ACHT

Rebecca schob sich durch den Luftschacht, ignorierte die Spinnweben, die sich in ihrem Haar verfingen und die Schichten von Staub, die sich auf ihre Kleidung legten – und ebenso die erstickend engen Wände aus dünnem Metall. Die Karte zeigte nur den Verbindungsschacht, der auf der ersten Kelleretage zwischen zwei Zimmern verlief. Aber es gab auch im zweiten Kellergeschoss Räume, die ebenfalls zu dem Netz zu gehören schienen. Es mochte gut möglich sein, dass einer dieser Schächte nach draußen führte. Billy war nicht allzu begeistert gewesen, aber sie hatten sich letztlich darauf geeinigt, dass es einen Versuch wert sei.

Wenigstens ist der Schacht nicht sehr lang, dachte sie, während sie sich auf das Quadrat aus Licht zuschob, das nicht weit vor ihr lag. Ein dünnes Metallgitter bedeckte den Ausstieg. Es ließ sich mit wenigen Handgriffen lösen und fiel klappernd unten zu Boden.

Rebecca warf einen raschen Blick in einen großen Raum mit steinernen Wänden, der feucht und leer im flackernden Licht einer fast erlöschenden Lampe lag. Dann schob sie sich hinaus, hielt sich am Rand des Schachts fest und landete nach einem Überschlag in der Hocke. Sie stand auf, wischte den Dreck von ihrer Kleidung und sah sich gründlicher um.

Herrje. Es sah hier aus wie in einem mittelalterlichen Verlies, eine große, düstere Felsenhöhle. An den Wänden waren Ketten befestigt, an den Ketten Handschellen. Es standen einige Gerätschaften herum, die sie nicht erkannte, aber deren Zweck nur darin bestehen konnte, Schmerzen zu verursachen. Es gab Bretter, in denen rostige Nägel steckten, bündelweise Seile mit Knoten darin, und neben einem dreckverkrusteten, kaputten Wandbrunnen befand sich ein großer, aufrecht stehender Kasten, bei dem es sich nur um eine Eiserne Jungfrau handeln konnte. Rebecca hatte keinen Zweifel, dass die dunklen, verblassten Flecken in den Ritzen der grob behauenen Wand von vergossenem Blut rührten.

„Alles in Ordnung? Over.“

Sie nahm ihr Funkgerät zur Hand. „Ich glaube, ‚in Ordnung‘ ist nicht ganz der passende Ausdruck“, sagte sie. „Aber mir fehlt nichts. Over.“

„Gibt es einen weiteren Luftschacht? Over.“

Sie drehte sich, suchte die Wände nach einem Schacht ab – und fand einen, zwanzig Fuß über ihrem Kopf.

„Ja, aber er befindet sich in der Decke“, antwortete sie und seufzte. Selbst wenn sie über eine Leiter verfügt hätten, hätten sie nicht schnurstracks nach oben klettern können. Sie entdeckte die einzige Tür des Raumes, in der südwestlichen Ecke. „Wo führt die Tür von hier aus hin, over?“

Eine Pause. „Sieht aus, als öffnete sie sich in einen kleinen Raum, der zurück in den Gang führt, durch den wir kamen“, sagte Billy. „Soll ich im Gang auf Sie warten, over?“

Rebecca ging auf die Tür zu. „Das wäre am sinnvollsten. Vielleicht können wir versuchen –“

Bevor sie den Satz beenden konnte, erfüllte ein schreckliches Geräusch den Raum. Es war mit nichts vergleichbar, was sie je gehört hatte, aber trotzdem merkwürdig vertraut. Ein schrilles, affenartiges Kreischen.

Das ist es. Das Affenhaus im Zoo.

Es echote und heulte durch den höhlenartigen Raum und kam von überall und nirgends zugleich. Rebecca sah auf …

… just in dem Augenblick, da aus dem Deckenschacht eine bleiche, langgliedrige Kreatur zu ihr herunterspähte. Das Wesen bleckte seine tückischen, scharfen Zähne, fuchtelte mit gelenkigen Fingern vor seiner muskulösen Brust durch die Luft und kreischte entsetzlich.

Bevor Rebecca einen Schritt machen konnte, sprang die Kreatur aus dem Schacht und stieß sich noch von der Felswand ab, ehe sie in geduckter Haltung auf dem Boden landete – auf einem Haufen aus dünnen Brettern mitten im Raum. Die Kreatur starrte zu Rebecca hoch, die Lippen zurückgezogen, sodass sie ihre gelblichen Zähne sehen konnte. Das Wesen sah beinahe aus wie ein Pavian mit kurzem weißen Fell, nur befanden sich in dem Fell große Risse, durch die festes, rotes Muskelfleisch schimmerte. Das Tier machte nicht den Eindruck, als sei es angegriffen worden; vielmehr schienen seine Muskeln für seine Haut zu groß geworden und hindurchgeplatzt zu sein. Seine Hände waren zu groß, die Nägel überlang, und sie schleiften und klickten über den steinernen Boden, als es sich von seinem Bretterhaufen aus bösartig grinsend auf Rebecca zuschob.

Langsam … Rebecca zog behutsam ihre Waffe, hatte jetzt und hier mehr Angst als je zuvor in dieser Nacht. Normale Paviane waren schon in der Lage, einen Menschen zu zerfetzen, und der hier sah noch dazu aus, als sei er infiziert.

Der Pavian kam näher – und von oben hörte sie einen weiteren, nein, mindestens zwei weitere Stimmen. Sie begannen zu kreischen, der Lärm wurde lauter, weitere der kranken Tiere kamen heran. Die Kreatur vor ihr war nun so nahe, dass Rebecca sie riechen konnte, jenen heißen, moschusartigen Geruch nach Urin und Kot und Wildheit, der Geruch einer übermächtigen Infektion.

„Rebecca! Was ist los?“

Sie hielt das Funkgerät noch immer in der linken Hand. Sie drückte die Taste, hatte Angst zu sprechen, aber mehr noch davor, dass Billys Rufen das Tier zum Angriff reizen würde.

„Schsch“, machte sie mit leiser Stimme, um einerseits das Tier zu beruhigen und andererseits Billy zum Schweigen zu bringen. Sie wich einen Schritt nach hinten, klammerte das Funkgerät an den Kragen ihres Hemdes und hob die Neunmillimeter. Der Pavian duckte sich tiefer, spannte seine Beinmuskeln …

… und sprang in dem Moment, da sie schoss – und gerade als zwei weitere geschmeidige, kreischende Schemen aus dem Luftschacht in den Raum herunterhüpften. Einer davon streifte ihren Kopf, als er sie passierte. Seine rauen Nägel rissen an ihren Haaren. Der Treffer stieß sie aus der Bahn ihres Angreifers, aber er brachte sie auch um ihr Gleichgewicht. Ihr Schuss traf nur die Wand. Alle landeten sie auf dem Bretterhaufen …

… und dann brach der Boden ein.

Es hatte keine neuen Entwicklungen gegeben. Der seltsame junge Mann, wer er auch sein mochte – Wesker hatte einen Verdacht, den er allerdings für sich behielt –, war ebenso wenig wieder aufgetaucht wie das Abbild von James Marcus. Die Kameras schienen auch nicht richtig zu funktionieren, wodurch die Überwachung zu einer etwas ungewissen Sache wurde. Viele der Monitore waren einfach schwarz geworden.

Nachdem er Birkin eine Zeit lang gelangweilt zugehört hatte, wie der Wissenschaftler von seinem neuen Virus erzählte, schob sich Wesker von der Videokonsole weg, stand auf und streckte sich. Es war schon seltsam – vor ein paar Jahren hätte ihn die Arbeit seines alten Freundes vielleicht interessiert. Heute jedoch, da sich sein Abschied von Umbrella abzuzeichnen begann, sah er sich nicht einmal imstande, so zu tun, als ob.

„Tja, das war ein ziemlich harter Tag“, sagte Wesker und unterbrach damit Williams besessenen Monolog, als er einmal Luft holte. „Ich geh dann.“

Birkin starrte ihn an, sein verkniffenes, blasses Gesicht leuchtete gespenstisch im weißen Licht der Bildschirme. „Was? Wo gehen Sie hin?“

„Nach Hause. Hier gibt es nichts mehr, was wir tun könnten.“

„Aber – Sie sagten doch – was ist mit dem Aufräumen?“

Wesker hob die Schultern. „Umbrella wird ein anderes Team schicken, da bin ich mir sicher.“

„Ich dachte, die Ausbrüche geheim zu halten, sei das Wichtigste. Sagten Sie nicht, es sei von höchster Bedeutung?“

„Habe ich das gesagt?“

„Ja!“ Birkin war jetzt wirklich wütend. „Ich will nicht, dass jemand anderes von Umbrella herkommt. Sie könnten Fragen über meine Arbeit stellen. Ich brauche mehr Zeit.“

Wesker zuckte erneut die Achseln. „Dann lösen Sie die Selbstzerstörung doch selbst aus und sagen Sie unserem Kontaktmann, dass Sie sich um alles gekümmert haben.“

Birkin nickte, aber Wesker konnte das Unbehagen sehen, das sich in seinem Blick spiegelte. Wesker deutete ein Lächeln an. Birkin hatte Angst vor ihrem neuen Verbindungsmann zu den großen Jungs im Hauptquartier und vermied jede Interaktion, wenn es irgend möglich war. Wesker konnte es ihm nicht verübeln. Dieser Trent hatte irgendetwas an sich, seine merkwürdig beherrschte Art …

„Was ist mit – ihm?“ Birkin nickte in Richtung der Bildschirme. Wesker verspürte selbst einen Anflug von Unbehagen, ließ sich aber äußerlich nicht aus der Ruhe bringen.

„Ein Fanatiker, der einen Groll gegen uns hegt. Er versteht sich auf Videotricks, aber ich nehme an, dass er genauso gut brennt wie jeder andere.“ Wesker glaubte das selbst nicht ganz, aber er hatte auch kein Interesse daran, das Geheimnis aufzudecken. Er war kein Detektiv in einem billigen Verschwörungsroman, getrieben von dem Bedürfnis, den Dingen auf den Grund zu gehen. Seiner Erfahrung nach neigten Anomalien dazu, sich selbst aufzulösen – auf die eine oder andere Weise.

„Wenn bekannt würde, was wirklich mit Dr. Marcus geschah –“

„Das wird es aber nicht“, schnappte Wesker.

Birkin ließ sich nicht beschwichtigen. „Aber was ist mit dem Spencer-Anwesen, den Einrichtungen dort?“

Wesker ging zur Tür, seine Stiefeltritte dröhnten über das Metallgitter. Birkin folgte ihm wie ein hartnäckiges Hündchen.

„Überlassen Sie das mir“, sagte Wesker. „Umbrella will Kampfdaten, und ich werde sie ihnen geben. Ich hole die S.T.A.R.S.-Leute herein, und dann werden wir sehen, wie sich die B. O. W.s in echtem Training bewähren.“ Er lächelte, als er an die Talente im Alpha-Team dachte. Barry, der starke Mann, der Scharfschütze Chris, Jill und ihre eklektische Erziehung, die Tochter eines beispiellosen Diebes … Das würde ein höchst interessanter Kampf werden. Nachdem er die kleine Rebecca Chambers in der Einrichtung gesehen hatte, lag es auf der Hand, dass Enricos Team etwas Unvorhergesehenes zugestoßen war. Das konnte Wesker verwenden, um die Alphas hinzuzuziehen, damit sie nach den „übrigen“ Männern suchten.

Selbst wenn es die Bravos zurück in die Zivilisation schaffen sollten, gibt es da noch die vermisste Rebecca, nach der gesucht werden muss. Das Mädchen war brillant, aber Klugheit war nicht gleich Kampferfahrung. Wahrscheinlich war sie inzwischen bereits tot.

Sie verließen den Kontrollraum. Wesker eilte den Gang hinunter, und Birkin musste fast rennen, um mit ihm Schritt zu halten. Sie erreichten den Aufzug, der noch von Weskers Ankunft her offen stand, und Wesker trat hinein. Birkin stand ihm gegenüber, und im helleren Licht des Korridors konnte Wesker die Spuren des Wahnsinns im Gesicht des Wissenschaftlers sehen. Seine Augen waren dunkel umrandet, und einer seiner Mundwinkel zuckte nervös. Wesker fragte sich beiläufig, ob Annette bemerkt hatte, wie ihr Ehemann tiefer zu den Quellen der Paranoia hinabgestiegen war, kam dann aber zu der Ansicht, dass es ihr wahrscheinlich entgangen war. Diese Frau war blind für alles, was abseits der „Großartigkeit“ der Arbeit ihres Mannes lag. Ein Pech für ihre Tochter, solche Eltern zu haben.

„Ich starte die Zerstörungssequenz“, sagte Birkin.

„Stellen Sie sie auf morgen ein“, antwortete Wesker und zeigte ein Grinsen. „Der Anbruch eines neuen Tages.“

Die Türen schlossen sich vor Birkins entschiedener Miene, und Weskers Grinsen wurde breiter, sein Herz leicht, als er daran dachte, was da kommen würde. Alles war im Begriff, sich zu ändern – für sie alle.

„Billy! Hilfe!“

Kaum hatte Billy das Kreischen der Tiere und das Krachen gehört, da rannte er auch schon los, und als Rebeccas Schreckensschrei aus dem Funkgerät knisterte, befand er sich im Korridor. Er beschleunigte sein Tempo noch und stopfte die Karten in seine Gesäßtasche. Er hielt seine Waffe in der Hand und verfluchte sich dafür, dass er sie in den Luftschacht hatte kriechen lassen.

Dort, geradeaus, war die Tür, unweit eines der toten Spinnenleiber. Er hielt darauf zu und rammte mit einer Schulter dagegen, während er den Riegel packte und anhob. Die Tür schwang auf, und er war hindurch. Die Leuchtstoffröhren unter der Decke waren beschädigt, flackerten, verliehen dem Raum eine unwirkliche Atmosphäre. Es schien sich um eine Art Labor zu handeln, allerdings befand sich in einer Ecke eine verrottete Pritsche. Egal, weiter!

Er flog förmlich durch den Raum und zur nächsten Tür. Rebecca schrie wieder, warnte ihn, er solle aufpassen – und sich beeilen.

Als er den Riegel zurückschob, machte er neben sich eine Bewegung aus, drehte sich um und sah einen klapprig aussehenden Zombie in einer Ecke stehen. Das Licht ging summend an und aus. Der sterbende Mann beobachtete ihn stumm. Seine zerlumpte Gestalt verschwand mit jedem Flackern im Dunkeln. Jetzt setzte er sich in Bewegung.

Später, Kumpel. Billy stieß die zweite Tür auf und rannte hindurch.

Fast augenblicklich flog ihm etwas entgegen. Er duckte sich, erhaschte einen Blick auf einen verschwommenen Schemen aus Rot und Weiß, roch den Gestank eines Tieres … und dann war das Wesen – es war ein Affe, irgendeine Affenart –, immer noch plärrend, an ihm vorbei. Zwei andere folgten ihm, dann bildeten drei von ihnen rasch einen lockeren Kreis um Billy. Ihre schlaksigen, muskulösen Arme und Beine waren in ständiger Bewegung. Sie griffen in seine Richtung, ihre krank wirkenden Körper tanzten auf ihn zu, dann wieder fort. Er wich zurück und schob sich in die Ecke zwischen Tür und Felswand; einerseits wollte er sich zwar nicht in die Ecke drängen lassen, andererseits aber seinen Rücken auch nicht ungeschützt wissen. Die Affen tänzelten weiter auf ihn zu … und wieder davon, und dazu kreischten sie in einer Tour.

„Rebecca!“, rief er.

„Hier unten!“

Sie klang so weit weg. Dann sah er das Loch, ein paar Meter entfernt. Zersplittertes Holz lag um die Öffnung herum am Boden. Rebecca konnte er nicht sehen.

„Halten Sie durch!“, rief er und richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf die Affen, gerade als einer von ihnen nahe genug war, um ihn zu berühren.

Das Tier streifte ihn mit seiner übergroßen Pranke. Die Krallen fuhren ihm über den Oberschenkel, ohne indes die Haut zu verletzen – was der nächste Hieb jedoch sicher tun würde. Billy zielte nicht, er hielt einfach drauf und schoss.

Der Affe wirbelte heulend herum, ein Schwall dunklen Blutes platzte aus seiner Brust. Aber er war nicht tot, schüttelte den Kopf und trat wieder vor, und Billy war überzeugt, dass er jetzt fällig war. Sie waren zu stark, zu organisiert. Er konnte keinen von ihnen erwischen, ohne ihnen eine Chance zum Angriff zu geben …

Aber die beiden anderen fielen über ihren verwundeten Artgenossen her und zerrissen ihn mit gierigen Händen. Das verletzte Tier schrie, wehrte sich, doch sein Blut hatte die Fresslust in seinen Kumpanen geweckt. Sie zerfetzten ihn in Sekundenschnelle und stopften sich große, feuchte Brocken seines Fleisches in die Mäuler.

Jetzt hatte Billy Zeit zum Zielen, und er nahm sie sich. Ein, zwei, drei Schüsse, und die Affen lagen am Boden, tot oder sterbend.

Er rannte zu dem Loch, ließ sich auf die Knie sinken und kroch vor bis an den gezackten Rand. Sein Herz hämmerte – und dann rutschte es ihm tiefer, als er sah, wie weit unten sie war. Sie hielt sich eine ganze Etage tiefer mit beiden Händen an einem Metallrohr fest. Darunter gähnte Finsternis. Unmöglich zu sagen, wie tief sie noch fallen würde.

„Billy“, keuchte sie und sah aus angstgeweiteten Augen zu ihm empor.

„Nicht loslassen“, keuchte er, riss die Karten aus seiner Tasche und suchte darauf nach ihrer Position … und nach dem kürzesten Weg zu ihr. Es gab keinen schnellen Zugang zum zweiten Kellergeschoss, nicht vom ersten aus. Er würde durch die Eingangshalle zurückgehen müssen und wahrscheinlich durch diesen Speisesaal, in dem er die Zombies gesehen hatte. Die Treppe ins Untergeschoss des Hauses befand sich auf der Ostseite.

„Ich weiß nicht, wie lange ich mich noch halten kann“, sagte sie schwer atmend. Ihr Flüstern wurde durch die Funkgeräte verstärkt. Irgendwann hatte sie einen offenen Kanal aktiviert.

„Wage es bloß nicht, loszulassen“, sagte er. „Das ist ein gottverdammter Befehl, Mädchen, verstanden?“

Sie antwortete nicht, aber er sah, wie sie ihr Kinn trotzig vorschob. Gut. Vielleicht blieb sie stark, wenn sie sauer auf ihn war. Er war schon wieder auf den Beinen.

„Ich komme“, sagte er, machte kehrt und rannte zurück durch die Tür in das Labor mit dem flackernden Licht. Der Zombie dort hatte sich bewegt, stand nun zwischen ihm und der Tür des Raumes, die auf den Gang hinausführte. Aber Billy hielt sich nicht mit der Waffe auf, hatte Angst, sich die Zeit zu nehmen und dann zu spät zu Rebecca zu kommen. Wie ein Quarterback im großen Spiel streckte er einen Arm aus und raste in die Kreatur hinein, schob so kraftvoll er konnte, immer noch rennend, während der Zombie hintenüberkippte und zu Boden fiel. Billy war draußen und weg, bevor der enttäuschte, hungrige Schrei des Wesens ihn erreichen konnte.

Den Korridor runter, an den widernatürlichen Spinnen vorbei, die Treppe hoch. Er warf den Clip der Neunmillimeter aus, steckte ihn ein, fummelte das Ersatzmagazin hervor und rammte es in den Griff, während er durch das Foyer hetzte.

Halt durch, halt durch …

Er zögerte nicht an der Tür zum Speisesaal, wuchtete sie auf und stürmte hinein. Zwei der Zombies befanden sich in sicherem Abstand zu ihm, auf der anderen Seite des Tisches. Der dritte stand in der Nähe der Tür, von der Billy glaubte, dass sie ihn zu Rebecca führen würde. Es war der Soldat mit der Gabel in der Schulter.

Billy stoppte gerade lange genug, um zu zielen und zwei Kugeln auf den bereits triefenden Schädel der Kreatur abzufeuern. Der erste Schuss ging fehl, aber der zweite riss ein beträchtliches Stück Knochen aus dem Hinterkopf und bespritzte die Wand hinter dem Zombie mit verwester Gehirnmasse. Der Leichnam blieb noch einen Augenblick lang stehen, und als er schließlich zu Boden ging, war Billy schon an ihm vorbei.

Durch die Tür, die in einen kurzen Gang führte. Links oder rechts? Da er keine Karte vom Erdgeschoss besaß, wusste er es nicht, aber die Lage der Treppe auf der Karte des Kellers ließ vermuten, dass er nach links musste. Er hatte keine Zeit, länger darüber nachzudenken, eilte weiter, die Waffe vorgestreckt, ein paar Stufen hinunter und um einen riesigen, zischenden Boiler herum. Dampf erfüllte den Wartungsraum, aber Billy fand seinen Weg, entdeckte eine weitere Treppe, aus Metall und verrostet.

An ihrem Fuß war eine Tür. Er rannte hindurch, erinnerte sich, auf der Karte gesehen zu haben, dass er hier einen großen Raum mit einer Art Brunnen in der Mitte betreten würde – etwas Großes, Rundes jedenfalls. Westlich davon lagen zwei kleinere Räume, die von einem weiteren kurzen Gang abzweigten, und in einem davon musste Rebecca sein.

Vielleicht in dem ganz am Ende …

Der große Raum war kalt und feucht. Wände und Boden bestanden aus Stein. Billy rannte hindurch, blickte dabei auf ein großes Monument zu seiner Linken, das er auf der Karte für einen Brunnen gehalten hatte. Es war eine Art Statue. Blinde Augen starrten ihn aus den Gesichtern der aus Stein gemeißelten Tiere an, sahen ihn vorbeisprinten …

… und aus dem Gang vor ihm drang ein Schrei, aus einem toten Winkel. Aber er kannte diesen Laut bereits. Da vorne war ein weiterer Affe.

Scheiße! Er musste ihn ausschalten, konnte nicht riskieren, dem Tier den Rücken zuzukehren …

„Billy – bitte –“

Die Stimme, die ihn über Funk erreichte, war verzweifelt, und Billy legte noch an Tempo zu. Er ignorierte den Teil von sich, der ihm befahl, stehen zu bleiben, darauf zu warten, dass sich das Tier zeigte, damit er es aus sicherer Entfernung erlegen konnte. Er hetzte weiter, um die Ecke, und da war der Affe, entsetzlich, abgerissen wirkend, heulend …

… und Billy, der während seiner Schulzeit Leichtathlet gewesen war, sprang. Er setzte über das Tier hinweg und landete nur zwei Schritte von einer Tür entfernt, der Tür, während hinter ihm der Affe vor Wut kreischte.

Wenn die Tür abgeschlossen war, saß er in der Tinte, aber das war sie nicht. Er jagte hindurch, schlug sie hinter sich zu, ließ sich fallen und rutschte auf den Knien zu dem großen Loch im Boden.

Sie war da, war noch da, doch sie hielt sich nur noch mit einer Hand fest, und er sah, dass sie dabei war, abzugleiten. Er ließ seine Pistole fallen, streckte den Arm vor und packte ihr Handgelenk – genau in dem Moment, da ihre weiß gewordenen Fingerspitzen vollends losließen.

„Hab dich“, keuchte er. „Ich hab dich!“

Rebecca fing an zu weinen, als er sich über seine Fersen nach hinten lehnte und sie aus dem Loch hievte. Er verspürte eine Befriedigung, von der er in all den Monaten im Gefängnis beinahe vergessen hatte, dass sie existierte – das sichere, schlichte Wissen, dass er das Richtige getan und dass er es gut gemacht hatte.

Billy zog sie aus dem Loch, wobei er seinen Körper als Gegengewicht einsetzte und sie praktisch auf sich drauf und in eine ungelenke Umarmung zerrte. Anstatt sich daraus zu lösen, ließ sie sich einen Augenblick lang festhalten, klammerte sich an ihn, außerstande, ihre Tränen der Dankbarkeit und Erleichterung zu stoppen.

Er schien zu verstehen, was sie brauchte, und drückte sie fest an sich. Sie war so sicher gewesen, dass sie in die Tiefe stürzen und sterben würde, verloren und vergessen in einem stinkenden Keller, ihr Leichnam von verseuchten Tieren zerpflückt …

Dann rollte sie von ihm herunter und wischte sich mit zitternder Hand übers Gesicht. Sie saßen beide auf dem Boden. Billy ließ den Blick über die Felswände eines weiteren Kellerraumes wandern, dessen Zweck nicht ersichtlich war. Rebecca sah Billy an. Als das Schweigen sich zu lange hinzog, streckte sie die Hand aus und legte sie auf seinen Arm.

„Danke“, sagte sie. „Du hast mir das Leben gerettet. Schon wieder.“ Wie selbstverständlich ging ihr jetzt das Du über die Lippen.

Er sah sie an, dann wandte er den Blick ab. „Na ja. Wir haben ja diesen Pakt, schon vergessen?“

„Ja, ich weiß“, sagte sie. „Und ich weiß auch, dass du kein Killer bist, Billy. Warum warst du unterwegs nach Ragithon? Hast du – warst du wirklich in diese Morde verwickelt?“

Ruhig hielt er ihrem Blick stand. „Könnte man so sagen“, erwiderte er. „Ich war jedenfalls dort.“

Ich war dort … Das war nicht dasselbe, wie: Ich habe getötet. „Ich glaube nicht, dass du heute Abend deine Eskorte umgebracht hast. Ich glaube, es war eine dieser Kreaturen, und du bist davongerannt“, sagte sie. „Und ich weiß, ich kenne dich noch nicht sehr lange, aber ich glaube auch nicht, dass du dreiundzwanzig Menschen ermordet hast.“

„Das ist egal“, sagte Billy, auf seine Stiefel starrend. „Die Leute glauben, was sie glauben wollen.“

„Mir ist es nicht egal“, sagte Rebecca mit sanfter Stimme. „Ich will kein Urteil über dich fällen. Ich möchte nur wissen, was passiert ist.“

Er starrte immer noch auf seine Stiefel, aber sein Blick ging jetzt in die Ferne, als sähe er eine andere Zeit, einen anderen Ort. „Voriges Jahr wurde meine Einheit nach Afrika geschickt, um in einen Bürgerkrieg einzugreifen“, sagte er. „Streng geheim, keine Einmischung der USA, du verstehst schon. Wir sollten einen Guerilla-Unterschlupf stürmen. Es war Sommer, die heißeste Zeit des Sommers, und wir wurden weit außerhalb der Angriffszone abgesetzt, mitten in einem dichten Dschungel. Wir mussten ein ganzes Stück marschieren …“

Er verstummte für einen Moment, griff nach seinen Hundemarken und umklammerte sie. Als er weitersprach, war seine Stimme noch leiser. „Die Hitze erledigte die Hälfte von uns. Der Feind den größten Teil des Rests. Sie schossen uns einen nach dem anderen ab. Als wir dort ankamen, wo der Unterschlupf sein sollte, waren wir nur noch zu viert. Wir waren erschöpft, halb wahnsinnig, krank von der Hitze und krank … im Herzen, nehme ich an, weil wir zusehen mussten, wie unsere Kameraden starben. Als wir die Koordinaten des Verstecks erreichten, waren wir bereit, alle umzulegen. Wir wollten jemanden dafür bezahlen lassen, weißt du? Aber da war kein Versteck. Der Tipp war falsch gewesen. Es stellte sich heraus, dass es sich um ein kleines Dorf handelte, nur ein paar Farmer. Familien. Alte Männer und Frauen. Kinder.“

Rebecca nickte, ermunterte ihn, weiterzuerzählen, aber ihr Magen begann sich zu verknoten. Es war etwas Unvermeidliches an dieser Geschichte. Sie konnte sehen, wo sie hinführte, und es war furchtbar.

