Kapitel 9

»Danny!« Das war mein Vater, der später am Nachmittag ohne anzuklopfen in mein Zimmer kam. »Danny, sag bitte, dass das nicht wahr ist.«

»Dass was nicht wahr ist?«, fragte ich und schaute ihn unschuldig an, als hätte ich tatsächlich keine Ahnung, wovon er redete.

»Du weißt ganz genau, was ich meine. Und ich sehe dir an, dass es wahr ist. Was zum Teufel ist nur in dich gefahren?«

»Wovon redest du? Ich …«

»Ach, spiel doch nicht das Unschuldslamm«, schimpfte er. »Gerade war die Polizei hier, und ich hatte ziemliche Mühe, die Beamten davon zu überzeugen, dass sie lieber mit mir reden sollen als mit dir. Anscheinend haben Mr und Mrs Maclean Anzeige gegen dich erstattet, wegen Hausfriedensbruchs – weil du unrechtmäßig ins Krankenzimmer ihres Sohnes eingedrungen bist. Sag mir, dass das so nicht stimmt. Bitte, sag mir, dass die beiden irgendetwas missverstanden haben.«

Ich ließ beschämt den Kopf hängen. Einen Moment lang überlegte ich ernsthaft, ob ich sagen sollte, Andys Eltern hätten mich bestimmt verwechselt, weil ich überhaupt nicht im Krankenhaus war, nicht mal in der Nähe. Warum sollte ich dort hingehen? Garantiert konnte ich Luke Kennedy überreden, mir ein Alibi zu geben, falls ich eines brauchte. Aber mir war klar, das war kein Ausweg. Ich musste alles gestehen.

»Es ist nicht so, wie’s aussieht,«, begann ich, doch Dad ließ mich nicht weiterreden. Er fuchtelte wütend mit den Armen und brüllte: »Ich fasse es nicht! Als hätten wir nicht schon genug Probleme! Reicht es nicht, dass die Polizei neulich schon mal hier war mit schlechten Neuigkeiten? Was hast du dir nur dabei gedacht? Verdammter Mist! Was hast du überhaupt im Krankenhaus verloren?«

»Ich wollte ihn sehen«, antwortete ich. »Sarah hat gesagt, sie möchte, dass ich mitkomme, und da …«

»Sarah?«, fragte er und starrte mich überrascht an. »Wer ist Sarah? Du hast noch nie von ihr erzählt.«

»Sarah Maclean. Andys Schwester.«

»Andys … wie bitte?« Dad überlegte kurz, setzte sich kopfschüttelnd auf die Bettkante und lachte leise. »Du bist mit der Schwester des kleinen Jungen befreundet? Und davon erfahre ich jetzt erst?«

»Ich bin nicht mit ihr befreundet«, erklärte ich. »Bevor das alles losging, habe ich sie nicht mal gekannt. Sie ist hierhergekommen. Vor zwei Wochen oder so.«

»Sie ist hierhergekommen? Zu uns ins Haus?«

»Nein, sie hat draußen auf der Straße gewartet. Ich habe gemerkt, dass sie mich beobachtet, und dann habe ich sie gefragt, wer sie ist, und wir haben geredet. Später haben wir uns im Park getroffen und noch mal geredet. Und dann ist sie nach meiner Geburtstagsparty wieder hier vorbeigekommen.« Diesen Punkt erwähnte ich, weil ich hoffte, dass ihn das milde stimmen könnte, denn schließlich war der Abend nicht gerade optimal gelaufen. »Sie ist nett«, fügte ich noch hinzu, obwohl ich gar nicht so recht wusste, weshalb das eine Rolle spielen sollte.

