XI

Mit Mahlkes gekritzelten Zeugnissen vor Augen, mußte ich es weitere drei vier Tage zu Hause aushallen: meine Mutter pflegte ihr Verhältnis zu einem Bauführer der Organisation Todt – oder bot sie noch dem magenkranken Oberleutnant Stiewe jene salzlose Diätküche, die ihn so anhänglich machte? – dieser oder jener Herr bewegte sich ungeniert in unserer Wohnung und trug, ohne das Symbol zu begreifen, meines Vaters eingetragene Hausschuhe. Sie aber trug, inmitten illustriertenseliger Gemütlichkeit, geschäftige Trauer von einem Zimmer ins nächste, also kleidsames Trauerschwarz nicht nur auf der Straße, sondern auch zwischen Küche und Wohnzimmer. Auf dem Büffet hatte sie etwas Altarähnliches für meinen gefallenen Bruder aufgebaut, hatte erstens ein bis zur Unkenntlichkeit vergrößertes Paßfoto, das ihn als Unteroffizier ohne Schirmmütze zeigte, zweitens die beiden Todesanzeigen aus dem »Vorposten« und den »Neuesten Nachrichten« unter Glas schwarz rahmen lassen, hatte drittens ein Bündel Feldpostbriefe mit schwarzem Seidenband geschnürt, viertens mit dem Eisernen Kreuz zweiter Klasse und dem Krim-Schild beschwert und links neben den gestellten Rahmen gerückt, während fünftens und rechts meines Bruders Geige samt Fiedelbogen und unterlegtem, beschriebenem Notenpapier – er hatte sich mehrmals an Violinsonaten versucht – das Gegengewicht zu den Briefen bilden mußten.

Wenn ich heute meinen älteren Bruder Klaus, den ich kaum gekannt habe, gelegentlich vermisse, war ich damals eher eifersüchtig auf den Altar, stellte mir mein vergrößertes Foto so schwarzgerahmt vor, fühlte mich benachteiligt und kaute oft an den Fingernägeln, wenn ich in unserer Guten Stube alleine war und sich der Altar für meinen Bruder nicht übersehen ließ.

Bestimmt hätte ich eines Vormittags, während der Oberleutnant auf der Couch seinen Magen bewachte und meine Mutter in der Küche einen salzlosen Haferschleim kochte, mit selbständig werdender Faust das Foto, die Todesanzeigen, womöglich die Geige zusammengeschlagen – doch da kam der Tag der Einberufung zum Arbeitsdienst und stahl mir einen Auftritt, der sich bis heute und noch auf Jahre hinaus würde aufführen lassen: so gut hatten der Tod am Kuban, meine Mutter am Büffet und ich, der große Zögerer, ihn inszeniert. Mit meinem imitierten Lederkoffer zog ich los, fuhr über Berent nach Konitz und hatte während drei Monaten Gelegenheit, zwischen Osche und Reetz die Tuchler Heide kennenzulernen. Immer Wind und Sand unterwegs. Ein Frühling für Insektenfreunde. Wacholder kullerte. Überhaupt, Büsche und Zielansprache: die vierte Kuschel von links, dahinter zwei Pappkameraden, die gilt es zu treffen. Aber schöne Wolken über Birken und Schmetterlingen, die nicht wußten, wohin. Blankdunkle und kreisrunde Teiche im Moor, aus denen man mit Handgranaten Karauschen und bemooste Karpfen fischen konnte. Natur, wo man hinschiß. Kino gab es in Tuchel. Dennoch und trotz Birken, Wolken und Karauschen darf ich diese Arbeitsdienstabteilung mit ihrem Barackenkarree im schützenden Wäldchen, mit Fahnenmast, Splittergräben und seitlich der Unterrichtsbaracke liegender Latrine nur deshalb und wie im Sandkasten skizzieren, weil ein Jahr vor mir, vor Winter, Jürgen Kupka und Bansemer, im gleichen Karree der Große Mahlke Drillichzeug und Knobelbecher getragen und wortwörtlich seinen Namen hinterlassen hatte: in der Latrine, einem oben offenen, von Krüppelkiefern überrauschten, zwischen Ginster gepflanzten Bretterverschlag, fand sich das zweisilbige Wort, ohne Vorname und dem blanken Balken gegenüber, in ein Kieferbrett geschnitzt oder besser gekerbt – und darunter in prima Latein, doch ohne Rundungen, eher in Runenschrift, der Anfang seiner Lieblingssequenz: Stabat Mater dolorosa . . . Der Franziskanermönch Jacopone da Todi hätte frohlocken dürfen; ich aber wurde Mahlke auch beim Arbeitsdienst nicht los. Denn wenn ich mich leichter machte, und sich hinter wie unter mir der madendurchwachsene Auswurf meines Jahrgangs häufte, gabst Du vor meinen Augen keine Ruhe: laut und in atemloser Wiederholung wies ein mühsam gekerbter Text auf Mahlke und die Jungfrau hin, was mir dagegenzupfeifen auch einfallen mochte.

