»Das überrascht mich nicht.«
»Ich wußte, daß man ihnen nicht trauen darf«, jammerte Neelix. Er hatte neben der Tür des Turbolifts gestanden, schritt nun zum Ersten Offizier und rieb sich nervös die Hände.
»Darauf habe ich Sie mehrmals hingewiesen.«
Chakotay nickte, blickte dann zum Hauptschirm und
beobachtete das seltsam kantige Televek-Schiff. »Kanal öffnen«, brummte er. »Ich bin neugierig, was sie uns zu sagen haben.«
»Warum wurde das Shuttle gestartet?« ertönte die unruhig klingende Stimme des Dritten Direktors Gantel. »Was wollten Sie damit erreichen?«
»Warum haben Sie das Feuer auf die Raumfähre eröffnet?«
lautete Chakotays scharfe Gegenfrage. »Es stellte nicht die geringste Gefahr für Sie dar.«
»Wir wollten nur einen Warnschuß abgeben. Der Treffer war reiner Zufall.«
Chakotay runzelte die Stirn und stellte fest, daß er die Fäuste geballt hatte. Ganz bewußt streckte er die Finger. Er bezweifelte, daß die Televek-Kanoniere so schlecht zielten.
»Einen Warnschuß wollten Sie abgeben? Als Warnung wovor?
Die Mission des Shuttles war rein wissenschaftlicher Natur – es brach auf, um Daten zu sammeln. Das stark fluktuierende Magnetfeld des Planeten stört unsere Sensoren, wie sicher auch Ihre. Deshalb planten wir einen Erkundungseinsatz auf der Oberfläche.«
»Vermutlich liegt ein weiteres… Mißverständnis vor,
Commander«, erwiderte Gantel und klang nun wieder völlig ruhig.
Chakotay spürte, wie er erneut die Fäuste ballte. »Das scheint bei Ihnen recht häufig zu passieren.«
»Nur dann, wenn man uns nicht informiert.«
»Es befinden sich Personen an Bord des Shuttles!« entfuhr es dem Ersten Offizier.
»Wir bedauern sehr, wenn jemand verletzt worden sein sollte.
Es ist durchaus möglich, daß es Überlebende gibt.«
»Dann haben Sie sicher nichts dagegen, wenn wir ein zweites Shuttle schicken, um unsere Leute zu bergen«, sagte Chakotay.
»Und zwar sofort.«
»Das ist leider nicht möglich.«
»Warum nicht?« fragte Paris. Er saß an der
Navigationskonsole und wäre am liebsten aufgesprungen.
»Sie können doch nicht von uns erwarten, daß wir unsere Leute einfach so im Stich lassen!« fügte B’Elanna hinzu.
Das Feuer des Zorns brannte immer heißer in Chakotay. »Wir beabsichtigen eine Rettungsaktion. Wollen Sie uns daran hindern?«
Eine Zeitlang herrschte Stille. Schließlich antwortete Gantel:
»Es gibt viel zu erklären. Ich fürchte, ein weiteres Mißverständnis bahnt sich an.«
»Das glaube ich auch«, sagte Chakotay.
»Sind Jonal und seine beiden Begleiterinnen sicher bei Ihnen eingetroffen?« fragte Gantel. »Haben Sie mit ihnen
gesprochen?«
»Ja«, bestätigte der Commander. Es kostete ihn erhebliche Mühe, sich zu beherrschen. »Ihren Gesandten scheint es ebenso schwer zu fallen wie Ihnen, zur Sache zu kommen. Ich möchte einige klare Antworten von Ihnen.«
»Und die sollen Sie auch bekommen. Bitte gestatten Sie mir, vorher mit den Mittlern zu reden.«
»Jetzt sofort?«
»Ja. Das halte ich für den besten Weg. Verwirrung ist für alle Beteiligten schlecht. Direkte Kommunikation nützt beiden Seiten, das versichere ich Ihnen.«
»Vielleicht gibt es noch eine andere Möglichkeit«, sagte Chakotay. Er sah erst zu Paris und dann zu Torres, wußte schon vorher, daß er auch für sie sprach.
»Wenn wir uns gegenseitig vernichten, ist alles verloren«, fuhr Gantel fort. »Um der Kooperation willen und zum Wohle der Personen im Shuttle: Bitte rufen Sie die Gesandten.«
»Nun gut. Mr. Rollins, lassen Sie die Drosary zur Brücke bringen. Sie sollen die ganze Zeit über bewacht werden.«
»Wenn Sie gestatten, Commander…«, begann Rollins. »Ich weiß nicht, ob das Sinn hat. Vielleicht…«
»Wir klären die Sache hier und jetzt«, erwiderte Chakotay.
»Mr. Paris, sondieren Sie auch weiterhin den Planeten.
Versuchen Sie, das Feld der elektromagnetischen Interferenzen irgendwie zu durchdringen. Melden Sie sich sofort, wenn Sie etwas entdecken. Das gilt auch für alle anderen.«
Chakotay schritt stumm auf und ab, während man seine Befehle ausführte. Es dauerte nicht lange, bis die drei Drosary-Mittler eintrafen. Zwei bewaffnete Sicherheitswächter gingen vor den Gesandten und zwei hinter ihnen. Der Kom-Kanal war gerade wieder geöffnet, als Jonal auch schon zu sprechen begann. Eine hastig geführte Diskussion fand statt, an der auch Mila und Tassay teilnahmen. Es ließ sich jedoch kaum feststellen, worum es ging. Die Mittler schienen in einer Art Code zu sprechen.
Ganz offensichtlich gab es Meinungsverschiedenheiten, und sie betrafen die Voyager. Es ging um ein Joint Venture der Klasse neun, wie es Gantel nannte.
»Und das Bergungsgut?« fragte Jonal.
»Dieser Punkt kann absolut nicht strittig sein«, erwiderte Gantel.
»Darin bestand unsere ursprüngliche Position«, meinte Tassay.
»Ich bin immer für kontinuierliche Bewertungen eingetreten«, sagte Gantel.
»Insbesondere dann, wenn sie opportun waren«, bemerkte Mila nicht ohne einen gewissen Sarkasmus.
»Ich empfehle, daß wir ihnen praktische Anreize gewähren«, sagte Jonal mit Nachdruck. »Natürlich der zweiten Stufe.«
»Wie großzügig«, entgegnete Gantel scharf. »Das wird die Erste Direktorin sicher freuen.«
»Wenn wir nichts vorweisen können, dürfte ihre Freude noch viel größer sein«, kam es strenger von Milas Lippen, als Chakotay es erwartet hätte. Einige Sekunden lang herrschte Stille. Die drei Drosary standen ruhig und warteten geduldig, schienen sich ihrer Sache sehr sicher zu sein.
»Einverstanden«, sagte Gantel schließlich. »Allerdings hängt mein Einverständnis von den Entscheidungen der Ersten Direktorin ab, die sie bald treffen wird, wie wir vermuten.«
»Natürlich«, murmelte Tassay. Die drei Drosary wechselten einen schnellen Blick, den Chakotay mit einer Grimasse verglich.
»Klingt nach einem Familienstreit«, kommentierte der Commander leise und beugte sich dabei zu den anderen Brückenoffizieren vor, die nicht besonders begeistert wirkten.
Chakotay versuchte, ihre Stimmung zu heben, indem er scherzhaft hinzufügte: »Ich frage mich, ob sie eigentlich wissen, was sie wollen.«
»Sie wissen es, Commander«, entgegnete Neelix, der einige Meter entfernt stand und erneut bewies, daß ihm in einem Umkreis von mehreren Lichtjahren kein Wort entging. »Sie wissen es ganz genau, glauben Sie mir.«
Danke, dachte Chakotay.
»Hoffentlich wissen wir es auch«, meinte B’Elanna. Es klang nicht sonderlich zuversichtlich.
»Das hoffe ich auch«, fügte Paris hinzu.
Chakotay nickte.
»Commander…«, sagte Jonal nach einigen weiteren
Wortwechseln, die irgendwelche Kontingente oder dergleichen zu betreffen schienen. »Im Namen der Televek möchten wir unsere Bemühungen erneuern, Bereiche der Kooperation zu finden und unsere Differenzen zu überwinden. Wir haben Informationen für Sie, die Ihnen vielleicht alles meinem anderen Licht erscheinen lassen. Lassen Sie uns mit folgender Feststellung beginnen: Wenn angemessene Kommunikation gewährleistet ist – und darum werden wir drei uns kümmern, mit Ihrer Erlaubnis –, so kann weiteren Mißverständnissen vorgebeugt werden. Die Televek versuchen, Probleme zu vermeiden. Sie wollen keine Schwierigkeiten schaffen, ob Sie das glauben oder nicht.«
»Das stimmt, Chakotay«, sagte Tassay, trat näher und sah ihn aus seelenvollen Augen an. »Ich glaube, wir müssen einen Schritt zurückweichen, um anschließend den Weg nach vorn fortzusetzen.«
»Zunächst einmal sind die Televek bereit, in Hinsicht auf die Verhandlungsbedingungen flexibler zu sein«, sagte Jonal. Die beiden anderen Drosary kommentierten diese Worte mit nachdrücklichem Nicken. »Außerdem bieten sie eine
Koordinierung der Bemühungen an, die zum Ziel haben, das abgestürzte Shuttle auf dem Planeten zu lokalisieren und mit eventuellen Überlebenden Verbindung aufzunehmen. Vielleicht läßt sich sogar eine Rettungsmission durchführen, obwohl das komplizierter ist, als Sie derzeit ahnen. Auch in dieser Hinsicht stellen unsere Auftraggeber Erklärungen in Aussicht.«
»Fahren Sie fort«, sagte B’Elanna kühl und kam Chakotay damit zuvor.
»Ja, bitte«, fügte der Commander hinzu. »Zwar hat der Phaserstrahl des Televek-Schiffes das Shuttle getroffen, aber wir glauben nicht, daß er allein den Absturz bewirkt haben kann«, meinte Jonal. »Dazu reichte das energetische Potential nicht aus.«
»Die Fakten widersprechen Ihnen«, entgegnete Chakotay.
»Vielleicht trägt der Planet zumindest einen Teil der Verantwortung für das, was geschehen ist«, sagte Tassay.
»Wieso denn?« fragte Paris.
»Über dieses Schlüsselelement möchten wir mit Ihnen reden«, erwiderte Mila. »Sie wissen nicht, womit wir es hier zu tun haben. Selbst die Televek haben gerade erst begonnen, es zu verstehen.«
»Während wir miteinander diskutieren, deaktivieren die Televek ihre Waffensysteme – vorausgesetzt, Sie sind ebenfalls dazu bereit.« Jonal klang so, als handelte es sich dabei nur um ein eher unwichtiges Detail. »Es fällt schwer, vernünftig miteinander zu sprechen, wenn einen nur wenige Sekunden von der Vernichtung trennen.«
Chakotay überlegte und musterte die Drosary. Es entging ihm nicht, daß sie jetzt wieder völlig ruhig und gelassen wirkten.
Tassay richtete einen seltsamen Blick auf ihn: Sie schien eine Inspiration von ihm zu erwarten – vielleicht auch noch mehr.
Sie war sehr attraktiv, aber derzeit hatte er einfach keine Zeit für eine persönliche Beziehung, und das galt sicher auch für sie.
Andererseits stammten die Drosary aus einer fremden Kultur, mit anderen Idealen und Werten – das durfte man nicht vergessen. Vielleicht hielten sie es für ganz normal, Arbeit und Vergnügen miteinander zu verbinden. Möglicherweise waren sie nicht nur liebenswürdig, sondern auch kapriziös.
»Gehen wir in den Bereitschaftsraum des Captains«, sagte der Commander. »Ich habe weitaus mehr Fragen als Antworten, und daran möchte ich etwas ändern.«
»Ein ausgezeichneter Vorschlag«, pflichtete ihm Jonal bei.
»Sie kommen mit, Neelix«, sagte der Erste Offizier, und der Talaxianer wirkte alles andere als begeistert. Er wollte zu Kes, doch derzeit brauchte ihn die Ocampa nicht so dringend wie Chakotay.
Als er sich umdrehte, fiel ihm auf, daß Mila ganz dicht bei Paris stand und ein privates Gespräch mit ihm führte. Chakotay räusperte sich demonstrativ. Paris drehte den Kopf und begriff sofort die Bedeutung des durchdringenden Blicks, den ihm der Commander zuwarf. Der Lieutenant stand auf, griff sanft nach Milas Arm und führte sie fort von der Navigationsstation. »Wir sollten vermeiden, daß Sie durch Zufall irgendwelche Schaltelemente berühren«, erklärte er. »Ich schlage vor, Sie schließen sich dem Commander an.«
»Ja, natürlich«, stimmte Mila sofort zu. Sie schien ein wenig verlegen zu sein.
Alle lächelten.
Es könnten Spione sein, dachte Chakotay. Die Frage lautete, ob es eine Rolle spielte oder nicht. Er war entschlossen, der Sache auf den Grund zu gehen, so oder so.
»Kommen Sie mit?« wandte sich Mila an Paris.
»Er wird hier gebraucht«, sagte Chakotay.
Mila wirkte fast wie ein Kind, als sie den Kopf ein wenig zur Seite neigte. »Bitte, Commander, ich bestehe darauf. Ihr Schiff liegt derzeit in einem stationären Orbit, ebenso wie unseres. Die Dienste eines Navigators werden also gar nicht benötigt. Oder legen Sie keinen Wert auf Paris’ Meinung?«
Chakotay mochte es ganz und gar nicht, auf diese Weise unter Druck gesetzt zu werden. Und der Rest gefiel ihm nicht viel besser. Seiner Ansicht nach lief alles darauf hinaus, daß sie Zeit verloren.
»Na schön«, murmelte er und verbarg seinen Ärger nicht.
B’Elanna Torres stand keinen Meter von ihm entfernt, zwischen den Drosary und der Tür des Bereitschaftsraums. Sie hatte die Arme verschränkt und rechnete damit, ebenfalls dazu
aufgefordert zu werden, an den Besprechungen teilzunehmen.
»Soll uns sonst noch jemand begleiten?« fragte Chakotay.
Mila sah B’Elanna an und wandte dann den Blick ab. »Nein, das ist nicht nötig.«
B’Elannas Gesichtsausdruck hätte drindorianische
Drachenmilch sauer werden lassen.
Chakotay schüttelte den Kopf. »Na schön«, brummte er, als er an Torres vorbeiging. »Jemand sollte dafür sorgen, daß wir mit der Arbeit weiterkommen.«
»Schon gut, Commander«, sagte Torres, als sich die Tür des Bereitschaftsraums öffnete. »Es ist alles in Ordnung.«
Chakotay zögerte und begegnete dem Blick der
Chefingenieurin. Nicht zum erstenmal erlebte er sie so ernst.
Bei den meisten Leuten handelte es sich dabei um eine übertriebene Reaktion, doch bei Torres sah die Sache anders aus, erst recht dann, wenn Leben auf dem Spiel standen. Derzeit kam ihre Stimmung einem Trost für ihn gleich. Er nickte ihr zu und trat durch den offenen Zugang.
Als sie sich in dem kleinen, spärlich eingerichteten Bereitschaftsraum versammelten, gelang es Mila, Paris ein Lächeln zu entlocken. Der Lieutenant schien der
wunderschönen jungen Drosary immer mehr zugetan zu sein –
eine durchaus verständliche Reaktion, fand Chakotay, selbst in der gegenwärtigen Situation. Tassay blieb zunächst an der Seite des Commanders, als er sich an Janeways Schreibtisch lehnte.
Die anderen nahmen auf dem großen Sofa an der
gegenüberliegenden Wand Platz. Tassay setzte sich dann an jenes Ende, das Chakotay am nächsten war.
»Wo ist Captain Janeway?« fragte Jonal. »Ich hatte gehofft, daß sie an unseren Diskussionen teilnimmt.«
»Sie… muß noch einige Dinge erledigen. Ich bin befugt, die Verhandlungen weiterzuführen.«
Jonals Gesichtsausdruck veränderte sich nicht. »Nun gut, Commander.«
»Absoluten Vorrang hat für mich die Rettung der
Shuttlecrew«, sagte Chakotay. »Ich glaube, wir sollten dort anfangen. Die Televek hielten es offenbar für nötig, unsere Leute in Lebensgefahr zu bringen, um sie vor etwas zu warnen, das sich auf dem Planeten befindet. Von Ihnen erwarte ich nun, daß Sie die Hintergründe erläutern.«
Stille folgte diesen Worten. Chakotay musterte die Drosary und bemerkte einmal mehr die stumme Kommunikation
zwischen ihnen. Eine Aura der Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit umgab sie, auch unter ungünstigen Umständen. Den Televek traute er nicht, aber es schien keinen Zweifel zu geben, daß die Drosary Vertrauen verdienten, daß sie es gar nicht böse meinen konnten. Das galt insbesondere für Tassay.
»Drenar Vier ist unzugänglich«, sagte Jonal. »Die Televek wissen das, denn sie haben versucht, die Oberfläche zu erreichen. Ihre Leute hätten ohnehin nicht landen können.«
Chakotay beschloß, die Karten offen auf den Tisch zu legen und die Reaktionen der Drosary zu beobachten. »Sie sollten wissen, daß wir eine starke subplanetare Energiequelle geortet haben, in einer Tiefe von mehreren Kilometern. Darüber hinaus glauben wir, daß sich ein Raumschiff der Televek in jenem Bereich befindet. Ich nehme an, Sie wollen uns auch dafür eine Erklärung anbieten.«
»Oh, Commander…« Jonal lächelte sanft. »Ich gratuliere Ihnen zu Ihrem Schiff und der tüchtigen Besatzung. Vielleicht käme Ihre Sensortechnik als Verhandlungsgegenstand in Frage.«
»Wir können natürlich alles erklären«, versicherte Tassay dem Commander.