„Unser Teamführer befahl uns, sie zusammenzutreiben, und das taten wir“, sagte Billy. „Und dann befahl er uns –“

Seine Stimme brach. Er streckte die Hand aus, hob seine Pistole auf, die er fallen gelassen hatte, und schob sie mit einer fast wütenden Bewegung hinter seinen Gürtel, während er aufstand und sich abwandte. Rebecca erhob sich ebenfalls.

„Hast du …?“, fragte sie. „Hast du sie getötet?“

Billy drehte sich wieder zu ihr um, die Lippen geschürzt. „Was ist, wenn ich dir sage, dass ich es getan habe? Würdest du mich dann verurteilen?“

„Hast du?“, fragte sie noch einmal, musterte sein Gesicht, seine Augen. Sie war wild entschlossen, wenigstens zu versuchen es zu verstehen. Und es war, als könne er es in ihr sehen, als könne er sehen, dass sie sich bemühte, offen zu sein für die Wahrheit. Er starrte sie einen Moment lang an, dann schüttelte er den Kopf.

„Ich versuchte, es zu verhindern“, sagte er. „Ich versuchte es, aber sie schlugen mich nieder. Ich war kaum bei Bewusstsein, aber ich sah es, ich sah alles … und ich konnte nichts tun.“ Er wandte den Blick ab, bevor er weitersprach. „Als es vorbei war und wir abgeholt wurden, stand ihr Wort gegen meines. Es gab eine Verhandlung, Verurteilung und – na ja, dann ist das passiert.“

Er breitete die Arme aus, eine Geste, die ihre ganze Umgebung einschloss. „Wenn wir also hier rauskommen, bin ich ohnehin tot. Entweder das, oder ich laufe davon und höre nie auf, davonzulaufen.“

Es klang alles wahr. Wenn er log, verdiente er einen Oscar … Aber sie glaubte nicht, dass er log. Sie wollte etwas sagen, etwas Beruhigendes, das die Sache irgendwie besser machen würde, aber ihr fiel nichts ein. Er hatte recht, was seine Möglichkeiten anging.

„Hey“, sagte er, den Blick auf etwas hinter ihr gerichtet. „Schau dir das an.“

Sie drehte sich um, als er an ihr vorbeitrat, und sah einen Stapel Altmetall an der gegenüberliegenden Wand lehnen – und halb darunter versteckt etwas, das wie eine Schrotflinte aussah.

„Ist das, was ich glaube, dass es ist?“, fragte sie.

Billy hob die Waffe auf, lud sie grinsend durch und prüfte die Mechanik. „Ja, Ma’am, das ist es.“

„Ist sie geladen?“

„Nein, aber ich habe noch ein paar Patronen. Das ist ein Kaliber zwölf.“ Er lächelte abermals. „Es geht bergauf. Wir werden es zwar vielleicht nicht schaffen, aber da draußen auf dem Gang ist ein Affe, der nach einer Kostprobe aus diesem Baby geradezu bettelt.“

„Ich glaube, genau genommen ist es ein Pavian“, sagte sie, selbst überrascht, dass sie zurücklächelte. Dann kicherten sie beide über die vollkommene Sinnlosigkeit ihrer Belehrung. Sie saßen in einer abgeschiedenen Villa fest, wurden von weiß Gott wie vielen Monstern gejagt, aber wenigstens wusste sie, dass die Kreatur auf dem Gang da draußen wahrscheinlich ein Pavian war. Ihr Kichern wurde zu Gelächter.

Sie sah Billy zu, wie er lachte, ohne vorgetäuschte Arroganz und gespieltes Machogehabe, und hatte das Gefühl, dass sie ihn nun zum allerersten Mal wirklich sah, den wahren Billy Coen. In diesem Moment wurde ihr bewusst, dass sie ihren ersten Auftrag gründlich in den Sand gesetzt hatte. Sie war ebenso seine Gefangene wie er der ihre. Wenn sie wirklich überlebten und er davonlief, würde sie sich nicht dazu zwingen können, ihn aufzuhalten.

So viel also zu meiner Karriere als Gesetzeshüterin.

Der Gedanke ließ sie noch lauter losprusten.

NEUN

Der Pavian rannte auf sie zu, kaum dass sie in den Gang hinausgetreten waren – und er starb auf spektakuläre Weise. Die doppelläufige Schrotflinte zerfetzte ihn mit ohrenbetäubendem Dröhnen. Billy lud die Waffe mit seiner letzten Patrone. Er hatte geglaubt, noch mehr zu haben, aber scheinbar hatte er sie unterwegs irgendwo verloren. Auf jeden Fall wurden sie nicht weiter angegriffen, und sie gingen in den Hauptraum. Billy fühlte sich erheblich leichter als seit langem. Abgesehen von dem dringend nötigen Lachen, das eine Pause in dem gnadenlosen Chaos bedeutet hatte, durch das sie beide gingen, hatte er seine Geschichte zum ersten Mal jemandem erzählt, der tatsächlich zuhörte. Der bereit war, in Erwägung zu ziehen, dass er vielleicht die Wahrheit sagte.

Sie blieben vor dem riesigen Kreis aus Steinstatuen in der Mitte des großen Raumes stehen und betrachteten ihn. Sechs aus Stein gemeißelte Tiere waren gleichmäßig auf der Kreislinie verteilt, die Gesichter nach außen gewandt. Vor jeder Statue befand sich eine kleine Plakette, daneben stand jeweils ein Öllämpchen. Die Tiere waren von Meisterhand gefertigt. Aber das gesamte Werk war nichtsdestotrotz eine Monstrosität, eine echte Beleidigung des Auges.

Das Tier vor Billy war ein Adler im Flug, der mit den Krallen eine Schlange umklammert hielt. Laut las er die Aufschrift der Plakette vor: „ICH TANZE FREI DURCH DIE LUFT, SCHLAGE EINE BEINLOSE BEUTE.“ Er runzelte die Stirn, trat vor das nächste Tier, einen Hirsch, und las dessen Plakette. „HOCH GEWACHSEN STEH ICH AUF DER ERDE, MIT STOLZ ZUR SCHAU GETRAGENEM GEWEIH.“

Rebecca war um das unselige Kunstwerk herumgegangen und blieb vor einem stählernen Gittertor stehen, das in die Wand dahinter eingelassen war. Das Tor verwehrte den Zutritt in einen kurzen Gang mit zwei Türen. „Hier ist ein Schild auf dem steht …“ Sie drehte sich und musterte die Tiere. „… nun, im Grunde, dass man vom Schwächsten zum Stärksten gehen und die Lampen benutzen soll. Es ist eine Art Rätsel.“ Sie packte einen der Metallstäbe des Tores und rüttelte daran. „Damit muss sich das Tor öffnen lassen.“

„Man muss also die Lampen in einer bestimmten Reihenfolge anzünden und dabei mit dem schwächsten Tier anfangen“, sagte Billy. Blöd. Warum sollte sich jemand all diese Mühe machen … Er zog die Karte aus seiner Tasche und betrachtete sie. „Sieht aus, als ob sich dahinter nur ein paar weitere Räume befinden. Ich sehe keinen Ausgang.“

Rebecca hob die Schultern. „Ja, aber vielleicht finden wir dort etwas, das uns weiterhilft. Kann es schaden?“

„Ich weiß nicht“, sagte er wahrheitsgemäß. „Vielleicht.“

Sie lächelte, wandte sich dem nächsten Steintier zu, einem Tiger, und las die Aufschrift des Schildes darunter. „ICH BIN DER KÖNIG ALL DESSEN, WAS ICH ERBLICKE. KEIN WESEN KANN MEINEM GRIFF ENTFLIEHEN.“

Billy ging nach links, zur Statue einer Schlange, die sich um einen Baumstamm wand. „Hier steht: ICH SCHLEICHE MICH IN BEINLOSER STILLE AN MEINE OPFER HERAN UND BEZWINGE SELBST DEN MÄCHTIGSTEN ALLER KÖNIGE MIT MEINEM GIFT.“

Rebecca las die Aufschriften der letzten beiden Plaketten vor. Unter der Statue eines Wolfes stand: MEIN SCHARFER VERSTAND ERLAUBT MIR, SELBST DAS GRÖSSTE GEHÖRNTE TIER ZU FALL ZU BRINGEN.

Das sechste Tier war ein Pferd, das sich auf seinen Hinterbeinen aufbäumte. Die Worte darunter lauteten: KEINE SCHLÄUE KANN MIT DER GESCHWINDIGKEIT MEINER GESCHMEIDIGEN GLIEDER MITHALTEN.

Gehörntes Tier. Billy ging zurück zu dem Reh und las den entsprechenden Teil laut vor: „… mit stolz zur Schau getragenem Geweih.“

Nach einer Weile kommentierte er: „Der Wolf ist also stärker als der Hirsch.“

„Und wenn Schläue nicht mit einem Pferd mithalten kann, dann ist das Pferd stärker als der Wolf“, sagte Rebecca. „Was ist stärker als die Schlange?“

„Muss der Adler sein, er hält eine Schlange in den Krallen“, meinte Billy.

Beide umkreisten sie die Statue, trafen Feststellungen, versuchten das Rätsel zu lösen. Schließlich einigten sie sich auf eine Sequenz, und Billy ging von Tier zu Tier und zündete die dazugehörigen Öllampen in passender Reihenfolge an – vom Schwächsten zum Stärksten lautete sie, jedenfalls dieser Statue zufolge: Hirsch, Wolf, Pferd, Tiger, Schlange und Adler.

Als er die Lampe des Adlers anzündete, drang aus dem Inneren der Statue ein schweres, mechanisches Geräusch – und das stählerne Gitter hinter ihnen glitt in die Höhe und verschwand in einem Spalt über dem Durchgang.

Seite an Seite gingen sie den Gang entlang. Der erste Raum, rechts von ihnen, schien auf einen flüchtigen Blick hin nichts von Wert zu enthalten. Darin befanden sich ein paar leere Packkisten und einige Regale mit allerlei Krimskrams. Billy wollte schon weitergehen, als Rebecca doch noch hinein und auf die Kisten zuging. Eine davon war der Tür abgewandt, sodass sie nicht sehen konnten, was darin war – und als Rebecca diese Kiste umrundete, stieß sie ein aufgeregtes Lachen aus. Sie ging neben der Kiste in die Hocke und drehte sie um, damit auch Billy es sehen konnte. Er eilte zu ihr und kam sich dabei vor wie ein Kind an Weihnachten. Das verdammte Rätsel war wohl doch die Mühe wert, so wie’s aussieht.

Zweieinhalb Schachteln mit Neunmillimeter-Patronen. Eine halbe Packung mit .22ern, die ihnen nicht viel nützten. Ebenso wenig wie die beiden Speedloaders … Billy musste Rebecca erklären, dass die beiden runden Metallgeräte dazu gedacht waren, einen Revolver schnell wieder aufzumunitionieren – mit .50er-Patronen.

Aber die Schachtel mit den Schrotflintenpatronen, vierzehn an der Zahl, würde sicherlich helfen. Billy hätte gerne auch eine Bazooka gefunden, aber das wäre wohl unbescheiden gewesen. Im Grunde hätten sie sich gar nicht mehr wünschen können als das hier.

Sie brachten ein paar Minuten damit zu, ihre Clips zu laden. Rebecca hatte auf einem der Regale einen Taschengürtel mit kaputtem Reißverschluss gefunden. Sie packten ihn voll, ebenso wie ihren Ausrüstungsgürtel. Sie waren sich einig, dass es besser war, alles mitzunehmen, weil sie ja vielleicht weitere Waffen finden könnten. Billy schloss den Reißverschluss mit einer Sicherheitsnadel, die er auf dem Boden fand, und schnallte sich den Gürtel um. Das Gewicht all der Munition vermittelte ihm ein beruhigendes Gefühl.

„Ich könnte dich küssen“, sagte er, hob die Schrotflinte auf – und auf ihr Schweigen hin drehte er sich um und sah, dass sie ein bisschen rot geworden war. Sie wandte den Blick ab und rückte sich ihren Gürtel zurecht.

„Ich hab das nicht wörtlich gemeint“, sagte er. „Ich meine, das heißt nicht, dass du nicht attraktiv bist, aber du – ich – ich meine –“

„Krieg dich ein“, sagte sie gelassen. „Ich weiß, was du gemeint hast.“

Billy nickte erleichtert. Sie hatten auch ohne diese Männlein-Weiblein-Sache schon genug am Hals. Aber sie ist ziemlich süß …

Er schob den Gedanken beiseite, rief sich in Erinnerung, dass er gerade erst ein Jahr ohne Frau zugebracht hatte – und jetzt war absolut nicht der richtige Zeitpunkt, um sich damit zu befassen.

Sie gingen zur zweiten Tür und fanden sie unverschlossen. Es war ein Schlafraum, heruntergekommen und schmutzig, die Stockbetten aus Sperrholz zusammengenagelt, die herumliegenden Decken abgenutzt und schmuddelig. In Anbetracht der armseligen Einrichtung und des verschlossenen Gittertors am Ende des Gangs ging Billy davon aus, dass die Bewohner nicht freiwillig hier gewesen waren. Rebecca hatte ihm gesagt, was in dem Tagebuch über Tests an menschlichen Versuchsobjekten stand …

Diese ganze Einrichtung erzeugte ihm eine Gänsehaut. Je schneller sie hier herauskamen, desto besser.

„Gehen wir nach unten oder nach oben?“, fragte Rebecca, als sie in den Gang zurückkehrten.

„Oben ist ein Observatorium, oder?“, fragte Billy. Rebecca nickte. „Dann lass uns doch observieren gehen. Vielleicht können wir ein Hilfesignal absetzen oder so.“

Ihm wurde bewusst, dass er gerade vorgeschlagen hatte, sich retten lassen zu wollen. Aber er nahm es nicht zurück, obschon ihm klar war, was das sehr wahrscheinlich für ihn bedeuten würde. Er wusste, dass er lieber im Kampf sterben würde, als hingerichtet zu werden … Aber er musste an Rebecca denken. Sie war ein guter Mensch, ehrlich und herzlich, und er würde alles daran setzen, dass sie lebend hier herauskam. Sie marschierten weiter, und Billy fragte sich, was aus seiner kriminellen Natur geworden war – befand aber rasch, dass er ohne sie besser dran war. Zum ersten Mal seit jenem furchtbaren Tag im Dschungeldorf fühlte er sich wieder wie er selbst.

Er beobachtete sie, wie sie sich mit Munition versorgten, und war gleichermaßen beeindruckt wie auch enttäuscht von ihrer Tapferkeit. Nach einem weiteren Blick auf die Karten machten sie sich auf den Weg nach oben, wahrscheinlich zum Observatorium. Die Kinder vermochten zwar ihre Stimmen zu vernehmen, nicht aber ihre Worte zu verstehen.

Er hatte die Kinder die Tafeln aussuchen lassen, die gebraucht werden würden, und sie die Tafeln zu den Türen bringen lassen, die zum Observatorium führten. Wenn Billy und Rebecca keine völligen Idioten waren – und sie hatten bereits bewiesen, dass sie das nicht waren –, würden sie herausfinden, wie man die Rotation der Konstruktion auslöste, was sie ihrer Flucht ein Stück näher bringen würde. Von dort aus würden sie zu dem Labor gelangen, das hinter der Kapelle versteckt war …

Er fragte sich, was sie dort wohl finden mochten, in Marcus’ Labors; vielleicht noch mehr, was sich zu stehlen lohnte. Er wollte, dass sie über Umbrellas wahre Natur so viel aufdeckten, wie sie nur konnten. Aber es gefiel ihm keineswegs zu sehen, wie sie in den traurigen Überresten von Marcus’ brillanter Karriere herumstocherten.

Er betrachtete die Labore in Gedanken immer noch als Marcus’ Labore, obwohl Marcus seit zehn Jahren tot war. Der gesamte Komplex war nach dem „Verschwinden“ des Managers stillgelegt worden. Vor kurzem jedoch hatte Umbrella alles wieder in Betrieb genommen – die Labore, die Aufbereitungsanlage, das Trainingszentrum. Nichts war voll betriebsfähig gewesen, als das Virus ausbrach – alles war von Wartungspersonal betrieben worden. Überwacht hatte das Ganze eine Handvoll hoffnungsvoller junger Mitarbeiter aus dem mittleren Management … Dennoch hatte die Firma loyale Angestellte verloren.

Billy und Rebecca durchquerten die östlichen Räume, kehrten zurück ins Foyer und gingen in den ersten Stock. Sie fanden die Tür, durch die sie problemlos zur zweiten Etage gelangen würden und traten mit gezogenen Waffen auf die Treppe. Ihre jungen Gesichter wirkten entschlossen und furchtlos. Er beobachtete gefühlsmäßig hin- und hergerissen, wie sie die Stufen erklommen. Er wollte, dass sie Erfolg hatten, aber zugleich wollte er sie sterben sehen. Gab es eine Möglichkeit, beides zu bekommen? Die Eliminator-Serie hatten sie mit Leichtigkeit geschafft, aber die Primaten waren auch von Hunger geschwächt gewesen. Wie würden sie sich gegen die Jäger behaupten? Oder gegen den Proto-Tyranten?

Was war, wenn sie hierher kamen, wo er und die Kinder warteten und alles beobachteten? Was würden sie tun?

Die Miene des jungen Mannes verfinsterte sich, der Gedanke stimmte ihn nicht gerade froh. Empfänglich für seine Stimmungen glitt eine Anzahl der Vielen an seinen Beinen hoch, bedeckte seine Brust, sammelte sich zu einer Art Umarmung. Er streichelte sie, versicherte ihnen durch die Berührung, dass alles gut war. Wenn die beiden Abenteurer es tatsächlich bis zum Nest schafften – was nach wie vor sehr unwahrscheinlich war –, würde er sie natürlich passieren lassen, auf dass sie die Geschichte über die Sünden Umbrellas verkünden konnten.

„Oder vielleicht bringe ich sie um“, sagte er achselzuckend. Er würde sich entscheiden, wenn – falls – es so weit kam. Zu sagen, dass ihm ihr Schicksal gleichgültig war, wäre unwahr gewesen. Während er darauf wartete, dass der Untergang Umbrellas seinen Lauf nahm, war es ihm zum Vergnügen geworden, Billy und Rebecca zu beobachten, und es interessierte ihn sehr, was ihnen widerfahren würde. Aber er würde sie töten, bevor er zuließ, dass sie den Kindern noch einmal wehtaten.

Sie hatten das obere Ende der Treppe erreicht, spähten nun vorsichtig um das Geländer herum und hielten nach Bewegung Ausschau. Plötzlich erinnerte sich der junge Mann des Centurions, der sich in den Wänden des Brutpools verbarg, und er fragte sich, ob er wohl hervorkommen würde, um nachzusehen, wer in sein Territorium eingedrungen war. Für Billy und Rebecca wäre es besser, er täte das nicht. Wenn die Eliminatoren in diesem Spiel nur Bauern waren, dann war der Centurion einer der Springer.

Der junge Mann beugte sich erwartungsvoll vor, um zu schauen, was passierte.

Der Weg hinauf in die zweite Etage war ereignislos gewesen, auch wenn sie sich beeilen mussten, den Speisesaal zu durchqueren. Die beiden Zombies, die um die Tische herumstreiften, waren zu langsam gewesen, um eine Kugel an sie zu verschwenden. Aber Rebecca wäre dennoch nicht ganz wohl dabei gewesen, gemütlich an diesen sterbenden Wesen vorbeizuspazieren. Und da Billy drei Schritte vor ihr ging, empfand er offensichtlich ebenso.

Nun, da sie am oberen Ende der Treppe stand, entspannte sich Rebecca ein klein wenig. Der zweite Stock – zumindest dieser Teil davon – war ein einziger großer Raum, ohne versteckte Ecken, um die man sich sorgen musste. Die Türen zum Observatorium befanden sich rechts von ihnen. Direkt gegenüber lag der Brutpool, eine in die Wand zurückgesetzte, leere Grube, die sich fast über die ganze Länge des Raumes erstreckte. Und links lag eine Tür, die der Karte zufolge auf eine Terrasse hinausführte.

„Was glaubst du, wurde hier ausgebrütet … oder gezüchtet?“, fragte Billy mit gesenkter Stimme. Trotzdem hallten seine Worte in dem weitläufigen Raum schwach wider.

„Ich weiß nicht. Egel vielleicht“, meinte sie. Sie dachte an diese einsame Gestalt, die sie vom Zug aus gesehen hatten und die zu den Egeln gesungen hatte, und hatte Mühe, ein Frösteln zu unterdrücken. „Also, Observatorium oder Terrasse?“

Billy sah sich um, dann zuckte er die Achseln. „Scheint sicher zu sein. Wir könnten jeder eine Tür nehmen – aber nur aufmachen und reinsehen, nicht trennen, okay?“

Rebecca nickte. Sie fühlte sich jetzt, da ihr mehr Munition zur Verfügung stand, zwar um einiges sicherer, aber dieser Sturz durch den Boden hatte ihr Vorsicht eingebläut. Sie war nicht mehr annähernd so wild darauf, auf eigene Faust loszuziehen. „Ich nehm die Terrasse.“

Sie gingen los. Ihre Schritte echoten durch den riesigen Raum. Die Tür zum Observatorium lag näher, und so waren kurz darauf nur noch Rebeccas Schritte zu hören, als sie weiter auf die Südwand zuging.

„Hey“, rief Billy, als sie die Tür erreichte. Er hielt etwas hoch, das wie ein Buch aussah, und in der anderen Hand hatte er zwei weitere. Rebecca spähte aus zusammengekniffenen Augen zu ihm hinüber. Sie erkannte, dass sie aus Stein bestanden und jeweils an einem Ende abgerundet waren. „Die lagen vor der Tür.“

„Was ist das?“, fragte sie. Obwohl sie leise gesprochen hatte, pflanzte sich ihre Stimme mit Leichtigkeit durch die reglose, kühle Luft fort.

„Sind vielleicht zur Dekoration gedacht“, antwortete er. „Auf der Vorderseite ist jeweils ein Wort eingraviert.“ Er sah auf die Tafeln hinab. „Ah … wir haben hier ‚Einigkeit‘, ‚Disziplin‘ und ‚Gehorsam‘ …“

Diese Aufzeichnung, die sie gehört hatten … Dr. Marcus’ Rezitation des Firmenmottos – das hier waren die gleichen drei Worte. „Nimm sie mit“, sagte Rebecca. „Sie könnten Teil eines Rätsels sein, wie das mit den Tieren.“

„Genau das dachte ich auch“, sagte Billy, und mit leiserer Stimme: „Verdammtes Irrenhaus.“

Rebecca wandte sich wieder der Tür zu und hob ihre Pistole, während sie die Klinke niederdrückte – aber die Tür war zugeschlossen. Sie seufzte, ihre Schultern sackten herab, und erst jetzt wurde ihr bewusst, wie sehr sie mit einem Angriff gerechnet hatte.

„Zu!“, rief sie.

Billy hatte die Tür zum Observatorium geöffnet und schaute noch hinein. Er drehte sich um, die Tür weiter offen haltend. „Sieht vielversprechend aus. Ich weiß zwar nicht, wozu das Zeug dient, aber da drin ist massenhaft Equipment. Vielleicht ist auch ein Funkgerät dabei.“

Ein Funkgerät. Rebecca spürte, wie ihre Hoffnung wuchs. „Ich –“

Das Wort komme wurde ihr von einem Geräusch tierhafter Bewegung in der Kehle erstickt – ein schweres Rasseln, das durch den Raum vibrierte. Sie und Billy starrten einander an. Die Entfernung zwischen ihnen schien mit einem Mal viel größer zu sein, als sie es bislang empfunden hatte.

Die Laute kehrten zurück. Es war das Geräusch von etwas Hartem, das in rascher Folge gegen Stein schlug, als trommle jemand mit stählernen Fingern auf eine Tischplatte. Und es war laut. Was es auch sein mochte, es war groß – und dem anschwellenden Lärm nach zu schließen kam es näher. Es war schwer zu sagen, wo seine Quelle lag – die Echos täuschten das Gehör …

„Der Brutpool“, rief Billy und winkte sie zu sich. „Komm schon!“

Rebecca rannte los, ihr Herz hämmerte. Sie fürchtete sich davor, zu dem Brutpool hinzusehen, und ebenso davor, nicht hinzusehen. Sie spürte eine Bewegung dort, etwas Dunkles und Flüssiges, und rannte schneller. Und endlich riskierte sie im Vorbeihasten einen Blick.

Der Anblick vertrieb jeden bewussten Gedanken. Es war ein Hundert- oder Tausendfüßler, so riesig, dass selbst diese schäferhundgroßen Spinnen vor Neid erblasst wären. Gelbe Augen schienen zu beiden Seiten eines glänzenden schwarzen Schädels herauszuleuchten, rötliche Antennen zuckten und zitterten auf dem Kopf. Sein langer, sehniger Leib lag tief über dem Boden, war geschuppt und segmentiert und wurde von Dutzenden dürren roten Beinen getragen. Er war gut und gerne vier Meter lang, vielleicht sogar länger, und sein Umfang kam dem eines Fasses gleich – und er bewegte sich auf sie zu. Und zwar schnell. Seine Beine huschten wie schwerelos hin und her und bewegten das Ding über das Becken hinweg.

„Lauf!“, schrie Billy, und Rebecca lief um ihr Leben, atmete jetzt den Gestank der Kreatur ein – ein furchtbarer saurer Geruch, der sie hätte würgen lassen, wenn sie Zeit gehabt hätte, sich mit so etwas abzugeben. Billy hielt die Tür ins Observatorium mit einem Fuß auf, die Flinte an Rebecca vorbeigerichtet, und sie konnte jetzt regelrecht spüren, wie nah das Untier ihr war. Sie hatte das Gefühl, es käme wie ein Schatten über sie.

Kaum hatte sie Billy erreicht, da schoss er auch schon. Danach lud er die Waffe mit einer Pumpbewegung wieder durch und drückte abermals ab, während sie an ihm vorbeistürmte und sich durch die Türöffnung warf. In derselben Sekunde, da sie über die Schwelle war, sprang auch Billy zurück, schlug die Tür zu – und einen Sekundenbruchteil später hörten sie, wie der Leib draußen an der Tür vorüberstrich, hörten das Geräusch, mit dem sich sein gepanzerter Körper gegen das schwere Holz drückte. Sie warteten, ihre beider Blicke waren starr auf die Tür gerichtet – aber ein paar Sekunden später verklang das Geräusch und wurde zum Klappern zahlreicher Füße, die sich entfernten.

„Herr im Himmel“, seufzte Billy. Rebecca nickte. Er streckte die Hand nach unten und half ihr beim Aufstehen. Beide atmeten schwer.

„Wie wär’s, wenn wir nicht auf diesem Weg zurückgingen?“, fragte Rebecca.

„Klingt wie ein Plan“, pflichtete Billy bei.

