Immer einen Besuch wert
Wenn man ein geborener Gauner ist, ein raffinierter Bursche, ein Spieler, dann hat man diesen sechsten Sinn für günstige Gelegenheiten, man erschnuppert sie förmlich, und genau das tat Ricky Kelleher jetzt, als er die beiden Typen im vorderen Teil der verrauchten Bar beobachtete, nicht weit von einem schmutzigen Fenster, das seit fünf Jahren ein Loch von einer Kugel hatte.
Was sich dort auch abspielen mochte, wirklich glücklich sah keiner von den beiden aus.
Ricky beobachtete weiter. Er hatte einen der Männer schon ein paar Mal hier im Hanny’s gesehen. Er trug Anzug und Krawatte, was ihn in dieser Spelunke wirklich auffallen ließ wie einen Kuhfladen auf der Autobahn. In dem anderen, Lederjacke und enge Jeans, ausrasierte Provinzlerfrisur, erkannte Ricky eine Art Möchtegern-Mafioso, so à la Sopranos – ja, er war der Typ Wichser, der seine Frau für einen Breitwandfernseher versetzt. Er war mächtig sauer, schüttelte den Kopf zu allem, was der Anzugheini sagte. An irgendeinem Punkt schlug er mit der Faust so heftig auf die Theke, dass die Gläser hüpften. Niemand nahm jedoch Notiz davon. So etwas bemerkte man in einem Laden wie Hanny’s nicht.
Ricky saß im rückwärtigen Teil, am kurzen L der Bar, seinem üblichen Thron. Der Barkeeper, ein verstaubter Alter, vielleicht schwarz, vielleicht weiß, man konnte es nicht sagen, schielte immer wieder voll Unbehagen auf die streitenden Männer. »Alles cool«, versicherte ihm Ricky. »Ich hab sie im Blick.«
Der Anzugheini hatte eine Aktentasche offen vor sich, in der ein Stapel Papiere lag. Die meisten Geschäfte in dieser beißend riechenden, dunklen Bar in Hell’s Kitchen, westlich von Midtown, drehten sich um Tütchen mit klein gehäckselten Pflanzen oder Kisten voll Johnnie Walker, die vom Lkw gefallen waren, und wurden auf der Herrentoilette oder in der Gasse hinter der Kneipe abgewickelt. Das hier war etwas anderes. Der dürre, eins sechzig große Ricky konnte nicht genau sagen, worum es ging, aber dieser magische Sinn, das Auge des Spielers, riet ihm, aufzupassen.
»Zum Teufel damit«, sagte der Möchtegern zum Anzugheini.
»Tut mir leid.« Ein Achselzucken.
»Ja, das sagten Sie schon.« Der Möchtegern rutschte vom Barhocker. »Aber Sie hören sich nicht an, als würde es Ihnen so wahnsinnig leidtun. Und wissen Sie, warum? Weil ich derjenige bin, dessen Geld futsch ist.«
»Quatsch. Mir geht dafür das ganze Geschäft flöten.«
Ricky hatte jedoch die Erfahrung gemacht, dass es nicht weniger wehtat, sein Geld zu verlieren, wenn andere ihres ebenfalls verloren. So war das Leben.
Der Möchtegern wurde immer aufgebrachter. »Passen Sie gut auf, mein Freund. Ich werde ein paar Telefongespräche führen. Ich kenne Leute da unten. Mit denen legen Sie sich besser nicht an.«
Der Anzugtyp tippte auf eine Art Zeitungsartikel in seiner Aktentasche. »Und was wollen diese Leute unternehmen?« Er senkte die Stimme und flüsterte etwas, worauf Möchtegern angewidert das Gesicht verzog. »Jetzt gehen Sie einfach heim, halten sich bedeckt und die Augen offen. Und beten Sie, dass die nicht in der Lage sind...« Wieder die gesenkte Stimme. Ricky konnte nicht hören, was »sie« möglicherweise tun würden.
Möchtegern schlug noch einmal mit der Faust auf den Tresen. »Damit kommst du nicht durch, Arschloch. Jetzt...«
»Hey, meine Herren«, sagte Ricky. »Ein bisschen leiser, ja?«
»Wer zum Teufel bist du denn, Kleiner«, brauste Möchtegern auf. Der Anzugheini legte ihm die Hand auf den Arm, um ihn zu beruhigen, aber er zog den Arm weg und blickte weiter wütend in Richtung Ricky.
Ricky strich sich das fettige, dunkelblonde Haar nach hinten. Erhob sich langsam von seinem Hocker und ging in den vorderen Teil der Bar. Seine Stiefelabsätze klapperten laut auf dem abgenutzten Boden. Der Typ war fünfzehn Zentimeter größer und dreißig Pfund schwerer, aber Ricky hatte schon vor langer Zeit gelernt, dass Verrücktheit den Leuten sehr viel mehr Angst macht als Größe, Gewicht oder Muskeln. Und so tat er, was er immer tat, wenn es eins gegen eins ging – er setzte einen irren Blick auf und trat dicht vor den Mann. Dann schrie er ihm ins Gesicht: »Wer ich bin? Ich bin der Kerl, der deinen Arsch auf die Gasse rausschleift und dich auf ein Dutzend verschiedene Arten fickt, wenn du verdammt noch mal nicht sofort hier verschwindest.«
Die Flasche wich zurück und blinzelte. Automatisch stieß er ein »Leck mich, du Arschloch« hervor.
Ricky blieb genau, wo er war, grinste irgendwie und irgendwie nicht und ließ den armen Teufel überlegen, was nun passieren würde, da er versehentlich ein wenig Spucke auf Rickys Stirn abgefeuert hatte.
Einige Sekunden vergingen.
Schließlich trank Möchtegern mit zittriger Hand sein Bier aus und ging in dem Versuch, ein wenig Würde zu bewahren, lachend zur Tür hinaus, wobei er ein »Arschloch« murmelte, als wäre Ricky derjenige, der den Schwanz einzog.
»Tut mir leid«, sagte der Anzugheini, stand auf und holte Geld für die Drinks aus der Tasche.
»Nein, Sie bleiben«, befahl Ricky.
»Ich?«
»Ja, Sie.«
Der Mann zögerte und setzte sich wieder.
Ricky warf einen Blick in den Aktenkoffer, sah ein paar Bilder von nett aussehenden Booten. »Soll alles ruhig bleiben hier im Viertel, verstehen Sie? Friedlich.«
Der Anzugtyp schloss langsam den Koffer und betrachtete die verblasste Bierwerbung, die fleckigen Sportplakate, die Spinnweben im Lokal. »Ist das Ihr Laden?«
Der Barkeeper war außer Hörweite. »Mehr oder weniger.«
»Jersey.« Der Mann nickte in Richtung der Tür, durch die Möchtegern gerade verschwunden war. Als würde das alles erklären.
Rickys Schwester wohnte in Jersey, und er fragte sich, ob er vielleicht sauer über die Beleidigung sein sollte. Er war ein loyaler Mensch. Aber dann entschied er, dass Loyalität nichts mit Bundesstaaten, Städten oder solchem Kram zu tun hatte. »Er hat Geld verloren?«
»Ein Geschäft ist dumm gelaufen.«
»Verstehe. Wie viel?«
»Ich weiß nicht.«
»Bring ihm noch ein Bier«, rief Ricky zum Barkeeper, dann wandte er sich wieder dem Mann zu. »Sie machen ein Geschäft mit ihm und wissen nicht, wie viel Geld er verloren hat?«
»Was ich nicht weiß«, sagte der Typ, und seine dunklen Augen blickten genau in Rickys, »ist, wieso zum Teufel ich Ihnen das erzählen sollte.«
Das war der Zeitpunkt, an dem es hässlich werden konnte. Einen Moment lang herrschte gespannte Stille. Dann lachte Ricky. »Keine Sorge.«
Die Biere trafen ein.
»Ricky Kelleher.« Er stieß an das Glas des anderen.
»Bob Gardino.«
»Ich hab Sie schon öfter gesehen. Wohnen Sie in der Gegend?«
»Hauptsächlich in Florida. Ich komm gelegentlich geschäftlich hier herauf. Nach Delaware ebenfalls, Baltimore, die Küste von Jersey, Maryland.«
»Ja? Ich hab da ein Sommerhaus, wo ich oft hinfahre.«
»Wo?«
»Ocean City. Fünf Zimmer, direkt am Meer.« Ricky erwähnte nicht, dass es T. G.s Haus war, nicht seines.
»Nett.« Der Mann nickte beeindruckt.
»Ganz in Ordnung. Ich schaue mir auch noch ein paar andere Plätze an.«
»Man kann nie genug Immobilien haben. Besser als der Aktienmarkt.«
»Bei mir läuft es ganz gut an der Wall Street«, sagte Ricky. »Man muss nur wissen, wonach man sucht. Du darfst halt nicht einfach eine Aktie kaufen, weil sie im Moment, sagen wir, sexy ist.« Das hatte er einmal im Fernsehen gehört.
»Wie wahr.« Jetzt tippte Gardino mit seinem Glas an Rickys.
»Das waren ein paar verdammt hübsche Boote.« Ein Kopfnicken in Richtung Aktenkoffer. »Ist das Ihre Branche?«
»Unter anderem. Was tun Sie, Ricky?«
»Ich habe meine Hände in vielen Sachen. In vielen Geschäften. Überall im Viertel hier. Und woanders ebenfalls. Maryland, wie gesagt. Viel Geld zu machen für einen Mann mit einem scharfen Auge.«
»Und Sie haben ein scharfes Auge?«
»Ich denke schon. Wollen Sie wissen, was es jetzt gerade sieht?«
»Was, Ihr Auge?«
»Ja.«
»Was sieht es?«
»Einen Gauner.«
»Einen...?«
»Gauner.«
»Wieso glauben Sie, dass ich ein Gauner bin?«
»Na ja, zum Beispiel kommt man nicht ins Hanny’s...«
»Hanny’s?«
»Die Kneipe hier. Hanrahan’s.«
»Ach so.«
»... um irgendeinem Loser ein Boot zu verkaufen. Also, was war wirklich los?«
Gardino lachte, sagte aber nichts.
