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Als das Rudel besessen heulend auf sie zusprang, kauerte Buffy sich auf dem Boden nieder. Ein Schatten wuchs zu ihrer Rechten empor - rasch trat sie mit dem Fuß aus und erwischte Hopscotch, bevor er ihr an die Gurgel gehen konnte. Der Tritt beförderte den alten Kojoten ein paar Meter weit in die Büsche. Dann sprang Buffy senkrecht in die Höhe und entging so dem Angriff von zwei anderen Kojoten, die unter ihr gegeneinander krachten.

Sie landete auf den benommenen Tieren und benutzte ihre Fäuste, um ihnen die Schnauzen zu vernageln. Dann blickte sie sich um - immer noch strömten die Kojoten aus allen Richtungen herbei. Wohin sie blickte, sah sie nur geifernde Lefzen und stinkendes Fell!

Buffy schlug ein Rad, kickte zwei Kojoten in die Lefzen und wirbelte wie ein Hula-Hoop-Reifen den Hügel hinab - genau auf das geheimnisvolle Grab. Sie blieb halb bewußtlos auf den verwelkten Blumen liegen. Die Kojoten heulten vor Wut. Ihr wütendes Gekläff brachte Buffy wieder zu sich, stolpernd kam sie auf die Beine. Da ihr keine andere Möglichkeit blieb, suchte sie ihr Heil in der Flucht.

Zwei Füße waren bei weitem nicht so schnell wie vier. Im Handumdrehen war das Rudel der Jäger da und schnappte nach ihren Füßen. In ihrer Verzweiflung sprang Buffy drei Meter hoch in die Luft und landete auf dem Dach eines alten Mausoleums. Sie ruderte mit den Armen, um auf dem schlüpfrigen Dach, das wie ein echtes Hausdach stark geneigt war, das Gleichgewicht zu halten.

Auch Kojoten können gut springen, und ein paar hatten es schon geschafft. Buffy ging mit wirbelnden Fäusten auf die Biester los, aber die waren drahtig und behende und schwer zu treffen. Sie traute sich nicht zu treten, weil sie ihr Gleichgewicht nicht verlieren wollte. So konnte sie nur mit halber Kraft zuschlagen und die Tiere vom Dach fegen.

Als die Kojoten von allen vier Seiten gleichzeitig angriffen, war Buffy gezwungen, sich im Kreise zu drehen und ihre Füße zu benutzen. Zweimal wäre sie fast ausgerutscht und in die gierigen Mäuler gestürzt, aber sie fing sich jedesmal wieder im letzten Moment. Die aufregende Jagd machte die Kojoten geradezu verrückt, und sie heulten und kläfften, als wäre Buffy eine Katze, die sie auf den Baum gejagt hatten.

Aus der Entfernung ist es ja ganz nett, ihnen dabei zuzugucken; aber wenn man selber die Beute ist, macht's überhaupt keinen Spaß mehr!

Aufgrund ihrer schnellen Reflexe war Buffy fähig, ihre Stellung zu halten, aber sie konnte nicht darüber nachdenken, wie sie fliehen sollte. Wenn die Angreifer hartnäckig blieben, würden ihre Kräfte allmählich nachlassen. Es waren so viele Kojoten, daß einige immer Pause machen und sich ausruhen konnten, während sie selbst ununterbrochen kämpfen mußte. Und ewig konnten ihre Kräfte nicht vorhalten!

Von ihrer unsicheren Warte aus sah Buffy ein anderes Mausoleum, ungefähr sechzig Meter entfernt, das sie kannte und haßte. Innen gab es einen geheimen Durchgang, der zu einer Vampirhöhle tief unter der Erde führte. Wer weiß, was mich dort erwartet?

Doch ihre Füße rutschten von dem Marmordach ab, und ihre Arme wurden allmählich müde - Buffy wußte, daß schnelles Handeln Not tat. Sie kauerte sich nieder, schnellte sich mit aller Kraft ab und sprang so weit wie möglich vom Mausoleum weg.

