Kapitel 16
Zwei Stunden Schlaf gestehe ich mir zu. Der Himmel ist noch immer schwarz, als ich meinen externen Transmitter in meine Jackentasche gleiten lasse, mir meine Tasche über die Schulter hänge und leise die Treppe hinabsteige. Im Speisesaal und in der Küche ist alles dunkel. Kein Wunder, denn Frühstück gibt es erst in drei Stunden. Da mir nur der Mond, der durchs Fenster scheint, dabei hilft, irgendetwas zu erkennen, brauche ich länger, als mir lieb ist, um ein paar Vorräte zusammenzusuchen. Ich schiebe zwei Flaschen Wasser, mehrere Äpfel und Birnen, etwas Trockenfleisch und ein paar Scheiben Brot in meine Tasche. Wenn dieser Ausflug so verläuft, wie ich es mir vorstelle, dann werde ich nicht sehr lange weg sein, aber es schadet ja nie, vorbereitet zu sein.
Auf Zehenspitzen schleiche ich durch die schwach beleuchteten Flure bis zum Eingang und stoße einen erleichterten Seufzer aus, als ich durch die Vordertür nach draußen trete. Die feuchte, kalte Luft jagt mir einen Schauer über den Rücken, während ich rasch zu dem kleinen Schuppen laufe, um mein Fahrrad zu holen. Ich halte mich nahe an den Mauern des Wohnheims, für den Fall, dass jemand aus den Zimmern nach unten schaut.
Der Fahrzeugschuppen ist unverschlossen. In der Dunkelheit taste ich mich zu der Stelle, an der ich meiner Erinnerung nach mein neues Rad abgestellt habe, schaue aber immer wieder über die Schulter und suche nach Zeichen dafür, dass ich entdeckt worden bin. Endlich habe ich mein Rad gefunden, schiebe es aus dem Schuppen, steige auf, beginne, in die Pedale zu treten, und fahre über die Brücke und mehrere Fußwege entlang an der Bibliothek vorbei. Vor Tomas’ Wohnheim werde ich langsamer und benutze den Transmitter, um ihm ein Signal zu geben, damit er sich mir anschließen kann. Wenn er das Signal bemerkt, wird er sein Licht anmachen. Aber im Wohnheim bleiben alle Fenster dunkel. Obwohl mir nichts lieber wäre, als Tomas jetzt an meiner Seite zu wissen, wende ich mein Rad und fahre an unbeleuchteten Gebäuden vorbei. Die ganze Zeit über kämpfe ich gegen den Drang an, hinter mich zu blicken. Wenn mich jemand beobachtet, dann will ich selbstbewusst aussehen. So, als hätte ich die Erlaubnis, mitten in tiefster Nacht den Campus zu verlassen.
Doch halt … Es ist gar nicht alles dunkel. In der Ferne sehe ich ein Licht auf der anderen Seite des Campus. Obwohl der Universität ein höheres Stromkontingent als dem Rest der Stadt zur Verfügung steht, sind die Wohnheime die einzigen Gebäude, in denen nach Mitternacht noch Licht brennen darf. Es scheint aus einem Haus im Norden zu kommen, und zwar aus der gleichen Richtung, in der sich das Gebäude befindet, in dem Obidiah starb.
Ich steuere mein Rad auf das Licht zu, bin mir aber nicht sicher, was ich eigentlich herauszufinden erwarte. Doch alles, was um diese Zeit nachts passiert, soll ganz offenkundig geheim bleiben. Wenn Dr. Barnes und sein Team etwas tun, das verborgen bleiben muss, dann wette ich, dass die Präsidentin und die Rebellen davon erfahren sollten.
Das Licht kommt tatsächlich aus demselben Gebäude, das Obidiah zum fraglichen Zeitpunkt betreten hat. Ich schiebe mein Fahrrad in einige kleinere Büsche ungefähr hundert Meter vom Haus entfernt und schaue, ob ich in den erleuchteten Fenstern irgendwelche Bewegungen ausmachen kann. Als ich nichts entdecke, schleiche ich näher.
Ich spähe durch ein Fenster und sehe niemanden auf dem Flur. Aber irgendjemand muss im Gebäude sein, wenn das Licht an ist. Ich erinnere mich daran, wie es Obidiah ergangen ist, drücke mich eng an die Backsteinmauer und beeile mich, zum hinteren Teil des Baus zu kommen. Ich hoffe, irgendetwas zu sehen, was mir eine Ahnung davon gibt, was im Innern des Gebäudes vor sich gehen mag. Vier Gleiter sind hinter dem Haus abgestellt. Die, die sie gesteuert haben, müssen danach hineingegangen sein. Wenn ich mich am gleichen Ort wie beim letzten Mal verstecke, dann werde ich sie sehen, wenn sie wieder herauskommen. Aber dann werde ich nichts darüber erfahren haben, was sie hierhergeführt hat. Nur wenn ich hineingehe, werde ich Antworten finden. Wenn ich mich denn traue.
