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«Ich riskiere meinen Kopf, ist Ihnen das klar?», sagte Chef Lanigan, als er den blauen Polizeiwagen mit dem goldenen Polizeiwappen von Barnard’s Crossing in den dichten Verkehr auf der Route 128 lenkte.
«Weil es in Swampdale ist und nicht in Barnard’s Crossing?», fragte der Rabbi. «Ach, das ist nur eben über der Grenze.»
«Nein, um Swampdale geht’s nicht. Barney Rose ist ein guter Freund von mir und macht sich nichts draus, wenn ich einer reinen Routinesache wegen auf sein Territorium übergreife. Nein, ich denke an die Polizei von Boston. Das ist ihr Fall, und sie könnten sehr unfreundlich auf eine Einmischung reagieren.»
«Ja, das verstehe ich», sagte der Rabbi. Seine Miene hellte sich aber gleich auf. «Genau genommen überprüfen Sie ja nur die Geschichte von Kathy Dunlop. Wenn Sie entdecken, dass ein Mann mit ihr im Motel gewesen ist, ein rothaariger Mann, der hinkte, der Professor Fine sein könnte, der in Barnard’s Crossing wohnt, dann fällt das doch unter Ihre Gerichtsbarkeit.»
«Ja, ja, David, vielleicht sind solche Haarspaltereien bei Ihren rabbinischen Freunden akzeptabel, aber ich würde sie nicht so sehr gern bei Schroeder oder Bradford Ames ausprobieren.» Er warf einen Blick auf seinen Begleiter. «Nicht dass mir das Kummer macht, ich maule nur ein bisschen. Das ist die Art von Konversation, die Bullen führen.»
«Auf jeden Fall bin ich dankbar, dass Sie sich die Mühe machen.»
«Ach, das ist keine Mühe.» Lanigan fiel etwas ein; er lachte. «Haben Sie auch bestimmt keine Angst, dass der Mann vom Motel Sie für den betrogenen Ehemann halten könnte?»
«Der Gedanke ist mir auch schon gekommen», antwortete der Rabbi lachend. «Wissen Sie was über den Laden? Über seinen Ruf?»
«Früher waren es immer Hühner», sagte Lanigan scheinbar ganz aus dem Zusammenhang gegriffen. «Ein Mann arbeitete sein ganzes Leben, sparte sich ein bisschen Geld und fand dann heraus, dass er die Stadt, den Schmutz und den Lärm leid war. Er und die Frau schwärmten vom Landleben, und dann setzte ihnen einer die Idee von der Hühnerfarm in den Kopf. Gerade genug Arbeit, um nicht ganz abzustumpfen, frische Landluft und ein regelmäßiges Einkommen durch die Eier und das Geflügel. Joe Gargan, der als Lieutenant den Abschied nahm, war ganz versessen darauf. Er hat mir erzählt, was man für das Futter zahlt, und was man für die Eier bekommt und was für die Viecher selbst. Es konnte einfach nicht schief gehen. Nur, dass eben manchmal die Futterkosten stiegen, und man dann nichts verdiente. Manchmal konnte auch der gesamte Bestand an einer Krankheit eingehen. Und dann kamen andere Ausgaben dazu, mit denen man nicht gerechnet hatte. – Na ja, jetzt sind die Hühner passé. Jetzt sind Konzessionen die Masche, wenn ich recht unterrichtet bin. Man zahlt seine gesamten Ersparnisse und verschuldet sich noch weiß Gott wie hoch, um einen Stand aufzumachen, an dem man für jemand anderen Würstchen oder Buletten oder Eis verkauft. Sie sagen einem, dass man nur für sich arbeitet, und sie können beweisen, dass man einfach Erfolg haben muss.»
Er schüttelte verständnislos den Kopf. «Vor gar nicht langer Zeit waren es Motels. Man brauchte nicht mehr zu tun, als am Morgen die Betten zu machen und frische Handtücher ins Bad zu hängen. Ein Vormittag Arbeit für einen Mann und seine Frau oder nur für die Frau, während der Mann sich ums Büro kümmerte.»
«Wird das Excelsior von einem Ehepaar geführt?»