»Hören Sie«, flüsterte Ricky, »ich bin okay. Sie können jeden hier fragen.«
»Es gibt nichts zu erzählen. Ein Geschäft ist in die Hose gegangen, das ist alles.«
»Ich bin kein Bulle, falls Sie das glauben.« Ricky schaute sich um, langte in seine Tasche und zog ein Päckchen Hasch heraus, das er für T. G. aufbewahrte. »Glauben Sie, ich hätte das hier bei mir, wenn ich einer wäre?«
»Nein, ich halte Sie für keinen Bullen. Und Sie scheinen mir ganz in Ordnung zu sein. Aber ich muss auch nicht jedem Typ, der okay ist, alles über mich auf die Nase binden.«
»Das versteh ich. Nur... Ich frage mich, ob wir nicht vielleicht ins Geschäft kommen könnten.«
Gardino trank von seinem Bier. »Noch einmal: Wozu?«
»Erzählen Sie mir, wie Ihr Schwindel funktioniert.«
»Es ist kein Schwindel. Ich wollte ihm ein Boot verkaufen. Es hat nicht geklappt. Ende der Geschichte.«
»Aber... Ich sage Ihnen mal, was ich denke«, sagte Ricky in seiner besten Spielerstimme. »Ich habe Leute gesehen, die sauer waren, weil sie ein Auto nicht bekommen haben, das sie haben wollten, oder ein Haus oder eine Tussi. Aber dieser Arsch eben, der war nicht angepisst, weil er ein Boot nicht bekommen hat. Der Kerl war wütend, weil er seine Anzahlung nicht zurückbekommen hat. Wie kommt es also, dass er sie nicht gekriegt hat?«
Gardino zuckte mit den Achseln.
Ricky versuchte es noch einmal. »Wie wär’s, wenn wir beide ein Spiel spielen? Ich frage Sie etwas, und Sie sagen mir, ob ich Recht habe oder total danebenliege. Was halten Sie davon.«
»Zwanzig Fragen.«
»Was Sie wollen. Okay, wie steht es damit: Sie leihen« – er malte mit den Zeigefingern Anführungszeichen in die Luft – »sich ein Boot aus und verkaufen es irgendeinem Blödmann, aber auf dem Weg hierher sinkt es« – wieder die Anführungszeichen – »und es gibt nichts, was er dagegen tun kann. Er verliert seine Anzahlung. Er ist der Gelackmeierte. Zu schade auch, aber bei wem will er sich beschweren? Das Boot ist Hehlerware.«
Gardino studierte sein Bier. Der Hurensohn mauerte immer noch.
»Nur, dass es nie ein Boot gab«, fügte Ricky an. »Sie stehlen nie irgendwas. Sie zeigen ihm nur Bilder, die Sie am Kai aufgenommen haben, und einen gefälschten Polizeibericht oder so etwas.«
Der Kerl lachte schließlich. Aber sonst nichts.
»Ihr einziges Risiko besteht in einer Tracht Prügel von irgend so’nem Arsch, der sein Geld verloren hat. Keine schlechte Masche.«
»Ich verkaufe Boote«, sagte Gardino. »Punkt.«
»Okay, Sie verkaufen Boote.« Ricky betrachtete ihn sorgfältig. Er würde es anders versuchen. »Das bedeutet, Sie suchen nach Käufern. Wie wär’s, wenn ich einen für Sie auftreibe?«
»Kennen Sie jemanden, der sich für Boote interessiert?«
»Könnte sein. Es gibt da einen Kerl, den ich kenne.«
Gardino überlegte eine Minute. »Reden wir von einem Freund von Ihnen?«
»Wenn er ein Freund wäre, hätt ich ihn nicht ins Spiel gebracht.«
Die Sonne brach durch die Wolken über der 8th Avenue und beleuchtete Gardinos Bier. Es färbte ein Stück Tresen im Gelbton des Auges eines Kranken. Schließlich sagte er zu Ricky: »Ziehen Sie Ihr Hemd hoch.«
»Mein...?«
»Ihr Hemd. Ziehen Sie es hoch, und drehen Sie sich um.«
»Glauben Sie, ich bin verkabelt?«
»Andernfalls trinken wir einfach unser Bier, quatschen über Baseball und gehen wieder unserer Wege. Ihre Entscheidung.«
Befangen wegen seines schmächtigen Körperbaus, zögerte Ricky. Aber dann glitt er vom Barhocker, hob seine Lederjacke und zog sein schmutziges T-Shirt hoch. Er drehte sich um.
»Okay. Jetzt Sie dasselbe.«
Gardino lachte. Ricky dachte, dass er mehr über ihn lachte als über die Situation, doch er beherrschte sich.
Der Schwindler legte sein Jackett ab und zog das Hemd aus der Hose. Der Barkeeper blickte zu ihnen hinüber, fand aber anscheinend nichts Besonderes dabei. Man war hier immerhin im Hanny’s.
Die Männer setzten sich wieder, und Ricky bestellte noch zwei Bier.
»Okay, ich erzähle Ihnen, wie es läuft«, flüsterte Gardino. »Aber hören Sie zu. Falls Sie eine Anwandlung bekommen sollten, mich zu verpfeifen, will ich Ihnen zwei Dinge sagen: Erstens, was ich tue, ist nicht direkt legal, aber es ist nicht so, als würde ich jemandem den Schädel einschlagen oder Kindern Crack verkaufen, kapiert? Selbst wenn Sie also zu den Bullen gehen, werden sie mich bestenfalls wegen irgendeinem Quatsch wie falsche Geschäftsangaben oder so drankriegen. Die lachen Sie aus, wenn Sie damit aufs Revier kommen.«
»Nein, Mann, im Ernst...«
Gardino hielt einen Finger in die Höhe. »Und zweitens, ich habe Partner in Florida, die finden Sie, falls Sie mich hinhängen, und lassen Sie tagelang bluten.« Er grinste. »Gehen wir d’accord?«
Was immer das heißen sollte. Ricky sagte jedoch: »Keine Angst, Mister. Ich will nichts weiter, als ein bisschen Geld machen.«
»Okay. Also, es läuft folgendermaßen: Scheiß auf Anzahlungen. Der Käufer bezahlt alles im Voraus. Hundert-, hundertfünfzigtausend.«
»Ach, komm.« »Ich erzähle dem Käufer, meine Verbindungsleute wüssten, wo es diese konfiszierten Boote gibt. Die gibt es tatsächlich. Sie werden von der DEA wegen Drogen abgeschleppt oder von der Küstenwache oder der Polizei, wenn sie den Bootsführer betrunken auf dem Wasser erwischt haben. Die Boote werden dann versteigert. Die Sache ist aber die, dass es in Florida derart viele Boote gibt, dass es eine Weile dauert, sie alle zu protokollieren. Ich erzähle meinen Käufern, meine Partner würden um drei Uhr morgens in den Liegeplatz für die abgeschleppten Boote einbrechen und eins herausschleppen, ehe es erfasst ist. Wir verfrachten es nach Delaware oder Jersey, klatschen eine neue Nummer drauf, und zack, hat man für hunderttausend ein Boot, das eine halbe Million wert ist.
Wenn ich das Geld dann habe, überbringe ich die schlechte Nachricht. Wie bei unserem Freund aus Jersey eben.« Er öffnete den Aktenkoffer und zog einen Zeitungsartikel heraus. Die Schlagzeile lautete:
Drei Verhaftungen wegen Diebstählen aus Liegeplatz der Küstenwache
 
Der Artikel handelte von einer Serie von Diebstählen konfiszierter Boote aus einem Liegeplatz der Regierung. Weiterhin war davon die Rede, dass die Sicherheitsvorkehrungen verschärft worden seien und FBI sowie die Polizei von Florida nach möglichen Käufern eines halben Dutzends vermisster Boote suchten. Sie hätten die Haupttäter verhaftet und nahezu eine halbe Million Dollar in bar von Käufern an der Ostküste sichergestellt.
Ricky ließ den Blick über den Artikel wandern. »Haben Sie den selbst gedruckt, oder was?«
»Word Processor. Ich hab die Ränder eingerissen, damit es aussieht, als hätte ich ihn aus einer Zeitung herausgetrennt und dann fotokopiert.«
»Die Typen haben also eine Scheißangst, dass die Bullen auf ihre Namen stoßen oder das Geld zu ihnen zurückverfolgen.«
Jetzt gehen Sie einfach heim, halten sich bedeckt und die Augen offen.
»Manche stänkern noch ein, zwei Tage herum, aber die meisten verschwinden einfach.«
Darauf wurde erneut angestoßen. »Einfach genial.«
»Danke.«
»Angenommen, ich bringe Ihnen tatsächlich einen Käufer. Was ist für mich drin?
Gardino rang mit sich. »Fünfundzwanzig Prozent.«
»Ich will fünfzig.« Ricky fixierte ihn mit seinem berühmten Kelleher-der-Irre-Blick. Gardino hielt dem Blick mühelos stand. Was Ricky respektierte.
»Ich gebe Ihnen fünfundzwanzig Prozent bei einem Kaufpreis bis hunderttausend. Dreißig, wenn er darüber liegt.«
»Ab hundertfünfzig will ich die Hälfte«, sagte Ricky.
Gardino überlegte lange. »Abgemacht«, sagte er schließlich. »Und Sie kennen tatsächlich jemanden, der so viel Geld lockermachen könnte?«
Ricky trank sein Bier aus und machte sich, ohne zu bezahlen, auf den Weg zur Tür. »Daran werde ich ab sofort arbeiten.«
 
Ricky spazierte in Macks Bar.
Sie sah ziemlich genauso aus wie Hanrahan’s vier Straßen weiter, nur war mehr los, weil sie näher am Kongresszentrum lag, wo Hunderte von Lastwagenfahrern, Elektrikern und Zimmerleuten Pausen zu nehmen pflegten, die sich über zwei Stunden hinzogen. Die Wohngegend um Mack’s war auch besser. Sanierte Stadthäuser, ein paar neue Gebäude, wo die Miete ein Schweinegeld kostete, und sogar ein Starbucks. Eine ganz andere Welt als das verdreckte, von Kriminellen bevölkerte Schlachtfeld, das Hell’s Kitchen bis in die Siebzigerjahre gewesen war.
