Kapitel 10
Griff tastete über das Laken neben sich und stellte fest, dass es sich kühl anfühlte. Doch das erschreckte ihn nicht. Chelsie hatte versprochen, nicht wieder wegzulaufen, und er glaubte ihr.
Er tappte durch den langen Flur. Nach dem Kauf des Hauses hatte er versucht, es gemütlich einzurichten, und seiner Meinung nach war ihm das auch überall gelungen, nur in der Küche nicht. Selbst Alix’ Kinderstuhl und die herumliegenden Lätzchen machten den Raum nicht behaglicher. Durch den großen Tisch für acht Personen und das Fehlen weiblicher Dekoration wirkte er in etwa so einladend wie seine alte Junggesellenbude.
Doch nun war bereits beim Näherkommen zu spüren, dass irgendetwas sich verändert hatte. Ein alter Eagles-Song wehte ihm entgegen, begleitet von einem leisen, etwas schrägen Trällern. Griff blieb im Türrahmen stehen und versuchte zu verstehen, woher die gemütliche Atmosphäre rührte.
Die Ausstattung war noch die gleiche und auch der Anblick, der ihn erwartete, glich dem, der sich ihm jeden Morgen bot. Alix saß in ihrem Kinderstuhl und stopfte sich mit beiden Händen fröhlich den Mund voll, während sie gleichzeitig vor sich hin plapperte. Auf dem Tisch lagen zwei Gedecke, und der köstliche Duft von Pfannkuchen, der ihn empfing, machte Lust auf einen ganzen Stapel mit Ahornsirup und dampfendem Kaffee. Nur dass anstelle von Mrs. Baxter Chelsie seiner Nichte beim Frühstücken half und in der Küche herumhantierte.
Zwischen zwei Schlucken Kaffee kämpfte sie mit Alix, weil das Kind versuchte, sich mehr Essen in den Mund zu stecken als hineinpasste. Chelsie lachte über die Kleine und schalt sie sanft wegen ihres schlechten Benehmens. Doch sie verlor niemals die Nerven und schien auch nie verärgert darüber, die Rolle der weiblichen Bezugsperson für ihre Nichte übernommen zu haben. Im Gegenteil, sie schien wie geboren dafür, Alix’ Ersatzmutter zu sein.
Die Gefühle, die in Griff aufstiegen, waren zu kompliziert, um sie auseinanderzudividieren, also versuchte er es erst gar nicht. Stattdessen betrachtete er Chelsie stumm.
Sie hatte die Haare locker hochgebunden, sodass lose Strähnen ihr Gesicht umrahmten. Griff verspürte den beinahe unwiderstehlichen Drang, sie in die Arme zu ziehen und wieder ins Bett zu tragen, damit sie da weitermachen konnten, wo sie letzte Nacht aufgehört hatten.
»Guten Morgen«, sagte er endlich.
Chelsie zuckte zusammen und sah sich nach ihm um. »Guten Morgen«, erwiderte sie.
Trotz ihres intimen Beisammenseins letzte Nacht, oder vielleicht gerade deswegen, überzog ein rosiger Hauch ihre Wangen. Nach den überaus selbstbewussten Frauen in seiner Vergangenheit war ihre Schüchternheit eine erfrischende Abwechslung.
»Du hättest mich wecken sollen.«
Chelsie schüttelte den Kopf. »Da du nicht sofort aus dem Bett gesprungen bist, als Alix zum ersten Mal nach dir gerufen hat, habe ich mir gedacht, dass du den Schlaf nötig hast.«
»Hallo, du Fratz.« Griff setzte sich auf den Stuhl neben seiner Nichte. Sie streckte ihr klebriges Händchen aus und bot ihm ein Stück Pfannkuchen an.
»Nein, danke«, sagte er grinsend.
Chelsie stand auf, ging zum Herd und kehrte mit einem abgedeckten Teller zurück. »Die habe ich für dich aufbewahrt.« Sie schenkte ihm eine Tasse Kaffee ein und schob ihm die Flasche mit dem Ahornsirup zu.
Wieder wurde Griff der Mund wässrig. »Danke.«
»Keine Ursache.«
Obwohl sie sich vorgenommen hatten, miteinander zu reden, beschloss Griff, alles Persönliche auf später zu verschieben und zunächst das Berufliche zu besprechen. »Ich habe mich gefragt, wie Amanda reagiert hat, als du ihr erzählt hast, dass du eine einstweilige Verfügung gegen ihren Ex erwirkt hast.« Griff war am vergangenen Tag mit seinen eigenen Fällen und dem Einspringen für Mrs. Baxter derart beschäftigt gewesen, dass er nicht dazu gekommen war, diesen Fall mit Chelsie durchzugehen.