Sie schwiegen einen Moment lang und schauten sich in ihrer Zuflucht um. Es war ein großer, runder Raum, der sich über zwei Ebenen erstreckte. Sie standen auf einer Art Laufsteg, der den Raum zur Hälfte umlief. Am nördlichen Ende befand sich eine weitere Doppeltür. Unweit der Türen führte eine kurze Leiter vom Laufsteg hinunter zu einer Plattform aus Metallgitterwerk. Sie wurde von Gerätschaften gesäumt. Unter der Plattform war es finster.

Gemeinsam gingen sie den Laufsteg entlang und blieben vor der zweiten Doppeltür stehen, die sich als abgeschlossen entpuppte. Sie wechselten einen düsteren Blick, sagten aber nichts, dann näherten sie sich der Leiter. Rebecca stieg zuerst hinunter und blieb vor der großen Apparatur stehen, die inmitten des Raumes stand und ihn beherrschte – vermutlich ein Teleskop. Es gab einen Teleskoparm, aber er befand sich weit über ihr und außerhalb ihrer Reichweite. Hinter ihr besah sich Billy die übrigen Geräte, Computerbänke und anderes, dessen Zweck sie nicht kannte. Sie wandte sich wieder dem Teleskop zu, blickte hinab auf die Konsole – und spürte, wie ihr der Atem stockte. Die Konsole zeigte drei leere Vertiefungen, jede geformt wie ein kleiner Grabstein, flach an einem Ende, abgerundet am anderen.

„Ich sehe kein Funkgerät hier, aber –“, setzte Billy gerade an, als sie ihn unterbrach.

„Sag mir, dass du diese Tafeln noch hast!“, stieß sie hervor.

Billy drehte sich um und schaute auf die Konsole, während er seine Gürteltasche öffnete. Er zog die Tafeln heraus, jede etwa so groß wie ein Taschenbuch, nur dünner, und Rebecca nahm sie entgegen. Während sie die Steine platzierte, rief sie sich Umbrellas Unbehagen weckendes Motto in Erinnerung. „Gehorsam erzeugt Disziplin. Disziplin erzeugt Einigkeit. Einigkeit erzeugt Macht …“

„Und Macht ist Leben“, schloss Billy das Motto ab.

Sobald die dritte Tafel an Ort und Stelle saß, erfüllte ein gewaltiges Geräusch den hohen Raum, das Geräusch riesiger, arbeitender Maschinen – und sie konnten spüren, wie sich der Raum um sie herum absenkte, wie ein Fahrstuhl. Nicht nur die Plattform, nein, der ganze Raum, mit Wänden und allem. Unter ihren Füßen stieg die Finsternis empor und wurde zu einem Wasserbecken, das die sich bewegende Plattform erzittern ließ, woraufhin sich der Inhalt schaumig kräuselte. Rebecca blieb eine Sekunde, um sich zu fragen, ob die Plattform anhalten würde. Sie verspürte Panik, dass man sie ertränken würde … Und dann erstarb das Geräusch der Maschinerie, Stille breitete sich wieder über den Raum. Im letzten, verklingenden Dröhnen der Maschinen hörten sie ein deutliches Klick!, das von der nördlichen Doppeltür über ihnen kam.

Sie schauten einander an, und Rebecca fand ihre Überraschung in seinem schmalen Gesicht widergespiegelt.

„Damit wissen wir wohl, wo wir als Nächstes hingehen“, sagte Billy und versuchte ein Lächeln, das allerdings nicht sehr überzeugend ausfiel. Rebecca versuchte es gar nicht erst. Sie wurden geführt – es fragte sich nur, ob in die Freiheit … oder wie Lämmer zur Schlachtbank.

Es gibt nur eine Möglichkeit, das herauszufinden.

Ohne ein Wort zu verlieren, drehten sie sich um und gingen zu der Leiter.

ZEHN

Durch die nördliche Doppeltür traten sie hinaus in kühle Nachtluft. Billy empfand eine große Erleichterung und atmete tief durch. Es war ihm nicht bewusst gewesen, wie groß seine Angst war, dass sie die Umbrella-Einrichtung nie mehr verlassen würden.

Leider erkannte er aber sehr schnell, dass ihnen keineswegs die Flucht gelungen war – die Tür aus dem Observatorium heraus öffnete sich auf einen langen, schmalen Weg, der direkt zu einem weiteren Gebäude führte, das etwa fünfzig Meter entfernt stand. Der Weg wurde beiderseits von Wasser gesäumt, einer Art Reservoir oder See, der an die Ostseite der Einrichtung grenzte.

Sie entfernten sich vom Observatorium, dann schauten sie zurück in die Richtung, aus der sie gekommen waren, und brachten ein paar Minuten mit dem Versuch zu, herauszufinden, wo sie sich nun in Relation zu der Eingangshalle und den Räumlichkeiten, die sie gesehen hatten, befanden. Es war vergebene Mühe. Billy hatte noch nie einen besonders ausgeprägten Orientierungssinn besessen – und Rebecca offenbar auch nicht. Schließlich gaben sie auf und richteten ihre Aufmerksamkeit auf das hohe, bedrohlich wirkende Gebäude am anderen Ende des Weges.

Sie liefen darauf zu. Billy atmete noch immer tief ein und aus. Die Luft erschien ihm angenehm süß und feucht hier draußen. Es war spät, wahrscheinlich schon früher Morgen, aber der Himmel war nicht zu sehen. Nur eine große graue Haube aus Regenwolken stülpte sich über sie und ihre Umgebung.

„Was glaubst du, wo wir sind?“, fragte er.

„Keine Ahnung“, antwortete Rebecca. „Irgendwo, wo es ein Telefon gibt, hoffe ich.“

„Und eine Küche“, ergänzte Billy. Er war am Verhungern.

„Ja“, stimmte sie in sehnsuchtsvollem Ton zu. „Mit einem großen Vorrat an Pizza und Eiscreme.“

„Salami?“

„Hawaii“, sagte sie. „Und Pistazieneis.“

„Pfui Teufel.“ Billy verzog das Gesicht zur Grimasse, genoss ihre Unterhaltung aber. Sie hatten nicht viel Zeit gehabt, einander kennenzulernen, dennoch hatte er das Gefühl, zwischen ihnen bestehe eine Art Band, jene Verbindung, die er oft im gemeinsamen Kampf zu anderen verspürte. „Dann magst du wahrscheinlich auch orangefarbenes Essen.“

„Orangefarbenes Essen?“

„Ja, du weißt schon. Diese unnatürliche Farbe, die sie in Käsemakkaroni reinmischen und in Getränke mit künstlichem Orangengeschmack – all so was eben …“

Rebecca grinste. „Erwischt. Ich liebe dieses Zeug.“

Billy verdrehte die Augen. „Teenager … Du bist doch ein Teenager, oder?“

„Gerade alt genug, um zu wählen“, sagte sie und klang dabei ein wenig defensiv. Ehe er fragen konnte, wie sie es zum S.T.A.R.S. geschafft hatte, fügte sie hinzu: „Ich bin eines dieser genialen Wunderkinder, mit College-Abschluss und allem. Und wie alt bist du, Opa? Dreißig?“

Jetzt war es Billy, der sich in die Verteidigung gedrängt fühlte. „Sechsundzwanzig.“

Sie lachte. „Wow, echt steinalt! Ich hol dir einen Rollstuhl, ja?“

„Halt die Klappe“, versetzte er grinsend.

„Ich sagte: Ich hol dir einen Rollstuhl!“, rief sie spöttisch, und er brach vollends in Gelächter aus. Und sie lachten immer noch, als sie ein kleines, offenes Wachhaus passierten, das sich rechts des Weges befand, und die Leiche darin sahen.

Den Teil einer Leiche, korrigierte sich Billy in Gedanken, und seine gute Laune verflog im Nu. Sie blieben stehen und konnten den Blick nicht abwenden. Die Beine und ein Arm fehlten, und dadurch sah der mit dem Gesicht nach unten liegende Tote – vielleicht war es auch eine Tote, das ließ sich nicht mehr sagen – aus, als ertränke er in der zähen Lache aus Blut, die ihn umgab.

Keiner von ihnen sagte etwas, als sie die restliche Strecke bis zu dem Gebäude zurücklegten – die drastische Erinnerung an die Tragödie, die hier geschehen war, hatte sie beide ernüchtert. Aber sie brauchten kein schlechtes Gewissen zu haben, es war unmöglich, jede Sekunde daran zu denken. Ein gelegentliches befreiendes Lachen war wichtig, notwendig sogar, damit sie nicht den Verstand verloren in all dem Irrsinn.

Sie erreichten das andere Gebäude, wurden langsamer und studierten den Grundriss. Direkt vor dem Bau zweigten schmale Wege vom Hauptpfad ab, gesäumt von Blumen und Bäumen und wuchernden Hecken. Es gab ein paar funktionierende Außenlichter, aber nur gerade genug, um die Schatten noch dunkler wirken zu lassen. Nicht der einladendste Anblick, aber Billy entdeckte zumindest keine Zombies oder Egel-Gestalten, und das war im Vergleich zu dem Bereich, aus dem sie gerade kamen, doch schon mal eine klare Verbesserung.

Breite Steinstufen führten zu einer Doppeltür hinauf. Billy behielt die dunklen Wege im Auge, während Rebecca die kurze Treppe hochging und an der Tür rüttelte.

„Abgeschlossen“, sagte sie.

„Verdammt“, fluchte Billy und folgte ihr. Er versuchte es selbst und stellte fest, dass das Holz zwar stabil schien, das Schloss hingegen nicht. „Geh zurück.“

Er drehte sich zur Seite und versetzte dem Schloss einen kräftigen Tritt … und dann noch einen. Beim dritten hörte er Holz splittern, und beim fünften krachte die Tür auf und das billige Metallschloss barst in Stücke.

Sie traten durch die Tür und blickten ins Innere. Nach allem, was sie durchgemacht hatten, glaubte Billy, vor Überraschungen gefeit zu sein. Doch da irrte er sich. Es war eine Kirche, prunkvoller ausgeschmückt als jede, die er bis dato gesehen hatte, angefangen bei den farbigen Glasfenstern, die hinter dem Altar in die Wand eingelassen waren, bis hin zu den auf Hochglanz polierten hölzernen Bankreihen. Und die Kirche war verwüstet – mindestens die Hälfte der Bänke war umgeworfen, und sie konnten nur deshalb etwas sehen, weil nicht weit von ihnen entfernt ein riesiges Loch in der Decke klaffte.

„Sieh dir den Altar an“, flüsterte Rebecca.

Billy nickte. Es war weniger der Altar selbst als vielmehr der Altarraum. Auf der Plattform im vorderen Teil der Kirche befanden sich Hunderte niedergebrannter Kerzen, umgestürzte Statuen religiöser Ikonen, viele davon zerbrochen und rußgeschwärzt – und große Haufen verwelkter Blumen. Es war, mit einem Wort, unheimlich.

„Ich habe nichts dagegen, von hier zu verschwinden“, sagte Billy und hob seine Stimme ein kleines bisschen, als ihm bewusst wurde, dass er ebenfalls flüsterte. „Wir sollten uns auf dem Grundstück umsehen. Mal schauen, wo diese Wege hinführen.“

Rebecca nickte, trat zurück – und dann fegte etwas Großes, Schwarzes von der hohen Gewölbedecke auf sie herab, etwas, das ein unglaublich schrilles Quietschen ausstieß, das flatterte und wie ein Pfeil heranschoss und mit riesigen, staubigen Flügeln schlug. Die Zeit verging mit einem Mal nur noch im Kriechtempo, und so gelang es Billy, einen deutlichen Blick auf das Ding zu werfen. Es war eine Art Fledermaus, aber viel, viel größer als jede, von der er jemals gehört hatte. Die Kreatur hatte locker die Flügelspanne eines Kondors.

Im letzten Moment zog das Wesen wieder hoch und entschwand in die Finsternis über ihnen. Aber es war nahe genug gekommen, um sie mit einer Woge seines nach verwesendem Fleisch stinkenden Atems zu treffen. Billy stieß Rebecca mit einem Arm nach hinten und fasste mit der anderen Hand nach den zerbrochenen Griffen der Türflügel. Er zog sie zu und wünschte sich jetzt, er hätte sie nicht mit Gewalt geöffnet. Aber einen Augenblick darauf wurde ihm klar, dass das völlig egal war. Sie konnten hören, wie sich die gewaltige Fledermaus durch das Loch im Dach schob, konnten hören, wie ihre riesenhaften, rattenartigen Krallen über die Schindeln kratzten.

„Lauf!“, schrie Billy.

Sie rannten die Stufen hinunter, Rebecca voran. Sie lief nach rechts. Dort gab es mehr Deckungsmöglichkeiten, ein Teil des Weges, der am Gebäude entlangführte, war überwachsen. Der Pfad machte eine scharfe Kehre und eine zweite – die Biegungen waren wegen des Überwuchses durch Büsche und andere Pflanzen kaum zu sehen. Rebecca war schnell, aber Billy hielt mit, mehr als nur ein bisschen motiviert von dem Anblick jener ledrigen, flatternden Flügel, die sich vor ihm ausgebreitet hatten, und von der Vorstellung, dass sich diese Krallen in sein Fleisch bohren könnten …

„Da!“ Rebecca verlangsamte ihr Tempo und deutete nach rechts.

Dort, neben dem Weg und ein kleines Stück vor ihnen, befand sich etwas, das wie ein Aufzug aussah, ausgerechnet – einfach so, freistehend, neben einer Kirche.

Billy war sich nicht sicher, ob das wirklich ihr Glück war, doch er konnte von irgendwo über ihnen deutlich das Schlagen von Flügeln hören – und das fürchterlich schrille Geschrei der Fledermaus, die nach Beute suchte.

Er folgte Rebecca zu der Tür und dankte Gott im Stillen, als die Türhälften unter ihrer Berührung zur Seite glitten. Der Lift war klein, bot kaum genug Platz für zwei Personen. Sie drängten sich hinein und sahen, dass er nur nach unten fuhr. Egal. Billy hatte ohnehin keine Lust, den Glockenturm der Kirche aufzusuchen, um nachzusehen, ob diese durchgeknallte Fledermaus noch Geschwister hatte.

Rebecca drückte den Knopf, der die Türen schloss. Unmittelbar bevor sie zugingen, taumelte ein Zombie auf sie zu. Er kam wie aus dem Nichts, eine Frau. Sie streckte Finger nach ihnen aus, die bis auf die Knochen zerfetzt waren. Sie stöhnte, entblößte schwarz gewordene Zähne, und dann glitten die Türhälften zu und sperrten den Zombie sowie das schrille Kreischen der infizierten Fledermaus aus.

Beide ließen sie sich gegen die Wände der engen Fahrstuhlkabine sacken. Sie konnten die hungrigen Schreie des weiblichen Zombies durch die Tür hindurch hören und ebenso das scharfe Kratzen ihrer knöchernen Fingerspitzen auf dem Metall. Binnen weniger Sekunden schloss sich ihrem tiefen, rauen Stöhnen noch eine Stimme an, dann eine dritte, und alle heulten sie vor Gier und Enttäuschung.

Es standen nur zwei Knöpfe zur Auswahl: K1 oder K2. Billy sah Rebecca an, die blass war und nur den Kopf schüttelte. Von draußen versuchten sich die Zombies weiter Einlass zu verschaffen, und Billy drückte K1. Der Aufzug bewegte sich nicht.

„Na schön, dann eben K2“, sagte Billy und hoffte, dass sie nicht freiwillig in eine Falle getappt waren. Er drückte den Knopf. Der Fahrstuhl setzte sich mit einem Ruck in Bewegung, dann glitt er sanft nach unten. Billy schob sich ein wenig vor Rebecca, die Schrotflinte schussbereit, und hoffte, dass sich die Türen nicht vor einer Horde infizierter Kreaturen öffnen würden, die allesamt scharf auf einen spät nächtlichen Imbiss waren.

Die Türhälften glitten lautlos auseinander und offenbarten einen Korridor, der mit Geröll übersät, ansonsten jedoch leer war. Billy drückte noch einmal den K1-Knopf, hoffte auf eine weitere Option, aber die Fahrstuhltüren schlossen sich nicht. Offenbar blieb ihnen nur die Wahl, zu der Fledermaus und den Zombies zurückzugehen oder das zweite Kellergeschoss zu erkunden. Billy entschied sich für die Erkundung.

Vorsichtig verließ er die Kabine. Rebecca folgte ihm dichtauf. Wie schon in der Villa der Trainingseinrichtung waren auch hier Dekor und Architektur vom Feinsten und wahrscheinlich so gut wie unbezahlbar. Der Boden war aus Marmor, angeknackst zwar, aber trotzdem auf Hochglanz poliert. Der Gang wurde von hübschen Stützpfeilern gesäumt, die Durchgänge waren hoch und wurden von Bögen gekrönt. Linker Hand führte eine Treppe nach oben, doch Felsbrocken und abgefallener Verputz blockierten den Weg. Weiter vorne und ebenfalls auf der linken Seite befand sich noch eine Tür, unmittelbar bevor der Korridor scharf nach rechts abbog.

Vor der Treppe blieben sie stehen, aber es war aussichtslos, der Schutt türmte sich vom Boden bis zur Decke. Wenn sie wieder nach oben wollten, mussten sie den Aufzug nehmen … Im Moment allerdings wollte Billy nicht wieder nach oben. Es schien, als nähme das stete Bombardement mit ekelhaften, gefährlichen und schrecklichen Kreaturen kein Ende, und er hatte eine Pause bitter nötig.

„Wer stimmt für: Keine Monster mehr?“, fragte er leise.

„Hier“, antwortete Rebecca ebenso leise. Sie schenkte ihm ein Lächeln, aber es sah bemüht aus. Sie gingen weiter. Unter ihren Stiefeln knirschte Geröll.

Rebecca blieb an der ersten Tür stehen, während Billy rasch den Rest des Korridors unter die Lupe nahm. Es gab eine weitere offensichtliche Tür, die mit einem Kombinationsschloss versehen war – und eine dritte mögliche. Billy war sich da nicht völlig sicher, weil es ganz danach aussah, als ende der Gang einfach vor einer blauen Wand. Aber es befand sich ein aufwändiger Schrein davor – zwei Statuen, die ein Profilrelief von jemandem einrahmten, der sehr nach James Marcus aussah. Es gab kein Schlüsselloch, aber unterhalb des Reliefs war eine leere Vertiefung von der Größe einer Kinderfaust, als fehlte dort ein Stück.

Reizend. Noch zwei Rätselschlösser, dachte Billy säuerlich und ging zurück zu Rebecca. Was war nur los mit diesen Leuten? Wenn sie unbedingt so verdammt clever sein mussten, warum konnten sie sich dann nicht einfach mit Kreuzworträtseln begnügen?

Glücklicherweise war die erste Tür unverschlossen. Sie traten hindurch und fanden sich in einem weiteren Raum von heruntergekommener Eleganz wieder, dessen Wände hinter Bücherregalen verschwanden. Im ersten Teil des Raumes lag ein fleckiger Orientteppich auf dem Boden. Der Raum selbst war von grober Hufeisenform. Es brannten mehrere Lampen, und sie machten diesen Raum zum hellsten von allen, in denen sie heute Nacht gewesen waren. Neben den Regalen gab es mehrere niedrige Tische und einen kleinen Schreibtisch mit einer altmodischen Schreibmaschine. Billy trat an den Tisch, der ihm am nächsten stand, und nahm einen Fetzen Papier in die Hand.

„‚Schwierigkeiten sind unwahrscheinlich, aber ich habe Vorkehrungen getroffen‘“, las er vor. „‚Willst du ein Blatt verstecken, leg es in den Wald. Willst du einen Schlüssel verstecken, gib ihm das Aussehen eines Blattes.‘“

„Na, da sehen wir doch gleich klarer“, meinte Rebecca, und Billy nickte. Wieder stellte sich ihm die Frage, was nur los war mit diesen Leuten?

Rebecca nahm die Regale in Augenschein, während Billy durch den Raum ging und hinter der nächsten Ecke ein großes Loch in der Decke ausmachte. Die Decke war hoch, aber wenn er einen der Tische zu Hilfe nahm …

„Die meisten dieser Bücher sind Werke über Biologie“, rief Rebecca. „Säugetiere, Insekten, Amphibien …“

„Komm her und sieh dir das an“, rief Billy zurück. Als sie um die Ecke kam, zog Billy einen Tisch heran und schob ihn unter das Loch. Aber auch damit reichte er noch nicht ganz an das Loch heran …

„Ich könnte raufklettern“, meinte Rebecca, „und mich umsehen und ein Seil oder etwas suchen, damit du nachkommen kannst.“

Billy runzelte die Stirn. „Ich weiß nicht. Als du das letzte Mal gingst, um dich umzusehen …“

„Ja, ja“, sagte sie, aber ihre Miene drückte Entschlossenheit aus. Sie war bereit, brannte sogar darauf – und sie mussten etwas tun.

Billy stieg auf den Tisch und verschränkte die Finger beider Hände ineinander, um ihr nach oben zu helfen. Sie folgte ihm, stellte den rechten Fuß in die Räuberleiter, die er für sie machte, und legte eine Hand auf seine Schulter. Wie schon zuvor schien sie ihm leicht wie eine Feder. Billy hätte wahrscheinlich ohne größere Mühe zwei von ihrer Sorte stemmen können. Er hob sie nach oben, und sie entschwand seinem Blick, als sie durch das Loch kletterte. Einen Moment später tauchte sie wieder auf.

„Scheint alles klar zu sein, aber es ist ziemlich finster“, sagte sie. „Sieht wie ein Labor aus, viele Regale, ein paar Tische … Mal sehen, ob ich etwas finde.“

Sie verschwand wieder. Billy wartete, starrte zu dem Loch hinauf und rief sich in Erinnerung, dass sie durchaus auf sich selbst aufpassen konnte. Sie hatte bereits bewiesen, dass sie stärker und fähiger als viele erfahrene Soldaten war, die er kannte – und wenn es Ärger gab, konnte sie ja einfach wieder herunterspringen. Kein Grund zur Sorge also …

Rebecca stieß einen kurzen, spitzen Schrei aus, und Billys Blut wurde kalt.

„Rebecca!“, rief er, den Blick hilflos auf das dunkle Loch dort oben geheftet.

Es sah aus wie ein Labor, eines, das während der vergangenen zehn Jahre nur von Zeit zu Zeit benutzt und nicht ein einziges Mal gereinigt worden war. Auf Boden und Regalen lag dick der Staub, aber irgendwann waren hier ein paar Dinge bewegt worden und hatten entsprechende Zeichen hinterlassen – Spuren hinter Stühlen, Fingerabdrücke auf Probenflaschen. Rebecca nahm ihre unmittelbare Umgebung rasch in Augenschein, dann beugte sie sich wieder über das Loch. Billys Miene war angespannt und erwartungsvoll.

„Scheint alles klar zu sein, aber es ist ziemlich finster. Sieht wie ein Labor aus, viele Regale, ein paar Tische … Mal sehen, ob ich etwas finde.“

Sie drehte sich um, ließ den Blick abermals durch den kleinen Raum schweifen – und stellte fest, dass er größer war, als sie gedacht hatte. Ein Teil davon lag nämlich versteckt hinter einem großen Regal, das den Bereich in zwei Hälften trennte. Das wäre ihr gar nicht aufgefallen, wäre das blasse bläuliche Licht nicht gewesen, das von dem verborgenen Teil ausging. Die Neunmillimeter in der Hand trat Rebecca um die Ecke …

… und schrie auf. Sie schoss beinahe auf das leuchtende, schwebende Monster vor ihr, ehe sie erkannte, dass es nicht lebte.

„Rebecca!“

„Ich bin okay!“, rief sie zurück, auf die bizarre Kreatur starrend. „Bin nur auf eine kleine Überraschung gestoßen, das ist alles. Warte.“

Sie trat näher an den mannshohen Probenzylinder heran, der mit einer klaren Flüssigkeit gefüllt und von innen beleuchtet war. Es gab sogar vier dieser Röhren, die alle in einer Reihe standen, und ihr entsetzlicher Inhalt unterschied sich ein wenig voneinander. Die Dinge darin waren einmal menschlich gewesen, dann aber operativ verändert und mit fast hundertprozentiger Sicherheit mit dem T-Virus infiziert worden. Sie versuchte für Billy ein Statement zu formulieren, aber dieses Grauen entzog sich jeder Beschreibung. Widerlich missgebildete Gliedmaßen hingen von muskulösen, zusammengestückelten Leibern. Die fast unkenntlichen Gesichter zeigten bizarre Mienenspiele aus Qual und Blutgier. Der Anblick war zutiefst verstörend.

Hinter dieser Reihe humanoider Monstrositäten befand sich eine Probenvitrine, die mit sehr viel kleineren Röhren gefüllt war. Rebecca beugte sich vor und sah, dass jedes Röhrchen einen toten Egel enthielt. Sie verzog angewidert das Gesicht und wollte sich gerade abwenden – als ihr auffiel, dass eines der Röhrchen sich von den anderen unterschied. Der Egel darin war … kein Egel.

Sie schob die staubige Glastür beiseite, zog das betreffende Glasröhrchen heraus und hielt es in das schwache Licht. Die Verschlusskappe war zugeklebt oder -gelötet, und das Ding darin zwar geformt wie ein Egel, aber geschnitzt oder sonst wie von Hand in diese Form gebracht – und von einem tiefen Kobaltblau.

Warum sollte jemand einen Egel fälschen und ihn dann …

Rebecca blinzelte und erinnerte sich an dieses Papier, von dem Billy vorgelesen hatte: … willst du ein Blatt verstecken, leg es in den Wald. Willst du einen Schlüssel verstecken …

Rebecca ging zurück zum Loch und hielt das Röhrchen so, dass Billy es sehen konnte. „Ich glaube, ich habe den Blattschlüssel gefunden“, sagte sie und warf es nach unten. „Oder den Egelschlüssel, sollte ich wohl besser sagen.“

Billy fing es auf und betrachtete es. „Ich bin ziemlich sicher, dass dieses Ding in eine der Türen passt“, sagte er. „Komm wieder runter, wir probieren es aus.“

„Die Kappe lässt sich nicht lösen“, begann Rebecca und verstummte, als Billy das Röhrchen neben dem Tisch zu Boden fallen ließ. Er grinste zu ihr herauf, dann sprang er vom Tisch und zerstampfte das Röhrchen unter dem Stiefelabsatz. Glas klirrte und knirschte, und einen Augenblick später hielt Billy den geschnitzten Gegenstand in die Höhe.

„Kein Problem“, sagte er. „Komm schon.“

Sie nagte an der Unterlippe und sah sich im Labor um. Da waren noch Aktenschränke, Papiere lagen herum …

„Probier du es aus. Ich seh hier nach, ob ich noch eine Karte finden kann.“

Billy furchte die Stirn. „Bist du sicher?“

„Hast du Angst, allein zu gehen?“, konterte sie mit einem leichten Lächeln.

„Ehrlich gesagt, ja“, sagte er, lächelte aber ebenfalls. „Okay. Ich bin gleich wieder zurück. Geh nicht zu weit, in Ordnung? Wenn du etwas brauchst, ruf mich.“

Rebecca tippte gegen ihr Funkgerät. „Kein Problem.“

Er blickte noch einen Moment lang zu ihr hoch, dann drehte er sich um und marschierte davon. Rebecca schaute sich noch einmal im Labor um und richtete ihr Augenmerk schließlich auf den größeren der beiden Schreibtische. „Okay, Marcus, mal sehen, ob du uns irgendetwas Nützliches hinterlassen hast“, sagte sie und ging zu dem Tisch. Sie ahnte nicht, dass sie sehr, sehr aufmerksam beobachtet wurde, als sie einen Packen Papiere aufnahm und zu lesen begann.