Sie übersprang den ersten Ring der Angreifer und landete vor einem Kojoten, der gerade eine Kampfpause einlegte. Ohne lange zu fackeln packte sie das überraschte

Tier an seinem buschigen Schwanz, schwang es hoch über ihrem Kopf und feuerte es mitten in das Rudel. Ihr Vorsprung von ein, zwei Sekunden war damit gesichert.

Buffy stürmte wie ein Panzer über den Friedhof, an den Fersen ein Rudel total durchgedrehter Cujos. Sie sah ihr Ziel - das alte Mausoleum - im Nebel vor sich. Aber konnte sie es erreichen?

Mit einer letzten verzweifelten Anstrengung sprangen die Kojoten von hinten auf ihren Rücken, um die Beute nicht zu verlieren. Buffy stolperte und wäre fast unter die scharfen Krallen geraten, aber sie schüttelte ihre Angreifer wie einen häßlichen Mantel ab und duckte sich unter das Grabmal.

Sie lehnte sich gegen die schwere Marmortür und wehrte gleichzeitig ein halbes Dutzend Kojoten ab. Nur ihre außerordentliche Kraft rettete sie, und endlich gelang es ihr, die Tür hinter sich zuzuschlagen.

Nach Luft schnappend lehnte sie sich gegen den kalten Marmor und musterte den unheimlichen Ort. Es war eine alte Krypta: Von den Wänden blätterte der Putz, und alles war voller Schmutz und Staub. Hätte glatt ihr eigenes Zimmer sein können! Trotz all ihrer Vorsicht hatte sie sich nun in einem Raum eingeschlossen, der so etwas wie die Empfangshalle der Vampire war.

Dennoch lockte sie nichts mehr nach draußen. Die Kojoten, denen die Beute entgangen war, jaulten und kläfften aus vollem Halse und drückten gegen die Tür. Es gab nur einen Weg nach draußen, und dazu mußte sie erst einmal hinunter gehen anstatt hinauf.

Widerwillig rückte Buffy von der Tür ab. Sie befürchtete, die Tiere würden merken, daß sie sich nicht mehr dagegen stemmte. Sie bezwang ihre Furcht, rannte auf den Geheimgang zu und tauchte hinein. Mit einem Krachen brach die Marmortür ein, und die Kojoten sprangen durch eine Wolke aus uraltem Staub in die Krypta.

Im trüben Licht konnte Buffy sehen, wie die ersten Tiere urplötzlich haltmachten und winselnd zurückwichen. Sie spürten, daß mit diesem Ort etwas nicht stimmte. Buffy konnte ihnen nur beipflichten. Dennoch drängten weitere Kojoten nach - der Jagdtrieb war stärker als die Angst!

Buffy sah keinen Sinn mehr darin zu warten - jetzt zählte jede Sekunde! Kauernd kroch sie den feuchten Tunnel entlang und vermied es, gegen die schlüpfrigen Wände zu stoßen. Wenn sie jetzt einem Vampir über den Weg lief, hatte sie nichts zu ihrer Verteidigung dabei - nicht mal einen Zahnstocher! Wenn ihr jetzt ein Vampir begegnete, hatte er mächtig Glück, denn sie hatte heute Abend schon bis zum Umfallen gekämpft!

Ab und zu hielt Buffy an und warf einen Blick zurück durch den Tunnel. Offenbar hatten die Kojoten die Verfolgung aufgegeben. Dennoch wollte sie nicht darauf bauen, daß es so blieb - und kroch weiter.

Da Buffy selbst im Dunkeln gut sehen konnte und einen fabelhaften Richtungssinn hatte, erreichte sie bald eine Leiter aus Metall, die einen Schacht hinaufführte, und kletterte daran hoch. Nachdem sie einen Kanaldeckel weggeschoben hatte, fand sich Buffy mitten im E-Werk wieder. Um sie herum ragten riesige Transformatoren empor. Das ist schon okay - jedenfalls besser als Kojoten.

