Markus Zusak
Die Bücherdiebin
Roman
Aus dem Englischen von Alexandra Ernst
PROLOG
TOD UND SCHOKOLADE
NEBEN DEN BAHNGLEISEN
DIE FINSTERNIS
DIE FAHNE
TEIL 1 - DAS HANDBUCH DES TOTENGRÄBERS
ANKUNFT IN DER HIMMELSTRASSE
ALS SAUMENSCH AUFZUWACHSEN
DIE FRAU MIT DER EISENFAUST DER KUSS (Eine Kindheitsentscheidung)
DIE JESSE-OWENS-SACHE
DIE RÜCKSEITE VON SANDPAPIER
DER GERUCH VON FREUNDSCHAFT
BOX-CHAMPION AUF DEM SCHULHOF
TEIL 2 - DAS SCHULTERZUCKEN
EIN MÄDCHEN, ERSCHAFFEN AUS DUNKELHEIT
GLÜCK GEGEN ZIGARETTEN
DIE STADTLÄUFERIN
TOTE BRIEFE
HITLERS GEBURTSTAG 1940
100 PROZENT REINER DEUTSCHER SCHWEISS
DIE TÜR ZUM DIEBSTAHL
BUCH DES FEUERS
TEIL 3 - MEIN KAMPF
DER HEIMWEG
DIE BIBLIOTHEK DES BÜRGERMEISTERS
DER KÄMPFER BETRITT DEN RING
DIE EIGENSCHAFTEN DES SOMMERS
DIE ARISCHE LADENBESITZERIN
DER KÄMPFER: ZWEITE RUNDE SCHWINDLER
DER KÄMPFER: LETZTE RUNDE
TEIL 4 - DER ÜBERSTEHMANN
DER AKKORDEONSPIELER (Das geheime Leben des Hans Hubermann)
EIN GUTES MÄDCHEN
EIN KURZER LEBENSLAUF EINES JÜDISCHEN FAUSTKÄMPFERS
ROSAS ZORN
DIE MAHNUNG DER SCHLÄFER
DER AUSTAUSCH VON ALBTRÄUMEN
DAS BUCH AUS DEM KELLER
TEIL 5 - DER PFEIFER
DAS TREIBENDE BUCH (Teil 1)
DIE SPIELER (Ein Würfel mit sieben Seiten)
RUDIS JUGEND
DIE VERLIERER
SKIZZEN
DER PFEIFER UND DIE SCHUHE
DREI DUMMHEITEN VON RUDI STEINER
DAS TREIBENDE BUCH (Teil 2)
TEIL 6 - DER TRAUMTRÄGER
DAS TAGEBUCH DES TODES: 1942
DER SCHNEEMANN
DREIZEHN GESCHENKE
FRISCHE LUFT, EIN ALTER ALBTRAUM UND DIE FRAGE, WAS MAN MIT EINER JÜDISCHEN ...
DAS TAGEBUCH DES TODES: KÖLN DER BESUCHER
DER SCHMUNZLER
DAS TAGEBUCH DES TODES: DIE PARISER JUDEN
TEIL 7 - DUDEN BEDEUTUNGS WÖRTERBUCH
CHAMPAGNER UND AKKORDEON
DIE TRILOGIE
DER KLANG DER SIRENEN
DER HIMMELSDIEB
FRAU HOLZINGERS ANGEBOT
DER LANGE MARSCH NACH DACHAU
FRIEDE
DER IDIOT UND DIE MANTELMÄNNER
TEIL 8 - DIE WORTESCHÜTTLERIN
DOMINOS UND DUNKELHEIT
DIE ÜBERLEGUNG, WIE RUDI NACKT AUSSIEHT
STRAFE
DIE FRAU EINES MANNES, DER SEIN VERSPRECHEN HÄLT
DER SAMMLER DIE BROTESSER
DAS VERSTECKTE SKIZZENBUCH
DIE ANZUGSAMMLUNG DES ANARCHISTEN
TEIL 9 - DIE LETZTE MENSCHLICHE FREMDE
DIE NÄCHSTE VERSUCHUNG
DER KARTENSPIELER
DER SCHNEE VON STALINGRAD
DER ALTERSLOSE BRUDER
DER UNFALL
DER BITTERE GESCHMACK VON FRAGEN
EIN WERKZEUGKASTEN, EIN BLUTER, EIN BÄR
HEIMKEHR
TEIL 10 - DIE BÜCHERDIEBIN
DER WELTUNTERGANG (Teil 1)
DER ACHTUNDNEUNZIGSTE TAG
DER KRIEGSTREIBER
DER WEG DER WORTE
BEKENNTNISSE
ILSA HERMANNS KLEINES SCHWARZES BUCH
FLUGZEUGBÄUCHE
DER WELTUNTERGANG (Teil 2)
EPILOG
TOD UND LIESEL
HOLZ AM NACHMITTAG
MAX
PROLOG
EIN TRÜMMERBERG
Es wirken mit:
der Erzähler - Farben -und die Bücherdiebin
tod und schokolade
Zuerst die Farben. Dann die Menschen. So sehe ich die Welt normalerweise. Ich versuche es zumindest.
EINE KURZE BEMERKUNG AM RANDE
Ihr werdet sterben.
Ich bin nach Kräften bemüht, dieser ganzen Angelegenheit eine fröhliche Seite zu verleihen, aber die meisten Menschen haben einen tief sitzenden Widerwillen, der es ihnen unmöglich macht, mir zu glauben, so sehr ich auch versuche, sie davon zu überzeugen. Bitte glaubt mir: Ich kann wirklich fröhlich sein. Ich kann angenehm sein. Amüsant. Achtsam. Andächtig. Und das sind nur die Eigenschaften mit dem Buchstaben »A«. Nur bitte verlangt nicht von mir, nett zu sein. Nett zu sein ist mir völlig fremd.
REAKTIONEN AUF DIE OBEN GENANNTE TATSACHE
Mache ich euch Angst? Ich bitte euch inständig - keine Sorge. Man kann mir alles nachsagen, nur nicht, dass ich ungerecht bin.
Was fehlt?
Natürlich - eine Bekanntmachung. Ein Beginn.
Wo ist nur mein gutes Benehmen geblieben?
Ich könnte mich ganz förmlich vorstellen, aber das ist gar nicht nötig. Ihr werdet mich schon bald recht gut kennen; wie bald - das hängt von einer Reihe von Umständen ab. Nur so viel sei gesagt: Irgendwann einmal werde ich über euch allen stehen, so freundlich, wie es mir möglich ist. Eure Seelen werden in meinen Armen liegen. Auf meiner Schulter wird eine Farbe ruhen. Sanft werde ich euch davontragen.
Ihr werdet vor mir liegen. (Es passiert nur selten, dass ich Menschen stehend antreffe.) Ihr werdet in der Kruste eurer eigenen Körper gefangen sein. Vielleicht gibt es ein Erkennen; ein Schrei tröpfelt zu Boden. Die einzigen Geräusche, die ich danach hören werde, sind mein eigener Atem und der Klang des Geruchs, meine eigenen Schritte.
Die Frage ist, welche Farbe die Welt angenommen haben wird, wenn ich euch holen komme. Was wird der Himmel uns erzählen?
Ich persönlich mag einen schokoladenfarbenen Himmel. Dunkle Bitterschokolade. Die Leute behaupten, das passt zu mir. Ich versuche trotzdem, mich an jeder Farbe zu erfreuen, die ich sehe, an dem ganzen Spektrum. Etwa eine Milliarde Schattierungen, keine wie die andere, und ein Himmel, der sie langsam in sich aufsaugt. Das nimmt dem Stress die Schärfe. Und es hilft mir, mich zu entspannen.
EINE KURZE ZWISCHENBEMERKUNG
Die Menschen beachten die Farben eines Tages lediglich an seinem Anfang und an seinem Ende. Dabei wandert ein Tag durch eine Vielzahl von Farbtönen und Schattierungen, und zwar in jedem Augenblick. Eine einzige Stunde kann aus Tausenden von unterschiedlichen Farben bestehen. Wachsgelb, regenbesprühtes Blau. Schlammige Dunkelheit. In meinem Geschäft habe ich es mir zur Angewohnheit gemacht, darauf zu achten.
Wie schon angedeutet, ist Ablenkung meine einzige Rettung. Sie allein hilft mir, bei Verstand zu bleiben. Sie hilft mir, mit meiner Arbeit klarzukommen, was nicht so einfach ist, wenn man bedenkt, wie lange ich diese Tätigkeit schon ausübe. Das Problem ist: Wer könnte mich ersetzen? Wer könnte für mich einspringen, während ich in einem Vier-Sterne-Hotel irgendwo am Meer Urlaub mache oder in den Bergen Ski fahre? Die Antwort ist: Niemand. Genau dieser Umstand hat mich dazu veranlasst, die Ablenkung zu meiner Erholung zu machen, mich damit zu zerstreuen. Also mache ich Urlaub in Farben, in Schattierungen.
Dennoch fragt ihr euch möglicherweise, warum ich überhaupt Urlaub brauche. Ihr wollt wissen, wovon ich mich ablenken muss?
Was mich zum nächsten Punkt bringt.
Es sind die übrig gebliebenen Menschen.
Die Überlebenden.
Sie sind es, deren Anblick ich nicht ertrage, und in meinem Bemühen, sie nicht anzusehen, versage ich häufig. Ich konzentriere mich absichtlich auf die Farben, um die Überlebenden aus meinen Gedanken zu verbannen, aber hin und wieder werde ich Zeuge, wie die Zurückbleibenden zwischen den Puzzlestücken der Erkenntnis, Überraschung und Verzweiflung zusammenbrechen. Sie haben zerstochene Herzen. Sie haben zerschlagene Lungen.
Was mich wiederum zu dem Thema bringt, über das ich heute Abend - oder heute Mittag, oder welche Stunde und Farbe es auch immer gerade sein mag - mit euch reden will. Es ist die Geschichte von einer beständig Überlebenden - von einer Expertin im Zurückbleiben.
Es ist eigentlich nur eine kleine Geschichte, und sie handelt unter anderem von:
· einem Mädchen
· ein paar Worten
· einem Akkordeonspieler
· ein paar fanatischen Deutschen
· einem jüdischen Faustkämpfer
· und einer ganzen Menge Diebstählen
Ich sah die Bücherdiebin drei Mal.
neben den bahngleisen
Das erste Mal war es weiß. Gleißend.
Einige von euch werden wahrscheinlich denken, dass Weiß gar keine Farbe ist. Völliger Blödsinn. Das stimmt nicht. Weiß ist zweifellos eine Farbe, und ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass ihr mit mir streiten wollt.
EIN WORT ZUR BESÄNFTIGUNG
Bitte bleibt ruhig, trotz dieser offenkundigen Drohung. Ich tue nur so. Ich bin nicht gewalttätig.
Ich bin nicht bösartig. Ich bin das Ergebnis.
Ja, es war weiß.
Es war so, als ob der ganze Erdball in Schnee gekleidet wäre. Als ob er ihn angelegt hätte, so wie ihr einen Pullover anzieht. Neben der Bahnstrecke verliefen Fußspuren, eingesunken bis zum Schienbein. Die Bäume trugen Decken aus Eis.
Wie ihr euch vielleicht schon gedacht habt, war jemand gestorben.
Sie konnten ihn nicht einfach auf dem Boden liegen lassen. Im Augenblick wäre das kein Problem gewesen, aber schon bald würde das Gleis geräumt sein und der Zug würde weiterfahren.
Da waren zwei Wachmänner.
Da waren eine Mutter und ihre Tochter.
Und eine Leiche.
Die Mutter, die Tochter und die Leiche verharrten, hartnäckig und still.
»Was willst du denn von mir?«
Die Wachmänner waren groß und klein. Der Große sprach stets zuerst, obwohl er nicht das Kommando führte. Er sah den rundlichen Kleinen an. Den mit dem feuchtroten Gesicht.
»Nun«, lautete die Erwiderung, »wir können ihn doch wohl nicht einfach hier liegen lassen?«
Der Große verlor die Geduld. »Und warum nicht?«
Der Kleinere explodierte beinahe. Er schaute zu dem Kinn des Großen auf und schrie: »Spinnst du?« Die Abscheu auf seinen Wangen wuchs mit jedem Moment. Seine Haut weitete sich. »Komm«, sagte er und stapfte durch den Schnee. »Wir tragen sie alle drei zurück, wenn es sein muss. Und wir melden es der nächsten Station.«
Was mich betrifft, so hatte ich den größten aller Fehler bereits begangen. Ich kann euch gar nicht sagen, wie sehr ich von mir selbst enttäuscht war. Anfangs hatte ich alles richtig gemacht:
Ich betrachtete den blendenden, weißschneeigen Himmel, der vor dem Fenster des fahrenden Zuges stand. Ich atmete ihn förmlich ein, aber trotzdem geriet ich ins Wanken. Ich gab nach mein Interesse war geweckt. An dem Mädchen. Die Neugier siegte, und ich beschloss, so lange zu bleiben, wie es mein Zeitplan erlaubte. Ich schaute zu.
Dreiundzwanzig Minuten später hielt der Zug an, und ich stieg gemeinsam mit ihnen aus.
Eine kleine Seele lag in meinen Armen.
Ich stand zu ihrer Rechten, etwas abseits.
Die tatkräftigen beiden Wachmänner gingen zurück zu der Mutter, dem Mädchen und dem schmächtigen männlichen Leichnam. Ich erinnere mich noch genau daran, dass mein Atem an diesem Tag ungewöhnlich laut war. Ich war überrascht, dass die Wachen mich nicht bemerkten, als sie an mir vorbeigingen. Die Welt wurde niedergedrückt unter all der Last aus Schnee.