«Ja, es liegt gleich neben einem kleinen Einkaufszentrum. Sie wissen doch, wie es mit diesen Motels geht. Haben sie eine gute Lage, und läuft das Geschäft, sind sie anständig, legal und achtbar. Aber lassen Sie das Geschäft mal abflauen, sofort werden sie ein bisschen nachlässiger und vermieten Zimmer an Straßenmädchen oder College-Studenten, die sich ein paar Stunden lang amüsieren wollen.»
«Und wie ist das Geschäft im Excelsior?»
«So lala. Hat sie zufällig gesagt, warum sie gerade dahin gegangen ist?»
«Nur, dass es ihr von einem Mädchen aus dem Wohnheim empfohlen worden ist», sagte der Rabbi trocken.
«Wundert mich gar nicht. Da sind wir übrigens.»
Eine Messingtafel auf einem dreieckigen Mahagoniblock nannte den Namen von ALFRED R. JACKSON. Mr. Jackson, mit einem Sporthemd und Golfpullover bekleidet, kam heraus, um sie zu empfangen und stellte sich vor. «Kann ich Ihnen helfen, Gentlemen?»
«Ich würde gern telefonieren», sagte Lanigan.
«Bitte schön, bedienen Sie sich.» Er schob den Apparat herüber.
«Ist irgendwas nicht in Ordnung?», fragte er den Rabbi, während der Chef wählte.
Rabbi Small winkte ab. Lanigan sagte ein paar Worte in die Muschel und legte dann auf. «Nur eine Routineuntersuchung», erklärte er. «Kann ich mal Ihre Gästekartei vom 13. dieses Monats sehen?»
«Jemand Bestimmtes?», fragte Jackson, als er zum Karteikasten ging. «Der 13., das war ein Freitag, nicht?»
«Ja. Katherine oder Kathleen Dunlop. Sie müsste sich irgendwann am Nachmittag eingetragen haben.»
«Hier ist eine Mrs. Kathy Dunlop. Nummernschild von Massachusetts 863-529. Hat sich um 13 Uhr 52 eingetragen.» Er zog eine Karte heraus und legte sie auf den Schreibtisch.
«Das heißt nicht Mrs., das heißt Ms.», stellte der Rabbi fest.
«O ja, stimmt. Women’s Lib.» Er lachte, als wäre das ein guter Witz.
«War sie allein?», fragte Lanigan.
«Au, das weiß ich nicht mehr, Captain – hm, Chef. An den Tag erinnere ich mich gut, weil es Freitag, der 13., war. Ich bin nicht abergläubisch, aber so was erinnert man eben.»
«Sie hat gesagt, sie hätte mit einer Frau verhandelt», teilte der Rabbi Lanigan mit.
«Ach, das war dann meine Frau. Einen Augenblick.» Er öffnete eine Tür und rief: «Martha, kommst du mal?»
Eine Frau in einer Kittelschürze und mit Plastiklockenwicklern gesellte sich zu ihnen. «Ich seh schrecklich aus», entschuldigte sie sich. «Ich wollte mich gerade umziehen.»
«Die Gentlemen interessieren sich für eine Kathy Dunlop, die sich am Freitag, dem 13., am frühen Nachmittag bei uns eingetragen hat. Erinnerst du dich an sie? Du hast sie aufgenommen.»
«Ja, doch. Eine winzige Person. Ein nettes Mädchen.»
«Wie kommen Sie darauf?», fragte Lanigan.
«Ach, das weiß ich selber nicht genau; sie war bescheiden und höflich und – ach ja, sie trug ein Kreuz um den Hals und unterschied sich dadurch von den Mädchen, die man sonst sieht. Sie hat gesagt, sie wäre seit dem vorigen Abend durchgefahren und wäre müde. Darum hab ich ihr Nr. 6 gegeben, weil es da so ruhig ist. Ach, dann hat sie noch gefragt, ob ein Telefon im Zimmer wäre, und ich hab gesagt, sie müsste entweder die Zelle auf dem Parkplatz gegenüber benutzen oder hier das Telefon im Büro.» Zu ihrem Mann sagte sie: «Erinnerst du dich nicht, Al? Ich hab gesagt, Freitag, der 13., bringt Unglück, und an dem Tag hatten wir den Ärger mit der Telefonanlage.»