»Dann fangen Sie gleich damit an«, erwiderte der Erste Offizier.
Jonal gab sich so, als hätte ihm Chakotay einen Gefallen erwiesen – eine willkommene Reaktion, wenn auch nicht die erwartete.
»Also gut«, sagte der Drosary. »Wissen Sie, trotz ihrer Bemühungen haben es die Televek nicht geschafft, den Bewohnern von Drenar Vier zu helfen. Landungen und selbst Flüge in niedrigen Umlaufbahnen sind aufgrund eines
hochentwickelten planetaren Verteidigungssystems unmöglich.
Wer zu landen versucht, wird angegriffen, was dazu führt, daß alle wichtigen Bordsysteme ausfallen. Wenn der Abstand zwischen Raumschiff und Planet unter ein gewisses Maß schrumpft, ist Zerstörung die unvermeidliche Folge. Die von Ihnen erwähnte Energiequelle steht offenbar in irgendeinem Zusammenhang mit dem Verteidigungssystem; das vermuten jedenfalls die Televek.«
»Sie haben bereits ein Schiff auf diese Weise verloren«, fügte Mila hinzu. »Einen Kreuzer wie den, der sich jetzt in einem hohen Orbit befindet. Daket, der Kommandant des anderen Schiffes, hielt es für möglich, die Schilde so zu modifizieren, daß sie einen sicheren Anflug ermöglichten. Gantel teilte diese Meinung nicht. Daket entschied schließlich, einen Versuch zu wagen, was zum Absturz seines Schiffes führte. Seitdem haben wir keinen Kontakt.«
»Und davor wollten die Televek uns warnen, als sie aufs Shuttle schossen?« fragte Paris ungläubig.
Mila legte ihm die Hand auf den Arm. »Es stimmt wirklich.«
Der Lieutenant runzelte die Stirn. »Warum haben sie keinen Kom-Kanal geöffnet?«
»Gantel glaubte, daß für eine Diskussion nicht genug Zeit blieb«, antwortete Tassay. »Ein Warnschuß erschien ihm als beste Lösung des Problems.«
»Die Televek sind noch nie zuvor mit einem derartigen offensiven oder defensiven System konfrontiert worden«, sagte Jonal. »Es ist intelligent und reagiert sehr schnell, verfügt außerdem über beträchtliche Ressourcen. Vielleicht stammt es aus einem anderen Teil der Galaxis. Möglicherweise aus Ihrem
– obgleich Sie nicht damit vertraut zu sein scheinen.«
»Wir kennen es tatsächlich nicht«, bestätigte Chakotay.
»Wir haben einen Vorschlag«, sagte Tassay, und ihre Stimme erklang in unmittelbarer Nähe von Chakotays Ohr. Instinktiv wich er fort, schuf damit wieder eine gewisse Distanz.
»Ich höre«, erwiderte er knapp.
»Praktische Anreize«, erwiderte Tassay und strahlte.
»Diese Bezeichnung habe ich schon einmal gehört«, sagte Paris. »Was hat es damit auf sich?«
»Anreize sind wie Öl fürs Getriebe des Lebens«, erläuterte Mila. »Sie können sehr mächtig sein, wenn man richtig damit umgeht – die Televek wissen darüber Bescheid.« Sie bedachte Paris mit einem glücklichen Lächeln. »Das gilt für praktisch alle politischen, geschäftlichen und auch persönlichen
Verhandlungen.«
»Es läuft auf folgendes hinaus«, meinte Jonal. »Wenn die Voyager dabei hilft, das planetare Verteidigungssystem zu analysieren und zu neutralisieren, so wäre anschließend eine gemeinsame Suche sowohl nach Ihrem Shuttle als auch nach dem abgestürzten Televek-Kreuzer möglich. Und wir könnten zusammen versuchen, den Einheimischen zu helfen.«
»Dafür sind Sie bereit, uns die benötigten
Reparaturkomponenten zur Verfügung zu stellen?« fragte Chakotay.
»Ohne eine zusätzliche Art der Bezahlung zu verlangen, zum Beispiel in Form von Starfleet-Technik?« warf Neelix ein. »Sie fordern nicht mehr von uns, Ihnen die technischen Einzelheiten unserer Phaser zu enthüllen?«
»So ist es.« Jonal schien recht zufrieden zu sein, ebenso wie die beiden Drosary-Frauen.
Paris lächelte erfreut, doch Chakotay hielt an seiner Skepsis fest und versuchte, sich nicht zuviel zu erhoffen. »Welcher Vorteil ergibt sich für die Televek durch eine solche Vereinbarung?«
Jonal zuckte mit den Schultern – eine sehr menschliche Geste.
»Unsere Auftraggeber haben den gleichen Wunsch wie Sie: Es geht ihnen darum, ihre Leute zu retten. Aber um ganz ehrlich zu sein, Commander: Sie wären auch nicht abgeneigt, das drenarianische Verteidigungssystem – oder auch nur einen Teil davon – zu erwerben. Immerhin hat es bisher erstaunlich hartnäckigen Widerstand geleistet.«
»Zu diesem Zweck würden Ihnen die Televek dabei helfen, Ihre Phaser zu reparieren«, sagte Mila ruhig. »Unter der Voraussetzung, daß eine günstige Übereinkunft in Hinsicht auf die Bergungsrechte getroffen werden kann.«
Paris musterte sie. »Was wissen Sie von unseren Phasern?«
Das freundliche Lächeln wich nicht von Milas Lippen. »Die Televek haben die Angewohnheit, aufmerksam zu beobachten.
Derzeit sind ihre Phaser ohne Energie, so wie auch während des Shuttle-Zwischenfalls. Deshalb werden sie wahrscheinlich repariert, wie viele andere Systeme. Sie brauchen das natürlich nicht zu bestätigen.«
»Aufmerksame Beobachter, ja«, murmelte Neelix.
»Nehmen wir einmal an, Sie haben recht«, sagte Chakotay.
»Warum sollten uns die Televek bei der Wiederherstellung unseres Phaserpotentials helfen?« Gespannt wartete er auf die Antwort.
»Weil sie davon überzeugt sind, daß Ihre Phaser gebraucht werden«, erwiderte Tassay. Das kindliche Schmunzeln
verschwand, und die Aura aufrichtiger Ehrlichkeit verstärkte sich. »Es ist eine rein rationale Situationsbewertung, die nichts mit dem Herzen zu tun hat.«
»Jetzt wird’s interessant«, kommentierte Neelix.
»Wissen Sie, Commander«, fuhr Jonal fort, »die Televek hatten inzwischen Zeit genug, über die allgemeine Problematik der gegenwärtigen Lage nachzudenken, und sie haben einen Plan entwickelt. Das energetische Niveau des
Verteidigungssystems sinkt immer mehr, was bedeutet: Früher oder später dürfte es möglich werden, die Oberfläche des Planeten zu erreichen. Aber selbst wenn wir dann landen können: Die Energiequelle und vermutlich auch das
Kontrollzentrum des Verteidigungssystems befinden sich in einer Höhle, mehr als sieben Kilometer tief in der planetaren Kruste. Und offenbar gibt es keinen Weg, der zu jenem Ort führt.«
»Sicher existieren Tunnel oder ein System aus miteinander verbundenen Kavernen«, spekulierte Paris.
»Und wenn nicht?« hielt ihm Jonal entgegen. »Vielleicht sind die Tunnel längst eingestürzt. Und der Zeitfaktor könnte sehr wichtig sein. Der Planet ist instabil geworden, wie Sie sicher wissen.«
»Sie erwähnten einen Plan«, erinnerte Chakotay den Drosary.
Jonal nickte. »Gantel ging von folgenden Überlegungen aus: Wenn Sie den Televek helfen, die Kapazität ihrer Phaser auf das Niveau Ihres Schiffes anzuheben, so sollte es möglich sein, damit innerhalb kurzer Zeit eine Art Stollen in den Boden zu brennen. Oder Sie könnten Ihre eigenen zu dem gleichen Zweck einsetzen, sobald sie repariert sind. Falls eine solche Reparatur notwendig ist.«
Die drei Drosary lächelten, und Chakotay mußte zugeben, daß ihr Vorschlag durchaus einen Sinn ergab. Es dauerte sicher noch eine Weile, bis der Transporter wieder funktionierte – und außerdem wollte er den Televek nicht mitteilen, daß sie über eine solche Technik verfügten. Bei einer entsprechenden Vereinbarung steckte der Teufel sicher im Detail, aber…
»Ich spreche mit dem Chefingenieur darüber, um festzustellen, ob sich so etwas bewerkstelligen läßt. Nun, wie es der Zufall will, brauchen wir tatsächlich ein Ersatzteil für unsere Phaser, und zwar einen ESP-Flußregulator. Wir können die
Komponente selbst herstellen, aber nur unter einem ziemlich großen Zeitaufwand. Wenn die Televek ein vergleichbares Teil haben…«
»Fürchten Sie nicht, daß Sie zu viele Geheimnisse preisgeben, Commander?« fragte Neelix besorgt. »Der Captain meinte…«
»Es handelt sich um eine Basiskomponente«, sagte Chakotay, und seine Worte galten allen Anwesenden. »Sie läßt kaum Rückschlüsse auf die Funktionsweise unserer Phaser zu.«
»Dann sind Sie also bereit, auf unseren Vorschlag
einzugehen?« fragte Mila hoffnungsvoll.
»Ja.« Chakotay nickte. »Dadurch kämen wir schneller voran.
Der Planet ist tatsächlich sehr instabil, und deshalb bleibt den Überlebenden vermutlich nicht viel Zeit.« Er zögerte. Es bereitete ihm noch immer Unbehagen, in einer taktisch so schwierigen Situation zuzugeben, daß es der Voyager an Feuerkraft mangelte. Aber es schien wirklich keine andere Lösung zu geben.
»Mir gefällt die Idee ebenfalls«, sagte Paris und lächelte wie die Drosary.
»Bestimmt hat die Sache irgendwo einen Haken«, grummelte Neelix. Es klang jetzt eher kleinlaut.
»Wir verbergen nichts, Commander Chakotay«, sagte Tassay.
»Überhaupt nichts.«
»Wann kann die Zusammenarbeit zwischen Ihren Leuten und den Televek beginnen?« fragte Jonal.
»Praktisch sofort.«
»Wundervoll«, freute sich Jonal. »Sie werden feststellen, daß Sie eine sehr vernünftige Entscheidung getroffen haben. Und vielleicht ist dies der erste Schritt zu einer… umfassenderen Zusammenarbeit, die auch den Austausch anderer
Informationen ermöglicht.«
Chakotay erinnerte sich an die Gespräche mit Janeway und Tuvok. Wie dem auch sei: Dies war der einzige Weg, den er beschreiten konnte. Er kannte keine Alternative. »Ich bin nicht imstande, die Zukunft vorherzusagen«, entgegnete er. »Doch ich glaube, eine so begrenzte Übereinkunft läßt sich treffen.«
»Das genügt vorerst«, sagte Tassay voller Enthusiasmus. Ein oder zwei Sekunden lang rechnete Chakotay fast damit, daß sie aufsprang, um ihn zu umarmen.
Jonal erhob sich als erster. »Wir informieren Gantel, wenn Sie gestatten.«
»Natürlich.« Chakotay stand ebenfalls auf und führte die Gruppe in den Kontrollraum der Voyager zurück. Dort stellten sie eine Verbindung zum Televek-Kreuzer her, und Jonal erklärte alles. Der Dritte Direktor gab seine Zustimmung, ohne viele Worte zu verlieren.
»Allerdings könnte sich da ein kleines Problem ergeben«, wandte sich Gantel an Chakotay. »Wenn ich Sie um ein wenig Geduld und auch darum bitten darf, den Kom-Kanal geöffnet zu lassen…«
»Selbstverständlich.« Der Commander stand neben dem
Kommandosessel, und seine Neugier wuchs. Niemand gab einen Ton von sich, und die Sekunden schienen langsamer zu vergehen als sonst. Als er schon ungeduldig zu werden begann, erklang wieder Gantels Stimme aus dem Lautsprecher der externen Kommunikation.
»Es kommt leider zu einer kleinen Verzögerung,
Commander«, sagte der Televek. »Ich sollte Sie darauf hinweisen, daß dieser Kreuzer kein Handelsschiff ist. Derzeit haben wir nichts an Bord, das Ihren Erfordernissen entspricht.
Allerdings sind wir schon bald imstande, Ihre Wünsche zu erfüllen und damit auch unseren eigenen Bedürfnissen gerecht zu werden. Ich gebe Ihnen mein Wort als Dritter Direktor. Die Einzelheiten erklären ich Ihnen später. Bitte übermitteln Sie uns unterdessen die Spezifikationen des ESP-Flußregulators. Wir schicken Ihnen dafür alle bisher über Drenar Vier gesammelten Daten. Anschließend sehen wir weiter.«
›»Bald‹?« wiederholte Chakotay skeptisch. »Wie bald?«
» Sehr bald.«
»Na schön.«
»Gut!« rief Tassay glücklich und berührte den Commander am Arm.
»Möchten Sie etwas zu essen oder zu trinken?« Paris sah bei diesen Worten Mila an, hob dann den Kopf und blickte auch zu den anderen. »Ich meine, diese Sache könnte eine Weile dauern.«
»Ja, das wäre wundervoll«, freute sich Tassay.
»Vorausgesetzt natürlich, Sie haben nichts dagegen«, sagte Jonal. Er trat zu Chakotay und fragte leise: »Könnte uns Ihr Captain vielleicht Gesellschaft leisten?«
»Ich bringe Sie zum Speiseraum«, sagte der Erste Offizier.
»Allerdings bezweifle ich, ob Captain Janeway Zeit für uns findet. Sie ist noch immer sehr beschäftigt.«
Jonal wirkte ein wenig enttäuscht. »Ich verstehe.«
Als sie die Brücke verließen, forderte Chakotay die
Sicherheitswächter mit einem Wink auf, ihnen zu folgen.
B’Elanna Torres eilte in Richtung Kombüse durch den
Korridor. Seit vielen Stunden hatte sie nichts mehr gegessen, und das machte sich inzwischen bemerkbar. Sie brauchte etwas, um das Gefühl des Hungers zu lindern, die unangenehme Leere aus dem Bauch zu vertreiben. Die Reparaturen kamen gut voran, und alle gaben sich große Mühe. Trotzdem widerstrebte es B’Elanna, sich eine Pause zu gönnen. Sie wollte sich nur schnell einen Bissen genehmigen, um dann wieder in den Maschinenraum zurückzukehren.
Sie dachte dabei an einen Teller Haferbrei und ein Brötchen.
Schon seit einer ganzen Weile gab sie der menschlichen Hälfte ihres Selbst den Vorrang, und auch aus diesem Grund waren ihr terranische Speisen lieber als klingonische. Die meisten von der Erde stammenden Gerichte lagen ihr weniger schwer im Magen als die im Imperium gebräuchlichen Spezialitäten. Außerdem konnte man sie in vielen Fällen wesentlich schneller zubereiten
– ein Vorteil gerade unter den gegenwärtigen Umständen.
Vor ihr glitt das Schott der Kombüse beiseite, und B’Elanna trat sofort ein.
»Bitte setzen Sie sich zu uns, Torres«, sagte Commander Chakotay und deutete auf den langen, glänzenden Tisch, an dem er zusammen mit Lieutenant Paris, Neelix, Kes und den drei Drosary Platz genommen hatte.
Sie bildeten bereits eine recht große Gruppe – die nicht unbedingt noch größer werden mußte, fand B’Elanna. Sie wollte keine wertvolle Zeit verlieren, indem sie mit Leuten sprach, die
– vermutlich aus gutem Grund – gar kein Interesse an Gesprächen mit ihr hatten.
So sehr sie auch versuchte, die Angelegenheit aus einem rationalen Blickwinkel zu betrachten und das Emotionale auszuklammern: Es gelang ihr nicht, die Antipathie in bezug auf die Gesandten zu überwinden. Und allem Anschein nach handelte es sich dabei um etwas, das auf Gegenseitigkeit beruhte.
»Ich habe ziemlich viel zu tun und nur einige Minuten Zeit«, sagte sie.
»Na schön, dann eben nur für einige Minuten«, erwiderte Chakotay. Die anderen nickten. »Ich bestehe darauf.«
Es war kein Befehl. Der Commander wollte nur liebenswürdig sein, aus welchem Grund auch immer. Und es widerstrebte B’Elanna, seine Einladung abzulehnen. Nun, sie konnte die Gelegenheit nutzen und mit Kes reden, sie fragen, wie es ihr ging.
»Bitte, wir würden uns sehr über Ihre Gesellschaft freuen«, sagte Jonal. Er winkte ebenso wie zuvor Chakotay, ahmte die Geste fast perfekt nach. B’Elanna stellte einen erstaunlichen Stimmungswandel fest, der nicht nur die Einstellung der Drosary ihr gegenüber betraf, sondern auch Neelix. Offenbar hatte der Talaxianer sein Mißtrauen über Bord geworden, soweit es die Mittler betraf.
Die Chefingenieurin hielt es trotzdem für besser, auf der Hut zu sein. Vorsicht war sowohl bei Menschen als auch bei Klingonen eine Eigenschaft, die dem Überleben diente.
»Zuerst hole ich mir was zu essen«, sagte sie, trat in die Küche, hob dort die Deckel von Töpfen und hielt nach einem geeigneten Frühstück Ausschau, obwohl sie gar nicht wußte, wie früh oder spät es war. Schließlich füllte sie sich einen Napf mit etwas, das zum größten Teil aus Cerealien zu bestehen schien, wenn auch nicht aus Haferflocken. B’Elanna probierte einen Löffel davon, als sie zum Tisch ging. Der Brei erwies sich als recht schmackhaft, und sie erinnerte sich daran, woher die Grundstoffe stammten: von einem Planeten, den sie vor wenigen Wochen besucht hatten und der große Ähnlichkeit mit Drenar Vier aufwies. Man muß nur Zucker hinzufügen, dachte Torres. Jede Menge Zucker.
