7
Unmittelbar nach seiner Rückkehr aus Houston fuhr Jon Smith vom Andrews Luftwaffenstützpunkt zu seinem Haus in Bethesda. Er duschte, packte Kleidung für eine Woche ein und orderte dann telefonisch einen Wagen, der ihn zum Dulles Airport bringen sollte.
Er war gerade dabei, die Alarmanlage scharf zu
schalten, als das sichere Telefon klingelte.
»Hier Klein, Jon. Haben Sie alles Notwendige veranlasst?«
»Ich bin für den Delta Flug nach Moskau gebucht, Sir. Die Maschine
startet in drei Stunden.«
»Gut. Ich habe mit dem Präsidenten gesprochen. Er hat Covert-One
grünes Licht gegeben, nach eigenem Ermessen zu handeln - aber es
muss schnell gehen.«
»Verstanden, Sir.«
»Folgendes sollten Sie wissen…«
Nachdem Klein ihn mit allen Einzelheiten vertraut gemacht hatte,
fügte er hinzu: »Ich weiß, dass es zwischen Ihnen und Randi Russell
böses Blut gegeben hat, Jon. Sehen Sie zu, dass das Ihre Arbeit
nicht beeinträchtigt.«
Smith ließ sich seine Verärgerung nicht anmerken. Takt war nicht
gerade eine von Kleins starken Seiten. »Ich melde mich in zwölf
Stunden, Sir.«
»Dann viel Glück. Hoffen wir, dass die Russen das Problem
einigermaßen in den Griff bekommen.«
Smith machte es sich auf dem bequemen Sessel in der Business Class
der Delta L-1011 bequem. Er aß nur wenig und schlief dann während
des ganzen Fluges nach London.
Nach dem Auftanken setzte das Flugzeug die Reise nach dem Osten
fort und landete am frühen Morgen in Scheremetjevo. Da Smith mit
einem Militärausweis unterwegs war, hatte er am Zoll und am
Einwanderungsschalter keine Probleme. Nach einer Taxifahrt von
vierzig Minuten traf er in dem neuen Sheraton Hotel in der Nähe des
Roten Platzes ein. Smith hängte das Do-Not-DisturbSchild vor die
Tür, duschte und schlief weitere vier Stunden. Wie die meisten
Soldaten beherrschte er seit langem die Kunst, jede Möglichkeit zum
Schlafen zu nutzen.
Kurz nach Mittag trat er in den kühlen Moskauer Frühling hinaus und
ging die sechs Häuserblocks zu einem Arkadenbau aus dem 19.
Jahrhundert. In den luxuriösen Läden konnte man von exklusiven
Pelzen und Parfüms bis hin zu wertvollen Ikonen und sibirischen
»blauen« Diamanten so ziemlich alles kaufen, was das Herz begehrte.
Smith bahnte sich seinen Weg durch die zahlreichen wohlhabend
wirkenden Kunden und fragte sich, wer von ihnen wohl der neuen
Wirtschaftselite Russlands angehörte und wer der Unterwelt. In dem
neuen Russland waren die Grenzen zwischen den beiden Gruppen
ziemlich fließend.
Er musste fast bis an das Ende der Arkade gehen, ehe er die Adresse
entdeckte, die Klein ihm gegeben hatte. Die in goldenen Lettern
gehaltene Schrift - in Kyrillisch und Englisch - lautete BAY
DIGITAL CORPORATION.
Durch das Fenster sah Smith ein Empfangspult und dahinter eine
Reihe von Arbeitsplätzen, die genauso modern waren wie in den
entsprechenden Etablissements an der Wall Street. Elegant
gekleidete Männer und Frauen gingen mit sichtlicher Effizienz ihrer
Arbeit nach, aber seine besondere Aufmerksamkeit galt einer Frau
unter ihnen. Sie war Mitte dreißig, ziemlich groß und trug ihr
goldblondes Haar kurz geschnitten. Und sie hatte dieselbe gerade
Nase und das feste Kinn wie er es an einer anderen Frau gekannt
hatte, dieselben dunklen Augen… ganz wie Sophia.
Smith atmete tief durch und trat ein. Er wollte sich gerade der Empfangssekretärin vorstellen, als die blonde Frau aufblickte. Einen Augenblick lang verschlug es Smith den Atem. Es war, als ob seine Sophia plötzlich wieder zum Leben erwacht wäre.
»Jon?«
Randi Russell konnte ihre Überraschung nicht verbergen, was ihr neugierige Blicke ihrer Kolleginnen und Kollegen eintrug. Sie kam an das Empfangspult geeilt.
»Gehen wir doch in mein Büro«, sagte sie,
bemüht, geschäftsmäßig zu wirken.
Smith folgte ihr in ein kleines, aber ansprechend eingerichtetes
Büro, dessen Wände gerahmte Aquarelle der Küstenlandschaft um Santa
Barbara zierten. Randi Russell schloss die Tür und musterte ihn von
oben bis unten. »Ich kann es einfach nicht glauben«, sagte sie und
schüttelte dabei den Kopf. »Wann…? Wie…?«
»Schön, dich wiederzusehen, Randi«, sagte Smith ruhig. »Tut mir
Leid, dass ich dir nicht Bescheid sagen konnte, dass ich kommen
würde. Die Reise hat sich in letzter Minute ergeben.«
Randis Augen verengten sich. »Bei dir ergibt sich nichts in letzter
Minute, Jon. Wer hat dir gesagt, wo du mich finden
würdest?«
Smith wusste, dass Randi unmittelbar nach der Hades Tragödie als
CIA-Agentin in Moskau stationiert worden war. Aber nur Klein hatte
genau herausfinden können, unter welcher Identität sie dort tätig
war und wo Smith sie finden würde. Smith sah sich in dem kleinen
Büro um. »Kann man hier unbesorgt reden?«
Randi deutete auf ein Gerät, das wie ein DVD-Spieler aussah. »Das
Allerneueste gegen Wanzen. Außerdem wird der Raum jeden Abend von
unseren Leuten ›gefegt‹.«
Smith nickte. »Also gut. Zum einen wusste ich, dass du in Moskau
bist, aber nicht, wo ich dich finden könnte. Dabei waren mir andere
Leute behilflich. Zum Zweiten brauche ich deine Hilfe, weil ein
Mann - ein guter Mann tot ist und ich herausbekommen möchte, was
mit ihm passiert ist.«
Randi überlegte. Sie hatte ein untrügliches Gefühl dafür, wenn
jemand sie anlog, selbst wenn es ein Profi war, bei dem Lügen zum
Beruf gehörte. Ihr Instinkt sagte ihr, dass Smith die Wahrheit
sprach - oder zumindest so viel davon, wie ihm möglich
war.
»Ich höre, Jon.«
Smith schilderte ihr in kurzen Worten, wer Danko gewesen war und
berichtete dann mit allen Einzelheiten über sein Zusammentreffen
mit dem Russen. Er verschwieg keine der grässlichen Einzelheiten
des Massakers auf dem Markusplatz, doch für Randi war Gewalt nichts
Ungewohntes.
»Und du bist sicher, dass die Killer nicht auch hinter dir her
waren?«, fragte sie.
»Wenn ich ihr Hauptziel gewesen wäre, hätte ich jetzt keine
Gelegenheit, mit dir zu reden«, erwiderte Smith finster. »Ihre
Zielperson war Danko; sie haben sichergestellt, dass er tot ist.
Erst dann haben sie sich mir zugewandt.«
Randi schüttelte den Kopf. »Von einem Konzertflügel gerettet! Mein
Gott! Ich kann es einfach nicht glauben, dass du unbewaffnet hinter
ihnen hergerannt bist. Du kannst von Glück reden, dass jemand sie
vor dir erwischt hat.«
Sie atmete tief durch. »Was willst du, Jon - willst du Danko rächen
oder willst du Zugang zu Bioaparat?«
»Juri hat sein Leben geopfert, um mir ein Geheimnis zu offenbaren«,
antwortete er. »Wenn ich dieses Geheimnis aufdecke, dann finde ich
auch heraus, wer ihn getötet hat. Aber ich bin sicher, dass die
Leute, die hinter seiner Ermordung stehen, auch mit Bioaparat zu
tun haben.«
»Und was willst du von mir?«
»Deine besten Kontakte in Russland, Leute an maßgebenden Stellen,
Leute, denen du vertrauen würdest.«
Sie starrte die Aquarelle an ihrer Wand an. »Oleg Kirov, ein
Generalmajor im Sicherheitsdienst der russischen Föderation. Er ist
dem Danko, den du mir geschildert hast, sehr ähnlich: realistisch,
vertrauenswürdig, ein Patriot. Seine Nummer zwei ist Lara Teljegin.
Äußerst intelligent, mit politischem Instinkt und ein
ausgesprochenes As im Feldeinsatz.«
»Ich erinnere mich daran, dass ich Kirov kennen gelernt habe, als
ich noch für USAMRIID tätig war«, sagte Smith. »Aber ich kenne ihn
nicht gut genug, um ihn einfach so mir nichts dir nichts anzurufen.
Könntest du ein Zusammentreffen arrangieren?«
»Selbstverständlich. Aber Kirov wird wissen wollen, ob du in
amtlicher Funktion tätig bist - und das würde ich auch gern
wissen.«
»Ich arbeite nicht für USAMRIID oder irgendeine Geheimdienststelle.
Das ist die Wahrheit.«
Sie sah ihn von der Seite an. »Die Wahrheit, so weit du sie mir
sagen willst.«
Sie hob beide Hände, um seinen Protest abzuwehren. »Hey, ich weiß,
wie diese Dinge laufen. Und Kirov weiß das auch.«
»Das bedeutet mir sehr viel, Randi.«
Sie wischte seinen Dank mit einer Handbewegung weg, dann entstand
ein unbehagliches Schweigen zwischen ihnen.
»Es gibt da ein paar Dinge, die ich dir sagen muss«, meinte Smith
schließlich. »Persönliche Dinge.«
Er berichtete ihr von seinem Besuch am Grab Sophias und von dem
Frieden, den er schließlich gefunden hatte. »Nach der Beerdigung
hatte ich das Gefühl, dass es Dinge gibt, die wir einander hätten
sagen sollen, die wir aber nie ausgesprochen haben. Wir sind
einfach auseinander gegangen.«
Randi starrte ihn an. »Ich weiß, was du meinst. Damals habe ich dir
einen großen Teil der Schuld für das gegeben, was mit Sophia
geschehen ist. Ich habe lange gebraucht, um es zu
verarbeiten.«
»Gibst du mir immer noch die Schuld?«
»Nein, du hättest nichts tun können, um ihr zu helfen. Du wusstest
nichts von Tremont und seinen Killern, und auch nicht, dass Sophie
für sie eine Bedrohung darstellte.«
»Es tut mir gut, das von dir zu hören«, sagte Smith
leise.
Randi blickte auf das gerahmte Foto auf ihrem Schreibtisch, das sie
und Sophia vor dem schrecklichen Geschehen in Santa Barbara zeigte.
Obwohl inzwischen über ein Jahr vergangen war, hatte Randi sich
immer noch nicht verziehen, dass sie nicht zur Stelle gewesen war,
als ihre Schwester sie so dringend gebraucht hatte. Während Sophia
in ihrem Krankenhausbett im Sterben gelegen hatte, war Randi
Tausende von Meilen entfernt gewesen, im geheimen Einsatz im Irak,
wo sie die Widerstandsbewegung gegen das Regime Saddam Husseins
unterstützt hatte. Erst Wochen später, als Jon Smith wie ein
düsterer Dschinn in Bagdad aufgetaucht war, hatte sie erfahren, wie
und weshalb Sophia ermordet worden war.
Irgendwie hatte Randi es geschafft, ihr Leid zu verarbeiten und
neue Kraft zu schöpfen. Aber ihre Gefühle für Smith waren
ambivalent geblieben. Einerseits war sie dankbar dafür, dass er in
den letzten Augenblicken Sophias an ihrer Seite gewesen war und sie
nicht allein gestorben war. Andererseits hatte sie sich
unwillkürlich gefragt, je tiefer sie sich in das Netz von Hades
verwickelte, ob Smith den Mord an ihrer Schwester nicht irgendwie
hätte verhindern können. Und auch in dem Punkt war die Unklarheit
zum Verrücktwerden. Sie wusste, dass Smith Sophia geliebt hatte und
sie nie wissentlich einer Gefahr ausgesetzt hätte. Andererseits
hatte sie, als sie am Grab ihrer Schwester stand, immer noch
geglaubt, dass er irgendetwas hätte tun können, um sie zu
retten.
Randi riss sich von diesem letzten Gedanken los und sah Smith an.
»Es wird eine Weile dauern, das Treffen mit Kirov zu arrangieren.
Hättest du Lust, dich später mit mir auf einen Drink zu
treffen?«
»Ja, sehr.«
Sie einigten sich auf die Bar des Sheraton, sobald Randi das Büro
geschlossen hatte.
»Was genau ist eigentlich Bay Digital?«, fragte Smith. »Und was
machst du hier?«
»Soll das heißen, dass die Leute, von denen du hierher geschickt
wurdest, dir das nicht gesagt haben?«, Randi lächelte. »Jon, jetzt
bin ich entsetzt. Ich leite das Moskauer Büro einer höchst
erfolgreichen Risikokapitalfirma, die in vielversprechende
russische High-Tech-Firmen investiert.«
»Nur, dass das Kapital nicht von privaten Investoren oder
Fonds-Gesellschaften kommt«, meinte Smith.
»Woher auch immer. Geld öffnet in Russland jedenfalls alle Türen.
Ich verfüge über Kontakte, die vom Kreml über das Militär und sogar
in die russische Mafia hineinreichen.«
»Ich habe ja immer gesagt, dass du zwielichtige Freunde hast. Gibt
es denn in diesem Lande überhaupt so etwas wie Hightech?«
»Und ob es das gibt. Die Russen verfügen nicht über unsere
hochwertigen Anlagen, aber wenn man ihnen die richtigen Mittel
gibt, leisten sie Großartiges.«
Sie berührte seinen Arm. »Ich freue mich wirklich, dich
wiederzusehen, Jon - aus welchem Grund auch immer du jetzt hier
bist. Gibt es etwas, was du im Augenblick brauchst?«
Smith dachte an Dankos Witwe und sein Kind. »Sag mir, was Russen
mitbringen, wenn sie eine Frau besuchen, die gerade ihren Mann
verloren hat - und das noch gar nicht weiß.«
8
Um 7 Uhr 36 morgens ging Dr. Adam Treloar an Bord einer Maschine der British Airways, um nonstop über den Nordpol nach London-Heathrow zu fliegen. Nach seiner Ankunft geleitete man ihn in die Transit Lounge für Passagiere der Ersten Klasse, wo er die Dienste einer Masseuse in Anspruch nahm und sich anschließend, nachdem er geduscht hatte, bei einem Angestellten seinen frisch gebügelten Anzug abholte und sich zum Ausgang 68 begab, wo man ihn in die vordere Kabine eines weiteren BA Fluges führte, diesmal nach Moskau. Achtundzwanzig Stunden nach Antritt seiner Reise passierte Treloar anstandslos Zoll- und Einreisekontrollen.
