Du hast mich gesehen, bevor ich dich gesehen habe. An diesem Tag damals im August, auf dem Flughafen, hat dieser Blick in deinen Augen gelegen – als wolltest du etwas von mir, als würdest du dich schon lange danach sehnen. Niemand hatte mich bis dahin derart intensiv angeschaut. Das hat mich unruhig gemacht und wohl auch überrascht. Diese blauen, blauen Augen, dieses eisige Blau in deinem Blick, der mich traf, als könnte ich ihn wärmen. Sie sind ziemlich heftig, deine Augen, und zugleich, na ja, sind sie auch ziemlich schön.

Du hast kurz geblinzelt, als ich dich ansah, und dich weggedreht, als wärst du nervös … als wäre es dir peinlich, dass du irgendein Mädchen am Flughafen anstarrst. Dabei war ich nicht einfach irgendein Mädchen, oder? Das hast du gut hingekriegt. Ich bin drauf reingefallen. Es ist komisch, ich habe immer geglaubt, blauen Augen könnte man trauen. Ich dachte, sie signalisieren Sicherheit. Die Guten haben immer babyblaue Augen. Dunkle Augen kennzeichnen die Schurken … den Sensenmann, den Joker aus Batman, Zombies. Alle sind sie dunkel.

Ich hatte mich mit meinen Eltern gestritten. Mum hatte an meinem knappen Top rumgenörgelt und Dad war einfach schlecht gelaunt, weil er zu wenig geschlafen hatte. Dich zu sehen war also eine wunderbare Ablenkung. Hast du das von vornherein so geplant – hast du gewartet, bis meine Eltern mich zur Schnecke machen, und bist erst dann auf mich zugekommen? Mir war damals schon klar, dass du mich beobachtet hattest. Und du kamst mir auf seltsame Weise bekannt vor. Ich hatte dich schon mal gesehen … irgendwo … Aber wer warst du bloß? Meine Blicke wanderten immer wieder zurück zu deinem Gesicht.

Du warst schon seit London in meiner Nähe. Ich hatte dich in der Schlange am Check-in-Schalter gesehen, mit deiner kleinen Tasche als Handgepäck. Auch im Flugzeug hatte ich dich bemerkt. Und jetzt warst du hier, im Flughafen von Bangkok, genau in dem Coffeeshop, in dem ich mir gerade einen Kaffee holen wollte.

Ich bestellte und wartete darauf, dass der Kaffee fertig wurde. Ich fummelte mit meinem Geld herum. Ich drehte mich nicht um, aber mir war klar, dass du mich immer noch im Blick hattest. Wahrscheinlich klingt das ziemlich schräg, aber ich habe es einfach gespürt. Die Härchen in meinem Nacken richteten sich bei jedem Blinzeln von dir auf.

Die Typ an der Kasse hielt den Becher fest, bis ich mein Geld parat hatte. Kenny stand auf seinem Namensschild – verrückt, dass ich mich daran noch erinnere.

»Wir nehmen keine englischen Münzen«, sagte Kenny, nachdem er mir beim Zählen zugesehen hatte. »Hast du keinen Schein?«

»Hab ich in London ausgegeben.«

Kenny schüttelte den Kopf und zog den Kaffeebecher zurück. »Neben dem Duty-free-Shop gibt’s einen Geldautomaten.«

Ich merkte, wie jemand hinter mich trat, und drehte mich um.

»Lass mich das bezahlen«, sagtest du. Deine Stimme war tief und leise, als wolltest du nur von mir gehört werden, und mir fiel der eigenartige Akzent auf. Dein kurzärmliges Hemd roch nach Eukalyptus und du hattest eine kleine Narbe seitlich an der Wange. Dein Blick war so intensiv, dass ich dir nicht länger in die Augen schauen konnte.

Du hattest schon einen Geldschein in der Hand, in einer mir fremden Währung. Ich glaube, ich hab vergessen, mich zu bedanken. Tut mir leid. Du nahmst Kenny den Kaffee ab. Der Pappbecher verformte sich ein wenig in deinem festen Griff.

»Zucker? Einer?«

Ich nickte nur. Deine plötzliche Gegenwart und die Tatsache, dass du mit mir sprachst, verwirrten mich, darum konnte ich nichts anderes tun.

»Mach dir keine Gedanken, ich hol ihn schon. Setz dich einfach hin.« Du zeigtest auf den Platz, wo du eben gesessen hattest, an einen Tisch zwischen künstlichen Palmen drüben beim Fenster.

Ich zögerte. Aber du hattest wohl vorhergesehen, dass das der Fall sein würde. Sanft berührtest du mich an der Schulter und ich spürte die Wärme deiner Hand durch mein Top. »Hey, das geht schon okay, ich beiß nicht«, hast du leise gesagt. »Ist sowieso nichts anderes frei, außer du willst dich zur Addams Family da drüben setzen.«

Ich folgte deinem Blick bis zu den freien Stühlen bei einer großen Familie. Zwei von den kleineren Kindern robbten gerade quer über den Tisch und ihre Eltern stritten sich über ihre Köpfe hinweg. Heute frage ich mich, was wohl passiert wäre, wenn ich mich neben sie gesetzt hätte. Wir hätten uns über das Reisen mit kleinen Kindern und über Erdbeermilchshakes unterhalten können. Danach wäre ich wieder zu meinen Eltern gegangen. Ich blickte hoch in dein Gesicht, sah die Lachfältchen. Das tiefe Blau deiner Augen war voller Geheimnisse. Sie zogen mich magisch an.

»Ich hab mich gerade erst von meiner eigenen Familie abgesetzt«, sagte ich. »Ich will nicht schon wieder eine.«

»Na, umso besser.« Du hast mir zugezwinkert. »Also eine Portion Zucker.«

Du führtest mich dorthin, wo du vorher gesessen hattest. Es saßen noch ein paar andere Leute in der Nähe von deinem Tischchen, was mich beruhigte. Ich brauchte zehn Schritte bis dorthin. Benommen setzte ich mich auf einen Stuhl gegenüber vom Fenster. Ich sah dir zu, wie du den Kaffeebecher zur Theke hinübertrugst und den Deckel abnahmst. Ich sah, wie du Zucker in den Kaffee kipptest und wie dir beim Vorbeugen die Haare ins Gesicht fielen. Du hast gelächelt, als du bemerkt hast, dass ich dir zusehe. Ich frage mich, ob es da passiert ist. Hast du gelächelt, während du es getan hast?

Ich muss einen Moment lang weggeschaut haben, vielleicht um die Flugzeuge zu beobachten, die auf der anderen Seite der Scheibe starteten. Ein Jumbojet wankte auf seinem Fahrwerk und hinterließ schwarze Rauchwolken in der Luft. Ein zweiter stand in Warteposition. Deine Hände müssen schnell gewesen sein beim Reinkippen. Ob du dir wohl ein spezielles Ablenkungsmanöver ausgedacht hast oder ob einfach niemand geguckt hat? Es muss irgendein Pulver gewesen sein, denke ich mir, wahrscheinlich nur ganz wenig davon. Vielleicht sah es wie Zucker aus. Jedenfalls schmeckte es so.

Ich wandte mich wieder um und sah, wie du zum Tisch kamst und dabei geschmeidig um die anderen Passagiere herumkurvtest, die dir mit ihren Kaffeebechern in der Hand in den Weg traten. Du schautest keinen von ihnen an. Nur mich. Vielleicht hat dich deshalb niemand wahrgenommen. Du hast dich wie ein Jäger bewegt, bist leise neben einer Reihe von Topfpflanzen entlanggetrottet, direkt auf mich zu.

Du stelltest zwei Kaffeebecher auf den Tisch und schobst einen davon rüber zu mir, den andern ignoriertest du. Du hast einen Teelöffel zwischen die Finger genommen und ihn lässig um deinen Daumen kreisen lassen, um ihn dann wieder aufzufangen. Ich betrachtete dein Gesicht. Du warst auf eine raue Art schön, aber du warst auch älter, als ich zuerst gedacht hatte. Eigentlich zu alt dafür, dass ich hier mit dir herumsaß. Anfang oder Mitte zwanzig, vielleicht sogar noch älter. Als ich dich aus der Ferne in der Schlange am Check-in gesehen hatte, warst du mir dünn und eher klein vorgekommen, wie die Achtzehnjährigen an meiner Schule. Aber als ich dich jetzt ganz aus der Nähe anschaute, merkte ich, dass deine Arme sehnig und sonnengebräunt waren, und deine Gesichtshaut wirkte gegerbt von Wind und Wetter. Du warst braun wie ein Haufen Dreck.

»Ich bin Ty«, sagtest du.

Dein Blick schnellte kurz zur Seite und dann wieder zurück, bevor du mir deine Hand entgegenstrecktest. Deine Finger lagen warm und rau auf meiner Hand, als du sie nahmst und sie festhieltst, doch richtig geschüttelt hast du sie nicht. Du zogst nur eine Augenbraue hoch und ich begriff plötzlich, worum es dir ging.

»Gemma«, sagte ich reflexhaft.

Du hast genickt, als wüsstest du das schon. Und so war es ja auch.

»Wo sind deine Eltern?«

»Die sind schon vorne am Gate und warten auf mich.« Nervös fügte ich hinzu: »Ich hab ihnen gesagt, ich wäre gleich wieder da – ich wollte nur schnell einen Kaffee.«

Deine Mundwinkel hoben sich und du lächeltest ein bisschen. »Wann geht euer Flug?«

»In etwa einer Stunde.«

»Und wohin?«

»Vietnam.« Du wirktest beeindruckt. Ich lächelte dich an, zum ersten Mal, glaube ich. »Mum ist dauernd dort«, ergänzte ich. »Sie ist Kuratorin – so eine Art Künstlerin, die Bilder sammelt, statt selbst zu malen.«

Keine Ahnung, warum ich das Gefühl hatte, ich müsste es erklären. Wahrscheinlich war es ein Reflex, den ich mir in der Schule angewöhnt hatte, wo dauernd Leute irgendwas von mir wissen wollten, die keinen Plan hatten.

»Und dein Vater?«

»Er arbeitet in der City – er ist Börsenmakler.«

»Also ein Nadelstreifentyp.«

»Könnte man sagen. Ich find’s ja ziemlich langweilig, sich um das Geld von andern Leuten zu kümmern, aber er sieht das ganz anders.«

Ich merkte, dass ich ins Plappern kam, und nahm einen Schluck von meinem Kaffee, um meinen Redefluss zu stoppen. Beim Trinken sah ich, dass dir Schweiß aus den Haaren über die Stirn lief. Aber es war nicht heiß, direkt über uns lief nämlich eine Klimaanlage auf Hochtouren. Dein Blick flitzte nervös durch den Raum und du brachtest es kaum fertig, mir in die Augen zu schauen. Deine Unruhe ließ dich schüchtern wirken, wodurch ich dich gleich noch mehr mochte. Aber da war immer noch irgendwas an dir, an das ich mich vage erinnerte.

»Tja«, nuscheltest du. »Und was willst du mal machen? Hättest du gern so einen Job wie dein Dad? Oder würdest du lieber reisen wie deine Mum?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Das würde ihnen gefallen. Aber ich hab keine Ahnung. Gibt einfach nichts, was mir richtig vorkommt.«

»Nichts, was … bedeutsam genug ist?«

»Ja, vielleicht. Ich meine, die häufen doch nur Zeug an. Dad sammelt Geld von anderen Leuten und Mum sammelt Kunst. Ich hab das Gefühl, die machen nichts, was wirklich ihr eigenes Ding ist.«

Ich drehte mich weg. Ich hasste es, über die Arbeit meiner Eltern zu sprechen. Den ganzen Flug von London hierher war es um nichts anderes gegangen; Mum hatte endlos über die Gemälde geredet, die sie in Vietnam kaufen wollte. Im Moment waren diese Dinge wirklich das Allerletzte, worüber ich mich unterhalten wollte. Du hast wieder ein bisschen gelacht, mit belegter Stimme. Der Teelöffel ruhte friedlich auf deinem Daumen, es war wie Zauberei. Ich fragte mich immer noch, ob es okay war, hier zu sitzen, zusammen mit dir. Aber weißt du, es war irgendwie verrückt, ich hatte das Gefühl, ich könnte dir alles erzählen. Wahrscheinlich hätte ich das auch getan, wenn ich nicht so einen Kloß im Hals gehabt hätte. Oft wünsche ich mir, es hätte genau da aufgehört – mit deinem Lachen und meiner Nervosität.

Ich sah mich rasch um, weil ich wissen wollte, ob meine Eltern nach mir suchten. Dabei war mir klar, dass sie das garantiert nicht taten. Bestimmt passte es ihnen bestens in den Kram, dass sie in aller Ruhe am Gate sitzen und mit möglichst intelligenter Miene in den Zeitschriften lesen konnten, die sie mitgebracht hatten. Außerdem hätte Mum das Gefühl, sie würde in unserm Streit über meine Klamotten klein beigeben, wenn sie jetzt kam und mich suchte. Trotzdem schaute ich mich um. Ein Schwarm namenloser Gesichter zog an mir vorüber und bewegte sich auf die Theke zu, an der die Getränke ausgeschenkt wurden. Menschen, überall waren Menschen. Das laute Mahlgeräusch und das Zischen der Kaffeemaschine. Das Kreischen kleiner Kinder.

Der Geruch von Eukalyptus, der aus deinem karierten Hemd aufstieg. Ich nahm noch einen Schluck von meinem Kaffee.

»Was für Bilder sammelt deine Mutter?«, hast du gefragt und mich mit deiner sanften Stimme wieder zurückgeholt.

»Hauptsächlich Farben. Bilder von Gebäuden. Formen. Kennst du Rothko? Mark Rothko?«

Du hast die Stirn gerunzelt.

»Na ja, solche Sachen eben. Ich finde es ziemlich daneben. Diese ewigen Farbflächen.« Ich kam schon wieder ins Plappern. Ich unterbrach mich und blickte deine Hand an, die jetzt auf meiner lag. War das okay? Wolltest du dich an mich ranmachen? In der Schule hatte das noch nie jemand auf so eine Art getan wie du. Auf meinen Blick hin zogst du deine Hand schnell weg, als wäre dir genau wie mir eben erst klar geworden, wo sie war.

»Entschuldigung.« Du hast mit den Achseln gezuckt, aber in deinen Augen lag ein Glitzern, das mich zurücklächeln ließ. »Ich bin wohl … ein bisschen angespannt.«

Du legtest die Hand wieder hin, diesmal direkt neben meine, kaum ein paar Zentimeter weit weg. Wenn ich meinen kleinen Finger nur ein bisschen streckte, hätte ich sie berühren können. Du trugst keinen Ehering. Überhaupt keinen Schmuck.

»Was machst du so?«, fragte ich. »In die Schule gehst du bestimmt nicht mehr, oder?«

Ich krümmte mich, noch während ich das sagte. Dieser Satz war total dämlich, das wussten wir beide. Du warst eindeutig ein ganzes Stück älter als alle anderen Jungen, mit denen ich bis jetzt auf diese Art geredet hatte. In den Mundwinkeln und um die Augen herum hattest du winzige Sonnenfältchen und du schienst total eins mit dir. Deine Bewegungen wirkten selbstbewusst, nicht so ungeschickt und linkisch wie die der Jungs in meiner Schule.

Mit einem Seufzen lehntest du dich zurück. »Tja, ich mach wohl auch so was wie Kunst«, sagtest du. »Aber ich male keine Farbflächen. Ich reise ein bisschen, mache was mit Pflanzen … baue Sachen. So in der Art.«

Ich nickte, als würde ich dich verstehen. Ich wollte dich fragen, warum du mich angesprochen hattest … und ob wir uns von irgendwoher kannten. Ich wollte wissen, woher dein Interesse an mir kam. Ich war schließlich nicht blöd, jeder konnte sehen, dass ich viel jünger war als du. Aber ich habe dich nicht gefragt. Ich war wohl zu nervös, außerdem wollte ich nichts Fragwürdiges, Fieses an dir entdecken. Mit dem schönsten Mann weit und breit hier zu sitzen und an einem Kaffee, den er mir gekauft hatte, zu nippen, gab mir wohl das Gefühl erwachsen zu sein. Wer weiß, vielleicht hieltest du mich für älter, als ich war, obwohl ich von Lipgloss abgesehen nicht geschminkt war. Oder vielleicht warst du in Wirklichkeit jünger, als du aussahst. Während du kurz aus dem Fenster schautest, ließ ich mir die Haarsträhne, die ich hinters Ohr gesteckt hatte, nach vorne ins Gesicht fallen und biss mir auf die Lippen, damit sie röter aussahen.

»Ich war noch nie in Vietnam«, sagtest du schließlich.

»Ich auch nicht. Amerika würde mich mehr interessieren.«

»Echt? Diese ganzen Städte dort, und überall so viele Menschen …?«

Deine Finger zuckten, als du mich anschautest, und dein Blick streifte die Haarsträhne, die ich gerade nach vorne geholt hatte. Kurz darauf hast du dich über den Tisch gebeugt und sie mir wieder hinters Ohr gesteckt. Dann hast du gezögert.

»Entschuldige, ich …« Du bist ein bisschen rot geworden. Deine Finger blieben länger als nötig an meiner Schläfe liegen. Mein Ohr wurde ganz heiß von der Berührung. Dann bewegten sich deine Finger zu meinem Kinn. Du hast es mit dem Daumen etwas angehoben, um mich besser anschauen zu können, als wolltest du meine Züge in dem Kunstlicht über meinem Kopf genau studieren. Und, na ja, du hast mich wirklich richtig angeschaut … deine Augen waren wie zwei Sterne. So hast du mich gefangen, mich festgesetzt hier im Flughafen von Bangkok, wie ein kleines Tier, das vom Licht angelockt wird. Und tatsächlich flatterten Flügel in meinem Innern. Große, dicke Nachtfalterflügel. Es war leicht, mich einzufangen, mich zu dir zu ziehen. Ich war dir schon ins Netz gegangen.

»Möchtest du nicht lieber nach Australien?«, sagtest du.

Ich lachte kurz auf, weil deine Frage so ernsthaft klang. Da zogst du deine Finger weg.

»Klar.« Ich zuckte atemlos mit den Schultern. »Da will doch jeder hin.«

Daraufhin wurdest du still und hast den Blick gesenkt. Ich schüttelte den Kopf und spürte noch immer deine Berührung. Ich wollte, dass du weitersprichst.

»Bist du Australier?«

Dein Akzent war verwirrend. Du hörtest dich nicht so an wie die Schauspieler in Neighbours, dieser australischen Soap. Manchmal klangst du einfach britisch. Dann wieder, als kämst du überhaupt nirgendwoher. Ich wartete auf deine Antwort, aber es kam keine. Darum lehnte ich mich vor und schubste dich leicht am Unterarm.

»Ty?«, sagte ich und probierte deinen Namen aus. Sein Klang gefiel mir. »Wie ist es da überhaupt, in Australien?«

Da lächeltest du und mit diesem Lächeln veränderte sich dein ganzes Gesicht. Es begann zu leuchten, als ginge in deinem Innern die Sonne auf.

»Das wirst du bald sehen«, sagtest du.

 

 

Da veränderte sich auf einmal etwas. Ich wurde langsamer und alles um mich herum bewegte sich schneller. Verrückt, was so eine winzige Menge Pulver alles bewirken kann.

»Wie geht’s dir?«, fragtest du.

Mit weit geöffneten Augen sahst du mich genau an. Ich machte den Mund auf, um zu sagen, dass alles in Ordnung wäre mit mir, aber ich begriff nicht, was herauskam. Es war ein einziger Brei von Lauten; meine Zunge schien zu dick und zu schwer, um Worte zu bilden. Ich erinnere mich, dass die Lichter sich in ein gleißendes Feuer verwandelten, das ich nur noch verschwommen wahrnahm. Ich erinnere mich, wie die Luft aus der Klimaanlage meine Arme kalt werden ließ. Wie sich der Eukalyptusduft mit dem Geruch von Kaffee vermischte. Deine Hand schloss sich eng um meine, als du mich packtest.

Ich muss deinen Kaffeebecher umgestoßen haben, als ich taumelnd aufstand, denn später entdeckte ich eine verbrannte Stelle an meinem Bein, einen Flecken roter Haut oberhalb vom linken Knie. Die Stelle ist immer noch zu sehen. Mittlerweile ist sie ein bisschen runzlig geworden, wie Elefantenhaut.

Du hast mich dazu gebracht, schnell zu gehen. Ich bildete mir ein, du wolltest mich zurück zu meinem Abfluggate führen, wo meine Eltern auf mich warteten. Es war ein weiter Weg, viel weiter, als ich ihn in Erinnerung hatte. Als du mich über die Rollbänder zerrtest, hatte ich das Gefühl zu fliegen. Du redetest mit Leuten in Uniform und drücktest mich eng an dich, als wäre ich deine Freundin. Ich nickte den Leuten zu und lächelte sie an. Zuerst konnte ich die Knie nicht mehr beugen, worüber ich schrecklich kichern musste. Dann wurden meine Kniescheiben weich wie Marshmallows. Ein Schwall Luft von draußen hüllte mich ein, der Geruch nach Blumen, Zigaretten und Bier. Irgendwo waren noch andere Leute, die leise miteinander redeten und wie kreischende Affen klangen, wenn sie lachten. Du zogst mich zwischen ein paar Sträuchern durch und um die Ecke eines Gebäudes. Ein Zweig blieb in meinen Haaren hängen. Wir mussten in der Nähe von irgendwelchen Mülltonnen sein. Ich nahm den Geruch von verrottendem Obst wahr.

Du zogst mich wieder an dich, neigtest meinen Kopf nach hinten und sagtest etwas. Alles an dir war verschwommen, dein Bild schwebte über den Ausdünstungen der Mülltonnen. Dein schöner Mund bewegte sich wie eine Raupe. Ich streckte den Arm aus und versuchte sie einzufangen. Du nahmst meine Finger in deine. Deine Wärme schoss mir von den Fingerspitzen bis hoch in den Arm. Du sagtest wieder etwas. Ich nickte. Irgendwas in mir verstand, was du sagtest. Ich begann mich auszuziehen. Ich stützte mich auf dich, während ich meine Jeans abstreifte. Du gabst mir neue Anziehsachen. Einen langen Rock. Schuhe mit hohen Absätzen. Dann drehtest du dich von mir weg.

Ich muss die Sachen angezogen haben, auch wenn ich nicht weiß, wie. Schließlich wechseltest du dein Hemd. Bevor du das neue überstreifen konntest, streckte ich meine Hand aus und berührte deinen Rücken. Er war warm und fest und braun wie die Rinde eines Baums. Ich weiß nicht, was ich in diesem Moment dachte, ob ich überhaupt irgendwas dachte. Aber ich erinnere mich daran, wie sehr ich dich berühren wollte. Ich erinnere mich daran, wie sich deine Haut anfühlte. Es ist seltsam, dass ich mich mehr an etwas erinnere, das ich gefühlt habe, als an meine Gedanken. Aber meine Finger kribbeln immer noch davon.

Du hast auch noch andere Dinge getan: mir irgendwas Kratziges über den Kopf gestülpt und etwas Dunkles auf die Augen gesetzt. Ich bewegte mich langsam. Mein Hirn kam nicht mehr mit. Da war ein dumpfes Geräusch, irgendwas landete in einem Müllcontainer. Und etwas Schmieriges auf meinen Lippen. Lippenstift. Du gabst mir Schokolade. Sie war üppig, dunkel und weich. Und flüssig innen drin.

Dann wurde alles noch viel verwirrender. Als ich Richtung Boden guckte, sah ich meine Füße nicht mehr. Beim Losgehen kam es mir so vor, als würde ich auf Stummeln laufen. Ich wurde panisch, aber du hast deinen Arm um mich gelegt. Warm und stark … er gab mir ein Gefühl von Sicherheit. Ich schloss die Augen und bemühte mich nachzudenken. Ich hatte keine Ahnung, wo meine Tasche geblieben war. Ich wusste gar nichts mehr.

Um uns herum waren Leute. Du schobst mich durch ein Meer von verschwommenen Gesichtern und Farben. Du musst an alles gedacht haben: Flugtickets, einen neuen Pass, den Weg durch die Sicherheitskontrollen. War das hier die am sorgfältigsten geplante Entführung, die es je gegeben hat, oder hast du einfach nur Glück gehabt? Es kann nicht leicht gewesen sein, mich quer durch den Flughafen von Bangkok und dann in ein anderes Flugzeug zu schleusen, ohne dass jemand stutzig wurde, nicht mal ich selbst.

Du hast mich mit Pralinen gefüttert. Dieser üppige, dunkle Geschmack … die ganze Zeit über füllte er meinen Mund, klebte an meinen Zähnen. Vor dir habe ich Schokolade geliebt. Jetzt macht mich allein der Geruch krank. Nach der vierten Praline klappte ich zusammen. Ich saß irgendwo, lehnte mich gegen dich. Mir war kalt, ich brauchte deine Körperwärme. Du rauntest irgendwem etwas zu.

»Zu viel Alk«, sagtest du. »Gab was zu feiern.«

Dann waren wir zusammengedrängt in einer engen Klokabine. Ein Luftzug fegte durch den kleinen Raum, als das Zeug in der Kloschüssel unter mir weggesaugt wurde.

Irgendwann liefen wir wieder. Ein anderer Flughafen, vielleicht. Noch mehr Leute. Der Duft von Blumen, süß, exotisch und frisch; als hätte es eben erst geregnet. Und es war dunkel. Nacht. Aber nicht kalt. Auf dem Weg durch ein Parkhaus wurde ich langsam wach. Ich begann mich zu wehren. Ich versuchte zu schreien, aber du schlepptest mich hinter einen Laster und presstest mir einen Lappen auf den Mund. Da sank ich zurück in deine Arme. Danach erinnere ich mich nur noch an dieses gedämpfte Rütteln und Schlingern auf der Autofahrt. Der Motor brummte endlos immer weiter.

An das Wachwerden erinnere ich mich gut. Und auch an die Hitze. Sie wühlte sich in meinen Hals und wollte mich vom Atmen abbringen. Auf einmal wünschte ich mir, wieder bewusstlos zu sein. Und dann kam der Schmerz … und die Übelkeit.

 

 

Immerhin hattest du mich nicht am Bett festgebunden. Dafür war ich dankbar. In Filmen werden die Opfer immer ans Bett gebunden. Trotzdem konnte ich mich nicht rühren. Bei jeder noch so kleinen Bewegung stieg mir der Mageninhalt in die Kehle und mein Kopf drehte sich. Ein dünnes Laken war über mir ausgebreitet. Ich fühlte mich wie mitten in einem Feuer. Ich schlug die Augen auf. Ich war in einem Zimmer. Die Wände bestanden aus Holz: lange Bretter, an den Enden verschraubt. Das Licht tat mir in den Augen weh. Dich sah ich nirgends. Vorsichtig drehte ich den Kopf und schaute mich um. Sofort stieg mir etwas Ekliges, Saures in den Mund, das ich herunterschluckte. Meine Kehle war wie zugeschnürt und brannte. Es hatte keinen Sinn.

Ich schloss die Augen wieder. Versuchte tief ein- und auszuatmen. In Gedanken ging ich prüfend meinen Körper durch. Meine Arme waren da, auch die Beine, die Füße. Ich bewegte meine Finger. Sie waren okay. Ich strich mir über den Bauch. Ich trug ein T-Shirt und mein BH schnitt mir in den Brustkorb. Meine Beine waren nackt, meine Jeans weg. Ich befühlte das Laken neben mir und legte mir die Hand auf den Oberschenkel. Sofort wurde meine Haut heiß und klebrig. Meine Armbanduhr war nicht an meinem Handgelenk.

