STAR TREK
VOYAGER
MARK A. GARLAND
& CHARLES G. MCGRAW
GEISTERHAFTE
VISIONEN
Roman
Star Trek®
Voyager™
Band 7
Deutsche Erstausgabe
WILHELM HEYNE VERLAG
MÜNCHEN
HEYNE SCIENCE FICTION & FANTASY
Band 06/5407
Titel der amerikanischen Originalausgabe
STAR TREK®
VOYAGER™
GHOST OF A CHANCE
Übersetzung aus dem Amerikanischen von
ANDREAS BRANDHORST
Umwelthinweis:
Dieses Buch wurde auf
chlor- und säurefreiem Papier gedruckt.
Redaktion: Rainer Michael Rahn Copyright © 1996
by Paramount Pictures
Erstausgabe bei POCKET BOOKS,
a division of Simon & Schuster, Inc. New York
Copyright © 1997 der deutschen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München
Umschlagbild: POCKET BOOKS/Simon & Schuster, New York Printed in Germany 1997
Umschlaggestaltung: Atelier Ingrid Schütz, München
Technische Betreuung: M. Spinola
Satz: Schaber Satz- und Datentechnik, Wels
Druck und Bindung: Ebner Ulm
ISBN 3-453-12644-0
Für meine Frau Genevieve. Sie macht den großen
Unterschied.
M.A.G.
In Liebe und Dankbarkeit jenen Frauen,
die mein Leben bestimmt haben:
Elizabeth, Nancy, Nom. Mutter, Frau und Tochter.
C.G.M.
Wir danken Tyya Turner und John Ordover
für die Chance, die Voyager
bei ihrer Odyssee zu begleiten.
Besonderer Dank gebührt Angela Frey.
Sie half dabei,
die Ecken und Kanten zu glätten.
Kapitel 1
Commander Chakotays Seelengefährte besuchte ihn häufig in seinen Träumen. Mit ihm kamen nicht etwa Unruhe und
Verwirrung, sondern Klarheit und Visionen, die die äußere Welt wie das innere Universum für Chakotay durchschaubarer machten. Doch es war nicht jener Seelengefährte, der in dieser Nacht die Gedanken und Empfindungen des schlafenden
Commanders berührte. Statt dessen kam ein Geist.
Der Entität fehlte eine substantielle Gestalt – sie machte sich als ein kühler Luftzug bemerkbar. Langsam kam sie näher, tastete erst vorsichtig und zögernd nach dem Ruhenden. Doch ihre Unsicherheit währte nicht lange. Der Kontakt schien den Geist zu stimulieren, und daraufhin begann er mit einer Veränderung. Chakotay spürte so etwas wie… Aufregung.
Plötzlich sah er ins Selbst des Wesens.
Ihm präsentierten sich Bilder, die weniger fremdartig wirkten wie das Geschöpf, das sie brachte. Er sah eine herrliche Welt voller Leben, ausgestattet mit einer weiten und sehr vitalen Wildnis. Sie bewegte sich, und zwar so schnell, daß der Commander keine Einzelheiten mehr erkennen konnte. Als die Bilder wieder klare Konturen gewannen, sah er eine große Siedlung zwischen den Bäumen, das pulsierende Leben einer primitiven Kultur. Ihre Details blieben ihm verborgen, doch der allgemeine Eindruck veranlaßte ihn, an seine Vorfahren zu denken, an die indianischen Völker vor etwa tausend Jahren.
Die Häuser bestanden aus den Materialien, die der Wald zur Verfügung stellte, und das galt auch für die Kleidung. Nirgends gab es Anzeichen von Not oder Krieg. Auch diese Bilder blieben nur von kurzer Dauer und wichen anderen, die Chakotay mit Tod und Zerstörung konfrontierten. Ein anderer Ort? Eine andere Zeit?
Er beobachtete, wie sich der Boden öffnete, wie Meere verdampften und Berge das glutflüssige Innere des Planeten gen Himmel schleuderten. Die Welt schien entschlossen zu sein, mit heftigen Erdbeben und zornigem Feuer sich selbst und alles auf ihr zu vernichten.
Der Geist und die Bilder zogen sich aus Chakotays
Bewußtsein zurück und hinterließen eine Botschaft, die in seinem mentalen Kosmos widerhallte – bis er schließlich erwachte. Er richtete sich auf, und das stumme Bitten des Geistes filterte durch seinen Kopf, um von den Wänden der Unterkunft reflektiert zu werden.
Der Fremde hatte einen verzweifelten Hilferuf an ihn gerichtet.
Chakotay betrat die Brücke der Voyager und sah sofort zu Harry Kim an der Funktionsstation. Das leise Zischen der aufgleitenden Tür veranlaßte den Fähnrich, von den Kontrollen der Konsole aufzublicken. Für Kim, jüngstes und unerfahrenstes Mitglied der Brückencrew, war die Mission der Voyager in den Badlands der erste Einsatz im All gewesen. Inzwischen hatte er mehr als einmal Gelegenheit erhalten, seine Tüchtigkeit zu beweisen.
»Status?« fragte Chakotay.
»Wir erreichen das Drenar-System in elf Minuten«, erwiderte Kim. Ein anderer Fähnrich griff nach einem Datenblock mit dem aktuellen Statusbericht und brachte ihn dem Commander.
Chakotay sah kurz aufs Display und ließ seinen Blick dann über die Brücke schweifen. Seine Aufmerksamkeit verharrte kurz bei zwei Personen, zuerst bei Lieutenant Tom Paris. Der Terraner saß am Navigationspult und bedachte Chakotay mit einem Lächeln, das jetzt nicht mehr ganz so arrogant wirkte. Zwar stammte er aus einer Admiralsfamilie, aber seine manchmal übertriebene Selbstsicherheit ging nicht etwa darauf zurück; sie basierte auf Talent und Erfahrung.
Die zweite Person war Lieutenant Tuvok, einziger Vulkanier an Bord. Er stand an der taktischen Station rechts von Chakotay, und sein Interesse galt allein den Anzeigen seiner Konsole –
offenbar hielt er sie für wichtiger als etwas so Banales wie einen Gruß. Daran gab es für den Ersten Offizier nichts auszusetzen.
Die Voyager flog ständig durch unbekannten, unerforschten Raum, und deshalb kam der taktischen Station besonders große Bedeutung zu.
Chakotay holte tief Luft und gelangte zu dem Schluß, daß alles in Ordnung war. Er empfand diese Erkenntnis als sehr beruhigend und ließ den Atem langsam entweichen, fühlte dabei, wie sich die Reste der Anspannung in ihm verflüchtigten.
Die Erinnerungen an Träume und Visionen der vergangenen Nacht hafteten nach wie vor in seinem Gedächtnis, aber sie verloren nun ihren Platz in der Realität – es hatte sicher keinen Sinn, weitere Gedanken an sie zu vergeuden.
Ein Traum, weiter nichts, dachte er und versuchte, die Bilder ganz aus sich zu verbannen.
Die Visionen waren so intensiv gewesen, daß er fast damit gerechnet hatte, im Kontrollraum konkrete Hinweise auf die Existenz fremder Geschöpfe zu finden. Er hatte sogar die Logbücher und Aufzeichnungen der vergangenen
Dienstschichten überprüft, um festzustellen, ob während seiner Ruheperiode irgend etwas Ungewöhnliches geschehen war.
Doch das schien nicht der Fall gewesen zu sein.
Chakotay setzte sich wieder in Bewegung, schritt übers untere Deck der Brücke, vorbei an grauschwarzen Wänden und
Geländern. Das elektronische Glühen der
vielen Displays an den technischen und wissenschaftlichen Stationen wirkte irgendwie tröstlich.
»Noch sechs Minuten, Commander«, sagte Kim.
»In Ordnung. Captain zur Brücke.« Bei den letzten drei Worten hob Chakotay die Stimme, um das Interkomsystem zu aktivieren. Zwar stellte das Drenar-System nur eine
Zwischenstation für die Voyager dar, aber Kathryn Janeway verband besondere Pläne damit. Sie und Tuvok hatten eine neue, bisher lediglich theoretische Methode entwickelt, die Deuteriumtanks des Impulstriebwerks wieder aufzufüllen. In wenigen Minuten wollten sie ihre Ideen in der Praxis erproben.
Kurze Zeit später kam Captain Janeway auf die Brücke, dichtauf gefolgt von dem Talaxianer Neelix. Ihre Uniform saß tadellos, und sie hatte das Haar wie üblich zu einem Knoten zusammengesteckt – keine einzige Strähne ragte daraus hervor.
Mit seinem seltsam fleckigen Gesicht und dem Wuscheligen, orangefarbenen Haar bildete der kleine Neelix einen
auffallenden Kontrast zur Kommandantin der Voyager. In seiner bunten Kleidung sah er neben ihr fast wie ein Clown aus.
Sie bildeten jedoch ein gutes Team. Der eifrige und oft sehr launische Talaxianer lieferte immer wieder wertvolle Informationen, denn er stammte aus diesem Quadranten der Galaxis. Janeway war häufig auf Neelix’ Hinweise angewiesen.
Wie zuvor der Erste Offizier sah sich auch die Kommandantin kurz auf der Brücke um, bevor sie das untere Deck betrat, neben Chakotay stehenblieb und die Arme verschränkte. »Bericht«, sagte sie.
»Wir erreichen das Drenar-System in drei Minuten«, meldete Kim.
»Es befindet sich genau dort, wo es nach Neelix’ Auskunft sein sollte.« Paris drehte den Kopf und warf dem Talaxianer einen freundlichen Blick zu.
»Danke«, erwiderte Neelix fröhlich und verbeugte sich aus der Taille heraus. »In dem vor uns liegenden Sonnensystem finden Sie bestimmt Gelegenheit, Ihre Ideen auszuprobieren, Captain.
Es enthält mehrere Gasriesen, und fast alle von ihnen sind mit hübschen Monden ausgestattet, die das Herz eines jeden Raumschiffkommandanten höher schlagen lassen.«
»Danke, Neelix.« Janeway nickte knapp. Ein Lächeln huschte über ihre Lippen, bevor sie sich umdrehte. »Brücke an Maschinenraum.«
»Ja, Captain?« erklang die Stimme von B’Elanna Torres, zur einen Hälfte Mensch und zur anderen Klingonin.
»Wie sieht’s aus?«
»Wir sind mit den Vorbereitungen fertig und können jederzeit beginnen.«
»Sie haben noch nicht genau erklärt, was Sie planen«, sagte Neelix. Während er auf eine Antwort wartete, neigte er fast wie ein Vogel den Kopf zur Seite.
Janeway hatte die Details niemandem erläutert. Sie war Wissenschaftlerin gewesen, bevor sie Starfleet-Offizier wurde.
Deshalb vergaß sie manchmal, daß ihren Kollegen ein
entsprechender Hintergrund fehlte.
»Wir verwenden die Bussard-Bugschaufeln, um Rohstoffe von einem geeigneten Mond im Orbit eines Gasriesen zu gewinnen.
Wir hoffen, daß einige von ihnen über Atmosphären mit hohen Anteilen an Wasserstoff und Methan verfügen. Anschließend sollten wir in der Lage sein, die gesammelten Materialien in verwendbares Basisdeuterium zu verwandeln. Darum geht es Torres und mir.«
»Eine ausführliche Beschreibung des Umwandlungsvorgangs ist im Computer gespeichert«, warf Tuvok ein. »Ich nenne Ihnen gern die Datei, falls Sie daran interessiert sind.«
Neelix stellte keine entsprechende Frage.
»Wir haben die Koordinaten erreicht«, verkündete Kim.
»Gehen Sie auf Impulskraft«, wies ihn Chakotay an.
»Warptransfer wird beendet«, sagte Lieutenant Paris und berührte die entsprechenden Schaltflächen.
Als das Schiff in den Normalraum zurückkehrte, prallte es gegen eine Wand.
Captain Janeway fand sich unter dem Ersten Offizier wieder, war mit ihm nach links und zu Boden geworfen worden. Einen Sekundenbruchteil später kippte die Voyager nach rechts und schüttelte sich heftig. Alarmsirenen heulten. Das
Impulstriebwerk kreischte, und es wurde dunkler im
Kontrollraum. Bordsysteme fielen aus.
Janeways Kopf prallte aufs graue Deck, und sie biß sich auf die Zunge, schmeckte Blut. Chakotay versuchte, die
Orientierung wiederzugewinnen und von der Kommandantin herunterzurollen. Paris klammerte sich an seiner Station fest und versuchte, die Navigationskontrollen zu bedienen. Irgendwo hinter Janeway schnaufte Tuvok, als er gegen einen harten Gegenstand stieß.
Das Schiff schlingerte wieder nach links, wodurch die Brückenoffiziere erneut das Gleichgewicht verloren. Diesmal gelang es Janeway, sich am Geländer festzuhalten. Sie sah zur Seite und stellte fest, daß Tuvok noch immer an seiner Station stand – er bewies damit die gleiche Hartnäckigkeit wie Lieutenant Paris.
»Bericht, Mr. Tuvok!« rief sie, um das Heulen der Sirenen und das Donnern des Triebwerks zu übertönen.
»Wir befinden uns im Einflußbereich eines starken
Gravitationsfelds. Ich bemühe mich, die Quelle zu lokalisieren.«
»Das wäre sicher recht nützlich.«
»Captain…«, sagte der Vulkanier fast sofort. »Direkt voraus registrieren die Sensoren einen Stern, einen braunen Zwerg.«
»Ich versuche zu kompensieren«, ließ sich Paris vernehmen.
»Das Ding hat uns fest in seinem Griff.«
»Hier hat es keinen braunen Zwerg gegeben, da bin ich ganz sicher!« schrillte Neelix, der vor dem Kommandosessel lag.
»Und ich bin erst vor einigen Jahren im Drenar-System gewesen!«
»Die gesamte zur Verfügung stehende Energie wird ins Impulstriebwerk geleitet«, sagte Kim und ergriff damit die erforderlichen Maßnahmen.
»Maximalschub«, meldete Paris. »Wir kommen trotzdem nicht frei.« Er saß starr und steif in seinem Sessel, entspannte sich ein wenig, als die Erschütterungen nachließen. Doch unmittelbar darauf kam es zu heftigen Vibrationen, die bestrebt zu sein schienen, das Raumschiff zu zerreißen.
»Alle Abteilungen melden Fehlfunktionen«, sagte Kim, noch bevor ihn Janeway zu einem Statusbericht aufforderte.
Die Kommandantin schob sich am Geländer entlang, hielt sich immer mit mindestens einer Hand fest und näherte sich dem Kommandosessel. »Gibt es Verletzte?«
»Viele«, bestätigte Tuvok. »Aber glücklicherweise keine ernsten Fälle.«
Janeway hob den Kopf und sprach zur Decke.
»Maschinenraum, haben wir Warppotential? Wir müssen weg von hier.«
»Ja, Captain«, erwiderte B’Elanna. »Die oberen
Materiekonstriktoren sind eben gerade ausgefallen. Ich nehme eine Reinitialisierung vor. Geben Sie mir eine Minute.«
»Soviel Zeit haben wir nicht.«
Einige Sekunden verstrichen, und niemand sprach ein Wort.
Die Vibrationen wurden noch stärker – diesen Eindruck gewann Janeway, als sie mit gebeugten Knien auf dem zitternden Deck stand.
»Ich glaube, jetzt sind wir soweit, Captain«, berichtete B’Elanna früher als erwartet.
»Mr. Paris!« kam es scharf von Janeways Lippen.
»Warptransfer eingeleitet«, sagte der Navigator sofort.
Der Boden unter den Füßen der Kommandantin hob und
senkte sich. Ihre Hände schlossen sich fester ums Geländer, und Chakotay hielt sich am Sessel hinter ihm fest. Die dunkle Scheibe auf dem Hauptschirm geriet in Bewegung, aber sie verschwand nicht.
»Es genügt nicht, Captain«, brachte Lieutenant Paris hervor.
Er warf einen fast verzweifelten Blick über die Schulter. »Wir bleiben in dem Gravitationsfeld gefangen.«
»Maschinenraum, wir brauchen mehr Energie!« sagte Janeway mit Nachdruck.