Sie sah von ihrem Teller auf. »Ich habe keine beantragt.«
»Wie kannst du eine Woche verstreichen lassen, ohne irgendetwas zu unternehmen?«
»Warte mit deiner Kritik, bis du alle Fakten kennst. Amanda wollte Zeit haben, um zur Ruhe zu kommen, ehe sie irgendwelche Papiere unterschreibt. Da ihr Mann nicht weiß, wo sie ist, dachte ich, die Verzögerung wäre nicht weiter schlimm.«
»Hast du ihr nicht erklärt, was für eine dumme, um nicht zu sagen gefährliche Einstellung das ist?«, fragte Griff.
Chelsie wurde kreidebleich bei der Ermahnung und legte unsicher die Gabel beiseite. »Natürlich. Aber du kannst niemanden zwingen zu handeln, wenn er nicht dazu bereit ist. Einige Frauen sind nie so weit«, murmelte sie.
»Es ist nicht so, dass ich kein Mitgefühl hätte. Du weißt, dass sie mir leidtut. Aber wie kann es sein, dass sie den Kerl nicht zur Rechenschaft ziehen will? Er hat sie körperlich misshandelt, um Himmels willen.«
»Als Opfer hat man weit mehr als nur physische Misshandlungen erlebt. Manchmal sind die emotionalen Auswirkungen wesentlich schlimmer«, wandte Chelsie mit bebender Stimme ein. »Einige Frauen wollen die ganze Geschichte einfach nur so schnell wie möglich hinter sich lassen.«
Griff seufzte und legte eine Hand auf ihren Arm. »Ich wollte nicht oberlehrerhaft klingen und ganz bestimmt keine alten Erinnerungen wecken.«
»Ich lebe schon eine ganze Weile damit, Griff. Und du bist nicht schuld daran.« Chelsie stand auf und reinigte Alix’ Stuhl, dann konzentrierte sie sich darauf, das Kind zu säubern.
Da sie die Ablenkung zu brauchen schien, bot Griff nicht an, ihr zu helfen. Stattdessen nahm er die Teller vom Tisch und stellte sie in die Spüle.
Chelsie hob ihre Nichte aus dem Stuhl und setzte das Kind auf dem weiß gefliesten Boden ab. »Geh spielen«, flüsterte sie Alix ins Ohr.
Mehr Ermunterung brauchte die Kleine nicht. Sie verschwand in die Richtung, in der ihre Spielsachen lagen.
Sobald das Kind aus der Küche war, ging Griff zu Chelsie und legte seine Arme um ihre schlanke Taille. Dann drückte er sein Gesicht in ihren Nacken, sog ihren weiblichen Duft ein und rief sich einige Details der vergangenen Nacht ins Gedächtnis.
»Griff, es gibt da eine Sache, die ich dich fragen muss.«
»Kann das nicht warten?« Er vergrub seine Finger in ihrem Haar und dachte an das Bett oben. Arbeit war das Letzte, wonach ihm augenblicklich der Sinn stand.
»Ich habe es schon viel zu lange aufgeschoben«, erwiderte Chelsie.
Anscheinend hatte er es nicht geschafft, das zu erreichen, was er sich letzte Nacht vorgenommen hatte, dachte Griff voller Ironie. Sie war nicht zu erschöpft für ein langes Gespräch, und er spürte, dass es schwer werden würde, sie abzulenken. »Was gibt es?«
»Von jetzt an musst du Amandas Fall übernehmen.«
Die Forderung überraschte ihn. Er fasste Chelsie an den Schultern und drehte sie zu sich um, aber sie mied seinen Blick. Ihre niedergeschlagenen Lider und das nervöse Klopfen ihres Fußes deuteten auf ein ernstes Problem hin. Sie waren sich so nahe gekommen, wie es zwei Menschen nur möglich war. Also warum diese plötzliche Scheu, über etwas so Unpersönliches wie die Arbeit zu sprechen?
»Was ist los?«, fragte Griff.
Endlich hob Chelsie den Kopf und sah ihm in die Augen.
»Warum soll ich gerade diesen Fall übernehmen?«, wollte er wissen.
Chelsie hätte sagen können, dass ihre Mandantin es so wollte. Sie hätte behaupten können, Amandas Lage erinnere sie zu sehr an ihre eigene. Sie hätte es auf ihren übervollen Terminplan schieben können. Jede dieser Entschuldigungen klang stichhaltig und war wahr genug, um Griff zufriedenzustellen, doch als seine Partnerin – nein, als seine Geliebte – schuldete sie es ihm, ehrlich zu sein.
