gegen den Druck und Sog der sanft rollenden Wellen stemmen musste.

Es hatte etwas Irreales, durch einen gut ausgeleuchteten Betonraum zu waten, aber Chris dachte, dass es wohl kaum seltsamer als alles andere war, was er seit der Landung des Alpha-Hubschraubers erlebt hatte. Alles, was mit dem Spencer-Anwesen zu tun hatte, war von traumähnlicher Atmosphäre geprägt – als existiere es in einer völlig eigenständigen Wirklichkeit, die der realen Welt weit entrückt war …

Einigen wir uns auf albtraumhaft. Killerpflanzen, Riesenschlangen, Zombies – fehlt nur noch eine fliegende Untertasse oder meinetwegen ein Dinosaurier.

Er hörte ein leises Schwappen hinter sich, blickte über die Schulter –

– und sah in geringer Entfernung eine Dreiecksflosse aus dem Wasser ragen, die auf ihn zuglitt, unter sich ein verschwommener grauer Schemen …

Entsetzen packte ihn, alles auslöschende Panik, die vernünftiges Denken erstickte. Chris machte einen großen Schritt, wollte loshasten –

– und musste erfahren, dass er hier nicht rennen konnte. Aber erst als er mit dem Gesicht voran ins kalte, chemiedurchtränkte Wasser fiel und keuchend wieder hochkam. Prustend spie er das verunreinigte Wasser aus Mund und Nase. Gleichzeitig betete er stumm zu Gott, dass Rebeccas Annahme stimmte und das Virus seine Wirkung inzwischen verloren hatte.

Er drehte den Kopf und suchte mit brennenden Augen nach der Flosse.

Die Distanz zu ihr hatte sich halbiert. Jetzt konnte Chris ihn sehen – den Hai, dessen entstellter Körper sich elegant bewegte und mühelos durchs Wasser glitt, vorangetrieben von seiner breiten Schwanzflosse – schwarze, seelenlose Augen funkelten über einem hässlichen, eingefrorenen Grinsen.

Nasse Munition kannst du vergessen …

Chris stolperte rückwärts davon. Er wusste, dass er dem Hai nicht davonlaufen konnte. Mit den Armen um sein Gleichgewicht ringend, bewegte er sich durch das an ihm zerrende Wasser, drehte sich zur Seite und schaffte noch ein paar Schritte, bevor der Hai ihn erreichte.

Er sprang als letzten Ausweg zur Seite, wich dem Tier aus und wühlte das Wasser so heftig er nur konnte zu schäumenden Wellen auf. Der Hai glitt an ihm vorbei, sein schwerer Körper streifte Chris’ Bein.

Sobald das Ungetüm vorüber war, torkelte Chris ihm hinterdrein, wild spritzend, um das Tempo mitzuhalten und hinter ihm zu bleiben, sobald der Hai in der Ecke des überschwemmten Raumes wieder kehrt machte. Wenn er nahe genug dran blieb, konnte der Hai ihn nicht angreifen.

Das Problem war nur, dass der kiemenatmende Killer in wenigen Sekunden den nötigen Platz zum Wenden haben würde. Links sah Chris zwei Türen, doch das Monstrum hängte ihn bereits ab und hielt auf die Ecke zu, um zu drehen und zu ihm zurückzukehren.

Chris holte tief Luft und warf sich nach vorne. Er wusste, dass es verrückt war, aber er hatte keine andere Chance. Mit verzweifelten Sätzen hielt er auf die erste Tür zu und stieß sich vom Boden ab, um sich in weiten, durchs Wasser patschenden Sprüngen vorwärts zu bewegen.

Im selben Moment, als der Hai wendete, prallte Chris gegen die Tür und bekam prustend den Knauf zu fassen, aber –

– die Tür war abgeschlossen.

Scheißescheißescheiße …

Chris fuhr mit der Hand unter seine Weste, bekam den Schlüsselbund von Alias zu fassen, holte ihn hervor und fummelte daran herum, während die Flosse näher heran glitt und das diabolisch grinsende, zähnestarrende Maul sich öffnete.

Chris stieß einen Schlüssel ins Schloss – es war der letzte des Bundes, für den er den zugehörigen Raum noch nicht gefunden hatte. Gleichzeitig rammte er die Schulter gegen die Tür. Der Hai war nur noch wenige Fuß entfernt.

Die Tür gab nach. Chris stolperte hindurch, fiel und trat wie rasend um sich. Sein Stiefel stieß hart gegen die fleischige Schnauze des Hais, hinderte ihn daran, das Maul weit genug aufzureißen.

Blitzschnell war Chris wieder auf den Beinen, warf sich mit vollem Gewicht gegen die Tür. Wasser klatschte, dann war sie zu.

Chris sank gegen die Tür und wischte sich mit dem Handrücken über die brennenden Augen. Das aufgewühlte Wasser beruhigte sich, und während Chris Atem schöpfte, wurden die Wellen kleiner und kleiner. Allmählich konnte er wieder klar sehen. Für den Moment war er in Sicherheit.

Er zog die Beretta aus dem Holster, warf das tropfende Magazin aus und fragte sich, wie zum Teufel er es zurück nach oben schaffen sollte. Er schaute sich in dem kleinen Raum um, ohne etwas zu finden, was er als Waffe hätte verwenden können. An einer Wand reihten sich Knöpfe und Schalter. Er stapfte darauf zu, um sie sich anzusehen. Vor allem ein blinkendes Rotlicht in der Ecke weckte sein Interesse.

Sieht aus, als hätte ich einen Kontrollraum gefunden … Klasse. Vielleicht kann ich ja das Licht ausschalten und dem Hai noch ein Schlafliedchen dazu summen.

Neben dem Blinklicht befand sich ein Hebel. Chris betrachtete den Klebebandstreifen darunter und fühlte sich wie betäubt vor Unglauben, als er die halbverblichenen Druckbuchstaben las:

Notfall-Entwässerungssystem

Wollt ihr mich verarschen? Warum hat niemand diesen Hebel umgelegt, als der Tank geborsten ist?

Die Antwort dämmerte ihm, noch ehe er den Gedanken zu Ende geführt hatte. Die Leute, die hier arbeiteten, waren Wissenschaftler. Unter keinen Umständen würden sie sich die Möglichkeit entgehen lassen, ihre kostbare Pflanze dabei zu studieren, wie sie das Wasser dieses Giftsees in sich aufsaugte …

Chris packte den Hebel und drückte ihn herunter. Jenseits der Tür ertönte ein gleitendes, metallisches Geräusch – und augenblicklich sank der Wasserspiegel. Binnen einer Minute war das Wasser unter der Tür hindurch abgelaufen, und aus der Richtung des zerbrochenen Tanks tönte ein blubberndes, feuchtes Glucksen.

Chris ging zurück zur Tür, öffnete sie vorsichtig – und hörte die rasenden, nassen Flossenschläge eines sehr großen Fisches, der versuchte, durch Luft zu schwimmen.

Chris grinste bei dem Gedanken, dass er wohl Mitleid für die hilflose Kreatur hätte empfinden sollen – stattdessen hoffte er, dass sie einen langsamen, qualvollen Tod starb.

„Beiß mich doch, wenn dir jetzt noch danach ist“, flüsterte er.

Unterwegs zum Computerraum auf Ebene 3 hatte Wesker vier der keuchend umherschlurfenden Umbrella-Mitarbeiter erschossen. Er hatte keinen von ihnen eindeutig erkannt, tippte jedoch darauf, dass der zweite, den er eliminiert hatte, Steve Keller gewesen war, einer der Typen von der Forschungsabteilung für Sonderaufgaben. Steve hatte immer teure Halbschuhe getragen, und die blasse, vertrocknete Hülle, die an der Treppe nach ihm gegrapscht hatte, trug Steves Marke …

Es schien, als seien die Auswirkungen des Virenausbruchs in den Labors extrem gewesen. Weniger widerlich zwar als oben, aber nicht weniger beunruhigend. Die Kreaturen, die hier durch die Gänge streiften, machten einen völlig dehydrierten Eindruck. Ihre Glieder waren verdorrt und dürr, ihre Augen erinnerten an verschrumpelte Trauben. Wesker war einigen von ihnen ausgewichen, doch die wenigen, die von ihm ausgeschaltet worden waren, hatten kaum geblutet.

Jetzt saß er in einem kühlen, sterilen Raum vor einem Computer und wartete darauf, dass das System hochfuhr. Zum ersten Mal heute hatte er das Gefühl, Herr der Lage zu sein. Natürlich, er hatte ein paar Glücksmomente gehabt. Die Art und Weise, wie er mit Barry umgesprungen war, der Fund des Wolfmedaillons in den Tunneln … Selbst Ellen Smith ins Gesicht zu schießen, hatte ihm das flüchtige Gefühl geschenkt, etwas geschafft zu haben – das Gefühl, das Geschehen zu kontrollieren. Doch unterwegs war so vieles schief gegangen, dass er keine Zeit gefunden hatte, auch nur einen seiner Erfolge auszukosten.

Aber jetzt bin ich hier. Wenn die S.T.A.R.S.-Mitglieder nicht schon alle tot sind, werden sie es bald sein – und vorausgesetzt, mir unterläuft kein dummer Fehler mehr, werde ich in einer halben Stunde hier raus sein. Auftrag ausgeführt …

Es lauerten noch immer Gefahren, doch mit denen würde Wesker fertig werden. Die Gitter-Affen – die so genannten Ga2 – befanden sich zweifellos im Energieversorgungsraum auf freiem Fuß, aber so lange man nicht aufhörte zu rennen, kam man leicht an ihnen vorbei.

Er musste es wissen, schließlich hatte er geholfen, sie zu „entwerfen“. Und dann war da noch der große Bursche, der Tyrant, der eine Ebene tiefer in seinem Glastank wartete und den süßen, traumlosen Schlaf der Verdammten schlief.