»Sie haben bereits alles bekommen«, erwiderte Torres. Ihre Stimme verlor sich fast im akustischen Chaos des
Maschinenraums.
Janeway wandte sich den anderen Offizieren zu. »Tuvok, Kim, leiten Sie alles ins Triebwerk, auch die Energie der Lebenserhaltungssysteme!«
Von einem Augenblick zum anderen wurde es fast völlig dunkel auf der Brücke – das einzige Licht stammte jetzt von der Notbeleuchtung. Die Voyager schüttelte sich einmal mehr, als das energetische Potential des Triebwerks erneut wuchs.
Janeway sah zum Hauptschirm und beobachtete, wie die Sterne vor dem Bug des Schiffes zur Seite glitten, gefolgt von der dunklen Scheibe. Aber auch diesmal hörte die Bewegung schon nach wenigen Sekunden auf.
»Captain…«, ertönte B’Elannas Stimme aus dem Lautsprecher der internen Kommunikation. »Wenn ich einen Vorschlag unterbreiten darf…«
Janeway kniff die Augen zusammen, als sie ahnte, welchen Vorschlag die Chefingenieurin machen wollte.
»Notbeschleunigung«, sagte sie leise.
»Ja«, bestätigte Torres. »Wenn wir der
Impulsreaktionskammer etwas Antimaterie hinzufügen…
Dadurch bekommen wir vielleicht die benötigte zusätzliche Energie.«
»Eine verheerende Explosion wäre nicht ausgeschlossen«, warnte Chakotay.
Janeway sah ihn an und hob eine Braue.
Wie unschuldig zuckte er mit den Schultern. »Aber lassen Sie sich davon nur nicht aufhalten.«
»Also los!« sagte Janeway.
Zunächst änderte sich nichts am Heulen des Triebwerks und den heftigen Vibrationen. Dann meldete B’Elanna: »Das Hinzufügen der Antimaterie erfolgt… jetzt!«
Die Voyager sauste nach vorn, wie ein Boot, das plötzlich von einer Welle erfaßt wurde und auf ihr ritt.
»Belastung der Außenhülle übersteigt das äußerste Limit«, sagte Tuvok ruhig.
Janeway warf ihm einen kurzen Blick zu. »Wir bleiben bei Vollschub, Mr. Paris.«
»Aye, Captain.«
»Wir kommen frei!« rief Kim, und Janeway spürte es
ebenfalls. Diesmal verharrten die Sterne auf dem Hauptschirm nicht nach wenigen Sekunden. Das zusätzliche
Bewegungsmoment trug die Voyager fort vom braunen Zwerg.
»Wir verlieren unser Warppotential«, sagte Paris plötzlich.
Funken stoben aus mehreren Konsolen im Kontrollraum. Hier und dort flackerten kleine Flammen, und von verschmorten elektronischen Komponenten stieg Rauch auf. Spezielle Sicherheitssysteme reagierten sofort und erstickten die Flammen, während mehrere Offiziere nach den Feuerlöschern griffen und sie bereithielten – bis sich herausstellte, daß sie nicht gebraucht wurden.
»Das energetische Niveau des Impulsantriebs ist auf normale Werte gesunken«, informierte Paris die Kommandantin.
»Außerdem funktioniert das Triebwerk – noch.«
»Setzen Sie den Flug ins Drenar-System mit halber
Impulskraft fort«, wies Janeway den Navigator an. »Und geben Sie mir Bescheid, wenn sich der Zustand des Triebwerks verschlechtert.«
»Transferierte Energie wird in die Lebenserhaltungssysteme zurückgeleitet«, sagte Kim, und seine Finger huschten über die Schaltelemente. Die Dunkelheit wich aus dem Kontrollraum, und der Computer rejustierte die Ambientensysteme.
Ventilatoren saugten den Rauch fort.
Janeway nahm im Kommandosessel Platz, lehnte sich zurück und empfing Schadensberichte. Der Zustand der Brücke ließ sie Schlimmes ahnen.
Ihre Erwartungen wurden nicht enttäuscht.
»Fast alles ist ausgefallen«, berichtete B’Elanna Torres und bestätigte damit die bereits von Tuvok übermittelten schlechten Nachrichten. »Der Hauptcomputer hat Belastungen festgestellt, die groß genug waren, um den Warpkern zu deaktivieren. Das Warptriebwerk, Phaser, Transporter sowie alle anderen Installationen, die viel Energie verbrauchen, sind derzeit lahmgelegt. Das uns verbliebene energetische Potential verwende ich fürs zentrale Computersystem, den Impulsantrieb und die Lebenserhaltung. Das ist ein erster, vorläufiger Überblick. Erst nach einer vollständigen technischen Diagnose kann ich Ihnen sagen, ob das alles ist oder ob wir noch schlimmer dran sind.«
Janeway runzelte die Stirn. Eine lange, blonde Strähne hatte sich aus dem Knoten gelöst und hing ihr nun ins Gesicht, schien sie zu verspotten. Sie strich den dünnen Haarstrang beiseite, aber er kehrte sofort zurück. »Wenigstens sind wir nicht manövrierunfähig.«
»Nein, Captain«, sagte B’Elanna. »Aber gehen Sie vorsichtig mit dem Impulstriebwerk um. Wer weiß, was die letzten Erschütterungen angerichtet haben.«
»Navigation?«
»Die Voyager reagiert ein wenig träge, aber sie läßt sich auch weiterhin steuern, Captain«, sagte Paris.
»Gut.« Janeway wandte sich ein wenig nach links. »Mr.
Neelix, ich möchte noch einmal mit ihnen reden.«
Der Talaxianer wirkte ziemlich mitgenommen, als er aufstand und mit zitternden Händen seine bunte Kleidung glattstrich.
»Captain… Ich muß zur Krankenstation, um festzustellen, wie es Kes geht.«
»Ja, gewiß. Aber bitte sagen Sie mir zuerst, was Sie über den braunen Zwerg wissen. Ich möchte möglichst viel über ihn erfahren.«
»Da sind Sie bei mir an der falschen Adresse, Captain. Für mich war er eine ebenso große Überraschung wie für Sie. Wenn ich doch nur von seiner Existenz gewußt hätte…«
»Verstehe.« Der Talaxianer war kein Lügner, und unter den aktuellen Umständen bedeutete das für Janeway: Sie mußte das Rätsel des braunen Zwergs selbst lösen. »Na schön, Sie können gehen.«
Neelix drehte sich um und eilte durch die offene Tür des Turbolifts. Nichts geschah.
»Offenbar müssen Sie noch etwas länger auf der Brücke bleiben«, sagte Tuvok mit der für den Vulkanier typischen Bestimmtheit.
Zum erstenmal seit Beginn des Zwischenfalls lächelte Janeway. Aber sie wurde fast sofort wieder ernst. »Mr. Tuvok, setzen Sie sich mit der Krankenstation in Verbindung und finden Sie heraus, wie es um Kes steht. Was die anderen betrifft… Versuchen Sie, die ausgefallenen Bordsysteme zu reaktivieren. Mr. Paris, nehmen Sie Kurs auf den größten Gasriesen. Ich sehe keinen Grund, einfach nur zu warten und zu schmollen. Mr. Kim, volle Sensorsondierung. Sammeln Sie möglichst viele Daten. Beginnen Sie mit dem braunen Zwerg und scannen Sie anschließend das ganze Drenar-System. Ich brauche Informationen. Wenn welche vorliegen, so transferieren Sie die Daten zum Terminal des Bereitschaftsraums.« Sie stand auf. »Ich möchte wissen, was hier vor sich geht.«
Kapitel 2
Die Offiziere bestätigten und machten sich an die Arbeit.
Janeway seufzte tief und blickte erneut zum Hauptschirm. Des Drenar-System bestand aus einer Sonne vom G-Typ und elf Planeten. Eigentlich zeigte es keine Besonderheiten, und eines stand fest: Es war nie ein Doppelsternsystem gewesen. Die Konstellation der Planeten bot einen deutlichen Hinweis. Mit ein wenig Glück konnten hier einige interessante
astrophysikalische Daten gewonnen werden. Und mit noch etwas mehr Glück war die Voyager imstande, es nach einigen Tagen wieder zu verlassen. Aber derzeit wagte es Janeway nicht, sich so etwas wie Glück zu erhoffen.
Sie überließ Chakotay das Kommando und zog sich in den Bereitschaftsraum zurück.
Derzeit bestand ihre einzige Hoffnung darin, daß es der Crew tatsächlich gelang, zumindest die wichtigsten Bordsysteme zu reparieren, so daß die Voyager ihre lange Heimreise fortsetzen konnte. Es gab noch viele andere Sonnensysteme, Orte, wo sie Hilfe und benötigte Versorgungsgüter bekommen konnten – das hatte Neelix der Kommandantin versichert. Aber solange das Schiff praktisch aktionsunfähig war, nützten ihnen jene Oasen der Sicherheit überhaupt nichts.
In diesem Quadranten der Galaxis existierte nichts Vertrautes.
Hier konnte man nicht einfach zur nächsten Starbase fliegen, um umfangreiche Instandsetzungsarbeiten durchführen zu lassen –
oder um Zuflucht zu suchen. Die Besatzungsmitglieder versuchten, nicht über diese bittere Wahrheit nachzudenken, aber seit einiger Zeit ließen sich solche Gedanken kaum mehr vertreiben.
Janeway blinzelte, um die Finsternis aus ihren Überlegungen zu verbannen. Sie konzentrierte sich wieder auf die
Datenkolonnen, die ihr das Terminal im Bereitschaftsraum zeigte. Die Flugbahn des braunen Zwergs ließ sich problemlos feststellen – sie führte geradewegs durchs Drenar-System. Auf die Voyager hatte er fast katastrophal gewirkt, und bestimmt blieb er auch nicht ohne Konsequenzen für dieses
Sonnensystem. Die Kommandantin war mit entsprechenden Berechnungen beschäftigt, als der Türmelder summte. Sie sah auf. »Herein.«
Das Schott glitt beiseite, und Commander Chakotay betrat den Bereitschaftsraum. »Wir haben den größten Mond des sechsten Planeten erreicht und sind in eine Umlaufbahn geschwenkt, Captain«, sagte er. »Das Impulstriebwerk scheint zuverlässig zu funktionieren, und wir brauchen noch immer Rohmaterial für unseren Treibstoff. Jetzt sogar noch dringender als vorher. Ich sehe keinen Grund, warum wir darauf verzichten sollten, Ihren ursprünglichen Plan durchzuführen. Wenn Sie gestatten, beginnen Tuvok und Kim mit dem Experiment.«
»Einverstanden, und danke«, erwiderte Janeway. Sie hatte diese Angelegenheit mit den Führungsoffizieren erörtern wollen, und es freute sie, daß sie ihr einen Schritt voraus waren.
»Ich kehre gleich auf die Brücke zurück.«
»Haben Sie die Verletztenliste gesehen?«
Janeway hielt unwillkürlich den Atem an. »Nein.«
»Nichts Ernstes. In den meisten Fällen nur blaue Flecken und Hautabschürfungen. Ein Besatzungsmitglied hat sich den Arm gebrochen. Glücklicherweise passierte es in der
Krankenstation.«
»Gut.« Janeway nickte und blickte wieder auf den Bildschirm.
»Allerdings betrifft die Sache Kes.«
Daraufhin sah Janeway wieder auf. Kes war eine Ocampa, gehörte damit zu einer Spezies, deren durchschnittliche Lebenserwartung nur neun Standardjahre betrug. Mit gut einem Jahr galt Kes nach den Maßstäben ihres Volkes als Erwachsene.
Andererseits war sie noch jung genug, daß Verletzungen schnell heilen würden. Vermutlich ging es ihr nicht annähernd so schlecht, wie Neelix befürchtete.
Chakotay zuckte mit den Achseln. »Inzwischen funktionieren die Turbolifte wieder, was bedeutet: Neelix befindet sich jetzt nicht mehr im Kontrollraum, sondern weilt bei Kes.«
Janeway klopfte auf ihren Insignienkommunikator. »Captain an Krankenstation. Wie geht es Kes?«
»Eigentlich recht gut«, antwortete der holographische Arzt.
»Obwohl die anderen Patienten sicher froh wären, wenn sich Kes wieder um sie kümmern würde. Sie ist mir eine große Hilfe.
Ich…«
Janeway wartete und wechselte einen Blick mit dem Ersten Offizier, als die Stille andauerte.
»Ich verstehe«, sagte die Kommandantin schließlich. »Sie ist wirklich bemerkenswert.«
»Morgen kann sie die Arbeit wieder aufnehmen. Eine Zeitlang dürfte sich der Arm noch etwas steif anfühlen, aber das geht vorbei…«
Erneut wartete Janeway.
Der Arzt klang recht fröhlich, und das fand sie erstaunlich genug. Der holographische Doktor war das Produkt eines medizinischen Notprogramms, das schon seit einer ganzen Weile die Pflichten des Bordarztes wahrnahm, und zwar zur vollen Zufriedenheit von Janeway. Allerdings neigte er dazu, manchmal ein wenig… exzentrisch zu sein.
»Ja?« hakte die Kommandantin nach.
»Captain…« Die Stimme des Arztes war jetzt kaum mehr als ein Flüstern. »Ich wäre Ihnen außerordentlich dankbar, wenn Sie eine Aufgabe für Mr. Neelix finden könnten… eine Aufgabe, die seine Anwesenheit an einem anderen Ort
erfordert.«
»Mal sehen«, erwiderte Janeway, unterdrückte ein Kichern und unterbrach die Verbindung.
»Ich füge das meiner Zu-erledigen-Liste hinzu«, sagte Chakotay und lächelte, als er den Bereitschaftsraum verließ.
Janeway blieb zunächst am Terminal sitzen und sah sich noch einmal die grafische Darstellung der Flugbahn des braunen Zwergs an. Er war so nahe ans Zentralgestirn Drenar
herangekommen, daß das Ergebnis fast aus einem neuen Doppelstern bestanden hätte. In diesem System ließen sich zweifellos hochinteressante Daten gewinnen, vorausgesetzt natürlich, man brachte genug Zeit für eingehende
Untersuchungen mit. Und genau daran mangelte es ihnen: an Zeit.
Wie dem auch sei: Sie konnten die Gelegenheit nutzen, um Meßergebnisse aufzuzeichnen – um sie dann später, während des Flugs durch die Galaxis, zu analysieren.
Nach einigen Sekunden schüttelte Janeway den Kopf.
Eigentlich war es sinnlos, weiterhin am Terminal zu sitzen. Sie wies den Computer an, die Berechnungen fortzusetzen, stand auf und kehrte in den Kontrollraum zurück.
»Mr. Tuvok …«, sagte Janeway, als sie die Brücke betrat.
»Es ist alles vorbereitet, Captain«, erwiderte der Vulkanier.
»Der Hauptdeflektor wurde rekonfiguriert, und die übrigen Anpassungen sind ebenfalls vorgenommen worden.«
Kim saß an der Funktionsstation und nickte. »Die
Manövrierdüsen halten unsere Position stationär«, sagte er. »Ich habe gerade genug Energie vom Impulstriebwerk abgezweigt.«
Janeway sank in den Kommandosessel und hob zwei Finger zum Kinn. »Also gut. Fangen wir an.«
»Aktiviere Bussard-Bugschaufeln«, ließ sich Tuvok
vernehmen. Die Kommandantin sah auf ihren Monitor und beobachtete, wie vor den beiden Warpgondeln zwei Kraftfelder entstanden und sich nach vorn dehnten. Normalerweise dienten sie dazu, während eines Warptransfers interstellaren Wasserstoff zu sammeln.
»Strukturbeugung des Deflektorfelds initialisiert«, sagte Kim und bediente die Kontrollen seiner Konsole.
»Feldüberlagerung herbeigeführt, Mr. Kim«, sagte Tuvok.
