Kapitel 7

Will stürzt an mir vorbei zur Tür und rüttelt an der Klinke, Enzo versucht es von der anderen Seite. Ich bin nicht überrascht, als keiner von beiden Erfolg hat. Wer auch immer sich die Sache mit dem Seil und der Tür ausgedacht hat, hat seine Sache gut gemacht. Immerhin haben wir eine der beiden Fallen unschädlich gemacht, indem wir Will von seiner Fessel befreit haben. Nun müssen wir die zweite Falle knacken und hier rauskommen.

Damone und Will klettern am Zaun empor und hoffen, auf diese Weise fliehen zu können. Enzo versucht derweil weiter, die Tür zum Käfig von außen zu öffnen, während ich zu der anderen hinübergehe, die ins Gebäude führt. Die Klinke fehlt zwar, aber es reicht ein kurzer Tritt mit dem Fuß, und die Tür geht mit einem Knirschen auf. Ich verbreitere den Spalt und rümpfe die Nase beim moschusartigen Gestank von Tierexkrementen. Die Abschlussstudenten haben sich dieses Szenario einfallen lassen, um uns auf die Probe zu stellen. Zweifellos haben sie noch irgendetwas Interessantes für uns in petto. Es bleibt zu hoffen, dass die Tiere, die für diesen Gestank verantwortlich sind, harmlos oder längst verschwunden sind. Ich drehe mich um und sage: »Wir müssen hier entlang.«

»Ich werde mal ums Gebäude herumlaufen und hineinrufen. Dann könnt ihr an meiner Stimme die Richtung erkennen«, meint Enzo, kramt in seiner Tasche und holt eine kleine Taschenlampe aus Metall hervor. »Die hier könnte euch ebenfalls helfen.«

Er schiebt die Taschenlampe durch den Zaun. Ich nehme sie ihm ab und komme dabei nicht gegen den Gedanken an, dass Enzo, während wir anderen hier im Käfig festsitzen, seinen Teil der Aufgabe draußen erledigen und uns zurücklassen könnte. Wird er uns draußen erwarten, wenn wir den Ausgang endlich gefunden haben? Es gibt nur einen Weg, darauf eine Antwort zu bekommen.

»Danke«, sage ich und schalte die Taschenlampe ein. »Wir sehen uns auf der anderen Seite.«

Noch einmal atme ich tief die frische Luft ein, dann ducke ich mich unter dem Türsturz hindurch.

Der beißende Geruch von Urin und Verwesung ist so überwältigend, dass ich würgen muss, während ich den Lichtkegel durch den kleinen Raum wandern lasse. Ich sehe verrottete Wandschränke, Tische, mit dichten Staubschichten und Mäusekot bedeckt, und einen umgekippten eisernen Hocker. Hinten im Raum gibt es eine weitere Tür. Ich schiebe den Schemel beiseite und gehe hinüber; Will und Damone bleiben dicht hinter mir.

Das Geräusch von winzigen Füßchen, die über den rissigen Boden des langen, schmalen Flures huschen, ist nicht zu überhören. Mein Vater und sein Team haben etliche Methoden gefunden, die Rattenpopulation in unserer Gegend in den Griff zu bekommen. Ich weiß, dass die anderen Kolonien und die Stadt Tosu ebenfalls Anstrengungen diesbezüglich unternommen haben. Das Leuchten von Dutzenden Augenpaaren, die den Schein der Taschenlampe reflektieren, verrät mir aber, dass sich die Ratten an diesem Ort ungehindert vermehrt haben. Igitt!

Der Gestank von fauligem Wasser und Fäkalien wird stärker, als ich den nächsten Raum betrete und vor Schreck keuche. Ein Großteil der Decke ist fort. Licht fällt herein und lässt mich alles klar erkennen. Dieser Raum – falls man ihn denn überhaupt noch als Raum bezeichnen kann – ist riesig. Der Boden wird unebener, je weiter ich hineingehe. Zunächst glaube ich, Felsgestein unter meinen Füßen zu spüren, doch als ich mit den Fingern darüberfahre, fühlt sich das Material synthetisch und eindeutig von Menschen gemacht an. Dasselbe lässt sich über einige Pflanzen sagen, die aus dem Boden des Raumes zu sprießen scheinen. Gut drei Meter vor mir gibt es Teile von etwas, das einmal ein Geländer gewesen sein muss. Und es wird schnell offensichtlich, wozu es gebraucht wurde. Dahinter befindet sich ein Spalt, der sicherlich ein Dutzend Meter tief ist. Ganz unten fließt ein mindestens drei Meter breiter Fluss. Auf der anderen Uferseite erstreckt sich eine steinerne Fläche, mit graubraunen Bäumen bewachsen, die bis in die Höhe reichen, auf der ich mich im Augenblick befinde. Ein falscher Schritt in der Nähe des Geländers kann gebrochene Knochen oder Schlimmeres zur Folge haben.

»Geht nicht zu nah an den Rand«, warne ich die anderen und wende mich nach links. Der Boden steigt an und ist dicht mit modrigen Blättern bedeckt. Über mir höre ich plötzlich Flügelschlagen und schrecke so zusammen, dass ich mich an einer Wand in der Nähe festhalten muss, um nicht die Balance zu verlieren. Als ich den Blick hebe, sehe ich einen Vogel aus dem Raum hoch in den Himmel hinaufschießen. Zu schade, dass wir nicht auf dieselbe Weise entkommen können.