Sie blickte auf ihre Klamotten herab und stellte fest, daß Jacke, Jeans und T-Shirt zerfetzt und blutbefleckt waren. Seltsamerweise hing das Fernglas immer noch unversehrt am Riemen um ihren Hals. Und noch erstaunlicher war, daß der Tunnel der Vampire sie gerettet hatte. Die Untoten, deren Gestank die Kojoten aus dem Mausoleum vertrieben hatte, waren heute echt zurückhaltend gewesen. Buffy mußte unbedingt eingehend darüber nachdenken - und Giles davon berichten.

Mit schmerzenden Knochen und von unzähligen Kratzern und Blutergüssen bedeckt, kletterte Buffy über den Zaun und schlurfte über verlassene Straßen nach Hause.

Die Jägerin sprang aus dem Bett und starrte verschlafen auf ihren Wecker. Es war schon nach zehn. Sie fluchte, weil sie so lange geschlafen hatte. Natürlich gab es einen Grund: Immerhin war sie ziemlich lange aufgeblieben und hatte sich in den frühen Morgenstunden damit vergnügt, einem Rudel Kojoten auf einem Vampirspielplatz zu entkommen. Als Entschuldigung galt das aber nicht.

Dann erinnerte sie sich müde daran, daß Samstag war, und daß sie als erstes Giles anrufen wollte. Sie griff nach ihren Klamotten.

In der Küche lag eine Nachricht ihrer Mutter, daß sie Golf spielen gegangen war. Golf? Die müssen hier was ins Wasser schütten, das den Leuten das Hirn verbiegt, dachte Buffy. Mom hat doch in Los Angeles nie Golf gespielt - das war immer Dads Part.

Trotzdem war es ein Segen, daß ihre Mutter nicht da war, denn so mußte Buffy nicht erklären, warum die Klamotten, die sie nun in eine Mülltüte stopfte, so zerrissen waren. Im Augenblick wollte sie mit niemandem sprechen außer Giles.

Doch als sie ihn anrief, war er nicht da. Wo kann er nur stecken? Giles hat doch gar kein Privatleben. Sie dachte daran, daß die Schule in ungefähr einer Woche wieder losging, und fragte sich, ob wohl jetzt schon offen war, damit die Lehrer sich vorbereiten und neue Schüler aufgenommen werden konnten. Und selbst wenn die Schule noch geschlossen war, konnte sie sich heimlich in die Bibliothek schleichen und Bücher über Kojoten suchen ... und über Wer-Kojoten. Hat Willow nicht erwähnt, daß sie mal 'nen Aufsatz über Kojoten geschrieben hat? Dann mußte Buffy in der Bibliothek anfangen zu suchen.

Als Buffy zur Schule kam, war sie erleichtert, ein paar Autos auf dem Parkplatz zu sehen. Ganz sicher gehörten die keinem Schüler. Rasch, um nicht entdeckt zu werden, huschte sie an den Fenstern vorbei und flitzte in die Bibliothek. Sobald sie die unverschlossene Tür aufstieß, wußte sie, daß der Wächter an seinem Platz war. Es roch muffig - Giles' persönliches Parfüm.

Sie fand ihn hinter den üblichen Bücherstapeln, wo er über einigen Zeitschriften brütete. „Hallo, Buffy", grüßte der Bibliothekar fröhlich. „Was führt dich denn zur Schule, wenn's nicht absolut nötig ist? Du willst doch nicht etwa lernen?"

„Ob Sie's glauben oder nicht, das war mir lieber als der wahre Grund", gab die Jägerin betrübt zurück. „Ich bin beruflich hier."

Der gutaussehende Brite blickte sie über den Rand seiner Brille hinweg an. „Sprichst du etwa von den Untoten?" „Nein, von den Ungebadeten und Ungetrimmten. Ich rede von Kojoten."

Giles lächelte und nahm einen Katalog für Computermöbel zur Hand. „Kojoten gibt's hier jede Menge. Ich war die letzten Nächte ganz fasziniert von ihrem Geheul."

„Also, ich nicht!" schnappte Buffy. „Weil ich nämlich da draußen auf der Straße war und fast 'n netter Happen geworden wäre." Sie streckte ihm den Unterarm entgegen, den ein hübscher Kratzer von einer Kojotentatze zierte. „Ach, du je!" sagte Giles betroffen. „Bist du damit beim Arzt gewesen?"