»Sie können damit beginnen, sie nach unten zu lenken.«
»Richtungsveränderung beginnt… jetzt.«
Janeway sah, wie sich die beiden Kraftfelder überlagerten, sich gewissermaßen umschlangen und eine Art Trichter bildeten, der langsam nach unten kippte, in einem Winkel von fast
fünfundvierzig Grad. Rein theoretisch sollten sie imstande sein, das an Wasserstoff reiche Gasgemisch in den oberen
Atmosphäreschichten aufzunehmen und zu den Kollektoren in den Warpgondeln zu leiten.
»Bringen Sie uns ein wenig näher, Mr. Paris«, forderte Chakotay den Navigator auf. Langsam glitt die Voyager dem Mond entgegen.
Die Öffnung des Trichters füllte sich allmählich mit dünnen Wolken aus Wasserstoff und Methan, als die beiden miteinander verbundenen Kraftfelder über den peripheren Bereich der Atmosphäre glitten. Ein rätselhafter Wind schien das Gas in den energetischen Trichter zu wehen. Paris brachte das Schiff weitere hundert Kilometer tiefer, stieß damit fast an die Leistungsgrenze der Manövrierdüsen. Doch innerhalb weniger Sekunden kollabierten die beiden Kraftfelder, als sie ein größeres Volumen an gasförmigen Substanzen aufnahmen.
»Zuviel«, sagte Janeway. »Steuern Sie uns wieder höher.«
Als sich die Voyager vom Mond entfernte, wurden die Kraftfelder wieder stabil.
»Das Experiment ist erfolgreich, wenn auch in einem
begrenzten Rahmen«, stellte Tuvok fest.
»Danke«, tönte B’Elannas Stimme aus den Kom-
Lautsprechern.
Janeway sah von ihrem Monitor auf und lächelte. »Ich schätze, damit können wir leben. B’Elanna, für wie lange lassen sich die Kraftfelder auf diesem Niveau stabilisieren?«
»Für ungefähr siebenundzwanzig Minuten.«
»Gut. Vielleicht versuchen wir es später noch einmal.
Zunächst einmal möchte ich die Sondierung des Sonnensystems vervollständigen. Die bisherigen astrophysikalischen Daten sind schon bemerkenswert genug, aber bestimmt gibt es hier noch viel mehr.«
»Das glaube ich auch, Captain«, sagte Chakotay. »Die ersten gewonnenen Daten deuten auf die Notwendigkeit weiterer Untersuchungen hin. Der vierte Planet weist offenbar eine überaus reiche Biosphäre auf. Vielleicht kommt er sogar als Nachschubquelle für Nahrungsmittel in Frage. Und…« Er unterbrach sich und schüttelte den Kopf.
»Was ist?«
»Oh, nichts.«
Janeway spürte, daß es noch mehr gab. Einige Sekunden lang wartete sie stumm und musterte den Ersten Offizier. »Sie verschweigen mir etwas.«
»Kann ich unter vier Augen mit Ihnen reden?« fragte
Chakotay nachdenklich.
Die Kommandantin fand dieses Anliegen recht seltsam.
»Tuvok, Sie haben die Brücke.« Sie drehte sich um.
»Commander, gehen wir in meinen Bereitschaftsraum.«
»Na schön«, sagte sie, als sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte. »Was ist los?«
»In der vergangenen Nacht hatte ich eine Vision.« Chakotays Blick wanderte wie unstet durch den Raum, bevor er schließlich zu Janeway fand. »Oder eine Vorahnung. Ich weiß nicht, welche Bezeichnung angemessener ist, denn so etwas habe ich noch nie zuvor erlebt. Ich erhielt Besuch von… von einem Geist.«
Janeway trat durchs kleine Zimmer und nahm auf dem Sofa an der gegenüberliegenden Wand Platz. »Von einem Geist?«
wiederholte sie. Der Commander setzte sich nicht, ging auf und ab, als er von der wunderschönen Welt und ihren Bewohnern erzählte, dann auch von den Bildern der Verheerung und dem Hilferuf berichtete.
»Wenn jene Bilder die Realität widerspiegeln, wenn sie ›echt‹
sind…«, sagte Chakotay. »Dann gilt das auch für den Ruf um Hilfe.«
»Glauben Sie, daß wir den Fremden – wer auch immer sie sind
– helfen können?«
»Ich weiß es nicht. Aber ich würde dieser Angelegenheit gern auf den Grund gehen.«
»Sie denken dabei an den vierten Planeten dieses
Sonnensystems, nicht wahr?« fragte Janeway.
»Nur er kommt in Frage. Die Welt könnte durchaus bewohnt sein, und erste Spektralanalysen der Atmosphäre weisen auf vulkanische Aktivität hin. Und noch etwas, Captain. Ich habe beim Doktor in der Krankenstation nachgefragt. Einige Besatzungsmitglieder klagten über Alpträume und darüber,
›Dinge‹ zu sehen. Die ›Visionen‹ betreffen nicht nur mich.«
»Gibt es auch inhaltliche Parallelen?«
»Zwei Personen sprachen von ›Geistern‹.«
Janeway musterte den Ersten Offizier einmal mehr. »Soll das heißen, es spukt an Bord der Voyager? «
»Ich weiß es nicht.«
Dünne Falten bildeten sich in Janeways Stirn. »Als ob wir nicht schon genug Probleme hätten.«
Chakotay hob beide Brauen, wodurch die indianische
Tätowierung an der linken Stirnseite in Bewegung geriet. »Ja«, sagte er. »Aber ich dachte… Nun, da wir schon einmal in der Nähe sind…«
»… sollten wir uns die Sache genauer ansehen.« Die
Kommandantin nickte. »Auch ich bin von diesem
Sonnensystem fasziniert. Ich plane detaillierte Untersuchungen, die auch den vierten Planeten sowie die Frage betreffen, welche Auswirkungen der braune Zwerg auf das dortige Leben hatte, falls welches existiert. Aber wenn es auf jener Welt eine prätechnische Zivilisation gibt…«
»Dann halten wir uns von ihr fern. Ja, ich habe Ihre ach so wichtige Erste Direktive nicht vergessen.« Bei diesen Worten erklang deutliche Unzufriedenheit in Chakotays Stimme.
»Die Erste…« Janeway unterbrach sich, als der Türmelder summte. »Herein«, sagte sie, und Tuvok betrat den Raum.
»Unsere Treibstoffvorräte sind fast vollständig erneuert, Captain. Das Impulstriebwerk arbeitet mit einer Kapazität von achtzig Prozent, doch nach Lieutenant Torres’ Schätzungen sind für die Reparatur der übrigen Systeme sowie die
Reinitialisierung des Warpkerns mehrere Tage erforderlich.«
»Tage?« entfuhr es Chakotay, und damit kam er Janeway um einen Sekundenbruchteil zuvor.
»Offenbar bleiben wir eine ganze Weile ›in der Nähe‹«, sagte die Kommandantin und warf dem Ersten Offizier einen
bedeutungsvollen Blick zu. Sie widerstand der Versuchung, noch einmal alles durchzugehen, auf die möglichen Folgen und Konsequenzen hinzuweisen – als Starfleet-Captain fühlte sie sich unter solchen Umständen immer dazu verpflichtet. Aber sie wußte auch, daß Chakotay ihre Bedenken inzwischen gut kannte.
»Nun gut. Mr. Tuvok, wir führen eine genaue Untersuchung dieses Sonnensystems durch. Mehr kann ich derzeit nicht in Aussicht stellen.« Sie erhob sich, blieb vor Chakotay stehen und sah ihm in die Augen. »Dieser Teil der Galaxis ist uns fremd.
Ich respektiere Ihre Instinkte und Überzeugungen ebenso wie Ihren Wunsch, das Rätsel der Visionen zu lösen. Doch die Voyager kann nicht jedesmal dann die Erste Direktive über Bord werfen, wenn es Ihnen oder jemand anders gefällt.«
»Ich verstehe. Aber wenn sich ein fremdes Volk mit uns in Verbindung setzt, dürfen wir uns nicht einfach zurückziehen und auf die Rolle von Beobachtern beschränken.« Mit diesem Hinweis setzte Chakotay eine Diskussion fort, die seit der Begegnung mit dem Beschützer, seiner gewaltigen Raumstation und den Ocampa stattfand.
»Ich möchte folgendes betonen«, warf Tuvok ein. »Aktivität und Passivität können gleichermaßen ernste Konsequenzen nach sich ziehen, für die wir rein theoretisch Verantwortung tragen.«
»Meinen Sie Verantwortung der Gegenwart oder der Zukunft gegenüber?« fragte Janeway.
»Sowohl als auch«, sagte Chakotay. Er beugte sich ein wenig vor, und Sorge zeigte sich in seinen Augen. »Allerdings leben wir jeweils nur heute.«
»Wenn es auf Drenar Vier Bewohner gibt, die noch nie ein Raumschiff oder irgendwelche Besucher aus dem All gesehen haben, so wird kein Kontakt irgendeiner Art stattfinden«, entschied Janeway. »Wir achten die Vorschriften der Ersten Direktive. Ist das klar?«
»Ja, Captain«, bestätigte Chakotay. Er rang sich ein Lächeln ab.
»Wenn die Treibstoffaufnahme abgeschlossen ist, fliegen wir mit halber Impulskraft nach Drenar Vier und nehmen unterwegs weitere Analysen vor«, wandte sich Janeway an die beiden Offiziere. »Halten Sie sich gegenseitig auf dem laufenden. Und teilen Sie den anderen mit, daß Torres nicht gestört werden darf.
Sie können gehen.«
Sie sah ihnen nach, ging dann zum Schreibtisch und setzte sich. Mit halber Impulskraft erreichte die Voyager den vierten Planeten erst gegen Mittag des nächsten Tages. Janeway wußte, daß sie die Zeit nutzen sollte, um zu schlafen und sich auszuruhen. Sie beschloß, es zumindest zu versuchen. Jeweils nur ein Tag, wiederholte sie in Gedanken Chakotays Worte und schüttelte den Kopf, als sie zu ihrem Quartier zurückkehrte.
Dort verbrachte sie einige Stunden im Bett, fand jedoch kaum Ruhe. Nach einer Zeit, die ihr wie eine halbe Ewigkeit erschien, stand sie wieder auf und zog die Uniform an. Einige Minuten später saß sie wieder im Bereitschaftsraum und ließ sich vom Terminal die neuesten Daten zeigen.
Das Drenar-System war alt genug für die Entwicklung von intelligentem Leben, und der vierte Planet schien recht angenehme Umweltbedingungen zu bieten. Außerdem hatte er drei große Monde, was recht ungewöhnlich war für einen so sonnennahen Planeten.
Als die Entfernung schrumpfte, ermittelten die Sensoren und Scanner weitere Daten. Es gab keine Anzeichen für eine industrielle Kultur, wie Janeway vermutet hatte. In den oberen Schichten der Atmosphäre fehlten die dafür typischen Gase wie zum Beispiel Kohlenwasserstoffe, und es ließen sich auch keine künstlichen Strahlungsquellen feststellen. Doch als die Nachtseite des Planeten sichtbar wurde… Auf dem größten Kontinent gab es viele kleine Feuer, die unmöglich natürlichen Ursprungs sein konnten.
Janeway lehnte sich zurück und nickte. Nach dem
gegenwärtigen Stand der Dinge konnte Chakotay kaum
glücklich sein. Sie rieb sich die Augen, wandte sich von der Konsole ab… und spürte einen kühlen Hauch, als sei eine Tür zum Weltraum geöffnet worden. Sie schauderte, hob den Kopf und war plötzlich sicher, daß sich noch jemand im
Bereitschaftsraum befand.
Kapitel 3
Die Entität schwebte über dem Boden, war ohne Substanz und gestaltlos, aber an ihrer Existenz konnte kein Zweifel bestehen.
Ein inneres Licht glühte in ihr und schien in ständiger Veränderung begriffen zu sein. Das Etwas wirkte wie ein Phantom, wie ein… Geist.
Captain Janeway erhob sich langsam und beobachtete, wie farbige Schlieren zu Bändern wurden, der Entität Konturen verliehen. Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch der Besucher kam ihr zuvor. Er sprach nicht mit Worten, sondern mit Bildern, die zunächst ebenso vage und schemenhaft blieben wie der Geist, dann aber rasch an Klarheit gewannen.
Vor ihrem inneren Auge betrachtete Janeway jene Szenen, die ihr Chakotay beschrieben hatte. Sie sah ein sterbendes Volk, von heftigen Erdbeben zerstörte Häuser, aufplatzende Erde und einen Himmel, der in Flammen zu stehen schien. Überall zogen Rauchschwaden dahin; Ruß und graue Asche bedeckten den Boden.
Immer düsterer wurden die Visionen, und schließlich kehrte ein wenig Licht in sie zurück. Janeways visionärer Blick strich nun über eine weitere, grasbewachsene Ebene hinweg.
Dutzende von Humanoiden lagen auf dem Boden, und die meisten von ihnen hielten primitive Waffen in den Händen: Messer und Armbrüste, Äxte und Schleudern. Sie trugen schlichte, zerrissene Kleidung, und gräßliche Brandwunden zeigten sich an den Körpern. Sie erschienen der Kommandantin auf schreckliche Weise vertraut…
Wieder wogte Dunkelheit heran, begleitet von einer Botschaft, die keine Worte oder Bilder benötigte. Janeway wußte einfach, daß der Geist die verzweifelte Bitte um Hilfe übermittelte.
Anschließend wich die fremde Präsenz aus ihren Gedanken, und daraufhin erwachten wieder die externen Sinne. Sie sah, wie sich nicht nur die Bilder auflösten, sondern auch die geisterhafte »Gestalt« des Besuchers. Die vertrauten Konturen des Bereitschaftsraums nahmen seinen Platz ein. Janeway fühlte eine Welle der Erschöpfung, als sich das fremde Selbst ganz aus ihr zurückzog. Sie versuchte aufzustehen und wäre fast gefallen.
Mit beiden Händen stützte sie sich am Schreibtisch ab, schloß die Augen und atmete mehrmals tief durch, bis der
Schwächeanfall vorüber war. Als sie ihn überstanden glaubte, räusperte sie sich, strich ihre Uniform glatt und ging zur Brücke.
»Wie ist unsere Position?« fragte sie und bemühte sich, so energisch wie sonst zu wirken.
»Wir schwenken gerade in einen hohen Sondierungsorbit um Drenar Vier, Captain«, erwiderte Paris und sah von seiner Konsole auf.
»Wir haben mit einem detaillierten Scan des Planeten begonnen«, fügte Chakotay hinzu. »In einigen Minuten sollten erste Resultate vorliegen.«
»Gut.« Janeway blieb vor dem Kommandosessel stehen und merkte, daß Chakotay sie aufmerksamer als sonst musterte.
»Ist alles in Ordnung, Captain?« fragte er.
»Ja.«
Sie blickten beide zum Hauptschirm. Drenar Vier war eine herrliche Welt mit blauen Meeren, weißen Wolken und einem großen Kontinent auf der Tagseite; dort gab es weite Wälder und lange Bergketten. Selbst mit bloßem Auge bemerkte Janeway deutliche Anzeichen für ausgeprägte vulkanische Aktivität. Die Rauchfahnen und Aschewolken reichten bis zur Stratosphäre empor.
»Sind Sie sicher?« hakte Chakotay nach.
»Was?«
»Sind Sie sicher, daß alles in Ordnung ist?«
»Nein«, sagte Janeway.
Chakotay richtete einen verwirrten Blick auf sie. »Captain?«
Sie beschloß, ehrlich zu sein, beugte sich zur Seite und sprach leiser. »Was halten Sie davon, wenn wir noch einmal über Ihre… Visionen reden, Commander?«
Chakotay nickte. »Wie Sie wünschen.«
»Einige Aspekte dieses Planeten ergeben schon jetzt keinen Sinn«, flüsterte Janeway.
»Zum Beispiel?«
»Nun, er ist wundervoll. Wenn er sich im stellaren Territorium der Föderation befände, wäre er längst kolonisiert worden.
Manchmal erhebt ein privates Konsortium Anspruch auf einen solchen Planeten und verwendet ihn als eine Art
Urlaubsparadies. Das geschieht nicht sehr oft, aber es kommt vor. In solchen Fällen gibt es jedoch Besuchszentren und Service-Einrichtungen. Davon fehlt hier jede Spur. Es überrascht mich, eine derartige Welt praktisch im unberührten Zustand vorzufinden.«
»Drenar Vier scheint nicht unbewohnt zu sein«, sagte Chakotay.