Aus dem er ganz sicher nie erwachen wird. Was für eine Verschwendung. So viel Macht, und die Jungs von White haben das Ganze als Fehlschlag abgehakt …

Ein sanfter, melodischer Ton informierte ihn darüber, dass das System jetzt betriebsbereit war. Wesker zog ein Notizbuch aus seiner Weste und schlug eine Liste mit Codes auf, obwohl er sie auswendig kannte. John Howe hatte das System vor Monaten eingerichtet und seinen eigenen sowie den Namen seiner Freundin Ada als Zugriffsschlüssel benutzt.

Wesker gab die ersten Passworte ein, die ihm erlauben würden, die Labortüren aufzuschließen. Plötzlich empfand er vage Wehmut. Bald würde all die Aufregung vorbei sein, und es war niemand da, der seine Leistungen hätte bezeugen können, seine Genugtuung nach vollbrachtem Werk mit ihm teilen würde.

Jetzt, da er darüber nachdachte, fand er es zu schade, dass keiner aus dem S.T.A.R.S.-Team bei ihm war – das Einzige, was ein großes Finale noch übertraf, war ein großes Finale vor Publikum …

SIEBZEHN

Der Aufzug hatte Jill in einen Bereich gebracht, den sie für einen weiteren Teil des Gartens oder Hofes hielt, wenngleich er auch von Bäumen abgeschottet wurde. Die übergroßen Topfpflanzen sowie die Willkommensgeräusche des Waldes hinter dem niedrigen Metallgeländer ließen sie dennoch zu dieser Ansicht gelangen. Es hatte dort nichts zu sehen gegeben außer einer vor sich hin rostenden, zugeschweißten Tür, die in eine unscheinbare, überwachsene Wand eingelassen war – und eine Art großen, offenen Brunnen, der sie an einen steinernen Stampfbottich erinnerte. Darin befand sich eine kurze Wendeltreppe, die zu einem weiteren kleinen Aufzug führte.

Den ich benutzt habe – aber wo zum Teufel bin ich jetzt?

Der Raum, in den der Aufzug geführt hatte, war anders als all die anderen Bereiche des Anwesens, die Jill bislang zu Gesicht bekommen hatte. Ihm fehlte die morbide, verdorbene Atmosphäre der Villa ebenso wie das drohende Dunkel des unterirdischen Tunnelnetzes. Es war, als sei sie aus einer gotischen Horrorstory in einen Militär-Komplex geraten – in das kahle Paradies eines Utilitaristen.

Die Wände des großen, stahlverstärkten Betonraums waren in schmutzigem Orange gestrichen. Metallröhren und freiliegende Leitungen zogen sich knapp unter der Decke entlang, und an einer der Wände prangte in schwarzer Farbe die Bezeichnung für den Raum – XD-R B1. Jill hatte keine Ahnung, wo – in Relation zum Rest des Anwesens betrachtet – sie sich gerade befand.

Aber da es hier so kalt wie überall sonst ist, kann ich wohl davon ausgehen, dass ich mich zumindest noch immer auf dem Grundstück aufhalte.

Auf einer Seite des Raumes befand sich eine schwere, verschlossene Metalltür. Das Schild daneben verkündete, dass sie nur bei einem Klasse-A-Notfall geöffnet werden durfte. Jill vermutete, dass das „B1“ an der Wand für „Basement Level 1“ stand, das erste Kellergeschoss also. Eine in der Mauer verschraubte Leiter, die durch einen schmalen Schacht im Boden nach unten führte, bestätigte ihre Theorie: Auf B1 folgte naturgemäß B2 …

Und mangels Alternativen sieht es so aus, als wäre das mein nächstes Ziel. Sonst bliebe mir nur noch, zurück in die Tunnel zu gehen.

Sie blickte in den Leiterschacht, konnte aber nicht viel mehr sehen als ein offenes Quadrat und den Boden darunter. Seufzend umfasste sie die Remington fester und machte sich an den Abstieg.

Als sie die letzte Sprosse erreichte, drehte sie sich gespannt um – und fand sich in einem kleineren Raum wieder, der ebenso karg und nichtssagend wirkte wie der erste – in die Decke eingelassene Neonlampen, eine graue Metalltür, Wände und Boden aus Beton …

Rasch durchquerte sie die Räumlichkeit und hoffte, dass es hier keine weiteren Kreaturen oder Fallen gab. Bislang hatte sie auf den Keller-Ebenen jedenfalls nichts Gefährliches entdecken können.

Sie öffnete die Tür – und ihre Hoffnung schwand, als sie den üblen Geruch von schon lange totem Fleisch auffing. Sie trat hinaus auf einen Betonsteig, der auf eine in die Tiefe führende Treppe zulief. Vor den Stufen lag eine zusammengekauerte Gestalt, die so ausgemergelt und verschrumpelt war, dass sie wie mumifiziert wirkte.

Die Pumpgun im Anschlag stieg Jill langsam die Treppe hinab. Ein Gang, der am Ende des Geländers nach links abzweigte, weckte ihr Interesse. Sie warf einen schnellen Blick um die Ecke und stellte fest, dass dort keine unangenehme Überraschung wartete. Ohne den vertrockneten Leichnam zu vergessen, schob sie sich den kurzen Korridor entlang bis zu der Tür, die sich links von ihr befand. Auf dem Schild an der Wand daneben stand „Visual Data Room“.

Eine Bilddatenbank.

Die Tür war nicht abgesperrt. Jill öffnete sie. Dahinter lag ein stiller, grauer Raum mit einem langen Konferenztisch in der Mitte. An der gegenüberliegenden Wandseite hing eine Leinwand, davor war ein Diaprojektor aufgebaut. Rechts an der Wand stand auf einem kleinen Podest eine Art Telefon. Jill eilte darauf zu, ahnte aber bereits, dass sie sich keine allzu große Hoffnung machen durfte. Trotzdem wollte sie nichts unversucht lassen.

Wie sich herausstellte, handelte es sich jedoch nicht um ein Telefon, sondern um eine Interkom-Anlage. Sie schien nicht mehr intakt zu sein. Seufzend ging Jill an einer ornamentverzierten Säule vorbei und um den Tisch herum. Ihr Blick war zunächst auf den leeren Diaprojektor gerichtet, dann ließ sie ihn weiterwandern, um herauszufinden, ob es hier nicht vielleicht doch noch etwas Interessantes gab. Dabei entdeckte sie ein flaches, schmuckloses Metallquadrat, ungefähr so groß wie ein Bogen Papier, das in die Wand eingelassen war. Jill stellte sich dicht davor, um es näher in Augenschein zu nehmen.

Am oberen Ende befand sich eine flache Leiste. Jill berührte sie leicht, worauf das Panel in der Wand versank und einen großen, roten Knopf enthüllte. Sie schaute sich im Raum um, versuchte sich vorzustellen, wie die erwartete Falle beschaffen sein könnte – und dann wurde ihr klar, dass es gar keine Falle gab.

Die Villa, die Tunnel – all das wurde angelegt, um zu verhindern, dass Unbefugte hierher, in diese Keller-Etagen gelangen. Sie sind viel zu zweckmäßig und langweilig, um etwas anderes zu sein als der Bereich, in dem die eigentliche Arbeit verrichtet wird.

Jill wusste instinktiv, dass ihre Schlussfolgerung stimmte. Das hier war ein Konferenzraum, ein Ort, an dem man bei schlechtem Kaffee Gedanken mit Kollegen austauschte. Hier würde nichts über sie herfallen, sobald sie den roten Knopf drückte.

Sie drückte ihn – und die Ornamentsäule glitt mit einem leisen mechanischen Summen zur Seite. Hinter der Säule befanden sich mehrere Regalfächer, in denen sich Akten stapelten. Und etwas, das im weichen Licht des Raumes glänzte.

Rasch ging Jill darauf zu und nahm den Metallschlüssel, in den ein winziger Blitzstrahl eingraviert war, an sich. Während sie ihn in ihre Tasche rutschen ließ, blätterte sie schnell in einigen Akten. Sie waren alle mit dem Umbrella-Logo versehen, und wenn die meisten auch zu umfangreich und komplex waren, um sich länger damit zu befassen, bestätigte ihr doch der Titel eines der Berichte, was sie bereits vermutet hatte:

Umbrella/Biowaffenbericht/Forschung und Entwicklung.

Bedächtig nickend legte Jill die Akte zurück. Sie hatte endlich die echte Forschungseinrichtung gefunden, und sie wusste, dass sich der S.T.A.R.S.-Verräter irgendwo in diesen Räumlichkeiten aufhielt. Sie musste sehr vorsichtig sein.

Nach einem letzten Blick in die Runde fasste Jill den Entschluss, nach dem Schloss zu suchen, in das der gefundene Schlüssel passte. Es war Zeit, die letzten Geheimnisse um Umbrella zu lüften – Rätsel, die zu lösen S.T.A.R.S. prädestiniert war …

Die verflochtenen, knorrigen Wurzeln von Pflanze 42 vereinnahmten eine Ecke des Kellerraums fast vollständig; der größte Teil hing in dünnen, fleischigen Ranken herab, die beinahe den Boden berührten. Ein paar wurmartige Fäden ringelten sich blind umeinander, wanden sich langsam vor und zurück, hin und her, als suchten sie nach dem Wasser, das Chris abgelassen hatte.

„Mein Gott, ist das widerlich“, meinte Rebecca.

Chris nickte zustimmend. Außer dem Kontrollraum, in den er geflohen war, hatte es nur noch zwei andere Räume im Keller gegeben. In einem stapelten sich Kisten voll mit Munition für alle möglichen Waffen, und wenn auch das Gros davon nutzlos durch die Nässe geworden war, hatte er auf einem hohen Regal doch zumindest eine Kiste mit Neun-Millimeter-Patronen gefunden, genug, dass ihnen die Munition so bald nicht wieder ausgehen würde.

Der andere Raum war schlicht gewesen, hatte nur einen Holztisch enthalten, dazu eine Bank – und die umherkriechende Wurzel der gewaltigen Fleisch fressenden Pflanze, die oben wucherte.