Etwa zehn Meter zu meiner Linken stand das bleiche Mädchen, durchgefroren bis auf die Knochen und mit leerem Magen.
Ihr Mund zitterte.
Sie hatte die kalten Arme überkreuzt.
Gefrorene Tränen hingen auf dem Gesicht der Bücherdiebin.
die finsternis
Das nächste Mal war es schwarz, wie Druckerschwärze, als ob der Gegensatz zu dem Weiß meine Vielseitigkeit unterstreichen wollte. Es war der dunkelste Augenblick vor der Dämmerung.
Diesmal war ich wegen eines Mannes von vierundzwanzig Jahren gekommen. Auf eine bestimmte Weise war es ein herrlicher Anblick. Das Flugzeug hustete noch. Rauch drang aus seiner Lunge.
Als es abstürzte, hinterließ es drei tiefe Furchen in der Erde. Seine Flügel waren nur mehr abgesägte Arme. Nie wieder durch die Lüfte gleiten. Auch das Leben des Flugzeugs war zu Ende.
EINE WEITERE BEMERKUNG AM RANDE
Manchmal treffe ich zu früh ein. Ich beeile mich, und manche Menschen klammern sich länger an das Leben als erwartet.
Nach einer kurzen Ansammlung von Minuten hatte sich der Rauch erschöpft. Nichts mehr war geblieben.
Zuerst kam ein Junge, mit wildem Atem und einem Gegenstand in seiner Hand, der aussah wie ein Werkzeugkasten. Beklommen näherte er sich dem Cockpit und betrachtete den Piloten, versuchte einzuschätzen, ob er am Leben war, was zu diesem Zeitpunkt noch zutraf. Die Bücherdiebin kam etwa eine halbe Minute später.
Jahre waren vergangen, aber ich erkannte sie.
Sie keuchte.
Aus dem Werkzeugkasten nahm der Junge einen Teddybären. Ausgerechnet einen Teddybären.
Er streckte seinen Arm durch die zersplitterte Windschutzscheibe und setzte den Teddy auf die Schulter des Piloten. Der lächelnde Bär saß gemütlich in dem Durcheinander aus Wrackteilen und im Blut des zerschmetterten Mannes. Ein paar Minuten später ergriff ich die Gelegenheit. Der Zeitpunkt war gekommen.
Ich trat hinzu, löste seine Seele und trug sie sanft hinweg.
Alles, was übrig blieb, waren der Körper, der schwächer werdende Geruch nach Rauch und der lächelnde Teddybär.
Als die Menschenmenge eintraf, hatte sich bereits alles verändert. Der Horizont glich glühender Kohle. Alles, was von der Schwärze übrig geblieben war, waren gekritzelte Linien auf dem Himmel, und auch die verschwanden schnell.
Im Vergleich dazu schimmerte der Mann knochenweiß. Seine Haut hatte die Farbe menschlichen Gebeins. Seine Augen waren kalt und braun - wie Kaffeeflecken -, und das schwächer werdende Gekritzel über mir formte sich, so schien es mir, zu einem merkwürdigen und doch vertrauten Zeichen.
Die Menge tat, was sie immer tut.
Während ich durch sie hindurchschritt, standen die Leute da und rührten in der Stille. Es war ein bescheidenes Gebräu aus unzusammenhängenden Gesten, gedämpften Sätzen und schweigender Unbehaglichkeit. Manche wandten sich ab.
Ich blickte zurück zum Flugzeug. Der offene Mund des Piloten schien zu lächeln.
Ein letzter schmutziger Witz.
Eine weitere menschliche Pointe.
Seine Uniform umfing ihn wie ein Leichentuch, während das graue Tageslicht sich in den Himmel drückte. Als ich mich weiter entfernte, war mir - wie bei so vielen anderen zuvor -, als ob sich die Welt noch einmal für einen kurzen Moment in Schatten hüllte, ein letzter Moment der Finsternis - die Erkenntnis, dass eine weitere Seele gegangen war.
Wisst ihr, ich sehe sie oft, wenn ein Mensch stirbt, diese Finsternis, trotz all der Farben, die das, was ich in der Welt wahrnehme, berühren und durchdringen.
Ich habe Millionen Finsternisse gesehen.
Ich habe sie schon so oft gesehen, dass ich mich nicht mehr an sie erinnern will.
die fahne
Das letzte Mal, als ich sie sah, war es rot. Der Himmel war wie eine kochende, brodelnde Suppe. An einigen Stellen war er angebrannt. Schwarze Krumen und Pfefferkörner waren über die Röte verstreut.
Vor Kurzem hatten Kinder hier Himmel und Hölle gespielt, hier auf der Straße, die wie ölverschmierte Buchseiten aussah. Als ich ankam, konnte ich immer noch das Echo hören. Die Füße, die auf der Straße aufsetzten. Die lachenden Kinderstimmen und die salzigen, lächelnden Gesichter, der Fäulnis ausgesetzt.
Dann Bomben.
Diesmal war alles zu spät.
Die Sirenen. Das einfältige Gekreische im Radio. Alles zu spät.
In wenigen Minuten waren Berge aus Stein und Erde aufgehäuft und festgebacken. Die Straßen waren aufgerissene Adern. Blut strömte, bis es auf der Erde trocknete, und die Leichen lagen darin wie Treibgut nach einer Flut.
Sie klebten am Boden fest, jede einzelne von ihnen. Ein Haufen Seelen.
War es Schicksal?
Pech?
War es das, was sie verklebt hatte? Natürlich nicht.
Das zu behaupten wäre lächerlich.
Es hatte wahrscheinlich mehr mit den Bomben zu tun, abgeworfen von Menschen, die sich in den Wolken versteckten.
Ja, der Himmel war nun ein verheerendes, eingekochtes Rot. Das deutsche Städtchen war ein weiteres Mal entzweigerissen worden. Schneeflocken aus Asche segelten so lieblich lilienfarber durch die Luft, dass man versucht war, die Zunge herauszustrecken und sie aufzufangen, sie zu schmecken. Aber sie hätten einem nur die Lippen versengt. Sie hätten einem den Mund verbrannt.
Ich sehe es klar und deutlich vor mir.
Ich wollte gerade wieder gehen, da sah ich sie auf den Knien kauern.
Ein Gebirgszug aus Schutt war geplant, entworfen und um sie herum aufgerichtet worden. Sie hielt ein Buch umklammert.
Abgesehen von allem anderen wünschte sich die Bücherdiebin nichts sehnlicher, als in den Keller zurückzukehren, um dort zu schreiben oder ihre Geschichte ein letztes Mal zu lesen. Im Nachhinein erkenne ich das Verlangen in ihrem Gesicht ganz deutlich. Sie hätte alles dafür gegeben - für die Sicherheit und die Geborgenheit dort -, aber sie konnte sich nicht bewegen. Außerdem existierte der Keller nicht mehr. Er war Teil der zermangelten Landschaft.
Noch einmal bitte ich euch inständig, mir zu glauben. Ich wollte innehalten. Ich wollte mich niederkauern. Ich wollte sagen:
»Es tut mir leid, Kind.«
Aber das ist nicht erlaubt.
Ich kauerte nicht. Ich sprach nicht.
Stattdessen schaute ich ihr eine Weile zu. Als sie sich wieder rühren konnte, folgte ich ihr. Sie ließ das Buch fallen. Sie kniete nieder. Die Bücherdiebin heulte auf.
Das Buch wurde mehrmals mit Füßen getreten, als das Aufräumen begann, und obwohl befohlen worden war, dass lediglich die Steine weggeschafft werden sollten, landete der kostbare Besitz des Mädchens auf einem Müllwagen. Angesichts dieser Tatsache blieb mir keine andere Wahl. Ich kletterte hinauf und nahm es in die Hand. Mir war nicht klar, dass ich es behalten und über die Jahre hinweg wohl an die tausend Mal anschauen würde. Ich würde die Orte betrachten, an denen sich unsere Wege kreuzten, mich über die Dinge wundern, die das Mädchen sah, und darüber, dass sie überlebte. Das ist das Beste, was ich tun kann: Ich kann miterleben, wie sich die Ereignisse, die in dem Buch geschildert werden, in die Ereignisse einfügen, deren Zeuge ich in jener Zeit wurde.
Wenn ich an sie denke, dann sehe ich eine ganze Palette an Farben, aber es sind die drei, in denen ich sie in Fleisch und Blut erlebte, die mir am deutlichsten vor Augen stehen. Manchmal gelingt es mir, weit über jenen drei Momenten zu schweben. Ich hänge fest, bis sich eine eitrige Wahrheit in Erkenntnis erblutet.
In diesem Moment sehe ich das Muster.
DIE FARBEN: ROT - WEISS - SCHWARZ
Sie fallen aufeinander. Das schwarze Gekritzel auf das gleißende, kreisrunde Weiß und dann auf das dickflüssige Rot.
Ja, ich denke oft an sie, und in einer meiner unzähligen Taschen bewahre ich ihre Geschichte auf, um sie weiterzuerzählen. Es ist eine von vielen, eine aus einer ganzen Legion von Geschichten, und jede davon ist einzigartig. Jede davon ist ein Versuch - ein ungeheuer mächtiger Versuch -, mir zu beweisen, dass ihr und eure menschliche Existenz es wert seid.
Hier ist sie. Eine von vielen.
Die Bücherdiebin.
Wenn ihr Lust habt, begleitet mich. Ich werde euch eine Geschichte erzählen. Ich will euch etwas zeigen.
TEIL 1
DAS HANDBUCH DES TOTENGRÄBERS
Es wirken mit: die Himmelstraße - Saumenschen - eine Frau mit Eisenfäusten - ein gescheiterter Kuss - Jesse Owens -
Sandpapier - der Geruch von Freundschaft - ein Schwergewichts-Champion - und die Mutter aller Watschen
ankunft in der himmelstrasse
Das letzte Mal.
Dieser rote Himmel...
Wie konnte die Bücherdiebin so enden, auf den Knien, heulend und flankiert von lächerlich wirkenden, klebrigen, zusammengebackenen Schutthaufen - alles das Werk von Menschen?
Es begann Jahre zuvor, mit Schnee.
Die Zeit war gekommen. Für einen.
EIN BESONDERS TRAGISCHER MOMENT
Ein Zug fuhr schnell. Er war vollgepackt mit Menschen. Im dritten Wagen starb ein sechsjähriger Junge.
Die Bücherdiebin und ihr Bruder fuhren nach München, wo sie Pflegeeltern übergeben werden sollten. Aber wir wissen ja bereits, dass der Junge dort niemals ankam.
WIE ES GESCHAH
Ein heftiger Hustenanfall. Ein letzter Atemzug, der Endspurt. Und dann - nichts mehr.
Als der Husten aufhörte, blieb nichts mehr außer dem Nichts des Lebens, das weiterschleift, kurz und still aufzuckt. Eine Plötzlichkeit fand ihren Weg auf seine Lippen - Lippen von einem korrodierten Braun, die sich abschälten wie alte Farbe. Die dringend einen neuen Anstrich benötigten.
Ihre Mutter schlief.
Ich betrat den Zug.
Meine Füße bahnten sich durch den überfüllten Gang, und dann lag meine Hand auf seinem Mund.
Niemand bemerkte etwas.
Der Zug raste weiter.
Bis auf das Mädchen.
Mit einem wachen und einem noch träumenden Auge sah die Bücherdiebin, auch bekannt unter ihrem Namen Liesel Meminger, dass Werner, ihr kleiner Bruder, zur Seite gerutscht war. Er war tot, daran gab es keinen Zweifel.
Seine blauen Augen starrten zu Boden.
Und sahen nichts.
Bevor sie aufwachte, hatte die Bücherdiebin vom Führer geträumt, von Adolf Hitler. In ihrem Traum nahm sie an einer Versammlung teil, auf der er eine Rede hielt. Sie betrachtete den knochenfarbenen Scheitel in seinem Haar und das vollkommene Viereck seines Schnurrbarts. Bereitwillig lauschte sie dem Strom aus Worten, die aus seinem Mund quollen. Seine Sätze glühten im Licht. In einem ruhigeren Augenblick beugte er sich doch tatsächlich nieder und lächelte sie an. Sie erwiderte das Lächeln und sagte: »Guten Tag, Herr Führer. Wie geht's dir heut?« Sie konnte nicht besonders gut sprechen, geschweige denn lesen, weil sie kaum je die Schule besucht hatte. Den Grund dafür würde sie zur rechten Zeit erfahren.
Gerade als der Führer antworten wollte, wachte sie auf.
Es war Januar 1939. Sie war neun Jahre alt.
Ihr Bruder war tot.
Ein Auge offen.
Eines noch träumend.
Ich glaube, es ist besser, wenn ein Traum vollendet wird, aber darüber habe ich nun wirklich keine Macht.
Das zweite Auge schrak auf, erwachte und erwischte mich, gerade als ich niederkniete, seine Seele heraustrennte, in meine geschwollenen Arme nahm, wo sie schlaff lag. Schon bald wurde sie wärmer, aber als ich die Seele des Jungen aufnahm, war sie noch ganz weich und kalt, wie Eiskrem. Sie schmolz in meinen Armen. Dann wurde sie warm. Heilte.
Für Liesel Meminger blieben nur die eingekerkerte Steifheit der Glieder und der beständige Angriff der Gedanken.
Es stimmt nicht. Es stimmt nicht. Es stimmt nicht.
Und das Zittern.
Warum zittern sie immer?
Ja, ich weiß, ich weiß - ich nehme an, es hat etwas mit Instinkt zu tun. Den Fluss der Wahrheit aufzuhalten. Ihr Herz war in diesem Augenblick schlüpfrig und heiß, und laut, so laut so laut.