Lanigan fragte, ob sie im Büro telefoniert habe.
«Ich kann mich nicht erinnern, aber das auf dem Parkplatz ist viel näher.»
«Hatte sie Besucher?»
«Ich spioniere nicht hinter meinen Gästen her», erklärte sie tugendhaft. «Wenn ein Gast ein Zimmer nimmt, kann er dort Besuch empfangen wie bei sich zu Hause.»
«Haben Sie sie mit jemandem gesehen? Mit einem rothaarigen Mann mit einem Stock?», forschte Lanigan.
Mrs. Jackson schüttelte den Kopf.
«Wer war zu der Zeit noch hier?», fragte der Rabbi.
Sie sah fragend ihren Mann an. «Das Ehepaar aus Texas?»
«Nein, die sind schon gegen elf abgereist. Um die Zeit müssen wir keine anderen Gäste gehabt haben.»
Sie erläuterte das. «Um diese Jahreszeit treffen die Leute erst im Laufe des Nachmittags oder am frühen Abend ein.» Sie blätterte die Karteikarten durch. «Da – 16 Uhr 20 – 16 Uhr 38 – 17 Uhr 05.»
«Wann ist Miss Dunlop wieder abgereist?», fragte Lanigan.
Die Frau errötete. «Ich meine, ich erinnere mich, dass sie am Abend den Schlüssel abgegeben hat. Sie sagte, sie wollte noch was essen. Ich glaub nicht, dass sie – nein, ich bin sicher, sie ist nicht zurückgekommen. Weißt du noch, Al, ich sagte, sie wäre vielleicht ins Kino gegangen?»
Lanigan fragte Mrs. Jackson, ob sie am nächsten Morgen das Zimmer gerichtet habe und ob das Bett benutzt worden sei.
«Ich erinnere mich nicht», sagte sie vorsichtig. «Wenn es nicht benutzt worden wäre, würde ich mich bestimmt erinnern.»
«Von ein oder zwei Personen?»
«Woher soll ich das wissen?»
«Ach, das würden Sie bestimmt wissen.»
«Ich – ich erinnere mich nicht.»
Als sie wieder abfuhren, sagte Lanigan: «Tut mir Leid, David, aber ich fürchte, Ihr Freund Fine hat kein Alibi. Weder der Mann noch die Frau haben ihn gesehen, im Motel waren keine weiteren Gäste, und da das Telefon nicht in Ordnung war, konnte niemand dort anrufen.»
«Wir haben immer noch das Mädchen …»
«Nein, die nützt uns nichts. Die ist in ihn verliebt und würde ohne weiteres für ihn lügen. Natürlich kann Fines Anwalt sie in den Zeugenstand rufen und hoffen, dass sie auf die Geschworenen einen guten Eindruck macht. Und das kann sie sogar – bis der D. A. sie sich vornimmt. Er macht aus ihr spielend eine ganz gewöhnliche Nutte oder Schlimmeres, da sie ja wusste, dass er verheiratet ist.»
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Als Lanigan und der Rabbi das Polizeirevier betraten, rief ihnen der Dienst habende Beamte zu: «He, Chef! Grace hat gerade angerufen, dass sie sich ausgesperrt hat. Könnte ich wohl mal eben hinfahren und ihr den Schlüssel bringen?»
«Okay», sagte Lanigan. «Ich bleibe so lange hier.»
Er warf einen Blick auf den Block. «Warum haben Sie den Anruf nicht eingetragen?»
«Wieso, sie ist doch meine Frau? Es war privat.»
«Eine Mitbürgerin ruft an, dass sie aus ihrem Haus ausgesperrt ist, und ich schicke einen Sergeant los, um ihr zu helfen. Das ist normale Polizeiarbeit. Jedes Gespräch muss eingetragen werden. So, und jetzt machen Sie, dass Sie fortkommen.»
Als Lanigan den Anruf eintrug, fragte er: «Wollen Sie Mrs. Fine besuchen, David?» Die Frage überraschte den Rabbi. «Warum sollte ich das wohl wollen?»
