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Während der nächsten beiden Tage ließen sich die Kojoten nicht blicken. Buffy entspannte sich wieder und gab sich den faulen Gewohnheiten der Sommerferien hin: lange ausschlafen, erst dann aufwachen, wenn Mutter zur Arbeit gegangen war, und zum Frühstück Schokoladen-Brownies essen - daran konnte man sich echt gewöhnen.

Sie hatte Giles' Telefonnummer und erwog, ihm von den Kojoten zu berichten - aber wahrscheinlich würde auch er sich nur über sie lustig machen. Und wenn sie es jetzt so recht bedachte, war es ein ziemlich schwaches Bild, vor ein paar räudigen Kojoten Angst zu haben, auch wenn die kleine Hunde zum Frühstück fraßen. Wenn die Schule anfing, war Giles wieder in seiner geliebten Bibliothek zu finden, dann konnte sie ihn über Kojoten und Coyote Moon ausfragen. Bis dahin war es ihre Pflicht als lebenslustiger Teenager, sich die langen heißen Nächte um die Ohren zu schlagen und sich soviel wie möglich zu amüsieren.

Die Kojoten waren verschwunden, doch nun tauchten überall in der Stadt Plakate auf, auf denen die Kirmes angekündigt wurde. Am Freitag war das Bronze menschenleer, und jeder Teenie, der etwas auf sich hielt, stopfte sich mit Zuckerwatte voll und steckte Münzen in Spielautomaten.

„Cool!" rief Xander aus, als sie die Hügelkuppe erklommen und die grellen Neonlichter von Riesenrad,

'Oktopus', 'Frisbee' und anderen, wenig magenfreundlichen Attraktionen sahen. Über Nacht hatte sich das leere Grundstück in ein knalliges buntes Wunderland verwandelt. Unzählige junge Leute tummelten sich dort, sie wurden von den gleißenden Lichtern und den Soundeffekten angezogen wie Motten vom Licht. Aus knisternden Lautsprechern klang Surfermusik und versprach den endlosen Sommer, von dem alle träumten.

Na ja, alle außer Willow, dachte Buffy.

Sogar aus der Entfernung roch man schon fettige Fritten und Paradiesäpfel. Hörte eine Kakophonie von Geräuschen: süßliche Klänge vom Karussell, kreischende Mädchen auf der Achterbahn, Marktschreier in der Menge, und Gasgeneratoren, die die Lichtversorgung intakt hielten. Buffy wußte, daß sie unbedingt kehrtmachen sollte - dieser ganze Aufwand war nur dazu da, sie von ihrem sauer verdienten Geld zu trennen - doch ihre Füße bewegten sich gegen ihren Willen weiter vorwärts. Sie war von den flackernden Neonlichtern wie hypnotisiert. Nun ging es den Hügel hinunter.

„Ist das nicht 'n Riesenspaß?" grinste Xander.

„Echt riesig", stimmte Willow zu. „Ich überleg gerade, ob ich zuerst meinen Hot Dog esse und hinterher kotze - oder ob ich lieber zuerst kotzen soll und dann erst was esse. Die zweite Möglichkeit macht mehr Sinn, aber dann schmeckt der Hot Dog nicht mehr so gut."

„Das ist unsere Willow, wie sie leibt und lebt, hat immer das Praktische im Sinn", sagte Xander leicht hämisch. Widerwillig wandte Buffy den Blick von den blinkenden Lichtern ab. „Warum muß es denn entweder/oder sein? Warum läßt du nicht die Dinger aus, auf denen dir schlecht wird?"

„Mir wird ja auf allen schlecht", entgegnete Willow. „Und außerdem werde ich sowieso immer zu allem überredet." Xander legte den Arm um ihre schmalen Schultern. „Hey, Willow, damit's dir 'n bißchen leichter fällt, fangen wir mit der Geisterbahn an. Dann gehn wir zu diesem 'Luna'-Ding, wo man im Käfig festgebunden und rumgeschleudert wird. Und wenn du tapfer genug bist, werd ich dir vielleicht sogar 'nen Hot Dog spendieren."

Willow warf Buffy einen kläglichen Blick zu. „Siehst du, was ich meine? Xander lädt mich nur dann zu etwas ein, wenn ich mit ihm auf diese fürchterlichen Dinger gehen soll." Sie seufzte. „Aber es klappt jedesmal."

„Ich werd heute vernünftig sein", schwor Buffy. „Hab keine Lust zu reihern."

„Aber die Achterbahn ruft dich schon", lockte Xander und zwinkerte ihr zu.

„Okay", gab Buffy nach. „Woher wußtest du, daß ich auf Achterbahnen stehe?"

„Weil du ein Mädchen der Gefahr bist!" tönte er.

„Aber jetzt hab ich Ferien", erinnerte ihn Buffy.

