Der achtzehnte Tag. Du warst nicht da, als ich aufstand. Ich öffnete die Tür, die von der Küche ins Freie führte, und ließ mich auf der provisorischen Treppe nieder. Ich schaute hinaus auf den Sand, den endlosen Sand, das Meer von Sand. Ich wartete – worauf, das wusste ich nicht. Um mich herum wurde der Tag immer heißer. Die Fliegen schwirrten und brummten mir um die Ohren. Ein Hitzeschleier trübte den Himmel.
Plötzlich flog aus dem Nichts ein Schwarm kleiner, schnatternder Vögel vorbei. Ihr Schwirren und Piepsen erinnerte mich irgendwie an Kinder, die wie wild auf ihre Quietscheentchen treten. Die Vögel waren ungefähr so groß wie meine Faust, hatten einen grauen Rücken und einen blutroten Schnabel. Sie kreisten eine Zeit lang ums Haus, bevor sie Richtung Separates davonschossen. Danach wartete ich eine halbe Ewigkeit lang auf ihre Rückkehr.
Am Tag darauf hast du auf mich gewartet.
»Komm mit«, sagtest du.
Ich folgte dir. Langsam begann ich die Stille im Haus zu hassen und ich hasste auch die dumpfe Niedergeschlagenheit, in die ich immer mehr versank. Aber du gingst nicht zu den Felsen, sondern rüber zum Schuppen. Ich blieb ein Stück zurück.
»Ich will da nicht rein«, sagte ich, als du neben der Tür stehen bliebst, durch die du mich vorher geschubst hattest.
»Komm schon«, sagtest du. »Ich will dir was zeigen.«
Du machtest die Tür auf und gingst hinein. Ich blieb auf der Schwelle stehen. Du liefst zur anderen Seite und zogst die Vorhänge zurück. Sonnenlicht durchflutete den Raum und ließ alle Farben aufleuchten – den Sand, die Blätter und Blumen. Zuerst kam es mir wie ein einziges Wirrwarr vor. Instinktiv suchte ich die Umgebung nach Dingen ab, die mir gefährlich werden konnten. Doch ich entdeckte nichts als einen Haufen Steine in einer entfernten Ecke. Als du dorthin gingst, verkrampfte ich mich und machte mich fluchtbereit.
Aber du holtest keinen Stein. Stattdessen hast du eine Wasserflasche aufgeschraubt und ein paar Tropfen auf die Steine fallen lassen. Dann hast du etwas von ihrer feuchten Oberfläche abgeschabt, auf einen kleinen Teller getan und es mit mehr Wasser zu einer dunklen Paste vermischt.
»Was machst du da?«
»Farbe.«
Neben mir hing ein aus Gräsern geflochtener Korb, in dem Blätter, Beeren und Blüten lagen. Da gingst du hin, überlegtest kurz und nahmst ein paar rote Knospen. Auch sie riebst du in die Paste hinein. Du warst ruhig und konzentriert bei der Arbeit, nahmst immer wieder verschiedenfarbige Pflanzen und fügtest sie deiner Paste bei. Ich spürte, wie mir die Sonne in den Nacken stach, darum ging ich ein paar Schritte von der Tür weg in den Schuppen hinein und lehnte mich an die Wand.
Du hattest dich auf den Boden gesetzt, die Beine vor dir ausgestreckt. Du zogst einen Pinsel hinter dem Steinhaufen hervor, tauchtest ihn in eine rostfarbene Paste und begannst, lange dünne Linien auf deinen Fuß zu malen. Das Muster erinnerte mich an die Rinde eines Baums. Deine Stirn legte sich in Falten. Ich hatte keine Angst mehr vor dir, wie du da hocktest, mit gesenktem Kopf und ganz und gar vertieft. Trotzdem behielt ich dich genau im Blick. In diesem Augenblick glaubte ich fast, dass du die Wahrheit gesagt hattest, als du mir versprachst, du würdest mir nichts tun.
»Wie lang willst du mich noch hier festhalten?«, fragte ich ruhig.
Du sahst nicht von deiner Arbeit auf. »Hab ich dir doch schon gesagt«, gabst du zur Antwort. »Für immer.«
Ich glaubte dir nicht. Wie hätte ich dir auch glauben können? Wenn ich diese Antwort akzeptierte, hätte ich auf der Stelle tot umfallen müssen. Ich seufzte. Es war schon fast Mittag – eine Tageszeit, in der es unerträglich heiß wurde; auch nur ein paar Meter weit zu laufen war schon eine olympiareife Leistung. Also sah ich dir weiter zu.
Bald zog sich die Farbe von deinem Fuß über den Knöchel bis zum Unterschenkel hoch. Auf deine Schienbeine maltest du Blätter, und rote, gezackte Gräser bedeckten deine Waden. Du lächeltest, als dir bewusst wurde, dass ich dir immer noch zuschaute.
»Du erinnerst dich also nicht mehr an unsre erste Begegnung, stimmt’s?«
»Wie denn auch?«, sagte ich. »Die hat’s nie gegeben.«
Du maltest weiter die gezackten Gräser und fülltest die Zwischenräume mit Schwarz aus.
»Es war an Ostern«, begannst du. »Frühling, in den Zweigen hing das Sonnenlicht. Es war nicht besonders kalt, zwischen den Hecken haben schon die Schlüsselblumen geblüht. Du warst zusammen mit deinen Eltern im Park.«
»In welchem Park?«
»Im Prince’s Park. Am Ende von eurer Straße.«
Ich sank an der Wand entlang auf den Boden – wieder einmal schockierte mich, wie viel du über mich wusstest. Dein Blick drang tief in meine Augen, du wolltest einfach ausblenden, dass ich nichts davon wusste. Langsam hast du weitergeredet, als wolltest du so mein Erinnerungsvermögen zurückholen.
»Deine Eltern haben vor den Rhododendronbüschen auf einer Bank gesessen und Zeitung gelesen. Sie hatten dir einen Roller gekauft, damit du spielen konntest. Aber du hast ihn auf dem Rasen liegen lassen und bist zu den Blumenbeeten gegangen. Ich hab gehört, wie du mit den Narzissen und Tulpen geredet hast; du hast den Elfen, die zwischen den Blütenblättern wohnen, Sachen zugeflüstert. In jeder Blume hat eine andere Elfenfamilie gelebt.«
Ich schlang die Arme um meine Knie. Niemand wusste das. Ich hatte nicht mal Anna davon erzählt. Du merktest, wie erschrocken ich war, und schienst ziemlich zufrieden mit dir, als du weitersprachst.
»Du bist vorsichtig durch die Beete gestapft und hast jede Blumenfamilie begrüßt … Moses, Patel, Smith. Später habe ich mitgekriegt, dass das die Nachnamen von andern Kindern in deiner Schule waren. Na ja, jedenfalls bist du immer weiter gelaufen, bis zu den Rhododendronbüschen. Du hast dich unter die schweren Blüten geduckt und bist ins Gebüsch gekrabbelt … in mein Gebüsch. Dort hast du mich gefunden, in meinen Schlafsack zusammengekauert und mit einer halb vollen Flasche Fusel in der Hand; wahrscheinlich war ich einigermaßen besoffen. Trotzdem hatte ich dir zugeguckt und gehört, was du sagtest. Deine kleinen Geschichten haben mir gefallen.« Du musstest lächeln. »Du hast mich gefragt, ob ich Ostereier suche. Wir haben miteinander geredet – du hast mir von deinen Elfen und ihren Blumenhäusern erzählt. Und ich dir von den Min-Mins: den Geistern, die hier in den Wüstenbäumen leben und versuchen, Kinder zu rauben, die sich verlaufen haben. Im Gegensatz zu den meisten andern Leute hast du keine Angst vor mir gehabt … du bist mir begegnet wie jedem andern Menschen auch. Das hat mir gefallen.«
Du schwiegst, während du einen ovalen Kringel mit kleinen braunen Punkten auf deine Wade maltest.
»Das Rotkehlchen-Ei, das ich dir gegeben habe«, sagtest du und zeigtest auf deinen Unterschenkel. »Ich hab’s unter einer Eiche gefunden. Oben an der Spitze war ein Loch, weil ich irgendwann morgens den Dotter rausgesaugt hab. Keine Ahnung, warum ich es aufgehoben hatte … anscheinend für dich.« Während ich zusah, maltest du das Ei in einem blassen Sandton aus. »Sind übrigens kampflustige Vögel, die Rotkehlchen. Die verteidigen ihr Revier bis zum Tod.«
Ich spürte, wie mein Herz rasend schnell zu schlagen begann. Ich konnte mich daran erinnern. Natürlich konnte ich das. Aber wieso wusstest du davon?
»Das im Gebüsch war ein Penner«, sagte ich. »So ein dürrer alter Mann mit ganz vielen Haaren, und außerdem nicht ganz richtig im Kopf. Das warst nicht du.«
Du lächeltest. »Du hast gesagt, mein Dach aus rosa Blüten wäre die schönste Decke, die du je gesehen hättest.«
»Nein! Das war doch nur irgendein Penner, auf den ich zufällig gestoßen bin. Nicht du. Das stimmt alles nicht.«
Du kautest an deinem Daumen herum. »Ist schon verrückt, was aus einem Menschen werden kann, wenn ihn das Großstadtleben in die Klauen kriegt.« Du hast ein abgebissenes Stück Nagel zur Seite gespuckt. »Und du warst noch ein Kind; da muss ich dir ja alt vorgekommen sein, auch wenn ich damals selbst noch nicht mal erwachsen war.«
Ich wischte mir die Hände an meinem T-Shirt ab. Mein ganzer Körper fühlte sich auf einmal total klebrig und verschwitzt an. Du merktest, wie verwirrt ich war, aber das gefiel dir und du redetest einfach weiter.
»Du hast gesagt, das wär das beste Osterei, das du je gefunden hast. Ganz vorsichtig hast du’s in der Hand gehalten, wie das Kostbarste auf der Welt. Da musste ich dran denken, wie ich selbst gewesen bin, als ich noch hier draußen gelebt habe … daran, wie es war, in der Wildnis irgendwas zu finden und zu wissen, dass es wirklich wichtig ist.« Du maltest noch einen ovalen Kringel oberhalb von deinem Knie und fülltest ihn mit kleinen Flecken. »Da ist mir klar geworden, wo ich hingehöre … nicht in einen ollen Stadtpark mit billigem Fusel, sondern hier in dieses Land, das mir vertraut ist, mit seinen Geistern.« Du maltest noch mehr Kringel auf deine Kniescheibe und sahst mich nicht an. »Am nächsten Tag habe ich das Nest gefunden, aus dem das Rotkehlchen-Ei stammte. Es war zerrupft und verlassen, aber ich wusste, es würde dir gefallen. Das Nest zu finden, dich zu finden … das war ein Zeichen.«
»Wie meinst du das, ein Zeichen?« Meine Kehle war so eng, dass ich die Worte kaum rausbrachte. Denn ich erinnerte mich an ein Rotkehlchennest. Ich hatte es an irgendeinem Morgen auf meinem Fensterbrett gefunden, ohne zu wissen, woher es kam. Ich versuchte zu schlucken. Du sahst mich an und nicktest als Antwort auf etwas, das du in meinem Gesicht zu lesen schienst.
»Ein Zeichen dafür, dass man eine Wahl hat …«, sagtest du. »… und dass es ein Verlangen gibt, das größer und stärker ist als das nach Alkohol. Ich fing an, drüber nachzudenken, was ich will im Leben. Und ich will genau das, was ich jetzt tue … das Land malen, vom Land leben, frei sein …« Du machtest eine große Geste quer durch den Raum. Ein Farbtropfen löste sich von deinem Pinsel und fiel herunter. »Dich zu treffen … tja, das war wohl so was wie der erste Schritt, aus dem dann das hier geworden ist … Ich hab mir einen Job gesucht, hab alles gelernt, was man fürs Hausbauen braucht, hab alles Mögliche recherchiert …«
Ein kleiner, krampfiger Ton stieg aus meiner Kehle und unterbrach dich mitten im Satz. Ich ballte meine Faust, presste die Fingerknöchel gegen den Holzboden.
»Du bist total krank«, zischte ich. »Du warst besessen von einer Zehnjährigen und darum hast du sie sechs Jahre später entführt? Wie durchgeknallt muss man sein, um …«
»Nein.« Deine Lippen wurden hart. »So war das nicht. Ich war nicht besessen von dir …« Dein Gesicht wirkte starr und entschlossen, das Gesicht eines Mörders. »Du kennst nicht die ganze Geschichte.«
»Will ich auch gar nicht.«
Du hast den Pinsel auf den Boden fallen lassen und mit drei großen Schritten den Raum durchquert. Ich kroch rückwärts am Boden entlang Richtung Tür. Aber du beugtest dich herunter und schnapptest mein Bein.
»Lass mich gehn!«
Du zogst mich zu dir. »Das tu ich nicht. Du wirst dir jetzt noch was über mich anhören.« Deine Stimme klang mühsam beherrscht, dein Kinn wirkte total verkrampft. Ich roch deinen Atem, sauer und erdig, und spürte den Klammergriff deiner Finger. »Ich bin kein Monster«, knurrtest du. »Damals warst du ein Kind. Ich hab erst viel später gewusst, dass ich dich will.« Du hast geblinzelt und weggeschaut, schienst auf einmal zögerlich.
Ich versuchte mich loszumachen. Ich trat dir gegen die Kniescheibe. Aber du hieltst meine Arme fest an meinen Körper gepresst, als wäre ich ein Vogel, der nicht wegfliegen soll.
»Ich hab zugesehen, wie du älter wurdest«, sagtest du.
Ich wand meine Schultern. Aber du warst so stark, dass ich mich nicht richtig bewegen konnte.
»Jeden einzelnen Tag haben deine Eltern dich bedrängt, dass du so werden sollst wie sie«, fuhrst du fort. »Dass du ein Leben ohne Sinn führen sollst. Aber das wolltest du nicht. Ich weiß, dass du das nicht wolltest.«
»Was weißt du schon über meine Eltern?«, schrie ich.
Du blinzeltest. »Alles.«
Ich sammelte Speichel und spuckte dich an. »Du lügst«, sagte ich.
Deine Augen zogen sich zusammen, als du spürtest, wie dir die Spucke am Gesicht runterlief. Deine Hände umklammerten mich noch stärker. Sie drückten meinen Brustkorb so fest zusammen, dass ich glaubte, gleich würden mir die Rippen brechen. Mein Atem rasselte. Trotzdem hieltst du mich weiter umklammert und blicktest mich finster an.
»Ich lüge nicht«, brummtest du. »Ich sag einfach, wie’s ist.«
Die Spucke erreichte dein Kinn und du hast mich losgelassen, um sie wegzuwischen. Sofort war ich auf den Beinen und rannte Richtung Tür. Aber du wandtest dich ab, ignoriertest mich. Du hobst den Pinsel auf und strichst damit in schnellen, wütenden Bewegungen über deinen Handrücken. In diesem Moment wirkten deine blauen Augen fast unnatürlich. Sie waren derart intensiv, dass ich wieder einen Schritt zurückging. Aber ich war noch nicht fertig. Es gab noch was, das ich herausfinden musste. Ich zwang meine Beine, mit dem Zittern aufzuhören, und ballte die Faust, um meine Angst in den Griff zu kriegen.
»Woher weißt du das alles?« Ich stierte dich an, wollte dich töten mit diesem Blick. Dann warf ich mich herum und donnerte meine Faust gegen die Wand. »Du kannst das doch gar nicht wissen!«
Ich spürte, dass mir Tränen in die Augen stiegen, dass ich losweinen wollte. Die Stille im Raum war genauso lastend wie die Hitze. Dann bist du aufgestanden und zu mir rübergekommen.
»Ich habe dich lange beobachtet«, sagtest du. »Ich war neugierig, das ist alles. Es war nur … du warst so, wie ich früher auch … du hast nie dazugehört.« Ein Seufzen stieg aus deiner Brust und du fuhrst dir mit den Fingern über die Augenbrauen. »Kannst du dich denn gar nicht daran erinnern, dass ich da gewesen bin?«
»Natürlich nicht! Das sind doch alles bloß verdammte Lügen.« Wieder schlug ich mit der Faust gegen die Wand und erschrak, als ich meine roten, aufgerissenen Fingerknöchel sah.
»Gem«, sagtest du ruhig. »Ich kenne dich. Ich hab dich gesehen … jeden Tag.«
Ich biss mir auf die Zähne und konnte dich nicht anschauen. Ich dachte daran, wie ich manchmal nackt im Haus herumgelaufen war, wenn außer mir niemand da war. Ich dachte daran, wie Matthew Rigoni mit mir nach Hause gekommen war, nachdem wir im Park getrunken hatten.
»Was hast du gesehen?«, murmelte ich. »Wie?«
Du zucktest mit den Achseln. »Die Eiche vor deinem Zimmer, das Garagenfenster, das Haus von den Nachbarn, wenn sie in Griechenland waren, und das waren sie oft … und dann natürlich der Park. Das geht leichter, als du glaubst.«
Dein Gesicht war ganz nah. Ich hätte dir leicht eine reinhauen können. Verdammt noch mal, ich wollte dir so gern eine reinhauen. Ich wollte dich ohrfeigen und treten und prügeln, bis du wie ein lebloser Haufen Scheiße am Boden lagst. Ich wollte, dass du dich fühltest wie ich in diesem Moment. Aber du kamst mir noch näher. Du strecktest deine Hand aus und nahmst meine von der Wand weg. Mit dem Daumen berührtest du die aufgerissene Stelle, bewegtest die kleinen Hautfetzen hin und her. Sofort begann meine Hand zu zittern und ich krümmte die Finger noch mehr.
»Rühr mich nicht an«, fauchte ich.
Du machtest einen Schritt zurück. »Ich weiß, wer du bist, Gem.«
Da schrie ich laut auf und rammte dir die Faust in die Magengrube. Mit voller Wucht. Und gleich noch mal. Ich warf mich dir entgegen, prügelte auf dich ein, donnerte mit den Fäusten gegen deine feste, sehnige Brust. Mir war egal, was du später mit mir machen würdest. Ich wollte dir nur wehtun. Aber du schienst die Schläge nicht mal zu merken. Du schnapptest nur meinen Arm und drehtest ihn mir auf den Rücken. Dann legtest du deine Lippen so dicht an mein Ohr, dass ich sie bei der geringsten Bewegung berührt hätte.
»Ich weiß doch, wie’s war«, hast du geflüstert. »Die vielen Abende, an denen du allein zu Hause warst, weil deine Eltern immer bis in die Puppen gearbeitet haben … dann deine Freunde, die im Park Saufpartys veranstaltet haben, und du wusstest nie, ob du mitmachen sollst oder nicht. Josh Holmes, der um ein Uhr morgens an dein Fenster klopft …« Du hast meinen Arm losgelassen. »Bist du in der Stadt denn wirklich glücklich gewesen?«
»Verpiss dich!«
Du bist zurückgewichen. »Ich frag ja nur«, sagtest du. »Hattest du wirklich ein perfektes Leben? Vermisst du’s im Ernst? Deine Eltern, deine Freunde und so?«
Du hieltst meinem Blick stand. Ich nickte. »Natürlich tu ich das.« Doch meine Worte klangen wie ein Husten.
Du gingst wieder an die Stelle, wo du vorher gesessen hattest. Ich schlang die linke Hand um meine Fingerknöchel und versuchte mich zu beruhigen. Ich hatte vorher gar nicht gemerkt, wie sehr ich zitterte. Du tauchtest einen andern Pinsel in ein Tellerchen mit grüner Farbe und begannst Muster auf deine Zehen zu malen.
»Du weißt doch, dass ich Recht habe«, sagtest du. »Deine Eltern sind Schwachköpfe. Denen geht’s doch bloß ums Geld, um ihr superschickes Haus und dass sie in die Zeitung kommen. Dich wollten sie doch nur dressieren, damit du so wirst wie sie. Davor hab ich dich gerettet.«
»Nein!« Ich presste die Kiefer zusammen und biss die Zähne so fest aufeinander, dass sie fast zu zerbrechen schienen.