Dummerweise blieb ich. Ich schaute zu.
Als Nächstes ihre Mutter.
Die Bücherdiebin weckte sie mit demselben verstörten Zittern.
Vielleicht könnt ihr es euch vorstellen, vielleicht auch nicht. Denkt euch eine schwerfällige Stille. Denkt euch Fetzen und Splitter aus fließender Verzweiflung. Und stellt euch vor, wie man in einem Zug ertrinkt.
Es schneite unentwegt, und der Zug nach München musste wegen eingeschneiter Gleise auf der Strecke anhalten. Eine Frau heulte. Neben ihr stand ein Mädchen, wie betäubt.
In Panik öffnete die Mutter die Tür.
Sie kletterte hinaus in den Schnee, den kleinen Körper in den Armen.
Dem Mädchen blieb nichts anderes übrig, als ihr zu folgen.
Wie ihr bereits wisst, stiegen auch zwei Wachmänner aus. Sie diskutierten und stritten darüber, was zu tun war. Die Situation war, gelinde gesagt, unerfreulich. Es wurde schließlich beschlossen, dass alle drei zur nächsten Station gebracht werden sollten, wo man Weiteres veranlassen würde.
Diesmal humpelte der Zug durch das eingeschneite Land. Er taumelte in den Bahnhof und blieb stehen.
Sie traten auf den Bahnsteig, der Körper des Jungen noch immer in den Armen der Mutter.
Sie standen da.
Der Junge wurde schwer.
Liesel hatte keine Ahnung, wo sie sich befand. Alles war weiß, und als sie im Bahnhof zurückblieben, starrte sie auf die verblassten Buchstaben auf dem Schild vor ihr. Für Liesel hatte dieses Dorf keinen Namen. Hier, in diesem namenlosen Dorf, sollte ihr Bruder Werner zwei Tage später begraben werden. Die Trauergesellschaft bestand aus einem Priester und zwei frierenden Totengräbern.
EINE ÜBERLEGUNG
Zwei Wachmänner. Zwei Totengräber. Der eine gibt Befehle.
Der andere tut, was man ihm sagt. Was, wenn der andere mehr als ein Einzelner wäre?
Fehler, Fehler - manchmal scheine ich nichts als Fehler zu machen.
Zwei Tage lang kümmerte ich mich um meine Angelegenheiten. Ich reiste über den Erdball und legte die Seelen auf das Förderband zur Ewigkeit. Ich sah ihnen nach, wie sie reglos dahinglitten.
Ein paar Mal schärfte ich mir ein, mich von der Beerdigung von Liesel Memingers Bruder fernzuhalten. Doch ich missachtete meinen eigenen Rat.
Bereits aus großer Entfernung sah ich die kleine Gruppe Menschen steif inmitten des Ödlands aus Schnee stehen. Ich näherte mich, und der Friedhof hieß mich willkommen wie einen Freund.
Schon bald war ich bei ihnen.
Ich senkte den Kopf.
Links neben Liesel standen die Totengräber, rieben sich die Hände und jammerten über den Schnee und die schlechten Arbeitsbedingungen. »Es ist so schwer, durch das ganze Eis zu graben« und so weiter. Einer von ihnen war sicher nicht älter als vierzehn Jahre. Ein Lehrling.
Als er davonging, fiel ihm nach ein paar Dutzend Schritten ein schwarzes Buch aus der Manteltasche, ohne dass er es merkte. Ein sanfter Fall.
Ein paar Minuten später wandte sich Liesels Mutter gemeinsam mit dem Priester zum Gehen. Sie dankte ihm für die Zeremonie.
Aber das Mädchen blieb.
Ihre Knie berührten den eisigen Boden. Ihr Augenblick war gekommen.
Immer noch ungläubig, fing sie an zu graben. Er konnte nicht tot sein. Er konnte nicht tot sein. Er konnte nicht...
Innerhalb von Sekunden hatte sich der Schnee in ihre Haut gefressen.
Gefrorenes Blut malte Linien auf ihren Händen.
Irgendwo in all dem Schnee sah sie ihr entzweigebrochenes Herz. Jede seiner Hälften glühte und schlug unter all dem Weiß. Sie merkte erst, dass ihre Mutter zurückgekommen war, um sie zu holen, als sie die knochige Hand auf ihrer Schulter spürte. Sie wurde weggezerrt. Ein warmer Schrei füllte ihre Kehle.
EINE KURZE SZENE, ETWA ZWANZIG METER ENTFERNT
Als das Zerren ein Ende nahm, standen die Mutter und das Mädchen da und atmeten. Etwas Schwarzes, Eckiges ruhte im Schnee.
Nur das Mädchen sah es. Sie bückte sich, hob es auf und hielt es fest in ihren Fingern. Die Schrift auf dem Buch war silbern.
Sie hielten sich an den Händen.
Ein letzter, durchnässter Abschied, dann drehten sie sich um und verließen den Friedhof, wobei sie mehrmals zurückschauten.
Ich dagegen blieb noch ein Weilchen länger.
Ich winkte.
Niemand winkte zurück.
Mutter und Tochter ließen den Friedhof hinter sich und machten sich auf zum Bahnhof, um den nächsten Zug zu besteigen, der nach München fuhr.
Beide waren mager und bleich.
Beide hatten wunde Lippen.
Liesel sah es in dem schmutzigen, angelaufenen Fenster des Zuges, als sie kurz vor Mittag einstiegen. In den Worten der Bücherdiebin, die sie später niederschrieb, setzten sie ihre Reise fort, als ob alles passiert sei.
Als der Zug im Münchener Hauptbahnhof einfuhr, quollen die Passagiere aus den Wagen wie aus einem aufgerissenen Paket. Es waren Menschen jeder Größe und Statur; die Armen unter ihnen erkannte man am leichtesten. Sie bemühen sich, immer in Bewegung zu bleiben, als ob es helfen würde, von einem Ort zum anderen zu gehen. Sie ignorieren die Tatsache, dass am Ende ihrer Reise nur eine neue Version desselben alten Problems auf sie wartet - wie ein Verwandter, den man nur widerwillig begrüßt.
Ich glaube, die Mutter wusste das nur zu genau. Sie würde ihr Kind zwar nicht den oberen Zehntausend von München übergeben, aber immerhin einer Pflegefamilie, die das Mädchen und den Jungen zumindest ernähren und ihnen eine Ausbildung angedeihen lassen konnte.
Den Jungen.
Liesel war sich sicher, dass die Mutter die Erinnerung an ihn mit sich trug, auf ihren Schultern. Sie setzte ihn ab. Sie sah seine Füße und Beine und den Rumpf auf dem Bahnsteig aufschlagen.
Wie konnte diese Frau bloß laufen?
Wie schaffte sie es, sich zu bewegen?
Das ist etwas, was ich nie wissen oder begreifen werde - wozu menschliche Wesen fähig sind.
Sie hob ihn auf und lief weiter. Das Mädchen blieb dicht an ihrer Seite.
Ihr nächster Weg führte sie zu den Behörden. Fragen wurden gestellt, über ihre Verspätung und den Jungen, und diese Fragen brachten sie dazu, die verletzlichen Köpfe zu heben. Liesel blieb in der Ecke des kleinen, staubigen Büros, während ihre Mutter mit verkrampften Gedanken auf einem sehr harten Stuhl saß.
Dann kam das Durcheinander des Abschieds.
Der Abschied war feucht. Das Mädchen vergrub den Kopf in den wollenen, fadenscheinigen Tiefen des Mantels der Mutter. Wieder nahm das Gezerre seinen Anfang und sein Ende.
Eine ganze Wegstrecke außerhalb von München lag eine Kleinstadt namens Molching. Dorthin brachte man sie, in eine Straße, die nach dem Himmel benannt war.
Wer immer der Himmelstraße ihren Namen gegeben hatte, war offensichtlich mit einem gesunden Sinn für Humor gesegnet gewesen. Nicht dass es die Hölle auf Erden wäre. Das nicht. Aber so sicher, wie es nicht die Hölle war, so sicher war es auch nicht der Himmel.
Dessen ungeachtet warteten die Pflegeeltern auf ihren Schützling.
Die Hubermanns.
Sie hatten ein Mädchen und einen Jungen erwartet, für deren Pflege sie eine magere Unterstützung bekommen sollten. Niemand wollte Rosa Hubermann erklären müssen, dass der Junge die Reise nicht überlebt hatte. Tatsache war, dass überhaupt niemand jemals den Wunsch hatte, ihr irgendetwas erklären zu müssen. Was ihre Natur anging, so war sie nicht gerade als umgänglich bekannt, obwohl sie in Bezug auf Pflegekinder einen guten Ruf genoss. Sie hatte etliche von ihnen geradegerückt.
Liesel fuhr in einem Auto.
Sie war noch nie in einem Auto gefahren.
Ihr Magen hob und senkte sich unentwegt, gemeinsam mit ihrer vergeblichen Hoffnung, dass sie sich verfahren würden oder irgendjemand seine Meinung ändern würde. Inmitten von all dem kehrten ihre Gedanken immer wieder zu ihrer Mutter zurück, die am Bahnhof darauf wartete, wieder abfahren zu können. Zitternd. Eingehüllt in diesen nutzlosen Mantel. Sie kaute an den Nägeln und wartete auf den Zug. Der Bahnsteig war lang und ungemütlich, ein Band aus kaltem Zement. Würde sie bei ihrer Rückfahrt nach der Grabstätte ihres Sohnes Ausschau halten? Oder würde der Schlaf übermächtig sein?
Der Wagen fuhr weiter, und Liesel sah voller Angst der letzten, endgültigen Kurve entgegen.
Der Tag war grau, die Farbe Europas.
Vorhänge aus Regen waren um den Wagen gezogen.
»Wir sind gleich da.« Die Dame von der Pflegevermittlung, Frau Heinrich, wandte sich um und lächelte. »Dein neues Zuhause.«
Liesel wischte einen blanken Kreis auf die angelaufene Fensterscheibe und schaute hinaus.
MOMENTAUFNAHME DER HIMMELSTRASSE
Die Gebäude scheinen zusammengeklebt zu sein, meistens kleine zweistöckige Häuser und Mehrfamilienhäuser, die nervös wirken. Schmutziger Schnee liegt ausgebreitet da wie ein Teppich. Zement, leere Hutständerbäume und graue Luft.
Im Auto saß auch ein Mann. Während Frau Heinrich im Haus verschwand, blieb er bei dem Mädchen. Er sagte kein Wort. Liesel vermutete, dass er sie im Zweifelsfall am Weglaufen hindern oder sie nach drinnen schleppen sollte, wenn sie versuchte, Ärger zu machen. Als der Ärger jedoch anfing, saß er einfach nur da und sah zu. Vielleicht war er nur der letzte Ausweg, wenn nichts anderes mehr half.
Nach ein paar Minuten kam ein sehr großer Mann nach draußen. Hans Hubermann, Liesels Pflegevater. An seiner einen Seite ging die mittelgroße Frau Heinrich. An seiner anderen befand sich die klobige Gestalt von Rosa Hubermann, die aussah wie ein kleiner Schrank, über den man einen Mantel geworfen hatte. Sie watschelte mehr, als dass sie ging. Man hätte es fast niedlich nennen können, wenn da nicht ihr Gesicht gewesen wäre, verkniffen wie zerdrückte Pappe und verärgert, als ob sie sich mit allem und jedem nur gerade eben so abfinden könnte. Ihr Mann ging aufrecht und hatte eine brennende Zigarette zwischen den Fingern. Eine selbst gedrehte.
Folgendes geschah:
Liesel weigerte sich auszusteigen.
»Was ist los mit dem Kind?«, wollte Rosa Hubermann wissen. Sie wiederholte es: »Was ist los mit diesem Kind?« Sie steckte ihr Gesicht in den Wagen und sagte: »Na, komm. Komm.«
Der Vordersitz flog auf das Armaturenbrett zu. Ein Korridor aus kaltem Licht öffnete sich Liesel. Sie rührte sich nicht.
Durch den Kreis auf der Fensterscheibe, den sie gewischt hatte, konnte Liesel die Finger des großen Mannes draußen sehen, die immer noch die Zigarette hielten. Asche taumelte von ihrer Spitze, wirbelte ein paar Mal herum und fiel dann zu Boden. Es dauerte fast fünfzehn Minuten, bis sie sich aus dem Auto locken ließ. Es war der große Mann, dem das Kunststück gelang.
Still.
Dann kam das Gartentor. Sie klammerte sich daran.
Tränen stürmten aus ihren Augen, während sie sich festhielt und sich weigerte, ins Haus zu gehen. Die Leute kamen aus ihren Häusern auf die Straße und gafften, bis Rosa Hubermann ihnen Flüche entgegenschleuderte, die dafür sorgten, dass sie dahin zurückeilten, woher sie gekommen waren.
WAS ROSA HUBERMANN IHNEN ZU SAGEN HATTE
»Was glotzt ihr denn so, ihr Arschlöcher?«
Schließlich trat Liesel Meminger zögernd ein. Hans Hubermann hielt ihre Hand. Der kleine Koffer hielt ihre andere. Vergraben in den Falten ihrer Kleidung im Innern des Koffers lag ein kleines schwarzes Buch, nach dem - so dürfen wir vermuten - ein vierzehnjähriger Totengräber in einem namenlosen Dorf stundenlang gesucht hatte. »Ich schwöre Ihnen«, höre ich ihn zu seinem Vorgesetzten sagen, »ich habe keine Ahnung, wo es geblieben ist. Ich habe überall gesucht. Überall!« Ich bin sicher, dass er niemals das Mädchen verdächtigt hätte. Und doch war es hier - ein schwarzes Buch mit silbernen Buchstaben unter der Decke ihrer Kleidung:
HANDBUCH FÜR TOTENGRÄBER
In zwölf Schritten zum Erfolg. Wie man ein guter Totengräber wird. Herausgegeben von der Bayerischen Friedhofsvereinigung.