Das darf nicht sein!

Wütend ballte er die Fäuste. Die Kinder versuchten, ihn zu beruhigen, krochen über seine Schultern, aber er streifte sie ab und ignorierte ihr Bemühen.

Rebecca las Dr. Marcus’ persönliche Aufzeichnungen. Sie hatte den Talisman gefunden, der in Dr. Marcus’ Allerheiligstes führte, und ihn Billy überlassen. Sie brauchten lediglich zur Straßenbahn zu gehen, vielleicht noch ein, zwei Schlösser zu knacken, und dann konnten sie verschwinden … Aber es schien, als wollten sie das Andenken an Dr. Marcus nicht ruhen lassen, als müssten sie das wenige Private, das er hinterlassen hatte, vorher entweihen.

„Nicht, wenn wir sie aufhalten“, sagte er zu den Kindern, während er zusah, wie Billy das kleine Bildnis benutzte, um Dr. Marcus’ Räume zu öffnen, und Rebecca achtlos in Marcus’ persönlichen Papieren wühlte. Es war eine kurzweilige Zerstreuung gewesen, diese beiden zu beobachten, aber nun war es vorbei. Die Welt würde die Wahrheit über Umbrella ohne sie erfahren müssen.

Es war Zeit, die Kinder zum Spielen hinauszuschicken.

ELF

Wie er vermutet hatte, war der Sackgassen-Schrein tatsächlich eine Tür, und der kleine geschnitzte Egel, den Rebecca gefunden hatte, passte perfekt in das „Schloss“ der Tür. Ein leises Klicken ertönte, und die Tür war entriegelt.

Billy musterte die Tür einen Moment lang, bevor er hindurchtrat, und kam zu dem Schluss, dass es sich wirklich um das Profil von Dr. James Marcus handelte. Er fragte sich, warum der Egel-Mann, auf den sie im Zug gestoßen waren, wohl ausgesehen hatte wie Marcus. Die Egel waren von diesem offensichtlich sehr viel jüngeren Mann gesteuert worden, der draußen gesungen hatte. Ob der echte Marcus noch hier war? Das schien ihm nicht sehr wahrscheinlich. Dieses Tagebuch, das Rebecca gefunden hatte – Marcus hatte irre geredet, paranoid. Davon, dass Spencer ihn holen kommen würde, dass er ihm seine Arbeit wegnehmen würde, und das war vor zehn Jahren gewesen. Leuten, die so durchgeknallt waren, gelang es für gewöhnlich nicht, ihre Jobs zu behalten.

Rebecca wartete. Er ließ dieses unwichtige Rätsel erst einmal ruhen und schob sich mit schussbereiter Schrotflinte an der extravaganten Tür vorbei. Ein kurzer Blick, ob sich dahinter etwas bewegte – nichts –, dann senkte er die Waffe und trat tiefer in den Raum hinter der Tür hinein.

„Wow“, entfuhr es ihm, als er sich umsah. Es war ein Büro, groß, auf einer Seite teuer eingerichtet mit eingebauten Regalen und Schränken, alles aus dunklem, poliertem Holz und facettiertem Glas. Gegenüber befand sich ein verzierter offener Kamin. Die antiken Holzmöbel – ein niedriger Tisch, Stühle, ein großer Schreibtisch – waren herrlich, ein dicker Teppich dämpfte seine Schritte. An der entferntesten Seite des Raumes sah er eine weitere Tür, hinter dem Schreibtisch, und er drückte im Geiste die Daumen, dass es sich dabei um ihren Fluchtweg handeln mochte.

Der größte Teil des Lichts im Raum kam von einem riesigen Aquarium, das die nordöstliche Ecke beherrschte, in deren Nähe er selbst stand. Alles war in ein wässriges, bläuliches Licht getaucht, das Aquarium allerdings war leer.

Billy runzelte die Stirn und trat näher. Nein, es war nicht leer. Es befanden sich keine Fische darin, keine Steine und Pflanzen, aber an der Wasseroberfläche trieben ein paar Dinge – eklige Dinge, nicht zu identifizieren, aber dennoch grotesk. Es schien sich um Batzen menschlichen Fleisches zu handeln, formlos und ohne Knochen, wie deformierte, amputierte Körperteile. Billy ging rasch weiter, beunruhigt ob dieser bleichen, auf dem Wasser schwimmenden Teile.

Einer der Wandschränke stand offen, und Billy ging darauf zu und betrachtete die Bücher darin. Auf einem der Regale lag ein altes Fotoalbum, und er nahm es in die Hand. Er wusste, dass er zu Rebecca zurück musste, aber er war neugierig und fragte sich, ob das Relief an der Tür bedeutete, dass er sich in Marcus’ Büro befand.

Die Bilder waren alt, vergilbt, und die Ränder bogen sich nach oben. Er blätterte ein paar Seiten um und befand, dass es Zeitverschwendung war. Er wollte das Album zurücklegen – und ein loses Foto fiel heraus. Er bückte sich, hob es auf und hielt es in das blaue, sich kräuselnde Licht.

Das Bild selbst war nicht besonders interessant, drei junge Männer aus den Dreißiger oder Vierziger Jahren mit ordentlichen Haarschnitten und sauber gewaschen lächelten in die Kamera. Auf die Rückseite hatte jemand geschrieben: „Für James, zum Andenken an Deine Graduierung, 1939.“

Billy betrachtete das Foto und kam zu dem Schluss, dass der junge Mann in der Mitte James Marcus sein konnte. Etwas an seiner Kopfform … nun, er sah irgendwie vertraut aus …

„Der Typ“, sagte er nickend. Der Sänger vom Zug. Sie hatten ihn nicht gut sehen können, aber er hatte dieselbe Haltung, dieselben breiten Schultern. „Er könnte Marcus’ Sohn sein. Oder sein Enkel.“

Sie hatten es hier mit einem Puzzle zu tun, und Billy hatte das Gefühl, dass ihm gerade ein weiteres Teil in die Finger gefallen war. Wenn Marcus von Spencer quasi gestürzt worden war, wenn er ihm seine Arbeit weggenommen hatte, würde dann Marcus’ Sohn oder der Sohn seines Sohnes nicht auf Rache sinnen? Vielleicht war der Virusausbruch kein Unfall gewesen. Vielleicht steckte der Typ mit den Egeln dahinter.

Billy seufzte und legte das Foto auf das Album. Das war ja alles schön und gut, aber praktischen Nutzen brachte es keinen. Er musste einen Weg hier heraus finden.

Er durchsuchte den Schreibtisch nach Schlüsseln und Karten, fand nichts und ging zu der zweiten Tür des Raumes, die zum Glück nicht abgeschlossen war. Er drückte sie auf und spürte, wie seine Hoffnung schwand – da war kein Tunnel mit einem blinkenden Ausgang-Schild. Es war eine Art Lagerraum. An den Wänden waren Farbtöpfe gestapelt, ein paar Statuen waren mit Tüchern verhängt. Eine Statue war nicht zugedeckt, eine Arbeit aus weißem Marmor, die wie einer dieser alten römischen Götter aussah. Er saß an einer der mit Velourstapete bespannten Wände, den staubverhangenen Blick nach oben gerichtet, eine gewölbte Hand nahe seines Bauches …

… und darin hielt er etwas … Grünes.

Billy ging hin, nahm den Gegenstand aus den blassen Fingern der Statue und lächelte schwach, als er erkannte, was es war: ein weiterer geschnitzter Egel, dieser hier grün statt blau.

Ein weiterer Schlüssel, vielleicht zu einer anderen Geheimtür. Und vielleicht war ja dieser endlich der Fahrschein, der sie hier herausbringen würde.

Tag 1

Vier Egel mit T. von mir infiziert. Ihre zielstrebige Biologie macht sie zu perfekten Kandidaten für diese Forschung, aber womöglich sind sie zu simpel, um sich anzupassen. Keine unmittelbaren Veränderungen beobachtet.

Das Wort vier war unterstrichen. An den Rand hatte jemand in krakeliger Schrift „Sequenz ändern“ geschrieben und eingekreist.

Es war Teil eines Labortagebuchs, das größtenteils Daten und Zahlen enthielt. Rebecca hatte es gerade wieder zurücklegen wollen, als sie sah, dass auf einer der letzten Seiten mehrere Formulierungen und Worte unterstrichen worden waren. Sie las weiter und suchte nach anderen markierten Passagen.

Tag 8

Eine Woche jetzt. Rapides Wachstum auf das Doppelte ihrer vorherigen Größe, erste Anzeichen von Transformation. Vermehrung erfolgreich, Anzahl verdoppelt. Es wurde jedoch kannibalistisches Verhalten initiiert, vermutlich eine Folge gesteigerten Hungers. Beeilte mich, ihnen mehr Futter zu geben, verlor aber zwei.

Anzahl verdoppelt und zwei waren unterstrichen.

Tag 12

Gab ihnen Lebendfutter. Verlor Hälfte, als die Beute sich wehrte. Aber sie lernen aus Erfahrung und fangen an, ein Gruppenangriffsverhalten zu zeigen. Evolution übertrifft Erwartungen.

Verlor Hälfte war unterstrichen.

Es gab keine weiteren markierten Einträge, aber Rebecca überflog den Rest trotzdem, beunruhigt ob des Erfolgs dieses seltsamen Experiments.

Tag 23

Egel zeigen keine individuellen Eigenschaften mehr, können sich als Kollektiv bewegen.

Tag 31

Brüten in fantastischer Geschwindigkeit, fressen jetzt alles, was ihnen angeboten wird …

Der letzte Eintrag führte ihr deutlich vor Augen, wie tief Dr. Marcus in den Wahnsinn abgeglitten war.

Tag 46

Ein erinnernswerter Tag. Heute fingen sie an, mich zu imitieren. Ich glaube, sie erkennen ihren Vater. Ich fühle so eine starke Zuneigung für sie – und von ihnen. Ob sie Liebe empfinden können? Ich glaube, ja. Jetzt gibt es nur noch uns, mich und meine brillanten Kinder. Niemand wird sie mir wegnehmen. Bei allem, was ich herausgefunden habe, würden sie das nicht wagen.

„Hey!“

Es war Billy, der von unten heraufrief. Rebecca legte die Blätter weg, ging zu dem Loch und kniete sich daneben auf den Boden.

„Hast du etwas Nützliches gefunden?“, fragte sie und sah zu ihm hinab.

„Vielleicht. Fang“, sagte er und warf irgendetwas Kleines durch das Loch herauf. Rebecca fing es auf. Es war ein weiterer Egel-Schlüssel, ein grüner diesmal.

„Gibt es da oben eine Tür mit einem Relief von Marcus darauf?“, wollte Billy wissen.

Rebecca schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht. In diesem Raum hier jedenfalls nicht. Ich habe noch mehr über diese irren Experimente gelesen. Soll ich mich mal umschauen?“

Billy zögerte. „Wie wär’s, wenn ich raufkomme, dann könnten wir uns beide umsehen? Ich bräuchte nur noch einen Tisch oder so was …“

„Ich pass schon auf“, erwiderte Rebecca. „Sagtest du nicht, dass es dort unten noch eine Tür gibt? Vielleicht solltest du versuchen, sie zu öffnen, während ich nach dem Schlüsselloch für dieses Ding suche.“

„Es ist ein Kombinationsschloss“, sagte Billy.

Rebecca seufzte. Zu dumm, dass Jill Valentine nicht hier war. Sie gehörte zum Alpha-Team, und laut Barry konnte sie überall einbrechen …

Ihr fiel etwas ein.

„Warte. Ein Kombinationsschloss, sagst du?“

Billy nickte, und Rebecca schob sich von dem Loch weg und eilte zu dem Schreibtisch mit Marcus’ Notizen. Rasch las sie die markierten Passagen durch, überlegte kurz, dann lief sie zurück. Vier Egel … Verdoppelt … Zwei verloren … Hälfte verloren …

„Versuch es mit … vier-acht-sechs-drei“, sagte sie.

„Bist du Hellseherin, oder was?“, fragte Billy.

Rebecca lächelte schwach. „Wahrscheinlich. Probier’s einfach aus.“ Sie hielt den grünen, geschnitzten Egel hoch. „Ich schau mal, ob ich herausfinde, wohin dieses Ding gehört.“

Billy nickte zögerlich, und Rebecca stand auf und ging zu der Tür des Raumes, nicht ganz sicher, ob sie nun tapfer oder dumm war. Sie wollte eigentlich nichts im Alleingang unternehmen, nicht seit ihrer Begegnung mit den Affen. Aber da sie nun mal hier war, war es nur sinnvoll, wenn sie sich mal umsah.

Die Tür des Labors führte auf einen kurzen Flur hinaus, von dem drei Türen abgingen. Die, durch die sie gekommen war, nicht mitgezählt. Die erste Tür, rechts von ihr, war abgesperrt. Die zweite Tür, die ebenfalls rechts und hinter einer Ecke lag, war offen. Aber ein kurzer Blick zeigte nichts außer einem großen, leeren Raum mit einem kleinen Bürobereich an einer Seite. Es war zu dunkel, um sonst etwas zu erkennen. Rebecca schloss die Tür wieder. Sie war erleichtert, dass sie ihre kleine Suche bereits zu zwei Dritteln hinter sich hatte, und ging zur letzten Tür am Ende des Korridors.

Ebenfalls unverschlossen. Rebecca drückte sie auf und sah nur einen Meter entfernt eine weitere Tür. Linker Hand öffnete sich der Raum in scheinbar genau das Labor, in dem sie mit ihrer Suche begonnen hatte … Aber der Schein trog, es war nicht dasselbe. Der Lage nach musste dieser Raum allerdings mit ihm verbunden sein. Vielleicht hatte man irgendwann einmal aus einem Raum zwei gemacht …

Eine Bewegung! Dort, unweit des Tisches an der Verbindungswand, war einer der Infizierten, ein hagerer, blassgelber Mann mit leeren Augen und offenem, hungrig verzerrtem Mund. Er schlurfte auf sie zu und produzierte tief in seiner Kehle ein leises Gurgeln.

Er war langsam, sehr langsam. Rebeccas Blick wanderte zwischen ihm und der vor ihr befindlichen Tür hin und her, das Gewicht des Egel-Schlüssels lag warm in ihrer Hand. Sie versuchte ihr Glück, trat vor und drückte gegen die Tür, schlüpfte hindurch und machte sie hinter sich schnell wieder zu, bevor der dürre Zombie auch nur einen weiteren Schritt tun konnte.

Sie hatte einen Operationsraum betreten, alt und schmutzig, die einst sterilen Fliesen mit einem dünnen Schmutzfilm überzogen. Ein paar metallene Transportliegen auf verbogenen Rädern standen herum. Und dort, etwas links von ihr und auf der anderen Seite, war eine grünliche Tür, die das Profil von Dr. Marcus zeigte.

„Ha!“, machte sie und ging zu der Tür, sorgsam darauf bedacht, den Operationstisch in der anderen Ecke des Raumes nicht eingehender zu betrachten, nachdem sie einen flüchtigen Blick auf die daran befestigten massiven Haltevorrichtungen erhascht hatte. Sie hatte so eine Ahnung, was Marcus hier getrieben hatte – mit den Einzelheiten wollte sie sich nicht belasten.

Der kleine Egel passte perfekt in eine Vertiefung unter dem Ebenbild von Dr. Marcus, und sie hörte, wie ein Riegel zurückschnappte. Die Tür öffnete sich …

… und Rebecca wich schwankend, getroffen von dem Gestank, der ihr mittlerweile nur allzu vertraut war, einen Schritt zurück. Der schmale Raum wurde beiderseits von Schubfächern gesäumt, wie man sie aus Leichenschauhäusern kannte. Einige davon standen offen. Zwei Leichen lagen am Boden, keine von beiden bewegte sich. Rebecca richtete ihre Pistole trotzdem auf die nächste. Flach atmend trat sie ein.

Gott, bitte, lass etwas hier drin sein, das es wert ist, weggeschlossen zu werden, dachte sie, während sie eine umgestürzte Liege passierte. Und lass es offen herumliegen, wenn es nicht zu viel Mühe macht. Auf keinen Fall würde sie sämtliche Schubfächer durchsuchen.

Am anderen Ende des Raumes befand sich eine Abzweigung nach rechts. Rebecca stieg über den zweiten Toten hinweg, bog um die Ecke und versuchte den Brechreiz, den ihr der grauenhafte Gestank verursachte, zu unterdrücken. Eine weitere Rollbahre war gegen eine Wand geschoben worden – und darauf lag ein einzelner Metallschlüssel.

Sie hob ihn auf, mit gemischten Gefühlen allerdings. Sie hatte etwas gefunden, und das war gut – aber, juhu, einen weiteren Schlüssel? Er konnte weiß Gott wo hingehören, womöglich war es sogar der Schlüssel für Marcus’ Sommerhaus …

Vielleicht ist es diese erste Tür auf dem Flur draußen …

„Rebecca?“

Sie steckte den Schlüssel ein, nahm ihr Funkgerät zur Hand und ging, während sie antwortete, zur Tür.

„Ja. Was gibt’s? Over.“ Sie durchquerte den Operationsraum und blieb an der Tür stehen, die zurück in das abgeteilte Labor führte. Sie hatte durch den Zugang zum Korridor rennen wollen, um diesen Zombie nicht erschießen zu müssen, wenn es sich vermeiden ließ …

„Das Schloss hat keinen Drehknopf“, sagte Billy. Er klang gereizt. „Ich bin zurückgegangen und habe in Marcus’ Arbeitszimmer gesucht, aber nichts gefunden. Hattest du mehr Glück? Over.“

„Vielleicht“, antwortete sie. „Lass mich noch etwas nachsehen. Wir treffen uns dann in der Bibliothek. Over.“

„Sei vorsichtig. Over and out.“

Vorsichtig. Rebecca schüttelte leicht den Kopf, während sie das Funkgerät wieder am Gürtel befestigte, erstaunt darüber, wie schnell sich eine Beziehung unter den richtigen – oder falschen – Umständen verändern konnte. Vor ein paar Stunden erst hatte sie gedroht, ihn zu erschießen, und war überzeugt gewesen, dass er willens war, sie zu erschießen. Und jetzt waren sie … nun, „Freunde“ war wahrscheinlich nicht das treffende Wort, aber es war zumindest höchst unwahrscheinlich, dass sie sich gegenseitig umbringen würden.

Zum ersten Mal seit einiger Zeit fragte sie sich, was ihre Teamkollegen wohl tun mochten. Lief die Jagd nach Billy noch? Hatten sie nach ihr gesucht, nach Edward? Oder waren sie selbst in Schwierigkeiten geraten und von den Folgen des Virusausbruchs erwischt worden?

Apropos … Sie lauschte kurz an der Tür, hörte nichts. Ein tiefer Atemzug, dann drückte sie die Tür auf und überwand rasch die Distanz zur nächsten, ohne auch nur einen Blick in das Labor zu werfen. Als sie die Tür hinter sich schloss, hörte sie ein gedämpftes, enttäuscht klingendes Wimmern und verspürte einen Anflug von Mitleid für das hohläugige Opfer. Der Mann hatte vermutlich hier gearbeitet, aber diese Zombiekrankheit hätte sie nicht einmal ihrem ärgsten Feind gewünscht. Es war eine furchtbare Art zu sterben, keine Frage.

Sie ging zu der ersten Tür, die sie zu öffnen versucht hatte. Sie hoffte, dass der Schlüssel passte, bezweifelte jedoch, dass sie Glück haben würde. Sie nahm an, dass sie gründlicher suchen mussten, um eine Möglichkeit zu finden, sie zu öffnen – oder eben nach irgendetwas anderem, einer weiteren Karte, einem anderen Schlüssel, noch einem Loch im Boden. Es war entmutigend, gelinde ausgedrückt. Wenn sie nichts auftrieben, mussten sie wieder den Aufzug benutzen und ihr Glück an der Oberfläche versuchen …

Sie schob den Schlüssel in das Türschloss, drehte ihn, hörte und spürte, wie das Schloss aufschnappte.

„Na, wer sagt’s denn?“, murmelte sie grinsend und öffnete die Tür.

Etwas Großes, Dunkles sprang heulend auf sie zu.

Billy wartete an dem Loch zwischen dem ersten und dem zweiten Geschoss, fragte sich, ob es wohl eine Chance gab, dieses Kombinationsschloss mit einer der Magnum-Patronen zu zerschießen – und hörte einen schrecklichen, unmenschlichen Schrei, der aus der ersten Etage herunterhallte, gefolgt von einem Schuss und noch einem weiteren.

Er dachte nicht daran, es über Funk zu versuchen. Mit einem Satz war er auf dem niedrigen Tisch unter dem Loch, warf die Schrotflinte hindurch und sprang dann selbst hinterher. Er erwischte den Rand mit seinen Händen. Zuvor hatte er seine Fähigkeiten noch bezweifelt, jetzt allerdings kam es ihm gar nicht in den Sinn, dass er nicht in der Lage sein könnte, sich hinaufzuziehen. Mit einem angestrengten Stöhnen hievte er seinen Körper durch das Loch nach oben, stemmte sich dort erst auf die Ellbogen und dann auf ein Knie.

Er packte die Flinte und war im Nu auf den Beinen. Abermals hörte er den tierhaften Schrei, ein seltsamer, unirdischer Laut, wie von einem Vogel, der in Stücke zerrissen wurde. Er brauchte eine halbe Sekunde, um sich zu orientieren und die Tür zu finden. Dann rannte er los.

Er stürmte durch die Tür in einen Gang – und da war Rebecca. Sie stand mit dem Rücken zur gegenüberliegenden Wand, ein Ärmel ihres Hemdes war zerfetzt, vier tiefe Kratzer zogen sich über ihren Arm. Ihre Waffe richtete sie auf …

Was zum Teufel …?!

… auf ein Monster, ein gewaltiges, reptilienartiges Ungeheuer. Es war humanoid, muskelbepackt, und seine wie kiesverkrustet wirkende Haut war von einem dunklen Giftgrün. Seine Arme waren so lang, dass seine klauenbewehrten Hände beinahe den Boden berührten. Als es Billy sah, riss es sein kräftiges Maul auf und schrie von neuem, während die kleinen Augen in seinem flachen, abgeschrägten Schädel vor Bosheit regelrecht glühten. Ein dünner Faden dunklen Blutes rann aus seiner Brust. Dort musste es einer von Rebeccas Schüssen getroffen haben, aber die Wunde schien das Monster nicht sonderlich zu beeinträchtigen.

Probier mal das, dachte Billy und riss die Schrotflinte hoch. Der Schuss erwischte die Kreatur mitten im Gesicht. Er lud die Waffe durch und drückte noch einmal ab, ohne abzuwarten und nachzusehen, was der erste Treffer angerichtet hatte.

Und das Gesicht des Ungetüms war verschwunden, über die Wand und den Boden hinter ihm verspritzt. Der schwere Körper wankte. Blut quoll schaumig aus seinem zerfetzten Hals und den kläglichen Überresten seines Schädels – ein Stück vom Kieferknochen, ein paar Zähne, Fetzen dunklen Fleisches.

Billy rührte sich ein paar Sekunden lang nicht, lauschte nur nach einem weiteren Geräusch, einer weiteren Bewegung … aber da war nichts. Er richtete seine Aufmerksamkeit auf Rebecca, die ihre verletzte linke Schulter mit der rechten Hand umfasst hielt. Zwischen ihren Fingern sickerte Blut hervor.

„Die Tasche an meinem Gürtel“, sagte sie. „Da ist eine Flasche mit antiseptischer Lösung drin, ein paar Verbände und Pflaster … Das Ding hat mich nur mit den Krallen erwischt. Es hat mich nicht gebissen.“

Sie wirkte bleich, zuckte zusammen, als Billy ihre Wunde säuberte und verpflasterte. Aber sie hielt sich wacker und steckte den Schmerz eher weg, als sich ihm zu ergeben. Die Verletzung war übel, musste wahrscheinlich genäht werden, aber es hätte auch viel schlimmer kommen können. Als Billy fertig war, nickte Rebecca in Richtung der halb offenen Tür gegenüber.

„Da drin war es eingesperrt. Dieses Ding, meine ich.“

Sie sprach wie unter Schock, wirkte ein bisschen benommen. Billy ging zu der Tür, weil er, sollte dort noch etwas zum Vorschein kommen, zwischen diesem Etwas und Rebecca stehen wollte. Vor dem kopflosen Untier blieb er stehen und betrachtete es.

„Sieht ein bisschen aus wie das Monster aus ‚Der Schrecken vom Amazonas‘ – nach einer Steroidbehandlung“, meinte er und sah in der Hoffnung auf ein Lächeln zu ihr. Er bekam eines, zittrig, aber echt, und einmal mehr war er beeindruckt von ihrer inneren Stärke. Es war selten, dass sich jemand so schnell von einem unerwarteten Angriff erholte, vor allem wenn der Angreifer so ein Albtraum war wie dieses Ungeheuer vor ihm. Die meisten Menschen hätten danach noch stundenlang gezittert.

Rebecca kam zu ihm. Mit einem Stiefel trat sie gegen eines der massigen Beine der Kreatur. „Erstaunlich“, sagte sie. „Die Sachen, die sie hier draußen angestellt haben. Gentechnologie, Rekombinantviren …“

„Ich glaube, ‚psychotisch‘ ist das Wort, nach dem du suchst“, sagte Billy.

Sie nickte. „Kann ich nicht bestreiten. Lass uns mal nachsehen, ob es irgendetwas Wichtiges bewacht hat.“

Sie gingen um das Wesen herum, und während sie den Raum betraten, erzählte Rebecca, was sie sonst noch auf dieser Etage gefunden hatte.

Es handelte sich um eine Art Zwinger, aber Billy war ziemlich sicher, dass er nicht zur Unterbringung von Hunden benutzt worden war. Stahlgitterkäfige waren übereinander gestapelt, viele davon mit Haltevorrichtungen versehen, und der Geruch in der Luft war der von wilden Tieren, ein scharfer, ranziger Gestank.

„… wo ich den Schlüssel zu diesem Raum fand“, sagte Rebecca gerade. „Ich hatte gehofft, das hieße, dass sich hier etwas Nützliches befindet.“

Der Raum war hufeisenförmig und wurde von Regalen unterteilt. Sie gingen um die Regale herum, und Rebecca stieß einen leisen Laut des Ekels aus. In der Ecke auf der anderen Seite lag ein Haufen aus zerfetztem Fell und abgenagten Knochen. Offenbar die Überreste einiger dieser Pavianwesen. Außerdem war der Boden mit Fäkalien übersät, feste, kleine Haufen einer schwarzen, teerartigen Substanz, die wie – na ja … wie Scheiße eben roch. Es sah so aus, als sei das Monster hier eine ganze Zeit lang eingesperrt gewesen.

Zwischen zweien der Käfigstapel stand ein kleiner Holztisch, darauf lagen ein paar Bögen Papier. Billy ging hin – seine Schritte vorsichtig setzend – und nahm das obenauf liegende Blatt in die Hand, während Rebecca ein paar der offenen Käfige in Augenschein nahm. Es schien sich um einen Teil eines Berichts zu handeln.