Du zucktest nur mit den Schultern über meine Reaktion. »Wieso? Ich hab oft genug gehört, wie du ihnen das selbst so gesagt hast.«
»Ich bin ihre Tochter.«
»Na und?«
»Ich darf das sagen.«
Du riebst den Pinsel an deinen Shorts sauber. »Jetzt mal ehrlich, Gem: Die beiden lieben ihre Arbeit und den Luxus und ihre einflussreichen Freunde doch mehr als dich. Dich haben sie immer nur gut gefunden, wenn du dich genauso verhalten hast wie sie.«
»Das ist doch Blödsinn.«
Du hast eine Augenbraue hochgezogen. »Die haben lieber ihr neues Auto abgeholt, als zur Preisverleihung in deine Schule zu kommen.«
»Ich hab doch gar keinen Preis gekriegt.«
»Aber du musstest trotzdem hin und die Eltern von den andern waren alle da.«
»Du anscheinend auch.«
»Klar.« Du zucktest mit den Achseln und tupftest dir winzige grüne Punkte auf deine Zehen. »Aber ich kann schon verstehen, warum sie so geworden sind«, sagtest du. »Sie wollten eben Anerkennung, wollten dazugehören … das wollen die meisten Leute.«
»Nur so durchgeknallte Typen wie du nicht«, schoss ich zurück.
Deine Augen blitzten. »Ich will frei sein«, sagtest du. »Im Leben deiner Eltern kannst du nicht frei sein, da bist du einfach nur der Arsch.«
An deinem Hals pochten die Adern. Du schlucktest langsam und sahst mich dabei an. »Ich hab Sachen mitgekriegt, von denen du nichts weißt, das ist dir klar, oder?«, sagtest du ruhig, während du den Pinsel weiter umklammert hieltst. »Ich hab Gespräche mitbekommen, die du nicht gehört hast.«
Ich presste mir die Hände auf die Ohren. »Du willst mich vergiften«, flüsterte ich. »Du willst mir weismachen, dass du mein Leben besser kennst als ich selbst.«
»Vielleicht tu ich das ja. Soll ich dir was darüber erzählen?« Du bist aufgestanden, mit einem harten Ausdruck in deinem makellosen Gesicht. »Erstens weiß ich, dass deine Eltern wegziehen wollen, und zwar ohne dich … deine Mutter hat mit deinem Vater darüber geredet. Sie meinten, du könntest ja auf den Internatszweig deiner Schule.«
»Das ist nicht wahr«, murmelte ich.
»Und was ist mit Ben?«
»Was soll mit ihm sein?«
»Anna wusste, dass du ihn gut findest. Das hat ihr nicht gepasst … sie war misstrauisch dir gegenüber …«
»Nein.«
»Und Josh Holmes?«
Überrascht schnappte ich nach Luft.
»Ich weiß genau, was er mit dir machen wollte, wie weit er gehen wollte … Ich hab gesehen, wie er dir nachspioniert hat, hab auch mitgekriegt, dass er dir diese miesen kleinen SMS geschickt hat.«
»Du lügst.«
Du schautest mir direkt in die Augen. »Hab ich bisher nicht Recht gehabt?«
Ich ging ein paar Schritte rückwärts, bis ich die Wand hinter mir spürte. Ich lehnte mich dagegen. Du hattest Josh nun schon zum zweiten Mal erwähnt.
»Er war verliebt in dich, richtig verliebt. Er hat Anna gesagt, wie sehr er dich will.«
»Hast du ihn etwa auch verfolgt?«
»Ich hab alle verfolgt.« Du drehtest dich von mir weg und fingst wieder an zu malen. »Aber du hättest dir wegen Josh überhaupt keine Sorgen machen müssen. Ich hätte ihm den Schädel eingeschlagen, bevor er auch nur seine Hose aufbekommen hätte.«
Ich schüttelte den Kopf, meine Gedanken wirbelten. Ich wünschte, du hättest Josh wirklich den Schädel eingeschlagen … Dann wärst du nämlich jetzt im Gefängnis, Josh läge im Krankenhaus und ich wäre zu Hause. Perfekt. Ich glitt an der Wand hinunter und versuchte, das Ganze auf die Reihe zu kriegen. Ich wollte immer noch glauben, dass alles, was du mir da erzähltest, Blödsinn war. Aber es passte zu gut zusammen. Ich schloss die Augen, wollte dich nie mehr sehen.
Dann fiel mir etwas ein. Ich fragte mich, ob Josh nach meinem Verschwinden wohl unter Verdacht geraten war. Er war so was wie der plausibelste Verdächtige, obwohl ich mir nicht vorstellen konnte, dass ihm irgendwer eine Entführung zutraute. Aber vielleicht war er verhört worden, weil die Polizei dachte, ich wäre mit ihm befreundet, womöglich glaubten sie sogar, wir wären richtig zusammen gewesen. Vielleicht hatten sie ihn schon verhaftet. Ein Schauder überlief mich – trotz der Entfernung von vielen Tausend Meilen war mir der Gedanke an Josh immer noch unheimlich … erst recht, wo er jetzt vielleicht den besorgten Freund spielte.
»Wo hast du gewohnt?«, fragte ich.
»Kelvin Grove.«
»Du warst in dem Obdachlosenheim?«
Dein Blick traf meinen. »Kann sein, für eine Weile.«
»Josh wohnt dort in der Nähe.«
»Weiß ich.« Du warst wieder ganz ins Malen vertieft. »Findest du, er hätte sich mit mir zusammentun sollen?« Du hast kurz gelacht. »Dann wär’s ihm bestimmt leichter gefallen, dich zu schnappen.«
»Hast du ihn beobachtet?«
»Klar.«
»Auch mit ihm geredet?«
»Ein Mal.«
»Und?«
Unwillkürlich versteifte ich mich vor lauter Spannung.
»Ich hab ihm gesagt, ich wäre dein Schutzengel.«
»Du hast also wirklich mit ihm gesprochen?« Meine Gedanken überschlugen sich. Wenn Josh dich gesehen hatte und der Polizei eine Personenbeschreibung liefern konnte, wäre das natürlich eine Spur. Dann würden sie eins von diesen Phantombildern machen lassen und dein Gesicht in Crimewatch zeigen. Sie würden dich finden, irgendwie. Sie würden uns finden.
Ich dachte ein bisschen länger über Josh nach, versuchte mir klar zu werden, wie er tickte. Er hatte nicht viel Mumm, aber ich hielt ihn nicht für verlogen. Auf keinen Fall würde er unter Verdacht stehen wollen. Ob er sich wohl als Zeuge melden würde? Immerhin konnte er was über deine Größe und deine Stimme und so weiter aussagen. In diesem Moment schien er meine letzte Hoffnung zu sein. Seltsam, dass meine einzige Chance ausgerechnet ein Mensch war, den ich hasste.
»Die finden mich, das ist dir doch klar«, sagte ich. »Irgendwann finden sie mich. Du kannst mich nicht für immer hier festhalten.«
Deine Stirn kräuselte sich ein wenig und du hörtest auf zu malen.
»Aber vielleicht lässt du mich ja auch einfach gehen?«, fuhr ich fort. »Kann doch sein, dass dir das alles irgendwann langweilig wird.« Ich bemühte mich um einen leichten Tonfall, probierte eine neue Taktik. »Weißt du, ich kann mich darum kümmern, dass du Hilfe bekommst, oder Geld auftreiben. Dad kennt jede Menge Leute – Ärzte, Anwälte …«
Du hast mich nicht ausreden lassen. In Sekundenschnelle warst du auf den Beinen. »Glaubst du im Ernst, dass es das ist, was ich will?« Deine Stimme überschlug sich. Dann richtetest du den Pinsel auf mich. »Mal deine Hand an«, sagtest du mit Nachdruck. Es war kein Vorschlag. Du schobst mir einen Teller mit erdbrauner Farbe hin. Ich sah, wie der Puls in deiner Halsschlagader pochte und wie starr dein Kinn war. »Mal dich an. Jetzt.«
Ich bewegte kaum merklich den Kopf. »Nein«, wisperte ich.
Du drücktest den Pinsel fest in die Haut. »Ich will, dass du deine Hand anmalst«, sagtest du und sprachst jedes Wort überdeutlich aus. »So wie ich.«
Als ich mich nicht rührte, beugtest du dich vor und nahmst meine rechte Hand in deine, die zwischen Daumen und Zeigefinger immer noch den Pinsel hielt. Dein rabiater Griff umklammerte meine Hand, zerdrückte sie wie etwas, das in den Müll soll. Du packtest mich derart fest, dass ich mir vorkam wie Wackelpudding. Du bewegtest den Pinsel zu meiner linken Hand hin. Ein Klecks kalter, wässriger Farbe tropfte auf meine Haut.
»Nein«, wiederholte ich.
Mit einem Ruck entriss ich meine Hand deinem Klammergriff und kippte dabei die braune Farbe um. Sie lief über deinen Fuß, bedeckte das Muster dort.
»Du kleine …«
Du hobst den Arm, sprachst das Wort »Schlampe« aber nicht aus. Ich krümmte mich zusammen, deine Faust fest im Blick. Aber du tratst nur mit voller Wucht gegen den heruntergefallenen Teller, dass er an die Wand knallte. Deine Augen schillerten vor Wut. Du wolltest mich schlagen. Aber stattdessen versuchtest du ein Lächeln aufzusetzen. Deine Augen und das Lächeln kämpften miteinander. Wut gegen Selbstkontrolle. Deine geballte Faust zitterte.
»Sollen wir morgen einen kleinen Ausflug machen?« Deine Stimme war ein Singsang voll falscher Fröhlichkeit, aber dein Blick blieb hart. »Vielleicht lernst du dann, das hier zu schätzen? Mit ein bisschen Glück fangen wir vielleicht sogar ein Kamel.«
Du wolltest keine Antwort hören. Du hast mich einfach in deinem Schuppen stehen lassen, wo um mich herum die verschüttete Farbe im Boden versickerte. Zitternd hockte ich da, in einem See brauner Farbe. Es dauerte lange, bis ich dir zurück ins Haus folgte.
In Thrillern gibt es eine typische Szene: Der Mörder unternimmt mit seinem Opfer eine lange Fahrt durch eine atemberaubend schöne Landschaft, bevor er es nach allen Regeln der Kunst umbringt. Diese Szene kommt in allen berühmten Filmen vor, zumindest in denen, die von einem Mord in einer abgelegenen Gegend handeln. Daran musste ich denken, als du mich am nächsten Morgen wecktest, einen Tag nachdem du mich beinahe geschlagen hättest.
»Wir machen einen Ausflug«, sagtest du. »Fangen ein Kamel.«
Es war noch sehr früh, das erkannte ich am Licht – blass und weiß mit einem Stich Rosa darin – und an der kühlen Luft. Ich zog mich an und steckte mir das Messer in die Tasche meiner Shorts. Ich hörte dich geräuschvoll im Haus herumkramen. Dann bist du nach draußen gegangen und hast den Wagen gestartet. Du hülltest mich mit Lärm ein. Daran war ich nicht gewöhnt. Langsam machte ich mich fertig. Zwei Dinge waren mir klar. Es gab für mich auf dieser Fahrt vielleicht eine neue Chance zu fliehen. Und es konnte sein, dass ich nie mehr zurückkehrte.
Du packtest den Wagen, ludst Kiste um Kiste mit Proviant und Ausrüstung ein. Ich wollte vermeiden, dass du wieder durchdrehtest wie am Tag zuvor. Also beschloss ich, mit dir zu reden.
»Wo willst du hin?«, fragte ich dich.
»Tief ins Nirgendwo.«
»Ich hab gedacht, da wären wir schon.«
»Nein.« Du schütteltest den Kopf. »Das hier ist nur der Rand.« Ich sah dabei zu, wie du ein Seil in engen Schlingen aufwickeltest und es auf eine Kühlbox legtest. Dann griffst du ein anderes Seil und wickeltest weiter. »Ich lass dich jedenfalls nicht allein hier, das steht fest.«
Keuchend hievtest du drei riesige Wasserkanister in den Kofferraum.
»Wie lang willst du wegbleiben?«
»Nur einen Tag, aber da draußen weiß man nie … Sandstürme, Buschfeuer, alles Mögliche kann passieren.« Du klopftest auf den letzten Kanister. »Außerdem wird das Kamel Wasser brauchen.«
»Ich dachte immer, die tragen ihr Wasser auf dem Rücken mit sich rum.«
Du schütteltest den Kopf. »Fett.«
»Was?«
»In ihren Höckern ist Fett … als Energiereserve. Wasser brauchen sie genauso wie andere Tiere auch.«
Du versuchtest noch einen Eimer im Kofferraum unterzubringen, aber er passte nicht mehr rein. Ich stellte mir vor, wie ich da drinnen gelegen hatte, unter Unmengen von Zeug – zusammengequetscht, mit verrenkten Gliedern, kurz vorm Ersticken. Es schüttelte mich. Darum ging ich um den Wagen herum nach vorne. Du recktest den Kopf, um mich im Auge zu behalten.
»Dieses Mal darfst du auf den Vordersitz«, riefst du.
Ich machte die Tür auf, stieg aber nicht ein. Drinnen roch es dumpf – nach Dreck und irgendwie abgestanden, es schien schon länger niemand mehr hier drin gewesen zu sein. Feiner roter Staub überdeckte alles. Es sah aus, als wäre das Auto seit fünfzig Jahren nicht mehr in Betrieb gewesen. Das brachte mich komplett aus der Fassung – plötzlich fragte ich mich, ob ich schon viel länger bei dir im Haus war, als ich dachte. Der Staub hatte sich sogar auf dem zerknüllten Schokoladenpapier am Boden niedergelassen. Nachher beim Aussteigen hatte ich ihn garantiert überall auf meinen Klamotten … falls ich ausstieg.
Der Schlüssel steckte nicht im Zündschloss. Ich überlegte, ob er wohl irgendwo im Auto versteckt sein konnte, so dick vom Staub umhüllt, dass man ihn nicht sah. Ich griff ins Wageninnere und tastete darin herum, in der vagen Hoffnung, ihn zu finden. Den Rückspiegel stellte ich so ein, dass ich dich im Blick hatte. Du bewegtest dich zügig, verstautest dies und das im Kofferraum, nahmst Sachen wieder heraus, packtest sie um. Ich hörte, wie du irgendwas vor dich hin summtest. Anscheinend freutest du dich, warst vielleicht sogar ein bisschen aufgeregt.
Als du fertig gepackt hattest, kamst du nach vorne zu mir. Mit einem Lächeln im Gesicht und den Fältchen um die Augen sahst du so ähnlich aus wie am Flughafen vor drei Wochen, fast attraktiv. Ich drehte mich weg und guckte auf den Boden. Zu dieser Zeit wurde mir fast schlecht, wenn ich so über dich dachte.
»Ich will nicht mit«, sagte ich.
»Wieso? Ich dachte, du wolltest gern woanders hin.«
»Nicht mit dir. Und nicht mit dem ganzen Zeug, das du eingepackt hast.«
Du lehntest dich gegen den Wagen. »Tja, wir können auch laufen, wenn dir das lieber ist, aber dann wären wir wochenlang unterwegs. Wir müssten von dem leben, was das Land hergibt – wir würden uns von Eidechsen ernähren und Frösche essen, statt Wasser zu trinken. Packst du das?«
Ich schüttelte den Kopf. Bei so einer Aktion hätte ich nicht die geringste Chance, dir zu entkommen. Außerdem fand ich die Vorstellung, mit dir in der Wildnis herumzuziehen, noch schlimmer, als hier in deinem Haus zu sein. Ich dachte an den Satz, den uns unsere Lehrer im Ferienlager immer eingetrichtert hatten: Wenn ihr euch verirrt, bleibt dort, wo ihr seid, dann wird euch irgendwann jemand finden. Vielleicht hatte ich dort, wo ich war, bessere Aussichten, gerettet zu werden.
»Ich dachte, du wolltest ein Kamel fangen«, sagtest du.
»Nein.«
»Ich will aber.«
»Tja, dann fahr du.«
Du hast gelacht. »Aber ich will auch, dass dein hübsches Gesicht da ist, wo ich es sehen kann. Komm schon.«
Ich blieb, wo ich war. Seufzend trommeltest du aufs Autodach und versuchtest zu ergründen, was in mir vorging.
»Du hast doch nicht etwa immer noch Angst, dass ich dir was antue, oder?«
Ich schwieg und blickte auf den Sand. Du kamst um den Wagen herum und stelltest dich neben mich. »Schau mal, ich hab gedacht, du verstehst das inzwischen … Ich werd dir nichts tun, nichts Böses jedenfalls.« Du gingst in die Hocke und musstest jetzt zu mir hochsehen. »Egal, was du über mich denkst, dein Körper, na ja, der gehört jedenfalls dir … du entscheidest, was passiert.«
»Umbringen durfte ich mich nicht.«
»Das ist was anderes. Da konntest du nicht klar denken.«
»Weil du mich unter Drogen gesetzt hast!«
»Das musste sein.« Dein Gesicht sah ganz zerknittert aus, als du in die Sonne schautest. »Hör zu, es tut mir leid. Ich hab nicht damit gerechnet, dass alles so schwer wird.«
Ich hätte dich gern gefragt, was du mit »alles« meintest. Ich hätte gern gewusst, ob du geglaubt hattest, mich zu entführen wäre ein Kinderspiel. Aber du drehtest dich gleich wieder zu mir und starrtest mich an.
»Ich verspreche, dass ich dir nicht wehtun werde.«
»Woher weiß ich, dass du mich nicht anlügst?«
»Du wirst mir vertrauen müssen.«
Ich wich deinem Blick aus. »Ich muss gar nichts«, flüsterte ich.
»Klar«, sagtest du grob. »Aber irgendwann willst du vielleicht.« Du nahmst eine Handvoll Sand. »Vor allem, wenn es richtig aufregend wird.« Du hast deine Faust geöffnet und mir den Sand darin gezeigt. »Schau, ich schwöre bei diesen Sandkörnern, dass ich dir nichts antun werde. Wie findest du das?«
»Das ist doch totaler Blödsinn, auf einen Haufen Dreck zu schwören.«
»Dieser Sand ist älter und wahrhaftiger als alles andere … er ist das Beste, auf das man schwören kann.«
Ich schnaubte.
»Er trägt mehr Wahrheit in sich als wir«, sagtest du sanft. Du hast ihn fallenlassen und dir die Hände aneinandergerieben. Dann drücktest du die Handflächen in den Boden und standst auf. »Komm schon«, wiederholtest du. »Lass uns ein Kamel suchen.« Du zogst dein T-Shirt hoch und wischtest dir den Staub aus der Stirn. Sofort war es rot verfärbt.
»Kommst du in der Nähe einer Stadt vorbei?«
»Nicht näher, als wir’s jetzt sind.«
Ich schlug nach einer Fliege, die mir ums Gesicht schwirrte.
»Aber ich komm woanders vorbei.« Du lehntest dich wieder gegen den Wagen. »An was Besserem.«
Auch auf meinem Knie krabbelte eine Fliege herum, ihre Beine kitzelten auf meiner Haut. »Du wirst mir nichts antun«, sagte ich leise.
»Entspann dich. Ich habe es dir versprochen.«
Du hieltst mir die Wagentür auf. Als ich einstieg, bedanktest du dich mit einem Grinsen. Du warfst die Tür hinter mir zu. Mir wurde schwindlig. Ich kurbelte das Fenster herunter und eine Ladung Staub rieselte auf mich herunter. Auch du stiegst ein und machtest das Fenster auf. Ich rückte so weit von dir weg, wie ich konnte.
»Wahrscheinlich soll ich mich anschnallen? Oder willst du mich lieber am Sitz festbinden?«
Du zucktest mit den Achseln. »Mir egal. Ich hätte jedenfalls genug Seil im Kofferraum, jede Menge.«
Und dann lachtest du laut. Das hast du selten gemacht und es passte auch nicht zu dir. Es klang so verloren. Vielleicht warst du selbst darüber erschrocken, wie rau es wirkte, denn du hörtest sofort wieder auf. Hastig klapptest du den Mund zu und starrtest durch die Windschutzscheibe nach draußen.