Treloar hielt sich exakt an den von ihm und Reed ausgearbeiteten Reiseplan. Nachdem ihn ein Taxi vor dem neuen Hotel Nikko auf der dem Kreml gegenüberliegenden Seite der Moskwa abgesetzt hatte, trug Treloar sich dort ein und bedachte den Träger mit einem besonders großzügigen Trinkgeld, damit dieser ihm sein Gepäck aufs Zimmer brachte. Anschließend verließ er das Hotel wieder und rief sich ein weiteres Taxi, das ihn zu dem Friedhof am Mychatschuk Prospekt brachte. Die alte Frau an dem Blumenstand am Eingang war verblüfft, von dem Besucher für einen Strauß angewelkter Margeriten und Sonnenblumen zwanzig amerikanische Dollar zu bekommen. Treloar begab sich zu einer Reihe relativ neuer Gräber unter einer Gruppe von Birken und legte dort den Blumenstrauß am Fuß eines orthodoxen Kreuzes ab, das die letzte Ruhestätte seiner Mutter Helen Treloar, geborene Helena Svjatoslava Bunin, markierte.
Als Treloar sich bei der NASA um die Position eines leitenden medizinischen Offiziers beworben hatte, waren Ermittler des FBI tätig gewesen und hatten in Erfahrung gebracht, dass seine Mutter in Russland zur Welt gekommen war, was sie aber in keiner Weise gestört hatte. Die NASA stand im harten Wettbewerb mit der Privatwirtschaft um gutes ärztliches Personal und war daher nur zu glücklich, einen Experten wie Adam Treloar gewinnen zu können, der sich nach fünfzehn Jahren Tätigkeit bei der Bauer-Zermatt AG um diese Position beworben hatte. Niemand stellte irgendwelche Fragen, weshalb Treloar eine gute Position bei einer so angesehenen Firma aufgegeben und eine Reduzierung seiner Bezüge um runde zwanzig Prozent in Kauf genommen hatte. Die Weltraumbehörde hatte vielmehr Treloars makellose Zeugnisse und sonstigen Papiere kommentarlos an das FBI weitergegeben und darum gebeten, sich mit den Nachforschungen in seiner Vergangenheit zu beeilen.
Seit dem Ende des Kalten Krieges waren Reisen nach Russland völlig unproblematisch geworden. Tausende von Amerikanern besuchten dort ihre Verwandten, die sie in vielen Fällen nur von Fotos kannten. Auch Adam Treloar reiste dorthin, um seine Mutter nach deren Scheidung und ihrer anschließenden Rückkehr in ihr heimatliches Moskau zu besuchen. Drei Jahre lang war er jedes Jahr im Frühjahr nach Moskau geflogen, um eine Woche mit ihr zu verbringen.
Vor zwei Jahren hatte Treloar seine Vorgesetzten bei der NASA darüber informiert, dass seine Mutter unheilbar an Krebs erkrankt war. Sein Chef drückte ihm sein Bedauern aus und ließ ihn wissen, dass er jederzeit beliebig viel Urlaub nehmen könne. Der treu sorgende Sohn steigerte daraufhin seine Besuche auf drei im Jahr. Als Helena Bunin dann im vergangenen Herbst schließlich starb, reiste er auf einen ganzen Monat nach Moskau, um, wie er sagte, ihren Nachlass zu regeln.
Treloar war überzeugt, dass seine Besuche in Moskau vom FBI überwacht wurden. Er wusste aber auch, dass das FBI wie jede Bürokratie durchaus zufrieden war, solange es ein regelmäßiges Muster erkennen konnte, von dem nicht abgewichen wurde. Und ein solches regelmäßiges Muster hatte Treloar im Laufe der Jahre aufgebaut und war davon nur abgewichen, wenn er nachvollziehbare Gründe dafür vorweisen konnte. Da exakt ein halbes Jahr seit dem Tod seiner Mutter verstrichen war, wäre es aufgefallen, wenn er ihr Grab nicht besucht hätte.
Während der Taxifahrt zurück ins Hotel ging Treloar noch einmal durch, was er getan hatte. Der Taxifahrer vom Flughafen, der Hoteldiener, die alte Frau am Friedhof, die beiden anderen Taxifahrer - alle würden sich wegen seines großzügigen Trinkgelds an ihn erinnern. Wenn irgendjemand Nachforschungen anstellte, war das Muster, nach dem sein Besuch ablief, klar und eindeutig.
Es würde auch ganz natürlich wirken, wenn er sich jetzt ein paar Tage in Moskau ausruhte, bevor er zurückkehrte. Nur dass der NASA Arzt etwas ganz anderes als die Besichtigung von Sehenswürdigkeiten vorhatte.
Treloar kehrte in sein Zimmer zurück und schlief ein paar Stunden. Als er wieder aufwachte, hatte sich bereits Dunkelheit über die Stadt gelegt. Er duschte, rasierte sich, zog einen anderen Anzug an und trat dann in einen warmen Mantel gehüllt in die Nacht hinaus.
Die Gedanken stellten sich ein, als er durch die Nacht schlenderte. So sehr sie ihn auch plagten, er wurde sie nie los. Und so gab er sich ihnen hin, ließ zu, dass sie ihn beschäftigten, und atmete gehetzt, bis sie schließlich aufhörten. Adam Treloar hielt sich für einen Gezeichneten, einen wie Kain einer gewesen war. Es gab da schreckliche Triebe, die wie ein Fluch auf ihm lasteten und die er weder bändigen noch denen er entkommen konnte. Und diese Triebe waren der Grund, weshalb er seine Karriere bei Bauer-Zermatt aufgegeben hatte.
In einem anderen Leben war Treloar der Star der virologischen Abteilung von Zermatt gewesen, von seinen Kollegen hoch geschätzt und von seinen Mitarbeitern geradezu abgöttisch bewundert - ganz besonders einer Mitarbeiterin, einer dunkeläugigen Schönheit von der Sanftmut eines scheuen Rehs, die sich für Treloar als unwiderstehliche Versuchung erwiesen hatte. Doch dann hatte sich herausgestellt, dass das scheue Reh in Wirklichkeit ein Köder war, ein Köder, den ein Konkurrent von Bauer-Zermatt ausgelegt hatte, um Treloar zu kompromittieren und sich gefügig zu machen.
Treloar hatte die Falle nie bemerkt; er hatte nur Augen für das sanfte Reh gehabt. Dafür bekam er später viel mehr zu sehen, später, als Männer ihn in seinem Apartment aufsuchten und ihm Bandaufnahmen mit Sexszenen vorspielten, auf denen er der Hauptdarsteller war. Sie stellten ihn eiskalt vor die Wahl zu kooperieren oder bloßgestellt zu werden. Wegen der Vertraulichkeit ihrer Forschungsarbeiten musste jeder Angestellte von Bauer-Zermatt bei der Einstellung eine Vertragsklausel unterschreiben, die ihn zur Einhaltung strengster moralischer Regeln verpflichtete. Die Männer in Treloars Apartment versäumten nicht, ihn auf diese Klausel hinzuweisen, als sie ihm das Video vorspielten. Sie machten ihm klar, dass er keine andere Wahl hatte als Informationen über die Forschungsarbeiten der Firma an sie herauszugeben. Die Alternative war natürlich nicht nur, dass er seine Stellung verlor. Nein, seine Eskapaden würden an die Öffentlichkeit gelangen, und wenn dann alles genügend ausgeschlachtet war und nachdem man eine Zivilklage erhoben hatte - der vielleicht sogar eine zusätzliche Klage seitens der Staatsanwaltschaft folgen sollte -, würde er mit Sicherheit in der medizinischen Forschung keine Stelle mehr finden.
Sie gaben ihm achtundvierzig Stunden Zeit, um es sich zu überlegen. Die ersten vierundzwanzig Stunden tat er nichts anderes. Dann hatte er die Scherben seiner Karriere lange genug angestarrt und erkannt, dass die Erpresser zu weit gegangen waren: Sie hatten ihn in eine Position gedrängt, in der er nichts mehr zu verlieren hatte, wenn er sich wehrte.
In Folge seiner gehobenen Position bei Bauer-Zermatt kostete es Treloar keine Mühe, kurzfristig einen Gesprächstermin bei Dr. Karl Bauer selbst zu bekommen. In der eleganten Umgebung von Bauers Züricher Büro schilderte er diesem seine Verfehlungen und den Erpressungsversuch, dem er ausgesetzt war.
Zu Treloars Überraschung hörte Bauer seinem Geständnis nahezu wortlos zu und wies Treloar dann an, ihn am nächsten Morgen erneut aufzusuchen.
Bis zum heutigen Tage hatte Treloar keine Ahnung, was sich hinter der Bühne zugetragen hatte. Jedenfalls gab Bauer ihm am nächsten Morgen zu verstehen, dass er nie wieder von den Erpressern hören würde. Alle Beweisstücke für seine Verfehlungen waren sichergestellt. Es würde keine Anklage gegen ihn erhoben werden - niemals.
Aber man erwartete Wiedergutmachung von ihm. Bauer gab Treloar zu verstehen, dass er die Firma verlassen müsse und mit einem Angebot von der NASA rechnen könne; dieses Angebot habe er anzunehmen. Seinen Kollegen würde man erklären, dass er die Chance wahrnehme, in einem Bereich der Forschung zu arbeiten, zu dem er, wenn er bei Bauer-Zermatt bliebe, nie Zugang gehabt hätte. Unmittelbar nach Antritt seiner Tätigkeit bei der NASA habe er sich bei Dr. Dylan Reed zu melden und sich zu dessen Verfügung zu halten. Reed würde dort so etwas wie sein Mentor sein, und Treloar habe ihm widerspruchslos zu gehorchen.
Treloar erinnerte sich noch deutlich an die eisige und präzise Kälte, mit der Bauer ihm sein Edikt mitgeteilt hatte. Er erinnerte sich, wie es in Bauers Augen zornig aufgeblitzt hatte, ein Zorn, der freilich sofort in ein amüsiertes Schmunzeln übergegangen war, als Treloar betreten gefragt hatte, was für Forschungsarbeiten er bei der NASA zu verrichten habe.
»Ihre Arbeit wird von zweitrangiger Bedeutung sein«, hatte Bauer ihm erklärt. »Was mich interessiert, ist Ihre Verbindung zu Ihrer Mutter und damit zu Russland. Sie werden sie regelmäßig besuchen, denke ich.«
Der kalte Wind veranlasste Treloar, die Schultern hochzuziehen, als er der hellen Beleuchtung des Gorkij Platzes den Rücken kehrte und in die dunklen Straßen des Sadovaja Viertels eindrang, wo die Kneipen, die jetzt die Straßen säumten, immer verwahrloster wurden und die Obdachlosen und Betrunkenen immer aggressiver wirkten, je weiter er sich vom Gorkij Platz entfernte. Aber Treloar besuchte das Sadovaja Viertel nicht zum ersten Mal und hatte keine Angst.
Einen halben Häuserblock weiter sah er die vertraute Neonschrift: KROKODIL. Gleich darauf klopfte er an die massive Tür und wartete, bis jemand drinnen den Deckel vom Türspion zog. Zwei schwarze argwöhnische Augen musterten ihn, dann wurde der Riegel zurückgezogen und die Tür öffnete sich. Beim Hineingehen gab Treloar dem hünenhaften mongolischen Türsteher einen Zwanzigdollarschein. Er schlüpfte aus seinem Mantel und spürte, wie seine düsteren Gedanken sich im rötlichen Lichtschein und unter den schrillen Klängen der Musik verflüchtigten. Gesichter wandten sich ihm zu, sein westlicher Anzug beeindruckte. Im Klang der Musik sich wiegende Körper stießen ihn an, mehr absichtlich als aus Zufall. Der Geschäftsführer, eine hagere, kleinwüchsige Gestalt mit unruhig umherhuschenden Augen, der ihn an ein Wiesel erinnerte, kam herangeeilt, um seinen ausländischen Gast zu begrüßen. Sekunden später hielt Treloar ein Glas Wodka in der Hand und wurde an der Tanzfläche entlang zu einem abgegrenzten Bereich geführt, der mit Samt bezogene Sofas und weiche Hocker aufwies.
Er seufzte, als er sich auf den Kissen niederließ. Der starke Alkohol wärmte ihn von innen und ließ seine Fingerspitzen prickeln.
»Soll ich Ihnen etwas Interessantes
vorführen?«, flüsterte der Geschäftsführer
augenzwinkernd.
Treloar nickte zufrieden. Um sich die Zeit zu vertreiben, schloss
er die Augen und ließ sich von der Musik durchpulsen. Er zuckte
zusammen, als er eine Berührung an seiner Wange verspürte. Vor ihm
standen zwei blonde Knaben mit makellosem Teint und strahlend
blauen Augen. Sie waren höchstens zehn Jahre alt.
»Zwillinge?«
Das Wiesel nickte. »Und besser noch,
Jungfrauen.« Treloar stöhnte.
»Aber sie sind sehr teuer«, warnte das Wiesel.
»Das ist egal«, entgegnete Treloar mit heiserer Stimme.
»Bringen Sie uns Zakuski. Und Limonade für meine Engel.«
Er klopfte auf die Kissen zu seiner Linken und seiner Rechten. »Kommt zu mir, meine Engel. Gebt mir einen Vorgeschmack auf den Himmel…«
Sechs Kilometer vom Krokodil gibt es eine Anlage, umstanden von drei Hochhäusern, die zusammen als Dscherschinski Platz bekannt sind. Bis Anfang der neunziger Jahre war dort die Zentrale des kommunistischen KGB untergebracht gewesen; nach dem Ende der Sowjetunion hatte der neu gegründete russische Bundesgeheimdienst den Komplex übernommen.
Generalmajor Oleg Kirov stand mit hinter dem Rücken verschränkten Händen am Fenster seines Büros im fünfzehnten Stockwerk und blickte auf die Silhouette von Moskau hinaus.
»Die Amerikaner kommen«, murmelte er.
»Was sagst du da, Duscha?«
Kirov hörte das Klappern von Absätzen auf dem Parkett,
spürte zarte Finger an seiner Brust und roch warmes, süßliches Parfüm. Er drehte sich um, nahm die schöne rothaarige junge Frau in die Arme und küsste sie gierig. Er spürte, wie ihre Zunge mit der seinen spielte und ihre Hände an seinen Gürtel griffen - und dann tiefer.
Kirov trat einen Schritt zurück und sah in die lockenden grünen Augen. »Ich wünschte, wir hätten jetzt Zeit«, sagte er leise.
Leutnant Lara Teljegin, Kirovs Assistentin, stand mit in die Hüften gestützten Armen da und betrachtete ihren Geliebten. Selbst in der schmucklosen Uniform wirkte sie wie ein Fotomodell.
»Du hast versprochen, mich heute zum Abendessen einzuladen«, schmollte sie.
Kirov musste lächeln. Lara Teljegin hatte die Frunze Militärakademie als Erste ihrer Klasse absolviert. Sie war eine Meisterschützin; die Hände, die ihn jetzt liebkosten, konnten einen Menschen binnen Sekunden töten. Und doch konnte sie ebenso schamlos und provozierend wie professionell sein.
Kirov seufzte. Zwei Frauen in einem Körper. Manchmal wusste er nicht, welche von beiden die echte Lara war. Aber er würde sie beide genießen, so lange er das konnte. Mit dreißig stand Lara erst am Anfang ihrer Karriere. Es war unvermeidbar, dass sie auf andere Posten versetzt wurde, und eines Tages würde sie ein eigenes Kommando bekommen. Kirov, der zwanzig Jahre älter als sie war würde eines Tages von ihrem Liebhaber zu ihrem Paten werden - oder, wie die Amerikaner das gern formulierten, einem »Rabbi«, der sich um die Interessen seiner Favoritin kümmern musste.