Ich achte peinlich genau darauf, mich in den Schatten verborgen zu halten, als ich wieder zurück zur Vordertür husche. Die Eingangshalle ist verlassen. Adrenalin, Angst und Zweifel pumpen durch meine Adern, als ich meine Finger um die Türklinke schließe. Ich sollte zusehen, dass ich zurück zu meinem Fahrrad komme und wieder verschwinde.
Aber ich drücke die Klinke runter. Die Tür öffnet sich einen Spalt, und ich beuge mich vor, um zu lauschen, ob irgendjemand da ist, der mich entdecken könnte. Es ist totenstill im Gebäude. Ehe ich die Nerven verlieren kann, schiebe ich mich hinein und lasse die Tür hinter mir vollkommen geräuschlos ins Schloss gleiten. Mit angehaltenem Atem wage ich mich weiter in die Eingangshalle hinein und suche nach einem Hinweis darauf, in welchem der drei abzweigenden Flure ich meine Suche beginnen soll.
Das Quietschen einer Türangel lässt mich zusammenzucken, und beim Klang von Stimmen bleibt mir einen Moment lang das Herz stehen. Da kommen Leute.
»Wo wir gerade über Projekte sprechen: Haben Sie von der neuen Kaninchenzüchtung gehört, die den Biotechnologiestudenten von Professor Richmard gelungen ist?« Die näselnde, männliche Stimme wird lauter, als wenn der Sprecher den Flur entlang in meine Richtung kommt. Ich muss verschwinden oder mich verstecken. Hastig ducke ich mich hinter dem hohen, schwarzen Empfangstresen. »Die Kaninchen haben ein genetisch verändertes Immunsystem, das es aushält, wenn die Tiere Pflanzen fressen, die draußen im Osten wachsen. Die Studenten haben letzte Woche ein paar Exemplare dieser neuen Spezies nicht weit von hier entfernt ausgesetzt. Sie wollen sehen, ob die genetischen Verbesserungen die Überlebensinstinkte verändert haben.«
Ich schiebe mich zwischen den Stuhl des Empfangspersonals und den Tresen. Dann rühre ich mich nicht mehr, doch das Blut rauscht in meinen Ohren.
»Dann wollen wir hoffen, dass es dieser Züchtung besser ergeht als den Gänsen, auf die Professor Richmard vor zwei Jahren so stolz war.« Ich unterdrücke ein entsetztes Keuchen, als ich die Stimme von Professorin Holt erkenne. »Nicht nur, dass sie all ihre Federn verloren haben, die Tiere waren auch über alle Maßen aggressiv und haben jeden angegriffen, der in ihre Reichweite kam.«
»Beides hat sich am Ende als nützlich erwiesen. Da wir die Tiere nicht mehr rupfen mussten, waren sie viel einfacher zu braten, und ihre aggressive Natur hatte zur Folge, dass niemand sie suchen musste, um nachzuprüfen, wie es ihnen geht. Professor Richmards Team konnte sie jederzeit aufspüren. Und beide charakteristischen Eigenschaften waren schon in der nächsten Generation ausgemerzt.« Die Stimme klingt warm. Amüsiert. Vertraut. Und sie ertönt unmittelbar auf der anderen Seite des Tresens, hinter dem ich kauere.
»Ich kann mir einfach keine aggressiven Kaninchen vorstellen«, sagt die tiefe Stimme. »Wie will Dr. Richmards Team herausfinden, ob diese neue Züchtung gedeiht?«
»Sie haben den Tieren einen neuartigen Chip implantiert, der den Herzschlag und den Aufenthaltsort an einen Empfänger oben auf dem Dach des Wohnheims der Biotechnologie überträgt. Sobald die Daten eingegangen sind, werden sie an einen Prozessor im Labor weitergeleitet. Solange die Kaninchen innerhalb einiger Meilen vom Campus bleiben, können die Studenten sie auch orten.«
Die nasale Stimme lacht. »Dann arbeiten diese Chips besser als die, die wir in die neuen Identifikationsarmbänder eingebaut haben. Vielleicht sollten wir das nächste Mal die Studenten der Biotechnologie mit diesem Projekt betrauen. Wir könnten sie sogar darauf ansetzen, sich um die Armbänder der Auslese zu kümmern, wo wir doch letztes Jahr so viele Scherereien damit hatten.«
Zustimmendes Gemurmel ist zu hören. Ich halte den Atem an und lausche, als die vertraut klingende Stimme unterbricht: »Wir werden uns um die augenblicklichen Probleme mit den Universitätsarmbändern kümmern. Und was die Auslese angeht: Es ist sinnlos, sich wegen der Vergangenheit schlaflose Nächte zu bereiten. Zweifellos wird Jedidiah mit der Alternative zufrieden sein, die mein Team entwickelt hat. Der neue Datenrekorder in den Armbändern wird uns verraten, ob der Verschlussmechanismus geöffnet wurde, sodass wir wissen werden, ob der Träger des Armbands es abgelegt hat. Wir werden nicht zulassen, dass sich die Fehler der letzten Auslese wiederholen. Nächstes Mal haben wir vielleicht nicht so viel Glück.«
Mehrere Stimmen bekräftigen die letzte Bemerkung, ehe die Sprecher einander Gute Nacht wünschen. Die Schritte hallen im Eingangsbereich und werden leiser, als die Leute den Flur hinuntergehen, der in den hinteren Teil des Gebäudes führt. Aber das Rascheln von irgendwelchen Kleidungsstücken verrät mir, dass noch mindestens eine Person hiergeblieben ist.