»Was ist das für ein Ort?«, fragt Will mit gedämpfter Stimme.

»Frag mich nicht«, antwortet Damone. »Ich habe so etwas noch nie gesehen.«

Niemand von uns hat das. Nun, da die Stille durchbrochen ist, fügt Damone hinzu: »Ich wette, dass Enzo verschwunden ist, wenn wir endlich hier raus sind. Er ist nicht dumm und wird versuchen, die Aufgabe ohne uns zu lösen. Ich an seiner Stelle würde das tun.«

»Erinnere mich daran, dass ich dich keine Minute lang allein lasse, es sei denn natürlich, ich will mich von dir in die Pfanne hauen lassen«, sagt Will.

»Zukünftige Anführer stehen nicht dumm herum und warten auf andere Leute.« Damone tritt gegen einen Stein, sodass er über die Kante in den Spalt segelt.

»Cia würde das tun«, antwortet Will. »Wirkliche Anführer sorgen nicht nur dafür, dass sie selber allen anderen voraus sind.«

»Niemand folgt einer Person, die als Letzte ins Ziel kommt. Oder siehst du das anders, Cia?«

Ich weiß es nicht; ich habe keine Ahnung, wie meine Antwort auf diese Frage lauten würde, und dieser Zweifel bringt mich dazu, meine Schritte zu beschleunigen. Damone könnte recht haben, was Enzo angeht. Und wenn das der Fall sein sollte, dann müssen wir so schnell wie möglich hier raus. Ansonsten haben wir vielleicht keine Gelegenheit mehr, ihn wieder einzuholen.

Ich blende Damones und Wills hitzigen Wortwechsel aus und konzentriere mich auf meine Umgebung. Mir fallen ein paar kaum noch erkennbare Buchstaben an der Wand auf, die das Wort Regenwald ergeben. Weiter unten steht Nahrung, gefolgt von Blättern, Früchten und mehreren Worten, die zu sehr verwittert sind, als dass ich sie richtig lesen könnte. Noch ein paar Schritte weiter entdecke ich ein Wort, das ich aus einem Buch kenne. Dieses Buch las meine Mutter mir immer wieder mal vor, als ich noch klein war. Darin wird die Geschichte erzählt von Kindern, die einen Ausflug an einen Ort machen, an dem sie verschiedene Tiere zu sehen bekommen. An einen Ort mit dem gleichen Namen, den ich direkt vor mir lese: Zoo.

Während ich meiner Mutter lauschte, fand ich die Vorstellung, wilde Tiere in Käfige einzusperren, grausam. Die meisten Familien in Five Lakes halten keine Haustiere; doch diejenigen, bei denen es anders ist, erlauben ihren Tieren, zu kommen und zu gehen, wann immer es ihnen passt. Meistens bleiben die Tiere in der Nähe des Hauses, aber einige, wie die Katze meiner Freundin Daileen, verschwinden und kehren nie zurück.

Natürlich waren die Tiere, die im Zoo in Käfige gesperrt waren, streng genommen gar nicht zahm – so viel habe ich aus diesem Kinderbuch gelernt. Wilde Tiere aus der ganzen Welt wurden aus ihrer angestammten Umgebung gerissen und an Orte wie diesen verfrachtet. Wir in Five Lakes haben genügend eigene wilde Tiere, die sich an unseren Grenzen entlang herumtreiben und diese manchmal auch überschreiten. Einige von ihnen sind klein und ziemlich harmlos, aber andere können mit einem Biss ihrer kräftigen Kiefer töten. Es fällt mir schwer, mir eine Zeit vorzustellen, in der man solche Tiere einfing und sie nur zur Unterhaltung in Käfige sperrte.

Ich sehe mich in dem riesigen Raum um und versuche, mir vorzustellen, wie es hier vor den Sieben Stadien des Krieges ausgesehen haben mag. Künstlich hergestellte Bäume und Berglandschaften, dazwischen vielleicht einige echte Pflanzen. Ein Fluss umspülte den Fuß der Felsen und diente zugleich als Wasserquelle und Barriere zwischen den Tieren, die hier gehalten wurden – welche Arten das auch immer gewesen sein mochten –, und dem Weg, auf dem ich gerade stehe. Selbst wenn die Tiere auf Bäume hatten klettern können, was die Anlage dieses Areals nahelegt, dann standen diese Bäume immer noch weit genug zurückgesetzt, um jegliche Flucht zu verhindern. Die Tiere, die hier mal gelebt haben, waren genauso eingepfercht wie Will, Damone und ich in diesem Augenblick.