„Ja“, sagte Chris. „Also, wie stellen wir das jetzt an?“

Rebecca hielt eine kleine Flasche mit einer violetten Flüssigkeit hoch und ließ sie sanft kreisen, ohne die Ranken aus den Augen zu lassen. „Nun, du gehst etwas zurück und atmest so flach wie möglich. Dieses Zeug enthält ein paar Toxine, die wir beide nicht unbedingt in uns aufnehmen sollten – und es wird gasförmig, sobald es auf die infizierten Zellen trifft.“

Chris nickte. „Und wie wissen wir, dass es funktioniert?“

Rebecca grinste. „Wenn der Bericht über V-Schock stimmt, werden wir es wissen. Pass auf …“

Sie öffnete die Flasche und trat näher an das Wurzelgeflecht heran. Dann drehte sie das Glasfläschchen um und übergoss die sich windenden Ranken mit der wässrigen Flüssigkeit.

Noch während sie die Flasche leerte, stieg eine Wolke aus rötlich verfärbtem Rauch von den Wurzeln auf. Kurz darauf wich Rebecca zurück. Es gab ein zischendes, knackendes Geräusch, als werfe man feuchtes Holz in ein offenes Feuer, und binnen Sekunden begannen die sich schwach bewegenden Fasern zu brechen, platzten ab und schälten sich. Der knotige Ballen in der Mitte schrumpfte und zog sich zusammen, als wollte er sich in sich selbst verkriechen.

Staunend sah Chris zu, wie die monströsen Wurzeln zu einer tropfenden Kugel aus Brei schrumpften, die nicht größer als ein Kinderball war und einfach nur noch tot und abgestorben da hing. Der ganze Vorgang hatte höchstens fünfzehn Sekunden gedauert.

Rebecca nickte zur Tür hin, und sie gingen beide wieder hinaus in den trockenen Teil des Kellers. Kopfschüttelnd sagte Chris: „Meine Güte, was hast du da reingetan?“

„Glaub mir, das willst du nicht wirklich wissen. Bist du bereit, von hier zu verschwinden?“

Chris grinste. „Und wie!“

Schnell liefen sie zur Kellertür, eilten hinaus auf den kalten Korridor und zurück zur Leiter, die nach oben führte. Chris dachte bereits über den weiteren Fluchtweg nach, den sie in Angriff nehmen konnten, sobald sie das Quartierhaus erst einmal verlassen hatten. Es würde ganz darauf ankommen, wo der Ausgang hinführte. Wenn sie im Wald landeten, würden sie sich zur nächsten Straße durchschlagen, ein Feuer machen und dann auf Hilfe warten.

Aber vielleicht haben wir Glück und stolpern über den verdammten Parkplatz dieses Anwesens. Dann könnten wir ein Auto kurzschließen und einfach wegfahren – und Irons dazu bringen, zur Abwechslung mal was Nützliches zu tun. Verstärkung rufen, zum Beispiel …

Sie erreichten den holzeingefassten Flur. Mit raumgreifenden, schnellen Schritten gingen sie an den raschelnden grünen Wänden vorbei und blieben schließlich vor der Kammer stehen, die Pflanze 42 beherbergte.

Chris holte tief Luft und nickte seiner Begleiterin zu. Sie zogen ihre Waffen, und Chris stieß die Tür auf, gespannt, welche Räumlichkeit hinter der Versuchspflanze liegen mochte.

Sie betraten einen weitläufigen Bereich. Der faulige Geruch verrottender Pflanzen hing schwer in der schwülwarmen Luft. Wie auch immer es zuvor einmal ausgesehen haben mochte – jetzt war das Ungeheuer, das sich hinter dem nüchternen Begriff Pflanze 42 verbarg, nur noch ein großer, dampfender Tümpel aus dunkelviolettem Schleim in der Mitte des Raumes. Aufgedunsene tote Ranken, dick wie Feuerwehrschläuche, breiteten sich von der algenartigen Masse ausgehend schlaff über den Boden.

Chris’ Blick fand an einer der Wände einen schlichten Kamin, in einer Ecke einen kaputten Stuhl – und eine einzige Tür, die offenbar zurück in das Schlafzimmer führte, das er schon durchsucht hatte. Ein getarnter Durchgang, den er übersehen haben musste – und der genau hierher führte, wo sie jetzt standen.

Vielleicht hinter dem Bücherregal.

Es gab keinen Weg hinaus. Die Pflanze zu vernichten war reine Zeitverschwendung gewesen, sie hatte rein gar nichts blockiert oder verborgen …

Rebecca machte aus ihrer Enttäuschung kein Hehl. Ihre Schultern sanken herab, und mit grimmiger Miene musterte sie die kahlen Wände.

Es tut mir so leid, Rebecca.

Langsam gingen sie beide in dem Raum auf und ab. Chris starrte die vernichtete Pflanze an und überlegte, was sie jetzt noch tun konnten. Rebecca ging zum Kamin, kniete davor nieder und stocherte in der dunklen Asche herum.

Chris wollte sie nicht überreden, in die Villa zurückzukehren. Danach stand ihnen beiden nicht der Sinn. Trotz der Extramunition gab es auf dem Weg dorthin zu viele Schlangen. Sie konnten auf dem Hof warten, bis Brad wieder vorbeiflog oder zumindest hoffen, dass er nahe genug kam, um ihn per Funk rufen zu können …

„Chris, ich hab was gefunden!“

Als er sich umdrehte, sah er, wie Rebecca zwei angekokelte Blatt Papier aus der Asche zog. Sie schienen einigermaßen erhalten zu sein. Chris durchquerte den Raum, beugte sich vor, um über Rebeccas Schulter hinweg mitlesen zu können – und spürte, als ihm die ersten Worte ins Bewusstsein drangen, wie sein Herz schneller zu schlagen begann.

SICHERHEITSBESTIMMUNGEN

KELLER-EBENE EINS

Heliport Benutzung nur mit Genehmigung. Diese Einschränkung gilt nicht im Notfall. Unbefugte werden bei Betreten des Heliports erschossen.

Fahrstuhl Der Fahrstuhl stoppt in Notsituationen.

KELLER-EBENE ZWEI

Bilddatenraum Zur Benutzung ist nur die Abteilung Sonderforschung befugt. Anderweitiger Zutritt ist mit dem Verantwortlichen, Keith Arving, abzuklären.

KELLER-EBENE DREI

Gefängnis Die Nutzung des Gefängnisses obliegt der Sanitär-Abteilung. Mindestens ein Forschungsberater (E. Smith, S. Ross, A. Wesker) muss bei autorisierter viraler Nutzung zugegen sein.

Energieversorgungsraum Zutritt beschränkt auf die HQ-Führung. Diese Beschränkung gilt nicht für Forschungsberater mit Sondergenehmigung.

KELLER-EBENE VIER

Betreffend den Fortschritt von „Tyrant“ nach Anwendung des T-Virus …

Der Rest des Papiers war zu verbrannt, um ihn noch entziffern zu können.

„A. Wesker“, sagte Chris leise. „Captain Albert Drecksack Wesker …“

Barry hatte ihnen erzählt, dass Wesker verschwunden sei, kurz nachdem die Alphas es ins Haus geschafft hatten. Und es war Wesker, der uns überhaupt erst hierher geführt hat, als die Hunde angriffen. Der coole, kompetente, unergründliche Wesker arbeitet für Umbrella …!

Rebecca nahm sich die zweite Seite vor, und Chris lehnte sich erneut vor und studierte die säuberlich beschrifteten Etiketten unter den Rechtecken und Linien.

VILLA–HOF–QUARTIERHAUS–UNTERGRUND–

LABORATORIEN.

Neben der Skizze der Villa war sogar eine Kompassrose eingezeichnet, die ihnen zeigte, was sie übersehen hatten – einen geheimen Zugang in den unterirdischen Bereich, versteckt hinter dem Wasserfall.

Rebecca stand auf. Ihre großen Augen flackerten unsicher. „Captain Wesker ist in all das verstrickt?“

Chris nickte langsam. „Und wenn er noch hier ist, dann befindet er sich da unten in den Labors, vielleicht mit dem Rest des Teams. Wenn Umbrella ihn hergeschickt hat, dann weiß nur Gott allein, was er im Schilde führt.“

Sie mussten ihn finden, mussten die S.T.A.R.S.-Mitglieder, die noch übrig waren, warnen – vor ihrem Teamführer, der sie alle verraten und verkauft hatte!

Es war alles erledigt. Wesker betrat den Fahrstuhl, der zurück auf Ebene 3 führte, und ging, während er die Türen schloss, seine Checkliste durch.

Proben eingesammelt, Festplatten und Disketten gelöscht, Energieversorgung wiederhergestellt, Tyrant-Lebenserhaltungssystem abgeschaltet …

Das mit dem Tyrant war wirklich zu ärgerlich. So hässlich das Ding auch sein mochte, es blieb ein Wunder der Medizin, der Chemie und der Genetik. Wesker hatte lange vor der gläsernen Kammer des Tyrants gestanden und ihn voller Staunen betrachtet, bevor er widerwillig das Lebenserhaltungssystem deaktiviert hatte. Während die Stasis-Flüssigkeit abgelaufen war, hatte sich Wesker ausgemalt, wie es wohl gewesen wäre, den Tyrant in Aktion zu erleben – wenn die Forscher ihre Arbeit je hätten beenden können. Er wäre der ultimative Soldat gewesen, ein Glanzstück auf dem Schlachtfeld … Und jetzt musste er umgebracht werden, nur weil irgendein Idiot von Techniker den falschen Knopf gedrückt hatte. Ein Fehler, der Umbrella Unsummen und die Forscher, die den Tyrant erschaffen hatten, das Leben gekostet hatte.