Lanigan maß ihn aufmerksam. «Sie haben ihren Mann im Gefängnis besucht, nicht wahr? Wenn das bei uns passierte, würde der Priester selbstverständlich zu ihr gehen.»
«Aber ich bin kein Priester. Ich habe nicht diese Art von Verbindung zu den Mitgliedern meiner Gemeinde. Und im Übrigen hab ich vor einiger Zeit Ärger mit ihr gehabt.»
«So?»
«Ach, nichts Wichtiges», wehrte der Rabbi ab.
Auf der Heimfahrt war er keineswegs davon überzeugt, dass er Mrs. Fine besuchen müsse. Wahrscheinlich war sie nicht einmal zu Hause. Wahrscheinlich wohnte sie bei ihren Eltern; und er hatte nicht das geringste Verlangen, Mr. und Mrs. Chernow auch noch wieder zu sehen.
Aber er kam sowieso am Haus der Fines vorbei, und als er Licht sah, hielt er an.
Edie Fine öffnete auf sein Klingeln. «Ach, Sie sind das, Rabbi», sagte sie offensichtlich überrascht. «Ich – ich wollte gerade zu meinen Eltern gehen …»
«Darf ich hereinkommen?»
«Ja, gut, nur, ich hab nicht viel Zeit. Sie erwarten mich zum Essen.» Sie führte ihn ins Wohnzimmer. «Sie wollen mir vermutlich sagen, dass Sie nichts mit Rogers – ich meine, wegen dieser Sache am Freitagabend. Ich hab sie nicht dazu aufgewiegelt, glauben Sie’s mir.»
«Ach, schon gut, Mrs. Fine. Ich habe Ihren Mann heute Morgen besucht. Er war ruhig und gar nicht deprimiert.»
«Das ist eine gute Nachricht. Ich weiß natürlich, dass das ein schreckliches Missverständnis ist und dass es jedem passieren kann, aber es lässt einen doch über manches nachdenken.»
«Worüber nachdenken, Mrs. Fine?»
«Über alles Mögliche. Ob es noch Gerechtigkeit auf der Welt gibt. Über die Polizei und die Gerichte und – ob es sich lohnt, anständig zu sein –»
«Mrs. Fine!» Er sprach streng. «Ich freue mich, sagen zu können, dass Ihr Mann seine Last tapfer trägt. Ich nehme an, dass das so ist, weil er sich seiner Unschuld gewiss ist. Wenn ich ihn wieder sehe, würde ich ihm gern sagen, dass auch Sie guten Mutes sind.»
Sie starrte ihn an, dann plötzlich verstand sie ihn. Sie sagte leise und mit beherrschter Stimme: «Ja, sagen Sie ihm das. Danke.»
Statt Miriam, als er nach Hause kam, seinen Mantel zu geben und sie wie üblich flüchtig auf die Wange zu küssen, umarmte er sie und küsste sie fest auf den Mund.
«Nanu», sagte sie staunend, «wie kommt denn das?»
«Ich hab einen unerfreulichen Tag hinter mir, aber ich hab dabei gelernt, dass ich dich sehr liebe.»
«Wenn du das gelernt hast, musst du mir alles erzählen.»
«Ich kann nicht.»
«Dann will ich dir wenigstens einen Whisky holen.»
«Nein, aber eine Tasse Kaffee hätte ich gern.»
«Ich auch.» Sie ging in die Küche und setzte Wasser auf.
Er band die Schuhe auf und schleuderte sie fort, dann schob er sich ein Kissen zurecht und legte sich lang auf den Diwan. Aber dann klingelte das Telefon, und er musste aufstehen. Es war der Assistant District Attorney.
«Ja, Mr. Ames. Was kann ich für Sie tun?»
«Sergeant Schroeder war gerade bei mir. Er ist ziemlich wütend auf Sie. Und ich bin auch nicht gerade entzückt.»
«Es tut mir Leid, das zu hören», sagte der Rabbi. «Ist es ein generelles Gefühl, oder glaubt er, ich hätte was Bestimmtes getan?»