Ich berührte meine Unterhose, betastete sie. Ich weiß nicht, was ich dort zu finden erwartete. Vielleicht Blut. Wunden. Schmerz. Aber da war nichts in der Art. Hattest du mir die Unterhose ausgezogen? Warst du in mich eingedrungen? Und wenn ja, warum hattest du dir dann die Mühe gemacht, sie mir wieder anzuziehen?

»Ich hab dich nicht vergewaltigt.« Ich krallte die Finger ins Bettlaken. Warf den Kopf herum. Versuchte dich zu entdecken. Ich konnte immer noch nicht richtig sehen. Du warst hinter mir, das hörte ich. Ich bemühte mich, Richtung Bettrand zu robben, von dir weg, aber meine Arme waren zu schwach. Sie zitterten, als ich mich auf sie stützen wollte, und knickten ein. Blut schoss mir durch die Adern. Ich konnte fast hören, wie mein Körper wieder in Gang kam, wie er endlich aufwachte. Ich wollte etwas sagen, brachte aber nur ein Wimmern zu Stande. Mein Mund berührte den Kissenbezug. Ich hörte dich irgendwo einen Schritt machen.

»Deine Kleider liegen neben dem Bett.«

Ich zuckte zusammen, als ich deine Stimme hörte. Wo warst du? Wie nah? Ich öffnete die Augen ein bisschen. Es tat nicht allzu sehr weh. Neben dem Bett lag eine ordentlich gefaltete Jeans auf einem Holzstuhl. Meine Jacke war nicht da, auch meine Schuhe fehlten. Stattdessen standen ein Paar braune Lederstiefel unter dem Stuhl. Praktische Schnürstiefel. Nicht meine.

Ich hörte deine Schritte, die sich zu mir herüberbewegten. Ich versuchte mich zusammenzukrümmen, irgendwie von dir wegzukommen. Meine Glieder waren schwer und langsam. Aber mein Kopf arbeitete, mein Herz raste. Ich war an einem üblen Ort. So viel war mir klar. Ich hatte allerdings keine Ahnung, wie ich hierhergekommen war. Und was du mit mir gemacht hattest.

Ich hörte die Fußbodenplanken noch ein paarmal knarren und spürte, wie mir die Angst aus der Brust in die Kehle stieg. Ein Beinpaar in hellbraunen Cargohosen blieb direkt vor mir stehen. Meine Augen waren auf einer Höhe mit dem Stoff zwischen deinen Knien und dem Schritt, auf einer Höhe mit den rötlichen Flecken dort. Du sagtest nichts. Ich hörte, wie ich immer schneller atmete. Ich krallte mich in die Matratze und zwang mich, nach oben zu schauen. Ich wandte den Blick nicht ab, bis ich dein Gesicht erreichte. Da blieb mir für einen Moment der Atem weg. Ich weiß nicht, warum, aber ich hatte wohl so halb damit gerechnet, dass da jemand anderer wäre als du. Ich wollte nicht, dass die Person, die neben dem Bett stand, diejenige war, die ich am Flughafen so attraktiv gefunden hatte. Aber das hier warst eindeutig du, keine Frage – die blauen Augen, die mehr oder weniger blonden Haare, die kleine Narbe. Allerdings kamst du mir diesmal nicht schön vor. Sondern nur böse.

Dein Gesicht war ausdruckslos. Deine blauen Augen wirkten kalt, deine Lippen dünn. Ich zog das Bettlaken hoch, ließ nur die Augen rausgucken und behielt dich fest im Blick. Der Rest von mir war steif, wie eingefroren. Du standst nur da und schienst darauf zu warten, dass ich etwas sage, dir Fragen stelle. Und als von mir keine Fragen kamen, gabst du mir trotzdem Antworten.

»Ich hab dich hierhergebracht«, sagtest du. »Dass dir schlecht ist, kommt von den Betäubungsmitteln. Du wirst dich wohl noch eine Weile lang komisch fühlen … einen flachen Atem haben, Schwindelgefühle kriegen und so, dazu die Übelkeit und vielleicht auch Halluzinationen …«

Während du sprachst, geriet dein Gesicht ins Trudeln. Ich schloss die Augen. Winzige Sterne tanzten hinter meinen Augenlidern, eine ganze Galaxie winziger wirbelnder Sterne. Ich hörte, wie du immer näher kamst. Ich versuchte zu sprechen.

»Warum?«, flüsterte ich.

»Ich musste es tun.«

Das Bett knarrte und mein Körper hob sich ein bisschen, als du dich auf der Matratze niederließest. Ich wich zurück. Ich wollte meine Beine vom Boden abdrücken, aber sie funktionierten immer noch nicht. Die ganze Welt um mich herum drehte sich. Ich hatte das Gefühl, herunterzurutschen. Als ich den Kopf von dir abwandte, rechnete ich damit, dass mir sofort wieder der Mageninhalt in den Hals steigen würde. Aber das war nicht der Fall. Ich schlang die Arme um meine Beine. Meine Brust war so eng, dass ich nicht mal weinen konnte.

»Wo bin ich?«

Du hast mir nicht gleich eine Antwort gegeben. Ich hörte, wie du Luft holtest, dann kam ein Seufzen. Deine Kleidung raschelte leise, als du dich bewegtest. Da fiel mir auf, dass ich sonst keine Geräusche hörte.

»Du bist hier«, sagtest du. »In Sicherheit.«

 

 

Keine Ahnung, wie lange ich danach noch geschlafen habe. Diese ganze erste Zeit ist total verschwommen, wie ein verdrehter Albtraum. Ich glaube, du hast mir irgendwann was zum Essen gebracht und dafür gesorgt, dass ich was trinke. Gewaschen hast du mich nicht. Das weiß ich, weil ich gestunken habe, als ich wieder aufwachte. Ich war total verschwitzt und das T-Shirt klebte an meinem Körper. Außerdem musste ich pinkeln.

Ich lag da und lauschte. Meine Ohren mühten sich ab, irgendwas zu hören, egal was. Aber es war still. Sonderbar still. Da war nicht mal das Schlurfen deiner Schritte oder das leise Rascheln deiner Kleidung. Kein Geräusch, das mit Menschen zu tun hatte. Kein Verkehrslärm. Kein Autobahnrauschen in der Ferne. Keine ratternden Züge. Nichts. Da war nur dieses Zimmer. Und die Hitze.

Ich checkte meinen Körper, hob vorsichtig erst ein Bein, dann das andere, wackelte mit den Zehen. Meine Glieder waren jetzt nicht mehr ganz so schwer und ich war wacher als vorher. So leise, wie ich nur konnte, richtete ich mich auf und sah mich im Zimmer um. Du warst nicht da. Ich war allein. Ich, das Doppelbett, in dem ich lag, eine Kommode und der Stuhl, über dessen Lehne meine Jeans hing. Alles hier war aus Holz gebaut und sehr schlicht. Es gab keine Bilder an den Wänden. Links von mir war ein Fenster, vor dem ein dünner Vorhang hing. Draußen war es hell, es musste also Tag sein. Und es war heiß. Gegenüber von mir sah ich eine verschlossene Tür.

Ich wartete eine Weile und lauschte nach dir. Dann robbte ich zum Bettrand. In meinem Kopf drehte sich alles und ich fühlte mich, als würde ich gleich umkippen, aber ich schaffte es. Ich krallte mich am Rand der Matratze fest und zwang mich, tief durchzuatmen, statt die Luft anzuhalten wie bisher. Vorsichtig setzte ich erst einen Fuß auf den Boden, dann den andern. Schließlich stellte ich mich hin, wobei ich mich am Nachttisch festhalten musste. Alles drehte sich, aber ich blieb stehen und lauschte mit geschlossenen Augen weiter. Es war immer noch nichts zu hören.

Ich nahm mir die Jeans und setzte mich zurück aufs Bett, um sie anzuziehen. Sie kam mir eng und schwer vor und sie klebte mir an den Beinen. Der Hosenknopf drückte mir auf die Blase, was das Pinkelnmüssen noch dringender machte. Ich mühte mich nicht mit den Stiefeln ab; barfuß war ich leiser. Ich machte einen Schritt auf die Tür zu. Der Fußboden war aus Holz wie alles hier. Er fühlte sich kühl an und in den Ritzen zwischen den Brettern war nichts als Dunkelheit. Meine Beine waren total steif, fast als wären sie auch aus Holz. Trotzdem schaffte ich es bis zur Tür und drückte die Klinke herunter.

Auf der anderen Seite war es dunkler. Nachdem sich meine Augen an das schlechte Licht gewöhnt hatten, sah ich einen langen Gang – auch er komplett aus Holz. Fünf Türen gingen von ihm ab, zwei links vom Gang, zwei rechts und eine ganz am Ende. Alle fünf waren geschlossen. Der Boden knarrte, als ich den ersten Schritt tat. Stocksteif blieb ich stehen. Aber hinter den anderen Türen regte sich nichts und ich hatte auch sonst nicht das Gefühl, dass mich irgendwer gehört hatte. Also machte ich noch einen Schritt. Welche Tür führte nach draußen, wo war mein Fluchtweg?

Ich blieb bei der rechten Tür stehen und umfasste die kühle Metallklinke. Dann drückte ich sie nach unten und hielt kurz die Luft an, bevor ich die Tür zu mir zog. Du warst nicht in dem Zimmer. Es war ein schattiger grauer Raum mit einem Waschbecken und einer Dusche. Ein Badezimmer. Hinten gab es noch eine Tür. Vielleicht war dort das Klo. Einen Moment lang überlegte ich, ob ich es riskieren sollte, schnell pinkeln zu gehen. Ich musste echt dringend. Aber wie oft bekam ich eine Chance wie diese? Vielleicht hatte ich nur die eine. Ich ging wieder zurück in den Flur. Zur Not konnte ich es auch einfach die Beine runterlaufen lassen. Oder irgendwo draußen gehen. Ich musste einfach weg von hier. Wenn ich das hinkriegte, kam auch alles andere in Ordnung. Ich würde auf irgendwen stoßen, der mir half. Ich würde einen Ort finden, zu dem ich hinkönnte.

Ich hörte dich immer noch nicht. Mit den Händen stützte ich mich an der Wand ab und bewegte mich zur Tür am Ende des Gangs. Ein Schritt, dann noch einer. Meine Handflächen glitten über das Holz, Splitter gruben sich in meine Finger. Mein Atem ging schnell und laut, ich klang wie ein hechelnder Hund. Forschend sah ich mich um, versuchte rauszukriegen, wo ich war. Schweiß lief mir vom Kopf in den Nacken und den Rücken runter bis in die Jeans. Das Letzte, woran ich mich deutlich erinnerte, war der Flughafen in Bangkok. Aber danach war ich noch mal in einem Flugzeug gewesen, oder? Und dann in einem Auto? Vielleicht hatte ich das alles aber auch nur geträumt. Und wo waren meine Eltern?

Ich konzentrierte mich darauf, kleine, leise Schritte zu machen. Ich war kurz davor, in Panik auszubrechen und loszubrüllen. Aber ich musste die Kontrolle behalten, so viel war klar. Wenn ich anfing zu grübeln, wo ich war und was mir passiert sein mochte, bekäme ich so furchtbare Angst, dass ich mich nicht mehr rühren könnte.

Die Tür ganz hinten ließ sich leicht öffnen. Sie führte in ein großes, spärlich beleuchtetes Zimmer. Ich duckte mich zurück in den Gang und bereitete mich darauf vor, sofort loszurennen. Mein Magen drehte sich um und der Druck in meiner Blase wurde unerträglich. Aber es bewegte sich nichts in dem Raum. Es war auch nichts zu hören. Du warst nicht dort, das war mir nach einem kurzen Blick klar. Ich erkannte ein Sofa und drei Holzstühle; roh zusammengezimmert und total schlicht, genau wie die im Schlafraum. Es gab eine Nische, die entfernt wie ein offener Kamin aussah. Die Wände waren aus Holz. Auch hier hingen Vorhänge vor den Fenstern, daher war der Raum in ein düsteres bräunliches Licht getaucht. Nirgends stand Krimskrams herum und es hingen auch keine Bilder an den Wänden. Dieses Zimmer hier war genauso nüchtern wie der Rest vom Haus. Und die Luft war genauso schwer und stickig, sie lastete wie ein Mantel auf mir.

Auf der linken Seite vom Gang lag eine Küche, mit einem Tisch in der Mitte und Schränken ringsum. Auch hier waren die Vorhänge zugezogen, doch es gab noch eine Tür auf der andern Seite, durch deren Milchglasfenster grelles Licht drang. Der Weg nach draußen. Freiheit. Ich schob mich an der Wand entlang auf die Tür zu. Der Schmerz in meiner Blase wurde noch schlimmer, meine Jeans schien immer enger zu werden. Aber ich schaffte es bis zur Tür. Ich berührte die Klinke und drückte sie langsam nach unten, obwohl ich ganz sicher war, dass die Tür abgeschlossen sein würde. Aber das war sie nicht. Ich schluckte vor Überraschung. Auf einmal war ich hellwach und zog die Tür zu mir. Ich öffnete sie nur so weit, dass ich durchschlüpfen konnte. Und dann trat ich hinaus ins Freie.

Das grelle Sonnenlicht erwischte mich sofort. Alles war hell, unerträglich hell. Und heiß. Noch viel heißer als drinnen. Von einem Moment auf den andern war mein Mund komplett ausgetrocknet. An den Türrahmen gelehnt kämpfte ich um den nächsten Atemzug. Ich hielt die Hand schützend über die Augen und versuchte, mein Blinzeln unter Kontrolle zu kriegen. Das viele Weiß überall machte mich fast blind. Es war, als hätte ich einen Schritt ins Jenseits getan. Allerdings fehlten die Engel.

Ich zwang mich dazu, die Augen zu öffnen und mich umzusehen. Nichts bewegte sich und nirgends gab es das geringste Anzeichen von dir. Rechts von dem Haus standen zwei kleine Schuppen. Sie wirkten provisorisch zusammengezimmert, die Planken waren mit Holz und Metallbändern aneinandermontiert. Unter einem Blechdach neben den beiden Schuppen parkte ein zerbeulter Geländewagen mit einem Anhänger. Und dann gab es noch das, was drum herum war.

Aus meiner Kehle drang ein Laut, als würde ich ersticken. So weit mein Blick reichte, war da einfach nichts. Eine ebene, gleichmäßig braune Fläche erstreckte sich bis zum Horizont. Sand und noch mehr Sand, hier und da eine Ansammlung kleiner, armseliger Büsche und dann und wann ein Baum ohne Blätter. Das Land war tot, verdurstet. Ich war im Nirgendwo gelandet.

Ich wandte mich um. Es gab sonst keine Häuser. Keine Telefonleitungen und keinen Straßenbelag. Es gab überhaupt nichts. Nur Leere. Nur Hitze und Horizont. Ich grub die Fingernägel tief in meine Handflächen und wartete auf den Schmerz, der mir bewies, dass das hier kein Albtraum war, sondern Realität.

Schon als ich mich aufmachte, wusste ich, dass es sinnlos war. Wohin sollte ich abhauen? Es sah überall gleich aus. Mir wurde klar, warum du die Tür nicht zugesperrt und mich nicht ans Bett gefesselt hattest. Hier draußen gab es nichts und niemanden. Nur uns.

Meine Beine waren steif und setzten sich mühsam in Bewegung, die Oberschenkel begannen mir sofort wehzutun. Meine nackten Füße schmerzten. Auch wenn der rötliche Boden aussah, als wäre da so gut wie nichts, gab es doch immer wieder scharfkantige Steinchen, Dornen und kleine Wurzeln. Ich biss die Zähne zusammen, zog den Kopf ein und sprang über die besonders unebenen Stellen. Aber der Sand war so heiß, dass auch das wehtat.

Natürlich hast du mich entdeckt. Ich hörte, wie das Auto angelassen wurde, als ich gerade mal hundert Meter weit vom Haus entfernt war. Trotzdem lief ich weiter, wobei mir jeder Schritt in der Blase wehtat. Ich wurde sogar schneller. Ich richtete meinen Blick auf einen entfernten Punkt am Horizont und rannte. Mein Atem ging krächzend und meine Beine fühlten sich tonnenschwer an. Meine Füße bluteten. Ich hörte, wie sich die Reifen in den Staub gruben, sie kamen immer näher.

Ich versuchte im Zickzack zu laufen, in der Hoffnung, dich auf die Art abzuhängen. Ich war total außer mir, ich schluckte und schluchzte und schnappte nach Luft. Aber du bist immer näher gekommen, fuhrst mit schlingernden Reifen und dröhnendem Motor schnell hinter mir her. Ich sah dich am Lenkrad kurbeln, den Wagen herumreißen.

Kurz blieb ich stehen und änderte die Richtung, aber du warst wie ein Cowboy mit einem Lasso: Du hast mich eingekreist, mir jede Fluchtmöglichkeit abgeschnitten. Mich langsam näher herangeholt, mich müde gemacht. Es war nur eine Frage der Zeit, bis ich nicht mehr konnte, das war dir klar. Aber wie eine wild gewordene Kuh lief ich trotzdem immer weiter, rannte in enger werdenden Kreisen vor dir weg. Irgendwann würde ich zusammenbrechen.

Du bliebst stehen und machtest den Motor aus.

»Das hat doch keinen Zweck«, riefst du mir zu. »Du findest nichts. Da ist niemand.«

Ich fing an zu weinen, große Schluchzer stiegen in mir auf und ich hatte das Gefühl, nie mehr aufhören zu können. Du machtest die Tür auf und packtest mich am Genick. Du zogst mich zu dir hoch, meine Arme schleiften über den Boden. Da drehte ich den Kopf und biss dich in die Hand. Richtig fest. Du hast geflucht. Ich wusste, dass ich dich blutig gebissen hatte. Ich konnte es schmecken.

Ich sprang auf und rannte los. Aber du warst gleich wieder über mir, wahnsinnig schnell. Dieses Mal warfst du mich mit dem Gewicht deines Körpers einfach um. Sand schrammte über meine Lippen. Du lagst auf mir, deine Brust drückte gegen meinen Rücken, deine Beine gegen meine Oberschenkel.

»Gib auf, Gemma. Kapierst du nicht, dass du nirgends hinkannst?« Du hast fast geknurrt.

Ich kämpfte, aber du warst stärker, drücktest mir die Arme dicht an die Flanken, quetschtest mich zusammen. Dein Körper lag schwer auf meinem und ich schmeckte Staub.

Da ließ ich die Pisse einfach laufen.

 

 

Den ganzen Weg zurück schrie und kämpfte ich. Ich biss dich immer wieder und spuckte dich an. Trotzdem hast du mich nicht losgelassen.

»Hier draußen stirbst du«, fauchtest du. »Begreifst du das nicht?«

Ich trat nach dir, so fest ich konnte, ans Schienbein, in die Eier, überallhin, wo ich dich erwischte. Aber dein Griff lockerte sich nicht. Meine Tritte führten nur dazu, dass du mich noch schneller weiterzerrtest. Du warst stark. Verdammt stark dafür, dass du so dünn wirktest. Du schleiftest mich über den Sand zurück zum Haus. Ich machte mich so schwer, wie ich konnte, und hörte nicht auf, zu schreien und zu treten wie ein wildes Tier. Du zogst mich quer durchs Haus und sperrtest mich in das finstere Badezimmer. Ich brüllte und schlug um mich und versuchte, die Tür mit Tritten wieder aufzukriegen. Aber es war zwecklos. Du hattest sie von außen zugesperrt.

Es gab keine Fenster, die ich hätte einschlagen können. Darum machte ich die Tür am andern Ende auf. Wie ich vermutet hatte, war dort das Klo, das etwas tiefer lag. Ich stieg die beiden Stufen hinunter. Um die Kloschüssel herum war der Boden nicht mit Brettern bedeckt und die raue Erde tat meinen zerschundenen Füßen weh. Auch hier gab es kein Fenster und die Wände bestanden aus rohen, rissigen Holzplanken mit winzigen Lücken dazwischen. Ich stemmte mich dagegen, aber sie gaben nicht nach. Ich hob den Klodeckel. Drinnen war ein tiefes, dunkles Loch, aus dem der Gestank von Kacke stieg. Ich ging wieder ins Bad und machte den Schrank über dem Waschbecken auf. Dann pfefferte ich alles, was darin war, gegen die Tür, mit so viel Wucht wie möglich. Ein Fläschchen mit Desinfektionsmittel zerbrach, der Inhalt floss heraus und verbreitete einen stechenden Geruch. Auf der andern Seite der Tür liefst du auf und ab.

»Nicht, Gemma«, sagtest du. »Wir brauchen die Sachen noch.«

Ich schrie um Hilfe, bis meine Kehle brannte. Auch wenn es vollkommen sinnlos war. Am Ende wurde aus meinen Worten ein sinnloses Gebrüll, das nur dazu gut war, dich zu übertönen.

Ich knallte meine Arme wie verrückt gegen die Tür, so dass sie bald voller blauer Flecke waren und ich mir an den Gelenken die Haut aufschürfte. Ich war verzweifelt. Jeden Moment konntest du mit einem Messer, einer Pistole oder Schlimmerem hier hereinkommen. Ich suchte nach irgendetwas, womit ich mich wehren konnte, und packte eine Scherbe des zerbrochenen Fläschchens.

Die Tür ruckte, als du dich dagegen lehntest. »Jetzt beruhig dich doch«, sagtest du mit wackliger Stimme. »Das bringt alles nichts.«

Dann hocktest du dich gegenüber vom Bad in den Gang. Das wusste ich, weil ich im Spalt unter der Tür deine Schuhe sehen konnte. Ich stützte mich an der Wand ab und roch das Desinfektionsmittel und den scharfen Gestank von Pisse in meinen Jeans. Nach einer Weile hörte ich ein leises Klicken, als du den Schlüssel aus dem Schlüsselloch nahmst.

»Lass mich zufrieden«, kreischte ich.

»Geht nicht.«

»Bitte.«

»Nein.«

»Was willst du?« Inzwischen schluchzte ich und lag zusammengekrümmt am Boden. Ich tupfte mir das Blut von den Füßen, betastete die Kratzer und Wunden meiner Flucht über den Sand.

Ich hörte, wie du mit der Hand, vielleicht auch mit dem Kopf, gegen die Badezimmertür schlugst. Ich hörte auch, wie schwer dein Atem ging.

»Ich bring dich nicht um«, sagtest du. »Das mach ich nicht, okay?«

Aber davon wurde meine Kehle nur noch trockener. Ich glaubte dir nicht.

Danach warst du lange ruhig und ich fragte mich schon, ob du fortgegangen wärst. Deine Stimme zu hören wäre mir fast lieber gewesen als diese Stille. Ich umklammerte die Glasscherbe so fest, dass sie mir in die Handfläche schnitt. Dann hielt ich sie in das Licht, das durch einen Spalt in der Wand fiel. Im Glas leuchteten Regenbogen auf. Ich drehte die Scherbe so, dass ein Regenbogen über meine Hand tanzte. Mit dem Finger drückte ich fest auf die Kante, bis ein kleiner Tropfen Blut erschien.

Ich hielt die Scherbe über mein linkes Handgelenk und fragte mich, ob ich mich wohl wirklich dazu überwinden konnte, dann senkte ich sie langsam. Ich schnitt mir in die Haut, quer übers Gelenk. Blut begann herauszusickern. Es tat nicht weh. Meine Arme waren betäubt vom Hämmern gegen die Tür. Es war nicht sonderlich viel Blut. Ich keuchte, als zwei Tropfen zu Boden fielen, und konnte kaum fassen, was ich da getan hatte. Du hast später behauptet, diese Aktion hätte mit den Nachwirkungen der Drogen zu tun gehabt, aber ich weiß nicht, ob das stimmt. In diesen Moment fühlte ich mich zu allem entschlossen. Kann gut sein, dass ich mich wirklich lieber selbst umbringen wollte, als darauf zu warten, dass du es tatst. Ich nahm die Scherbe in die linke Hand und streckte das rechte Handgelenk vor mir aus.

Aber da bist du hereingestürmt. Schnell. Die Tür schwang auf und fast im gleichen Moment hast du mir die Scherbe weggerissen und mich in die Arme genommen, mich mit deiner Kraft eingehüllt. Ich haute dir eins aufs Auge, mit voller Wucht. Und du zerrtest mich in die Dusche.

Du drehtest den Hahn auf. Das Wasser war braun verfärbt und spritzte in Schüben aus den ächzenden Rohren. Schwarzer Dreck schwamm darin. Ich presste mich in die hinterste Ecke. Das Blut von meinem Handgelenk mischte sich mit dem Wasser und wirbelte davon. Es gefiel mir, dass da Wasser war zwischen dir und mir. Das Wasser kam mir wie mein Verbündeter vor.

Du holtest ein Handtuch aus einer Kiste neben der Tür und hieltst es unter das Wasser, bis es fast ganz durchnässt war. Dann drehtest du den Hahn wieder ab und kamst auf mich zu. Ich drückte mich gegen die gesprungenen Kacheln und brüllte, schrie und kreischte, dass du mich in Ruhe lassen solltest. Aber du kamst immer näher. Du knietest dich ins Wasser und presstest das Handtuch auf den Schnitt an meinem Handgelenk. Mit einer schnellen Bewegung versuchte ich dir auszuweichen und knallte mit dem Kopf irgendwo dagegen.

Dann war alles weg.

 

 

Als ich zu mir kam, lag ich wieder in dem Doppelbett, mit einem kühlen, feuchten Verband ums Handgelenk. Die Jeans hatte ich nicht mehr an. Meine Füße waren mit einem harten, kratzigen Seil an den Bettpfosten festgebunden, auch sie waren verbunden. Ich bewegte mich, um zu testen, wie eng die Fesseln saßen, und stöhnte auf, als mir der Schmerz die Beine hochschoss.

Da sah ich dich neben dem Fenster stehen. Die Vorhänge waren ein Stück zurückgezogen und du starrtest nach draußen. Deine Stirn lag in Falten und du hattest ein blaues Auge. Das musste mein Werk sein. Im Sonnenlicht wirkte deine Haut heller und du sahst in diesem Moment nicht wie ein Entführer aus. Sondern einfach nur müde. Mein Herz hämmerte, aber ich zwang mich, dich genau zu betrachten. Warum hattest du mich hierhergebracht? Was wolltest du? Wenn du vorhattest, mir etwas anzutun, hättest du das doch bestimmt schon längst gemacht, oder? Außer du wolltest mich zappeln lassen.

Da drehtest du dich um und bemerktest meinen Blick. »Mach das nie wieder«, sagtest du.

Ich blinzelte.

»Du tust dir am Ende noch richtig weh.«

»Wär das denn schlimm?« Meine Stimme war nur ein Flüstern.

»Natürlich.«

Du schautest mich aufmerksam an. Ich musste den Blick abwenden. Deine Augen. Sie waren zu blau. Zu intensiv. Ich hasste es, dass sie aussahen, als wärst du um mich besorgt. Ich ließ mich zurücksinken und betrachtete die Decke, die aus Wellblech bestand.

»Wo bin ich?«, fragte ich.