Der Motor heulte auf und wir fuhren los, hinterließen im Sand eine deutliche Spur. Ich spürte, wie sich der Schweiß an meinen Handflächen und in meinem Nacken sammelte. Ich legte den Kopf an den Türrahmen und nahm einen tiefen Atemzug von dem trockenen Wind, der vorbeiwirbelte. Mein Mund füllte sich mit Staub.
Der Untergrund war holprig und ich wurde heftig durchgerüttelt. Du fuhrst nicht besonders schnell; in dieser buschbestandenen Wüstenlandschaft war das wohl auch gar nicht möglich. Immer wieder drehten die Räder im Sand durch und du musstest den Motor hochjagen, um weiterzukommen. Ein paarmal bliebst du stehen, um büschelweise Gras aus dem Kühlergrill zu ziehen. Bald bekam ich Kopfweh. Ich hatte Sand in den Augen und Ohren. Auch in meinem Mund hatte sich eine kleine Wüste breitgemacht. Ich beugte mich vor, um das Radio anzustellen.
»Kaputt«, sagtest du gleich.
Ich schaltete es trotzdem an. Aber es kam nur ein schwaches Surren heraus.
»Ich hab’s dir doch gesagt. Wir müssen selber singen. Kannst du singen?« Du blicktest mich an, ernsthaft interessiert, was ich antworten würde.
»In der siebten Klasse war ich mal ein halbes Jahr im Schulchor. Weißt du das nicht sowieso schon?«
Du zucktest mit den Achseln. »Ich war nicht immer da. Ich musste Geld verdienen. Manchmal war ich auch hier, um alles fertig zu kriegen.«
Du machtest eine Kopfbewegung in Richtung der Gebäude hinter uns, die von einer Staubwolke verschluckt worden waren.
»Hast du das wirklich alles selbst gebaut?«, fragte ich.
»Hab ich«, sagtest du stolz.
Ich konnte mir einen verächtlichen Blick nicht verkneifen.
»Na gut, da hat früher mal ein altes Farmhaus gestanden oder so … aber alles andere hab ich gemacht.«
»Wie hast du das hingekriegt?«
»Langsam.«
»Und wie hast du genug Geld für das Baumaterial zusammengekriegt?«
Du lächeltest geheimnisvoll. »Schnell.«
»Erzähl’s mir.«
Wieder zucktest du mit den Achseln. »Ein andermal.«
Ich blickte wieder nach vorne über das Land.
»Weißt du, wie lange ich jetzt hier bin?«, fragte ich.
»So in etwa.«
Wieder wurde das Auto von einem Sandhaufen gebremst. Ich war plötzlich so frustriert über alles, dass ich meinen Kopf mit einem Ruck in den Sitz rammte. »Ich glaube, es müsste der einundzwanzigste Tag sein, aber ich weiß nicht mal sicher …«
Als ich dein breites Grinsen sah, unterbrach ich mich rasch und wünschte mir, ich hätte nichts gesagt.
»Das sollten wir feiern«, riefst du.
Der Wagen neigte sich und fuhr nun auf eher steinigem Boden. Als du merktest, dass sich der Untergrund veränderte, hast du das Bremspedal durchgetreten und das Lenkrad rumgerissen. Sofort brach das Heck des Wagens aus, der Motor heulte auf und die Reifen verloren den Halt. Du hast gelacht, als ich gegen deine Schulter geschleudert wurde. Sandwolken und Spinifexbüschel wirbelten vorbei. Ich tastete nach irgendwas, woran ich mich festhalten konnte.
»Wuahhhh!«, schriest du.
Als die Reifen wieder auf eine sandige Stelle trafen und der Wagen schlingerte, schlugst du das Lenkrad andersrum ein. Diesmal knallte ich gegen die Tür. Ich streckte meinen Arm aus dem offenen Fenster und hielt mich fest. Aufwirbelnde Staubwolken flogen mir ins Gesicht, trotzdem bekam ich mit, wie du laut lachend die Handbremse hochgerissen hast, so dass wir nach kurzem Schlittern abrupt zum Stehen kamen. Deine Augen glänzten, als du dein Gesicht aufs Lenkrad legtest.
»Was machst du da?«, schrie ich.
»Spaß haben vielleicht? Feiern?« Du blicktest grinsend hinaus in die Weite um uns herum. »Hier werden wir dafür schließlich nicht gestoppt, oder?«
Ich blickte nach draußen und bemerkte die gewaltige Schleuderspur, die das unberührte Land hinter uns durchschnitt. »Aber deshalb musst du mich ja nicht gleich umbringen«, sagte ich und bereute diese Formulierung sofort. Als ich dich wieder anschaute, warst du nachdenklich geworden, deine Augen wirkten traurig.
»Ich will doch nur, dass du ein bisschen Spaß hast.«
Ich schnaubte. »Dann hättest du mich in England lassen sollen.«
Als du wieder losfuhrst, diesmal etwas sanfter, schaute ich genau hin. Mit dem linken Fuß tratst du auf das Kupplungspedal und legtest mit dem Schaltknüppel, der dir am nächsten war, den ersten Gang ein. Mit dem zweiten Schaltknüppel machtest du gar nichts. Während du den linken Fuß langsam zurücknahmst, drücktest du rechts das Gaspedal nach unten. Dad hatte mal versucht, mir Autofahren beizubringen, auf einem stillgelegten Eisenbahngelände hinter dem Sainsbury-Supermarkt, aber nachdem ich mit seinem Mercedes an einer Hecke entlanggeschrammt war, ließ er es bleiben. Du hast gemerkt, dass ich dir zusah.
»Willst du’s lernen?«
Du lachtest mit einem kleinen Kopfschütteln und drücktest den Fuß wieder ganz durch. Mein Kopf schlug gegen die Nackenstütze und überall spritzte Sand auf. Teilweise flog er durchs Fenster und blieb in meinem Schoß liegen. Als der Tacho auf vierzig Meilen war, brülltest du mir zu, ich sollte die Handbremse ziehen. Ein irres Grinsen lag in deinem Gesicht, als die Reifen durch den Sand pflügten und der Wagen immer wieder ins Schleudern geriet. Brüllend verlangte ich, dass du sofort anhieltst.
»Dann zieh doch die Handbremse!«
Ich packte die Handbremse und zog sie an. Augenblicklich schlingerte der Wagen wie wild und driftete im Kreis. Ich bin ganz sicher, dass er abhob und ein, zwei Sekunden lang nur noch auf zwei Rädern fuhr. Ich wurde gegen dich geschleudert, und zwar so heftig, dass ich nicht schnell genug von dir wegkommen konnte. Deine warme Schulter schlug hart gegen meine Stirn und dein Körper bebte vor Lachen.
Wir waren inzwischen über zwei Stunden unterwegs. Ich achtete auf Anzeichen einer Stadt oder von irgendwas anderem. Doch während der ganzen Zeit hatte ich weder eine Straße noch eine Piste entdeckt. Es kam mir verrückt vor, dass man so lange fahren konnte und trotzdem nirgendwo hinkam. Okay, die Landschaft hatte sich ein bisschen verändert: Zuerst hatte es viele Büsche und Steine gegeben und überall war es flach; dann wurde es immer sandiger und das Rot intensivierte sich. Statt kniehoher Spinifexbüsche wuchsen hier spindeldürre schwarze Bäume. Ab und zu gab es einen Hauch von Grün in Form eines Eukalyptusbaums und die Gegend war durchlöchert von spitz aufragenden Felsen, die mich an Speere erinnerten. Außerdem gab es da noch diese eigenartigen kleinen Berge, die wie krumme rote Finger nach oben zeigten.
»Termitenhügel«, erklärtest du.
Alles war komplett anders als in England. Als Dad in den letzten Sommerferien zwei Stunden Richtung Westen gefahren war, sind wir in Wales rausgekommen, also praktisch in einem andern Land. In dieser Wüste hier fuhr man nur immer tiefer ins Feuer hinein. Je länger wir unterwegs waren, desto heißer war es, desto leuchtender wurde das Rot und desto mehr Angst bekam ich, dass ich nie wieder hier rauskäme.
Leise hast du neben einer kleinen Baumgruppe angehalten. »Siehst du sie?«, fragtest du.
»Was?«
»Gleich da drüben!« Du zeigtest auf die Bäume. »Guck nach ihren Ohren; wenn die sich bewegen, siehst du sie.«
Ich blickte zu den Bäumen. Auf einmal zuckte etwas. Ein Ohr. Ich sah genauer hin und entdeckte schließlich den Kopf und die lange Nase. Und die großen braunen Augen, die sich in der Hitze gleich wieder schlossen.
»Kängurus«, sagte ich.
Du nicktest und musstest kurz grinsen. »Leckere Kerlchen.«
»Was?«
Du zieltest mit zwei Fingern nach ihnen wie mit einem Gewehr, legtest den Arm aufs Lenkrad und tatst so, als würde sich tatsächlich ein Schuss lösen.
»Du willst sie abknallen?«
»Eins von diesen Mädels würde sich gut in meinem Eintopf machen, findest du nicht?«
Ich schluckte. Mir war nicht klar gewesen, dass du ein Gewehr dabeihattest. Das machte mir Angst. Du rücktest ein Stück zu mir herüber; anscheinend dachtest du, ich käme nicht klar mit dem, was du über die Kängurus gesagt hattest.
»Keine Angst«, sagtest du. »Ich tu ihnen nichts. Wir haben genug zu essen.«
Ich sah wieder zu den drei Tieren. Das Känguru, das am dichtesten bei uns stand, leckte sich gerade die Unterarme.
»Sie kühlt sich ab«, erklärtest du. »Ihre Blutgefäße liegen dicht unter der Haut, sie leckt daran, um ihre Körpertemperatur zu senken. Schlau, was?«
Du lecktest an deinem Handrücken, als wolltest du es selbst ausprobieren, verzogst das Gesicht über den Geschmack und lächeltest schief. In diesem Augenblick streckte sich eines der Tiere, um ein niedrig hängendes Blatt abzuknabbern.
»Haben die keinen Durst?«, wollte ich wissen und spürte dabei, wie trocken meine eigene Kehle war.
Du schütteltest den Kopf. »Die brauchen kein Wasser, jedenfalls nicht viel. Sie holen sich die Feuchtigkeit aus den Bäumen.«
Lächelnd sahst du ihnen zu, mit einem Gesichtsausdruck, der mir bekannt vorkam. Es war, als wolltest du etwas von ihnen, als bräuchtest du die Kängurus, auch sie.
»Tschüss, ihr Hübschen«, sagtest du, als du den Wagen von dort wegsteuertest.
Schweigend fuhren wir weiter. Ab und zu schaute ich rüber zu dir. Deine Augen streiften die ganze Zeit kreuz und quer über das Land; es reichte dir nicht, nur den Sand vor der Windschutzscheibe herumwirbeln zu sehen.
»Woher weißt du, wo du hinmusst?«
»Ich richte mich nach dem Sand, in welche Richtung er geweht worden ist und so. Es gibt auch noch andere Zeichen.«
»Weißt du denn, wie du zurückkommst?«
Abwesend nicktest du. »Klar.«
»Wie denn?«
»Dieses Land erzählt Geschichten, es singt.«
»Ich hätte lieber ein Radio.«
»Echt, Gem, ich erzähl keinen Scheiß. Hier draußen gibt es Lieder; die Oldfellas kennen sie und ich kenn auch ein paar … Diese Lieder sind wie Landkarten, sie helfen dir, den Weg zu finden. Du singst sie und sie zeigen dir markante Punkte. Hier draußen gibt es jede Menge stille Musik. Sandmusik.«
Ich ignorierte dich und starrte zum Horizont. Du hast geschwiegen. Vielleicht dachtest du über das singende Land nach, aber genauso gut konntest du auch irgendwas richtig Finsteres im Sinn haben. Dein Gesicht verriet nichts. Ich hatte noch nie überlegt, worüber Entführer wohl nachdachten. Wer macht das schon? Dachtest du an deine Familie? An Orte, die du hinter dir zurückgelassen hattest? Und was genau dachtest du über mich?
Mir drehte sich der Magen um, als ich mir das Schlimmste ausmalte. Je länger wir fuhren und je länger ich überlegte, was du wohl dachtest, desto nervöser wurde ich. Wenn du mich hier in diesem Niemandsland umbrachtest, würde es niemand erfahren. Kein Mensch würde in dieser Unendlichkeit nach meinen sterblichen Überresten graben. Das wäre, als wollte man ein ganz bestimmtes Sandkorn wiederfinden.
Du hieltst so plötzlich an, dass der Wagen kurz ins Rutschen geriet. »Kamele«, sagtest du. Du zeigtest auf etwas, das für mich mehr nach Dreckflecken auf der Windschutzscheibe aussah als nach einer Schar großer Tiere. Ich legte die Hand über die Augen. Du hast dich rüber zum Handschuhfach gebeugt und ein Fernglas in meinen Schoß fallen lassen. »Damit siehst du sie besser.«
Ich hob das Fernglas an die Augen. »Ist alles total verschwommen.«
Du lehntest dich zu mir und drehtest an einem Knöpfchen oben auf dem Fernglas. Du warst zu nah, ich konnte dir nicht ausweichen. Ein leichter Geruch von Schweiß klebte auf deiner Brust.
»Das mach ich schon selbst.«
Ich nahm dir das Fernglas weg und drehte, bis das Bild scharf wurde.
Fünf Kamele, vier große und ein etwas kleineres, trabten langsam den Horizont entlang. Durch den Hitzeschleier im Hintergrund wirkten sie wie bewegter Sand, der vom Wind rumgewirbelt wurde.
»Ich hab dir nicht geglaubt, als du gesagt hast, es gäbe hier Kamele.«
»Ursprünglich gab’s die auch nicht, aber jetzt leben sie als Wildtiere hier«, erklärtest du. »Importe aus Übersee, genau wie du. Sind für den Eisenbahnbau hergebracht worden .«
»Also gibt’s hier eine Eisenbahn?«
»Ja, ziemlich weit weg.« Du nicktest. »Und sie fährt so gut wie nie. Hier draußen ist so ziemlich alles stillgelegt.«
»Wieso?«
»Hier gibt’s nichts mehr – die Bodenschätze sind abgebaut, die Tiere ausgerottet, sogar die Oldfellas haben sich davongemacht. Dadurch ist es total ruhig. Zu ruhig. Hörst du’s nicht?«
»Was?«
Du machtest den Motor aus.
»Die Stille.«
Du hieltst dir die Hand über die Augen und sahst hinüber zu den Kamelen.
»Wolltest du nicht versuchen, eins von ihnen zu fangen?«, fragte ich.
»Die sind zu weit weg, es bringt nichts, ihnen nachzujagen. Die können nämlich ziemlich schnell rennen. Wenn wir Glück haben, packt sie die Neugier und sie kommen von selbst zu uns. Oder wir müssen zusehen, dass wir festeren Sand finden, auf dem wir schnell genug fahren und sie schnappen können. Wir müssen abwarten, beobachten, was sie treiben.«
»Wie lange denn?«
Du zucktest mit den Achseln. »So lange, wie’s eben dauert. Ein paar Stunden oder so.« Du machtest die Tür auf. »Hunger?«
Ich schüttelte den Kopf; Essen war das Letzte, wonach mir der Sinn stand.
»Dann mach ich mal die Seile bereit.«
Du stiegst aus, gingst nach hinten zum Kofferraum und kramtest darin herum. Ich drehte mich im Sitz nach hinten und beobachtete, wie du eine Rolle Seil herauszogst. Die Vorstellung, dass sich dieses Seil um meinen Körper schlingen könnte, ließ mich erstarren.
Der Schlüssel steckte noch im Zündschloss.
Ich konnte es tun. Ich konnte an ihn drankommen, wenn ich nur leise genug war. Ich konnte mich über die Handbremse auf den Fahrersitz schlängeln, ganz leicht ginge das. Dann würde ich davonrasen, bevor du eine Chance hattest, es zu verhindern, bevor du überhaupt richtig kapiertest, was los war. Autofahren war garantiert nicht so schwer. Ich hatte es schon mal gemacht und wusste, wie man schaltet. Ich würde dich hier draußen zurücklassen, dich beim Starten vielleicht sogar umfahren.
Ich beobachtete dich im Rückspiegel. Dein Kopf war nach unten gebeugt, du kramtest im Kofferraum rum. Ich zog das Bein hoch, so dass ich mein Knie auf den Sitz neben der Handbremse legen konnte. Jetzt musste ich das Bein nur noch rüber auf den Fahrersitz strecken und dann meinen Körper hinterherhieven. Ich hob das Bein über die Handbremse. Ganz langsam, Zentimeter für Zentimeter, bewegte ich mich auf deinen Sitz zu. Ich machte dabei nicht das geringste Geräusch, nicht mal das Sitzpolster knarzte. Das Einzige, was ich hörte, war mein Herzklopfen. Ich ließ mich in den Fahrersitz gleiten. Ich legte die Hände aufs Lenkrad. Auch wenn ich die Beine lang machte, kam ich mit den Füßen nicht ganz an die Pedale. Ich schob mich nach vorne, bis ich auf der Kante vom Sitz saß. Ich streckte die Hand nach dem Schlüssel aus. Stille. Mir wurde klar, dass ich dich schon eine Weile lang nicht mehr rumoren gehört hatte. Ich warf einen Blick in den Rückspiegel.
Direkt neben mir bewegte sich etwas. Mir stockte der Atem, als ich sah, was es war. Der silbrige Kopf ruhte auf dem Metallrahmen des offenen Fensters, etwa eine Handbreit von mir entfernt. Höchstens eine Handbreit. Die glänzenden bernsteinfarbenen Augen starrten mich an, die Zunge zuckte vor und zurück. Die Schlange nahm meine Witterung auf.
Ich nahm die Hand vom Zündschloss und schob mich im Sitz zurück, so weit weg von ihr, wie ich konnte. Die Schlange hielt inne. Sie drehte den Kopf. Gleich würde sie mich erwischen. Ich konnte nicht hinsehen. Hastig kletterte ich zurück über die Handbremse. Dabei blieb ich mit dem Fuß hängen. Ich fiel auf den Sitz und knallte mit Kopf und Schultern gegen die Tür. Ich wusste nicht, ob mir etwas passiert war. Konnte es sein, dass sie mich erwischt hatte, ohne dass ich es gemerkt hatte? Der silberbraune Kopf ruhte immer noch auf dem Türrahmen und beobachtete mich.
In diesem Moment sah ich deine Hände. Auch sie lagen auf dem Rahmen und hielten die Schlange direkt unter dem Kopf fest. Jetzt schob sich auch dein Gesicht in die Fensteröffnung, nur wenige Zentimeter von der Schlange entfernt.
»Hübsches Tierchen, was? Hab sie bei den Reifen gefunden. Beinah hätten wir sie überfahren … zum Glück ging’s noch mal gut.«
Ich weiß nicht, ob dir das Entsetzen auffiel, das immer noch in meinem Blick lag. Ob du wusstest, dass ich auf dem Fahrersitz gewesen war und versucht hatte abzuhauen. Ich hatte das Gefühl, auf eine makabre Art bestraft zu werden.
»Die tut nichts«, sagtest du. »Nichts Schlimmes jedenfalls. Falls es das ist, wovor du Angst hast … Ist so ziemlich die Einzige hier draußen, die harmlos ist.«
»Warum hast du sie gefangen?«
»Damit ich sie dir zeigen kann.«
»Um mir Angst einzujagen?«
»Ach was.« Du blicktest das Tier liebevoll an. »Ich hab gedacht, wir könnten sie mit heimnehmen. Als Haustier. Denk dir einen Namen für sie aus.«
»Ich fahr überhaupt nirgendwohin mit diesem Ding im Auto.« Atemlos stieß ich die Wörter heraus.
»Dann machen wir sie eben am Kamel fest.« Grinsend nahmst du die Schlange weg. Wieder hörte ich, wie du im Kofferraum mit irgendwas herumscheppertest. Ich hoffte inständig, dass es dabei nicht ums Verstauen der Schlange ging. Ich musste immer wieder schlucken, damit es mir nicht den Magen umdrehte. Ich atmete drei Mal ganz tief ein, so tief, wie es ging trotz meines rasenden Herzschlags. Ich kniff die Augen fest zu und stellte mir vor, ich wäre zu Hause und säße im warmen Trockenschrank neben der Heizung. Auch als ich hörte, wie du wieder einstiegst, machte ich sie nicht auf.