Ob man hier kleine Affen gehalten hat? Vielleicht auch größere, möglicherweise sogar Schimpansen? Immerhin ist dieser Ort wirklich weitläufig. Im letzten Jahr in der Schule haben wir uns mit der Geschichte anderer Länder beschäftigt. Dabei haben wir auch viel über die Tierrassen gelernt, die vor den Sieben Stadien des Krieges in den jeweiligen Gebieten heimisch waren. Es lässt sich unmöglich sagen, welche Spezies die Kriege überlebt haben, da die Erdbeben und Stürme frühere Möglichkeiten der weltweiten Kommunikation zerstört haben. Ich hatte gehofft, eine der Technikerinnen werden zu können, die die Kommunikationswege innerhalb des Vereinigten Commonwealth und über die Grenzen hinweg wieder aufbauen. Und jetzt …

»Cia, beweg dich nicht.«

Wills eindringliches Flüstern reißt mich aus meinen Gedanken, und meine Füße bleiben wie angewurzelt stehen. Habe ich mich zu nah an den Abgrund herangewagt? Nein, die Kante befindet sich immer noch weit über einen Meter zu meiner Rechten. Der Boden vor mir sieht gut befestigt und sicher aus. Ich drehe mich zu Will um, um mich zu erkundigen, was denn los ist, doch die Worte bleiben mir im Hals stecken, als er den Kopf schüttelt und stumm nach oben zeigt. Mein Blick folgt der Richtung seines Fingers zu den Ästen von einem der künstlichen Bäume rechts neben mir. Einen Moment lang begreife ich nicht, doch dann sehe ich sie: schwarze Augen. Bronzefarben und golden schimmernde Schuppen, die sich bis ganz hinunter zum Stamm um den Ast gewickelt haben. Eine rote Zunge testet mit blitzschnellen Bewegungen die Luft. Eine Schlange! Mindestens dreißig Zentimeter breit und mehr als dreieinhalb Meter lang!! Und ihr Kopf ist keine drei Meter von der Stelle entfernt, an der ich gerade stehe!!!

Die Schlangenzunge kommt in meine Richtung geschnellt, und ich halte den Atem an. In Five Lakes sind Schlangen allgegenwärtig. Aus irgendeinem Grund haben die Chemiewaffen, die so viele Spezies haben mutieren oder aussterben lassen, den Reptilien nichts anhaben können. Im Gegenteil: Die eingesetzten Chemikalien scheinen sie nur noch stärker gemacht zu haben. Schuppen, die einst so verletzlich wie menschliche Haut waren, sind nun dicker und widerstandsfähiger. Bei einer ganzen Reihe von Schlangen sind die Bisse, die früher harmlos waren, inzwischen verheerend. Welches Gift auch immer ihre Schuppen verändert hat, hat die Tiere selbst ebenfalls in eine todbringende Gefahr verwandelt. Doch da Five Lakes in einem Teil des Landes liegt, der im Vierten Stadium des Krieges weniger unter den biologischen und nuklearen Bomben zu leiden gehabt hatte, waren die Schlangen, denen ich dort begegnet bin, leicht zu ignorieren oder zu töten. Bei der, die nun neben mir hängt, scheint weder das eine noch das andere möglich zu sein.

Die Schuppen bewegen sich wie Wellen, als das Reptil seine Position verändert. Der Kopf nähert sich mir langsam. Ich versuche, mich zu zwingen, still stehen zu bleiben und einen klaren Gedanken zu fassen, während die Zungenspitze der Schlange einen halben Meter von mir entfernt durch die Luft zischt. Meine Augen huschen zu dem vor mir liegenden Weg. Der felsige Boden steigt an und ist voller Dreck. Ungefähr sieben Meter vor mir befindet sich eine Tür. Ich blicke rasch zurück zur Schlange, die hellwach, aber ruhig aussieht. Mein Vater hat mal erwähnt, dass gewisse Schlangentypen taub sind. Er sagte außerdem, einige der größeren Exemplare, denen er in den Ausläufern der Kolonie begegnet war, seien dafür bekannt, dass sie ihre Angriffslust verraten, indem sie Teile ihres Nackens wie einen Schild spreizen. Da die Schlange ihre Blicke unverwandt auf mich gerichtet hält und sich nicht bewegt, nehme ich an, dass das Tier zwar weiß, dass ich hier stehe, sich jedoch nicht bedroht fühlt und auch nicht hungrig ist. Ich kann nur hoffen, dass dieser Zustand noch eine Weile anhält.

Ich umklammere die Taschenlampe mit einer Hand und mache einen kleinen Schritt vor, während ich die Schlange nicht aus den Augen lasse. Sie züngelt wieder, bewegt sich aber nicht vom Fleck. Ich werte das als gutes Zeichen und mache einen weiteren Schritt. Dann noch einen.

Mein Herz hämmert, wann immer ich quälend langsam einen Fuß vor den anderen setze. Zentimeter für Zentimeter komme ich auf dem unebenen Weg voran und widerstehe dem Drang, mich umzuschauen, aus Angst, diese Bewegung könnte das Tier zum Angriff animieren.

Erst als ich die Tür erreicht habe, drehe ich mich um. Die Schlange und meine Teammitglieder sind noch genau da, wo ich sie zuletzt gesehen habe. Langsam hebe ich eine Hand und bedeute Will, es genauso wie ich zu machen. Seine grünen Augen wandern zur Schlange, dann wieder zu mir zurück, ehe er den ersten zögerlichen Schritt macht. Die Schuppen der Schlange glänzen im Sonnenlicht, als sie ihren Kopf sinken lässt, bis er auf gleicher Höhe mit Wills Stirn angekommen ist. Schweiß rinnt Will übers Gesicht, während er sich zentimeterweise vorwärtsschiebt. Die Zunge der Schlange bürstet über Wills Haare. Ich halte den Atem an, aber Will zuckt nicht zusammen, sondern wagt den nächsten Schritt. Ich sehe ihm zu, wie er vorwärtskommt. Als er endlich an meiner Seite steht, nehme ich seine Hand und halte sie fest. Ganz gleich, was während der Auslese geschehen ist, in diesem Moment bin ich froh, dass Will neben mir steht und am Leben ist.