„Mach ich später. Ich schätze, ich werd noch viel mehr abkriegen, bevor ich mit den Viechern fertig bin."

„Warum willst du denn überhaupt gegen Kojoten kämpfen?" fragte Giles erstaunt. „Für Menschen sind die doch normalerweise ungefährlich."

Buffy verdrehte die Augen und begann, ruhelos auf und ab zu gehen. „Bevor ich Ihnen die blutrünstigen Einzelheiten erzähle, hätt ich noch eine Frage - ist es möglich, daß es Wer-Kojoten gibt?"

„Natürlich", erwiderte Giles. „Das Phänomen, daß Menschen sich in Tiere verwandeln können, wird von vielen Kulturen auf dem ganzen Erdball überliefert. In Afrika gab es Wer-Krokodile, im Südpazifik Wer-Haie. In unserem Land sind Werwölfe deshalb am bekanntesten, weil unsere Kultur von Europa beeinflußt ist. Ich glaube, bei den Indianern gibt es Sagen von Wer-Kojoten."

„Können Sie das nachprüfen?" drängte Buffy.

Steifbeinig stand Giles auf und begab sich ein Stockwerk höher zu den Büchern, die versteckt in der hintersten Ecke der Bibliothek standen. Er erlaubte es kaum einem, in diese Ecke mit den „Nachschlagewerken" zu gehen, wenn er nicht dabei war. Mit einem besorgten Stirnrunzeln folgte Buffy ihm.

Nachdenklich fragte Giles: „Warum glaubst du, daß diese Kojoten, mit denen du gekämpft hast, in Wirklichkeit Menschen sind?"

„Weil sie mich so komisch ansahen. Weil sie Mundgeruch hatten. So furchtbar lässig waren. Und weil sie PiercingLöcher in den Nasen hatten", erklärte Buffy. „Und die komischen Sachen, die sie da draußen auf dem Friedhof gemacht haben. Da müssen wir übrigens als nächstes hin." „Ach ja?" meinte Giles argwöhnisch. Er blieb vor einem Bücherregal in der hintersten Ecke stehen, las die Titel und zog vier staubige Bände heraus.

„Warum finden die es so attraktiv, sich in Kojoten zu verwandeln?" erkundigte sich Buffy.

Giles dachte angestrengt nach. „In unseren modernen Zeiten wäre es dumm, sich in einen Werwolf zu verwandeln. Wölfe sind zu selten geworden, es gibt sie ja fast nur noch in der Wildnis - Alaska oder Sibirien. Aber als Kojote kann man sich überall im Westen der USA rumtreiben, in Mexiko und in Kanada, und in der Nähe von Menschen. Kein Mensch wird es seltsam finden, wenn ein Kojote auf der Straße rumläuft. Weil Kojoten Menschen normalerweise nicht angreifen."

„Tja, die hier tun's aber", murmelte Buffy.

Giles schlug ein Buch auf, blätterte ein paar Seiten durch und zeigte ihr einen Abschnitt. ,„Kojote' ist ein sehr populärer Charakter in Indianermythen und Legenden. In vielen ist er der Held, und fast immer wird er als trickreicher Bursche beschrieben. Er ist eine durchtriebene Figur mit einer Schwäche für die holde Weiblichkeit. Man weiß von ihm, daß er seine Haut mit der eines Menschen tauscht, um mit der Frau dieses Menschen ins Bett zu gehen."

Der züchtige Bibliothekar zog indigniert eine Braue hoch, als er diese unanständigen Worte von sich gab, dann fuhr er fort: „In einer Geschichte wird einem Kojote aufgetragen, auf den Mond aufzupassen, aber er mißbraucht seine gehobene Stellung, um die Menschen zu bespitzeln und ihre Geheimnisse zu erfahren. Der Kojote wird auch oft in Verbindung mit dem Mond gebracht."

„Machen Sie keine Witze!" murrte Buffy. „Wie reden hier über Wer-Kojoten, nicht über Märchenbuch-Ko}oten."