Die Gassen der Kirmes waren mit Fahnen geschmückt und von Scheinwerfern erleuchtet, die hoch über ihren Köpfen an schlanken Holzmasten befestigt waren. Xander machte sie auf ein wettergegerbtes Skelett aus Metall aufmerksam, das mit seiner Höhe von drei Stockwerken glatt vor ein Scheunentor gepaßt hätte. Die Achterbahn sah schon von unten betrachtet gefährlich aus - viel zu altersschwach, um eine Fahrt darauf zu wagen. Als eine Wagenkette langsam zur ersten Abfahrt hochrollte, knirschten die Schienen bedenklich.

„Die sieht aber wackelig aus, die Achterbahn", bemerkte Xander und verzog übertrieben besorgt das Gesicht. „Das ist die Sorte, die ächzt und dich durchrüttelt, wenn du um die Kurven saust."

Seine Aussage wurde von den Schreckensschreien der Fahrgäste bestätigt, als die Achterbahn die erste und steilste Abfahrt nahm. Darauf folgte eine Haarnadelkurve, die weitere Schreie hervorrief. Buffy sah Xander voller Furcht an. Ein paar Augenblicke schaffte sie es, den Ausdruck beizubehalten, dann mußten beide grinsen.

„Nein, das würd mir überhaupt nicht gefallen", sagte sie. „Also gehn wir als erstes da drauf", bestimmte Xander.

Willow kann unsre Hot Dogs und die Plüschtiere halten." „Nein, nein", wehrte Willow sich standhaft. „Zuerst für den Gaumen, aber 'n bißchen plötzlich!"

Alle drei mußten lachen. Es ist wie eine kleine glitzernde Stadt, dachte Buffy, hier ist alles, was eine Stadt braucht. Es gab Essen und Trinken, auch wenn beides nicht einmal annäherungsweise gesund war. Die Musik war eine nervige Mischung aus Surfsongs, Heavy Metal und schnulzigen Kinderliedchen. Für genügend Unterhaltung war gesorgt, aber nicht einmal der cleverste Junge konnte die einfachsten Spiele gewinnen, bevor er nicht den Zauber der ersten Verliebtheit in einer warmen Sommernacht entdeckt hatte. Dann erst mochte ein glückliches Mädchen seinen Preis - ein riesiges Plüschtier - mit nach Hause nehmen.

Als sie die Mittelgasse entlangspazierten, merkte Buffy, daß sie mehr an den Menschen als an den Attraktionen interessiert war. In der dichten Menge gab es vor allem Teenies in Muscle-Shirts und BH-Tops. Die Hormone spielen verrückt, dachte Buffy. In Augenblicken wie diesen bedauerte sie es, daß sie zu einem ewigen Singledasein verurteilt

Es war schon schlimm genug, daß Xander und Willow das Geheimnis der Jägerin kannten und darauf bestanden, ihr zu helfen

- oder ihr im Wege zu stehen, je nachdem, von welcher Seite man es betrachtete. Ein Boyfriend hingegen würde niemals in ihr Leben passen, das am Tage ein normales Schülerdasein, nachts aber ein Vernichtungskampf war. Sie hatte schon erlebt, daß selbst eine simple Verabredung mit einem Typen schon zu kompliziert war. Buffy hatte Angst davor, Giles zu fragen, wie es einer Jägerin erging, wenn sie älter wurde. Sie war sicher, zu einer alten Jungfer zu werden oder vorzeitig im Grabe zu enden. Wobei letzteres wahrscheinlicher schien.

Und doch wäre es nett, Angel hier zu treffen, sei es auch ganz zufällig, dachte Buffy. Sofort verbot sie sich diesen Gedanken. Angel war ein liebenswerter Vampir, der leider mit dem Fluch einer Seele und mit Gefühlen geschlagen war, und daher noch verrückter als sie selbst. Sie sollte lieber gar nicht an Jungs denken, aber das war schwierig, wo doch so viele von ihnen sich hier unter den flirrenden Neonlichtern herumtrieben.

Wenn schon die Teenies aus der Stadt heiß aussahen, so konnte man das erst recht von den Schaustellern behaupten, denen die Buden und Fahrgeschäfte gehörten. Buffy war überrascht, daß so viele von ihnen jung und knackig waren und in nichts den ergrauten Kerlen glichen, an die sie sich noch aus ihrer Kinderzeit erinnerte. Sicher, diese Männer hatten verlottert und geradezu gefährlich ausgesehen, als benötigten sie dringend eine Rasur und ein Bad, aber das gehörte ebenso zu ihrem Charme wie die anzügliche Verheißung in ihren Augen und das Versprechen in ihren Stimmen.