»Darauf deuten die vielen kleinen Feuer hin, ja«, bestätigte Janeway.
»Haben Sie schon etwas herausgefunden, Mr. Tuvok?« wandte sich der Erste Offizier an den Vulkanier.
»Die Sensoren registrieren Hunderte von humanoiden
Lebensformen«, erwiderte Tuvok. Er betrachtete die grauen und orangefarbenen Darstellungen der Displays. »Eine
prätechnische Kultur mit landwirtschaftlicher Ausprägung. Ich bin noch dabei, Daten zu sammeln.«
»Auf dem Planeten herrscht erhebliche seismische Aktivität«, sagte Kim. Er sah erst zu Tuvok, dann zu Chakotay. »Sie ist wesentlich stärker als erwartet.«
»Was hat es damit auf sich, Mr. Tuvok?« fragte Janeway und blickte wieder zum Hauptschirm. Ein Teil ihres Bewußtseins befaßte sich noch immer mit Geistern, und sie versuchte, die betreffenden Gedanken zu verdrängen.
»Die seismische Aktivität ist nicht nur erheblich, sondern erreicht ein kataklysmisches Ausmaß«, sagte der Vulkanier.
»Ich registriere heftige Erschütterungen in der planetaren Kruste, und die Stoßwellen pflanzen sich global fort. Ich kenne keinen anderen Planeten in diesem geologischen Alter, bei dem so viel geothermische Energie frei wird.«
»Das dürfte weitere Untersuchungen wert sein, nicht wahr, Captain?« Chakotays Tonfall machte deutlich, daß er nur eine rhetorische Frage stellte und eigentlich gar keine Antwort erwartete. »Zumal ich genau so etwas erwartet habe.«
In aller Deutlichkeit erinnerte sich Janeway an die von der geisterhaften Entität übermittelten Visionen. Und auch an Chakotays Beschreibungen. »Ja, Commander«, sagte sie und beobachtete auch weiterhin den Planeten. »Da haben Sie vollkommen recht.« Sie blinzelte und versuchte erneut, den Dunst der Bilder aus ihrem mentalen Kosmos zu vertreiben.
»Mr. Tuvok, kann man davon ausgehen, daß der einheimischen Bevölkerung unter solchen Umständen erhebliche Gefahr droht?«
»Eine solche Annahme erscheint mir durchaus logisch«, entgegnete der Vulkanier. »Allerdings möchte ich darauf hinweisen, daß ein Versuch, den Bewohnern von Drenar Vier zu helfen, gegen die Vorschriften der Ersten Direktive verstieße.«
»Das weiß sie, Tuvok«, warf Chakotay ein.
Janeway sah beide Männer an und seufzte. »Ja, das weiß ich tatsächlich. Trotzdem danke ich Ihnen, daß Sie mich daran erinnern, Tuvok. Setzen Sie die Sondierungen fort. Wir müssen noch mehr in Erfahrung bringen, bevor ich irgendeine Entscheidung treffe. Derzeit begnüge ich mich damit, die verschiedenen Möglichkeiten gegeneinander abzuwägen. Es ist seltsam, aber vor einigen Minuten…«
»Die Sensoren haben ein fremdes Raumschiff geortet,
Captain«, sagte Tuvok plötzlich. Seine Hände huschten über die Kontrollen, als eine Warnsirene mehrmals kurz heulte. »Und zwar in der Nähe.«
Janeway drehte sich sofort zu ihm um. »Was für ein Schiff?«
»Die Konfiguration ist unbekannt. Offenbar fliegt es in einem sehr hohen Orbit – die Umlaufbahn befindet sich nur ein wenig unter der unsrigen. Es hat gerade ein Beschleunigungsmanöver eingeleitet, um den Horizont zwischen sich und uns zu bringen.«
»Die Fremden wollen sich verstecken«, sagte Janeway.
»Eine korrekte Situationsbewertung«, erwiderte der Vulkanier.
»Halten Sie den Kontakt, Mr. Paris«, wies Janeway den Navigator an. »Warum haben wir das Schiff nicht eher entdeckt?«
»Vielleicht verfügt es über eine Tarnvorrichtung«, spekulierte Kim.
Janeway schüttelte den Kopf. »Warum wird sie dann jetzt nicht verwendet?«
»Wenn den Fremden tatsächlich eine solche Technik zur Verfügung steht, so kam es möglicherweise zu einer
Fehlfunktion«, sagte Tuvok. »Wie dem auch sei: Unter den gegenwärtigen Umständen sehe ich keinen Sinn in derartigen Erwägungen.«
Janeway nickte zustimmend. »Öffnen Sie die
Grußfrequenzen.«
Fähnrich Kim berührte mehrere Schaltelemente. »Keine Antwort, Captain.«
»Wir könnten etwas näher heran«, schlug Paris vor.
Janeway trat auf den Hauptschirm zu, der das fremde Schiff als einen Fleck zwischen der Dunkelheit des Alls und der marmorierten Kugel des Planeten zeigte. »Also gut, Mr. Paris.«
Der Navigator steuerte die Voyager dem fremden Raumer entgegen.
»Hier spricht der Captain. Mr. Neelix, bitte kommen Sie unverzüglich zur Brücke…«
»Captain…«, ertönte fast sofort die Stimme des Talaxianers aus dem Lautsprecher der internen Kommunikation. Sie klang ein wenig kummervoll. »Ich hoffe, bei Ihnen ist alles in Ordnung.«
»Nein, das ist es nicht. Wir brauchen Sie hier.«
»Aber ich kann Kes nicht allein lassen…«
»Captain«, warf der holographische Arzt ein, »Kes schläft.
Wenn sie erwacht, dürfte sie sich fast vollständig erholt haben.
Ich sehe nur ein einziges Problem. Es besteht darin, daß Neelix sie vorzeitig weckt.«
Die letzten Worte des Doktors zeichneten sich durch
unüberhörbare Schärfe aus.
»Kommen Sie zur Brücke, und zwar sofort«, sagte Janeway.
»Captain«, wandte sich Tuvok an die Kommandantin, »das fremde Schiff sondiert uns. Und das energetische Niveau in seinen Waffensystemen steigt.«
»Verdammt«, murmelte Janeway. Sie stützte die Hände an den Hüften ab. »Alarmstufe Rot. Maschinenraum, können wir die Schilde aktivieren?«
»Noch nicht, Captain«, lautete B’Elanna Torres’ Antwort.
»Die Generatoren werden repariert.«
Janeway spürte, wie sich ein bereits vertraut gewordener Knoten in ihrer Magengrube bildete. Wie jeder gute Captain hatte sie schon vor einer ganzen Weile lernen müssen, damit zu leben. Das beste Gegenmittel bestand darin, aktiv zu werden, doch manchmal gab es kaum eine Möglichkeit, konstruktiv zu handeln. So wie jetzt.
»Ausweichmanöver, Mr. Paris. Aber achten Sie darauf, die Fremden nicht zu provozieren. Kim, versuchen Sie auch weiterhin, einen Kom-Kontakt herzustellen. Tuvok, bereiten Sie die Photonentorpedos für den Einsatz vor – falls Sie dazu in der Lage sind.«
»Die energetischen Katapulte für die Photonentorpedos scheinen ebenfalls ausgefallen zu sein«, erwiderte Tuvok ruhig.
»Maschinenraum!« sagte Janeway scharf. »Ich brauche
offensives oder defensives Potential.«
»Unsere Kom-Signale bleiben nach wie vor ohne Reaktion«, meldete Kim.
»Die Fremden eröffnen das Feuer«, berichtete Tuvok.
Auf dem Hauptschirm war zu sehen, wie ein gelblicher Energiestrahl durchs All raste und die Voyager nur knapp verfehlte. Paris Hände blieben über den Navigationskontrollen in ständiger Bewegung, und das Bild im zentralen
Projektionsfeld veränderte sich, kippte von einer Seite zur anderen. Die Voyager tanzte regelrecht durchs All, um den Strahlblitzen der Fremden zu entgehen.
»Die Waffen ähneln Phasern, Captain«, sagte Tuvok, der die Ortungsdaten analysierte. »Allerdings liegt die Energiestärke bei weniger als fünfhundert Megawatt.« Er zögerte kurz. »Es sind vierhundertvierundvierzig Komma sieben zwei drei Megawatt, um ganz genau zu sein.«
»Das ist nur die halbe Kapazität unserer oberen Phaserbänke«, stellte Chakotay fest. »Glauben Sie, die Angreifer halten sich zurück?«
»Im Vergleich mit uns beträgt die Kapazität dreiundvierzig Komma sechs Prozent«, korrigierte Tuvok. »Und was Ihre Frage betrifft: Ja, das wäre nicht auszuschließen.«
Die Tür des Turbolifts öffnete sich mit einem leisen Zischen, und Lieutenant Torres eilte auf die Brücke. Sie begab sich sofort zur technischen Station und betätigte dort einige
Schaltelemente, woraufhin Displays aufleuchteten.
»Captain«, sagte sie halb über die Schulter hinweg, während sie auch weiterhin die Kontrollen bediente, »zwei
Photonentorpedos sind jetzt für den Einsatz bereit. Und ich glaube, die Akkumulatoren der Phaser können wieder Energie aufnehmen, aber…« B’Elannas Hände verharrten, und sie sah zu Janeway. »Aber ich habe noch nichts getestet. Die Plasma-Verteilungskanäle sind gerade synchronisiert worden.«
»Gute Arbeit!« lobte die Kommandantin und gestattete sich ein erleichtertes Lächeln. Sie sah zum Hauptschirm, gerade rechtzeitig genug, um zu beobachten, wie ein weiterer Energiestrahl der Voyager entgegenraste. Diesmal streifte er das Schiff und sorgte für Erschütterungen.
»Geringfügige Schäden an der Außenhülle«, sagte Tuvok.
»Drei Besatzungsmitglieder haben leichte Verletzungen erlitten.«
Erneut öffnete sich die Tür des Turbolifts, und Neelix kam auf die Brücke. Sofort eilte er zu Janeway und Chakotay, blieb rechts von der Kommandantin stehen. »Gibt es irgendwelche…
Probleme?« fragte er mit einer Mischung aus Sarkasmus und Furcht.
»Das war ziemlich knapp«, meinte Janeway, ohne auf die Frage des Talaxianers einzugehen.
»Eine hohe Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß wir beim nächsten Mal einen Volltreffer zu erwarten haben«, verkündete Tuvok.
»Danke für Ihren Optimismus in Hinsicht auf meine
Fähigkeiten«, sagte Paris.
»Ich wollte nur zum Ausdruck bringen…«, begann der
Vulkanier.
»Ich weiß.« Paris schnitt eine kurze Grimasse.
»Phaser vorbereiten«, ordnete Janeway an. »Die Fremden sollen wissen, daß wir uns durchaus zu wehren verstehen.«
»Brauchen Sie mich für eine bestimmte Sache?« fragte Neelix.
Ihm gelang es nicht, seine Nervosität zu verbergen. »Sie scheinen derzeit sehr beschäftigt zu sein, und ich würde es vorziehen, auch weiterhin der armen Kes Gesellschaft zu leisten…«
»Dort.« Janeway deutete zum großen Bildschirm. Inzwischen ließen sich Einzelheiten des fremden Schiffes erkennen: Es sah aus wie ein grauer Keil mit mehreren langen Erweiterungen.
»Was sind das für Leute?«
»Alles klar, Captain«, sagte Torres und drehte den Kopf.
Janeway kniff die Augen zusammen, so als zielte sie über den Lauf eines Phasergewehrs – sie konnte einfach nicht anders.
»Obere Phaserbatterie, volle Salve. Feuer.«
Die von der Voyager ausgehenden Strahlen waren heller als die des fremden Raumers – und auch besser gezielt, stellte Janeway zufrieden fest. Lieutenant Kim meldete einen direkten Treffer, und er hatte die Worte gerade erst ausgesprochen, als sich das Licht im Kontrollraum plötzlich trübte. Funken stoben aus der technischen Station, und mit der einen Hand fächelte die Chefingenieurin eine kleine Rauchwolke fort.
»In den Heckschilden des Ziels ist eine große Strukturlücke entstanden«, sagte Tuvok. »Darüber hinaus registrieren die Sensoren Schäden am Achterschiff.«
»Was ist passiert, Torres?« fragte Janeway.
B’Elanna wirkte zornig, als das klingonische Temperament in ihr erwachte. Mit beiden Fäusten schlug sie auf die Konsole ein, bevor sie sich wieder in die Gewalt bekam. Doch sie hielt den Kopf gesenkt, und das herunterhängende Haar verwehrte einen Blick in ihr Gesicht. »Die Phaser sind erneut ausgefallen, Captain.« Ihre Stimme zitterte – zuviel Adrenalin, Besorgnis oder Streß. Oder alles zusammen.
»Können Sie unser Phaserpotential wiederherstellen?«
»Ich… ich glaube nicht, Captain. Diesmal sind die Schäden umfangreicher, wodurch die Reparatur länger dauert.«
»Versuchen Sie alles, was in Ihrer Macht steht«, erwiderte Janeway. »Wir stecken in einer ziemlichen Zwickmühle.«
Sie schloß die Augen, brauchte Zeit, um sich etwas einfallen zu lassen. Am besten wäre es vielleicht gewesen, sich taktvoll zurückzuziehen. Die Fremden wußten jetzt, daß ihnen die Voyager überlegen war, und möglicherweise verzichteten sie deshalb auf weitere Angriffe. Aber wenn sie weiterhin von ihren Waffen Gebrauch machten… Janeway mußte davon ausgehen, daß der Gegner über Warppotential verfügte, was bedeutete: Die hilflose Voyager konnte ihm nicht entkommen.
»Captain, die Fremden setzen sich mit uns in Verbindung«, sagte Kim und unterbrach damit die Überlegungen der
Kommandantin.
Sie hob den Kopf. »Auf den Schirm.«
»Es werden nur Audiosignale übertragen«, erläuterte Kim.
»Das ist seltsam.« Chakotay trat näher an Janeway heran, als wollte er ihr auf diese Weise moralische Unterstützung gewähren. »Und mehr als nur ein wenig verdächtig.«
»Vielleicht«, entgegnete Janeway, die einen Kom-Kontakt zumindest für eine Chance hielt. Sie befanden sich in einer sehr schwierigen Situation, doch alle Crewmitglieder erfüllten zuverlässig ihre Pflicht, vertrauten dem Captain und dem Ersten Offizier. Es könnte schlimmer sein, fuhr es Janeway durch den Sinn, und sie spürte, wie sich ein Teil des Knotens in ihrer Magengrube auflöste. Die Fremden mochten viele Gründe dafür haben, ihr Erscheinungsbild nicht zu offenbaren; das Spektrum reichte von Sicherheitserwägungen bis hin zu kulturellen Tabus.
»Vielleicht sind sie nur ein wenig scheu.« Sie lächelte, als die Anspannung auf der Brücke ein wenig nachließ. Die übrigen Offiziere blinzelten verwundert und nickten.
»Kontakt herstellen«, sagte Janeway.
»Kom-Kanal geöffnet«, meldete Kim
»Hier spricht Captain Kathryn Janeway vom Föderationsschiff Voyager. Wir sind Ihnen nicht…«
»Hier spricht Dritter Direktor Gantel von den Televek.« Die Stimme klang dumpf und trocken; man konnte sich vorstellen, daß sie von einem Humanoiden stammte. »Sie werden hiermit aufgefordert, sich sofort von dem Planeten zu entfernen. Falls Sie sich weigern, fordern Sie Ihre Vernichtung heraus.«
»Wir sind Ihnen nicht feindlich gesinnt und wollen
niemandem Schaden zufügen«, beendete Janeway den
begonnenen Satz.