T. G., ein fetter Ire Mitte dreißig, saß mit drei, vier seiner Kumpel am Tisch in der Ecke.
»Der Lime Ricky«, rief T. G., weder betrunken noch nüchtern – so wie er meist anzutreffen war. Er benutzte oft Spitznamen, was er nett zu finden schien, aber die Leute, die er damit ansprach, waren immer angepisst, hauptsächlich über die Art, wie er sie betonte, weniger wegen der Namen selbst. Ricky, zum Beispiel, wusste nicht einmal, was ein Lime Ricky war, vielleicht ein Drink oder was, aber der höhnische Ton in T. G.s Stimme war herabsetzend. Trotzdem, man musste ganz schön Mumm haben, um dem dicken, psychopathischen Iren etwas zu erwidern.
»Hi«, sagte Ricky und ging zu dem Ecktisch, der so etwas wie T. G.s Büro war.
»Wo zum Teufel hast du gesteckt?«, fragte T. G., ließ seine Zigarette auf den Boden fallen und zermalmte sie mit dem Stiefel.
»Bei Hanny’s.«
»Und was dort getan, Lime Ricky?« Bekam nicht genug von dem Spitznamen.
»Meinen Schwanz poliert«, antwortete Ricky in einem verlogenen irischen Akzent. Er sagte oft solche Sachen, erniedrigte sich gewissermaßen selbst vor T. G. und seinen Jungs. Er wollte es nicht, er mochte es nicht. Es passierte einfach. Er fragte sich immer, wieso.
»Du meinst, einen Ministrantenschwengel poliert?«, dröhnte T. G. Diejenigen unter seinen Jungs, die noch einigermaßen nüchtern waren, lachten.
Ricky bestellte sich ein Guinness. Es schmeckte ihm eigentlich nicht, aber T. G. hatte einmal gesagt, Guinness und Whiskey seien das Einzige, was echte Männer trinken würden. Außerdem glaubte er, da es die Bezeichnung stout trug, würde es ihn zunehmen lassen. Sein ganzes Leben versuchte er, Gewicht zuzulegen. Ohne Erfolg.
Ricky setzte sich an den Tisch, der von Messerstichen und Brandspuren ausgedrückter Zigaretten übersät war. Er nickte T. G.s Jungs zu, einem halben Dutzend Losern, die ein bisschen dealten, ein bisschen die Lagerhäuser kontrollierten, ein bisschen herumhingen. Einer war so betrunken, dass er sich nicht mehr konzentrieren konnte und immer wieder anfing, einen Witz zu erzählen, bis er dann auf halber Strecke nicht mehr weiterwusste. Ricky hoffte, der Kerl würde nicht wieder kotzen, bevor er es auf die Toilette geschafft hatte, so wie gestern.
T. G. schwafelte munter weiter, beleidigte ein paar von den Leuten am Tisch auf seine fröhlichfiese Art und drohte Leuten, die nicht da waren.
Ricky saß einfach nur am Tisch, aß Erdnüsse und würgte sein nach Lakritz schmeckendes Stout hinunter; er steckte die Beleidigungen weg, wenn sie auf ihn gemünzt waren. Hauptsächlich dachte er über Gardino und die Boote nach.
T. G. rieb sich das runde, zerfurchte Gesicht und das gelockte, rotbraune Haar. »Und dieser Nigger hat sich verdammt noch mal aus dem Staub gemacht.«
Welcher Nigger?, fragte sich Ricky. Er dachte, er hätte zugehört, aber T. G.s Gedanken gingen manchmal ihre eigenen Wege, und man blieb ahnungslos zurück.
Ricky konnte allerdings sehen, dass T. G. aufgebracht war, deshalb murmelte er ein teilnahmsvolles: »Dieses Arschloch.«
»Mann, wenn ich den Schwanzlutscher sehe, blas ich ihm so schnell das Licht aus.« Er schlug die Handflächen zusammen, das laute Klatschen ließ ein paar seiner Leute erschrocken blinzeln. Der Betrunkene stand auf und torkelte in Richtung Toilette. Sah aus, als sollte er es diesmal schaffen.
»War er da?«, fragte Ricky.
»Er hat seinen schwarzen Arsch nach Buffalo verfrachtet. Hab ich doch grad gesagt. Was fragst’n, ob er hier ist, verdammt?«
»Nein, ich meine nicht hier«, sagte Ricky schnell. »Ich meine, du weißt schon, da halt.«
»Ach so, ja«, sagte T. G. und nickte, als hätte er eine andere Bedeutung erfasst. »Klar. Aber das hilft mir auch nichts. Wenn ich ihn sehe, ist er ein toter Nigger.«
»Buffalo«, sagte Ricky und schüttelte den Kopf. »Mann.« Er bemühte sich, aufmerksamer zuzuhören, aber vor allem war er mit seinen Gedanken bei der Masche mit den Booten. Ja, dieser Gardino hatte eine gute Idee gehabt. Und Himmel, hunderttausend auf einen Schlag zu ergaunern – er und T. G. waren bisher nicht einmal in die Nähe solcher Summen gekommen.
Ricky schüttelte noch einmal den Kopf. Er seufzte. »Am liebsten würde ich nach Buffalo fahren und das schwarze Schwein selbst umlegen.«
»Du bist mein Mann, Lime Ricky. Du bist verdammt noch mal mein Mann.« Und T. G. fing wieder an, draufloszuschwafeln.
Während er nickte und in T. G.s weder betrunkene noch nüchterne Augen schaute, überlegte Ricky: Wie viel bräuchte ich, um aus Hell’s Kitchen verduften zu können? Um fortzukommen von den keifenden Ex-Frauen, dem nervigen Balg, fort von T. G. und den ganzen anderen beschissenen Losern? Um vielleicht nach Florida zu gehen, wo Gardino herkam. Vielleicht wäre das der richtige Ort für ihn. Von den verschiedenen Betrügereien, die er zusammen mit T. G. durchgezogen hatte, hatte er rund dreißigtausend in bar gespart. Das war ganz okay. Aber Mann, wenn er nur zwei, drei Typen mit der Bootsgeschichte hereinlegte, dann konnte er sich mit der fünffachen Summe davonmachen.
Damit hätte er noch nicht ausgesorgt, aber es würde ein Anfang sein. Himmel, Florida war voller reicher, alter Leute, die meisten davon dumm; die warteten alle nur darauf, ihr Geld einem Spieler nachzuwerfen, der den richtigen Dreh hatte.
Ein Faustschlag auf den Arm riss ihn aus seinem Tagtraum. Er biss sich auf die Innenseite der Backe und krümmte sich. Er sah T. G. böse an, der nur grinste. »Wie isses, Lime Ricky, gehst du am Samstag zu Leon oder was?«
»Ich weiß nicht.«
Die Tür ging auf, und ein Fremder kam hereinspaziert, jemand von außerhalb. Ein älterer Typ, in den Fünfzigern, mit gürtelloser brauner Hose, weißem Hemd und blauem Sakko bekleidet. Um seinen Hals baumelte ein Kongressausweis, VdGMH, was immer das sein sollte.
Verband der...? Ricky überlegte. Verband der Gemeinen Maulhelden.
Er lachte über seinen eigenen Witz. Niemand bemerkte es. Ricky beäugte den Touristen. Das hatte es früher nicht gegeben, dass man in einer Bar in dieser Gegend irgendwelche Provinztölpel sah. Aber dann war ein paar Straßen weiter südlich das Kongresszentrum eingezogen, und danach wurden der Gegend um den Times Square die Eier abgeschnitten, und sie verwandelte sich in ein Disneyland. Plötzlich war Hell’s Kitchen White Plains und New Jersey, und die verdammten Yuppies und Touristen gaben den Ton an.
Der Mann blinzelte, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Er bestellte Wein – T. G. lachte höhnisch: Wein in einer Kneipe wie dieser? – und trank ihn auf einen Satz halb aus. Der Kerl musste Geld haben. Er trug eine Rolex und Designerklamotten. Er sah sich langsam um, und es erinnerte Ricky irgendwie an die Art, wie die Leute im Zoo Tiere betrachteten. Das machte ihn wütend, und er phantasierte kurz davon, den Kerl nach draußen zu schleifen und zu verprügeln, bis er die Uhr und seine Brieftasche herausrückte.
Aber er würde es natürlich nicht wirklich tun. So waren T. G. und Ricky nicht; sie schlugen niemandem den Schädel ein. Oh, natürlich wurde hin und wieder jemand übel zugerichtet – ein Student, den sie hereingelegt hatten, wollte T. G. an den Kragen, und sie hatten ihn zusammengeschlagen, und Ricky hatte einem Latino, der sich tausend Dollar von ihrem Geld unter den Nagel gerissen hatte, das Gesicht aufgeschlitzt. Aber die Regel war, dass man niemanden bluten ließ, wenn man es vermeiden konnte. Wenn ein Opfer nur Geld verlor, hielt es häufig den Mund, anstatt die Sache publik zu machen und wie ein Idiot dazustehen. Aber wer verletzt wurde, der ging meist zur Polizei.
»Hörst du zu, Lime Ricky?«, fuhr ihn T. G. an. »Oder bist du in deiner eigenen Scheißwelt?«
»Ich denke nur.«
»Ah, er denkt. Gut. Woran denkst du, an deinen Ministrantenbengel?«
Ricky machte eine Geste, als würde er sich einen runterholen. Erniedrigte sich schon wieder. Keine Ahnung, warum er das tat. Er schielte zu dem Touristen hinüber. Der Mann flüsterte mit dem Barkeeper, der Rickys Blick auffing und eine Kopfbewegung machte. Ricky stieß sich von T. G.s Tisch ab und ging zur Bar. Seine Stiefel klapperten laut über den Holzboden.
»Was gibt’s?«
»Der Typ ist nicht von hier.«
Der Tourist sah Ricky einmal kurz an, dann blickte er zu Boden.