„Ein Freischuß für die junge Biene mit den tollen Beinen", versprach ein muskulöser junger Schausteller und drehte einen Basketball mit den Fingerspitzen. Er war tief sonnengebräunt, trug einen Viertagebart und sein sonniges Lächeln traf Buffy unvorbereitet. Sie wußte, daß der Korb hinter ihm sehr viel kleiner war als vorgeschrieben, und daß es sie bestimmt ein oder zwei Dollar kosten würde, wenn sie sich auf ein Gespräch einließ.

„Später", sagte sie, und meinte es auch so.

Buffy mußte Willow förmlich aus dem Weg schieben, denn auch die war stehengeblieben und starrte den jungen Mann mit offenem Mund an. „Äh, vielleicht könnten wir ja 'n paar Spiele machen", schlug sie ganz unschuldig vor.

„Okay, Fräulein Spar-dein-Geld, das haben wir doch längst durchdiskutiert", warf Xander ungeduldig ein.

„Zuerst die gefährlichen Sachen, dann Essen, und dann, wenn wir noch Geld übrig haben, Spiele."

„Dieses eine Mal hat er Recht", meinte Buffy.

„Hallo, Schwester!" rief Xander plötzlich und schlenderte auf eine hübsche junge Frau in abgeschnittenen Shorts und knappem Top zu. Sie lächelte wie eine Zigeunerin, während sie ihn zu ihrer Bude winkte, vor der sich schon jede Menge Kerle drängten. Buffy und Willow wechselten einen besorgten Blick, dann folgten sie Xander, um zu sehen, welcher Schwindel dort verhökert wurde.

Das hübsche dunkelhaarige Mädchen war nur der Köder, die Hauptattraktion aber ein zwielichtig aussehender Clown, der auf einer Holzplanke über einem großen Wasserbassin saß. Nur - wie ein Clown sah er nicht unbedingt aus: Er trug eine Perücke in allen Regenbogenfarben, zerlaufene Schminke und ein zerlumptes Kostüm. Auf einem Schild stand, daß man für zwei Dollar fünf Bälle auf eine Art Zielscheibe werfen könne, damit er in das Bassin plumpste. Auf Buffy wirkte der Clown leider bemerkenswert trocken.

Ein Mikrophon hing über dem Kopf des Clowns, und er hatte keine Skrupel, es zu benutzen: „Hab noch nie so viele schöne Frauen auf einem Platz gesehn", schnarrte er mit einer Stimme, die weithin über den Platz schallte. „Wo habt ihr Schätzchen bloß diese häßlichen Typen her? Mann, ihr müßt ja echt verzweifelt sein!"

Ein junger Mann mit scharfgeschnittenem Gesicht trat auf das schwarzhaarige Mädchen zu und verkündete: „Ich schmeiß ihn rein!"

„Das macht zwei Dollar, Landei!" erwiderte das Mädchen neckend.

„Ah, endlich haben wir einen Lokalmatador!" krähte der Clown. „Mal sehn, ob du Manns genug bist, um mich in die Brühe zu tunken. Kannst vielleicht 'nen Kuß von Rose dabei gewinnen!"

Das Mädchen machte ein Schmollmündchen und warf sich in Positur, wobei eine tätowierte Rose in seinem Dekollete erschien. Xander ließ sich mit dem Rest der Jungs näher herantreiben. Rose nahm zwei Dollar von einem benommenen Jungen und reichte ihm fünf alte Softbälle. Buffy und Willow stießen gleichzeitig einen Seufzer aus. Lernten Jungs denn nie dazu?

Der Clown verspottete den Jungen: „Was für 'n Waschlappen1. Ich wette, er kann ihn nicht mal bis zum Ziel kriegen! Na los, Schlappschwanz, gib dein Bestes!" Wutschnaubend richtete sich der Junge auf und warf den Ball. Er warf weit daneben, aber es war ein guter, kräftiger Wurf.

„Da kann meine Großmutter ja besser werfen!" röhrte der Clown ins Mikrophon. „Aber ich schätze, die Windelliga hat 'nen neuen Werfer gefunden!"

Wütend feuerte der Junge die nächsten vier Bälle, doch jeder traf noch weiter vom Ziel entfernt als der vorige.

„Na komm", schnurrte Rose. „Willst du's noch mal versuchen?"

„Nein", murmelte der Junge. Er schämte sich in Grund und Boden. „Ich hau ab."

Obwohl sich nun eine große Zuschauermenge versammelt hatte, gab es nicht viele, die in den Taschen nach Münzen kramten. Der Mißerfolg des Werfers hatte ihnen den Mut genommen.