Ich schaue zurück zur Schlange, die inzwischen noch tiefer baumelt. Sie scheint sich von unserer Anwesenheit nicht beeindrucken zu lassen, also nicke ich Damone zu als Zeichen dafür, dass es nun für ihn Zeit wird, sich in Bewegung zu setzen.

Was er nicht tut.

Langsam, um nicht die Aufmerksamkeit der Schlange auf mich zu ziehen, hebe ich die Hand und winke Damone zu uns. Seine Augen sind weit aufgerissen, und seine Blicke hetzen zwischen der Schlange, mir, Will und wieder der Schlange hin und her. Damone hat beide Hände eng an seine Oberschenkel gepresst. Sein Gesicht sieht aschfahl aus. Selbst aus dieser Entfernung spüre ich die Wellen der entsetzlichen Angst, die von ihm ausgehen, und ich frage mich, ob auch das Tier sie spüren kann. Wenn das der Fall ist, dann schwebt Damone in größerer Gefahr, als es bei mir oder Will der Fall gewesen ist. Aber ich glaube nicht, dass er das ahnt. Tatsächlich bezweifle ich, dass er jemals ein Tier gesehen hat, das ihm gefährlich werden kann, ganz zu schweigen von etwas Derartigem.

Will versucht, Damone doch noch dazu zu bringen, sich in Gang zu setzen, jedoch ohne Erfolg. Die Angst hat Damone bewegungsunfähig gemacht. Eine Angst, die die Schlange jeden Augenblick zum Angriff provozieren kann. Damone muss sofort da weg.

»Hier«, flüstere ich, reiße mir meine beiden Taschen von der Schulter und drücke sie zusammen mit der Taschenlampe Will in die Hände. Bevor er mich fragen kann, was ich vorhabe, ziehe ich mein Messer aus der Tasche, klappe es auf und trete durch die Tür zurück in die riesige Halle. Zwar glaube ich kaum, dass mir die Klinge gegen die Schlangenschuppen viel nützen wird, aber es ist die einzige Waffe, die ich habe. Jemand muss Damone helfen, sich in Sicherheit zu bringen. Will ist zwar kräftig, aber ich bin kleiner und wendiger.

Angst ballt sich in meiner Brust zusammen. Trotzdem zwinge ich meine Füße vorwärts. Der Weg zurück kommt mir länger vor. Anstrengender. Furchteinflößender. Sowohl Damone als auch die Schlange wenden mir den Kopf zu und blinzeln, als ich näher komme. Einen Fuß vor den anderen. Meine rechte Hand verkrampft sich um das kleine Messer. Die linke strecke ich Damone entgegen und hoffe, ihn dazu zu bewegen, die Lücke zwischen uns zu schließen.

Aber er rührt sich nicht.

Im Gegensatz zur Schlange.

Ihr Körper löst sich vom Ast, ihr Kopf schnellt hoch. Damone taumelt rückwärts, und die Augen der Schlange folgen ihm. Die rote Zunge vibriert in der Luft. Das Geräusch von Schuppen, die über die Baumrinde schaben, bringt mich dazu loszurennen. Ich entdecke ein langes Stück altes Holz auf dem Boden neben mir und verliere beinahe das Gleichgewicht, als ich mit einem Satz dort bin und es aufhebe. Der Blick der Schlange löst sich nicht von ihrem Opfer – Damone. Gut einen Meter vor dem schaufelgroßen Kopf des Tieres, der jetzt auf einer Höhe mit meinen Unterarmen ist, komme ich zum Stehen. Eine falsche Bewegung, und die Kiefer der Schlange werden zuschnappen. Die Reißzähne werden sich durch meine Haut bohren und ihr Gift in meinen Blutkreislauf bringen. Mein Leben wird vorbei sein, noch ehe ich auf dem Boden aufschlage …

Damones Augen sind glasig. Seine Knie presst er eng zusammen. Er sieht schlecht vorbereitet aus für das, was ich im Sinn habe, aber davon kann ich mich nicht abhalten lassen. Ich schleudere das Holzstück gegen den Baumstamm, ganz in der Nähe der Schwanzspitze der Schlange. Das Holz prallt klappernd ab, und der Lärm findet in der ganzen Halle einen Widerhall.

Der Schlangenkopf schnellt in Richtung der Schallwellen. Ihr Körper löst sich vom Stamm. Das Holzstück rutscht unter dem Geländer durch und stürzt in die Tiefe. Wieder kratzen Schuppen über die Borke, als die Schlange sich in Richtung Geländer windet, und auf diesen Moment habe ich nur gewartet. Ich schieße nach vorne, schnappe mir Damone am Arm und zerre ihn hinter mir her. Damone stolpert und kickt dabei versehentlich einen Stein quer über den Weg. Die Schlange ändert erneut ihren Kurs, im Gegensatz zu mir. Ich grabe meine Finger in Damones Handgelenk und ziehe ihn halb, halb schleife ich ihn hinter mir her, als ich zurückrenne. Gott sei Dank treibt die Angst, die ihn vorher gelähmt hat, nun seine Beine an. Er kann mit mir mithalten, und unsere Schritte klingen dumpf auf dem felsigen Boden. Kurz vor der Tür wird der Weg schmaler. Ich lasse Damone an mir vorbeiziehen, damit er sich in Sicherheit bringen kann. Jedenfalls hoffe ich sehr, dass es dort sicher ist.