»Wär’ ich nicht drauf gekommen.« Ricky verdrehte die Augen in Richtung Barkeeper.
»Iowa«, sagte der Mann.
Wo zum Teufel war Iowa? Ricky war nahe dran gewesen, die High-School zu schaffen, und in ein paar Fächern war es ganz gut gelaufen, aber Geographie hatte ihn wahnsinnig gelangweilt, und er hatte im Unterricht nie aufgepasst.
»Er hat mir erzählt, dass er für einen Kongress im Javits Center hier ist.«
Er und die anderen Gemeinen Maulhelden.
»Und...« Der Barkeeper sprach nicht weiter und sah den Mann an. »Warum sagen Sie es ihm nicht selbst?«
Der Mann trank noch einen großen Schluck von seinem Wein. Ricky schaute auf seine Hand. Nicht nur eine Rolex, sondern auch ein goldener Ring mit einem großkotzigen Diamanten am kleinen Finger.
»Ja, warum sagen Sie es mir nicht?«
Der Tourist sagte es – stockend und flüsternd.
Ricky hörte zu. Und als der alte Knabe fertig war, lächelte er und sagte: »Heute ist Ihr Glückstag, Mister.«
Und meiner auch, dachte er.
 
Eine halbe Stunde später standen Ricky und der Tourist aus Iowa in der schmuddeligen Lobby des Bradford Arms, das neben einem Lagerhaus an der Ecke 11th Avenue und 50th Street lag.
Ricky stellte vor: »Das ist Darla.«
»Hallo, Darla.«
Ein Goldzahn leuchtete wie ein Stern aus Darlas breitem Lächeln. »Hallo, Süßer. Wie heißt du?«
»Äh... Jack.«
»Freut mich, dich kennenzulernen, Jack.« Darla, deren richtiger Name Sha’quette Greeley lautete, war eins achtzig groß, wunderschön und gebaut wie ein Mannequin. Sie war außerdem bis vor drei Jahren ein Mann gewesen. Der Tourist aus Iowa bemerkte es nicht, oder wenn doch, dann machte es ihn an. Jedenfalls schleckte sein Blick wie eine Zunge über ihren Körper.
Jack meldete sie an und bezahlte für drei Stunden im Voraus.
Drei Stunden, dachte Ricky. Ein alter Furzer wie er? Gott segne ihn.
»Und jetzt amüsiert euch schön«, sagte Ricky und verfiel in einen leichten Südstaatenakzent, nachdem er zu dem Schluss gekommen war, dass Iowa irgendwo dort liegen musste.
 
Detectice Robert Schaeffer hätte der Moderator einer dieser Polizeisendungen auf Fox oder A&E sein können. Er war hoch gewachsen, hatte silbernes Haar und ein angenehmes Gesicht, vielleicht ein wenig zu lang. Er war seit fast zwanzig Jahren Detective beim NYPD.
Schaeffer und sein Partner gingen einen schmutzigen Flur entlang, der nach Schweiß und Desinfektionsmittel roch. Der Partner zeigte auf eine Tür und flüsterte: »Da ist es.« Er zog eine Art elektronisches Stethoskop hervor und ließ den Sensor über das billige Holz wandern.
»Hörst du etwas?«, fragte Schaeffer, ebenfalls im Flüsterton.
Joey Bernbaum, der Partner, nickte langsam und hielt einen Finger in die Höhe. Warte.
Dann ein kräftiges Nicken. »Los!«
Schaeffer holte einen Hauptschlüssel aus der Tasche und zog seine Waffe; dann schloss er auf und stieß ins Zimmer.
»Polizei! Keine Bewegung!«
Bernbaum folgte ihm, ebenfalls mit einer Automatik in der Hand.
Die Gesichter der beiden Personen im Raum zeigten gleichermaßen einen Ausdruck des Erschreckens über das plötzliche Eindringen, doch nur im Gesicht des rundlichen, weißen Mannes mittleren Alters, der ohne Hemd auf dem Bett saß, verwandelte sich der Schreck umgehend in Entsetzen und Qual. Er hatte eine Tätowierung des Marine Corps auf dem fetten Oberarm und war zu seiner Zeit wahrscheinlich ein harter Bursche gewesen, aber jetzt ließ er die blassen Schultern hängen und sah aus, als würde er gleich anfangen zu weinen. »Nein, nein, nein...«
»Oh, Scheiße«, sagte Darla.
»Bleib, wo du bist, Süße. Sei still.«
»Wie zum Teufel habt ihr mich gefunden? Hat mich der kleine Scheißer unten am Empfang verpfiffen? Ich weiß es. Nächstes Mal, wenn ich den Jungen sehe, pisse ich auf ihn. Ich...«
»Du wirst gar nichts tun, außer die Klappe halten«, fuhr sie Bernbaum an.
»Mannomann.« Darla warf ihm einen vernichtenden Blick zu. Er lachte nur und legte ihr Handschellen an.
Schaeffer steckte seine Waffe weg und sagte zu dem Mann: »Kann ich einen Ausweis sehen?«
»Ach, bitte, Officer, hören Sie, ich...«
»Einen Ausweis«, wiederholte Schaeffer. Er war höflich, wie immer. Mit einer Dienstmarke in der Tasche und einer fetten Pistole an der Hüfte konnte man sich gute Umgangsformen leisten.
Der Mann fummelte seine dicke Brieftasche aus der Hose und gab sie dem Beamten, der aus dem Führerschein las. »Mr. Shelby, ist das Ihre aktuelle Adresse? In Des Moines?«
»Ja, Sir«, antwortete der Mann mit zittriger Stimme.
»Nun gut, ich verhafte Sie hiermit wegen Förderung der Prostitution.« Er nahm die Handschellen vom Gürtel.
»Ich habe nichts Ungesetzliches getan. Es war... das ist eine rein private Verabredung.«
»Tatsächlich? Und was ist das dann?« Der Detective hob ein Bündel Geld auf, das auf dem schiefen Nachttisch lag. Vierhundert Dollar.
»Ich... Ich wollte nur...«
Der alte Knabe überlegte fieberhaft, das war deutlich zu sehen. Schaeffer fragte sich, welche Ausrede ihm einfallen würde. Er kannte sie alle.
»Ich wollte nur was zu essen und zu trinken kommen lassen.«
Die war neu. Schaeffer strengte sich an, nicht zu lachen. Wenn man in dieser Gegend vierhundert Dollar für Essen und Trinken ausgab, konnte man die halbe Straße zu einer Party einladen.
»Hat er dich für Sex bezahlt?«, fragte Schaeffer Darla.
Sie verzog das Gesicht.
»Du weißt, was passiert, wenn du mich anlügst, Schätzchen. Wenn du ehrlich bist, leg ich ein gutes Wort für dich ein.«
»Du bist so ein Arsch«, fuhr sie ihn an. »Also gut, wenn du’s unbedingt wissen willst, er hat für eine Nummer mit allem Drum und Dran bezahlt.«
»Nein...«, versuchte Shelby weiter zu protestieren, aber dann gab er es auf und sank noch mehr in sich zusammen. »Großer Gott, was mache ich nur? Meine Frau überlebt das nicht... und die Kinder...« Er sah mit panischem Blick auf. »Werde ich ins Gefängnis müssen?«
»Das entscheidet das Gericht.«
»Warum hab ich das nur getan?«, jammerte er.
Schaeffer betrachtete ihn eingehend. »Bring sie nach unten«, sagte er schließlich zu seinem Partner.
»Hey, du Fettarsch, lass bloß deine vedammten Wichsgriffel von mir.«
Bernbaum lachte wieder. »Soll das heißen, du bist nicht mehr meine kleine Freundin?« Er packte sie am Arm und führte sie aus dem Raum. Die Tür fiel zu.
»Schauen Sie, Detective, es ist ja nicht so, als hätte ich jemanden übrfallen. Es war harmlos. Keine Opfer, verstehen Sie?«
»Es ist trotzdem eine Straftat. Und wissen Sie nicht über Aids oder Hepatitis Bescheid?«
Shelby blickte wieder zu Boden. Er nickte. »Doch«, flüsterte er.
Schaeffer hielt weiter die Handschellen in der Hand und musterte den Mann sorgfältig. Er setzte sich auf einen knarzenden Stuhl.
»Wie oft kommen Sie in die Stadt?«
»Nach New York?«
»Ja.«
»Einmal im Jahr, wenn ich eine Konferenz oder eine Versammlung habe. Ich genieße es jedes Mal. Sie wissen ja, wie es heißt: ›New York ist eine Reise wert‹«. Er brach ab, vielleicht weil er dachte, der Rest des alten Spruchs – »... aber kein Ort, an dem man leben möchte« – könnte den Beamten beleidigen.
»Dann sind Sie jetzt also bei einer Konferenz?«, fragte Schaeffer. Er zog das Namensschild aus der Tasche des Mannes und las es.
»Ja, Sir. Es ist unsere jährliche Messe. Im Javits. Gartenmöbelhersteller.«
»Das ist Ihre Branche?«
»Ich besitze ein Großhandelsunternehmen in Iowa.«
»Ach ja? Ein erfolgreiches?«
»Die Nummer eins im Staat. In der ganzen Region sogar.« Er sagte es traurig, nicht stolz; wahrscheinlich dachte er daran, wie viele Kunden er verlieren würde, wenn sich seine Verhaftung herumspräche.
Schaeffer nickte bedächtig. Schließlich steckte er die Handschellen weg.
Shelbys Augen wurden schmal, als er das sah.
»Haben Sie so etwas schon mal gemacht?«
Ein Zögern. Er beschloss, nicht zu lügen. »Ja.«
»Aber ich habe das Gefühl, Sie werden es nicht noch einmal tun.«
»Niemals. Ich verspreche es. Ich habe meine Lektion gelernt.«
Es gab eine lange Pause.
»Stehen Sie auf.«
Shelby blinzelte, dann tat er wie befohlen. Er runzelte die Stirn, als der Polizist seine Jacke und die Hose abklopfte. Da der Mann kein Hemd trug, war sich Schaeffer zu neunundneunzig Prozent sicher, dass er sauber war, aber er musste absolut sicher sein, dass sie nicht abgehört wurden.