Wesker betätigte den Schalter, und der Aufzug erwachte ruckend zum Leben, trug ihn wieder nach oben, wo ihn seine letzte Aufgabe erwartete – die Aktivierung des Selbstzerstörungsmoduls im hinteren Teil der Energieversorgung. Um für sich selbst auf der sicheren Seite zu sein, würde er sich fünfzehn Minuten zur Flucht einräumen. Nachdem er die Heliport-Leiter hochgeklettert war, würde er auf die Nebenstraße stoßen, die zur Stadt führte und – bumm! – die versteckte Umbrella-Einrichtung in den Wäldern von Raccoon war Geschichte …

Sobald er wieder in der Stadt eintraf, würde er eine Tasche packen und sich zu Umbrellas privater Start- und Landebahn begeben. Von dort aus konnte er die notwendigen Telefonate führen und seine Kontaktpersonen im White-Office über das Geschehen informieren. Sie würden ein Aufräum-Kommando entsenden, um den Wald zu durchkämmen und die überlebenden Exemplare zu liquidieren. Wesker hegte keine Zweifel, dass man ihm die Gewebeproben, die er in seinen Besitz gebracht hatte, begierig aus den Händen reißen würde. Jeweils zwei hatte er sich beschafft. Nur der Tyrant fehlte. Nachdem die Tyrant-Wissenschaftler alle umgekommen waren, hatte Umbrella beschlossen, das Projekt auf unbestimmte Zeit ad acta zu legen. Wesker war der Meinung, dass dies ein Fehler war, aber das hatten andere zu entscheiden.

Als der Fahrstuhl anhielt, öffnete Wesker die Tür, trat hinaus und setzte den Behälter mit den Proben ab. Er zog die Beretta und ging in Gedanken den verschachtelten Aufbau des Energieversorgungsraums durch. Er musste noch einmal an den Ga2ern vorbei, um zum Aktivierungssystem zu gelangen. Einmal hatte er es bereits geschafft, als er die Stromversorgung des Aufzugs angeschlossen hatte, aber sie waren aggressiver gewesen, als erwartet – anstatt sie zu schwächen, hatte ihr Hunger sie in völlig neue Dimensionen der Brutalität getrieben. Er hatte Glück gehabt, heil an ihnen vorbeigekommen zu sein …

Das Summen einer Hydraulik am Ende des Gangs ließ Wesker erstarren. Schritte klackten über den Betonboden, hielten inne – und setzten sich dann in Richtung des Energieversorgungsraums am Ende des Korridors fort.

Wesker drückte sich in die Ecke und spähte den Gang hinab. Gerade noch rechtzeitig, um Jill Valentine hinter den Flügeln der Metalltür verschwinden zu sehen. Ein Schwall zischender Geräusche echote durch den Korridor, bevor sich die Tür wieder schloss.

Wie hat sie es an den Jägern vorbeigeschafft? Donnerwetter …!

Offenbar hatte er sie unterschätzt – und sie war noch dazu allein gewesen. Wenn sie so gut war, würden die Ga2er sie vielleicht nicht umbringen, und sie hatte ihn gerade wirkungsvoll vom Aktivierungssystem abgeschnitten. Er konnte sich nicht mit den Kreaturen befassen, die sich über dem Labyrinth aus Pfaden herumtrieben, und gleichzeitig Jills Neugier ein Ende setzen …

Frustriert nahm Wesker den Probenbehälter wieder auf und schritt damit rasch den Flur hinunter, zurück zu den Hydrauliktüren, die zum Hauptkorridor der Ebene 3 führten. Wenn Jill es schaffte, wieder herauszukommen, musste er sie erschießen; das würde seine Flucht nur um ein paar Minuten verzögern. Dennoch, es war eine unerwartete Wendung. Überraschungen kotzten ihn an, sie gaben ihm das Gefühl, die Dinge nicht mehr unter Kontrolle zu haben.

Aber ich habe die Kontrolle, immer noch. Hier passiert nichts, womit ich nicht fertig werden könnte! Dieses Spiel wird nach meinen Regeln gespielt, und ich werde meine Mission erfüllen, ohne mich von dieser kleinen Einbrecherschlampe aufhalten zu lassen!

Wesker pirschte sich in den Hauptkorridor und sah, dass Jill es geschafft hatte, ein paar weitere der schrumpeligen, verdorrten Wissenschaftler und Techniker auszuschalten, die durch die Kellerlabors streiften. Zwei lagen direkt vor der Tür, die Schädel zu einer pulvrigen Masse zerblasen, offenbar durch den Einsatz von Schrotpatronen. Wütend trat Wesker gegen einen der Körper. Sein Stiefel drang knirschend in die spröden Rippen ein. Das Geräusch brechender morscher Knochen schnitt durch die Stille. Und plötzlich hörte er, wie sich schwere Stiefeltritte über die Metallstufen von B2 näherten. Das hohle Klamp-klamp-klamp echote durch den Gang. Und dann erklang der laute Ruf einer rauen, zögerlichen Stimme.

„Jill?“

Barry Burton, wie er leibt und lebt …

Gelassen hob Wesker seine Waffe. Er war bereit, damit zu schießen, sobald Barry in sein Blickfeld geriet. Einen Moment später senkte er sie wieder, und ein karges, nachdenkliches Lächeln schmiegte sich um seine Lippen.

ACHTZEHN

Jill schob sich in den dampfzischenden Raum. Schwerer Ölgeruch lag in der heißen Luft. Dröhnende Maschinenblöcke füllten den weitläufigen Bereich, dazwischen wanden sich Laufstege. Turbinen erzeugten unter stetem Geheule Energie, und verborgene Röhren ließen in kurzen Intervallen Dampf ab.

Langsam bewegte sich Jill tiefer in den schwach erhellten Raum und spähte einen der mit Geländern gesicherten Stege hinab – hinein in die Schatten, die von den hochaufragenden Generatoren geworfen wurden. Von ihrem Platz aus konnte Jill erkennen, dass dieser Ort ein Labyrinth aus Wegen war, die allesamt um die gewaltigen, lärmenden Maschinenblöcke herum verliefen.

Die Stromquelle des Anwesens. Das erklärt, wie sie es so lange geheim halten konnten. Sie hatten hier draußen praktisch ihre eigene kleine Stadt, völlig autonom, ließen sich wahrscheinlich auch ihre Lebensmittel von sonst woher liefern.

Jill lief den schmalen Steg zu ihrer Rechten hinab und hielt unbehaglich Ausschau nach weiteren der mumienhaften Zombies, denen sie in den Gängen von B3 begegnet war. Der Weg schien frei, doch bei der Bewegung und dem ohrenbetäubenden Lärm der Turbinen …

Unvermittelt riss etwas an ihrer linken Schulter. Ein brutaler Hieb, der ihre Weste aufschlitzte und über die Haut darunter schrammte.

Jill wirbelte herum und schoss. Das Donnern der Pumpgun übertönte kurz sogar die permanente Geräuschkulisse. Der Schuss traf auf Metall – der Steg hinter Jill war leer.

Wo …?

Eine klingenähnliche Kralle teilte die Luft vor ihrem Gesicht – sie kam von oben.

Rückwärts taumelnd, starrte Jill zu dem stählernen Geflecht unter der Decke und sah, wie eine dunkle Gestalt aus den Schatten hervorjagte. Sie hangelte sich unglaublich schnell am Gitter entlang, Hände und Füße mit gebogenen Krallen bestückt.

Jill erhaschte einen Blick auf dicke Stacheln, die das mutierte, abgeflachte Gesicht der Kreatur umsäumten – dann änderte es die Richtung und verschwand wieder in den wogenden Schatten des Energieversorgungsraums.

Am Ende des Weges war eine Tür. Jill sprintete mit rasendem Herzen darauf zu. Das Wummern der Generatoren dröhnte in ihren Ohren.

Sie war keine drei Schritte mehr von der Tür entfernt, als sich ihr ein huschender Schatten in den Weg stellte. Sofort hob sie die Pumpgun und bremste ihren Lauf ab.

Es gibt also noch mehr von diesen Biestern!

Zwei kauerten über ihr – entsetzliche mordlüsterne Untiere mit Klauen anstelle von Händen. Eines von ihnen ließ sich langsam herab, hielt sich mit seinem Krallenfuß fest, um mit einem klingenbewehrten Arm den nächsten Hieb gegen Jill zu führen.

Sie drückte ab, und das Wesen kreischte auf, als ihm die Ladung in die Brust fuhr. Mit einem dumpfen Geräusch fiel es von der Decke. Zäh quoll das Blut aus der Wunde.

Jill wandte sich wieder in Richtung des Eingangs und rannte. Über sich hörte sie das Klirren und Schaben der Krallen auf dem Gitter. Und vor ihr schwang sich ein weiteres dieser abnormen, affenähnlichen Biester herab.

Jill wich geduckt aus, wollte um alles in der Welt nicht stehen bleiben. Die tückischen Arme des Dings pfiffen an ihrem Ohr vorbei und verfehlten ihren Kopf um allenfalls Daumenbreite.

Vor ihr lag die Metalltür. Jill prallte dagegen, schnappte nach dem Knauf, drehte ihn – und taumelte hinaus in die Kühle eines verlassenen Korridors. Die Tür schloss sich und schnitt das wütende, schrille Gebrüll ab, mit dem eines der Monster den Lärm der Maschinen noch übertönte.

Keuchend lehnte sich Jill gegen die Tür … und sah Barry Burton, der im Gang stand. Mit einem Ausdruck tiefer Besorgnis auf dem markanten, bärtigen Gesicht eilte er ihr entgegen.

„Jill! Bist du okay?“

Überrascht drückte sie sich von der Tür ab. „Mein Gott, Barry, wo warst du denn? Ich dachte, du hättest dich in den Tunneln verlaufen.“

Barry nickte grimmig. „Hab ich auch. Und während ich den richtigen Weg gesucht hab, bin ich auf ein paar … Schwierigkeiten gestoßen.“

Beim Anblick der Blutspuren auf seiner Kleidung und der Löcher in seinem T-Shirt, wurde Jill klar, dass er auf weitere dieser wandelnden grünen Albträume getroffen sein musste. Barry sah aus, als hätte er einen Krieg überlebt.

Apropos …

Jill berührte ihre Schulter. Blut blieb an ihren Fingern kleben. Die Wunde war schmerzhaft, aber nicht tief. Daran würde sie nicht sterben.