»Du hast mir nichts von dem Amerikaner gesagt«, meinte Lara plötzlich ganz geschäftsmäßig. »Welcher ist es denn? Wir haben es in letzter Zeit mit so vielen zu tun.«
»Ich habe dir nichts gesagt, weil du den ganzen Tag weg warst und ich niemanden hatte, der mir bei diesem infernalischen Papierkram geholfen hat«, brummte Kirov. Er reichte ihr einen Computerausdruck.
»Dr. Jon Smith«, las sie. »Wie
gewöhnlich.«
Sie runzelte die Stirn. »USAMRIID?«
»Unser Dr. Smith ist alles andere als gewöhnlich«,
meinte Kirov trocken. »Ich habe ihn kennen gelernt, als er in Fort Detrick stationiert war.«
»›War‹? Ich dachte, das ist er immer noch.«
»Randi Russell sagt, dass er immer noch mit USAMRIID in Verbindung steht, dort aber im Augenblick auf unbestimmte Zeit beurlaubt ist. Sie hat angerufen und mich gebeten, mich mit ihm zu treffen.«
»Randi Russell…«, wiederholte Lara mit einem vielsagenden Blick.
Kirov lächelte. »Kein Anlass, boshaft zu werden.«
»Ich werde nur boshaft, wenn es dafür gute Gründe gibt«, erwiderte Lara spitz. »Sie ist also Smith behilflich… der, wie ich hier lese, mit ihrer Schwester verlobt war.«
Kirov nickte. »Sie ist im Verlauf der Hades
Geschichte ums Leben gekommen.«
»Und würde Randi Russell - die wir beide im Verdacht haben, für die
CIA tätig zu sein - sich für ihn verbürgen? Führen die beiden
vielleicht irgendeine Operation? Was ist hier im Gange,
Duscha?«
»Ich glaube, die Amerikaner haben ein Problem«, sagte Kirov
bedächtig. »Entweder sind wir ein Teil dieses Problems, oder sie
brauchen unsere Hilfe. Aber das werden wir jedenfalls in Kürze
erfahren. Du und ich, wir beide werden uns heute Abend mit Smith
treffen.«
Smith verließ den Wohnblock an der Uliza Markovo am späten Nachmittag. Er schlug sich den Kragen hoch, weil ein kalter Wind wehte, und blickte an der düsteren Betonfassade des Gebäudes empor. Irgendwo hinter einem der anonymen Fenster im zwanzigsten Stockwerk sah sich Katrina Danko jetzt vor die qualvolle Aufgabe gestellt, ihrer sechsjährigen Tochter Olga zu erklären, dass sie ihren Vater nie wiedersehen würde.
Die Aufgabe, jemandem den Tod eines Angehörigen zu melden, war für Smith eine der schmerzvollsten, die er kannte. Wie alle Frauen und Mütter hatte Katrina von dem Augenblick an, als sie die Tür geöffnet und ihn angesehen hatte, gewusst, weshalb er hier war. Aber sie legte eine bewundernswerte Haltung an den Tag, hatte ihre Tränen unterdrückt und Smith gefragt, wie Juri Danko gestorben war und ob er hatte leiden müssen. Smith war zu ihr so offen, wie die Umstände das erlaubten und erklärte ihr dann, dass bereits alle Vorkehrungen getroffen worden seien, um Dankos sterbliche Überreste auf dem Luftweg nach Moskau zu überführen, sobald die Behörden in Venedig sie freigaben.
»Er hat oft von Ihnen geredet, Mr. Smith«, hatte Katrina zu ihm gesagt. »Er meinte immer, Sie seien ein guter Mann. Und jetzt weiß ic h, dass das so ist.«
»Ich wünschte, ich könnte Ihnen mehr mitteilen«, hatte
Smith aufrichtig geantwortet.
»Und was würde das nützen?«, hatte Katrina gefragt.
»Ich wusste, worin Juris Arbeit bestand - die
Geheimhaltung, das ständige Schweigen machten vieles
klar. Aber er hat es getan, weil er sein Land liebte. Er
war
stolz auf seine Arbeit. Jetzt kann ich nur wünschen, dass
sein Tod nicht vergebens war.«
»Das war er nicht, das kann ich Ihnen versprechen.« Smith ging zu
Fuß zu seinem Hotel zurück. Die nächste
Stunde war er tief in Gedanken. Seit er Dankos Frau und
Tochter kennen gelernt hatte, war ihm seine Mission nur
noch wichtiger geworden. Natürlich musste er sich darum
kümmern, dass für Katrina und ihre Tochter gut gesorgt
würde. Aber das reichte nicht aus. Ihm war jetzt
wichtiger
als zuvor, herauszufinden, wer Danko getötet hatte und
warum das geschehen war. Er wollte seiner Witwe in die
Augen sehen können und ihr sagen, dass der Mann, den
sie geliebt hatte, nicht vergebens gestorben war. Als es Nacht
wurde, suchte Smith die Bar in der Lobby
des Hotels auf. Randi, jetzt in einem elegant
geschnittenen
blauen Kostüm, wartete bereits auf ihn.
»Du siehst blass aus, Jon«, sagte sie. »Fühlst du dich
nicht wohl?«
»Doch, ist schon gut. Danke, dass du hergekommen
bist.«
Sie bestellten Wodka und eine Schale Zazuski,
eingelegte Pilze, Hering und andere Leckereien. Als die
Bedienung sich von ihrem Tisch entfernte, hob Randi ihr
Glas. »Auf unsere Freunde, die nicht bei uns sind.« »Auf unsere
Freunde.«
»Ich habe mit Kirov gesprochen«, meinte Randi dann
und fügte Einzelheiten hinzu. Dann sah sie auf die Uhr.
»Du wirst gehen müssen. Kann ich noch etwas für dich
tun?«
Smith zählte ein paar Rubelscheine auf den Tisch. »Mal
sehen, wie sich die Dinge heute Abend mit Kirov
entwickeln.«
Randi schob ihm eine Visitenkarte hin. »Meine Adresse
und meine Telefonnummer - nur für alle Fälle. Du hast
doch ein sicheres Telefon, oder?«
Smith klopfte auf seine Tasche. »Das Modernste, was an
gesicherten digitalen Handys zur Verfügung steht.« Er gab ihr die
Nummer.
»Jon, wenn du etwas in Erfahrung bringen solltest, was
ich
wissen müsste…«
Sie sprach den Satz nicht zu Ende.
Smith drückte ihr die Hand. »Ich verstehe.«
Jon Smith war schon mehrere Male in Moskau gewesen, hatte aber bisher nie Gele genheit gehabt, dem Dscherschinski Platz einen Besuch abzustatten. Als er jetzt in der düsteren Eingangshalle des Gebäudes Samat 3 stand, fielen ihm all die Geschichten wieder ein, die er von den Kalten Kriegern seiner Bekanntschaft gehört hatte. Der ganze Bau strahlte eine derartig seelenlose Gleichgültigkeit aus, dass auch noch so viel frische Farbe das nicht übertünchen konnten. Das Echo, das von dem gebeizten Parkett widerhallte, klang wie die Schritte der Verurteilten - all der Männer und Frauen, die man seit den ersten Stunden des Kommunismus auf ihrem Weg in die Verhörzellen im Keller hier durchgeschleppt hatte. Smith fragte sich, wie die Menschen, die hier arbeiteten, wohl mit den Gespenstern der Toten zurecht kamen. Waren sie sich ihrer bewusst? Oder verdrängte man die Vergangenheit aus Angst, sie könnte wie ein Golem wieder zum Leben erwachen?
Smith folgte dem jungen Offizier, der ihn abgeholt hatte, in den Fahrstuhl. Als die Kabine nach oben fuhr, ließ er vor sich noch einmal Revue passieren, was Randi ihm über Generalmajor Oleg Kirovs Karriere und die seiner Mitarbeiterin, Lara Teljegin, erzählt hatte.
Kirov schien einer jener Soldaten zu sein, die mit einem Fuß in der Vergangenheit und mit dem anderen in der Zukunft standen. Unter kommunistischer Herrschaft aufgewachsen, hatte er sich in Afghanistan, dem Vietnam der Sowjetunion, im Kampfeinsatz ausgezeichnet. Anschließend hatte er sich ganz der Sache der Reformer angeschlossen. Als schließlich eine noch zerbrechliche Demokratie Platz zu greifen begann, hatten Kirovs Gönner ihn mit einem Posten in dem neu gegründeten Sicherheitsdienst der Russischen Föderation belohnt. Die Reformer waren ernsthaft bemüht, den alten KGB zu zerstören und seine Reihen gründlich von dem alten Geist zu reinigen. Die einzigen Menschen, denen sie diese Säuberungsaufgabe anvertrauten, waren im Kampf erprobte Soldaten wie Kirov, deren Loyalität zu dem neuen Russland außer Frage stand. Wenn Kirov eine Brücke in diese neue Zukunft darstellte, dann verkörperte Lara Teljegin die beste Hoffnung einer solchen Zukunft. In Russland und England ausgebildet, gehörte Teljegin einer neuen Gattung russischer Technokraten an: mehrsprachig, weltgewandt, mit einem hohen technischen Kenntnisstand und besser mit dem Internet und Windows vertraut als die meisten ihrer Altersgenossen im Westen.
Aber Randi hatte Jon auch darauf hingewiesen, dass die Russen in Fragen ihrer nationalen Sicherheit immer noch geheimniskrämerisch und argwöhnisch waren. Sie konnten die ganze Nacht mit einem trinken und dem Gesprächspartner ihre intimsten und peinlichsten Erlebnisse anvertrauen. Aber wenn man eine einzige falsche Frage stellte, sich für das falsche Thema interessierte, waren sie sofort beleidigt, und das ganze Vertrauen war dahin.
Ein sensibleres Thema, als Bioaparat gibt es wahrscheinlich gar nicht, dachte Smith, als man ihn in Kirovs Büro führte. Wenn Kirov das, was ich ihm sagen werde, in die falsche Kehle bekommt, sitze ich vielleicht morgen Früh wieder im Flugzeug.
»Dr. Jon Smith!«
Kirovs Stimme dröhnte durch den Raum, als er Smith entgegenging und ihm die Hand schüttelte. Seine breite Brust, die dichte weiße Mähne und sein Gesicht sahen aus, als könne man sie demnächst auf eine russische Münze prägen.
»Schön, Sie wiederzusehen«, sagte er. »Das letzte Mal war… in Genf, vor fünf Jahren. Stimmt’s?«
»Stimmt genau, General.«
»Gestatten Sie, dass ich Ihnen meine Adjutantin vorstelle, Leutnant Lara Teljegin.«
»Ist mir ein Vergnügen, Doktor«, sagte
Teljegin, nachdem sie Smith unverhohlen gemustert hatte. »Ganz
meinerseits«, erwiderte Smith.
Mit ihren dunklen Augen und dem tizianroten Haar
wirkte Lara Teljegin auf ihn wie das Urbild der sirenenhaften Schönheit aus den russischen Romanen des 19. Jahrhunderts, die Fleisch gewordene Versuchung, die jedem Mann den Kopf verdrehen und ihn ins Unheil ziehen konnte.
Kirov deutete auf eine Anrichte an der Wand.
»Darf ich Ihnen eine Erfrischung anbieten, Dr. Smith?«
»Nein, vielen Dank.«
»Gut, dann kommen wir gleich zur Sache. Was haben Sie auf dem Herzen?, wie Ihr Amerikaner so gern sagt.«
Smith sah zu Lara Teljegin hinüber. »Ich will Ihnen nicht zu nahe treten, Leutnant, aber das Thema ist höchst vertraulich.«
»Keine Ursache, Doktor«, antwortete sie ruhig. »Ich habe eine Sicherheitsfreigabe, die in Ihrem Land der Stufe COSMIC entspricht, also die Freigabe für Material, wie Sie es Ihrem Präsidenten vorlegen würden. Außerdem sind Sie nach meiner Kenntnis nicht in offizieller Mission hier. Oder stimmt das nicht?«
»Der Leutnant hat mein volles Vertrauen«, fügte
Kirov hinzu. »Sie können hier ganz offen sprechen,
Doktor.«
»Gut«, antwortete Smith. »Ich gehe davon aus, dass dieses Gespräch
nicht abgehört wird und dass dieser Raum sicher ist.«
»Das können Sie«, versicherte ihm Kirov.
»Bioaparat«, sagte Smith.
Das eine Wort löste die von ihm erwartete Reaktion aus: Erschrecken
und Besorgnis.
»Was ist mit Bioaparat, Doktor?«, fragte Kirov mit sehr leiser Stimme.
»General, ich habe guten Grund zu der Annahme, dass es in der Anlage eine Sicherheitslücke gibt. Wenn nicht bereits Material verschwunden ist, dann sind Planungen im Gange, einige der von Ihren Behörden dort gelagerten Proben zu entwenden.«
»Lächerlich!«, brauste Lara Teljegin auf. »Bioaparat verfügt über die modernsten Sicherheitsvorkehrungen, die es auf der ganzen Welt gibt. Wir haben derartige Andeutungen schon mehrmals gehört, Dr. Smith. Der Westen scheint, ehrlich gesagt, manchmal zu glauben, dass wir nicht viel mehr als ungezogene Schulkinder sind, die mit gefährlichen Spielsachen hantieren. Das ist beleidigend und…«
»Lara!«
Kirov hatte seine Stimme nicht erhoben, aber der Befehlston war
unüberhörbar. »Sie müssen Nachsicht mit dem Leutnant haben«, sagte
er zu Smith gewandt. »Sie nimmt es übel, wenn der Westen
herablassend auftritt was ja manchmal der Fall ist, oder sind Sie
da anderer
Meinung?«
»General, ich bin nicht hier, um Ihre Sicherheitsvorkehrungen zu kritisieren«, erwiderte Smith. »Ich hätte die weite Reise nicht unternommen, wenn ich nicht der Ansicht wäre, dass Sie ein ernsthaftes Problem haben oder dass Sie mich nicht zumindest zu Ende anhören würden.«
»Dann fahren Sie bitte mit ›unserem Problem‹ fort.« Smith nickte und atmete tief durch. »Das mutmaßliche Ziel ist Ihr Bestand an Pockenerregern.«
Kirov wurde bleich. »Das ist doch Wahnsinn! Nur ein Verrückter könnte auf den Gedanken kommen, so etwas zu stehlen!«
»Jemand der nicht verrückt ist, würde überhaupt nichts stehlen wollen, was Sie bei Bioaparat lagern. Aber wir verfügen über Informationen, dass der Diebstahl bereits im Gange ist.«
»Aus welcher Quelle haben Sie das, Doktor?«, wollte Teljegin wissen. »Wie verlässlich ist Ihre Gewährsperson?«
»Sehr verlässlich, Leutnant.«
»Würden Sie ihn uns namhaft machen, damit wir
uns selbst überzeugen können?«
»Der Betreffende ist tot«, erwiderte Smith, bemüht, sich nicht
anmerken zu lassen, wie nahe ihm der Tod Dankos gegangen
war.
»Wie bequem«, meinte Teljegin.