„Was für 'ne Stadt iss'n das hier?" fragte der Clown. „Sunny Jail?" Die jungen Leute lachten über das Wortspiel, und der berufsmäßige Spötter fuhr fort: „Ich will ja nicht grad sagen, daß die Leute hier blöd sind, aber die wichtigste Entscheidung nach der High School ist doch die, ob man seine Kusine oder seine Schwester heiratet." Gelächter und spöttisches Grunzen begleiteten seinen letzten Witz, und manche Jungs dachten nun wirklich daran, es einmal zu riskieren. Rose wandte sich Xander zu und klimperte aufreizend mit den langen Wimpern. „Wie war's denn mit. dir, mein Hübscher? Hast du die nötige Traute?"

Xander wäre vor Verlegenheit fast unter die Bühne gesunken, aber Roses dunkler Blick hielt ihn bei der Stange. Als er nicht schnell genug seine Brieftasche zog, fing der Clown auf der Plattform wieder an zu spotten: „Hey Kleiner, ist das 'n Schnurrbart oder deine dritte Achselhöhle?"

Buffy platzte laut heraus. Xander blickte sie vorwurfsvoll an. Nun griff er ohne zu zögern nach seinem Portemonnaie und nahm zwei Dollar heraus. Er konnte Clowns sowieso nicht ausstehen.

„Clown. Wasser. Macht euch zur Begegnung bereit!" schwor er, und die Menge jubelte ihm zu.

„Spar-dein-Geld!" rief Willow, ohne gehört zu werden, Xander zielte sorgfältig auf die seltsame Zielscheibe, die leider kaum größer war als einer der Softbälle - und noch dazu ungefähr zwölf Meter entfernt. Man mußte schon wirklich genau zielen, um den unausstehlichen Clown ins Wasser zu werfen, und Xander war noch nie besonders sportlich gewesen. Sein erster Wurf ging fast zwei Meter daneben.

„Ach Gottchen, hat er etwa jemand getroffen?" fragte der Clown scheinheilig, während die Zuschauer vor Lachen fast starben.

„Du kannst es!" ermutigte ihn Rose.

„Ja, du kannst es!" rief auch Willow, um sich nicht verdrängen zu lassen.

Xander holte weit aus und warf mit aller Kraft. Diesmal traf er nur einen halben Meter daneben.

„Stell es dir vor!" rief Buffy.

„Stell du dir mal was vor!" schaltete sich wieder der Clown ein und starrte zu Buffy herüber. „Du und ich, wir gehn nett zusammen aus, in 'n schickes französisches

Restaurant. Wir bestellen Trüffel, und 'nen guten Wein - das heißt, du kriegst 'ne Limo."

Sie blickte ihn, wie sie hoffte, voller Verachtung an, aber seine Worte hatten die gewünschte Wirkung auf Xander. Der war nun so wütend, daß er kaum noch das Ziel sah und zwei Würfe völlig versiebte. Nun blieb ihm nur noch ein Ball übrig.

Der Clown hörte nicht auf, ihn zu verspotten: „Vielleicht sollten wir dir ja einen Blindenhund holen!"

Nun reichte es Buffy. Sie ging auf Xander zu und streckte die Hand aus: „Zeit für den Aushilfswerfer."

Er blickte sie voller Wut und Verzweiflung an, aber dann machte sich Erleichterung auf seinen Zügen breit. Sie konnte förmlich seine Gedanken lesen: Buffy hat die perfekte Koordination der Bewegungen und könnte das Ziel mit jeder Waffe treffen. Laß Buffy den Ball werfen.

„Ich gebe ihr den letzten Bau", sagte Xander zu Rose. Es klang entschuldigend, als leiste er von vornherein Abbitte, daß ihr Clown nun in den sauren Apfel beißen mußte.

„Hoho, er ist der Oberschlappschwanz!" dröhnte der Clown. „Na mach schon, gib deiner Freundin den letzten Ball. Ich werd's der jungen Dame noch ein bißchen leichter machen. Rose, gib ihr noch einen Ball aufs Haus!"

„Nein, danke", sagte Buffy und wog den schwammigen Ball in der Hand. „Ich brauch nur einen."

„Bist dir deiner Sache wohl sehr sicher, was?" höhnte Rose.

Es war die reinste Angeberei, dachte Buffy, und sie sollte es eigentlich lieber nicht tun. Sie konnte sich deutlich den erschrockenen Gesichtsausdruck von Giles vorstellen, wenn der wüßte, was sie jetzt vorhatte. Aber eine Jägerin muß das tun, was sie zu tun hat. Wenigstens würde sie viele Leute unter den Zuschauern sehr, sehr glücklich machen.

Der Clown gab schon wieder einen ätzenden Spruch zum Besten, aber sie blendete ihn aus, um sich auf den Wurf zu konzentrieren. Anders als Xander stellte sie sich vor, wie der Ball ihre Hand in einer perfekten Flugbahn verließ. Sie sah, wie er die Zielscheibe in der Mitte traf und den Hebel löste, der die Holzplanke hielt. Sie sah die Planke herabfallen. Wie der unausstehliche Clown ins Wasser fiel, brauchte sie sich nicht vorzustellen, weil sie es in Wirklichkeit sehen würde.