Ich schlucke krampfhaft und frage mich, worauf er oder sie wartet. Vermutet der Verbliebene, dass jemand sich während des Treffens unerlaubt in das Gebäude geschlichen hat? Und dass dieser unbefugte Jemand immer noch hier sein könnte?
Als die Schritte endgültig verklungen sind, bricht Professorin Holt die Stille. »Ist alles andere unter Kontrolle? Jedidiah macht sich Sorgen, dass es Uneinigkeit in Ihren Reihen gibt.«
»Wenn man mit den klügsten Köpfen zusammenarbeitet, muss man damit rechnen, dass einige die Richtung in Frage stellen, die wir einschlagen.« Obwohl der Tonfall ruhig und vernünftig klingt, läuft mir beim Klang der Stimme ein Schauer über den Rücken. Ich weiß, dass ich sie schon mal irgendwo gehört habe, kann mich bloß nicht daran erinnern, wo. Aber auch wenn ich nur zu gerne sehen würde, zu wem sie gehört, bleibe ich doch reglos hocken, als der Mann weiterspricht: »Diejenigen, die am meisten auf eine Veränderung drängen, sind mit Aufgaben versorgt worden, die sie ablenken sollen. Sie haben ein neues Ziel bekommen und glauben törichterweise, dass ich auf ihrer Seite bin. Ihr Plan wird die Geschichte unseres Landes verändern, so glauben sie, obwohl er in Wahrheit dazu dient zu zerstören, was sie aufzubauen meinen. Wenn ihre Pläne erst in die Tat umgesetzt sind, werden wir uns um sie keine Sorgen mehr machen müssen.«
»Wie können Sie sich da so sicher sein?«, fragt Professorin Holt.
»Weil sie alle dabei sterben werden, meine liebe Professorin.«
Ruhig. Bedächtig. Es ist derselbe Ton, mit dem mein Vater meinen Brüdern und mir aufträgt, meiner Mutter bei der Zubereitung des Abendessens zu helfen. Menschen werden getötet werden, weil sie glauben, dass sich etwas ändern müsse. Spricht dieser Mann über die Mitglieder von Symons Rebellenfraktion? Anders kann es nicht sein. Ihre Bemühungen sind also nicht unbemerkt geblieben, und nun schweben einige von ihnen in tödlicher Gefahr. Genauso, wie es mir ergehen wird, wenn dieser Mann oder Professorin Holt mich dabei erwischen, wie ich ihre Unterhaltung belausche. Michal muss gewarnt werden, damit er diese Nachrichten an Symon weitergeben kann.
Noch einmal schlucke ich mühsam und schlinge meine Arme um mich selbst, während die männliche Stimme ein tiefes Glucksen ertönen lässt und sagt: »Vertrauen Sie mir, Professorin. Man wird sich um sie kümmern. Unser wertvolles Universitätsprogramm wird genauso weiterlaufen, wie Sie und Jedidiah es geplant haben.«
»Ich hoffe für Sie, dass Sie sich nicht irren. Die Präsidentin …«
»Die Präsidentin wird nicht mehr lange im Amt sein. Sie weiß es nur noch nicht. Machen Sie sich keine Sorgen. Und nun werde ich Sie zu Ihrem Gleiter bringen. Ich verspreche Ihnen: Wenn wir das nächste Mal zusammenkommen, werden Sie die Resultate sehen, die wir alle anstreben.«
Ich stoße einen leisen Seufzer aus, als ich höre, wie die beiden weggehen. Die Lichter werden gelöscht. Eine Tür fällt ins Schloss. Ich zwinge mich dazu, ruhig sitzen zu bleiben, und zähle bis hundert, nur für den Fall, dass einer der beiden noch einmal umkehrt. Als das nicht der Fall ist, greife ich nach der Tresenplatte und halte mich daran fest, weil meine wackligen Beine beim Aufstehen nachgeben wollen. Ein Teil von mir will das Gebäude durchsuchen, um zu sehen, ob sich hier irgendetwas finden lässt, das den Rebellen von Nutzen sein kann. Aber ich bezweifle, dass man hier verdächtiges Material offen herumliegen lässt. Außerdem wird bald die Morgendämmerung anbrechen, und so mache ich mich auf den Weg zum Ausgang. Zuerst schaue ich durchs Fenster, um sicher zu sein, dass niemand in Sicht ist, dann reiße ich die Tür auf und renne los. Als ich bei den Büschen angekommen bin, schnappe ich mir mein Fahrrad aus dem Versteck, werfe mir die Tasche über die Schulter, steige auf und strample los. Die furchtbare Angst in meinem ganzen Körper lässt mich schneller und schneller fahren.