Ich dachte an den Flughafen. An meine Eltern. Ich fragte mich, wo der Rest der Welt geblieben war. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie du in Zeitlupe den Kopf schütteltest.

»Nicht in Bangkok«, sagtest du. »Und auch nicht in Vietnam.«

»Wo dann?«

»Das kriegst du schon irgendwann selbst raus.«

Du legtest deinen Kopf in die Hände und strichst mit den Fingerspitzen sanft über die verletzten Stellen an deinem Auge. Deine Nägel waren kurz geschnitten und verdreckt. Wieder versuchte ich, meine Füße frei zu bekommen. Die Fußgelenke waren feucht vom Schweiß, aber sie glitten trotzdem nicht durch die Fesseln.

»Willst du was trinken?«, fragtest du. »Oder essen?«

Ich schüttelte den Kopf und spürte, wie mir Tränen über die Wangen liefen. »Was wird passieren?«, flüsterte ich.

Du hast den Kopf gehoben und die Hände sinken lassen. Deine Augen blitzten mich einen Moment lang an, aber jetzt wirkten sie nicht eisig. Sie schienen eher getaut zu sein. Sie sahen feucht aus. Eine Sekunde lang fragte ich mich, ob du vielleicht geweint hattest. Als dir mein forschender Blick auffiel, drehtest du dich weg und gingst aus dem Zimmer. Ein paar Minuten später kamst du mit einem Glas Wasser zurück. Du hast dich neben dem Bett niedergelassen und es mir gereicht.

»Ich werde dir nichts tun«, sagtest du.

 

 

Ich blieb im Bett. Der Kissenbezug wurde dünn von meinen Tränen, die Laken waren getränkt von meinem Schweiß. Alles stank. Ich versuchte mich möglichst wenig zu bewegen. Irgendwann kamst du rein, um den Verband an meinen Füßen zu wechseln. Ich war inzwischen total schlaff, wie geschmolzen, was auch zu meiner Körpertemperatur passte.

Später hast du mir erzählt, dieser Zustand hätte nur ein oder zwei Tage gedauert. Mir kommt es vor, als wären es Wochen gewesen. Meine Augenlider waren geschwollen vom vielen Weinen. Ich versuchte mir zu überlegen, wie ich entkommen könnte, aber auch mein Gehirn war wie geschmolzen. Ich machte mich vertraut mit der Zimmerdecke, den rohen Wänden und dem hölzernen Fensterrahmen. Ich trank das braun verfärbte Wasser, das du mir hinstelltest; aber nur, wenn du es nicht sahst. Einmal knabberte ich auch ein paar Nüsse und Samen aus der Schale, die du mir gebracht hattest, wobei ich erst vorsichtig an ihnen leckte, falls sie vergiftet waren. Jedes Mal, wenn du hereinkamst, versuchtest du mit mir zu reden. Es verlief immer ähnlich.

»Wie wär’s mit Waschen?«

»Nein.«

»Essen?«

»Nein.«

»Wasser? Du solltest Wasser trinken.«

»Nein.«

Dann war es eine Weile lang still, während du überlegtest, was ich sonst noch wollen könnte. »Möchtest du nach draußen?«

»Nur, wenn du mich in eine Stadt bringst.«

»Hier gibt’s keine Städte.«

Einmal hast du das Zimmer nicht gleich wieder verlassen wie sonst. Seufzend bist zum Fenster gegangen. Ich sah, dass sich der Bluterguss rund um dein Auge verfärbt hatte; statt dunkelblau war er jetzt eklig gelb – das einzige Indiz für mich, dass Zeit vergangen war. Du blicktest mich an, die Stirn in tiefen Falten. Dann zerrtest du mit einer plötzlichen Bewegung die Vorhänge zurück. Licht strömte herein und ließ mich zurückzucken.

»Lass uns rausgehen«, sagtest du. »Wir können uns das Land anschauen.«

Ich wandte mich ab, vom Licht und von dir.

»Hinten sieht es anders aus als vorne«, sagtest du. »Da gehen wir hin.«

»Lässt du mich denn gehen, wohin ich will, dort hinten?«

Du schütteltest den Kopf. »Es gibt nichts, wo du hinkönntest«, sagtest du. »Ich hab’s dir doch gesagt. Da ist überall Wildnis.«

Am Ende hast du mich mürbegemacht. Ich habe genickt. Aber nicht, weil du wolltest, dass ich mitkam. Ich glaubte dir einfach nicht, dass es ringherum gar nichts gab. Da musste doch irgendwas sein; eine Stadt weit in der Ferne oder eine Straße, meinetwegen auch nur Stromkabel. Völlige Wildnis gibt es nirgends.

Du löstest die Fesseln an meinen Füßen. Du wickeltest die Binden ab und drücktest mit der Hand gegen meine Fußsohlen. Ich erwartete, dass es brennen würde, aber das tat es nicht. Du untersuchtest auch mein Handgelenk. Über dem Schnitt hatte sich eine rotbraune Kruste gebildet und die Wunde blutete nicht mehr.

Du wolltest mich vom Bett hochheben, doch ich stieß dich weg. Schon allein diese eine Bewegung brachte meinen Körper zum Zittern. Ich machte mich lang und versuchte, auf der anderen Seite aus dem Bett zu kommen.

»Ich kann das alleine.«

»Klar, hab ich vergessen«, sagtest du. »Schließlich hab ich dir nicht die Beine abgehackt.«

Du lachtest leise über deinen Witz. Ich ignorierte ihn. Meine Beine zitterten dermaßen, dass mir schon das Aufstehen schwerfiel. Ich zwang mich, einen Schritt zu tun. Ein stechender Schmerz fuhr mir in den Fuß. Ich schluckte. Aber mir war klar, dass ich nicht bis in alle Ewigkeit hier in diesem Zimmer bleiben konnte.

Du wandtest dich ab, während ich mir die Jeans überstreifte. Sie war frisch gewaschen und getrocknet, die Flecken vom Herumkriechen im Staub waren weg. Ich fühlte mich grässlich schwach, als ich das Zimmer verließ, und rechnete damit, jeden Moment umzukippen. Ich wünschte mir, ich hätte mehr gegessen. Ich lief den Gang entlang und du kamst hinter mir her. Deine Schritte machten nicht das geringste Geräusch, nicht einmal der Boden knarrte. Ich wandte mich zur Küche hin, aber du packtest mich am Arm. Deine Berührung ließ mich zusammenzucken und ich konnte dich nicht anschauen.

»Da lang«, sagtest du.

Ich schüttelte deine Finger ab und ließ Abstand zwischen uns. Du führtest mich durch den Wohnraum, wo die Vorhänge immer noch zugezogen waren, so dass ich blinzeln musste, um alles sehen zu können. Beim nächsten Schritt bohrte sich etwas in meinen Fuß. Schmerz schoss mein Bein hoch. Meine Augen wurden feucht, aber ich wischte die Tränen schnell weg, bevor du etwas merktest. Ich hob den Fuß und zog einen kleinen goldfarbenen Nagel heraus, wie man sie zum Aufhängen von Bildern benutzt. Ich fragte mich, was dieser Nagel hier machte, wo es doch gar keine Bilder zum Aufhängen gab.

Wir gingen durch eine Art Vorbau zur andern Seite des Hauses. Ich blinzelte im grellen Licht, als du die Tür nach draußen aufmachtest. Hier war eine Veranda, die sich am ganzen Haus entlangzog. Ich humpelte zu einem Rattansofa und ließ mich hineinfallen. Dort nahm ich meinen Fuß und rieb die wunde rote Stelle, die der Nagel hinterlassen hatte.

Als ich aufblickte, sah ich die Felsblöcke. Sie waren riesig und rund, mit einer geschmeidigen Oberfläche. Sie lagen etwa fünfzig Meter von uns entfernt und erstreckten sich über eine Breite, die schätzungsweise doppelt so groß war wie das Haus. Sie kamen mir vor wie eine Handvoll Murmeln, die ein Riese vom Mond fallen gelassen hatte. Auf der uns zugewandten Seite gab es zwei größere Felsen, die von kleineren eng umringt waren. Dünne, stachlige Bäume wuchsen in der Mitte und um die Felsen herum.

Ich saß da und starrte sie an. Diese Felsen waren so ganz und gar anders als der Rest der Landschaft, sie ragten aus dem Boden hoch wie Daumen. Es war schon später Nachmittag und nach einer Weile wurde mir klar, warum die Felsen rot waren. Die tief stehende Sonne tauchte ihre körnige Oberfläche in ein rubinfarbenes Licht.

»The Separates«, sagtest du. »So habe ich sie genannt. Sie sehen anders aus … irgendwie … abgetrennt von allem, was es sonst gibt, zumindest hier in der Gegend. Jeder von ihnen steht für sich allein, aber zumindest das haben sie gemeinsam.«

Du standst neben dem Sofa. Ich rückte von dir weg und du zerrtest so lange am Rahmengeflecht herum, bis sich eine der Fasern löste.

»Wieso hab ich die nicht gesehen?«, fragte ich. »Als ich weggerannt bin?«

»Du hast nicht hingesehen.« Du hast das Sofa in Ruhe gelassen und stattdessen mich angesehen. Als ich deinen Blick nicht erwiderte, bewegtest du dich zu einem der Verandapfeiler hin. »Du warst viel zu durchgedreht, um irgendwas richtig wahrzunehmen.«

Ich ließ meinen Blick über die Felsen schweifen, auf der Suche nach Wegen, nach etwas, das von Menschenhand gemacht war. Ich entdeckte eine Rohrleitung aus Plastik, die zwischen den Felsen heraustrat und bis zum Haus führte. Sie verschwand unter der Veranda, hinten am anderen Ende, dort, wo das Bad lag. Dann gab es noch ein paar Zaunpfosten aus Holz, die in gleichmäßigem Abstand um die Felsen herum aufgestellt waren.

»Was ist dahinter?«, fragte ich.

»Nicht viel. Das Gleiche wie hier auf der Seite.« Du zeigtest mit dem Kinn auf die staubige Erde überall ums Haus herum. »Ist jedenfalls kein Fluchtweg für dich, falls du daran denkst. Wenn du hier wegwillst, geht das nur über mich. Und das ist Pech für dich, denn meine Flucht hat mich ja genau hierhergeführt.«

»Was ist das für ein Rohr?«, fragte ich. Wenn eine Rohrleitung zu deinem Haus führte, musste es hinter den Felsen doch noch mehr Rohre und Häuser geben, überlegte ich.

»Das hab ich gelegt. Damit wir Wasser haben.«

Du hast gegrinst, als wärst du stolz, und in deiner Hemdtasche nach irgendwas herumgekramt. Dann langtest du in deine Hosentasche und holtest ein kleines Bündel getrockneter Blätter und Zigarettenpapier heraus. Ich musterte alle deine Taschen. Gab es irgendwo Ausbuchtungen oder Beulen? Hattest du die Autoschlüssel dort verstaut? Du drehtest dir eine lange, dünne Zigarette und lecktest das Papier an.

»Wo sind wir?«, fragte ich wieder.

»Überall und nirgends.« Du legtest den Kopf gegen den Pfeiler und schautest rüber zu den Felsen. »Ich habe diesen Ort hier irgendwann entdeckt. Er gehört mir.« Du beäugtest nachdenklich deine Zigarette. »Ist schon lange her. Da war ich noch klein, vielleicht halb so groß wie du jetzt.«

Ich warf dir einen Blick zu. »Wie bist du hergekommen?«

»Gelaufen. Hat eine Woche gedauert oder so. Als ich hier war, bin ich zusammengeklappt.«

»Wer war bei dir?«

»Niemand. Die Felsen haben mir Träume geschickt … und sie haben mir natürlich Wasser gegeben. Dieser Ort ist was Besonderes. Ich bin ungefähr zwei Wochen lang hiergeblieben, mein Lager war in ihrer Mitte und ich habe von den Felsen gelebt. Als ich wieder heimkam, hatte sich alles verändert.«

Ich drehte mich weg, wollte über dich und dein Leben nichts wissen. Hoch über uns kreiste ein Vogel, vor dem bleichen Himmel sah sein Umriss wie ein winziges X aus. Ich kauerte mich zusammen, schlang die Arme um die Knie und zog sie immer dichter an mich heran, um die Panik zu unterdrücken, die in mir aufstieg und sich in einem Schrei Luft machen wollte.

»Warum bin ich hier?«, flüsterte ich.

Du klopftest dir auf die Taschen und zogst eine Schachtel Streichhölzer hervor. Dann machtest du eine Handbewegung in Richtung der Felsen.

»Weil dieser Ort magisch ist … magisch und schön. Und du bist auch schön … eine Schönheit ganz für dich, getrennt von allen andern. Alles passt zusammen.« Du drehtest die Zigarette zwischen Daumen und Zeigefinger. Dann hieltst du sie mir hin. »Willst du?«

Ich schüttelte den Kopf. Gar nichts passte zusammen. Und noch nie hatte jemand gesagt, dass ich eine Schönheit war. »Was willst du?«, fragte ich mit brüchiger Stimme.

»Ganz einfach.« Mit der Zigarette im Mund lächeltest du. »Nicht allein sein.«

Die Zigarette roch seltsam, als du sie anstecktest, natürlicher als Tabak, aber nicht so intensiv wie ein Joint. Du inhaliertest tief und schautest dann wieder zu der Ansammlung einzelner Felsen.

Ich folgte deinem Blick und entdeckte eine winzige Lücke. Sie sah wie ein schmaler Pfad aus, der mitten durch sie hindurchführte.

»Wie lange willst du mich hier festhalten?«, fragte ich.

Du zucktest mit den Achseln. »Natürlich für immer.«

 

 

Als das Licht verblasste und dämmrig grau wurde, wandtest du dich ab, um nach drinnen zu gehen. »Komm mit«, sagtest du.

In dem Vorbau, durch den wir gekommen waren, bliebst du neben einem Gestell mit Industriebatterien stehen. Kabel führten von dort zur Decke, jeweils unterbrochen von mehreren Schaltern. Auf einem Regal direkt über deinem Kopf standen sechs Petroleumlampen in einer Reihe. Was würde passieren, wenn ich eine zum Umfallen brachte? Würde dich der Aufprall bewusstlos machen? Und hätte ich dann genug Zeit, um abzuhauen? Du bücktest dich, prüftest irgendwas und legtest einen Schalter um.

»Der Generator«, sagtest du mit einem Nicken in Richtung der Batterien. »Hier kommt der Strom für die Küchengeräte und die paar Leuchten her, die wir im Haus haben.«

Aber ich starrte immer noch die Petroleumlampen an. Du sahst es, holtest eine von ihnen herunter und drücktest sie mir in die Hände. Ich packte sie um ihre bauchige Mitte, wobei der dünne Metallbügel gegen das Glas klirrte. Du fingst an, mir zu erklären, wie man sie benutzte. Als du dich umdrehtest, um noch eine herunterzuholen, hob ich sie in deine Richtung, doch meine Arme zitterten zu sehr, um damit zuzuschlagen. So blieb ich stehen und sah ziemlich blöd aus mit der Lampe über mir in der Luft. Du kapiertest sofort, was ich vorgehabt hatte, stelltest die zweite Lampe schnell wieder auf das Regalbrett und strecktest die Hände nach meiner aus.

»Damit kannst du mich nicht loswerden«, sagtest du und deine Mundwinkel zogen sich nach oben.

Du nahmst mir die Lampe ab, fülltest Petroleum hinein und zündetest sie an. Dann schobst du mich aus dem Raum. Die Lampe vor dich haltend führtest du mich in das Zimmer, in dem ich bisher geschlafen hatte.

»Das ist dein Zimmer«, sagtest du und gingst zu der Kommode neben der Tür. »Hier drin findest du saubere Bettwäsche.«

Du zogst die unterste Schublade vor und zeigtest sie mir. Dann machtest du die beiden Schubladen darüber auf, in denen T-Shirts, ärmellose Tops, Shorts, Hosen und Pullis lagen. Ich strich mit den Fingern über ein T-Shirt. Es war beige und ganz schlicht, hatte genau meine Größe und schien neu zu sein.

»Das wird dir doch passen, oder?«, wolltest du wissen.

Ich fragte dich nicht, woher du meine Kleidergröße kanntest. Ich sah mir immer nur weiter die ganzen Klamotten an. Alles war beige und langweilig. Keine trendigen Marken, nichts Schickes. Die Sachen sahen aus, als kämen sie allesamt aus einem Billig-Kaufhaus. Du zeigtest auf die beiden kleineren Schubladen ganz oben.

»Unterwäsche«, sagtest du und gingst einen Schritt zurück. Trotzdem schaute ich nicht in diese Schubladen.

»Ich hab auch Röcke und ein, zwei Kleider, falls du magst. Die sind im andern Zimmer. Sie sind grün.«

Ich kniff die Augen zusammen. Grün war meine Lieblingsfarbe. Woher wusstest du das? Wusstest du es denn tatsächlich? Du drehtest dich zur Tür.

»Ich zeig dir die andern Räume.« Als du mitbekamst, dass ich dir nicht folgte, bist du herumgewirbelt und dicht an mich herangetreten; so dicht, dass ich den Zigarettenrauch in deinen Klamotten bemerkte. »Gemma, ich werde dir nicht wehtun«, sagtest du leise.

Dann drehtest du dich weg und gingst aus dem Zimmer. Im Halbdunkel hörte ich, wie die Wände knackten, sich zusammenzogen, als die Hitze des Tages nachließ. Ich folgte dem Licht deiner Lampe in den nächsten Raum. Dort stand ein niedriges Feldbett an der Wand, mit einem wilden Haufen von Decken darauf. Daneben war ein Nachttisch, an der Wand gegenüber gab es einen Kleiderschrank und eine Holztruhe.

»Ich schlaf erst mal hier«, sagtest du und sahst mir dabei nicht in die Augen. Ich wich deinem Satz aus, der einfach so in der Luft hängenblieb.

Das Bad kannte ich schon. Die nächste Tür führte zu einem langen, begehbaren Schrank. Es war nicht viel drin außer einigen Besen, einem Wischmopp und ein paar Metallkisten. Ich folgte deiner Lampe durch die Tür gegenüber, in das letzte Zimmer, das vom Gang abging. Es war größer als dein Schlafraum, fast so groß wie das Zimmer, das du meines nanntest. Ganz am Ende standen ein Schrank und ein Lehnstuhl. Eine der Wände war über die gesamte Fläche mit Bücherregalen bedeckt, allerdings standen nicht gerade viele Bücher drin. Du machtest den Schrank auf und zeigtest mir die Spiele im untersten Fach: Uno, Cluedo, Monopoly, Twister. Es waren alles Spiele, die wir zu Hause hatten, Spiele, die ich mit Freunden gespielt hatte oder zusammen mit meinen Eltern an Weihnachten. Aber diese Spielschachteln waren so alt und verblichen, als stammten sie vom Kirchenbasar.

»Es gibt auch eine Nähmaschine und eine Gitarre … auch Sportsachen und so«, sagtest du.

Ich warf einen Blick auf die Bücher, die ordentlich in den Regalen aufgereiht waren. Im Licht der Petroleumlampe konnte ich nur ein paar wenige Titel lesen: Sturmhöhe, Der große Gatsby, David Copperfield, Herr der Fliegen … Bücher, die wir in der Schule durchgenommen hatten. Ich sah kein einziges aktuelles Buch, es waren alles Klassiker. Ich betrachtete das nächste Regal. Hier standen Naturführer und Sachbücher über die Pflanzen- und Tierwelt der Wüste, dazu ein paar Untersuchungen über Schlangen und so. Es gab auch Bücher über Seilknoten und über Felsen. Außerdem entdeckte ich ein Wörterbuch für die Sprachen der Aborigines. Während ich die Titel betrachtete, begriff ich etwas.

»Wir sind in Australien, stimmt’s?«

Ein lebhaftes Kopfnicken von dir. »Hat ganz schön gedauert, bis du’s kapiert hast«, fügtest du murmelnd hinzu.

Mir fiel wieder ein, wie du mich im Flughafen gefragt hattest, ob ich nicht lieber nach Australien wollte … und dann dein seltsamer Akzent. Jetzt ergab das alles Sinn. Abgesehen von der Tatsache, dass ich bei Australien immer an Strände und Buschland gedacht hatte und nicht an endlosen roten Sand. Trotzdem blitzte Hoffnung in mir auf, der Anflug eines Gefühls, dass am Ende alles gut ausgehen würde. Australien war ein zivilisiertes Land, mit Gerichten, Polizei und einer demokratischen Regierung. Es konnte gut sein, dass schon nach mir gesucht wurde, dass die Polizei überall nach mir fahndete. Vielleicht war das ganze Land in Alarmbereitschaft. Aber diese Hoffnung verlor sich schnell wieder. Du hattest mich aus Bangkok entführt. Wer sollte da auf die Idee kommen, mich in Australien zu suchen?

»Weiß jemand, dass ich hier bin?«, fragte ich.

»Nein. Niemand. Kein Mensch weiß, dass es uns überhaupt gibt. Wir sind mitten in der australischen Wüste. Es existiert nicht mal eine Karte von dieser Gegend.«

Ich zwang mich zu schlucken. »Gegenden, die nicht auf Landkarten sind, gibt’s doch gar nicht.«

»Diese hier schon.«

»Du lügst.«

»Ich lüge nicht.«

»Wie hast du mich dann herbringen können?«

»Im Kofferraum von meinem Auto. Hat eben eine Weile gedauert.«

»Ohne Landkarte?«

»Sag ich ja«, zischtest du, »hat eine Weile gedauert.«

»Daran würde ich mich doch erinnern.«

»Nein, dafür habe ich gesorgt.«

Darauf konnte ich nichts mehr sagen. Du schautest von mir weg und ich machte einen Schritt zurück. Mir fiel der seltsame Geruch in dem Lappen über meinem Gesicht wieder ein. Dieses verschwommene Rütteln und Schlingern, als ich in deinem Auto gewesen war. Die widerlich süße Schokolade. Ich versuchte noch mehr Erinnerungen hervorzukramen, aber ich schaffte es nicht. Ich schüttelte den Kopf, denn ich wollte mich in Wirklichkeit gar nicht erinnern. Ich machte noch einen Schritt zurück in die Dunkelheit und lehnte mich gegen das Bücherregal. In meinem Kopf drehte sich alles. Ich fragte mich, was du noch alles vor mir verbargst. Welche schrecklichen kleinen Geheimnisse du sonst noch hattest.

»Irgendwer muss dich gesehen haben.«

»Glaub ich kaum.«

»In den Flughäfen sind doch überall Kameras … wird doch alles überwacht heute.«

»Nur in London, da gibt’s natürlich wahnsinnig viele. Allerdings zeichnen die meisten Kameras gar nicht wirklich auf.« Du hobst die Lampe ein Stück höher. Das Licht warf Schatten auf dein Gesicht und malte dir dunkle Ringe unter die Augen.

»Nach mir wird gesucht. Meine Eltern suchen nach mir.«

»Kann sein, ja.«

»Sie sind einflussreiche Leute.«

»Weiß ich.«

»Sie haben gute Kontakte und Geld. Sie werden ins Fernsehen kommen und dafür sorgen, dass mein Foto überall auf der Welt veröffentlicht wird. Irgendwer wird mich erkennen.«

»Unwahrscheinlich.« Du bewegtest die Lampe in meine Richtung, ich spürte die Hitze, die von ihr ausging. »Unterwegs warst du die meiste Zeit über im Kofferraum, unter dem Zelt.«

Mein Brustkorb wurde eng bei der Vorstellung, wie mein Körper zusammengekrümmt und verdreht dalag, achtlos hingeworfen wie ein Gepäckstück. Es war wie in einem Horrorfilm, nur dass ich noch nicht bei der Szene mit dem Messer angekommen war. Ich schlang mir die Arme um die Brust. Wie konnte es sein, dass ich nichts mehr von alldem wusste? Warum waren da nur diese winzigen Erinnerungsblitze? Waren die Mittel, die du mir gegeben hattest, wirklich so stark? Ich ging noch einen Schritt weiter von dir weg, wich bis zur Tür zurück.

»Im Flughafen hat dich garantiert jemand gesehen«, sagte ich, eigentlich mehr zu mir selbst. »Und irgendwer muss mich doch auch gesehen haben. Es ist total unmöglich, dass ich durch die ganzen Kontrollen bin, ohne …«

»Keiner, der dich gesehen hat, hätte dich erkannt.«

»Wieso nicht?«

»Du hast eine Perücke angehabt, dazu eine Sonnenbrille, Schuhe mit hohen Absätzen und eine andere Jacke. Der Pass, den ich für dich hatte, ging auf einen anderen Namen. Deinen alten hab ich in den Müllcontainer geschmissen.«

Du kamst näher. Wieder lag da diese Intensität in deinen Augen, als wolltest du etwas von mir, und ich musste daran denken, wie du mich im Coffeeshop angeschaut hattest. Da hatte mich dein durchdringender Blick total fasziniert. Jetzt nicht mehr. Ich beäugte die Regale; das Handbuch der australischen Säugetiere war nur Zentimeter von meinem Gesicht entfernt. Ich überlegte, dir damit eins überzubraten.

»Deinen Rucksack haben wir auch in den Müll geworfen«, fügtest du hinzu. »Erinnerst du dich nicht mehr, wie du die Klamotten gewechselt und einen Rock angezogen hast? Weißt du nicht mehr, dass du mich angefasst hast? In dem Moment fandst du alles großartig.«

Salziges Wasser stieg mir in die Kehle, als müsste ich gleich kotzen. Du bewegtest dich, schobst dich zwischen mich und die Tür. Ich schnappte mir das Säugetier-Handbuch.

»Du bist jetzt ein neuer Mensch, Gem«, murmeltest du. »Dein altes Ich hast du zurückgelassen. Hier draußen hast du die Chance, neu anzufangen.«

»Ich heiße Gemma«, flüsterte ich und hielt das Buch zwischen uns wie eine Drohung. Was für eine armselige Waffe! »Du hast das gegen meinen Willen gemacht.«

»Aber du hast es wirklich genossen!«

Du tatst einen letzten Schritt und standest jetzt direkt vor mir. Ich lehnte mich zurück, drückte meine Wirbelsäule gegen das Bücherregal. Du strecktest die Hand aus und berührtest mich im Gesicht. Meine Haut begann zu glühen. Ich hielt das Buch hoch, vor meinen Hals.

»Du warst ziemlich willig, weißt du nicht mehr?«, nuscheltest du.

»Nein.«

Meine Haut brannte unter deiner Berührung. Mein Kiefer war fest zusammengepresst, als ich deinen Blick erwiderte. Doch ich erinnerte mich tatsächlich. Und das machte es noch schlimmer. Ich erinnerte mich, wie ich gelacht hatte, während du meinen Kopf genommen und mir etwas übergestreift hattest. Ich erinnerte mich an die Kleider, an deinen Rücken. Ich erinnerte mich, wie sehr ich dich hatte küssen wollen. Ich machte die Augen zu. Ein Geräusch drang aus meiner Kehle und plötzlich sank ich zusammen und kauerte unten am Bücherregal. Du legtest mir die Hand auf den Rücken.

Ich schlug um mich und erwischte dich am Kinn. Ich versuchte mit aller Kraft, dich wegzustoßen.

»Ich hasse dich«, brüllte ich. »Verdammte Scheiße, wie ich dich hasse.«

Du zogst deine Hand sofort zurück, als hättest du dich verbrannt.