Dabei bin ich sicher, Mahlke wollte nicht spotten. Mahlke konnte nicht spotten. Er versuchte es manchmal. Aber alles was er tat anfaßte aussprach, wurde ernst bedeutsam und monumental; so auch die Keilschrift im Kieferholz einer Reichsarbeitsdienstlatrine zwischen Osche und Reetz, genannt: Tuchel-Nord. Sentenzen nach der Verdauung, Wirtinnenverse, vergröberte oder umschriebene Anatomie – Mahlkes Text besiegte alle anderen, mehr oder weniger witzig formulierten Sauereien, die von oben bis unten, geschnitzt oder gekritzelt, den abschirmenden Holzzaun der Latrine bedeckten und die Bretterwand sprechen ließen.

Fast – und weil Mahlke so richtig und an heimlichster Stelle zitiert hatte, wäre ich damals nach und nach fromm geworden, müßte jetzt nicht mit mürrischem Gewissen einer mäßig bezahlten Fürsorgearbeit im Kolpinghaus nachgehen, müßte in Nazareth keinen frühen Kommunismus und in ukrainischen Kolchosen kein spätes Christentum entdecken wollen, wäre von nächtelangen Gesprächen mit Pater Alban, den Untersuchungen, inwieweit Lästerung das Gebet ersetzen könne, endlich entbunden, dürfte glauben, irgend etwas glauben, ganzgleichwas oder an die Auferstehung des Fleisches glauben; aber ich hackte Mahlkes Lieblingssequenz mit einem Beil, und nachdem ich in der Abteilungsküche hatte Kleinholz machen müssen, aus dem Brett und tilgte auch Deinen Namen.