Ames kicherte anerkennend. «Am liebsten hätte er es, wenn ich Sie als Hauptzeugen verhaften ließe. Es geht um etwas, was Sie vermutlich eine Unterlassungssünde nennen würden. Eine Kathy Dunlop hat Sie besucht und Ihnen Informationen gegeben, die mit unserem Fall zu tun haben. Er findet, Sie hätten das der Polizei melden müssen.»
«Aha. Sie ist also mit ihrer Geschichte auch zu Ihnen gekommen?»
«Ja, das ist sie.»
«Ich habe darüber nachgedacht», sagte der Rabbi, «und befunden, dass der Polizei wenig mit einer unbelegbaren Geschichte gedient wäre, während meine Meldung einer Angelegenheit, für die ich mich verantwortlich fühle, sehr schaden würde. Ich habe eins gegen das andere abgewogen und beschlossen, vorläufig nicht davon zu berichten.»
«So, haben Sie das? Um was geht es denn, Rabbi?»
«Die Beziehung zwischen Mr. und Mrs. Fine. Ich habe die beiden getraut, wissen Sie.»
«Sie hatten Angst, Schroeder könnte zu Mrs. Fine gehen?» Es folgte eine Pause. «Gut, Rabbi, ich nehme Ihnen das ab. Aber was ist mit Ihrem kleinen Ausflug zum Excelsior? Da handelt es sich um eine reine Polizeiangelegenheit.»
«Auch dafür habe ich eine Rechtfertigung.»
«Sparen Sie sie sich, Rabbi. Treffen wir uns doch morgen nach Ihrer Vorlesung im Apartment von Hendryx. Dort können Sie mir dann alles erzählen. Und, Rabbi», fügte er hinzu, «ich hoffe, dass Ihre Geschichte gut ist.»
Er legte auf, als Miriam gerade mit dem Tablett ins Zimmer kam. «Noch mehr Ärger?», fragte sie besorgt.
«Nichts Ernstes. Und nichts, worüber ich mir vor morgen Gedanken machen müsste. Heute freue ich mich auf einen ruhigen Abend zu Hause.»
Sie hörte ein Auto und trat ans Fenster.
«Oh, David, jetzt hält ein Streifenwagen vor dem Haus.»
Und gleich darauf klopfte es auch schon energisch. Miriam öffnete die Tür. Der Polizist tippte an seine Mütze und sagte: «Guten Tag, Mrs. Small. Ich hab Ihnen die Karten für den Polizeiball gebracht.»
«Ach, liefern Sie die jetzt persönlich ab?», fragte der Rabbi.
«Der Chef meint, es wäre gut für unsere Kontakte mit den Bürgern. Wissen Sie, so lernen wir die Leute kennen. Kontakte zu den Bürgern sind jetzt bei uns im Revier die große Mode.»
«Na, ich finde das eine sehr gute Idee», sagte Miriam. «Warum machen Sie keine Nägel mit Köpfen und kommen auf einen Kaffee herein?»
«Das ist sehr freundlich von Ihnen, Mrs. Small, aber mein Kollege sitzt im Wagen.»
«Dann holen Sie ihn doch rein.»
«Bei der Polizei sind Public Relations jetzt der letzte Schrei», sagte der erste Beamte noch einmal, als er und sein Kollege auf den Stuhlkanten saßen und die Kaffeetassen vorsichtig auf den Knien balancierten. «Es geht alles auf das Konto der jungen Leute, die uns ‹Schweine› und was sonst nicht alles nennen. Und wenn man dann einen von ihnen verhaften muss, schreien sie gleich von Polizeibrutalität. Und darum soll dieser Feldzug dazu dienen, dass die Leute die Polizei kennen lernen und dann eher unterstützen. Vermutlich hat es schon einen Sinn, aber ich persönlich meine, dass die, die keinen Ärger machen, schon lange wissen, dass die Polizei zu ihrem Schutz da ist, und die anderen sind gegen uns, weil wir sie am Unfugmachen hindern.»
«Ist das auch Ihre Ansicht?», fragte Miriam den anderen.
«Na, in der Stadt könnte es anders sein, madam. Aber hier in Barnard’s Crossing kennt jeder jeden, der bei der Polizei ist. Für mich sind diese Public Relations nichts wie Überstunden.»
