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Der Abendwind trug einen dünnen, hohen Schrei herbei, der fast wie das Weinen eines Babys klang. Aber dies war kein Baby. Buffy Summers blieb einen Augenblick stehen und lauschte, als sie aus dem Bronze trat. Das Bronze war der coolste Club in Sunnydale, allerdings auch der einzige - aber trotzdem irgendwie cool.
Wieder ging die Tür auf, und ihr Freund Xander kam heraus, rannte mit seinem schlaksigen Body förmlich in sie hinein. „Hey Buffy, das ist 'n Eingang hier, kein Parkplatz!"
„Sorry", gab Buffy zurück. „Hörst du das?"
Xander legte die Stirn in Falten, während er der Rockmusik lauschte, die durch die Wände hämmerte. „Glaubst du, der Gitarrist hat endlich den richtigen Akkord hingekriegt?"
„Keine Chance", sagte Buffy. „Ich meinte was anderes - es hörte sich an wie 'n Heulen."
Wieder öffnete sich die Tür. Willow kam heraus und rannte die beiden fast über den Haufen. „Spielen wir hier die drei Dumpfbacken?" fragte sie.
„Nein", erwiderte Xander. „Dann müßten wir ja versuchen, gleichzeitig durch die Tür zu gehn. Wir spielen gerade, daß wir in 'ner dunklen Gasse stehen und horchen . . . Auf was horchen wir eigentlich?"
Buffy schüttelte ihre honigblonde Mähne. „Ich weiß nicht, da ist nur so 'n verrücktes Geräusch - so 'ne Art Heulen."
„Meinst du nicht, daß das der Sänger von der Gruppe ist?" erkundigte sich Willow.
Buffy seufzte. „Na schön, das war heute Abend nicht gerade erste Sahne, was da im Bronze aufgetreten ist. Fällt dir was Besseres ein, wo wir hingehn können?" „Vielleicht nach Hause und ins Bett?" fragte Willow hoffnungsvoll.
„Wir können noch genug pennen, wenn die Schule wieder anfängt", sagte Xander in einem Ton, der keine Widerrede duldete. „Biologie, englische Literatur, Bücherwälzen in der Bibliothek - da hat man doch seine Ruhe! Aber jetzt müssen wir unbedingt einen draufmachen!"
„Er hat recht", stimmte Buffy zu. „Die Ferien sind schon fast vorbei, und als Teenager haben wir die Pflicht, uns soviel wie möglich zu amüsieren, bevor die Schule wieder anfängt."
Willow blickte sehnsüchtig drein. „Ich glaub fast, Schule macht mehr Spaß als Ferien."
„Deshalb kümmern wir uns ja so um dich", erklärte Xander. „Du bist echt komisch!"
Buffy spazierte die enge Gasse hinunter, die zwischen den Lagerhäusern und dem Bronze verlief. „In diesen öden Zeiten, wenn nirgendwo 'ne Party steigt, gibt's wenigstens noch einen Typen, der einen nie hängenläßt - Mr. Freeze! Meine Mom hat letztens noch unseren Vorrat an Cookie-Dough-Eis aufgestockt."
„Meine Lieblingssorte!" jubelte Xander.
Mit Buffy, der Jägerin, an der Spitze wanderten die drei Freunde aus den finsteren Vierteln der Stadt über die Bahngleise bis in eine freundliche Vorstadtstraße. Selbst Buffy mußte zugeben, daß das Leben in letzter Zeit ein wenig langweilig geworden war - keine Schule und noch nicht mal Vampire zum Killen - aber sie wollte sich keinesfalls beschweren. Vor Vampiren Ruhe zu haben war noch viel besser als Urlaub von der Schule.
„Hört mal!" begann Willow aufgeregt. „Ich hab eben mitgekriegt, daß am Wochenende auf der Main Street eine Kirmes eröffnet wird - auf dem Platz, wo früher das Autokino war!"
„Was denn für 'ne Kirmes?" wollte Xander wissen.
„Kennst du doch", erklärte Willow. „So 'ne billige, aufgemotzte Kirrnes eben - mit altersschwachen Karussells und drittklassigen Geisterbahnen."
„Cool!" rief Xander aus. „Genau das richtige, um das Ende der Ferien zu feiern."