»Allein mit Ihrer Präsenz richten Sie Schaden an.«
Janeway neigte den Kopf ein wenig zur Seite. »Wieso?«
»Warum sind Sie hier?« fragte der Fremde nach einigen Sekunden. Die Fortsetzung des Dialogs erfüllte Janeway mit Erleichterung; solange sie miteinander sprachen, wurden keine Phaser eingesetzt.
»Einen Augenblick, bitte.« Sie bedeutete Kim, die
Signalübertragung zu unterbrechen. »Torres«, sagte sie und drehte den Kopf, »setzen Sie die Arbeit an den Schilden und Waffensystemen fort. Und bringen Sie auch den Warpantrieb in Ordnung. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie in möglichst kurzer Zeit den einen oder anderen Erfolg vorweisen könnten.
Halten Sie Mr. Tuvok auf dem laufenden.«
»Ja, Captain.« B’Elanna deaktivierte die technische Station der Brücke und eilte zum Turbolift. Janeway gab Kim ein
neuerliches Zeichen, und er nickte.
»Es gibt zahlreiche geringfügige Schäden an unserem Schiff, die wir derzeit reparieren«, teilte die Kommandantin Gantel mit.
»Sobald wir damit fertig sind, setzen wir den Flug fort. Die Instandsetzungsarbeiten sollten nicht sehr lange dauern. Ich wiederhole noch einmal: Wir hegen keine feindlichen
Absichten, weder gegen Sie noch gegen sonst jemanden in diesem Quadranten. Die Reparaturen sind notwendig und bereits eingeleitet.« Janeway verzichtete darauf, sich für die Verletzung irgendwelcher territorialer Hoheitsrechte zu entschuldigen – das Schiff der Fremden kam bestimmt nicht aus dem Drenar-System.
Sie wartete, und das Schweigen dauerte an. Nach einer Weile beschloß sie, den Spieß umzudrehen. »Warum befinden Sie sich im Orbit um den Planeten? Und warum haben Sie das Feuer auf uns eröffnet?«
Wieder folgte kurze Stille, und dann: »Wir fragen uns, warum Sie ausgerechnet diesen Planeten für Ihre Reparaturen gewählt haben.«
»Ich möchte Sie nicht mit Einzelheiten langweilen, aber es geht uns auch darum, unsere organischen Vorräte zu erneuern: Nahrungsmittel, möglicherweise Saatgut und verschiedene Rohstoffe. Darüber hinaus möchten wir feststellen, ob der einheimischen Bevölkerung aufgrund der starken seismischen Aktivität Gefahr droht. Wie dem auch sei: Sie haben meine Fragen noch nicht beantwortet.«
Es war einen Versuch wert, fand Janeway. Zweifellos wußten die Fremden etwas über die Vorgänge auf dem Planeten. Und ihnen muß auch klar sein, daß wir von entsprechenden Annahmen ausgehen.
Sie wartete auf eine Reaktion, und wieder geschah eine Zeitlang überhaupt nichts. Janeway ging einige Schritte, fort von Chakotay und gefolgt von Neelix, der ein für ihn untypisches Schweigen wahrte. Nach mehreren Metern drehte sich die Kommandantin um, und der Talaxianer wich hastig beiseite.
»Captain«, begann er leise, »wenn ich etwas sagen darf…«
»Das wurde auch Zeit, Mr. Neelix«, erwiderte Janeway.
»Wissen Sie etwas über die Fremden?«
»Ich denke schon.«
»Captain…«, erklang wieder Gantels Stimme. »Sie sprechen da einen interessanten Punkt an. Genau deshalb sind wir hier: um die ungewöhnliche geologische Aktivität zu untersuchen und den Bewohnern gegebenenfalls Hilfe anzubieten. Wir haben nur deshalb das Feuer auf Sie eröffnet, weil wir einen Angriff fürchteten. Ein Raumschiff wie das Ihre sehen wir jetzt zum erstenmal.«
»Verstehe«, erwiderte Janeway. »Bitte gedulden Sie sich ein wenig.« Einmal mehr forderte sie Kim mit einem Wink auf, die Signalübertragung zu unterbrechen. »Nun, Mr. Neelix, bitte sagen Sie mir jetzt, was Sie über die Fremden wissen«, wandte sie sich an den Talaxianer.
»Das versuche ich schon seit einer ganzen Weile«, entgegnete Neelix mit einem Hauch Empörung. »Die Televek sind ein sehr altes Volk. Und sie genießen keinen besonders guten Ruf.«
»Fahren Sie fort«, drängte Chakotay. »Man sagt ihnen nach, daß sie auch im Sklavenhandel und als Piraten tätig sind. Seit einiger Zeit haben sie sich einen zweifelhaften Ruf als Waffenhändler erworben. Sie verkaufen Tod und Vernichtung.«
»Parasiten, die von der Feindschaft anderer leben«, stellte Janeway fest.
»Sie leben nicht nur von der Feindschaft anderer, sondern stimulieren sie auch«, fügte Neelix hinzu. »Das ist gut fürs Geschäft.«
»Die bittere Wahrheit lautet, daß die Dienste solcher Leute oft notwendig sind«, warf Chakotay ein. »Woher haben die Widerstandskämpfer des Maquis wohl ihre Waffen
bekommen?«
»Diese speziellen Waffenhändler sind nicht gerade für ihre Skrupel bekannt, Commander«, fuhr Neelix fort. »Häufig verkaufen sie bei einem Konflikt an beide Kontrahenten oder an alle Seiten. Dabei heben sie das Niveau der Waffentechnik nach und nach an, wodurch die Anzahl der Opfer immer mehr steigt.«
»Bis sich die Kunden der Televek schließlich gegenseitig auslöschen«, sagte Paris und schüttelte angewiderte den Kopf.
»Ein derartiges Gebaren könnte tatsächlich viel Feindschaft zur Folge haben«, bemerkte Tuvok.
Janeway nickte. »Vielleicht sind sie deshalb ein bißchen nervös.«
»Sie gelten als sehr verschlossen«, meinte Neelix. »Ich bin nie direkt einem Televek begegnet und hatte auch nicht geschäftlich mit ihnen zu tun – lassen Sie mich diesen Punkt unterstreichen.
Soweit ich weiß, greifen sie bei Verhandlungen auf die Dienste sogenannter Mittler zurück.«
»Wenn Sie mir einen Vorschlag gestatten, Captain… «, ließ sich Tuvok vernehmen.
Janeway nickte.
»Lieutenant Torres hat mir gerade mitgeteilt, daß ein Flußregulator des Elektroplasmasystems ausgetauscht werden muß, um das Phaserpotential wiederherzustellen. Es ist außerordentlich schwierig, eine neue entsprechende
Komponente herzustellen. Aber da die Televek mit Waffen und Technologie handeln, und da ihnen ganz offensichtlich die Phasertechnik zur Verfügung steht… Vielleicht könnten sie uns helfen.«
Captain Janeway wußte schon seit einer ganzen Weile, daß sie von Tuvok in allen Situationen klugen Rat erwarten durfte. Er neigte dazu, immer den vernünftigsten, rationalsten Weg vorzuschlagen, selbst dann, wenn es überhaupt keinen zu geben schien. Sie maß den Vulkanier mit einem nachdenklichen Blick.
Die Anregung erschien zunächst absurd, doch wenn man sie genauer prüfte…
»Wollen Sie etwa Geschäfte mit den Televek machen?«
wandte sich Chakotay an Tuvok.
»Wir benötigen etwas, das sich vermutlich in ihrem Besitz befindet«, lautete die Antwort des Vulkaniers. »Es ist nicht nur logisch, sondern entspricht auch den besten Interessen aller Beteiligten, wenn wir versuchen, das erforderliche Ersatzteil von den Televek zu bekommen, um es dann unseren Systemen anzupassen.«
»Keine schlechte Idee.« Janeway klopfte sich mit der Faust ans Kinn, als sie genauer darüber nachdachte. »Aber was könnten wir als Gegenleistung anbieten?«
»Vielleicht fällt den Televek etwas ein«, erwiderte Chakotay.
»Ich habe gehört, daß sie in dieser Hinsicht ziemlich viel Phantasie haben sollen«, sagte Neelix. »Allerdings rate ich Ihnen, den Televek keinen Augenblick lang zu vertrauen.«
»Nein?« fragte Chakotay.
»Nein. Weil Sie zu keinem Zeitpunkt sicher sein können, daß es die Televek ehrlich meinen.«
Janeway nickte langsam. »Danke für den Hinweis, Mr.
Neelix.« Sie bedeutete Kim, den Kom-Kanal wieder zu öffnen.
»Vielleicht läßt sich eine Zusammenarbeit vereinbaren, Direktor Gantel«, sagte sie. »Wir könnten uns gegenseitig helfen. Was halten Sie von einem… Austausch, der beiden Seiten zum Vorteil gereicht? Wären Sie bereit, darüber zu diskutieren?«
Wieder folgte Stille.
»Das kommt darauf an«, antwortete Gantel schließlich. »Wir sind vernünftige Leute. Was schlagen Sie vor?«
»Inzwischen liegen wichtige neue Daten über den Planeten vor, Captain«, warf Tuvok ein und überließ Janeway die Entscheidung, ob sie den neuesten Bericht jetzt sofort hören oder bis später damit warten wollte.
»Wenn Sie mich noch einmal entschuldigen würden…«, sagte sie zu Gantel und wiederholte die Geste, die Kim dazu veranlaßte, den Audiokanal vorübergehend zu schließen. »Ich höre«, wandte sie sich an Tuvok.
»Drenar Vier bricht fast auseinander«, begann der Vulkanier.
»Die seismische Aktivität nimmt immer mehr zu. Wenn es so weitergeht wie bisher, kann der Planet in seiner gegenwärtigen Form nicht von Bestand bleiben. Das Ende wird recht schnell kommen. Ich habe erhebliche Veränderungen in der Stabilität des planetaren Magnetfelds festgestellt. Offenbar richtet es sich neu aus.«
»Was auf Bewegungen des geschmolzenen Planetenkerns
schließen läßt.« Janeway nickte Kim zu, der die Verbindung mit dem anderen Raumschiff sofort wiederherstellte. »Zumindest in einer Hinsicht sind wir sicher einer Meinung«, teilte die Kommandantin den Televek mit. »Der Bevölkerung von Drenar Vier droht große Gefahr, und wir sind beide besorgt. Dieser gemeinsame Punkt ist sicher ein Anfang. Was können Sie uns über die Bewohner des Planeten berichten?«
»Was wir Ihnen berichten können?« erwiderte Gantel
verwundert.
»Ja. Wir haben zahlreiche Dörfer geortet, und einige von ihnen sind groß genug, um als Städte bezeichnet zu werden. Aber über die Bewohner selbst liegen uns keine Informationen vor. Haben Sie sich bereits mit ihnen in Verbindung gesetzt?«
»Nein, Captain, das haben wir nicht. Auch wir wissen kaum etwas über die Einheimischen.«
»Ich verstehe.« Janeway ging einige Schritte, verharrte wieder, sah zum Hauptschirm und bedauerte, daß sich dort kein Gesicht zeigte.
»Wir würden gern mit Ihnen verhandeln«, sagte sie.
»Vielleicht können Sie uns dabei helfen, bestimmte technische Komponenten zu bekommen, die wir für die bereits erwähnten Reparaturen brauchen. Als Gegenleistung wären wir zum Beispiel bereit, Sie bei eventuellen Rettungsmissionen auf dem Planeten zu unterstützen.«
»Wir danken Ihnen für diesen Vorschlag, Captain. Sie scheinen aus einem sehr vernünftigen und scharfsinnigen Volk zu stammen. Nun, es wäre sicher angebracht, diese
Angelegenheit bei einer direkten Begegnung zu erläutern. Und zwar an Bord Ihres prächtigen Schiffes, wenn Ihnen das recht ist. Bestimmt gibt es viele Dinge, auf die wir uns einigen können. Was halten Sie davon, wenn wir eine kleine
Repräsentantengruppe an Bord einer unbewaffneten Kapsel zu Ihnen schicken? Wären Sie damit einverstanden und auch bereit, die Sicherheit der Gesandten zu gewährleisten?«
Janeway sah zu Chakotay, und der Erste Offizier erwiderte ihren Blick. Beide zuckten gleichzeitig mit den Achseln.
»Wir kommen nicht weiter, indem wir einfach abwarten«, hauchte der Commander.
So viel war klar. »Na schön«, sagte Janeway. »Wir erwarten Ihre Repräsentanten, und ich versichere Ihnen, daß den Gesandten kein Leid widerfahren wird.«
»Mr. Chakotay, Sie haben das Kommando«, fügte sie hinzu, als die Televek den Kom-Kontakt beendet hatten.
»Captain…« Kim wartete, bis Janeway zu ihm sah. Sie kannte den Fähnrich erst seit vergleichsweise kurzer Zeit, aber es fiel ihr nicht schwer, seinen Gesichtsausdruck zu deuten und Besorgnis darin zu erkennen.
»Ja?«
»Da ist noch etwas anderes, Captain. Ich habe die Sondierung wiederholt, um ganz sicher zu sein. Immerhin sind die Interferenzen ziemlich stark.«
»Was haben Sie entdeckt?« fragte Janeway.
»Eine sehr moderne stationäre Energiequelle, einige Kilometer unter der Oberfläche des Planeten. Sie entspricht keinen bekannten Konfigurationen.«
Janeway trat rasch zu Kims Station und sah sich die Daten selbst an. Diesmal folgte ihr Neelix nicht, sondern blieb bei Chakotay.
»Wo?« fragte sie den Fähnrich. »Blenden Sie eine grafische Darstellung ein.«
»Auf dem Hauptkontinent, unter einigen Vorbergen, im Osten einer der größten Siedlungen.« Kim zeigte die Stelle auf dem Monitor.
Janeway drehte sich um. »Was hat es damit auf sich, Mr.
Tuvok?«
»Das weiß ich noch nicht, Captain. Aber die Sensoren registrieren zahlreiche Energiesignaturen, die zwar kleiner sind, der Hauptquelle jedoch ähneln. Die meisten von ihnen scheinen mobil zu sein.« Er zögerte kurz und berührte Schaltflächen.
»Ein klares Verteilungsmuster läßt sich nicht erkennen. Die Signaturen erscheinen wie durch Zufall und bleiben von unterschiedlicher Dauer.«
»Ich beobachte die primäre Energiequelle schon seit einer ganzen Weile«, sagte Kim. »In unregelmäßigen Abständen sinkt das energetische Niveau plötzlich ab, um dann langsam wieder anzusteigen. Ich weiß nicht, ob es einen Zusammenhang mit den mobilen Signaturen gibt. Das Durchschnittsniveau scheint allmählich abzunehmen.«
»Unsere Televek-Freunde dort drüben würden bestimmt
behaupten, daß sie nichts davon wissen«, sagte Chakotay.
»Es ist seltsam, daß die Televek dieses Phänomen nicht erwähnt haben«, meinte Tuvok.
»In der Tat.« Janeway schürzte die Lippen und betrachtete noch immer die Darstellungen des Monitors. Die Fluktuationen des Magnetfelds wirkten sich sehr nachteilig auf die Sondierungssignale aus, und dadurch wurde es schwierig, exakte Daten zu gewinnen. Trotzdem konnte ihrer Meinung nach kein Zweifel daran bestehen, daß Kim recht hatte. Die Energiequelle existierte tatsächlich, war ziemlich groß und exotischer Natur.
Plötzlich fiel Janeway etwas anderes auf: ein vager Schatten dicht unter der Oberfläche des Planeten. Die Sensoren hatten ihn gerade erfaßt, als er sich auch schon wieder auflöste. »Haben Sie das gesehen, Mr. Tuvok?«
»Ja, Captain. Eine kurze Reflexion.«
»Was könnte die Ursache dafür sein?«
»Verarbeitete Metalle, Legierungen vielleicht?« spekulierte Kim.
»Das ist eine wahrscheinliche Erklärung«, bestätigte Tuvok.
»Also ein Gebilde aus Metall«, überlegte Janeway laut. »Ein Gebäude. Oder ein Raumschiff.«
»Möglich«, räumte der Vulkanier ein.