Die Bücherdiebin hatte zum ersten Mal zugeschlagen. Es war der außergewöhnlichen Karriere.
als saumensch aufzuwachsen
Ja, eine außergewöhnliche Karriere.
Ich sollte allerdings vorausschicken, dass zwischen dem ersten Diebstahl und dem zweiten eine nicht unerhebliche Zeitspanne lag. Eine weitere bemerkenswerte Tatsache ist, dass das erste Buch aus dem Schnee gestohlen wurde und das zweite aus dem Feuer. Und es darf auch nicht unerwähnt bleiben, dass sie Bücher geschenkt bekam. Alles in allem besaß sie vierzehn Bücher, aber ihre Geschichte besteht - aus ihrem Blickwinkel heraus betrachtet - hauptsächlich aus zehn. Von diesen zehn waren sechs gestohlen. Eines tauchte auf dem Küchentisch auf, zwei fertigte ein versteckter Jude für sie an, und eines wurde ihr an einem weichen, gelbgekleideten Nachmittag überreicht.
Als sie ihre Geschichte aufschrieb, fragte sie sich, ab welchem Augenblick genau die Bücher und Worte nicht mehr nur irgendetwas bedeuteten, sondern alles. War es, als sie das erste Mal jenen Raum erblickte, in dem sich die Regale bis zur Zimmerdecke streckten? Oder als Max Vandenburg in der Himmelstraße eintraf und zwei Hände voll Leid und eine Ausgabe von Hitlers Mein Kampf' bei sich trug? War es das Vorlesen im Luftschutzraum? Der letzte Marsch nach Dachau? War es Die Worteschüttlerin? Vielleicht würde es niemals eine befriedigende Antwort auf die Frage nach dem Wann und Wo geben. Überhaupt greife ich mir selbst vor. Bis wir zu den genannten Ereignissen kommen, müssen wir uns zunächst Liesel Memingers Anfängen in der Himmelstraße widmen und der Frage, was es mit Saumenschen auf sich hat.
Bei ihrer Ankunft waren die Bissspuren des Schnees auf ihren Händen und das frostige Blut auf ihren Fingern noch deutlich sichtbar. Alles an ihr war unterernährt. Drahtdünne Schienbeine. Arme, hager wie Kleiderbügel. Sie zeigte es nicht oft, aber wenn es herausbrach, war auch ihr Lächeln am Verhungern.
Ihre Haarfarbe näherte sich dem Blond, das als Kennzeichen des Deutschtums galt, aber sie hatte gefährliche Augen. Dunkelbraun. Zu jener Zeit mochte man in Deutschland keine braunen Augen. Vielleicht hatte sie die von ihrem Vater geerbt, aber wissen konnte sie es nicht; sie konnte sich nicht an ihn erinnern. Es gab nur eine einzige Sache, die sie von ihrem Vater wusste, ein Etikett, das sie nicht verstand.
EIN MERKWÜRDIGES WORT
Kommunist
Sie hatte es in den vergangenen Jahren einige Male gehört. »Kommunist.«
Da waren Pensionen, vollgestopft mit Menschen, Zimmer, vollgestopft mit Fragen. Und dieses Wort. Das merkwürdige Wort war immer da, irgendwo in der Nähe, stand in der Ecke, lauerte im Schatten. Es trug Anzüge und Uniformen. Egal wohin sie gingen, es war da, sobald die Sprache auf ihren Vater kam. Sie konnte es riechen und schmecken. Sie konnte es nur nicht buchstabieren und auch nicht begreifen. Wenn sie ihre Mutter fragte, was es bedeutete, wurde ihr gesagt, dass es nicht wichtig sei, dass sie sich über diese Sachen keine Sorgen machen solle. In einer Pension gab es eine Frau, die kräftiger und gesünder war als die anderen und die versuchte, den Kindern das Schreiben beizubringen, indem sie mit Kohle auf Wände malte. Liesel hätte sie zu gerne nach der Bedeutung jenes Wortes gefragt, aber es bot sich einfach nie die Gelegenheit. Eines Tages holte man die Frau zum Verhör. Sie kehrte nicht zurück.
Als Liesel in Molching eintraf, hatte sie zumindest eine Ahnung, dass sie gerettet war, aber das war ihr kein Trost. Wenn ihre Mutter sie liebte, warum setzte sie sie dann vor der Haustür von Fremden aus? Warum? Warum?
Warum?
Der Umstand, dass sie die Antwort kannte - wenn auch nur in groben Zügen -, war unwichtig. Ihre Mutter war ständig krank, und es war nie genug Geld da, um sie gesund zu machen. Liesel wusste das. Aber das hieß nicht, dass sie es auch akzeptieren musste. Auch wenn ihr immer wieder gesagt worden war, dass sie geliebt wurde, so gab es für sie keinen Grund, den Beweis dafür in der Tatsache zu sehen, dass sie zurückgelassen worden war. Nichts konnte etwas daran ändern, dass sie ein verlorenes, hageres Kind an einem weiteren fremden Ort war, mit noch mehr fremden Menschen. Allein.
Die Hubermanns lebten in einem der kleineren Häuser in der Himmelstraße. Eine Handvoll Zimmer, eine Küche und ein Toilettenhäuschen hinter dem Haus, das sie sich mit den Nachbarn teilten. Das Dach war flach, und es gab einen niedrigen Keller, wo Vorräte aufbewahrt wurden. Der Keller war wirklich sehr niedrig. 1939 war das noch kein Problem. Später, 1942 und '43, wurde es zu einem. Als die Luftangriffe begannen, mussten sie immer die Straße hinunterlaufen, bis sie zu einem geeigneten Schutzraum kamen.
Am Anfang war es das Fluchen, das den größten Eindruck auf Liesel machte. Es war so heftig und maßlos. Jedes zweite Wort war entweder Saumensch oder Saukerl oder Arschloch.
»Saumensch, du dreckiges!«, schrie Liesels Pflegemutter an jenem ersten Abend, als das Mädchen sich weigerte, ein Bad zu nehmen. »Du dreckiges Schwein! Warum willst du dich nicht ausziehen?« Zu wüten war eine ihrer großen Stärken. Man konnte mit Fug und Recht behaupten, dass Rosa Hubermanns Gesicht permanent mit Wut bekleidet war. So waren die Knitter und Falten in ihrer Pappkartonhaut entstanden.
Liesel ihrerseits war in Angst gebadet. Auf keinen Fall würde sie in die Wanne steigen und erst recht nicht in ein Bett. Sie hatte sich in eine Ecke des wandschrankengen Badezimmers geklemmt und tastete nach nicht vorhandenen Armen an der Wand, an denen sie sich festhalten konnte. Aber da war nichts außer der Wandfarbe, gepressten Atemzügen und der Sintflut aus Rosas Beschimpfungen.
»Lass sie in Ruhe.« Hans Hubermann betrat die Szene. Seine sanfte Stimme bahnte sich den Weg hinein, als ob sie durch eine Menschenmenge schlüpfte. »Überlass sie mir.«
Er kam näher und setzte sich auf den Boden, lehnte sich mit dem Rücken an die Wand. Die Kacheln waren kalt und unfreundlich.
»Weißt du, wie man Zigaretten dreht?«, fragte er sie, und in der nächsten Stunde saßen sie in dem aufsteigenden Teich aus Dunkelheit, spielten mit Tabak und Zigarettenpapierchen. Hans Hubermann rauchte ihre selbst gedrehten Zigaretten.
Als die Stunde vorbei war, konnte Liesel eine halbwegs anständige Zigarette drehen. Ein Bad nahm sie noch immer nicht.
EIN PAAR WORTE ÜBER HANS HUBERMANN
Er rauchte gern. Was er am Rauchen am meisten mochte, war das Drehen der Zigaretten. Er war Anstreicher von Beruf, und er spielte Akkordeon. Das war ganz nützlich, besonders im Winter, wenn er ein bisschen Geld verdienen konnte, indem er in den Kneipen von Molching spielte, im »Knoller« beispielsweise.
Er war mir bereits in einem Weltkrieg aus dem Weg gegangen, sollte aber später in einen zweiten geschickt werden (als eine perverse Art von Belohnung), wo er es irgendwie schaffte, sich mir ein weiteres Mal zu entziehen.
Für die meisten Menschen war Hans Hubermann kaum sichtbar. Ein un-besonderer Mensch. Seine Fähigkeiten als Anstreicher waren zweifellos exzellent. Sein Können als Musiker war überdurchschnittlich. Und doch war er irgendwie in der Lage - und ich bin mir sicher, dass auch euch schon solche Menschen begegnet sind -, mit dem Hintergrund zu verschmelzen, selbst wenn er in vorderster Reihe stand. Er war immer nur da. Nicht auffällig. Nicht wichtig oder besonders wertvoll.
Das Gute an diesem Eindruck war, dass er täuschte. Denn Hans Hubermann war wertvoll, und Liesel Meminger erkannte dies. (Das Menschenkind - manchmal viel schlauer als der unfassbar schwerfällige Erwachsene.) Sie bemerkte es sofort.
Seine Haltung.
Die Ruhe, die ihn umgab.
Als er an jenem Abend das Licht in dem kleinen, lieblos wirkenden Badezimmer einschaltete betrachtete Liesel die außergewöhnlichen Augen ihres Pflegevaters. Sie waren aus Freundlichkeit gemacht und aus Silber. Weiches Silber, schmelzend. Liesel sah diese Augen und begriff, dass Hans Hubermann sogar eine ganze Menge wert war.
EIN PAAR WORTE ÜBER ROSA HUBERMANN
Sie war 1,55 Meter groß und trug die braungrauen Strähnen ihres elastischen Haars zu einem Knoten am Hinterkopf zusammengefasst. Um die Haushaltskasse aufzubessern, wusch und bügelte sie die Wäsche für fünf der wohlhabenderen Familien in Molching. Ihr Essen schmeckte scheußlich. Sie besaß das unglaubliche Talent, fast jeden, den sie traf, vor den Kopf zu stoßen. Aber sie liebte Liesel Meminger. Sie hatte nur einfach eine merkwürdige Art,
diese Liebe zu zeigen. Ihre Art bestand darin, sie regelmäßig mit dem Kochlöffel und mit Beschimpfungen zu malträtieren.
Als Liesel endlich ein Bad nahm - zwei Wochen nachdem sie in der Himmelstraße eingetroffen war -, nahm Rosa sie in die Arme und drückte sie so heftig, dass ihr die Knochen knackten. Während sie das Mädchen fast erstickte, sagte sie: »Saumensch, du dreckiges - das wurde aber auch Zeit!«
Ein paar Monate später waren sie nicht mehr Herr und Frau Hubermann. Mit der ihr eigenen Arl warf Rosa Hubermann Liesel eines Tages eine Faustvoll Worte entgegen: »Jetzt hör mal zu, Liesel, von heute an nennst du mich Mama.« Sie dachte einen Moment lang nach. »Wie hast du deine richtige Mutter genannt?«
Leise sagte Liesel: »Auch Mama.«
»Na, dann bin ich jetzt Mama Nummer zwei.« Sie warf ihrem Ehemann einen Blick zu. »Und den da drüben.« Sie schien die Worte in ihrer Hand zu sammeln, sie zu einem Teig zu kneten und sie über den Tisch zu feuern. »Den Saukerl da, den nennst du Papa, verstanden?«
»Ja«, nickte Liesel schnell. Schnelle Antworten wurden in diesem Haus geschätzt.
»Ja, Mama«, korrigierte Mama sie. »Saumensch! Nenn mich Mama, wenn du mit mir redest!«
In diesem Moment war Hans Hubermann mit dem Drehen seiner Zigarette fertig geworden, hatte das Papier abgeleckt und sie zwischen seinen Fingern glatt gerollt. Er schaute zu Liesel hinüber und zwinkerte ihr zu. Sie hatte keine Vorbehalte, ihn Papa zu nennen.
die frau mit der eisenfaust
Die ersten Monate waren die schwersten. Jede Nacht hatte Liesel Albträume. Das Gesicht ihres Bruders. Das zu Boden starrt.
Sie wachte auf, schwamm in ihrem Bett, schrie und drohte in der Flut ihrer Decken zu ertrinken. Auf der anderen Seite des Zimmers trieb das Bett, das für ihren Bruder bestimmt gewesen war, wie ein Boot in der Finsternis. Langsam sank es zu Boden, während das Bewusstsein wiederkehrte. Keine wirkliche Erleichterung - und für gewöhnlich dauerte es eine ganze Weile, bis das Schreien aufhörte.
Das einzig Gute an diesen Albträumen war, dass sie Hans Hubermann, ihren neuen Papa, zu ihr ins Zimmer trieben, um sie zu beruhigen und sie zu trösten.
Er kam jede Nacht und setzte sich zu ihr. Die ersten paar Male blieb er einfach nur da - ein Fremder, der die Einsamkeit tötete.
Ein paar Nächte später flüsterte er: »Sch, sch, ist ja gut, ich bin ja da.«
Nach drei Wochen nahm er sie in den Arm. Schnell war Vertrauen geschaffen, angesichts der überwältigenden Stärke, die der Sanftheit dieses Mannes innewohnte, angesichts seines Daseins. Das Mädchen wusste intuitiv, dass Hans Hubermann stets mitten im Schreien auftauchen und dass er sie nicht alleinlassen würde.