Der Detective deutete mit einem Nicken zum Stuhl, und Shelby setzte sich. Die Augen des Geschäftsmannes verrieten, dass ihm nun langsam dämmerte, was hier gespielt wurde.
»Ich mache Ihnen einen Vorschlag«, sagte Schaeffer.
»Einen Vorschlag?«
Der Beamte nickte. »Okay. Ich bin überzeugt, dass Sie es nicht wieder tun werden.«
»Niemals.«
»Ich könnte Sie mit einer Verwarnung davonkommen lassen. Aber das Problem ist, dass die Sache bereits gemeldet wurde.«
»Gemeldet?«
»Ein Beamter von der Sitte hat Sie zufällig mit Darla ins Hotel gehen sehen – sie ist eine gute alte Bekannte. Er hat es gemeldet, und man hat mich losgeschickt. Der Zwischenfall ist bereits schriftlich festgehalten.«
»Mit meinem Namen?«
»Nein, bisher laufen Sie noch als John Doe. Aber es gibt einen Bericht. Ich könnte ihn verschwinden lassen, aber es wäre ein ziemlicher Aufwand und sehr riskant.«
Shelby seufzte, verzog das Gesicht und gab ein erstes Gebot ab.
Es war keine sehr spannende Auktion. Shelby spuckte immer neue Zahlen aus, und Schaeffer stieß jedes Mal den Daumen nach oben. Mehr, mehr... Als der am Boden zerstörte Mann schließlich bei hundertfünfzigtausend Dollar angelangt war, nickte Schaeffer.
»Großer Gott.«
Als T. G. und Ricky Kelleher angerufen hatten, um zu sagen, dass sie einen Touristen gefunden hatten, den sie hereinlegen konnten, hatte Ricky gemeint, es könnte in einen sechsstelligen Bereich gehen. Das lag so weit über dem Niveau der beiden irischen Blödmänner, dass Schaeffer lachen musste. Aber das musste er der kleinen Null lassen, er hatte sich tatsächlich ein Opfer mit richtig Geld ausgesucht.
»Kann ich Ihnen einen Scheck ausstellen?«, fragte Shelby niedergeschlagen.
Schaeffer lachte.
»Okay, okay... aber ich brauche ein paar Stunden.«
»Heute Abend. Um acht.« Sie vereinbarten einen Treffpunkt. »Ich behalte Ihren Führerschein. Und das Beweismaterial.« Er hob das Geld vom Tisch auf. »Falls Sie versuchen,’ne Fliege zu machen, stelle ich einen Haftbefehl aus und schicke ihn auch nach Des Moines. Die überstellen Sie, und dann ist es ein ernsthaftes Vergehen. Dann wandern Sie wirklich in den Knast.«
»O nein. Ich besorge das Geld. Jeden Penny.« Shelby kleidete sich eilig an.
»Gehen Sie hinten zum Lieferantenausgang hinaus. Ich weiß nicht, wo dieser Beamte von der Sitte ist.«
Der Tourist nickte und huschte aus der Tür.
Unten in der Lobby rauchten Bernbaum und Darla gerade eine Zigarette neben dem Aufzug, als der Detective zu ihnen stieß.
»Wo is meine Kohle?«, fragte die Nutte.
Schaeffer gab ihr zweihundert aus dem konfiszierten Geld. Den Rest teilten er und Bernbaum, hundertfünfzig für Schaeffer, fünfzig für seinen Partner.
»Und, nimmst du dir jetzt den Nachmittag frei, Schätzchen?«, fragte Bernbaum.
»Was? Herrgott, nein, ich muss arbeiten.« Sie warf einen Blick auf das Geld, das ihr Schaeffer gegeben hatte. »Zumindest bis ihr Arschlöcher mir fürs Nicht-Ficken genauso viel zahlt wie ich fürs Ficken kriege.«
 
Schaeffer stieß die Tür zu Mack’s Bar auf, sein plötzliches Auftauchen änderte schlagartig den Verlauf von wenigstens der Hälfte aller Gespräche im Raum. Er mochte ein korrupter Bulle sein, sicher, aber er war eben immer noch ein Bulle, und die Unterhaltung verlagerte sich sofort von krummen Geschäften, Betrügereien und Drogen zu Sport, Frauen und Jobs. Schaeffer lachte und marschierte quer durch den Raum. Er ließ sich in einen leeren Stuhl an dem vernarbten Tisch fallen und murmelte T. G. zu: »Bestell mir ein Bier.« Wobei Schaeffer ungefähr der einzige Mensch im Universum war, der sich das erlauben durfte.
Als das Bier kam, stieß er mit Ricky an. »Du hast uns einen guten Fang machen lassen. Er war mit hundertfünfzig einverstanden.«
»Kein Scheiß?«, fragte T. G. und zog eine rote Augenbraue hoch. (Schaeffer würde davon die Hälfte bekommen, den Rest teilten Ricky und T. G. zu gleichen Teilen unter sich auf.)
»Wo kriegt er es her?«, fragte T. G.
»Keine Ahnung. Sein Problem.«
Ricky kniff die Augen zusammen. »Moment. Ich will die Uhr auch noch.«
»Die Uhr?«
»Von dem Alten. Er hatte eine Rolex. Die will ich.«
Schaeffer hatte ein Dutzend Rolexuhren zu Hause, die er Opfern und Verdächtigen im Lauf der Jahre abgenommen hatte. Er brauchte nicht noch eine. »Wenn du die Uhr willst, wird er sie dir geben. Dem geht es nur darum, dass seine Frau und seine Maisbauernkunden nicht erfahren, womit er sich hier die Zeit vertrieben hat.«
»Moment mal«, fauchte T. G. »Wenn hier jemand die Uhr kriegt, dann ich.«
»Kommt nicht in Frage. Ich hab sie zuerst gesehen. Und ich hab ihn aufgegabelt.«
»Meine Uhr«, unterbrach ihn der fette Ire. »Vielleicht hat er’ne Geldklammer oder was, die kannst du haben. Aber ich krieg die verdammte Rolex.«
»Kein Mensch hat mehr Geldklammern«, argumentierte Ricky. »Außerdem will ich gar keine.«
»Hör zu, kleiner Lime Ricky«, knurrte T. G. »Sie gehört mir. Verstanden?«
»Herrgott noch mal, ihr zwei seid wie die Kinder«, sagte Schaeffer und schüttete sein Bier hinunter. »Wir treffen ihn heute Abend um acht gegenüber von Pier sechsundvierzig.« Die drei Männer zogen dieselbe Masche oder Variationen davon nun schon seit einer Reihe von Jahren ab, aber sie trauten einander immer noch nicht. Deshalb gingen sie jedes Mal alle zusammen das Geld abholen.
Schaeffer trank sein Bier aus. »Bis später, Jungs.«
Nachdem der Detective fort war, sahen sie ein paar Minuten dem Spiel zu, wobei T. G. ein paar Leute zum Wetten nötigte, obwohl das Spiel im letzten Viertel war und Chicago unmöglich noch aufholen konnte. Schließlich sagte Ricky: »Ich geh noch kurz raus.«
»Bin ich jetzt dein Babysitter oder was? Wenn du gehen willst, dann geh, verdammt noch mal.« T. G. ließ es allerdings trotzdem so klingen, als sei Ricky ein totaler Idiot, weil er das Ende eines Spiels versäumte, das nur noch acht Minuten dauerte.
Genau in dem Moment, in dem Ricky die Tür erreichte, rief T. G. laut: »Hey, Lime Ricky. Meine Rolex – ist das eine goldene?«
Einfach nur, um gemein zu sein.
 
Bob Schaeffer war in seiner Jugend Streife gegangen. Er hatte hundert Verbrechen untersucht, er hatte tausend Gaunereien in Manhattan und Brooklyn begangen. All das bedeutete, er hatte gelernt, wie man auf der Straße am Leben blieb.
Jetzt spürte er eine Gefahr.
Er war auf dem Weg, um ein wenig Kokain von einem Jungen abzustauben, der das Zeug über einen Zeitungskiosk an der 9th Avenue und 55th Street vertrieb, und er merkte, dass er seit sechs, sieben Minuten dieselben Schritte hinter sich hörte. Ein merkwürdiges Scharren. Jemand verfolgte ihn. Er blieb stehen, um sich in einem Eingang eine Zigarette anzuzünden, und betrachtete das Spiegelbild in einem Schaufenster. Tatsächlich sah er einen Mann in einem billigen grauen Anzug und mit Handschuhen etwa zehn Meter hinter sich. Der Typ blieb kurz stehen und tat, als würde er eine Schaufensterauslage ansehen.
Schaeffer kannte den Kerl nicht. Er hatte sich im Lauf der Jahre eine Menge Feinde gemacht. Die Tatsache, dass er ein Bulle war, bot ihm zwar einen gewissen Schutz – es ist selbst dann riskant, einen niederzuschießen, wenn es sich um einen betrügerischen Polizisten handelt -, aber es liefen jede Menge Verrückte herum.
Er ging weiter. Der Eigentümer der scharrenden Schuhe setzte seine Verfolgung fort. Ein Blick in den Rückspiegel eines geparkten Autos verriet Schaeffer, dass der Mann näher kam, aber er hatte die Hände an den Seiten und griff nicht nach einer Waffe. Schaeffer holte sein Handy hervor und tat, als würde er telefonieren, damit er einen Vorwand hatte, langsamer zu werden, ohne den Kerl misstrauisch zu machen. Die andere Hand ließ er langsam in sein Sakko gleiten, wo sie den Griff der chromverkleideten SIG-Sauer- 9mm-Pistole berührte.
Diesmal bremste der Kerl nicht ab.
Schaeffer setzte dazu an, die Waffe zu ziehen.
»Detective, würden Sie bitte das Handy ausmachen?«, ertönte es in diesem Moment.
Schaeffer drehte sich um und blinzelte. Der Verfolger streckte ihm eine Dienstmarke des NYPD entgegen.