»Ich habe Ihnen ja gesagt, daß man den Televek nicht vertrauen darf«, erinnerte Neelix alle Anwesenden und preßte die Hände an die Brust. »Brauchen Sie mich noch, Captain?«
»Wir sind Ihnen sehr dankbar für Ihren Rat«, erwiderte Janeway. »Vielleicht benötigen wir ihn noch einmal.«
Neelix schnitt eine Miene, deren Bedeutung rätselhaft blieb.
»Wenn uns klar ist, daß man den Televek nicht vertrauen darf…«, sagte Paris. »Können wir dieses Wissen nicht zu unserem Vorteil nutzen? Ich meine, es gibt hier sonst niemanden, von dem wir technische Hilfe erwarten dürfen –
daran läßt sich leider nichts ändern. Aber deswegen brauchen wir ihnen noch lange nicht zu erlauben, alle Regeln zu bestimmen.«
»Da stimme ich Ihnen zu«, entgegnete Janeway.
»Andererseits: Wenn wir uns auf einen Handel mit den Televek einlassen, so würde das den wechselseitigen Transfer von Wissen und Technologie bedeuten. Mir liegt nichts daran, die Geheimnisse der Voyager einem Volk anzuvertrauen, das sie nicht verdient. Ich fürchte, bei den Televek wären sie besonders schlecht aufgehoben.«
»Ja«, pflichtete ihr Paris bei. »Aber Informationen müßten bis zu einem gewissen Ausmaß in beide Richtungen fließen, oder?«
»Der Hinweis des Lieutenants hat durchaus etwas für sich«, sagte Chakotay. »Derzeit sind wir sehr im Nachteil, und es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis das den Fremden klar wird.«
Trotz der ernsten Situation spürte Janeway Zufriedenheit, als sie den Brückenoffizieren zuhörte. Das Schicksal hatte sie zusammengeführt, fast achtzigtausend Lichtjahre von der Heimat entfernt. Die wichtigsten Bordsysteme funktionierten nicht mehr, und feindselige Fremde befanden sich in der Nähe.
Trotzdem blieben die Offiziere ruhig und gefaßt, bildeten auch weiterhin eine Gemeinschaft, eine gut funktionierende Maschine. Die Umstände zwangen Janeway häufig, sehr
schwierige Entscheidungen zu treffen, und es half zu wissen, daß sie sich auf diese Personen verlassen konnte.
»Wenn wir den Bewohnern von Drenar Vier – und uns selbst –
helfen wollen, so bleibt uns nichts anderes übrig, als mit den Televek zu verhandeln«, sagte die Kommandantin und nickte Tuvok zu.
»Können wir das Sonnensystem nicht einfach verlassen?«
fragte Neelix.
»Nein, noch nicht«, erwiderte Janeway. Sie schwieg einige Sekunden lang. »Mr. Tuvok, bitte ergreifen Sie alle
notwendigen Sicherheitsmaßnahmen. Ich möchte nicht
unfreundlich erscheinen, aber wir sollten jedes Risiko vermeiden. Falls Sie mich brauchen… Ich statte dem
Maschinenraum einen Besuch ab. Geben Sie mir Bescheid, wenn die Gesandten eintreffen. Mr. Kim…« Sie drehte sich zu dem jungen Fähnrich um und musterte ihn kurz. »Sie begleiten mich. Ich möchte, daß Sie den Shuttlehangar aufsuchen und dort etwas für mich erledigen.«
Im Anschluß an diese Worte schritt sie zum Turbolift, gefolgt von Kim.
Kapitel 4
B’Elanna Torres kaute auf der Unterlippe, als sie zu den Displays der Hauptkonsole sah. »Lieutenant Carey, wie kommen Sie mit den magnetischen Konstriktorspulen voran?«
rief sie. Er arbeitete auf dem oberen Deck des Maschinenraums, an einer Stelle, die Torres von ihrer derzeitigen Position aus nicht sehen konnte.
Er spähte kurz übers Geländer, und so etwas wie Verzweiflung zeigte sich in seinem Gesicht.
»Sie können gleich aktiviert werden.«
B’Elanna atmete tief durch und nickte dann. Am meisten ärgerte sie sich darüber, daß sie nicht alles selbst erledigen konnte. Aber Carey verstand sein Handwerk, ebenso wie die anderen, die mit ihm zusammen bemüht waren, das
Warptriebwerk zu reparieren. Torres begriff, daß sie Aufgaben delegieren mußte, aber dadurch wurde es nicht leichter.
Sie trieb nicht nur ihre Mitarbeiter an, sondern auch sich selbst, und zwar aus gutem Grund. Der Captain verlangte Resultate. Und die Voyager befand sich in einer kritischen Situation – vielleicht hing das Überleben der Crew davon ab, wie schnell die Reparaturen durchgeführt wurden.
Doch es gab gewisse Grenzen, die beachtet werden mußten.
B’Elanna beugte sich wieder zur Konsole vor und berührte Schaltflächen. Die dunklen Bildschirme über dem Pult erhellten sich nacheinander, zeigten Diagramme und andere grafische Darstellungen. Inzwischen krochen so viele Techniker durch die Wartungsschächte, daß Torres den Überblick zu verlieren drohte. Hinzu kam jene Gruppe, die sich um die Subsysteme des Transporters kümmerte – rote Indikatoren auf dem Statusdisplay machten deutlich, daß die entsprechenden Schaltkreise noch immer nicht funktionierten. Torres hatte die dafür zuständigen Leute erst vor zehn Minuten nach dem Stand ihrer Arbeit gefragt, aber sie war noch nicht bei ihnen gewesen, um sie direkt zu… stimulieren.
Eine andere Schaltfläche, und die Darstellungen veränderten sich. Weitere rote Markierungen erschienen. »Das wird dem Captain ganz und gar nicht gefallen«, murmelte die
Chefingenieurin.
»Was wird mir nicht gefallen?« fragte Janeway.
B’Elanna drehte den Kopf und stellte fest, daß die
Kommandantin direkt hinter ihr stand. Sie verzog das Gesicht.
»Eine Menge.«
»Wie sieht’s aus?«
Torres holte tief Luft und fragte sich, wo sie beginnen sollte.
Ganz gleich, wo sie anfing: Es mangelte nicht an schlechten Neuigkeiten. »Carey arbeitet am Warptriebwerk. Das ist derzeit unsere Priorität. Die Lebenserhaltungssysteme sind stabil. Die Kapazität des Impulstriebwerks beträgt fünfundachtzig Prozent, vielleicht auch sechsundachtzig. Soweit die guten Nachrichten.
Was die Phaser betrifft… Tut mir leid, Captain, aber es wird noch eine ganze Weile dauern, bis ich ihre Einsatzbereitschaft melden kann.«
»Ich weiß. Tuvok hat mich bereits darauf hingewiesen. Nun, wenigstens wissen die Televek nichts davon. Besser gesagt: Sie wissen nichts von diesem speziellen Schaden. Wir gehen das Phaserproblem inzwischen von einer anderen Seite an.«
B’Elanna bedacht Janeway mit einem neugierigen Blick. »Wie meinen Sie das?«
»Vielleicht verfügen die Televek über die von uns benötigten technischen Komponenten. Wobei ich davon ausgehe, daß sie imstande sind, ihre Technik der unsrigen anzupassen.
Wahrscheinlich erklären sich die Fremden zur Kooperation bereit. Offenbar sind sie zuerst und vor allem Händler; alles andere kommt für sie an zweiter Stelle. Inzwischen halten sie uns für potentielle Kunden und haben einige Repräsentanten beauftragt, uns zu besuchen.«
»Zu einem Versuch bin ich gern bereit«, erwiderte Torres.
»Ich würde selbst Gummibänder benutzen, wenn ich mir etwas davon verspräche. Aber daß uns die Televek dabei helfen, unser Waffenpotential wiederherzustellen… Können wir ihnen vertrauen?«
»Nein.« Janeway lächelte, was B’Elanna zu beruhigen schien.
»Das ist der knifflige Teil. Trotzdem bin ich bereit, eine Zusammenarbeit zu riskieren – natürlich unter der
Voraussetzung, daß wir die ganze Zeit über vorsichtig bleiben.
Der Chefingenieur sollte bei den ersten
Verhandlungsgesprächen zugegen sein. Glauben Sie, man kann Sie hier unten für eine Weile entbehren?«
Torres sah sich um und beurteilte die aktuelle Situation. Sie bemerkte mehrere hoffnungsvolle Blicke. »Ich schätze, derzeit würde mich hier niemand vermissen.«
»Gut.«
»Brücke an Captain«, erklang Tuvoks Stimme aus dem
Interkom.
Janeway klopfte auf ihren Insignienkommunikator. »Ja, Mr.
Tuvok?«
»Die Televek sind an Bord und tatsächlich unbewaffnet.«
»Führen Sie sie zum Besprechungsraum. Wir sind gleich da.«
Jeder Erstkontakt war einzigartig, aber Janeway hatte genug erlebt, um zu wissen: Es gab viele Gemeinsamkeiten, und man mußte gewisse Prinzipien achten. Sie hielt an ihrer Bereitschaft fest, die Besucher höflich zu empfangen, aber sie wollte auch nicht auf eine gesunde Portion Argwohn verzichten.
»Willkommen an Bord der Voyager«, sagte Janeway und stellte sich vor, nachdem Tuvok die Namen der Fremden genannt hatte. Jonal war der einzige Mann der aus drei Personen bestehenden Gesandtengruppe: eine elegante, auf sonderbare Weise attraktive Gestalt, ein wenig älter als die beiden Begleiterinnen, die sich durch eine geradezu atemberaubende Schönheit auszeichneten. Alle drei waren in physischer Hinsicht sehr eindrucksvoll, und ihre Kleidung betonte diesen Aspekt, indem sie einen großen Teil der Arme und Beine ganz offen zeigte. Mila und Tassay hatten wie Jonal bronzefarbene Haut.
Bei ihnen ging von beiden Seiten der Stirn ein Knochenkamm aus, der direkt über den grünen Augen begann und unter dem langen weißen Haar verschwand.
Janeway deutete auf die anderen Mitglieder ihrer Crew. »Das ist mein Erster Offizier, Commander Chakotay. Unser
Navigator, Mr. Paris. Mr. Neelix, unser… Verbindungsoffizier.
Und Chefingenieurin B’Elanna Torres.«
Die Besucher nickten und streckten die Hände mit den Handflächen nach oben aus – offenbar eine Geste des guten Willens. Janeway erwiderte sie und dachte voller Erleichterung daran, daß trotz mehrfacher gründlicher Sondierungen keine Waffen entdeckt worden waren.
»Wir sind keine Televek, sondern Drosary«, sagte Jonal.
»Wir kommen als Mittler«, fügte Mila hinzu, die kleinere der beiden Frauen. »Im Namen unserer Wohltäter.«
Die andere Frau namens Tassay schwieg, als sie am
Konferenztisch Platz nahmen.
»Warum kommen die Televek nicht selbst?« fragte Janeway.
»So ist es ihre Art«, antwortete Jonal.
»Wir bieten unsere Dienste als Mittler gern an, denn damit ist allen geholfen«, sagte Mila mit einer Umgänglichkeit, die zu den natürlichen Eigenschaften ihres Volkes zu gehören schien.
Janeway stellte schon nach kurzer Zeit fest, daß ihr Jonal mit besonderer Aufmerksamkeit begegnete, während Tassays Interesse vor allem Chakotay zu gelten schien. Darüber hinaus merkte sie, daß sich die Blicke von Paris und Mila recht oft trafen.
Die drei Drosary waren offenbar recht freundlich, aber Janeway dachte einmal mehr an Neelix’ nicht besonders schmeichelhafte Bemerkungen über die Televek. »Was können Sie uns über Ihre… Auftraggeber sagen?« fragte sie. »Uns sind… beunruhigende Berichte zu Ohren gekommen.«
»Von denen viele kaum der Wahrheit entsprechen können, denn sonst wären wir nicht hier«, sagte Tassay und sprach damit zum erstenmal. Ihre Stimme klang noch weicher und sanfter als die der beiden anderen Drosary.
»Die Televek werden oft mißverstanden, Captain«, betonte Jonal.
»Von Mißverständnissen habe ich noch nie viel gehalten«, sagte Janeway. »Bitte klären Sie uns auf.«
»Wir stammen von einer Welt, die durch Kriege zerstört wurde und nicht unsere wahre Heimat darstellte«, begann Jonal sofort. »Unser Volk hatte versucht, dort eine Kolonie zu bilden.
Einige Tausend von uns, darunter auch wir, versuchten, Tyrannei und Völkermord zu entkommen. Doch die Kriege, die unserem Volk für so lange Zeit Kummer und Verzweiflung gebracht hatten, folgten uns zu den anderen Kolonien, brachten die Gewalt und das Chaos auch zu anderen Völkern. Bald schickte eine Nachbarwelt Angriffskommandos zu uns, denen wir praktisch hilflos ausgeliefert waren.«
»Unsere eigene Regierung konnte oder wollte uns nicht helfen«, sagte Tassay. Sie schien direkt zu Chakotay zu sprechen. »Sie behauptete, wir befänden uns außerhalb des primären Bereichs. Man überließ uns unserem Schicksal. Sie wissen sicher nicht, was so etwas bedeutet.«
»O doch, ich kann es mir vorstellen.« Chakotay warf B’Elanna Torres, die ebenfalls zum Maquis gehört hatte, einen kurzen Blick zu. »Und vermutlich nicht nur ich.«
Janeway verzichtete auf einen Kommentar.
»Die Televek retteten einige von uns aus Trümmern und Asche, boten uns an, als Mittler zu fungieren«, sagte Mila. »Sie sind sehr gut zu uns gewesen. Wir kennen sie besser als sonst jemand.«
»Das sind interessante Ausführungen«, erwiderte Chakotay.
»Aber…«
»Aber sie haben mein Schiff angegriffen«, sagte Janeway geradeheraus.
»Manchmal sind die Televek ein wenig… nervös, Captain«, erklärte Jonal. »Das liegt an den Umständen. Bei einer Konfrontation neigen sie dazu, sofort von den Waffen Gebrauch zu machen, und häufig aus gutem Grund. Wissen Sie, die Televek handeln in vielen Sektoren mit der besten und neuesten Technik, die meist der Verteidigung dient. Deshalb…«
»Und offensive Technologie ist überhaupt nicht Teil ihres Repertoires?« fragte Neelix, der die letzte Bemerkung nicht einfach so hinnehmen wollte.
»Als führende Händler auf diesem Gebiet bieten die Televek eine vollständige Produktpalette an«, erwiderte Jonal.
»Warum auch nicht?« warf Mila in einem fast beschwörenden Ton ein. »Welches Recht hat jemand in unserem Universum, über andere zu urteilen, ohne die Hintergründe zu kennen?«
»Zugegeben.« Chakotay schien es gar nicht erwarten zu können, auch den Rest zu hören. »Bitte fahren Sie fort.«
»Ja, bitte.« Janeway beugte sich vor.
»Die besondere Position der Televek erregt die
Aufmerksamkeit vieler Völker, und zwar aus unterschiedlichen Gründen – das Spektrum reicht von Vereinbarungen über Meinungsverschiedenheiten bis hin zu Piraterie«, sagte Jonal.
»So etwas kann zu Komplikationen führen. Zum Beispiel sind nicht alle bereit, einen fairen Preis zu bezahlen.«
»Ja.« Tassay nickte und faltete die zarten Hände wie zu einem Gebet. »Wissen Sie, manche Leute schrecken vor nichts zurück, um die Technik zu bekommen, die sie sich wünschen.«
»Jedesmal dann, wenn die Televek einen Vertrag respektieren, gewinnen sie nicht nur Freunde, sondern auch Feinde«, meinte Mila. »Und manche Feinde können sehr nachtragend sein. So etwas geschieht recht oft.«
»Ja, das habe ich gehört«, murmelte Neelix, woraufhin ihn alle drei Mittler stumm ansahen.
»Wie dem auch sei…«, sagte Janeway. »Die gegen mein
Schiff gerichtete Aggression werte ich nach wie vor als Affront.