Mit Grazie warf Buffy den Softball in einer Geraden, die fast keinen Bogen beschrieb. Mit beruhigendem 'Flopp' traf er die Zielscheibe, und die Planke kippte sofort. Buffy amüsierte sich über den erschrockenen Gesichtsausdruck des Clowns, als er mit einem lauten 'Platsch' im Wasser verschwand. Die Zuschauer klatschten wie verrückt und jubelten Buffy zu, und der Clown winkte aus dem Bassin, als nähme er den Beifall dankend entgegen,

„Toller Wurf!" kommentierte Rose und sah Buffy argwöhnisch an.

„Anfängerglück", erwiderte die Jägerin albern kichernd. Sie packte Xander am Arm und versuchte, ihn von der Schaustellerin wegzuziehen, aber Xander war immer noch von Rose verzaubert.

„Hey", sagte er verlegen, „krieg ich keinen Kuß? Es war mein Ball, auch wenn sie ihn geworfen hat."

Rose beugte sich theatralisch vor und flüsterte: „Komm in einer halben Stunde wieder, dann mach ich Pause."

Xander starrte sie mit offenem Mund an, dann blickte er sich um, als dächte er, sie hätte zu jemand anderem gesprochen. Buffy verdrehte die Augen. Wie hilflos er diesem Vamp gegenüber war! Dies war ein richtiger Vamp im altmodischen Sinn - irgendetwas Untotes fiel ihr an dem Mädchen nicht auf. Im Gegenteil, es schien außerordentlich lebendig zu sein. Buffy fand nicht, daß Rose zu Xander paßte, obwohl sie bezweifelte, daß er darin mit ihr einer Meinung war.

Sie ignorierte seinen hündisch ergebenen Blick und zerrte ihn mit aller Kraft von der exotisch aussehenden Schaustellerin weg. Willow versperrte ihm den Rückweg. „Spar-dein-Geld!" wiederholte sie beharrlich.

„Schrille Abfahrten! Kreischende Mädels! Peitschenhiebe!" lockte ihn Buffy. „Jede Abfahrt garantiert mit Verlust des Magens!"

„Schleppt mich, wohin ihr wollt", sagte Xander selig. Er blickte auf seine Uhr. „Ihr habt genau dreißig Minuten." Willow warf Buffy einen besorgten Blick zu. Die zuckte hilflos die Achseln. Bei der Stimmung, die heute Abend in der Luft lag, hatten sie Glück, wenn es nur Xander erwischte. Und Buffy mußte zugeben, daß Rose wirklich attraktiv war - wilde Cheerleader konnten Xander vermutlich nicht von seinem Date abbringen.

Sie fuhren Achterbahn, und die Mädchen kreischten bei jeder Auf- und Abfahrt über die knirschenden Schienen. Xander blickte unterdessen in aller Ruhe auf seine Uhr. Sie fuhren Riesenrad, und Xander machte sich Sorgen, daß sie zu lange oben festsaßen. Er konnte noch nicht einmal den phantastischen Blick auf die Kirmes genießen, die wie eine Insel des Lichts in der weiten Öde von Sunnydale lag.

Als sie aus der Gondel stiegen, fiel Buffy ein alter Schausteller auf, dessen Hände und Gesicht ölverschmiert waren. Er stand neben der ächzenden Antriebsmaschinerie des Riesenrades und schlug gleichmäßig mit einem Schraubenschlüssel in seine Handfläche, während er ihnen nachsah. Buffy hatte plötzlich ein erschreckendes Deja vu: Es war, als hätte sie ihn schon einmal gesehen - und da hatte er sie genauso angestarrt!

Wenigstens wurde nun ihre Theorie hinfällig, daß alle

Schausteller dieser Kirmes junge und prächtige Burschen waren. Dieser Mann glich den Kirmesleuten aus ihrer Kindheit - er war knorrig und unheimlich.

Sie hatten immer noch jede Menge Fahrchips übrig, aber Xander trabte unbeirrt zu den Schaubuden zurück. „Kostenloser Probeschuß!" rief ein Anreißer.

„Jeder gewinnt!" schrie ein anderer.

Xander stolperte dahin. Er war wie geblendet von den Lichtern, dem Lärm, den Spielen und den Mädchen. Buffy versuchte, nicht wütend zu werden.

„Hey, Xander, jetzt reiß dich mal zusammen! Brauchst dich nicht so zu beeilen. Sie sagte, 'ne halbe Stunde, nicht zehn Minuten."

„Ja, du solltest sie lieber warten lassen", schlug Willow vor, doch es klang nicht sehr überzeugend. „Und vielleicht hat sie ja nur 'ne Viertelstunde Pause."