In diesem Augenblick höre ich das Zischen. Wenn man es denn ein Zischen nennen kann. Es ist eigentlich mehr ein Knurren wie von den Wölfen, die an den Grenzen von Five Lakes herumlungern. Mir läuft es bei diesem Geräusch eiskalt über den Rücken, und die Haare in meinem Nacken richten sich auf. Alles treibt mich vorwärts. Als meine Füße die Schwelle überschreiten, werfe ich einen Blick zurück und sehe einen Streifen aus Kupfer und Schwarz, der sich blitzschnell bewegt. Schwarze Augen fixieren mich. Metallisch und golden glänzende Schuppen haben sich an beiden Seiten des Schlangenhalses aufgerichtet und sehen aus wie ein Hut. Das Maul des Tieres ist geöffnet. Ein Schrei löst sich aus meiner Kehle, als die dicke Metalltür kreischend zwischen der Schlange und mir ins Schloss fällt.

Ich beuge mich vor, stütze die Hände auf die Knie und versuche, wieder zu Luft zu kommen. Das Rasseln von angestrengtem Atmen und das gedämpfte Knurren auf der anderen Seite der Tür sind die einzigen Geräusche, die zu hören sind. Dann schneidet plötzlich ein Lichtstrahl durch die Dunkelheit.

»Ich bin froh, dass die Angeln an dieser Tür noch in Ordnung sind«, sagt Will.

Ein Anfall von Hysterie überkommt mich, und ich platze heraus: »Du bist froh darüber?«

Will grinst. Damone guckt uns an, als hätten wir beide den Verstand verloren, was mich nur noch mehr zum Lachen bringt. Ich kann nichts dagegen tun. Ich freue mich, dass ich noch am Leben bin.

Immer noch lachend, nehme ich Will die Taschenlampe aus der Hand, schultere wieder meine beiden Taschen und sage: »Wie wäre es, wenn wir uns einen Ausgang suchen würden?«

Vor uns liegt ein langer Gang mit einer hohen Decke, der breit genug ist, sodass wir drei Seite an Seite laufen können. An den Wänden hängen verblasste Fotos von Tieren: Schimpansen, Orang-Utans, Gorillas. Auch von anderen Affen. Ich bin froh, dass ich richtiggelegen habe, was die früheren Bewohner dieses Gebäudes angeht, aber ich kann nicht aufhören, mich zu fragen, was mit diesen Tieren geschehen ist, als die Welt zusammenbrach.

»Wartet mal. Hört ihr das?« Ich lege meinen Kopf schräg. Da. Dieses Mal ist das Geräusch lauter. Irgendjemand ruft meinen Namen, und Erleichterung durchflutet mich, als ich die Stimme erkenne.

»Enzo«, sagt Will und grinst Damone an. »Ich schätze, nicht jeder an der Universität glaubt daran, dass es wichtiger ist, selber voranzukommen, als eine wahre Führungspersönlichkeit zu sein.«

Mit Enzos Stimme als Wegweiser laufen wir den langen Gang hinunter. Sosehr wir uns auch beeilen wollen, zwingen wir uns doch zum Schritttempo. Wir halten nach Dingen Ausschau, die eventuell in den Schatten lauern, denn wir wollen nicht noch einmal in eine solche Situation geraten wie die, der wir gerade eben entkommen sind. Irgendwann treten wir durch eine Tür zu unserer Linken. Ein weiterer Flur erstreckt sich vor uns. Noch mehr verblasste Plakate und Fotos von Tieren. Schilder, auf denen Fressgewohnheiten nachzulesen sind, Verhaltensweisen, anatomische Besonderheiten. Schilder, die von einer früheren Gesellschaft erzählen, die Tiere zur Unterhaltung und zu Bildungszwecken eingesperrt hat.

Enzos Stimme klingt lauter und näher. Ich rieche frische Luft. Die Aussicht, bald wieder in Freiheit zu sein, treibt uns an. Noch einmal biegen wir nach links ab und sehen einen offenen Durchgang. Sonnenlicht. Und Enzo steht an der Schwelle und sieht erleichtert aus, als er uns entdeckt.

Keine Gitterstäbe oder synthetischen Bäume mehr.

Freiheit.

Ich will mich auf den Boden sinken lassen und den Moment genießen, aber wir haben bereits eine Menge Zeit verloren. Andere Teams haben das »Nest« wahrscheinlich schon längst entdeckt. Wir müssen uns beeilen, wenn wir noch eine Chance auf den Sieg haben wollen. Während die anderen vielleicht meinen, dass das Ganze nur ein Spiel sei, das sich die Studenten aus dem Abschlussjahr ausgedacht haben, weiß ich es besser.