Ich wäre vielleicht bereit, darüber hinwegzusehen, aber zunächst möchte ich mehr über die Gründe erfahren, warum die Televek ihren Raumer in den Orbit von Drenar Vier gesteuert haben. Wenn es ihnen wirklich darum geht, der einheimischen Bevölkerung zu helfen, so würde ich gern wissen, was sie überhaupt an dem Planeten beziehungsweise seinen Bewohnern interessiert.«
»Teilen Sie uns außerdem mit, welche Bedingungen sich Gantel für eine Vereinbarung mit uns vorgestellt hat.« Chakotay behielt die Besucher bei diesen Worten aufmerksam im Auge.
»Wir haben natürlich nur das Beste im Sinn«, erwiderte Jonal.
»Das Beste und Vernünftigste«, bekräftigte Tassay, und wieder galten ihre Worte vor allem Chakotay. Der Commander und die Drosary sahen sich einige Sekunden lang stumm an, schienen die Präsenz der anderen Personen zu vergessen.
Ein sehr leidenschaftliches Volk, dachte Janeway und wußte nicht, ob sie Gefallen an dieser Vorstellung finden konnte.
Hinzu kam folgendes: Jonal ließ kaum einen Zweifel daran, daß sie ihn faszinierte. Erstaunlicherweise übte dieser Umstand einen gewissen Reiz auf sie aus.
»Wir verstehen Ihre Besorgnis«, sagte Jonal. »Wir sind gern bereit, alle Ihre Fragen zu beantworten, und wir hoffen, daß wir anschließend auch Auskunft von Ihnen bekommen. Die Televek können praktisch alles liefern, das Sie brauchen, um Ihr Schiff wieder vollkommen in Ordnung zu bringen. Und als
Gegenleistung haben Sie sicher viel anzubieten. Die Voyager und Ihre Technologie sind völlig neu für unsere Auftraggeber.
Daher dürfen Sie mit großem Interesse rechnen.«
»Mit großem Interesse an unserer Technik«, entgegnete Janeway.
Verwunderung huschte durch Jonals Gesicht. »Natürlich«, fuhr er fort, und sein Blick glitt durchs Zimmer. »Das verstehen Sie bestimmt. Immerhin sind sie nie zuvor einem Schiff wie dem Ihren begegnet. In diesem Zusammenhang interessiert es sie sehr, Ihr Angebot zu erfahren.«
Darauf hatte Janeway gewartet. Die Drosary wirkten
freundlich und zuvorkommend, aber sie gewann allmählich den Eindruck, daß sie mit einem Team von aalglatten und überaus geschickten Verkäufern sprach. Auf diesem Gebiet mangelte es ihr an Erfahrung, doch derartige Verhandlungen basierten wie Erstkontakte auf bestimmten Grundsätzen. Janeway hatte mehr als nur einen zeitgenössischen Roman zu diesem Thema gelesen, und daher wußte sie: Einem derartigen Dilemma begegnete man am besten, indem man möglichst wenig Geld in der Tasche trug – aber möglichst viele Taschen mitbrachte.
»Wir wären imstande, Ihnen bestimmte medizinische
Techniken anzubieten, die sicher einen großen Nutzen für Sie hätten«, sagte Janeway.
»Unsere medizinische Wissenschaft hat einen sehr hohen Entwicklungsstand erreicht«, erwiderte Mila. Es klang kühler als vorher.
»Wir könnten die Daten unserer Bibliothek in Ihren
Bordcomputer transferieren.« Janeway unterstrich ihre Worte mit einem Lächeln. »Sie enthält Texte und multimediale Informationen über Hunderte von Völkern in unserem Teil der Galaxis. Damit meine ich Völker, die Sie bisher nicht kennen.
Einige der größten Werke von Literatur und…«
»Es fällt uns schon schwer genug, in bezug auf die vielen Kulturen in unserem Quadranten auf dem laufenden zu bleiben, Captain«, sagte Jonal. »Meine derzeitige Leseliste ist ziemlich lang. Trotzdem: Dieser Punkt ist nicht ganz und gar
uninteressant. Hier könnte es tatsächlich einen gewissen Wert geben. Was sonst noch?«
»Was sonst noch?« wiederholte Chakotay ein wenig entrüstet.
»Wie ich schon Gantel gegenüber erwähnte…«, sagte Janeway etwas strenger. »Wir sind bereit, Sie bei Hilfsmaßnahmen in Hinsicht auf die Bevölkerung des Planeten zu unterstützen.
Immerhin meinte er, deshalb seien Sie hier – um den in Gefahr geratenen Einheimischen zu helfen. Die medizinischen Daten und Bibliotheksinformationen sind gewissermaßen ein
zusätzlicher Beitrag von uns.«
»Ja, natürlich«, bestätigte Jonal. Er klang liebenswürdig, ohne übermäßig begeistert zu wirken. Nach einigen Sekunden sah er Janeway so an, als seien sie schon seit langer Zeit miteinander bekannt, als teilten sie ein profundes Geheimnis oder den Schatz eines sehr bedeutungsvollen Wissens. »Dürfen wir einen weiteren Vorschlag unterbreiten?«
Janeway lehnte sich zurück. »Ich höre.«
»Die Televek handeln häufig mit Waffen, Captain, das ist kein Geheimnis. Und um ganz offen zu sein: Ihre sind sehr beeindruckend. Unsere Auftraggeber wären sehr daran
interessiert zu erfahren, wie Sie ein so unglaublich hohes energetisches Niveau bei den Phasern bewerkstelligen und doch die Zielgenauigkeit wahren konnten. Darüber hinaus lassen die Sondierungsergebnisse vermuten, daß Ihre Warpgondeln nicht stationär sind, sondern…«
»Nein«, sagte Janeway in einem kategorischen Tonfall. Eine besorgte Stimme regte sich in ihrem Innern, eine Stimme, die sie seit ihrer Zeit an der Akademie kannte. Ganz bewußt wandte sie den Blick von den Drosary ab, insbesondere von Jonal, fixierte ihre Aufmerksamkeit statt dessen auf das Modell der Voyager an der gegenüberliegenden Wand. So etwas wie Euphorie war bei der Besprechung entstanden, doch die allgemeine Zuversicht schien jetzt nachzulassen, während gleichzeitig Janeways innere Stimme lauter wurde. »Unter gar keinen Umständen überlassen wir die Waffentechnik der Föderation den Televek oder einem anderen Volk. So etwas ist absolut ausgeschlossen.«
»Wir bedauern sehr, das zu hören, Captain«, erwiderte Mila und sah ihre beiden Begleiter an. Die drei Drosary schienen eine stumme Übereinkunft zu treffen, so als seien sie zur wortlosen Kommunikation imstande. Janeway hielt sie nicht für
Telepathen, wünschte sich jedoch Kes’ Präsenz. Die Ocampa hatte bei mehreren Gelegenheiten latente telepathische Fähigkeiten bewiesen und wäre vielleicht in der Lage gewesen, solche Eigenschaften bei den Besuchern zu erkennen. Aber Kes befand sich noch in der Krankenstation und lag im Heilschlaf.
Allmählich werden die Taschen knapp, dachte Janeway und vermied es noch immer, in Jonals hellgrüne Augen zu sehen.
Die Warpgondel-Konfiguration der Voyager verwendete das Konzept der variablen Geometrie, um die negativen
Auswirkungen von Warpfeldern auf das Subraum-Kontinuum und bewohnte Welten möglichst gering zu halten. So etwas mußte natürlich das Interesse der Televek wecken, die offenbar eine primitivere Reaktortechnik verwendeten. Darüber könnten wir eventuell reden, dachte die Kommandantin. Wenn uns nichts anderes übrigbleibt.
Sie formulierte entsprechende Worte. »Hochverehrter
Captain«, erwiderte Jonal, und es klang sehr traurig, fast gequält, »ich werde Ihre Vorschläge natürlich weiterleiten und versuchen, sie bei meinen Auftraggebern möglichst attraktiv erscheinen zu lassen. Aber ich glaube nicht, daß Ihre Anregungen in der bisherigen Form genügen. Ich verstehe Ihre Besorgnis, möchte jedoch darauf hinweisen, daß die Televek bereits über eine hochentwickelte Waffentechnik verfügen.
Allerdings scheinen Ihnen in diesem Bereich einige wesentliche Verbesserungen gelungen zu sein.«
»Unsere Ortungsdaten weisen darauf hin, daß Sie zwei mit Warppotential ausgestattete Geschosse auf das Raumschiff der Televek gerichtet haben«, sagte Mila und neigte den Kopf zur Seite, wodurch ihr langes weißes Haar über die braune Schulter glitt. Ihr Blick blieb auf Paris gerichtet. »Unsere Auftraggeber könnten an einem Verhandlungsgespräch darüber interessiert sein. Die Televek sind bestimmt neugierig und möchten erfahren, warum jene Waffen einsatzbereit bleiben, obgleich sie selbst alle ihre offensiven Systeme deaktiviert haben.«
»Es handelt sich um Photonentorpedos«, erklärte Paris und erwiderte Milas Blick. »Sie sind sehr wirkungsvoll.«
Janeway klopfte auf ihren Insignienkommunikator. »Captain an Fähnrich Rollins. Sichern Sie die Photonentorpedos. Bleiben Sie aber bei Alarmstufe Gelb.« Sie sah Mila an, als sich die Drosary ihr zuwandte, und die beiden Frauen wechselten ein freundliches Lächeln.
»Das ist sehr ermutigend«, kommentierte Tassay, die damit nach längerer Pause das Wort ergriff. »Die Televek haben ähnliche Waffen, von vergleichbarer Stärke, aber ich glaube, dabei wird ein Pulsgenerator verwendet. Ein Vergleich mit Ihren Systemen wäre von einem gewissen Interesse; vielleicht könnten wir in diesem Zusammenhang eine Vereinbarung treffen.«
»Das halte ich für unwahrscheinlich«, sagte Chakotay und warf Janeway einen Blick zu, der ihr mitteilte, daß er ebenfalls skeptisch blieb.
»Bitte versuchen Sie, vernünftig zu sein«, sagte Jonal, und seine Worte galten in erster Linie Janeway. »Immerhin liegt es in Ihrem eigenen Interesse, eine möglichst breite Basis für die Zusammenarbeit zu schaffen.«
Janeway schwieg und musterte die Drosary, vor allem Jonal, der ihr wie ein sehr freundlicher und wohlwollender Diplomat erschien. Ein Mann, der ihr große Beachtung schenkte… Und natürlich hatten diese Gesandten recht mit ihren Ausführungen –
wenn man die Dinge aus ihrer Perspektive sah. Doch das galt auch für Janeways Blickwinkel.
Letztendlich verhandelte sie nicht mit diesen Leuten, sondern mit den Televek. Wie konnte sie diesen drei Drosary trauen, auch wenn das durchaus angebracht zu sein schien?
Ihre eigenen Möglichkeiten waren begrenzt, während die Televek einen größeren Spielraum hatten. Wir stehen unter Druck, nicht sie, dachte Janeway. Aber noch wollte sie nicht nachgeben. Ihr blieb eine Westentasche…
»Wenn Sie uns bitte entschuldigen würden…«, sagte sie, und ihr Tonfall machte deutlich, daß sie keine Frage stellte. »Ich möchte mich mit meinen Offizieren beraten. Vielleicht haben auch Sie den Wunsch, die bisherigen Erörterungen unter sich zu diskutieren. Ich muß einige Situationsaspekte überprüfen, darunter unsere Protokolle.«
»Natürlich«, sagte Tassay liebenswürdig.
»Ich weiß nicht, wieviel Zeit unsere Gespräche in Anspruch nehmen. Sie können natürlich an Bord bleiben. Wir werden versuchen, Ihnen den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. Vielleicht gelingt es uns anschließend, einen Konsens zu erzielen.«
»Davon bin ich überzeugt, Captain«, erwiderte Jonal und lächelte strahlend. Mila und Tassay nickten freundlich.
»Danke«, sagte Janeway. Sie gab den beiden
Sicherheitswächtern an der Tür ein Zeichen, und daraufhin geleiteten sie die Drosary hinaus.
»Warten Sie eine Weile – solange sie können –, bevor Sie die Besucher zurückrufen«, wandte sich die Kommandantin an Chakotay, als sie allein waren. »Verhandeln Sie mit ihnen, bis ich zurück bin. Sie haben das Kommando und sind befugt, eine Vereinbarung zu treffen, wenn die Gesandten unsere
ursprünglichen Bedingungen akzeptieren. Was ich allerdings bezweifle. So freundlich und zuvorkommend die Drosary auch sind: Ich bin ziemlich sicher, daß sie selbst und erst recht ihre Auftraggeber an ihren eigenen Bedingungen festhalten wollen.«
»Darf ich fragen, was Sie vorhaben?« fragte der Erste Offizier verwundert.
»Je mehr ich mich bemühe, desto schwerer fällt es mir, einen Sinn in dieser ganzen Sache zu erkennen. Wenn die Televek tatsächlich mit einer Rettungsmission beschäftigt sind, so haben sie es damit offenbar nicht sehr eilig. Es gibt nicht einmal Anzeichen dafür, daß entsprechende Initiativen begonnen haben. Als ich darauf zu sprechen kam, wichen die Drosary diesem Thema aus.«
»Sie scheinen sehr eingleisig zu sein.« B’Elanna Torres sprach nun zum erstenmal seit Beginn der Verhandlungen. »Ich halte nicht viel davon, daß sie unsere Waffen-und
Triebwerkssysteme auskundschaften. Das gefiele mir nicht einmal dann, wenn ich dabei direkt neben ihnen stünde. Und eins steht fest: Ich würde auf keinen Fall zulassen, daß sie ohne mich einen technischen Streifzug unternehmen. Ich weiß nicht warum, aber irgend etwas an den Drosary läßt mich schaudern.«
Sie sah sich am Tisch um, erwartete vermutlich Zustimmung.
»Ich habe nichts dergleichen bemerkt«, sagte Chakotay.
»Ich auch nicht«, pflichtete ihm Paris bei.
B’Elanna runzelte die Stirn.
»Freundlichkeit gehört nicht zum Stil der Televek«, betonte Neelix und schloß sich damit dem Standpunkt der
Chefingenieurin an. »Wenn Sie mich fragen: Die Burschen planen etwas. Es ist richtig, daß Sie ihnen nicht vertrauen, Captain. Mir sind gräßliche Geschichten über die Televek zu Ohren gekommen. Wissen Sie, ich habe einmal eine sehr vorteilhafte Vereinbarung mit einigen Idsepianern getroffen, keine fünfzig Lichtjahre von hier entfernt, doch dann stellte sich heraus, daß sie einen ziemlich scheußlichen Streit mit den Tethoeen im Nachbarsystem hatten, und bevor ich den erzielten Profit in Sicherheit bringen konnte…«
»Danke, Mr. Neelix«, unterbrach Janeway den Talaxianer.
»Ich weiß Ihre Hinweise sehr zu schätzen. Und ich bin Ihrer Meinung, zumindest prinzipiell. Wir können es uns nicht leisten, den Drosary – und den Televek – uneingeschränkt zu vertrauen, auch wenn wir das möchten. Wir wissen nicht genug über sie, und es steht zuviel auf dem Spiel.«
»Ja, Sie haben recht«, bestätigte Chakotay. Seit der fast fatalen Begegnung der Voyager mit dem braunen Zwerg spürte Janeway Unbehagen tief in ihrem Innern, und jetzt verdichtete es sich, wies darauf hin, daß sich die Lage ständig
verschlechterte. Sie verabscheute es, auf der Verliererseite zu stehen, selbst dann, wenn die Umstände günstig waren – eine Beschreibung, die gewiß nicht auf die gegenwärtige Situation zutraf. Sie atmete tief durch, entschlossen dazu, nicht noch mehr außer Kontrolle geraten zu lassen.
»Ich möchte herausfinden, was auf dem Planeten geschieht«, sagte sie. »Die Sensoren können mir leider keine Antwort auf meine Fragen geben, und von den Televek dürfen wir offenbar keine Auskunft erwarten. Deshalb werde ich Drenar Vier einen Besuch abstatten.«
»Ich begleite Sie«, bot sich Chakotay sofort an.