„Fünfzehn Minuten mit Rose", sagte Xander verträumt. „Die nehm ich."

„Ich frag mich, wie vielen Kerlen sie das wohl versprochen hat", meinte Buffy.

„Keiner von euch wird mir den Abend verderben", schwor Xander. Wieder blickte er auf die Uhr, hielt sie dann ans Ohr, um zu prüfen, ob sie auch ging - was sehr dumm von ihm war, denn er trug eine Digitaluhr.

„Hey, meine Schöne! Ach brich mir doch das Herz!" rief eine Männerstimme.

Buffy wirbelte herum und erblickte einen braungebrannten blonden Hünen mit aufgerollten Hemdsärmeln, unter denen starke Muskeln zum Vorschein kamen. Es war der attraktivste Mann, den sie bisher unter den Kirmesleuten gesehen hatte. Er stand in einer Pfeilwurfbude, umgeben von Postern mit Motorrädern, Schießeisen, Filmschauspielern und Bikinischönheiten.

Der blonde Hüne deutete auf einen pinkfarbenen herzförmigen Ballon, der hinter ihm an einer Korkpinnwand befestigt war. „Sieh mal, wie groß mein Herz ist. Ich wette, du könntest es brechen, bevor du richtig angefangen hast." „Als wüßte ich nicht, daß es schon passiert ist", stimmte Buffy zu. Der herzförmige Ballon war von kleineren Ballons und sehr viel freier weißer Fläche umgeben. Der Mann schien die Poster als Gewinne zu vergeben, aber sie brauchte wirklich nicht noch mehr Poster im Zimmer. Dennoch trugen ihre Füße sie zu der Bude, und Willow schloß sich sogleich an.

„Zwei tolle Ladys - heut abend hab ich aber Glück." Der Schausteller lächelte, wobei zwei versteckte Grübchen in seinen blonden Bartstoppeln zum Vorschein kamen. Das vergnügte Zwinkern seiner blauen Augen besagte, daß er wußte, wie er sein Publikum abzog, aber das steigerte den Spaß ja nur noch mehr. Er hielt Buffy drei Dart-Pfeile hin. „Laß mein Herz platzen, und alles, was ich hab, soll dir gehören."

Buffy bemerkte ein Tattoo auf seinem muskulösen Unterarm, doch es war so verblichen, daß sie nicht erkennen konnte, was es darstellte. Sie fragte sich, ob dieser Mann älter war, als er aussah.

„Laß es mich versuchen!" Willow drängte sich vor. Sie machte dem jungen Schausteller ihre schönsten Femme-fatale-Augen, doch die Wirkung war kaum fatal zu nennen. Dennoch machte der Mann fröhlich mit und flirtete schamlos mit Willow.

„Immer mit der Ruhe, junge Dame, wir haben die ganze Nacht Zeit. Ich heiß Lonnie."

„Erfreut, dich kennen zu lernen", sagte Willow fröhlich. „Ich bin Willow und das ist Buffy." Als sie über die Schulter nach Xander blickte, begriff Buffy endlich, was hier vor sich ging: Willow versuchte, Xanders Aufmerksamkeit zu gewinnen, indem sie mit diesem Kerl flirtete. Aber natürlich war Xander zu sehr damit beschäftigt, auf seine Armbanduhr zu glotzen, als daß er mitbekommen hätte, was die beiden taten.

„Wie geht das Spiel?" fragte Willow.

Widerwillig riß Lonnie seine Augen von Buffy los und wandte sich der zahlenden Kundin zu. „Du gibst mir zwei Dollar, und ich geb dir drei echt spitze Darts. Du hast drei Möglichkeiten zu gewinnen. Brich mir das Herz oder triff irgendeinen dieser Ballons, und du kannst unter allen Preisen wählen."

Willow kicherte, und Lonnie wies mit großer Geste auf die Poster, von denen die meisten einen Dollar wert sein mochten. „Keine von denen ist so hübsch wie du", sagte er zu Willow, die zwar die Augen verdrehte, aber gegen ihren Willen kichern mußte.

Kein schlechtes Geschäft, dachte Buffy. Zwei Dollar ausgeben, um etwas zu gewinnen, das nur halb so viel wert ist. Die meisten Leute gewannen natürlich nicht, aber selbst wenn man verlor, blieb einem immer noch der Gewinn von Lonnies charmanter Gesellschaft.

Willow holte tief Luft, als wollte sie einen Marathon laufen, zielte mit dem ersten Dart und warf. Er traf die Wand, aber nur knapp - ganz unten, weit von den Ballons entfernt. Willow lächelte verlegen und versuchte es von neuem. Diesmal traf ihr kraftlos geworfenes Geschoß einen der Ballons und prallte von ihm ab, ohne ihn zum Platzen zu bringen.