… und doch hat die Forschung bis heute gezeigt, dass es, wenn das Progenitor-Virus lebenden Organismen verabreicht wird, zu heftigen Zellveränderungen kommt, die Zusammenbrüche in allen wichtigen Systemen verursachen. Darüber hinaus wurde keine zufrieden stellende Methode gefunden, um die Organismen als Waffen zu kontrollieren. Es liegt auf der Hand, dass eine umfangreichere Koordination auf der zellularen Ebene essenziell ist, um ein weiteres Wachstum zu ermöglichen.

Experimente an Insekten, Amphibien, Säugetieren (Primaten) haben nicht die vorhergesagten Resultate erzielt. Es scheint, dass kein weiterer Fortschritt möglich ist, ohne Menschen als Basisorganismus zu verwenden. Unsere momentane Empfehlung ist, die Versuchstiere am Leben zu erhalten – zum einen für weitere Studien, zum anderen als mögliche Beute für praktische Versuche mit neueren Hybrid-B. O. W.s, wie die bevorstehende Tyranten-Serie.

Mein Gott. Billy blätterte in den Papieren, suchte nach dem Rest des Berichts, aber er fand nur eine Handvoll kaffeefleckiger Fütterungspläne.

Tyranten-Serie. All die Wesen, die wir gesehen haben … Und sie haben an etwas gearbeitet, das eben diesen Wesen möglicherweise in den Arsch treten könnte.

„Ha!“

Billy schaute auf und sah, wie Rebecca mit triumphierendem Lächeln etwas Kleines in die Höhe hielt.

„Drehknopf gefällig?“

Er ließ den Bericht wieder auf den Tisch fallen. „Machst du Witze?“

„Nein. Lag in einem der Käfige.“ Sie warf ihm den Gegenstand zu. Billy fing ihn auf und spürte, wie ihm selbst ein Grinsen ins Gesicht trat. Es war genau das, wonach er gesucht hatte, ein runder Knopf, der so beschaffen war, dass er auf das Kombinationsschloss im unteren Geschoss passen würde.

„Vier-acht-sechs-drei?“, fragte Billy, und Rebecca nickte.

„Vier-acht-sechs-drei“, wiederholte sie, hob beide Hände und zeigte ihm, dass sie die Daumen drückte. Billy tat es ihr nach. Es war dumm, kindischer Aberglaube, aber er war längst über den Punkt hinaus, an dem es ihn kümmerte, ob er einen vernünftigen Eindruck machte oder nicht. Alles, was ihnen helfen konnte, war einen Versuch wert.

„Dann lass uns mal sehen“, sagte er und fühlte, wie die Hoffnung zurückkehrte, während sie aus dem Raum des Monsters gingen. Es erstaunte ihn, wie unverwüstlich dieses Gefühl war.

Es gab ein Zitat von irgendjemandem, das besagte, dass es, so lange man am Leben war, auch Hoffnung gab. Er hatte es während seiner Verhandlung gehört, und zu der Zeit hatte er es für plump und dumm gehalten. Wie seltsam und auch wunderbar, dass er die Wahrheit dieser Worte entdeckte, während er hier unter so völlig anderen Umständen um sein Leben kämpfte.

Gemeinsam gingen sie zurück zum Labor. Und Billy drückte seine Daumen immer noch.

ZWÖLF

Er beobachtete, wie das junge Paar durch das Loch nach unten kletterte und zu der Tür mit dem Kombinationsschloss ging. Endlich hatten sie eine Möglichkeit gefunden, sie zu öffnen. Er hatte ja erwartet, dass sie das Schloss zerstören würden, aber einer von ihnen hatte offenbar die Aufzeichnungen über das Wachstum der Egel gefunden und den Kode entschlüsselt.

Es schien, dass ein einzelner Jäger, ein einsamer Springer, ihnen nichts anhaben konnte. Der junge Mann war überrascht, wenn auch nicht allzu sehr, und sah zu, wie sie die verschlossene Tür öffneten. Sie verfügten über so etwas wie die Schläue kleiner Tiere, diese beiden. Wie traurig für die Welt, dass sie getötet werden mussten.

Der junge Mann lächelte. Die Menschheit würde sich gewiss erholen von diesem Verlust, und sicherlich auch rechtzeitig, um Umbrella ans Kreuz zu schlagen. Außerdem waren die Kinder schon in Position.

Billy drückte die Tür zum Hangar der Straßenbahn auf. Die beiden lächelten und gratulierten einander, als sie das Fluchtfahrzeug „entdeckten“, das sie von hier fortbringen sollte. Die Bahn war einsatzbereit, aber die beiden würden sie nicht einsetzen – ihr Tod war nur noch eine Frage von Sekunden. Die Kinder beobachteten sie aus den Schatten unterhalb der Straßenbahn und aus den halb gefüllten Kanälen heraus, sammelten sich zu humanoider Gestalt – nicht einer, sondern deren zwei. Mit einem Seufzen befreite der junge Mann sie aus dem Geschirr, das sie hielt, und sandte zwei Läufer aus, um sich auf die Beute zu stürzen.

Ein Geräusch, ein Schrei. Er furchte die Stirn, drehte einen der falschen Männer um, damit er sehen konnte, was da in der Dunkelheit hinter ihnen geschrien hatte – und dann wurde er von einem Eliminator angegriffen. Der Primat sprang aus dem Nichts auf das humanoide Kollektiv und wühlte sich heulend und mit geiferndem Maul mitten hinein in die Kinder.

Auf der Plattform wurden Rebecca und Billy von den Kampfgeräuschen alarmiert. Schon hielten sie ihre Waffen schussbereit in Händen. Außer sich vor Wut und hin- und hergerissen zögerte der junge Mann. Er wollte sie erledigen, sie töten, sorgte sich aber zugleich um die Kinder …

Er schickte sie voran, ignorierte die Attacke des Affen, ließ die Vielen davonströmen vor seinen gefährlichen Zähnen und ließ sie sich am Rand der Plattform und neben dem zweiten Kollektiv neu formieren. Die beiden falschen Männer kletterten über das Geländer, begierig, die Eindringlinge zu schmecken. Der Eliminator folgte ihnen.

Entsetzt sah der junge Mann mit an, wie Billy einen Schuss auf einen der falschen Männer abfeuerte und einen sauberen Treffer landete. Er spürte, wie die Vielen aufschrien, spürte, wie sich der Stock verminderte. Und seine Wut schwoll an, war nun auch noch mit Schmerz geladen, als Billy abermals schoss und Rebecca begann, mit ihrer Pistole mitzumischen. Binnen Sekunden war eines der Kollektive wirkungsvoll vernichtet.

„Nein, nein!“ Die Vielen hatten nie einer Schrotflinte gegenübergestanden, er hatte nicht gewusst, dass sie damit so verheerend zu schlagen waren. Aber er konnte sich jetzt nicht zurückziehen, nicht mitten im Angriff. Seine rasenden Gedanken befahlen den Überlebenden, sich zu sammeln, sich dem zweiten falschen Mann anzuschließen …

… als der Eliminator auf Billy zusprang und mit kräftigen Krallen nach ihm hieb. Der Primat rang mit dem Mörder – und dann stürzten die beiden über das Geländer und verschwanden mit einem gewaltigen Platschen im Kanal.

Rebecca schrie auf, eilte ans Geländer, aber das zweite Kollektiv hatte sie jetzt beinahe erreicht. Der junge Mann verspürte heiße Befriedigung, sah zu, wie der falsche Mann einen seiner wunderbaren Arme ausstreckte und dehnte und mit der Hand in Rebeccas dummes, schreiendes Gesicht schlug, so fest, dass sie zu Boden ging. Sie rollte sich zur Seite, während er innehielt und überlegte, wie er ihr am besten den Rest gab. Der Verlust für den Stock war immens, beispiellos, und er wollte sicher sein, dass sie in vollem Umfang dafür büßte …

Aber sie rollte jetzt auf die Füße, die Schrotflinte, die Billy fallen gelassen hatte, in den Händen, ihr Gesicht wutverzerrt. Sie feuerte auf das Kollektiv, schoss ihm einen Arm ab, die Kinder kreischten vor Schmerz, und sie schoss wieder und wieder.

Der junge Mann konnte sie jetzt kaum noch sehen, die Zahl der auf sie gerichteten Blicke war zu gering, viele der Beobachter starben, während er sich mühte, den Kontakt zu halten. Sein letzter Blick auf sie war ein wässriger Umriss, ein dunkler werdender Schatten, der schließlich ganz verschwand.

Die Vielen weinten, ihre salzigen Tränen verschmolzen mit ihren vereinten Spuren, der leidvolle Geruch des Meeres stieg aus ihrer verzweifelten Menge empor. Der junge Mann schloss die Augen und weinte mit ihnen, aber nicht lange. Seine Wut war zu groß. Das Mädchen musste sterben, so wie ihr mörderischer Freund gewiss schon gestorben war.

Er wagte es nicht, noch mehr Kinder aufs Spiel zu setzen …

Der Tyrant. Sein König.

Er brachte ein Lächeln zustande. Sein Zorn war gewaltig – aber noch gewaltiger würde seine Rache sein.

In der Straßenbahn fand Rebecca eine Magnum, umklammert von den kalten, gummiartigen Fingern eines toten Mannes. Während der kleine Wagen die kurze Fahrt von einer Plattform zur nächsten machte und leise durch das unbekannte Dunkel glitt, bog Rebecca die Hand des Toten auf und nahm den Revolver an sich. Er war nicht geladen. Ihr fiel ein, dass Billy ein paar Speedloader mit .50er-Magnum-Patronen bei sich hatte, aber Billy war …

… ist, er ist am Leben, und ich werde ihn finden, sagte sie sich mit fester innerer Stimme, trat aus dem Straßenbahnwagen, als er zum Halten kam, und ignorierte die angstvolle Stimme in ihrem Hinterkopf, die darauf beharrte, dass er mit Sicherheit tot sei. Billy war verschwunden, war in den reißenden Kanal unter den Straßenbahnplattformen gestürzt, wo er und dieses Monster in eben diese Richtung gespült worden waren. Aber er lebte, und sie würde ihn finden. Der Gedanke kreiste, wiederholte sich. Sie war Billy diese Hoffnung, diesen Glauben schuldig, aus mehr als nur einem Grund.

Die zweite Straßenbahnplattform unterschied sich kaum von der ersten, war ebenso klein, kalt und finster. Hier jedoch gab es eine Treppe, die nach oben und aus dem Hangar hinausführte. Rebecca nahm sich einen Moment lang Zeit, kümmerte sich um ihre Waffen und lud die Neunmillimeter nach. Billy trug die restlichen Schrotpatronen bei sich, aber er hatte die Waffe nachgeladen, nachdem dieses Ungeheuer sie vor dem Raum mit den Käfigen angegriffen hatte.

Nachdem er dir, wieder einmal, das Leben gerettet hatte.

Es waren noch zwei Patronen übrig. Rebecca würde die Flinte nicht hier zurücklassen, und für ebenso unklug hielt sie es, die Magnum nicht mitzunehmen. Vielleicht fand sie ja noch Munition dafür. Der schwere Revolver zerrte an ihrem Gürtel, die Schrotflinte drückte gegen ihre verletzte Schulter, aber sie wollte für alles gewappnet sein.

Er ist tot, Rebecca. Du musst jetzt dein eigenes …

Nein!

… Leben retten, du musst …

Nein!

Sie eilte die Treppe hinauf, strafte die Erschöpfung ihres Körpers mit Ignoranz. Muss ihn finden, muss einfach. Am oberen Ende der Stufen war eine Tür, die in einen riesigen, größtenteils leeren Lagerraum führte. Die gegenüberliegende Seite öffnete sich in die Nacht. Rebecca durchquerte den kahlen Raum, stieg über die Transportschienen auf dem Boden, in Gedanken zu sehr mit Billy beschäftigt, um wirklich klare Überlegungen anstellen zu können. Wenn er verletzt war, wenn er –

Tot. Er könnte tot sein. Sie fing an, den Gedanken kurzerhand von sich zu weisen, aber diese innere Stimme war nicht verängstigt, sprach nicht in blinder Panik – sie war ruhig. Vernünftig. Rebecca atmete ein paar Mal tief durch, blieb einen Moment auf der Plattform des Industrie-Aufzugs stehen, der an den großen Raum grenzte, und betrachtete den kühlen, dunkelblauen Frühmorgenhimmel.

Die Wolken brachen endlich auf, eine Handvoll blasser, ferner Sterne schien herab. Das Unwetter war vorbei. Sie hoffte, dass es ein gutes Omen war … Aber sie konnte nur hoffen. Wenn Billy tot war, und wahrscheinlich war er das, musste sie eben damit klarkommen.

Aber bevor ich es nicht sicher weiß, tu ich gar nichts.

An der nördlichen Seite des Plattformaufzugs befand sich eine Steuerkonsole. Rebecca studierte die Kontrollen kurz und entschied dann, bis zur untersten der aufgeführten Ebene hinunterzufahren, K-4, um dort nach einem Zugang zum Kanalnetz zu suchen.

Sie drückte den Knopf. Die riesige, achteckige Plattform ruckte, dann setzte sie sich nach unten in Bewegung. Die Wände des gewaltigen Schachts glitten an Rebecca vorbei nach oben, der Nachtwind blieb über ihr zurück.

Schließlich senkte sich der Aufzug in einen weitläufigen Raum hinab, der rein zweckmäßig ausgestattet war. Graue Wände und Stahl, wohin man auch schaute. Rechter Hand sah Rebecca ein kleines Büro mit der Aufschrift SICHERHEIT und einen kurzen Gang, der vor einem weiteren, konventionelleren Aufzug endete, wie man ihn auch in Bürogebäuden fand. Links war die niedrige Decke eingebrochen – Berge von Geröll türmten sich darunter, und dort, vor dem sich türmenden Schutt, schien sich ein zweiter Lift zu befinden. Es handelte sich um einen größeren, einen Lagerhausaufzug.

Rebecca trat von der Plattform herunter und suchte in dem schwach beleuchteten Raum nach Anzeichen von Leben. Ihre Schritte klangen seltsam leise auf dem Betonschutt. Der Raum war leer. Sie ging zu dem Büro des Sicherheitspersonals und fand es verschlossen, aber ein Blick durch die schmutzige Scheibe, die in die Tür eingelassen war, verriet ihr, dass es darin ohnehin nichts zu holen gab.

Sie seufzte, wusste nicht, wohin sie sich wenden sollte. Sie wollte weiter nach unten, in der Hoffnung, dass sie auf diese Weise letztlich ans Wasser gelangen würde. Aber beide Aufzüge konnten sie in die falsche Richtung bringen.

Dann entscheide dich für einen. Immer noch besser, einen Fehler zu begehen, als hier herumzustehen und Zeit zu verschwenden. Richtig. Sie warf in Gedanken eine Münze, dann ging sie zu dem Lift westlich der Plattform.

Sie griff nach der Kontrolltafel, um den einzigen darauf befindlichen Knopf zu drücken …

… und ein leises Ping erklang, als der Fahrstuhl auf ihrer Etage anhielt.

Sie wich zurück, es blieb keine Zeit und es gab auch keine Möglichkeit, davonzulaufen oder sich zu verstecken. Sie drückte sich so dicht in die Kante neben der Tür, wie sie nur konnte, und betete, dass, wer es auch sein mochte, in zu großer Eile war, um hinter sich zu schauen.

Die Türhälften glitten auseinander. Rebecca hielt die Schrotflinte schussbereit und den Atem an, als eine einzelne Gestalt heraustrat, ein großer Mann, der eine Weste trug …

Rebecca senkte die Waffe. Ihre Augen weiteten sich, als Enrico Marini herumwirbelte und seine Neunmillimeter auf sie richtete.

„Nicht schießen!“

Sie sah Überraschung, den Schock des Erkennens auf seinem Gesicht, und dann zog er die Pistole hoch, sodass die Mündung zur Decke wies.

„Rebecca“, sagte er und entspannte sich ein wenig. Sie bemerkte den Dreck an seinen Händen und in seinem Gesicht, das verschmierte Blut an seinen Armen. Die Knöchel seiner beiden Hände sahen zerschrammt und geprellt aus. Seine S.T.A.R.S.-Weste war an mehreren Stellen zerrissen. Offensichtlich war sie nicht das einzige Mitglied des Bravo-Teams, das um sein Leben hatte kämpfen müssen. „Sind Sie okay?“

„Sie leben“, sagte sie und trat vor, so froh, ihn zu sehen, dass sie nicht wusste, warum sie vor Erleichterung nicht weinte. Er nahm sie unbeholfen in einen Arm und tätschelte ihr die Schulter, bevor er sich wieder von ihr löste.

„Die anderen?“, fragte sie.

Enrico drehte sich um und sah zu dem Industrie-Aufzug hinüber. „Sie sind vorausgegangen. Wir haben nach Edward und Ihnen gesucht.“

Sie senkte den Blick. „Edward – er hat es nicht geschafft.“

Enricos Blick wurde eine Spur härter, aber er nickte nur. „Haben Sie den Rest des Teams hier gesehen?“

„Nein.“

„Dann müssen sie Sie knapp verpasst haben“, sagte er. „Wir fanden diese Dokumente …“ Er schüttelte den Kopf, als könne er eine Geschichte nicht glauben, die aber auch zu lang war, um sie hier und jetzt zu erzählen. Rebecca verstand trotzdem.

„Östlich von hier liegt eine alte Villa“, fuhr er fort. „Wir glauben, dass Umbrella dort Forschungen betreibt. Kommen Sie. Wenn wir uns beeilen, können wir die anderen noch einholen.“

Er setzte sich in Bewegung, und sie spürte, wie sich ihr Herz verkrampfte, eine heiße, harte Faust in ihrer Brust.

„Warten Sie!“, platzte sie heraus, bevor sie es sich anders überlegen konnte. „Ich muss Billy finden.“

Enrico drehte sich um und starrte sie an. „Billy Coen? Sie haben ihn gefunden?“

„Ja, aber wir wurden getrennt und …“ Sie verstummte, wusste nicht, wie sie es ihm klarmachen sollte.

„Kein Grund, sich um ihn zu sorgen“, sagte Enrico. „Er wird es ohnehin nicht schaffen. Gehen wir.“

„Sir, ich –“ Sie schluckte und zwang sich, ihm in die Augen zu sehen. „Es ist eine lange Geschichte. Aber ich – ich muss ihn finden. Keine Sorge, ich hole Sie schon ein.“

„Rebecca“, fing er an, dann schien er etwas im Nachhall ihrer Stimme zu hören, in ihrem Gesicht zu sehen … vielleicht dieselbe Geschichte, die sie in seinem erkannt hatte. Es war einfach zu viel passiert, und jede Erklärung würde wahrscheinlich mehr Zeit in Anspruch nehmen, als sie beide erübrigen konnten.

„Seien Sie vorsichtig“, sagte er, und sie riss sich zusammen und nickte ihm fest zu. Das stumme Übereinkommen zweier Profis. Er drehte sich um und ging. Sie sah ihm nach, sah, wie er den Schutthaufen auf der anderen Seite des riesigen Raumes erreichte, sich dort dem Aufzug zuwandte und aus ihrem Blickfeld verschwand.

Da finde ich endlich mein Team, und dann sage ich ihnen, sie sollen ohne mich weitergehen, dachte sie, zu erschöpft allerdings, um wirklich erstaunt über ihre Entscheidung zu sein. Immerhin waren sie noch am Leben. Sobald sie Billy gefunden hatte, würde sie mit ihm in Richtung Osten gehen und das Team an der Umbrella-Villa treffen.

Sie besah sich den Fahrstuhl, aus dem Enrico gekommen war, und stellte fest, dass er nur nach oben ging. Das machte ihr die Entscheidung ja schon mal leichter.

Sie ging durch den Raum zu dem anderen Aufzug. Sie drückte den Rufknopf, hörte das Knarren und Rucken von Bewegung, das Summen der Mechanik, das aus dem Schacht zu ihr drang. Der Lift war langsam, kroch förmlich von dort zurück, wo er Enrico hingebracht hatte. Rebecca lehnte sich gegen die Tür und wünschte sich, er würde sich schneller bewegen. Sie war zu müde, um es zu wagen, sich einen Moment lang Ruhe zu gönnen – weil sie fürchtete, danach nicht mehr in die Gänge zu kommen.

Ein großer Felsbrocken rollte aus den Schatten um die Spitze des Schuttberges herunter, traf unweit von ihr auf den Zementboden und zerbrach in mehrere Stücke. Rasch folgte ein weiterer, dann ein dritter – und dann eine kleine Lawine, unter der sich viele der plattenförmigen Bruchstücke bewegten und schließlich wieder zur Ruhe kamen, während eine Staubwolke von dem heruntergerutschten Geröll aufstieg. Rebecca trat von der Fahrstuhltür zurück und behielt den Haufen nervös im Auge.

Knirsch. Knirsch. Knirsch.

Was sich da anhörte wie schwere Schritte, kam von dem Schutthaufen. Weitere Brocken verlagerten sich, rumpelten und polterten zu Boden.

„Enrico?“, fragte sie, ihre Stimme hoffnungsvoll und dünn in der stauberfüllten Luft.

Knirsch.

Knirsch.

Noch einmal drückte sie den Rufknopf. Den Geräuschen nach zu schließen, kam der Aufzug näher, aber jetzt machte sie eine Bewegung aus … ja, etwas bewegte sich dort oben im Dunkeln.

Und es kam zu ihr.

Billy hielt sich an den zerborstenen Überresten eines erodierten Stützpfeilers fest. Wellen und Strudel kalten, finsteren Wassers rauschten an ihm vorüber und mühten sich, den Griff seiner tauben Finger zu lösen. Er ließ nicht los, war halb besinnungslos, versuchte zu überlegen. Aber er konnte kaum denken. Er erinnerte sich an den Affen …

Pavian, hat sie gesagt.

… der ihn angriff, und dessen schmutzige Krallen sich in seine Oberarme gebohrt hatten. Erinnerte sich, gegen das Geländer geprallt zu sein, mit Wucht. Erinnerte sich an das Aufspritzen schwarzen Wassers, seinen öligen, sauren Geschmack und Geruch, als es über ihn hinwegspülte.

Rebecca rief seinen Namen, ihre Stimme schwand, als die Strömung ihn fortriss. Dann der gurgelnde Schrei des panischen Tieres, als es losließ und nach unten gesogen wurde – und dann der Felsvorsprung und ein scharfer Schmerz an seiner Schläfe und … und jetzt war er hier. Irgendwo.

Er war verletzt, benommen, verloren. Rechts von ihm schäumte und toste das Wasser, stürzte sich in ein riesiges Rohr, das ins Dunkel führte, ein Rohr, das mehr als groß genug war, um auch ihn zu verschlingen.

Etwa zehn Meter links von ihm gab es eine Art Gehweg, der über das wirbelnde Wasser hinwegführte, aber ebenso gut hätten es zehn Kilometer sein können, was seine Chancen anging, dorthin zu gelangen. Die Strömung war zu stark, und er war selbst an einem guten Tag nicht der beste Schwimmer.

Er hielt sich fest. Das war alles, was er tun konnte.

DREIZEHN

Die Kreatur, die sich aus dem Schutt wühlte und in die Höhe stemmte, war mit nichts vergleichbar, was Rebecca bislang gesehen hatte. Das Wesen richtete sich nahe der Kuppe des Geröllhaufens auf und hob seine Arme, als streckte es sich, was Rebecca einen deutlichen Blick erlaubte. Ihr Mund wurde trocken und ihre Handflächen waren plötzlich ganz feucht. Sie verspürte den verzweifelten Drang, aufs Klo zu müssen.

Das Wesen war humanoid, beinahe menschlich in der Hinsicht, dass seine Gesichtszüge die eines Menschen waren – nur war kein Mensch so blass: Seine haarlose Haut, sein Körper waren von einem fast leuchtenden Weiß. Und kein Mensch besaß Krallen, die fast so lang waren wie seine Arme, gekrümmt und glänzend wie Stahlklingen. Die der rechten Hand waren sogar noch länger als die der linken. Seine Adern zeichneten sich wie dicke Taue unter der Haut ab. Massen roten und weißen Gewebes türmten sich über seinen gewaltigen Schultern und seiner Brust wie zu Buckeln. Blutrote Entzündungen verteilten sich über seinen mehr als drei Meter großen Körper, und ein großer Teil seiner unteren Gesichtshälfte war abgerissen worden, sodass das Wesen nun ein blutiges Grinsen aus Fleisch und Knochen zeigte, das es jetzt Rebecca zuwandte, während es die Krallen aneinander rieb, als freute es sich schon sehr auf ihre Begegnung.

Das Ding schaute auf sie herab, und sein widernatürliches Grinsen schien noch breiter zu werden. Sie konnte es atmen hören, ein hartes, raspelndes Geräusch, konnte sogar das Pumpen seines fremdartigen pulsierenden Herzens sehen, das von seinem Rippenkäfig nur teilweise abgeschirmt wurde.

Sich kaum bewusst, dass sie die Schrotflinte überhaupt angehoben hatte, drückte Rebecca ab.

Der Schuss sprenkelte die Brust des Dings mit Schwarz. Plötzlich rannen rote Bänder aus Blut an seinem Leib hinab, und es warf seinen riesenhaften, kahlen Schädel in den Nacken und brüllte – ein Geräusch wie Armageddon, wie das Ende von allem. Es war mehr Wut, mehr Rage als Schmerz, und Rebecca begriff auf einmal, dass sie nicht mehr lange überleben würde.

Mit einem einzigen eleganten Satz sprang das Monster von dem Haufen aus zerbrochenem Gestein herab und landete geduckt keine vier Meter von Rebecca entfernt am Boden. Sie konnte spüren, wie der Boden erbebte. Seine Stahlkrallen kratzten über den Beton, als es sich aufrichtete, den grauen, bösartigen Blick auf sie geheftet. Sie wich zurück, lud die Flinte durch, zitterte am ganzen Leib, während sie versuchte zu zielen, versuchte, sein schreckliches Grinsen anzuvisieren.

Es kam einen Schritt näher, trat zwischen Rebecca und den Aufzug – gerade als sie hörte, wie die Fahrstuhlkabine anhielt und die Tür sich öffnete.

Die Kreatur machte noch einen Schritt. Wenigstens ist das Ding langsam. Wenn ich es weglocken und dann zurücklaufen könnte …

Noch ein Schritt, und Rebecca sah und hörte, wie sich unter den Zehennägeln der Kreatur ein Sprung im Boden bildete. Rebecca wich weiter zurück, versuchte die Distanz zwischen ihnen zu vergrößern.

Und plötzlich rannte das Ungeheuer, und zwar schnell, war nur noch ein Schemen, als es einen Arm fallen und wieder hochfahren ließ, die Klingen seiner Hände so nahe, dass Rebecca eine Reflexion ihrer eigenen Bewegung darauf sehen konnte, als sie sich zur Seite warf. Sie rollte über die Schulter ab, die Flinte an die Brust gedrückt, und kam auf die Beine, als die Kreatur ihren merkwürdigen Sturmlauf mit schwingenden Armen beendete. Funken stoben von der Wand neben dem Aufzug, eine Schalttafel wurde zerfetzt …

Hinter Rebecca blinkten Lichter, ein Alarm ertönte, und zwischen ihr und dem Plattformaufzug, mit dem sie heruntergekommen war, begann ein massives Metalltor herabzusinken. Es würde den Raum in zwei Hälften teilen – und sie zusammen mit diesem furchtbaren Monster hier einschließen.

Sie rannte, entschlossen, es auf die andere Seite dieses Tores zu schaffen. Es war schwer und senkte sich schnell, eine dicke Metallscheibe, gewiss undurchdringlich für die Kreatur. Rebecca passierte das Tor, drehte sich um und rannte rückwärts weiter.