Gleichgültig, wie die Konsequenzen aussahen, sie wollte ihm weder emotional noch sonstwie ausweichen. »Weil es vielleicht einen Konflikt mit …«
Das schrille Klingeln des Telefons schnitt ihr das Wort ab.
Griff warf ihr einen bedauernden Blick zu. Es sollte wohl nicht sein, dachte Chelsie unbehaglich. Das eine Mal, wo sie wirklich nicht unterbrochen werden wollte, wurde sie trotzdem gestört.
Sie hielt Griff am Arm zurück. »Könnten wir es nicht einfach ignorieren?«, fragte sie.
Griff schaute zum Telefon. »Es ist der Geschäftsanschluss. Aber wer würde an einem Sonntag anrufen?«
Ich höre den Anrufbeantworter regelmäßig ab. Ich bin jederzeit für Sie da. Chelsie wurde flau im Magen.
»Amanda«, sagte sie automatisch. Es war nicht das erste Mal, dass sie an einem Wochenende oder mitten in der Nacht von einer Mandantin oder einer Betreuerin im Frauenhaus angerufen wurde. Der Zeitpunkt hätte schlechter nicht sein können, doch sie ließ nie einen Menschen im Stich, der ihre Hilfe brauchte. Schon gar nicht Amanda.
Aus dem flauen Gefühl wurde bleierne Angst. »Ich gehe ran.« Chelsie rannte durch die Küche und griff nach dem Hörer. »Hallo?«
Mit einem Kopfnicken gab sie Griff zu verstehen, dass sie recht gehabt hatte. Die hysterische Frau am anderen Ende der Leitung redete ohne Punkt und Komma, doch schließlich verstand Chelsie den Kern der Aussage, und der gefiel ihr ganz und gar nicht. »Wie hat er Sie finden können?«, fragte sie und lauschte ungläubig Amandas Antwort. »Sagen Sie mir einfach, wo Sie sind. Wir treffen uns in …«, Chelsie sah auf ihre Uhr, »… spätestens zwanzig Minuten.«
Frustriert knallte sie den Hörer auf den Apparat. Das Adrenalin hätte ihren Energiepegel hochhalten sollen, doch stattdessen war ihr, als fiele sie in ein tiefes Loch. Wenn sie sich nicht auf ihre Mandantin verlassen konnte, war der Kampf gegen ihren Ex-Mann aussichtslos. Chelsie wandte sich wieder Griff zu. »Amanda hatte einen Streit mit ihrem Mann. Es sieht so aus, als wäre sie nach Hause gefahren, um ein paar Sachen zu holen.«
»Warum zum Teufel sollte sie so etwas tun?« Griff platzte beinahe vor Wut. Chelsie konnte es ihm nicht verdenken. Falls die Frau für etwas so Dummes wie Kleider zum Wechseln nach Hause zurückgekehrt war, würde Chelsie sie höchstpersönlich erwürgen.
Sie schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht. Sie hat nicht allzu viel dazu gesagt. Ich fahre hin und beruhige sie.«
»Nicht allein, niemals.«
Wütend, dass Griff es wagte, sie herumzukommandieren, und dankbar, dass er sie gern genug hatte, es zu versuchen, machte Chelsie auf dem Absatz kehrt. Doch ein Blick in Griffs angespanntes Gesicht ließ ihren Zorn verrauchen. Er lehnte an einem Stuhl und hielt das Rückenpolster so fest umklammert, dass seine Fingerknöchel weiß hervortraten. Gegen seine Bevormundung konnte sie sich wehren, aber nicht gegen seine Sorge.
»Mir passiert schon nichts. Außerdem gibt es keine Alternative. Du kannst nicht ins Frauenhaus gehen, und irgendjemand muss bei Alix bleiben.« Chelsie trat zu Griff und fuhr mit einem Finger sanft über die Sorgenfalten auf seiner Stirn. »Kann ich mir deinen Wagen ausborgen?«
»So funktioniert das nicht.«
»Was?« Ein wissendes Lächeln umspielte Chelsies Lippen.
»Dein Ablenkungsversuch, auch wenn du dich noch so sehr bemühst.« Sanft zog er ihre Hand herunter, dann griff er über sie hinweg und nahm einen Schlüsselbund von der Anrichte. »Sobald Mrs. Baxter hier ist, fahre ich zu deiner Wohnung und warte dort auf dich.« Er drückte ihr die kalten Metallschlüssel in die Hand, beugte sich vor und küsste sie sanft mit seinen warmen Lippen.
»Wie denn? Ich nehme doch deinen Wagen. Mach dir keine Sorgen. Ich komme hierher zurück, wenn ich fertig bin.« Sie würde Amanda beruhigen und sie dann kompetenten Händen überlassen.