«Auf die Sie verzichten könnten, was?», fragte der Rabbi.
«Ach, das macht mir nichts aus», sagte er schnell. «Wir machen das freiwillig. Es macht Spaß, die Leute kennen zu lernen, Kaffee mit ihnen zu trinken und zu reden. Außerdienstlich, wissen Sie.»
«Vielleicht sollten sie das ruhig auch mal in der Stadt probieren», schlug Miriam vor.
Der Polizist schüttelte den Kopf. «Da funktioniert so was nicht. Nehmen Sie mal die jungen Leute. Hier kennen wir sie alle. Ich hab bei ihnen geschiedsrichtert, als sie noch in der Jugendmannschaft waren, und Jee hat seit Jahren eine Baseballmannschaft trainiert. Sie nennen uns bei den Vornamen. Aber in der Stadt kennen sie die Polizei nicht, und die Polizei kennt sie nicht. Die, die hier so nett und freundlich zu uns sind, können in der Stadt zu einer Bande von Wahnsinnigen werden, wenn sie der Polizei gegenüberstehen.» Er drehte sich zu seinem Kollegen um. «Weißt du noch, wie sie sich damals aufgeführt haben, als wir Miss Hanbury zum College zurückfahren mussten?»
«Ja, das war der Tag, an dem da die Bombe hochging. Ich kann Ihnen sagen, die waren vielleicht wild.»
«Sie haben Miss Hanbury nach dem Bombenanschlag zurückgefahren?», fragte der Rabbi. «Warum denn das?»
«Ach, die war gerade zu Hause angekommen», sagte Joe. «Sie hatte uns angerufen, als sie entdeckte, dass eins ihrer Fenster offen stand. Meistens lassen die Leute sie offen und vergessen es dann, und wenn sie nach Hause kommen, rufen sie die Polizei an, weil sie glauben, es könnte einer eingebrochen haben.» Er wandte sich an Miriam. «Lassen Sie sich aber ja nicht dadurch abhalten, uns anzurufen, wenn Sie glauben, dass was nicht stimmt, Mrs. Small. Uns macht das nichts aus. Wir sind nur froh, wenn sich herausstellt, dass Sie es selber gemacht und dann vergessen haben. Na, damals sind wir sofort zu Miss Hanburys Haus gefahren, und ich hab nach Fußabdrücken oder nach Schrammen von einem Stemmeisen auf dem Fensterbrett gesucht, hab aber nichts finden können.»
«Und während er gesucht hat», fuhr sein Kollege fort, «kam übers Radio die Meldung von der Explosion im College. Sie wollten, dass Miss Hanbury sofort wieder nach Boston käme. Aber wo sie doch gerade erst hier angekommen war, haben wir ihr angeboten, sie hinzufahren. Und als wir dann beim College ankamen, war da diese Horde von jungen Leuten, die die Beamten beschimpfte, die das Haus bewachten. Sie haben sie angepöbelt und ausgelacht, obwohl die doch bloß ihre Pflicht taten. Wissen Sie, wenn so etwas hier passiert, kennen wir jeden Einzelnen beim Namen und könnten mal mit den Eltern reden.»
Als sie gegangen waren, kümmerte sich Miriam ums Abendessen. Während sie arbeitete, sprach sie mit ihm – über die Kinder, über die Begegnungen am Morgen im Supermarkt. Sie hob die Stimme, damit er sie auch aus der Küche hören könnte, aber er reagierte nicht.
Als sie dann schließlich ins Wohnzimmer kam, um ihn zum Essen zu rufen, sagte er: «Ich hab im Augenblick überhaupt keinen Hunger, Miriam.»
«Ist was, David?»
«Nein, ich bin nur nicht hungrig. Ich – ich muss noch was arbeiten.» Damit stand er auf und ging in sein Arbeitszimmer.
Später, sehr viel später, war er immer noch dort. Er las nicht, er arbeitete nicht, er starrte nur blicklos ins Leere. Als sie ihn fragte, ob er nicht ins Bett gehen wolle, gab er ihr keine Antwort, sondern schüttelte nur irritiert den Kopf.