»Tut mir leid, wenn sie dir Angst gemacht hat«, sagtest du leise. »Ich wollte nur, dass du sie zu Gesicht kriegst. Ich hab vergessen, dass du Schlangen noch nicht magst.« Du hast den Motor angelassen. »Komm schon, ich denk mir was aus, wie ich’s wiedergutmachen kann.«
Dann bist du losgefahren. Eine ganze Weile lang sagtest du nichts mehr. Ich schaukelte hin und her und mein Kopf wurde gegen die Kopfstütze gedrückt, während der Motor aufheulte und sich durch das unwegsame Gelände kämpfte.
Nach noch mehr holprigem Gekurve hast du den Wagen angehalten. Ich hörte, wie die Fahrertür ins Schloss fiel und die Heckklappe aufschwang. Als ich endlich doch die Augen aufmachte, sah ich nichts als Himmel; einen strahlend blauen, wolkenlosen Himmel, in dem ein einzelner großer Vogel kreiste. Ich richtete mich auf. Der Wagen stand hoch oben auf einer Anhöhe. Die Wüste lag vor mir ausgebreitet wie eine Landkarte, eine endlose Decke von Braun- und Orangetönen, vollkommen eben. Es gab kleine grüne Kringel – die Spinifexbüsche –, rostig braune Buckel – die Felsen – und sich windende dunkle Bänder, wo nach Regenfällen offenbar Flüsse entlangführten.
Um das Auto herum standen Bäume mit schwarzroter Rinde, an denen Ameisen hochkrabbelten. Irgendwo über mir hörte ich sogar Vögel – kleine Vögel, die aufgeregt durcheinanderzwitscherten wie Kinder auf einem Schulausflug. Um uns herum gab es Felsen, deren Oberfläche spiralförmig gemustert war und aus deren Spalten kleine Blumen guckten. Ein Windhauch bewegte die winzigen Blütenblätter. Im Vergleich zu der Ödnis ringsum war das hier eine Oase.
Links vom Wagen hattest du ein Picknick vorbereitet, unter einem der größeren Bäume. Du hocktest am Rand einer karierten Decke und warst dabei, eine Frucht zu zerkleinern. Mit jedem Messerschnitt quollen Fruchtkerne heraus. Fliegen ließen sich auf dem Buschbrot nieder, das du vorher schon gebacken hattest. Du hast sie nicht verscheucht.
Und da war auch eine Flasche Sekt. Sie sah in dieser Umgebung derart unpassend aus, dass ich nicht aufhören konnte, sie anzustarren. Ich stieg aus dem stickigen Wageninneren aus, wobei mich die Hoffnung auf einen Windhauch mehr lockte als alles andere. Du schenktest erst mir ein Glas Sekt ein, dann dir selbst. Dir gabst du weniger als mir.
»Gut, dass ich den mitgebracht habe.«
»Wieso?«
»Dein einundzwanzigster Tag! Das ist was Besonderes. Das musst du auch so sehen, sonst hättest du’s ja nicht erwähnt.«
Wieder wünschte ich mir, ich hätte nicht darüber gesprochen. Ich blickte auf das Glas in meiner Hand. »Sind da Drogen drin?«
Du kipptest deinen Sekt mit einer einzigen ärgerlichen Bewegung runter. »Ich mach das nicht mehr, das weißt du doch.«
Ich betrachtete das Glas genau und schüttelte es vorsichtig. Dabei lief mir ein bisschen von der Flüssigkeit über die Hand. Sie war warm. Zu Hause bewahrten meine Eltern den Alkohol in einem abgeschlossenen Glasschränkchen auf. Das änderte aber nichts daran, dass ich im Park zusammen mit meinen Freunden irgendwelches Zeug getrunken hatte, das irgendjemand mitgebracht hatte. Aber hier draußen wollte ich das auf keinen Fall. Ich kippte den Inhalt meines Glases auf die Erde. Daraufhin schenktest du uns beiden sofort nach.
Du reichtest mir eine Art Sandwich. Das Buschbrot war hart wie Stein und die Tomatenscheibe darin sah aus, als wäre sie geschmolzen. Du hast meinen Gesichtsausdruck bemerkt und mit den Achseln gezuckt.
»Besser geht’s nicht.«
»Wenn du Eindruck schinden willst mit deinem Picknick, vergiss es.«
»Ich weiß«, sagtest du düster, »ich hab nämlich die Erdbeeren vergessen.«
Du zogst dein Oberteil aus und wischtest dir damit den Schweiß von der Stirn. Dann trankst du dein zweites Glas Sekt aus, legtest den Kopf auf das zusammengefaltete T-Shirt und blicktest hinauf in die Baumkrone. Da oben rüttelte irgendwas an den Blättern. Du legtest die Stirn in Falten, als du zu ergründen versuchtest, was da los war. Schweißtropfen bildeten sich auf deinem Brustkorb und sammelten sich in den Vertiefungen zwischen den Muskeln. Ich trank einen winzigen Schluck aus meinem Glas. Der Sekt war wie heißer, schäumender Tee. Ich holte den Pulli, den ich anfangs getragen hatte, und legte ihn mir auf den Kopf. Die Sonne brannte zwischen den Ästen und Blättern hindurch und machte alles träge.
»Hörst du das?«, fragtest du.
»Was denn? Da ist nichts.«
»Da ist sehr wohl was. Vielleicht kein Einkaufszentrum und keine Autos, aber was anderes … Insektengebrumm, eilige Ameisen, ein Lüftchen, das den Baum knarren lässt, da oben in den Zweigen turnt ein Honigfresser herum, und außerdem kommen die Kamele.«
»Was?«
Mit einem Kopfnicken zeigtest du auf das Land unterhalb von uns, mit einem kleinen Lächeln im Gesicht. »Schau doch.«
Ich stand auf und blickte über die Ebene. Und es stimmte, da unten waren ein paar verschwommene schwarze Punkte, die langsam größer wurden, während sie sich auf unsere Anhöhe zubewegten. Jetzt brauchte ich kein Fernglas mehr, um zu erkennen, dass es Kamele waren.
»Willst du mir weismachen, du hättest gehört, wie sie kommen? Dafür bräuchtest du die Ohren von Superman«, spottete ich.
»Vielleicht bin ich ja Superman.« Du sahst mich mit einem Auge an, das andere hattest du wegen der Sonne geschlossen. Ich zuckte mit den Achseln.
»Wenn du Superman wärst, hättest du mich schon längst gerettet«, sagte ich leise.
»Und wer sagt, dass ich das nicht getan hab?«
»Jeder würde das sagen.«
»Dann hat jeder ganz einfach den falschen Blickwinkel.« Du stütztest dich auf die Ellbogen. »Außerdem, ich kann doch nicht gleichzeitig retten und entführen. Das geht nur mit einer Persönlichkeitsspaltung.«
»Gestört bist du doch schon, oder?«, brummte ich.
Ich aß das Brot auf und zwang mich, noch mehr von dem Sekt zu trinken. Als du die Augen wegen der Sonne wieder zumachtest und ich sonst nichts zum Anschauen fand, warf ich noch mal einen Blick auf deine Brustmuskeln. Ich war neugierig. So was hatte ich bis jetzt nur in Zeitschriften gesehen. Ich fragte mich, ob du wohl auf diese Art dein Geld verdient hattest … als Model. Ich musterte meinen Bauch und befühlte ihn, um zu sehen, ob ich da eine richtige Speckrolle zu packen bekäme.
»Mach dir keine Sorgen«, sagtest du und sahst mich an, wie ein Krokodil mit nur einem geöffneten Auge. »Du bist schön.« Du legtest den Kopf in den Nacken. »Schön«, flüstertest du. »Vollkommen.«
»Das sagst ausgerechnet du. Du bist doch gebaut wie ein Supermodel.« Ich biss mir auf die Zunge und wünschte mir, ich könnte dieses Kompliment zurücknehmen. »Oder wie ein Stripper«, fügte ich hinzu. »Wie einer, der auf den Strich geht.«
»Wär mir auch sehr unrecht, wenn du mich abstoßend fändest«, sagtest du mit der Andeutung eines Lächelns.
»Genau so ist es aber.«
Da machtest du auch dein anderes Auge auf und sahst mich schief an.
»Wirst du mir denn nie eine Chance geben?«
»Gib mir den Autoschlüssel und du bist der Größte für mich.«
»Das tu ich garantiert nicht.« Du hast den Kopf zurück auf dein T-Shirt sinken lassen. »Du würdest dich bloß verirren und sterben.«
»Probier’s aus.«
»Vielleicht nächste Woche.«
Du bliebst noch eine Weile dösend liegen. Mit geschlossenen Augen und leicht geöffneten Lippen wirktest du beinahe friedlich. Eine Fliege setzte sich auf dein Gesicht und lief dir über die Unterlippe. Auf halber Strecke blieb sie sitzen und wusch sich mit deinem Speichel.
Irgendwann packtest du die Picknicksachen ein und wir fuhren die Anhöhe wieder hinunter. Auf dem steilen Abhang schien der Wagen manchmal fast senkrecht zu stehen und ab und zu knallten wir derart heftig gegen irgendwelche Steine, dass das Lenkrad herumschlug. Auf dem Weg bergab schien die Landschaft zu schrumpfen, und als wir wieder unten angekommen waren, konnte ich mir die endlose Weite, die sich oben vor mir ausgebreitet hatte, schon kaum mehr vorstellen.
Du stelltest den Wagen unterhalb der Anhöhe ab. Es war zu heiß, um im Auto zu bleiben, darum wolltest du, dass ich aussteige und mich in den Schatten stelle. Die Kamele setzten sich tatsächlich irgendwann in Bewegung. Nachdem sie ein paar Minuten lang ganz gemächlich auf uns zugetrottet waren, liefen sie auf einmal schneller; es sah fast aus, als würden sie wachsen. Sie hatten jetzt offenbar ziemlich viel Tempo drauf. Du beobachtetest sie mit dem Fernglas.
Dann drehtest du dich plötzlich um und schriest: »Schnell, ins Auto! Die haben uns entdeckt. Die kehren um.«
In der Ferne waren Hufschläge auf hartem Sand zu hören.
»Mach schon!« Du winktest mich zu dir. »Beeil dich oder ich lass dich hier.«
Das war ein verlockender Vorschlag. Aber obwohl ich es nie zugegeben hätte, war ich jetzt fast so aufgeregt wie du. Ich wollte miterleben, wie du es schafftest, eins von diesen riesigen Tieren einzufangen. Mit heulendem Motor fuhrst du an, noch bevor ich die Tür zugeworfen hatte; ein kurzer Blick zur Kontrolle, ob ich eingestiegen war, genügte dir.
»Halt dich irgendwo fest!«
Die Tachonadel schoss hoch, als wir auf die Kamele zurasten; auf dem festen Untergrund fuhr der Wagen deutlich schneller. Alles Mögliche schepperte durch den Kofferraum. Ich hoffte, dass die Schlange nicht mehr dort drin war, denn vielleicht würde sie durch dieses wilde Gerüttel noch direkt auf mich draufgeschleudert. Ich spürte, wie die Reifen ins Rutschen gerieten. Mehr als einmal brach der Wagen aus. Dein Gesicht war starr vor Anspannung, du warst vollkommen konzentriert.
»Das ist zu gefährlich!«, schrie ich. Mein Kopf knallte gegen das Dach, als wir über eine Bodenwelle schossen.
Dein Fernglas flog quer über den Rücksitz und donnerte gegen die Tür, woraufhin du einen kurzen Blick nach hinten warfst. »Kann gut sein.«
Du lachtest und tratst das Gaspedal bis zum Boden durch. Ich krallte mich am Türgriff fest, bis meine Finger steif wurden. Der Tacho pendelte bei knapp über vierzig Stundenkilometern. Wir hatten die Kamele jetzt beinahe eingeholt. Du hattest Recht gehabt; sie waren tatsächlich umgedreht. Jetzt rannten sie mit voller Kraft auf den Horizont zu. Ihre Hälse waren flach nach vorne gereckt, ihre Beine machten Riesenschritte. Ich hatte noch nie ein wildes Kamel gesehen. Die Tiere waren beängstigend groß, sie überragten den Wagen. Ein gut platzierter Tritt durch die Fensteröffnung und ihre Hufe konnten mich sogar hier drin erwischen.
»Hol die Stange vom Rücksitz!«, brülltest du. »Mach schon!«
Ich drehte mich um und packte die lange Holzstange mit der Seilschlinge daran. Ich versuchte sie dir zu geben, aber es war einfach zu eng hier drin. Sie verkeilte sich an der Tür und ich bekam sie nicht durch die Lücke zwischen den Sitzen. Du warfst einen Blick auf die Stange, schautest aber gleich wieder zurück auf die Kamele, bemüht, den Wagen gerade und auf einer Höhe mit ihnen zu halten.
»Ich brauch sie jetzt!«
»Ich versuch’s ja.«
Du strecktest den Arm nach hinten, um die Stange vorzuzerren. Als du sie zu dir hinzogst, knallte sie dir ins Gesicht. Der Wagen schleuderte nach rechts, auf die Kamele zu. Ich schrie vor Schreck.
Du hast mir mit Wucht gegen die Schulter gestoßen. »Hör auf mit dem Blödsinn, du verscheuchst sie!«
Du schobst die Stange auf deinen Schoß und zum Fenster hinaus. Das Ende mit der Schlinge war jetzt auf die Kamele gerichtet. Du sahst sie dir ganz genau an. Schweiß lief dir in Strömen übers Gesicht. Auch ich war klatschnass trotz des heftigen Fahrtwinds.
»Ich will die junge Stute«, riefst du. »Die am nächsten zu uns läuft. Fahr du mal kurz, okay?«
»Was machst du?«
»Nimm das Lenkrad!«, fuhrst du mich an.
Ich hatte keine Wahl. Kaum hattest du das gesagt, lehntest du dich schon gefährlich weit aus dem Wagen, der sofort ausbrach und sich auf die Kamele zubewegte. Wenn er diese Richtung beibehielt, würde dein Kopf gegen einen der Kamelrücken prallen. Beinahe hätte ich es darauf angelegt.
»Jetzt mach schon!«
Ich beugte mich hinüber. Ich konnte jetzt hören, wie die Kamele vor Anstrengung grunzten. Ich hörte auch deinen keuchenden Atem. Ich packte das Lenkrad; es war heiß und schmierig von deinem Griff. Dein linker Fuß stand jetzt auf dem Gaspedal, statt wie vorher über der Kupplung zu schweben. Dein rechtes Bein hattest du gegen den Türrahmen gestemmt. Nichts konnte den Wagen bremsen.
»Fahr immer weiter geradeaus!«
Ich versuchte, weder dich noch die Kamele anzuschauen, denn jedes Mal, wenn ich das tat, zog der Wagen in diese Richtung. Ich blickte nach vorn auf den Sand und machte einen Schlenker, um einem Spinifexbusch auszuweichen, was dich beinahe kopfüber aus dem Wagen geschleudert hätte.
»Herrgott! Du fährst ja noch schlechter als ich!« Du lachtest im Wind.
Dann klemmtest du dein rechtes Bein hinter dein linkes und beugtest dich weiter raus. Auch die Stange schobst du noch ein Stück nach draußen und zogst damit auch das Seil vor, das hinten an der Stange hing. Deinen Oberschenkel drücktest du fest gegen meinen Arm, wahrscheinlich um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.
»Wenn sich die Schlinge um ihren Kopf legt, geh schnell aus dem Weg. Das Seil wird dann durchs Auto fegen. Duck dich, wenn’s irgendwie geht; wenn du dich drin verhedderst, kann’s dich in zwei Teile zerlegen. Im Ernst.«
Ich sah an meinem Körper herunter, der sich quer über den Sitz und die Gangschaltung streckte, und auf meine Hände, die das Lenkrad umklammert hielten. Ich hatte nicht die geringste Vorstellung, wie ich hinkriegen sollte, irgendwas aus dem Weg zu gehen. Der Wagen ruckelte und schwankte. Du warst jetzt bereit, die Schlinge auszuwerfen. Dein Körper war gespannt vor Konzentration, dein Bein drückte noch fester gegen meinen Arm.
Ich zwang mich weiterzuatmen. Dein Arm war jetzt wurfbereit. Du lehntest dich weiter hinaus, dein langer Oberkörper total gestreckt, jeder Muskel hart vor Anstrengung. Würdest du nach draußen kippen, wenn ich dir jetzt einen Stoß versetzte? Du hast die Stange über deinem Kopf kreisen lassen, immer schneller, um mehr Schwung zu kriegen.
Dann hast du losgelassen.
Ich erhaschte einen kurzen Blick auf die Schlinge, die auf den Kamelkopf zuflog, das Seil schoss hinterher. Es zischte an meinen Armen entlang durchs Wageninnere und verbrannte mir die Haut. Es peitschte über deinen Bauch und hinterließ dort eine tiefe rote Linie wie ein Brandzeichen. Und dann zog der Wagen auf einmal hart zur Seite weg, drehte sich von selbst. Ich spürte, wie das Heck ausbrach, und versuchte verzweifelt gegenzulenken.
»Lass!«, brülltest du. Du hast dich zurück auf den Fahrersitz fallen lassen, wobei du um ein Haar auf mir gelandet wärst. Mit einer Hand schnapptest du das Lenkrad und drehtest es zu dem Kamel hin.
»Halt dich fest!«
Du gingst vom Gas und tratst die Bremse durch. Erst da geriet das Auto wirklich außer Kontrolle. Durch die Windschutzscheibe sah ich das Kamel an uns vorbeirasen. Ich taumelte in meinen Sitz zurück und versuchte mich irgendwo festzukrallen. Dann schloss ich die Augen.
Blitzschnell warst du aus dem Auto. Die Kamelstute stieß einen grässlichen Laut aus, ein tiefes, verzweifeltes Stöhnen, das in der Wüste widerhallte.
Ich ging hin, um sie mir anzuschauen. »Hast du sie verletzt?«, fragte ich.
»Nur ihren Stolz.«
Ihr langer Hals bewegte sich kreisend, ihre Augen waren weiß vor Angst. Ich streckte die Hand hoch und berührte das Fell an ihrem Oberschenkel. »Du Arme.«
Eilig hast du ihr ein Seil um die Beine geschlungen, dann einen Eimer und einen von den großen Wasserkanistern aus dem Kofferraum geholt. Mit einem kleinen Ächzen hast du den Kanister hochgehievt, bis du ihn auf deinem Bein abstützen konntest, bevor du vorsichtig Wasser in den Eimer gekippt hast.
Du versuchtest dem Kamel gut zuzureden, damit es trank. »Ja, meine Kleine, ist doch alles gut.«
Du streicheltest ihren Hals, wolltest sie beruhigen. Aber die Kamelstute schaute nur über die Schulter zu ihrer Herde zurück, die Richtung Horizont verschwand. Sie stöhnte und stöhnte. Sie versuchte den andern hinterherzulaufen, aber du hattest das Seil um ihre Vorderbeine fest angezogen. Sie schlug mit den Hinterbeinen aus und verpasste mich dabei nur knapp.
»Pass auf!«, warntest du mich. Mit einem Satz warst du neben mir und schlangst das Seil etwas überm Knie um die Beine des Kamels. »Geh auf die andere Seite.«
Du warfst das Seil über den Kamelhöcker. »Zieh«, sagtest du. Ich tat es. »Fester.«
Ich zerrte an dem Seil, obwohl es mir total gegen den Strich ging. Jedes Mal, wenn ich anzog, knurrte und gurgelte das Kamel und drehte den Hals, um mich mit Verzweiflung in den Augen anzusehen. Du zogst auch, von der anderen Seite aus. Am Ende knickten die Vorderbeine der Kamelstute ein und sie kniete sich in den Sand.
»Genug!«, riefst du.
Du warfst dich auf den Höcker und drücktest das Tier mit deinem ganzen Körpergewicht nach unten. Du gabst nicht nach, bis die Hinterbeine unter ihm zusammenbrachen und du sicher sein konntest, dass es nicht mehr hochkommen würde. Dann schlangst du ihm schnell ein Stück Seil um die Knie, damit es die Beine nicht mehr strecken konnte.