»Dann ruf mich wenigstens sofort an, wenn ihr durch seid.«
»Ja, Sir. Hat dir schon einmal jemand gesagt, dass du herrschsüchtig bist?«
Ein trauriges Lächeln glitt über Griffs Gesicht. »Ja, mein Bruder.«
»Tut mir leid«, flüsterte Chelsie. Gern hätte sie ihn für immer von diesem Schmerz befreit. Aber ihre eigene zerbrechliche Gefühlswelt hatte ihr gezeigt, dass wohl auch Griff den Rest seines Lebens mit irgendeiner Form dieser Wunde leben musste.
Griff legte eine Hand an ihre Wange, und Chelsie genoss es, seine kräftigen Finger auf ihrer Haut zu spüren. »Ich liebe dich«, sagte sie spontan und ehrlich. Dann schlang sie die Arme um seinen Hals und traf ihn auf halbem Wege zu einem Kuss, der all ihre Schutzmauern einriss. In seinen Armen fühlte sie sich sicher. Der Kuss jedoch und die Leidenschaft samt der verwickelten Gefühle, die sich darin ausdrückten, drohten ihr den Boden unter den Füßen wegzuziehen.
Auf Griffs Stirn lag ein leichter Schweißfilm und sein Atmen klang angestrengt. »Du solltest jetzt besser gehen«, murmelte er.
Chelsie lächelte, hatte jedoch selbst Schwierigkeiten, zu Atem zu kommen. »Dann bis später.«
Erst als sie am Frauenhaus ankam, wurde ihr bewusst, dass sie Griff die Wahrheit gesagt hatte. Aber nicht die, die am wichtigsten war.
»Wenn du andauernd unerwartet hier aufkreuzt, muss ich bald Miete von dir nehmen.« Griff hielt Ryan die Fliegengittertür auf.
Aus dem Morgen war Nachmittag und schließlich früher Abend geworden – ohne eine Nachricht von Chelsie. Griff verstand ihre Identifikation mit Amandas misslicher Lage, und als Anwalt war ihm auch bekannt, dass es selbst an Wochenenden Notfälle gab. Doch mit jeder Minute, die verstrich, wuchs seine Sorge.
Ryan kicherte und drängte sich wie üblich einfach an ihm vorbei ins Haus. »Heißt das, meine Dienste als Babysitter werden nicht mehr gebraucht?«
»Hör auf, mich auszuhorchen. Ich habe deine Dienste schon seit Monaten nicht mehr in Anspruch genommen. Betrachte dich als hochgeschätzte, aber nun arbeitslose Aushilfe.«
»Stimmt, Miss Russell hat ja meinen Job übernommen.« Ryan hielt kurz an, um Alix auf die Wange zu küssen. Die Kleine revanchierte sich mit einem feuchten Schmatzer auf seinen Mund, der Ryan zum Kichern brachte. »Da wir gerade von Chelsie reden …«
»Ich nicht«, fiel Griff ihm ins Wort. Dabei dachte er unentwegt an sie, wollte seine privaten Überlegungen aber nicht einmal mit Ryan teilen.
»Ich aber. Ich habe dir einen Gefallen getan.« Ryan hielt ihm eine braune Akte hin.
Griff musterte die auffällige Mappe. Er hatte die Resultate von Ryans Ermittlungen zu häufig gesehen, um sich zu irren. »Ich dachte, ich hätte dir gesagt, du sollst sie in Ruhe lassen.«
»Ein kleiner Freundschaftsdienst.« Ryan warf die Akte auf den Couchtisch. »Mach damit, was du willst«, sagte er und wandte sich Alix zu, um mit ihr zu spielen.
Da Griff wusste, dass er den Bericht verschwinden lassen musste, ehe Chelsie zurückkam, nahm er die Akte nach einem finsteren Blick auf Ryan vom Tisch. Dann ging er schnurstracks die Treppe hoch in sein Büro und legte sie in die oberste Schublade seines Schreibtischs. Es gab keinen Grund, Chelsie zu verärgern, indem er ihr verriet, dass ein Privatdetektiv, noch dazu Ryan, sich mit ihrer Vergangenheit beschäftigt hatte. Er würde die Unterlagen später entsorgen und damit ein für alle Mal vernichten.
Er hatte nicht die Absicht, irgendwelche Einzelheiten zu erfahren, die Chelsie nicht von sich aus erzählte. Sie hatte doch bereits angedeutet, dass sie miteinander reden mussten, und er war sicher, dass sie im Laufe der Zeit Vertrauen zu ihm fassen würde.