EINE DEFINITION, DIE IN KEINEM WÖRTERBUCH STEHT
Nicht alleinlassen: ein Beweis des Vertrauens und der Liebe, oft empfunden von Kindern
Nacht für Nacht saß Hans Hubermann mit schläfrigen Augen auf dem Bett, und Liesel weinte in seinen Ärmel. Jeden Morgen, kurz nach zwei Uhr, schlief sie wieder ein, gehüllt in seinen Geruch. Es war eine Mischung aus kaltem Zigarettenrauch, jahrzehntealtem Farbgeruch und menschlicher Haut. Zunächst saugte sie ihn auf, dann atmete sie ihn ein, bis sie wieder in den Schlaf glitt. Jeden Morgen hockte er, kaum zwei Meter von ihr entfernt, eingesunken und wie ein Taschenmesser zusammengeklappt auf dem Stuhl. Er legte sich nie in das zweite Bett. Liesel stand auf, küsste vorsichtig seine Wange, und er erwachte und lächelte.
An manchen Tagen schickte Papa sie nach dem Aufwachen zurück ins Bett und sagte ihr, sie solle einen Moment warten. Dann ging er das Akkordeon holen und spielte für sie. Liesel setzte sich in ihren Kissen auf und summte, die kalten Zehen vor freudiger Erregung gekrümmt. Noch nie zuvor hatte ihr jemand Musik geschenkt. Sie grinste, bis ihr schwindelig wurde, und betrachtete die Linien, die sich in seinem Gesicht hinabzogen, betrachtete das geschmolzene Metall seiner Augen - bis aus der Küche ein Fluchen zu hören war.
»HÖR MIT DIESEM KRACH AUF, SAUKERL!«
Papa spielte noch ein Weilchen länger.
Er zwinkerte dem Mädchen zu, und ungeschickt zwinkerte sie zurück.
Ein paar Mal, nur um Mama noch ein bisschen mehr zu ärgern, nahm er das Instrument mit in die Küche und spielte während des Frühstücks.
Dann blieb das Marmeladenbrot halb gegessen auf seinem Teller liegen, gezeichnet von seinen Bissspuren, und die Musik blickte Liesel ins Gesicht. Ich weiß, das hört sich seltsam an, aber so empfand sie es. Papas rechte Hand spazierte über die zahnfarbenen Tasten. Seine linke drückte die Knöpfe. (Sie liebte es, wenn er jenen silbernen, funkelnden Knopf drückte, das C-Dur.) Die zerkratzte und doch glänzend schwarze Schale des Akkordeons bewegte sich vor und zurück, während seine Arme die staubigen Blasebälge drückten, die Luft hineinsaugten und herauspressten. An diesen Tagen, frühmorgens in der Küche, erweckte Papa das Akkordeon wahrhaftig zum Leben. Ich denke, das ist einleuchtend, wenn man darüber nachdenkt.
Woher weiß man, ob etwas lebendig ist?
Man schaut nach, ob es atmet.
Der Klang des Akkordeons war außerdem ein Ausdruck von Sicherheit. Von helllichtem Tag. Am Tag konnte sie nicht von ihrem Bruder träumen. Liesel vermisste ihn, und in dem winzigen Badezimmer weinte sie oft, so leise wie möglich, aber sie war dennoch froh, wach zu sein.
In der ersten Nacht bei den Hubermanns hatte sie das letzte Bindeglied zu ihm - das Handbuch für Totengräber - unter der Matratze versteckt. Manchmal zog sie es hervor und betrachtete es. Sie starrte die Buchstaben auf dem Einband an und berührte die bedruckten Seiten, ohne eine Vorstellung davon zu haben, was da geschrieben stand. Aber es war ja auch völlig ohne Bedeutung, wovon das Buch handelte. Wichtig war nur, was es ihr bedeutete.
DIE BEDEUTUNG DES BUCHES
1. Das letzte Beisammensein mit ihrem Bruder.
2. Das letzte Beisammensein mit ihrer Mutter.
Manchmal flüsterte sie das Wort »Mama« und sah das Gesicht ihrer Mutter hundert Mal an einem einzigen Nachmittag. Aber dies waren unbedeutende Qualen im Vergleich zu den Schrecken ihrer Träume. In solchen Zeiten, in der Unendlichkeit des Schlafes, fühlte sie sich so allein wie nie zuvor.
Ihr habt sicher bemerkt, dass es keine anderen Kinder im Haus gab.
Die Hubermanns hatten zwei eigene Kinder, aber sie waren schon erwachsen und längst ausgezogen. Hans Hubermann junior arbeitete in der Münchener Innenstadt, und Trudi hatte eine Anstellung als Hausgehilfin. Bald schon würden beide in den Krieg ziehen. Die eine würde Munition herstellen, der andere damit schießen.
Wie ihr euch vorstellen könnt, war die Schule eine absolute Katastrophe.
Obwohl es eine staatliche Schule war, herrschte dort ein strenger katholischer Geist, und Liesel war Protestantin. Keine guten Voraussetzungen. Dann fand man heraus, dass sie weder lesen noch schreiben konnte.
Zu ihrer Beschämung steckte man sie zu den kleinen Kindern, die gerade erst das Alphabet lernten. Obwohl sie dünn und bleich war, fühlte sie sich wie ein Riese inmitten von madengroßen Wichteln, und oft wünschte sie sich, dass sie noch blasser wäre und ganz verschwinden könnte.
Auch zu Hause konnte sie keine Unterstützung erwarten.
»Den musst du gar nicht erst fragen«, sagte Mama. »Den Saukerl.« Papa starrte aus dem Fenster, wie so oft. »Der hat die Schule nach der vierten Klasse verlassen.«
Ohne sich umzudrehen, erwiderte Papa mit ruhiger, aber giftiger Stimme: »Nun, sie musst du aber auch nicht fragen.« Er schnickte etwas Asche aus dem offenen Fenster. »Sie ist schon nach der dritten Klasse abgegangen.«
Im Hause Hubermann gab es keine Bücher (außer dem einen, das Liesel unter ihrer Matratze versteckte), und alles, was sie tun konnte, war, das Alphabet leise vor sich hinzumurmeln, bis man ihr unmissverständlich klarmachte, dass sie gefälligst den Mund halten sollte. Das ganze Gemurmel und Gebrummel. Erst später, als es zu einem bettnässenden Albtraum gekommen war, nahm ein außergewöhnlicher Nachhilfeunterricht im Lesen seinen Anfang. Inoffiziell wurde er »Mitternachtsklasse« genannt, obwohl er gewöhnlich erst gegen zwei Uhr morgens begann. Aber davon später mehr.
Mitte Februar, als sie zehn wurde, bekam Liesel eine gebrauchte Puppe mit gelben Haaren, der ein Bein fehlte.
»Mehr können wir uns nicht leisten«, sagte Papa entschuldigend.
»Was redest du da? Sie soll froh sein, dass sie überhaupt etwas kriegt«, mischte sich Mama ein.
Hans fuhr mit der Begutachtung des vorhandenen Puppenbeins fort, während Liesel ihre neue Uniform anzog. Mit zehn Jahren ging man zur Hitlerjugend. Bei der Hitlerjugend bekam man eine schmale braune Uniform. Weil Liesel ein Mädchen war, wurde sie zum JM geschickt.
ERKLÄRUNG DER VORGENANNTEN ABKÜRZUNG
JM = Jungmädelbund
Als Erstes wurde den Mädchen dort beigebracht, den Hitlergruß ordentlich auszuführen, mit einem klar vernehmlichen »Heil Hitler«. Als Nächstes lernten sie, in Reih und Glied zu marschieren, Bandagen aufzurollen und Kleider zu flicken. Es fanden auch Wanderungen und andere Aktivitäten statt und mittwochs und samstags Versammlungen, von drei bis fünf Uhr nachmittags.
Jeden Mittwoch und jeden Samstag brachte Papa Liesel dorthin und holte sie zwei Stunden später wieder ab. Sie sprachen nicht viel über diese zwei Stunden. Sie hielten sich an der Hand und lauschten dem Klang ihrer Schritte, und Papa rauchte ein oder zwei Zigaretten.
Die einzige Sorge, die Papa Liesel bereitete, war der Umstand, dass er ständig fortging. Oft trat er abends ins Wohnzimmer (das gleichzeitig auch als Schlafzimmer der Hubermanns diente), nahm das Akkordeon aus der alten Kommode und verließ das Haus durch die Küche.
Wenn er schon draußen auf der Himmelstraße war, öffnete Mama das Fenster und brüllte ihm hinterher: »Komm nicht zu spät nach Hause!«
»Nicht so laut«, gab er dann zurück und drehte sich halb um.
»Saukerl! Leck mich doch am Arsch! Ich rede so laut, wie ich will!«
Das Echo ihrer Flüche folgte ihm die Straße entlang. Er schaute nie zurück, jedenfalls nicht, bis er sicher war, dass Rosa Hubermann nicht mehr am Fenster stand. Erst am Ende der Straße, kurz bevor er Frau Lindners Eckladen erreichte, drehte er sich dann mit dem Akkordeonkasten in der Hand um und betrachtete die Gestalt, die nun statt seiner Frau im Fenster stand. Kurz hob sich seine schmale, geisterhafte Hand, und dann wandte er sich wieder um und ging langsam weiter. Liesel sah ihn erst um zwei Uhr morgens wieder, wenn er sie sanft aus ihrem Albtraum riss.
Die Abende in der kleinen Küche waren wüst und wild, ohne Ausnahme. Rosa Hubermann redete die ganze Zeit, und wenn sie redete, dann schimpfte sie. Ständig stritt sie und beklagte sich. Es gab zwar eigentlich niemanden, mit dem sie sich streiten konnte, aber Mama ergriff dennoch jede sich bietende Gelegenheit. Sie konnte sich in dieser Küche mit der ganzen Welt anlegen, und sie tat es auch fast jeden Abend. Wenn sie mit dem Essen fertig waren und Papa gegangen war, blieben Liesel und Rosa meist in der Küche, und Rosa erledigte die Bügelarbeit.
Ein paar Mal in der Woche ging Liesel nach der Schule mit Mama durch die Straßen von Molching und nahm in den wohlhabenderen Vierteln Schmutzwäsche an und lieferte gebügelte Wäsche aus. Knauptstraße, Heidestraße, ein paar andere. Mama machte stets ein pflichtschuldiges Gesicht, wenn sie die Wäsche abgab oder in Empfang nahm, aber sobald sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte und sie weitergegangen waren, verfluchte sie diese reichen Leute, die faul waren und Geld hatten.
»Zu g'schtinkert, um ihre eigenen Sachen zu waschen«, sagte sie dann, obwohl sie auf die Arbeit angewiesen war.
»Der da«, sagte sie über Herrn Vogel in der Heidestraße, »der hat sein ganzes Geld vom Vater geerbt. Er verprasst es für Frauen und Schnaps. Und natürlich fürs Waschen und Bügeln.«
Es war, als würde sie eine Anklageschrift verlesen.
Herr Vogel, Herr und Frau Pfaffelhürver, Helena Schmidt, die Weingartners - sie alle hatten sich irgendeines Vergehens schuldig gemacht.
Abgesehen von seinem dauerhaften Rausch und seiner kostspieligen Lüsternheit, war Ernst Vogel - schenkte man Rosa Glauben - ständig dabei, sich seine verlausten Haare zu kratzen, sich die Finger zu lecken und dann die Bügelarbeit zu bezahlen. »Ich sollte das Geld waschen, bevor ich es einstecke«, lautete ihr Resümee.
Die Pfaffelhürvers prüften jeden Zentimeter des Stoffs. »>Bitte keine Knitter in den Hemden!<«, äffte Rosa sie nach. »>Und keine Falte in diesem Anzug, keine einzige!< Und dann stellen sie sich hin, wenn ich noch dabei bin, und untersuchen alles. Direkt unter meinen Augen! Was für ein G'sindel!«
Die Weingartners waren offenbar dämliche Leute mit einem Saukerl von einem Kater, der haufenweise Haare verlor. »Hast du eine Ahnung, wie lange ich brauche, um die ganzen Haare von den Sachen zu zupfen? Die sind überall!«
Helena Schmidt war eine reiche Witwe. »Der alte Krüppel - hockt da und verrottet langsam. Die hat in ihrem ganzen Leben noch keinen Finger krummgemacht!«
Die meiste Verachtung allerdings hatte Rosa für das Haus in der Großen Straße übrig. Es war ein mächtiges Haus, oben auf einem Hügel, in dem höchstgelegenen Teil von Molching.
»Das da«, sagte sie zu Liesel, als sie das erste Mal gemeinsam dorthin gingen, »ist das Haus des Bürgermeisters. Der Lump! Seine Frau sitzt den ganzen lieben langen Tag zu Hause und ist sich zu fein, auch nur den Herd anzufeuern. Da drin ist es immer eiskalt. Sie ist verrückt.« Rosa spie die Worte förmlich hervor. »Vollkommen. Verrückt.«
Am Tor bedeutete sie dem Mädchen vorzugehen. »Du klopfst.«
Liesel war entsetzt. Über der schmalen Treppe thronte eine riesige braune Tür mit einem Türklopfer aus Messing. »Was?«
Mama schob sie nach vorn. »Frag nicht so dumm, Saumensch. Beweg dich.« Liesel bewegte sich. Sie ging zur Treppe, erklomm sie, zögerte und klopfte. Ein Morgenmantel öffnete.
In dem Morgenmantel steckte eine Frau mit verwirrten Augen, Haaren, die wie Fusseln aussahen, und einer Haltung, als hätte sie eine Niederlage einstecken müssen. Sie sah Mama am Tor stehen und reichte dem Mädchen einen Sack mit Wäsche. »Danke«, sagte Liesel, aber sie erhielt keine Antwort. Nur die Tür reagierte. Sie schloss sich.