»Wie grausam.«
»Willst du eine Gehirnblutung von einem Tritt an den Kopf?« Du kraultest die Haut über einem der Kamelknie. »Glaub mir, das geht noch viel grausamer.«
Ich hatte kein Problem, dir zu glauben. Wahrscheinlich kanntest du bei fast allem noch eine grausamere Art. Das Stöhnen der Kamelstute war immer durchdringender und verzweifelter geworden. Es wirkte zu laut, um allein von ihr zu kommen, die ganze Wüste schien mit einzustimmen. Ich fragte mich, ob irgendwer sonst es hören konnte. Die übrige Herde war inzwischen nur noch als eine Reihe von Punkten am Horizont zu sehen. Trotzdem versuchte die Kamelstute weiter, irgendwie zu den andern zu kommen.
»Du träumst, wenn du meinst, dass du von hier weg kannst, Mädchen«, murmeltest du vor dich hin.
Die Stute war jetzt an vier Beinen gefesselt und am Wagen festgebunden. Es war wirklich kaum vorstellbar, dass sie irgendwie freikäme. Ich wünschte es mir aber so sehr. Ich wünschte mir, sie würde die Seile zerreißen und laut rufend ihrer Herde hinterhergaloppieren.
»Würdest du mich denn mitnehmen?«, flüsterte ich ihrer warmen, hechelnden Flanke zu.
Ich ging vor, um ihr Gesicht zu betrachten. Trotz ihrer Angst hatte sie schöne Augen. Braun und dunkel, mit Wimpern, die ganz weich zu sein schienen. Sie hörte auf, ihrer Herde hinterherzublicken, und sah stattdessen mich an.
»Du bist jetzt auch gefangen«, erklärte ich ihr. »Glaub bloß nicht, du könntest abhauen. Er kriegt dich immer.«
Sie ließ den Kopf sinken. Ihre Augen ruhten auf mir. Sie schien mich zu verstehen. Ich nickte.
»Du und ich«, wisperte ich. »Du und ich, Mädchen.«
Du nutztest diesen Moment, in dem sie ruhig war, und kamst auf sie zu. Du strecktest die Hand aus, um ihr Gesicht zu packen. Du hattest eine Art Halfter dabei. Als sie dich sah, reckte sie den Kopf so weit in die Höhe, dass du ihn nicht erreichen konntest. Dieses Mal brüllte sie. Es klang mächtig und kehlig. Du legtest ihr die Hand auf den Hals und versuchtest, ihren Kopf herunterzuziehen.
»Hallo, Mädchen«, murmeltest du. »Bist eine Schöne. Lass das bleiben.«
Das Kamelstute fand das alles abscheulich. Sie brüllte und gurgelte und schwenkte den Kopf wie verrückt. Kurz schaute sie mich an und blinzelte mit ihren langen, wunderbaren Wimpern. Dann drehte sie sich zu dir und kotzte dir auf den Kopf.
Es gibt nichts Widerlicheres ist als Kamelkotze. Dieses klebrige, klumpige grünbraune Zeug, das wie Hundescheiße, Abwasser und Pisse auf einmal riecht. Es ist das absolut Schlimmste, was ich in meinem ganzen Leben gerochen habe. Schlimmer als Dads Fürze. Schlimmer als Babykacke. Schlimmer als alles sonst. Und dein Kopf war voll von dem Zeug. Ich sah dir dabei zu, wie du es aus deinem Mund spucktest. Du wischtest es dir mit dem Handrücken aus dem Gesicht, schobst es dir mit den Fingern von den Augenlidern. Und dann hast du dich vorgebeugt, um selbst zu kotzen.
Ich war ganz in deiner Nähe. Kaum hatte der Geruch mich erreicht, kapitulierte mein Magen. Ich kann nicht anders; sobald sich irgendwer übergibt, mache ich mit. Ich musste mich in den Sand hocken und den Kopf zwischen die Knie stecken, so schlimm war es. Und die Geräusche, die von dir kamen, machten es nicht besser. Ich kotzte Ewigkeiten, noch länger als du. Die Kamelstute hörte irgendwann auf zu brüllen. Wahrscheinlich war sie zufrieden mit sich und lachte uns aus, was ihr nun wirklich keiner verübeln konnte. Vielleicht war es aber auch nur der Moment, in dem sie alle Hoffnung aufgab, der Moment, in dem sie begriff, dass ihre Herde für immer verschwunden war und dass Schreien sinnlos geworden war.
Ich rollte mich herum und lehnte mich an einen Baumstamm. Der ekelhafte Gestank von Kotze war überall. Die Fliegen hatten sich schon darüber hergemacht; unerbittlich surrten sie herum, ließen sich in die Kotze fallen und versuchten sich dann auf meinem Gesicht niederzulassen. Die Hitze machte es noch schlimmer, mir wurde total schwindlig. Ich blickte auf den Sand, der sich meilenweit erstreckte, aber es fiel mir schwer, den Blick scharf zu stellen.
Die Fahrt zurück war die schlimmste in meinem ganzen Leben. Noch schlimmer als damals, als ich hinten im Kofferraum eingesperrt gewesen war, denn an die kann ich mich sowieso nicht richtig erinnern. Obwohl sämtliche Fenster offen standen, war der widerliche Gestank trotzdem da; er füllte jeden Winkel des Wageninneren. Als die Kotze auf uns trocknete, roch sie noch schlimmer. Wie eine Kreuzung zwischen Fußgeruch und verdorbener Milch. Zu allem Überfluss mischte sich der Gestank auch noch mit dem Geruch der zerquetschten Überreste vom Picknick, die wegen deiner wilden Fahrerei jetzt überall am Rücksitz klebten. Wir hielten unsere Köpfe die ganze Fahrt über aus dem Fenster.
Die Kamelstute trottete hinter uns her, inzwischen fügsam geworden. Es war, als hätte sie es uns auf ihre Art heimgezahlt, und das schien sie etwas glücklicher zu machen. Ich musste auch jetzt noch immer wieder brechen, spuckte dünnflüssigen weißen Sabber am Auto herunter.
Am nächsten Tag warst du draußen bei der Kamelstute, um sie abzurichten. Du hattest sie in einen Pferch aus Holz und Seilen gesperrt, den du am Abend vorher noch gebaut haben musstest. Der Pferch war mit dem Maschendrahtzaun verbunden, den du um die Felsen herum errichtet hattest.
Ich kam nach draußen, um zuzuschauen. Du hattest ihren Kopf schon in einem Halfter, an dem du einen Strick befestigt hattest, und sie lief hinter dir her. Sie wirkte jetzt ruhiger, fast resigniert. Sie hielt den Kopf gesenkt und hatte aufgehört mit ihrem Schreien und Klagen. Du redetest leise und freundlich auf sie ein, aber ich konnte nicht verstehen, was du zu ihr sagtest. Es schien ihr zu gefallen.
»Wie willst du sie nennen?«, fragtest du mich.
»Opfer«, sagte ich. Es war das Erste, was mir in den Sinn kam.
»Das ist doch kein richtiger Name.«
»Aber er passt: Du hast sie gefangen und von ihrer Herde getrennt. Da ist sie ja wohl ein Opfer, oder etwa nicht?« Ich schämte mich, dass ich dabei mitgeholfen hatte.
»Sie wird lernen, uns zu mögen«, sagtest du leise. »Ging’s dir denn genauso, als du dir im Tierheim deine Katze ausgesucht hast?«
»Das ist was ganz anderes.«
Du kamst rüber zu mir und zogst das Kamel am Seil mit. Sie senkte den Kopf, damit ich sie streicheln konnte. Du legtest ihr die Hand auf den Bauch und dachtest nach. »Wir könnten sie Kotzbrocken nennen«, sagtest du.
»Das ist ein beschissener Name.«
»Aber er passt. Ich hab stundenlang geputzt, bis das Auto wieder sauber war.« Sanft sahst du mir in die Augen, länger als nötig. Dann hieltst du mir das Seil hin. »Hier. Willst du auch mal probieren, sie zu führen?«
Zögerlich betrat ich das Gehege und nahm das Seil, ohne dich dabei zu berühren. Ich klopfte der Kamelstute auf die vordere Schulter, um sie zu besänftigen. Ich dachte ruhige Worte, versuchte sie spüren zu lassen, dass ich nichts Böses im Sinn hatte. Sie ragte hoch über mir auf, war nur Beine und Muskeln. Immer noch umgab sie ein leichter Geruch von Erbrochenem, gemischt mit etwas anderm … irgendwas Staubigem, Wüstenartigem. Sie roch nach Sand.
»Geh einfach geradeaus, sie kommt dir schon hinterher.«
Ich machte ein paar Schritte und das Kamel folgte mir. Sie senkte den Kopf und schnupperte sacht an meiner Schulter. Ich spürte, wie ihre Lippen den Halsauschnitt von meinem T-Shirt berührten und wie sie ihren warmen Atem auf meinen Nacken blies. Ihre Hufe schlugen direkt neben meinen Füßen hart auf den Boden.
»Du bist wunderbar, mein Mädchen«, flüsterte ich ihr zu. Sie kaute auf irgendwas herum, kraftvoll und mit kreisendem Unterkiefer. Ihre Sanftmut und ihre Fügsamkeit überraschten mich. Es war kaum zu glauben, dass sie gestern noch ein wildes Tier gewesen war.
»Als Nächstes müssen wir ihr das Ablegen beibringen.«
»Was?«
»Dass sie sich auf den Boden legt, wenn wir’s ihr sagen. Geh du mal auf die andere Seite.«
Du hast mir den Strick abgenommen und mich auf die Umzäunung zugeschoben. Ich duckte mich unter den Seilen durch und du drücktest mir den Strick wieder in die Hand.
»Halt ihn einfach, und zwar richtig fest. Wenn du auf der anderen Seite bist, kann sie dich kaum erwischen, falls sie ausschlägt.«
Dann knotetest du ein anderes Seil an einem ihrer Vorderbeine fest und führtest es über ihren Höcker.
»Wir müssen zusammen nach unten ziehen«, sagtest du. »Sie wird es schnell kapieren.«
Sobald wir zu ziehen begannen, fing das Kamel wieder an zu klagen. Ich schüttelte den Kopf. »Ich will das nicht.«
»Kamele ziehen immer eine Show ab.« Du hast deine Hand über ihren Hals gleiten lassen und sprachst behutsam auf sie ein. Ihre Ohrmuschel bewegte sich, während sie dir zuhörte. »Sobald sie begriffen hat, was wir wollen, macht sie’s. Kamele sind so.«
Ich fragte mich, ob du das Gleiche wohl auch über mich dachtest.
Meine Kopfhaut begann zu brennen. Ich ging zurück auf die Veranda und legte mich auf das Rattansofa. Von dort aus sah ich zu, wie du mit dem Kamel zugange warst, ihm beibrachtest, sich zu setzen und wieder aufzustehen, und dann das Ganze wieder von vorne. Die Sonne auf dem Verandadach war warm, aber nicht drückend; sie machte meine Augenlider schwer. Im Halbschlaf stiegen Erinnerungsfetzen in mir hoch: Annas Gesicht, als sie mir erzählte, dass sie jetzt mit Ben zusammen war; Mum, die mit einer Tüte vom Imbiss zur Tür hereinkam; Josh, der mich fragte, ob ich mit ihm ausgehen würde.
Dann hörte ich dich auf einmal eine kleine Melodie pfeifen, ziemlich schief. Schlagartig klappte ich die Augen auf und setzte mich wieder gerade hin. Du warst auf dem Weg zu mir.
Seufzend lehntest du dich gegen einen Verandapfosten. Deine Wangen waren rot, Haarsträhnen klebten dir an der Stirn. Du holtest Zigarettenpapierchen heraus, drehtest dir eine, lecktest mit einer schnellen Bewegung den Rand ab. An diesem Tag nahm ich mir Zeit und betrachtete dein Gesicht ganz genau. Mein Blick blieb an deinen auffälligen Wangenknochen und deinem Kinn hängen, verweilte auf der kleinen Narbe und den ziemlich langen Haaren.
»Ich hab dich wirklich schon mal gesehen, stimmt’s?«, sagte ich. »Nach diesem einen Mal mit zehn, meine ich.«
Du nahmst einen Zug von deiner Selbstgedrehten. In diesem Moment hatte ich ein Wirrwarr undeutlicher Bilder im Kopf: du bei uns in der Gegend, irgendwo im Park, irgendwann … aber da war noch was anderes. Ich dachte wieder daran, dass du mir im Flughafen bekannt vorgekommen warst.
»Wieso erkenne ich dich wieder?«
»Ich hab dir doch gesagt, dass ich dir gefolgt bin.«
»Na ja, das ist unheimlich.«
Du zucktest mit den Achseln.
Ich beugte mich vor. »Aber ich erkenne dich auch wieder. Und das finde ich noch viel unheimlicher. Warum tue ich das?«
Du lächeltest. »Ich hab in der Nähe gewohnt.«
»Ja, aber da ist noch was … In dem Moment, als ich dich im Flughafen gesehen habe, wusste ich … ich wusste genau, dass ich dich da nicht zum ersten Mal sah.«
Vor lauter Überlegen tat mir der Kopf weh. Ich wischte mir den Schweiß von der Stirn und aus den Augenwinkeln, löste meinen Oberschenkel von der Sitzfläche des Sofas, wo er angeklebt war, und schob ihn an einen kühleren Fleck. Deine breiten Schultern verdeckten die Sonne, dein T-Shirt hing lose um deinen Hals. Du nahmst noch einen Zug von deiner Zigarette.
»Ich hab dich im Park gesehen, weißt du noch?«
»Wie oft warst du da?«
»Ständig. Eine Zeit lang habe ich sogar dort gelebt, das weißt du ja … In den Rhododendrongärten, Hausnummer 1.« Du lächeltest. »Später habe ich dann im Park gearbeitet.«
»Gearbeitet?«
»Ja, nachdem ich dich getroffen und beschlossen hatte, mein Leben auf die Reihe zu kriegen, hab ich einen Job dort angenommen – Instandhaltung, Löcher graben, so was in der Art. Ich hab dich da gesehen mit deinen Freunden.«
»Wie lang ist das her?«
»Drei Jahre oder so. Ich hab’s insgesamt ein paar Jahre lang gemacht … mit Pausen zwischendurch. Hat mir gefallen.«
Ich dachte an den Park. Ich konnte mich genau erinnern, wo die Bäume und wo die Blumenbeete waren, ich wusste auch noch, wo die Bänke standen … und wo das Gebüsch so dicht war, dass man gut rauchen konnte, ohne gesehen zu werden. Manchmal hatte ich mich gefragt, ob ich den Park nicht besser kannte als mein eigenes Zuhause.
Aber ich konnte mich nicht an dich erinnern. Oder vielleicht doch?
»Hattest du zu der Zeit lange Haare?«
Du hast genickt und ein bisschen gelächelt. Und da dämmerte es mir wieder – ich erinnerte mich an einen stillen, dünnen Jungen, der ab vom Schuss arbeitete und dem die Haare ins Gesicht hingen, einen Jungen, der immer ganz vertieft gewesen war in seine Arbeit an den Beeten.
»Das warst du?«
»Vielleicht schon, irgendwann mal.«
»Wir haben öfter über dich geredet. Anna fand, du würdest gut aussehen.«
Du lachtest. »Und wie hast du mich gefunden? Schließlich hatte ich dich im Auge und nicht Anna.«
Ich merkte, wie mir die Hitze ins Gesicht stieg, und ärgerte mich, dass ich immer so schnell rot wurde. Ich löste meine Beine vom Sofa und winkelte die Knie an. Dann legte ich meinen Kopf darauf ab, damit du mein Gesicht nicht sehen konntest.
»Das ist so sonderbar, dass du mich dauernd beobachtet hast.«
»Nicht immer. Manchmal war es einfach gut.«
Die Röte verzog sich. Stattdessen wurde mir wieder schlecht, es war die wohlbekannte Übelkeit, die mich jedes Mal überrollte, wenn ich darüber nachdachte, was du mir angetan hattest. Ich wollte wissen, was du in all den Jahren im Park mitgekriegt hattest – ich hatte wirklich ein paar blöde Sachen dort angestellt –, aber gleichzeitig wollte ich es auch nicht wissen. Und ganz sicher würde ich dich nicht danach fragen.
Darum dachte ich an die Zeiten, die ich im Park verbracht hatte. Anfangs war ich zusammen mit meinen Eltern dort gewesen. Etwa ein Jahr lang waren wir fast jeden Sonntag hingegangen, bei schönem Wetter jedenfalls. Mum und Dad hatten auf einer Bank gesessen und Zeitung gelesen. Mum brachte immer Spielzeug für mich mit, aber ich lief lieber zwischen den Blumenbeeten herum und dachte mir Geschichten über mein Feenreich aus. Das war eine gute Erinnerung; eine der schönsten, die ich im Zusammenhang mit meinen Eltern habe. Mum hatte noch nicht wieder angefangen, ganztags zu arbeiten, und Dad war auch irgendwie entspannter. In meiner Vorstellung sind wir zu dieser Zeit eine normale, glückliche Familie gewesen. Das fühlte sich gut an. Meine erste Begegnung mit dir muss in dem Jahr stattgefunden haben, einem Jahr mit einem langen Sommer.
Hast du das alles beobachtet? Haben diese eher seltenen Momente von Familienglück mit dazu beigetragen, dass du dich so zu mir hingezogen fühltest? Ich blickte wieder zu dir. Du pultest an einem lockeren Nagel im Verandageländer herum, wolltest ihn aus dem Holz kriegen. Ich beobachtete, wie du an ihm wackeltest und deinen Fingernagel unter den Kopf zwängtest. Du warst total konzentriert. Vornübergebeugt wirktest du kleiner als sonst. Ich ließ mich aufs Sofa sinken und sah hinauf in den Himmel. Dieser ungeheuerlich blaue Himmel, so endlos und leer. An diesem Tag gab es allerdings doch ein paar Wolken, die wie Fetzen weißer Zuckerwatte über den Himmel trieben. Ich versuchte Gesichter in ihnen zu erkennen.
Wie oft hatte ich mit Anna im Park gelegen und dieses Spiel gespielt? Ben hatten wir immer gefunden – er war die große Wolke mit dem wirbligen, lächelnden Rand. Einmal behauptete Anna, sie sähe Josh dort oben, wie er auf mich herunterguckte.
Danach hatte ich nach Josh Ausschau gehalten. Ich hatte sogar mit ihm gesprochen und herauszufinden versucht, ob er wirklich so mies war, wie ich dachte. Aber das hatte ihn bloß ermutigt. Von da an folgte er mir überallhin und hing nun auch dauernd in der Nähe unserer Clique rum. Anna fand das nicht weiter schlimm, was mir seltsam vorkam, denn jeder sah sofort, dass Josh besessen war von mir. Vielleicht wollte sie ja, dass ich mit ihm zusammenkam. Dann hätte sie Ben ganz für sich allein.
Mir wurde unbehaglich. Mit den Wolken trieb ein Gedanke heran, den ich nicht denken wollte. Ich schaute weg vom Himmel und versuchte mich stattdessen ganz auf dich zu konzentrieren. Aber der Gedanke ließ sich nicht wegschieben. Eine halbwegs warme Sommernacht. Vor knapp zwei Jahren. Der Park. Jene Nacht.
Du hattest den Finger jetzt unter dem Nagel und zogst daran.
Josh war an diesem Abend da gewesen, hatte sich in unserer Nähe herumgedrückt, wie eine Art Fledermaus. Eine Flasche hatte die Runde gemacht, starkes, hochprozentiges Zeug. Jeder hatte ein bisschen Alkohol mitgebracht und wir hatten alles in einer Zweiliterflasche zusammengemixt. Anna lachte, während Ben sie befummelte, mitten im Park, vor allen Leuten. Ich hörte das Ratschen, mit dem der Reißverschluss von ihrer Hose aufging. Ich hörte das Schnalzen von ihrem Slip. Jay und Beth rissen Witze darüber, dass die beiden es noch hier vor unseren Augen zum ersten Mal richtig miteinander treiben würden, aber in Wirklichkeit waren wir bloß neidisch. Beim Herumgeben der Flasche ließen wir Anna und Ben jetzt aus, was bedeutete, dass wir andern umso mehr tranken. Nach einer Weile hörten wir auf zu reden. Dann verschwanden Jay und Beth im Gebüsch. Und ich saß ganz allein da, direkt neben meinen besten Freunden, die mehr oder weniger herumvögelten.