Smith wandte sich wieder an Kirov. »Bitte, hören Sie mir zu. Ich
behaupte nicht, dass Sie oder die russische Regierung mit dieser
Sache zu tun haben. Diese Aktion geht von Leuten aus, die wir im
Augenblick noch nicht kennen. Aber um das Material aus Russland
herauszuschaffen, wird die Unterstützung einiger Mitarbeiter von
Bioaparat benötigt.«
»Damit deuten Sie an, dass entweder das Forschungsoder das Sicherheitspersonal in den Vorgang verwickelt ist«, sagte Kirov.
»Es könnte jeder Beliebige sein, der Zugang zu den Pockenerregern hat.«
Smith hielt kurz inne. »Ich maße mir kein Urteil über Ihre Leute oder Ihre Sicherheitsvorkehrungen an, General. Ich weiß, dass die meisten bei Bioaparat tätigen Mitarbeiter genauso loyal sind wie die Leute, die in ähnlicher Funktion in unseren Anlagen arbeiten. Aber ich sage Ihnen, dass Sie ein Problem haben und das wird unser Problem und wahrscheinlich das der ganzen Welt werden -, wenn diese Erreger die Anlage verlassen.«
Kirov zündete sich eine Zigarette an.
»Sie sind den weiten Weg gekommen, um mir das zu sagen«, meinte er dann gemessen. »Aber Sie haben auch einen Plan, nicht wahr?«
»Schließen Sie Bioaparat«, sagte Smith. »Tun Sie es sofort. Legen Sie einen Militär-Kordon um die ganze Anlage. Stellen Sie sicher, dass nichts hinein kommt - gar nichts - und dass nichts und niemand die Anlage verlässt. Und morgen inspizieren Sie die Virenlager persönlich. Wenn alles da ist - gut -, dann sind wir in Sicherheit und Sie können anfangen, nach dem Maulwurf zu suchen.«
»Und Sie, Dr. Smith? Wo wären Sie die ganze Zeit?« »Ich würde Sie bitten, mir Beobachterstatus einzuräumen.«
»Vertrauen Sie uns nicht, wenn wir Ihnen sagen, dass die Lager alle intakt sind, Doktor?«, fragte Teljegin spitz.
»Das ist keine Frage des Vertrauens, Leutnant. Wenn die Situation umgekehrt wäre, würden Sie dann in unserer Anlage nicht auch mit von der Partie sein wollen?«
»Da ist auch noch die Frage Ihrer Gewährsperson«, gab ihm Kirov zu bedenken. »Bitte, verstehen Sie mich richtig, Doktor. Um das zu tun, was Sie von mir verlangen, muss ich mich an den Präsidenten persönlich wenden. Für Ihre Person kann ich mich natürlich verbürgen. Aber ich brauche schon einen guten Grund, um ihn wecken zu lassen. Wenn ich den Namen Ihrer Gewährsperson habe, kann ich deren Verlässlichkeit überprüfen - und das würde wesentlich dazu beitragen, diese ganze Geschichte zu bestätigen.«
Smith wandte sich ab. Er hatte von Anfang an gewusst, dass es darauf hinauslaufen würde, dass er Juri Dankos Identität preisgeben musste, um Kirovs Unterstützung zu bekommen.
»Der Mann hat Familie«, sagte er schließlich. »Sie müssen mir Ihr Wort darauf geben, dass der Familie nichts passiert, dass sie nicht bestraft wird und dass sie, wenn sie das will, das Land verlassen darf.«
Er hob abwehrend die Hand, ehe Kirov darauf antworten konnte. »Dieser Mann war kein Verräter, General. Er war ein Patriot. Er ist nur deshalb zu mir gekommen, weil er nicht wusste, wie weit nach oben die Verschwörung reicht. Er hat alles, was er hier hatte, aufgegeben, damit, wenn etwas passiert, die Schuld nicht Russland zugeschoben wird.«
»Das kann ich verstehen«, nickte Kirov. »Sie haben meine feste Zusage, dass der Familie nichts geschehen wird. Außerdem ist die einzige Person, mit der ich sprechen werde, Präsident Potrenko es sei denn, Sie sagen, dass auch auf ihn irgendwie ein Verdacht fällt.«
»Ich kann nicht glauben, dass das der Fall ist«, erwiderte Smith.
»Dann sind wir uns einig. Lara, ich brauche eine Verbindung mit dem Offizier vom Dienst im Kreml. Sag ihm, dass es wichtig ist und dass ich bereits unterwegs bin.«
Er wandte sich wieder Smith zu. »Und jetzt den Namen, bitte.«
»Ich finde, du bringst diesem Amerikaner sehr viel Vertrauen entgegen«, sagte Lara Teljegin, als sie und Kirov durch die Tiefgarage zu seinem Wagen gingen. »Vielleicht zu viel. Wenn er ein Lügner ist oder, was noch schlimmer wäre, ein Provokateur, dann könnte sein, dass man dir am Ende ein paar äußerst peinliche Fragen stellt.«
Kirov erwiderte die Ehrenbezeigung seines Fahrers und trat zur Seite, um Lara einsteigen zu lassen.
»Peinliche Fragen«, sagte er, als sie beide
Platz genommen hatten. »Ist das alles?«
Sie blickte auf die Trennscheibe, die den Fond des Wagens vom
Fahrer abtrennte und vergewisserte sich, dass sie ganz geschlossen
war. Sie tat das instinktiv, die Geheimdienstschulung war ihr in
Fleisch und Blut übergegangen.
»Du weißt, was ich meine«, sagte sie. »Für einen Soldaten hast du
äußerst fortschrittliche Ansichten. Damit hast du dir schon eine
Menge Feinde gemacht.«
»Wenn du unter ›fortschrittlich‹ verstehst, dass ich mir wünsche,
dass aus Russland eine Nation des einundzwanzigsten Jahrhunderts
wird, dann bekenne ich mich schuldig«, erwiderte Kirov. »Und wenn
ich gelegentlich ein Risiko eingehen muss, um sicherzustellen, dass
derartige Ansichten sich gegen die Neandertaler durchsetzen, die
uns in ein bankrottes politisches System zurückführen möchten, dann
mag das ebenso sein.«
Er hielt sich fest, als der Wagen in den breiten Boulevard hinausschoss, der am Dscherschinski Platz entlangführte.
»Hör mir zu, Lara«, fuhr er dann eindringlich fort. »Männer wie Jon Smith geben nicht leichtfertig ihr Wort. Du kannst sicher sein, dass er mit der Billigung höchs ter Stellen in Washington hier ist. Die Leute an der Spitze der amerikanischen Regierung halten diese Information für wichtig genug, um Smith nach Moskau zu schicken. Verstehst du, was ich damit sagen will? Was man Smith erlaubt hat, womit man ihn beauftragt hat - nicht was er sagt -, ist für mich Legitimation dafür, was die Amerikaner in Händen zu haben glauben.«
»Das Wort eines Verräters«, sagte sie bitter.
Sie hatte zwanzig Minuten gebraucht, um zweifelsfrei in Erfahrung zu bringen, dass Juri Danko verschwunden war und dass man nicht wusste, wo er sich aufhielt. Nur die Amerikaner, verdammt sollen sie sein, wissen, dass er tot ist!
»Formal betrachtet war dieser Danko ein Verräter«, nickte Kirov. »Aber du musst doch auch das Dilemma erkennen, in dem er sic h befand: Was wäre gewesen, wenn er zu seinem Vorgesetzten gegangen wäre, oder vielleicht auch zu jemandem weiter oben in der Hierarchie, und sich dann herausgestellt hätte, dass der Betreffende selbst Teil dieser ›Verschwörung‹ ist? Dann wäre Danko dennoch tot, und wir würden gar nichts wissen.«
Kirov starrte durch die Panzerglasscheiben auf die vorbeihuschenden Straßenlaternen hinaus. »Du kannst mir glauben, ich hoffe inständig, dass die Amerikaner sich täuschen«, sagte er dann leise. »Mir wäre nichts lieber als Smith zeigen zu können, dass Bioaparat völlig sicher ist und dass er Opfer eines raffinierten Betrugsmanövers geworden ist. Aber solange ich das nicht kann, muss ich ihm unterstellen, dass er Recht hat. Das verstehst du doch, Duscha?«
Sie drückte seine Hand. »Besser als du denkst. Schließlich habe ich ja alles, was ich weiß, zu Füßen des Großen Meisters gelernt.«
Die schwere Limousine fuhr durch das Spassky Tor des Kremls und hielt an der Schranke, wo die Ausweise der Passagiere überprüft wurden. Ein paar Minuten später führte man Kirov und Teljegin in den Flügel des Kremls mit dem Apartment des Präsidenten und seinen Arbeitsräumen.
»Ich warte wohl besser hier«, sagte Lara Teljegin, als sie in der großen Kuppelvorhalle standen, die Peter der Große gebaut hatte. »Es wird bestimmt noch weitere Informationen über Danko geben, die ich inzwischen erhalten könnte.«
»Ja - ich hoffe da vor allem auf Smith«, erwiderte Kirov. »Aber im Augenblick, denke ich, ist es Zeit, dass du dich daran gewöhnst, vor deinen höchsten zivilen Vorgesetzten zu treten.«
Teljegin hatte Mühe, ihre Verblüffung und ihre Unsicherheit zu verbergen, als sie dem Sicherheitsbeamten über die breite Treppe nach oben folgten. Man führte sie in eine elegant eingerichtete Bibliothek, wo vor einem knisternden Kaminfeuer eine in einen dicken Morgenrock gehüllte Gestalt saß.
»Oleg Iwanowitsch, ich hoffe, Sie haben einen
guten Grund, um einem alten Mann den Schlaf zu rauben.«
Viktor Potrenkos Patriziergestalt erhob sich, und er schüttelte
Kirov die Hand.
»Darf ich Ihnen meine Adjutantin, Leutnant Lara Teljegin,
vorstellen«, sagte Kirov.
»Leutnant Teljegin«, murmelte Potrenko. »Ich habe Gutes über Sie
gehört. Bitte, nehmen Sie Platz.«
Lara hatte das Gefühl, dass Potrenko ihre Hand ein wenig länger als
nötig festhielt. Vielleicht stimmten die Gerüchte, dass der
fünfundsiebzig Jahre alte Präsident eine Schwäche für junge Frauen,
ganz besonders Ballerinen, habe.
Als sie Platz genommen hatten, fuhr Potrenko fort: »So, was ist
jetzt eigentlich mit Bioaparat los?«
Kirov berichtete schnell und knapp über sein Gespräch mit Smith.
»Ich glaube, wir müssen das sehr ernst nehmen«, schloss
er.
»Tun Sie das?«, sinnierte Potrenko. »Leutnant Teljegin, was meinen
Sie dazu?«
Lara war bewusst, dass ihre Antwort sehr wohl für ihre künftige
Karriere entscheidend sein konnte. Aber sie wusste auch, dass die
beiden Männer, die da vor ihr saßen, sich meisterhaft darauf
verstanden, auch das zu hören und zu begreifen, was sie nicht
sagte, jede Nuance in ihrem Tonfall. Sie würden jede Lüge und jede
Zweideutigkeit schneller entdecken als ein Falke einen Hasen
erspäht.
»Ich fürchte, ich muss den Teufelsadvokaten spielen, Herr
Präsident«, sagte sie und erklärte dann, welche Zweifel sie nach
wie vor plagten.
»Gut gesprochen«, lobte sie Potrenko. Er wandte sich Kirov zu.
»Diese Mitarbeiterin müssen Sie sich halten.«
Er machte eine kurze Pause. »Was sollen wir also tun? Einerseits
bringt es den Amerikanern überhaupt nichts ein, wenn sie uns auf
eine falsche Fährte locken. Andererseits tut es weh, wenn man sich
vorstellen muss, dass ein Diebstahl dieser Größenordnung vor
unserer Nase geschehen kann - ohne dass wir das überhaupt
merken.«
Potrenko stand auf, trat näher an das Kaminfeuer und wärmte seine
Hände. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis er schließlich wieder
das Wort ergriff. »Wir haben doch in der Nähe von Vladimir ein
Ausbildungslager für Speznaztruppen, nicht wahr?«
»Das ist richtig, Herr Präsident.«
»Rufen Sie den Kommandanten an und ordnen Sie mit sofortiger
Wirkung totale Quarantäne rings um Bioaparat an. Sie, Leutnant
Teljegin und Dr. Smith werden bei Tagesanbruch dorthin fliegen.
Wenn ein Diebstahl stattgefunden hat, werden Sie mich sofort
unterrichten. Unabhängig davon wünsche ich eine komplette
Überprüfung der Sicherheitsvorkehrungen.«
»Ja, Herr Präsident.«
»Oleg?«
»Herr Präsident?«
»Wenn auch nur ein Gramm Pockenerreger fehlt, alarmieren Sie sofort
unsere Virusjäger. Und dann verhaften Sie dort das gesamte
Personal.«
9
Nach der Landung auf dem Flughafen von Neapel nahm Peter Howell sich ein Taxi zum Hafen, wo er das Tragflügelboot bestieg, das ihn in einer halben Stunde über die Straße von Messina bringen würde. Durch die breiten Fenster der Lounge sah er zu, wie Sizilien am Horizont auftauchte, zuerst der Ätna, dann Palermo selbst, an die Flanken des Monte Pellegrino geschmiegt, die in ein Plateau auf Meereshöhe übergingen.
Von Griechen besiedelt und dann der Reihe nach von Römern, Arabern, Normannen und Spaniern erobert war Sizilien seit Jahrhunderten ein Tummelplatz für Soldaten und Söldner. Howell hatte die Insel sowohl als Besucher wie auch als Soldat kennen gelernt. Nachdem er das Tragflügelboot verlassen hatte, begab er sich ins Zentrum der Stadt - die Quattro Centri oder Vier Ecken. Er fand dort Unterkunft in einer kleinen Pensione, wo er schon bei früheren Besuchen in der Stadt abgestiegen war. Sie lag ein Stück abseits vom Touristenstrom, war aber auch zu Fuß nicht zu weit von den Orten entfernt, die Howell aufsuchen wollte. Seiner Gewohnheit entsprechend, erforschte Howell zunächst diese Bereiche der Stadt. Wie nicht anders zu erwarten, hatte sich seit seiner letzten Reise nichts verändert, und der Stadtplan, den er sozusagen im Kopf trug, leistete ihm gute Dienste. Schließlich kehrte er zu der Pensione zurück, schlief bis zum frühen Abend und begab sich dann in die Albergheria, ein Gewirr enger Gassen im Handwerkerviertel.
Sizilien war für die Kunstfertigkeit seiner Messermacher und die Qualität ihrer Produkte berühmt, und so hatte Howell keine Mühe, eine rasiermesserscharf geschliffene zehnzöllige Klinge mit einem massiven Ledergriff zu finden. Jetzt, wo er eine Waffe besaß, suchte Howell die Hafengegend auf, in der es Tavernen und Pensionen gab, die in den Reiseführern schamhaft verschwiegen wurden.
Howell wusste, dass die Bar La Pretoria hieß, obwohl es an der Steinmauer keine Tafel mit dieser Aufschrift gab. Der Raum war groß und überfüllt, mit Sägemehl auf dem Boden und verräucherten Balken an der niedrigen Decke. Fischer und Bootsbauer, Mechaniker und Matrosen saßen an langen Tischen und tranken Grappa, Bier oder herben sizilianischen Wein. Howell, der Cordhosen, einen alten Fischerpullover und eine Strickmütze trug, erweckte kaum Aufmerksamkeit. Er kaufte sich an der Bar zwei Grappa und trug die Gläser an einen der Tische.