»Was ist mit dem Arm?« fragte sie die Ocampa, als sie sich setzte.
»Ich spüre fast überhaupt nichts mehr von dem Bruch«, antwortete Kes. »In unserer Krankenstation wird ausgezeichnete Arbeit geleistet.«
»Das habe ich gehört, ja.« B’Elanna begann damit, sich gelben Brei in den Mund zu schaufeln.
»Ohne Kes kommt der Doktor kaum zurecht«, sagte Neelix stolz. »Aber er muß noch eine Zeitlang auf sie verzichten.«
»Ihre Sorge umeinander ist sehr rührend«, bemerkte Jonal.
»Sie bleibt nicht einmal auf Angehörige der gleichen Spezies beschränkt.«
»Wir haben viel gemeinsam«, entgegnete Chakotay. B’Elanna sah auf. »Wer hat viel gemeinsam?«
»Tassay und ich. Die Drosary und der Maquis. Unser Teil der Galaxis und dieser.« Chakotay lächelte, und in seinem Gesicht leuchtete eine Begeisterung, die B’Elanna geradezu verblüffte.
»Die Drosary haben sich immer ein friedliches Leben
gewünscht«, fuhr der Commander fort. »Sie wanderten lieber aus und gründeten Kolonien, anstatt für Regierungen in Kriege zu ziehen, die ihnen falsch und sinnlos erschienen. Doch das alles ist Vergangenheit.«
»Wir gründeten unsere eigene Kolonie, um die Zerstörung unserer Kultur zu verhindern«, erklärte Tassay. »Damit meine ich eine Kultur, die viel weiter zurückreicht als die meiner gegenwärtigen Heimatwelt. Doch jene alten Traditionen und Bräuche sind inzwischen verloren, für immer.«
Chakotay lehnte sich zurück und richtete einen mitfühlenden Blick auf Tassay. »Vielleicht haben wir noch mehr gemeinsam, als ich bisher dachte.«
»Ich kam aus anderen Gründen zu der Kolonie, wo uns die Televek fanden«, sagte Mila. Ihre Worte galten allen Anwesenden, doch sie sah immer wieder zu Paris. »Dafür gab es einen… persönlichen Anlaß.«
»Bitte erzählen Sie mir davon«, erwiderte Paris. B’Elanna hatte ihn noch nie so voller Anteilnahme gesehen.
Einige Sekunden lang wirkte Mila sehr ernst und
nachdenklich. »Na schön«, seufzte sie dann. »Während eines Routineflugs zu einem der beiden Monde meiner Heimatwelt kam es an Bord eines kommerziellen Raumtransporters zu Problemen. Das Schiff ging fast verloren, und viele Personen starben. Ich war die Pilotin. Die Ursache des Unglücks: Einige Bordsysteme fielen aus. Mich traf keine Schuld, aber das konnte ich der Untersuchungskommission nicht beweisen. Ich wurde unehrenhaft entlassen, und der Schandfleck angeblicher Schuld folgte mir überallhin – bis die zeitliche und räumliche Entfernung schließlich groß genug wurde.«
»Ich… verstehe.« Paris griff nach Milas Hand und sah ihr tief in die Augen. »Vielleicht zu gut.«
Ihre Gemeinsamkeiten könnten noch größer sein als die von Chakotay und Tassay, dachte B’Elanna und nickte stumm, als Paris und Mila zu ihr sahen. Fast sofort wandten sie sich wieder einander zu und schienen alles um sich herum zu vergessen.
Torres’ Blick glitt zu Chakotay, der Tassay ziemlich große Aufmerksamkeit schenkte.
Hier könnte einem speiübel werden, dachte die Chefingenieurin und stellte fest, daß ihr Appetit nicht mehr annähernd so groß war wie noch vor einigen Sekunden.
»Sind Sie verärgert?« fragte Jonal sanft und unterbrach B’Elannas Überlegungen.
Sie ärgerte sich tatsächlich, wollte das aber nicht zugeben.
»Wie kommen Sie darauf?«
»Ich spüre es. Und ich finde es seltsam, denn der Ärger paßt überhaupt nicht zu Ihnen.«
So etwas hörte sie jetzt zum erstenmal. »Wie meinen Sie das?«
»Zweifellos tragen Sie große Verantwortung, und ich bin sicher, daß Sie damit fertig werden. Sie machen auf mich einen sehr… tüchtigen und kompetenten Eindruck.« Jonals Lächeln erschien B’Elanna sehr offen und ehrlich. Sie erwiderte es nicht, weil in ihrem Fall ohnehin nur eine Grimasse daraus geworden wäre. Brachten seine Worte Mitgefühl zum Ausdruck, oder versuchte er nur, diplomatisch zu sein? Was auch immer der Fall sein mochte – derzeit war sie nicht in der richtigen Stimmung.
Sie zuckte mit den Achseln. »Manchmal kann es eine große Belastung sein. Damit muß man sich abfinden.«
»Sie unterscheiden sich von den anderen.«
»Ich bin nur zur Hälfte Mensch«, sagte B’Elanna und warf Jonal einen herausfordernden Blick zu. »Wenn Ihnen das recht ist.«
»Oh, ich verstehe Ihre Reaktion und darf Ihnen versichern, daß ich keine Vorurteile irgendeiner Art habe. Was auch bei diesen Leuten hier der Fall sein dürfte. Ich bewundere Ihre Föderation.
Wissen Sie, auf meiner Heimatwelt bin ich ebenfalls ein…
Halbblut beziehungsweise Mischling. Das gilt auch für Mila und Tassay. Leider hat sich die Mehrheit der Gesellschaft noch nicht über jene Ignoranz und Dummheit erhoben, die so oft Probleme schafft.«
»Das… das wußte ich nicht.« Die sanften Worte des Drosary erstaunten B’Elanna sehr. »Nun, ich glaube, für mich ist die Sache noch ein wenig komplizierter.« Sie dachte daran, wie oft sie von irgendwelchen Leuten gehört hatte, ihnen sei klar, was der besondere Status von B’Elanna Torres bedeutete, wie sie sich fühlte. In den meisten Fällen dummes Geschwätz, dachte Torres. »Oder vielleicht auch nicht«, sagte sie laut und lauschte verblüfft dem Klang dieser Worte. »Ich bin mir plötzlich nicht mehr sicher.«
»B’Elanna hat sowohl Erfolge als auch Rückschläge erlebt«, meinte Chakotay.
»Davon würden wir alle gern mehr hören«, erwiderte Jonal.
Mila und Tassay pflichteten ihm sofort bei. Mila hielt inzwischen Paris’ Hand, und Tassay bewunderte die
Tätowierung über Chakotays linkem Auge.
»Es ist wirklich schön, daß es Leute gibt, die am Schicksal anderer Personen so großen Anteil nehmen wie Sie«, sagte Kes und lächelte froh. »Wir können soviel voneinander lernen. Ich freue mich schon darauf, mehr zu erfahren.«
»Angesichts der Gemeinsamkeiten fällt es leichter, die Unterschiede zu verstehen«, sagte Neelix, der praktisch jede Chance nutzte, Kes zuzustimmen. Der Talaxianer und die Ocampa hatten sich bisher damit zufriedengegeben, den Gesprächen einfach nur zuzuhören. B’Elanna wußte nicht genau, ob ihr die Veränderung gefiel.
»Manchmal gibt es bei anderen Personen Dinge, die man nie verstehen kann«, wandte sie sich an Kes und sah dann Jonal an.
»Ich schätze, da haben Sie recht«, erwiderte die Ocampa.
»Aber durch die Arbeit in der Krankenstation wurde mir klar, wie kostbar das Leben ist und wie leicht es verloren gehen kann.
Es freut mich, Leuten zu begegnen, die diese Erkenntnis teilen.«
»Ist sie nicht wundervoll?« entfuhr es Neelix entzückt. Er lächelte und küßte Kes auf die Wange. Sein Glück schien am Tisch die Runde zu machen – um dicht vor B’Elanna Torres zu verharren.
Irgend etwas an den Drosary beunruhigte sie nach wie vor und ließ eine Beklommenheit in ihr entstehen, die sie einfach nicht verdrängen oder überwinden konnte. Das seltsame Empfinden bezog sich vor allem auf Jonal, obwohl ihr die Stimme der Vernunft mitteilte, daß mit ihm alles in Ordnung war. Es ging gewiß nichts Unheilvolles von ihm aus…
Vermutlich lag es an ihrer immer mißtrauischen und
argwöhnischen klingonischen Hälfte. Vielleicht war sie nicht etwa scharfsinnig, sondern von Natur aus voreingenommen.
Sie leerte den Napf, stand auf und sah zu den anderen. In gewisser Weise wurde es immer schwieriger, die Besucher nicht zu mögen, während sich die Gründe dafür deutlicher
herauskristallisierten. Wenn ich den Flußregulator bekomme, ohne daß die Sache einen Haken hat… dachte sie. Nun, in dem Fall konnte sich vielleicht noch das eine oder andere entwickeln.
Jonal wandte sich ihr zu. B’Elanna sah ihm in die Augen und versuchte zu lächeln, doch tief in ihr verkrampfte sich etwas, und plötzlich schmeckte sie Galle.
»Ich… ich muß gehen«, stieß sie hervor, schluckte und verließ den Speiseraum hastig.
Kapitel 6
Janeway stand am Rand eines sorgfältig bebauten Feldes und blickte auf niedrige, orangefarbene Gewächse hinab, deren runde Früchte gewisse Ähnlichkeit mit jungen Tomaten aufwiesen. Etwa dreißig Meter weiter rechts wuchsen in jeder zweiten Reihe buschigere Pflanzen. Das hiesige Äquivalent von Kürbissen, dachte die Kommandantin. Allerdings durfte die Crew der Voyager kaum hoffen, hier Proben zu nehmen: Alles verdarb und ging ein.
Schwarzbraunes Pulver bedeckte den Boden, bildete überall eine mehrere Zentimeter dicke Schicht. Durch Regennässe war ein Teil davon zu einer harten Kruste geworden, doch die Schichten darüber wiesen Janeway darauf hin, daß es hier schon seit einer ganzen Weile nicht mehr geregnet hatte. Jemand schien versucht zu haben, die Pflanzen von der erstickenden Masse zu befreien, denn zwischen den Reihen bildete sie höhere Ansammlungen, doch jene Bemühungen schienen langfristig zum Scheitern verurteilt zu sein.
Kim nahm eine kleine Frucht, wischte sie ab und steckte sie in den Probenbeutel, der an seinem Gürtel baumelte. Anschließend gab er der betreffenden Pflanze einen Stoß. Asche und Ruß rieselten von Blättern und Stengeln, doch an einigen Stellen hafteten dunkle Fladen fest.
»Eindeutig vulkanische Asche«, sagte Janeway. Das Display ihres Tricorders zeigte die chemische Zusammensetzung.
Kim hob das eigene Ortungs- und Analysegerät, setzte die Sondierungen fort. »Der größte Teil davon ist erst vor kurzer Zeit niedergegangen. Eigentlich überrascht es mich, daß es hier nicht noch mehr davon gibt. Wenn man an die vulkanische Aktivität in den Bergen denkt…«
Er deutete nach Süden. Ein beeindruckendes Gebirge zeigte sich dort, noch höher als das im Osten. Zwei große, dunkle Rauchsäulen wuchsen dem Firmament entgegen und bildeten weit oben jene dunklen Wolken, durch die das Shuttle geflogen war.
Janeway justierte ihren Tricorder, schaltete vom geologischen Scan aufs elektromagnetische Spektrum um. Sie wies Kim an, bei seinen Sondierungen nach bioelektrischen und organischen Signaturen in der Umgebung der großen Ansiedlung im Osten Ausschau zu halten.
Der Fähnrich erzielte sofort konkrete Ergebnisse.
»Ich registriere multiple humanoide Lebensformen. Und sie sind in Bewegung, nähern sich uns. Vermutlich kommen sie von der Siedlung, Captain.«
Die gleiche Gruppe hatten sie schon einmal gescannt. Die Entfernung war noch zu groß, um Einzelheiten festzustellen, doch sie gingen von der Vermutung aus, daß die Einheimischen das abgestürzte Shuttle erreichen wollten. Diese Annahme schien richtig zu sein.
»Entfernung?«
»Knapp zwei Kilometer.«
»Ich schätze, das ist nicht die einzige Gesellschaft, die wir hier haben.« Janeway drehte den Tricorder, um eine genauere Anpeilung vorzunehmen. »Na bitte. EM-Scan.«
Kim schaltete sein Gerät um, blickte aufs Display und nickte.
»Diese Signale können auf keinen Fall natürlichen Ursprungs sein. Und sie kommen von jener Stelle, an der wir hohe Metallkonzentrationen geortet haben.«
»In der Tat.« Janeway runzelte die Stirn.
»Das Etwas ist nur etwa tausend Meter vom Rand des Ortes entfernt, in Richtung Berge.«
»Für wie groß halten Sie die Wahrscheinlichkeit, daß es sich dabei um das zweite Televek-Schiff handelt?«
»Für sehr groß, Captain.«
Sie blickten über das weite Feld hinweg zum Wald. Ein Teppich aus hohen, spindeldürren Bäumen, die sich im sanften Wind hin und her neigten, bedeckte das höhere Gelände, so weit der Blick reichte. Krumme silberne Linien kennzeichneten den Verlauf von Bächen und Flüssen, die irgendwo bei den fernen Gipfeln entsprangen. Auf dem Hauptkontinent von Drenar Vier herrschte derzeit Hochsommer, und Janeway fühlte sich beeindruckt: Diese Welt war wunderschön, wenn man die vulkanische Asche vergaß – und auch den Umstand, daß die heftigen Beben den Planeten allmählich auseinander rissen.
»Wir sollten diese Gegend besser verlassen, Captain«, rief Kim. Erneut rejustierte er seinen Tricorder und wiederholte eine der früheren Sondierungen. »Die Einheimischen marschieren ziemlich schnell. In einigen Minuten erreichen sie die andere Seite dieser Felder.«
»Und anschließend finden sie zweifellos das Shuttle. Wir müssen auch weiterhin annehmen, daß sie danach suchen. Und wenn sie es entdecken… Dann möchte ich nicht in der Raumfähre sein, sondern lieber draußen und alles beobachten.
Wir sollten Tuvok Bescheid geben und uns mit ihm
zurückziehen.«
»Und dann?«
Es war eine ganz einfache Frage, aber Janeway wußte keine Antwort. Sie klopfte dem jungen Fähnrich kurz auf die Schulter.
»Keine Sorge, Mr. Kim. Was auch immer passiert – ich schätze, wir kommen nicht so schnell zur Ruhe.«
Sie drehten sich um und kehrten in die Richtung zurück, aus der sie gekommen waren. Das Shuttle stand hinter einer Anhöhe, am Rand eines weiten Felds, auf dem nur Gras wuchs.
Die Wiese – eine von vielen in diesem Gebiet – wurde von bewaldeten Hügeln gesäumt. Vielleicht hatten die
Einheimischen dieses Land absichtlich brachliegen lassen.
Janeway war ziemlich sicher, daß es hinter dem niedrigen Felsvorsprung auf der anderen Seite des Shuttles einen Bach gab. Wenn sie hier überleben wollten, brauchten sie auch Wasser. Hoffentlich finden wir dort keine Schlammbrühe, dachte sie.
»Wie kommen Sie voran?« fragte sie, als sie durch die Einstiegsluke der Raumfähre geklettert waren. Tuvok lag auf dem Rücken und untersuchte die Schaltkreise unter der Navigationskonsole.
»Gleich läßt sich eine minimale Energieversorgung der primären Systeme wiederherstellen. Damit meine ich sowohl den weitgehend unbeschädigt gebliebenen Computer als auch die ebenfalls einsatzfähigen Sensoren.« Tuvok schob sich unter der Konsole vor, stand auf und trat zu einer Schalttafel. »Wenn Sie mir bitte helfen würden, Mr. Kim…«
Der junge Fähnrich nickte, trat an die Seite des Vulkaniers, nahm eine Sonde von ihm entgegen und hielt sie bereit.
Offenbar hatte Tuvok neue Schaltwege vorbereitet, und Kim verwendete die Sonde, um alle notwendige Verbindungen zu schaffen.
Tuvok richtete sich abrupt auf und klopfte an die
Hauptkonsole.
»Sieht alles ganz gut aus«, meinte Kim.
»Sind Sie soweit?« fragte Janeway.
Kim zog die Sonde zurück. Der Vulkanier berührte einige Schaltelemente, und daraufhin leuchteten Displays auf.
»Gute Arbeit, Mr. Tuvok«, sagte die Kommandantin.
»Ich fürchte, es ist nur ein Anfang, mehr nicht«, erwiderte Tuvok. »Die übrigen Reparaturen nehmen sicher wesentlich mehr Zeit in Anspruch.«
»Die Sensoren genügen vorerst. Bitte scannen Sie diese Koordinaten.« Janeway hob den Tricorder, damit der Vulkanier einen Blick auf die Anzeigefläche werfen konnte. Er nickte, schritt zu den Sensorkontrollen und begann mit einer raschen Programmierung.
»Wir glauben, daß es sich um ein Raumschiff handeln könnte, so wie Sie bereits vermuteten«, sagte Kim.