»Es ist mir völlig egal, ob sie nett ist oder nicht!«, erwiderte Dad. »Es gibt keinen Grund, weshalb sie hierherkommen sollte – genauso wenig, wie du einen Grund hast, ihren Bruder im Krankenhaus zu besuchen. Stell dir doch nur vor, deine Mutter würde mit ihr zusammenstoßen und dann erfahren, wer sie ist!«

»Zusammenstoßen – das klingt ja wie ein Unfall.«

»Werd mir bloß nicht frech, junger Mann!« Dad stand auf und zeigte mit dem Finger auf mich. Jetzt war er echt böse, und ich wollte, ich hätte mir die Bemerkung verkniffen. »Was glaubst du eigentlich, wie das für die Eltern des armen kleinen Jungen war, als du plötzlich unter dem Bett hervorgekommen bist?«

»Ich kann es nicht mehr hören! Dieser Andy nervt mich total!«, schrie ich. »Nervt er nicht alle Leute? Am besten wäre es, er würde gleich sterben, wenn er sowieso stirbt, dann könnten wir endlich …«

Ich brachte den Satz nicht zu Ende, weil mein Vater mir eine Ohrfeige verpasste. Ich zuckte zusammen und starrte ihn ungläubig an. Was war das? Ich konnte es nicht glauben! Mein Vater hatte mich noch nie geschlagen. Ich musste ein paarmal blinzeln, um die Tränen wegzudrücken.

»Danny«, sagte Dad ganz leise und wich einen Schritt zurück. Er sah aus, als wäre er mindestens so schockiert wie ich. »Danny, es tut mir leid …«

Ich hörte ihm nicht mehr zu. Ich schloss die Augen und schwieg und wartete, bis er aus dem Zimmer ging. Ich wollte nicht mehr in diesem Haus wohnen, bei diesen Eltern.


Eine Stunde später klingelte es. Ich dachte zuerst, ich würde es mir nur einbilden, aber es war tatsächlich Sarahs Stimme, die ich unten im Flur hörte. Ich rannte schnell die Treppe hinunter. Ja, sie war’s, und Dad redete mit ihr.

»Danny, geh bitte wieder in dein Zimmer«, sagte er müde.

»Was ist los?«, fragte ich.

»Ich bin vorbeigekommen, weil ich mich entschuldigen will«, sagte Sarah. »Meine Eltern drehen völlig durch meinetwegen. Sie denken, ich sitze in meinem Zimmer, aber ich bin aus dem Fenster geklettert.«

»Das wird ja immer besser!«, rief Dad mit einem ungläubigen Lachen. »Sarah, ich weiß nicht, was ich sagen soll. Du dürftest wirklich nicht hier sein. Wenn deine Eltern merken, dass du nicht in deinem Zimmer bist …«

»Ach, das ist denen doch egal«, sagte sie. »Die denken nur noch an Andy.«

»Ja, klar – weil er im Krankenhaus liegt«, seufzte Dad und fuhr sich erschöpft mit der Hand über die Augen. »Da ist es doch kein Wunder, dass sie die ganze Zeit an ihn denken, wie es ihm geht und so weiter.«

»Darf Sarah raufkommen in mein Zimmer, damit wir reden können?«

»Nein!«, schrie Dad laut. »Auf keinen Fall!«

»Aber warum nicht?«

»Weil sie nach Hause muss«, sagte er. »Ihre Eltern machen sich sonst Sorgen. Außerdem – wieso ist sie überhaupt hier? Ihr zwei« – und er schaute von mir zu ihr und wieder zurück –, »ihr zwei habt keinen Grund, Freundschaft zu schließen. Sarah, ich habe nichts gegen dich persönlich, aber bei dem, was unsere Familie jetzt gerade durchmachen muss, ist deine Anwesenheit nicht gerade hilfreich. Verstehst du das? Und deiner Familie hilft es nichts, wenn Danny deinen Bruder im Krankenhaus besucht und sich dann unterm Bett versteckt. Warum wollt ihr zwei das denn nicht einsehen?«

»Ich wollte doch nur mit Danny reden«, verteidigte sich Sarah. »Ich möchte ihm alles erklären.«

»Geh nach Hause, Sarah«, seufzte Dad.

Nach kurzem Zögern ging sie trotzdem in Richtung Treppe, aber mein Vater stellte sich ihr in den Weg und schüttelte nachdrücklich den Kopf.