Die von Menschen erschaffene Monstrosität setzte ihr nach, duckte sich unter dem herabgleitenden Tor. Rebecca spürte ihr Herz hämmern, Schweiß brach ihr am ganzen Körper aus. Wenn sie mit diesem Ding auf derselben Seite eingesperrt wurde, war alles vorbei.

Sie wartete. Die Kreatur bewegte sich langsam auf sie zu, glaubte sich ihrer Beute sicher – und als die Unterkante des Tores ihre Kopfhöhe erreichte, rannte Rebecca zurück auf die andere Seite, musste sich nun selbst ducken. Sie betete, dass das Ding es nicht schaffen würde, ihr zu folgen.

Es setzte an, ihr wieder zu folgen, bückte sich, hob die Klauen, als es unter das Tor rutschte. Rebecca verspürte einen Anflug von Hoffnung, dass das Tor das Ungeheuer zermalmen würde … und dann hörte sie das Kreischen von Metall, als es seine gewaltigen Klauen in das niedersinkende Tor grub. Entsetzt und erstaunt zugleich sah Rebecca zu, wie das Ding die Bewegung des Tores tatsächlich so weit verlangsamte, dass es darunter hindurchgelangen konnte. Dann war es auf ihrer Seite, und das Tor traf mit einem hallenden Dröhnen auf den Boden.

Ihr Instinkt wollte sie zur Flucht treiben – aber sie konnte nirgendwohin. Nachdem diese Trennwand heruntergekommen war, war der Raum kaum größer als ihre Einzimmerwohnung. Sie musste in den Fahrstuhl. Das war ihre einzige Chance.

Sie versuchte es, rannte los, packte den Griff der Tür, war dabei, sie aufzuziehen – und hörte das Monster kommen, hörte das Wummern seiner schweren Füße, das Knacken des Zements, als es auf sie zudonnerte.

Scheiße! Sie drehte sich nicht einmal um, wusste instinktiv, dass dafür keine Zeit war. Stattdessen ließ sie sich fallen, ging auf die Knie und kroch seitlich weg – genau in dem Moment, als die Krallen herunterkrachten, in die Aufzugtür hackten und die Wand durchbohrten, dort, wo Rebecca eine Sekunde vorher noch gestanden hatte.

Sie wich taumelnd nach hinten, als sich das Monster umwandte, seinen Blick abermals auf sie gerichtet, und einen Schritt tat. Es war so zielgerichtet und unerbittlich wie eine Maschine. Es streckte einen seiner überlangen Arme nach hinten, etwa so, als wollte es einen Ball werfen, und machte einen zweiten dröhnenden Schritt.

Denk nach, denk nach! Im Kampf konnte sie das Ding nicht besiegen, und wahrscheinlich konnte sie es mit dem, was ihr noch zur Verfügung stand, auch nicht umbringen. Ihre einzige Hoffnung bestand darin, es irgendwie zu überlisten …

Ihr Plan war noch gar nicht ganz fertig, als sie auch schon begann, ihn in die Tat umzusetzen. Die Kreatur war riesengroß, sie konnte nicht ohne weiteres stoppen, wenn sie einmal rannte – wenn Rebecca das Ding also dazu brachte, sich in Bewegung zu setzen, und wenn sie im letzten Augenblick auswich, mochte sie genug Zeit haben, um die Aufzugtür zu öffnen. So weit vom Fahrstuhl entfernt, wie es in dem kleinen Raum möglich war, blieb sie stehen.

Ein weiterer Schritt. Die Krallen klickten. Rebecca musste all ihre Willenskraft aufbieten, um nicht loszurennen. Sie hielt die Schrotflinte auf das Wesen gerichtet und machte sich bereit, zum Aufzug zu sprinten, sobald das Ding schneller wurde.

Das Grinsen des Monsters wurde breiter, als es die Knie leicht beugte, wie um sich zum Sprung bereitzumachen …

… und dann bewegte es sich; nur ein paar schnelle Schritte und es würde sie erreicht haben. Rebecca flog, duckte sich und rannte, rammte gegen die Aufzugtür, packte den Griff mit zitternden, hastigen Händen. Sie riss die Tür auf, warf sich hinein, drehte sich, um die Tür zu schließen …

… und das Ding war ihr schon wieder auf den Fersen, rannte wieder, schnell, viel zu schnell. Die Tür würde nicht halten, das wusste Rebecca. Sie hob die Schrotflinte, nahm sich keine Zeit zum Zielen, schoss.

Der Schuss traf die rechte Schulter des Dings. Es wankte nach hinten, schrie, Blut spritzte aus der Wunde, und dann sah Rebecca nichts mehr. Sie zog die Tür zu, drückte den untersten Knopf, schloss die Augen und fing an zu beten.

Sekunden vergingen. Der Lift glitt nach unten, weiter und weiter – und hielt endlich an. Rebecca unterbrach ihr Gebet lange genug, um von draußen das Rauschen von Wasser hören zu können – muss die Kanalisation sein –, aber sie war noch zu entsetzt, als dass sie das wirklich kümmerte. Ihr Körper zitterte wie wild.

Nach, wie ihr schien, einer langen Zeit verebbte das Zittern. Sie war okay … oder am Leben zumindest, und das war doch etwas. Mit einem letzten Gebet, in dem sie ihrer Hoffnung Ausdruck verlieh, dass sie dieses Ding nie wieder sehen musste, drückte Rebecca die Tür auf und trat hinaus.

William Birkin brach endlich – endlich! – auf, als er den unmenschlichen Schrei durch die ansonsten stille Einrichtung hallen hörte – ein Schrei schierer Rage. Vor dem Eingang des kleinen unterirdischen Tunnels, der nach draußen führte, blieb Birkin stehen und blickte zurück zum Kontrollraum. Er hatte die vergangenen beiden Stunden in diesem winzigen, versteckten Bereich verbracht und erst mit einer Entscheidung gerungen und dann damit, den Computer dazu zu bringen, seinen Override-Befehlen zu gehorchen. Die Zerstörungssequenz war auf wenig mehr als eine Stunde angesetzt. Wie Wesker vorgeschlagen hatte, würde die Auslöschung der Einrichtung und ihrer Umgegend mit dem Anbruch des neuen Tages zusammenfallen.

Dieser Schrei … Birkin hatte noch nie etwas Vergleichbares gehört, wusste aber trotzdem sofort, worum es sich handelte, da er das Projekt in seinen letzten Phasen miterlebt hatte. Nichts anderes konnte einen solchen Laut ausstoßen. Der Prototyp des Tyranten war auf freiem Fuß.

Die Schatten, die den engen Tunnel säumten, schienen ihm auf einmal zu tief, zu einsam. Zu sehr in der Lage, ein Geheimnis zu bergen.

Birkin drehte sich um und eilte davon, und jetzt war er sicher, dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte.

Alles würde in Flammen aufgehen.

Billy hörte etwas. Er hob seinen schweren Kopf und schaffte es, ihn ein wenig zu drehen. Dort, links von ihm, öffnete sich eine Tür auf den Laufsteg, und es trat eine menschliche Gestalt heraus.

„Hey“, rief er, aber er brachte keine Lautstärke zustande, seine Stimme verlor sich im Rauschen des Wassers. Er schloss die Augen.

„Billy!“

Er sah wieder hin und fühlte tief in sich Wärme aufsteigen. Rebecca, es war Rebecca, die sich da über das Geländer lehnte und seinen Namen rief. Und ihr Anblick und ihre Stimme brachten ihn irgendwie wieder zu sich, verdrängten diese bleierne Erschöpfung – ein bisschen jedenfalls.

„Rebecca“, sagte er. Er hob seine Stimme, war aber nicht sicher, ob sie ihn hören konnte. Er wollte ihr etwas sagen, wollte etwas tun, aber er brachte nur noch einmal ihren Namen hervor. Die Situation bedurfte keiner Erklärung, und er war in schlimmer Verfassung. Wenn sie ihm helfen wollte, musste sie sich selbst etwas einfallen lassen.

„Billy, pass auf!“ Rebecca gestikulierte mit einer Hand und tastete mit der anderen nach ihrer Pistole.

Das Entsetzen in ihrer Stimme weckte ihn auf. Er klammerte sich fester an den Stützpfeiler, versuchte sich hochzuziehen, um zu sehen, worauf sie zeigte – und erhaschte einen flüchtigen Blick auf etwas, das sich schnell bewegte. Etwas Langes und Dunkles, das wie eine Riesenschlange durch das Wasser glitt und auf ihn zukam.

Er versuchte, sich zu bewegen, sich um den Pfeiler herumzuschieben, aber die Strömung war zu stark. Er konnte nicht loslassen, sonst würde er augenblicklich mitgerissen werden.

Rebecca schoss – einmal, zweimal … und die unsichtbare Kreatur prallte so heftig gegen den Stützpfeiler, dass Billy den Halt verlor.

Er schrie auf, paddelte wie wild, um den Kopf über dem schäumenden Wasser zu halten, um sich dem Sog des Ablaufrohres zu widersetzen, aber es nützte nichts. Binnen Sekunden wurde er ins Dunkel gefegt, gestoßen und gedroschen, und das Tosen des Wassers erfüllte seine Ohren, während es ihn davontrug.

VIERZEHN

Während Rebeccas kurzem Kampf gegen den Proto-Tyranten stahl sich William Birkin aus der Einrichtung, den Kopf gesenkt und mit sprichwörtlich eingezogenem Schwanz. Der junge Mann hatte ein paar Stunden vorher seine Spur verloren gehabt und angenommen, dass der Wissenschaftler wie Wesker das Weite gesucht hatte – und wie es auch diese Leute von Rebeccas kleinem Abenteurerteam kurz zuvor getan hatten. Aber da war er nun und hetzte durch einen der geheimen Ausgangstunnel, sein blasses, zuckendes Gesicht eine Maske der Angst. Gewiss war er entsetzt ob des Schlachtenlärms und sich nicht im Mindesten bewusst, dass er nur deshalb noch lebte, weil sein Leben so völlig unwichtig war.

Obwohl er sich gerne persönlich mit ihm befasst hätte, ließ der junge Mann den Wissenschaftler jetzt gehen; er war Beute für einen anderen Tag. Selbst war er zu hingerissen von dem Kampf, zu begierig darauf zu sehen, wie Rebecca die Glieder abgerissen wurden. Doch stattdessen sah er, wie sie ihrem Schicksal abermals entging, mit einer Kombination aus Geschicklichkeit und Glück, die dem Betrachter wie ein Wunder vorkam. Er beobachtete, wie sie den Tyranten hinter sich ließ und kurz darauf auf Billy stieß, der aus irgendeinem Grund immer noch am Leben war. Er hielt sich wie eine Klette an einem Felsen fest, während um ihn herum ein Meer aus Abwasser toste. Dann wirbelte ihn ein Hieb einer der Wasserkreaturen davon in Richtung eines der vielen Filterräume der Anlage. Rebecca schrie ihm etwas hinterher, gewiss halb wahnsinnig vor Enttäuschung, Verlustschmerz und geplatzter Hoffnung.

Der junge Mann lächelte, ein kaltes, gemeines Lächeln. Er fühlte sich so ruhig, wie seit langem nicht mehr, während er zusah, wie Rebecca den Laufsteg überquerte, im Betriebsraum einen weiteren Aufzug fand und sich auf den Weg in die Tiefen der Anlage machte – wo er und sein Stock warteten, aneinander gekuschelt in ihrem Kokon aus glitzernden flüssigen Ausscheidungen. Mit etwas Glück würde sie bald auf Billy stoßen, der vielleicht noch lebte. Wahrscheinlich sogar. Er begriff jetzt, dass er ganz einfach zu sehr versucht hatte, die Dinge voranzutreiben, ihr Schicksal zu beschleunigen. Eine Konfrontation war unvermeidlich … Und hatte er denn in Wahrheit nicht die ganze Zeit schon ein Publikum gewollt, jemanden, der sein großartiges Unternehmen bewundern konnte? Außerdem würde die Dämmerung bald enden, eine gefährliche Zeit für die Kinder, deren empfindliche Körper selbst durch das schwächste Sonnenlicht verbrennen konnten. Es war besser, wenn er die beiden Eindringlinge zu sich kommen ließ. Sie würden von seinem Ruhm erfahren, bevor er sie persönlich vernichtete.

Er beobachtete und wartete erregt auf den Beginn des letzten Kapitels seines Triumphs.

Rebecca war sich nicht sicher, wo sie war. Die unterirdischen Etagen und Räumlichkeiten dieses neuen Gebäudes waren auf sinnverwirrende Weise ineinander verschachtelt. Sie ging dennoch weiter, immer tiefer nach unten. Die Gänge waren „sauber“, aber zwei der Räume, durch die sie kam – ein weiterer kleiner Kontrollraum, dessen Zweck nicht ersichtlich war, und ein verwüsteter Aufenthaltsraum für Mitarbeiter – waren mit Zombies verseucht. Sie musste nur zwei von den sieben, die sie sah, erschießen. Die anderen waren schon zu stark verwest und zu langsam, um eine echte Gefahr darzustellen. Sie wünschte, sie hätte genug Zeit und Munition gehabt, um sie alle umzulegen, um ihnen zu ersparen, was aus ihrem Leben geworden war. Aber die Tatsache, dass sie Billy wiedergesehen hatte, trieb sie weiter. Er war verletzt, jedoch am Leben, und er befand sich jetzt irgendwo in den Tiefen dieses chaotischen Komplexes.

Diese neue Einrichtung war eine Wasseraufbereitungsanlage, das erkannte Rebecca an dem durchdringenden Geruch und nicht zuletzt auch an den Schildern und Kontrolltafeln, die, wie ihr schien, in jedem zweiten Raum zu finden waren. Doch sie glaubte auch, dass es sich hierbei um eine weitere Fassade für Umbrellas illegale Aktivitäten handelte. Warum sonst wäre dieses Gebäude mit der Trainingseinrichtung verbunden, wenn auch nur indirekt?

Sie ging durch einen kleinen Innenhofbereich, der im siebten Untergeschoss lag – jedenfalls glaubte sie, dass es das siebte war. Hier waren Bauarbeiten im Gange gewesen, bevor das Virus ausgebrochen war, und sie bezweifelte sehr, dass der aus dem Fels gehauene Bunker – in dem sich Gabelstapler aneinander reihten – viel mit Wasseraufbereitung zu tun hatte.

Ja, aber was zum Teufel weiß ich schon?, dachte sie beiläufig und trieb sich an, schneller zu gehen, durch eine weitere Tür und einen Raum mit einer in den Boden eingelassenen Grube, die voller Kisten war. Bis heute Nacht hatte sie nicht an Zombies und Biowaffen-Verschwörungen geglaubt … Um ehrlich zu sein, hatte sie nicht einmal wirklich geglaubt, dass es solch vorsätzliche Bösartigkeit überhaupt geben könnte. Aber nach allem, was sie gesehen und erlebt hatte, seit sie vor einigen Stunden in diesen Zug gestiegen war, lagen die Dinge jetzt völlig anders. Sie wusste nicht, ob sie jemals wieder in der Lage sein würde, die Welt so blauäugig zu sehen wie zuvor. Oder ob sie je wieder einen Menschen oder einen Ort ansehen könnte, ohne sich zu fragen, was sich hinter dem Augenschein verbergen mochte. Sie wusste nicht, ob sie wegen des Verlusts dieser Unschuld wütend oder dankbar sein sollte. Aber wenn sie bei S.T.A.R.S. blieb, würde es ihr zweifelsohne zum Nutzen gereichen.

Im hinteren Teil des Raumes mit den Kisten befand sich eine Metalltreppe. Rebecca blieb an ihrem oberen Ende stehen und verschnaufte, während sie hinabsah. Dann verzog sie angewidert das Gesicht, unschlüssig, wie es jetzt weitergehen sollte.

Auf den Stufen waren Egel, mindestens ein paar Dutzend verteilten sich darüber, hingen an Schleimfäden oder zogen glitzernde Spuren über das graue Metall. Sie wollte die Treppe nicht betreten, weil sie fürchtete, die Biester könnten sie angreifen, wenn sie ihnen zu nahe kam oder eines von ihnen verletzte – aber umkehren wollte sie auch nicht. Sie hatte ein Gefühl, als beschleunigte sich die Zeit auf einmal, als geschähen die Dinge immer schneller und schneller, dass sie Schritt halten musste, weil sie ansonsten Gefahr lief, abgehängt zu werden.

Oder weil ich sonst Gefahr laufe, wieder auf dieses Ding zu treffen. Diese Klauen bewehrte Killermaschine.

Der wütende Schrei des Monsters hallte noch immer in ihrem Kopf wider. Sie hatte es verwundet, aber die Wahrscheinlichkeit, dass es sich in eine dunkle Ecke verkrochen hatte, um zu sterben, war allenfalls minimal. So einfach ließen sich solche Dinge nie aus der Welt schaffen.

Mit zusammengebissenen Zähnen stieg sie vorsichtig über die Egel hinweg oder umging sie. Sie hielt nach jedem Schritt inne und schluckte bitteren Gallegeschmack hinunter, als eines der Dinger über ihre Stiefelspitze kroch, bevor es seinen Weg fortsetzte. Wenigstens war die Treppe kurz. Rebecca brachte sie hinter sich, ohne auf eines der scheußlichen kleinen Dinger zu treten, und erreichte die Tür am unteren Ende ohne weiteren Zwischenfall.

Als sie die Tür öffnete, sprühte kühler Dunst auf ihre schwitzende Haut, und das Brüllen sich leerender Rohre klang wie Musik in ihren Ohren. Es war ein großer Raum, beherrscht von riesigen Kanalrohren, die aus einer der Wände herausragten und aus denen sich Wasser ergoss, das über eine Reihe von Gitterfiltern lief …

… und dort, inmitten des Durcheinanders aus herausgefilterten Treibgut –

„Billy!“

Rebecca rannte auf Billys verkrümmt daliegende Gestalt zu. Neben ihnen stürzte ein stinkender Wasserfall nieder. Sie bückte sich und griff nach seinem Hals, schob seine Hundemarken beiseite, bebte innerlich … aber sie spürte einen starken, regelmäßigen Puls – und unter ihrer Berührung schlug Billy die Augen auf und sah mit verschleiertem Blick zu ihr auf.

„Rebecca?“ Er hustete, versuchte, sich aufzusetzen, doch sie legte ihm sanft eine Hand auf die Brust und drückte ihn zurück. An seiner linken Schläfe prangte eine dunkelrote Beule von beachtlicher Größe.

„Ruh dich einen Moment aus“, sagte sie, wobei sie die Worte um den Kloß in ihrem Hals herummanövrieren musste. Sie hatte glauben wollen, dass er in Ordnung sei, aber es war so schwer gewesen … „Ich untersuche dich kurz.“

Ein schwaches Lächeln umspielte seine Lippen. „Okay, aber dann bin ich dran“, murmelte er und hustete wieder.

Er beantwortete ihre Fragen klar und deutlich, während sie seine Bewegungsfähigkeit überprüfte und ein paar seiner tieferen Kratzwunden säuberte. Die Beule an seinem Kopf schien seine schlimmste Verletzung zu sein und bescherte ihm ein leichtes Schwindelgefühl und Übelkeit, aber es war nicht annähernd so schlimm, wie sie befürchtet hatte – und nur ein paar Minuten später stemmte er sich aus eigener Kraft in eine sitzende Position und lächelte ihr schwach zu.

„Okay, okay“, sagte er und zuckte zusammen, als sie seine Schläfe berührte. „Ich werd’s überleben, aber nicht, wenn du weiter so an mir rummachst.“

„In Ordnung“, sagte sie und ließ sich mit einem Gefühl erstaunlich tiefer Zufriedenheit auf die Fersen zurücksinken – sie hatte sich aufgemacht, ihn zu finden, und hatte es geschafft. Sie hatte keine Ahnung gehabt, dass so ein simples Gefühl derart erfüllend sein konnte, dass es all das Negative ihrer Lage so leicht vergessen machen konnte, und sei es nur für einen Augenblick. „Ich bin froh, dass du noch lebst, Billy.“

Er nickte und zuckte ob der Bewegung abermals zusammen. „Damit sind wir schon zu zweit.“

Sie half ihm auf die Beine und stützte ihn, als er um sein Gleichgewicht kämpfte. Als er sicher genug stand, ging er ein paar Schritte – und sie sah einen angewiderten Ausdruck auf seinem Gesicht. Seine Mundwinkel zogen sich nach unten, als er an ihr vorbei und auf eine der Ecken des Raumes zuging, wo sich ein weiterer dunkler Wasserfall über einen weiteren Gitterfilter ergoss.

Davor türmten sich Knochen. Menschenknochen, blank gewaschen von dem Wasser, das jahrelang über sie hinweggeflossen war, und dick beschichtet mit einem grünen Bakterienschleim. Rebecca zählte mindestens elf Schädel in dem Gewirr aus Oberschenkelknochen und gebrochenen Rippen, die meisten davon zermalmt oder geborsten.

„Ein paar von Marcus’ alten Experimenten?“ Billy sprach leise. Es war eigentlich keine Frage, und Rebecca antwortete auch nicht darauf, sondern nickte nur.

„Umbrella gehört auch dazu“, ergänzte sie dann. „Sie haben ihn zu diesen Experimenten ermuntert. Sie stecken alle gemeinsam dahinter.“

Jetzt war es Billy, der nicht antwortete. Er starrte nur auf die Knochen, ein nicht zu deutendes Gefühl im Blick seiner dunklen Augen. Einen Moment später schüttelte er es ab und kehrte den Überresten menschlichen Lebens den Rücken.

„Was hältst du davon, wenn wir aus diesem lauschigen Loch verschwinden?“, fragte er, und obwohl seine Worte leichthin gesagt klangen, lächelten sie doch beide nicht.

„Ja“, sagte sie und griff einen Moment lang nach seiner Hand, nur einen Moment, und drückte sie fest. Er erwiderte die Geste. „Ja, das klingt gut.“

Billy fühlte sich absolut mies, trotzdem marschierte er unverdrossen weiter, hinter Rebecca her, die sie in grob östliche Richtung führte. Er wollte nichts so sehr, wie von Marcus’ verdammtem Spielplatz zu verschwinden, bevor er sich gestattete, zusammenzubrechen. Während sie durch ein Labyrinth aus Gängen und Räumen liefen – Billy wusste schon nach der zweiten Abzweigung nicht mehr, wo sie sich befanden –, erzählte Rebecca ihm, was ihr widerfahren war, nachdem er von der Straßenbahnplattform gezerrt worden war. Sie war auf ihren Teamführer getroffen und hatte gegen eine Art Super-Frankenstein gekämpft, wobei sie beinahe ums Leben gekommen wäre. Außerdem hatte sie eine .50er-Magnum gefunden, in die die Munition passte, die er mit sich herumgeschleppt hatte, und sie hatte die Schrotflinte noch. Unterm Strich, dachte er, hat sie sich wahrscheinlich besser geschlagen, als ich es unter denselben Umständen geschafft hätte.

Sie hatten einen leeren Schlafraum gefunden und ihre Waffen geladen. Billy nahm die Magnum, Rebecca behielt die Schrotflinte. Unter einem der Betten stand ein Behälter mit vier Litern Wasser, von dem sie abwechselnd tranken. Beide waren sie furchtbar dehydriert. Wie sich herausstellte, wirkte ein Bad in Kanalwasser keineswegs Durst löschend.

Von dem Wasser erfrischt und mit brauchbaren Waffen ausgestattet, hatte Billy endlich das Gefühl, sich von seiner Wildwassertour zu erholen. Sie verließen den Schlafraum durch den südlichen Ausgang, durchquerten einen industriellen Aufbereitungsraum und dann einen weiteren. Für Billy gingen die Räume der Anlage kaum unterscheidbar ineinander über, sahen alle irgendwie gleich aus – rostige Metallwände und -böden, Rohre und Leitungen, riesige Wände mit Gerätschaften, deren Funktion unbekannt blieb, bedeckt mit Skalen und Schaltern. Ein Teil des Equipments war in Betrieb und erfüllte die großen Räume mit widerhallendem mechanischen Lärm. Aber nur Gott allein mochte wissen, was dieser Kram in Gang hielt und kontrollierte. Es kümmerte Billy auch nicht sonderlich, aber je weiter sie gingen, desto näher kam das vernehmliche Rauschen von Wasser, von sehr viel Wasser – und als sie einen gewaltigen Pumpenraum durchquerten, aus dem eine Tür hinaus in den kühlen Frühmorgen führte, fanden sie dort einen Laufsteg, der über einen richtigen Damm hinwegführte.

Sie blieben einen Moment lang stehen und ließen den Blick über die Länge des dunklen Reservoirs schweifen, das sich an der Seite des Gebäudes entlangzog, aus dem sie gerade gekommen waren. Am jenseitigen Ende stürzte sich donnernd ein Vorhang aus Wasser in den See. Es war zu laut, um sich zu unterhalten, und so kehrten sie zurück in den Pumpenraum, beide mit einem Lächeln. Immerhin hatten sie einen Weg nach draußen gefunden. Sicher, der Steg über den Damm führte zu einem weiteren Gebäude, aber allein der Anblick der verblassenden Sterne und des untergehenden Mondes verlieh Billy echten Auftrieb. Ihr albtraumhafter Spießrutenlauf durch den Umbrella-Komplex würde bald vorbei sein, das hatte er im Gefühl. Das Ende war so zweifelsfrei in Sicht wie der baldige Anbruch des neuen Tages.

„Mein Team ist wahrscheinlich da lang gegangen, um uns einen Weg zu ebnen“, sagte Rebecca mit hoffnungsvoller Miene. Sie musste laut sprechen, damit er sie über den Lärm des Wasserfalls draußen und der Pumpen, die den halben Raum einnahmen, hinweg hören konnte. Ihre Stimme hallte ein wenig wider von dem Laufsteg aus Metall, der ein in der Mitte des Raumes gelegenes Wasserbecken umlief. „Er sagte, sie gingen nach Osten. Wir sind praktisch schon hier raus.“

„Ich dachte, du sagtest, Enrico sei mit diesem Aufzug nach oben gefahren“, erinnerte Billy sie.

„Ach ja, richtig“, sagte sie, und ein Teil der Hoffnung wich aus ihrem Gesicht. Sie blinzelte, und ihm wurde bewusst, wie müde sie sein musste. „Tut mir leid. Hatte ich vergessen.“

„Verständlich“, sagte Billy. „Aber du hast recht, wir sind praktisch schon hier raus.“ Er berührte die Magnum in seinem Gürtel. Die lose Handschelle an seinem Handgelenk klapperte dagegen, eine plötzliche Erinnerung an sein Leben vor dem Jeepunglück. Dieses Leben schien ihm jetzt so weit weg, als sei es das eines anderen Mannes … Aber es wartete noch auf ihn, irgendwo da draußen.

Daran konnte er später Gedanken verschwenden – falls es ein Später für ihn geben würde. Er brachte ein Lächeln zustande und tätschelte die Magnum. „Das ist so eine Art Universalschlüssel – sperrt Türen auf, räumt unter unliebsamen Seuchenträgern auf … was immer du willst.“

Rebecca lächelte zurück, setzte an, etwas zu sagen – und hielt inne, starrte ihm in die Augen. Sie waren beide wie gelähmt von dem Geräusch des Wassers, das über den Laufsteg spritzte.