»Vielleicht ändert sich das noch«, sagtest du leise.

Du nahmst die Petroleumlampe mit und hast mich zusammengekauert im Dunkeln zurückgelassen.

 

 

Ich konnte nicht schlafen in dieser Nacht, wie so oft. Das lag nicht an der Hitze. Nachts war es hier nie besonders heiß. Es lag auch nicht an der Dunkelheit. Ich hatte den Vorhang zurückgezogen, weil ich mich nach dem Mondlicht sehnte.

Als die Hitze nachließ und sich um mich herum die Holzwände zusammenzogen, klang das, als säßen Wölfe darin, die ächzten und stöhnten … und jederzeit bereit waren, über mich herzufallen. Ich horchte nach dir und schob mein Kissen so zurecht, dass ich die Türklinke im Blick hatte. Ich traute mich nicht, mich zu rühren, aus Angst, das kleine Geräusch dabei könnte übertönen, was draußen vor sich ging. Das Knarren in den Wänden klang nach deinen Schritten im Gang. Ich war so angespannt, dass ich davon Kopfweh bekam.

Eine Petroleumlampe verbreitete neben meinem Bett ihr schwaches Licht. Ich konnte sie schnappen, wenn es notwendig war. Konnte sie losschleudern, wenn die Tür sich scharrend öffnete. Ich überlegte mir, wohin ich zielen müsste. Im Holz neben dem Türrahmen war ein schwarzer Fleck, ungefähr in der Höhe von deinem Kopf. Ich war mir ziemlich sicher, dass ich ihn treffen könnte. Aber was dann? Die Türen würden bestimmt alle abgesperrt sein, und wenn nicht, wohin sollte ich rennen, damit du mich nicht finden würdest?

Du lagst im Zimmer nebenan, nur ein paar Meter von mir entfernt … nichts als eine dünne Wand zwischen uns. Ich versuchte an die Schule zu denken, an alles außer an dich. Ich versuchte an Anna und Ben zu denken. Sogar an meine Eltern. Aber es klappte nicht. Ich kam immer wieder auf dich zurück. Wie du da drüben lagst. Wie du träumtest. Wie du an mich dachtest. Ich stellte mir vor, wie du unter diesem Haufen von Decken lagst und dir ausmaltest, wie du mich töten würdest. Vielleicht fummeltest du auch an dir rum und stelltest dir vor, ich würde dich dort anfassen. Oder vielleicht presstest du gerade ein Auge gegen einen Spalt in der Wand und sahst mir dabei zu, wie ich hier lag und auf dich wartete. Vielleicht machte dich das an. Ich lauschte, ob ich das leise Scharren deiner Wimpern am Holz hören konnte. Aber außer dem Knacken der Wände war da nichts.

An Ende schlief ich doch ein, keine Ahnung, wie. Es muss schon gegen Morgen gewesen sein, als mein Körper einfach aufgab, erschöpft von der ganzen Anspannung. Als ich einschlief, begann ich zu träumen …

Ich war wieder zu Hause. Aber ich war nicht wirklich dort; ich konnte zwar sehen, was passierte, doch niemand sah mich. Ich lehnte an dem Fenster in der Ecke vom Wohnzimmer.

Mum und Dad waren auch da, sie saßen nebeneinander auf der weißen Couch. Zwei Polizisten redeten mit ihnen, während sie unbehaglich auf den Stühlen hockten, die Mum aus Deutschland mitgebracht hatte. Ich sah Fernsehkameras und Kameraleute. Überall waren Menschen. Sogar Anna war da, sie stand hinter der Couch und hatte meiner Mutter die Hand auf die Schulter gelegt. Einer der Polizisten beugte sich mit den Ellbogen auf den Knien vor und feuerte eine Frage nach der andern auf Mum ab.

Wann haben Sie Ihre Tochter zuletzt gesehen, Mrs Toombs? 

Hat Gemma irgendwann mal darüber gesprochen, dass sie von zu Hause weglaufen will? 

Könnten Sie bitte genau beschreiben, was Ihre Tochter anhatte an diesem Tag? 

Mum wirkte verwirrt. Fragend schaute sie zu Dad hinüber. Aber der Polizist war ungeduldig und blickte verärgert auf die Kameras.

»Mrs Toombs«, begann er. »Das Verschwinden Ihrer Tochter ist eine äußerst ernste Angelegenheit. Ihnen ist schon klar, dass alle Zeitungen über Sie berichten werden.«

Als sie das hörte, wischte sich Mum die Augen. Es gelang ihr sogar, ein dünnes Lächeln aufzusetzen.

»Ich bin bereit«, sagte sie. »Wir müssen tun, was wir können.«

Dad ordnete seine Krawatte. Jemand richtete einen Scheinwerfer auf die beiden und Anna musste weg aus dem Bild.

Ich versuchte zu schreien, wollte sie wissen lassen, dass ich da war, hier bei ihnen im Wohnzimmer, aber es war nichts zu hören. Mein Mund stand zwar weit offen, aber meine Stimme war irgendwo in mir stecken geblieben. Dann kam es mir auf einmal so vor, als würde mein ganzer Körper zum Fenster zurückgesaugt, als würde er sich einfach wie ein Gespenst durch die Scheibe bewegen. Und ich war plötzlich draußen in der kalten Nachtluft.

Ich drängte mich gegen das Fenster, versuchte durch das Glas zurückzuschmelzen nach drinnen. Mir war kalt und alles tat weh, ich wollte unbedingt wieder rein. Plötzlich spürte ich deinen starken Arm um mich, der mich an deine Brust zog, und fühlte deinen warmen Atem auf meiner Stirn.

»Du gehörst jetzt zu mir«, murmeltest du. »Ich lass dich nie mehr gehen.«

Ich sah, wie Mum flehentlich in Richtung der Kameras sprach, wie sie weinte, während die Scheinwerfer immer heller wurden.

Doch dein erdiger Geruch erfüllte meine Nase. Und dein Körper erstickte mich fast. Du schlangst die Arme um mich wie eine Decke, deine Brust war mächtig wie ein Felsen.

Ich wachte auf, keuchte und schnappte nach Luft. Dein Geruch war immer noch da. Er füllte den ganzen Raum bis in den letzten Winkel.

 

 

Ich lag da und lauschte. Aber bald musste ich aufs Klo.

Danach legte ich mich nicht mehr ins Bett. Stattdessen tappte ich leise im Haus herum. Du warst nirgends zu sehen. Ich begann nach Autoschlüsseln zu suchen, nach allem, was mir irgendwie nützlich sein könnte. Auch nach Waffen. Und natürlich nach einem Telefon, nach irgendeiner Möglichkeit, mit andern Leuten in Kontakt zu treten. Irgendwas in der Art musste es doch geben, zumindest ein Funkgerät.

Ich fing im Wohnzimmer an. Leise durchsuchte ich den Raum und horchte die ganze Zeit über nach dir. Ich guckte in Schubladen, unter den Teppich, auf dem Vorsprung, der innen am Kamin entlanglief. Aber da war nichts. Ich machte in der Küche weiter. Unter der Arbeitsfläche gab es vier Schubladen. In den ersten beiden war nicht viel drin, bloß ein paar Baumwollbeutel und Wäscheklammern. In der dritten Schublade fand ich Besteck, abgenutzt und stumpf. Aber vielleicht ganz nützlich. Ich nahm mir ein Messer – das schärfste, das ich finden konnte (ich hatte es am Holz der Arbeitsplatte ausprobiert) – und steckte es in meine Tasche.

Die vierte Schublade war abgeschlossen. Der Griff gab nach, als ich daran zerrte, aber die Schublade selbst bewegte sich kein Stück. In der Mitte war ein Schlüsselloch. Ich linste hindurch, konnte aber nichts erkennen. Also steckte ich das Messer ins Schlüsselloch und versuchte die Schublade irgendwie aufzukriegen, doch das klappte nicht. Ich suchte überall nach dem Schlüssel, kramte in deinen Tee- und Zuckerdosen.

Dann durchkämmte ich die ganze Küche, öffnete sorgfältig alle Schränke. Ich weiß nicht, was ich erwartete, vielleicht irgendein Folterwerkzeug oder ein riesiges Messer. Was auch immer, ich fand es jedenfalls nicht. In diesen Schränken war so ziemlich das Gleiche wie in den meisten Küchenschränken: Schüsseln, Teller, Kochutensilien. Nichts davon konnte ich brauchen, wenn ich dir nicht gerade eine Bratpfanne über den Kopf ziehen wollte. Was allerdings eine verlockende Vorstellung war.

Dann öffnete ich die Kammer neben der Tür. Es war eine Art Vorratsraum. Dosen und Päckchen standen ordentlich aufgereiht in Regalen, und auf dem Boden waren Behälter mit Mehl, Zucker und Reis verstaut. Ich ging näher heran. Alles war gewissenhaft sortiert, anscheinend nach dem Alphabet. Nicht weit weg von den Linsen gab es getrocknete Melonenspalten und ein Stück weiter standen Dosen mit Pilzen. Ich reckte mich auf die Zehenspitzen, um die oberen Regale zu begutachten. Hier waren die süßen Sachen, Kakao, Puddingpulver, Instant-Götterspeise und solche Sachen. Hinten in der Kammer war ein ganzes Regal mit Orangensaft in Kartonverpackungen.

Ich blieb eine ganze Weile hier drinnen. Als ich wieder rauskam, standest du in der Küche. Rasch machte ich einen Schritt zurück, weg von dir. Deine Wangen waren dreckig und an deinen Hände klebte rötlicher Staub. Du sahst mich ernst an und schienst auf etwas zu warten.

»Was hast du da drin gemacht?«

»Nur geguckt«, sagte ich. Instinktiv tastete ich nach dem stumpfen Messer in meiner Tasche. Du hast die Lippen fest aufeinandergepresst und mich angefunkelt. Ich spürte, wie mein Herz schneller schlug, und umklammerte das Messer. »Ich hab gedacht, wenn ich länger hierbleibe, sollte ich mich mal mit allem vertraut machen«, fuhr ich zitternd fort.

Du nicktest, meine Antwort schien dir zu gefallen. Dann tratst du einen Schritt zur Seite, dass ich an dir vorbeikonnte. So leise wie möglich atmete ich aus.

»Hast du irgendwas Interessantes entdeckt?«

»Jede Menge Linsen.«

»Ich mag Linsen.«

»Gibt überhaupt viel zu essen.«

»Wir werden’s brauchen.«

Ich ging um den Küchentisch herum, weg von dir. Meine Erleichterung machte mich etwas mutiger. »Also gibt’s hier keinen Laden? Keine Möglichkeit, Vorräte zu holen?«

»Nein, das hab ich dir doch erklärt.«

Ich schaute wieder zur Kammer. Wie hattest du das Zeug bloß hierhergeschafft? Und was wäre, wenn ich alles vernichtete? Würdest du dann losfahren, um Nachschub zu besorgen? Ich strich mit der Hand über die Rückenlehne eines Stuhls, der ordentlich unter den Tisch geschoben war.

»Wie lange reicht das?«, fragte ich und betrachtete das Essen. Ich schätzte, es war genug für ein Jahr. Vielleicht auch für länger.

Du zucktest mit den Schultern. »Draußen im Schuppen ist noch mehr«, sagtest du. »Viel mehr.«

»Und wenn das auch verbraucht ist?«

»Das dauert lang. Sehr lang.«

Mir wurde flau. Ich sah, wie du bedächtig den Wasserhahn aufdrehtest, bis ein dünner Wasserstrahl herausströmte.

»Außerdem haben wir noch die Hühner«, sagtest du. »Und wenn du …«, du hast kurz innegehalten und nach dem passenden Wort gesucht, »… dich eingewöhnt hast, können wir einen Walkabout machen und unterwegs Buschnahrung sammeln. Außerdem sollten wir irgendwann ein Kamel einfangen oder am besten gleich zwei, ein Pärchen.«

»Ein Kamel?«

Du nicktest. »Wegen der Milch. Wir könnten wahrscheinlich auch eins erlegen, falls du Fleisch willst.«

»Kamelfleisch? Das ist doch komplett verrückt.«

Ich bemerkte den warnenden Ausdruck in deinen Augen und sah, wie sich deine Schultern anspannten. Darum hielt ich den Mund und umklammerte die Stuhllehne.

Als du dir die Hände gewaschen hast, verfärbte sich das Wasser rötlich braun, wie Blut. Ich sah zu, wie es den Abfluss runterwirbelte. Mit einer Bürste schrubbtest du den Dreck unter deinen Fingernägeln weg. Ich fühlte mich an diesem Tag ein bisschen mutiger, zum ersten Mal, seit ich hier war. Ich wollte mehr über dich wissen, keine Ahnung, warum. Es kam mir auch so vor, als würdest du mich nicht mehr ganz so gnadenlos überwachen. Also ging ich um den Küchentisch und blieb neben der abgesperrten Schublade stehen.

»Warum ist die abgeschlossen?«, fragte ich.

»Zu deiner eigenen Sicherheit. Nachdem das mit dem Handgelenk passiert ist …« Du führtest den Satz nicht zu Ende, sondern wandtest dich wieder dem Waschbecken und deinen Händen zu. »Ich will nicht, dass du dich verletzt.«

»Was ist drin?«

Darauf hast du mir nicht geantwortet. Als ich wieder an der Schublade zu rütteln begann, machtest du stattdessen plötzlich einen Schritt vom Waschbecken zurück, stürztest dich auf mich und packtest mich um die Taille. Du zerrtest mich zurück, quer durch die Küche und den Gang entlang. Ich kreischte und trat wild um mich, aber du zogst mich einfach weiter, bis wir in meinem Zimmer waren. Dort warfst du mich aufs Bett. Schnell kroch ich von dir weg. Ich fummelte nach dem Messer in meiner Tasche. Aber bis ich es draußen hatte, warst du schon durch die Türöffnung verschwunden.

»In einer halben Stunde gibt’s was zu essen«, sagtest du und schlugst die Tür hinter dir zu.

 

 

In dieser Nacht lag ich da und umklammerte das stumpfe Messer, die Laterne neben mir. Die Vorhänge waren geöffnet, der Mond leuchtete ins Zimmer. Eins wusste ich genau: Du würdest mir nichts antun, ohne dass ich mich wehrte.

 

 

Ich beobachtete dich genau, lernte deine Gewohnheiten kennen. Wenn ich von hier wegwollte, musste ich mehr über dich und diesen Ort in Erfahrung bringen. Ich suchte nach Mustern in dem, was du tatst. Die ganze Zeit über hatte ich Angst, an manchen Tagen konnte ich kaum denken vor lauter Panik, aber ich zwang mich, vernünftig zu sein.

Ich benutzte das Messer, das ich mir genommen hatte, um Kerben seitlich ins Bett zu ritzen. Ich wusste nicht genau, wie viele Tage schon vergangen waren, so etwa zehn, schätzte ich. Also machte ich zehn kleine Vertiefungen ins Holz. Ein Außenstehender, der dieses Bett sah, konnte auf die Idee kommen, bei der Zählung ginge es darum, wie oft wir Sex gehabt hatten.

Dein Tagesablauf war einfach. Du standest früh auf, solange es noch kühl war, zu einer Zeit, in der das Licht graublau und schattig wirkte. Nachdem du dich im Bad gewaschen hattest, gingst du nach draußen. Manchmal hörte ich dich in der Nähe der beiden Schuppen hämmern und klopfen, das Echo dieser Geräusche hallte in der Stille wider. An anderen Tagen dagegen hörte ich gar nichts. Ich spitzte angestrengt die Ohren, um das Brummen eines Motors aufzuspüren, lauschte auf ein Auto oder ein Flugzeug, das näher kam. Ich staunte, als mir klar wurde, dass ich mich nach einer Autobahn sehnte. Aber ich hörte nie irgendwas. Es war verrückt, wie still es hier war. Daran war ich nicht gewöhnt. Ein paar Tage lang überlegte ich sogar, ob ich vielleicht einen Hörschaden hätte. Es kam mir vor, als wären alle Geräusche, die mir vertraut waren, einfach abgetrennt und weggeschmissen worden. Im Vergleich zu dem Lärm, der einen in London bombardierte, gab mir die Wüste das Gefühl, taub zu sein.

Nach ein paar Stunden kamst du dann zurück ins Haus. Du kochtest Tee und machtest Frühstück, wovon du mir immer etwas anbotst. Es war ein Haferbrei auf Wasserbasis, mit so was wie gebratenem Fleisch obendrauf. Danach gingst du für den Rest des Tages wieder raus. Ich beobachtete dich, wie du die gut dreißig Meter bis zu dem einen Schuppen zurücklegtest. Die Tür vom Schuppen war immer geschlossen. Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, was du dort drinnen wohl triebst den ganzen Tag über. Vielleicht hattest du da noch mehr entführte Mädchen versteckt. Oder noch Schlimmeres.

Ich fand heraus, wo der dunkelste und kühlste Ort im Haus war: die Ecke im Wohnzimmer direkt neben dem Kamin. Ich setzte mich dorthin und überlegte, wie ich von hier abhauen könnte. Ich war wild entschlossen, nicht aufzugeben. Mir war klar, dass alles zu Ende wäre, wenn ich das tat. Wenn ich aufgab, war ich so gut wie tot.

Du versuchtest mit mir zu reden, wenn du zurück ins Haus kamst, aber das funktionierte nicht besonders gut. Ich konnte allerdings nichts dafür. Schon allein wenn du mich nur ansahst, verkrampfte ich mich und mein Atem ging schneller. Wenn du mit mir sprachst, wollte ich am liebsten laut losschreien. Aber ich stellte mir selbst kleine Aufgaben. Ich zwang mich zum Beispiel, dich genau anzugucken. Oder ich fragte dich irgendwas. Und am Abend vom dreizehnten Tag brachte ich es sogar fertig, mit dir zusammen zu essen.

Es dämmerte, als ich die Küche betrat. Über dem Herd brannte eine schwache elektrische Lampe, eine der wenigen hier im Haus; Nachtfalter und andere kleine Insekten stießen dagegen. Du brauchtest dieses Licht zum Kochen. Vornübergebeugt standst du da, warfst Zutaten in einen Topf, rührtest schnell darin herum. Sonst war das Zimmer nur von Petroleumlampen und Kerzen erhellt, die bewegte Schatten auf die Wände malten. Du lächeltest, als du mich sahst, aber in dem spärlichen Licht wirkte dein Gesicht wie eine Grimasse.

Ich setzte mich an den Tisch. Du legtest mir eine Gabel hin. Ich nahm sie, mit zitternder Hand, und legte sie gleich wieder weg. Ich schaute in die Dunkelheit auf der anderen Seite der Fensterscheibe. Du holtest zwei Schalen und fülltest sie mit Essen. Sorgfältig suchtest du die besten Happen für mich aus. Die Portion war viel zu groß und das Essen roch durchdringend nach weißem Pfeffer. Ich musste husten.

Es war Fleisch drin; vielleicht Huhn, vielleicht auch was anderes. Jedenfalls viel Fett und Knorpel, sogar kleine Knochenstückchen. Ein Bein ragte aus der Mitte hoch. Egal was für ein Tier das war – du hattest es jedenfalls ganz verwendet und nicht bloß Teile davon, das war klar. Auf der Suche nach Gemüse pickte ich mit der Gabel in der Schale herum. Ich fand ein paar kleine, erbsenartige Dinger, die verschrumpelt und hart waren. Meine Hand zitterte immer noch. Vor lauter Zittern schlug ich mit der Gabel andauernd gegen den Rand der Schale. Schließlich entdeckte ich etwas, das wie ein Stück Karotte aussah, und kaute es.

Ich hatte aufgegeben zu hungern. Wenn du mich vergiften wolltest, hättest du das längst getan. Aber das Essen schmeckte mir einfach nicht. Und natürlich merktest du das. Alles, was mit meiner Gesundheit zu tun hatte, fiel dir auf.

»Du isst zu wenig«, sagtest du.

Ich senkte den Blick auf die zitternde Gabel. Meine Kehle war wie zugeschnürt, es fiel mir schwer zu schlucken. Außerdem kam mir dieses Essen vor, als hätte mir jemand den Inhalt von einem Abfalleimer in den Mund gekippt. Aber das sagte ich dir natürlich nicht. Still sah ich zu, wie du dir Gabel für Gabel in den Mund schobst. Deine Art zu essen erinnerte mich an einen Straßenköter. Gierig schlangst du die Mahlzeit herunter, als ob sie das Letzte wäre, was du in den Magen bekämst. Du packtest einen Knochen und hast ihn abgenagt, das Fleisch fetzenweise mit den Zähnen weggerissen. Ich stellte mir vor, wie sich diese Zähne in mich hineingruben und mein Fleisch zerfetzten. Ich schob die Knochen in meiner Schale zur Seite.

Der Mond stieg langsam am Himmel hoch; ein schmaler Lichtstreifen fiel auf den Boden. Ums Haus herum begannen die Grillen mit ihrem Zirpen, das sich endlos wiederholte. Ich malte mir aus, dass ich dort draußen bei ihnen in der Dunkelheit wäre … weit weg von dir. Ich schluckte das restliche Karottengemüse runter und nahm meinen Mut zusammen.

»Was machst du den ganzen Tag?«, fragte ich.

Deine Augenbrauen schossen überrascht in die Höhe. Beinah hättest du dich an einem Bissen Fleisch verschluckt. Ich wünschte mir, du wärst dran erstickt.

»Wenn du nach draußen gehst«, fuhr ich fort, »in den Schuppen da drüben – was tust du da?«

Du legtest den Knochen weg, deine fettverschmierten Wangen glänzten im Kerzenlicht. Mit weit aufgerissenen Augen starrtest du mich an, als hätte dir noch nie im Leben jemand so eine Frage gestellt. Wer weiß, vielleicht war das wirklich noch nie passiert.

»Na ja, ich …«, begannst du. »Sagen wir mal so, ich … bastle was.«

»Darf ich mal gucken?«, sagte ich schnell, bevor ich es mir anders überlegte. Ich schaute wieder zum Fenster. Wenn ich doch nur rauskönnte … Alles war besser, als den ganzen Tag über hier drin zu sitzen.

Du sahst mich lange an. Mit den Fingerspitzen pultest du an den letzten Fleischfasern herum, die noch am Knochen hingen, schobst sie hin und her. Deine Fingerspitzen glänzten fettig.

»Aber du darfst nicht wieder versuchen abzuhauen, wenn du mitkommst«, sagtest du.

»Das werd ich nicht tun«, log ich.

Deine Augenbrauen zogen sich zusammen. »Es ist nur … ich will nicht, dass dir was passiert.«

»Ich weiß. Mach dir keine Sorgen«, log ich weiter.

Du warfst einen Blick in die Dunkelheit hinter der Scheibe, sahst die Sterne an, die jetzt langsam sichtbar wurden. »Ich würde dir gern vertrauen«, sagtest du. »Kann ich das?«

Ich schluckte und überlegte, wie ich dich überzeugen konnte. Das machte mich wütend. Ich hatte absolut keine Lust, mich auf dich einzulassen, egal weswegen, und um etwas bitten wollte ich schon gar nicht.

»Ich weiß doch, dass ich nirgends hinkann«, sagte ich schließlich. »Mir ist klar, dass weglaufen keinen Sinn hat. Ich werd’s nicht noch mal versuchen, das verspreche ich.« Weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass du darauf hereinfielst, fügte ich hinzu: »Außerdem würde ich gern sehen, was du den ganzen Tag über machst.«

Ich bekam sogar ein Lächeln hin, als ich das sagte. Keine Ahnung, wie ich das schaffte, ich muss für einen Moment übermenschliche Kräfte gehabt haben. Meine Augen lächelten allerdings nicht, das war mir klar; sie bohrten sich hasserfüllt in deine.

Trotzdem wurden deine Augen groß wie bei einem Kind. Mit den Fingern pultest du weiter an den Fleischfasern herum. Dann hast du rasch genickt, ein kleines Rucken, das mich an einen Vogel erinnerte. Wahrscheinlich wolltest du mir einfach gern glauben, wolltest denken, dass ich endlich einlenkte. Du drehtest das Gesicht wieder zum Fenster. Ich schluckte meinen Stolz herunter und legte noch mal nach.

»Mach einfach alles wie sonst«, sagte ich. »Ich möchte es nur gern sehen.«

 

 

Das Licht war dünn und grau, als du mich wecktest. Ich hörte dich husten, noch bevor ich die Augen aufschlug. Du standest mit einer Tasse in der Hand neben dem Bett. Ich wich vor dir zurück. Es kam mir so vor, als hättest du schon eine Weile lang so dagestanden und gewartet. Als du die Tasse auf den Nachttisch stelltest, machte das ein dumpfes Geräusch.

»Tee«, sagtest du. »Ich warte in der Küche.«

Diesmal trank ich ihn. Allerdings hattest du ihn so gemacht, wie du ihn mochtest, mit zwei Zuckerstücken. Zu süß. Ich zog mich an, nahm diesmal die beigen Sachen, die du mir gekauft hattest. Sie rochen sauber, ein bisschen nach Kräutern. Ich schnürte die Stiefel zu; sie passten mir perfekt. Dann folgte ich dem Geruch von Brot bis in die Küche. Du hocktest wartend auf einer Holzkiste, die vor der Tür stand und als Stufe nach draußen diente. Ich rieb mir die Arme, denn der leichte Wind, der hereinwehte, war ziemlich kühl. Aber es tat gut, die Welt durch die offene Tür zu sehen, auch wenn sie von Leere erfüllt war. Die Sonne blinzelte über den Horizont, stieg genau in diesem Moment darüber. Ihr Licht schimmerte auf dem Sand hinter dir und dein Körper schien zu glühen … als hätte er eine Art Aura.

»Ich habe Buschbrot gebacken«, sagtest du. »Iss.«

Du zeigtest auf ein paar Brotklumpen, die auf der Arbeitsfläche lagen. Ich nahm einen davon. Er war etwa so groß wie ein Brötchen, aber sonderbar geformt. Und so heiß, dass ich ihn nicht lange in der Hand halten wollte. Stattdessen versuchte ich ihn schnell in den Mund zu schieben und verbrannte mir dabei die Lippen. Du holtest mir ein Glas Wasser.

»Können wir los?«

Ich nickte und trat hinaus ins Sonnenlicht. Die Hitze hielt sich um diese Tageszeit noch in Grenzen, trotzdem begannen mich die Sonnenstrahlen schon im Nacken zu kitzeln. Schwankend stand ich einen Moment lang auf der Holzkiste, legte mir die Hand über die Augen und schaute mich um. Er war so groß, dieser Ausblick, unvorstellbar groß. Ich werde mich nie mehr wirklich an ihn erinnern können. Wie soll man sich an etwas so überwältigend Großes erinnern? Ich glaube, das Gehirn normaler Menschen ist für Erinnerungen dieser Art nicht geschaffen. Es kommt klar mit Telefonnummern oder der Haarfarbe von Leuten. Aber nicht mit solcher Größe.

Du kicktest in den grobkörnigen Sand neben der Kiste. Er war rot, ein dunkles Rot wie von Rost. Es kam mir vor, als wäre er nicht aus verwitternden Felsen entstanden, sondern aus Blut. Mit dem geschmeidigen Sand von Stränden hatte er nicht das Geringste zu tun. Du gingst ein paar Schritte und fuhrst mit dem Finger durch die Staubschicht auf der Hauswand, was eine krakelige Spur auf dem Holz hinterließ. Ich sprang von der Kiste und folgte dir. Auf den paar Metern bis zur Ecke des Hauses fielen mir zum ersten Mal die großen Betonblöcke auf, auf denen es ruhte. Darunter musste es einen dunklen, wahrscheinlich angenehm kühlen Raum geben, gerade groß genug, um reinkriechen zu können. Du gingst in die Hocke und schobst einen Stock in die Lücke zwischen zwei Blöcken.