Sie hatten noch das ganze Leben Zeit dazu, wurde ihm plötzlich bewusst.
Ihm war schon eine Weile klar, dass sie mit einer Zweijährigen im Haus nicht über längere Zeit eine Affäre haben konnten. Und tief im Herzen wusste er, dass er Chelsie für immer haben wollte. Er wünschte nur, sein mit Bildern aus der Vergangenheit überladener Verstand ließe ihn in Ruhe. Doch Chelsie hatte ihn bereits auf den Weg der Besserung gebracht.
Sie mochte ihn, nicht das, was er ihr geben oder kaufen oder für sie tun konnte. So viel Aufmerksamkeit hatte ihm bislang keine Frau geschenkt. Schon allein aus diesem Grund vertraute er ihr genug, um den Versuch zu wagen, eine gemeinsame Zukunft mit ihr aufzubauen.
Griff sah auf seine Uhr. Warum zum Teufel dauerte das so lange?
»He, Ryan.« Er rannte wieder nach unten und spannte seinen alten Freund noch einmal ein.
»Sie sind also nach Hause gefahren, um das Lieblingskuscheltier Ihres Sohnes zu holen.« Chelsie saß mit Amanda in einem der wenigen freien Zimmer des Frauenhauses.
Damit die ansonsten düstere und gedrückte Atmosphäre etwas aufgelockert wurde, waren die beigen Wände mit Postern vollgehängt. Auf jede Frau, die an diesem Ort eine kurze Verschnaufpause einlegte, warteten außerhalb der Mauern ernste Probleme, doch viele hatten ihre Kinder mitgebracht. Und wo es Kinder gab, gab es Hoffnung.
»Ganz schön dumm, was? Es ist nur so, dass er nicht mehr richtig geschlafen hat, seit wir vor über einer Woche hier angekommen sind.«
Chelsie legte die Handflächen aneinander und versuchte, eine sachliche Antwort zu geben, die nicht von Gefühlen geleitet war. »Sie sind eine gute Mutter, Amanda. Aber einige Risiken sind einfach zu groß. Sie haben viel aufs Spiel gesetzt.«
Die andere Frau senkte den Kopf, sodass ihr dunkles Haar nach vorne fiel und ihr Gesicht verdeckte.
»Jeff war zu Hause. Hat er Sie verletzt?«
»Nein. Er hat mich nur gebeten zurückzukommen.«
»Und?«
»Ich habe gesagt, ich würde darüber nachdenken. Bloß um Zeit zu gewinnen«, fügte Amanda hastig hinzu. »Nach dem Wortwechsel habe ich das Kuscheltier geholt und bin schnell wieder gegangen.«
Chelsie war noch nicht beruhigt. »Und er hat Sie einfach gehen lassen?«
Amanda nickte. Chelsie schwieg. Ihre Erfahrung mit anderen Mandantinnen und auch ihre Ehe hatten sie gelehrt, dass Jeffreys Zurückhaltung darauf hindeutete, dass er einen anderen Plan verfolgte.
»Amanda, wenn es Ihnen mit der Scheidung immer noch ernst ist, müssen wir langsam etwas unternehmen. Ich habe Aussagen von Ihren Freunden und Verwandten. Dazu Fotos von den Verletzungen, die er Ihnen beim letzten Mal zugefügt hat. Jetzt wird es Zeit, das Gericht anzurufen. Ich möchte so bald wie möglich ein Kontaktverbot erwirken. Und ich möchte, dass Sie ernsthaft darüber nachdenken, ob Sie Anzeige erstatten wollen. Einverstanden?«
»Er wird stinkwütend werden.«
»Ja. Aber er weiß nicht, wo Sie sind, also kann Ihnen nichts passieren. Es sei denn …«
»Ich habe kein Wort gesagt. Ich schwöre.«
Chelsie stieß einen erleichterten Seufzer aus. »In Ordnung. Ich kümmere mich um alles. Aber tun Sie so etwas nie wieder. Gehen Sie nicht nach Hause. Oder in die Nähe seines Büros. Vermeiden Sie jeden Kontakt mit ihm.«
»Sie sind sich mit alldem sicher?« Amanda hob den Kopf. Ihre traurigen, dunklen Augen baten Chelsie um Rückendeckung.
»Sie sind diejenige, die sich sicher sein muss.« Chelsie fasste die andere Frau bei den Schultern. »Aber wenn Sie meine Meinung hören wollen, würde ich sagen: Ja, verklagen Sie ihn. Stehen Sie auf, für sich und Ihr Kind. Ich habe es nicht getan. Und das hat dazu geführt, dass Sie sich nun in dieser Lage befinden und ich nie das Leben haben werde, das ich mir vorgestellt hatte. Ich möchte nicht, dass dieses Muster sich wiederholt.«
In Amandas Augen schimmerten Tränen, doch sie nickte zustimmend.