Der Mann, bei dem er sich niederließ, war klein und kräftig gebaut, mit einem unrasierten, vom Meer und vom Wind gegerbten Gesicht. Kalte graue Augen musterten Howell durch dichten Zigarettenrauch.
»Ich war überrascht von dir zu hören, Peter«, sagte er mit heiserer Stimme.
Howell hob sein Grappaglas. »Salute, Franco.«
Franco Grimaldi - ehemaliges Mitglied der französischen Fremdenlegion und jetzt berufsmäßiger Schmuggler - legte die Zigarette weg und hob sein Glas. Das musste er, weil er nur über seinen rechten Arm verfügte, den linken hatte ihm ein tunesischer Rebell mit dem Säbel abgeschlagen.
Die beiden Männer kippten ihre Drinks, und dann klemmte sich Grimaldi die Zigarette wieder in den Mundwinkel. »Also, alter Freund. Was führt dich zu mir?«
»Die Rocca-Brüder.«
Grimaldis wulstige Lippen verzogen sich zu etwas, was man irrtümlicherweise für ein Lächeln hätte halten können. »Wie ich höre, ist es für die in Venedig nicht besonders gut gelaufen.«
Er sah Howell verschlagen von unten herauf an.
»Und von daher kommst du gerade, oder?«
»Die Roccas haben einen Vertrag erledigt, und anschließend hat
jemand sie erledigt«, antwortete Howell mit ausdrucksloser Stimme.
»Ich möchte wissen, wer das war.«
Grimaldi zuckte die Schultern. »Man tut gut daran, sich nicht zu
sehr für die Angelegenheiten der Roccas zu interessieren selbst
wenn sie tot sind.«
Howell schob ein Bündel amerikanische Dollars über den Tisch. »Ich
muss es wissen, Franco.«
Der Sizilianer ließ das Geld blitzschnell mit der Fingerfertigkeit
eines Zauberkünstlers verschwinden. »Ich habe gehört, dass es da
einen speziellen Kontrakt gegeben hat«, sagte er, und seine Hand,
die die Zigarette hielt, bedeckte dabei seinen Mund.
»Einzelheiten bitte, Franco.«
»Mehr weiß ich nicht. Die Roccas haben gewöhnlich kein Geheimnis
aus ihren Kontrakten gemacht - ganz besonders, wenn sie ein wenig
getrunken hatten. Aber hinsichtlich dieses Jobs haben sie keinen
Mucks getan.«
»Und du weißt darüber Bescheid, weil…?«
Grimaldi lächelte. »Weil ich mit ihrer Schwester schlafe, die den
Brüdern das Haus besorgt. Sie weiß über alles Bescheid, was hinter
diesen Mauern abläuft. Außerdem regt sie sich schnell auf und
klatscht gern.«
»Meinst du, du könntest deinen Charme einsetzen und noch ein paar
Einzelheiten aus ihr herausbekommen?«
Grimaldis Lächeln wurde breiter. »Das wäre harte Arbeit, aber für
einen guten Freund… Maria - so heißt sie
- hat wahrscheinlich noch gar nicht gehört, was in Venedig gelaufen
ist. Ich werde es ihr schonend beibringen, dann kann sie sich
anschließend an meiner Schulter ausweinen. Nichts lockert die Zunge
so wie tiefes Leid.«
Howell nannte ihm den Namen der Pensione, in der er wohnte.
»Ich melde mich dann im Laufe des Abends bei dir«, sagte Grimaldi.
»Wir treffen uns am üblichen Ort.«
Während Howell Grimaldi nachsah, wie dieser sich seinen Weg
zwischen den Tischen zur Tür bahnte, fielen ihm zwei Männer an
einem der kleineren Tische bei der Bar auf. Sie waren wie
Einheimische gekleidet, aber Einheimische trugen weder einen
Bürstenhaarschnitt noch waren sie wie Bodybuilder gebaut.
Soldaten.
Howell war mit dem großen amerikanischen Stützpunkt außerhalb von
Palermo gut vertraut. Als er noch bei der SAS gewesen war, hatte
man dort gelegentlich gemeinsame Einsätze mit den US Navy SEALS
vorbereitet. Aus Sicherhe itsgründen hielt sich das Personal
größtenteils innerhalb des Stützpunkts auf. Wenn die Soldaten ihn
verließen, dann gewöhnlich in Gruppen von sechs oder mehr und auch
dann nur, um die von ihnen frequentierten Clubs und Restaurants
aufzusuchen. Es gab keinen Anlass für diese beiden Muskelpakete,
sich im La Pretoria aufzuhalten, es sei
denn…
C-12.
Der Sprengstoff, der die Rocca-Brüder ins Jenseits befördert hatte,
war amerikanischer Herkunft. Das Neueste vom Neuen und streng
überwacht. Aber natürlich auf einem der größten US Stützpunkte in
Südeuropa erhältlich. War der Auftraggeber der Roccas - mutmaßlich
derjenige, der sie engagiert hatte, um Danko zu töten auch
derjenige gewesen, der den Sprengstoff in die Gondel praktiziert
hatte?
Als Howell seinen Tisch verließ, sah er sich die beiden Amerikaner
noch einmal an.
Oder war das Ganze von Anfang an ein
Militäreinsatz gewesen?
Kurz vor Mitternacht klopfte der verschlafene Portier der Pensione an Peter Howells Tür, um ihn darüber zu informieren, dass ihn jemand am Telefon verlange. Zu seiner Überraschung stellte er fest, dass sein Gast komplett angekleidet war, als ob er gerade hätte ausgehen wollen.
Howell telefonierte kurz, gab dem Portier ein Trinkgeld und verschwand in die Nacht. Der Mond stand hoch am Himmel und warf auf die mit Rollläden verschlossenen Geschäfte des Vuccira Markts gelblich fahles Licht. Howell überquerte den leeren Platz zur Piazza Bellini und schlenderte dann die Via Vittorio Emannuele, die Hauptstraße der Stadt, hinunter. Am Corso Calatofini bog er, jetzt nur noch knappe hundert Meter von seinem Ziel entfernt, nach rechts ab.
Die Via Pindemonte wird vom Convento di Cappuccini beherrscht - den Kapuzinerkatakomben. Die eigentliche Attraktion des Klosters, einem beeindruckenden Exemplar mittelalterlicher Baukunst, ruht unter der Erde. In den Katakomben rund um den Convento liegen über achttausend Leichen, sowohl von Laien als auch aus dem Priesterstand. Die Mumien befinden sich in Nischen, die die Korridore säumen, und tragen die Kleidung, die sie selbst vor ihrem Tod gewünscht hatten. Jene Leichen, die nicht entlang der kalten, schwitzenden Kalksteinwände aufgereiht sind, ruhen in vom Boden bis zur Decke aufgestapelten Glassärgen. Obwohl die Katakomben tagsüber der Öffentlichkeit zugänglich sind, stellen sie seit Jahrhunderten einen beliebten Zufluchtsort für Schmuggler dar. Es gab wenigstens ein Dutzend Zu- und Ausgänge, und Peter Howell, der die Katakomben gründlich studiert hatte, kannte sie alle.
Als er sich dem Tor zu dem parkähnlich ange legten Eingangsbereich des Klosters näherte, hörte er einen leisen Pfiff. Er tat so, als hätte er nicht bemerkt, wie Grimaldi aus den Schatten hervortrat, bis der Schmuggler nur noch wenige Schritte von ihm entfernt war. Das Mondlicht spiegelte sich in winzigen Lichtern in Grimaldis schwarzen Augen.
»Was hast du herausgefunden?«, fragte Howell.
»Etwas, für das es sich durchaus lohnt, das Bett noch einmal zu
verlassen«, erwiderte der Schmuggler. »Den Namen des Mannes, der
die Roccas engagiert hat. Er hat Angst. Er fürchtet, er könnte nach
den Roccas der Nächste sein und will Geld, um die Insel zu
verlassen und sich auf dem Festland zu verstecken.«
Howell nickte. »Geld ist kein Problem. Wo ist er?«
Grimaldi bedeutete dem Engländer mit einer Handbewegung, ihm zu
folgen. Sie huschten an dem hohen schmiedeeisernen Zaun entlang,
bis sie den Schatten der Klostermauern erreicht hatten. Jetzt wurde
der Schmuggler langsamer und duckte sich schließlich an einer
kleinen Tür im Zaun. Seine Finger tasteten über das Schloss, als
Howell plötzlich bewusst wurde, dass da etwas nicht
stimmte.
Das Schloss war bereits
offen!
Er bewegte sich blitzschnell. In dem Augenblick, in dem Grimaldi
die Tür aufstieß, versetzte er ihm einen Schlag auf den Schädel,
der ausreichte, um ihn zu betäuben, aber nicht ihn zu töten.
Grimaldi stieß einen halblauten Seufzer aus und sank bewusstlos zu
Boden.
Howell hielt keinen Augenblick inne. Er schob sich durch die Tür
und arbeitete sich an der Hecke entlang, die eine Art Korridor zum
Eingang der Katakomben bildete. Er entdeckte nichts, und das
bedeutete…
Die Falle war draußen, nicht drinnen!
Als er herumwirbelte, hörte Howell das Ächzen der Türangeln. Zwei
Schatten stürzten sich auf ihn. In dem Sekundenbruchteil, in dem
das Mondlicht ihre Gesichter erhellte, erkannte er die Soldaten aus
der Kneipe.
Im gleichen Augenblick hielt er das Messer in der Hand. Howell
wartete bis zum letzten möglichen Augenblick und vollführte dann
wie ein Matador eine Drehung auf dem Absatz, um den ersten Soldaten
an sich vorbeischießen zu lassen. Die Klinge zuckte hoch und zur
Seite, quer über den Unterleib des Mannes.
Howell wartete nicht ab, bis der Killer zu Boden gegangen war. Er
fintete nach rechts, sprang aber nach links - konnte jedoch damit
den zweiten Soldaten nicht täuschen. Er hörte das leise
Pfft! einer schallgedämpften Pistole.
Der heiße Atem der Kugel sauste an seiner Schläfe vorbei. Howell
duckte sich, stieß sich mit beiden Beinen ab, trat mit dem Absatz
nach der Kniescheibe des Angreifers und packte die Pistole. Aber
noch ehe er die Waffe auf den Soldaten richten konnte, sah er, wie
Grimaldi sich taumelnd aufrappelte. Die für den Soldaten bestimmte
Kugel zerfetzte dem Schmuggler die Kehle. Als der zweite Soldat
floh, schob Howell die Waffe in den Gürtel, rannte zu Grimaldi
hinüber und zerrte ihn durch die Tür im Zaun zum Eingang der
Katakomben. Ganz wie er das erwartet hatte, war auch diese Tür
nicht versperrt. Den ersten verwundeten Soldaten stieß er vor sich
her.
Ein paar Minuten später befand sich Howell tief im Inneren des
Tunnellabyrinths des Klosters. Das Licht einer Lampe, die am Boden
gestanden hatte, fiel auf die Szene: Grimaldi lag neben einem
großen, in den Betonboden eingelassenen runden Schacht, von dem man
bereits den Deckel abgenommen hatte. Der verwundete Soldat, dessen
Jackett vorne über und über mit Blut beschmiert war, kauerte an dem
nicht ganz einen Meter hohen Betonring.
»Name.«
Der Atem des Soldaten ging rasselnd, und sein Gesicht war von dem
Blutverlust grau. Er hob langsam den Kopf. »Leck mich!«
»Ich habe Ihre Taschen durchsucht«, sagte Howell. »Keine Geldbörse,
keine Papiere, nicht einmal Etiketten an Ihrem Hemd. Bloß Leute,
die viel zu verbergen haben, machen sich diese Mühe. Also, raus mit
der Sprache, was verbergen Sie?«
Der Soldat spuckte nach ihm, aber Howell war schneller. Er zerrte
seinen Gefangenen in die Höhe.
»Haben Sie die Wachleute des Klosters getötet?«, fragte er. »Haben
Sie sie dort beseitigt?«
Er packte den Soldaten am Hals und zog ihn halb über den
Betonrand.
»Wollten Sie mich dort hinunterwerfen?«
Der Soldat schrie auf, als Howell, der ihn am Jackettkragen hielt,
über das gähnende schwarze Loch zerrte. Aus fünfzehn Meter Tiefe
schlug ihm der Gestank von fauligem, abgestandenem Wasser
entgegen.
Howell sah auf die roten Punkte hinunter, die in der Tiefe
herumhuschten.
»Ratten. Dort unten ist vermutlich genug Wasser, dass der Sturz Sie
nicht umbringt. Aber die Tierchen werden das besorgen - sehr
langsam.«
Er zog den Mann zurück.
Der Soldat leckte sich die Lippen. »Sie würden mich doch
nicht…«
Howell starrte ihn an. »Sie sind verwundet. Ihr Partner ist über
alle Berge. Geben Sie mir das, was ich brauche, dann verspreche ich
Ihnen, dass Sie nicht zu leiden brauchen. Hören Sie das?«
Howell stieß ihn zu Boden, ging dann zu der reglos daliegenden
Leiche Franco Grimaldis hinüber und hob sie auf. Er trug sie zu der
Öffnung und kippte sie ohne zu zögern in den Abgrund. Im nächsten
Augenblick war ein lautes Klatschen zu hören, und gleich darauf das
schrille Pfeifen der Ratten, die sich auf ihr Opfer
stürzten.
Der Soldat verdrehte entsetzt die Augen.
»Name?«
»Nichols. Travis Nichols. Master Sergeant. Mein Partner heißt
Patrick Drake.«
»Special Forces?«
Nichols stöhnte, als er nickte.
»Wer hat Sie auf mich angesetzt?«
Nichols starrte ihn an. »Ich kann nicht…«
Howell packte ihn und riss ihn zu sich heran. »Jetzt hören Sie mir
zu. Selbst wenn Sie überleben würden, wären Sie bloß noch ein
Faden, der darauf wartet, dass jemand ihn abschneidet. Besonders
wenn bekannt wird, dass ich nicht tot bin. Ihre einzige Chance ist
jetzt, mir die Wahrheit zu sagen. Wenn Sie das tun, tue ich das,
was ich für Sie tun kann.«
Nichols sackte gegen den Betonring. Die Worte sprudelten ihm in
hellroten Blasen über die Lippen. »Drake und ich gehörten zu einer
Sonderstaffel. Schmutzige Arbeit. Streng geheime Kommunikation.
Einer von uns bekam einen Anruf - falsch verbunden, nur dass es das
natürlich nicht war. Und dann gingen wir zum Postamt, wo wir ein
Schließfach gemietet hatten. Und dort fanden wir dann unsere
Anweisunge n.«
»Schriftlich?«, fragte Howell skeptisch.
»Auf Notizzetteln. Bloß ein Name oder ein Ort. Anschließend trafen
wir uns dann mit einer Kontaktperson, und von der haben wir
Einzelheiten erfahren.«
»In diesem Fall war der Kontakt Grimaldi. Wie lautete Ihre
Anweisung?«
»Sie zu töten und die Leiche zu beseitigen.«
»Warum?«
Nichols blickte zu Howell auf. »Sie und ich machen denselben Job.