Die gute Nachricht ist, dass mir unser eben überstandenes Abenteuer eine Ahnung vermittelt hat, wohin wir gehen müssen, um die erste Aufgabe zu lösen. Ich reiche einem neugierigen Enzo die Taschenlampe und sage: »Wir erzählen dir, was passiert ist, während wir weiterlaufen. Wir haben keine Zeit herumzutrödeln, wenn wir als erstes Team wieder zurück sein wollen.«

Während wir also weiterziehen, gibt Will Enzo einen Kurzbericht über die Ereignisse im früheren Affenhaus. Ich überlasse es Will, die Geschichte zu erzählen, da ich vorneweg laufe und nach irgendetwas Ausschau halte, was mir einen Hinweis darauf geben könnte, welche Richtung wir einschlagen sollen. Enzo stellt Dutzende Fragen, vor allem über die Schlange. Er glaubt, Will würde hinsichtlich ihrer Größe übertreiben, was wenig überraschend ist, da Will durchaus dazu neigt, die Dinge zu dramatisieren.

Gerade will ich diesen Gedanken laut äußern, da mischt sich Damone zum ersten Mal ein, seitdem wir der Schlange begegnet sind. »Will sagt die Wahrheit. Ich habe noch nie etwas Derartiges gesehen.« Damone bleibt stehen. »Wie können die Leute aus dem Abschlussjahr uns an einen Ort schicken, wo ein solches Ding haust? Wie können die Professoren das zulassen? Sie haben gesagt, die Einweihung soll Spaß machen, aber sie hätten uns alle töten können.«

»Ich bin mir nicht sicher, ob die älteren Studenten wussten, dass es in diesem Gebäude eine Schlange gibt«, erwidere ich. »Wahrscheinlich ist sie durch das Dach hineingekommen, als die Leute ihre Käfigfalle aufgebaut haben.«

Will nickt. »Zu Hause in der Madison-Kolonie haben wir viele Schlangen. Sie kriechen ständig überall hinein, ohne dass man das mitbekommt. Meine Mom hat mal eine fast zwei Meter lange Schlange in ihrem Schrank gefunden, wo sie sich um ein Paar Schuhe gewunden hatte. Niemand wusste, wie sie hat eindringen können. Dad hat die Armbrust meines Bruders benutzt, um sie wieder loszuwerden.«

Bei der Erwähnung der Armbrust zucke ich zusammen. Plötzlich bin ich woanders. Ich stehe auf einer Brücke, und ein Geschoss aus einer Armbrust saust durch die Luft auf mich zu. Dann ist das Bild wieder verschwunden.

Damone verschränkt die Arme vor der Brust. Auch wenn seine Haltung feindselig ist, kann ich die Angst in seinem Blick sehen. Ich massiere mir die Schläfen und sage: »Diese Gegend ist noch nicht wieder revitalisiert worden, was bedeutet, dass wir die Augen offen halten müssen, ob es hier irgendwelche Spuren oder Tierkot gibt. Wenn wir etwas entdecken, sollten wir einen großen Bogen darum machen. Wenn wir Glück haben, wird der Ort unserer nächsten Aufgabe für Schlangen uninteressant sein. Aber um das herauszufinden, müssen wir diesen Ort natürlich erst mal finden. Ich glaube, ich habe eine Idee, wo wir hingehen sollten.«

»Wohin denn?«, fragt Enzo, als ich mich umdrehe und davonstapfe.

Ich mache einen großen Schritt über einen abgebrochenen Ast hinweg. »Mein Vater besitzt eine Menge Bücher über die Biologie der Tiere. Sein Team benutzt sie, wenn es um eine Genmodifikation bei einem unserer Hoftiere geht. Aber in diesen Büchern werden alle Arten von Tieren behandelt, und auch ihr jeweiliges Verhalten wird beschrieben, zum Beispiel der Bau ihrer Brutstätten.« Obwohl ich mich nie besonders für Genmanipulation interessiert habe, habe ich jedes einzelne Buch durchgeblättert und die Bilder und Worte aufgesogen, fasziniert von der Vorstellung, dass einige dieser Kreaturen noch immer da draußen frei herumlaufen könnten.

»Wir haben uns doch darauf geeinigt, dass wir nach einem Vogelnest suchen«, sagt Damone.

»Vögel sind nicht die einzigen Tiere, die Nester bauen«, sage ich. »Und ich gehe nicht davon aus, dass die Lösung für ein Problem, vor das uns die Abschlussstudenten stellen, so leicht ist. Was meint ihr?«

Will lächelt. »Habe ich auch keine Sekunde geglaubt. Das bedeutet, dass der Silberschatz etwas ist, an das wir nicht sofort denken. Etwas wie ein Löwe oder ein Tiger.«

»Oder ein Gorilla.« Enzo blickt mich an, und ich nicke.

»Es gibt Silberrücken-Gorillas. An sie habe ich denken müssen, als ich die Schilder an den Wänden des Gebäudes, in dem wir gerade waren, gesehen habe. Ich weiß nicht, ob dieser Ort auch genutzt wurde, um Gorillas unterzubringen, aber wenn das der Fall war, dann bin ich mir ziemlich sicher, dass wir dort finden werden, wonach wir hier suchen sollen.«

Der Weg führt nach links. Wir kommen an weiteren Bäumen vorbei, einigen verrotteten Bänken und Flächen, auf denen einst Tiere zu sehen gewesen sein müssen. Ich entdecke ein kaum noch leserliches Schild vor einem dieser Gehege; darauf zu sehen ist ein Tier mit einem langen Hals. Hier sind also die Giraffen gehalten worden. Am nächsten Gehege gibt es keine Informationen, aber etwas später stoßen wir auf eine verschmutzte Schautafel. Will kratzt den schlimmsten Dreck weg, und darunter kommt das Bild eines Elefanten zum Vorschein.