»Gut. Ich melde mich wieder.«
Chelsie verabschiedete sich von ihr, doch anstatt sofort zu Griff zurückzukehren, fuhr sie zunächst zu ihrem Appartement. Sie zog die Wohnungstür zu und schloss sorgfältig hinter sich ab. Sie brauchte Zeit zum Nachdenken, ehe sie den nächsten Schritt machte.
Im Wohnzimmer angekommen, knipste sie die Deckenlampe an. Die Kristalltiere lagen da, wo Alix sie zurückgelassen hatte – in einem Haufen auf dem Boden. Chelsie kniete sich hin, nahm eins davon in die Hand und fuhr mit dem Finger vorsichtig über die Konturen des kleinen Bären. Wie es sich wohl anfühlte, ein Kind zu haben und es so sehr zu lieben, dass man sein Leben riskierte, um ihm ein einfaches Spielzeug zu holen? Sofort fiel ihr Alix ein. Sollte sie jemals selbst vor einer solchen Entscheidung stehen, würde sie alles tun, damit das kleine Mädchen weiterhin lachen und seine Grübchen zeigen konnte. Und sie würde alles tun, um den Onkel des Kindes glücklich zu machen, auch wenn das hieß, dass sie ihr eigenes Glück opfern musste.
Eine Träne rann über ihre Wange, und sie wischte sie mit dem Ärmel fort. Wie sollte sie es jemals schaffen, die beiden gehen zu lassen? Chelsie schloss die Finger um den kleinen Bären und drückte das Tierchen an ihr Herz.
Durch ihren Entschluss, Griffs und Alix’ Leben zu teilen, hatte sie sich den Seelenqualen ausgesetzt, denen sie jahrelang aus dem Weg gegangen war, indem sie sich von ihrer Schwester ferngehalten hatte – dem einzigen Familienmitglied, das sich wirklich um sie sorgte. Nicht zum ersten Mal wünschte sie sich, sie hätte den Mut gehabt, dieses Risiko früher einzugehen, dann hätten sie und Shannon mehr Zeit miteinander verbracht. Die Ironie ihres Schicksals war ihr nicht entgangen. Ihrer Schwester die Wahrheit zu sagen, hätte zu einer Wiederannäherung geführt, während Griff von ihr abrücken würde, wenn sie ihm alles erzählte.
Das hatte sie nicht besonders klug angestellt. Sie hatte sich zu sehr eingelassen auf einen Mann, der mehr Kinder wollte, und sich zu eng verbunden mit ihrer Nichte – dem Kind, das sie liebte wie die Tochter, die sie niemals haben würde.
Als Chelsie sich endlich dem stellte, was sie getan hatte, schloss sie Frieden mit der Tatsache, dass sie aus dem Bauch heraus gehandelt hatte. Einsam und verängstigt hatte sie ihre eigene Haut gerettet, ohne an diejenigen zu denken, die nach ihr kamen. Das hatte sich nicht mehr rückgängig machen lassen, doch seitdem hatte sie sich um Wiedergutmachung bemüht. Obwohl sie die Frauen, die sie gebraucht hatten, umsonst beraten und vertreten hatte, verfolgte sie der Vorwurf, selbstsüchtig gehandelt zu haben, bis zum heutigen Tag. War Amanda nicht der Beweis?
Nun reichte es. Verdiente nicht auch sie eine Chance, glücklich zu werden? Vielleicht würde Griff sie ja verstehen und akzeptieren. Ein großer Wunsch, das wusste Chelsie. Wenn nicht, war sie wenigstens einen Schritt weiter damit, ihr Leben wieder zurückzubekommen.
Sie sah sich in ihrer Wohnung um und erkannte, dass sie hier nicht länger bleiben konnte. Seit Griff und Alix da gewesen waren, gefiel ihr die sterile Umgebung nicht mehr.
Ein lautes Klopfen riss sie aus ihren Träumereien. Vielleicht war das ihre Chance. Anscheinend hatte Griff sich davon, dass er nicht motorisiert war, nicht aufhalten lassen. Wie sie ihn kannte, hatte er sich Ryans Wagen geschnappt und Alix gleich mitgebracht.
Sie rannte zur Tür, kämpfte mit dem Schloss und fing schon beim Aufmachen an zu reden: »Griff …« Ihr Lächeln erstarrte und ihr Herz setzte einen Schlag aus.