»Siehst du?«, sagte Mama, als Liesel zum Tor zurückkehrte. »Damit muss ich mich abplagen. Diese reichen Schufte, diese faulen Säcke...«
Mit der Wäsche in der Hand wandte sich Liesel im Davongehen um. Der Türklopfer beäugte sie von oben herab.
Wenn sie die Leute, für die sie arbeitete, hinreichend gescholten hatte, ging Rosa Hubermann für gewöhnlich zum zweiten Objekt ihrer Beschimpfung über. Ihrem Ehemann. Sie betrachtete den Wäschesack und die zusammengekauerten Häuser und redete und redete und redete. »Wenn dein Papa auch nur zu irgendetwas taugen würde«, erklärte sie Liesel, und zwar jedes Mal, wenn sie durch Molching liefen, »dann würde ich das hier nicht machen müssen.« Sie schnaubte spöttisch. »Ein Anstreicher! Warum dieses Arschloch heiraten? Das hat mich meine Familie gefragt - alle haben sie mich das gefragt.« Ihre Schritte knirschten den Weg entlang. »Und hier bin ich nun, laufe durch die Straßen und schufte mich in meiner Küche ab, nur weil dieser Saukerl niemals Arbeit hat. Keine richtige Arbeit jedenfalls. Nur dieses jämmerliche Akkordeon, das er jede Nacht in diesen Dreckslöchern spielt.«
»Ja, Mama.«
»Ist das alles, was du dazu zu sagen hast?« Mamas Augen waren wie blassblaue Flecken, die jemand ausgeschnitten und auf ihr Gesicht geklebt hatte.
Sie gingen weiter.
Liesel trug den Sack.
Zu Hause wurde der Inhalt in einem Waschkessel neben dem Ofen gewaschen, vor dem Kamin im Wohnzimmer aufgehängt und dann in der Küche gebügelt. In der Küche, da fand das Leben statt.
»Hast du das gehört?«, fragte Mama sie fast jeden Abend. Sie hielt das Bügeleisen, heiß vom Ofen, in der Hand. Das Licht im Haus war dämmrig, und Liesel starrte vom Küchentisch aus in die Lücken aus Flammen vor ihr.
»Was?«, fragte sie. »Was denn?«
»Das war diese Holzinger.« Mama stand kerzengerade da. »Dieses Saumensch hat gerade wieder gegen unsere Tür gespuckt.«
Frau Holzinger war ihre Nachbarin, und sie hatte die Angewohnheit, jedes Mal die Tür der Hubermanns anzuspucken, wenn sie vorüberging. Die Haustür war ein paar Meter vom Tor entfernt, aber Frau Holzinger meisterte diese Distanz mit verblüffender Treffsicherheit.
Das Spucken hatte seinen Ursprung in einem jahrzehntealten Krieg, den sie und Rosa Hubermann mit Worten ausfochten. Keiner wusste, was der Grund für die Feindseligkeiten war. Wahrscheinlich hatten es die beiden Frauen selbst längst vergessen.
Frau Holzinger war eine drahtige Frau und ganz offensichtlich voller Bosheit. Sie war nie verheiratet gewesen, hatte aber zwei Söhne, die ein paar Jahre älter waren als die Kinder der Hubermanns. Beide Söhne waren in der Armee, und beide - das kann ich euch versichern -werden noch eine Rolle spielen, bevor alles vorbei ist, wenn auch eine kleine.
Frau Holzinger war nicht nur boshaft, sondern auch sehr gründlich. Sie versäumte es nie, gegen die Tür von Nummer 33 zu spucken und »Schweine!« zu sagen, wenn sie vorbeiging. Das ist im Übrigen etwas, was mir bei den Deutschen aufgefallen ist:
Sie scheinen Schweine sehr zu mögen.
EINE KURZE FRAGE UND IHRE ANTWORT
Wer, glaubt ihr, musste jeden Abend die Spucke wieder von der Tür abwischen? Richtig - ihr habt es erraten.
Wenn eine Frau mit einer Eisenfaust befiehlt, man solle hinausgehen und die Spucke abwischen, dann tut man es. Besonders, wenn das Eisen heiß ist.
Aber das war alles schon zur Gewohnheit geworden.
Jeden Abend ging Liesel nach draußen, wischte die Tür sauber und schaute in den Himmel. Normalerweise sah er aus wie verschüttet - kalt und schwer, glitschig und grau. Aber manchmal fassten sich ein paar Sterne ein Herz, erhoben sich und schwebten, wenn auch nur für wenige Minuten. In diesen Nächten blieb sie ein bisschen länger draußen und wartete.
»Hallo, Sterne.« Wartete.
Auf die Stimme aus der Küche.
Oder bis die Sterne wieder hinabgezogen wurden in das trübe Wasser des Himmels über Deutschland.
der kuss (Eine Kindheitsentscheidung)
Wie in den meisten Kleinstädten gab es auch in Molching eine Handvoll Originale, von denen einige in der Himmelstraße lebten. Frau Holzinger war nur ein Exemplar davon.
Es waren ebenfalls dazuzuzählen:
· Rudi Steiner, der Nachbarsjunge, der von dem schwarzen amerikanischen Leichtathleten Jesse Owens besessen war
· Frau Lindner, die Ladenbesitzerin, eine überzeugte Verfechterin von Hitlers Rassenideologie
· Tommi Müller, ein Junge, dessen zahlreiche Ohrenentzündungen ihm schon etliche Operationen, einen rosigen Strom aus beständigem Schmerz im Gesicht und ein nervöses Zucken beschert hatten
· ein Mann, der allgemein als »Pfiffikus« bekannt war und dessen vulgäre Art Rosa Hubermann wie eine Dichterin und Heilige wirken ließ
Insgesamt lebten in der Himmelstraße ziemlich arme Leute, trotz des augenscheinlichen Wirtschaftswachstums, zu dem Hitler Deutschland verholfen hatte. Armenviertel gab es dennoch fast überall.
Wie bereits erwähnt, war das Haus neben den Hubermanns an eine Familie namens Steiner vermietet. Die Steiners hatten sechs Kinder. Eines von ihnen, der berüchtigte Rudi, sollte bald Liesels bester Freund werden und später ihr Partner und gelegentlicher Anstifter zu ihren Verbrechen. Sie lernte ihn auf der Straße kennen.
Ein paar Tage nach Liesels erstem Bad erlaubte ihr Mama, nach draußen zu gehen, um mit den anderen Kindern zu spielen. In der Himmelstraße wurden Freundschaften im Freien geschlossen, egal bei welchem Wetter. Die Kinder besuchten einander nur selten zu Hause, denn dort war es beengt, und außerdem gab es nicht viel zu sehen. Darüber hinaus konnten sie ihrer Lieblingsbeschäftigung am besten auf der Straße nachgehen: Fußball, ganz wie die Profis. Mannschaften wurden gebildet. Mülltonnen stellten die Torpfosten dar.
Als Neue in der Stadt wurde Liesel sofort zwischen zwei dieser Tonnen gestellt. (Tommi Müller, der erbärmlichste Fußballspieler, den die Himmelstraße je erlebt hatte, war endlich von dieser ungeliebten Pflicht befreit.)
Alles ging gut - für eine Weile, bis zu jenem schicksalhaften Moment, als Rudi Steiner von einem völlig frustrierten Tommi Müller gefoult wurde und im Schnee landete.
»Was?«, schrie Tommi. Sein Gesicht zuckte vor Verzweiflung. »Was soll ich denn jetzt schon wieder gemacht haben?«
Alle in Rudis Mannschaft verlangten nach einem Strafstoß, und jetzt hieß es Rudi Steiner gegen Liesel Meminger, die Neue.
Er platzierte den Ball auf einem matschigen Schneekegel, selbstbewusst und siegessicher. Immerhin hatte Rudi jeden seiner letzten achtzehn Elfmeter versenkt, selbst als die gegnerische Mannschaft den Torwart Tommi Müller gegen einen anderen Spieler ausgewechselt hatte. Egal wer im Tor stand, Rudi würde treffen.
Ihre Mannschaft versuchte, Liesel aus dem Tor zu holen. Wie ihr euch vorstellen könnt, wollte sie sich das nicht gefallen lassen. Rudi pflichtete ihr bei.
»Nein, nein.« Er lächelte. »Lasst sie ruhig drin.« Er rieb sich die Hände.
Es hatte aufgehört zu schneien, und zwischen ihnen hatten sich braune Fußabdrücke angesammelt. Rudi lief an, schoss, und Liesel tauchte seitwärts und wehrte den Ball irgendwie mit ihrem Ellbogen ab. Grinsend stand sie auf, aber das Erste, was sie sah, war ein Schneeball, der ihr ins Gesicht flog. Er bestand nur zur Hälfte aus Schnee, die andere Hälfte war Schlamm. Er brannte wie verrückt.
»Wie gefällt dir das?« Der Junge grinste und rannte dann dem Ball hinterher.
»Saukerl«, flüsterte Liesel. Sie gewöhnte sich schnell an den Umgangston in ihrem Zuhause.
EIN PAAR WORTE ÜBER RUDI STEINER
Er war acht Monate älter als Liesel, hatte dürre Beine, spitze Zähne, listige blaue Augen, und seine Haare hatten
die Farbe von Zitronen. Als eines von sechs Steiner-Kindern war er immer hungrig.
Die Bewohner der Himmelstraße hielten ihn für ein bisschen verrückt. Grund dafür war ein Ereignis, über das nur selten gesprochen wurde, das aber allgemein als die »Jesse-Owens-Sache« bekannt war: Rudi hatte sich eines Nachts mit Kohle schwarz angemalt und war ein einsames 100-Meter-Rennen auf dem hiesigen Sportplatz gelaufen.
Verrückt oder nicht, Rudi war dazu bestimmt, Liesels bester Freund zu werden. Und ein Schneeball im Gesicht ist der perfekte Beginn einer lebenslangen Freundschaft.
Ein paar Tage nachdem für Liesel die Schule angefangen hatte, trat sie mit den Steiner-Kindern den Schulweg an. Rudis Mutter, Barbara, nahm ihrem Sohn das Versprechen ab, das neue Mädchen zu begleiten, hauptsächlich weil sie von der Geschichte mit dem Schneeball gehört hatte. Es spricht für Rudi, dass er sofort damit einverstanden war. Er war kein jugendlicher Frauenhasser, ganz und gar nicht. Er mochte Mädchen, sehr sogar, und er mochte Liesel. (Daher auch der Schneeball.) Im Grunde genommen war Rudi Steiner einer dieser dreisten kleinen Kerle, die es genossen, von Weibern umschwärmt zu sein.
Eine jede Kindheit scheint ein solches Exemplar in ihrer Mitte und ihrem Dunstkreis zu haben. Er war der Junge, der sich weigerte, vor dem anderen Geschlecht Angst zu haben, gerade weil alle anderen sich zu Tode fürchteten, und er war der Typ, der sich nicht scheute, eine Entscheidung zu treffen. In Bezug auf Liesel Meminger hatte Rudi seine Entscheidung bereits gefällt.
Auf dem Weg zur Schule versuchte er, sie auf ein paar Besonderheiten der Stadt aufmerksam zu machen. Zumindest gelang es ihm, sie alle aufzuzählen, während er gleichzeitig seinen jüngeren Geschwistern befahl, gefälligst den Mund zu halten, und er selbst das Gleiche von seinen älteren Geschwistern zu hören bekam.
Sein erstes Objekt des Interesses war ein kleines Fenster im zweiten Stock eines Wohnhauses.
»Da wohnt der Tommi.« Er merkte, dass Liesel sich nicht an ihn erinnerte. »Der mit dem Zucken, weißt du noch? Als er fünf Jahre alt war, hat er sich am kältesten Tag des Jahres auf dem Markt verlaufen. Als man ihn drei Stunden später fand, war er eingefroren und hatte schlimme Ohrenschmerzen. Nach einer Weile haben sich seine Ohren innen ganz entzündet, und er musste sich drei, vier Mal operieren lassen. Dabei haben die Ärzte irgendwelche Nerven kaputtgemacht. Und deshalb zuckt er jetzt.«
»Und kann nicht Fußball spielen«, fügte Liesel hinzu.
»Überhaupt nicht.«
Als Nächstes kam der Eckladen am Ende der Himmelstraße. Frau Lindners Eckladen.
EINE WICHTIGE TATSACHE ÜBER FRAU LINDNER
Sie hatte eine goldene Regel.
Frau Lindner war eine scharfkantige Frau mit dicken Brillengläsern und einem ruchlosen Blick. Sie hatte sich diesen Blick zugelegt, um jeden Gedanken an Diebstahl in ihrem Laden im Keim zu ersticken. Sie hütete ihr Geschäft mit einer soldatesken Haltung, einer unterkühlten Stimme, und selbst ihr Atem roch nach »Heil Hitler«. Der Laden selbst war im Innern weiß und kalt und völlig blutleer. Das kleine Haus, das an seine Seite gezwängt dastand, schien vor lauter Strenge zu erschauern. Frau Lindner selbst verströmte diesen Eindruck im Übermaß; er war das Einzige, was man in ihrem Geschäft umsonst bekam. Sie lebte für ihren Laden, und ihr Laden lebte für das Dritte Reich. Als später im Jahr die Lebensmittel rationiert wurden, war es ein offenes Geheimnis, dass sie bestimmte Waren, die schwer zu bekommen waren, unter der Hand verkaufte und das Geld der Partei spendete. An der Wand hinter ihrem Sitzplatz, den sie für gewöhnlich einnahm, hing ein gerahmtes Bild des Führers. Wenn man ihren Laden betrat und nicht »Heil Hitler« sagte, wurde man nicht bedient.