»Mehr ließ sich mit unseren Geräten allerdings nicht feststellen«, fügte Janeway hinzu. »Wrackteile könnten zu ähnlichen Ortungsdaten führen. Das galt auch für die elektromagnetischen Emissionen – falls jemand vergessen hat, das Licht auszuschalten.«
»Ihre erste Vermutung wird bestätigt, Captain«, sagte Tuvok nach einigen Sekunden. »Die Sensoren registrieren ein Televek-Schiff wie das im Orbit. Es gibt keine Anzeichen für Beschädigungen irgendeiner Art, und das energetische Niveau entspricht im großen und ganzen dem des Kreuzers in der Umlaufbahn. Darüber hinaus findet in der Nähe des Schiffes erhebliche Aktivität statt.«
Janeway seufzte. »Ich wußte, daß die Televek auf irgend etwas aus sind. Ich würde nur gern wissen, auf was. «
»Ich schätze, die Antwort auf diese Frage wird uns nicht gefallen«, sagte Kim.
»Captain…« Tuvok sah auf. »Das Schiff befindet sich fast genau über der subplanetaren Energiequelle, die wir von der Voyager aus orteten.«
»Interessant«, murmelte Janeway.
»Vielleicht ist es eine Installation der Televek«, spekulierte Kim.
»Möglich, aber sehr unwahrscheinlich«, entgegnete Tuvok.
»Wieso?« fragte Janeway.
»Mehr als sieben Kilometer Erde und Felsgestein trennen den Kreuzer von der Energiequelle, und ich stelle keine direkte Verbindung fest, weder durch Stollen noch durch Kom-Signale.
Darüber hinaus zeichnet sich die Energiequelle durch eine sehr komplexe energetische Signatur aus, die unter anderem geringfügige Tetryonenemissionen aufweist. Das Televek-Schiff hingegen verwendet einen traditionellen Materie-Antimaterie-Reaktor.«
»Die beiden Signaturen unterscheiden sich also erheblich voneinander«, sagte Janeway und dachte nach. Tetryonen waren sehr selten. Der Beschützer hatte ähnliche Emissionen verursacht und selbst darauf hingewiesen, nicht aus dieser Galaxis zu stammen. Was die Televek betraf: Sie waren gewiß nicht extragalaktischen Ursprungs. »Gibt es Veränderungen bei den Ortungsdaten in Hinsicht auf die unterirdische
Energiequelle?« Sie gesellte sich an Tuvoks Seite und warf selbst einen Blick auf die angezeigten Werte.
Der Vulkanier aktivierte ein zusätzliches Display, um die Ortungsergebnisse miteinander zu vergleichen. Auf der einen Seite waren die von den Sensoren der Voyager ermittelten Daten zu sehen, auf der anderen das Resultat des jüngsten Scans. »Das durchschnittliche energetische Niveau der Energiequelle verringert sich nach wie vor. Immer wieder fällt es ganz plötzlich ab, um dann langsam anzusteigen. Für diesen Vorgang gibt es keinen erkennbaren Grund.«
»Vielleicht zapfen die Televek irgendwie Energie ab.«
Diesmal übernahm Janeway das Spekulieren selbst. »Und möglicherweise leiten Sie die abgezapfte Energie nicht direkt in ihr Schiff, sondern in eine Art… Akkumulator. Führen Sie noch einen Scan durch und halten Sie dabei nach einer solchen Vorrichtung Ausschau.«
»Ich glaube nicht, daß die Televek zu so etwas imstande sind«, sagte Tuvok, als er mit einer neuerlichen Sondierung begann.
Nach einigen Sekunden sah er auf. »Die Sensoren entdecken keine Einrichtungen mit den Funktionen eines Akkumulators, aber ich werde diese Möglichkeit auch weiterhin untersuchen.«
»In Ordnung, Tuvok.« Janeway nickte. »Ich glaube, Sie haben recht in bezug auf das technische Potential der Televek. Nun, es gibt viele denkbare Erklärungen für die Energiequelle. Leider sind sie alle theoretischer – beziehungsweise hypothetischer –
Natur.« Sie lächelte, um die Stimmung ein wenig zu verbessern.
Nur Kim erwiderte das Lächeln.
»Wir müssen jetzt gehen«, fügte die Kommandantin seufzend hinzu. »Eine Gruppe von Drenarianern ist hierher unterwegs.
Wir glauben zumindest, daß es Einheimische sind. Schalten Sie alles aus und sorgen Sie dafür, daß keine Unbefugten ins Shuttle gelangen können. Ich glaube nicht, daß die Drenarianer noch viel größere externe Schäden verursachen können. Mit etwas Glück schnüffeln sie hier nur ein wenig herum und
verschwinden dann wieder. Wenn sie fort sind, kehren wir zurück und versuchen, das Kommunikationssystem in Ordnung zu bringen.«
»Einverstanden.« Tuvok traf bereits die notwendigen
Vorbereitungen.
Kurz darauf verriegelten sie die Einstiegsluke, kletterten dann den Steilhang empor und versteckten sich zwischen den Bäumen und Sträuchern am oberen Rand. Die Anhöhe östlich des Shuttles war gerade hoch genug, um ihnen den Blick auf die Felder jenseits davon zu verwehren, doch es dauerte nicht lange, bis Janeway dünne Wolken aus grauem Staub bemerkte. Die näher kommenden Drenarianer wirbelten vulkanische Asche auf und verrieten dadurch ihre Position. Janeway merkte sich das.
Schon wenige Sekunden später gerieten zwei Dutzend oder mehr Humanoiden in Sicht. Die Entfernung war noch immer recht groß, aber auf Janeway wirkten die Einheimischen größer und stämmiger als die meisten Menschen. Als sie den sanft geneigten Hang des Hügels herabkamen und sich vorsichtig dem Shuttle näherten, stellte die Kommandantin fest, daß sie sehr primitiv aussahen. Langes, dunkles Haar und dichte Barte ließen kaum etwas von den Gesichtern der Männer erkennen.
Die Frauen unterschieden sich kaum von ihnen, sah man einmal davon ab, daß ihnen Barte fehlten; dafür war das Haar noch länger. Sie trugen schlichte Kleidung aus Stoffen, die per Hand gewebt zu sein schienen. Schuhe, Taschen und Rucksäcke bestanden aus Tierhäuten und Leder.
Am Ende der Gruppe rollten drei kleine, recht stabil anmutende Holzkarren, jeweils ausgestattet mit zwei Rädern und gezogen von ochsenartigen Geschöpfen. Die Tiere
verharrten, als sie ebenes Gelände erreichten, fraßen in aller Seelenruhe von den Grasbüscheln. Mehrere Personen, offenbar Anführer der Karawane, schwärmten aus und näherten sich geduckt dem Shuttle. Sie waren bewaffnet, wie Janeway jetzt sah. Die meisten von ihnen hielten lange, dicke Messer in den Händen – die Klingen erinnerten an alte römische
Kurzschwerter –, doch einige verfügten über recht gefährlich wirkende Armbrüste.
Janeway fragte sich, ob die Drenarianer manche Werkzeuge und Waffen erhalten hatten. Immerhin gab es einen auffallenden Kontrast zwischen der primitiven Physiologie und der wesentlich moderneren Ausstattung. Vielleicht waren die Televek schon seit einer ganzen Weile hier.
Die Einheimischen bildeten einen weiten Kreis um das Shuttle und rührten sich dann nicht mehr. Sie schienen auf irgend etwas zu warten, vielleicht auf ein Zeichen. Alles wartete. Selbst der Wind legte sich, schien den Atem anzuhalten.
»Ihr Verhalten deutet nicht etwa auf Feindseligkeit hin, sondern vor allem auf Neugier«, kommentierte Tuvok.
»Ja, das glaube ich auch«, stimmte ihm Janeway zu.
»Vielleicht ist das eine Art Angriffsformation, aber es sieht mir nicht nach einer gut vorbereiteten Streitmacht aus. Andernfalls wären bei der letzten Aktion dieser Art nicht so viele gestorben.«
»Bei der letzten Aktion dieser Art?« wiederholte Kim verwirrt.
»Wir haben keine Toten gefunden«, sagte Tuvok und behielt die Drenarianer im Auge. »Was meinen Sie?«
»Ich habe diese Leute schon einmal gesehen, in… in einem Traum. Beziehungsweise in einer Vision, die sich auch Chakotay offenbarte. Ich glaube, die Televek sind für das Massaker verantwortlich. Oder werden es sein. Ich weiß nicht, ob jene Ereignisse bereits stattgefunden haben oder erst noch stattfinden werden.«
Die geduckten Drenarianer schoben sich näher ans Shuttle heran – der von ihnen gebildete Kreis wurde allmählich enger.
»Aber Sie vermuten, daß sich die… Vision auf etwas bezieht, das bereits passiert ist?« fragte Tuvok.
»Das ist durchaus möglich. Ich weiß es einfach nicht.«
»Nun, wenn das stimmt, wundert es mich, daß sich die Einheimischen so nahe ans Shuttle heranwagen«, sagte der Vulkanier.
»Mich auch«, entgegnete Janeway. »Entweder sind sie sehr tapfer – oder aber ausgesprochen dumm.«
Einer der Männer erreichte das Shuttle, hob sein Messer und klopfte behutsam an den Rumpf der Raumfähre, dicht hinter dem Warpmodul auf der Backbordseite. Als nichts geschah, klopfte er erneut, diesmal mit etwas mehr Nachdruck. Das Ergebnis war ein weithin hallendes metallenes Pochen.
Verblüfft wich der Mann zurück, und seine Artgenossen reagierten ähnlich. Doch schon nach kurzer Zeit überwanden sie ihre Unsicherheit und näherten sich erneut. Ein anderer Mann drückte die Spitze seines Messers in den schmalen Spalt am Rand der rückwärtigen Luke.
»Sie verlieren keine Zeit, nicht wahr?« meinte Kim.
»Erstaunlich«, bemerkte Tuvok.
»Sie scheinen recht intelligent zu sein«, sagte Janeway. »Ich bezweifle, ob sie ins Innere des Shuttles gelangen könnten. Aber sie wären imstande, mehr äußere Schäden zu verursachen, als ich bis eben angenommen habe.«
»Aber wenn sie es doch schaffen, die Luke zu öffnen…«, wandte Kim ein.
Janeway wollte etwas erwidern, doch dann hörte sie das Beben. Es war zunächst nur ein dumpfes Grollen in der Ferne, aber das Geräusch wurde rasch lauter, kam aus mehreren Richtungen gleichzeitig. Der Boden unter ihren Füßen zitterte.
Das Grollen und die Erschütterungen schienen sich gegenseitig zu verstärken, während sich das Erdbeben in der Kruste des Planeten ausbreitete, den Steilhang erreichte und die drei Starfleet-Offiziere von den Beinen riß.
»Haltet euch an irgend etwas fest!« rief Janeway und schlang die Beine um den glatten Stamm eines jungen Baums. Sie klammerte sich daran, als das Grollen zu einem schier ohrenbetäubenden Donnern anschwoll. Hundert Meter nördlich des Shuttles wölbte sich plötzlich der Boden, als das Grundgestein nach oben gepreßt wurde. Ein angrenzender Streifen Land schien einfach zu verschwinden.
Ein Riß entstand, und Janeway beobachtete, wie er sich nach Norden ausdehnte, dem Horizont entgegenraste. Wenn er eine andere Richtung eingeschlagen hätte… Sie schauderte bei der Vorstellung, daß die Raumfähre vom Planeten verschlungen wurde.
Die Drenarianer eilten hin und her, drängten sich im hohen Gras zusammen und hielten nach Gefahren Ausschau. Sie wirkten völlig hilflos, und zweifellos hatten sie große Angst.
Wie sollten sie verstehen, was mit ihrer Welt geschah? Selbst wir wissen es nicht genau, dachte Janeway. Und uns stehen –
beziehungsweise standen – die Ressourcen der Voyager zur Verfügung.
Von einem Augenblick zum anderen geriet der Boden unter ihr in Bewegung. Weiter hinten knackte es laut, und es klang nach berstendem Holz. Unmittelbar darauf wuchs der Stamm nach oben, an dem sich Janeway festhielt.
»Wir müssen freies Gelände erreichen!« rief sie und deutete zu den Drenarianern. Ihnen blieb keine andere Wahl. Als sie aufzustehen versuchte, gab plötzlich der Rand des Steilhangs nach. Kim und Tuvok verloren den Halt und fielen nach vorn, in Richtung der Wiese weiter unten.
Janeway griff nach hinten und wollte sich am nächsten Baum festhalten, als sich der Boden unter ihren Füßen einfach zu verflüchtigen schien. Doch ihre Hände berührten nur leere Luft.
Sie stürzte, rutschte in einem Durcheinander aus Erde, Wurzeln und Steinen über den Hang. Schmerz entflammte in ihrer rechten Seite, und der linke Fuß verhakte sich irgendwo. Ihr Kopf stieß an ein großes, hartes Objekt, und sofort wogte die Finsternis der Bewußtlosigkeit heran.
Captain Janeway hatte einen Traum und glaubte, daß es nicht ihr eigener war. Der beißende Geruch von heißem Schwefel und geschmolzenem Metall brannte ihr in Nase und Lungen. Überall wogten Rauchschwaden und trieben ihr Tränen in die Augen.
Janeway blinzelte mehrmals und stellte fest, daß sie sich an einem hohen Ort befand, auf einem Plateau, nur einige Dutzend Meter von einem tiefen Abgrund entfernt. Weit unten erstreckte sich ein glühender Lavasee und reichte bis in gespenstische Ferne. Das rötliche Schimmern der Lava glitt durch Rauch und Dampf, tastete über die hohen, gewölbten Wände der Höhle.
Mehr Licht erstrahlte hinter ihr, helles Licht, das die Konturen der Umgebung kraß hervorhob. Sie drehte den Kopf und mußte die Hand heben, um die Augen vor dem unnatürlichen Glanz abzuschirmen.
Nach etwa zweihundert Metern endete das Plateau an einer Höhlenwand. Dort strahlte kaltes weißes Licht aus Projektoren im Fels und fiel auf eine gewaltige Maschine – eine solche Installation hatte Janeway noch nie zuvor gesehen.
Sie bestand aus Tausenden von glühenden oder dunklen Rohren, die in gewölbten Bänken aus glattem Metall steckten.
Die Komponenten erinnerten Janeway an eine Mischung aus Wärmekollektoren und Generatoren, doch die hiesigen
Maßstäbe übertrafen alles Vertraute. Einige Rohre ragten vom Plateau aus nach oben und verloren sich irgendwo unter der dunklen Decke. Andere neigten sich der Höhlenwand entgegen und verschwanden darin. Der riesige Apparat wies viele kleine Schalttafeln auf, die wellenartige Muster bildeten.
Janeway versuchte, sich der Maschine zu nähern, doch die Füße verweigerten ihr den Gehorsam.
Ich bin gefangen, dachte sie, keuchte und fragte sich, wie lange sie angesichts der giftigen Rauchschwaden überleben konnte. Was ist dies für ein Traum? Und wenn es gar kein Traum war? In dem Fall mußte die Möglichkeit des Todes in Betracht gezogen werden. Janeway konnte sich nicht daran erinnern, jemals in solchen Details geträumt zu haben: das rote Glühen der Lava; die Tränen, die ihr der Rauch noch immer aus den Augen trieb; das Keuchen und Husten… Kein Traum war so real.
Sie schloß die Augen und rieb sie, um das Brennen aus ihnen zu vertreiben. Als sie die Lider wieder hob, bemerkte sie jenseits ihrer Schulter eine Bewegung: Etwas huschte am Rand des Plateaus entlang. Sie drehte den Kopf und sah genauer hin, doch ihren Blicken zeigte sich nur eine vage Gestalt, kaum mehr als ein Schemen – mehr ließ sich aufgrund des seltsamen Lichts und der dichten Qualmwolken nicht erkennen. Dennoch fühlte sie sich an die Erscheinung an Bord der Voyager erinnert. Einer von Chakotays Geistern… oder von ihren.
Einige Sekunden später fielen ihr weitere Schemen auf, jeder von ihnen so vage, daß sie kaum sicher sein konnte, überhaupt etwas zu sehen. Aber sie spürte auch ihre Präsenz. In der Nähe.
Fast so, als seien die… Entitäten ein Teil von ihr. Und dann…
Dann verblaßten die Bilder des Traums allmählich. Janeway fragte sich, ob nun wirklich das Ende kam. Die Geister hatten sie irgendwie an diesen Ort gebracht, und der giftige Rauch brachte sie allmählich um. Vielleicht wußten die Wesenheiten nicht, was mit ihr geschah. Sie konnte kaum glauben, daß sich die Geister solche Mühe gemacht hatten – zum Beispiel mit den Erscheinungen und Visionen an Bord der Voyager –, nur um sie hier in eine Falle zu locken.
Dunkelheit verdrängte das Licht und wurde fast absolut.
Janeway wartete auf Panik und Schmerz, aber nichts
dergleichen geschah. Nach einer Weile formten sich neue Bilder und zeigten ihr ein phantastisches Raumschiff, mehrere hundert Male größer als die Voyager und völlig fremdartig. Weder mit eigenen Augen noch in den Aufzeichnungen von Starfleet und in den Datenbanken anderer Völker hatte sie jemals ein Schiff gesehen, das sich mit diesem vergleichen ließ, das nun an ihr vorbeiglitt, dabei das Licht zahlreicher Sterne verdunkelte.
Es bestand zum größten Teil aus glatten, gewölbten
Segmenten, und in der Schwärze des Alls leuchtete es so wie der Mond der Erde. Janeway bemerkte mehrere Ansammlungen von Rohren, so wie bei dem Apparat in der Höhle. Sie beobachtete, wie das riesige Schiff während einer äonenlangen Reise zahllose Sonnensysteme passierte.
Plötzlich manifestierte sich wieder der Geist, der sie im Bereitschaftsraum besucht hatte. Gestaltlos schwebte er im Dunkeln, als das gewaltige Schiff und sein Universum verschwanden. Einmal mehr teilte sich ihr das Phantom mit, kommunizierte ohne Worte, berichtete von Leid und Schmerz, bat sie zu kommen, bat sie um… Hilfe.