Wir laufen an kaputten Zäunen und Mauern vorbei und suchen nach Schildern. Löwen, Paviane, Zebras – Tiere, von denen wir schon gehört, die wir aber noch nie gesehen haben. Es gibt auch Bilder von Tieren, deren Art wir nicht kennen. Der Weg macht eine Biegung nach rechts. Noch mehr Tiergehege. Weitere ungesunde Bäume. Verfallene Gebäude, die keiner von uns näher in Augenschein nehmen will aus Angst, dass dort ebenfalls Fallen auf uns warten könnten. Irgendwo in der Ferne hören wir einen Aufschrei. Klang er erschrocken? Triumphierend? Auf jeden Fall wissen wir nun mit Sicherheit, dass sich mindestens eins der anderen Teams in der Nähe befindet.

Wir wollen gerade den Weg nach rechts einschlagen, als Enzo ein großes Schild an einem eingestürzten Zaun links von uns entdeckt. Das Bild und die Schrift darauf sind so hell geworden, dass sie kaum noch zu erkennen sind, aber trotz der Verwitterung und des Staubs darauf können wir einige Buchstaben entziffern: D NI GOR LA-WA D. Niemand hat eine Ahnung, was der erste Teil heißen soll, aber wir alle sind uns ziemlich sicher, dass da einst GORILLA-WALD stand.

Der Weg, der nach links führt, schlängelt sich zwischen den eingestürzten Wänden zweier Häuser hindurch. Das eingeschossige Steingebäude auf der rechten Seite ist noch intakt, doch die Art und Weise, wie sich die Wände bereits neigen, lässt mich vermuten, dass es nicht mehr lange stehen wird. Links von uns sehe ich ein kegelförmiges Dach über einem Haufen Holzscheite und einzelnen Felsbrocken. Wir gehen zwischen den Bauten hindurch, klettern über einen umgestürzten Baum, der den Weg versperrt, und erreichen eine lange Hängebrücke, die sich über einen Fluss spannt. Auf der anderen Seite befindet sich ein unversehrtes Gebäude, umgeben von einer hohen Steinbegrenzung. Anders als der Rest des Zoos ist die Brücke in gutem Zustand. Die Stahltaue sind stark, die Holzplanken dick und kräftig. Seile rechts und links bilden die Geländer.

Will mustert die Brücke, dann wandert sein Blick zurück zu mir. »Was meinst du?«

Ich lege meine Hand auf eines der Seile und drücke darauf, um zu testen, wie fest es gespannt ist. »Jemand hat sich eine Menge Arbeit gemacht, dafür zu sorgen, dass wir auf die andere Seite kommen.«

»Vermutlich dieselben Leute, die auch die Falle im Affenkäfig gestellt haben.« Vorsichtig setzt Will einen Fuß auf die Brücke. »Wollen wir hoffen, dass ich dieses Mal nicht kopfunter mit einem Seil um meine Knöchel ende.«

Will schiebt sich prüfend noch ein paar Schritte vorwärts, dann hüpft er auf und ab. Als die Brücke nicht nachgibt, folgen wir anderen ihm. Das Wasser unter uns ist schlammig braun; verschmutzt, aber trinkbar, falls wir dringend Wasser benötigen sollten. Ich hoffe, dass wir diesen Teil unserer Einweihung rasch hinter uns bringen und weitergehen können, ehe wir das ausprobieren müssen.

Wir erreichen das Ende der Brücke und hören hinter dem Steinwall mehrere Stimmen. Und obwohl ich die einzelnen Worte nicht verstehe, ist der Tonfall eindeutig. Mindestens ein Team ist immer noch im Zoo, und wer auch immer dabei ist, ist alles andere als guter Stimmung.

Ich klettere auf einen Baum nahe der Steingrenze und spähe hinüber. Das Gelände dahinter ist voller Felsen und blätterloser Bäume und hat einen grauen Boden. Die Tatsache, dass kein Gras wächst, und der Zustand der Bäume verraten mir, dass die Kontaminierung hier schlimmer ist. Die Studenten aus dem Abschlussjahr müssen diesen Ort genau deshalb ausgesucht haben. Uns ist klar, dass wir unsere Aufgabe rasch erledigen müssen, wenn wir körperliche Schäden vermeiden wollen, was natürlich den Druck erhöht, unter dem wir bei der Problemlösung stehen werden. Ganz in der Nähe der Bäume sehe ich Griffin, Raffe und ihre beiden Teamkameraden. Griffins Augen sind ganz schmal, und er hat einen verächtlichen Zug um den Mund, als er dem einzigen Mädchen der Gruppe etwas zuruft. Er ist mindestens zwanzig Zentimeter größer als die junge Frau, aber sie weicht in diesem Streit nicht zurück. Stattdessen deutet sie auf eine große Holztruhe auf dem Boden und brüllt Griffin an. Auf dieser Truhe steht eine große, weiße Eins. Drei weitere dunkelbraune Truhen stehen ringsum, markiert mit den Zahlen zwei bis vier.