»Geh endlich nach Hause, Sarah!«, wiederholte er. »Bitte, tu, was ich dir sage. Wenn Rachel heimkommt …«

»Geh nicht, Sarah«, flehte ich sie an.

Sie schaute zu mir hoch, schüttelte dann aber ebenfalls den Kopf. »Tut mir leid«, murmelte sie. »Aber ich glaube, ich gehe lieber.«

»Danke«, sagte Dad leise.

Sie wandte sich zur Tür. Ich rief ihr nach: »Ich ruf dich an! Ich melde mich bei dir!«

»Nein – kommt nicht in Frage!«, schimpfte Dad und schloss die Tür hinter Sarah.

Ich machte auf dem Absatz kehrt und rannte wieder hinauf in mein Zimmer. Dad rief mir etwas hinterher, aber ich antwortete nicht, sondern verriegelte meine Tür. Ich ging ans Fenster und wollte es öffnen, um Sarah noch etwas zuzurufen. Doch dann sah ich etwas, womit ich nicht gerechnet hatte, und mein Magen verkrampfte sich vor Eifersucht.

Sarah stand unten an der Einfahrt, aber sie war nicht allein. Sie unterhielt sich mit Luke Kennedy, der auf sie einredete wie ein Wasserfall und dabei lebhaft gestikulierte. Sie schüttelte den Kopf und grinste. Er fing an zu lachen. Mein Fahrrad lag in der Einfahrt, Luke deutete darauf und sagte etwas, aber Sarah schüttelte wieder den Kopf. Dann sagte er wieder etwas. Diesmal nickte sie, und er rannte los, ins Haus, so dass ich ihn nicht mehr sehen konnte.

Ich runzelte die Stirn. Zwar verstand ich nicht richtig, was abging, aber es gefiel mir trotzdem überhaupt nicht. Schon die Tatsache, dass die beiden miteinander redeten, passte mir nicht im geringsten. Gerade drehte ich den Griff, um das Fenster zu öffnen, da kam Luke mit seinem Fahrrad zurück. Er schwang ein Bein über die Querstange, setzte sich aber nicht auf den Sattel, sondern blieb mit beiden Füßen auf dem Boden stehen. Sarah hielt sich an seinem Arm fest, während sie hinter ihm aufs Fahrrad stieg. Er fuhr los, zuerst ein bisschen wackelig, aber dann fand er das Gleichgewicht und radelte davon, blieb am Ende der Straße kurz stehen, bog dann nach rechts ab und verschwand aus meinem Blickfeld.

Mich kotzte das alles an. Ich wollte die beiden nie wiedersehen. Luke nicht und Sarah erst recht nicht. Genauso wenig wie Dad. Oder Mam. Ich schaute auf meine Uhr. Es war schon sieben, und ich sah meine Mutter die Straße entlangkommen, mit einer Packung Milch in der Hand. In dem Moment fasste ich einen Entschluss. Aber ich wollte damit warten, bis alle schliefen.

Und dann würde ich abhauen.


Ich wartete, bis es stockdunkel war. Es war schon fast halb zwölf, als ich aufbrach. Mam und Dad lagen im Bett, und ich packte meine Tasche: frische Klamotten, Unterwäsche zum Wechseln. Leise tappte ich hinunter, um mir in der Küche ein paar Kekse und eine Flasche Wasser zu holen. Ich hatte keine Ahnung, wo ich hingehen sollte, aber eins war klar: Ich konnte nicht mehr zu Hause bleiben. Immerhin war ich schon dreizehn Jahre alt, und so langsam wurde es Zeit, dass ich mich alleine durchschlug und mir die Welt anschaute. David Copperfield war viel jünger gewesen als ich.

Durch die Hintertür schlich ich nach draußen und schaute die Straße hinauf und hinunter, ob auch wirklich niemand unterwegs war. Ich nahm meine Tasche auf den Rücken, schnappte mein Fahrrad und fuhr los in Richtung Hauptstraße.

So viel stand fest: Ich wollte nie, nie wieder nach Hause zurückgehen.