Kaum steht mein Fahrrad im Schuppen, haste ich auch schon zu meinem Zimmer hinauf, ehe die ersten Studenten im Wohnheim aufwachen. Ich schließe hinter mir ab, lehne mich gegen die Tür und beginne zu zittern. Auf unsicheren Beinen laufe ich ins Badezimmer und hoffe, dass eine heiße Dusche die Kälte aus meinem Körper vertreiben kann. Ich sitze auf dem Boden der Dusche und lasse das heiße Wasser laufen, bis meine Haut rot und der ganze Raum voller Dampf ist. Dann trockne ich mich ab, ziehe meinen Schlafanzug an, schlüpfe unter die Decke und kneife meine Augen zu in der Hoffnung, dass die eisige Angst nicht zurückkehrt.
Als ich aufwache, ist es taghell in meinem Zimmer. Ich schaue auf die Uhr. Das Mittagessen ist lange vorbei. Ich sollte aufstehen und Tomas suchen, um einen Plan zu entwickeln. Aber meine Augen brennen, und meine Muskeln schmerzen. Also esse ich stattdessen einen Apfel aus meiner Tasche, rolle mich wieder im Bett zusammen und döse bis zum Abendbrot. Obwohl ich den ganzen Tag geschlafen habe, muss ich mich zwingen, mich aus den Decken zu schälen und anzuziehen. Beim Abendessen gebe ich mein Bestes, lache, unterhalte mich und esse, genau wie alle anderen auch. Als Ian mich damit aufzieht, dass ich anscheinend so ausgelastet bin, es nicht mal mehr zu den Mahlzeiten zu schaffen, lache ich und gestehe, dass ich noch bis spät in die Nacht hinein gearbeitet und daraufhin den Großteil des Tages verschlafen hätte. Die Worte kommen mir leicht über die Lippen, da sie schließlich der Wahrheit entsprechen.
Mehr als einmal ertappe ich Griffin und Damone dabei, wie sie in meine Richtung starren, aber ich tue so, als ob ich es nicht bemerken würde. Als das Essen vorbei ist, schiebe ich die Arbeit als Entschuldigung dafür vor, dass ich wieder in mein Zimmer zurückkehre. Ich sehne mich so nach einer tröstlichen Umarmung von Tomas, aber mir gehen Griffins und Damones wachsame Blicke nicht aus dem Sinn. Wenn ich jetzt zu ihm ginge, dann würde das einer der beiden Jungs Professorin Holt oder Dr. Barnes melden. Und Tomas wäre dann in Gefahr! Also bleibe ich, wo ich bin, starre aus dem Fenster und sehe zu, wie der Himmel immer dunkler wird.
Ich suche nach Entschuldigungen, warum es besser wäre, wenn ich in meinem Zimmer bliebe, anstatt in dieser Nacht nach Tosu-Stadt oder zur Luftwaffenbasis zu radeln. Ich will nicht allein dorthin. Ich habe keine Taschenlampe. Meine Muskeln sind nicht fit genug, um schnell genug vorwärtszukommen. Ich weiß nicht, ob ich Michal im Büro der Präsidentin antreffen werde, und ich habe nicht die exakten Koordinaten des Luftwaffenplatzes. Alles stimmt, aber tief in mir drin kenne ich den wahren Grund, warum ich nicht aufbreche.
Ich habe Angst.
Die Auslese hat mich in Todesgefahr gebracht. Auch wenn ich mich noch nicht an alles erinnere, was in dieser Zeit geschehen ist, weiß ich, dass ich mich der Angst gestellt habe. Ich habe überlebt. Ich sollte dasselbe jetzt noch einmal tun können. Aber diese Angst ist anders.
Während der Auslese blieb mir keine andere Wahl, als den entsetzlichen Dingen, die Dr. Barnes für uns bereithielt, gegenüberzutreten. Letzte Nacht habe ich mich zum ersten Mal ganz und gar aus freien Stücken auf einen gefährlichen Weg begeben.
Ein Teil von mir glaubt, ich hätte mich mit der Möglichkeit abgefunden, dass ich von Dr. Barnes und seinem Team von Offiziellen mit der schlimmsten aller Strafen belegt werden könnte.
Aber das stimmt nicht.
Ich will leben.
So wichtig es auch ist, der Auslese und Dr. Barnes’ augenblicklichem Universitätsprogramm ein Ende zu setzen, so gibt es doch bereits eine Gruppe, die sich diesem Ziel verschrieben hat. Menschen wie Michal, die älter, erfahrener und klüger als ich sind. Die die Stadt und ihre Bewohner besser als ich kennen. Sie brauchen keine Hilfe von einer Studentin im ersten Semester. Jede Information, an die ich komme, kann auch von Symon und seinem Team gefunden werden. So gerne ich denken möchte, dass ich wichtig bin: Ich bin es nicht. Ich bin zu unerfahren. Zu jung.
Offiziell bedeutet mein Schulabschluss in Five Lakes, dass ich jetzt eine Erwachsene bin. Aber eingekuschelt in meinem Bett, die Arme fest um meinen Oberkörper geschlungen, habe ich mich nie weniger erwachsen gefühlt. Ich wollte immer so gerne glauben, dass mein Vater recht hatte, wenn er sagte, ich könne alles schaffen, was ich mir vornehme. Aber ich weiß, dass das nicht stimmt. Niemals könnte ich eine Entscheidung treffen, die meinem Leben ein Ende setzen würde.