»Wir sind hier richtig«, sagte ich und hieve mich hoch auf den Wall. Griffins Team verstummt, als ich auf der anderen Seite auf dem Boden lande. Auch als die Mitglieder meiner Gruppe nacheinander hinterherkommen, sagen sie nichts. Gemeinsam laufen wir zu der Truhe mit der Drei. Ich nicke Enzo zu, und er klappt den Deckel auf. Im Innern befindet sich noch eine Kiste, die etwas kleiner ist. Darauf liegt ein grauer Umschlag, den Enzo in die Hand nimmt und mir reicht. Ich öffne ihn, ziehe ein gefaltetes Stück Papier heraus und lese.

Setzt das Puzzle zusammen, um den Marker für eure Gruppe zu holen und den Hinweis für den Ort eurer nächsten Prüfung zu bekommen.

Enzo öffnet den Deckel der zweiten Truhe, und wir lugen hinein. Ein weiteres kleines Metallkästchen, auf dessen Seite sich ein Tastenfeld befindet. Neben der Box liegt ein Stück Papier, auf dem steht:

Tippt die Antworten auf die Fragen ein, um die Kiste zu öffnen. Aber seid vorsichtig mit euren Ergebnissen. Eine falsche Antwort hat eine Sperre von einer Stunde zur Folge, ehe eure Gruppe einen neuen Versuch unternehmen kann. Stellt sicher, dass ihr nicht zweimal danebenliegt.

Ich schaue zu Griffins Team, das uns aus dem kümmerlichen Schatten heraus beobachtet, den ein kahler Baum in der Nähe bietet. Sie müssen eine Frage falsch beantwortet haben und warten nun auf ihre Gelegenheit, es erneut zu probieren. Und mit jeder Sekunde, die sie verstreichen lassen, setzen sie sich länger der Verseuchung aus, die die Bäume hat verkrüppeln lassen und sogar dem Klee ein kränkliches Gelb verliehen hat. Ich frage mich, ob sie sich über die Gefahr im Klaren sind. Da sie in einer revitalisierten Stadt aufgewachsen sind, sind sie sich der Anzeichen für chemische Verunreinigung vielleicht weniger bewusst als wir anderen aus den Kolonien. Kurz überlege ich, ob ich sie warnen soll, doch mein Team hat sich bereits an die Lösung der Aufgabe gemacht, einem Physikproblem in drei Teilen.

Die erste Aufgabe fragt nach der Zeit, die ein waagerecht geworfener Stein braucht, ehe er auf dem Boden auftrifft, wenn er mit einer Geschwindigkeit von fünf Metern pro Sekunde von einer Klippe geworfen wird, die 67,4 Meter hoch ist. Bei Teil zwei wollen sie wissen, in welcher Entfernung von der Klippe der Stein den Boden berührt. Bei der letzten Frage geht es darum, die Endgeschwindigkeit des Steins und dessen Flugrichtung beim Aufschlag auszurechnen.

Wir kümmern uns nicht um die vier Augenpaare, die uns missmutig beobachten, sondern suchen uns Stöcke, mit denen wir unsere Berechnungen in den Boden einritzen können. Dann machen wir uns an die Arbeit. Sofort wird deutlich, dass fortgeschrittene Physik nicht zu Wills oder Damones stärksten Disziplinen gehört. Trotzdem überprüfen sie Enzos und meine Antworten mehrmals, bis wir uns alle einig sind. Obwohl die Lösungen nicht leicht zu finden sind, erweist sich das Eintippen als größte Hürde. Sollen wir dabei Abkürzungen für Meter pro Sekunde verwenden oder die Worte ausschreiben? Die falsche Entscheidung würde bedeuten, dass wir Griffin und seinem Team Gesellschaft leisten müssen, bis wir es ein zweites Mal versuchen dürfen.

Da all unsere Lehrer im Unterricht immer Abkürzungen benutzt haben, entscheiden wir uns für diese Variante. Enzo liest die Antworten laut vor, und ich tippe sie in das Tastenfeld ein. Als wir mit allen drei Lösungen durch sind, halte ich die Luft an und drücke die Eingabetaste.

Ein Klicken ertönt, und das Kästchen öffnet sich. Will und Enzo klatschen sich mit erhobenen Händen ab. Damone steht seitlich von uns und grinst Griffin und seine Begleiter triumphierend an, während ich einen grauen Umschlag und einen roten Marker mit der Nummer drei darauf aus der Kiste hole. Ich werfe dem anderen Team einen raschen Blick zu und schlage vor, den nächsten Hinweis zu lesen, sobald wir allein sind. Da niemand Einwände hat, schiebe ich den Marker und den Umschlag in meine Universitätstasche und mache mich auf den Weg zurück zum Wall.

Will gibt Enzo einen Schubs beim Klettern und steigt dann selbst über die aufgetürmten Steine. Als Damone sich hochzieht, höre ich den Klang einer Glocke. Griffin und die anderen aus seiner Gruppe hasten zurück zu ihrer Kiste. Anscheinend ist die Zeitstrafe überstanden.

Meine Finger suchen an den Felsbrocken Halt, und ich stoße mich mit den Füßen ab. Gerade will ich ein Bein über die Spitze des Walls schwingen, als ich Griffin schreien höre. Über die Schulter werfe ich einen Blick zurück und sehe gerade noch einen Lichtblitz.

Vor Überraschung lockere ich meinen Griff, als etwas hinter mir explodiert.