„Hey!" protestierte sie. „Sind das etwa keine echten Ballons?"

Wieder mußte Lonnie sich von Buffys Anblick losreißen. „Das sind ganz normale Ballons. Hör zu, wenn du den letzten Wurf versiebt hast, kriegst du noch einen Extradart - aufs Haus."

„Das ist sehr anständig von dir", erwiderte Willow. Es klang erfreut. Sie warf den dritten Dart, und er traf genau - mitten zwischen zwei Ballons.

Mit einem bezaubernden Lächeln reichte ihr Lonnie noch einen Dart. „Sagt meinem Boß bloß nichts davon."

Willow blickte betroffen drein, „Wirst du Ärger kriegen?" Lonnie lachte. Es klang zufrieden - und verdorben. „Ich bin mit Ärger auf die Welt gekommen. Nun mach schon und wirf."

Willow zielte sehr sorgfältig und warf ihren letzten Dart - er segelte über die Wand und blieb in der Plane in der Rückwand der Bude stecken.

Sofort wandte Lonnie sich Buffy zu. „Jetzt bist du dran, mein Herz zu brechen."

„Nein, danke!" sagte Buffy, die sehr genau wußte, daß sie ihm seine ganzen billigen Poster abnehmen konnte. „Hab meinen Bedarf an Postern schon gedeckt. Vielleicht ein andermal."

„Wo wir gerade von später reden", sagte Lonnie und beugte sich vertraulich vor, „willst du dich nicht mit mir treffen, wenn ich in 'ner halben Stunde Pause mache?"

„Jetzt mach du mal Pause!" stöhnte Buffy. „Habt ihr alle bei derselben Flirtschule gelernt?"

„Häh?" brachte Lonnie verständnislos hervor.

Willow stieß ein nervöses Lachen aus. „Hör nicht auf sie, Lonnie. Was hast du da über eine Pause gesagt?"

Aber Lonnie war noch nicht fertig mit Buffy. „Willst du mir etwa 'nen Korb geben?" fragte er ungläubig.

„Schätze, das passiert dir nicht so rasend oft", erwiderte Buffy, die allmählich stinksauer wurde. „Wahrscheinlich ungefähr so oft, wie jemand hier gewinnt."

„Hey, dann bist du diejenige, die verloren hat", gab Lonnie zurück. Seine blauen Augen blickten nun nicht mehr so freundlich.

Buffy wollte ihre Freundin schon mit Gewalt von der Bude wegzerren, aber da holte Lonnie flink drei neue Darts hervor. „Nicht so hastig. Ich mag dich, Willow. Du sollst noch eine Chance haben. Ein Freispiel!"

Willow riß vor Aufregung die Augen weit auf und befreite ihren Arm aus Buffys Griff. Sie ließ den gut aussehenden Schausteller nicht aus den Augen. „Buffy, du solltest nett zu Lonnie sein. Er läßt mich umsonst spielen!"

„Ja!" brummte Buffy. „Warum bleibst du nicht gleich da, bis er Pause hat? Wie ich hörte, soll das so in 'ner halben Stunde sein."

Sie spähte nach Xander aus, sah aber nur noch die Rückseite seines T-Shirts, das langsam in der Menge verschwand. Er strebte Richtung Wasserbassin, und Buffy glaubte nicht, daß sie ihn noch erwischen konnte. Wahrscheinlich konnte ihn jetzt nicht einmal mehr ein Vampir stoppen.

Willow lächelte scheu, als sie die Darts von Lonnie entgegennahm. Der hübsche junge Mann warf Buffy einen Blick zu, dann legte er den Arm um Willows schmale Schultern. „Ich zeig dir jetzt mal eine Technik, die nie versagt."

Buffy stöhnte und wandte sich zum Gehen. Ihre Freunde nervten. Nach ein paar wütenden Schritten wurde ihr klar, daß sie von sich selbst genervt war. Warum sollten sich Willow und Xander nicht einen kleinen Spaß gönnen? Was ging es die beiden an, wenn Buffy sich nichts gönnte? Es war ja nicht ihre Schuld, daß Buffy eine Jägerin war und keinen Freund haben konnte. Es war nicht ihre Schuld, daß Buffy in so einer romantischen Nacht allein sein mußte. Auch wenn noch so viele Menschen um sie herum waren, fühlte Buffy sich stets allein.

In jeder Generation gibt es eine Jägerin. Nicht viele, nur eine. Sie war eine Abnormität - selbst die Leute, die auf dieser zwielichtigen Kirmes arbeiteten, waren mit ihr verglichen total normal.