»Immer noch da«, hast du gebrummelt. »Aber zu weit drin, um sie zu schnappen.«

»Wer?«

»Eine Schlange.«

Ich machte einen Satz zurück. »Was für eine Schlange? Kann sie ins Haus?«

Du schütteltest den Kopf. »Glaub nicht.« Du warfst mir einen Blick zu. »Achte drauf, dass du immer Stiefel trägst, wenn du draußen rumläufst, okay?«

»Warum? Ist es gefährlich hier?«

Du kniffst ein Auge gegen die Sonne zu und sahst mich prüfend an. »Ach was«, sagtest du. »Geht schon in Ordnung.« Du hast dich wieder aufgerichtet; deine Knie waren rötlich braun geworden. »Zieh einfach Stiefel an.«

Du legtest den Kopf gegen die Hauswand und schautest blinzelnd an ihr entlang. Von hier aus wirkte das Haus wacklig und unordentlich, wie ein großer Haufen Treibholz. Du sprangst hoch, packtest den Rand vom Blechdach und hievtest dich nach oben, um eine Reihe von glänzenden Platten anzuschauen.

»Daher kommt unser Strom«, sagtest du. »Und auch das heiße Wasser.«

Ich kniff die Augen zusammen.

»Solarenergie«, erklärtest du, und weil ich immer noch verständnislos guckte, fügtest du hinzu: »Ist doch klar, dass wir hier nicht am Stromnetz hängen.«

»Wieso nicht?«

Du warfst mir einen Blick zu, als wäre ich komplett bescheuert. »Hier draußen hat die Sonne so viel Kraft wie Pluto. Irgendwas anderes als Energiequelle zu verwenden, wäre Schwachsinn. Bloß hatte ich bis jetzt nicht die Zeit, das hier richtig zusammenzubauen.« Du wackeltest an ein paar Drähten herum, die in die Wand hineinliefen, um zu prüfen, ob alles in Ordnung war. »Aber dann kann ich im Haus auch mehr Lampen anschließen, wenn du willst.«

Ich spürte, wie sich Schweißtropfen auf meiner Stirn bildeten. Obwohl es noch früh war, drang die Hitze schon durch mein T-Shirt und ließ meine Achseln kribbeln. Du sprangst zurück in den Sand, mit einem dumpfen Geräusch beim Aufkommen.

»Willst du den Kräutergarten sehen?«, fragtest du.

Du liefst über den Sand zu den beiden Schuppen. Ich folgte dir und suchte dabei die Landschaft ab, nach irgendwas oder irgendwem … nach einem Anzeichen von Bewegung. Du gingst zu einem kleinen umzäunten Areal hinter dem Geländewagen. Der Boden war vor kurzem umgegraben worden.

»Da ist er«, sagtest du. »Allerdings geht’s den Kräutern nicht so besonders.«

Ich betrachtete die vertrockneten Stängel. Sie erinnerten mich an den Kräutergarten meiner Mutter, den sie irgendwann mal in den Terrakottatöpfen auf unserer Terrasse angelegt hatte. Mum war keine gute Gärtnerin.

»Die sind praktisch hinüber«, sagte ich.

Ich ging in die Knie, steckte meine Hände zwischen den Zaunpfählen durch und befühlte die Erde. Sie war hart wie Beton. Letztlich hatte ich mich um Mums Kräutergarten gekümmert und hingekriegt, dass Petersilie und Minze wuchsen … na ja, zumindest bis zum nächsten Winter.

»Es war blöd, ihn hier anzulegen«, sagtest du und zupftest halbherzig an den dürren braunen Stielen. Ein Blatt löste sich und fiel dir in die Hände. Du warfst einen Blick zu den Felsen hinter dem Haus. »Der Garten in den Separates ist besser.«

Auch ich schaute jetzt rüber zu den Felsen. Die Sonne malte Schatten auf sie.

»Was gibt’s da denn noch?«, fragte ich.

»Ein Gemüsebeet, mehr Kräuter, überhaupt viele Sachen zum Essen … Turtujarti-Bäume, Minyirli, Yupuna, Buschtomaten … alles, was man sich wünschen kann. Ab und zu kommen ein paar Schwarzbrustwachteln vorbei und verschwinden wieder. Es gibt auch Eidechsen da … und natürlich Hühner.«

»Hühner?«

»Irgendeiner hat sie in ihrem Käfig am Straßenrand stehenlassen, also hab ich sie mitgenommen. War auf dem Weg hierher. Weißt du nicht mehr, dass sie hinten im Auto waren?« Deine Augen flackerten kurz. »Tja, wohl eher nicht, was? Die waren halb tot und dir ging’s nicht viel besser.« Du zogst einen Flachmann aus deiner Hosentasche und kipptest ein dünnes Rinnsal Wasser auf die vertrockneten Kräuter. Ich hätte dir die Flasche am liebsten abgenommen und ihnen viel mehr Wasser gegeben.

»Das reicht nicht«, sagte ich.

Du warfst mir einen scharfen Blick zu, gabst den Pflanzen aber noch ein paar Tropfen mehr. Dann hast du dich wieder aufgerichtet. »Der Garten in den Separates ist besser«, wiederholtest du. »Da gibt’s Schatten, weißt du? Und Wasser.«

Ich erinnerte mich an den Pfad, den ich zwischen den Felsen entdeckt hatte, und überlegte, was wohl auf der andern Seite sein mochte.

»Können wir dort hingehen?«, fragte ich.

Du warfst mir einen kurzen, kritischen Blick zu, wolltest wohl herausfinden, was ich im Sinn hatte. »Vielleicht morgen.«

Du wandtest dich von den Kräutern ab, gingst ein paar Schritte durch den Sand und schautest in die Ferne – nicht rüber zu den Felsen, sondern auf das endlose rostrote Land. Es lag in Wellen vor uns: eine wogende See von Erde, mit kleinen grünen Sträuchern, die auf der Oberfläche tanzten.

»Es gibt hier niemanden, über Hunderte von Kilometern weit«, sagtest du. »So gut wie keine Menschen. Macht nicht das allein schon alles viel besser?«

Ich schaute dich kurz an. Es hätte ja sein können, dass du bloß einen Witz machen oder mir Angst einjagen wolltest. Aber so war es nicht. Du hattest einen total abwesenden Gesichtsausdruck, dein Blick wirkte verschleiert, als schautest du über den Horizont hinaus in eine noch viel entlegenere Ferne. In diesem Moment hatte ich keine Angst vor dir. Du sahst jetzt aus wie ein Entdecker, der die Landschaft in sich aufnimmt, um seine Route zu planen.

»Wie heißt das hier?«, fragte ich. »Diese Wüste? Hat sie einen Namen?«

Du blinzeltest und deine Mundwinkel zuckten. »Sandy.«

»Was?«

Du drücktest die Lippen aufeinander, um nicht laut loszulachen. Aber du schafftest es nicht. Deine Schultern bebten und du senktest den Kopf Richtung Boden. Dein Lachen war derart laut und tief, dass ich zusammenzuckte. Es rüttelte deinen ganzen Körper durch, bis du dich am Ende in den Sand fallen ließest. Du hast eine Handvoll Sandkörner genommen und sie langsam zwischen den Fingern durchrieseln lassen.

»Ziemlich guter Name, was?«, sagtest du, nachdem du dich wieder beruhigt hattest. »Diese Wüste heißt Sandy Desert, die Große Sandwüste, und genau so ist sie auch: sandig.« Du spreiztest die Finger und der Sand strömte zu Boden wie ein orangefarbener Wasserfall. »Nur ein Haufen von Sandhügeln. Komm und schau’s dir an.«

Ich machte einen Schritt auf dich zu, nur einen. Du nahmst noch eine Handvoll Sand und hieltst sie mir hin, die Körner rieselten dir durch die Finger.

»Dieser Sand hier ist der älteste Sand auf der Welt«, sagtest du. »Der Boden, auf dem ich jetzt sitze, hat Milliarden von Jahren gebraucht, um zu entstehen. Erst mussten die Berge verwittern.«

»Berge?«

»Es gab hier mal einen Gebirgszug, der höher war als die Anden. Das hier ist uraltes Land, heiliges Land, es hat alles gesehen, was es gibt.« Du schobst den Sand zu mir hin. »Spür die Hitze«, sagtest du. »Dieser Sand ist lebendig.«

Ich nahm den Sand. Die Körner brannten auf meiner Haut und ich ließ sie hastig wieder fallen. Schon zum zweiten Mal an diesem Morgen hatte ich mich deinetwegen verbrannt. Du strichst mit den Fingern über die Stelle, wo der Sand hingefallen war, und vergrubst deine ganze Hand darin. Dann machtest du die Augen zu als Schutz vor der Sonne.

»Dieser Sand ist wie ein Schoß«, sagtest du. »Warm und weich, man ist darin geborgen.«

Du vergrubst auch deine andere Hand. Deine Schultern entspannten sich, dein Körper wurde ganz ruhig. Du sahst aus wie sonst nur Leute, die gerade an einem Joint gezogen haben, total weggetreten vor lauter Glück. Es war bizarr. Ich machte einen Schritt zurück, dann noch einen. Du unternahmst nichts dagegen. Einen Augenblick später streiftest du deine Stiefel ab und schobst auch deine Füße in den Sand. Jetzt, wo alle deine Glieder vergraben waren, sahst du wie eine Pflanze aus, die hier im Sand wuchs. Blinzelnd schautest du nach mir.

»Du denkst irgendwas«, sagtest du.

Ich deutete mit dem Kinn auf deine Füße. »Tut das weh?«

»Ach was.« Du schütteltest den Kopf. »Meine Füße sind robust. Hier draußen muss alles robust sein, sonst könnte es nicht überleben.«

Die Sonne brannte auf meinen Nacken. Ich bildete mir ein, links von uns etwas zu sehen, eine Art Schatten ganz weit weg. Vielleicht waren da nur noch mehr Felsen oder es war bloß ein Hitzeschleier. Das Hinschauen tat mir in den Augen weh. Ich ging ein, zwei Meter weiter, um besser sehen zu können, gab aber rasch auf. Egal, was es mit diesem Schatten auf sich hatte, er war unendlich weit weg. Es würde Stunden dauern, vielleicht auch Tage, um auch nur in die Nähe dessen zu kommen, was sich dahinter verbarg.

Ich kniete mich neben eins von den Grasbüscheln, die die Landschaft sprenkelten. Aus der Ferne sahen diese Büschel weich und kissenartig aus, fast wie große Moosballen. Aber als ich jetzt darüberstrich, fühlte sich das Gras stachlig an und zerkratzte meine Haut. Das hier waren die Nadeln gewesen, auf die ich bei meinem Fluchtversuch getreten war, der Grund für meine aufgerissenen Füße.

Ich spürte deine Bewegungen in meinem Rücken und hörte dich schlucken. Das erinnerte mich an unsere Begegnung auf dem Flughafen. Da warst du mir so nah gewesen, dass du mich im Gesicht berühren konntest. Diesmal setzte ich mich weg. Als ich hochsah, hattest du tatsächlich die Hand ausgestreckt und wolltest mich anfassen.

»Nicht«, sagte ich. »Bitte.«

Stattdessen berührtest du die Pflanze. Deine Finger bewegten sich sacht über ihre langen, nadelförmigen Halme. Dir schien die Pflanze nichts anzuhaben.

»Spinifexgras«, sagtest du. »Wenn es total trocken wird, rollt es einfach seine Halme ein. Zieht sich in sich selbst zurück.« Du warfst mir einen Blick zu; deine Augen wirkten im Sonnenlicht ganz blass. »Ziemlich gute Überlebensstrategie, was?«

Ich wollte dir nicht in die Augen schauen, darum suchte ich wieder die Schatten ein Stück entfernt. Die Hitze ließ die Luft über dem Boden flirren, alles sah zittrig und unwirklich aus … Mir wurde übel.

 

 

Du liefst zu den Schuppen hinüber. Ich blieb kurz beim Wagen stehen und linste durchs Fenster, um herauszufinden, ob du den Autoschlüssel vielleicht stecken gelassen hattest. Vom Staub auf der Tür wurden meine Kleider orange, als ich mich dagegenlehnte. Unter dem Staub war der Wagen weiß. An den Fensterrahmen nagte der Rost, auf der Rückbank stand ein Fass, wahrscheinlich Benzin, und auf dem Vordersitz lag ein zerknittertes Kleidungsstück. Unter dem Armaturenbrett gab es zwei Schaltknüppel. Ich legte meine Hand auf einen der warmen, wuchtigen Reifen.

Du wirktest gelangweilt, als ich zu dir kam. »Ich weiß nicht, warum du’s immer noch versuchst«, sagtest du. »Du kommst nicht von hier weg.«

Du zogst einen Schlüssel aus der Hemdtasche und stiegst auf die Kiste am Eingang des Schuppens. Der Schlüssel klackte, als du ihn ins Schloss stecktest. Bevor du die Tür aufmachtest, hieltst du inne.

»Ich will dich da nicht mit reinnehmen, wenn du nicht bereit bist«, hast du mit fester Stimme gesagt.

Die Tür klemmte und quietschte beim Öffnen. Der Raum im Innern wirkte dunkel und leer. Ein Stück weiter drinnen konnte ich schattenhaft ein paar Gegenstände ausmachen, das war alles. Auf einmal wollte ich nicht mehr hier sein. Ich erstarrte, mein Atem ging schneller. Ich hatte plötzlich ein Bild vor Augen, dass du mich hier in diesem Raum, in dieser Dunkelheit umbringen würdest … und meine Leiche hier verrotten lassen würdest. Das sonderbare Lächeln in deinem Gesicht wirkte, als hättest du das tatsächlich vor.

»Ich weiß nicht …«, begann ich, aber da hast du mich an den Schultern gepackt und mich hineingestoßen.

»Das gefällt dir bestimmt.«

Ich fing an zu schreien. Du hieltst mich fest im Griff deiner starken Arme. Ich wehrte mich, versuchte von dir loszukommen. Aber du hattest mich mit der Kraft einer Pythonschlange umklammert und schlepptest mich tiefer hinein in den Raum. Es war so dunkel hier.

»Beweg dich nicht!«, riefst du. »Halt still. Du machst noch alles kaputt.«

Ich biss dich in den Arm und spuckte dich an. Irgendwie schaffte ich es, dass sich dein Griff lockerte. Ich fiel hin und knallte hart auf die Knie. Du schnapptest meine Schulter und drücktest mich runter, hieltst mich mit aller Kraft dort fest.

Du warst hysterisch, deine Stimme überschlug sich. Ich tastete am Boden herum, versuchte irgendwas in die Finger zu kriegen, an dem ich mich festhalten und von dir wegziehen konnte.

»Tu mir nichts«, kreischte ich.

Ich schlug um mich. Meine Faust prallte hart gegen irgendwas. Du stöhntest. Und dann hast du mich urplötzlich losgelassen. Ich rappelte mich auf und rannte taumelnd in die Richtung, in der die Tür nach draußen sein musste.

»Bleib stehen. HALT!«

Ich stolperte über etwas und fiel wieder hin. Da war irgendwas Feuchtes, Klebriges, direkt an der Stelle, wo ich hingefallen war, ich spürte es an den Handflächen. Ich krabbelte einfach weiter, aber es hörte nicht auf. Der ganze Untergrund war nass. Und dann war da noch alles Mögliche andere … irgendwas Hartes, irgendwas Spitzes, Scharfes, Sachen, die an meinem Bein scharrten. Und weiche Bündel aus Stoff. Sie fühlten sich wie Kleidung an, wie die Klamotten von all den andern Mädchen, die du hier vielleicht schon getötet hattest. Das klebrige Zeug ging mir jetzt bis zu den Ellbogen. Es kam mir vor wie Blut. Hattest du mich irgendwie verletzt, ohne dass ich es gemerkt hatte? Ich berührte meine Stirn.

»HALT! Bitte, Gemma, bleib einfach, wo du bist!«

Ich weinte und schrie und versuchte wegzukommen. Auch du hast gebrüllt. Ich hörte, wie du auf der Suche nach mir durch den Raum tobtest. Gleich würde ein Messer in meine Schulter fahren oder eine Axt würde mir den Schädel spalten. Ich fasste mich immer wieder an und prüfte, ob du mich schon erwischt hattest. Ich langte mir an die Kehle. Wo die Tür war, wusste ich schon längst nicht mehr. In der verzweifelten Hoffnung, irgendwas zu finden, womit ich mich verteidigen könnte, glitt ich über den Boden, tastete mich an ihm entlang. Meine Schuhe rutschten auf dem nassen Boden aus.

Du zogst die Vorhänge zurück. Und dann sah ich es.

 

 

Es gab hier keine leblosen Körper. Keine Toten. In dem einen Raum dieses Schuppens gab es nur uns beide. Und die Farben.

Ich saß mittendrin. Staub und Erde, Pflanzen und Steine bedeckten den Boden um mich herum. Meine Arme waren voller Blut. Zumindest glaubte ich das im ersten Moment. Alles war rot, meine Kleider waren rot verschmiert. Ich berührte meinen Unterarm. Er tat nicht weh, überhaupt nichts tat mir weh. Ich hob den Arm an meine Nase. Er roch nach Erde.

»Das ist Farbe«, sagtest du. »Aus Steinen gemacht.«

Ich wirbelte herum und fand dich. Du warst zwischen mir und der Tür. Dein Gesicht war verzerrt, dein Mund wirkte angespannt und wütend und du sahst mich mit dunklen, wilden Augen an. Ich fing an zu zittern. Ich kroch rückwärts und tastete hinter mir nach etwas Festem, mit dem ich dich auf Abstand halten konnte, aber ich fand nichts außer kleinen Zweigen und Spinifexhalmen. Ich bewegte mich immer weiter nach hinten, bis ich gegen die Wand stieß. Dort wartete ich und versuchte zu erahnen, was du als Nächstes tun, in welche Richtung du dich bewegen würdest. Mein Atem ging keuchend und in Stößen. Ich fragte mich, wie fest ich im Notfall zutreten konnte. Würde ich es an dir vorbei zur Tür hinaus schaffen?

Du hieltst mich fest im Blick. Du warst wilder, als ich dich je erlebt hatte, dabei aber unbeweglich wie ein Fels. Dein ganzer Zorn lag in deinem angespannten Gesicht. Zwischen uns war nur das Geräusch meines Atems, der immer schneller ging. Deine Hände waren zu Fäusten geballt. Ich sah die Adern, die aus deinen Handrücken hervortraten, sah die weiß verfärbten Fingerknöchel.

Deine Augen waren fest zugekniffen, als wolltest du etwas in dir zurückhalten, irgendein heftiges Gefühl. Auf einmal hast du dir die Fäuste ins Gesicht gedrückt, dir die Knöchel in die Augenhöhlen gepresst. Dann stöhntest du auf, ein Geräusch, das tief unten aus deiner Brust drang. Aber die Tränen kamen trotzdem. Still sind sie dir übers Gesicht gelaufen und über den Unterkiefer geglitten.

Ich hatte noch nie einen Mann weinen sehen, höchstens im Fernsehen. Ich hatte noch nicht mal erlebt, dass mein Vater kurz davor gewesen wäre. Diese Tränen sahen so seltsam aus an dir. Es war, als würde deine ganze Kraft aus dir herausrinnen. Vor lauter Überraschung hörte ich auf, mich so schrecklich zu fürchten. Ich atmete tief durch und schaute mich im Raum um. Die Wände waren mit breiten Farbbändern bedeckt. Pflanzenteile, Blätter und Sand klebten darauf.

Du machtest einen Schritt auf mich zu und sofort heftete ich meinen Blick wieder auf dein Gesicht. Du bist auf die Fersen gesunken. Du bewegtest dich nicht in den Bereich, in dem ich war; in diese sandige, klebrige Gegend. Du bliebst am Rand, sahst alles an … sahst mich an. Deine Augen waren jetzt stechend blau und wirkten immer noch wild.

»Du sitzt in meinem Bild«, sagtest du schließlich. Du beugtest dich vor und berührtest ein Blatt. »Ich habe das alles gemacht.« Du fuhrst mit dem Finger am Rand des Blatts entlang, streicheltest den Sand. »Da waren Muster und Formen, alle aus dem Land gemacht …« Beim Betrachten des Schadens, den ich angerichtet hatte, wurde dein Gesicht wieder hart und zornig. Doch irgendwann hobst du die Schultern und ließest sie mit einem Seufzer wieder sinken. »Allerdings könnte man auch sagen, du hast das Muster einfach nur verändert … Vielleicht ist es jetzt sogar noch besser. Du bist ein Teil davon geworden.«

Ich nahm die Spur wahr, die ich auf meinem Weg über den Boden hinterlassen hatte, sah die Farbe, die ich überall verteilt hatte. Schwankend kam ich wieder auf die Füße. Ein Bündel Zweige fiel mir aus dem Schoß. Ich blickte in dein Gesicht mit den blutunterlaufenen Augen und den Tränenspuren, mit dem verkrampften Kiefer. In diesem Moment sahst du verrückt aus; wie ein Geisteskranker, der sich weigert, seine Medikamente zu nehmen. Innerlich ging ich Sätze durch, überlegte, was ich sagen könnte, um von hier wegzukommen, ohne dich noch mehr in Aufregung zu versetzen. Einerseits wollte ich unbedingt zur Tür, andererseits musste ich verhindern, dass du komplett durchdrehtest. Wie ging man bloß mit einem Wahnsinnigen um? Aber am Ende warst du derjenige, der unser Schweigen brach.

»Ich wollte dir keine Angst einjagen«, sagtest du, nun wieder mit ausgeglichener, vernünftiger Stimme. »Ich war bloß so in Sorge um mein Bild. Ich habe … sehr lange da dran gearbeitet.«

»Ich hab gedacht, du würdest … du wolltest …« Was ich mir vorgestellt hatte, war zu grausig, um es auszusprechen.

»Ich weiß.« Du fuhrst dir mit der Hand durch die Haare, die teilweise rot wurden von dem Sand an deinen Fingern. Du wirktest sehr ernst. Dein Gesicht war jetzt müde und leer, deine Stirn lag in Falten.

»Entspann dich«, sagtest du. »Bitte, entspann dich einfach. Nur dieses eine Mal. Wir können so nicht weitermachen. Vertrau einfach darauf, dass alles gut so ist.«

Du sagtest das ganz aufrichtig, als wolltest du wirklich nur das Beste für mich. Ich machte ein paar Schritte quer durch dein seltsames Bild und kam ziemlich nah an dich heran, näher, als ich es wollte.

»Okay«, sagte ich. Wieder begann ich am ganzen Körper zu zittern. Ich konnte mich kaum aufrecht halten. Trotzdem musste ich zusehen, dass meine Stimme leicht und freundlich klang. So viel wusste ich über den Umgang mit Verrückten. Solange nur der Tonfall stimmt …

Ich nahm meinen Mut zusammen und blickte dir direkt in die Augen. Sie waren geweitet und nicht mehr ganz so rot. »Lass mich einfach gehen«, sagte ich. »Nur kurz, für eine kleine Weile. Das geht schon in Ordnung.« Ich bemühte mich, meine Stimme beruhigend klingen zu lassen und dir ein Ja abzuringen. Noch mal blickte ich Richtung Tür. Dir liefen jetzt wieder die Tränen übers Gesicht. Du wichst meinem Blick aus und legtest deine Stirn auf einen der Sandhaufen. Der rote Staub heftete sich auf deine nassen Wangen. Geräuschvoll schlucktest du die Tränen runter. Dann fegtest du einen Teil des Sandes so zusammen, dass er eine ordentliche Linie bildete, und verbargst das Gesicht in deinen Händen.

»Gut«, sagtest du schließlich leise – so leise, dass ich zuerst glaubte, du hättest gar nichts gesagt. »Ich werde dich nicht aufhalten. Ich rette dich nur, falls du dich verirrst.«

Ich wartete nicht ab, ob du das noch mal sagen würdest. Ich ging an dir vorbei. Ich war total angespannt, weil ich Angst hatte, du würdest mich packen, würdest deine stahlharten Finger in meinen Oberschenkel graben. Aber du bewegtest dich überhaupt nicht.

Die Tür ließ sich ohne Probleme öffnen. Ich drückte die Klinke hinunter und machte einen Schritt ins unerbittlich heiße, gleißende Sonnenlicht. Hinter mir hörte ich dich leise schluchzen.

 

 

Ich rannte los, an dem zweiten Schuppen vorbei und auf die Felsen der Separates zu. Ich schaute immer wieder zurück, aber du folgtest mir nicht. Schon nach ein paar Metern war ich total verschwitzt. Ich sprang über Spinifexbüschel und stolperte über vertrocknete Wurzeln, die aus dem Boden ragten. Zum Glück hatte ich die festen Stiefel an.

Als ich zu den Felsblöcken kam, wurde ich langsamer. Wieder fielen mir die Holzpflöcke auf, die um sie herum in gleichmäßigem Abstand in den Boden gerammt waren, und die Leitung aus Kunststoffrohren, die vom Haus hierherführte. Ihr wollte ich folgen. Ich blickte auf die Spalte im Fels, in der die Rohrleitung verschwand. Diese Lücke war mir von der Veranda aus wie ein Pfad vorgekommen. Aber war das wirklich der richtige Weg? Wenn es nur darum ging, auf die andere Seite zu kommen, konnte ich auch am Rand der Felsen entlang- und um sie herumgehen statt zwischen ihnen hindurch. Dann würde ich allerdings das Rohr aus den Augen verlieren. Und ich war immer noch davon überzeugt, dass dieses Rohr Teil eines größeren Wasserversorgungsnetzes sein musste und mich zu einem Gebäude auf der andern Seite führen würde.

Ich hörte irgendwo in der Nähe der Schuppen etwas scheppern und traf schnell eine Entscheidung. Ich würde der Rohrleitung folgen.

Der Pfad war steinig und uneben und er wurde immer schmaler. Dabei war es hier drinnen sofort kühler, als würden die Steine Kälte abstrahlen. Es dauerte einen Augenblick, bis sich meine Augen an das Dämmerlicht zwischen den hoch über mir aufragenden Felsen gewöhnt hatten. Der Pfad wurde so schmal, dass ich mit einem Fuß rechts und einem links vom Rohr laufen musste. Bald kam es mir so vor, als ob die Felswände immer näher auf mich zurückten. Bald würden sie mich zerdrücken, wie man eine Blume zwischen Buchseiten presst. Ich streckte die Arme aus und legte die Handflächen auf das kühle, trockene Gestein, als könnte ich es von mir wegschieben. In meiner Hast stolperte ich immer wieder über das Rohr und musste mich abstützen, um nicht hinzufallen. Der Pfad verengte sich noch mehr, aber ich konnte jetzt Licht am Ausgang erkennen. War das schon die andere Seite?