»Hi, Chelsie. Lange nicht gesehen.«
»Jeff.« Ihre Stimme klang rau und fremd, selbst für ihre Ohren. Fünf Jahre verpufften, als hätte es sie nie gegeben, aber sie weigerte sich, sich auch nur eine Spur von Angst anmerken zu lassen. Ohne Rücksicht auf ihre plötzlich feuchten Hände und das Blut, das ihr zu Kopfe stieg, musterte sie ihren Ex-Mann finster.
»Du wirst dich doch noch erinnern.« Er schob sie beiseite und betrat ihre Wohnung, ohne auf eine Einladung zu warten.
Wie war er an dem Wachmann vorbeigekommen? Ich habe mich an eine große Gruppe gehängt, und wenn ich so ins Haus gelangen konnte, hätte es jeder andere auch geschafft. Ihre Burg schien nicht mehr sicher zu sein. Griff hatte sie gewarnt. Doch irgendwie glaubte Chelsie, dass er diesmal nicht allzu erfreut sein würde, recht gehabt zu haben.
»Du siehst gut aus.« Jeff betrachtete sie von Kopf bis Fuß. Obwohl Chelsie vollständig bekleidet war, fühlte sie sich, als zöge er sie mit den Augen aus. Mit einem Mal wurde ihr furchtbar schlecht, und sie musste nicht nur ihre Reflexe unterdrücken, sondern auch die Erinnerungen, die ihr den Magen umdrehten.
Jeff stand eine halbe Zimmerbreite von ihr entfernt. Er hatte sich nicht verändert. Sein glattes blondes Haar wirkte immer noch wie frisch frisiert, und nicht ein Hauch von Bart verunstaltete seine klassischen Züge. Wie üblich trug er einen marineblauen Anzug mit bordeauxroter Krawatte. Er sah gar nicht aus wie ein Schlägertyp, aber andererseits hatten Äußerlichkeiten nicht viel zu sagen. In Jeff Suttons Fall jedenfalls lauerte hinter der konservativen Fassade eine latente Gewaltbereitschaft. Wie es ihm gelungen war, diese Seite seines Charakters in der ersten Zeit ihrer Ehe zu verbergen, war ihr nach wie vor ein Rätsel.
Chelsies Selbstbeherrschung hing an einem seidenen Faden. »Sicher bist du nicht gekommen, um Höflichkeiten mit mir auszutauschen.« Sie versuchte zu schlucken, doch ihr Mund war zu trocken. Dann ging sie zum Fenster, weg von ihrem Ex-Mann. »Wie hast du mich gefunden?«
Lächelnd ließ er sich auf ihrem Sofa nieder und streckte die langen Beine aus. »Wie wär’s mit einem Drink für deinen Ex-Gatten?«
»Wir wär’s mit einer Antwort?«
»Es war ganz leicht, dich zu finden. Ich bin dir nach deinem Besuch bei meiner derzeitigen Frau nachgefahren. Amanda hat nicht bemerkt, dass ich ihr von zu Hause gefolgt bin. Dass sie sich mit dir getroffen hat, hat mich wirklich überrascht – obwohl du noch nie gewusst hast, wann du dich um deine eigenen Angelegenheiten kümmern solltest.« Jeff schnippte einen Papierschnipsel von seinem dunklen Anzug.
Chelsie ließ sich von seinem sanften Ton und seiner scheinbaren Gleichgültigkeit nicht in die Irre führen. »Sie hat meine Kanzlei beauftragt. Das macht sie zu meiner Mandantin.«
Jeffs herablassendes Kopfschütteln zeigte, dass er das ganz anders sah. »Vielleicht mischst du dich nach unserer Unterhaltung nicht mehr so schnell in das Leben anderer ein.«
»Ist das eine Drohung?«
Sein lockeres Lächeln täuschte sie nicht. »Ich drohe nicht und das weißt du.«
Nein, er schlug zu.
»Ich möchte nur mit dir reden, Chels.«
»Wir haben uns nichts mehr zu sagen.«
Jeff schüttelte den Kopf. »Siehst du, das stimmt nicht. Irgendjemand schnüffelt in unserer Vergangenheit herum, und das ist verdammt lästig geworden.«
Chelsie kniff die Augen zusammen. »Was soll das heißen?«
»Ich habe dich ohne Auseinandersetzung ziehen lassen, weil du mir versprochen hast, dass keiner je von uns erfährt. Ich habe dir diese Scheidung zum Abschied geschenkt, aber hast du wirklich geglaubt, dass ich das Risiko eingehe, mich nicht rückzuversichern? Meine Karriere bedeutet mir alles. Falls irgendjemand herausfindet, dass du achtlos genug warst, die Treppe hinunterzufallen, ohne dass ich etwas dagegen tun konnte …«
»Du meinst, falls jemand herausfindet, dass du mich hinuntergestoßen hast.«
Ohne Vorwarnung sprang Jeff auf die Füße. Sie war zu weit gegangen. Chelsie biss sich auf die Unterlippe und schätzte die Entfernung zur Tür. Jeff blockierte den Fluchtweg.