Was zum Teufel ist hier los?, dachte Schaeffer. Er entspannte sich, wenn auch nur wenig. Klappte das Handy zu und steckte es in die Tasche. Ließ die Waffe los.
»Wer sind Sie?«
Der Mann betrachtete Schaeffer kühl und ließ ihn einen Blick auf den Ausweis neben der Marke werfen.
Scheiße, dachte Schaeffer. Der Kerl war von der Abteilung Internal Affairs – die Jungs, die Jagd auf korrupte Polizisten machten.
Dennoch blieb er in der Offensive. »Was fällt Ihnen ein, mir zu folgen?«
»Ich würde Ihnen gern ein paar Fragen stellen.«
»Worum geht es?«
»Um eine Untersuchung, die wir durchführen.«
»Hallo«, sagte Schaeffer in sarkastischem Ton. »Das dachte ich mir beinahe schon. Wie wär’s mit ein paar Einzelheiten?«
»Wir prüfen Ihre Verbindungen zu gewissen Individuen.«
»›Gewisse Individuen‹. Wissen Sie, man muss als Polizist nicht so daherreden.«
Keine Reaktion.
Schaeffer zuckte die Achseln. »Ich habe zu einer Menge Leute ›Verbindungen‹. Vielleicht denken Sie an meine Informanten. Mit denen sitze ich natürlich zusammen. Sie versorgen mich mit nützlichen Informationen.«
»Tja, wir glauben, es gibt da noch andere Dinge, mit denen die Sie versorgen. Wertvolle Dinge.« Er blickte auf Schaeffers Hüfte. »Ich muss Sie um Ihre Waffe bitten.«
»Sie können mich mal.«
»Ich versuche, nicht viel Wind um die Sache zu machen. Aber wenn Sie nicht kooperieren, melde ich es, und wir bringen Sie in die Zentrale. Dann wird alles öffentlich.«
Endlich begriff Schaeffer. Es war eine Erpressung – nur war er diesmal derjenige, der erpresst wurde. Und er wurde ausgerechnet von der Innenrevision ausgenommen. Das war ja fast schon wieder komisch, dass die Jungs ebenfalls die Hand aufhielten.
Schaeffer rückte seine Waffe heraus.
»Gehen wir irgendwohin, wo wir uns ungestört unterhalten können.«
Schaeffer fragte sich, wie viel es ihn kosten würde.
»Reden Sie«, sagte er. »Ich habe ein Recht, zu wissen, worum es hier geht. Falls Ihnen jemand erzählt hat, dass ich Schmiergeld kassiere, dann ist das Quatsch. Da versucht jemand zu tricksen.« Er war nicht so aufgebracht, wie er klang. Das gehörte bereits zu den Verhandlungen.
»Gehen Sie weiter«, sagte der Beamte von Internal Affairs nur. »Hier lang.« Er zündete sich eine Zigarette an und streckte Schaeffer die Packung entgegen. Der nahm sich eine, und der Typ gab ihm Feuer.
Schaeffer erstarrte. Er blinzelte und schaute erschrocken auf die Streichhölzer. McDougall’s Tavern stand auf ihnen – der offizielle Name von Mack’s, der Kneipe, in der T. G. immer herumhing. Er sah dem Kerl in die Augen, die dieser vor Schreck über seinen Fehler weit aufgerissen hatte. Himmel, das war gar kein Polizist. Der Ausweis und die Marke waren gefälscht. Es war ein Killer, der für T. G. arbeitete; T. G. wollte ihn umlegen und die gesamten hundertfünfzig Riesen von dem Touristen kassieren.
»Scheiße«, murmelte der falsche Polizist. Er riss einen Revolver aus der Tasche und schob Schaeffer in eine Gasse.
»Hör zu, Kumpel«, flüsterte Schaeffer, »ich habe ziemlich viel Kohle. Was immer die dir zahlen, ich...«
»Halt’s Maul.« Der Kerl tauschte seine Waffe gegen Schaeffers Pistole aus und stieß ihm das mächtige Chromding an den Hals. Dann zog der falsche Polizist einen Zettel aus seiner Tasche und stopfte ihn in die Jacke des Detectives. Er beugte sich vor und flüsterte: »Folgende Nachricht, Arschloch: Seit Jahren plant T. G. immer alles, macht die ganze Arbeit, und du steckst die Hälfte des Geldes ein. Du hast den Falschen verscheißert.«
»Das ist doch Unsinn«, rief Schaeffer verzweifelt. »Er braucht mich! Ohne einen Bullen könnte er das alles nicht durchziehen. Bitte...«
»Mach’s gut.« Der Mann setzte die Waffe an Schaeffers Schläfe.
»Tu’s nicht! Bitte, Mann, nein!«
In diesem Moment ertönte ein Schrei vom Eingang der Gasse. »O mein Gott!« Eine Frau mittleren Alters stand wenige Meter entfernt und starrte den Mann mit der Pistole an. Sie schlug die Hand vor den Mund. »Jemand soll die Polizei rufen!«
Der Killer war auf die Frau konzentriert. Schaeffer stieß ihn an eine Ziegelwand, und ehe er sich gefangen hatte und schießen konnte, spurtete der Detective schon die Gasse entlang. Er hörte, wie der Mann »Verdammt!« rief und ihm nachsetzte. Aber Hell’s Kitchen war Bob Schaeffers Jagdrevier, und nach fünf Minuten war der Detective durch Dutzende von Gassen und Seitenstraßen gerannt und hatte den Killer abgehängt. Als er wieder in einer größeren Straße war, blieb er stehen, zog seine Reservepistole aus der Halterung über dem Knöchel und ließ sie in seine Sakkotasche gleiten. Er hörte Papier knistern – der Zettel, den ihm der falsche Polizist untergeschoben hatte. Es war ein gefälschter Abschiedsbrief, in dem Schaeffer gestand, dass er seit Jahren illegal Geld kassierte und behauptete, die Schuldgefühle nicht mehr zu ertragen. Er müsse alldem ein Ende setzen.
Nun, dachte er, das stimmt teilweise.
Einer Sache würde er verdammt noch mal wirklich ein Ende setzen.
 
Schaeffer stand rauchend im Halbdunkel einer Gasse hinter Mack’s; er musste eine Viertelstunde warten, bis T. G. Reilly auftauchte. Der dicke Mann, der sich schwerfällig wie ein Bär bewegte, war allein. Er sah sich um, ohne den Polizisten zu bemerken, und wandte sich nach Westen.
Schaeffer gab ihm einen halben Block Vorsprung und folgte ihm dann.
Er blieb auf Abstand, aber als die Straße menschenleer war, zog er Handschuhe an und fischte die Pistole aus der Tasche, die er gerade aus seinem Schreibtisch geholt hatte. Er hatte sie vor Jahren auf der Straße gekauft – eine kalte Waffe, ohne Registrierungsnummer auf dem Rahmen. Er hielt sie fest umklammert und überbrückte rasch die Entfernung zu dem mächtigen Iren.
Der Fehler, den viele Leute machen, wenn sie jemanden umlegen wollen, ist, dass sie das Gefühl haben, sie müssten noch etwas zu ihrem Opfer sagen. Schaeffer erinnerte sich an einen alten Western, wo dieser Junge den Revolverhelden stellt, der seinen Vater erschossen hat. Der Junge richtet eine Waffe auf ihn und erklärt, wieso er gleich sterben wird – du hast meinen Vater getötet, bla, bla, bla -, und der Revolverheld setzt diese gelangweilte Miene auf, zieht eine versteckte Pistole und bläst den Jungen um. Er schaut auf die Leiche hinunter und sagt: »Nicht reden. Schießen.«
Und genau das tat Robert Schaeffer jetzt.
T. G. musste etwas gehört haben. Er machte Anstalten, sich umzudrehen. Doch ehe er den Detective auch nur zu Gesicht bekam, feuerte der schon zwei Kugeln in den Hinterkopf des Dicken. T. G. fiel um wie ein Sandsack. Schaeffer warf die Waffe auf den Gehsteig – er hatte sie nie mit bloßen Händen angefasst -, hielt den Kopf gesenkt und ging direkt an ihm vorbei bis zur 10th Avenue, wo er nach Norden abbog.
Nicht reden. Schießen.
Amen …
 
Ein Blick genügte.
Nach einem Blick in Ricky Kellehers Augen kam Schaeffer zu dem Schluss, dass er nicht in den Mordversuch eingeweiht gewesen war.
Der kleine, doofe Typ mit dem verdreckten Haar und einem hochnäsigen Gesicht marschierte auf die Stelle zu, wo Schaeffer an der Wand lehnte, die Hand in der Manteltasche an seiner neuen Automatik. Aber der Loser blinzelte nicht, zeigte nicht die Spur von Überraschung, dass der Polizist noch lebte. Nach jahrelanger Erfahrung mit Verdächtigen folgerte der Detective deshalb, dass das kleine Arschloch nichts von T. G.s Versuch, ihn zu beseitigen, gewusst hatte.
Ricky nickte. »Hi.« Er sah sich um. »Wo bleibt T. G.? Er sagte, er würde schon früher hier sein.«
Schaeffer runzelte die Stirn. »Hast du es nicht gehört?«, fragte er.
»Gehört? Was?«
»Himmel, du weißt es wirklich nicht. Jemand hat ihn umgelegt.«
»T. G.?«
»Ja.«
Ricky starrte nur vor sich hin und schüttelte den Kopf. »Das gibt’s doch nicht. Nein, ich hab nichts davon gehört.«
»Ist gerade erst passiert.«
»Allmächtiger«, flüsterte der kleine Mann. »Wer war es?«
»Das weiß man noch nicht.«
»Vielleicht dieser Nigger.«
»Wer?«
»Ein Nigger aus Buffalo. Oder Albany. Ich weiß nicht.« Dann flüsterte er: »Tot? Ich kann es nicht glauben. Sonst noch jemand aus seiner Truppe?«
»Nur er selbst, glaub ich.«
Schaeffer betrachtete den hageren Burschen. Gut, er sah wirklich aus, als könnte er es nicht glauben. Die Wahrheit war aber auch, dass es ihm nicht viel auszumachen schien. Was verständlich war. T. G. war wohl kaum Rickys Freund gewesen, er hatte den armen Schlucker nur immer tyrannisiert.