Noch ein paar Meter, dann war ich da. Aber es war nicht das Ende. Der Pfad öffnete sich stattdessen zu einer Lichtung. Hier war es wieder heller, Sonnenlicht drang grün schimmernd durch die Pflanzen, die dort wuchsen. Ich blieb stehen. Die Lichtung war in etwa so groß wie ein geräumiges Zimmer. An ihrem Rand gab es dichte Büsche und Bäume, die zum Teil die Felswände hinaufrankten und sich über ihnen in der Höhe ausbreiteten. Außerdem entdeckte ich in der Lichtung noch mehr kleine Wege, die tiefer in die Felslandschaft hineinführten. Das alles unterschied sich unendlich von dem kahlen, offenen Land draußen, es war eine komplett andere Welt. Und für mich war es das erste Fleckchen Grün seit ewigen Zeiten.

Ich machte ein paar Schritte in die Mitte der Lichtung. Die Rohrleitung führte nach rechts und mündete in einen der etwas breiteren Pfade. Direkt davor standen Käfige. Die Hühner! Als ich mich auf sie zubewegte, fingen sie an zu gackern. Ich kniete mich hin und spähte durch das Drahtgitter. Ich zählte sechs Hühner, die so dürr waren, dass sie fast wie Lumpen aussahen. Daneben stand noch ein Käfig mit einem Hahn darin. Ich steckte die Finger durchs Gitter und streichelte seine schwarzen Schwanzfedern.

»Armer Kerl«, wisperte ich.

Ich zerrte an dem robusten Metalldeckel des Hühnerkäfigs herum, bis er aufging. Dann steckte ich die Hand hinein und suchte tastend nach Eiern, die ich mir für unterwegs mitnehmen könnte. Aber es gab keine. Ich überlegte, ob ich die Tiere freilassen sollte, aber ich wollte vermeiden, dass sie gackernd zu dir liefen und verrieten, welchen Weg ich gegangen war.

Hinter den Hühnerkäfigen wuchsen die Pflanzen besonders dicht. Seltsame gelbliche Beeren hingen an den Ästen und kleine, apfelförmige Knubbel guckten durch das Blattwerk.

Ich warf einen Blick zurück zum Pfad, den ich gekommen war. Ich nahm mir zu viel Zeit; du konntest jeden Moment hier auftauchen. Also ließ ich das mit den Hühnern. Je schneller ich durch die Lichtung kam, desto besser.

Ich ging immer der Leitung nach. Der Weg, an dem sie entlanglief, war breiter und nicht so uneben wie der andere, aber ich musste zum Teil durch dichtes Gras. Ich dachte an Schlangen. Was sollte ich tun, falls ich eine entdeckte? Ich hatte mal einen Film gesehen, in dem ein Mann seinen Arm nach einem Schlangenbiss mit einem Seil abgebunden hatte, aber weil er zu fest zugezogen hatte, musste der Arm später amputiert werden. Ich versuchte den Gedanken wegzuschieben; er war in meiner Situation nicht gerade hilfreich. In der Hoffnung, dass die Richtung ungefähr stimmte, lief ich weiter. Es kam mir vor, als würde ich in direkter Linie auf die andere Seite zuhalten. Die Sonne stand senkrecht über mir und knallte mit aller Macht auf mich herunter, trotzdem war die Hitze nicht so erdrückend wie vorm Haus. Die Vegetation wurde immer dichter. Zwischen den Felsen war es überhaupt nicht wüstenmäßig. Ich war noch nicht lange gelaufen, da öffnete sich der Pfad zu einer weiteren Lichtung. Diese hier war kleiner als die erste und noch dichter mit Pflanzen bewachsen. Ich folgte dem Rohr, das sie durchquerte.

Das Wasserloch war ganz von Büschen und Bäumen verdeckt, so dass ich beinahe hineingestolpert wäre. Aber ein dicker Ast fing mich gerade noch rechtzeitig auf.

Ein Felsblock ragte übers Wasser und schirmte es gegen die Sonne ab. Am hinteren Ende gab es direkt über der Oberfläche eine Höhle mit einer moosbewachsenen Öffnung. In diesem dunklen Loch konnte sich alles verbergen. Schlangen, Krokodile … Leichen. Ein Schauer überlief mich.

Ich klammerte mich an den Ast des Baums und starrte zu der Höhle hin. Irgendwo über mir zwitscherten Vögel, doch ich hörte sie kaum. Das Wasser wirkte tief und dunkel, aber es war klar. Ich konnte den Sand und die Wasserpflanzen am Boden erkennen. Mir hätte schon viel früher bewusst sein müssen, dass es hier irgendwo Wasser gab. Wie hätten sonst die vielen Bäume wachsen können? Vom Regen allein bestimmt nicht.

Ich kniete mich an den Rand und steckte einen Finger in den Tümpel, schnappte nach Luft und zog ihn gleich wieder zurück. Das Wasser war kalt, es kam mir eisig vor. Ich wollte reinspringen … einfach reinspringen in diesen Tümpel und ihn leer trinken. Aber ich hockte einfach nur auf den Fersen und glotzte das Wasser an. Ich war so blöd. Da saß ich nun und trank trotzdem keinen Tropfen, obwohl ich kurz vorm Verdursten war. Ich wusste einfach nicht, ob es okay war, davon zu trinken, denn ich hatte keine Ahnung, was drin war. Mir ging der Fernsehfilm nicht aus dem Sinn, in dem irgendein Abenteurer Wasser aus einem Fluss trinkt und dabei einen winzigen Fisch verschluckt, der ihn dann von innen aufzufressen beginnt. Am Ende steckt ein Arzt einen langen Schlauch in ihn hinein, um das Viech wieder rauszukriegen. Aber hier gab es keine Ärzte. Und ich wollte wirklich keinen Fisch in mir drin haben, also ließ ich das mit dem Wasser bleiben. Ich stand wieder auf und lief um das Wasserloch. Ich wollte wissen, wo die Rohrleitung am andern Ende wieder rauskam.

Aber sie kam nirgends raus. Das Rohr hörte unter Wasser auf, es führte nirgendwohin. Ich fuhr mir mit der Hand durch die Haare, während ich mich umschaute. Anscheinend hattest du die Wahrheit gesagt. Hier gab es keine andern Häuser, die mit dem gleichen Wasser versorgt wurden.

Ich stapfte durch die kleine Lichtung und suchte nach einem Weg, der von hier wegführte und mich auf die andere Seite der Felsen brachte. Es gab tatsächlich noch zwei Pfade, aber sie waren kleiner und schmaler und außerdem ziemlich zugewachsen. Vorsichtig tappte ich den größeren der beiden entlang. Die Angst vor Schlangen, die ich vorhin gehabt hatte, war gar nichts gegen das, was ich auf diesem Pfad erlebte. Zeitweise ging mir das Gras bis zu den Knien und immer wieder bewegte sich irgendwas darin, andauernd raschelte es rings um mich herum. Ich bildete mir ein, irgendwas in den Felsen auf Höhe meiner Hände zu sehen: irgendwas, das davonschlängelte. Fliegen surrten laut um meinen Kopf und verfingen sich in meinen Haaren. Ich ging immer weiter, bis der Pfad in eine Sackgasse führte. Ein Fels versperrte den Weg, ich musste umkehren. Ich versuchte es mit dem zweiten, schmaleren Pfad, aber auch der wurde bald viel zu eng.

Also ging ich zurück zu der großen Lichtung, aber die Wege, die von hier abgingen, waren auch nicht besser. Ich verhedderte mich immer mehr im Labyrinth der Felsen. Ich könnte nicht sagen, wie viel Zeit ich damit verbrachte, einen Weg nach draußen zu suchen. Es kam mir vor wie eine Ewigkeit, doch hier drin verlor man jedes Zeitgefühl. Immerhin war mir jetzt klar, dass du mir nicht gefolgt warst. Noch nicht. Ich klammerte mich verzweifelt an die Hoffnung, du würdest glauben, dass ich woandershin gelaufen war. Ich probierte es mit einem Pfad, der noch schmaler war als die bisherigen, und machte mich so dünn wie möglich, um mich zwischen den Felsen durchzuquetschen. Als ich am Ende wieder auf der Hauptlichtung landete, wurde mir klar, dass ich die ganze Zeit im Kreis gegangen war.

Das war der Moment, in dem ich endlich zu mir kam und meinen Geistesblitz hatte.

 

 

Direkt neben einem Felsen wuchs ein hoher Baum mit weißer Rinde und dicken, kräftigen Ästen. Daran zog ich mich hoch. Als Kind war ich immer gern auf Bäume geklettert, auch wenn ich es nicht so oft getan hatte, wie ich gewollt hätte. Mum hatte immer Angst, ich könnte runterfallen. Es war seltsam, wieder auf einem Baum zu sein, und zuerst war ich mir unsicher, wo ich meine Füße hinsetzen sollte. Aber bald hatte ich den Dreh wieder raus. Ich schlang die Arme um den Stamm und zog mich immer weiter nach oben. Nur als direkt vor mir eine kleine braune Spinne weghuschte, machte ich halt. Danach brauchte ich meine ganze Willenskraft, um weiterzuklettern.

Oben anzukommen war allerdings frustrierend. Überall Zweige und Blätter, die mir die Sicht versperrten. Ich atmete tief ein, schloss Mund und Augen und versuchte die Zweige wegzuschieben. Dabei regnete alles mögliche Zeug auf mich herunter. Ich wollte lieber gar nicht erst wissen, was das alles war, darum fegte ich es, ohne genauer hinzuschauen, weg. Aber ich merkte trotzdem, dass Insekten auf mir herumkrabbelten, spürte ihre Beine in meinen Haaren. Ich klammerte mich an die Zweige ganz oben, stellte einen Fuß auf die Felsoberfläche und stemmte mich hoch.

Dann blickte ich nach draußen.

Ich hielt mir die Hand über die Augen. Es war nichts zu sehen als Sand und Weite und Horizont. Indem ich mich an den Zweigen festhielt, schaffte ich es, mich zu drehen, wobei ich mir das Bein am Felsen aufschürfte. Aber es gab keine Gebäude auf der andern Seite, keine Städte … nicht mal eine Straße. Es sah dort haargenau so aus wie um das Haus herum. Weit, flach und vollkommen leer. Am liebsten hätte ich geschrien – wahrscheinlich habe ich es nur darum nicht getan, weil ich Angst hatte, dass du mich hörst. Wenn ich eine Pistole gehabt hätte, hätte ich mich erschossen.

Ich ließ mich zurück in die Baumkrone sinken, legte den Kopf auf einem Ast ab und drückte mir die Handballen gegen die Augen. Dann schlang ich die Arme um den Ast und presste mein Gesicht in die Rinde. Sie war rau und zerkratzte meine Wange, aber ich drückte mich immer weiter dagegen und versuchte mein Schluchzen in den Griff zu kriegen.

Es hört sich verrückt an, aber in diesem Moment konnte ich an nichts anderes denken als an meine Eltern am Flughafen. Was hatten sie gedacht, als ich nicht rechtzeitig zum Abflug aufgekreuzt war? Was hatten sie in der Zwischenzeit wegen mir unternommen? Ich schmiegte mich an die Rinde und wollte mich an das zurückerinnern, was wir als Letztes zueinander gesagt hatten. Aber es fiel mir nicht mehr ein. Und da musste ich noch mehr weinen.

 

 

Ich hatte mich fast wieder beruhigt, da hörte ich das Auto. Rasch hangelte ich mich wieder hoch zur Baumspitze und auf den Felsen. Beinah verlor ich das Gleichgewicht, als ich nach einem Ast griff. Erst suchte ich den Horizont ab, dann die Gegend direkt um die Felsgruppe herum. Da! Unterhalb von mir tauchte dein Wagen auf.

Ich brauchte eine Weile, bis ich kapierte, was du da machtest. Zuerst dachte ich, dort wäre schon immer ein Zaun gewesen. Dann wurde mir klar, dass du ihn aufstelltest, genau in diesem Augenblick. Mir wurde ganz flau. Deshalb warst du mir also nicht gefolgt – weil du die ganze Zeit über die Separates umkreist hattest, um mich dort einzusperren, weil du eine Falle für mich bautest, wie für ein Tier. Ich hatte mich so in meine Suche nach einem Weg durch die Felsen vertieft, dass ich nicht mal das Motorengeräusch gehört hatte.

Ich sah zu, wie du den Zaun aufstelltest. Du hattest eine große Rolle dabei, anscheinend Maschendraht, und wenn du zu einem von den Pfosten kamst, die ich im Boden hatte stecken sehen, nageltest du ihn daran fest. Du warst schnell, brauchtest nur ein paar Minuten pro Pfosten, dann fuhrst du schon zum nächsten und rolltest dabei den Maschendraht weiter aus. Anscheinend warst du fast fertig. Ich war schon eingezäunt.

Ich lehnte mich gegen den Felsen. Hier oben über den Bäumen brannte mir die Sonne heiß ins Gesicht und ich war auf einmal komplett am Ende. Ich schloss die Augen und versuchte alles auszublenden.

Als ich sie wieder aufmachte, stand der Wagen mit offener Fahrertür auf der Gegenseite des Zauns und deine Stiefel ruhten auf dem Rahmen des heruntergelassenen Fensters. Ich sah Zigarettenrauch aufsteigen.

Ich hielt mich an den Zweigen fest und blickte zurück zum Haus, betrachtete das trostlose Land rundherum. Ein leichter Wind wirbelte Pflanzenteilchen herum. Weit in der Ferne konnte ich wieder diese hügelartigen Schatten sehen. Sie waren furchtbar weit weg, aber trotzdem gaben sie mir einen winzigen Funken Hoffnung. Abgesehen davon war der Felsvorsprung, auf dem ich stand, die einzige Anhöhe weit und breit. Zum ersten Mal überhaupt fragte ich mich, wie du diesen Ort wohl gefunden hattest. Gab es hier wirklich überhaupt keine anderen Menschen? Waren da wirklich nur wir? Vielleicht hatten alle Wüstenforscher auf halber Strecke aufgegeben oder waren gestorben. In dieser Landschaft überleben zu können, war geradezu verrückt. Sie wirkte, als läge sie auf einem anderen Planeten und nicht auf der Erde.

Ich merkte, wie mein Hals eng wurde, und am liebsten hätte ich gleich wieder losgeheult. Aber ich verbot es mir; ich musste stark sein, sonst würde ich auf diesem Baum sitzen bleiben, bis ich irgendwann vor Hunger oder Durst starb. Dad hatte mal gesagt, zu verdursten sei der schmerzhafteste Tod überhaupt. Angeblich spaltet sich die Zunge des Verdurstenden und nach und nach versagen die inneren Organe … sie blähen sich und brechen irgendwann auf. Das wollte ich nicht.

Darum beschloss ich, zur großen Lichtung zurückzukehren. Ich würde warten, bis es dunkel war, und mich dann zu dem Zaun schleichen; vielleicht konnte ich ja irgendwie darüberkommen oder untendrunter durch. Das war bestimmt nicht allzu schwierig. Dann würde ich zurück zum Haus laufen, mir Vorräte und Kleidung holen, falls ich das hinbekam, und natürlich auch Wasser – und schließlich in die Wüste aufbrechen, zu den Schattenhügeln in der Ferne. Irgendwann würde ich schon eine Straße oder eine Piste oder irgendwas in der Art finden. Das konnte gar nicht anders sein.

 

 

Es wurde kalt, noch bevor es dunkel wurde. Schon lange bevor der Mond aufging, zitterte ich vor Kälte. Ich krümmte mich zusammen und schmiegte mich mit klappernden Zähnen dicht an die Felsen.

Ich hatte noch nie eine Nacht im Freien verbracht. Mir war klar, dass es hier nachts viel kälter war als tagsüber, sogar im Haus hatte ich spüren können, wie die Temperatur fiel. Trotzdem hatte ich diese Art von Kälte nicht erwartet. In diesem Moment fühlte es sich kälter an als jede Winternacht daheim. Verrückt, dass die Wüste tagsüber irre heiß war und in der Nacht dann irre kalt. Vermutlich liegt es daran, dass die Wolken fehlen – es gibt nichts, was die Hitze hält. Sie verschwindet einfach, genau wie der Horizont. Wahrscheinlich war es darum auch so hell in dieser Nacht: Nichts konnte den Mond verbergen.

Darüber war ich froh. Es bedeutete, dass ich meinen Weg durch die Felsen ziemlich leicht finden würde. Und es bedeutete, dass ich den Boden nach schlangenförmigen Schatten absuchen konnte. Ich begann hin- und herzulaufen, um halbwegs warm zu bleiben. Aber irgendwann konnte ich nicht mehr länger warten. Ich tappte auf dem schmalen Pfad, auf dem ich gekommen war, zurück zum Rand der Separates.

Von dort aus betrachtete ich den Zaun, den du gebaut hattest. Er war ziemlich hoch, sah aber nicht besonders stabil aus. Ich rieb mir die Arme. Mir war so kalt, dass ich kaum an was anderes denken konnte. Du machtest anscheinend Kontrollrunden mit dem Auto, denn ich hörte das Motorengeräusch deines Wagens immer wieder näher kommen. Wobei eines ziemlich gut war für meinen Plan: Ich konnte dich schon hören, wenn du noch ewig weit weg warst. Aber meine Zähne klapperten inzwischen so laut, dass ich Angst hatte, du könntest mich auch hören. Ich fragte mich, was du dachtest. Ob du wohl genau wusstest, wo ich war?

Ich schlang die Arme ganz fest um mich und sah hoch zu den Sternen. Wäre mir nicht so kalt gewesen und hätte ich nicht unbedingt von hier fortgewollt, dann hätte ich Ewigkeiten lang schauen wollen: Diese Sterne waren ungeheuer schön, so dicht und hell. Meine Augen liefen Gefahr, sich am Himmel zu verirren, wenn ich noch länger hinschaute. Zu Hause war es schon ungewöhnlich, wenn man trotz Luftverschmutzung und greller Großstadtlichter überhaupt irgendwelche Sterne zu Gesicht bekam. Aber hier in der Wüste waren sie unübersehbar, überwältigend. Es kam mir vor, als könnten sie mich verschlucken. Sie wirkten wie hunderttausend winzige Kerzen und jede strahlte Hoffnung aus. Sie zu sehen, gab mir das Gefühl, dass alles wieder in Ordnung käme.

Ich wartete, bis du das nächste Mal an mir vorbeifuhrst, dann kam ich aus meinem Versteck am Felsen. Als ich die Schultern vom Stein hinter mir löste, war ich überrascht von der plötzlichen Kälte an meinem Rücken. Offenbar hatten die Felsen in den vielen hellen Stunden die Wärme gespeichert und gaben sie nun ab. Ich machte ein paar Schritte hinaus in den Sand.

Sofort fühlte ich mich schutzlos, als wäre ich nackt und du würdest jede meiner Bewegungen verfolgen. Schnell rannte ich zum Zaun, mit gesenktem Kopf. Es waren nur ein paar Meter, aber es kam mir viel weiter vor. Die ganze Zeit lauschte ich auf den Motor deines Wagens und ich hörte ihn auch, aber nur als ein dumpfes Dröhnen hinter den Felsen.

Am Zaun angekommen, blieb ich stehen. Er bestand aus fest gespanntem Maschendraht und reichte mir ein ganzes Stück über den Kopf. Die Maschen waren so dicht, dass ich nicht mal die Finger durch die Löcher stecken konnte. Ich versuchte mit dem Stiefel irgendwie Halt zu kriegen, rutschte aber am Maschendraht ab und schürfte mir die Hand auf. Ich probierte es mit dem anderen Stiefel, aber das brachte auch nichts. Ich trat an den Zaun. Ich warf mich mit dem ganzen Körper dagegen, prallte aber ab.

Da begann ich zu zittern, keine Ahnung, ob vor Kälte oder aus Angst … wahrscheinlich beides. Ich musste mich auf das Problem konzentrieren. Wenn ich nicht über den Zaun drüberkam, musste ich unter ihm durch. Ich ließ mich auf den Sandboden fallen und begann zu graben. Aber das hier war kein normaler Sand wie an einem Strand. Das hier war harter Wüstensand mit Steinen und Dornen und Pflanzenüberresten. Er war so robust und unerbittlich wie alles hier draußen. Ich biss die Zähne zusammen und strengte mich an, einfach weiterzugraben, egal, wie sehr der Dreck meine Hände zerkratzte. Ich kam mir vor wie in einem Kriegsfilm, in dem sich jemand aus einem Gefangenenlager freizubuddeln versucht. Aber das wirkliche Leben ist anders als Hollywood. Das Loch, das ich grub, war gerade mal groß genug für ein Kaninchen. Es hatte keinen Sinn. Ich warf mich auf den Bauch und versuchte, den Maschendraht vom Boden wegzuziehen, schaffte es aber nicht. Ich bekam gerade mal die Finger drunter und das war’s. Er war einfach zu fest gespannt.

Ich legte mich der Länge nach in den Sand, die Nase an den Zaun gepresst. Mein Herz raste und auch mein Atem ging viel zu schnell. Ich stand wieder auf und versuchte noch mal, über den Zaun zu steigen. Ich war kurz davor, loszuschreien vor lauter Frust. Alles schien mich zu erdrücken: der Zaun, die Felsen …

Da hörte ich deinen Wagen.

Ich wollte zurück zu den Felsen rennen. Aber du kamst um die Ecke, bevor ich den Schutz der Dunkelheit erreicht hatte. Trotzdem zog ich mich bis an die Felswand zurück und wartete.

Du hieltst an und stelltest den Motor aus. Dann stiegst du aus und lehntest dich gegen die Motorhaube. Suchend spähtest du hinüber zu den Felsen. Du hattest mich wegrennen sehen, da war ich mir sicher. Vermutlich konntest du mich auch jetzt sehen, wie ich zitternd dastand und mich verzweifelt gegen die Steine drückte, in der Hoffnung, die darin gespeicherte Wärme in mich aufzunehmen.

»Gem?«, riefst du.

Einen Moment später gingst du um den Wagen herum zur Beifahrertür und machtest sie auf. Du holtest einen Pullover heraus und hieltst ihn in meine Richtung.

»Komm zu mir zurück.«

Ich blieb still. Ich wollte nicht zurück zu dir. Ich wusste nicht, was du tun würdest. Ich presste die Arme gegen den Felsen und versuchte das Zittern zu unterdrücken. Meine Fingerspitzen wurden langsam blau.

»Du kommst hier nicht raus«, riefst du. »Ich warte die ganze Nacht auf dich oder die ganze Woche, wenn’s sein muss. Du entwischst mir nicht.«

Du klopftest dir auf die Taschen, zogst eine fertig gerollte Zigarette heraus und begannst zu rauchen. Das Aroma glimmender Blätter wehte zu mir und blieb in der kalten Nachtluft hängen. Ich drängte mich dicht gegen den Felsen und legte den Kopf zurück, um dem Geruch auszuweichen. Ich wollte meine Finger zu Fäusten ballen, aber sie waren derart steif vor Kälte, dass es wehtat.

Wieder einmal war ich dir in die Falle gegangen; es war nur eine Frage der Zeit, bis du mich aufspürtest. Ich ließ mich an der Felswand runterrutschen und vergrub meine Hände im teils noch warmen Sand.

Du nahmst diese Bewegung wahr. So kamst du bis dicht an den Zaun heran, legtest die Handflächen dagegen und schautest eingehend zu mir herüber. Dann liefst du zurück zum Auto und kamst mit einer Drahtschere wieder. Während du dich am Zaun zu schaffen machtest, fiel Mondlicht auf deine Haut und ließ einen Teil deines Gesichts aufleuchten. Du machtest einen Schlitz in den Zaun und bogst den Draht zurück, der sich wie eine Welle krümmte. So entstand ein Loch, das zum Durchsteigen reichte.

 

 

Ich wehrte mich nicht. Ich tat gar nichts. Mein Körper wurde schlaff und mein Inneres leer. Im Haus wickeltest du mich in Decken. Du brachtest mich dazu, was Heißes zu trinken. Aber mein Körper, mein Kopf und meine Organe waren fest gefroren. Ich war abgetaucht, an einen dunklen, leeren Ort gesunken. Wenn du etwas zu mir sagtest, konnte ich deine Stimme kaum hören. Ich wollte nicht wieder hochkommen. Die Wahrheit war zu schwer, ich mochte sie nicht hören.

Auf der andern Seite der Felsen gab es nichts, nur das, was hier auch war.

Egal, wohin ich ging, du würdest mich erwischen.

Ich kam hier nicht weg.

 

 

Ich schloss die Augen. Hinter meinen Lidern war es dunkel und ruhig, ich ließ mich dort nieder. Ich rührte mich nicht und machte kein Geräusch. Ich zog mich zurück, immer tiefer und tiefer, bewegte mich durch mein Inneres, durch das Sofa und die Bodenplanken, bis hinunter zu dem dunklen, kühlen Ort unter dem Haus, wo ich mich im Dreck und in der Dunkelheit zusammenkrümmte. Dort wartete ich darauf, dass die Schlange mich fand.

Es gab sonst nichts, was ich tun konnte …

… nur auf die Träume warten.

Ich schlief.

Mum war bei mir, sie streichelte mir die Stirn. Beruhigend redete sie auf mich ein, mit Worten wie aus einem Wiegenlied. Sie legte mir etwas um die Schultern, hüllte mich mit ihrem Körper ein. Ich spürte ihre Arme und ihren Atem, süß wie stark gezuckerter Tee.

 

 

Beim nächsten Mal war ich älter. Ich war krank und darum nicht in der Schule. Mum hatte ihren Laptop auf dem Küchentisch stehen, ihr Telefon lag direkt daneben. Ich lag in eine Decke gekuschelt auf dem Sofa. Ich hatte keine Lust, die Teletubbies zu gucken, und Mum wollte nicht, dass ich mir Talkshows ansah.

»Können wir was spielen?«, fragte ich sie.

Sie gab mir keine Antwort.

»Verstecken vielleicht?«

Nach einer Weile stand ich auf und schlich auf Zehenspitzen zum Trockenschrank. Ich ließ seine schwere Tür über den Teppich scharren und betrat sein dunkles Inneres. Die Luft darin war warm und feucht und der Geruch erinnerte mich an meinen Schulblazer, wenn er nass geworden war. Ich fand einen Platz in der Ecke und wartete, malte mir aus, ich wäre am Meeresgrund … im Bauch eines gigantischen Lebewesens.

Durch ein Loch in der Wand konnte ich Mum auf ihrem Laptop tippen hören. Aber gleich würde sie aufhören zu arbeiten und mich suchen kommen. Ich wusste genau, dass sie das tun würde. Ganz bald würde sie sich fragen, wo ich steckte.

Ich tauchte immer tiefer in die Dunkelheit des Trockenschranks … wartete …

Dann war ich im Krankenhaus. Ich war an Maschinen angeschlossen, die leise piepsten. Ich konnte die Augen nicht öffnen, war aber wach. Leute kamen zu Besuch; Anna und Ben und ein paar andere aus der Schule. Dad saß an meinem Bett und strich mir über den Handrücken. Er roch nach Rauch, so wie er immer gerochen hatte, als ich noch klein war. Eine Krankenschwester war irgendwo in der Nähe, sie meinte, es sei wichtig, immer weiter mit mir zu reden. Eine andere Krankenschwester tupfte meine Stirn.

Ich streckte die Hand nach Anna aus, langte in die Luft neben ihrem Gesicht. Doch sie sah mich nicht. Ich versuchte zu schreien, versuchte sie dazu zu bringen, dass sie dablieb, alle sollten bei mir bleiben. Aber ich bekam den Mund nicht auf und der Schrei blieb mir in der Kehle stecken.