„Barry, wir müssen hier raus. Ich habe oben ein paar Unterlagen gefunden, die beweisen, was hier vorgegangen ist. Enrico hatte recht. Umbrella steckt hinter all dem, und jemand von S.T.A.R.S. wusste davon. Wir können uns nicht länger hier umschauen, es ist zu gefährlich. Wir sollten uns diese Akten holen, zur Villa zurückgehen und auf das RCPD warten!“

„Aber ich glaub, ich hab das Hauptlabor gefunden“, sagte Barry. „Unten. Am Ende des Gangs ist ein Fahrstuhl. Da sind Computer und so’n Zeug drin. Wir können direkt Einsicht in ihre Akten nehmen und sie damit richtig festnageln.“

Sein Fund schien ihn nicht in Aufregung zu versetzen, was Jill jedoch kaum auffiel. Barry hatte recht. Die Informationen, die ihnen die Datenbank von Umbrella liefern würde – Namen, Details, Forschungsberichte – waren von unschätzbarem Wert.

Wir könnten den Ermittlern alles schwarz auf weiß auf dem Tablett servieren …

Jill nickte. Ein Grinsen huschte über ihr Gesicht. „Okay – geh du voraus.“

Die Tunnel waren ein düsteres, elendes Labyrinth gewesen, doch dank der Karte waren sie ihm schnell entkommen. Rebecca und Chris hatten zitternd und durchnässt die erste Keller-Ebene erreicht – und waren mehr als nur ein wenig bestürzt über die toten Kreaturen gewesen, an denen sie unterwegs vorbeigekommen waren. Die Umbrella-Wissenschaftler waren abartig kreativ gewesen, was die Erschaffung von Ungeheuern anging.

Chris rüttelte an der Tür, die angeblich zum Heliport führte, doch sie war fest verschlossen. Ein Schild daneben wies darauf hin, dass sie nur durch ein Alarmsystem geöffnet werden konnte. Er hatte gehofft, Rebecca mit dem Funkgerät hinausschicken zu können, während er die Suche nach den anderen fortsetzte.

Er schaute die schmale Leiter hinab und drehte sich dann seufzend zu Rebecca um. „Ich möchte, dass du hier bleibst. Wenn du dich neben den Fahrstuhl stellst, müsstest du Brads Signal von draußen empfangen können. Sag ihm, wo wir sind und was passiert ist – und wenn ich in zwanzig Minuten nicht wieder da bin, gehst du zurück auf den Hof und wartest dort, bis Hilfe eintrifft.“

Rebecca schüttelte heftig den Kopf. „Aber ich will mit dir gehen! Ich kann auf mich selbst aufpassen, und wenn du das Labor findest, brauchst du mich, damit ich dir sage, womit du es überhaupt zu tun hast!“

„Nein. Soweit wir wissen, hat Wesker die anderen S.T.A.R.S.-Mitglieder bereits umgebracht und versucht jetzt, die Sache zu einem Ende zu bringen. Wenn wir die Letzten sind, können wir es nicht riskieren, dass wir beide in einen Hinterhalt geraten. Einer muss überleben und den Leuten die Wahrheit über Umbrella sagen. Tut mir leid, aber das ist die einzige Möglichkeit.“

Er lächelte sie an und legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Und ich weiß, dass du selbst auf dich aufpassen kannst. Hier geht’s nicht drum, dass jemand deine Fähigkeiten anzweifelt, okay? Zwanzig Minuten. Ich will nur nachsehen, ob’s vielleicht doch noch jemand geschafft hat.“

Rebecca öffnete den Mund, als wolle sie weiter protestieren, machte ihn dann aber wieder zu und nickte langsam. „Okay. Ich bleibe. Zwanzig Minuten.“

Chris drehte sich um, stieg die Leiter hinunter und hoffte, dass er das gegebene Versprechen, zurückkommen zu wollen, würde halten können. Der Captain hatte sie alle erfolgreich getäuscht, indem er wochenlang den besorgten Anführer gemimt hatte, während immer mehr Menschen in Raccoon City und Umgebung gestorben waren. Die ganze Zeit über hatte er gewusst, warum. Dieser Mann war ein Psychopath.

Wie es aussah, hatte Umbrella mehr als nur eine Gattung von Monstern erschaffen. Und es wurde höchste Zeit, herauszufinden, wie viel Schaden das Obermonster namens Wesker angerichtet hatte …

Barry konnte Jill nicht in die Augen schauen, als sie gemeinsam mit dem Aufzug hinunter nach B4 fuhren. Dort unten wartete Wesker auf sie, und Jill würde begreifen, dass er, Barry, dem Captain schon die ganze Zeit über geholfen hatte.

Er hatte drei weitere dieser brutalen Kreaturen getötet, ehe er zum Labor gelangt war – nur um dort auf Wesker zu treffen, der darauf bestanden hatte, dass Jill nach B4 gelockt werden musste. Und Barry sollte den Lockvogel spielen, helfen, sie einzusperren. Kalt lächelnd hatte ihm der Bastard erneut die Situation in Erinnerung gerufen, in der sich Barrys Familie befand, und wiederum versprochen, seine Leute zurückzurufen, sobald sich Jill erst in sicherem Gewahrsam befand.

Nur dass er das bis jetzt noch jedes Mal gesagt hat, ohne sich daran zu halten. Finden Sie die Wappen, und Sie sind frei … Helfen Sie mir in die Tunnel zu kommen, und Sie sind frei … Betrügen Sie Ihre Freunde und –

„Barry, bist du okay?“

Als der Fahrstuhl anhielt, wandte sich Barry Jill zu und sah unglücklich in ihre nachdenklich blickenden Augen.

„Ich mache mir Sorgen um dich, seit wir die Villa erreicht haben“, sagte sie und legte ihm eine Hand auf den Arm. „Ich dachte sogar – ach, nicht so wichtig, was ich dachte. Stimmt irgendetwas nicht?“

Er öffnete die Lifttür, eine Handlung, die in diesem Moment nur dazu diente, sie nicht ansehen zu müssen. „Ich – ja, es stimmt was nicht“, sagte er leise. „Aber jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt dafür. Bringen wir die Sache einfach hinter uns.“

Jill runzelte die Stirn, nickte jedoch, ohne dass ihre augenfällige Besorgnis geringer wurde. „Okay. Wenn das hier vorbei ist, reden wir.“

Wenn das hier vorbei ist, wirst du nicht mehr mit mir reden wollen

Barry trat hinaus auf den kurzen Flur. Jill folgte ihm. Ihre Stiefel klackten über einen stählernen Rost. Vor ihnen führte der Gang nach links, und Barry tat so, als überprüfe er seine Waffe, wurde dabei langsamer und ließ Jill vorausgehen.

Sie bogen um die Ecke, und Jill erstarrte, als sie in die Mündung von Weskers erhobener Beretta blickte. Er grinste selbstgefällig und anzüglich. Seine Sonnenbrille ersparte ihnen den Blick in seine Augen.

„Hallo, Jill. Nett, dass Sie vorbeischauen“, sagte er spöttisch. „Gut gemacht, Barry. Nehmen Sie ihr die Waffen ab.“

Sie richtete ihren Blick erschrocken auf Barry, der ihr schnell die Pumpgun aus den Händen pflückte und um sie herumfasste, damit er an die Beretta in ihrem Holster herankam. Sein Gesicht glühte.

„Jetzt gehen Sie wieder hinauf nach B1 und warten am Ausgang auf mich. Ich werde in ein paar Minuten oben sein.“

Barry starrte ihn an. „Aber Sie sagten, Sie wollten sie nur einsperren –“

Wesker schüttelte den Kopf. „Oh, keine Sorge. Ich werde ihr nichts tun, versprochen. Und jetzt gehen Sie endlich.“

Jill schaute ihn an. Verwirrung, Angst und Wut wechselten sich auf ihrem Gesicht ab. „Barry?“

„Tut mir leid, Jill.“

Er drehte sich und ging um die Ecke, fühlte sich geschlagen und beschämt – und vor allem hatte er Angst um Jill. Wesker hatte es versprochen, doch Weskers Wort galt überhaupt nichts mehr. Wahrscheinlich würde er sie umbringen, sobald er hörte, wie sich die Aufzugtür schloss.

Aber was, wenn ich dann nicht im Aufzug wäre? Vielleicht kann ich doch noch etwas tun, um ihr das Leben zu retten …

Barry eilte zum Lift, öffnete die Tür – und drosch sie lautstark wieder zu. Er drückte den Knopf und schickte die Kabine leer nach oben. Anschließend schob er sich leise wieder auf die Ecke zu und lauschte.

„… kann nicht behaupten, dass ich allzu überrascht bin“, sagte Jill gerade. „Aber wie haben Sie Barry dazu gebracht, Ihnen zu helfen?“

Wesker lachte. „Der alte Barry hat ein paar Probleme zu Hause. Ich sagte ihm, ein Umbrella-Team würde sein Haus beobachten und darauf warten, seine liebe Familie abzumurksen. Daraufhin half er mir nur allzu gern.“

Barry ballte die Fäuste und biss die Zähne aufeinander.

„Sie sind ein Schwein, wissen Sie das?“, sagte Jill.

„Vielleicht. Aber wenn das alles vorbei ist, werde ich ein reiches Schwein sein. Umbrella zahlt mir eine Menge Kohle, damit ich ihr kleines Problem beseitige – und dazu noch ein paar von euch gottverdammten S.T.A.R.S.-Schnüfflern.“

„Warum sollte Umbrella S.T.A.R.S. vernichten?“, fragte Jill.

„Oh, nicht alle Angehörigen. Mit einigen von uns haben sie noch große Pläne – für diejenigen jedenfalls, die auf Profit scharf sind. Euch herumjammernde Weltverbesserer wollen sie aber nicht – Stars and Stripes, Apple Pie und diese ganze glückselige Hundekacke … Wie Redfield herumgerannt ist und sich das Maul über Verschwörungen zerrissen hat – glauben Sie, Umbrella hat das nicht mitbekommen? Es muss aufhören, hier und jetzt. Dieses ganze Anwesen ist darauf ausgelegt, im Bedarfsfall hochzugehen. Und der Ausbruch des Tyrant-Virus ist dafür Grund genug. Wenn ihr erst alle tot seid und die Einrichtung zerstört ist, wird niemand mehr in der Lage sein, die Wahrheit herauszuknobeln.“

Dieser Hurensohn will uns alle umbringen!