Janeway schüttelte den Kopf. »Nein. Ich brauche Sie hier. Mr.
Tuvok, Sie kommen mit mir.«
»Captain«, sagte Chakotay, »ich…«
»Seien Sie unbesorgt«, entgegnete die Kommandantin. »Das heißt: Machen Sie sich nicht mehr Sorgen als sonst.«
Der Erste Offizier nickte wortlos. Janeway verabschiedete sich von den anderen und ging fort, gefolgt von dem Vulkanier.
Schweigend schritten sie durch die Korridore, und die Stille dauerte an, bis sie ihr Ziel fast erreicht hatten. »Mit welchen Entdeckungen rechnen Sie?« fragte Tuvok, als sie den Shuttlehangar betraten. Harry Kim wartete neben der offenen Einstiegsluke eines Shuttles. Die Voyager verfügte über zwei Raumfähren dieser Art. »Ich weiß es nicht«, erwiderte Janeway.
»Ich rechne damit, Einheimischen zu begegnen,
Vulkanausbrüche zu sehen, vielleicht Erdbeben zu erleben.
Abgesehen davon… nichts. Das hoffe ich jedenfalls. Aber ich bin nicht bereit, darauf zu wetten.«
»Wir sind startklar, Captain«, meldete Kim, als sich die Kommandantin ihm zuwandte.
»Ausgezeichnet, Fähnrich.« Sie kletterten an Bord und schlossen die Luke, warteten dann darauf, daß sich das Innenschott öffnete. Kurze Zeit später saßen sie an den Konsolen. Nach einer raschen Überprüfung der Bordsysteme aktivierte Kim das Triebwerk, und Janeway steuerte sie in den Weltraum.
Chakotay klopfte auf seinen Insignienkommunikator.
»Bringen Sie die Besucher zurück.« Er sah kaum einen Sinn daran, die Drosary noch länger warten zu lassen und dadurch ihre Geduld auf die Probe zu stellen. Alles in ihm drängte danach, die Verhandlungen fortzusetzen, sie zu einem erfolgreichen Abschluß zu bringen.
Die beiden Sicherheitswächter führten Jonal, Mila und Tassay wieder in den Besprechungsraum. Als alle saßen, wies Chakotay darauf hin, Janeway sei mit einigen Analysen beschäftigt und hoffe, sich ihnen bald hinzugesellen zu können.
Der Erste Offizier versuchte, dort anzuknüpfen, wo sie die Gespräche unterbrochen hatten.
»Vielleicht könnten wir über unsere Sensortechnik reden«, sagte er. »Ich glaube, auf diesem Gebiet sind wie Ihnen ein wenig voraus.«
Die drei Mittler wechselten rasche Blicke, und ihre Mienen schienen sich zu erhellen. »Ja, einverstanden«, entgegnete Tassay schließlich und musterte Chakotay bewundernd.
»Wir müssen natürlich feststellen, ob sie für die Televek einen echten Nutzen hat«, sagte Jonal. »Aber wie dem auch sei: Die Sensortechnik ist zweifellos ein Schritt in die richtige Richtung.
Es geht hier nicht um den Verkauf eines Sternenreichs, nur um einen harmlosen Austausch von Produkten beziehungsweise Kenntnissen. Sie brauchen sich nicht vor uns oder den Televek zu fürchten, Commander. Unsere Auftraggeber meinen es gut.
Bitte teilen Sie das Captain Janeway mit. Helfen Sie mir, sie zu überzeugen.«
Chakotay lächelte unwillkürlich. »Ich schätze, da kann ich ihnen keine große Hilfe sein.«
»Erster Offizier zur Brücke!« tönte die Stimme von Lieutenant Rollins aus den Interkom-Lautsprechern.
»Hier Chakotay. Was ist los?«
»Commander, die Televek haben auf das Shuttle geschossen«, antwortete Rollins.
Paris war sofort auf den Beinen und eilte bereits zur Tür, als Chakotay aufsprang. »Statusbericht!«
»Das Shuttle hat einen direkten Treffer abbekommen und stürzt ab. Wir haben den Kom-Kontakt verloren.«
»Sie drei bleiben hier«, wies Chakotay die Drosary an. Und zu den Sicherheitswächtern: »Sorgen Sie dafür, daß niemand den Raum verläßt.«
Die beiden Männer nickten, zogen ihre Phaser und richteten sie auf die Gesandten.
»Commander…« Jonal wirkte zerknirscht. »Ich versichere Ihnen, daß wir…«
»Nicht jetzt.« Chakotay ging an ihm vorbei.
»Bitte warten Sie.« Tassay näherte sich, streckte die Hand nach ihm aus. »Geben Sie uns die Möglichkeit, Ihnen zu erklären…«
»Nein«, sagte Chakotay kühl, wich der Hand aus und eilte im Laufschritt durch den Korridor.
Kim rief eine Warnung, und im gleichen Augenblick raste vom Raumschiff der Televek ein Strahlblitz heran. Das Shuttle schüttelte sich und schlingerte. Das Licht ging aus, und in der Dunkelheit flackerte es mehrmals, begleitet vom fauchenden Zischen einiger Kurzschlüsse. Einige Sekunden später verdrängte das rote Glühen der Notbeleuchtung die Dunkelheit.
Janeway und Tuvok waren zu Boden geschleudert worden, standen wieder auf und wankten zur Hauptkonsole. Die Raumfähre schien sich um ihre eigene Achse zu drehen. Kim spürte, wie Furcht in ihm emporquoll, ihm den Hals zuschnürte.
Das Atmen fiel ihm plötzlich schwer, und es kam einer Anstrengung gleich, die Lungen mit Luft zu füllen. Er kämpfte gegen die drohende Panik an und trachtete danach, sich wieder zu fassen, die Ruhe zu bewahren. »Wir haben das energetische Potential der Backbordgondel verloren«, berichtete er, trat ebenfalls zur zentralen Konsole und sah auf die Displays.
Datenkolonnen wanderten durch die kleinen Projektionsfelder.
»Das ist noch nicht alles.«
Kim glaubte, Besorgnis in Tuvoks Stimme zu hören, was für den Vulkanier recht ungewöhnlich war. Dieser Umstand beruhigte ihn keineswegs.
»Wir müssen die Drehbewegung stoppen, wenn wir eine
Chance haben wollen«, sagte Janeway und rang mit den Kontrollen. »Mr. Kim, versuchen Sie es mit den Steuerbord-Stabilisatoren.«
Telemetriedaten leuchteten neben einem Anzeigefeld, das die relative Position des Shuttles zum Horizont verdeutlichte. Kim schaltete die Stabilisatoren auf ein Reservesystem um, während es Janeway und Tuvok gelang, wieder eine gewisse Kontrolle auf die Bewegungsmuster der Raumfähre auszuüben.
Gemeinsam sorgten sie dafür, daß der Sturzflug etwas flacher wurde. Die Höhe verringerte sich nicht mehr ganz so schnell, und auf dem Hauptschirm geriet nun die Tagseite des Planeten in Sicht.
»Vielleicht schaffen wir es, Captain.« Kim verspürte das Bedürfnis, irgend etwas zu sagen, als das Überleben zumindest zu einer Möglichkeit wurde.
»Etwas anderes lasse ich nicht zu«, erwiderte Janeway und bedachte den Fähnrich mit einem kurzen Blick. Die
Kommandantin schien die ganze Zeit über gewußt zu haben, daß sie am Leben blieben. Das war natürlich unmöglich; niemand konnte wissen, was die Zukunft brachte. Doch ein Teil von ihm wollte daran glauben, um die Furcht endlich zu besiegen.
»Ja, Ma’am«, sagte der junge Mann und kam dem nächsten Befehl zuvor, indem er die Landedüsen vorbereitete.
»Die Navigationskontrollen reagieren kaum«, meldete Tuvok.
»Das energetische Niveau ist auf dreiundsiebzig Prozent gesunken. Ich glaube, wir kommen ziemlich nahe an das ursprünglich ausgewählte Ziel heran; allerdings haben wir keine Gelegenheit, einen geeigneten Landeplatz zu wählen.«
»Wenn es nur einer ist, den wir anschließend zu Fuß verlassen können«, kommentierte Janeway, was Kim zu einem
nachdrücklichen Nicken veranlaßte.
Das Shuttle schlingerte erneut, kippte von einer Seite zur anderen, neigte dann den Bug abrupt nach unten. Kim spürte, wie sich ihm erneut die Schlinge der Angst um den Hals legte.
Er versuchte, dieses unangenehme Gefühl einfach zu ignorieren, blickte zum Hauptschirm und beobachtete, wie die Raumfähre durch dunkle Aschewolken glitt. Kurz darauf wichen die Rußschwaden beiseite, und der Boden des Planeten schien ihnen entgegenzuspringen. Ein flickenartiges Muster aus Feldern, Wiesen, Ackerland und dichten Wäldern erstreckte sich unter ihnen, reichte bis zu den Hügeln und Bergen im Osten. Im Süden ragte eine weitere Bergkette empor, und von einigen Gipfeln wuchsen Rauchsäulen gen Himmel.
Kim zündete die Landedüsen und nahm manuelle Korrekturen vor, während sich Janeway und Tuvok bemühten, den Bug des Shuttles in der Waagerechten zu halten. Nach einem neuerlichen Taumeln, das Übelkeit in Kim entstehen ließ, neigte sich die Nase der Raumfähre nach oben, und dann setzte es auf – mit einem so heftigen Ruck, daß die drei Passagiere das
Gleichgewicht verloren und stürzten.
»Alles in Ordnung?« fragte Captain Janeway, als sie und Tuvok sich aufrichteten. Ein einzelnes Element der
Notbeleuchtung glühte, und in dem Halbdunkel waren nur undeutliche Konturen zu erkennen.
Die meisten Anzeigeflächen lieferten keine Daten mehr, stellte Kim fest, als er aufstand und sich umsah. Erneut schob er sich vor die zentrale Konsole, empfand dabei starke Schmerzen in den Rippen und am Ellenbogen. Er berührte Schaltflächen und versuchte herauszufinden, welche Bordsysteme noch
funktionierten und warum die anderen ausgefallen waren.
»Ich bin nicht verletzt, Captain«, beantwortete er Janeways Frage.
»Das gilt auch für mich«, fügte Tuvok hinzu. »Aber mir scheint, dieses Shuttle kann erst wieder fliegen, nachdem umfangreiche Reparaturen durchgeführt wurden. Eine weitere Einsatzgruppe muß hierher transferiert werden.« Er trat neben Kim und blickte auf die Displays. »Wir haben keine Energie mehr, zumindest derzeit nicht. Und selbst wenn uns volle energetische Kapazität zur Verfügung stünde: Praktisch alle Bordsysteme sind ausgefallen.«
»Auch die Lebenserhaltung«, sagte Kim.
»Und die Kommunikation«, meinte Tuvok.
Janeway nickte, und ihr Gesichtsausdruck blieb in der Düsternis verborgen. »Na schön. Mal sehen, ob sich feststellen läßt, wie’s oben aussieht.« Sie klopfte auf ihren
Insignienkommunikator. »Janeway an Voyager, bitte melden Sie sich.«
Keine Antwort. Kim und Tuvok versuchten es auch mit ihren Kommunikatoren, doch es gelang nicht, eine Verbindung zum Schiff in der Umlaufbahn herzustellen.
»Die starken Fluktuationen im Magnetfeld des Planeten führen zu Interferenzen«, sagte Tuvok. »Vielleicht erreichen unsere Signale die Voyager überhaupt nicht.«
»Das wäre eine plausible Erklärung, Captain«, warf Kim in dem Wunsch ein, sich irgendwie nützlich zu machen. Ihm war klar: Tuvok und Janeway hatten zusammen mehr Erfahrung, als er in einem ganzen Leben sammeln konnte. Andererseits vermittelten sie ihm nicht das Gefühl, etwas anderes zu sein als ein geschätztes und geachtetes Besatzungsmitglied. Was ihn in dem Bestreben bestärkte, Kompetenz und Tüchtigkeit zu beweisen.
»Wir sind abgestürzt und von der Voyager abgeschnitten.«
Janeway schüttelte ernst den Kopf. Nach zwei oder drei Sekunden stemmte sie die Hände in die Hüften, was auf einen Stimmungswechsel hinwies. »Welche Systeme können repariert werden?« fragte sie den Vulkanier. »Und wie lange dauert es?
Derzeit bleibt uns nur Hoffnung.«
»Die eine oder andere Reparatur sollte möglich sein, obgleich ich nicht weiß, wieviel Zeit dafür erforderlich ist. Ich gebe den Kommunikationssystemen absoluten Vorrang.«
»Verstanden. Sie bleiben hier und machen sich sofort an die Arbeit. Mr. Kim und ich sehen uns draußen um. Vielleicht wurde unsere Landung von jemandem beobachtet. Wenn das der Fall ist, so möchte ich einen Eindruck von den Betreffenden gewinnen, bevor sie uns finden.«
»Nach meinen Berechnungen sind wir ein wenig nördlich des ursprünglichen Ziels gelandet«, sagte Kim und entsann sich an die letzten Telemetriedaten. Während des Wartens im
Shuttlehangar hatte er sich Karten von der Oberfläche des Planeten und speziell des Landegebiets angesehen. Die Siedlung in der Nähe gehörte zu den größten auf dieser Seite von Drenar Vier. Die Landung war nicht weit davon entfernt vorgesehen gewesen. Während das Shuttle durch die Wolken raste, hatte Kim befürchtet, daß sie direkt über der »Stadt« abstürzten.
»Wir sind nur wenige Kilometer von den Vorbergen entfernt, unter denen sich die subplanetare Energiequelle befindet«, stellte Tuvok fest.
»Wir haben also praktisch den Zielort erreicht«, meinte Janeway. »Was uns allerdings kaum etwas nützt.«
»Captain…« Kim zögerte, den Gedanken auszusprechen.
»Glauben Sie, daß die Voyager angegriffen wird?«
»In dieser Hinsicht läßt sich keine Gewißheit erlangen«, erwiderte Tuvok.
»Ich meine… Warum schicken die Televek Gesandte zur
Voyager – um dann das Feuer zu eröffnen?«
»Ich glaube, sie haben allein auf das Shuttle geschossen«, sagte Janeway.
»Aber auch das ergibt keinen Sinn.«
»Deshalb sind wir hier, Mr. Kim: um mehr herauszufinden, einen Sinn in der ganzen Angelegenheit zu erkennen. Und an dieser Absicht halte ich fest. Phaser auf Betäubung justieren«, wies sie den Fähnrich an und veränderte die Einstellungen der eigenen Waffe. »Ich hoffe, daß wir die Strahler nicht brauchen.
Wir sollten es vermeiden, uns den Einheimischen zu zeigen. Es gibt keinen Grund zu der Annahme, daß die Televek einen entsprechenden Kontakt herbeigeführt haben.«
»Aye, Sir.« Kim befestigte seinen Phaser wieder am Gürtel.
»Ich bin soweit.«
»Gut.« Janeway betätigte die manuellen Kontrollen, und langsam schwang die Luke auf. »Also los.«
Kapitel 5
»Gefechtsstationen besetzen, Mr. Rollins!« befahl Chakotay, als er auf die Brücke eilte, dichtauf gefolgt von B’Elanna Torres.
»Photonentorpedos vorbereiten. Auf meinen Befehl hin das Feuer eröffnen. Navigation, halten Sie sich für
Ausweichmanöver bereit.«
Rollins stand an Tuvoks Konsole und bediente die Kontrollen der taktischen Station. »Wir sollten besser darauf verzichten, die Torpedos einzusetzen, Sir«, sagte er. »Wir sind dem Ziel zu nahe.«
»Er hat recht«, ließ sich B’Elanna von der technischen Station her vernehmen. »Ohne den Schutz der Schilde könnte sich die energetische Druckwelle als sehr gefährlich erweisen.«
Chakotay musterte sie nacheinander. »Ich weiß. Die
Photonentorpedos werden trotzdem vorbereitet.«
»Die Televek versuchen, einen Kom-Kontakt mit uns
herzustellen«, meldete Rollins.