Ich bin keine Anführerin.
Ich bin ein Feigling.
Mein Schlaf ist voller seltsamer Träume. Als ich aufwache, sind meine Muskeln hart und schwer. Ich habe keinen Appetit, aber ich zwinge mich dazu, etwas zu essen, ehe ich mit dem Rad ins Büro der Präsidentin fahre. Da es Sonntag ist, herrscht auf den meisten Fluren wenig Betrieb. Ich lege meinen Bericht auf den Schreibtisch der Präsidentin und kehre sofort zurück zum Campus. Keine Umwege. Keine Nachricht, mit der ich Michal und Rebellen vor einer möglichen Gefahr warne. Ich mache auch keinen Zwischenstopp bei Tomas’ Wohnheim, um ihm zu erzählen, was ich erfahren habe. Keine Gelegenheit für Dr. Barnes, mir ein Verhalten vorzuwerfen, welches dazu führen könnte, dass ich abgezogen werde.
Die nächste Woche fängt an, und ich gehe in meine Kurse, gebe meine Hausaufgaben ab und schreibe Tests. Meine Lehrer loben meine Arbeit. Ich bekomme sehr gute Noten, so wie die meisten Mitglieder unserer Lerngruppe. Alle stellen Fragen über mein Praktikum, vor allem diejenigen, die selbst eine Stelle innerhalb des Zentralen Regierungsgebäudes erhalten haben. Obwohl mir die Angst schwer auf den Schultern liegt, antworte ich scheinbar unbekümmert. Ja, ich habe die Präsidentin getroffen. Ja, ich habe meine erste Aufgabe bereits abgeliefert. Nein, ich habe noch nicht von dem Gerücht gehört, dass die Präsidentin dem Parlament eine Gesetzesänderung vorschlagen will.
Als ich die letzte Frage beantworte, spüre ich, wie Tomas neben mir ganz steif wird, und als ich nach oben gehe, um in den Regalen dort nach einem Buch über die frühere Europäische Union zu suchen, kommt er mir nach.
»Was für eine Gesetzesänderung will die Präsidentin vorschlagen?«
»Ich habe keine Ahnung.«
Tomas legt mir seine Hände auf die Schultern. »Das kannst du vielleicht den anderen erzählen, aber die kennen dich nicht so gut wie ich.« Seine Finger fahren an der Unterseite meines Kiefers entlang. »Ich weiß genau, wann du wütend oder verängstigt bist. Im Augenblick ist beides der Fall. Ich kann dir nicht helfen, wenn du mir nicht sagst, was los ist.« Als ich immer noch nicht antworte, lässt er die Hand sinken und fragt: »Hat es mit mir zu tun?«
»Nein. Es ist nur …« Die Worte bleiben mir in der Kehle stecken, als ich dem Jungen in die Augen schaue, dem ich so viele meiner Geheimnisse und mein Herz anvertraut habe. Vertraue ich ihm auch jetzt noch? Ja. Trotz allem, was geschehen ist, glaube ich an ihn. Ich liebe ihn.
Schnell erzähle ich ihm von der Rebellion. Davon, dass die Präsidentin vorhat, schon bald Dr. Barnes herauszufordern, von dem drohenden Misstrauensvotum und der Bereitschaft der Präsidentin, die Auslese mit Gewalt abzuschaffen und ihren Machtverlust zu verhindern.
»Michal zufolge gibt es sowohl in der Stadt als auch hier unter den Studenten an der Universität Leute, die für diesen Konflikt mit Waffen ausgerüstet sind. Wenn Symons Rebellenfraktion nicht irgendeinen Weg findet, das Parlament davon zu überzeugen, Dr. Barnes abzusetzen, dann werden Menschen sterben.«
»Unter ihnen Dr. Barnes.« Die kalte Akzeptanz in Tomas’ Stimme jagt mir einen Schauer über den Rücken. »Er muss für seine Taten bezahlen.«
»Ja.« Ich lasse meine Hand in seine gleiten und drücke sie fest, um ihn daran zu erinnern, dass ich da bin. Dass wir immer noch die beiden Menschen aus der Five-Lakes-Kolonie sind, ganz gleich, was wir durchgemacht haben. Menschen, die daran glauben, dass man das tun sollte, was für alle am besten ist. »Aber nicht auf diese Weise.«
Tomas’ graue Augen suchen meinen Blick. In ihren Tiefen sehe ich Zorn und Schmerz, aber auch die Wärme und Freundlichkeit des Jungen, den ich seit meiner Kindheit kenne. Ein Junge, der zum Mann geworden ist.
»Du hast recht«, sagt er. »Sosehr ich auch will, dass Dr. Barnes für das, was er zu verantworten hat, bezahlen muss – das Land darf nicht wieder in einen Krieg stürzen. Ich glaube nicht, dass mein Praktikum im Genlabor mir Zugang zu den Informationen ermöglicht, die die Präsidentin braucht, aber ich werde die Ohren offen halten. Und du musst dasselbe tun. Wenn wir Glück haben, wird Dr. Barnes entmachtet und die Auslese beendet, ohne dass die Rebellen einen Grund bekommen, zu den Waffen zu greifen.«
»Und wenn wir kein Glück haben?«, frage ich.