„Aber genug über Umbrella. Ich habe Sie für ein privates kleines Experiment meinerseits hier herunterbringen lassen. Ich möchte sehen, wie unser agilstes Team-Mitglied sich gegen das Wunder moderner Wissenschaft behauptet. Wenn Sie einfach durch diese Tür gehen wollen …“

Als Wesker zurücktrat und ein Teil seiner Schulter in Barrys Blickfeld geriet, schmiegte dieser sich eng an die Wand und zog seinen Colt.

„Ich kann nicht glauben, dass Sie das tun“, sagte Jill. „Sie verkaufen sich, um einen Haufen unmoralischer Geiselnehmer zu decken …“

„Geiselnehmer? Oh, Sie meinen die Sache mit Barry. Umbrella würde sich nicht mit so etwas abgeben. Sie können es sich leisten, Leute einfach zu kaufen. Ich habe das alles schlicht erfunden, um ihn auf meine Seite zu ziehen.“

Barry ließ den Kolben des Colts auf Weskers Schädel niedersausen – so fest er konnte. Und der Captain kippte um wie eine gefällte Eiche.

NEUNZEHN

Jill registrierte, wie Wesker plötzlich verstummte, zu Boden stürzte – und Barry hinter ihm hervortrat. Mit hasserfülltem Blick starrte er auf Wesker hinab, den Colt in der Hand.

Jill beugte sich über Wesker, wand ihm die Beretta aus den Fingern und schob sie hinter ihren Gürtel.

Barry wandte sich ihr zu. Sein Blick bettelte um Vergebung. „Jill, es tut mir so leid. Ich hätte ihm nie glauben dürfen.“

Jill musterte ihn einen Moment lang schweigend und dachte dabei an seine Töchter. Moira war so alt wie Becky McGee …

„Schon gut“, sagte sie schließlich. „Du bist zurückgekommen, nur das zählt.“

Barry gab Jill ihre Waffen zurück, und sie blickten beide auf Weskers hingestreckte Gestalt. Er atmete noch, war aber bewusstlos.

„Du hast nicht zufällig Handschellen dabei, nehme ich an?“, erkundigte sich Barry.

Jill schüttelte den Kopf. „Vielleicht sollten wir im Labor nachsehen, da muss es doch irgendwelche Kabel oder dergleichen geben, um ihn zu fesseln. Außerdem bin ich ziemlich neugierig auf dieses ,Wunder der modernen Wissenschaft‘, von dem er gesprochen hat …“

Sie drehte sich um und fand den Schalter für die Hydrauliktür, wobei ihr das darauf prangende Bio-Gefahren-Symbol auffiel. Die Tür glitt auf, und sie traten ein.

Wow …

Es war ein großer Raum mit hoher Decke, ausstaffiert mit Überwachungskonsolen. Entlang des Bodens schlängelten sich Kabel, die mit einer Reihe aufrecht stehender Glasröhren verbunden waren. Acht solcher Zylinder reihten sich in der Mitte des Raumes aneinander, jeder groß genug, um einem erwachsenen Menschen Platz darin zu bieten. Sie waren alle leer.

Barry bückte sich, hob eine Handvoll Kabel auf und suchte in seiner Tasche nach einem Messer. Unterdessen ging Jill auf die Stirnseite des Raumes zu. Sie ließ den Blick über die technischen und medizinischen Gerätschaften schweifen – und blieb plötzlich stehen. Ihr Blick wurde starr, und nach einer Weile merkte sie, dass ihr der Mund vor Staunen offen stand.

An der Rückwand gab es einen Zylinder, sehr viel größer als die anderen: Seine Höhe betrug mindestens zweieinhalb Meter. Er war mit einer eigenen Computerkonsole verbunden – und das Ding darin füllte die Röhre von oben bis unten komplett aus. Es war … monströs.

„Jill, ich hab genug Kabel, um –“

Barry blieb neben ihr stehen. Er verstummte beim Anblick der Abnormität. Gemeinsam gingen sie darauf zu, konnten sich des Dranges nicht erwehren, sich das Geschöpf näher anzusehen.

Es war groß, aber die Proportionen stimmten – zumindest was den breiten, muskulösen Torso und die langen Beine anging. Soweit wirkte es menschlich. Einer der Arme jedoch endete in einer Anzahl respekteinflößender Klauen, die bis über das Knie hinabreichten. Der Arm auf der anderen Seite wirkte hingegen weitgehend normal, nur etwas überdimensioniert. In Herzhöhe wucherte ein dicker, von Adern durchzogener Tumor auf der Brust des Wesens. Jill starrte die knollenartige Geschwulst an und musste erkennen, dass es sich dabei wahrscheinlich um das Herz des Dings handelte; es pulsierte, kontrahierte in trägen, rhythmischen Schlägen.

Vor der Röhre blieben beide gebannt stehen. Sie sahen verwachsenes Gewebe, das sich linienartig über die Gliedmaßen der abscheuerregenden Kreatur zog – Operationsnarben.

Das Wesen besaß keine Geschlechtsorgane mehr; sie waren amputiert worden. Jill schaute in sein Gesicht und sah, dass auch dort Teile entfernt worden waren: Die Lippen waren verschwunden, und das Geschöpf schien sie mit gefletschten Zähnen aus dem verstümmelten Gesicht heraus anzugrinsen.

„Der Tyrant“, sagte Barry leise.

Jill warf ihm einen Blick zu. Er blickte mit finsterer Miene auf den Computer, der an die Röhre angeschlossen war.

Sie wandte sich wieder dem Tyrant zu, fühlte sich fast überwältigt von Mitleid und Ekel. Was auch immer er jetzt darstellte, er war einmal ein Mensch gewesen, den Umbrella in etwas Entsetzliches verwandelt hatte.

„Wir können ihn nicht so zurücklassen“, sagte sie leise, und Barry nickte.

Sie trat zu ihm an die Konsole und betrachtete die unzähligen Schalter und Knöpfe. Einer davon musste geeignet sein, um dem Siechtum des Tyranten ein Ende zu setzen. Selbst eine Schauergestalt wie diese verdiente Erlösung …

Am unteren Rand der Konsole befand sich eine Reihe von sechs roten Schaltern. Barry drückte einen davon. Nichts schien zu passieren. Er blickte Jill an. Sie nickte ihm auffordernd zu. Mit der Handkante legte er alle übrigen Schalter auf einmal um.

Ein dumpfes Geräusch ertönte. Sie wirbelten herum und sahen, wie der Tyrant mit seiner menschlichen Faust ausholte, um noch einmal gegen das Glas zu schlagen. Sprünge bildeten ein Netzmuster um die Stelle, die er beim ersten Hieb getroffen hatte – obwohl das Glas etliche Zentimeter dick sein musste.

„Heilige Scheiße!“

Barry packte Jill am Arm, während die blutigen Knöchel der Kreatur erneut ihr Ziel fanden.

„Renn!“

Sie rannten. Jill wünschte sich, sie hätten dem Geschöpf seine Ruhe gelassen. Tief aus ihrem Inneren stieg Panik auf. Barry schlug auf den Türöffner. Sie glitt auf, gerade als hinter ihnen das Glas zerbarst.

Wie von Furien gehetzt, taumelten sie zur Tür hinaus. Im laufen hieb Barry auf den Schließmechanismus. Im selben Moment begriff er, dass Wesker … verschwunden war.

Wesker taumelte in Richtung des Energieversorgungsraums. Sein Schädel pochte vor Schmerz, seine Beine waren schwach, und er nahm seine Umgebung nur verschwommen wahr. Dazu kam das Gefühl, sich gleich übergeben zu müssen.

Dieser gottverdammte Barry!

Sie hatten ihm die Pistole abgenommen. Er war zu sich gekommen, als die beiden ins Labor gegangen waren. Dann hatte er sich zum Aufzug geschleppt, Umbrella verfluchend, weil man eine dermaßen verkorkste Scheiße angerichtet hatte, und sich selbst, weil er die S.T.A.R.S.-Mitglieder nicht einfach umgelegt hatte, als sich ihm die Gelegenheit dazu bot.

Es ist noch nicht vorbei. Ich bin noch Herr der Lage. Das ist immer noch mein Spiel …

Der Probenbehälter befand sich unten im Labor und wurde wahrscheinlich gerade von einem dieser Schwachköpfe zerstört. Genau wie der Tyrant. Dieses wunderbare Geschöpf, das ohne die Adrenalin-Injektionen machtlos war, zum Sterben verdammt. Sie würden ihm in sein schlafendes Herz schießen, es würde zugrunde gehen, ohne je die Wonnen des Kampfes erfahren zu haben …

Wesker erreichte die Tür zum Energieversorgungsraum und lehnte sich, um Atem ringend, dagegen. Blut tröpfelte ihm aus den Ohren. Er schüttelte den Kopf beim Versuch, sein Hirn von dem seltsamen Nebel zu befreien, der sich darüber gestülpt hatte.

Er war zwar nicht im Besitz der Gewebeproben, konnte seine Mission aber noch immer erfüllen. Es war wichtig, sehr wichtig, dass er sie erfüllte. Alles drehte sich um Kontrolle, und Kontrolle war sein Metier.

Aktivierungssystem … Vorsicht vor den Affen …

Die Ga2er – er musste auf der Hut sein. Wesker öffnete die Tür und drohte, vornüber zu kippen. Der Boden schien so weit entfernt zu sein, und dann wieder zu nah. Die Maschinen fauchten ihn an, heulten und zischten in der heißen, öligen Luft. Seine Hand fand das Geländer, und er zog sich dem rückwärtigen Bereich des Raumes entgegen. Er wollte sich beeilen, musste aber feststellen, dass sich seine Beine nicht um seine Wünsche scherten.

Von oben schoss eine Pranke herab, streifte seine Kopfhaut und riss ihm ein Büschel Haare aus. Er fühlte, wie ihm warme Nässe den Nacken herablief, und taumelte weiter. Der Schmerz in seinem Kopf hatte noch zugenommen.

Haben mir meine Pistole abgenommen, blöde, blöde Arschlöcher! Haben meine Pistole …

Wesker erreichte die Tür und hatte es gerade geschafft, sie zu öffnen, als etwas Schweres in seinem Rücken landete und ihn in den anderen Raum stieß. Er fiel auf den kalten Metallboden, und ein furchtbares Kreischen schrillte in seinen Ohren. Krallen bohrten sich in seinen Rücken. Wesker schlug danach – nach dem lachenden, brüllenden Ding, das ihn zu töten versuchte.