Buffy trat aus der neonerleuchteten Gasse heraus und fand sich plötzlich am Rande des Festplatzes wieder. Auch hier hörte man noch die schallende Musik und roch fettige Fritten, aber man wurde nicht mehr von den Eindrücken erschlagen. Hier, hinter dem Festplatz, standen ramponierte Wohnwagen und schäbige Zelte. Summende Generatoren und ein Wirrwarr von Kabeln am Boden hielten die unechte Stadt am Leben.

Nun, da sie den sinnverwirrenden Eindrücken entronnen war, konnte Buffy wieder klar denken. Etwas war faul an diesen Schaustellern, die so jung und verführerisch waren. Wider Willen mußte sie vor sich selbst zugeben, daß es reichlich seltsam war, daß solche attraktiven Typen auf jemand wie Xander oder Willow abfuhren. Vielleicht litt sie auch einfach nur unter Verfolgungswahn, aber immerhin lag diese unechte Stadt genau über dem Höllenmund. Und fiese Typen wurden davon angezogen wie die Fliegen.

Weil sie gerade etwas Zeit übrig hatte, beschieß Buffy, sich einmal genauer umzusehen. Die Wohnwagen und Zelte lagen zwar im Dunkeln, aber sie brauchte nicht viel Licht, um etwas zu erkennen.

Sie suchte nach nichts Bestimmtem, wollte sich bloß umsehen. Seit Buffy ein kleines Mädchen gewesen war, hatte sie den Leuten in die Medizinschränkchen geschaut, wenn sie zu Besuch war und aufs Klo mußte. Sie war von Natur aus neugierig, und vielleicht war das ihre wichtigste Eigenschaft: Eine Jägerin war entweder neugierig oder sehr, sehr tot.

Ein durchdringender Geruch nach fauligem Obst und Fleisch stieg ihr in die Nase. Rasch drehte sie den Kopf und sah eine Reihe Mülltonnen hinter der Geisterbahn stehen. Den Müll anderer Leute zu durchsuchen gehörte zwar nicht zu Buffys Lieblingsbeschäftigungen, war aber die zweitbeste Möglichkeit, wenn gerade kein Medizinschränkchen in Sicht war. Sie atmete durch den Mund und ging vorsichtig auf die Mülltonnen zu.

Die waren überfüllt, und auch auf dem Boden rundum lag jede Menge Abfall. Da die Kirmes erst heute Abend eröffnet hatte, mußte das meiste von den Kirmesleuten selbst stammen, schloß Buffy. Mit der Spitze ihres Schuhs fegte sie Essensbehälter beiseite, Eierschalen, fettige Papierservietten, verdorbenes Obst und sonstigen Zivilisationsmüll.

Der Müll der Schausteller war ekelhaft, aber nicht besonders aufregend, und sie wollte ihren Forschergeist schon einer lohnenderen Aufgabe zuwenden, als ihr ein glänzender Gegenstand ins Auge fiel. Buffy kickte einen schmutzigen Lumpen beiseite und beugte sich herunter. Da lag eine Art Gürtel aus rotem Leder mit glänzenden Silbernieten und einer silbernen Schnalle. Sie drehte das Ding herum und sah, daß Anhänger aus Metall daran hingen.

Das ist ja ein Hundehalsband.

Mit einem bangen Gefühl der Vorahnung, das sich in ihrem Magen ausbreitete wie ein Bausch Zuckerwatte, hob Buffy das Hundehalsband auf und las, was auf den Anhängern stand. Der eine war die Hundemarke. Auf dem anderen stand ein Name. Tiger.

Buffy leckte sich die trockenen Lippen. Sie entsann sich, wie ein paar Nächte zuvor ein Rudel Kojoten auf ihrer Straße einen Hund namens Tiger erbeutet hatte. Wie kam das Halsband des armen Tieres hierher?

Da knackte ein Zweig - Buffy sprang auf die Füße und wirbelte herum. Der alte grauhaarige Schausteller vom Riesenrad stand ein paar Meter entfernt und starrte sie aus blaßgelben Augen an. Wieder war sie sicher, diese Augen schon einmal irgendwo gesehen zu haben. Noch schlimmer war, daß er sich so nah an sie heranschleichen konnte, ohne daß sie es merkte. Das war ihr noch nie passiert. Es gefiel ihr auch nicht, wie er immer mit dem schweren Schraubenschlüssel in seine schmutzige Hand schlug.

„Was hast du da zu suchen?" fragte er barsch.

Buffy hielt Tigers Halsband hinter dem Rücken versteckt und stopfte es in ihren Gürtel. Sie kannte diese Augen. Aber woher? Und dann schnappte sie nach Luft, als ihr plötzlich einfiel, wo sie die Augen des Mannes schon gesehen hatte.

Aber das ist doch unmöglich!

„Wer bist du?" fauchte er. Seine fahlen Augen blitzten wütend auf. Er kam näher, den Schraubenschlüssel in der erhobenen Hand.