Sie wissen, dass niemand für solche Dinge Gründe angibt.«
»Wer ist ›niemand‹?«
»Die Anweisungen hätten von einem Dutzend Orten kommen können: dem
Pentagon, dem Geheimdienst der Army in Frankfurt, der NSA. Sie
können sich’s aussuchen. Aber bei schmutziger Arbeit wissen Sie,
dass es von ganz oben gekommen sein muss, ich meine wirklich ganz
weit oben. Hören Sie, Sie können mich zu den Ratten hinunterwerfen,
aber deshalb kriegen Sie auch keinen Namen. Sie wissen, wie diese
Dinge laufen.«
Das wusste Howell.
»Sagt Ihnen der Name Dionetti etwas?«
Nichols schüttelte den Kopf. Seine Augen waren glasig.
Howell war klar, dass niemand außer Dionetti - der Mann, der ihm
sein Haus geöffnet und ihn Freund genannt hatte - von seiner Reise
nach Palermo wusste. Dionetti… mit dem er ein kleines
Plauderstündchen halten würde.
»Wie sollten Sie über den erfolgreichen Abschluss dieses Einsatzes
berichten?«, fragte Howell.
»Eine Nachricht in einem Postschließfach - spätestens morgen
Mittag. Nummer 67. Jemand wird kommen… Herrgott, das tut
weh!«
Howell beugte das Gesicht dicht über Nichols Lippen. Er brauchte
noch eine letzte Auskunft von Nichols und betete darum, dass der
Soldat genügend Kraft hatte, ihm die zu geben. Er spitzte die
Ohren, als der Soldat schließlich sein wertvollstes Geheimnis
preisgab. Dann hörte er das leise Gurgeln seines Todes.
Howell ließ die Lampe, wo sie war, und nahm sich einen Augenblick
Zeit, sich zu fassen. Dann stemmte er die Leiche hoch und kippte
sie in die Tiefe. Schnell, um das Pfeifen der Ratten nicht
mitzubekommen, schob er den schweren Deckel über die Öffnung und
sicherte ihn.
10
Auf den ersten Blick hätte man den Bioaparat Komplex für den Campus eines kleinen College halten können. Die roten Ziegelbauten mit ihren Schieferdächern waren miteinander durch Plattenwege verbunden, die Türen und Fenster weiß lackiert. Unter den altmodischen Kutschenlampen schimmerte im Gras frischer Tau. Ein paar quadratisch abgegrenzte Flächen waren mit Steinbänken und vorfabrizierten Betontischen versehen, damit die Angestellten dort ihr Mittagessen einnehmen oder vielleicht auch miteinander Schach spielen konnten.
Am Tag freilich, wenn man den Stacheldraht auf der dreieinhalb Meter hohen Betonwand erkennen konnte, die die ganze Anlage umgab, wirkte das Ganze bei weitem nicht so beschaulich. Bei genauerem Hinschauen konnte man dann, wie auch jetzt, Wachpatrouillen mit Maschinenpistolen und an der Leine geführten Doggen sehen. Im Inneren einiger Gebäude gab es auch wesentlich modernere und kompliziertere Sicherheitsvorkehrungen.
Dass man bei der äußeren Gestaltung von Bioaparat nicht auf Kostenersparnis aus gewesen war, hatte gute Gründe: Die Anlage stand den internationalen Waffeninspektoren offen, deshalb hatten die bei der Planung eingeschalteten beratenden Psychologen empfohlen, ein warmes, anheimelndes Ambiente anzustreben, das nicht bedrohlich wirkte und doch einen gewissen Respekt vermittelte. Man hatte eine ganze Anzahl von Entwürfen studiert und sich am Ende für einen entschieden, der starke Anleihen bei amerikanischen Campus Anlagen erkennen ließ. Die Psychologen hatten sich mit der Begründung dafür ausgesprochen, dass die meisten Inspektoren Akademiker seien oder dies zumindest früher einmal gewesen wären. Sie würden sich daher in einer solchen Umgebung, die den Eindruck der reinen, den Menschen nützlichen Forschung vermittelte, wohl fühlen. Und mit dieser Grundeinstellung würden die Inspektoren mit hoher Wahrscheinlichkeit darauf verzichten, den Detektiv zu spielen und sich gutwillig leiten lassen.
Die Psychologen hatten sich nicht getäuscht: Die multinationalen Teams, die Bioaparat besucht hatten, waren von dem Ambiente ebenso wie von der modernen Ausstattung der Anlage beeindruckt gewesen. Der vertraute Anblick, der sich ihnen auch im Inneren bot, hatte diese Illusion noch gefördert: Fast sämtliche Geräte bei Bioaparat stammten aus dem Westen: amerikanische Mikroskope, französische Heizöfen und Testgeräte, deutsche Reaktoren und japanische Fermentationsapparate. Die Inspektoren brachten derartige Geräte mit speziellen Forschungsvorhaben in Verbindung, insbesondere die Erforschung der Brucella melintensis, einer Bakterie, die hauptsächlich Rinder befällt, sowie eines das Wachstum in verschiedenen Saaten fördernden Milchproteins namens Kasein. Dutzende von mit weißen Laborkitteln bekleidete Mitarbeiter, die in makellos sauberen Labors ihrer Arbeit nachgingen, trugen dazu bei, die gewünschte Wirkung hervorzurufen. Von dem Eindruck von Ordnung und Effizienz geradezu eingelullt, neigten die Inspektoren deshalb dazu, auch das, was sie in Block 103 zu sehen bekamen, nicht weiter zu hinterfragen. Block 103 war ein Zone 2 Gebäude, dessen Konstruktionsprinzip an eine Matrioschka-Puppe erinnerte. Wenn es möglich gewesen wäre das Dach abzunehmen, hätte man eine Schachtel in der Schachtel entdeckt. Die äußere Schale war dem Verwaltungs- und Sicherheitspersonal vorbehalten, das unmittelbar für die sic here Verwahrung der Pockenerreger verantwortlich war. Die erste der beiden inneren Schalen wurde als »heiße« Zone bezeichnet und enthielt Tierkäfige, speziell für die Arbeit mit Krankheitserregern entwickelte Labors und riesige auf sechzehn Tonnen ausgelegte Fermentationsanlagen. Die zweite Schale, der eigentliche Kern des ganzen Bauwerks, enthielt nicht nur den an einen gewaltigen Banksafe erinnernden Kühlraum, in dem die Pockenerreger aufbewahrt wurden, sondern reihenweise Zentrifugen und Trockenapparate aus rostfreiem Stahl. Mit diesen Geräten wurden die Experimente durchgeführt, die das Ziel hatten, Variola major sein Geheimnis zu entlocken. Das Ziel der einzelnen Tests, ihre Dauer, die jeweils benutzte Menge an Pockenerregern und die Testergebnisse wurden in einem Computer registriert, zu dem ausschließlich die internationalen Inspektionsteams Zugang hatten. Man hatte diese Sicherheitsvorkehrungen entwickelt, um den unzulässigen Einsatz von Pockenerregern für Genkoppelungs- oder Replikationsexperimente zu verhindern.
Die Inspektionsteams hatten in Block 103 nie irgendwelche Hinweise darauf gefunden, dass dort andere Forschungsarbeiten als die offiziell zulässigen stattfanden. Ihre Berichte waren voll des Lobes für die russischen Wissenschaftler und deren hingebungsvolle Arbeit, mit der sie zu ergründen suchten, ob Pockenerreger möglicherweise auch für andere Seuchen verantwortlich waren, die die Menschheit auch heute noch heimsuchten. Und nachdem sie am Ende die beeindruckenden Sicherheitsvorkehrungen - die fast ausschließlich auf elektronischer und Videoüberwachung beruhten und daher fast ganz auf menschliches Personal verzichten konnten überprüft hatten, bestätigten die Inspektoren den einwandfreien Zustand von Block 103. Schließlich gab es kein einziges Gramm Variola, für das keine Belege vorhanden gewesen wären.
Im Wachbuch der Speznaz-Ausbildungseinheit von Vladimir war der Anruf von Präsident Potrenko um 01:03 Uhr registriert worden. Sechs Minuten später klopfte einer der Dienst habenden Offiziere an die Tür der Baracke von Oberst Wassili Kravtschenko. Um halb zwei saß Kravtschenko in seinem Büro und nahm telefonisch Potrenkos detaillierte Anweisung entgegen, Bioaparat mit einem unsichtbaren Quarantäne-Kordon von der Außenwelt abzuriegeln.
Kravtsche nko, ein nicht sehr großer, muskulöser Mann, war ein Veteran des Afghanistan Krieges, mehrerer Einsätze in Tschetschenien und anderen Orten, an die man seine Speznaz-Trupps geschickt hatte. Nach einer schweren Verwundung hatte man ihn aus dem aktiven Dienst genommen und nach Vladimir geschickt, um dort die Ausbildung neuer Rekruten zu leiten. Nachdem er sich Potrenkos Anweisungen angehört hatte, war Kravtschenko mit dem Timing des Anrufs durchaus zufrieden: Er verfügte über zweihundert Soldaten, die gerade ihre Feldübungen abgeschlossen hatten. Mit ihnen konnte er, wenn es nötig war, die ganze Stadt Vladimir, geschweige denn das Bioaparatareal abriegeln.
Kravtschenko beantwortete Potrenkos Fragen schnell und knapp und versicherte ihm, dass seine Männer in höchstens einer Stunde ihre Positionen bezogen haben könnten. Niemand bei Bioaparat oder in der Stadt würde etwas bemerken.
»Herr Präsident«, sagte er. »Wie lautet meine Anweisung, falls jemand nach Einrichtung der Quarantäne versucht, Bioaparat zu verlassen?«
»Eine einmalige Warnung, Oberst. Nur eine. Falls der Betreffende Widerstand leistet oder zu fliehen versucht, sind Sie ausdrücklich autorisiert, Waffengewalt einzusetzen. Die Gründe dafür brauche ich Ihnen nicht zu nennen.«
»Nein, Herr Präsident.«
Kravtschenko war nur zu gut darüber informiert,
was für höllisches Zeug in den streng geheimen Räumen von Bioaparat
gelagert wurde. Er hatte in Afghanistan selbst chemische
Kriegführung miterlebt und würde die schrecklichen Bilder nie
vergessen, die er damals gesehen hatte. »Ich werde Ihre Anordnungen
befehlsgemäß ausführen, Herr Präsident.«
»Und ich erwarte, dass Sie mir Meldung machen, wenn der
Sicherheits-Kordon steht, Oberst.«
Während Kravtschenko und Potrenko noch telefonierten, befand sich Leutnant Grigori Yardeni von der BioaparatSicherheitsabteilung (BSA) in seinem Büro in Block 103. Sein Blick war auf die Reihe von Fernsehschirmen vor ihm gerichtet, als das Handy in seiner Tasche klingelte. Die Stimme des Anrufers war von einem Synthesizer verzerrt und klang wie ein halb ersticktes Flüstern. »Tun Sie es jetzt. Und seien Sie darauf vorbereitet, Option zwei einzuleiten. Haben Sie verstanden?«
Yardeni hatte Mühe, die Worte über die Lippen zu bringen: »Option zwei.«
Einen Augenblick lang saß er wie erstarrt da, er hatte sich so viele Nächte lang ausgemalt, diesen Anruf zu erhalten, dass er ihm jetzt, wo er endlich gekommen war, beinahe unwirklich erschien.
Du hast dein ganzes Leben auf diese Chance gewartet. Tu es jetzt, Über die Zonen eins und zwei waren insgesamt sechzig Kameras verteilt, die man alle an Videorecorder angeschlossen hatte. Die Recorder selbst waren in einem feuersicheren Schrank untergebracht, dessen Zeitschloss sich nur jeweils am Ende einer Schicht und auch nur von Yardenis Vorgesetzten öffnen ließ. Außerdem waren die Videorecorder gegen jeden unbefugten Eingriff gesichert. Yardeni war seit langem bewusst, dass es nur eine einzige Möglichkeit gab, den Diebstahl durchzuführen.
Der Leutnant war ein hoch gewachsener, muskulöser junger Mann mit welligem blondem Haar und gut geschnittenen Gesichtszügen. Im Little Boy Blue Cabaret, einem Männer Striptease Club in Vladimir, war er einer der Lieblinge des Publikums. Jeden Dienstag und jeden Donnerstag rieben sich Yardeni und ein paar andere BSAOffiziere Babyöl auf ihre Muskelpakete und vollführten vor schreienden Frauen ihre lasziven Verrenkungen. In diesen paar Stunden verdienten sie mehr Geld als in einem ganzen Monat ihres Dienstes für den Staat.
Aber Yardeni hatte immer höhere Ziele vor Augen gehabt. Er liebte Actionfilme über alles, und Arnold Schwarzenegger war sein Lieblingsstar; nur dass der allmählich anfing, alt zu werden. Für Yardeni gab es keinen Grund, weshalb jemand, der so aussah wie er, nicht einmal an Arnolds Stelle treten sollte. Er hatte gehört, dass Hollywood für Typen wie ihn mit der richtigen Einstellung so etwas wie ein Mekka war.
Die letzten drei Jahre hatte Yardeni Pläne geschmiedet, in den Westen zu gelangen. Einen der Gründe, die ihn an der Erfüllung seines Traums hinderten, hatte er mit Tausenden anderer Russen gemeinsam: das liebe Geld. Nicht nur für die unerschwingliche Ausreisesteuer und die Flugpassage, sondern auch für das, was er nachher zum Leben brauchen würde, reichte es nicht. Yardeni hatte Bilder von Bel-Air gesehen; er hatte keine Lust, ohne einen Penny in Los Angeles einzutreffen und dann gezwungenermaßen im russischen Einwandererghetto zu landen.
Der Leutnant warf einen Blick auf die Uhr über seinem Arbeitstisch und stand auf, wobei sich die Uniformbluse über seiner breiten Brust spannte. Es war beinahe ein Uhr, jener Zeitpunkt in der Nacht, an dem der Körper sich im tiefsten Ruhezustand befindet und am verletzlichsten ist. Abgesehen von den Männern, die draußen mit ihren Hunden Patrouille gingen, und den Sicherheitsposten im Inneren der Anlage, schlief auch Bioaparat.
Yardeni rekapitulierte die geplante Vorgehensweise, die er bereits auswendig kannte, noch einmal im Kopf, richtete sich dann entschlossen auf und öffnete die Tür. Als er durch Zone eins schritt, dachte er an den Mann, der vor beinahe einem Jahr an ihn herangetreten war. Der Kontakt war im Little Boy Blue erfolgt, und er hatte zuerst gedacht, der Mann, einer der wenigen in dem Lokal, wäre ein Homosexueller. Dieser Eindruck hielt freilich nur so lange an, bis der Mann ihm klargemacht hatte, wie gut er mit Yardenis Lebensumständen vertraut war. Er sprach von seinen Eltern und seiner Schwester, lieferte Einzelheiten aus seiner Schulzeit und seiner militärischen Laufbahn, wusste darüber Bescheid, dass Yardeni BoxChampion seiner Division gewesen war und dass man ihn degradiert hatte, als er in einem Wutanfall einen seiner Kameraden beinahe mit bloßen Fäusten umgebracht hätte. Der Mann hatte Yardeni darauf hingewiesen, dass seine Karriere aller Erfahrung nach hier in Bioaparat enden und er hier herumsitzen und seine Zeit verträumen würde, als eine Art Babysitter für jene anderen, die tatsächlich in die Welt hinauszogen und die Städte des Westens in ihrem Lichterglanz besuchten. Aber es gab natürlich immer eine Möglichkeit, das Blatt zu wenden…
Bemüht, nicht an die Kameras zu denken, begab sich Yardeni durch einen als »Sanitärgang« bezeichneten Korridor in Zone zwei. In Wirklichkeit handelte es sich um eine Folge kleiner steriler Räume mit Verbindungstüren dazwischen, die mit Codeschlössern gesichert waren. Die Schlösser stellten für Yardeni kein Hindernis dar; er besaß eine Schlüsselkarte und die Mastercodes.