Er drosch so fest er konnte auf die Kreatur ein, schob ihr die Faust in den Rachen. Sie ließ von ihm ab, sprang, landete an der Gitterwand und hangelte sich zur Decke empor.

Wesker zog sich in den Stand und stolperte weiter. Neuer Schmerz, neue Übelkeit kroch durch seinen Körper. Die Luft war zu heiß, die Turbinen zu laut – erbarmungslos in ihrer drehenden, hämmernden Raserei. Aber er konnte jetzt die hintere Tür sehen, die Tür, die ihn von der Erfüllung seiner Mission trennte.

Das ganze S.T.A.R.S.-Team tot, in den Orbit gejagt, während ich entkomme, als reicher Mann davonfliege …

Er riss die Tür auf und kämpfte sich in Richtung des kleinen, grün leuchtenden Bildschirms in der hinteren Ecke voran. Hier war es stiller, kühler. Die gewaltigen Maschinen, die den Raum ausfüllten, summten nur leise. Sie dienten einem völlig anderen Zweck als jene da draußen. Diese Maschinen hier wollten ihm helfen, die Kontrolle wiederzuerlangen.

Der Lärm, der aus der offenen Tür hinter ihm drang, schien weit weg, als er den eingeschalteten Monitor erreichte. Mit tauben Fingern berührte er das Keyboard davor. Er fand die Tasten, die er brauchte. Nach nur wenigen Fehlversuchen flimmerte der Code in sanftem Grün über den Schirm. Eine sexy Stimme informierte ihn gelassen darüber, dass der Countdown in dreißig Sekunden begänne. Trotz zunehmendem Schwindel versuchte er sich zu erinnern, wie man den Timer einstellte. Das System setzte ihn automatisch auf fünf Minuten, aber er musste ihn umstellen, musste sich eine ausreichende Frist verschaffen, damit er sich orientieren und fliehen konnte …

Hinter ihm brüllte etwas auf.

Wesker kreiselte herum, völlig konfus – und sah vier der Gitteraffen auf sich zustürmen. Als sie ihn erreichten, schlugen sie mit ihren langen, gebogenen Krallen nach ihm. Fürchterlicher Schmerz raste seine Beine hoch. Er fiel, schlug auf den Metallboden.

Das darf nicht sein …!

Eine der Kreaturen sprang ihm auf die Brust, und mit einem Mal bekam Wesker keine Luft mehr, konnte nicht mehr seine Arme heben, um das Biest von sich zu stoßen. Ein anderes Exemplar schlug nach seinem linken Bein, fetzte mit der Pranke ein großes Stück Fleisch heraus. Die anderen beiden kreischten in rasender Freude, umtanzten Wesker wie unheimliche, bösartige Kinder, reckten ihre Krallen empor und hüpften auf ihren krummen Beinen umher.

Irgendwie geriet Blut in Weskers Augen, und die Welt wirbelte davon. Da war Geschrei, wütendes Fauchen, und eine unvorstellbar sengende Hitze trübte seinen Blick, lähmte sein Denken …

Der Tyrant ist da.

Wesker konnte ihn spüren, fühlte, wie ihn die bloße Präsenz von etwas Riesigem, Martialischem berührte. Trotz aller Schmerzen grinsend, versuchte er, den Tyrant durch den roten Nebel in seinem verlöschenden Blick auszumachen. Mehr als alles andere wollte er sehen, wie die lebende Kampfmaschine ihre Opfer abschlachtete, in berauschend perfekten Bewegungen – doch er konnte nur den gewaltigen Schatten erkennen, der über ihn zu fluten schien, durch ihn hindurch. Konnte sich nur vorstellen, dass dieser mächtige, großartige Krieger hinabgriff, um ihn, Wesker, von seinen Leiden zu erlösen …

Ich … kontrolliere – lass mich ihn seeehhhn –

Dunkelheit erstickte auch noch die letzte Hoffnung, und Captain Albert Wesker hörte für immer auf zu denken – oder irgendetwas zu kontrollieren.

„… S.T.A.R.S.-Alphateam, Bravo – wenn ihr nicht antworten könnt, versucht, Zeichen zu geben! Mir geht der Sprit aus, hört ihr mich? Hier ist Brad! Wiederhole – S.T.A.R.S.-Alphateam …“

Rebecca drückte die Ruftaste und beeilte sich zu antworten: „Brad! Auf dem Spencer-Anwesen gibt es einen Heliport, du musst zum Heliport! Brad, kommen!“

Rebecca hörte ein hohes, heulendes Quietschen und etwas, das wie das Wort „verstanden“ klang – der Rest allerdings ging unter.

Es konnte „Ich habe verstanden!“ oder „Hast du verstanden?“ bedeuten. Letzte Gewissheit fehlte. Enttäuscht und besorgt umklammerte Rebecca das Funkgerät. Sie konnte nur hoffen, dass Brad sie verstanden hatte.

Plötzlich plärrte ein schriller Alarmton durch verborgene Deckenlautsprecher des Raumes. Rebecca fuhr zusammen und schaute sich hilflos um. In der Tür, die zum Heliport führte, erklang ein von Summen begleitetes Klicken. Sie eilte darauf zu, packte den Knauf und zog die Tür auf. Sie war entriegelt.

Über die nervtötende Sirene hinweg sprach eine kühle Frauenstimme – langsam, klar und deutlich: „Die Selbstzerstörungssequenz ist jetzt aktiviert. Evakuieren Sie das gesamte Personal oder deaktivieren Sie das System. Sie haben fünf Minuten Zeit. Die Selbstzerstörungssequenz ist jetzt aktiviert …“

Während die Automatenstimme erneut ablief, stand Rebecca in der offenen Tür und hielt den Blick auf den offenen Leiterschacht gerichtet. Mit rasendem Puls wartete sie darauf, Chris aus den tiefergelegenen Ebenen zurückkehren zu sehen.

Er war erst seit ein paar Minuten weg, doch soeben hatte ihre Zeit begonnen, unerbittlich abzulaufen.

ZWANZIG

Jill und Barry rannten vom Aufzug zurück in den Hauptkorridor von B3. Die unterkühlte Stimme informierte sie, dass ihnen noch viereinhalb Minuten blieben. Im Wettlauf mit dem Tod stürmten sie den Gang entlang, um die Ecke –

– und sahen Chris Redfield auf halber Höhe der Metalltreppe stehen.

„Chris!“, rief Jill.

Er drehte sich um. Sein Gesicht erhellte sich, als er sie auf sich zuhasten sah.

„Beeilung!“, rief er. „Auf B1 gibt’s einen Heliport!“

Dem Himmel sei Dank!

Chris wartete, bis sie den Fuß der Treppe erreicht hatten, dann rannte er weiter über den Steg und hielt die Tür auf, die zur Leiter führte. Jill und Barry langten oben an und stürmten hindurch. Der Computer teilte ihnen mit, dass ihnen noch vier Minuten und fünfzehn Sekunden zur Evakuierung blieben.

Barry stieg als Erster die Leiter hinauf. Jill folgte, Chris direkt hinter ihr. Auf B1 kletterten sie aus dem Schacht. Jill sah Rebecca Chambers am Notausgang lehnen, das mädchenhafte Gesicht starr vor Angst.

Chris schob Rebecca durch die Tür. Zu viert rannten sie einen gewundenen Betongang entlang. Jill betete lautlos, dass ihnen noch genug Zeit blieb, das Anwesen zu verlassen.

Ich hoffe, du verbrennst hier, Wesker!

Am Ende des Korridors befand sich ein großer Aufzug. Barry riss die Tür auf und hielt sie fest, während die anderen die Kabine betraten. Er folgte ihnen als Letzter. Sie hatten noch genau vier Minuten.

Der Fahrstuhl schien nach oben zu kriechen. Jill sah auf ihre Uhr. Ihr Herz trommelte im Takt der vergehenden Sekunden.

Wir schaffen’s nicht – das schaffen wir nie …

Summend kam der Lift zum Stehen. Chris riss die Tür auf. Kühle Morgenluft wehte ihnen entgegen – und das herrliche, unvergleichliche Geräusch eines Hubschraubers, der über ihnen kreiste.

„Er hat mich gehört!“, rief Rebecca, und Jill grinste unter einer plötzlichen Woge von Zuneigung für die Rekrutin.

Der Heliport war riesig. Hohe Mauern umgaben die weite Fläche. Ein mit gelber Farbe aufgemalter Kreis zeigte Brad, wo er landen musste. Barry und Chris winkten aufgeregt mit den Armen, um den Piloten zur Eile anzuhalten. Jill schaute wieder auf die Uhr. Noch etwas mehr als dreieinhalb Minuten. Genug Zeit, um –

Jill wirbelte herum. Beton- und Teerbrocken flogen durch die Luft und regneten in der nordwestlichen Ecke des Landeplatzes herab. Eine riesenhafte Klauenhand reckte sich aus dem Loch empor, fiel auf den gezackten Rand … und der bleiche, hünenhafte Tyrant sprang mit einem Satz daraus hervor!

Er landete auf dem Boden des Heliports. Geschmeidig richtete er sich aus seiner kauernden Haltung auf und kam auf die S.T.A.R.S.-Mitglieder zu …

Was zum Teufel ist das?

Das Ding musste an die zweieinhalb Meter groß sein. Teile seines riesigen Körpers waren verstümmelt oder deformiert. Es hatte ihnen sein grinsendes Gesicht zugewandt, während es sich erhob. Langsam bewegte es sich auf sie zu, die gewaltigen Klauen seines linken Arms schlossen und öffneten sich abwechselnd.

Und Brad kann nicht landen …

Chris zielte auf das dunkle, tumorähnliche Etwas auf der Brust der Kreatur – und schoss. Fünfmal zog er den Abzug in rascher Folge durch. Drei Kugeln gingen ins Ziel. Die anderen beiden lagen kaum zwei Fingerbreit neben der pulsierenden Röte – und das Albtraumgeschöpf wurde nicht einmal langsamer.