Als ich die Augen öffnete, waren sie verschwunden. Die einzige Person, die noch da war, warst du.

 

 

Ich redete nicht mit dir. Ich lag nur auf dem Bett in diesem schlichten Zimmer und betrachtete die Holzwände. Meine Stimme war verschwunden, ich wusste nicht, wie ich sie wiederfinden sollte. Ich vergaß die Kerben am Bett. Ich wollte einfach alles vergessen.

Manchmal hast du dich neben mich gesetzt und versucht mit mir zu reden, aber ich sah dich nicht an. Ich zog die Knie dicht an die Brust und wickelte meine Arme um sie.

Und dann tauchte ich ab in meine Erinnerungen.

Ich begann mit dem Wachwerden, damit, wie sich meine dicke Daunendecke anfühlte, die ich mir immer bis hoch über die Schultern zog, und wie mein flauschiger Schlafanzug sich an meine Haut schmiegte. Wenn ich ganz bei der Sache war, konnte ich sogar das Mahlen und Zischen aus der Küche hören, mit dem sich Mum ihren Morgenkaffee kochte. Ich nahm das bittere Kaffeearoma wahr, roch den intensiven Geruch, der durch die Türritzen bis zu meinem Bett drang. Hörte das Klacken, mit dem sich die Zentralheizung einschaltete.

Dann stand Dad auf und hämmerte gegen meine Zimmertür. Beim Frühstück hielt er mir Vorträge darüber, wie wichtig gute Noten waren und welche Unis ich mir im Sommer näher anschauen sollte. Ich schloss die Augen und versuchte mir sein Gesicht vorzustellen. Mir blieb fast die Luft weg, als es mir nicht gelang. Welche Form hatte seine Brille noch mal? Und wie war die Farbe seiner Lieblingskrawatte?

Dann probierte ich es mit Mum, aber sogar bei ihr hatte ich Schwierigkeiten. Ich erinnerte mich zwar genau an das rote Kleid, das sie bei Ausstellungseröffnungen gerne trug, aber nicht an ihr Gesicht. Ich wusste, dass ihre Augen grün waren wie meine und dass sie zarte Gesichtszüge hatte … doch es gelang mir nicht, die Einzelheiten zusammenzubringen.

Dieses Vergessen machte mir Angst und ich hasste mich dafür. Es kam mir vor, als verdiente ich es nicht, die Tochter von irgendwem zu sein.

An Anna dagegen konnte ich mich erinnern. Und auch an Ben. Stundenlang dachte ich an ihn, malte mir aus, er wäre bei mir, stellte mir vor, wie meine Finger durch seine weichen, sonnengebleichten Haare fuhren. Wenn ich die Augen schloss, lag er neben mir im Bett und passte auf mich auf.

Er war den Sommer über in Cornwall beim Surfen, zusammen mit Anna. Dieser Sommer war der erste überhaupt, den Anna und ich getrennt verbrachten. Ich fragte mich, was die beiden wohl taten in ihrem Hostel am Strand oder wenn sie jeden Tag nebeneinander im Sand saßen … in einem ganz anderen, viel weicheren Sand. Ich fragte mich, ob sie überhaupt wussten, dass ich verschwunden war.

Als ich die Augen wieder aufschlug, warst du neben mir und kautest an den Fingernägeln. Nach einer Weile hast du gemerkt, dass ich dich beobachtete.

»Wie geht’s dir?«

Ich konnte nicht antworten. Mein ganzer Körper war wie aus Stein. Wenn ich auch nur die Lippen bewegte, würde ich zerspringen.

»Ich kann dir was zu essen machen«, schlugst du vor. »Oder willst du was trinken?«

Ich blinzelte nicht mal. Ich dachte, wenn ich nur lang genug still war, bliebe dir nichts anderes übrig, als zu gehen.

»Vielleicht … vielleicht brauchst du frische Bettwäsche?«

Du rücktest ein bisschen näher. Dann strecktest du deine Hand aus und legtest deine Finger auf meine Stirn, doch ich spürte sie kaum. In diesem Augenblick warst du Millionen Meilen weit weg, in einem Paralleluniversum. Ich war wieder zu Hause, in meinem Bett … Gleich würde ich wach werden und mich für die Schule fertig machen. Ben saß neben mir, nicht du. Du konntest es nicht sein. Du hast dich wieder zurück auf deinen Stuhl sinken lassen und schautest mich an.

»Mir fehlen deine Worte«, sagtest du.

Ich schluckte. Das tat weh, denn meine Kehle war so trocken. Du blicktest mich an, deine Augen fest auf meine Lippen geheftet.

»Ich weiß, wie das ist«, sagtest du. »Ich habe auch mal aufgehört zu sprechen.« Du entdecktest ein loses Stück Haut an deinem Nagel und spieltest mit dem Daumen daran herum. »Alle haben gedacht, ich hätte noch nie gesprochen, ich wäre … wie heißt das noch mal? Stumm. Ein paar meinten sogar, ich wäre auch noch taub.« Du hast das Hautstück abgebissen. »Das war, gleich nachdem ich diesen Ort hier gefunden hatte.«

Meine Augenbrauen zuckten.

»Das interessiert dich, stimmt’s?« Du lehntest deinen Kopf gegen die Wand. Ein Schweißtropfen glitt deine Wange hinunter und lief dir über die blasse Narbe. »Ja, stimmt«, sagtest du mit einem Nicken, als dir mein Blick auffiel. »Die stammt auch aus der Zeit, als ich geschwiegen habe.« Rasch wischtest du den Schweiß weg, wobei deine Hand kurz auf der weißen, runzligen Stelle blieb. Dann legtest du Daumen und Zeigefinger aneinander und schnipptest dir gegen die Wange. Der leise Knall ließ mich zusammenzucken. »Ein Netz hat die Haut schnell erwischt«, sagtest du, »da bleiben Spuren.«

Du bist aufgestanden und zum Fenster gegangen. Ich bewegte mich, drehte den Kopf ein bisschen, um dich sehen zu können. Das fiel dir gleich auf.

»Also nicht mehr so tot«, hast du gemurmelt. »Nicht mehr so weit weg.«

 

 

Eine ganze Weile später legtest du mir ein dünnes, verblichenes Notizheft auf den Nachttisch. Nachdem du wieder aus dem Zimmer warst, nahm ich es und blätterte es durch. Die Seiten waren leer. Ein Bleistift lag daneben. Ich rammte mir die harte Spitze in die Haut zwischen Daumen und Zeigefinger. Es tat weh. Ich stach noch mal zu.

Ich versuchte sie zu zeichnen … Mum, Dad, Anna und Ben. Ich wollte mich erinnern. Aber ich war noch nie besonders gut in Kunst gewesen. Die Gesichter auf dem Papier waren formlose Fremde; ein Durcheinander von Strichen und Schatten. Ich kritzelte wilde schwarze Zickzacklinien kreuz und quer darüber.

Dann probierte ich es mit Worten. Die hatten mir schon immer mehr gelegen. Mum und Dad hatten nie begriffen, warum ich so gut in Englisch war, aber nicht in Mathe oder Kunst so wie sie. Aber auch mit den Worten kam ich in diesem Moment nicht klar. Sie ergaben jedenfalls nicht viel Sinn. Wenn jemand lesen würde, was ich da aufschrieb, würde er denken, ich wäre auf Drogen oder so.

Ich wollte einen Brief schreiben, aber ich kam nicht weiter als Liebe Mum, lieber Dad. Es gab einfach zu viel, was ich sagen wollte. Außerdem wusste ich nicht, ob du das hier lesen würdest.

Darum schrieb ich einfach das auf, was mir in den Sinn kam: gefangen, eingesperrt, festgesetzt, weggeschlossen, geraubt, entführt, eingebuchtet, gekidnappt, rausgerissen, gezwungen, gezerrt, verletzt, eingekerkert, gejagt, verschleppt … Auch über diese Zeilen kritzelte ich Zickzacklinien.

 

 

Ich konnte nicht mehr schlafen. Meine Blase drückte und ich war total steif. Ich wollte mich bewegen. Vorsichtig versuchte ich die Knie anzuziehen. Ich rollte die Zehen ein und fuhr mir mit der Zunge über die trockenen Lippen. Meine Arme fühlten sich schwach an, als ich mich von der Matratze hochstemmte, und meine Beine zitterten beim Aufstehen.

Ich nahm mir frische Sachen aus der Kommode und zog sie an. Die Shorts hingen mir lose um die Hüften, mein Bauch war ganz flach. Ich ging ins Bad und pinkelte in das tiefe Loch. Dann drehte ich den Wasserhahn auf. Mit einem Gluckern kam er in Gang und spuckte stoßweise heißes, braunes Wasser aus. Ich wusch mir das Gesicht, dann hielt ich den Kopf unter den Wasserhahn und trank gierig. In dem winzigen gesprungenen Spiegel sah ich, wie mir die Tropfen übers Gesicht liefen. Meine Augen waren geschwollen, meine Nase schälte sich von den paar Sonnenstrahlen, die ich erwischt hatte. Ich wirkte älter als sonst.

Du warst in der Küche. Dein Kopf war über den Tisch gebeugt und du hast etwas gelesen, das in Handschrift auf einzelnen Blättern stand. Du warfst mir einen kurzen Blick zu, dann schautest du wieder nach unten. Kleine Glasbehälter standen auf dem Tisch, manche mit Flüssigkeit gefüllt, andere leer. Einen Behälter hieltst du gegen das Licht, dann notiertest du etwas. Die Schublade, die bis jetzt immer abgeschlossen war, stand offen, trotzdem konnte ich nicht erkennen, was drin war. Aber auf der Bank neben der Schublade lag etwas, das wie eine Nadel aussah.

Mir wurde flau. Alles sah nach Drogen aus. Vielleicht war es das Zeug, das du mir eingeflößt hattest, vielleicht aber auch irgendwas, das du mir noch verpassen wolltest. Ich verschwand schnell aus der Küche. Du blicktest nicht mal hoch. Ausnahmsweise warst du in etwas anderes vertieft.

Ich ging durch den kleinen Vorbau, vorbei an dem Regal mit den Batterien, und betrat die Veranda. Bis sich meine Augen an das grelle Licht gewöhnt hatten, blickte ich nach unten. Als ich hinausschauen konnte, ohne die Lider zu sehr zusammenzukneifen, machte ich ein paar Schritte, beugte mich über die Brüstung und starrte über den Sand zu den Separates. Der Zaun, den du gebaut hattest, stand immer noch; die Felsblöcke darin wirkten so still wie eh und je. Kein Mensch könnte sich vorstellen, wie viel Grün, wie viel Leben zwischen diesen Felsen verborgen war, keiner würde glauben, dass da drin Vögel zwitscherten. Diese Felsen waren abweisend und sonderbar. Genau wie du.

Ich blickte in den strahlend blauen Himmel. Da oben gab es keine Flugzeuge und auch keine Hubschrauber. Niemand kam, um mich zu retten. Die ganze Zeit, als ich im Bett lag, hatte ich mir vorgenommen, groß das Wort Hilfe in den Sand zu schreiben, aber diese Idee war komplett dämlich, weil überhaupt nie jemand über diese Gegend flog. Ich drehte mich und schaute in alle Richtungen: Horizont, Horizont, die Felsen der Separates, Horizont, Horizont, Horizont … es gab überhaupt gar nichts, wohin ich hätte laufen können.

Ich hörte deine Schritte auf dem Holzboden und das Schnappen der Tür, bevor du die Veranda betratst.

»Du bist aufgestanden«, sagtest du. »Schön.«

Ich wich ein paar Schritte zurück Richtung Sofa.

»Warum heute?«, fragtest du mit einem Gesichtsausdruck, als wolltest du es wirklich wissen.

Aber ich war viel zu traurig. Ich wusste, dass diese Traurigkeit aus mir heraussprudeln würde, sobald ich den Mund aufmachte. Und ich wollte nicht, dass du irgendwas von mir bekamst, nicht mal das. Doch du warst hartnäckig.

»Schöner Tag«, sagtest du, »heiß und still.«

Ich drückte mich gegen das Sofa. Krallte mich an der Lehne fest, bis das Rattanrohr knarrte.

»Willst du was essen?«

Ich starrte unbewegt geradeaus, betrachtete die Krater in den Felsen.

»Setz dich«, sagtest du.

Ich tat, was du wolltest, keine Ahnung, warum. Deine Stimme hatte diesen Tonfall, der es mir schwer machte, mich zu widersetzen, der meine Beine vor Angst schwach werden ließ.

»Warum reden wir nicht?«

Ich zog die Füße hoch. Ein Windhauch trieb Sandkörner über die Erde. Ich schaute den Sand an, der ein paar Meter vor uns herumwirbelte.

»Erzähl mir was, irgendwas – über dein Leben in London, deine Freunde, meinetwegen auch über deine Eltern!«

Deine Worte waren so laut, dass ich erschrak und mich noch tiefer in den Sitz drückte. Ich wollte dir nichts erzählen, schon gar nicht über sie. Ich schlang die Arme um die Knie. Was Mum wohl gerade tat? Ob mein Verschwinden die beiden wohl sehr aus der Fassung gebracht hatte? Was hatten sie alles unternommen, um mich zu finden? Ich umklammerte meine Beine noch fester und versuchte jetzt, ihre Gesichter aus meinem Innern zu verscheuchen.

Eine Weile lang hast du gar nichts gesagt, nur in die Landschaft gestarrt. Unauffällig beobachtete ich, wie du mit Daumen und Zeigefinger an deiner Augenbraue herumfummeltest. Du fühltest dich unwohl hier auf der Veranda. Mir war klar, was in dir vorging: Du versuchtest, dir irgendwas einfallen zu lassen, über das du mit mir reden könntest, was mich interessieren würde. Dein Kopf kam ins Schwitzen vor lauter Anstrengung. Schließlich hast du die Ellbogen aufs Geländer gestützt und einen kaum hörbaren Seufzer ausgestoßen. Mit ganz leiser Stimme begannst du zu sprechen.

»Ist es denn wirklich so schlimm?«, fragtest du. »Mit mir zu leben?«

Ich öffnete die Lippen, atmete aus und wartete gut eine Minute. »Klar«, flüsterte ich schließlich.

Im Nachhinein denke ich, dass mehr in diesem einen Wort lag … ein Bedürfnis, mit dir in Verbindung zu treten, oder vielleicht auch nur der Wunsch, meine Stimme nicht ganz zu verlieren. Denn dieses Gefühl hatte ich in dem Moment, als der Wind blies und den Sand herumfegte – das Gefühl, als könnte dieser Wind auch meine Stimme von mir fortblasen, einfach so. Ich verschwand mit diesen Sandkörnern, wurde wie sie in alle Himmelsrichtungen verstreut.

Doch du hörtest nur dieses eine Wort. Schockiert, wie du warst, wärst du beinahe von der Veranda gekippt. Dann fingst du dich wieder, legtest die Stirn in Falten und dachtest über meine Antwort nach.

»Es könnte schlimmer sein«, sagtest du.

Du hast diesen Satz einfach so stehen lassen. Was konnte schlimmer sein? Sterben? Aber war das wirklich schlimmer, als mitten im Niemandsland zu stranden und rauszuschauen ins Nichts … ohne Hoffnung, jemals wieder von dort wegzukommen? Und wahrscheinlich würdest du mich am Ende sowieso umbringen. Ich machte die Augen zu und versuchte mich an mein Leben daheim zu erinnern. Das bekam ich immer besser hin. Wenn ich mir genug Zeit nahm, konnte ich Stunden damit verbringen, mir jede einzelne Kleinigkeit vorzustellen, mit der ich meine Tage verbracht hatte. Doch du hieltst mich ab vom Träumen. Ich hörte dich mit den Kappen deiner Stiefel gegen das Geländer stoßen. Bald wurde ein Rhythmus daraus. Ich machte die Augen auf. Das hier passte nicht zu dir. Normalerweise bewegtest du dich lautlos wie eine Katze.

»Immerhin gibt es keine Städte«, sagtest du nach einer Weile. »Hier draußen … Keinen Beton.«

»Ich finde Städte gut.«

Deine Finger krampften sich um das Geländer. »In der Stadt ist keiner echt«, schnapptest du. »Gar nichts ist echt.«

Ich schrak zusammen, überrascht von deiner plötzlich aufflammenden Wut. »Ich vermisse es«, flüsterte ich. Ich vergrub meinen Kopf zwischen den Knien, als ich merkte, wie die Sehnsucht mich packte.

Du kamst einen Schritt auf mich zu. »Das mit deinen Eltern tut mir leid«, sagtest du.

»Was tut dir da leid?«

»Sie dort zurückzulassen natürlich.« Du setztest dich ans andere Ende vom Sofa und durchbohrtest mich mit deinem Blick. »Ich hätte sie mit hierherbringen können … wenn ich gewusst hätte, dass du dann glücklicher wärst.«

Ich rückte von dir weg, rutschte so weit an mein Sofaende wie nur möglich.

Du schabtest an dem Rattangeflecht herum. »Aber es ist besser so, wie’s ist, nur du und ich. Nur dann kann es klappen.«

Wieder suchte ich den Himmel ab und bemühte mich, meine Gedanken zu sortieren. Schließlich schluckte ich meine Angst einfach runter.

»Wann hast du angefangen, das alles zu planen?«

Du zucktest mit den Achseln. »Vor einer ganzen Weile, zwei, drei Jahre her oder so. Aber ich hatte dich schon viel länger im Auge.«

»Wie lange?«

»Ungefähr sechs Jahre.«

»Aber da war ich erst zehn. Seitdem hast du mich beobachtet?«

Du nicktest. »Mehr oder weniger.«

»Das glaub ich dir nicht«, sagte ich. Aber tief drinnen hatte ich das Gefühl, es wäre gut, genauer nachzudenken. Irgendwo in den Windungen meines Gehirns war etwas. Etwas, das vielleicht Licht in diese Sache bringen würde.

Ich pflügte meine Erinnerungen durch und versuchte, dein Gesicht darin aufzuspüren. Da war nichts wirklich Klares, aber es gab ein paar vage, halb erinnerte Dinge – der Mann, den meine Freunde irgendwann am Schultor gesehen hatten; das eine Mal im Park, als ich mir einbildete, jemanden im Gebüsch sitzen zu sehen, der mich beobachtete … und dann war Mum einmal total außer sich gewesen, weil sie das Gefühl gehabt hatte, jemand hätte sie auf dem Heimweg verfolgt. Ich fragte mich, ob du das gewesen sein konntest. Hattest du mir wirklich schon so lange hinterherspioniert? Bestimmt nicht. Aber da war noch etwas, etwas, an das ich mich nicht ganz erinnern konnte.

»Warum ich?«, wisperte ich. »Warum nicht irgendein anderes armes Mädchen?«

»Du warst es«, sagtest du. »Du hast mich gefunden.«

Ich hielt deinem Blick stand. »Wie meinst du das?«

Du sahst mich fragend an. Als ich nicht die Reaktion zeigte, die du erwartet hattest, beugtest du dich zu mir herüber. »Weißt du denn nicht mehr? Erinnerst du dich nicht an unser erstes Treffen?« In ungläubigem Staunen schütteltest du den Kopf.

»Was meinst du?«

»Ich erinnere mich an dich.« Deine Unterlippe zitterte leicht, als du die Hand ausstrecktest, wie um mich zu berühren. »Ich erinnere mich gut an dich.«

Deine Augen waren weit offen. Ich vergrub das Kinn in meiner Brust, um von ihnen wegzukommen.

»Das ist nie passiert«, sagte ich. Meine Stimme war zittrig und schwach, kaum zu hören. »Das stimmt alles nicht.«

Du beugtest dich zu mir und packtest mich an der Schulter. Ich spürte, wie sich deine Finger in meine Haut gruben, wie sie mich zwangen, dich anzuschauen.

»Es ist sehr wohl passiert«, sagtest du. Dein Gesicht war unbewegt, deine Augen ohne jedes Blinzeln. »Es stimmt. Du hast es nur vergessen.« Du starrtest mir mit festem Blick erst ins linke, dann ins rechte Auge. »Aber es wird dir schon noch einfallen«, flüstertest du.

Kurz darauf hörte ich dich schlucken. Ein Schleier fiel über deine Augen und du hast mich losgelassen. Ich sank zurück ins Sofa. Du standst auf und wandtest dich ab. Während ich dich in der Küche mit den Schranktüren knallen hörte, legte ich meinen Kopf auf die Knie und versuchte mich ganz klein zu machen. Ich zitterte, hatte sogar Gänsehaut an den Beinen, dabei war mir gar nicht kalt.

 

 

Ich weiß nicht, wie lange ich dort saß und grübelte. Dabei streifte mein Blick immer wieder über die Landschaft. Ich war auf der Suche nach irgendwas … irgendwas, das mir ermöglichen würde zu entkommen. Orangefarbene Streifen begannen sich in den blauen Himmel zu weben und der Horizont glühte rosarot.

Du kamst nach draußen und blinzeltest in die sinkende Sonne, in jeder Hand ein Glas Wasser. Eine halbe Ewigkeit lang bliebst du an der Tür stehen, anscheinend in der Hoffnung, dass ich deinen Blick erwidern würde. Als ich das nicht tat, kamst du zu dem Rattansofa herüber und hieltst mir ein Glas hin. Ich griff nicht danach, obwohl ich etwas trinken wollte. Am Ende stelltest du es neben mir auf dem Boden ab und bewegtest dich ein paar Schritte weg. Du behieltst mich im Auge. Vermutlich hofftest du, dass ich wieder etwas sagte. Ich weiß nicht, warum; denn du kamst mir nicht vor wie jemand, der gern redet. Ich schaute stattdessen dem Wind zu, der Sandkörner packte und sie irgendwo wieder fallen ließ, ganz egal wo.

»Wer bist du?«, flüsterte ich.

Diese Worte waren eher Gedanken als eine echte Frage an dich. Ich merkte nicht mal, dass ich sie laut ausgesprochen hatte, bis mir auffiel, wie du nach einer Antwort suchtest. Deine Stirn lag in Falten, dein ganzes Gesicht wirkte zerknautscht. Du hast einen Seufzer ausgestoßen.

»Einfach Ty«, sagtest du. Du hattest dich vorn auf der Sofakante niedergelassen und fuhrst dir mit den Fingerspitzen über die Augenbrauen. Im kräftigen Orange des Sonnenuntergangs wirkten deine Augen noch heller als sonst. Es kam mir vor, als wären Sandsprenkel darin, einzelne Körner, die der Wind hineingewirbelt hatte. »Ich komme von hier, könnte man sagen.«

Deine Stimme war leise und zögernd und klang ganz anders als sonst. Sie ließ mich an ein Büschel Spinifex denken, das der Wind vor sich hertrieb. Ich hatte das Gefühl, ich müsste mich vorbeugen und deine Worte auffangen, bevor sie weggeweht wurden.

»Du bist Australier?«

Du nicktest. »Denk schon. Ty heiße ich wegen dem Wasserlauf, an dem’s meine Eltern getrieben haben.«

Du warfst mir einen forschenden Blick zu. Aber ich reagierte nicht; ich wartete einfach, dass du weiterredetest. Ich war mir fast sicher, dass du das tun würdest. Du strahltest so etwas aus, eine Art aufgestaute Energie, die freigesetzt werden wollte.

»Mum war noch total jung, als sie mich bekommen hat«, fuhrst du fort. »Da waren sie und Dad schon gar nicht mehr richtig zusammen. Mum kommt aus einer total edlen englischen Familie. Die haben Dad gleich das Sorgerecht für mich übertragen, haben ihren Kram gepackt, sind zurück ans andere Ende der Welt und haben versucht, mich zu vergessen. Dad ist dann mit mir raus aufs Land. Er hatte ein paar Tausend Hektar Grund und eine Rinderherde. Das war unser Leben.«

»Was ist dann passiert?«

Ich sah, wie du dich auf der Suche nach einer Antwort im Sofa herumdrücktest. Dass du dich unwohl fühltest, gefiel mir. Es war wichtig für mich. Und ich bildete mir auch ein bisschen ein, ich könnte diese Antworten gegen dich verwenden, wenn ich endlich gerettet würde und man dich ins Gefängnis steckte. Du kautest an deinem Daumennagel und schautest hinaus in den Sonnenuntergang.

»Am Anfang kam Dad noch ganz gut klar«, sagtest du. »Anscheinend war er da noch nicht komplett am Arsch. Er hatte sogar ein paar Leute angestellt – Farmhelfer und eine Frau, die auf mich aufgepasst hat … ihren Namen weiß ich nicht mehr.« Du unterbrachst dich und überlegtest. »Mrs Gee oder so ähnlich.« Du zogst die Augenbrauen hoch und sahst mich an. »Ist doch egal, oder?«

Ich zuckte mit den Achseln.

»Sie hat mir auch was beigebracht, war sozusagen meine Lehrerin. Sie und die Oldfellas und die Farmhelfer.«

»Die Oldfellas?«

»Aborigines aus der Umgebung, die auf Dads Hof gearbeitet haben. Denen gehört das hier eigentlich. Sie haben mir alles über das Land beigebracht, während Mrs Gee mir Mathe und den ganzen andern Mist einzutrichtern versucht hat. Und von den Farmarbeitern hab ich gelernt, wie man sich besäuft. Gute Schule, was?« Du hast schief gegrinst. »War aber okay da draußen.«

Es war total eigenartig, dich so viel reden zu hören; normalerweise sagtest du nicht mehr als ein paar Wörter auf einmal. Außerdem hatte ich nie dran gedacht, dass du auch eine Geschichte haben könntest. Bis zu dem Moment warst du für mich einfach nur der Entführer. Du hattest keinen Grund für das, was du machtest. Du warst dumm, böse und geisteskrank, fertig. Doch als du zu reden begannst, fingst du an, dich zu verändern.

»Waren da noch andere Kinder? Wo du aufgewachsen bist?« Du sahst mich scharf an. Aber mir gefiel, dass sich meine Stimme aggressiv und fordernd anhörte, dass sie dich einen Moment lang zögern ließ. Ich fand es gut, einen Hauch von Macht über dich zu haben.

Du schütteltest den Kopf. Ich glaube, du wolltest eigentlich nicht darüber reden, wolltest mich aber auch nicht ignorieren, weil ich jetzt endlich wieder mit dir sprach.

»Nein, ich hab überhaupt nie ein andres Kind gesehen, bis ich von dort weg bin«, sagtest du schließlich. »Ich dachte, ich wär das einzige auf der Welt. Na ja, Mrs Gee hat mir schon erzählt, dass es noch mehr gibt, aber ich wollte ihr nicht glauben.« Dein Mund verzog sich zu etwas, das man fast für ein Lächeln hätte halten können. »Ich hab mir eingebildet, ich hätte eine besondere Kraft, durch die ich kleiner bleiben konnte als alle andern. Ich hatte auch nie das Gefühl, jünger zu sein, sondern nur kleiner.«

»Du hast also nie mit andern Kindern gespielt?«

»Nein, ich hatte nur das Land.«

»Und was war mit deinem Dad?«

Du schnaubtest. »Der hat mit keinem gespielt, jedenfalls nicht nachdem Mum weg war.«

Ich schwieg und dachte nach. Als ich klein gewesen war, hatte es jede Menge Kinder um mich gegeben. Oder? Als ich in die Schule ging, natürlich schon – aber wie war es vorher gewesen? Und wenn ich genau überlegte, konnte ich mich nicht daran erinnern, dass während meiner Schulzeit öfter andere Kinder bei uns gewesen wären. Ich war dauernd krank gewesen, als ich klein war, und Mum hatte mich in ihrer Nähe haben wollen. Bevor ich zur Welt kam, hatte sie so was wie einen Zusammenbruch gehabt. Zumindest hatte mir Dad das mal erzählt. Sie hatte eine Fehlgeburt gehabt, vielleicht sogar mehrere; darum wollte sie mich nicht auch noch verlieren. Ich zog eine Grimasse, als mir klar wurde, dass genau das jetzt passiert war. Mum hatte mich verloren.