„Und unser ganzes Geld vom Babysitten zu verjubeln", setzte Buffy hinzu.
Von den Aussichten für das kommende Wochenende begeistert, legten sie einen Schritt zu. Ihr Weg führte über grüne Wiesen und an gemütlich aussehenden Häusern vorbei. Doch Sunnydale war keineswegs gemütlich, auch wenn es so wirkte: Es lag über dem Höllenschlund, einem besonderen Ort, wo die Kräfte der Finsternis sich vereinigten und Monster aus der ganzen Welt anzogen. Echte Monster.
Als sie unter einer Straßenlaterne hergingen, drehte Buffy sich um und entdeckte einen Fleck unter Xanders Lippe. „Halt mal still, du hast da noch 'n Rest Schokoladenmilchshake am Mund."
Xander lächelte ein bißchen verlegen und schob ihre Hand beiseite. „Äh, das ist bloß mein neuer Spitzbart. Ich möcht auch so einen - wie Johnny Depp."
Willow grinste - und verdeckte ihr Grinsen dann schnell mit der Hand. „Ich find ihn toll."
Xander strahlte vor Stolz. „Findest du echt?"
„Wenn du 'nen Schnurrbart haben willst", schlug Buffy vor, „solltest du dir lieber die Haare in der Nase länger wachsen lassen."
„Das würde stinken", klagte Xander und latschte den Mädchen voraus. „Ich werd ihn wahrscheinlich wieder abrasieren, aber ihr könnt ihn mir ja noch lassen, bis die Schule wieder anfängt, okay?"
„Okay", schmunzelte Buffy. „Wir wollen uns ja nicht in irgendwelche Haare geraten."
Stirnrunzelnd sah Willow sie an. „Warum wollen Männer bloß Haare im Gesicht haben?" „Weil sie im Grunde Wilde sind", gab Buffy achselzuckend zur Antwort. „Tief, tief innen, unter dem ganzen Deo und Aftershave, sind die meisten von ihnen Wilde, die in 'ner Höhle schlafen und sich lausen wollen."
„Aber Xander ist doch kultiviert", sagte Willow hoffnungsvoll. „Er wird sich doch nicht so einen Pelz im Gesicht wachsen lassen, oder? Ich hab einfach Angst vor Dingen, die zu haarig sind."
Buffy zuckte zusammen. Die feinen Härchen auf ihrem Nacken hatten sich aufgestellt - Willows Bemerkung hatte ihnen offensichtlich gar nicht gefallen. Irgendwie war sie auch verkrampft - der nächste Vollmond nahte. Aber daran zu denken hatte sie nun gar keine Zeit, denn das Kribbeln ihrer Nackenhärchen ließ nicht nach.
Sie wußte, daß sie alle in tödlicher Gefahr schwebten. Aber woher drohte die Gefahr? Und von wem? Instinktiv verlangsamte sie ihre Schritte und ging in die Hocke. Plötzlich brach eine Horde wilder Tiere aus einem der Vorgärten und kam mit einem Ruck vor Xander zu stehen. Mit einem erstickten Schrei sprang der tapfere Held mit seiner neu erworbenen Manneszierde zurück und brachte sich hinter Buffy in Sicherheit. Während die Freunde sich hinter der Jägerin aufstellten, bildete das Rudel allmählich einen Kreis um sie. Die Bewegungen der Tiere erinnerten Buffy an Hyänen, mit denen sie einmal im Zoo konfrontiert gewesen war. Doch diese Wesen sahen eher wie Hunde aus. Dann ging ihr plötzlich auf, was sie waren - Kojoten.
Sie hatte an ihrem früheren Wohnort Los Angeles oft genug Kojoten in den Hügeln gesehen - wenn sie im Griffith Park ritt oder in der Nähe des Dodger Stadium spazieren ging - aber immer nur aus der Entfernung. Noch nie hatte sie ein Rudel Kojoten so hautnah gesehen. Erschreckend.
Es waren ungefähr fünfzehn dürre, abgerissene Kreaturen mit räudigem Fell und unruhigen Augen. Müde hingen die Zungen aus den langen Schnauzen mit den scharfen Zähnen. Die Tiere hechelten, als seien sie weite Strecken gerannt. In den wachsamen Augen erkannte Buffy Verschlagenheit und Intelligenz. Sie wußte, daß sie selbst auch wachsam bleiben mußte, aber sie konnte kaum Angst empfinden - weil die Biester so sehr wie Hunde aussahen. Na ja, Hunde, die dringend mal gebadet und getrimmt werden müßten. 'ne ordentliche Schlammpackung würde auch nichts schaden.