Allerdings war Josh immer noch in der Nähe, hielt sich versteckt in den Schatten. Ich trank weiter. Ich war so bescheuert zu glauben, Anna und Ben würden bald aufhören und wir könnten zusammen nach Hause gehen. Doch dann sah mich Anna über Bens Schulter hinweg an und ich wusste genau, was sie von mir wollte. Also machte ich, dass ich wegkam. Ich stolperte durch den dunklen Park auf den Ausgang zu. Mir war unklar, wohin sich Beth und Jay verdrückt hatten, jedenfalls sah ich sie nicht. Ein drückender Geruch lag in der Luft, irgendwie erdig und schwer. Winzig kleine Mücken schwirrten mir um die Augen.
Josh folgte mir.
Ich hatte ihn erst nicht bemerkt, aber als ich etwa die Hälfte der Strecke bis zum Ausgang zurückgelegt hatte, hörte ich seine Schritte. Sie waren zugleich schleppend und schnell. Ich nahm das Geräusch seiner Jeans wahr, deren Beine beim Laufen aneinanderrieben. Ich drehte mich um. Da sah ich ihn. Er war ein paar Meter hinter mir und steuerte direkt auf mich zu. Der Ausdruck in seinen Augen war – na ja, richtig fies. Er wirkte, als hätte er die letzten Monate über nur auf das hier gewartet – mich im Park zu erwischen, allein und betrunken. Es musste die ganze Zeit über sein Ziel gewesen sein. Als ich ihn ansah, begann sich in meinem Kopf alles zu drehen. Ich lehnte mich gegen einen Baum, um wieder Halt zu kriegen.
Dabei verlor ich die Orientierung. Als ich zurück auf den Weg trat, erwischte ich die falsche Richtung. Allerdings merkte ich erst mal gar nichts, weil Josh nun mit mir zu reden begann und dabei immer näher kam. Ich konnte mich auf nichts konzentrieren als darauf, schneller zu gehen. Dann hörte ich ihn leise lachen.
»Gemma, warte«, sagte er. »Ich will bloß mit dir reden.«
Ich war jetzt in einer Ecke vom Park, in die ich sonst nur selten kam, ganz hinten bei den Farnen. Irgendwo vor mir musste ein Teich liegen. Aber ich konnte mich nicht genau genug erinnern. Um mich wieder zurechtzufinden, würde ich umkehren und genau den Weg zurückgehen müssen, auf dem ich gekommen war. Aber auf diesem Weg war Josh. Und er kam immer näher. Es war hier so dunkel, dass ich nicht mal erkennen konnte, wie nah er genau war.
»Hau ab, Josh«, sagte ich. »Ein andermal. Geh einfach heim.«
»Aber es ist noch früh.«
Ich suchte nach einem Ast oder sonst irgendwas, das ich zwischen uns halten könnte. Fieberhaft überlegte ich, wo der Teich sein mochte. Führte der Weg um ihn herum? Und danach irgendwo anders hin?
»Komm schon, Josh«, versuchte ich es noch mal. »Was soll das? Du weißt doch, dass ich nicht mit dir gehen will.« Meine Stimme zitterte, mein Hals war wie zugeschnürt, ich brachte die Worte kaum heraus. »Lass mich in Ruhe.«
»Will ich aber nicht.«
Josh war nur noch ein paar Schritte weit weg. Ich sah jetzt die Umrisse des Teiches, er lag direkt vor mir. Die Pflanzen an seinem Ufer ragten auf wie schattige Speere. Ich spürte, wie feucht die Luft auf einmal war und wie weich der Boden unter meinen Füßen wirkte. Am Geräusch von Joshs Jeans hörte ich, dass er im Gestrüpp direkt hinter mir herumtappte. Rechts von mir lag der Pfad, der um den Teich herumführte.
Ich bewegte mich direkt darauf zu – und da war es passiert.
Plötzlich riss ich die Augen auf, mir war etwas eingefallen. Du warst immer noch mit dem Nagel beschäftigt, den du inzwischen fast herausgezogen hattest. Ich sah deinen gebeugten Rücken und hörte dein leises Grummeln.
»Bist du da gewesen in dieser Nacht?«, fragte ich leise. »In der Nacht im Park mit Josh?«
Dein Mund zuckte, du hast die Schultern nach vorne fallen lassen und wirktest nun ganz in dich zusammengesunken. Ich schloss die Augen wieder, nur für einen kurzen Moment.
Es war leicht, mich an das Geräusch zu erinnern: eine Art scharfes Schlurfen, das von Josh kommen musste, der wohl im Gras ausgerutscht war. Und dann sah ich die Schatten. Zwei Schatten außer meinem eigenen; beide auf dem Pfad; ein großer und ein kleiner. Rasch sah ich mich um. Da war noch jemand. Jemand in einem grauen Kapuzenshirt. Jemand, der Josh zurückdrängte, ihn von mir wegschob. Ich hörte, wie Josh etwas rief, doch seine Stimme wurde übertönt von einer andern. Sie klang tief, dunkel, eindringlich. Ich hatte gedacht, es wäre einer von Joshs verqueren Freunden, der sich einen blöden Witz erlaubte und ihn ein bisschen herumschubste, bevor er ihn zum Doperauchen in die Büsche schleppte. Vielleicht waren es auch Ben oder Jay.
Ich verschwendete keine Zeit darauf, es herauszufinden, sondern stürzte an dem Gebüsch vorbei, in dem Josh verschwunden war. Ich rannte den ganzen Weg nach Hause. Erst nachdem der Schlüssel im Schloss war und die Tür hinter mir zufiel, machte ich halt.
Du rütteltest den Nagel im Holz hin und her, bis er endlich ganz draußen war. Dann schobst du ihn von der einen Hand in die andere. Du warfst einen Blick in meine Richtung und irgendwie gelang es mir, ihn festzuhalten.
»War Josh deshalb so plötzlich verschwunden?«, fragte ich. »Du warst der Typ in dem Kapuzenshirt, stimmt’s?«
Du legtest den Kopf schief und schautest in die Landschaft. Die Sonne begann langsam unterzugehen. Ihr Licht strömte über die Separates und färbte die Felsen golden.
»Was hast du mit ihm gemacht da im Gebüsch?«
Da sahst du mich wieder an. Ein Blitzen in deinen Augen zeigte mir, dass du genau wusstest, wovon ich redete.
»Nichts«, sagtest du. »Ich hab ihm nichts getan.«
»Danach hat er mich in Ruhe gelassen.«
»Ich weiß.«
Jetzt wollte ich es wirklich wissen. Ich sah die Schweißtropfen auf deinem Nacken, aber mir war in diesem Moment nur noch kalt. Ich blickte dich fassungslos an. »Denkst du, du hast mich vor ihm gerettet?«
»Was glaubst du?« Du machtest einen Schritt auf mich zu und gingst in die Knie. Du mustertest mein Gesicht, versuchtest meine Gedanken zu erraten. »Bist du nicht froh, dass ich da war?« Du legtest deine Hand aufs Sofa, so dicht neben mich, dass sie meinen Oberschenkel berührte. Verwirrt runzelte ich die Stirn.
»Und für den Fall, dass du dich fragst …«, begannst du leise, »das war der Moment.«
»Welcher Moment?«
»Der Moment, in dem ich wusste, dass ich dich will … in dem mir klar geworden ist, dass ich dich hierherbringen muss. Nicht als du zehn warst – erst in dieser Nacht. Danach hatte alles, was ich getan habe, nur noch dich als Ziel. Ich habe total hart gearbeitet, damit ich es bald schaffe – damit ich dich so schnell wie möglich retten kann.«
Am nächsten Tag saß ich im Staub neben dem Gehege. Du gingst sanft mit der Kamelstute um, nahmst dir Zeit. Wenn sie etwas tat, was du wolltest, belohntest du sie jedes Mal mit einem Zweig trockener Blätter, den sie mit ihren weichen Lippen entgegennahm und knabberte. Die ganze Zeit über hast du mit ihr gesprochen, ihr kleine Nettigkeiten ins Ohr geflüstert. Wenn sie nicht tat, was du sagtest, hobst du einfach nur die Hände und gingst auf sie zu, als wolltest du sie schlagen. Die Angst vor dir genügte als Lernmotivation. Sofort wich sie zur Seite aus, weg von dir. Aber gleich darauf kam sie wieder zurück, mit gebeugtem Kopf und mahlendem Kiefer. Es ging einzig und allein darum, wer den stärkeren Willen hatte, und es wirkte, als hätte das Kamel bereits aufgegeben.
Ich stützte mich nach hinten auf meine Ellbogen. Meine Arme waren total braun, brauner als je zuvor in meinem Leben. Als ich sie auf den Boden legte, sah ich, dass sie fast die gleiche Farbe hatten wie die Erde. Es kitzelte, als eine große Ameise über meinen kleinen Finger krabbelte. Ich machte mir nicht die Mühe, sie abzuschütteln, auch wenn sie kräftige Zangen zu haben schien. Seltsam, vor einer Weile wäre ich wahrscheinlich noch auf ihr herumgetrampelt. Sie krabbelte auch über die andern Finger, dann verschwand sie unter meinem Rücken. Ich bewegte mich nicht, aus Sorge, ich könnte sie zerdrücken.
Ich beobachtete, wie du die Kamelstute mit den Zweigen anlocktest und ihr, wenn sie nah genug war, ein Stück Seil über den Rücken legtest. Zuerst wich sie immer wieder ängstlich zurück, woraufhin du das Seil herunterrutschen ließest. Doch als du einfach weitergemacht hast, gewöhnte sie sich langsam an das Seil.
»Ich bereite sie auf den Sattel vor«, riefst du mir zu.
Ich richtete mich etwas auf. Das Kamel nahm die Bewegung wahr und wich zur Seite aus. Das Seil rumpelte auf den Boden. »Du willst auf ihr reiten?«, fragte ich.
»Klar.« Du drehtest dich von ihr weg, ohne ihr in die Augen zu sehen, und einen Moment später kam sie zu dir. »Wenn das Benzin alle ist, müssen wir uns ja auch irgendwie fortbewegen.«
»Wann wird das sein?«
»Das ist noch lange hin, aber wir müssen vorbereitet sein. So oder so, dieses Mädchen hier wird mehr für uns sein als nur ein Transportmittel. Viel mehr.«
Ich blickte zu den beiden Schuppen neben dem Haus und musterte den zweiten – den, in dem ich noch nicht gewesen war. Lagerte dort das Benzin? Auf einmal hatte ich ein Bild im Kopf: Ich könnte dich im Haus einsperren und Benzin rundherum auskippen, dann die Veranda anstecken und zusehen, wie du verbrennst. Mit den Augen suchte ich deine Klamotten ab, wohl zum millionsten Mal. Solange ich nicht wusste, wo die Autoschlüssel waren, hatte ich nicht die geringste Chance zu fliehen, also war auch die Fantasie, dich abzufackeln, aussichtslos und schwachsinnig. Der zweite Schuppen war abgesperrt, ein Vorhängeschloss hing an der Tür. Ich betrachtete den hoch aufragenden Kamelrücken. Er wirkte nicht gerade vertrauenerweckend.
»Wann wirst du versuchen, sie zu reiten?«, fragte ich. »Heute?«
»Nein!« Du kraultest dem Kamel den Hals. »Keine Chance. Mit Kamelen geht’s nur in winzigen Schritten voran, das ist eben so. Man macht immer nur eine kleine Sache, bis sie sich fügen und lernen, was sie lernen sollen.«
Du versuchtest, das Seil jedes Mal länger auf ihrem Rücken liegen zu lassen. Sie wich mühelos aus. Aber manchmal ließ sie auch zu, dass es dort blieb.
»Du zwingst sie also, immer das zu tun, was du willst? Du brichst ihren eigenen Willen?«
»Ganz so ist es nicht.« Du hast mit der Zunge geschnalzt und dich direkt auf die Kamelstute zubewegt. Als du ihr diesmal das Seil über den Rücken warfst, wich sie nicht aus. Stattdessen drehte sie ihren langen Hals nach hinten und begann, das Seil zu beschnuppern. »Ich bringe ihr bei, dass sie mir vertrauen kann«, sagtest du. »Sobald sie Vertrauen zu mir hat und mich akzeptiert, wird’s ihr besser gehen. Weißt du, Kamele sind Herdentiere. Sie fühlt sich sicher, wenn sie jemanden hat, der sie führt und dem sie folgen kann. Dann braucht sie sich keine Sorgen zu machen und hat auch keine Angst mehr.«
Du hast beim Reden das Kamel nie aus den Augen gelassen. Du legtest ihr die Hände auf den Rücken und lehntest dich mit dem ganzen Körper gegen sie, drängtest sie, dich anzunehmen. Sie wich dir nicht aus. Stattdessen knabberte sie an den Blättern, die du ihr hinhieltst.
»Braves Mädchen«, lobtest du. »Braves, schönes Mädchen. So ist es gut.«
Du hörtest auf, dich gegen sie zu pressen, nahmst ihr das Seil vom Rücken, hobst noch einen Zweig mit Blättern hoch und das Ganze fing von vorne an. Nachdem du das noch ein paarmal gemacht hattest, strichst du kräftig mit den Händen über ihr Fell, am Hals beginnend bis hinunter zu den Füßen. Sie gurgelte leise vor sich hin und du murmeltest etwas als Antwort.
»Für heute ist es genug, Kleine«, sagtest du. »Morgen machen wir weiter.«
Während sie weiterkaute, gingst du rüber zu dem Loch, das du in den Maschendrahtzaun geschnitten hattest und das ihren Pferch mit dem Gelände der Separates verband. Du machtest es größer, so dass ein Kamel durchpasste. Du zeigtest ihr die Richtung und gabst ihr zu verstehen, sie könnte rüber zu den Felsen laufen.
»Da erwischst du sie doch nicht mehr …«, begann ich.
Aber das Kamel lief sowieso hinter dir her und suchte mit dem Kopf deine Schulter. Du bücktest dich unter den Seilen durch, die das Kamelgehege umgaben, und kamst zu mir. Direkt neben mir hast du dich fallen lassen, dich im Sand ausgestreckt und wegen der Sonne die Augen zugemacht. Du warst ziemlich nah, aber dieses eine Mal rutschte ich nicht weg. Ich dachte immer noch an die Ameise, die unter mir herumkrabbelte; ich wollte sie nicht zerquetschen und auch nicht von ihr gebissen werden. Außerdem war mir zu heiß und ich war faul. Eins deiner Augenlider hob sich ein wenig und du warfst mir einen Blick zu.
»Wir schaffen’s«, sagtest du seufzend. »In winzigen Schritten.«
Nach einer Weile rappeltest du dich wieder hoch und wischtest dir mit der Hand über die Stirn.
»Lass uns was trinken«, sagtest du. »Hier draußen ist es zu heiß.«
Ich folgte dir auf die Veranda, ging aber nicht mit nach drinnen. Ich wollte noch über unser Gespräch am vergangenen Tag nachdenken, darüber, ob wirklich du das gewesen sein konntest in dieser Nacht im Park. Manchmal kam mir das überzeugend vor, manchmal aber auch nicht.
Du hattest die Tür offen gelassen und ich hörte, wie du in der Küche das Wasser gierig direkt aus dem Hahn trankst. Mit zwei vollen Gläsern kamst du zurück. Eines davon gabst du mir. Ich nahm es, trank aber nichts. Ich sah, wie sich deine Schultern verkrampften, als ich es auf dem Boden abstellte. Dann setzte ich mich ganz an den Rand vom Sofa. Von der Größe her konnte es gut sein, dass du der Typ in dem Kapuzenshirt warst. Aber die Geschichte, die du mir erzählt hattest, dazu deine Art, über mich Bescheid zu wissen … das war einfach zu gespenstisch, zu verrückt. Und da waren noch so viele andere Dinge, die für mich überhaupt keinen Sinn ergaben. Warum dieser Zeitpunkt? Warum hattest du mich verfolgt über all die Jahre? Warum ausgerechnet mich?
»Wieso hast du Australien verlassen?«, fragte ich. »Was wolltest du überhaupt in England?«
Du hast mir keine Antwort gegeben. Langsam bewegtest du dich auf einen Verandapfosten zu und lehntest die Stirn dagegen. Du machtest die Augen zu. Aber ich bedrängte dich, wollte endlich begreifen, was mit dir los war.
»Warum?«
Du schütteltest den Kopf, das Glas fest im Griff. Dann drehtest du dich plötzlich zu mir.
»Ich hab einen Brief gekriegt«, sagtest du. »Okay?«
»Was für einen Brief?« Ich sah, wie deine Fingerspitzen weiß wurden. »Was stand drin?«
Du machtest den Mund auf, als wolltest du’s mir erzählen, aber dann kam nichts, nur ein tiefer Atemzug. »Keine Ahnung …« Deine Finger umklammerten das Glas jetzt so fest, dass ich dachte, es würde gleich zerbrechen. Du folgtest meinem Bick und schautest selbst auf deine Finger. »Keine Ahnung, wie sie mich gefunden hat.«
Ich setzte mich anders hin. Auf einmal war ich neugierig. »Von wem sprichst du?«
Mit Wucht knalltest du das Glas auf die Brüstung, es zerbrach noch in deiner Hand. Deine Augen wurden groß, als du die gezackten Scherben sahst.
»Von meiner Mum, okay?«, flüstertest du. »Sie hat mich gefunden.«
Ein Rinnsal Blut lief dir am Handgelenk herunter. Die Scherben klirrten dumpf, als sie auf den Boden fielen. Ich betrachtete die vier fast gleich großen Stücke Glas und blickte dann wieder auf deine Hand. Blut sickerte zwischen deinen Fingern hervor. Deine Augen waren noch immer weit und wirkten verstört. Du wolltest die Scherben aufsammeln, aber als du sahst, dass ich dir dabei zuschaute, zucktest du zurück und verstecktest die Hand hinter deinem Körper. Du drehtest auch dein Gesicht von mir weg und zogst die Schultern hoch vor lauter Anspannung. Noch ein Wort und du würdest explodieren. Ich wartete eine Weile, bevor ich wieder zu sprechen begann, und als ich es endlich tat, kamen meine Worte zögerlich.
»Ich dachte, deine Mutter wäre nach deiner Geburt verschwunden?«
»Ist sie auch.« Du beugtest dich über deine Faust, öffnetest sie und schautest dir deine Verletzung an. »Aber sie hat mich gefunden«, flüstertest du. »Ich weiß nicht, wie. Kurz nach meinem siebzehnten Geburtstag hat sie mir einen Brief geschrieben.«
»Warum?« Das Wort war leiser als ein Atemzug. Aber es hing zwischen uns. Dein Rücken war so hart wie der Pfosten, an dem du lehntest. Gar nichts an dir regte sich.
»Sie hat geschrieben, dass sie mich sehen will. Hat mir ihre Adresse geschickt: 31a, Elphington Street. London.«
»Das ist bei mir in der Nähe.«
»Ich weiß.«
»Also hast du sie besucht.«
»Das wollte ich. Meine Pflegeeltern haben mir Geld geliehen.«
»Und dann?«
»Die waren froh, dass sie mich los waren.«
»Ich meine mit deiner Mum.«
Du drehtest dich um. In deinem Gesicht spiegelten sich die verschiedensten Gefühle wider. »Willst du das wirklich wissen?«
Ich nickte. In drei großen Schritten bist du über die Veranda gefegt und hast die Tür hinter dir zugeknallt. Dann hörte ich dich im Haus herumpoltern, eine Schublade öffnen. Ich wartete. Die Tür ging mit Schwung wieder auf und knallte gegen die Hauswand. Du drücktest mir etwas in die Hand: einen Briefumschlag.
»Lies«, blafftest du.
Ungeschickt fummelte ich an dem Umschlag herum. Meine Hände zitterten, als ich die dünnen Blätter herauszog. Auch ein Foto fiel heraus, es landete in meinem Schoß. Ich nahm es in die Hand.