Die alte Mär vom unverkäuflichen Flecken, bißchen gruslig moralisch und transzendent; er sprach nämlich die blinde und frisch fasrige Stelle deutlicher als zuvor die gekerbte Schrift gesprochen hatte. Auch muß sich Dein Zeugnis mit den Spänen vervielfältigt haben, denn in der Abteilung, zwischen Küche, Wachstube und Bekleidungskammer, kursierten, besonders sonntags, wenn die Langeweile Fliegen zu zählen begann, faustdicke Geschichten. Immer dieselben Litaneien mit abweichenden Geringfügigkeiten über einen Arbeitsdienstmann namens Mahlke, der ein gutes Jahr zuvor in der Abteilung Tuchel-Nord Dienst getan und dolle Dinge gedreht haben mußte. Zwei Lkw-Fahrer, der Küchenchef und der Kammerbulle stammten noch aus jener Zeit, waren von allen Versetzungen verschont geblieben, sagten etwa und ohne sich wesentlich zu widersprechen: »So sah der aus, als er ankam. Haare bis hier. Na, mußte erst mal den Friseur ranlassen. Half aber nichts: Ohren zum Schaumschlagen und eine Gurgel, sag ich Euch, eine Gurgel! Hatte auch – und einmal, als hier – und wenn er zum Beispiel – aber das Dollste an ihm war, als ich den ganzen frischeingetrudelten Verein zum Entlausen nach Tuchel schleuste, weil ich als Kammerbulle. Als nun alle unter der Brause, denk ich, ich guck nich recht, guck also nochmal, sag mir, werd bloß nicht neidisch: dem sein Schwanz, ein Riemen, kann ich Euch flüstern, wenn der auf Touren, stand der gut und gerne seine oder noch mehr, jedenfalls hat er mit dem Apparat die Frau vom Oberfeldmeister, ne rüstige Vierzigerin, von vorn und hinten, weil ihn der Idiot von Oberfeldmeister – wurde später nach Frankreich versetzt, war ein Spinner – zum Kaninchenstallbauen in sein Haus, das zweite von links in der Arbeitsdienstführersiedlung. Der Mahlke, so hieß der, hat sich zuerst geweigert, nicht etwa auf die dreibastige Tour, sondern ganz ruhig und sachlich und mit Zitat aus der Dienstverordnung. Wurde trotzdem vom Chef persönlich, bis ihm der Arsch auf Grundeis, mußte dann zwei Tage in die Latrine: Honigschleudern. Hab ihn mit nem Gartenschlauch und immer hübsch auf Abstand, weil die ändern ihn nicht in den Waschraum, und gab endlich nach, zog los mit Kistenbrettern und Werkzeug zum; aber von wegen Kaninchen! Muß die Alte ganz schön gerammelt haben. Hat ihn über ne Woche auch für Gartenarbeit angefordert, und der Mahlke zitterte Morgen für Morgen los und war zum Appell wieder da. Erst als der Kaninchenstall nicht fertig und fertig, muß dem Chef ein Licht. Weiß nicht, ob er sie überrascht hat, als die Alte grad wieder aufs Kreuz oder übern Küchentisch oder womöglich wie Vater und Mutter zu Hause inne Federn, wird ihm jedenfalls die Sprache verschlagen haben, als er dem Mahlke sein Dubbas, hat hier jedenfalls in der Abteilung nie die Schnauze: Kunststück – und den Mahlke schickte er alle naslang auf Dienstreise nach Oliva und Oxhöft, Ersatzteile holen, damit der Bulle mit seinen Klöten aus der Abteilung. Denn die Alte vom Chef wird ganz schön gejibbert haben, von wegen und so weiter. Noch heute kommen Parolen aus der Schreibstube: Die schreiben sich Briefe. Und da war mehr dahinter, als bloß das. Man guckt ja nie durch. Übrigens hat derselbe Mahlke – und da war ich dabei – bei Groß-Bislaw auf eigene Faust ein unterirdisches Partisanen-Magazin. Auch wieder ne dolle Geschichte. War nämlich ein ganz gewöhnlicher Teich, wie's hier überall. Wir machen in der Gegend halb Geländedienst halb Einsatz, liegen schon ne halbe Stunde neben dem Tümpel, und der Mahlke guckt immer und guckt, sagt dann, Momentchen mal, da stimmt doch was nicht. Na, der Unterfeldmeister, wie hieß er schon, grinst, wir auch, läßt ihn aber, und der Mahlke die Klamotten runter im Nu und beginnt in dem Tümpel. Und was sag ich Euch: Schon beim viertenmal Runtergehn, findet er mitten in der braunen Soße aber keine fünfzig Zentimeter unterm Wasserspiegel, den Eingang zu nem ganz modernen Bunkermagazin mit hydraulischer Verladevorrichtung, konnte man ausfahren lassen: vier Lkw voll haben wir, und der Chef mußte ihn vor versammelter Abteilung belobigen. Soll ihn sogar, trotzdem er mit der Alten, für nen kleinen Orden. Haben sie ihm zum Barras nachgeschickt. Wollte zu den Panzern, wenn sie ihn genommen haben.« Anfangs hielt ich mich zurück. Auch Winter, Jürgen Kupka und Bansemer blieben maulfaul, wenn das Gespräch auf Mahlke kam. Manchmal, beim Essenfassen oder wenn wir zum Geländedienst durch die Führersiedlung mußten und das zweite Haus von links immer noch keinen Kaninchenstall hatte, blickten wir vier uns flüchtig an. Oder reglos lauerte eine Katze in grüner, leichtbewegter Wiese: schon verständigten wir uns mit bedeutsamen Blicken, wurden zu einer verschwiegenen Gruppe, obgleich mir Winter und