Als sie vorbeigingen, lenkte Rudi Liesels Aufmerksamkeit auf die stark vergrößerten Augen hinter den dicken Brillengläsern, die sie durch das Ladenfenster anfunkelten.
»Sag >Heil<, wenn du da reingehst«, wies er sie an. »Es sei denn, du willst woanders einkaufen.« Als sie das Geschäft schon weit hinter sich gelassen hatten, schaute sich Liesel noch einmal um und sah, dass die kugelsicheren Augen immer noch da waren, wie festgeklebt am Schaufenster.
Sie bogen um die Ecke in die Münchener Straße, die Hauptstraße, die nach Molching hinein und wieder heraus führte. Sie war mit Schneematsch zugekleistert.
Wie so oft kamen ein paar Reihen von Soldaten anmarschiert, die eine Übung absolvierten. Ihre Uniformen gingen aufrecht, und ihre schwarzen Stiefel verunreinigten den Schnee zusätzlich. Ihre Gesichter waren konzentriert geradeaus gerichtet.
Sie schauten den Soldaten nach, bis diese verschwunden waren. Dann gingen Liesel und die Steiner-Kinder an ein paar Schaufenstern vorbei und an dem imposanten Rathaus, das in späteren Jahren von den Füßen gefegt und untergepflügt werden würde. Ein paar der Läden waren verlassen und trugen noch den gelben Stern und judenfeindliche Schmähungen. Weiter unten an der Straße reckte sich die Kirche himmelwärts, ihr Dach ein kunstvolles Ziegelarrangement. Die gesamte Straße war eine lang gestreckte Röhre aus reinem Grau - ein Korridor aus Feuchtigkeit, Menschen, die durch die Kälte stapften, und dem platschenden Geräusch wässriger Schritte.
Plötzlich rannte Rudi los und zog Liesel mit sich.
Er klopfte an das Fenster einer Schneiderei.
Wenn Liesel in der Lage gewesen wäre, das Schild zu lesen, hätte sie erkannt, dass der Laden Rudis Vater gehörte. Das Geschäft war noch nicht geöffnet, aber drinnen breitete ein Mann Kleidungsstücke auf der Verkaufstheke aus. Er schaute hoch und winkte.
»Mein Papa«, erklärte ihr Rudi, und schon bald waren sie von einer Schar unterschiedlich hoch gewachsener Steiner-Sprösslinge umgeben, die alle winkten oder ihrem Vater Handküsse zuwarfen oder - was die Älteren anbelangte - einfach nur dastanden und grüßend nickten. Dann gingen sie weiter, zu dem letzten bemerkenswerten Ort, bevor man die Schule erreichte.
LETZTER HALT
Die Straße der gelben Sterne
Es war ein Ort, an dem niemand bleiben, den niemand anschauen wollte, aber fast jeder tat es trotzdem. Wie ein langer, gebrochener Arm krümmte sich die Straße vor ihnen, und sie war von etlichen Häusern mit Fenstern wie klaffende Wunden und zerschlagenen Wänden gesäumt. Auf den Türen prangte der Davidsstern.
Diese Häuser waren wie Aussätzige, wie entzündete Wunden auf dem verletzten deutschen Boden.
»Schillerstraße«, verkündete Rudi. »Die Straße der gelben Sterne.«
Am Fuß der Straße waren ein paar Leute zu sehen. Durch den Nieselregen wirkten sie wie Geister. Keine Menschen, sondern Schemen gingen dort unter den bleifarbenen Wolken.
»Kommt schon, ihr zwei«, rief Kurt, der Älteste der Steiner-Kinder, ihnen zu, und Rudi und Liesel gingen schnell weiter.
In der Schule suchte Rudi in den Pausen Liesels Nähe. Es war ihm egal, dass die anderen sich über die Dummheit des neuen Mädchens lustig machten. Er war für sie da, von Anfang an, und er war auch später noch da, als Liesels Wut überkochte. Aber er tat es nicht umsonst.
WAS IST SCHLIMMER ALS EIN JUNGE, DER DICH HASST?
Ein Junge, der dich liebt.
Als sie eines Tages Ende April aus der Schule kamen, warteten Rudi und Liesel in der Himmelstraße auf ihr tägliches Fußballspiel. Sie waren ein bisschen zu früh dran, und die anderen waren noch nicht da.
Die einzige Person, die auf der Straße auftauchte, war dieses Schandmaul Pfiffikus.
»Schau mal«, sagte Rudi.
STECKBRIEF
Pfiffikus war schmal gebaut. Er bestand aus weißem Haar.
Er bestand weiterhin aus einem schwarzen Regenmantel, braunen Hosen, modrigen Schuhen und einem Mundwerk -und was für einem Mundwerk!
»He, Pfiffikus!«
Als die Gestalt, die noch ein ganzes Stück von ihnen entfernt war, sich umdrehte, fing Rudi an zu pfeifen.
Im selben Moment straffte der alte Mann die Schultern und begann, mit einer derartigen Heftigkeit und einem Talent zu fluchen, das seinesgleichen sucht. Keiner schien den Namen zu kennen, auf den er getauft war, und wenn doch, dann benutzten sie ihn nie. Er wurde Pfiffikus genannt, weil er gerne pfiff. Ständig entschlüpfte seinen gespitzten Lippen die Melodie des Radetzky-Marsches, und sämtliche Kinder aus Molching riefen ihn, wenn sie ihn sahen, und pfiffen dieselbe Melodie. In diesem Augenblick warf dann Pfiffikus seine gewohnte Gangart ab (gebückt, mit großen, langen Schritten, die Hände hinter seinem Regenmantel auf dem Rücken verschränkt), richtete sich zu voller Größe auf und begann mit seiner Schimpftirade. Dann fiel jegliche Gelassenheit von ihm ab, und seine Stimme erzitterte vor Zorn.
An besagtem Tag folgte Liesel Rudis Neckerei ganz automatisch.
»Pfiffikus!«, rief auch sie, und ihre Stimme nahm jenen bösartigen Ton an, der der Kindheit vorbehalten ist. Ihr Pfeifen war grauenhaft, aber ihr war nie Zeit zum Üben geblieben.
Er jagte sie, brüllte ihnen hinterher. »Geht scheißen!« war nur der Anfang. Zunächst richtete er seine Schimpfworte nur an den Jungen, aber bald schon war auch Liesel an der Reihe.
»Du kleine Schlampe!«, schrie er sie an. Die Worte schlugen ihr in den Rücken. »Dich hab ich noch nie gesehen!« Stellt euch vor: Ein zehnjähriges Mädchen eine Schlampe zu nennen! Aber so war Pfiffikus. Es herrschte Einigkeit darüber, dass er und Frau Holzinger ein allerliebstes Paar abgeben würden. »Kommt sofort her!« waren die letzten Worte, die Liesel und Rudi hörten, als sie davonliefen. Sie rannten, bis sie die Münchener Straße erreicht hatten.
»Komm weiter«, sagte Rudi, nachdem sie wieder zu Atem gekommen waren. »Nur noch ein kleines Stück.«
Er brachte sie zum Sportplatz, wo sich jene berüchtigte Jesse-Owens-Sache zugetragen hatte. Sie standen da, mit den Händen in den Taschen. Vor ihnen erstreckte sich die Bahn. Es kam, wie es kommen musste. Rudi machte den Anfang. »Hundert Meter«, stachelte er sie an. »Ich wette, ich bin schneller.«
Das ließ sich Liesel nicht gefallen. »Wetten, dass nicht?« »Worum wetten wir, Saumensch? Hast du Geld?« »Natürlich nicht. Du etwa?«
»Nein.« Aber Rudi hatte eine Idee. Aus seinen nächsten Worten sprach der liebeshungrige Jüngling. »Wenn ich gewinne, kriege ich einen Kuss.« Er bückte sich und fing an, sich die Hosenbeine hochzurollen.
Liesel war, gelinde gesagt, erschrocken. »Warum willst du mich küssen? Ich bin dreckig.«
»Ich auch.« Rudi sah nicht ein, wieso ein bisschen Dreck einem Kuss im Wege stehen sollte. Es war eine Weile her, seit die beiden ein Bad genommen hatten.
Liesel dachte ein paar Augenblicke darüber nach, während sie die dürren Beine ihres Herausforderers betrachtete. Ihre eigenen sahen genauso aus. Der schlägt mich auf keinen Fall, dachte sie und nickte. Sie waren handelseins. »Wenn du gewinnst, kannst du mich küssen. Und wenn ich gewinne, dann muss ich beim Fußball nicht mehr im Tor stehen.«
Rudi überlegte. »Abgemacht.« Sie besiegelten ihre Wette per Handschlag.
Der Himmel war dunkel, und diesiger Nebel überschattete alles. Erste kleine Regensplitter fielen herab.
Die Bahn war weicher, als es zunächst den Anschein hatte. Die Wettläufer machten sich bereit.
»Ich kann nicht mal die Ziellinie sehen«, beklagte sich Liesel. »Meinst du vielleicht, ich?«
Rudi warf als Startzeichen einen Stein in die Luft. Das Rennen war eröffnet, als er zu Boden fiel.
Sie rannten nebeneinanderher, schubsten sich mit den Ellbogen, und jeder versuchte, in Führung zu gehen. Der glitschige Boden schlürfte an ihren Füßen und brachte sie etwa zwanzig Meter vor der Ziellinie zu Fall.
»Jesus, Maria und Josef!«, quietschte Rudi. »Ich bin voller Scheiße!«
»Das ist keine Scheiße«, widersprach Liesel, obwohl sie selbst ihre Zweifel hatte. »Das ist Schlamm.« Sie rutschten weitere fünf Meter in Richtung Ziel. »Unentschieden?«, schlug Liesel vor.
Rudi schaute sie von der Seite an. Seine spitzen Zähne und die strahlenden blauen Augen blitzten. Die Hälfte seines Gesichts war mit Schlamm bemalt. »Wenn es unentschieden ist, kriege ich trotzdem einen Kuss?«
»Nie im Leben.« Liesel stand auf und wischte sich etwas Schlamm von der Jacke. »Du darfst auch aus dem Tor raus.« »Pfeif drauf.«
Während sie zur Himmelstraße zurückgingen, wagte Rudi eine Prophezeiung. »Eines Tages, Liesel«, sagte er, »wirst du bereit sein, für einen Kuss von mir zu sterben.«
Aber Liesel wusste es besser.
Sie tat einen Schwur.
So lange sie und Rudi Steiner lebten, würde sie diesen elenden, schmutzigen Saukerl nie und nimmer küssen, schon gar nicht heute. Es gab Wichtigeres. Sie schaute an ihrem Anzug aus Schlamm hinab und sprach aus, was offensichtlich war.
»Sie bringt mich um.«
»Sie« war natürlich niemand anderes als Rosa Hubermann, auch bekannt als Mama, und sie brachte Liesel tatsächlich fast um. Das Wort »Saumensch« spielte bei der Bestrafungszeremonk eine herausragende Rolle. Sie machte Hackfleisch aus Liesel.
die jesse owens sache
Als Rudi sein Husarenstück auf der Rennbahn vollführte, wohnte Liesel noch nicht in der Himmelstraße. Trotzdem hatte sie das Gefühl, dabei gewesen zu sein. In ihrer Erinnerung war sie zu einem Mitglied von Rudis imaginärem Publikum geworden. Niemand sonst sprach darüber, Rudi dagegen umso häufiger - und zwar so häufig, dass Liesel, als sie daranging, ihre eigene Geschichte aufzuschreiben, die Jesse-Owens-Sache als Teil der Ereignisse betrachtete, die sie wirklich und wahrhaftig selbst erlebt hatte.
Es war das Jahr 1936. Die Olympischen Spiele. Hitlers Spiele.
Jesse Owens hatte gerade mit der Staffelmannschaft seine vierte Goldmedaille gewonnen. Die Behauptung, dass er ein Untermensch sei, weil er schwarz war, und die Tatsache, dass Hitler sich weigerte, ihm die Hand zu schütteln, gingen um die ganze Welt. Selbst die rassistischsten Deutschen waren beeindruckt von Owens' Leistung, und so schlüpften auch Worte der Anerkennung und Bewunderung durch die Maschen der Zensur. Doch niemand war begeisterter als Rudi Steiner.
Die ganze Familie saß im Wohnzimmer versammelt. Rudi schlich sich aus dem Zimmer und in die Küche. Er holte ein paar Stückchen Kohle aus dem Herd und versteckte sie in seinen kleinen Händen. Auf geht's. Ein Lächeln. Er war bereit.
Er schmierte sich mit Kohle voll, schön dick, bis er vollkommen schwarz war. Selbst seine Haare kamen nicht ungeschoren davon.
Der Junge erblickte sein Spiegelbild im Fenster und schenkte ihm ein fast irres Grinsen. Gekleidet in eine kurze Hose und Unterhemd, stahl er heimlich, still und leise das Fahrrad seines älteren Bruders und radelte die Straße entlang zum Sportplatz. In eine seiner Hosentaschen hatte er eine Kohlereserve gepackt, für den Fall, dass etwas von der Schwärze abging.
In Liesels Erinnerung war der Mond in dieser Nacht wie an den Himmel genäht. Drumherum waren Wolken gestickt.
Das rostige Fahrrad kam knirschend am Zaun des Sportplatzes zum Stehen, und Rudi kletterte hinüber. Er landete auf der anderen Seite und trottete mit seinen schmächtigen Beinen auf die Startlinie der 100-Meter-Strecke zu. Voller Enthusiasmus setzte er zu einer Reihe von unbeholfenen Dehnübungen an. Er grub Startlöcher in den Schmutz.