Abgesehen davon neigten die Lebenden in Hell’s Kitchen dazu, die Toten zu vergessen, ehe ihre Körper kalt waren.
Wie zum Beweis sagte Ricky nun: »Und wie wirkt sich das auf unsere, Sie wissen schon... Vereinbarung aus?«
»Überhaupt nicht, was mich angeht.«
»Ich werde aber mehr wollen.«
»Ich kann bis zu einem Drittel gehen.«
»Scheiß auf ein Drittel. Ich will die Hälfte.«
»Kann ich nicht machen. Es ist jetzt riskanter für mich.«
»Riskanter? Wieso?«
»Es wird eine Ermittlung geben. Irgendwer könnte bei T. G. etwas finden, was zu mir führt. Ich muss mehr Hände schmieren.« Schaeffer zuckte die Achseln. »Oder du suchst dir einen anderen Bullen, mit dem du arbeiten kannst.«
Als gäbe es in den Gelben Seiten eine Rubrik: »Polizisten, korrupte«.
»Lass ein paar Monate vergehen, bis sich alles beruhigt hat, dann kann ich noch um ein paar Prozentpunkte nach oben gehen.«
»Auf vierzig?«
»Ja, auf vierzig.«
»Kann ich die Rolex haben?«, fragte der kleine Mann.
»Die von dem Kerl heute Abend?«
»Ja.«
»Die willst du wohl unbedingt, was?«
»Ja.«
»Okay, sie gehört dir.«
Ricky blickte auf den Fluss hinaus. Schaeffer glaubte, ein schwaches Lächeln über sein Gesicht huschen zu sehen.
Sie standen einige Minuten schweigend da, und genau pünktlich erschien Shelby, der Tourist. Er sah verängstigt aus, gekränkt und wütend, und es war sicher nicht so einfach, das alles gleichzeitig in einen Gesichtsausdruck zu packen.
»Ich habe es«, flüsterte er. Er hielt nichts in den Händen – keinen Aktenkoffer oder eine Tasche -, aber Schaeffer kassierte schon lange Prozente und Schmiergelder und wusste, dass ein Haufen Geld in einem sehr kleinen Umschlag Platz hatte.
Und genau so einen zog Shelby nun hervor. Der Tourist steckte ihn mit grimmiger Miene Schaeffer zu, der die Scheine sorgfältig zählte.
»Die Uhr auch.« Ricky deutete gierig auf das Handgelenk des Mannes.
»Meine Uhr?« Shelby zögerte, dann verzog er das Gesicht und gab sie dem dürren Mann.
Schaeffer gab dem Touristen seinen Führerschein zurück. Shelby steckte ihn rasch ein, dann eilte er in östlicher Richtung fort, ohne Frage auf der Suche nach einem Taxi, das ihn auf schnellstem Weg zum Flughafen brachte.
Der Detective lachte in sich hinein. Vielleicht war New York ja doch nicht immer eine Reise wert.
Die beiden Männer teilten das Geld auf. Ricky streifte sich die Rolex über das Handgelenk, aber das metallene Armband war zu groß, und sie baumelte komisch an seinem Arm. »Ich lass es nachstellen«, sagte er und steckte die Uhr in die Tasche. »Man kann sie kürzer machen, keine große Sache.«
Sie beschlossen, bei einem Drink zu feiern, und Ricky schlug Hanny’s vor, da er dort noch jemanden treffen wollte.
Als sie über die Avenue liefen, die blaugrau im Abendlicht lag, warf Ricky einen Blick auf den friedlichen Hudson River. »Sehen Sie mal.«
Eine große Yacht glitt ruhig auf dem dunklen Wasser nach Süden.
»Nett«, sagte Schaeffer und bewunderte das schön geschnittene Boot.
»Wie kommt es, dass Sie kein Interesse hatten?«
»An was?«
»An dem Boots-Deal.«
»Hä?«
»Von dem Ihnen T. G. erzählt hat. Er sagte, Sie würden passen.«
»Wovon zum Teufel redest du?«
»Von der Geschichte mit den Booten. Mit diesem Typ aus Florida.«
»Er hat nie ein Wort davon zu mir gesagt.«
»Dieses Arschloch.« Ricky schüttelte den Kopf. »Vor ein paar Tagen hing so ein Kerl bei Hanny’s herum. Das ist der, den ich jetzt treffen will. Er hat Verbindungen nach Florida. Seine Leute klauen diese konfiszierten Boote aus dem behördlichen Liegeplatz, bevor sie registriert sind.«
»Von der DEA?«
»Ja. Und der Küstenwache.«
Schaeffer nickte, beeindruckt von dem Plan. »Sie verschwinden, bevor sie registriert sind. Verdammt clever.«
»Ich überlege, ob ich eins kaufen soll. Der Typ sagt, ich zahle ihm meinetwegen zwanzig Riesen und kriege ein Boot dafür, das dreimal so viel wert ist. Ich dachte, Sie wären interessiert.«
»Ja, ich wäre interessiert.« Bob Schaeffer besaß eine Reihe kleinerer Boote. Er hatte immer ein richtig schmuckes gewollt. »Hat er auch was Größeres?«, fragte er.
»Ich glaub, er hat gerade ein Zwanzig-Meter-Boot verkauft. Ich hab’s unten im Battery Park gesehen. War nett.«
»Zwanzig Meter? Das kostet ja eine Million.«
»Er sagt, es ist seinen Käufer nur auf zweihunderttausend oder so gekommen.«
»Mann. T. G., dieses Arschloch! Er hat nie ein Wort gesagt.« Schaeffer empfand zumindest einen gewissen Trost, weil der Penner nie mehr ein Wort zu irgendwem sagen würde.
Sie betraten Hanrahan’s Bar. Wie üblich war sie so gut wie leer. Ricky schaute sich um. Der Bootstyp war anscheinend noch nicht da.
Sie bestellten Boilermaker. Stießen an, tranken.
Ricky erzählte dem alten Barkeeper gerade, dass man T. G. umgelegt hatte, als Schaeffers Handy läutete.
»Schaeffer hier.«
»Hier spricht Malone vom Morddezernat. Haben Sie von dem Mord an T. G. Reilly gehört?«
»Ja. Wie sieht es aus damit? Schon irgendwelche Spuren?« Schaeffers Herz hämmerte schnell, er senkte den Kopf und lauschte sehr aufmerksam.
»Nicht viele. Aber wir haben da was gehört und hoffen, Sie können uns weiterhelfen. Sie kennen sich in dem Viertel aus, oder?«
»Ziemlich gut, ja.«
»Sieht aus, als würde einer von T. G.s Jungs sein eigenes Ding durchziehen. Geht um richtig viel Kohle dabei, sechsstellige Summen. Wir wissen nicht, ob es einen Zusammenhang mit dem Mord gibt, aber wir würden gern mit ihm reden. Er heißt Ricky Kelleher. Kennen Sie ihn?«
Schaeffer blickte zu Ricky, der anderthalb Meter entfernt saß. »Kann sein. Was für ein Ding?«
»Dieser Kelleher arbeitet mit jemandem aus Florida zusammen. Die beiden haben sich einen ziemlich schlauen Plan ausgedacht. Sie verkaufen irgendeinem Loser ein konfisziertes Boot, nur die Sache ist die, es gibt gar kein Boot. Es ist alles nur ein Schwindel. Wenn es dann Zeit wird, zu liefern, erzählen sie dem armen Kerl, dass das FBI gerade eine Razzia bei ihnen gemacht hat. Er soll sein Geld lieber vergessen, den Mund halten und für eine Weile abtauchen.«
Dieses gottverdammte kleine Arschloch... Schaeffers Hand begann vor Wut zu zittern, als er Ricky ansah. »Ich hab ihn eine Weile nicht gesehen«, sagte er zu dem Beamten vom Morddezernat. »Aber ich hör mich mal um.«
»Danke.«
Er legte auf und ging zu Ricky, der inzwischen sein zweites Bier mit Whiskey in Arbeit hatte.
»Wann wollte der Kerl hier sein?«, fragte Schaeffer beiläufig. »Der mit den Booten?«
»Müsste jeden Moment kommen«, antwortete der kleine Ganove.
Schaeffer nickte und trank von seinem eigenen Bier. Dann senkte er den Kopf und flüsterte: »Dieser Anruf, den ich gerade bekommen habe – ich weiß ja nicht, ob du interessiert bist, aber das war mein Lieferant. Er hat gerade eine Ladung aus Mexiko bekommen. Ich treffe ihn in ein paar Minuten draußen in der Gasse. Es ist richtig gutes Zeug. Er gibt es uns zum Einkaufspreis. Hast du Interesse?«
»Scheiße, ja«, sagte Ricky.
Die Männer gingen durch die Hintertür auf die Gasse hinaus. Schaeffer ließ den kleinen Iren vorangehen und ermahnte sich, unbedingt das restliche Schmiergeld aus seiner Tasche zu nehmen, nachdem er ihn erwürgt haben würde.
Ach ja, und die Uhr auch. Der Detective entschied, dass man eigentlich nie zu viele Rolexuhren haben konnte.
 
Detective Robert Schaeffer ließ sich einen großen Mokka vor dem Starbucks auf der 9th Avenue schmecken. Er saß in einem nicht allzu bequemen Metallstuhl und fragte sich, ob es einer von der Art war, die Freiluftmöbelkönig Shelby an seine Bauernkundschaft verkaufte.
»Hallo«, sprach ihn eine männliche Stimme an.
Schaeffer sah zu einem Mann am Tisch neben ihm hinüber. Er kam ihm vage bekannt vor, und obwohl er ihn nicht genau unterbringen konnte, grüßte er lächelnd.
Doch dann traf ihn die Erkenntnis wie ein Kübel Eiswasser, und der Atem stockte ihm. Es war der falsche Polizist von Internal Affairs, der Kerl, den T. G. auf ihn angesetzt hatte.
Großer Gott.