Synchron drehten sie sich um – und sahen, wie sich nur ein paar Meter entfernt ein Riese aus dem Becken erhob, ein Ding, das Billy sofort als jenes Monster erkannte, von dem Rebecca ihm erzählt hatte.

Es war gewaltig, weiß, mit Blut und Entzündungen bedeckt. Es streckte die Arme aus, um sich mit wahnsinnig langen, messerartigen Krallen aus dem Wasser zu ziehen. Die Spitzen kratzten schrill über den Steg.

Billy zog die Magnum, wich zurück und versuchte, Rebecca hinter sich zu drängen. Sie entging seinem Griff mit Leichtigkeit und stellte sich dem Ungeheuer mit ihrer Schrotflinte. Und Billys heroische Ideale waren vollends dahin, als die Kreatur sie beide erblickte und einen fürchterlichen Schrei ausstieß. Einen tiefen, durch Mark und Bein gehenden Laut des Hasses, der Gier, nicht einfach nur zu töten, sondern zu zerreißen und zu verheeren.

Sich diesem Ding allein entgegenzuwerfen, war nicht männlich – es war selbstmörderisch dämlich.

„Wenn es in Bewegung ist, kann es nicht besonders gut manövrieren“, sagte Rebecca keuchend. Er musste sich anstrengen, um sie trotz des rhythmischen Stampfens der mächtigen Pumpen zu verstehen. „Wenn wir es schaffen, das Ding von der Tür wegzulocken, können wir an ihm vorbei, sobald es versucht, sich umzudrehen.“

Billy zielte sorgfältig auf das grobschlächtige Gesicht des Monstrums. Es machte einen Schritt auf sie zu, und sie wichen beide zurück. „Wie wär’s, wenn wir es stattdessen umlegen?“

„Nicht!“, rief Rebecca in panischem Ton. „Damit machst du es nur wütend. Ich habe ihm zwei Treffer mit der Schrotflinte verpasst, einen davon aus nächster Nähe, und du siehst ja, wie viel ihm das ausgemacht hat.“

Das Ding tat einen weiteren Schritt, duckte sich ein wenig und spannte die Beine wie zum Sprung.

„Lauf!“

Das brauchte sie Billy nicht zwei Mal zu sagen. Sie drehten sich beide um und rannten los, schwenkten dem Steg folgend nach links. Hinter ihnen trafen zwei, drei gewaltige, dröhnende Schritte auf das protestierende Metall – und dann fuhren die Krallen des Monsters nach unten und über die Wand in der Ecke, und ein furchtbares Kreischen erklang, als sich der dicke Stahl wie Hobelspäne ringelte.

Billy wandte sich um und hob die Magnum, während das zum Stehen gekommene Ungeheuer sich langsam in ihre Richtung drehte.

„Lauf weiter!“, rief er Rebecca zu und zielte auf den pulsierenden roten Tumor, der halb in der Brust des Dings vergraben war und bei dem es sich um sein Herz handeln musste. Das Monster machte wieder einen Schritt, seine dunkelgrauen Augen auf Billy geheftet, und es hob die Krallen.

Billy schoss. Die Waffe ruckte in seiner Hand, dröhnte ohrenbetäubend. Ein Loch erschien im Brustbein der Kreatur, kein direkter Treffer ins Herz, aber nahe dran. Blut ergoss sich aus dem Loch und rann über den wulstigen, weißen Bauch. Das Ungetüm heulte, noch lauter und tödlicher als der Schuss aus dem Revolver, aber es ging nicht zu Boden.

Herrgott, dieser Treffer hätte einen Elefanten gestoppt …

„Komm schon!“, rief Rebecca und zog an seinem Arm. Er schüttelte sie ab und legte abermals an. Wenn es blutete, konnte es auch sterben, und abgesehen von einem Granatwerfer, war die .50er-Magnum wahrscheinlich die optimale Waffe für diese Aufgabe.

Das Monster tat einen schwankenden Schritt nach vorne, dann schien es sein Gleichgewicht wiedergefunden zu haben, und sein toter Blick richtete sich auf Billy. Immer noch schoss Blut aus seiner Wunde, hatte jetzt seinen geschlechtslosen Unterleib erreicht, seine muskulösen Oberschenkel. Dieses Grinsen, dieses entsetzliche Grinsen – das Ding schien zu lachen, als könnte es nicht erwarten, ihm einen guten Witz zu erzählen.

Billy vermutete, dass die Pointe darum ging, ihm einen Arm abzureißen und ihn damit totzuprügeln. Er heftete seinen Blick auf das Herz und drückte ab …

Ein weiteres gewaltiges Krachen, noch mehr Blut spritzte umher, das Monster brüllte.

Oh Gott, bitte, lass das Schmerz sein!

Aber es fiel nicht. Es fiel immer noch nicht. Es war schwer zu sagen, wo er es getroffen hatte, überall war Blut, aber das Herz schlug weiter.

„Mach schon!“

Billy wurde zur Seite gestoßen. Rebecca trat vor und hob die Flinte, während sich die Kreatur duckte, ihre Beine anspannte. Rebecca zielte tief, zu tief, so konnte sie unmöglich das Herz treffen …

… und die Schrotflinte donnerte, und endlich ging das Monster zu Boden, mit einem Schrei wilder Wut. Es schlug um sich, seine Krallen entlockten dem Metall ein furchtbar schmerzhaft in den Ohren klingendes, schrilles Kreischen.

Billy sah, dass Rebecca dem Ding ein Knie zerschossen hatte, und zögerte nur eine Sekunde – gerade lange genug, um sich zu fragen, warum er nicht selbst daran gedacht hatte. Es war nicht tot, aber wenn ihm nicht gerade Flügel wuchsen, würde es ihnen nicht so schnell folgen.

Dann hob er die Magnum ein weiteres Mal, richtete sie auf den fischbauchweißen Schädel der Kreatur, die flach wie eine Flunder dalag und sich mit ihren Krallen auf sie zuziehen wollte, zweifelsohne, um ihren Angriff fortzusetzen. Aber alles, was sie damit erreichte, war, halb ins Wasser abzurutschen. Rosiger Schaum wirbelte in dem dunklen Becken, als sich das Ding mühte, wieder herauszuklettern.

„Munitionsverschwendung?“, fragte er und warf Rebecca einen Blick zu, um ihr Einverständnis einzuholen. So schrecklich dieses Geschöpf auch sein mochte, es behagte ihm nicht, es verbluten und noch länger leiden zu lassen. Auf gewisse Weise war es ja nur ein weiteres Opfer von Umbrella, es hatte schließlich nicht darum gebettelt, geboren zu werden.

„Ja“, sagte sie nickend – und er konnte das Mitleid in ihrer Miene lesen, konnte sehen, dass sie genauso empfand wie er. „Tu’s.“

Zwei Kugeln, die zweite nur, um sicherzugehen, und der gewaltige Körper glitt lautlos in das Becken und verschwand unter der Wasseroberfläche.

FÜNFZEHN

Im schwachen Licht des beginnenden Tages überquerten sie den Damm. Das tiefe Blau der frühen Morgenstunden wich einem sanften, blassen Grau, das sämtliche Sterne bis auf die strahlendsten verbarg.

Rebecca ging schweigend neben Billy her und bemerkte, dass der Himmel aufklarte. Es würde ein weiterer heißer Sommertag werden, im Moment allerdings hatte sie alle Mühe, nicht zu frösteln. Die Sonne würde sich noch mindestens eine halbe Stunde lang nicht richtig zeigen. Rebecca war müde, müder als sie es je zuvor in ihrem Leben gewesen war. Aber das schlichte Wissen, dass sich diese lange, schreckliche Nacht nun ihrem Ende entgegen neigte, dass ein neuer Tag angebrochen war, genügte ihr, um nicht schlapp zu machen.

Am Ende des Damms führte eine kurze Leiter zu einer Tür. Sie stiegen daran empor, Billy zuerst, und betraten einen Turbinenraum, in dem weitere rostige Geländer um Gehwege aus Zement herumliefen und schweres Röhrenequipment die Wände säumte. Es gab zwei Türen. Die nördliche führte in einen Lagerraum, der sich als Sackgasse erwies. Die westliche stand offen, und dahinter lief ein langer, umzäunter Korridor zu einer weiteren Tür.

„Gehen wir weiter?“, fragte Billy, und Rebecca nickte. Wahrscheinlich war es eine weitere Sackgasse, aber sie wollte es so lange wie möglich aufschieben, umkehren und den Weg, den sie gekommen waren, zurückgehen zu müssen. Sie hatten genug Tod und Zerstörung gesehen, sie wollte sich keinen Nachschlag mehr holen.

Während Billy schon den Weg hinunterzugehen begann, hielt sie inne, weil ihr ein silbriger Rahmen um die schwere Tür auffiel. Sie war mit Stahl verstärkt, und daneben war ein Schlüsselkarten-Lesegerät angebracht. Jemand hatte ein Stück Holz unter die Tür geklemmt, damit sie offen blieb.

Ein nasses Stück Holz, stellte sie fest, als sie sich bückte und den glänzenden Keil berührte. Als sie die Hand wieder wegnahm, klebten dünne Schleimfäden, die sich vom Holz wegzogen, an ihren Fingerspitzen.

Eine halbe Sekunde lang hatte sie den unsinnigen Gedanken, dass aus irgendeinem Grund die Egel diese Tür offen hielten – dann verwarf sie ihn und rief sich in Erinnerung, dass es in dieser Einrichtung quasi von Egeln wimmelte. Sie wischte sich die Hand an der Weste ab und schloss zu Billy auf, der fast schon das andere Ende des Weges erreicht hatte und gerade die Magnum nachlud.

Die Tür war nicht abgeschlossen, und Billy drückte sie auf. Ein weiterer Eingang aus Zement und Metall führte in einen weiteren kurzen Gang. Billy trat seufzend ein, und Rebecca seufzte mit ihm. Nahm dieses Gebäude denn gar kein Ende?

Der Raum roch wie ein Strand bei Ebbe, allerdings konnten sie vom Eingang aus nichts sehen, denn er erweiterte sich außerhalb ihres Blickfelds. Sie hatten zwei Schritte hinein getan, als sie das Klicken eines Schlosses hörten, mit dem sich die Tür hinter ihnen verriegelte.

„Ein automatisches Schloss?“, fragte Rebecca mit gerunzelter Stirn.

Billy ging zurück zur Tür und rüttelte an der Klinke. „Sie war doch vorhin schon zu. Ergibt keinen Sinn, dass das Schloss erst hinter uns zuschnappt …“

Da hörte Rebecca etwas, ein leises Geräusch, das ihr Herz kurz aussetzen ließ. Das Geräusch wurde schnell lauter und zu einem tiefen, meckernden Lachen, das aus dem Raum hinter dem Eingang drang.

Ohne ein Wort entfernten sie und Billy sich von der Tür. Sie hielten die Waffen fest in ihren Händen, traten um die Ecke …

… und blieben wie angewurzelt stehen, starrten auf den gewaltigen lebenden See, der sie umgab, der jeden Quadratzentimeter der Wände zu bedecken schien, der von der Decke tropfte und über den Boden wogte.

Egel, Tausende davon … Hunderttausende. Der Raum war groß, hoch und breit und wurde von einem kleinen Gang geteilt, der an der hinteren Wand entlang verlief. Verbrennungsöfen säumten ein Gebilde in der Mitte, das bis zur Decke aufragte. Hinter Öffnungen im Metall war das Flackern von Feuer zu sehen. In die Südwand war eine große Metalltür eingelassen, zurückgesetzt in eine Nische, und sie schien der einzige andere Weg zu sein, der hier herausführte – wenn sie denn durch all diese Egel rennen wollten, was Rebecca ganz bestimmt nicht vorhatte.

Der höhlenartige Raum erstreckte sich über zwei Ebenen. Ein Laufsteg umgab das Gebilde in der Mitte, und ein offenes Feuer an einer Seite des oberen Steges warf einen flackernden Schein über den schwarzen, brodelnden See, der jeden Winkel des Raumes überflutete.

Auf dem Steg stand eine einsame Gestalt, ein hoch gewachsener, breitschultriger junger Mann. Er lachte, und seine kräftige, seltsame Stimme schnitt durch die nach Salz und Fäulnis riechende Luft.

„Willkommen“, sagte er und lachte wieder, auf jeder Schulter einen zusammengekauerten Egel; andere krochen über seinen ausgestreckten Arm. Er war umgeben von den Tieren. „Es freut mich, dass ihr euch uns anschließen konntet. Ihr seid die Ehrengäste … Immerhin ist dies eure Totenwache.“

Rebecca konnte nur hinstarren, stumm und wie gelähmt. Billy hingegen trat einen Schritt vor und erhob die Stimme.

„Du bist sein Sohn, nicht wahr? Oder sein Enkel?“

Rebecca wusste sofort, von wem er sprach, und nickte. Natürlich

„Das ist richtig“, antwortete der junge Mann breit lächelnd – ein teuflisches Lächeln. „In gewisser Weise bin ich beides.“

Er machte eine Bewegung wie ein Achselzucken – und veränderte sich. Die Verwandlung lief wie sich kräuselndes Wasser über seinen Körper, wie ein Spezialeffekt in einem Film. Sein langes, dunkles Haar wurde kürzer und weiß. Seine jugendlichen Zügen schmolzen zu gealterten. Linien und Falten bildeten sich, seine Augen wechselten die Farbe, die Pupillen wurden größer. Binnen Sekunden war er kein junger Mann mehr, sein Lächeln jedoch war noch genauso kalt, genauso grausam.

Jetzt war es Billy, der schwieg, und Rebecca stieß keuchend den Namen hervor, nicht imstande zu glauben, dass es sich nicht um einen weiteren Trick, nicht um eine Maske handelte.

„Dr. Marcus …?“

Der Mann auf dem Laufsteg nickte und begann zu sprechen.

„Vor zehn Jahren ließ Spencer mich ermorden“, sagte er. Die Erinnerungen flimmerten durch seinen Stock-Geist, die Kinder erinnerten sich für ihn. Die Bilder waren verschwommen und dunkel, undeutlich in Form und Farbe. Aber die Gefühle waren so klar, wie sie es an jenem Tag gewesen waren, der ihn sein Leben gekostet hatte.

Er hatte schon seit geraumer Zeit mit einem Anschlag gerechnet, aber er war dennoch überraschend gekommen. Er hatte in seinem Labor gearbeitet, die Kinder spielten in einem Becken zu seinen Füßen, als die Tür zerbarst – und dann waren Schüsse gefallen, laut und endgültig. Er erinnerte sich an die Schmerzen, als er auf die Knie fiel, die Hände gegen die Löcher in Brust und Bauch gepresst – und er erinnerte sich, zwei vertraute Gesichter gesehen zu haben, als die Männer in den Raum kamen. Seine brillanten Schüler, seine besten Studenten sahen zu, wie er seine letzten Atemzüge tat: Albert Wesker und William Birkin, und beide lächelten sie, lächelten!

Er erinnerte sich an das Gefühl des Verlusts, an die unglaubliche Wut, die sich wie mit Krallen an die Oberfläche seines sterbenden Bewusstseins emporarbeitete, während sein Körper fiel und in das Becken klatschte und die Kinder verscheuchte und ringsum alles schwarz wurde …

Und dann änderten sich die Erinnerungen, wurden zu den Gedanken der Vielen. Er konnte sein eigenes Gesicht und seinen Körper sehen, halb untergetaucht, blass und hässlich im Tode, aber geliebt, so geliebt vom Stockgeist. Er war ihr Gott gewesen, ihr Schöpfer und Lehrer, ihr Vater. Sie schwammen zu ihm, krochen zwischen seine schlaffen Lippen, wanden und mühten sich durch die klaffenden Löcher, die man ihm ins arme Fleisch geschossen hatte.

Marcus fand seine Stimme wieder und erzählte den beiden wie gelähmt dastehenden Beobachtern, was sie wissen mussten, um zu verstehen. „Sie ließen mich liegen, auf dass ich verfaulen sollte, nahmen meine Aufzeichnungen mit, schlossen das Labor und überließen alles dem Zahn der Zeit. Sie begriffen nicht, versteht ihr? Zeit war, was ich brauchte. Das T-Virus benötigte Jahre, um sich in meiner Königin zu rekonstruieren, zu evolvieren … und zu jener Variation zu werden, die erschuf, was ich jetzt bin.“

Er lächelte, genoss ihr stummes Staunen, seinen Augenblick in der Sonne ihrer Verwunderung. „Ihr habt also recht. Ich bin Marcus, aber ich bin auch Marcus’ Sohn und Enkel – und jeder andere Abkömmling, alle Nachfahren, die Einheit aus Marcus und seiner Königin. Meine Königin. Sie lebt in mir. Sie singt für ihre Kinder.“

Infolge der Intensität seiner Freude, seines Triumphs, drängten die Kinder auf ihn zu, schwärmten an seinen Beinen hoch, bewegten sich kitzelnd über seine vertrauteste Gestalt – die von James Marcus. Er badete in dem Gefühl und lachte laut über den Abscheu auf den Gesichtern seiner beiden jungen Gäste. Wenn sie wüssten …! Die phänomenale Verzückung, die er als Teil des Stocks empfand, als sein Führer und Anhänger – Marcus’ Tod hatte ihn befreit, hatte ihn größer gemacht, als sein menschliches Leben es ihm je erlaubt hätte.

„Ich brachte das Virus aus“, sagte er. „Jetzt wird die Welt erfahren, was Umbrella getan hat. Was Spencer mit seiner dummen Gier anrichtete. Umbrella wird brennen, aber Marcus wird man als Gott verehren für seine Schöpfung. Ich bin der Archetyp eines neuen Menschen, dem individuellen Schema der Menschheit weit überlegen. Die Welt wird zu mir kommen und darum flehen, sich dem Stock anschließen zu dürfen, sich zu einem Geist zu vereinen, zu einem allmächtigen Wesen!“

Der Mann, Billy, ergriff wieder das Wort, das Gesicht vor Ekel verzogen, und auch aus seiner Stimme sprach Abscheu. „Du träumst. Du bist ein kranker, durchgeknallter Freak – und ja, die Welt wird zu dir kommen, aber nur, um dich zu töten, um deinen Wahnvorstellungen ein Ende zu machen!“

So ein Narr, so selbstgerecht in seiner eigenen Dummheit! Großer Zorn stieg in ihm auf, in den Kindern, und verdarb seine Freude. Er konnte spüren, wie sein Körper unter dieser Wut erbebte. „Wir werden ja sehen, wer hier stirbt“, sagte er mit zitternder Stimme …

… aber es war nicht mehr Marcus’ Stimme, er war wieder zu dem jungen Mann geworden, als den die Kinder sich den jugendlichen Marcus vorstellten. Er runzelte die Stirn, wusste nicht, warum oder wie er sich verwandelt hatte – er hatte es sich nicht gewünscht, hatte den Gestaltwandel weder herbeigesungen noch willentlich ausgelöst.

Die Kinder fegten in ihm umher, voll von seinem Zorn, ignorierten seine inneren Befehle, und zum ersten Mal, seit er vor ein paar Monaten aus dem Becken gekrochen war, seit der Stock ihm sein neues Leben gegeben hatte, besaß er keine Kontrolle darüber. Die Vielen hörten nicht auf ihn, wollten nur eines – die Eindringlinge zerschmettern, sie zermalmen!

Der junge Mann spürte, wie sie ihm in der Kehle emporstiegen, wie sie sich aus ihm heraus erbrachen wie bittere Galle. Wie sie ihn zu ersticken drohten. Er versuchte, die Kontrolle zurückzuerlangen, seinen Einfluss geltend zu machen, aber der Zorn war zu groß, zu allumfassend. Er verwandelte sich, wurde zu etwas ganz Neuem, und sein Kampf um die Vorherrschaft wurde beiseite gespült, ging verloren an dieses neue Etwas.

Die Dame! Er konnte spüren, wie ihr Bewusstsein ihn erfüllte, wie ihre schöpferische Macht vorandrängte und von den Kindern in jeden Bereich seiner sich verändernden Gestalt getragen wurde. Sie wollte töten, die beiden Menschen vernichten, die es gewagt hatten, über sie zu urteilen. Und sie war viel stärker, als selbst er es gedacht hatte.

Das Ding, das einst Marcus gewesen war, hatte keine andere Wahl, als sich zu ergeben und zum mächtigsten Spieler überhaupt zu werden auf dem Schachbrett der Welt – zur Dame.

Marcus begann sich abermals zu verändern, auf eine Weise, die ihn ebenso zu überraschen schien wie sie Billy verblüffte. Egel quollen aus seinem Mund hervor, würgten ihn in der Kehle. Dutzende davon glitten in einer Flut von Schleim heraus und klatschten wie dicke Regentropfen zu Boden. Die Augen des jungen Mannes waren geweitet, seine Miene drückte Fassungslosigkeit aus, während er weitere Egel ausspie.

Sobald sie den Boden berührten, eilten die Tiere zurück zu dem jungen Mann, schwärmten an seinem Körper empor, saugten sich daran fest und begruben ihn unter sich. Runde Formen bewegten sich unter seiner Haut, krochen wie durch Tunnel, veränderten Form und Beschaffenheit seines Fleisches. Seine Kleider schmolzen weg, während die Egel weiter über ihn schwärmten und seinem Körper ein seltsam gummiartiges Aussehen gaben. Seine Arme und Beine sahen mehr und mehr aus wie Massen fetter, ineinander verschlungener Würmer. Sein Gesicht wurde länger, streckte sich, die Haut riss und entblößte pochendes, purpurfarbenes Muskelgewebe, das von Schleim dick und feucht war.

Neben Billy holte Rebecca scharf Luft, als das Marcus-Wesen sein menschliches Aussehen zur Gänze verlor. Sein gesamter Körper bestand jetzt aus diesen fetten Würmern, die von tropfenden Netzen aus klarem Schleim zusammengehalten wurden. Außerdem wuchs er in Höhe und Breite. Die in der Nähe befindlichen Egel vereinten sich mit der Vielzahl ihrer Artgenossen und verliehen dem Leib mehr Masse und Volumen. Lange, faserige Tentakel schossen aus seinem Rücken hervor, peitschten wie Luftschlangen bei starkem Wind. Ihre Farbe war die von Entzündungen, von Infektion.

„Die Dame“, keuchte Rebecca. „Sie übernimmt die Kontrolle.“

Billy richtete die Magnum auf die wachsende Kreatur …

… und das Ding flog nach oben, sprang kerzengerade in die Luft. Mit einem lauten, feuchten Schmatzen traf es die Decke und blieb kurz daran kleben. Zähe Flüssigkeit tropfte auf den Boden herab. Abgesehen davon, dass das Ding vier Gliedmaßen besaß, ähnelte es einem Menschen nicht einmal mehr entfernt.

Billy schoss in Richtung der Decke, aber das Wesen war bereits fort, fiel vor ihnen zu Boden, verdichtete sich ein wenig, als es auftraf, wie ein riesiges Gummispielzeug. Es – sie – streckte sich wieder, ragte über Billy und Rebecca auf. Die dunklen Tentakel fuhren auf sie zu, griffen nach ihnen.

Sie wichen stolpernd zurück. Billy spürte, wie seine Stiefel wegzurutschen drohten, als er auf die Egel trat, die immer noch den Boden bedeckten. Er hörte das leise, fette Popp eines jeden Tieres unter seinen Sohlen. Rebecca packte seinen Arm, als sie beinahe stürzte, weil sie ebenfalls auf dem Teppich aus Egeln ausglitt.

Der Tod ihrer grausigen Kinder zeigte eine unmittelbare Auswirkung auf die Egel-Dame. Sie zog ihre Tentakel zurück und stieß einen Schrei aus, ein seltsames, schrilles, trällerndes Heulen, das wie nichts auf Erden klang – ein Laut, der durch seine absolute Fremdartigkeit nur noch entsetzlicher wurde.

Sofort machten sich sämtliche Egel im Raum auf den Weg zu ihr, entfernten sich von Rebecca und Billy, machten unter und hinter ihnen eine Gasse frei für ihre mörderischen Tritte.

Die Egel-Dame wuchs weiter, während sich die kleinen Leiber an ihr festsaugten und eins wurden mit der Kernkreatur. In weniger als einer Minute verdoppelte sich ihre Größe fast. Billy warf einen Blick über die Schulter und erkannte, dass sie mit dem Rücken gegen die abgeschlossene Tür, durch die sie hereingekommen waren, gedrängt würden, wenn sie dem Monster die Wahl ihres Weges überließen.

In der Südwand des Raumes befand sich eine geschlossene Doppeltür, die in eine Art zurückgesetzten Durchgang führte. Ein Meer von Egeln trennte sie davon, aber das Meer war in Bewegung, floss in Richtung des wachsenden Marcus-Dame-Monsters. Es schien sich ihrer Anwesenheit gar nicht bewusst zu sein, während es sich immer mehr von seinem Stock einverleibte und mit dem leise schmatzenden Flüstern flüssiger Bewegung zu riesenhafter Gestalt anschwoll.

„Südtür“, zischte Billy, während sie langsam weiter zurückwichen. Sie mussten jetzt handeln und zwar schnell, sonst war ihre Chance vertan.

„Und wenn sie abgeschlossen ist?“, flüsterte Rebecca.

„Wir müssen es riskieren“, erwiderte er. „Ich geb dir Deckung. Auf drei. Eins … zwei … drei!“

Rebecca rannte los, während Billy das Feuer eröffnete und Kugeln in den gigantischen, aufgeblähten Leib der Dame jagte. Sie schrie – dunkle Tiefen des Schmerzes und Hasses mengten sich in ihr hohes Heulen –, und sie schleuderte eine Handvoll Tentakel nach ihm. Die Auswüchse bewegten sich schnell wie der Blitz.

Sie packten ihn, hoben ihn in die Luft. Billy verlor die Magnum und kam nicht an seine Pistole heran, wurde wild durchgeschüttelt. Sein Kopf ruckte hin und her, die Arme wurden ihm durch die rohe Kraft der Kreatur seitlich an den Körper gepresst. Ihre Tentakel wanden sich um seine Brust, zogen sich zu wie ein Schraubstock. Der Druck wurde so stark, dass er nicht mehr atmen konnte. Nach nur wenigen Sekunden merkte er, wie ihm die Sinne schwanden. Die vor seinen Augen hin- und herhüpfende Welt verging in schwarzen Flecken, die auf ihn zuschossen.

Er hörte das Dröhnen einer Schrotflinte – und das Monster schrie abermals, ließ ihn fallen und wirbelte herum, um sich seinem neuen Angreifer zu stellen. Billy prallte zu Boden. Er ignorierte den Schmerz, schob sich auf die Magnum zu, während Hunderte von Egeln auf ihn zukrochen, Rebecca ein weiteres Mal schoss und das Monster mit umherpeitschenden Tentakeln auf sie zusetzte.

Billy kam auf die Beine und sah, dass Rebecca sich umgedreht hatte. Der zweite Schuss hatte nicht dem Ungeheuer gegolten, sondern einer Kontrollkonsole neben der Südtür. Sie schoss noch einmal und trat gleichzeitig gegen die Tür. Diese flog auf, aber die Dame hatte sie beinahe erreicht. Das Ding überragte Rebecca um mindestens eine Körperlänge und war um vieles schwerer. Sie wird sie zerfetzen wie eine Pappfigur …

„Hey!“, schrie Billy. Es war keine Zeit, die Magnum nachzuladen. Er musste die Aufmerksamkeit der Kreatur auf sich lenken, schnellstens!