Es war alt und vergilbt und an den Rändern ein bisschen zerknittert. Da war ein Mädchen, etwa in meinem Alter, sie hielt ein Baby eng an ihre Brust geschmiegt. Trotzig und herausfordernd starrte sie in die Kamera. Ich schnappte nach Luft, als ich ihre langen dunklen Haare und ihre grünen Augen betrachtete. Sie sah ein bisschen so aus wie ich. Das Baby in ihrem Arm wirkte winzig, es war fest in Krankenhausdecken gewickelt. Aber seine Augen waren blau wie das Meer und die eine Locke auf seinem Kopf glänzte golden.
Ich sah zu dir hinüber, konnte den Blick nicht von den blonden Haarsträhnen lösen, die dir in die Augen fielen.
»… du?«
Du hast deine Hand mit einer solchen Wucht gegen den Verandapfosten gedonnern, dass der ganze Vorbau schwankte.
»Ich wollte, dass du’s liest!« Du schnapptest die Blätter von meinem Schoß. »Gib das zurück, wenn du’s nicht tust.«
Du nahmst mir auch das Foto weg, aber so, dass es nicht zerknickt wurde. Behutsam hast du es in deine Hemdtasche gleiten lassen und auch den Brief dazugesteckt. Du sprachst leise, als würdest du mit dir selbst reden.
»Sie hat mich in dem Brief gebeten, dass ich zu ihr ziehe«, erklärtest du. »Sie wäre schon zu lang allein.«
»Und was ist passiert?« Meine Stimme war nur noch ein Flüstern.
Du beugtest dich über mich. Langsam öffnetest du deine Faust, strecktest die Finger aus und hieltst sie mir vor die Augen. Ich sah das dunkle Blut auf deiner Handfläche, das schon trocknete. Ich drehte mein Gesicht weg, aber du zogst es wieder zu dir her und zwangst mich, dich anzuschauen. Deine Fingerspitzen berührten mein Haar.
»Die Elphington Street Nummer 31a war ein besetztes Haus«, sagtest du. »Kacke an den Wänden, tote Spatzen im Kamin. Irgendein Dealer hat mich beinahe kaltgemacht, als ich an die Tür geklopft habe.«
»Und deine Mum?« Es war schwer, die Worte rauszubringen, während ich im Schraubstockgriff steckte.
»Sie war nicht da. Anscheinend ist sie eine Woche vorher von dort weg.« Dein Blick driftete in die Ferne, als du dich erinnertest. »Ich hab überall nach ihrer neuen Adresse gefragt, aber ohne Erfolg. Die haben gesagt, sie würde so tief in der Scheiße stecken, dass sie nichts mehr mit ihr zu tun haben wollen.«
Ich versuchte mich aus deinem Griff zu winden. Aber du hast mich nicht losgelassen. Im Gegenteil, du packtest mich nur noch fester und bewegtest deine Lippen bis dicht vor mein Gesicht. Dein Atem roch nach deinen selbst gedrehten Zigaretten.
»Irgendwann hab ich dann eine Telefonnummer aufgetrieben, unter der sie zu erreichen war. Ich hab den Fetzen Papier tagelang mit mir rumgetragen, weil ich keinen Mumm hatte anzurufen; am Ende konnte ich die Nummer auswendig. Als ich’s dann doch gemacht habe, war eine alte Frau dran, die mich gefragt hat, ob ich Geld hätte. Als ich Nein gesagt habe, meinte sie, sie wüsste nicht, von wem ich rede. Aber diese Stimme …« Du holtest tief Luft. »… die hat sich halb tot angehört; besoffen, auf Drogen oder so … genau wie Dad manchmal.« Du machtest eine Pause. »Weißt du, ich frag mich immer wieder, ob sie nicht doch selbst am Telefon war, ob es ihre Stimme war.«
Ich hielt deinem Blick stand. Langsam versuchte ich, mein Gesicht ein Stück von dir wegzukriegen.
»Ich hab trotzdem weitergesucht«, sagtest du. »Hab alle Absteigen und Notunterkünfte durchgekämmt, wollte sie unbedingt finden. Verdammte Scheiße! Ich hatte vorher noch nie Schnee gesehen, ich hab alles da gehasst, vom ersten Tag an. Ich hatte kein Geld, um wieder heimzukommen, hatte nichts zu tun, hatte überhaupt niemanden, also …«
Du brachst ab und hast mich endlich losgelassen. Ich bewegte meinen Unterkiefer, um zu testen, ob er okay war. Als ich wieder zu dir hochblickte, schautest du besorgt und strecktest die Finger aus, als wolltest du meine Wange berühren.
Ich schüttelte den Kopf. Dein Gesicht verkrampfte sich. Ich drückte mich zurück ins Sofa. Du knalltest deine Hand neben mir in ein Kissen. Wir betrachteten sie beide. Zitternd lag sie da, etwa dreißig Zentimeter entfernt von mir. Dann nahmst du sie weg und stecktest sie in die Hosentasche. Du gingst einen Schritt auf den Pfosten zu und blicktest in die Landschaft.
»Hast du mich zu der Zeit gefunden?«, fragte ich leise. »Damals in London, als du deine Mutter nirgends finden konntest?«
Du gabst keine Antwort. Stattdessen stürmtest du über die Veranda und sprangst in den Sand. Du rammtest die Faust in deinen Sandsack, gingst tief in die Hocke und machtest von da aus weiter. Du brülltest bei jedem Aufprall deiner verletzten Hand. Dann knalltest du beide Arme hart gegen den Sack und liefst rüber zu den Felsen. Ich lauschte auf das rhythmische Pendeln des Sandsacks, das langsamer wurde und verklang. Irgendwann später hörte ich von den Felsen her das Echo von etwas, das vielleicht ein Schrei von dir war.
Irgendwann war es dann später Nachmittag und du warst immer noch nicht zurück. Es war die Zeit, zu der du normalerweise die Hühner füttertest, also holte ich das Kistchen mit den Körnern und Nüssen und ging los, um es selbst zu tun. Der Weg zu den Separates führte durch das Kamelgehege. Ich ging zum ersten Mal ohne dich dort hinein. Die Kamelstute ruhte am Boden und hatte die Beine unter dem Körper angezogen. Sie hob den Kopf, als ich kam.
»Immer mit der Ruhe, Mädchen«, sagte ich, bemüht so zu klingen wie du.
Sie war riesig, und es fiel mir schwer, keine Angst vor ihr zu haben. Vorsichtig ging ich rüber zu den Felsen. Ich fragte mich, ob du wohl immer noch irgendwo da drinnen warst. Und wenn ja, dann wo? Es kam mir vor, als würdest du mich beobachten.
Ich erreichte die Lichtung. Dort war es nicht so still wie sonst überall. Die wilden Vögel begannen gerade ihren Nachmittagsschwatz. Eine Eidechse, die sich auf einem Felsen aalte, zog sich schnell in den Schatten zurück, als ich zu den Käfigen hinüberging. Ich fing mit den Hennen an, der Hahn würde schon noch drankommen. Er stolzierte in seinem Käfig herum, als würde er sich auf einen Kampf vorbereiten. Ich zerrte die Klappe am Hühnerkäfig hoch und streute das Futter hinein. Die Hennen drängten sich um meine Hand, ihre warmen Federn berührten sacht meine Haut. Ihr gluckerndes Gackern gefiel mir. Sie hörten sich an wie die zwei alten Frauen, die manchmal im gleichem Bus fuhren wie ich, wenn ich aus der Schule heimkam; auch sie schnatterten und gackerten, nur eben über ihre Lieblingssendungen im Fernsehen. Ich vermisste diese beiden alten Frauen. Und ich fragte mich, ob ihnen wohl auffiel, dass ich nicht mehr im Bus war.
Ich beschloss, den Hühnern Namen zu geben. Die beiden dicken grauen nannte ich Ethel und Gwen, nach den Frauen im Bus. Die dünne rote Henne war Mum. Die etwas dickere rote war Anna. Die große, mit dem vielen Orange, taufte ich Ben (schon klar, das ist ein Name für Jungs, aber was soll’s) und die kränklich wirkende weiße war Alison, nach meiner Oma. Den Hahn nannte ich Gockel und dachte dabei an dich.
Nachdem ich die Hühner eine Weile lang gestreichelt hatte, schloss ich die Käfigklappe und ging rüber zu dem Hahn. Er streckte den Schnabel durch die Drahtmaschen und hackte nach mir. Ich schnippte ein bisschen Dreck in seine Richtung und zerrte dann den Riegel auf. Sofort stürzte er sich auf mich und grub seinen scharfen Schnabel in meine Finger. Ich sprang zurück und schubste ihn von mir.
Ich hörte dein Lachen aus der Ecke, wo die Pflanzen standen. Du lehntest mit dem Rücken an einem Felsen und hattest die Füße gegen einen Baum gestemmt. Du warst so regungslos wie der Sandstein hinter dir.
»Du musst ihn hochheben, wenn er so drauf ist«, sagtest du. »Ihn rumtragen, bis er ruhig wird. Entweder das oder du drehst ihn mit dem Kopf nach unten.«
»Das möchte ich sehen.«
Du zucktest mit den Achseln und kamst herüber. Als du vorm Stall in die Knie gingst, versuchte Gockel auch nach dir zu hacken. Er sprang hoch in die Luft und stieß mit seinen scharfen Krallen gegen den Riegel.
»Kampfhühner, was?« Du hast mich angegrinst und die Ärmel hochgerollt. »Das kriegen wir schon hin.«
Du langtest in den Käfig. Im selben Moment stürzte sich Gockel auf deine Hand, krallte sich fest und riss dir mit seinem scharfen Schnabel Fetzen aus dem Fleisch.
»Verdammter Hahn!«
Du wolltest ihn fallen lassen, aber Gockel klammerte sich fest. Ich drehte das Gesicht zur Seite, damit du meine Schadenfreude nicht mitbekamst. Du fuchteltest wie wild mit der Hand herum, um den Hahn abzuschütteln. Doch er grub seine Krallen in dich, als hinge sein Leben davon ab. Er riss eine klaffende Wunde quer über deine Fingerknöchel. Du versuchtest ihn mit der anderen Hand runterzuzerren, aber Gockel kämpfte verbissen weiter. Er krächzte und kreischte, das Gemetzel schien ihm zu gefallen. Du schriest zurück. Es war ein richtiger Kampf, so wie in Tierfilmen, wenn die dominanten Männchen von zwei Gruppen darum streiten, wer der Boss ist. Ich feuerte den Hahn an und freute mich über jeden Kratzer, den er dir zufügte.
Schließlich gelang es dir, ihn mit der anderen Hand bei den Flügeln zu packen. So nageltest du ihn fest. Ich wartete und fragte mich, ob du wohl noch stärker zudrücken und es ihm richtig heimzahlen würdest. Aber du hast ihn nur zurück in seinen Käfig geworfen, das Futter hinterhergepfeffert und schnell die Klappe zugemacht. Dann versetztest du dem Gitter einen Stiefeltritt. Gockel flog hoch zum Dach, warf sich dagegen und stürzte mit wildem Gekreisch wieder zu Boden.
Deine Hände und Arme bluteten und waren geschwollen von den tiefen Wunden und Kratzern; deine Augen waren geweitet.
»Du hast Recht, das ist ein Killer«, sagtest du. »Der hat ein ernsthaftes Problem.«
Du schütteltest den Kopf, vielleicht vor Überraschung, dass ein anderes Wesen dir derart zusetzen konnte. Du strecktest deine verletzten Hände von dir weg wie ein Kind. Blut lief aus der Wunde an deinen Knöcheln und rann dir übers Handgelenk. Ein paar kleine Brustfedern klebten darin. Du versuchtest, das Blut mit der andern Hand wegzuwischen, aber dadurch öffnete sich ein dünner Riss auf deren Rücken.
»Au«, sagtest du. Dann blicktest du hoch, fixiertest mich mit deinen großen blauen Augen. »Ich glaube, du wirst mir helfen müssen, die hier zu reinigen«, sagtest du.
Ich ließ das Wasser laufen, machte es ziemlich heiß. Du hocktest auf dem staubigen Boden im Wohnzimmer und wartetest darauf, dass ich dir die Schüssel brachte. Als du die Hände hineintauchtest, zucktest du zusammen. Ich lächelte. Meine ganz persönliche kleine Genugtuung. Ich holte einen kratzigen alten Scheuerschwamm aus der Küche, den du zum Geschirrspülen benutztest.
»Ist der okay?«, fragte ich unschuldig.
»Willst du mir die Haut runterreißen?« Du rolltest mit den Augen. »Aber lass mal, ich will die Antwort gar nicht hören.«
Ich brachte den Schwamm trotzdem mit und kauerte mich auf der andern Seite der Schüssel hin. Als deine Hände im Wasser kreisten, färbte es sich rot.
»Tut das nicht weh?«, sagte ich.
»Doch.«
»Wie schaffst du’s dann, sie drinzulassen?«
»Ich bin stur.« Du grinstest. »Stur wie ein Waddywood-Baum. Außerdem heilt’s, wenn’s wehtut.«
»Nicht immer.«
Das Blut strömte immer weiter, in Wirbeln schlängelte es sich um deine Finger.
»Dieser gottverdammte Hahn«, brummeltest du.
Mit deinen Armen hattest du noch nichts gemacht. Auch dort waren tiefe Kratzer, ein paar von ihnen reichten bis über deine Ellbogen. Du hast einen Seufzer ausgestoßen, die Hände aus dem Wasser genommen und sie auf dem Rand der Schüssel abgelegt. Sie waren grellrot und aufgedunsen wie Marshmallows im Feuer.
»Du wirst mir helfen müssen«, sagtest du. »Bitte.«
Ich erwiderte deinen Blick. »Warum sollte ich?«
Du runzeltest die Stirn. »Weil wir beide am Arsch sind, wenn ich meine Hände nicht benutzen kann.« Du hast frustriert geseufzt. »Ich kann sie allein nicht richtig waschen.« Deine Mundwinkel verzogen sich zu einem Lächeln, während du mich mit flehendem Blick ansahst. »Außerdem tut es weh, Gem.«
Ungelenk strecktest du mir die Hände entgegen, so wie du es schon mal getan hattest. Rosa gefärbtes Wasser tropfte herab. Ein Tropfen landete auf meinem Knie und lief langsam nach unten, er ließ dabei eine trübe braune Spur auf meiner Haut zurück.
»Und was tust du für mich?«, fragte ich leise.
Auch du sahst zu, wie der Tropfen an meinem Bein langlief, und dachtest nach. »Was willst du?«
»Du weißt, was ich will.«
»Du gehst nirgends hin.« Du hast deine rechte Hand gedreht und das herunterströmende wässrige Blut betrachtet. »Ich meine, was willst du jetzt in diesem Moment?«
Du sahst mich wieder direkt an. Die kleine Bewegung genügte, um dir das Haar über die Augen fallen zu lassen. Die sonnengebleichten Strähnen waren inzwischen so lang, dass sie dir bis an den Mund reichten. Als du versuchtest, sie wegzupusten, blieben sie dir an den Lippen kleben.
»Bitte«, sagtest du. »… egal was, solange es nicht darum geht, dass du von hier fortwillst. Sag schon. Ich werd tun, was du willst.« Du beugtest dich vor, neugierig wie eine Katze. »Aber«, flüstertest du, »kannst du mir zuerst ein Handtuch holen? Sie sind in der Kiste im Bad.«
»Ich weiß.«
Ich öffnete die angestoßene Blechkiste neben der Badezimmertür und holte ein Handtuch für dich. Auf dem Weg zurück ins Zimmer dachte ich an alles, was ich von dir wissen wollte … es waren Hunderte von Dingen. Aber danach zu fragen, kam mir wie ein Verbrechen vor, wie eine Art Verrat. Darum kniete ich mich mit dem Handtuch im Schoß hin und überlegte. Ich wollte es dir geben, wenn du danach fragtest, doch stattdessen legtest du deine Arme einfach hinein, auf meine Knie. Ich spürte, wie der Stoff feucht und warm wurde von deinem wässrigen Blut. Dein Gesicht war dicht bei meinem, doch ich sah stattdessen deine Arme an. Meine Beine waren angespannt, straff wie die von einem Tier, das wegrennen will.
»Ich will wissen, wie du das hier gebaut hast«, sagte ich schließlich. »Wo du das Geld herhattest. Wenn du das wirklich warst damals im Gebüsch, wie du behauptest … wie bist du dann von dort wieder hierhergekommen?«
Ich ließ meinen Blick durch den Raum schweifen und sah die Spinnweben an der Decke. Dünne Fäden zogen sich zu den Vorhängen, schwache Spuren von Leben. Du rolltest die Arme auf dem Handtuch hin und her und zeigtest mit einem Kopfnicken auf den Schwamm.
»Wäschst du mir die Arme? Bitte? Dann erzähl ich’s dir.«
Ich tauchte den Schwamm ins Wasser und fuhr damit über die Kratzwunden. Die Risse gingen wieder auf und der Schwamm scheuerte über deine Haut. Du krümmtest dich, als unter deiner braunen Haut eine andere zum Vorschein kam, rosa und weich. Ich rieb noch ein bisschen fester. Winzige Schwammteilchen blieben in den Wunden hängen. Du grubst die Zähne in deine Unterlippe, um den Schmerz auszuhalten.
»Ich hab das Geld auf viele Arten zusammenbekommen«, sagtest du. »Zuerst durch Klauen. Ich war ziemlich gut darin, in Kneipen Handtaschen einzusacken und so … aber dann hat mich jemand erwischt und wollte mich zur Polizei bringen.«
Du sahst meinen Blick. Dir war klar, dass du, wenn es nach mir ging, sowieso bald im Gefängnis landen würdest. Aber du bist darüber hinweggegangen.
»Eine Weile hab ich sogar gebettelt«, erzähltest du weiter. »Hab meinen Pappbecher von McDonald’s vor mich gestellt wie alle andern auch und mich wie der letzte Dreck gefühlt.«
Ich hörte auf zu reiben. »Aber mit Betteln kriegt man so was nicht hin.« Wieder sah ich mich im Zimmer um. Alles hier mochte schlicht und ziemlich rustikal sein, aber es war ganz klar mehr nötig als ein bisschen Kleingeld, um das auf die Beine zu stellen … sehr viel mehr. »Was noch?«
Du nicktest. »Ich hab Sachen verkauft.«
»Was für Sachen?«
»Was ich eben hatte.« Du verzogst das Gesicht, aber nicht vor Schmerz. Ich war im Moment gar nicht mit deinen Armen zugange. »Ich hab mich verkauft, um das hier zu bauen.«
»Du meinst … wie eine Prostituierte?«
»Wie jemand, der seine Seele verkauft.« Du gucktest gequält, als du daran zurückdachtest. Dann schütteltest du den Kopf, als könntest du auf die Art loswerden, was dich belastete. »Ich hab nur getan, was alle andern in dieser Stadt auch tun«, sagtest du mit abwesendem Blick. »Ich bin dem Geld hinterhergejagt, hab mich verstellt, um es zu bekommen. Je länger ich das gemacht habe, desto leichter ist es mir gefallen … aber genau das ist die Falle, verstehst du? Wenn es leichter wird, mit der Leblosigkeit umzugehen, dann sinkst du immer tiefer und bist schon so gut wie tot.« Du tupftest dir mit dem Handtuch die Arme ab und drücktest fest auf die Wunden, um das Blut zu stillen. »Dann habe ich einen echten Treffer gelandet.«
»Als Edel-Callboy?«, fragte ich hämisch.
»Fast. Ich hab im Fantasyland gearbeitet.«
»Als Disney-Figur?«
»Ich wäre eine von denen geworden, wenn sie’s gewollt hätten.« Du lächeltest kläglich. »Ich war beim Escortservice. Als professioneller Abendbegleiter. Ich bin mit allen ausgegangen, die mich gebucht haben, und war, wer immer ich sein sollte: James Bond, Brad Pitt, Superman …«
Du machtest eine Pause, um zu sehen, wie ich reagierte. »Siehst du, ich hab dir doch gesagt, dass ich Superman sein kann.«
»Das ist total verrückt.«
»Ja, aber so ist London eben – alle tun gern, als ob. Besonders die Reichen. Ist jedenfalls leicht, so zu sein, wie die Leute das wollen: Gib ihnen was, das sie anstarren können, nick immer schön und lächle, erzähl ihnen, dass sie großartig sind.« Du hast ein gespielt charmantes Grinsen aufgesetzt, bevor du hinzufügtest: »Die drei Schritte, um an Geld zu kommen.«
Wieder lächeltest du. Aber dieses Lächeln hatte mit dem charmanten Grinsen von eben nichts zu tun. Es war klein und traurig.