Giles warf ihr einen strengen Blick zu. „Du weißt doch, daß Kojoten für ihre seltsame Art bekannt sind. Was du beobachtet hast, könnte auch ihr ganz normales Verhalten gewesen sein."

„Giles, erinnern Sie sich doch bitte daran, was Ihr Job ist!" sagte Buffy frustriert. „Meine Aufgabe ist es, zu sagen, was mir unheimlich vorkommt, und Ihre ist es, herauszufinden, warum."

„Äh, ja, ich versteh schon", beeilte sich der Bibliothekar zu sagen, rückte seine Brille zurecht und starrte wieder in den dicken Wälzer. Buffy haßte es, dem Wächter sagen zu müssen, worin seine Arbeit bestand, aber Giles mußte einfach lernen, den Instinkten der Jägerin zu vertrauen.

„Falls ich mich geirrt habe, können Sie mich später ja auslachen", versprach sie ihm.

„Ich hab's gelernt, nicht über dich zu lachen", gab Giles verstimmt zurück. Er blätterte ein paar Seiten weiter.

Nach einigen Minuten schweigenden Lesens sagte er: „Ich kann über Wer-Kojoten im besonderen nichts finden, aber hier steht einiges über Skinwalker. Wie du dich vielleicht erinnerst, ist in der Kultur der Indianer der Skinwalker ein Zauberer oder Hexer. Ein Skinwalker kann sich in ein Tier verwandeln, indem er dessen Haut trägt und eine geheime Zeremonie abhält. Skinwalkers leben oft in Gruppen weitab von anderen Menschen, und sie werden als gefährliche Zauberer eingestuft, die man möglichst meiden sollte." Buffy fröstelte. „Das hört sich ganz nach meinen Freunden da draußen an. Also muß ich jetzt nach Kojotenhäuten suchen."

„Ich glaube, es ist illegal, Kojoten abzuschießen und zu häuten", sagte Giles. „Willst du mir nun endlich mal erzählen, was eigentlich passiert ist?"

„Ja, während Sie mit mir zum Friedhof fahren. Und zuerst noch eine Frage. Wissen Sie, was Coyote Moon ist?"

„Ich nehme doch stark an, daß es eine Mondphase ist und kein neumodisches Restaurant." Er legte die Bücher über Indianermythologie beiseite und zog einen anderen Wälzer hervor. Einen Augenblick später hatte er gefunden, was er suchte. „Ja, hier steht's - eine sehr seltene Mondphase. Ich nehme an, du weißt, was ein Blue-Moon ist."

Buffy nickte verschwörerisch. „Klar, das ist ein Oldie, den sie immer im Radio spielen."

Der Bibliothekar seufzte. „Nein, das ist ein zweiter Vollmond im Monat, Natürlich passiert das nur sehr selten."

Er suchte einen bestimmten Abschnitt im Buch und begann vorzulesen: „Coyote Moon ist ein volkstümlicher Ausdruck, der im Südwesten der Vereinigten Staaten für eine seltene Mondphase benutzt wird. Es ist ein Blue Moon, der im neunten Mondmonat im August blutrot aufgeht. Sein Auftauchen wird oft mit Zauberei und Magie verbunden." „Und mit all dem anderen unheimlichen Zeugs über Kojoten", fügte Buffy hinzu.

Giles blinzelte nachdenklich. „Wir haben jetzt Ende August

- die passende Jahreszeit für Coyote Moon. Ich bin in letzter Zeit nicht viel draußen gewesen, aber ich glaube, bald ist Vollmond."

„Und ob."

„Ich sollte ein paar Berechnungen anstellen und herausfinden, ob wir heute oder morgen mit Coyote Moon rechnen müssen."

„Das können Sie später machen", meinte Buffy. „Es war ja nur etwas, das ich gehört habe - vielleicht gibt es auch gar keine Verbindung. Jetzt aber müssen wir zum Friedhof und nachschauen, an welchem Grab die Biester gebuddelt haben. Dann müssen wir Willow und Xander warnen."

Giles klappte sein Buch zu. „Du hast aber keine Beweise für diese so genannten Wer-Kojoten, oder?"