Tomas’ Hand verkrampft sich. »Dann hauen wir ab. Wir können unsere Armbänder auf dem Weg aus Tosu hinaus abmachen. Die Stadt wird viel zu sehr mit dem Bürgerkrieg beschäftigt sein, um sich um vermisste Universitätsstudenten zu kümmern. Man wird sich niemals die Mühe machen herauszufinden, ob wir geflohen und nach Hause zurückgekehrt sind.«
Mein Zuhause. Meine Eltern. Meine Brüder. Ein Ort, weit weg von Tosu-Stadt, voller Menschen, die ich kenne und denen ich vertraue. Tomas könnte recht haben. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass niemand nach uns suchen wird. Nicht, wenn es einen Aufstand gibt. Wir könnten nach Hause zurückkehren und unsere Fähigkeiten dazu nutzen, den Menschen, mit denen wir aufgewachsen sind, beim Überleben zu helfen. Five Lakes hat so wenig Kontakt mit Tosu-Stadt, dass die Kolonie-Bewohner es vielleicht nicht einmal mitbekommen, wenn dort ein Krieg tobt. Wenn wir ihnen alles erzählen, werden sie nicht nur verstehen, warum wir zurückgekehrt sind, sie werden uns auch mit offenen Armen empfangen. Vielleicht können wir die Vergangenheit hinter uns lassen und uns eine Zukunft ohne Angst aufbauen. Gemeinsam. Und als Tomas’ Lippen meine finden, ist der Kuss voller Leidenschaft und Hoffnung, dass wir selbst dann überleben werden, wenn der Krieg kommt.
Die Tage vergehen. Während der Mahlzeiten verstaue ich zusätzliches Essen in meiner Tasche, um Tomas’ und meine Reise vorzubereiten. Beim Lernen versuche ich, die Gesichter am Tisch auszublenden. Stacia. Enzo. Will. Raffe. Naomy. Brick. Menschen, die ich zurücklassen muss, wenn die Gewalt losbricht. Doch die Hoffnung, die ich verspüre, seit Tomas und ich unseren Plan geschmiedet haben, wird schal und macht Schuldgefühlen Platz.
Am Freitag bekomme ich den Auftrag, mit einem der Offiziellen der Präsidentin die Pläne für ein neues Kommunikationssystem durchzugehen. Hier und da schnappe ich Gesprächsfetzen auf, weil im Büro der Präsidentin die Gesetzesvorlage zur Abschaffung der Auslese vorbereitet wird, die sie schon bald einbringen will. Den ganzen Tag über halte ich Ausschau nach Michal und hoffe auf die Nachricht, dass man endlich einen Beweis gefunden hat, mit dem man Dr. Barnes öffentlich anprangern kann. Erst als ich abends gehen will, entdecke ich ihn. Er sieht müde aus, wie er hinter der Präsidentin und mehreren älteren Offiziellen aus dem Gleiter steigt. Seine Schritte werden langsamer, als sein Blick auf mich fällt. Er sieht der Präsidentin und ihrem Team hinterher, die im Gebäude verschwinden, dann gibt er mir ein Zeichen, ihm um eine Ecke herum zu folgen.
Kaum sind wir außer Sicht, zerschlägt er all meine Hoffnung. Es ist noch kein handfester Beweis entdeckt worden, und Symon arbeitet hart daran, die Präsidentin und die andere Rebellenfraktion davon zu überzeugen, dass Geduld gefragt ist, wenn man verhindern will, dass sich die Gewaltspirale weiterdreht.
Die Worte, die ich hörte, während ich mich im Dunkeln verkroch, hallen jetzt in meinem Kopf. Noch mehr Gewalt steht bevor.
Schnell erzähle ich Michal davon, wie ich Professorin Holt und noch jemand anderen belauscht habe, die von Mord sprachen. Als ich fertig bin, sagt mir Michal, dass ich mir keine Sorgen machen soll. Symon würde es wissen, falls Dr. Barnes über die Rebellen Bescheid wüsste. Aber er verspricht mir, die Informationen weiterzugeben.
Im Flüsterton unterhalten Tomas und ich uns an diesem Abend während der Lerngruppe, und Tomas tröstet mich und sagt, ich hätte mein Soll erledigt. Ich habe die Warnung weitergegeben. Außer den Vorbereitungen zu unserer Flucht bleibt uns beiden nichts mehr zu tun. Ich erzähle ihm nicht von der Luftwaffenbasis und den Antworten, die ich glaube, dort finden zu können, denn ich habe Angst. Ich will nach Hause. Keiner von uns beiden soll sterben müssen.