Kapitel 7
Gantel schritt vor dem großen, üppig gepolsterten Sessel auf und ab, der das Zentrum der Brücke des Televek-Schiffes bildete. Der Kaustiel zwischen seinen Zähnen war ausgefranst und längst ohne Aroma. Außerdem enthielt er keine
euphorisierenden Substanzen mehr. Gantel wußte einen anderen Stiel in seiner Tasche, doch er mußte jetzt bei klarem Verstand bleiben, so unangenehm das auch für ihn sein mochte.
»Setz dich«, sagte seine zweite Teilhaberin Triness. Ihre Stimme war ungewöhnlich scharf, wodurch die Worte fast wie ein Befehl klangen. »Dir fällt immer etwas ein.« Niemand sonst an Bord wagte es, in einem solchen Tonfall mit Gantel zu reden, zumindest dann nicht, wenn es um außerhalb des Geschäftlichen liegende Dinge ging. Bei Handelsgesprächen wurde er ständig herausgefordert, aber das war völlig normal. Hier bekleidete er einen höheren Rang als alle anderen, und das ließ er kaum jemanden vergessen.
»Ich setze mich dann, wenn man mir einen günstigen Bericht liefert«, sagte er und blieb lange genug stehen, um mit langen Fingern durch die dichte Mähne aus weißem Haar zu streichen.
»Ich setze mich, wenn mein offenbar weit überschätzter Erwerbsdirektor Positives zu melden hat und etwas mehr vorweisen kann als immer nur Nullgewinne.«
»Daket verdient seine Bewertung, und das weißt du«, sagte Triness. Allerdings schien sie den ersten Teilhaber nur aus Prinzip zu verteidigen. »Du möchtest natürlich, daß alles perfekt läuft, aber selbst du kannst das Universum nicht dazu veranlassen, sich deinem Willen zu beugen. Auch Daket ist dazu nicht imstande. Er hat es mit vielen…«
»… unvorhergesehenen Schwierigkeiten zu tun bekommen, ich weiß.«
»Ein Teilhaber in seiner Position verdient meiner Meinung nach einen gewissen…«
»Triness!« zischte Gantel. Er wollte leise sprechen, doch es blieb bei dem Vorsatz. »Uns steht ein Besuch der Ersten Direktorin Shaale bevor. Ich kann Daket den größten Dispens im ganzen Universum gewähren, aber eines steht fest: Shaale wird eine ganze Menge von mir verlangen. Mir ist klar: Die Erwerbsgruppe hat durchaus Gründe, den ausgeprägten Mangel an Erfolg zu erklären. Doch ich bin auch sicher, daß wir von Shaale nicht so viel Verständnis erwarten dürfen. In der Zwischenzeit muß ich Verhandlungen mit den
Föderationsleuten führen und ihnen sogar Zugeständnisse machen – was nur dann einen Sinn ergibt, wenn endlich konkrete Resultate erzielt werden. Im Augenblick tanze ich langsam und schnell zugleich.«
»Wenn ich mich recht entsinne, bist du ein sehr guter Tänzer.«
Triness lächelte dünn. »Wann haben wir zum letzten Mal getanzt? Auf Grelra Sieben, nicht wahr? Kurz nach dem Aufstand?«
»Welchen Aufstand meinst du?«
Es war ein Scherz. Triness lachte leise. »Warum sollte man in dieser Hinsicht auf dem laufenden bleiben?«
»Ich weiß es nicht«, sagte Gantel und lachte ebenfalls.
»Du bist siebenmal Regionaloberhaupt gewesen, Teuerster«, gurrte Triness und spielte nun die Rolle der liebenden Partnerin
– die sie nie gewesen war. Sie bildeten kein Paar, auch wenn niemand von ihnen eine solche Möglichkeit ausgeschlossen hatte.
Gantel musterte sie aufmerksam. »Und?«
»Dadurch erwirbt man eine Menge Dispens.«
»Ja«, erwiderte Gantel zufrieden. »Das stimmt.«
»Selbst Shaale muß das berücksichtigen.« Gantel seufzte. »In einem perfekten Universum. Ich hoffe, du hast nichts dagegen, wenn ich trotzdem ein wenig besorgt bin.«
»Andernfalls wärst du nicht der Dritte Direktor.« Daraufhin lächelten sie beide. Nach sechzehn gemeinsamen Missionen bildeten sie ein gutes Team. Gantel ließ sich von diesem Gedanken trösten, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder auf das aktuelle Problem richtete. »Es ist alles so kompliziert. Mit jeder verstreichenden Minute wird diese Angelegenheit schwieriger und verworrener. Hinzu kommt: ich weiß nicht, ob die Leute von der Föderation ein Segen oder ein Fluch sind.
Alles wäre viel einfacher, wenn sie nicht über so gute Waffen verfügten. Dann hätten wir sie gleich zu Anfang auslöschen können.«
»Simplifiziere«, schlug Triness vor, und trotz des scherzhaften Tonfalls gab es Ernst in ihren Worten. »Bis dir etwas einfällt.«
Humor, ja. Trotzdem beschloß Gantel, diesen besonderen Rat zu beherzigen. Er wünschte sich vor allem eine Möglichkeit, die seltsamen Besucher aus dem Weg zu räumen. Oder sie
vollständig unter Kontrolle zu bringen – das wäre noch besser gewesen. Es gab viele Methoden, andere Leute zu kontrollieren.
»Vielleicht habe ich eine Antwort gefunden«, sagte Gantel, als der Gedanke eine klare Ausprägung gewann und damit
Erleichterung brachte. Ihm fiel immer etwas ein. Immer. Er lehnte es ab zu glauben, daß sich daran jemals etwas ändern könnte. »Wir sagen den Föderationsleuten die Wahrheit.
Beziehungsweise einen Teil davon. Wenn wir ihnen alles geben, was sie wollen, so ist die Wahrscheinlichkeit groß, daß wir leer ausgehen. Aber wenn wir ihnen gerade genug geben… Dann glauben Sie uns vielleicht. Es kommt auf die richtige Quantität der Wahrheit an.«
»Sie scheinen nicht zum kooperativen Typ zu gehören«, wandte Triness ein. Ihre Worte kamen einer Untertreibung gleich.
»Ja. Bald orten sie die Flotte der Ersten Direktorin, und dadurch kommt es sicher zu weiteren Komplikationen. Es sei denn…« Gantel überlegte, und seine Miene erhellte sich, als er eine Lösung fand. »Es sei denn, wir geben ihnen vorher Bescheid. Wir könnten den Hinweis darauf in die Vereinbarung integrieren, die Fremden gewissermaßen daran beteiligen.
Immerhin: Mit dem Eintreffen der Flotte stehen uns weitaus mehr Möglichkeiten offen.«
»Die entsprechenden Informationen müssen taktvoll
übermittelt werden.«
»Ja.«
»Und was sollen wir Jonal in bezug auf die von den
Föderationsleuten benötigten Komponenten mitteilen?«
»Die Schiffe der Ersten Direktorin haben doch viele solche Teile an Bord, oder?«
»Ja, aber…«
»Dann sagen wir den Fremden einfach die Wahrheit«, meinte Gantel und strahlte.
»Die Wahrheit?«
Das Lächeln des Dritten Direktors wuchs in die Breite. »Jeder Arzt weiß: Selbst Gift kann in kleinen Dosen nützlich sein.«
»Ich verstehe.« Triness neigte den Kopf zur Seite, und ihre Züge offenbarten Bewunderung. »Weißt du, ich habe mich immer sehr zu zeitgenössischen Künstlern hingezogen gefühlt.«
Sie sah zu den anderen Personen auf der Brücke, die sofort den Blick abwandten und versuchten, beschäftigt zu wirken. Dann erhob sie sich, beugte sich zu Gantel vor und küßte ihn auf die Wange. »Ich stelle eine Kom-Verbindung zu Jonal und den anderen er.« Triness richtete sich wieder auf. »Bei der Formulierung unserer Nachricht müssen wir sehr vorsichtig sein.«
Gantel nickte zufrieden. »In Ordnung.«
»Sie haben also weitere Nachrichten von den Televek«, sagte Chakotay. Sein Blick glitt kurz über die anderen Personen im Konferenzzimmer: Paris, Neelix und Kes saßen links von ihm am Tisch, die Drosary auf der rechten Seite. Zwei
Sicherheitswächter standen an der Tür. Der Erste Offizier spürte, wie sich Besorgnis in ihm regte, und er versuchte, sie zu verdrängen, um sich ganz auf die Mittler zu konzentrieren.
»Ja, Commander«, erwiderte Jonal. »Leider hat sich ein kleines Problem ergeben.«
»Eine kleine Verzögerung, um genauer zu sein«, sagte Tassay.
Für einige Sekunden ließ Chakotay dem Zweifel freie Bahn, und mit ihm kam Zorn. Die Verhandlungen hatten gerade erst begonnen und verwandelten sich schon in ein wirres
Durcheinander – das um so schlimmer und unübersichtlicher wurde, je mehr sie sich bemühten, es zu ordnen. Wie sollte es weitergehen? Die fast zweihundert Besatzungsmitglieder der Voyager warteten auf Ergebnisse. Ihre Zukunft hing davon ab, welche Entscheidungen Commander Chakotay traf. Vom
Schicksal des Landeteams und zahlloser Drenarianer auf dem Planeten ganz abgesehen.
Er atmete tief durch. »Und worin besteht die Verzögerung?«
Jonal faltete die Hände auf dem Tisch und wirkte wie jemand, der ganz und gar in sich selbst ruhte. »Um noch einmal auf das zurückzukommen, was Sie bereits von Gantel gehört haben: Der Kreuzer im Orbit ist kein Handelsschiff. An Bord befinden sich gerade genug Ersatzteile für den Eigenbedarf, und daher können keine Komponenten erübrigt werden. Die Televek rechnen nicht mit Feindseligkeiten von Ihrer Seite, doch durch den Ausfall wichtiger Bordsysteme könnten sie schutzlos irgendwelchen Gefahren ausgeliefert sein, ob sie nun von Ihnen oder von jemand anders ausgehen.«
»Es widerstrebt den Televek, ein solches Risiko einzugehen –
das verstehen Sie sicher«, sagte Mila.
»Sie können uns den benötigten Flußregulator also nicht zur Verfügung stellen«, entgegnete Paris grimmig. Als er die Drosary ansah, verschwand der Schatten aus seinem Gesicht, und er lächelte sogar. Mila hatte jede Gelegenheit genutzt, Paris Gesellschaft zu leisten, und auf die gleiche Weise verhielt sich Tassay Chakotay gegenüber. Die beiden Frauen blieben immerzu höflich und freundlich. Die einzigen Personen an Bord der Voyager, die nicht immerzu höflich und freundlich blieben, waren Neelix und, in einem geringeren Ausmaß, B’Elanna Torres.
Chakotay musterte Jonal. »Wie sollen wir Ihnen helfen, wenn Sie uns nicht helfen können?«
»Oh, ich bin sicher, daß ihnen da schon etwas eingefallen ist«, warf Neelix ein. »Allerdings frage ich mich, ob uns die Sache gefallen wird.«
Chakotay widerstand der Versuchung, sich für das Verhalten des Talaxianers zu entschuldigen. Neelix mochte noch so exzentrisch sein, aber eins stand fest: Er kannte diesen Raumsektor und die darin beheimateten Völker. Deshalb verdienten es seine Hinweise, ernst genommen zu werden.
»Neelix meint vermutlich, daß die Televek sehr einfallsreich sind«, ließ sich Kes vernehmen. Neelix gab ihr nicht zum erstenmal Gelegenheit, schlichtend in eine Diskussion einzugreifen.
»Dann kennt er sie offenbar sehr gut«, erwiderte Tassay.
Jonal lächelte. »Ich bin froh, Ihnen mitteilen zu können, daß bald alles in bester Ordnung ist. Die Televek haben mit einer Handelsflotte Kontakt aufgenommen, die aus anderem Anlaß zu einem nahegelegenen Sonnensystem unterwegs war. Zu der Flotte gehören einige der größten Transporter in diesem Quadranten, und derzeit fliegen sie mit Höchstgeschwindigkeit zum Drenar-System. Die Televek versichern Ihnen, daß Sie den Flußregulator sofort nach Eintreffen der Flotte erhalten.«
»Außerdem könnten sich die Transporter und anderen Schiffe als sehr nützlich erweisen, wenn es erforderlich wird, die Bewohner von Drenar-Vier zu evakuieren«, sagte Mila. »Wir sind natürlich gern bereit, an einer solchen Rettungsmission teilzunehmen.«
»Die Flotte müßte morgen hier sein«, fügte Tassay hinzu.
»Klingt doch alles sehr vernünftig«, fand Paris.
Die Tür öffnete sich mit einem leisen Zischen, und B’Elanna Torres kam herein. Sie nahm sofort am Ende des Tisches Platz, Chakotay gegenüber, und nickte den Anwesenden einen
knappen Gruß zu. Die Chefingenieurin wirkte recht ernst.
»Unterdessen könnten wir über unser gemeinsames Projekt sprechen, das zum Ziel hat, die Verteidigungssysteme des Planeten zu neutralisieren«, schlug Jonal vor. »Damit eine Bergung möglich wird.«
»Darüber hinaus sind die Televek an Ihrem Angebot
interessiert, sie mit Ihrer Sensortechnik vertraut zu machen«, sagte Tassay. »Es könnte unseren gemeinsamen Bemühungen förderlich sein, die Lage auf dem Planeten zu beurteilen.«
»Ich kümmere mich darum«, erwiderte B’Elanna. »Wenn Sie gestatten, Commander.« Sie warf Chakotay einen
nachdenklichen Blick zu, der das Unbehagen in ihm verstärkte.
Ihre kurze Phase vorsichtigen Vertrauens den Drosary gegenüber schien zu Ende zu sein.
»In Ordnung«, sagte er. »Allerdings erfordert jeder
Datentransfer meine besondere Erlaubnis. Und ich möchte mir die Informationen ansehen, die wir von den Televek bekommen haben.«
»Wundervoll«, freute sich Jonal.
»Ja, insbesondere für die Televek.« Neelix rollte mit den Augen.
Kes legte ihm die Hand auf den Arm. »Bitte, Neelix«, tadelte sie sanft.
»Tut mir leid«, brummte er leise. »Aber wenn du mich fragst: Diese Leute haben unser Vertrauen nicht verdient. Warum sollten wir ihnen etwas geben, nur weil sie darum bitten?«
»Wir versuchen, Vertrauen schrittweise zu gewinnen«, erklärte Jonal. »Das gilt für beide Seiten.«
»Wir müssen zusammenarbeiten«, sagte Chakotay. »Viele Leben stehen auf dem Spiel.«
»Das stimmt«, räumte Neelix ein. »Aber die Televek haben uns noch nicht einmal ihre Gesichter gezeigt. Und sie scheinen außerstande zu sein, uns mehr zu geben als wohlklingende Rhetorik und Ortungsdaten.«
»Das halte ich für eine objektive Feststellung«, warf B’Elanna ein.
»Sie sollten nicht so mißtrauisch sein«, wandte sich Paris an Torres. Besorgnis zeigte sich in seinem Gesicht. »Haben Sie vergessen, daß Captain Janeway Ihnen vertraute, als Sie darum baten? Das gilt auch für Sie, Neelix.«
»Zu jenem Zeitpunkt kannte sie mich noch gar nicht«, erwiderte der Talaxianer.
»Genau das meine ich«, betonte Paris.
Chakotay beobachtete, wie Kes die Hand hob und ein Lächeln zu verbergen versuchte.
»Ich glaube, ich schließe mich trotzdem Neelix’ Standpunkt an«, sagte B’Elanna ungerührt.
»Und ich glaube, wir sollten die Verhandlungen fortsetzen«, ließ sich der Commander vernehmen und schnitt eine ernste Miene. Er wirkte etwas freundlicher, als er die Drosary ansah.
»Wir wären für alles dankbar, das uns in die Lage versetzt, so schnell wie möglich mit einer Rettungsmission zu beginnen.«
»Ja, natürlich, darin besteht der wichtigste Zweck dieser Zusammenkunft«, bestätigte Tassay, die wie immer versuchte, Chakotay zu helfen. Sie ist eine gute Mittlerin, dachte er. Auch Jonal und Mila verstanden das diplomatische Handwerk. Daß die Televek ausgerechnet sie gewählt hatten, sprach für sie –
auch wenn Neelix und B’Elanna darauf bestanden, die Sache anders zu sehen.
»Wir bekommen wichtige Daten von den Televek, und ich versuche, sie zu einem einheitlichen Bild zusammenzufügen«, berichtete die Chefingenieurin. »Derzeit können wir uns nicht dem Planeten nähern, ohne dabei ein erhebliches Risiko einzugehen. Das Verteidigungssystem verwendet
vergleichsweise kleine und individuelle hochenergetische Kraftfelder, die in Richtung einer vermeintlichen Bedrohung projiziert werden.«
»Der verlorene Televek-Kreuzer meldete den Ausfall vieler Bordsysteme, bevor der Kom-Kontakt abbrach«, fügte Mila hinzu.
»Unglücklicherweise läßt sich mit Phasern, Photonentorpedos und anderen Waffen nichts gegen die Kraftfelder ausrichten«, sagte Jonal. »Die Televek haben es auch mit verschiedenen Frequenzen und energetischen Filterungsmethoden versucht –
ohne Erfolg.«
»Die Verteidigungsanlage von Drenar Vier funktioniert also wie ein natürliches Immunsystem«, stellte Paris fest.
»Das ist gut ausgedrückt«, bemerkte Mila. Tassay und Jonal nickten. Der Lieutenant freute sich ganz offensichtlich über das Kompliment.
»Ist er nicht wundervoll?« fragte B’Elanna spöttisch und bedachte Mila mit einem übertriebenen Lächeln.
»Offenbar läuft alles darauf hinaus, daß wir nicht viel ausrichten können«, warf Neelix ein.