„Verteilt euch!“, brüllte Barry.

Die Gruppe stob auseinander. Jill zerrte Rebecca in die Ecke, die am weitesten von dem Riesen entfernt lag, Chris hetzte zur Südwand. Barry blieb stehen und richtete seinen Colt auf das immer näher kommende Ungetüm.

Drei Kugeln vom Kaliber .357 klatschten in den Bauch des Hünen. Die hohen Betonwände warfen das Donnern der Schüsse zurück.

Plötzlich beschleunigte das Wesen, rannte auf Barry zu, holte mit seinem gewaltigen Klauenarm aus – doch Barry tauchte seitlich weg. Das Ding stürmte an ihm vorbei und führte dabei seine Klauen, als werfe es einen tief angesetzten Ball. Die mörderische Waffe durchpflügte den Asphalt, riss ihn auf, als sei er nicht härter als Butter.

Kaum war das Monster vorüber, stoppte es, drehte sich fast lässig um und beobachtete, wie Barry wieder auf die Beine kam, abermals schoss.

Die Kugel riss dem Ding einen Fleischfetzen aus der rechten Schulter. Zähes Blut quoll über die breite Brust und vermischte sich mit der triefenden Masse seines offenen Magens.

Über ihnen zog immer noch der Alpha-Hubschrauber seine Kreise, weil er nicht landen konnte – und noch immer gab es keinerlei Hinweis darauf, dass die Kreatur ihre Verletzungen überhaupt spürte. Sie rannte wieder los und ließ, während sie auf Barry zuhielt, ihre unmenschlichen Klauen wirbeln.

Der Hahn seines Revolvers schlug klickend ins Leere. Barry gab Fersengeld, doch das heranstürmende Ungeheuer änderte die Richtung, folgte ihm – und dann erwischte die herabrasende Klauenhand Barry an der Seite. Er ging strauchelnd zu Boden.

Barry …!

Chris stürzte auf das Geschöpf zu, schoss ihm in den Rücken, als es sich über den zu Boden gegangenen Alpha beugte. Barry versuchte, nach hinten wegzukriechen. Seine Weste hing in Fetzen, seine Augen waren ganz weit vor Entsetzen.

Und dieses Mal musste das Ungetüm die Kugeleinschläge spüren, endlich, denn es drehte sich um und heftete seinen gefühllosen, starren Blick auf Chris. Barry richtete sich auf und humpelte davon.

Wir haben keine Zeit!

Chris schoss das Magazin leer. Die letzten Kugeln trafen ins Gesicht des Monsters. Splitter von Zähnen flogen aus dem lippenlosen Maul, fielen als rotweißer Regen auf den Asphalt. Das Wesen schien es nicht einmal zu merken. Mit unglaublicher Geschwindigkeit rannte es weiter auf Chris zu.

Auch Jill und Rebecca schossen jetzt, schrien, versuchten, die Aufmerksamkeit des Ungeheuers von Chris abzulenken. Aber es hatte sich auf ihn versteift, stampfte ihm entgegen und holte mit dem zur Waffe hochgezüchteten Arm aus.

Jetzt nichts vermasseln – lass es kommen!

Erst in der letztmöglichen Sekunde warf sich Chris zur Seite, und das Monster flog regelrecht an ihm vorbei. Seine Klauen rissen tiefe Furchen in den Asphalt, dort, wo Chris eben noch gestanden hatte.

Er rannte. Eisigkalt sickerte die Erkenntnis in sein Bewusstsein, dass die Sekunden unaufhaltsam verrannen und dass sie das Monster nicht mehr rechtzeitig würden töten können.

Barry spürte, wie das Blut aus seinem Schenkel quoll. Der brutale Hieb des Tyranten hatte die oberen Hautschichten sauber abgeschält. Der Schmerz war erträglich – das Wissen, dass sie nun sterben würden, nicht.

Wir werden in die Luft fliegen, wenn wir nicht schon vorher in Stücke gerissen werden …

Der Tyrant richtete seine Aufmerksamkeit auf Jill und Rebecca, die beide wieder auf das offensichtlich unbesiegbare Monstrum feuerten. In seiner geschmeidigen, fast leichtfüßig wirkenden Gangart kam er auf sie zu, noch immer nicht beeinträchtigt von den blutenden Löchern in seinem Körper. Schrotladungen trafen ihn in Beine und Brust. Neun-Millimeter-Geschosse spickten sein teigiges Fleisch – doch er schwankte nicht einmal, lief einfach stur weiter.

Wind peitschte auf Barry herab. Das Brüllen der Hubschrauberrotoren schwoll plötzlich an. Von oben hörte er einen lauten Ruf.

„Achtung!“

Barry starrte zum Hubschrauber hoch, der nur sechs oder sieben Meter über dem Boden hing, und sah, wie ein schwerer, dunkler Gegenstand aus der offenen Seitenluke fiel und auf den Teer aufschlug.

Chris war am dichtesten dran. Er rannte darauf zu.

Der Tyrant hatte Jill und Rebecca beinahe erreicht. Die beiden trennten sich, liefen in unterschiedliche Richtungen, und die Kreatur heftete sich ohne Zögern an Jills Fersen, folgte ihr mit dieser unheimlichen Entschlossenheit im Blick.

„Jill, hierher!“, schrie Chris.

Barry kreiselte herum und sah, dass Chris sich den klobigen Raketenwerfer auf die Schulter geladen hatte.

Ja!

Jill schwenkte um in Chris’ Richtung, das Ungetüm unmittelbar hinter ihr.

„Deckung!“

Jill hechtete zur Seite und rollte sich ab, gerade als Chris durchzog. Das Wuuusch! der raketengetriebenen Granate ging im dröhnenden Hämmern der Hubschrauberblätter fast unter.

Die Explosion nicht. Die Granate traf den Tyrant voll in die Brust – grelles Lodern und ohrenbetäubendes Krachen zerriss das Ungeheuer in eine Million rauchender Stücke.

Noch während zerfledderte Fetzen von Fleisch und Knochen auf sie niederhagelten, senkte Brad den Kopter dem Boden entgegen, und die vier S.T.A.R.S.-Mitglieder rannten darauf zu. Die Kufen hatten noch nicht aufgesetzt, als Jill schon in die offene Kabine tauchte. Chris, Rebecca und Barry warfen sich ihr hinterher.

„Abflug, Brad, los!“, brüllte Jill.

Wie ein stählernes Insekt erhob sich die Maschine in die Luft und jagte davon.

EINUNDZWANZIG

Die ruhige Frauenstimme erreichte nur mehr nichtmenschliche Ohren.

„Noch fünf Sekunden, drei, zwei, eins – die Selbstzerstörung wird jetzt initiiert …“

Ein Schaltkreis, der sich über die gesamte Länge und Breite des Anwesens erstreckte, wurde geschlossen.

Mit einem Donnerschlag explodierte das Spencer-Anwesen. Simultan zündeten Sprengsätze im Keller der Villa, unter dem Reservoir, hinter einem unscheinbaren Kamin im Quartierhaus und auf der dritten Ebene der Keller-Laboratorien. Die Trümmer der Marmorwände stürzten auf die berstenden Böden der herrschaftlichen alten Villa. Fels barst, und Beton wurde zu feinem Staub zermahlen. Gewaltige Feuerpilze wuchsen in den frühen Morgenhimmel empor. Noch aus meilenweiter Ferne war das nur Sekunden dauernde Feuerwerk zu verfolgen.

Und während sich das urgewaltige Donnergrollen über den Wald hinweg wälzte und schließlich erstarb, gingen die Ruinen in Flammen auf.

EPILOG

Die Vier schwiegen, während Brad den Hubschrauber zurück zur Stadt steuerte. Tausend Fragen brannten ihm auf der Zunge, doch etwas an der Stimmung, die sich breitgemacht hatte, hielt ihn davon ab, sie zu stellen. Chris und Jill starrten mit grimmigen Mienen durch die Scheibe auf das sich ausweitende Flammeninferno, in dem das Anwesen vollends unterging. Barry lehnte zusammengesunken an der Kabinenwand und betrachtete seine Hände, als hätte er sie noch niemals zuvor gesehen. Die Neue – Rebecca – ging von einem zum anderen und versorgte die Wunden, ohne ein einziges Wort zu sagen.

Auch Brad hielt den Mund. Er fühlte sich immer noch mies, weil er abgehauen war. Danach war er durch die Hölle gegangen, in Kreisen umhergeflogen und hatte zusehen müssen, wie die Treibstoffanzeige stetig fiel. Es war ein Albtraum gewesen. Zu allem Elend hatte er auch noch dringend pissen müssen.

Und dann dieses Monster …

Brad schauderte. Was es auch gewesen sein mochte, er war froh, dass es jetzt tot war. Er hatte sich zusammenreißen müssen wie nie zuvor, um nicht einfach wieder mit dem Hubschrauber zu verschwinden, kaum dass dieses Ungetüm in sein Blickfeld geraten war – und er war der Ansicht, dass man ihm zugute halten musste, den Raketenwerfer aus der Luke geworfen zu haben.

Er blickte nach hinten auf das schweigende Quartett und überlegte, ob er ihnen von dem seltsamen Funkspruch erzählen sollte, den er empfangen hatte. Gleich nachdem die Rekrutin etwas über einen Heliport durch das Prasseln der Statik gebrüllt hatte, war ein klares Signal hereingekommen – eine männliche Stimme, die ihm seelenruhig die genauen Koordinaten genannt hatte. Der Kerl hatte mitgehört, was allein schon unheimlich genug war. Aber die Tatsache, dass er die Örtlichkeiten gut genug kannte, um Brad detaillierte Anweisungen zu geben, war geradezu gespenstisch …

Er legte die Stirn in Falten, während er sich an den Namen des mysteriösen Mannes zu erinnern versuchte. Thad? Terrence?

Trent. Ja, das ist es, er sagte, sein Name sei Trent.

Brad beschloss, dass er damit noch einen Tag warten konnte. Im Augenblick wollte er einfach nur nach Hause.

ENDE