In dieser Nacht wälze ich mich herum und warte darauf, dass der Schlaf kommt. Als er endlich da ist, bringt er mir die Gesichter von Menschen, die ich nicht kenne. Einige tragen silberne Armbänder. Bei anderen haben sich Gold und Silber miteinander verwoben. Von jedem Armband geht eine Kette aus, die zu der Backsteinmauer dahinter führt. Einige Gefangene werfen sich nach vorne und versuchen, sich loszureißen. Andere scheinen sich in ihr Schicksal zu fügen und die Kettenglieder nicht zu bemerken, die sie an die Wand schmieden. Einer nach dem anderen dreht sich um und bemerkt mich. Alle Blicke sind auf mein Handgelenk gerichtet. Neid, Zorn, Sehnsucht und Verzweiflung zeichnen sich auf den Gesichtern ab. Als auch ich den Blick senke, sehe ich, dass ich kein Armband trage. Ich stehe auf einem Stückchen üppigen, grünen Grases, für das mein Vater mit verantwortlich ist, weit weg von Tosu. Ich bin frei.
Tatsächlich?
Als ich mich umschaue, beginnt mein Herz zu hämmern. Irgendetwas stimmt nicht. Ich mache mehrere Schritte nach vorne und stoße gegen eine Barriere. Eine Mauer. Ich drehe mich um und renne in die entgegengesetzte Richtung. Fünf Schritte. Zehn. Dann wieder eine Mauer. Eine grenzt an die andere. Dann an noch eine weitere. Ein Käfig, den man nicht sehen kann, ist nicht weniger real, als wenn die Wände aus Stahl wären.
Die Kandidaten der Auslese, die an den Wänden angekettet sind, stehen, wie zu Stein erstarrt, da. In ihren Augen sehe ich Angst, gepaart mit einem Hunger, der nur durch Freiheit gestillt werden kann. Es ist ein Ausdruck, den ich kenne. Einer, den ich in meinem eigenen Spiegelbild gesehen habe. Ein Ausdruck, der sich in meine eigenen Züge eingebrannt hat.
Ich taumele rückwärts und schreie, dass ich ihnen nicht helfen kann. Aber ich kann es zumindest versuchen.
Die Wände meines Gefängnisses fühlen sich eisig an, als ich sie berühre. Die Kälte greift auf meine Finger über. Ich schaudere und nehme meine Hände weg, und die Kälte wird weniger. Dann mache ich einen weiteren Schritt zurück in die Mitte meines Kerkers und spüre, wie mir wärmer wird. Ich fühle mich weniger verängstigt. Sicher. Ein Schritt in Richtung Wand, und schon nagt Panik an meinen Eingeweiden.
Und da begreife ich es: Die Wände werden von meiner eigenen Angst gebildet. Um zu fliehen, muss ich mich ihnen nicht nur stellen, sondern sie überwinden.
Eine Welle der Übelkeit überkommt mich, als ich meine Hände gegen die Wand drücke. Ein Wassertropfen fällt auf den Boden. Dann noch einer, bis ein stetes Rinnsal daraus geworden ist. Wasser sammelt sich um meine Füße. Die Wand unter meinen Händen wird schwächer. Ich presse gegen die Barriere und spüre, wie sie bebt, aber nicht bricht. Ich ziehe mich mehrere Schritte in die Mitte des Gefängnisses zurück und mache mich bereit loszurennen, als eine Stimme in mir sagt, ich solle damit aufhören. Mein Vorhaben sei höchst gefährlich. Diese Wand aus Eis zu durchbrechen würde zu meinem Tod führen.
Ich weiß.
Ich akzeptiere es.
Ich renne los.
Das Eis zerbricht unter dem Aufprall, und die Ketten der Auslese-Kandidaten werden gesprengt. Eissplitter schneiden in mein Fleisch. Der Schmerz, den ich verspüre, macht es mir schwer zu sehen, ob die anderen überlebt haben. Aber als ich meinen Kopf auf die blutgetränkte Erde lege, weiß ich, dass es keine Rolle spielt. Egal, ob wir tot oder am Leben sind – wir sind besser dran, weil wir frei sind.
Mit einem Ruck wache ich auf und fahre mit meinen Fingern über die fünf Narben, die von der Auslese stammen. Sie brennen wie die Eissplitter in meinem Traum. Ich schiebe mich aus dem Bett, mache das Licht an und laufe in meinem Schlafzimmer auf und ab. Als der Traum nicht verblasst, fahre ich mit der Hand über die Wand und verspüre dieselbe Kälte wie in meinen Albträumen. Aber diese Wände sind real. Noch vor wenigen Stunden habe ich mich so sicher gefühlt, als ich in diesem Raum Zuflucht suchte, doch nun sehe ich ihn als das, was er ist: ein Gefängnis. Die Sicherheit ist nur eine Illusion. Ganz gleich, wie vorsichtig ich bin oder wie gut meine Zensuren sind, ich werde nie frei sein im Angesicht der Bedrohung, die von Dr. Barnes und seinem System ausgeht. Keiner von uns wird in Sicherheit leben, bis Dr. Barnes und seine Handlanger entmachtet sind.