»Wir haben bereite einige der erwähnten Kraftfelder geortet«, sagte Chakotay und versuchte, die Diskussion offen zu halten.
»Derzeit scheinen sie an die Oberfläche des Planeten gebunden zu sein.«
»Das sind sie nicht immer«, warnte Mila.
Jonal nickte. »Wenn sich der gegenwärtige Trend in Hinsicht auf eine Reduzierung des allgemeinen energetischen Niveaus fortsetzt, dürfte das Verteidigungssystem bald schwach genug werden, um kein nennenswertes Problem mehr darzustellen.
Dann steht einem Rettungs- und Bergungsunternehmen nichts mehr im Wege.«
»Was meinen Sie mit ›bald‹?« fragte Chakotay.
»Wir schätzen, es dauert noch etwa zwei Wochen.«
»Die seismische Aktivität wächst so schnell, daß uns vielleicht nicht so viel Zeit bleibt. Möglicherweise bricht der Planet bis dahin auseinander.«
»Nach den Berechnungen der Televek beginnt die kritische Phase erst in vier Wochen.«
Chakotay ließ sich von diesem Hinweis nicht beruhigen. Wie hoch die technische Entwicklung auch sein mochte: Niemand konnte die exakten Resultate der unerklärlichen Kräfte voraussehen, die auf Drenar Vier einwirkten. Deshalb hielt der Commander die angeblichen Analyseergebnisse der Televek für alles andere als zuverlässig. Vielleicht kam der Planet am nächsten Tag zur Ruhe, und zwar für die nächsten hundert Jahre. Oder er verwandelte sich in einen Asteroidenhaufen, wodurch sowohl die Einheimischen als auch Captain Janeway und ihre Begleiter den Tod fanden. Er schüttelte den Kopf.
»Paris, B’Elanna… Ich kann mich mit der derzeitigen
Situation nicht einfach so abfinden. Wir brauchen Alternativen.
Versuchen Sie, mehr über jene energetischen Signaturen herauszufinden. Setzen Sie alle Leute darauf an, die Sie entbehren können. Arbeiten Sie mit den Televek zusammen, wann immer das möglich ist. Wir benötigen Zugang zur Oberfläche des Planeten, und zwar so schnell wie möglich.
Lassen Sie uns auch noch einmal unsere Computermodelle überprüfen. Während der letzten Stunden haben mehrere starke und einige schwächere Beben stattgefunden. Vielleicht verhelfen uns die entsprechenden Daten zu neuen
Erkenntnissen.«
»Eine ausgezeichnete Idee, Commander«, sagte Jonal
anerkennend.
Paris und Torres bestätigten die Anweisungen des Ersten Offiziers, standen auf und gingen zur Tür. Mila erhob sich ebenfalls, um Paris zu begleiten, doch Chakotay entschied, daß hier Schluß sein mußte.
»Sie drei bleiben hier«, wandte er sich an die Mittler. »Es wartet Arbeit auf die Offiziere, und außerdem gibt es in diesem Zusammenhang einige Sicherheitserwägungen. Das verstehen Sie sicher.«
Die drei Drosary stimmten ihm sofort zu. Chakotay überlegte, ob sich Mitglieder der Voyager-Crew ähnlich verhalten hätten.
»Ist alles in Ordnung mit Ihnen, Commander?« fragte Tassay und unterbrach ihn bei seinen Grübeleien.
Wahrscheinlich nicht, dachte Chakotay – und vermutete, daß sein Gesicht derzeit ziemlich finster wirkte. Ganz bewußt versuchte er, die eigenen Züge zu glätten.
»Ja«, antwortete er dann. »Es ist alles in Ordnung mit mir.«
Kapitel 8
Decke und Wände schienen sehr nahe zu sein. Allerdings reichte das matte Licht nicht aus, um Einzelheiten zu erkennen.
Der Geruch von feuchtem, rußigem Holz erfüllte die Luft.
Captain Janeway lag völlig reglos, bewegte nur die Augen und atmete ganz flach, als sich ihr Selbst endgültig aus dem Dunkel der Bewußtlosigkeit löste. Mehr wagte sie nicht. Schon das Blinzeln schmerzte, und hinter ihrer Stirn pochte es.
Nach einigen Sekunden hörte sie Geräusche jenseits der finsteren Wände. Stimmen erklangen gelegentlich, und hinzu kam ein Klappern, das rätselhaft für Janeway blieb. Als sie kaum mehr daran zweifelte, allein zu sein, versuchte sie vorsichtig, Arme und Beine zu bewegen. Damit schien soweit alles in Ordnung zu sein, wenn man davon absah, daß sich das linke Knie wund anfühlte. Sie trachtete danach, den Kopf zu heben – und der Schmerz zwischen ihren Schläfen explodierte regelrecht.
Sie stöhnte, hob die Hand und tastete damit nach einer ziemlich großen Beule am Schädel, spürte dort getrocknetes Blut. Erinnerungen erwachten nun in ihr: ans Shuttle, die Drenarianer, das Erdbeben und den Sturz. Fast erschrocken griff sie nach ihrem Gürtel und stellte erleichtert fest, daß sie noch immer Tricorder und Phaser besaß.
Langsam setzte sich Janeway auf und beobachtete, wie die Welt um sie herum rotierte. Sie wartete, bis der Kosmos zur Ruhe kam, erhob sich dann behutsam. Die Decke erwies sich tatsächlich als recht niedrig – der Abstand zu ihrem Kopf betrug nur etwa dreißig Zentimeter. Janeway streckte die Hand nach einem dicken Tuch aus, das vor dem nahen Fenster hin, zog es zur Seite. Licht flutete herein, blendete die Kommandantin und ließ neuen Schmerz in ihr entstehen. Sie wandte sich um, ließ den Blick durchs Zimmer schweifen und stellte fest, daß sie sich in einer Blockhütte befand, vergleichbar mit denen, die man vor Jahrhunderten, zur Zeit der Pioniere, im amerikanischen Westen gebaut hatte. Die Einrichtungsgegenstände – ein Tisch, mehrere Stühle, ein Bett an der Wand – waren handgefertigt und sehr einfach, machten aber einen guten, stabilen Eindruck. Janeway bemerkte geschickt bearbeitete Scharniere, Angeln und Spangen. Mitten auf dem Tisch stand eine nicht angezündete Öllampe.
Als sie sich wieder zum Fenster umdrehte, stellte sie fest, daß es dort eine Scheibe aus Glas gab – dieser Umstand überraschte sie sehr. Draußen sah sie eine weitere Blockhütte, die sich vermutlich kaum von der unterschied, in der sie sich aufhielt.
Janeway zog das Tuch wieder vors Fenster, und daraufhin herrschte wieder das Halbdunkel im Zimmer. Gleichzeitig vernahm sie Stimmen, die näher kamen.
Der Türriegel knarrte, und aus einem Reflex heraus tastete die Kommandantin zum Phaser an ihrem Gürtel. Ihr lag nichts daran, von dem Strahler Gebrauch zu machen – die
Einheimischen hatten auch so schon genug hinter sich –, aber sie war viel zu schwach, um mit bloßen Händen zu kämpfen.
Die Tür öffnete sich, und Tuvok trat ein.
Kim folgte dem Vulkanier, und dann kam ein alter
Drenarianer, gekleidet in eine dunkle Hose und einen Kasack mit langen Ärmeln. Die Sachen waren sauber und in einem guten Zustand, schienen jedoch fast ebenso alt zu sein wie ihr Träger. Einige graue Strähnen zeigten sich im dunklen Haar des Mannes, und er war rasiert – im Gegensatz zu den anderen männlichen Drenarianern, die Janeway gesehen hatte.
Aus der Nähe betrachtet erschien ihr die drenarianische Physiologie nicht mehr ganz so primitiv, und in den Hautfalten dieses Mannes bemerkte sie einen vagen orangefarbenen Glanz.
Sie spürte den Blick dunkler Augen, und aus irgendeinem Grund konnte sie ihm nicht standhalten, drehte den Kopf wie scheu zur Seite.
»Wie geht es Ihnen, Captain?« fragte Tuvok und beugte sich vor, um das Ausmaß der Kopfverletzung besser abschätzen zu können.
»Es ist mir schon besser gegangen«, erwiderte Janeway und winkte ab.
»Ich möchte Ihnen einen neuen Freund von uns vorstellen, Nan Loteth. Mr. Loteth, das ist Captain Janeway.«
Sie streckte die Hand aus, aber der Drenarianer starrte nur verwirrt darauf hinab. Janeway ließ den Arm sinken.
»Mit solchen Gesten sind die Bewohner dieses Planeten nicht vertraut«, erklärte Tuvok.
»Seine Leute haben Sie nach dem Erdbeben ins Dorf
getragen«, sagte Kim und klang dabei recht fröhlich. »Besser gesagt: zu den Resten des Dorfes. Die starken Erschütterungen haben ein Drittel der Siedlung zerstört. Manche Gebäude sind einfach im Boden verschwunden. Dieser Teil des Ortes ist glimpflich davongekommen.«
»Bisher«, schränkte Tuvok ein.
Janeway hob den Kopf. »Wie meinen Sie das?«
»Loteth hat uns darauf hingewiesen, daß nach dem letzten Beben die vulkanische Aktivität ein wenig nachgelassen hat, doch derzeit scheint das gesamte Geschehen auf diesem Planeten in einem dauernden Wandel begriffen zu sein«, berichtete Tuvok. »Derzeit weht der Wind vorwiegend aus Nordwesten, weshalb der Asche- und Staubregen in dieser Region nachgelassen hat.
Doch wenn sich die Windrichtung ändert, was keineswegs auszuschließen ist, könnte sich die hiesige Situation drastisch verschlechtern.«
»Wir haben darauf gewartet, daß Sie das Bewußtsein
wiedererlangen«, sagte Kim. Die Worte platzten regelrecht aus ihm heraus. »Wir alle.«
»Die Drenarianer scheinen recht umgänglich zu sein,
Captain«, fuhr Tuvok fort. »Man hat uns freundlich behandelt.
Ich habe mir die Freiheit genommen, die Einheimischen darauf hinzuweisen, daß wir ihnen helfen wollen.«
»Bestimmt sind sie sehr von uns beeindruckt«, erwiderte Janeway ein wenig spöttisch. Sie fühlte sich noch immer ziemlich wacklig auf den Beinen.
Nan Loteth schob sich an ihnen vorbei, griff nach einer tönernen Karaffe und goß etwas von ihrem Inhalt in einen Becher aus Metall.
»Trinken Sie«, sagte er und bot den Becher Janeway an. Seine Stimme klang ein wenig rauh, gleichzeitig aber auch ruhig und gelassen.
Natürlich sprach der Drenarianer kein Föderationsstandard –
die Worte wurden vom automatischen Übersetzungsmodul im Insignienkommunikator übersetzt.
»Da ist doch hoffentlich kein Blei drin, oder?« fragte Janeway und zögerte. Tuvok holte seinen Tricorder hervor, hielt ihn kurz über den Becher und schüttelte den Kopf. Sein stummer Hinweis beruhigte die Kommandantin. Sie trank und leerte das Gefäß, obgleich die Flüssigkeit darin gräßlich schmeckte.
»Haben Sie keine Angst vor uns?« fragte Janeway den
Fremden und erinnerte sich an die Bilder der ersten Vision.
Stammten sie tatsächlich aus der Realität?
Der Drenarianer nahm den leeren Becher von ihr entgegen.
»Nicht vor Ihnen, nein.«
»Angeblich wußten die Einheimischen von unserer
bevorstehenden Ankunft«, sagte Tuvok.
»Sie meinen, die Geister ihrer Vorfahren hätten sie darauf hingewiesen«, fügte Kim hinzu.
»Die Geister«, wiederholte Janeway.
»Ja, Captain«, bestätigte Tuvok.
»Ich glaube, ich bin einigen Ihrer Vorfahren begegnet«, wandte sich Janeway an Nan Loteth. »Zweimal, um ganz genau zu sein. Ich würde gern mehr über sie erfahren, wenn Sie gestatten.«
Der Drenarianer nickte. »Mein Volk hat immer die Weisheit jener gesucht, die vor uns existierten. Wir nennen sie Jun-Tath.
Sie beschützen und beraten uns, gewähren uns Trost. Werden wir nicht in dieser Welt von jenen geleitet, die bereits in der nächsten weilen?«
»In der Kultur, aus der ich komme, gibt es viele Personen, die an so etwas glauben. Allerdings ist mir niemand bekannt, der von einem Erlebnis berichten kann, das sich mit meinen…
Visionen vergleichen läßt.« Janeway beschrieb die
phantomhafte Entität, die sie im Bereitschaftsraum gesehen hatte, berichtete auch von Chakotays Träumen, verzichtete jedoch darauf, von der Höhle mit der Lava und den
Rauchschwaden zu erzählen. Nach wie vor wußte sie nicht, ob sie tatsächlich dort gewesen war oder ob jene Szenen nur ein Produkt ihrer Phantasie darstellten.
Nan Loteth schien alles zu verstehen. »Wir sind Ihnen gezeigt worden, und man hat Sie uns gezeigt.« Seine Lippen formten ein Lächeln, das Janeway in einem solchen Gesicht für unmöglich gehalten hätte. Sie gelangte zu dem Schluß, daß es in bezug auf dieses Volk viel zu lernen gab, und darauf freute sie sich bereits, trotz der Schmerzen, die noch immer hinter ihrer Stirn pochten. Das anfängliche Unbehagen hatte sich
inzwischen vollkommen aufgelöst.
Sie wollte eine entsprechende Bemerkung an den Drenarianer richten, als der Boden unter ihr erneut zitterte. Es handelte sich um ein kurzes Nachbeben, das nicht annähernd so starke Erschütterungen brachte.
Trotzdem: Es erinnerte ganz deutlich an die große Gefahr, die den Bewohnern von Drenar Vier drohte.
Janeway blickte in die Augen des Drenarianers und glaubte, dort jene Gedanken zu erkennen, die ihr gerade durch den Kopf gegangen waren.
»Die Jun-Tath erzählten uns auch von den anderen«, fuhr Nan Loteth fort und offenbarte dabei erste Anzeichen von Unruhe.
Er schien jetzt ein wenig lauter zu sprechen. »Sie erwähnten eine Zeit, in der Dämonen vom Himmel kommen, eine Zeit des Leids für viele. Und ihre Botschaft kündigte uns das Ende der Welt an. Als die anderen mit ihrem großen Himmelsschiff kamen, wußten wir sofort, daß es die Dämonen aus den Visionen waren. Doch einige von uns zweifelten und wollten ganz sicher sein. Sie gingen zu der Lichtung, auf der das Himmelsschiff ruht, in der Nähe des Jaalett-Tempels, und dort beobachteten sie. Zuerst geschah nichts. Dann kamen
Geschöpfe aus dem Schiff, verbrachten einige Zeit im Freien und kehrten dann zurück.«
»Niemand versuchte, Kontakt mit Ihnen aufzunehmen?« fragte Janeway.
»Nein. Wir hielten uns zunächst von dem Himmelsschiff fern.
Als einen ganzen Tag lang niemand herauskam, wagten sich einige von uns näher. Unter ihnen befand sich auch mein Bruder.«
Nan Loteth legte eine Pause ein, und in seiner Miene zeichnete sich nun Schmerz ab. Vor Janeways innerem Auge formte sich wieder ein ganz bestimmtes Bild, das sie während der ersten Vision gesehen hatte. Sie wartete geduldig.
»Als sie dem Himmelsschiff fast nahe genug gekommen
waren, um es zu berühren, gleißte plötzlich tödliches Licht und brachte Verderben. Einige Leute aus dem Dorf meinen, sie hätten die Schreie der Sterbenden gehört.«
»Phaserstrahlen«, sagte Janeway und hörte das Vibrieren in ihrer Stimme. Sie spürte das Leid und die Furcht des Drenarianers. »Ich habe sie gesehen, die Leichen Ihrer Landsleute. Allerdings war ich nicht sicher, ob jene Tragödie tatsächlich geschehen ist. Ich hatte gehofft…« Sie sprach nicht weiter, sah Nan Loteth nur stumm an.
»Der Vorgang weist darauf hin, daß nicht alle Bordsysteme des Kreuzers ausgefallen sind«, stellte Tuvok fest, während Janeways Blick auch weiterhin Nan Loteth galt.
»Ich begab mich ebenfalls zur Lichtung«, fuhr der Drenarianer fort. »Einige Männer bewegten sich noch und stöhnten. Doch es dauerte nicht lange, bis Stille herrschte. Jene Leute, die im Wald geblieben waren, berichteten mir von den Ereignissen.«
»Sie mußten sie zurücklassen«, sagte Janeway. »Die Leichen, meine ich.«
»Wir wagten es nicht, uns dem Himmelsschiff zu nähern. Aus Angst, wie die anderen verbrannt zu werden.«
»Damit haben Sie eine sehr vernünftige Entscheidung
getroffen«, kommentierte Tuvok.
»Und seitdem haben Sie die Lichtung gemieden, nicht wahr?«
fragte Kim. Er nickte und glaubte, die Antwort bereits zu kennen.
»Nein«, widersprach der Drenarianer und überraschte damit die Besucher aus dem All. »Vom Waldrand aus griffen wir die Dämonen an. Doch mit unseren Waffen läßt sich nur wenig gegen sie ausrichten. Es gelang uns, einige von ihnen zu verwunden, aber sie steckten einen großen Teil des Walds in Brand, und deshalb mußten wir uns zurückziehen. Nach einer Weile kehrten wir heim. Wir nahmen an, daß uns die Fremden folgen würden. Wir haben auf sie gewartet, bereit zum Kampf.
Doch bisher sind sie in den Bergen geblieben.«
»Soviel zur angeblichen Absicht der Televek, eine
Rettungsmission durchzuführen«, brummte Kim.