Er wartete auf seinen Augenblick, marschierte auf und ab, sammelte seine Konzentration unter der Dunkelheit des Himmels, während Mond und Wolken zuschauten. Angespannt.
»Owens sieht gut aus«, begann er seinen Kommentar. »Dies könnte sein bisher größter Sieg werden...«
Er schüttelte die nicht vorhandenen Hände seiner Kontrahenten und wünschte ihnen Glück, obwohl er genau wusste: Sie hatten keine Chance.
Der Starter bedeutete ihnen, nach vorn zu kommen. Ringsherum verdichtete sich die Menschenmenge auf den Tribünen. Bald war jeder Zentimeter besetzt. Sie alle riefen wie aus einem Mund. Sie sangen Rudi Steiners Namen - und sein Name war Jesse Owens.
Dann wurde alles still.
Seine nackten Füße bohrten sich in die Erde. Er spürte sie zwischen den Zehen.
Auf die Anordnung des Starters hin begab er sich in eine kauernde Position - und die Pistole schoss ein Loch in die Nacht.
Im ersten Drittel des Rennens lagen alle gleichauf, aber es war nur eine Frage der Zeit, bis sich der kohlschwarze Owens löste und den anderen davonlief.
»Owens ist vorn«, schrie die schrille Stimme des Jungen, während er über die leere Aschenbahn lief, direkt auf den tosenden Applaus und den olympischen Ruhm zu. Er konnte sogar das Band fühlen, das von seiner Brust entzweigesprengt wurde, als er - der Sieger - ins Ziel lief. Der schnellste Mann der Welt.
Erst bei der Ehrenrunde wendete sich das Blatt. Inmitten der Menge stand sein Vater, genau auf der Ziellinie, wie der Leibhaftige. Na ja, wie der Leibhaftige in einem Anzug. (Wie bereits erwähnt, war Rudis Vater Schneider. Er ging meist in Anzug und Krawatte auf die Straße. In dieser Nacht trug er nur einen Anzug und ein zerknautschtes Hemd. Die Krawatte fehlte.)
»Was ist hier los?«, fragte er seinen Sohn, als der in seiner ganzen verkohlten Pracht die Ziellinie erreichte. »Was zum Teufel geht hier vor?« Die Menge verschwand. Eine Brise erhob sich. »Ich war in meinem Sessel eingeschlafen, als Kurt bemerkte, dass du nicht mehr da warst. Alle suchen nach dir.«
Herr Steiner war unter normalen Umständen ein ausgesprochen höflicher Mann. Der Anblick eines seiner Kinder, das sich in einer Sommernacht mit Kohle vollgeschmiert hatte, war kein normaler Umstand. »Der Junge ist verrückt«, murmelte er, obwohl er nicht umhinkam zuzugeben, dass man bei wenigstens einem von sechs Kindern mit so etwas rechnen musste. Es lag durchaus im Rahmen der Wahrscheinlichkeit, dass eines davon ein faules Ei war. Er schaute dieses Ei an und wartete auf eine Erklärung. »Nun?«
Rudi keuchte, beugte sich nach vorn und legte die Hände auf die Knie. »Ich war Jesse Owens.« Er gab diese Antwort, als ob dies die normalste Sache der Welt wäre. In seiner Stimme lag sogar ein tadelnder Unterton, der zu sagen schien: »Das sieht man doch wohl, oder?« Der Ton verschwand allerdings, als er die Ringe unter den Augen seines Vaters eingraviert sah.
»Jesse Owens?« Herr Steiner war ein recht hölzerner Mann. Seine Stimme war kantig und verbindlich. Sein Körper war groß und schwer, wie Eiche. Seine Haare waren wie Splitter. »Was soll mit ihm sein?«
»Du weißt doch, Papa, der mit dem schwarzen Wunder.«
»Ich geb dir gleich schwarzes Wunder!« Er packte das Ohr seines Sohns zwischen Daumen und Zeigefinger.
Rudi wand sich. »Au, das tut weh!«
»Ach ja?« Sein Vater war mehr mit dem schmierigen Belag aus Kohle und Schweiß beschäftigt, den er an seinen Fingern spürte. Gründlich ist er, dachte er. Das Zeug ist sogar in seinen Ohren, verdammt nochmal. »Komm jetzt.«
Auf dem Heimweg beschloss Herr Steiner, mit seinem Sohn über Politik zu reden, so gut er es eben vermochte. Erst mit den Jahren würde Rudi alles verstehen. Aber da war es für das Begreifen schon zu spät.
DIE WIDERSPRÜCHLICHE HALTUNG VON ALEX STEINER
1. Er war Mitglied der nationalsozialistischen Partei, aber er hasste keine Juden oder sonst irgendjemanden.
2. Insgeheim konnte er sich allerdings nicht einer gewissen Erleichterung (oder schlimmer noch: Freude) erwehren, als die jüdischen Ladenbesitzer aus der Stadt gejagt wurden - die Propaganda hatte ihn davon überzeugt, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis jüdische Schneider das Land überschwemmten und ihm seine Kunden stahlen.
3. Aber musste man sie deshalb gleich ganz vertreiben?
4. Seine Familie. Natürlich war es seine Pflicht, alles zu tun, um sie zu beschützen und zu unterstützen. Wenn er dazu in der Partei sein musste, dann war es eben so.
5. Irgendwo, tief in ihm drin, gab es eine kleine Stelle in seinem Gewissen, die juckte, aber er vermied es zu kratzen. Er hatte Angst vor dem, was darunter zum Vorschein kommen würde.
Sie gingen um ein paar Ecken in Richtung Himmelstraße, und Alex Steiner sagte: »Mein Sohn, du kannst nicht schwarz angemalt herumlaufen, hast du verstanden?«
Rudi wurde hellhörig. Der Mond hatte sich befreit und konnte nun ungehindert weiterziehen, konnte sich erheben und niedergehen und das Gesicht des Jungen bescheinen, machte ihn mit seinem Licht hübsch und unergründlich, wie seine Gedanken. »Warum nicht, Papa?«
»Weil sie dich dann holen kommen.«
»Warum?«
»Weil du keine Schwarzen oder Juden bewundern darfst, und auch niemand anderen, der nicht so ist wie wir.«
»Wer ist denn Jude?«
»Du kennst doch meinen ältesten Kunden, Herrn Kaufmann. Bei dem wir deine Schuhe gekauft haben.«
»Ja.«
»Nun, er ist Jude.«
»Das wusste ich nicht. Muss man dafür bezahlen, wenn man Jude sein will? Braucht man eine Genehmigung?«
»Nein, Rudi.« Herr Steiner steuerte das Fahrrad mit der einen Hand und Rudi mit der anderen. Mit der Richtung, die das Gespräch nahm, hatte er mehr Probleme als mit Rad und Sohn zusammen. Er hielt Rudi immer noch am Ohrläppchen fest. Er war mit den Gedanken woanders. »Das ist so, wie wenn man Deutscher ist. Oder Katholik.«
»Oh. Ist Jesse Owens katholisch?«
»Ich weiß nicht.« Er stolperte über ein Pedal und ließ das Ohr los.
Eine Zeit lang gingen sie schweigend nebeneinanderher, bis Rudi sagte: »Ich wünschte, ich wäre wie Jesse Owens, Papa.«
Diesmal legte Herr Steiner seine Hand auf Rudis Kopf und erklärte ihm: »Ich weiß, mein Sohn - aber du hast wunderschöne blonde Haare und große, beruhigend blaue Augen. Darüber solltest du froh sein, ist das klar?«
Aber nichts war klar.
Rudi verstand rein gar nichts, und diese Nacht war nur das Vorspiel dessen, was bald folgen sollte. Zweieinhalb Jahre später war von Herrn Kaufmanns Schuhgeschäft lediglich zerbrochenes Glas übrig, nachdem auch die Schuhe, noch in ihren Kartons, auf einen Lastwagen geworfen worden waren.
die rückseite von sandpapier
Menschen haben Schlüsselerlebnisse, nehme ich an, besonders wenn sie noch jung sind. Für die einen ist es eine Jesse-Owens-Sache, für die anderen ein bettnässender Albtraum:
Ende Mai 1939. Der Abend war wie die meisten anderen verlaufen. Mama hatte ihre Eisenfaust geschüttelt. Papa war ausgegangen. Liesel wischte die Haustür sauber und betrachtete den Himmel über der Himmelstraße.
Früher am Abend hatte eine Parade stattgefunden.
Eine Gruppe aus dem harten Kern der NSDAP - der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei -, in ihre braunen Hemden gewandet, war die Münchener Straße entlangmarschiert. Ihre Banner hatten stolz geweht, und ihre Gesichter waren erhoben gewesen, als steckten sie auf Stöcken. Auf ihren Stimmen hatten Lieder gesessen und hatten sich schließlich zu einem brüllenden Choral vereinigt: »Deutschland, Deutschland über alles.«
Wie üblich wurden sie beklatscht.
Man feuerte sie an auf ihrem Weg Gott weiß wohin.
Die Leute standen am Straßenrand und schauten zu, manche mit zum Hitlergruß steif ausgestrecktem Arm, andere mit vom Applaus brennenden Handflächen. Einige trugen Mienen, die vor Stolz und Führerliebe verzerrt waren, wie Frau Lindner, und dann gab es vereinzelt jene anderen wie Alex Steiner, die wie ein menschlich geformter Holzklotz dastanden und bedächtig und pflichtbewusst klatschten. Voller Schönheit. Die Unterwerfung.
Auf dem Bürgersteig standen Liesel, ihr Papa und Rudi. Hans Hubermann hatte ein Gesicht aufgelegt, in dem alle Vorhänge zugezogen waren.
EIN PAAR WILLKÜRLICHE ZAHLEN
1933 war die Mehrheit der Deutschen für Adolf Hitler. Eine Minderheit war gegen ihn. Hans Hubermann gehörte zu dieser Minderheit. Und dafür gab es einen Grund.
In der Nacht träumte Liesel, wie immer. Zunächst sah sie die Braunhemden marschieren, aber schon bald führten sie Liesel zu einem Zug, wo die übliche Erkenntnis auf sie wartete. Ihr Bruder mit dem starren Blick.
Als sie schreiend aufwachte, wusste Liesel sofort, dass etwas anders war. Ein Geruch schlich sich unter der Decke hervor, warm und widerlich. Zunächst versuchte sie, sich einzureden, dass nichts passiert wäre, aber als Papa näher kam und sie in den Arm nahm, flüsterte sie ihm ein Geständnis ins Ohr.
»Papa«, flüsterte sie, »Papa.« Das war alles. Er konnte es ohnehin riechen.
Sanft hob er sie vom Bett und trug sie ins Badezimmer. Das Schlüsselerlebnis folgte ein paar Minuten später.
»Wir ziehen das Bett ab«, sagte Papa, und als er unter die Matratze griff, um das Laken herauszuziehen, löste sich etwas, wurde mit dem Laken hervorgeschleudert und landete mit einem dumpfen Aufprall auf dem Boden. Ein schwarzes Buch mit silberner Schrift lag jetzt zwischen den Füßen des großen Mannes.
Er schaute darauf hinab.
Er schaute das Mädchen an, das schüchtern mit den Schultern zuckte.
Dann las er den Titel laut vor, mit äußerster Konzentration: »Handbuch für Totengräber«.
So heißt es also, dachte Liesel.
Ein Flecken Stille lag zwischen ihnen dreien. Dem Mann, dem Mädchen und dem Buch. Er hob es auf und sagte, so weich wie Watte:
EIN GESPRÄCH UM ZWEI UHR MORGENS
»Ist das deins?« »Ja, Papa.« »Willst du es lesen?« Wieder: »Ja, Papa.« Ein müdes Lächeln. Metallische Augen, schmelzend. »Na, dann lesen wir es wohl besser.«
Vier Jahre später, als sie im Keller anfing zu schreiben, wurden Liesel zwei Dinge über das Trauma jenes Bettnässens klar. Zum einen war sie überglücklich, dass es Papa war, der das Buch gefunden hatte. (Glücklicherweise hatte Rosa immer Liesel das Bett abziehen lassen, wenn die Bettwäsche gewaschen werden musste. »Und zwar schnell, Saumensch! Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit!«) Zweitens war sie uneingeschränkt stolz auf die Ausbildung, die sie durch Hans Hubermann erfuhr. Man kann es kaum glauben, schrieb sie, aber in der Schule habt ich das Lesen nicht gelernt. Papa hat es mir beigebracht. Die Leute denken, dass er nicht besonders klug ist, und es stimmt, dass er nicht besonders schnell lesen kann, aber ich sollte bald erfahren, dass Worte und das Schreiben ihm einmal das Leben gerettet haben. Oder besser gesagt: Worte - und ein Mann, der ihm das Akkordeonspielen beibrachte ...
»Eins nach dem anderen«, sagte Hans Hubermann in jener Nacht. Er wusch das Laken und den Bettbezug und hängte beides zum Trocknen auf. »Also«, sagte er, als er wiederkam, »dann lass uns mit der Mitternachtsklasse beginnen.«
Das gelbe Licht war mit staubigem Leben erfüllt.
Liesel saß auf ihrem kalten, sauberen Laken, beschämt und freudig erregt. Der Gedanke, dass sie ins Bett gemacht hatte, nagte an ihr, aber sie würde lesen lernen. Sie würde das Buch lesen.
Die Erregung stand ihr ins Gesicht geschrieben.
Sie sah sich bereits als ein zehnjähriges Wortewunder.
Wenn es bloß so einfach wäre.