Anders als bei vielen meiner Albträume zuvor war keines der Gesichter in diesem Traum vertraut. Aber ich weiß, wer die Menschen waren. Zukünftige Kandidaten. Augenblickliche Universitätsstudenten. Jugendliche, die wie meine Freundin Daileen in diesem Moment am Küchentisch ihrer Familien sitzen oder auch in den Räumen der Wohnheime und bis spät in die Nacht hinein lernen, weil sie hoffen, beim nächsten Test gut abzuschneiden und ihrem Traum ein bisschen näher zu kommen. Sie ahnen nicht, dass die Menschen, die über diesen Traum wachen, Entscheidungen treffen werden, die zu ihrem Tod führen können. Aber nein. Egal welche Entschuldigungen ich finde oder wie viel Angst ich verspüre, ich kann mich vor diesem Wissen nicht verschließen. Die Präsidentin muss ihre Abstimmung gewinnen. Dr. Barnes muss seines Postens enthoben werden. Die Auslese muss aufhören.
Bislang haben die Rebellen den Beweis noch nicht gefunden, den die Präsidentin braucht, um siegreich aus der Abstimmung hervorzugehen und über Dr. Barnes zu triumphieren. Wenn sie hingegen verliert, wird die andere Rebellenfraktion angreifen, und wenn der Mann, den ich belauscht habe, recht hat, dann wird Dr. Barnes’ Team darauf vorbereitet sein. Sie werden alles tun, was nötig ist, um diejenigen aus dem Weg zu räumen, die die Auslese beenden wollen, und sie werden die Rebellen, Generationen von Kandidaten und vielleicht sogar die Präsidentin und ihre Mitarbeiter zum Tode verurteilen. Vielleicht werde ich die Informationen, die das verhindern können, nicht finden, aber ich muss es wenigstens versuchen.
Ich werfe einen raschen Blick auf die Uhr: kurz nach Mitternacht. Es bleibt mir also noch Zeit genug, mich vorzubereiten und dann die verlassene Luftwaffenbasis nach Informationen abzusuchen, die die Rebellen nutzen können. Vielleicht hält sich der Widerstand ja sogar dort verborgen? Hm. Ich schlüpfe aus meinem Nachtzeug und ziehe mich an. Während ich meine Stiefel zuschnüre, lege ich mir einen Plan zurecht. Mein erster Halt wird die Bibliothek der Fakultät sein. Letze Woche bin ich aufgebrochen, ohne die genauen Umrisse des Luftwaffenfeldes vor Augen zu haben. Während der Einweihung habe ich zwar die Koordinaten in den Transit-Kommunikator eingegeben, aber die Basis ist groß. Es wäre am besten, sich einen Überblick über die Gegend zu verschaffen, in der ich mich umsehen will.
Es ist noch so früh, dass im Aufenthaltsraum nach wie vor Studenten sitzen, als ich daran vorbeilaufe. Ich schaue mich in den Bibliotheksräumen um und finde auf einem Regalbrett kurz über dem Fußboden einen ziemlich mitgenommenen Atlas der früheren fünfzig Staaten von Amerika. Die alte Luftwaffenbasis ist auf einer detaillierten Karte von Kansas eingezeichnet, und zwar mit ihren genauen Ausmaßen. Schritt eins ist erledigt.
In einem verlassenen Labor erledige ich Schritt zwei. Ich finde mehrere Päckchen Streichhölzer und eine kleine Stablampe. Auch grabe ich ein schmales, rasiermesserscharfes Klappmesser aus, das eigentlich dazu gedacht ist, Pflanzen zu beschneiden. Es ist zwar wenig beeindruckend, aber wenn ich in Schwierigkeiten gerate, dann werden mir dieses und das zweite Messer in meiner Tasche wenigstens ein kleines bisschen Schutz bieten können.
Zurück in meinem Zimmer, schiebe ich den Störsender und das Signalgerät, das ich gebaut habe, in meine Tasche. Ich will Tomas nicht in Gefahr bringen, aber ich weiß, dass er an meiner Seite sein will. Ich studiere die Karte und tippe die Koordinaten des Zentrums der Luftwaffenbasis in den Kommunikator. Das Gerät rechnet aus, dass der Stützpunkt keine zehn Meilen von hier entfernt liegt. Wenn Tomas und ich innerhalb der nächsten Stunde aufbrechen, dann sollten wir dort ankommen, uns umsehen und wieder zu unseren Wohnheimen zurückkehren können, ehe unsere Abwesenheit irgendjemandem auffällt. Ich lege den Atlas ganz nach unten in meine Tasche, packe eine Garnitur Wechselkleidung, Essen, Wasser und Streichhölzer dazu. Die Stablampe nehme ich in die Hand. Die Messer wandern in die Seitentasche. Nur für alle Fälle.
Als die Uhr eins schlägt, öffne ich meine Tür, trete hinaus auf den Gang und lausche, ob ich irgendetwas von meinen Kommilitonen höre. Alles still.
Der Mond scheint nicht ganz so hell wie letzte Woche, was es leichter macht, das Gelände der Fakultät zu durchqueren, ohne bemerkt zu werden. Das Knacken eines Astes erschreckt mich fast zu Tode, aber als ich in die Dunkelheit spähe, kann ich nichts entdecken. Dank der Stablampe finde ich mein Fahrrad sofort. Als ich gerade davonfahren will, höre ich einen schlurfenden Laut.
Das Herz schlägt mir bis zum Hals, als eine Gestalt im Eingang auftaucht und sagt: »Ich wusste, dass du irgendetwas vorhast. Warte nur, bis ich Professorin Holt davon erzählt habe.«