Keines der Tiere konnte ihr in die Augen schauen - bis auf einen alten grauen Kojoten mit wässrigen gelben Augen. Er starrte sie mit einer Weisheit an, die aus uralter Zeit zu stammen schien.
Um seine anfängliche Feigheit zu überspielen, stolzierte Xander auf die dürren Raubtiere zu. „Hey Mann, das sind doch bloß Kojoten. Schschsch! Weg mit euch!"
Ein paar der räudigen Gesellen wichen etwas zurück, doch die anderen entblößten ihre langen Fangzähne.
„Xander, laß sie in Ruhe!" befahl Buffy, die immer noch in Kampfhaltung verharrte. „Fang keinen Streit an!"
„Ach, hör mal, das sind doch bloß Kojoten. Du bist neu in der Stadt, aber wir haben die schon immer hier gesehn." „Hah!" machte Buffy verächtlich. „Ich hab in Los Angeles auch jede Menge Kojoten gesehen. Die hier sehen zwar normal aus, aber irgendwas ist unheimlich an ihnen."
Sogar Willow spottete über Buffys Furcht: „Er hat recht, Buffy. Es ist zwar ungewöhnlich, daß sie so nah rankommen, aber zu dieser Jahreszeit kommen die Kojoten immer aus den Hügeln in die Stadt und suchen nach Wasser."
Als habe es einen lautlosen Befehl vernommen, wirbelte das Rudel elegant auf den Hinterläufen herum und sprang davon. Das freudige, hohe Gebell der Tiere klang wie die Schreie einer marodierenden Räuberbande in einem alten John-Wayne-Film. In Sekundenschnelle waren die meisten Tiere um die Ecke verschwunden.
„Guck mal, was für Angsthasen!" rief Xander und schlug sich stolz auf die Brust. „Ja, macht nur, daß ihr fortkommt!" brüllte er hinter den Kojoten her.
Der alte Kojote mit den seltsamen Augen hielt vor der Ecke an und blickte zu Buffy zurück. Wieder spürte sie einen Krampf, eine Gänsehaut, ein Gefühl von Übelkeit und alle anderen Warnzeichen, mit denen ihr Körper ihr eine Gefahr zu vermitteln pflegte. Dieses Tier sah nicht einmal wütend aus - nur neugierig. Endlich flitzte es hinter seinen Kumpanen her, und das unheimliche Gebell hallte noch ein paar Minuten in den leeren Straßen wider.
„Sie sind auf der Jagd", sagte Willow fröhlich. „Ich hab mal in Biologie eine Arbeit über Kojoten geschrieben, also weiß ich über ihre Gewohnheiten Bescheid."
„Fandest du ihr Verhalten nicht ein bißchen absonderlich?" fragte Buffy. „Mal abgesehen von der Tatsache, daß Kojoten sowieso absonderlich sind."
„Nein", erwiderte Willow nachdenklich. „Aber Kojoten sind seltsam. Weißt du, du kannst Bären etwas beibringen, und Tigern, und Elefanten, und überhaupt fast allen Tieren auf der Welt - aber Kojoten nicht. Ob in Freiheit oder in Gefangenschaft, Kojoten machen immer, was sie wollen. Die Indianer kennen alle möglichen Mythen über Kojoten." „Sind doch bloß blöde Hunde", grinste Xander Buffy an. Schützend legte er ihr den Arm um die Schultern. „Mach dir keine Sorgen, Buff. Wenn du Angst vor diesen bösen Wauwaus hast, werde ich dich beschützen."
Buffy schüttelte seinen schlaksigen Arm ab. „Ist ja toll, du starker Mann, aber solange sie uns in Ruhe lassen, ist es in Ordnung."