Ich sah dich wieder an, hasserfüllt. Du hattest das Wasser getrunken und starrtest einfach nur vor dich hin, mit dem leeren Glas in der Hand. Irgendwann fingst du wieder zu reden an. Du sprachst derart leise, dass ich mich vorbeugen musste, um dich zu verstehen.

»Nach einer Weile ist Dad dann regelmäßig in die Stadt gefahren, wegen Geschäften und so«, sagtest du. »Hat Vieh verkauft, allerdings nicht gegen Geld, sondern für Alkohol und Drogen, für alles, was ihm beim Vergessen geholfen hat. Er hat sich verändert in dieser Zeit. Hat sich nicht mehr richtig um sein Land und sein Vieh gekümmert … und um mich auch nicht.«

Du richtetest den Blick auf dein leeres Glas. Als würdest du gleich reingehen und neues Wasser holen. Ich weiß nicht, warum, aber auf einmal wollte ich weiter mit dir reden. Vielleicht setzte mir die Langeweile zu oder ich hatte schlicht das Bedürfnis, mit einem Menschen zu sprechen … notfalls sogar mit dir. Keine Ahnung. Vielleicht wollte ich auch einfach nur Lücken in deiner Geschichte aufspüren.

»Was hast du gemacht?«, fragte ich rasch. »In der Zeit, als dein Dad weg war, musst du doch irgendwas gemacht haben?«

Stirnrunzelnd schautest du mich an und versuchtest zu ergründen, worum es mir ging. »Glaubst du mir nicht?«, fragtest du. Du tipptest mit dem Rand von deinem Glas gegen die Armlehne, während du überlegtest. Schließlich sagtest du achselzuckend: »Ist doch egal.«

Du zogst deinen Tabakersatz und das Zigarettenpapier heraus und drehtest dir eine. Die Grillen begannen zu zirpen und du warst schon fast fertig mit dem Rauchen, als du endlich wieder zu sprechen anfingst.

»Du willst also wissen, was ich gemacht habe«, sagtest du mit belegter Stimme. »Die meiste Zeit über hab ich mich im Busch rumgetrieben und versucht, wie die Oldfellas zu leben. Ich bin dürr und krank geworden und hab draußen geschlafen. Tagelang hat mich keiner zu Gesicht gekriegt, manchmal sogar wochenlang. Einmal war ich so am Ende, dass ich ein Kalb von Dad töten musste; hab ich ihm aber nie erzählt.« Auf einmal hattest du ein Grinsen im Gesicht und wirktest ganz jung. »Meistens hab ich einfach Eidechsen gegessen … wenn ich Glück hatte.« Du blicktest in den Himmel, als würdest du dort etwas suchen. »In den Sternen da oben habe ich Bilder gesehen, so gut kannte ich sie.«

Ich erinnerte mich an die Sterne in der Nacht, als ich versucht hatte abzuhauen und in den Separates gewesen war. Von der Kälte abgesehen war das kein schlechter Ort zum Schlafen.

»Wie hast du Wasser gefunden?«, wollte ich wissen.

»Das ist ganz einfach. Wenn du nach Pflanzen Ausschau hältst, findest du auch Wasser … so wie die Quelle zwischen den Felsen.«

Ich dachte an das klare kleine Wasserloch und an meine Angst, es könnte irgendwas drin sein, was meinen Magen auffressen würde. »Ist das denn Trinkwasser?«, fragte ich.

Du beugtest den Kopf zu dem Glas hin, das neben meinen Füßen stand. »Wo soll das hier sonst herkommen? Was meinst du, wohin dieses Rohr führt?« Du zeigtest auf die lange Rohrleitung, die aus dem Haus herausführte. »Ich hab sie gelegt.«

»Glaub ich dir nicht.«

»Du glaubst mir nie.«

Du bist von der Armlehne gerutscht und hast dich richtig aufs Sofa gesetzt, näher zu mir. Sofort wich ich zurück, aus lauter Gewohnheit. Darüber musstest du lachen. Du lehntest dich bequem zurück, versuchtest aber nicht, noch näher zu kommen.

»Als Dad die Stadt für sich entdeckt hat und anfing, darin einzutauchen, ging alles bergab. Die Farm hat sich nie mehr davon erholt. Er hat das Land vergessen, mich vergessen … hat die Arbeiter entlassen und Mrs Gee auch. Ab und zu hab ich ihn gesehen, in den Nächten, die ich in meinem Bett verbracht habe. Aber ich weiß nicht, ob er überhaupt was von mir mitgekriegt hat, besoffen und zugedröhnt, wie er die meiste Zeit über war. So ging das eine ganze Weile. Und irgendwann ist Dad nicht mehr aus der Stadt zurückgekommen.« Du warfst einen Blick auf mein volles Wasserglas. »Trinkst du das?«, fragtest du.

Ich betrachtete das braune Wasser, in dem kleine schwarze Teilchen schwammen, und schüttelte den Kopf. Du beugtest dich vor und nahmst das Glas. Ich schaute zu, wie du hastig das Wasser trankst; dein Adamsapfel bewegte sich auf und ab wie ein Kolben.

»Wie meinst du das – er ist nicht mehr zurückgekommen?«

Du riebst die Lippen aneinander, um sie zu befeuchten. »Er war halt weg. Verschwunden. Hat sich verpisst!«

»Wie alt warst du da?«

»Keine Ahnung«, sagtest du. »Geburtstage gab’s bei mir nicht groß. Vielleicht elf oder so. Alle andern waren schon lange weg, nur ich war noch übrig auf der Farm. Hat schätzungsweise ein Jahr gedauert, bis irgendwer draufgekommen ist und mich eingefangen hat.«

»Eingefangen?«, wiederholte ich. Verlegen zucktest du mit den Achseln. »Wolltest du denn nicht, dass sich jemand um dich kümmert?«

»Nö, wieso denn? Konnte ich doch selbst.« Du zogst die Augen zusammen. »Ich hab sie ganz schön lang hingehalten. Die haben echt alles versucht: Bestechung, andre Kinder, sogar einen Priester haben die geschickt. Aber am Ende mussten sie mich mit einem Netz fangen wie ein Tier. Um mich zu beruhigen, haben sie sogar die gleichen Geräusche gemacht wie bei einem Tier. Zuerst dachten sie, ich könnte nicht sprechen, zumindest kein Englisch. Wahrscheinlich haben sie geglaubt, ich wäre einer von den Oldfellas, also ein Aborigine … so dunkel war ich von der Sonne.« Du hast ein wenig gelächelt bei diesem Gedanken.

»Was haben sie mit dir gemacht?«

Sofort verdunkelten sich deine Augen und deine Lippen krampften sich zusammen, als wärst du wütend über diese Frage. »Die haben mich in die Stadt geschafft, mich hinten in eine Art Lieferwagen geworfen … du weißt schon, einen von denen, mit denen man Verbrecher transportiert. Da haben sie mich dann in ein Kinderheim gesteckt. In ein Zimmer ohne Fenster, knallvoll mit andern Kindern. Sie wollten wissen, wie ich heiße, aber ich hab einfach gar nichts gesagt. Also haben sie mich Tom genannt.«

»Tom?«

»Ja, ein paar Monate lang. Sie haben entschieden, wie alt ich bin und was ich anzuziehen habe. Weil ich mit keinem reden wollte, haben sie versucht, einen andern Menschen aus mir zu machen … Ich wünschte, sie hätten mich nie geschnappt.«

Ich fragte mich, was wohl passiert wäre, wenn sie das nicht getan hätten. Würdest du dann immer noch in der Wildnis herumstreifen, irgendwo in der Nähe von der Farm deines Vaters? Hättest du mit der Zeit das Reden ganz verlernt? Vielleicht wäre dir das egal gewesen.

»Wann hast du wieder angefangen zu sprechen?«

»Als sie einen von diesen Psychos auf mich angesetzt haben. Ich hab denen ziemlich schnell klargemacht, wo’s langgeht.« Du zucktest mit den Schultern. »Außerdem hab ich dort Kämpfen gelernt.«

»Aber sie haben dich trotzdem geknackt?«

»Sie haben bloß rausgekriegt, wie ich heiße«, fauchtest du. »Und dann haben sie irgendwann in Erfahrung gebracht, dass meine Mutter sich nach Europa abgesetzt hat und mein Vater in einer Kneipe verreckt ist. Da war die Farm schon komplett draufgegangen für seine Schulden.« Wütend hast du mich angestarrt und dich ins Sofa gekrallt, bis es knarrte. »Keiner wusste, wer ich war«, fügtest du hinzu. »Nicht wirklich. In der Stadt hab ich noch mal von vorn angefangen mit dem Leben, mit nichts als Dreck.«

Eine tiefe Falte hatte sich in deine Stirn gegraben. Du hattest die Schultern nach oben gezogen, dein Nacken wirkte total angespannt. Mir wurde klar, dass ich dich allmählich kannte, dass ich langsam wusste, wann du nervös oder wütend warst und wann bedrückt. Du strichst dir mit der Hand über die Wange, als wolltest du die runzlige Narbe glätten. Ich beugte mich ein Stückchen zu dir vor.

»Dann bist du also auch irgendwie verschleppt worden«, sagte ich leise. Ich behielt die Nerven und erwiderte deinen Blick. Deine Augen zogen sich zusammen. Du wusstest ganz genau, was ich meinte. Sie hatten dich mitgenommen, so wie du mich mitgenommen hattest. »Hast du das mit mir gemacht, um ihnen was heimzuzahlen?«

Lange bliebst du still. Aber ich blickte dich weiter an. Ich sah, dass du nicht ausrasten würdest, und das machte mich ziemlich mutig. Am Ende warst du derjenige, der zuerst wegguckte.

»Nein«, sagtest du. »So ist das nicht. Ich hab dich vor diesen ganzen Sachen bewahrt. Nicht verschleppt, sondern gerettet.«

»Ich wünschte, du hättest das nicht getan.«

»Sag das nicht.«

Du blicktest mich wieder an, mit weit aufgerissenen Augen, fast flehend. »Dieser Platz hier ist besser als der von Dad«, sagtest du nachdrücklich. »Das Land gehört keinem, nicht mal uns. Also wird auch keiner Ansprüche erheben. Dieses Land ist dabei, zu sterben.«

»Genau wie ich«, sagte ich.

»Ja, wie du.« Du kautest auf deiner Lippe herum. »Ihr müsst beide gerettet werden.«

 

 

In dieser Nacht konnte ich nicht schlafen. Dabei war gar nichts Ungewöhnliches los. Ich starrte an die Decke und lauschte dem Ächzen und Knarren des Hauses, das klang, als wäre es lebendig. Ein gigantisches Tier, das im Sand lag, und wir waren in seinem Bauch.

Ich überlegte, wie ich dich umbringen könnte. Ich malte mir die gurgelnden Töne aus, die du von dir geben würdest, wenn ich irgendwas Spitzes seitlich in deinen Hals rammte. Ich malte mir aus, wie das Blut herausspritzte, mir über die Hände lief und den Holzboden verfärbte. Ich malte mir aus, wie deine blauen Augen hart und unbeweglich wurden.

Doch diese Fantasien brachten mir keinen Schlaf. Darum versuchte ich mir auszudenken, was ich zu meinen Eltern sagen würde, falls ich sie jemals wiedersah – hauptsächlich Entschuldigungen.

Tut mir leid, dass ich Mums Lieblingsvase kaputt gemacht habe. 

Tut mir leid, dass ich an diesem einen Tag betrunken war und ihr mich erwischt habt.  

Tut mir leid, dass wir uns am Flughafen gestritten haben. 

Tut mir leid, dass ich entführt worden bin. 

Tut mir leid, tut mir leid, tut mir leid … 

Und dann war ich auf einmal im Park. Ich warf mich wild hin und her, wollte diesem Traum unbedingt entkommen, aber es war zu spät.

Ich lief schnell. Ein warmer, dumpfer Geruch von Erde stieg mir in die Nase … die Überreste eines lauen Sommerabends. Winzige Mücken tanzten in der Luft, verfingen sich in meinen Haaren und flogen mir in die Augen.

Er war da, nur ein paar Meter weit weg. Und er kam immer näher. Er verfolgte mich. Ich hörte, wie die Beine seiner Jeans beim Gehen aneinanderrieben, hörte seine stampfenden Schritte. Ich ging schneller. Ich blickte auf die Bäume und Sträucher ringsum in der Hoffnung, etwas zu entdecken, das ich wiedererkannte, aber sie standen nur dicht und dunkel da und rauschten und rauschten.

Er war inzwischen so nah, dass ich seinen Atem hören konnte; er schnaufte heftig, anscheinend eine Sommergrippe. Ich bog falsch ab und bewegte mich jetzt auf den Teich zu. Er schniefte. Jetzt war er direkt hinter mir, redete auf mich ein, wollte mich dazu bringen, langsamer zu gehen. Aber ich begann zu rennen. Das war eigentlich blöd, denn ich kannte diesen Typen ja. Und außerdem kam ich auf diesem Weg sowieso nicht aus dem Park raus – er führte direkt zum Teich. Ich rutschte ständig auf dem Rindenmulch aus und mein Atem ging immer schneller. Und das Wasser war so nah, es kam rasend schnell auf mich zu.

Sein Schatten erreichte mich, überholte mich, hüllte meinen ein. Ich wollte mich gerade umdrehen und überlegte fieberhaft, was ich sagen könnte … über die Schule oder über Anna, irgendwas eben.

Da blieb er stehen. Und ich sah ihn an. Nur war es diesmal nicht er, sondern du.

Du trugst das karierte Hemd, das du im Flughafen angehabt hattest, und hieltst die Arme ausgebreitet. Deine Hände zitterten.

»Bitte, Gemma«, sagtest du, »bitte … tu’s nicht.«

Doch ich wandte mich ab und rannte direkt in den Teich. Ich tauchte ins Wasser und glitt hinunter, immer weiter nach unten in die kalte, dunkle Tiefe, meine Haare wirbelten herum und verfingen sich in den Wasserpflanzen.

 

 

Ein satter Rums ertönte von der Veranda, dann ein regelmäßiges Klopfen oder Schlagen. Ich stieß die Fliegengittertür auf und blieb einen Moment lang stehen, die nackten Füße auf dem Holzboden. Die Morgensonne war an diesem Tag milder als sonst. Ich musste diesmal nicht erst ein paar Sekunden lang darauf warten, dass sich meine Augen an das Licht gewöhnten.

Du warst links von mir, in einer zerfetzten kurzen Hose und einem dünnen, löchrigen Unterhemd. Ein Sandsack schwang zwischen deinen Fäusten. Er war mir vorher noch nie aufgefallen, anscheinend hattest du ihn jetzt erst aufgehängt. Du standst auf den Zehen, wipptest hin und her und schlugst mit bloßen Fäusten fest auf ihn ein. Direkt vor dem Aufprall spannte sich dein Körper, wurde hart wie die Felsen hinter dir. Deine Muskeln zeichneten sich unter dem Hemd ab, ihre Konturen waren auf der Brust und dem Rücken deutlich zu sehen. An deinem Körper war nichts Weiches, nichts Überflüssiges. Jedes Mal, wenn dein Schlag den Sandsack traf, hast du ein leises Grunzen ausgestoßen. Die Haut an deinen Fingerknöcheln war roh und aufgerissen.

Ich bin mir sicher, du wusstest nicht, dass ich dir zusah. Dein Gesicht war ausdruckslos, jede Faser deines Körpers war aufs Zuschlagen konzentriert. Ich schauderte bei der Vorstellung, wie es wäre, wenn diese steinharten Fäuste meinen Körper träfen, wie meine Rippen darunter brächen … ich sah dunkel verfärbte Stellen und Prellungen vor mir.

Du machtest immer weiter, bis dein Hemd dunkel war vor Schweiß. Dann hieltst du den Sandsack an und zogst das Hemd hoch zu deinem Gesicht, um dir die Stirn abzuwischen. Kurz konnte ich deinen Bauch sehen; er war flach und voller Muskeln, die wie Sandkuppen wirkten. Du gingst zu einer Metallstange, die an der Seite der Veranda befestigt war. Mit den Händen umfasstest du sie, zogst dein Kinn nach oben und hast deinen Körper dann langsam wieder nach unten sinken lassen. Dein Bizeps schwoll dabei jedes Mal an und deine Haut spannte sich so stark, dass sie fast zu platzen schien. Du warst der stärkste Mann, den ich je gesehen hatte. Du könntest mich jederzeit umbringen. Eine kleine Bewegung mit diesen Händen genügte, um mich zu erdrosseln, nur ein kleiner Schlag und mein Gehirn würde explodieren. Ich wäre machtlos dagegen. Ein einzelnes stumpfes Messer, versteckt unter einer Matratze, konnte nicht das Geringste gegen dich ausrichten.

 

 

Später hielt ich das Messer, das ich in der Küche hatte mitgehen lassen, prüfend in den Händen. Ich probierte aus, wie scharf es war, indem ich mir einen Schnitt quer über die Fingerkuppe zufügte. Dabei stellte ich mir vor, deine Kehle aufzuschlitzen. Ein Tropfen Blut fiel auf das Bettlaken. Dann beugte ich mich hinunter zum Bettgestell und schnitt noch ein paar Kerben rein. Ich dachte mir, dass ungefähr sechzehn Tage vergangen sein mussten, aber ich machte noch eine zusätzliche Kerbe, nur für den Fall, dass ich mich geirrt hatte. Siebzehn Tage.

 

 

Du warst da, als ich aufwachte.

»Bist du bereit für die Separates?«, fragtest du. »Ich zeig sie dir heute.«

Ich runzelte die Stirn. »Ich hab sie schon gesehen.«

Ich drehte mich auf die andere Seite und versuchte, meinen gescheiterten Fluchtversuch zu vergessen. Aber du bewegtest dich so ums Bett herum, dass du mich immer direkt ansehen konntest, egal, wohin ich mich drehte. Ein Lächeln lag auf deinem Gesicht, während du mir zuschautest.

»Du hast sie dir nicht richtig angesehen«, erklärtest du. »Nicht zusammen mit mir.«

Dann gingst du fort. Als ich später aufstand, wartetest du in der Küche auf mich. Kaum hattest du mich gesehen, machtest du die Tür nach draußen auf.

»Los, komm«, sagtest du.

Also ging ich hinter dir her. Ich weiß nicht genau, warum. Ich könnte behaupten, dass ich es machte, weil ich nichts zu tun hatte, als pausenlos die Wände anzustarren, oder dass es mir auch diesmal darum ging zu entkommen, aber ich glaube, es steckte mehr dahinter. Im Haus kam ich mir vor, als wäre ich schon tot. Mit dir zusammen hatte ich immerhin das Gefühl, mein Leben wäre irgendwie wichtig … nein, das trifft es nicht, ich hatte das Gefühl, dass mein Leben von jemandem wahrgenommen wurde. Ich weiß, das klingt verrückt, aber ich spürte, wie sehr du es mochtest, wenn ich bei dir war. Und das war besser als die Leere in diesem Haus, die mich zu ersticken drohte.

Du führtest mich durch den Sand. Am Zaun bliebst du stehen und zogst an einer Art Eingang den Maschendraht weg, damit ich hindurchsteigen konnte. Wir gingen still nebeneinanderher, bis wir den Anfang des Pfads erreichten. Dort bliebst du stehen und legtest die Hand auf den Stamm eines Baums, der am Rand der Felsen wuchs. Ich blieb ein Stück von dir entfernt stehen.

»Hast du Angst?«, fragtest du. »Angst, da reinzugehen?«

»Hab ich denn Grund dazu?« Ich wich deinem Blick aus. »Was hast du vor?«

»Nichts, es ist nur …« Rasch schütteltest du den Kopf. »Einer von Dads Viehhütern hat mir mal was erzählt. Er meinte, dass es hier in diesen Felsen Geister gäbe; dass es einen Grund hätte, warum die Felsen hier sind, dass es etwas Besonderes auf sich hätte damit … Er hat gesagt, wenn ich sie nicht respektiere, würden die Felsen in sich zusammenfallen und mich begraben. Hat mir irre Angst eingejagt, dieses Gerede.« Du machtest ein paar Schritte. Dann blicktest du hinauf zu den hoch aufragenden Felsen. »Seitdem begrüße ich die Steine immer erst, bevor ich hineingehe … Ich warte einen Augenblick, damit sie wissen, dass ich hier bin.«

Du hast die Felsen mit den Fingern berührt und ein wenig Sand abgeschabt. Dann zerriebst du ihn zwischen Daumen und Zeigefinger, um gleich darauf deine Lippe zu berühren. Du warfst einen Blick zurück zu mir, bevor du den Pfad entlanggingst.

Nach ein paar Sekunden folgte ich dir. Ich hielt deutlichen Abstand. Meine Beine zitterten, was meinen Weg über die Steine etwas wackelig machte. Wieder streckte ich die Handflächen aus, um sie auf die gewaltigen Felswände zu legen, wieder ging ich mit einem Fuß rechts, mit dem andern links von dem Wasserrohr. Das leise Jaulen und Pfeifen des Windes zwischen den Felsen war mir unheimlich. Und ich fand es furchtbar, dass dieser Pfad in die Felsen hinein zugleich der einzige Weg hinaus zu sein schien. Es war, als würde ich in eine Falle tappen.

Du liefst schnell, und als ich auf der Lichtung ankam, lehntest du schon an einem Baum mit rauer Rinde und schobst etwas Kleines in deiner Hand herum.

»Wüstenwalnuss«, sagtest du.

Du hieltst sie mir hin. Sie fühlte sich hart und rau wie ein Stein an und sah auch so aus. Ich tippte mit dem Fingernagel gegen ihre feste Schale.

»Diese Nüsse reden, wenn man sie heiß macht«, sagtest du. »Sobald ihre Schale im Feuer aufplatzt, sprechen sie mit dir … so heißt es jedenfalls. Als ich zum ersten Mal solche Nüsse im Feuer geröstet habe, dachte ich, es wären die Felsgeister, die mir sagen, dass ich gleich sterben muss.«

Du lächeltest schief. Dann nahmst du mir die Nuss wieder aus der Hand und stecktest sie in deine Tasche. Im Vorbeigehen schlugst du noch mal gegen die Baumrinde.

»Turtujarti … gibt dir Süßes, Salz und Nüsse … und auch Unterschlupf. Ist dein Freund hier draußen, wo’s nicht viele Freunde gibt.«

Du gingst quer über die Lichtung zu den Geflügelkäfigen. Du hast die Klappe am größeren der beiden hochgezogen, eine Handvoll Körner und Beeren hineingeworfen und dich vergewissert, dass die Hühner noch genug Wasser hatten. Die Tiere stürzten sich auf das Futter. Du suchtest nach Eiern und schütteltest den Kopf, als du keine finden konntest.

»Die sind immer noch nicht ganz bei sich«, murmeltest du. »Noch völlig durcheinander von der langen Fahrt.«

Du legtest deine Hände um die Hühner und sprachst dabei leise mit ihnen. Ich sah, wie sanft deine Finger an ihren Hälsen entlangtasteten. Ein klein bisschen mehr Druck und du würdest ihnen die Luft nehmen. Du hast die Klappe wieder geschlossen. Ich steckte einen Finger durch das Käfiggitter und streichelte die Federn von einem orangefarbenen Huhn.

Als Nächstes kümmertest du dich um das Gemüse und schautest nach, ob die Wasserleitung das Beet gut versorgte.

»Minyirli, Yupuna, Wüstentomate …« Du hast mit den Pflanzen geredet, als wären sie deine Freunde, sie mir mit Namen vorgestellt. Du hast dir ihre Blätter und Früchte betrachtet, um festzustellen, ob sie krank oder von Insekten befallen waren.

Dann richtetest du dich wieder auf und gingst an der Rohrleitung entlang bis zum Wasserloch. Mit energischen, festen Schritten liefst du durch die hochgewachsenen struppigen Gräser.

»Gibt’s hier Schlangen?«, fragte ich.

Du nicktest. »Aber wenn man genug Krach macht, verschwinden sie. Eigentlich haben sie selber Angst.«

Wider Willen folgte ich dir jetzt mit weniger Abstand. Jeder Zweig auf dem Boden sah für mich wie eine Schlange aus, bis er unter deinem Tritt zerbrach.

Am Wasserloch lehntest du dich gegen den Ast, der mich beim letzten Mal vorm Reinfallen bewahrt hatte. Du fuhrst mit der Hand über seine geschmeidige Rinde.

»Roter Eukalyptus«, sagtest du, als wolltest du mich mit ihm bekannt machen. »Hilft mit, die Kacke aus unserm Wasser zu filtern.«

Du knietest dich an den Rand des Wasserlochs und tauchtest deine Hand ins Wasser, prüftest die Leitung. Dann zogst du in einer einzigen schnellen Bewegung dein Hemd aus.

»Hast du Lust zu schwimmen?«, fragtest du. »Ich muss nach der Quelle schauen.«

Rasch schüttelte ich den Kopf und zwang mich, von deiner Brust wegzugucken, die durch und durch muskulös und tiefbraun war. Ich hatte noch nie zuvor jemanden erlebt, der derart durchtrainiert und perfekt aussah, aber ich wusste, dass deine Stärke für mich nichts Gutes bedeutete. Mein Herz begann laut zu klopfen, als ich mir vorstellte, was du mir mit deiner Kraft alles antun konntest. Statt dich weiter anzustarren, blickte ich Richtung Boden. Große schwarze Ameisen krabbelten um meine Stiefel herum. Eine von ihnen war gerade auf dem Weg zu meinem Knöchel; ich schüttelte sie hastig ab.

»Du kannst dich ruhig da hinsetzen«, sagtest du mit einem Blick auf die Ameisen. »Ich glaub nicht, dass die beißen.«

Dann bist du durch das Wasserloch gewatet. Bevor du unter die Oberfläche getaucht bist, sah ich dich noch mal an. Auch dein Rücken war gebräunt und fest, deine Muskeln tanzten bei jedem Schritt.

Eine andere Ameise wollte mir am Bein hochkrabbeln, aber ich schnipste sie weg. Irgendwo hoch über mir stieß ein Vogel einen Schrei aus, der wie Hexengekicher klang. Abgesehen davon war es totenstill.

Auf dem Rückweg war der Klang unserer Schritte auf dem Sand das einzige Geräusch. Ich brauchte etwas, das die mächtige Stille dieses Ortes durchbrach.

»Kann ich die Hühner füttern?«, fragte ich. »Ab und zu?«

Du hast mich ziemlich lange angeschaut, ein bisschen gelacht und dann kurz genickt.

»Warum nicht?«, sagtest du. »Vielleicht legen sie ja dann endlich Eier.«

Dein Hemd lag über deiner Schulter und du warst noch nass vom Bad im Wasserloch. Tropfen perlten auf deiner Haut. Auf dem Weg Richtung Haus ging ich vor dir her; ich wollte nicht, dass du merktest, wie oft ich dich anschaute.