Im ersten Raum, einer Wechselkabine, angelangt, zog er sich aus und drückte den roten Knopf an der Wand. Ein feiner Dekontaminationsnebel hüllte ihn ein.
In den nächsten drei Räumen waren unterschiedliche Teile der Seuchenschutzkleidung untergebracht: Blaue Socken und lange Unterwäsche; ein Baumwollkittel mit Kapuze; das Atemgerät, Stiefel und eine Schutzb rille. Bevor Yardeni in den letzten Umkleideraum trat, griff er nach einem Gegenstand, den er bei Beginn seiner Schicht dort in einem Spind verwahrt hatte: einem Thermosbehälter aus Aluminium etwa von der Größe und Form einer Trinkflasche.
Er hob den Behälter mit seiner behandschuhten Hand auf. Was äußerlich wie ein teures Spielzeug aus dem Westen aussah, funktionell, mit etwas auffälligem Design, war in Wirklichkeit ein wahres Wunder der Technik. Selbst wenn man den Deckel abschraubte und hineinsah, fiel einem noch nichts auf. Nur wenn man den Flaschensockel im Gegensinn des Uhrzeigers drehte, gab der Behälter sein Geheimnis preis.
Yardeni drehte vorsichtig an dem Sockel, bis er ein Klicken hörte. Innerhalb der Doppelwände gaben winzige Kammern den in ihnen gespeicherten Stickstoff frei. Kurz darauf fühlte der Behälter sich kalt an, wie ein mit gestoßenem Eis gefülltes Glas.
Yardeni steckte ihn in die Tasche seines Schutzanzugs, öffnete die Tür zu dem Zone zwei Labor und ging dort an ein paar Arbeitstischen aus rostfreiem Stahl vorbei zu einem Gerät, das die Wissenschaftler spaßhaft den ColaAutomaten nannten. Tatsächlich handelte es sich um einen begehbaren Kühlschrank mit einer hermetisch schließenden Tür aus einer speziellen Plexiglaskonstruktion. Yardeni erinnerte die Tür immer an die kugelsicheren Sperren in den Kassenzellen im American Express Büro.
Er steckte den Codeschlüssel in den Schlitz, tastete die Kombination ein und lauschte dann dem lang gezogenen leisen Zischen, als die Tür zurückschwang. Drei Sekunden später schloss sie sich hinter ihm.
Yardeni zog eine der Schubladen auf, die mehrere Reihen von Glasröhrchen enthielt. Er holte den Kühlbehälter aus der Tasche, schraubte ihn in der Mitte auseinander und legte die obere Hälfte zur Seite. In den Sockel waren sechs Schlitze eingelassen, vergleichbar der Trommel eines Revolver. Er schob in jeden der Schlitze eine Ampulle, setzte dann den Deckel des Behälters wieder auf und schraubte ihn sorgfältig zu.
Mit Hilfe seiner Schlüsselkarte verließ er den ColaAutomaten und gleich darauf auch das Labor. Die Prozedur in den Umkleideräumen wiederholte sich in umgekehrter Reihenfolge, wobei die jeweiligen Teile des Schutzanzugs in Beuteln verwahrt wurden, die später in die Verbrennungsöfen wandern sollten. Nach einem zweiten Dekontaminationsnebel war er bereit, sich wieder anzuziehen, nur dass er diesmal nicht seine Uniform, sondern legere Kleidung anlegte - Jeans, ein Sweatshirt und einen voluminösen Parka.
Ein paar Minuten später stand Yardeni im Freien und atmete in tiefen Zügen die kühle Nachtluft ein. Eine Zigarette beruhigte seine zum Zerreißen gespannten Nerven. Option zwei, hatte die Stimme gesagt. Das bedeutete, dass etwas schief gelaufen war. Die Wahl des richtigen Augenblicks, um die Variola Proben zu entwenden, stand Yardeni nicht frei, sondern er musste jetzt sofort handeln. Und zwar schnell, weil Moskau aus irgendeinem Grund Argwohn geschöpft hatte.
Yardeni war über die Speznaz Garnison außerhalb
von Vladimir unterrichtet. Er hatte sich mit einigen der jungen
Männer in den Kneipen der Stadt angefreundet; es waren tüchtige,
zähe Burschen, niemand, mit dem er sich je gerne anlegen würde.
Aber die Wodkarunden, die er bezahlt hatte, hatten ihm wertvolle
Informationen eingebracht. Er wusste ganz genau, was für Übungen
die Speznaz-Männer machten und welche Zeiten dafür angesetzt
waren.
Yardeni trat seinen Zigarettenstummel aus und setzte sich in
Richtung auf eines der Wachhäuschen am äußeren Rand der Anlage in
Bewegung. Wie es bisher in jeder Nacht des vergangenen Monats der
Fall gewesen war, würden auch heute Kameraden aus seiner alten
Einheit dort zum Dienst eingeteilt sein. Yardeni würde ihnen
erklären, dass er Dienstschluss habe, und die Männer würden sich
über ihn lustig machen und sagen, dass er gerade noch Zeit für die
letzte Show im Little Boy Blue hätte.
Und wenn jemand sich die Mühe machte, einen Blick auf die vom
Computer ausgedruckte Einsatzliste zu werfen, dann sollte er das
ruhig tun.
Kravtschenko war die letzte Dreiviertelstunde nicht müßig gewesen. Nirgends in der Ausbildungsanlage war das Licht angegangen, kein Alarm war zu hören gewesen. Seine Soldaten wurden im Schutz der Dunkelheit geweckt und erhielten ihre Einsatzbefehle. Dann rumpelten die ersten gepanzerten Mannschaftswagen durch die Tore. Gegen das Motorengeräusch konnte Kravtschenko nichts unternehmen, und er kümmerte sich auch nicht darum. Die Bürger von Vladimir und die Leute von Bioaparat, die dort in der Nachtschicht tätig waren, hatten sich an nächtliche Militärübungen gewöhnt.
Kravtschenko, der in dem vordersten Einsatzfahrzeug saß, lenkte seine Fahrzeugkolonne auf die zweispurige Straße, die aus der Anlage nach draußen führte. Seine Anweisungen waren klar und eindeutig gewesen; wenn sich auf dem Bioaparat-Gelände ein Verräter befand, würde dieser nicht mehr herauskommen. Und Kravtschenko, ein äußerst praktisch veranlagter Mann, konnte dafür garantieren, dass niemand den Quarantänegürtel durchbrach.
»Grigori?«
»Ich bin’s, Oleg.«
Yardeni trat vor den kleinen Ziegelbau des
Wachhäuschens. Ein Kollege von der BSA-Wache
stand davor und rauchte eine Zigarette.
»Ist deine Schicht um?«
Yardeni gab sich gelangweilt. »Mhm. Arkadi ist früher eingetroffen.
Er schuldet mir noch etwas Zeit aus dem letzten Monat. Jetzt kann
ich nach Hause gehen und ein wenig schlafen.«
Arkadi war Yardenis Ablösung, und Yardeni nahm an, dass er um diese
Zeit neben seiner fetten Frau im Bett lag und erst in vier Stunden
aufkreuzen würde. Aber Yardeni hatte den Computer dazu veranlasst,
die Dinge anders darzustellen.
»Augenblick, bitte.«
Yardeni drehte sich in die Richtung, aus der die Stimme durch das
offene Fenster des Wachhäuschens gekommen war. Drinnen stand ein
Soldat, dem er noch nie begegnet war. Er sah seinen Freund
an.
»Du hast mir gar nicht gesagt, dass Alex heute nicht da
ist.«
»Er hat Grippe. Das ist Marko. Er hat gewöhnlich untertags
Dienst.«
»Na schön. Würdest du ihm bitte sagen, dass er mich aus diesem Loch rauslassen soll? Mir wird allmählich kalt.«
Als Oleg die Tür des Wachhäuschens öffnete, wurde Yardeni bewusst, dass es bereits zu spät war: Der andere Posten war bereits dabei, die Computerliste zu überprüfen.
»Ihre Ablösung ist zwar eingetragen, Leutnant, aber in der Liste ist kein Schichtwechsel registriert«, sagte er. »Formal betrachtet haben Sie Ihren Posten unbewacht verlassen.«
Der anklagende Tonfall des Mannes veranlasste Yardeni zum Handeln. Sein Freund Oleg wandte ihm den Rücken zu und sah deshalb nicht, wie Yardenis Arm sich um seinen Hals legte; er spürte nur ein scharfes Ziehen, ehe sein Genickwirbel brach.
Der zweite Posten fummelte an seiner im Futteral steckenden Pistole herum, als Yardenis Handkantenschlag seinen Hals traf.
Nachdem der Posten um Atem ringend zu Boden gesunken war, hatte Yardeni keine Mühe, ihm ebenfalls das Genick zu brechen.
Er taumelte aus dem Wachhäuschen und knallte die Tür hinter sich zu. Jetzt setzten Instinkt und Ausbildung ein. Er setzte sich in Bewegung und entfernte sich mit gemessenen Schritten, den alten Infanterierefrain in den Ohren: Und links, zwei, drei, vier, links, zwei, drei, vier…
Ausserhalb der Schutzmauer sah Yardeni die Lichter von Vladimir und hörte das einsame Pfeifen eines Zugs in der Ferne. Das Geräusch riss ihn in die Wirklichkeit zurück, erinnerte ihn an das, was er noch tun musste. Er verließ die Straße und ging auf den Wald zu, der Bioaparat umgab. Viele Stunden schon hatte er dort verbracht und hatte deshalb keine Mühe, im Mondlicht den richtigen Weg zu finden. Er begann zu laufen.
Dabei malte er sich die nächsten Etappen aus. Eine Kontaktperson sollte ihn erwarten. Der Mann würde den Pass bei sich haben, der Yardeni als einen Geschäftsmann aus Kanada auswies, der sich zu Besuch in Russland aufhielt. Außerdem würde die Kontaktperson ihm ein Ticket für einen Air Canada Flug und ein dickes Bündel amerikanischer Dollars übergeben, um sich damit über Wasser zu halten, bis er Toronto erreichte, wo viel Geld und neue Ausweispapiere für ihn auf einer Bank bereitlagen.
Vergiss Oleg! Vergiss den anderen! Du bist schon beinahe frei!
Yardeni befand sich mitten im Wald, als er langsamer wurde und schließlich stehen blieb. Seine Hand griff in die gesicherte Tasche seines Parka, und seine Finger legten sich um den kalten Aluminiumbehälter. Der Weg in sein neues Leben lag endlich vor ihm.
Und dann hörte er es - das schwache Brausen
schwerer, sich nähernder Fahrzeuge. Sie bewegten sich in westlicher
Richtung auf das Gelände zu, das er gerade verlassen hatte. Yardeni
hatte keine Mühe, sie nach den Geräuschen zu identifizieren, die er
hörte: Mannschaftswagen. Aber er geriet nicht in Panik. Schließlich
war er mit der Vorgehensweise der Speznaz vertraut. Sobald er sich
außerhalb des Sperrgürtels befand, war er in Sicherheit. Er begann
wieder zu laufen.
Einen knappen Kilometer außerhalb der Stadt sah Kravtschenko die
Scheinwerfer, die die Außenmauern von Bioaparat in grellweißes
Licht tauchten. Er erteilte Befehl, die Hauptstraße zu verlassen
und führte die Fahrzeuge über Feldwege weiter, bis sie einen
undurchdringlichen stählernen Ring um die Anlage bildeten. An
sämtlichen Zugangswegen zu dem Komplex wurden Straßensperren
errichtet. Anschließend postierte er nur dreißig Meter von der
Ziegelmauer entfernt im Abstand von jeweils fünfzig Meter
Beobachtungseinheiten. Scharfschützen mit Infrarotzielgeräten
nahmen Aufstellung. Um 2 Uhr 45 informierte Kravtschenko über
Satellitenrelais seinen Präsidenten, dass die Schlinge sich
geschlossen habe.
»Herr Oberst?«
Kravtschenko drehte sich zu seinem
Stellvertreter herum. »Ja, Nummer zwei?«
»Herr Oberst, einige von den Männern haben… Fragen gestellt. Ist
etwas nicht in Ordnung? Hat es einen Zwischenfall
gegeben?«
Kravtschenko zog ein Päckchen Zigaretten heraus. »Ich weiß, dass
einige von den Männern in der Stadt Familie haben. Sie können ihnen
sagen, dass sie sich keine Sorgen zu machen brauchen. Und das ist
alles, was Sie ihnen sagen dürfen - für den Augenblick.«
»Danke, Herr Oberst.«
Kravtschenko blies eine Rauchwolke in die kalte Nachtluft. Er war
ein guter Befehlshaber und hatte Verständnis dafür, dass man
ehrlich sein musste, wenn man Männer führte. Alles andere hatte auf
lange Sicht keinen Bestand. Aber in der augenblicklichen Situation
hielt er es nicht für klug noch hinzuzufügen, dass in diesem
Augenblick eine Iljuschin Transportmaschine der Abteilung für
militärische Seucheneindämmung in Moskau bereitgestellt wurde.
Falls es dazu kommen sollte, dass diese Maschine startete, war
immer noch Zeit, sich zu sorgen.
Der Personenzug, der um Punkt 3 Uhr in Vladimir anhielt, hatte seine Reise fast zweitausend Kilometer weiter im Westen begonnen, in Kolima im Ural Gebirge. Vladimir war sein letzter Halt ein kurzer - vor der folgenden dreistündigen Etappe bis Moskau.
Der Lokführer hatte sich aus dem Fenster seiner Lokomotive gelehnt, als der Zug in die Station dampfte. Ein einziger Passagier stand auf dem Bahnsteig. Dass Vladimir eine planmäßige Haltestelle war, hatte nur den einen Grund, Soldaten mitzunehmen, die auf Urlaub nach Moskau fuhren. Heute würde er den planmäßigen Halt etwas verkürzen.
Die hoch gewachsene, in einen Mantel gehüllte Gestalt regte sich nicht von der Stelle, als der Zug an ihr vorbeirollte. Vielleicht einen Meter von der Bahnsteigkante entfernt, spähte der Mann in die Dunkelheit hinter der schwachen Bahnhofsbeleuchtung.
Iwan Beria, vor achtunddreißig Jahren in Mazedonien geboren, war ein geduldiger Mann. In dem Hexenkessel aus Hass und Blutvergießen des Balkans hatte er aus erster Hand gelernt, was Geduld war: Sein Großvater hatte ihm erzählt, wie die Albaner den größten Teil seiner Familie umgebracht hatten. Und diese Geschichte war so oft immer wieder berichtet worden, dass es den Anschein gewann, als ob diese Ereignisse sich erst gestern zugetragen hätten. Bot sich daher schließlich die Gelegenheit zur Rache, ergriff man sie mit beiden Händen - am besten, indem man sie um den Hals eines Feindes legte.