»Wir verabscheuen den Krieg, Captain«, sagte Nan Loteth in einem fast beschwörenden Tonfall. »Seit fünf Generationen herrschen Harmonie und Eintracht bei uns. Die Oberhäupter unseres Volkes haben eine Vereinbarung getroffen, die es uns allen ermöglicht, in Frieden zu leben. Wir haben keine großen Heere, die wir gegen die Dämonen in den Kampf schicken können. Deshalb beschlossen die Jun-Tath, Sie zu uns zu schicken.«
»Eine interessante Theorie«, meinte Tuvok und wölbte beide Brauen.
»Nach Ihren Erfahrungen mit den Televek gingen Sie ein erhebliches Risiko ein, als Sie sich einfach so unserem Shuttle näherten«, sagte Janeway. »Ihre Visionen in Hinsicht auf unsere Landung müssen sehr deutlich gewesen sein.«
»Das gilt auch für meine Vision von Ihnen, Captain. Und von Ihren beiden Begleitern. Deshalb wurden Sie zu meinem Haus gebracht. Ich glaube, die Jun-Tath haben mich auserwählt, um mit Ihnen zu sprechen. Das ist eine große Ehre für mich.«
»Und auch für mich«, erwiderte Janeway. Sie versuchte zu lächeln, und es schmerzte nicht annähernd so sehr, wie sie befürchtet hatte.
»Lassen Sie das Himmelsschiff von jemandem beobachten?«
fragte Tuvok.
»Ja. Aber wenn es zu einem Angriff käme, dürften nur wenige von uns damit rechnen zu überleben.« Nan Loteth seufzte, und die Falten fraßen sich tiefer in sein Gesicht. »Seit dem ersten Versuch haben unsere Bogenschützen erneut auf die Dämonen geschossen, doch jetzt prallen die Pfeile an ihrer Kleidung ab.«
»Vermutlich tragen die Televek leichte Panzerung irgendeiner Art«, überlegte Kim laut.
»Die Drenarianer scheinen ein sehr tapferes Volk zu sein.« Die Erste Direktive fiel Janeway ein, und sie trachtete danach, nicht daran zu denken. »Und das soll es auch bleiben. Ich verspreche hiermit, daß wir alles versuchen werden, um Ihnen zu helfen.«
Nan Loteth nickte, drehte sich dann um und ging zur Tür.
Janeway, Tuvok und Kim folgten ihm nach draußen, auf einen kleinen Hof zwischen zwei Häusern. Dort gab es einen kleinen Garten mit Blumen, die jedoch unter einer dicken Schicht aus Asche und Staub verwelkten. Janeway konnte sich gut
vorstellen, daß es hier einmal sehr hübsch gewesen sein mußte.
Die Sonne sank dem Horizont entgegen, und die Schatten wurden länger, als Nan Loteth seine Begleiter um eine Ecke und zur nächsten Straße führte.
Von dort aus hatte es den Anschein, als erstrecke sich das Dorf
– beinahe eine Stadt – in alle Richtungen. Nur vier Häuser trennten sie von einer Kreuzung, deren Form an einen Hahnenfuß erinnerte. Dort herrschte reger Betrieb. Läden und Geschäfte säumten die aus festgetretener Erde bestehenden Straßen, und manche Gebäude waren zwei Etagen hoch.
Personen liefen hin und her. Die bereits vertraut anmutenden drenarianischen Lasttiere zogen mit Waren und Gütern beladene Karren, auf denen gelegentlich auch Kinder hockten. Einmal mehr dachte Janeway an den amerikanischen Westen während der Pionierzeit, an eine neugegründete Stadt an der
Siedlungsgrenze beziehungsweise an einen Ort der
amerikanischen Ureinwohner – eine junge drenarianische Frau kam vorbei, auf dem Rücken ein kleines Kind in einem indianisch anmutenden Tragegestell.
Janeway beobachtete einen jungen Mann, der sich ihnen näherte. Er trug einen Stuhl und zündete Öllampen an, die an Holzmasten hingen. Nirgends umflatterten Motten die
Flammen, und es gab auch keine anderen Insekten. Auf vergleichbaren Welten war Janeway häufig gebissen und gestochen worden; hier brauchte sie nichts dergleichen zu befürchten. Doch dadurch wurde Drenar Vier keineswegs zu einem Paradies. Das Ökosystem des Planeten stand unmittelbar vor dem Zusammenbruch – ein weiterer Hinweis auf den Ernst der allgemeinen Situation.
Eine Gruppe bildete sich vor Nan Loteths Haus und schwoll rasch an. Viele Leute wollten die seltsamen Besucher sehen, und in ihren Mienen erkannte Janeway etwas, das sie schon häufig bemerkt hatte. Die Ähnlichkeiten zwischen intelligenten Völkern verblüfften sie immer wieder. Ganz gleich, wie groß die Unterschiede in Hinsicht auf das Erscheinungsbild auch sein mochten: Im Herzen und im Geist gab es viel Gemeinsames. Sie sah es nun in den dunklen, staunenden Augen.
Janeway, Tuvok und Kim begrüßten die anderen Drenarianer, um anschließend stumm zu warten.
»Sie kamen von dort oben, aus der Nacht, so wie die
Dämonen.« Nan Loteth deutete zum Himmel empor. »Die Jun-Tath haben es mir gezeigt.«
Janeway sah auf. Erste Sterne erschienen am Firmament, und mit ihnen kamen die drei Monde des Planeten, jeder von ihnen kaum mehr als eine dünne Sichel. Der kleinste Mond kroch gerade hinter den Bergen im Osten hervor und glitt den beiden anderen entgegen.
Janeways Aufmerksamkeit kehrte zu Nan Loteth zurück, und sie sah, wie sich der Glanz in seinen Augen trübte.
»Sie antworten nicht«, stellte er betrübt fest.
»Ja«, sagte Janeway und nickte. »Ja, wir kommen vom
Himmel.«
»Welcher Stern ist Ihrer?«
Die Kommandantin musterte den Drenarianer überrascht.
Wenn sich primitive Wesen Götter oder Dämonen vorstellten, die vom Himmel oder hohen Bergen herabkamen, vielleicht das Meer überquert hatten und aus einem unbekannten,
unerforschten Teil der Welt stammten… Nun, das war eine Sache. In den Überlieferungen der Menschheit wimmelte es geradezu von Göttern, Engeln, Geistern und Fabelwesen, die den Himmel am Tag und in der Nacht bevölkert, für jede Menge Magie und Zauber gesorgt hatten.
Doch Nan Loteths Worte zielten in eine ganz andere Richtung.
»Was wissen Sie von den Sternen?« fragte Janeway und suchte in der Miene des Alten nach Hinweisen.
»Ich habe sie gesehen.«
»Wie meinen Sie das?« Janeway wechselte einen kurzen Blick mit Tuvok und Kim, die ebenso fasziniert waren wie sie selbst.
»Warten Sie hier, ich bin gleich wieder da«, stieß Nan Loteth aufgeregt hervor. »Ich zeige Ihnen, was ich meine.«
Mit einer Flinkheit, die Janeway von einem Mann seines Alters nicht erwartet hätte, verschwand er in seinem Haus – um schon wenige Sekunden später zurückzukehren.
»Damit sehe ich die Sterne«, erklärte Nan Loteth stolz. Er hielt einen langen, dünnen Zylinder aus Holz in der Hand, reichte ihn vorsichtig Janeway. Sie begriff sofort, um was es sich handelte.
Die Vorrichtung bestand aus zwei Zylindern mit verschiedenen Durchmessern, die auseinander gezogen werden konnten. Beide Enden wiesen eine gläserne Linse auf.
»Man sieht hindurch, und zwar so.« Nan Loteth nahm den Apparat wieder entgegen, richtete ihn gen Himmel, hob das schmalere Ende vors Auge und blickte in Richtung des größten Mondes, der inzwischen fast den höchsten Punkt seiner Bahn erreicht hatte. Janeway beobachtete ihn mit neuem Respekt.
»Hier, sehen Sie selbst.« Erneut reichte er die Vorrichtung der Besucherin. Janeway hielt sie auf die gleiche Weise und blickte hindurch, sah zahllose Krater und lunare Gebirgsketten, als sie den kleineren Zylinder langsam aus dem größeren herauszog. Es war ein einfaches, primitives Teleskop, aber selbst Galileo hätte darauf stolz sein können.
»Stimmt es nicht, daß die Sterne wie unsere eigene Sonne sind?« fragte Loteth. »Ich habe die anderen Welten am Himmel gesehen, jene, die unserer auf dem Weg durch die Nacht folgen.
Dort gibt es ebenfalls solche Monde.« Er deutete zu den drei hell leuchtenden Sicheln empor.
»Bemerkenswert«, kommentierte Tuvok.
»Ja«, pflichtete ihm Janeway bei. Sie sah den alten
Drenarianer an und versuchte nicht einmal, ihr Staunen zu verbergen.
»Sie glauben also, daß wir von einer anderen Welt in diesem Sonnensystem kommen?« fragte der ebenfalls überraschte Kim.
»Nein, eigentlich nicht«, erwiderte Nan Loteth.
Diese Antwort verwirrte Tuvok und Kim.
»Seltsam«, sagte der Vulkanier. »Ich hätte angenommen…«
»Nein.« Janeways Blick blieb auf Nan Loteth gerichtet. »Sie verstehen nicht, Tuvok. Er hält es für unwahrscheinlich, daß wir aus diesem Sonnensystem stammen. Er glaubt vielmehr, daß wir von einem der anderen Sterne kommen.«
»Ja.« Der Drenarianer nickte. »Stimmt es?« fragte er zaghaft.
»Faszinierend«, sagte Tuvok und schien sehr beeindruckt zu sein.
»Und ob«, stimmte ihm Kim zu.
Die Sekunden dehnten sich, ohne daß jemand sprach. In Nan Loteths Miene zeichnete sich wachsendes Unbehagen ab. »Bitte antworten Sie«, drängte er. »Viele weigern sich, darüber mit mir zu sprechen. Man hält sogar Kinder von mir fern. Es heißt, jenseits des Himmels erstrecke sich die Sphäre der Götter.
Immer wieder hat man mir folgendes gesagt: Wenn ich Glück habe, schicken mir die Jun-Tath eine Vision, die meinen Geist heilt, und dann höre ich auf, solchen Gedanken nachzuhängen.«
»Es paßt alles zusammen«, meinte Kim und schüttelte den Kopf.
Tuvok nickte. »Ich kann mir durchaus vorstellen, daß Ihnen andere Bewohner dieser Welt mit einer solchen Einstellung begegnen.«
»Sie halten mich also ebenfalls für einen Narren«, entgegnete der Alte niedergeschlagen. Er nahm das Teleskop entgegen und ließ die Schultern hängen. Fast flehentlich sah er unter einem absurd weit vorgewölbten Brauenwulst zu Janeway auf.
Sie lächelte unwillkürlich.
»Sie glauben jetzt, ich sei nicht ganz richtig im Kopf«, sagte er leise. »Es tut mir sehr leid.«
»Nein, Nan Loteth. Sie klingen nicht wie ein Narr oder jemand, der den Verstand verloren hat.« Janeway berührte den Arm, dessen Hand das Teleskop hielt. »Sie klingen vielmehr wie ein Wissenschaftler.«
»Wie ein… Wissenschaftler?« wiederholte der Alte.
»Ja. Und wie ein guter obendrein.« Janeway drehte sich halb um und zeigte zum Himmel. Hier und dort zogen dichte Wolken aus vulkanischer Asche dahin, aber wo der Wind Lücken zwischen ihnen geschaffen hatte, zeigten sich nun immer mehr Sterne. »Wir stammen von einer Welt, die der Ihren ähnelt und eine andere Sonne umkreist. Doch unser Stern ist so weit entfernt, daß man ihn von hier aus gar nicht sehen kann. Die Entfernung ist sogar so groß, daß wir unsere Sonne vielleicht nie wiedersehen. Doch Ihr Volk könnte sie eines Tages erreichen.«
Nan Loteth atmete schneller. »Wie viele Sterne gibt es? Wie viele Welten?«
»So viele, daß man sie nicht zählen kann.«
Der Mund des Alten stand offen. »Und wie sind jene Welten beschaffen?«
»Viele von ihnen haben große Ähnlichkeit mit Ihrer«, erwiderte Janeway.
Der Boden erzitterte erneut – ein weiteres Nachbeben, das nur an den Nerven zerrte und die Lasttiere auf den Straßen erschreckte. Allerdings wußte Janeway: Es würde mehr Beben von der Art geben, die sie beim Shuttle erlebt hatten. Der Computer hatte sogar eine zunehmende Stärke berechnet. Wenn außerdem der Wind drehte…
Als die Erschütterungen nachließen, forderte Nan Loteth die Besucher auf, ihm über die Straße zu folgen. »Sie brauchen etwas zu essen«, sagte er. »Wir haben zwar nicht viel, aber Sie sollen bekommen, was uns zur Verfügung steht.« Er setzte sich in Bewegung, ließ den drei Außenweltlern gar keine andere Wahl, als ihm zu folgen. Das Publikum – inzwischen mehr als drei Dutzend Personen – schloß sich ihnen an und flüsterte.
»Tuvok«, begann Janeway, »könnten die Televek etwas mit den gegenwärtigen Ereignissen auf diesem Planeten zu tun haben? Besteht vielleicht ein Zusammenhang zwischen den gegenwärtigen Kataklysmen und der unterirdischen
Energiequelle beziehungsweise den Versuchen der Televek, sie zu erreichen?«
»Ich bezweifle, daß die Televek in der Lage sind, so ausgedehnte geologische Phänomene zu bewirken. Allerdings fällt es mir schwer zu glauben, daß ihre Präsenz in diesem Zusammenhang rein zufällig ist.«
Janeway nickte und fragte sich, ob ihre Überlegungen in die gleiche Richtung zielten. »Können Sie mir eine Erklärung anbieten?«
»Dazu bin ich leider nicht imstande. Menschen würden in diesem Zusammenhang vermutlich von einer… Ahnung
sprechen.«
Janeway richtete einen nachdenklichen Blick auf Tuvok. Sie kannte ihn schon seit vielen Jahren und wußte daher, daß er nicht weniger logisch dachte als andere Vulkanier. Aber seine Eigenschaften beschränkten sich nicht nur darauf, reichten über den Horizont der vulkanischen Rationalität hinaus. »Mr.
Tuvok… Offenbar färbe ich allmählich auf Sie ab.«
»Das würde ich für ein Kompliment halten, Sir«, teilte Kim dem Vulkanier mit, bevor Tuvok antworten konnte.
Tuvok holte tief Luft und ließ den Atem langsam entweichen.
»Nun gut, Mr. Kim. Ich werde Ihren Rat beherzigen.«
Sie gingen an Viehställen vorbei, von denen ein typischer Geruch ausging. In welchem Teil der Galaxis man sich auch befand: Ställe rochen immer gleich. Das nächste größere Gebäude wies eine weit geöffnete Doppeltür auf. Janeway sah hinein und erkannte eine Schmiede. Drei große Blasebälge hingen von der Decke herab; bedient wurden sie offenbar mit Hilfe von Pedalen. Zwei Drenarianer arbeiteten, schlugen mit Hämmern auf glühende Metallstücke. Raumschiffe werden hier bestimmt nicht gebaut, dachte Janeway.
Dieser Gedanke erinnerte sie an etwas.
»Mr. Tuvok, würden Sie mir zustimmen, wenn ich sage: Die Nähe der Televek zur subplanetaren Energiequelle kann wohl kaum ein Zufall sein?«
»Ja«, erwiderte der Vulkanier. »Ich bezweifle aber, daß die Televek jene Anlage kontrollieren. Oder daß es ihnen gelungen ist, sich Zugang zu ihr zu verschaffen. Dafür fehlt bisher jeder Hinweis.«
Janeway nickte. »In der Tat.«
»Aber sie bemühen sich auch weiterhin«, warf Kim ein.
Eine Frau mit drei Kindern wich beiseite, um sowohl die drei Fremden als auch die Schar hinter ihnen passieren zu lassen.
Niemand schien daran interessiert zu sein, ihnen den Weg zu versperren, aber es geriet auch niemand in Panik, was Janeway ein wenig überraschte. Sie richtete entsprechende Worte an Tuvok und Kim.
»Einem solchen Volk bin ich nie zuvor begegnet«, meinte der Vulkanier.
»Ich auch nicht«, fügte Kim hinzu und lächelte schief.
»Allerdings ist die Voyager auch meine erste Mission.«
»Das haben wir nicht vergessen«, versicherte ihm Janeway.
»In physiologischer Hinsicht sind die Drenarianer nicht annähernd so weit entwickelt wie zum Beispiel Menschen«, sagte Tuvok. »Trotzdem gibt es hier Erfindungen und Konzepte, die weit über das hinausgehen, was bei den frühen Menschen –
und auch bei meinen Vorfahren – üblich war.«
»Es besteht nach wie vor die Möglichkeit, daß die Bewohner dieses Planeten durch einen externen Einfluß manipuliert werden«, gab Kim zu bedenken.
»Ja«, räumte Tuvok ein. »Ich gehe jedoch von einer besonders hohen Intelligenz der Einheimischen aus.«
»Eine interessante Theorie, Mr. Tuvok«, sagte Janeway und fand Gefallen an dieser Vorstellung. Beim Menschen – und bei allen anderen hochentwickelten Spezies, denen die Menschheit inzwischen begegnet war – stellte die Intelligenz einen evolutionären Vorteil dar, eine Fähigkeit, die das Überleben erleichterte und es den damit ausgestatteten Geschöpfen ermöglichte, auf der Leiter der natürlichen Auslese einige Sprossen höher zu klettern. Bei den Drenarianern lief dieser Vorgang nur schneller ab. Sie hatten schon Beachtliches erreicht und würden es sicher weit bringen – vorausgesetzt, ihre Welt gab ihnen Gelegenheit dazu.