„Xander hat recht", wiederholte Willow tröstend. „Hier gibt's wirklich 'ne Menge Kojoten. Und obwohl es sie überall im Westen gibt und auch in der Nähe der Städte, kommt es doch selten vor, daß sie Menschen angreifen." „Ich werd dran denken." Buffy lächelte ihre zerbrechlich wirkende Freundin an. Sie wollte nicht auf Xander oder Willow wütend werden - immerhin hatten die beiden nicht oft Gelegenheit, mutiger zu sein als die Jägerin. Vielleicht war es auch nur ein Rudel besonders dreister Kojoten, das die Stadt nicht kannte und lediglich die Umgebung erkundete. Trotzdem - die weisen Augen des alten grauen Kojoten gingen ihr nicht aus dem Kopf.
Mit ihren angespannten Sinnen konnte Buffy die Kojoten immer noch hören, wie sie durch Sunnydales ruhige Vorstadtstraßen sausten. Ihr widerliches Gejaule klang wie liebestolle Kater, Wölfe und zweijährige Minimenschen zugleich. Buffy war froh, als das gräßliche Heulen in der Ferne verklang.
„Die Kinder der Nacht", sagte Xander in bester Nachahmung von Bela Lugosi. „Welch schöne Musik sie machen."
„Weißt du, der hat mir wirklich immer Angst gemacht", bekannte Buffy, „weil ich glaube, daß er gar nicht wußte, was er da sagte. Er hat vielleicht nur - die Laute nachzusprechen gelernt. Und warum ist er immer mit dem Cape vorm Mund rumgelaufen? Hatte er Mundgeruch? Alle Vampire, die ich kenne, lieben es, ihre Zähne zu zeigen - so richtig zu blecken."
„Ich werd mir das Eis schenken", unterbrach Willow sie und gähnte. „Es ist Zeit, nach Hause zu gehn - da können wir von der Schule träumen und diesem nutzlosen Dasein ein Ende setzen."
„Wir haben aber Fe-ri-en", beharrte Xander. „Die Zeit ohne Arbeit, der natürliche Zustand, der Sinn des Lebens."
„Ist doch bloß langweilig", gab Willow zurück. „Aber vielleicht wird's ja am Wochenende noch spannend." „Vielleicht", stimmte Buffy zu und warf einen letzten Blick auf die ruhigen Häuser der Nachbarschaft.
Buffy schlief nie mehr ruhig und tief, und es brauchte nicht viel, um sie wie eine Rakete aus dem Bett hochfahren zu lassen. Nun rollte sie sich in ihrem enganliegenden ärmellosen Nachthemd aus dem Bett, stand barfuß am Fenster und lauschte den beunruhigenden Lauten, die durch die Scheibe drangen. Mit dem warmen Wind kam frenetisches Gebell - zweifellos, die Kojoten jagten wieder! Sie waren schon nah, und kamen immer näher.
Buffy wußte instinktiv, es war dasselbe Rudel, das sie zuvor gesehen hatte. Obwohl es fast vier Uhr morgens war, hatten die Biester noch nicht aufgegeben. Und um die Wahrheit zu sagen: Buffy wünschte sich eine Gelegenheit, das Rudel zu sehen ohne diese beiden Zweifler, Xander und Willow, die ihr nur im Wege standen. Ihr waren noch niemals so dreiste Kojoten begegnet, und sie wollte sie im Auge behalten.
Wie eine Welle von Geistern schwappte das unheimliche Gekläff über das Haus. Buffy zog Jeans und Turnschuhe an, kletterte aus dem Fenster und rutschte über das Schrägdach hinunter. Als sie auf den Boden sprang, sah sie für einen Augenblick das Kojotenrudel, das dreist mitten auf der Straße dahinjagte. Der Anführer war ein schneller hellhaariger Kojote, der irgendetwas Weißes in den Fängen hielt.
Unter aufgeregtem Gebell jagten die anderem ihm nach und waren Sekunden später verschwunden. Obwohl sie bezweifelte, das Rudel einholen zu können, wollte Buffy eben zur Verfolgung ansetzen, als sie einen verzweifelten Schrei vernahm. Sie fuhr herum und sah eine Frau mittleren Alters im Nachthemd auf sich zukommen.
„Haltet sie auf! Haltet sie!" kreischte die Frau. „Sie haben mein Baby!" „Ihr Baby!" keuchte Buffy. Hatten die Kojoten wirklich ein Baby geholt?