Täuschend lässig kam er auf sie zu. »Ich habe einen Freund im Krankenhausarchiv, und irgendjemand hat dort Nachforschungen angestellt.« Chelsie dachte an Griff. Hatte er jemanden angeheuert, um Informationen für Amanda zu beschaffen? Und wenn dem so war, was hatte er in Erfahrung gebracht?
Jeff packte sie am Arm und zog sie nach hinten, sodass sie ihn ansehen musste. »Sorg dafür, dass das nicht noch einmal vorkommt. Pfeif deinen Freund zurück und sag meiner Frau, sie soll nach Hause kommen.«
Chelsie wollte ihn nicht merken lassen, wie sehr er sie einschüchterte, deshalb atmete sie tief durch. Selbst sein Rasierwasser war noch dasselbe. Der süßliche Geruch brachte sie fast zum Erbrechen. Sie trat einen Schritt zurück und stieß mit der Ferse an die Wand. Sie hatte sich schon wieder in die Enge treiben lassen, und dieses Déjà-vu-Erlebnis war nicht besonders beruhigend.
Jeff hob eine Hand und ließ einen Finger an ihrer Wange hinuntergleiten. Seine Berührungen waren widerlich. Chelsie riss den Kopf zurück und knallte gegen die Wand. Sie schloss die Augen, um den Schwindel zu unterdrücken, und machte sie dann wieder auf. Ihr Schädel brummte von dem Schlag. »Hau ab«, stieß sie zwischen den Zähnen hervor.
Dann hob sie das rechte Bein und trat ihm kräftig auf den Fuß. Leider verursachte das mit einem Turnschuh keine großen Schmerzen und half ihr daher nicht, ihn um den Vorteil zu bringen, den ihm seine Körpergröße verschaffte.
Jeff schob seine kräftige Hand um ihren Nacken, bis seine Finger sich in ihrem Haar verfingen. »Sei nett zu mir, Chelsie«, flüsterte er, den Kopf nah an ihrem. Mit dem Daumen seiner freien Hand strich er über ihre Unterlippe. Dann steckte er sich den Daumen, ohne sie aus den Augen zu lassen, in den Mund.
Trotz ihrer Entschlossenheit schauderte Chelsie.
»Nennen wir das Ganze einfach ein klärendes Gespräch über Amandas Fall«, schlug er vor.
»Es gibt nichts zu klären. Deine Frau will nur noch weg.«
Jeff verstärkte seinen Griff, und seine Finger gruben sich in ihre Kopfhaut. »Diese Frau lass ich nicht so leicht gehen wie dich.«
Obwohl Chelsie sich zum Lachen zwang, wurde ihre Stimme mit zunehmender Panik immer lauter. »Du hast mich nicht gehen lassen. Dir blieb nur die Wahl zwischen einer schnellen Scheidung und dem Gefängnis. Das wusstest du. Aber diesmal kannst du dir nichts mehr aussuchen. Du kriegst beides.«
Jeff schüttelte den Kopf und kam ihr noch näher. »Diesmal habe ich einen Sohn«, sagte er laut und deutlich. Sein entschlossener Tonfall ließ keinen Zweifel daran, dass er vorhatte, seinen Willen durchzusetzen, egal, mit welchen Mitteln. Um das zu unterstreichen, zog er Chelsie am Haar.
Obwohl sie sich ein Stöhnen verkniff, war ihr der körperliche Schmerz mittlerweile egal. Das Bedürfnis, die Person zu verletzen, der sie erlaubt hatte, ihr Leben zu zerstören, warf alle Vorsicht über den Haufen. »Das hattest du letztes Mal auch«, zischte sie Jeff zu.
Seine Augen wurden tiefschwarz vor Zorn. Dann riss er sie nach hinten, sodass ihr Kopf noch einmal gegen die Wand stieß. Tränen schossen ihr in die Augen. Chelsie biss sich auf die Lippen, verbot es sich aber, einen Laut von sich zu geben. Ihre Hilflosigkeit brannte bitter wie Galle im Rachen. Die vergangenen fünf Jahre stürzten auf sie ein und raubten ihr noch mehr die Luft als Jeffs Nähe.
Plötzlich hielt Chelsie es nicht länger aus. Sie wollte endlich wieder leben. Und frei sein.