»Und dein Geld? Hast du’s noch?«
Du warfst die Hände in die Luft und zeigtest auf das Haus. »Steckt alles irgendwo hier drin, in diesem Holz, in den Zimmern, in allem hier … Wozu sonst sollte ich’s brauchen?«
»Also«, begann ich, »hast du überhaupt nichts mehr, wenn du von hier weggehst? Kein Geld, keine Familie, keine Zukunft …?«
Dein Lächeln verschwand. »Ich gehe nicht hier weg. Nie.«
Du standst auf, als wären deine Wunden verheilt.
Auch in dieser Nacht konnte ich nicht schlafen. Ich hatte mich mit zu vielen Fragen hingelegt. Kurz vor Sonnenaufgang hörte ich deine Stimme, ein Gemurmel einzelner Worte. Auf Zehenspitzen ging ich den Gang entlang und drückte mich horchend an deine Tür. Aber jetzt gabst du keinen Ton mehr von dir. Vielleicht hattest du geträumt.
Ich fand dich in der Küche. Die Morgensonne strömte durchs Fenster und auf deine Haut. Du tunktest Lappen in eine Schüssel mit einer dunkelbraunen Paste, die nach Eukalyptus und Erde roch. Deine Hände waren verkrustet und geschwollen. Du hast einen der Lappen genommen und mich um Hilfe gebeten. Während ich ihn um dein Handgelenk wickelte, sahst du aus dem Fenster. Du wirktest ungeduldig.
»Wird heiß heute«, sagtest du. »Mit ein bisschen Glück regnet’s sogar … wenn sich’s weiter so aufbaut.«
»Wenn sich was aufbaut?«
»Der Druck. Wenn die Luft so schwer wird wie jetzt, entlädt sie sich irgendwann. Sie kann gar nicht anders.«
Ich hatte den steigenden Druck auch gespürt. In den letzten Tagen hatte sich die Luft angefühlt, als wäre sie lebendig; sie hielt sich an meinen Ohren fest, als wollte sie meinen Körper besetzen, sie bedrängte mich mit ihrer Hitze. Ob die Luft, überlegte ich manchmal, wohl genug Druck hatte, um mich den ganzen Weg bis nach Hause zu schieben? Vielleicht musste ich nur lange genug mit ausgebreiteten Armen dastehen und warten?
Du hast deine Hand zurückgezogen und getestet, wie fest ich den Verband gemacht hatte.
»Na gut«, sagtest du. Dann machtest du eine Schublade auf und kramtest darin herum.
»Wie hast du das alles hierhergeschafft?«, fragte ich. »Das Holz und die Einrichtung?«
Du zogst einen kleinen Metallclip heraus. »Ich hatte einen Lastwagen.«
»Das war alles?«
»Und Zeit.« Du gabst mir zu verstehen, dass ich den Verband um dein Handgelenk mit dem Clip verschließen sollte.
»Was noch?« Ich zog an dem kleinen Elastikband, so dass sich die Häkchen an beiden Enden in den Verbandstoff gruben. Dann hielt ich dein Handgelenk weiter fest, bis du mich wieder ansahst.
»Na gut«, meintest du seufzend. »Es gibt wirklich noch was … nicht allzu weit von hier. Die Überreste von einem alten Bergwerk. Da hab ich das Zeug gelagert, bis ich mit dem Bauen loslegen konnte. Das ist alles schon Jahre her. Ich hab gleich angefangen, nachdem ich die Idee hatte – lange bevor ich wusste, dass ich dich auch hierherbringen will.«
»Können wir dahin?«, fragte ich rasch. »Zu dem Bergwerk?«
»Da ist nichts weiter.«
»Muss aber mehr sein als hier.«
Du schütteltest den Kopf. »Die Landschaft dort ist missbraucht und ausgelaugt, da ist alles tot.«
Ich wich zurück vor diesem Satz.
»Ich mein das ernst, Gemma. Da ist nichts als ein großes Loch in der Erde, das alles verschlungen hat. Es ist widerlich.« Du öffnetest die Tür nach draußen. »Kommst du?«
Ich schüttelte den Kopf. Deine Worte wühlten mich auf. Wenn ich irgendwie an deine Schlüssel kam, konnte ich diesen Ort, den du erwähnt hattest, vielleicht finden. Wo mal ein Bergwerk gewesen war, gab es auch Leute … irgendwas musste es dort geben. Zum millionsten Mal durchsuchte ich die Küche. Ich war mir inzwischen fast sicher, dass du den Autoschlüssel immer bei dir hattest.
Ich ging in das Zimmer mit den Regalen. Dort ließ ich den Finger über die Buchrücken gleiten und zog ein paar Bände raus. Aber ich fand keine Landkarten und auch sonst nichts, was mir hätte zeigen können, wo ich war. Ich betrachtete ein Buch mit dem Titel Die Geschichte der Großen Sandwüste und blätterte ein paar Seiten mit Fotos durch; Aufnahmen unterschiedlichster Landschaften und auch Bilder von den Aborigines, die, wie ich von dir wusste, früher hier gelebt hatten. Ich berührte mit den Fingern ihre Gesichter und wünschte mir, sie wären nie von hier fortgegangen.
Das nächste Buch, das ich herauszog, war ein Naturführer über die Pflanzenwelt Australiens. Da kam mir eine geniale Idee. Vielleicht konnte ich anhand der Vegetation hier in der Gegend herausfinden, wo ich war! Ich sah das Buch durch. Ein paar von den Pflanzen kamen mir bekannt vor, zum Beispiel in dem Kapitel über die verschiedenen Spinifex-Arten. Ich las eine Zeile: Spinifex trodia beherrscht die Vegetation und befindet sich auf über 20 Prozent der Fläche Australiens. Es kommt in allen Bundesstaaten außer Tasmanien vor. Na toll, dachte ich, ich konnte also überall sein … außer in Tasmanien.
Ich machte den Schrank auf. Im unteren Fach lagen eine Gitarre ohne Saiten und ein schlaffer Fußball. Als ich die Sachen wegschob, huschte etwas Schwarzes auf Beinen weg und verschwand in der Dunkelheit ganz hinten. Eine dünne Spinnwebe hing in der Schrankecke. Ich suchte nicht weiter.
Im mittleren Schrankfach stand eine verdreckte Nähmaschine, die älter aussah als ich. Ich drehte das Rad an der Seite und sah zu, wie sich die Nadel langsam hob und senkte. Ich sehnte mich danach, eine Art magische Landkarte nähen zu können, die mir verraten würde, wie ich nach Hause kam. Ich presste meinen Finger gegen die Nadelspitze. Sie war rostig, aber trotzdem noch scharf, was mich überraschte, weil sie so alt aussah. Ich bog die Nadel hin und her, bis sie abbrach. Ich führte sie über meine Handfläche und verfolgte meine Lebenslinie. In der Mitte meiner Hand hielt ich inne und fragte mich: Wäre ich im Stande, mir die Nadel reinzurammen? Wie weh würde das wohl tun? Wie viel Schaden konnte dieses Teil anrichten?
Ich hörte, wie die Küchentür mit einem Knall ins Schloss fiel und wie du durchs Haus stürmtest. Ich schloss die Hand über der Nadel und schob sie in die Tasche meiner Shorts, dann machte ich schnell die Schranktür zu und ging zurück zum Bücherregal. Ich zog Huckleberry Finns Abenteuer heraus und wartete. Du kamst ins Zimmer. In der letzten Zeit hattest du aufgehört mich zu fragen, was ich den ganzen Tag über tat; auch an diesem Tag wolltest du es nicht wissen. Du sahst mich nur kurz an, bevor du hektisch wie ein Käfigtier auf und ab gingst. Du recktest deine einbandagierten Hände in die Luft, als wolltest du irgendeinen Gott beschwören.
»Mit diesen Händen kann ich überhaupt nichts machen«, sagtest du barsch. »Willst du spazieren gehen oder so?«
Ich nickte und dachte an das Bergwerk. Die Nadel hatte ich bei mir.
Du hast einen Korb mitgenommen. Es war ein alter Supermarkt-Einkaufskorb aus rotem Plastik, an der Seite war noch schwach der Schriftzug Eigentum der Coles-Kette zu erkennen. Du hast ihn beim Gehen hin und her geschwenkt. Auf dem Weg durch den Pferch sagtest du dem Kamel Hallo. Im Schatten der Felsen angekommen, bliebst du stehen und sahst dir die Vegetation ganz genau an. Du berührtest die Blätter einer kleinen, buschigen Pflanze, die ein bisschen wie Spinifex aussah. Ich dachte an das Pflanzenbuch und fragte mich, ob ihre gleichförmigen graugrünen Blätter mir wohl irgendeinen Anhaltspunkt geben könnten. Ich fragte dich, was das war.
»Salzmelde«, sagtest du. »Wächst überall.«
»Schade.« Ich berührte die rautenförmigen Blätter. »Ich hab gedacht, es wäre was Außergewöhnliches, besonders selten oder so.«
»Sie ist auch außergewöhnlich.« Du sahst mich mit zusammengekniffenen Augen an. »Man könnte über diesen Busch ganze Bücher füllen – schmeckt lecker, wenn du ihn auf die richtige Art kochst, hilft gegen Schwellungen und Zahnweh und ist gut für die Verdauung …« Du hast über die dünnen, schuppigen Blätter gestrichen und ein paar schlanke Zweige in deinen Korb gelegt. »Gibt sonst kaum Pflanzen, die mit dem Salz hier in der Erde nicht nur klarkommen, sondern es sogar mögen«, fügtest du hinzu. »Das macht sie ziemlich nützlich.«
»Wofür nimmst du sie jetzt mit?« Ich ließ meinen Finger über die Blätter gleiten.
»Dafür!« Du strecktest deine bandagierten Hände hoch. »Außerdem hab ich gedacht, wir könnten heute Abend Salzmelde essen.«
Ich versuchte die Blätter abzureißen, aber sie zerbröselten mir in der Hand. »Sieht nicht gerade appetitlich aus, eher tot.«
»Hörst du das, Salzmelde?« Du hast mit der Pflanze gesprochen, nicht mit mir. »Du bist tot. Tot wie Straßenpflaster. Los, mach schon, wach auf!« Du stelltest dich direkt vor mich und lachtest mich an. »Hier draußen hat es manchmal den Anschein, als wäre etwas tot, Gem. Das ist eine Überlebensstrategie. Unter der Oberfläche sind die Wüstenpflanzen quicklebendig. Sie wachsen zum größten Teil unter der Erde.« Du nahmst mir die zerkrümelten Blätter aus der Hand und berührtest sie mit der Zunge. »Das ist ein bisschen so wie in der Stadt … alles sieht tot aus, aber hinter den Mauern wimmelt es. Guck dir mal die hier an.« Du hieltst inne und zeigtest auf eine Wurzel, die in einer Felsspalte wuchs. »Sieht nach nichts aus, oder?«
»Tot wie alles hier.«
»Aber sie schläft nur und ist jederzeit bereit, zum Leben zu erwachen.« Du strichst mit dem Finger an ihr entlang. »Beim nächsten Regen wird sie wachsen und blühen. Und ein paar Wochen später trägt sie Früchte – so eine Art Wüstenrosine. Total verblüffend, oder? Dass irgendwas so lange still daliegt …«
Du gingst nicht hinein in die Separates, sondern liefst weiter um die Felsen herum. Nachdem du noch ein paar andere Blätter gesammelt hattest, setztest du dich und lehntest dich gegen den schwarzen, filzigen Stamm eines ziemlich großen Baums. Du hast den Baumstamm hinter dir gestreichelt.
»Und schau hier: Wüstenkasuarine«, sagtest du leise. »Sie ist die größte Pflanze hier und hat die tragischste Geschichte.«
Salzmelde, Wüstenrosine, Wüstenkasuarine … diese Namen enthielten Anhaltspunkte. Ich sagte sie mir im Kopf immer wieder vor, versuchte sie in mein Gedächtnis zu brennen. Ich hob ein Blatt auf und steckte es in meine Hosentasche zu der Nadel. Dann setzte ich mich dir gegenüber. Die Nadel pikte mich in den Oberschenkel, als ich die Knie beugte. Ich schob die Hand in die Tasche und befühlte wieder die rostige Spitze. Während du weiter den Baum streicheltest, rollte ich die Nadel zwischen den Fingern hin und her. Ich beobachtete deine Kehle. Beim Schlucken bewegte sich dein Adamsapfel, ein perfektes Ziel. Du strecktest die Hand hoch und pflücktest ein paar von den wispernden Blättern des Baums.
»Es gibt Leute, die behaupten, dieser Baum hätte die Seele von einem Dingo«, sagtest du. »Oder er wäre einer der Vorfahren aus der Traumzeit mit fließendem weißem Haar … Manche sagen auch, wenn der Wind richtig steht, kann er seine Wurzeln lösen und übers Land wandern. Aber um sich fortzupflanzen, muss er erst sterben.« Du hast die Blätter zerdrückt und ihre Überreste auf deiner Handfläche ausgebreitet, als wärst du ein Fernsehmoderator, der dem Publikum etwas über Getreide oder Samen erklärt. »Weißt du, seine Samenkapsel geht nämlich erst auf, wenn sie von einem Feuer in Stücke gerissen wurde. Nach dem Brand schwirren die Samen, die winzig kleine Flügel haben, in alle Richtungen aus und tragen ihr Leben an neue Orte.« Du hast die Blätter fallen lassen und wieder die Rinde des Baums getätschelt. Dein Lächeln zeigte mir, dass du offenbar dachtest, ich hörte dir mit echtem Interesse zu. »Ich habe Bäume wie den hier brennen sehen«, fuhrst du leise fort, »sie lodern wie Fackeln, verbreiten Chaos und zerstören alles um sie herum, aber sie erschaffen auch neues Leben.« Du hast dich wieder an den Baum zurücksinken lassen, dessen Rinde deinen Nacken und deine Haare schwarz gefärbt hat. Ein kleiner Käfer fiel dir auf die Schulter.
Die Nadel war so winzig, dass ich sie kaum spürte. Ich machte eine Faust und drückte meine Finger immer stärker zusammen, bis ich den dünnen, harten Stahl fest im Griff hielt. Dann sah ich wieder dein Gesicht an, betrachtete deine schönen, bösen Augen. Mir war klar, was ich tun wollte. Ich beugte mich ein wenig vor, um besser abschätzen zu können, wie weit du von mir weg warst. Einen Meter? Zwei? Du hattest wohl den Eindruck, ich käme näher, weil mich faszinierte, was du sagtest. Jedenfalls erzähltest du immer weiter, mit einem kindlich breiten Lächeln im Gesicht.
»Während die meisten andern Tiere und Pflanzen umkommen, wenn ein Buschfeuer ausbricht«, sagtest du, »überleben die Kasuarinen … sozusagen. Sie haben was davon, dass sie in Flammen aufgehen, zumindest ihre Nachkommen.«
»Und was ist mit den andern Pflanzen?«, fragte ich, um Zeit zum Nachdenken zu gewinnen.
»Das Feuer tötet alles, damit die Kasuarinen leben können. Ziemlich clever – und auch nicht viel anders als bei den Menschen: Die warten, bis alle andern tot sind, dann kommen sie und besiedeln das Land.«
Du hast deine Augen fest zugekniffen und deine Arme um den Baum hinter dir geschlungen, in einer Art umgekehrter Umarmung. Ich öffnete die Faust und blickte auf meine Hand. Die Nadel blitzte in der Sonne. Ich sah, dass Sonnenstrahlen auf deinem Gesicht tanzten und dich träge machten. Genau in diesem Moment ließ ich mich nach vorne gleiten, auf dich zu. Ein Ast zerbrach unter meinem Knie. Ich erstarrte und kauerte am Boden wie ein Tier. Doch du bliebst, wo du warst.
»Wer weiß, vielleicht bleiben am Ende nur wir und die Kasuarinen übrig«, murmeltest du, »und tragen den letzten Kampf gegeneinander aus.«
Ich war jetzt nur noch wenige Zentimeter von dir entfernt. Du musstest mich gehört haben, aber deine Augen blieben geschlossen. Vielleicht glaubtest du, ich hätte es mir anders überlegt. Vielleicht träumtest du davon, dass ich ganz nah bei dir wäre, wenn du die Augen wieder aufmachtest, dass ich vielleicht sogar mein Gesicht an deines schmiegen würde. Du fuhrst dir sogar mit der Zunge über die trockenen, rissigen Lippen, um bereit zu sein.
Ich drehte die Nadel zwischen Zeigefinger und Daumen. Ich hielt sie auf dich gerichtet, mit zitternder Hand. Trotzdem bewegte ich sie bis über dein Augenlid. Ich hörte auf zu atmen und versuchte die Nadel ganz ruhig zu halten. Dann bewegte ich sie nach unten, bis die Spitze deine empfindliche Haut berührte.
Sofort versteifte sich dein Körper.
»Keine Bewegung, sonst stech ich zu«, sagte ich. »Quer durch dein Auge bis in dein Gehirn.«
»Was ist das?« Du runzeltest die Stirn. »Die Nadel aus der Nähmaschine, hab ich Recht?« Dann zuckten deine Mundwinkel und du begannst zu lachen. »Die Waffen einer Frau, was?«
Ich stieß die Nadel in dein Augenlid, nicht besonders fest, aber doch weit genug, um dir klarzumachen, dass ich es ernst meinte … und du hörtest sofort auf zu lachen. Beim Zurückzucken knalltest du mit dem Kopf gegen den Baum.
»Ich will die Autoschlüssel«, sagte ich. »Gib sie mir, dann verzichte ich drauf, noch fester zuzustoßen.«
»Na klar, du willst weg von hier. Ich hatte gehofft, damit wären wir langsam durch.« Du hast geseufzt. »Lass mich mit dir kommen.«
»Nein.«
Vorsichtig hast du das andere Auge aufgemacht und bist meinem Blick begegnet. »Du wirst sterben da draußen, Gem. Lass mich mitkommen.«
»Warum sollte ich dich mitnehmen? Ich will schließlich weg von dir.«
Du sahst mich unverwandt an. Ich fragte mich, ob du wohl versuchen würdest, mir Angst einzujagen, ob du mir irgendwas Schlimmes androhen würdest, wenn ich nicht tat, was du wolltest. Ich hielt die Nadel weiter fest an dein Augenlid gedrückt.
»Sag mir, wo die Bergwerkssiedlung ist.«
»Glaub mir«, flüstertest du. »So funktioniert das nicht.«
»Tut es wohl. Sag mir, wo sie ist, wo sind Menschen?«
Mit der andern Hand tastete ich dein Hemd ab, durchsuchte die Brusttaschen. Dann machte ich bei deinen Shorts weiter. Du wehrtest dich nicht. Vielleicht gefiel es dir, dass ich an dir herumfummelte, oder vielleicht hattest du an diesem Tag einfach keine Kraft, dich herumzustreiten. Ich fand einen einzelnen Autoschlüssel im hintersten Winkel deiner Hosentasche, er lag auf deinem rechten Oberschenkel. Ich umklammerte ihn. Ich hatte keine Ahnung, wie es danach weiterging. Sollte ich die Nadel an deinem Auge lassen und dich zwingen, mit mir zum Auto zu gehen? Sollte ich richtig zustechen? Oder einfach losrennen?
Am Ende klärtest du diese Frage für mich. Du fingst wieder an zu lachen, strecktest die Hand aus und packtest mich am Arm. Bevor ich begriff, was passierte, hattest du die Nadel schon von deinem Auge weggezogen. Du sahst mich an, jetzt mit beiden Augen, und hieltst meinen Arm fest umklammert.
»Mach dich nicht lächerlich«, sagtest du unbewegt. »Wenn du unbedingt wegwillst, Gem, dann geh einfach. Schau, wie weit du kommst.«