„Null", gab Buffy zu. „Wenn ich einen von ihnen dabei erwische, wie er sich 'n räudiges altes Kojotenfell überzieht und sich in ein wildes Tier verwandelt, werd ich's Ihnen sofort berichten."

„Na schön", schloß Giles und klopfte die Taschen seiner Weste ab. „Laß mich nur erst die Autoschlüssel finden und mein Notizbuch suchen, dann können wir los."

Willow studierte Lonnies gutgeschnittenes Gesicht, die blonden Bartstoppeln, die blauen Augen, und dachte: Ist

wahrscheinlich schwierig 'ne Dusche zu finden, wenn man immer unterwegs ist. Vielleicht erklärte das auch den Geruch nach Erde, der von ihm ausging. Viele Mädchen würde das nicht stören - und Willow wurde auch nicht unbedingt übel - aber sie mochte es lieber, wenn die Typen, mit denen sie ausging, ein bißchen gepflegter waren als Lonnie.

Zum Beispiel wie Xander. Nun ja, normalerweise gefiel ihr Xanders persönlicher Stil, aber leider hatte auch er jetzt den schäbigen Kirmeslook entdeckt - speckige Jeans, fleckiges T-Shirt und diesen komischen Möchtegernschnurrbart unter der Lippe. Die dritte Achselhöhle, dachte sie und mußte unwillkürlich kichern. Lonnie, Xander und Rose wandten sich zu ihr und starrten sie an.

„Was ist denn so lustig?" fragte Rose verächtlich.

„Nichts", gab Willow zurück und rührte mit dem Strohhalm in ihrer Limo. „Mir macht's bloß Spaß."

„Gut", meinte Lonnie grinsend.

Sie saßen zu viert am Tisch vor einem Hot Dog- und Limonadenstand. Weil die Kirmes noch nicht geöffnet war, liefen nur die Schausteller und ihre Gäste herum. Einige Jugendliche aus der Stadt hatten offenbar auch Freundschaften geschlossen - Willow sah mehr als ein halbes Dutzend.

Es war toll, mit Lonnie und Xander hier abzuhängen, dachte sie, wenn ich nur Rose loswerden könnte. Aus irgendeinem Grund schien die attraktive dunkelhaarige Frau Willow nicht sonderlich leiden zu können. Vielleicht war sie aber auch nur eine besonders hinterhältige Person, so wie Cordelia.

„Wo ist deine Freundin?" fragte Rose jetzt.

„Meine Freundin?" grinste Willow. „Ach, du meinst Buffy. Ich hab fast erwartet, daß sie auch kommt."

„Und uns unsre Dates vermiest?" murmelte Xander. „Ich hoffe doch nicht. Buffy hat ja nicht gerade viele Verabredungen." „Warum nicht?" wollte Lonnie wissen.

Willow warf Xander einen warnenden Blick zu. Der zuckte die Achseln. „Sie ist... irgendwie ... wie 'ne Nonne."

„Sie war aber nicht angezogen wie 'ne Nonne", entgegnete Lonnie grinsend.

„Sie ist ja auch 'ne Novizin", hielt Xander dagegen.

Rose schüttelte den Kopf. „Ob Nonne oder nicht, sie hat gestern abend einfach super geworfen, als sie Eddie versenkt hat. Sie sollte in der Nationalliga als Pitcher spielen." „Sie war als Cheerleader besser", warf Willow ein.

„Warum müssen wir eigentlich über sie reden?" fragte Xander, nahm Roses Hand und sah ihr tief in die dunklen, lebhaften Augen. „Für mich gibt es nur ein Mädchen auf der Welt - meine Rose von San Antonio."

Nun wurde Willow beinahe schlecht, aber sie blieb ganz cool. „Was wollen wir denn als nächstes anstellen?" fragte sie strahlend.

„Mal sehen", meinte Lonnie und rieb sein wohlgestaltes Kinn. „Wir haben euch das Büro gezeigt, das Schaltpult für die Scheinwerfer, die Motoren, die Wohnwagen, die Generatoren und die Lastwagen. Und den Kompressor." „Den werd ich nie vergessen", sagte Willow und versuchte, begeistert zu klingen.