»Können Sie sich Neandertaler vorstellen, die derartige Siedlungen errichten und eine so gut organisierte
Landwirtschaft betreiben?« fragte Kim.
»Die Drenarianer sind wirklich ein bemerkenswertes Volk«, sagte Janeway. »Sie verdienen es, eine Zukunft zu haben.
Unglücklicherweise scheint dieser Planet anderer Auffassung zu sein.«
»Die Gefahren gehen nicht nur von der Umwelt aus, Captain«, ließ sich Tuvok vernehmen. »Bisher sind die Drenarianer von den Televek weitgehend in Ruhe gelassen worden, aber das muß nicht unbedingt so bleiben.«
»Ja. Vielleicht sollten wir ihnen dabei helfen, die Verteidigung zu organisieren.«
»Nan Loteth gehört nicht zu den Anführern dieses Volkes.«
Bei diesen Worten wandte sich Kim halb von dem vor ihnen gehenden Drenarianer ab. »Allerdings scheint man ihn als eine Art Weisen zu respektieren.«
»Es gibt hier Delegierte, die sich versammeln und einen regierenden Rat bilden, der Gesetze verabschiedet und mehrere regionale Oberhäupter unterstützt«, erklärte Tuvok. »Ich glaube, Nan Loteth gehört zu den Delegierten.«
»Das erinnert mich an die Irokesenföderation«, meinte Janeway.
Der Vulkanier musterte sie kurz. »Mit diesem Begriff bin ich nicht vertraut.«
»Die Irokesenföderation bestand aus den sechs Nationen der Onondaga, Mohawk, Seneca, Cayuga, Oneida und Tuscarora«, erwiderte Janeway. »Es handelte sich um Stämme der
amerikanischen Ureinwohner. Ihr Zusammenschluß garantierte den Frieden in einer großen Region. Als man die Verfassung der Vereinigten Staaten entwickelte, griff man auch auf die Ideen der Indianer zurück.«
»Ich schätze, diese Diskussion hätte Chakotay sehr gefallen«, sagte Kim.
»Wir erzählen ihm davon, wenn wir ihn wiedersehen«,
entgegnete Janeway. »Aber bevor wir dazu Gelegenheit erhalten, brauchen wir eine Möglichkeit zur Rückkehr. Die Televek sind der Schlüssel. Ich würde mir gern ihr Schiff aus der Nähe ansehen und feststellen, in welchem Zustand es sich befindet. Vielleicht entdecken wir Hinweise darauf, was sie planen.«
»Das können Sie von mir erfahren«, sagte Nan Loteth, der offenbar einen großen Teil des Gesprächs mitgehört hatte.
»Bitte berichten Sie uns davon«, forderte ihn Janeway auf.
»Die Dämonen wollen die Geister unserer Vorfahren stehlen.
Sie sind wegen der Jun-Tath hier.«
Tuvok neigte den Kopf ein wenig zur Seite. »Woher wissen Sie das?«
»Ich habe es in einer Vision gesehen. Die Geister selbst zeigten es mir. Es dürfte auch der wichtigste Grund dafür sein, daß Sie gekommen sind. Ihnen geht es nicht nur darum, uns zu helfen. Sie sind auch und vor allem hier, um die Jun-Tath vor den Dämonen zu schützen.«
»Aber wie könnte jemand einen Geist stehlen?« fragte Kim.
»Muß ich Sie daran erinnern, daß sich diese besonderen Geister von unseren Tricordern orten lassen?« erwiderte Tuvok.
»Und daß ihre elektromagnetischen Signaturen praktisch identisch sind mit denen der bisher noch nicht identifizierten subplanetaren Energiequelle?«
»Einer Energiequelle, an der sie sich gewissermaßen
zusammendrängen – und über der das Televek-Schiff gelandet ist«, fügte Janeway hinzu.
Kim verstand. »Sie vermuten also folgendes: Wenn es eine Verbindung zwischen den Geistern und der Energiequelle gibt, und wenn es den Televek um eben jene Energiequelle geht…
Dann folgt daraus, daß sie es auch auf die Geister abgesehen haben.«
»Eine logische Annahme«, bestätigte Tuvok.
Janeway nickte. »Das denke ich auch. Aus diesem Grund sollten wir versuchen, mehr über die Pläne der Televek zu erfahren und herauszufinden, welche Fortschritte sie bisher erzielt haben.« Sie sah Nan Loteth an. »Bitte bringen Sie uns so schnell wie möglich zum Himmelsschiff der Televek-Dämonen.«
»Einverstanden«, sagte der Drenarianer. »Aber zuerst müssen Sie etwas essen.«
Wenig später erreichten sie einen Verkaufsstand: Unter einer Plane stand ein Tisch am Straßenrand, und darauf zeigten sich Lebensmittel und Speisen. Eine junge Drenarianerin wartete auf der anderen Seite, lächelte und reichte Janeway etwas, das nach einer Süßkartoffel aussah. Sie wollte die Schale entfernen, doch die Verkäuferin riet ihr davon ab.
»Sie ist ein wenig bitter, und das paßt gut zum süßen Geschmack der Frucht.« Dann deutete sie einladend auf eine Schale mit dickflüssiger brauner Soße. Janeway tunkte die Knolle hinein, biß vorsichtig ab und dachte an den gräßlichen Trunk zuvor. Doch in diesem Fall stellte das Aroma eine angenehme Überraschung dar.
Die Drenarianerin freute sich, als sie Janeways Lächeln sah.
Sie reichte ihr einen kleinen Laib aus sehr dunklem Brot, das kandierte Fruchtstücke enthielt.
»Kim, erinnern Sie mich daran, daß ich mit Neelix über diese Leute rede«, sagte Janeway mit vollem Mund. Fähnrich Kim schien sofort zu verstehen, was sie meinte.
Als die Kommandantin den letzten Bissen mit einem
milchartigen und recht schmackhaften Getränk hinunterspülte, kam es zu einer neuerlichen und recht heftigen Erschütterung.
Der Tisch mit den Speisen wackelte, und Janeway glaubte zu hören, wie ihre Zähne klapperten. Bei diesem Beben kam es kaum zu sichtbaren Auswirkungen; man fühlte es eher. Es war nicht so stark wie das erste, aber es stellte eine
unmißverständliche Warnung dar.
Janeway gab den Becher der jungen Drenarianerin und wandte sich an Nan Loteth.
»Die Erdbeben sind eine große Gefahr«, sagte sie und hielt nun den richtigen Zeitpunkt für gekommen. »Aber das Problem beschränkt sich nicht darauf. Ihre Welt verändert sich.
Rätselhafte Kräfte sorgen im Innern dieses Planeten für Verschiebungen, und die letztendliche Konsequenz könnte darin bestehen, daß er auseinanderbricht. Vielleicht geschieht das in wenigen Wochen oder gar Tagen.«
Nan Loteth wirkte ernst, aber nicht schockiert. Sein Nicken wies Janeway darauf hin, daß sie ihn erneut unterschätzt hatte.
»Etwas stimmt nicht«, sagte er. »Etwas ist ganz und gar nicht in Ordnung. Die Erdbeben und die Vulkane im Süden sind nicht richtig. In den Überlieferungen werden keine derartigen Katastrophen erwähnt. Wir haben gehofft, daß uns die Jun-Tath Aufschluß und Rat geben, doch sie sprechen nicht über das, was mit unserer Welt geschieht.«
»Wann haben die Veränderungen begonnen?« fragte Tuvok.
Mit dem Tricorder sondierte er das jüngste Beben.
»Vor einem Jahr«, sagte Nan Loteth. »In der Nacht der dritten Sichel.«
Der Vulkanier nickte. »Und wie viele Beben waren so stark wie jenes, dem Captain Janeway fast zum Opfer gefallen wäre?«
»Viele. Die genaue Anzahl kenne ich nicht, aber sie kommen jetzt in kürzeren Abständen. Wir nahmen zuerst an, daß sich Berge und Boden wieder beruhigen würden, doch jetzt fürchten wir, daß alles noch schlimmer wird.« Der Drenarianer blickte zum dunklen, zornig wirkenden Himmel im Osten.
»Sie haben ein genaues Datum genannt«, sagte Janeway und sah in die gleiche Richtung. Sie wußte noch immer nicht, was sie von der ganzen Sache halten sollte. »Die dritte Sichel.«
»Handelt es sich dabei um ein religiöses Ereignis?« fragte Kim.
»Vielleicht«, erwiderte Nan Loteth.
»Soll das heißen, Sie wissen es nicht?« erkundigte sich Janeway erstaunt.
Der Blick des Drenarianers glitt einmal mehr zum Firmament empor. »Ich weiß nur, was ich durch mein Glas gesehen habe.
Die dritte Sichel unterscheidet sich von den beiden anderen. Sie ist kleiner und weist weitaus weniger Löcher auf.«
»Seltsam«, kommentierte Tuvok.
Kim musterte den Alten. »Was meinen Sie?«
»Den dritten Mond«, sagte Janeway und nickte sich selbst zu, als sie wie Nan Loteth zu dem matten Lichtstreifen sah, der am Himmelsgewölbe höher stieg. »Die Erdbeben begannen, als der dritte Mond eintraf?«
»Kurz danach, ja«, antwortete Nan Loteth.
»Vor einem Jahr?« fragte Tuvok.
»Ja. Und ich glaube nicht, daß sie aufhören werden, bevor der wandernde Mond wieder verschwindet«, sagte der Drenarianer.
Kapitel 9
Captain Janeway stand wie erstarrt, als sie plötzlich etwas verstand, das ihr schon vor einer ganzen Weile hätte klarwerden müssen. Tuvoks Miene deutete darauf hin, daß ihn die eigene Begriffsstutzigkeit mit Verlegenheit erfüllte.
Plötzlich paßte alles zusammen, und die Wahrheit wurde offensichtlich.
Die beiden größeren Monde bewegten sich in ähnlich
strukturierten Umlaufbahnen: Ein planetarer Beobachter gewann den Eindruck, daß sie einander hinterherjagten. Einer war Drenar Vier ein ganzes Stück näher als der andere, wodurch er den zweiten Mond gelegentlich zu überholen schien. Der Orbit des dritten und etwas kleineren Trabanten paßte ganz und gar nicht in dieses Bild.
Durch den Vorbeiflug des braunen Zwergs war das bis dahin stabile Gefüge aus Umlaufbahnen im Drenar-System
durcheinandergeraten. Vermutlich hatte der neue dritte Mond des vierten Planeten früher zu einem der äußeren Gasriesen gehört. Jetzt fügte er sein Gravitationsfeld den Gezeitenkräften der beiden anderen Monde hinzu. Das Ergebnis: eine Art kosmisches Tauziehen, das Drenar Vier zu verlieren drohte.
Wenn die Distanz zwischen den Monden auf ein Minimum schrumpfte, wenn sie sich, vom Planeten aus gesehen, in einer Linie formierten… Das war ein beachtenswertes Ereignis, gelinde gesagt.
»Die Frage lautet, wieviel Zeit haben wir noch?« murmelte Kim, der bereits eine Vorstellung von den Konsequenzen gewonnen hatte.
Tuvok betätigte die Schaltelemente seines Tricorders. »Ich versuche eine Berechnung«, verkündete er.
»Ja, bitte«, sagte Janeway und wartete. In vielen Bereichen wußte er genauso viel wie sie, doch als Vulkanier konnte er Daten schneller elaborieren und korrelieren.
Als die Sekunden verstrichen, wurde Janeway allmählich unruhig.
Kim erweckte den Eindruck, sich kaum mehr beherrschen zu können, und daraufhin fragte die Kommandantin: »Gibt es ein Problem, Tuvok?«
»Ja, Captain. Unter der planetaren Kruste sind gewaltige Magmamassen in Bewegung geraten, doch die Veränderungen in ihren Strukturen bleiben unvorhersehbar. Die allgemeine Destabilisierung wächst exponentiell. Zweifellos fällt Drenar Vier diesem Vorgang schließlich zum Opfer, wahrscheinlich in einigen Wochen, vielleicht in nur zwei oder drei. Aber…«
Tuvok sah zu Janeway, und sein leises Seufzen wies darauf hin, daß die nächsten Hinweise wenigstens zum Teil auf Spekulationen beruhten. Doch bei Tuvok mußte man auch solche Dinge in Erwägung ziehen. Er präsentierte nie etwas, das völlig ohne Hand und Fuß war.
»Fahren Sie fort«, sagte Janeway.
»Angesichts von Stärke und Häufigkeit der Beben halte ich es für möglich, daß die Kruste des Planeten schon viel früher auf eine katastrophale Weise aufbricht. Der Auslöser für einen solchen Vorgang könnte das gemeinsame Schwerkraftfeld der drei Monde sein. Durch die verstärkten Gezeitenkräfte gewinnen die seismischen Aktivitäten solche Ausmaße, daß diese Welt vermutlich unbewohnbar wird.«
»Die drei Monde kommen sich immer näher, nicht wahr?«
Kim blickte zum Nachthimmel hoch. Janeway nickte. Die dritte Sichel war inzwischen noch höher geklettert und glitt den beiden anderen Monden entgegen. Die einzelnen
Bewegungsrichtungen kündigten tatsächlich eine gemeinsame Formation an, die verheerende Folgen haben mochte.
»Ich glaube, es stimmt«, sagte Nan Loteth. Er schien einen großen Teil des Gesprächs verstanden zu haben. »Die
Zwillingsmonde haben sich immer einmal im Jahr getroffen, und jetzt deutet alles darauf hin, daß ihnen der wandernde Mond Gesellschaft leisten will.«
»Wie lange, Tuvok?« fragte Janeway. Sie stand direkt vor ihm und hielt unwillkürlich den Atem an, während er mit dem Tricorder arbeitete.
»Schwer zu sagen. Es sind einige zusätzliche Berechnungen nötig. Wenn ich die gegenwärtigen Daten als Analysegrundlage verwende, so erreichen die drei Monde ihre Minimaldistanz in…« Tuvok berührte einige Schaltflächen des kleinen Geräts und schüttelte den Kopf.
Janeway runzelte die Stirn. »Was ist los?«
»Ich wollte nur ganz sicher sein, Captain. Die lunare Minimaldistanz wird in neunundzwanzig Stunden und siebzehn Minuten erreicht.«
»Das habe ich befürchtet«, sagte Janeway. Sie atmete tief durch und spürte plötzlich eine seltsame Leere in ihrem Innern.
»Uns bleibt also nicht viel Zeit.«
»Captain…« Bei den letzten Worten des Vulkaniers hatte Kim seinen eigenen Tricorder aufgeklappt, um mit einer Sondierung zu beginnen. In seinem Gesicht zeigte sich nun ein
Hoffnungsschimmer. »Ich habe die Intensität der
elektromagnetischen Interferenzen gemessen und festgestellt, daß sie in diesem Gebiet erheblich geringer geworden sind. Es könnte uns jetzt gelingen, einen Kontakt zur Voyager herzustellen.«
»Versuchen Sie’s, Mr. Kim«, erwiderte Janeway.
Der Fähnrich klopfte auf seine Insignienkommunikator.
»Landegruppe an Voyager. Bitte melden Sie sich.«
»Sprechen Sie«, klang eine Stimme aus dem kleinen Kom-Lautsprecher. Sie war verzerrt und ließ sich nicht identifizieren, aber wenigstens konnte man sie verstehen.
Janeway aktivierte sofort ihren Kommunikator. »Hier ist der Captain.«
»Rollins hier, Sir. Sind Sie in Ordnung?«
Es fiel der Kommandantin nicht leicht, in den von statischen Störungen überlagerten Silben einen Sinn zu erkennen.
Hoffentlich kann uns Rollins besser hören, fuhr es ihr durch den Sinn.
»Ja, wir sind wohlauf.«
»Wir können Sie nicht erreichen. Ein planetares
Verteidigungssystem hindert uns daran.«
»Wie ist das System beschaffen?« fragte Tuvok.
»Nicht jetzt«, warf Janeway ein. »Mr. Rollins, hören Sie mir genau zu.«
Mit knappen Worten berichtete sie vom dritten Mond und der bevorstehenden Konstellation, die alle drei Trabanten von Drenar Vier auf Minimaldistanz brachte.
»Vielleicht bleibt den Bewohnern dieser Welt nur noch ein Tag«, fügte sie hinzu.
»Von uns ganz zu schweigen«, meinte Kim.
»Ja«, bestätigte Janeway. »Außerdem deutet alles darauf hin, daß ich in Hinsicht auf das zweite Televek-Schiff recht hatte.«
Sie zögerte und gewann den unangenehmen Eindruck, zu sich selbst zu sprechen. »Voyager?«
Keine Antwort. Kim und Tuvok versuchten, den Kontakt erneut herzustellen – ohne Erfolg.
»Die Verbindung ist wieder unterbrochen, Captain«, sagte Kim in einem entschuldigenden Tonfall, so als sei es seine Schuld.
Janeway fluchte leise. »Ich frage mich, ob man unsere Mitteilungen empfangen hat.«
»Selbst wenn unsere Informationen die Voyager erreicht haben…«, sagte Tuvok. »Von dort dürfen wir in absehbarer Zeit offenbar keine Hilfe erwarten.«
»Was hat die Sache mit dem Verteidigungssystem zu
bedeuten?« fragte Kim. »Die Probleme, mit denen wir es zu tun bekamen, wurden von den Televek verursacht.«
»Vielleicht gibt es einen Zusammenhang mit der
subplanetaren Energiequelle und der flüchtigen energetischen Aktivität in den Bergen«, überlegte Janeway. »Doch wenn das der Fall ist, so scheint das Verteidigungssystem gar nicht oder nicht richtig zu funktionieren.«
Tuvok wandte sich ihr zu. »Jene Entität, die Sie an Bord der Voyager besuchte… Hatten Sie den Eindruck, daß sie Teil eines Verteidigungssystems ist?«