Kupka, besonders Bansemer ziemlich gleichgültig waren. Knappe vier Wochen vor unserer Entlassung – wir hatten laufend Partisaneneinsatz, bekamen aber niemanden zu fassen und hatten auch keine Verluste – in einer Zeit also, die uns nicht aus den Klamotten kommen ließ, begann das Munkeln. Jener Kammerbulle, der Mahlke eingekleidet und zur Entlausung geführt hatte, brachte es aus der Schreibstube: »Erstens ist wieder mal ein Brief von dem Mahlke an die Frau des ehemaligen Chefs eingetrudelt. Wird ihr nach Frankreich nachgeschickt. Zweitens liegt eine Anfrage von ganz oben vor. Wird noch bearbeitet. Drittens, und das sage ich Euch: Das steckte in dem Mahlke von Anfang an drinnen. Aber in so kurzer Zeit! Na, früher hätte der noch so dolle Halsschmerzen haben können, wenn er nicht Offizier gewesen wäre. Aber heute können alle Mannschaftsdienstgrade. Dürfte so ziemlich der Jüngste sein. Wenn ich mir den vorstelle, mit diesen Ohren . .«

Da begannen Wörtchen aus meinem Mund zu kullern. Winter hinterdrein. Auch Jürgen Kupka und Bansemer mußten ihr Wissen verbreiten.

»Oh, wissen Sie, den Mahlke, den kennen wir schon lange.« »Den gab's schon bei uns auf der Penne.«
»Der hatte immer schon, auch als er knapp Vierzehn war, riesige Halsschmerzen.«
»Na, und das Ding mit dem Kapitänleutnant? Als er dem Kaleu während der Turnstunde den Apparat mit dem Band vom Haken klaute? Also das war so . . .«
»Nee, mit dem Grammophon müssen wir anfangen.« »Und die Konservendosen, war das etwa nichts? Also ganz zu Anfang trug er immer einen Schraubenzieher . . .«
»Momentchen! Wenn Du vorne anfangen willst, mußte mit dem Schlagballturnier auffem Heinrich-Ehlers-Platz beginnen. Das war nämlich so: Wir liegen flach und Mahlke pennt. Da streicht schnurgerade eine graue Katze durch die Wiese auf Mahlkes Hals zu. Und wie nun die Katze seinen Hals sieht, denkt sie, das ist eine Maus, was sich da bewegt und springt...«
»Quatsch Mensch, Pilenz nahm doch die Katze und hat sie ihm – oder?«

Zwei Tage später bekamen wir es offiziell bestätigt. Die Abteilung wurde beim Morgenappell unterrichtet: Ein ehemaliger Arbeitsdienstmann der Abteilung Tuchel-Nord hat zuerst als einfacher Richtschütze, dann als Unteroffizier und Panzerkommandant in pausenlosem Einsatz und an strategisch wichtiger Stelle soundsoviel russische Panzer, darüber hinaus und so weiter und so weiter. Wir begannen schon mit dem Klamottenabgeben, der Ersatz sollte eintreffen, da schickte mir meine Mutter einen Zeitungsausschnitt des »Vorposten«. Und es stand mit Buchstaben gedruckt: Ein Sohn unserer Stadt hat in pausenlosem Einsatz, zuerst als einfacher Richtschütze, dann als Panzerkommandant und so weiter und so weiter.