Und so sprang er in die nächste Welle aus Egelleibern, hüpfte auf und ab, trat und stampfte so fest er konnte. Sie zerplatzten zu Dutzenden, spritzten mit Eingeweiden vermengtes Blut und Schleim über den Boden, tränkten seine Stiefel damit. Er tanzte auf ihren sterbenden Körpern und verspürte eine wilde, ungehemmte Befriedigung, als die Egel-Dame abermals herumfuhr, vor Qual heulend.

Er sah, wie Rebecca es durch die Tür schaffte, hatte eine halbe Sekunde, sich darüber zu freuen – und dann riss ihn das Monster von neuem in die Höhe und schleuderte ihn in blinder Wut quer durch den riesigen Raum.

Billy krachte gegen die hintere Wand. Er spürte, wie ihm eine Rippe brach, dann fiel er nach unten und landete schwer auf dem Betonboden. Der Aufprall trieb ihm die Luft aus den Lungen, dennoch war er binnen einer Sekunde wieder auf den Beinen und rannte auf die Südtür zu. Egel platzten unter seinen Füßen. Er rang um Atem.

Das Monster war ungefähr genauso weit von der Tür entfernt wie er. Billy erkannte, dass er es nicht schaffen würde, dass die Kreatur vor ihm dort sein würde, und flehte im Stillen, dass wenigstens Rebecca lebend entkommen mochte …

Und dann sah er sie, nicht auf der anderen Seite der Südtür, sondern mitten im Raum, die Schrotflinte auf die Egel-Dame gerichtet, mit dem Rücken zum zentralen Verbrennungsofen. Sie musste zurückgekommen sein, während das Monster damit beschäftigt gewesen war, ihn gegen die Wand zu pfeffern.

Er schrie ihr zu, dass sie durch die Tür zurückgehen solle, aber sie hörte nicht auf ihn, sondern feuerte auf die Dame, während diese auf Billy zustürmte. Jeder Schuss riss mehrere Handvoll Egel aus dem gewaltigen Leib, aber für jeden, den das Monster verlor, klammerte sich ein halbes Dutzend neuer an ihm fest. Nach dem vierten Schuss drehte sich die Dame nach Rebecca um – zögerlich, als könnte sie sich nicht entscheiden, auf wen sie zuerst losgehen sollte.

„Hau ab!“, rief Rebecca. „Ich komm gleich nach!“

Billy rannte auf die Tür zu und hoffte bei Gott, dass sie einen Plan hatte. Sie feuerte weiter auf die Kreatur, pumpte und schoss, pumpte, schoss – und dann hörte Billy nichts weiter als ein trockenes Klick – das Geräusch der unausweichlichen Niederlage.

Die Egel-Dame hörte es ebenfalls und bewegte sich auf sie zu. Ihr Körper wuchs weiter, gewann immer noch an Masse, während sie mit feuchten Lauten vorwärts sprang. Billy hatte die Südtür erreicht und stand da. Adrenalin pulste durch seinen Körper. Er wühlte in seiner Tasche nach den letzten beiden Patronen für die Magnum.

„Lauf!“, rief er, aber Rebecca ignorierte ihn, rührte sich nicht von der Stelle. Sie lud nicht nach, griff nicht einmal nach ihrer Pistole, während die Dame näher kam. Stattdessen packte sie die Schrotflinte am Lauf, trat zurück, bis sie die Wandung des Verbrennungsofens berührte – und stieß die Flinte durch das Blech eines Hitzeauslassrohrs. Brennendes Material ergoss sich aus der Öffnung über den Boden. Rebecca sprang mitten hinein und trat Klumpen brennenden Kunststoffs und anderer Materialien in die nächste Welle von Egeln.

Die Dame kreischte, stoppte ihre Vorwärtsbewegung, immer noch ein gutes Stück von dem plötzlichen Feuer entfernt. Versengte Egel krochen hastig auf ihr Elternwesen zu, versuchten an dem aufragenden Körper emporzuklettern, um dort Trost zu finden. Aber sie brachten Schmerz mit sich, als sie sich sammelten und an dem beweglichen Stock festsaugten. Das Kreischen der Dame wurde noch durchdringender, als sich rauchende, brennende Egel mit ihr vereinten, ihr Schaden zufügten und sie sich krümmen ließen – in unerträglicher Agonie, wie Billy hoffte.

Rebecca erkannte ihre Chance und ergriff sie, rannte auf die Südtür zu, während die Dame schreiend an ihrem Leib zerrte. Billy schüttelte die leeren Patronenhülsen aus der Revolvertrommel, schob die letzten beiden hinein, ließ die Trommel zuschnappen und richtete die Waffe auf die Dame, während Rebecca an ihr vorbeirannte – doch das kümmerte die Dame nicht im Mindesten. Im Moment jedenfalls nicht. Teile ihres widernatürlichen Körpers verfärbten sich schwarz, schmolzen, tropften wie Sirup herab und sammelten sich auf dem rauchenden Boden zu Pfützen.

Billy richtete die Magnum weiterhin auf die sich verrenkende Dame, bis Rebecca an ihm vorbei und durch die Tür war. Rückwärts gehend folgte er ihr, und sie rammte die Tür zu.

Er atmete tief durch, spürte die Schmerzen in seinen Rippen, in Armen und Beinen, im Kopf, dumpfe Agonie in jeder Pore seines Körpers – bis er sich umdrehte und sah, worauf Rebecca zeigte, ein Lächeln überraschter Freude in ihrem schockierten, schmutzigen Gesicht. Seine Schmerzen fielen von ihm ab, wurden zu nichts weiter als einem nagenden Hintergrund für seine eigene unvermittelte Erleichterung.

Sie hatten sich im Schacht einer Aufzugsplattform eingeschlossen. Ein Vehikel, das nach oben fuhr – und der Länge des Tunnels nach zu schließen, der sich in diagonaler Richtung von ihnen weg erstreckte und zu einem Kreis aus Licht weit, weit über ihnen hinaufführte, schien der Fahrstuhl bis zur Oberfläche zu reichen.

Sie grinsten einander an wie Kinder. Die Freude hatte ihnen die Sprache verschlagen, aber nur für ein paar Sekunden. Ihrer beider Lächeln zerfiel, als nebenan die sterbende Dame aufbrüllte, und ihre schreckliche Stimme erinnerte sie daran, wie nahe sie dem Tod selbst immer noch waren.

Wortlos rannten sie zu der Plattform, zu der Kontrollkonsole, über die der Aufzug zu bedienen war. Billy ließ kurz den Blick über die Knöpfe schweifen, dann schaltete er – mit einem stummen Flehen um Erlösung – die Stromzufuhr ein.

Die Plattform setzte sich in Bewegung, trug sie nach oben und weg von dem Albtraum.

Das zumindest glaubten sie.

SECHZEHN

Die Agonie war gewaltig in ihrem Ausmaß, tötete sie mit einer Intensität, die alles übertraf, was sie kannte. Die brennenden Kinder klammerten sich an sie, gierten nach Freiheit, und während sie ihre Geschwister und sie berührten, übertrugen sie ihren Schmerz in einer Woge, die nicht verebben wollte. Es ging weiter und immer weiter, bis sich Teile des Kollektivs sammelten und abfielen, sterbend, schmelzend. Ihre Kinder opferten sich, damit sie leben konnte. Langsam, ganz langsam verging die Agonie, wandelte sich von körperlichem Schmerz zum Leid der Trauer, zu unendlich tiefem Gram.

Als sich die Verletzten zurückzogen, ihre Umarmung verließen, um allein zu sterben, kamen die übrigen Kinder heran, sangen und gurrten für sie und linderten ihre Qualen so gut sie es vermochten. Sie hüllten sie ein, beruhigten sie mit ihren flüssigen Küssen – und mit ihrer schieren Zahl übernahmen die Kinder sie. Es dauerte nur einen Augenblick. Die Dame verlor ihre Identität, so wie Marcus die seine verloren hatte, überließ sich dem Stock, wurde mehr. Wurde alles.

Die Allheit des neuen Wesens war vollkommen und gesund, war ein Riese, anders als zuvor. Stärker. Es hörte mechanische Geräusche, nicht weit entfernt. Es griff in sich hinein, griff zu auf die Informationen in seinem Geist und verstand – die Mörder versuchten zu fliehen.

Sie würden nicht entkommen. Der Stock sammelte sich auf tausend geschmeidigen Gliedern und heftete sich an ihre Fersen.

Keiner von ihnen wollte auch nur daran denken, dass sie auf weitere Probleme stoßen könnten, aber sie mussten mit dem Schlimmsten rechnen. Rebecca überprüfte die Handfeuerwaffen, während Billy die Schrotflinte lud. Beide nannten sie die kläglichen Zahlen – insgesamt waren noch fünfzehn Neunmillimeter-Patronen übrig. Vier Patronen für die Flinte. Zwei für die Magnum.

„Wahrscheinlich werden wir sie ja sowieso nicht brauchen“, meinte Rebecca hoffnungsvoll. Ihr Blick war nach oben gerichtet, zu dem größer werdenden Kreis aus Licht. Der Aufzug bewegte sich langsam, aber stetig. Sie hatten bereits die halbe Strecke hinter sich gebracht, und in ein oder zwei Minuten würden sie oben anlangen.

Billy nickte und hielt sich mit einer schmutzigen Hand die linke Seite. „Ich glaube, das Miststück hat mir eine Rippe gebrochen“, sagte er, lächelte aber ein wenig, den Blick ebenfalls hinauf ins Licht gerichtet.

Rebecca trat besorgt zu ihm und streckte die Hand aus, um seine Seite zu berühren – doch bevor sie das tun konnte, fing im Schacht ein Alarm an zu plärren. Über jeder Tür, die sie jetzt passierten, blinkte ein rotes Licht, das blutige Farbkleckse auf die Plattform warf.

„Was –“, setzte Billy an, wurde aber von der ruhigen Frauenstimme einer Endlosaufzeichnung unterbrochen.

„Das Selbstzerstörungssystem wurde aktiviert. Alle Mitarbeiter müssen die Einrichtung umgehend verlassen. Wiederhole. Das Selbstzerstörungssystem …“

„Aktiviert? Von wem?“, fragte Rebecca. Billy bedeutete ihr mit erhobener Hand, still zu sein, und lauschte.

„… verlassen. Der Countdown beginnt in – zehn Minuten.“

Die Lichter flackerten weiter, die Sirene dröhnte, aber die Stimme verstummte. Billy und Rebecca tauschten einen besorgten Blick, aber es gab nicht viel, was sie tun konnten. Und in zehn Minuten würden sie längst weg sein. So Gott es wollte.

„Vielleicht die Dame …“, meinte Rebecca, beendete den Gedanken jedoch nicht. Es schien ihr unwahrscheinlich, aber eine andere Möglichkeit, wie das System hatte ausgelöst werden können, fiel ihr auch nicht ein.

„Könnte sein“, sagte Billy, aber er machte einen zweifelnden Eindruck. „Egal, wir werden weg sein, bevor es losgeht.“

Sie nickte – und sie hörten unter sich ein Krachen, das dröhnende, kreischende Reißen von Metall, von unglaublicher Zerstörung am Grund des Aufzugschachts.

Sie schauten beide durch Lücken in dem teilweise aus Gitter bestehenden Boden nach unten und sahen, was da kam. Es war die Dame – nur war es nicht mehr die Dame. Dieses Wesen war viel, viel größer und ungleich schneller, eine riesige dunkle, brodelnde Masse, die sich hinter ihnen herzog.

Rebecca blickte auf und sah, wie nahe sie dem Ende des Schachts bereits waren. Nur noch eine Minute, und wir sind draußen …

Sie schaute wieder nach unten, und ihr stockte der Atem, als sie realisierte, wie nahe das Ding schon heran war. Auf sie machte es den Eindruck einer donnernden Welle, schwarz und lebendig, die sich auftat, während sie auf sie zuraste, und in ihrem Inneren noch mehr Schwärze enthüllte.

„Ach du Scheiße“, stöhnte Billy.

Und die Plattform richtete sich auf, brach durch eine Wand und brachte sie beide zu Fall. Rebecca landete hart auf der Seite, kam aber sofort wieder auf die Beine, die Schrotflinte noch fest umklammert. Billy richtete sich ein paar Meter entfernt auf, unter seinen Füßen befanden sich Beton und aufgemalte gelbe Linien …

Ein Heliport. Ein unterirdischer Heliport.

Sie befanden sich in einem riesigen Raum. Ein Hubschrauber war nicht zu sehen, dafür aber stand jede Menge mechanisches Equipment herum. Und diese kleinen Inseln aus Metall unterstrichen noch die Größe des Raumes. Das bisschen Licht, das herrschte, fiel durch ein paar Schächte in der beweglichen Decke herein – was bedeutete, dass sie nur eine einzige Etage von der Oberfläche entfernt waren. Rebecca brauchte einen Herzschlag lang, um zu erkennen, wo sie waren, und einen zweiten, um die Dame zu lokalisieren. Oder das eben, was aus der Dame geworden war.

Es kroch aus dem gezackten Loch, durch das die Aufzugplattform gekommen war. Tentakel bewegten sich zuckend über zerbrochenen Stein und zerfetztes Metall. Es war wie eine verrückte optische Täuschung, wenn man so zusah, wie sich das Ding aus dem Schacht hievte, wie seine kolossale Gestalt kam und kam, als nähme sie kein Ende. Das Wesen, das sich schließlich auf den Betonboden warf, war so groß wie ein Möbelwagen, lang und niedrig und wimmelnd von verdrehten Strängen aus Egelmaterie.

Rebecca konnte nichts weiter tun, als es anzustarren – und wurde fast von den Füßen gerissen, als Billy sie am Arm packte und wegzog.

„Da drüben ist eine Treppe!“ Er deutete auf ein EXIT-Zeichen auf der anderen Seite des Raumes, die unglaublich weit entfernt zu sein schien.

Und als könnte es sie hören, sie verstehen, setzte sich das Dame-Monster in Bewegung, schleppte seinen gewaltigen Leib mit überraschender Geschwindigkeit über den Boden und schnitt ihnen den Fluchtweg ab. Es drehte sich halb zu ihnen um. Tentakel peitschten um seinen formlosen Schädel, eine zähe Schleimlache quoll unter seinem schrecklichen Körper hervor und begann, sich aufzurichten …

… und dann kreischte es. Ein schriller, zischender Laut drang aus seinem abstoßenden Leib. Aus seinem Rücken stieg sogar Rauch auf, wo –

Sonnenlicht.

Ein Balken aus Sonnenlicht, dünn, aber hell, lag über dem Rücken der Bestie. Die Kreatur wich zur Seite hin aus, entkam dem Licht und setzte von Neuem auf sie zu.

Billy packte Rebecca erneut und zog sie zurück. Der Selbstzerstörungsalarm plärrte weiter, hallte durch den Heliport – und die Frauenstimme teilte ihnen seelenruhig mit, dass sie nun noch acht Minuten hatten, bis der Countdown begann.

„Es verträgt kein Sonnenlicht!“, rief Rebecca, als sie sich beide umdrehten und losrannten. Sie hielten auf die nordwestliche Ecke des Raumes zu, die am weitesten von dem Ungeheuer entfernt lag. Das Ungetüm schleppte sich auf sie zu und wand sich zwischen den Lichtstrahlen, die von der Decke herabfielen, hindurch. Es war nicht mehr so schnell wie im Aufzugschacht, weil es sich hier nicht so gut abstoßen konnte, aber es bewegte sich immer noch fast so schnell, wie sie rannten.

„Hast du eine Ahnung, wie wir das Dach aufkriegen?“, fragte Billy, warf einen Blick nach hinten und orientierte sich dann mehr nach Norden.

„Kein Strom“, keuchte sie. „Aber es müsste manuelle Verriegelungen geben, wahrscheinlich hydraulisch. Wenn das Dach eine Neigung aufweist, gleitet es auf, wenn wir es entriegeln. Wir müssen eben hoffen.“

„Mach du das“, sagte Billy, sichtlich außer Atem. „Ich versuche, das Ding abzulenken.“

Rebecca nickte und blickte sich nach der Kreatur um. Sie war zurückgefallen, aber sie gab nicht auf und rang nicht um Atem, wie sie beide es taten.

Rebecca hielt auf eine Kontrolltafel zu, die in die nächste Wand eingelassen war, während sich hinter ihr Billy umdrehte und mit der Neunmillimeter zu schießen begann.

Der Stock jagte ihnen nach. Substanz schälte sich von seinem Rücken, dort, wo das Licht ihn berührt hatte. Sein Bewusstsein war weder ganz tierisch noch menschlich, sondern verfügte über Elemente von beiden. Es begriff, dass sein Heim in Gefahr war, dass eine andere Macht schon bald seinen Unterschlupf zerstören würde. Es begriff, dass Sonnenlicht Schmerz bedeutete, sogar Tod. Und es begriff, dass die beiden Menschen, die vor ihm davonrannten, der Grund für all das waren, dass sie das Instrument seiner drohenden Vernichtung darstellten.

Einer der Menschen blieb stehen, zielte mit einer Waffe auf ihn und schoss. Projektile bohrten sich in sein äußeres Fleisch, verwundeten ihn, drangen jedoch nicht bis zum Kern vor. Wie nach dem Sonnenbrand warf die Kreatur die verletzte Substanz ab und setzte ihren Weg fort. Sie holte jetzt rasch auf, war schon nahe genug, um das Entsetzen des Menschen zu riechen. Das Wesen sprang vor und riss ihn zu Boden.

Scheiße!

Billy schlug zu Boden, als das Dame-Monster auf ihn zusprang, einer seiner wogenden Tentakel riss ihm die Füße unter dem Körper weg. Er versuchte, sich wegzurollen, aber das Ding hielt seinen rechten Knöchel fest im Griff. Billy schob sich näher auf die massige Kreatur zu, ließ seinen anderen Absatz so wuchtig er konnte auf den Tentakel niederfahren, und dann noch einmal. Der Auswuchs zog sich zurück, das Monster wich um sich schlagend nach hinten.

Billy sprang auf und machte Rebecca an der Westwand aus, wo sie an einer Kontrolltafel hantierte. Er wandte sich in östliche Richtung, rannte los und schaute zurück, um sich zu vergewissern, dass ihm das Ding noch im Nacken saß.

„Der Countdown beginnt in – sieben Minuten.“

Reizend. Sie waren nicht vom Regen in die Traufe, sondern unter irgendwelche verdammten Wasserfälle geraten. Billy rannte schneller, trieb sich an, das Monster war ihm zu dicht auf den Fersen, als dass er sich auch nur halbwegs sicher fühlen konnte.

Als er weit genug gerannt war, um es wagen zu können, drehte er sich um und sah Rebecca nun auf der anderen Seite des Raumes vor einem weiteren Schaltbrett. Das Monster schlug nach ihm, war aber zu weit weg, um ihn zu treffen. Seine ausgestreckten Glieder waren noch einen guten Meter von ihm entfernt.

Billy setzte einen Schuss in den Teil des Ungeheuers, der dessen Gesicht zu sein schien. Dann fuhr er wieder herum und rannte weiter, stolperte vorwärts auf Beinen, die ihm wie aus Gummi vorkamen. Das Ding folgte ihm, kannte offenbar keine Erschöpfung.

Mach schon, Rebecca, flehte er im Stillen – und zwang sich, schneller zu rennen.

Rebecca griff nach dem vierten und letzten Riegel, als die Stimme vom Band sie informierte, dass sie jetzt noch sechs Minuten hatten. Sie packte das kleine Rad, das als manueller Schlüssel diente, drehte daran …

… doch es klemmte. Nicht ganz, aber es bedurfte ihrer ganzen Kraft, um auch nur eine halbe Drehung zu schaffen. Sie strengte sich an, spürte, wie ihre Muskeln um Nachsicht bettelten, als das Rad eine weitere halbe Drehung machte. Gleich geschafft …

„Rebecca, weg da!“

Sie warf einen Blick nach hinten, sah, dass sich ihr das Dame-Monster irgendwie genähert hatte, ihr zu nahe gekommen war – in dreißig Sekunden würde es sie erreicht haben. Aber sie konnte, sie würde nicht davonlaufen, wusste, dass sie die Zeit, die sie brauchen würde, um einmal um den Raum herumzulaufen und es dann noch einmal zu probieren, nicht erübrigen konnten.

Billy schoss, und das Geräusch, mit dem die Kugeln in das flüssige Fleisch einschlugen, verschmolz fast mit dem der Schüsse. Rebecca schaute nicht einmal hin, weil sie wusste, dass sie die Nerven verlieren würde, wenn sie sähe, wie nahe das Ding tatsächlich war.

„Komm – schon!“, schrie sie, zerrte mit allem, was sie aufzubieten hatte, an dem widerspenstigen Rad …

… und es löste sich, gerade als sich ein dicker, feuchter Tentakel um ihren linken Knöchel schlang, wie von eigenem Leben erfüllt, widerlich glatt …

… und mit dem dumpfen Quietschen zerpulvernden Rostes teilte sich die Decke und ließ Licht auf sie alle herabregnen.

Das Licht! Das Licht!

Der Stock schrie, als der Tod herniederregnete, seine Haut erst pochierte und dann kochte, und Tausende Egel starben und fielen ab. Das Brennen war schlimmer als Feuer, denn es war überall gleichzeitig. Das Wesen versuchte zu entkommen, Zuflucht vor den Qualen zu finden, aber da war nichts, nirgends.

Die beiden Menschen rannten, verschwanden durch ein Loch in der Wand, aber die Kreatur bemerkte es nicht, es kümmerte sie nicht. Sie wand und drehte sich, riesige Fleischfetzen lösten sich, Lagen seines Leibes verteilten sich schmierig über den Beton und enthüllten dem grausamen, tötenden Licht, dem desinfizierten Licht des Tages das pulsierende, rosafarbene Zentrum seines Wesens.

Als das Gebäude ein paar Minuten später explodierte, war kaum noch etwas von der Kreatur übrig – nur eine Handvoll umherirrender, verwirrter Egel, die in jenem See des Todes ertranken, der einmal ihr Vater … der einmal James Marcus gewesen war.

SIEBZEHN

Halb rannten, halb stolperten sie davon und torkelten in der kühlen Morgenluft zwischen den Stämmen von Bäumen hindurch. Billy empfand die Erfahrung als verrückt, surreal – eben noch hatte er im Dunkeln auf ein riesiges Egel-Monster geschossen, jetzt rannte er durch den Wald, und über ihm sangen die Vögel ihr morgendliches Lied. Eine leichte Brise zerzauste ihnen das schmutzige, am Kopf klebende Haar. Sie liefen weiter, und Billy zählte im Stillen rückwärts … bis er irgendwo um Null anlangte.

Er blieb stehen und sah sich um, während auch Rebecca schwer atmend anhielt. Sie waren aus dem Wald heraus und auf einer kleinen Lichtung gelandet, hoch oben auf einem Hügel, von dem aus man den östlichen Arklay Forest überblickte.

„Hier scheint es okay zu sein“, sagte Billy. Er nahm einen tiefen, reinigenden Atemzug, ließ sich fallen und streckte sich am Boden aus. Seine Muskeln jubilierten. Rebecca folgte seinem Beispiel, und ein paar Sekunden später war der Countdown vorüber.

Die Explosion war gewaltig, erschütterte den Boden, und ihr Donnern rollte durch den Wald und das Tal unter ihnen. Einen Augenblick später setzte Billy sich auf und beobachtete, wie der Rauch eine Wolke über den Baumwipfeln bildete. So müde er auch war, so weh ihm alles tat, so hungrig und emotionell erschöpft er sein mochte … irgendwie empfand er ein Gefühl des Friedens, als er zuschaute, wie der Rauch dieses furchtbaren Ortes in den neuen Tag davontrieb.

Rebecca saß neben ihm, ebenfalls schweigend, ihre Miene beinahe verträumt. Es gab nichts, das gesagt werden musste. Sie waren beide dort gewesen.

Er kratzte sich geistesabwesend am Handgelenk, weil ihn dort etwas kitzelte – und die Handschelle fiel ab, landete mit einem gedämpften Klimpern im Gras. Billy lächelte. Irgendwann musste sich die zweite Handschelle geöffnet haben. Kopfschüttelnd dachte er, wie schön es doch gewesen wäre, hätte er sie vor etwa zwölf Stunden verloren, und warf sie in Richtung einer Baumgruppe von sich. Rebecca stand auf, kehrte dem Rauch den Rücken und beschattete ihre Augen.

„Das muss dieses Haus sein, von dem Enrico sprach“, sagte sie. Billy zwang sich, ebenfalls aufzustehen. Er trat neben sie. Dort, ungefähr ein oder zwei Meilen entfernt und weit unterhalb ihres Aussichtspunktes, stand eine riesige Villa, von Bäumen umsäumt. Ihre Fenster glänzten im Morgenlicht und vermittelten den Eindruck, das Gebäude sei verlassen und leer.

Billy nickte. Auf einmal wusste er nicht recht, was er sagen sollte. Sie würde zu ihrem Team wollen. Aber was ihn anging …

Rebecca streckte die Hand aus, schloss sie um seine Hundemarken und zog kräftig daran. Die Kette öffnete sich, und Rebecca legte sie sich um ihren Hals, den Blick zur Villa gerichtet.

„Ich denke, es ist Zeit, auf Wiedersehen zu sagen“, sagte sie.

Billy sah sie an, aber sie mied seinen Blick, starrte nur auf ihr nächstes Ziel, jenes stille Haus, das halb hinter Bäumen versteckt lag.

„Offiziell ist Lieutenant William Coen tot“, erklärte sie.

Billy versuchte zu lachen, aber es klappte nicht. „Ja, ich bin jetzt ein Zombie“, sagte er, etwas überrascht ob des plötzlichen wehmütigen Gefühls in seiner Brust.

Sie wandte sich ihm zu, ihr Blick begegnete seinem und hielt ihn fest. Er las Aufrichtigkeit darin, und Leidenschaft und Stärke – und er sah, dass sie dasselbe seltsame Verlangen verspürte, dieselbe vage Trauer, die sich über ihn gelegt hatten wie ein weicher Schatten.

Wenn die Dinge anders gelaufen wären … Wenn die Umstände nicht so wären, wie sie nun mal sind …

Sie nickte, ganz leicht nur, als lägen seine geheimsten Gedanken offen vor ihr und als stimme sie dem zu, was sich ihr offenbarte. Dann straffte sie sich, hob das Kinn, drückte die Schultern nach hinten und salutierte zackig, immer noch in seine Augen blickend.

Billy tat es ihr gleich, erwiderte den Gruß und hielt ihn, bis sie ihre Hand sinken ließ. Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um und ging davon in Richtung eines sanft abfallenden Hanges zwischen den Bäumen.

Er sah ihr nach, bis sie verschwunden war, sich in den Schatten des Waldes verloren hatte. Dann wandte er sich um und suchte nach einem Weg für sich. Er entschied, dass Süden ziemlich gut klang und marschierte los. Er genoss die warme Sonne auf seinen Schultern und den Gesang der Vögel in den Bäumen.

EPILOG

Die Explosion in der Ferne erreichte das Spencer-Anwesen und ließ es ganz leicht erbeben. Staub bewegte sich auf Tischen. Erdreich bröckelte in die unterirdischen Tunnel. Und die Kreaturen, die dort immer noch lebten, wandten ihre blinden, toten Augen zu den Fenstern und den Wänden hin, lauschten und tasteten in der Dunkelheit umher, hoffend, diese ganz sachte Bewegung möge bedeuten, dass bald etwas zu essen kommen würde.

Sie waren sehr, sehr hungrig.