„Wollt ihr vielleicht gern sehen, wo wir schlafen?" fragte Rose.

Xander nickte so heftig, als wäre sein Kopf an einer Feder befestigt. „Jaa, jaa! Das war einfach irre!"

„Wo ihr schlaft?" wiederholte Willow unsicher. „Schlaft ihr denn nicht... hier?"

Lonnie schenkte ihr ein Lächeln voller Grübchen. „Also -bestimmt nicht hier im Dreck. Wir haben alle einen Wohnwagen, manche müssen ihn allerdings teilen. Weil Rose und ich aber zu den ältesten hier gehören, haben wir unsre Wohnwagen ganz für uns allein. Stimmt's, Rose?" „Solange wir das wollen", fügte sie mit verschmitztem Lächeln hinzu. Dann sprang sie vom Stuhl auf und zog Xander hoch. „Genug geredet, jetzt laßt uns feiern!"

Xander grinste blöde, als hätte man ihm einen Baseballschläger über den Schädel gezogen. Wie ein Bauer, der das Schaf zur Schlachtbank führt, zerrte Rose den armen Jungen vom Tisch weg. „Bis später!" rief sie den beiden anderen zu.

Willow sprang auf. „Hey, Moment mal! Gehen wir nicht mit ihnen mit?"

„Warum denn?" fragte Lonnie. Er stand auf. Er überragte sie ein ganzes Stück. Er berührte ihre Wange mit seiner schwieligen Hand und drehte ihr Gesicht, so daß sie ihn ansah. „Es gibt nur 'ne begrenzte Menge Sachen, die man auf 'nem Doppeldate tun kann - danach wird's immer ein Einzeldate."

Widerwillig löste sich Willow von ihm. „Aber ich ... ich hab die Geisterbahn noch nicht gesehen! Ja, davon hab ich immer schon geträumt - mal ganz allein in 'ner Geisterbahn zu sein."

Sie drehte sich um und suchte mit den Augen nach Xander und Rose, aber die beiden waren schon verschwunden. In einem plötzlichen Anfall von Furcht glaubte sie, Xander werde für immer verschwunden bleiben. Wie konnte sie, oder sogar Buffy, mit einem Mädchen konkurrieren, das Tattoos trug?

„Okay", meinte Lonnie. „Dann woll'n wir dir mal deinen Traum erfüllen."

Er legte seinen muskulösen Arm um Willows schlanke Taille und führte sie zur Geisterbahn am Ende der Mittelgasse. Düster ragte sie vor ihnen auf - eine metallisch glänzende Fassade mit einer Wandmalerei, auf der liebliche Szenen - Mord, Verstümmelung und Enthauptung - dargestellt waren. Spärlich bekleidete Frauen rannten schreiend vor geifernden, blutrünstigen Monstern davon.

Dies war nicht gerade der Ort, den Willow immer schon erforschen wollte, aber nun mußte sie zu ihrer Lüge stehen. Als sie näher herankamen, sah sie, daß der Eingang zur Geisterbahn geschlossen und mit einem Vorhängeschloß gesichert war. „Sie hat zu!" verkündete sie freudig. „Wir können nicht rein!"

„Keine Sorge." Mit einem Grinsen löste Lonnie einen schweren Schlüsselring aus der Gürtelschlaufe seiner Jeans. „Ich arbeite doch hier, hast du's vergessen?"

In seinen staubigen Cowboystiefeln stapfte er unbeirrt auf die Geisterbahn zu und stieg die Stufen zum Eingang hoch, während Willow wie erstarrt dastand und verzweifelt die Hände rang. Sie fragte sich schon, ob sie vielleicht fliehen sollte, aber Lonnie brauchte nur einen Augenblick, um das Vorhängeschloß aufzuschließen.

Wenn ich jetzt wegrenne, überlegte sie, bleibt Xander allein und schutzlos zurück. Na ja, nicht direkt allein ...

Lonnie stemmte die Tür der Geisterbahn auf und machte eine einladende Bewegung in die Dunkelheit. „Nach dir, Sweetheart."