Der Mann hatte die rechte Hand in einer Papiertüte, in der sich zweifellos eine Pistole befand.
Schaeffer erstarrte.
»Nur die Ruhe«, sagte der Mann und lachte über Schaeffers Gesichtsausdruck. Er zog die Hand aus der Tüte. Keine Waffe. Nur ein Rosinenbrötchen, von dem er nun abbiss. »Ich bin nicht das, wofür Sie mich halten.«
»Wer zum Teufel sind Sie dann?«
»Meinen Namen müssen Sie nicht wissen. Ich bin Privatdetektiv. Das genügt. Und nun hören Sie zu, wir haben einen geschäftlichen Vorschlag für Sie.« Der Privatdetektiv hob den Blick und winkte. An Schaeffer gewandt, sagte er: »Ich möchte Ihnen ein paar Leute vorstellen.«
Ein Paar mittleren Alters, ebenfalls mit Kaffeebechern in der Hand, kam ins Freie. Entsetzt erkannte Schaeffer, dass der Mann Shelby war, der Tourist, den sie vor ein paar Tagen aufs Kreuz gelegt hatten. Die Frau an seiner Seite kam ihm ebenfalls vage bekannt vor, aber er brachte sie nicht unter.
»Detective«, sagte der Mann kalt lächelnd.
Der Blick der Frau war ebenfalls kühl, jedoch ohne eine Spur von Lächeln.
»Was wollen Sie?«, fuhr der Polizist den Detektiv an.
»Ich lasse es die beiden erklären.« Er biss herzhaft von seinem Gebäck ab.
Shelby fixierte Schaeffer mit einer aggressiven Selbstsicherheit im Blick, die nichts mehr mit der ängstlichen, niedergeschlagenen Miene zu tun hatte, mit der er neben Darla in dem billigen Hotel gesessen hatte. »Folgendes, Detective: Vor einigen Monaten war mein Sohn mit ein paar Studienfreunden hier auf Urlaub. Er war in einem Club in der Nähe des Broadway tanzen, und Ihre beiden Komplizen T. G. Reilly und Ricky Kelleher haben ihm Drogen in die Tasche geschmuggelt. Dann kamen Sie daher und haben ihn wegen Drogenbesitzes verhaftet. Genau wie Sie es bei mir gemacht haben, erklärten Sie ihm, Sie würden ihn laufen lassen, wenn er Sie bezahlt. Nur dass Michael keine Lust hatte, Sie mit dieser Nummer durchkommen zu lassen. Er verpasste Ihnen einen Haken und wollte die Notrufnummer wählen. Sie und T. G. Reilly haben ihn jedoch in die Gasse hinausgeschleift und so übel zusammengeschlagen, dass er auf Dauer hirngeschädigt bleiben und jahrelange Behandlung brauchen wird.«
Schaeffer erinnerte sich an den Studenten, ja doch. Sie hatten ihn wirklich böse zugerichtet. Aber er sagte: »Ich weiß nicht, wovon...«
»Psst«, unterbrach ihn der Privatdetektiv. »Die Shelbys haben mich engagiert, damit ich herausfinde, was ihrem Sohn zugestoßen ist. Ich habe zwei Monate in Hell’s Kitchen ermittelt und alles in Erfahrung gebracht, was es über Sie und diese beiden Arschlöcher, mit denen Sie gearbeitet haben, zu wissen gibt.« Er nickte dem Paar zu. »Fahren Sie fort.« Der Detektiv biss wieder von seinem Brötchen ab.
»Wir beschlossen, Sie würden bezahlen für das, was Sie getan haben«, fuhr der Ehemann fort. »Nur konnten wir leider nicht zur Polizei gehen – woher sollten wir wissen, wie viele Ihrer Kollegen dort mit Ihnen zusammenarbeiteten? Deshalb haben meine Frau, ich und unser zweiter Sohn – Michaels Bruder – uns etwas ausgedacht. Wir würden euch Drecksäcke die Arbeit für uns tun lassen; ihr würdet euch gegenseitig aus dem Weg räumen.«
»Das ist doch Quatsch. Sie...«
»Halten Sie den Mund, und hören Sie zu«, fuhr ihn die Frau an. Dann erklärte sie weiter. Sie hatten in Hanny’s Bar einen Schwindel inszeniert. Der Privatdetektiv tat, als sei er ein Betrüger aus Florida, der gestohlene Boote verkaufte, und ihr älterer Sohn spielte einen jungen Kerl aus Jersey, der um sein Geld geprellt wurde. Das hatte Rickys Aufmerksamkeit geweckt, und er war auf die angebliche Masche mit den Booten angesprungen. »Wir wussten, dass Sie Boote mögen«, sagte die Frau und sah Schaeffer an. »Es war also zu erwarten, dass Ricky versuchen würde, Sie hereinzulegen.«
»Nur dass richtig viel Geld auf dem Tisch liegen musste, damit ihr Nieten einen echten Anreiz hattet, euch gegenseitig übers Ohr zu hauen«, fügte der Ehemann an.
Deshalb ging er in T. G.s Stammkneipe und erkundigte sich nach einer Nutte, da er sich ausrechnete, dass die drei eine Erpressung inszenieren würden.
Er lachte in sich hinein. »Ich habe die ganze Zeit gehofft, Sie würden immer weiter nach oben gehen, als Sie mich erpressten. Ich wollte auf jeden Fall eine sechsstellige Summe im Pott haben.«
T. G. war ihr erstes Ziel gewesen. An diesem Nachmittag hatte der Privatdetektiv so getan, als sei er ein Auftragskiller, den T. G. angeheuert hatte, um Schaeffer umzulegen, damit er das ganze Geld allein bekäme.
»Sie!«, flüsterte der Detective plötzlich und starrte die Ehefrau an. »Sie waren die Frau, die geschrien hat.«
»Wir mussten Ihnen die Gelegenheit zur Flucht verschaffen – damit Sie schnurstracks zu T. G. laufen und ihn sich vorknöpfen konnten.«
Du lieber Himmel. Der Mordversuch, der falsche Polizist... Es war alles eine Falle gewesen!
»Dann brachte Ricky Sie zu Hanrahan’s, wo er Sie dem Bootshändler aus Florida vorstellen wollte.«
Der Privatdetektiv wischte sich über den Mund und beugte sich vor. »Hallo«, flüsterte er mit tieferer Stimme. »Hier ist Malone vom Morddezernat.«
»Oh, verdammt«, entfuhr es Schaeffer. »Sie haben mir gesteckt, dass mich Ricky hereinlegen wollte. Damit...« Er brach ab.
»Damit Sie ihn ebenfalls erledigen«, flüsterte der Privatdetektiv.
Shelby hatte wieder dieses kalte Lächeln auf dem Gesicht. »Damit waren es zwei Täter weniger. Jetzt ist nur noch einer übrig. Sie.«
»Was haben Sie vor?«, flüsterte Schaeffer.
»Unser Sohn wird jahrelange Behandlung brauchen«, sagte die Frau. »Er wird nie vollständig genesen.«
Schaeffer schüttelte den Kopf. »Sie haben Beweise, nehme ich an.«
»Worauf Sie sich verlassen können. Unser älterer Sohn hat vor Mack’s auf Sie gewartet, als Sie sich T. G. gekauft haben. Wir haben wirklich hübsche Aufnahmen davon, wie Sie ihn erschießen. Zwei Kugeln in den Kopf. Schlimm, schlimm.«
»Und die Fortsetzung«, sagte der Privatdetektiv. »In der Gasse hinter Hanrahan’s. Wo Sie Ricky erwürgt haben. Ach ja«, fügte er hinzu, »und wir haben das Kennzeichen des Lkws, der Rickys Leiche auf die Mülldeponie geschafft hat. Wir sind ihm nach Jersey gefolgt. Wir können einen Haufen äußerst unangenehmer Leute ins Spiel bringen, die nicht sehr glücklich sein werden, dass sie Ihretwegen verpfiffen wurden.«
»Und nur für den Fall, dass Sie nicht schon von allein draufgekommen sind«, sagte Shelby, »wir haben drei Kopien des Bandes gemacht und bei drei verschiedenen Anwälten hinterlegt. Falls einem von uns etwas zustößt, gehen sie sofort damit zur Polizeizentrale.«
»Sie sind selbst nicht viel anders als Mörder«, murmelte Schaeffer. »Sie haben mich dazu benutzt, um zwei Menschen zu töten.«
Shelby lachte. »Semper Fi... Ich war bei den Marines, und ich habe in zwei Kriegen gekämpft. Ungeziefer wie Sie umzubringen macht mir nicht das Geringste aus.«
»Also gut«, sagte der Detective und knurrte angewidert. »Was wollen Sie?«
»Sie haben das Ferienhaus auf Fire Island, Sie haben zwei Boote in Oyster Bay liegen, Sie haben...«
»Ich brauche verdammt noch mal keine Inventurliste. Ich will eine Zahl.«
»Im Wesentlichen Ihr gesamtes Nettovermögen. Achthundertsechzigtausend Dollar. Plus meine hundertfünfzigtausend zurück... Und ich will es nächste Woche. Ach ja, und seine Rechnung zahlen Sie ebenfalls.« Shelby wies mit einem Kopfnicken auf den Privatdetektiv.
»Ich bin gut«, sagte der Mann. »Aber sehr teuer.« Er aß sein Rosinenbrötchen auf und strich die Brösel auf den Gehsteig.
Shelby beugte sich vor. »Und noch etwas: Meine Uhr.«
Schaeffer streifte die Rolex vom Handgelenk und warf sie Shelby zu.
Das Ehepaar erhob sich. »Bis dann, Detective«, sagte der Tourist.
»Ich würde ja gern noch bleiben und mich unterhalten«, sagte Mrs. Shelby. »Aber wir wollen uns ein paar Sehenswürdigkeiten anschauen. Und vor dem Abendessen machen wir dann noch eine Kutschfahrt im Central Park.« Sie hielt inne und blickte auf den Polizisten hinunter. »Es gefällt mir wirklich sehr hier. Es stimmt, was man immer sagt, wissen Sie. New York ist wirklich eine Reise wert.«