Atemlos rannte die verzweifelte Frau zu Buffy und packte sie am Arm. „Sie haben meinen Tiger geschnappt!"
Das Mädchen blinzelte sie ungläubig an. „Okay, haben sie nun ein Baby oder einen Tiger geholt? Oder ein Tigerbaby?"
„Aber nein, meinen lieben Tigerl" kreischte die Frau. „Meinen kleinen Chow-Chow."
„Ach, ein Hund", sagte Buffy und versuchte, nicht erleichtert auszusehen. Es war natürlich schrecklich, daß die Kojoten einen Hund erwischt hatten, aber nicht so schlimm wie ein Baby. Sie erinnerte sich noch an Tragödien dieser Art in Los Angeles. Es konnte geschehen, wenn die Kojoten in den ausgedehnten Vorstädten auf Jagd gingen.
„Sie haben ihn einfach aus meinem Hof geholt!" rief die Frau mit versagender Stimme. „Er war schon alt und gebrechlich und konnte sich nicht wehren. Wir müssen ihn retten!"
Buffy nahm die Frau bei den Händen und versuchte sie zu trösten. „Es tut mir leid, aber ich weiß nicht, wie wir Ihren Tiger retten könnten. Er war vermutlich schon Sekunden nach dem Angriff tot. Außerdem können wir die Biester nicht mehr erwischen."
Die verzweifelte Frau begrub das Gesicht in den Händen und brach in Tränen aus. Buffy blickte sich um, erstaunt darüber, daß nirgendwo eine Menschenseele aus dem Haus gekommen war, um dieses Drama mitzuerleben. Noch immer klang das Gebell der Kojoten aus der Ferne.
Buffy konnte nicht mehr tun, als die Frau nach Hause zu begleiten. „Wo wohnen Sie?"
„Können wir denn gar nichts tun?" weinte die Frau.
„Na ja, wir könnten den Tierschutz davon unterrichten oder den Hundefänger anrufen oder wer auch immer dafür zuständig ist." Buffy brachte ein ermunterndes Lächeln zustande.
„Die tun doch nichts!" grollte die Frau. „Tiger ist weg, dank dieser verdammten Kojoten! Es muß Coyote Moon sein, der sie hergebracht hat. Ich wünsch ihnen die Pest an den Hals!"
„Coyote Moon?" fragte Buffy argwöhnisch.
Die Frau starrte grimmig auf die verlassene Straße. Die Umgebung wirkte so friedlich - man konnte sich kaum vorstellen, daß hier eben noch eine grausame Jagd stattgefunden hatte. „Coyote Moon geht im August auf, wenn's heiß wird", erklärte sie. „Er steigt rot auf, und er zieht die Kojoten an. So hat es meine Großmutter immer gesagt."
„Großmütter kennen sich mit diesen Sachen meistens am besten aus", bemerkte Buffy nicht sehr überzeugt. Sie dachte an Großmutter Summers, die in Clearwater, Florida, Bridge spielte.
Die Frau begann unbeherrscht zu weinen. Buffy führte sie auf den Bürgersteig. „Zeigen Sie mir nur, wo Sie wohnen."
Die Frau wohnte nur einen halben Block entfernt, doch sie brauchten für den Weg fast zehn Minuten. Mitfühlend lauschte Buffy den Anekdoten über Tigers Leben. Er war ein heiß geliebter kleiner Hund gewesen und hatte ein reiches, verwöhntes Leben gehabt. Darüber sprechen zu können schien der Frau zu helfen, und sie dankte Buffy überschwenglich und viele Male.
Das Mädchen achtete darauf, daß die Nachbarin sicher hinter verriegelten Türen war, bevor sie sich selbst auf den Heimweg machte. Zwar war die Frau nun in Sicherheit, aber Tiger war und blieb verschwunden, und nichts konnte die Wildheit des Angriffs in Buffys Augen mildern.
Während sie nach Hause ging, wehte wieder das unheimliche Gejaule und Gekläff des Rudels mit dem Wind heran. Buffy hoffte, die Tiere würden sich in eine andere Stadt verziehen oder in die Wildnis laufen, aber sie rechnete nicht allzu fest damit. Wenn gräßliche Kreaturen erst einmal Geschmack an Sunnydale gefunden hatten, neigten sie leider dazu, sich hier häuslich niederzulassen.