Beria war zwölf gewesen, als er seinen ersten Menschen getötet hatte. Und damit hatte er weitergemacht, bis all die Blutschuld seiner Familie getilgt war. Als er zwanzig war, hatte er sich einen Ruf als Killer erworben. Andere Familien, deren Söhne oder Männer tot oder verstümmelt waren, traten an ihn heran und boten ihm das Gold, das sie an den Fingern oder um den Hals trugen, als Zahlung für entsprechende Dienste an.
Beria machte Karriere, hörte auf, für Geld Blutrache zu nehmen und wurde zu einem freiberuflichen Killer, dessen Dienste dem Meistbietenden zur Verfügung standen, gewöhnlich dem KGB. Als sich über den Kommunismus das Zwielicht senkte, engagierte der Sicherheitsapparat, im Sinne der Dementierbarkeit, immer häufiger Freiberufler. Und als westliche Investitionen anfingen sich in Russland breit zu machen, interessierten sich dieselben Kapitalisten, die dort Geschäfte tätigen wollten, auch für etwas exotischere Investitionen. Sie suchten einen speziellen Typus Mann, der wegen der weltweiten Computerverbindungen zwischen der Polizei und den Geheimdiensten im Westen immer schwieriger zu beschaffen war. Über seine KGB-Kontakte machte Beria die Erfahrung, dass die Taschen europäischer und amerikanischer Unternehmer sehr tief und wohl gefüllt waren, besonders wenn es sich als notwendig erwies, einen Konkurrenten unschädlich zu machen oder gar auszuschalten.
Im Zeitraum von fünf Jahren entführte Beria über ein Dutzend Geschäftsleute. Sieben von ihnen hatte man getötet, als die entsprechenden Lösegeldforderungen nicht erfüllt wurden. Eine seiner Zielpersonen war ein leitender Mann einer Schweizer Firma, die Bauer-Zermatt hieß. Zu seiner Überraschung stellte Beria fest, dass das von dem Konzern bezahlte Lösegeld das Doppelte der Summe betrug, die er verlangt hatte. Beigefügt war die Aufforderung an Beria, nicht nur den Geschäftsmann freizulassen, sondern einen Wettbewerber von BauerZermatt nachdrücklich die Lust zu nehmen, in Russland Fuß zu fassen. Beria war mit Freuden bereit, dieser Aufforderung nachzukommen, und damit begann seine lange, äußerst profitable Beziehung zu Dr. Karl Bauer.
»Sie da! Steigen Sie ein? Ich muss meinen Fahrplan einhalten.«
Beria sah den dicken rotgesichtigen Schaffner an, dessen zerdrückter Uniform anzusehen war, dass er darin geschlafen hatte. Selbst in der kalten Nachtluft konnte man den säuerlichen Geruch von Alkohol wahrnehmen, der von ihm ausging.
»Sie fahren doch erst in drei Minuten weiter.«
»Dieser Zug fährt dann ab, wenn ich das sage, und zum Teufel mit Ihnen!«
Der Schaffner wollte gerade auf das Trittbrett des letzten Wagens steigen, als er plötzlich ohne jede Warnung gegen die Stahlwand des Waggons gepresst wurde. Die Stimme an seinem Ohr war so leise wie das Zischen einer Schlange.
»Der Fahrplan hat sich geändert!«
Der Schaffner spürte, wie ihm etwas in die Hand gedrückt wurde. Als
er schließlich den Mut aufbrachte, auf seine Hand zu blicken,
entdeckte er eine Rolle
amerikanischer Dollars.
»Erzählen Sie dem Lokführer irgendetwas«, flüsterte Beria. »Ich sage Ihnen, wann wir abfahren.«
Er stieß den Schaffner von sich weg und sah ihm hinterher, wie er taumelnd nach vorn zur Lokomotive lief. Ein Blick auf seine Uhr. Der Mann von Bioaparat verspätete sich; er würde den Zug selbst mit seinen Dollars nicht sehr lange aufhalten können.
Beria war vor ein paar Tagen in Vladimir eingetroffen. Sein Auftraggeber hatte ihm gesagt, dass er auf einen Mann warten solle, der von Bioaparat kommen würde. Beria müsse dafür sorgen, dass der Mann und das, was er bei sich trug, unversehrt nach Moskau gelangte.
Beria hatte geduldig gewartet und sich die meiste Zeit in einem kalten kleinen Zimmer in dem besseren der beiden Hotels der Stadt aufgehalten. Der Anruf, den er erwartet hatte, war erst vor ein paar Stunden erfolgt. Sein Auftraggeber sagte, die Pläne hätten sich geändert und man müsse improvisieren. Beria hatte sich das angehört und dann dem Auftraggeber versichert, dass er mit diesen unvorhergesehenen Umständen durchaus zurande kommen könne.
Wieder ein Blick auf seine Uhr. Der Zug hätte sich vor fünf Minuten in Bewegung setzen sollen. Und da war auch schon der dicke Schaffner, der an den Waggons entlang angewatschelt kam. Er sah ebenfalls auf die Uhr.
Beria erinnerte sich an die Fahrzeugkolonne, die er vor vielleicht eineinhalb Stunden gehört und auch kurz gesehen hatte. Er war von seinem Auftraggeber so weit wie nötig über Einzelheiten des Einsatzes informiert worden. Wenn der Mann von Bioaparat es nicht geschafft hatte, die Sperre zu durchbrechen…
Dann hörte er, wie sich auf dem Bahnsteig schnelle Schritte näherten. Seine Hand fuhr in die Manteltasche, und seine Finger legten sich um den Kolben seiner 9mm Taurus. Als die Gestalt dann in den Lichtkegel einer Laterne geriet, lockerte sich sein Griff. Er erkannte die Gesichtszüge, die man ihm beschrieben hatte.
»Yardeni?«
Der Atem des Leutnants ging gehetzt. »Ja! Und Sie sind…«
»Derjenige, mit dem Sie sich treffen sollen. Würde ich sonst Ihren Namen kennen? Und jetzt steigen Sie ein. Wir sind bereits spät dran.«
Beria schob den jungen Offizier zur Plattform hinauf. Als der Schaffner keuchend angerannt kam, hielt er ihm ein weiteres Bündel Geld unter die Nase.
»Das ist nur für Sie. Ich möchte ungestört bleiben. Und wenn es auf dem Weg nach Moskau irgendwelche Verzögerungen gibt, werden Sie mich sofort informieren. Verstanden?«
Der Schaffner schnappte nach dem Geld. Der Zug hatte bereits Fahrt aufgenommen, als Beria den Leutnant durch den schmalen Gang in ein Abteil Erster Klasse drängte. Die Sitze waren schon zu Betten umgebaut worden, auch kleine schmutzige Kopfkissen und fadenscheinige Decken lagen bereit.
»Sie haben etwas für mich«, sagte Beria,
schloss die Tür hinter sich und zog den Vorhang herunter.
Jetzt hatte Yardeni zum ersten Mal Gelegenheit, seinen Kontaktmann
näher anzusehen. Ja, die Grabesstimme am Telefon konnte durchaus zu
jemandem wie diesem Mann passen. Plötzlich war er sehr froh, dass
er jünger, größer und stärker als die mönchshafte, in Schwarz
gehüllte Gestalt war, die da vor ihm stand.
»Man hat mir gesagt, dass Sie etwas für mich haben würden«,
erwiderte er.
Beria zog einen zugeklebten Umschlag aus der Tasche und sah zu wie
Yardeni ihn öffnete und seinen Inhalt überprüfte: Ein kanadischer
Pass, Air Canada Tickets, Bargeld und einige Kreditkarten.
»Ist alles in Ordnung?«, fragte er.
Yardeni nickte, griff dann in die Tasche seines
Parka und zog den Aluminiumbehälter heraus.
»Seien Sie vorsichtig. Er ist sehr kalt.«
Beria streifte sich erst Handschuhe über, bevor er den
Behälter berührte. Er hielt ihn einen Augenblick in der Hand, wie ein Geldhändler, der einen Beutel mit Goldstaub wiegt, und legte ihn schließlich beiseite. Dann brachte er einen völlig identischen Behälter zum Vorschein und reichte ihn Yardeni.
»Was ist das?«, fragte der junge Offizier.
»Behalten Sie ihn. Mehr brauchen Sie im
Augenblick nicht zu wissen.«
Nach einer kurzen Pause forderte er den anderen auf: »Sagen Sie
mir, was in Bioaparat geschehen ist.«
»Gar nichts ist geschehen. Ich bin hineingegangen, habe das
Material geholt und bin herausgegangen.«
»Und die ganze Zeit waren die Kameras eingeschaltet?«
»Dagegen konnte ich nichts tun. Wie ich Ihren Leuten bereits gesagt
habe…«
»Wann werden die Bänder überprüft?«
»Zu Beginn der neuen Schicht, in etwa vier Stunden. Aber ist das
denn wichtig? Es ist ja nicht so, dass ich dorthin zurückkehren
möchte.«
»Und am Tor hat es kein Problem gegeben?«
Yardeni verstand sich auf das Lügen; er wusste bloß nicht, mit was
für einem Mann er es hier zu tun hatte.
»Nichts.«
»Aha. Und Sie sind rausgekommen, bevor die SpeznazLeute
eingetroffen sind.«
Yardeni machte kein Hehl aus seiner Verwunderung. »Ich bin doch
hier, oder?«, herrschte er den anderen an. »Hören Sie, ich bin
müde. Haben Sie etwas zu trinken?«
Beria zog wortlos eine Cognacflasche heraus und reichte sie
Yardeni, der das Etikett musterte.
»Französisch«, meinte er, als er die Verschlusskappe
öffnete.
Dann hob er die Flasche, nahm einen langen Schluck und seufzte. Er
schnürte sich die Stiefel auf, schlüpfte aus seinem Parka und
faltete ihn als Kissen zusammen. Als er sich auf der Liege
ausstreckte, stand Beria auf.
»Wo gehen Sie hin?«, fragte Yardeni.
»Auf die Toilette. Keine Sorge. Ich werde Sie nicht wecken, wenn
ich zurückkomme.«
Beria trat in den Korridor hinaus, sperrte die Tür hinter sich ab
und ging ans Ende des Waggons. Er zog die obere Hälfte eines
Fensters herunter, gerade weit genug, um die Antenne seines Handy
durch den Spalt schieben zu können. Sekunden später war die
Verbindung nach Moskau hergestellt, und die Stimme am anderen Ende
klang so klar, als ob der Betreffende neben ihm stünde.
11
Lautes Pochen an der Tür riss Smith aus dem Schlaf. Er tastete noch nach der Nachttischlampe, als zwei Milizionäre, dicht gefolgt von Lara Teljegin, ins Zimmer platzten.
»Was ist denn los?«, fragte er.
»Bitte kommen Sie mit, Doktor«, antwortete Teljegin. Sie trat näher
heran und fuhr mit leiser Stimme fort: »Es
ist etwas passiert. Der General will Sie sofort sprechen. Wir warten draußen.«
Smith zog sich schnell an und folgte Teljegin
dann zum Fahrstuhl. »Was ist denn passiert?«
»Das wird Ihnen der General sagen«, erklärte Teljegin.
Sie gingen durch die leere Hotelhalle zu einer Limousine, die
draußen am Randstein wartete. Die Fahrt zum Dscherschinsky Platz
nahm keine zehn Minuten in Anspruch. In dem Gebäude schien alles
ruhig zu sein - bis sie das fünfzehnte Stockwerk erreichten. Dort
hasteten Uniformierte zwischen den Büros hin und her. In den
einzelnen Nischen des Großraumbüros saßen junge Männer und Frauen
über ihre Computer gebeugt und redeten leise in ihre Headsets.
Spannung knisterte in der Luft.
»Dr. Smith, hallo. Ich würde jetzt guten Morgen sagen, aber das ist
kein guter. Lara, schließen Sie bitte die Tür.«
Smith musterte Kirov und dachte, dass man ihn wahrscheinlich auch
vor Kurzem aus dem Schlaf gerissen hatte. »Was gibt es
denn?«
Kirov reichte ihm ein Glas Tee in einem schön gearbeiteten
Metallhalter. »Präsident Potrenko hat in den frühen Morgenstunden
den Speznaz-Einheiten in der Gegend von Vladimir Anweisung erteilt,
rund um den Bioaparat-Komplex in Stellung zu gehen und eine Sperre
zu errichten. Das lief ohne Zwischenfälle ab. In den nächsten paar
Stunden war alles ruhig. Aber dann hat vor einer halben Stunde eine
Patrouille gemeldet, dass man zwei Wachen tot - ermordet - an ihren
Posten aufgefunden hat.«
Smith verspürte ein eisiges Gefühl in der Magengrube. »Konnten die
Speznaz-Truppen jemanden beim Herauskommen festnehmen?«
Kirov schüttelte den Kopf. »Nein, und es hat auch niemand versucht,
sich Zugang zu verschaffen.«
»Und die Sicherheitsvorkehrungen in der Anlage - besonders Block
103?«
Kirov gab Teljegin ein Zeichen. »Das Band,
bitte.« Sie richtete die Fernbedienung auf einen Bildschirm an der
Wand. »Das ist die Videoaufzeichnung von den Sicherheitskameras in
Block 103. Beachten Sie den Zeitstempel in der rechten unteren
Ecke.«
Smith verfolgte die Schwarzweißbilder, die über den Bildschirm
zogen. Ein großer, uniformierter Mann ging einen Korridor hinunter
und verschwand in Zone zwei. Die nächste Kamera schaltete sich ein
und zeigte ihn in den Umkleideräumen der
Dekontaminationszone.
»Anhalten!«
Smith deutete auf den Behälter, den der Mann, der inzwischen
Bioschutzkleidung trug, in der linken Hand hielt. »Was ist
das?«
»Das werden Sie gleich sehen. Weiter bitte, Lara.«
Das Band lief wieder. Mit wachsender Unruhe sah Smith zu, wie der
Wachoffizier den Kühlraum betrat und anfing, mit Ampullen zu
hantieren.
»Sagen Sie mir bitte, dass das keine Pocken sind.«
»Ich wünschte, das könnte ich«, erwiderte Kirov.
Der Dieb führte sein Werk zu Ende und kehrte dann in den ersten
Dekontaminationsraum zurück.
»Was ist mit der zweiten Sicherheitsstufe?«, wollte Smith wissen.
»Wie ist es möglich, dass er da so einfach hineinmarschieren
konnte?«
»Das ist genauso wie bei Ihrem Sicherheitspersonal bei USAMRIID,
die können auch einfach in die Kühlkammern hineingelangen«, brauste
Lara Teljegin auf. »Unser System ist praktisch eine Kopie des
Ihren, Doktor. Wir stützen uns genauso auf Codeschlösser und
elektronische Schutzmaßnahmen wie Sie, um das Risiko des
menschlichen Faktors so weit wie möglich auszuschalten. Aber am
Ende steht eben doch der Mensch.«
Sie hielt kurz inne. »Das Wachpersonal von Bioaparat wird mit
großer Sorgfalt ausgesucht - aber in die Seele eines Menschen kann
man trotzdem nicht hineinsehen, oder?«
Smith beobachtete wie gebannt den Bildschirm, wo jetzt Grigori
Yardenis Gesicht in Großaufnahme zu sehen war.
»Dem ist völlig egal, dass die Kamera ihn erfasst. Gerade als
wüsste er, dass er doch nichts dagegen unternehmen kann.«
»Genau das«, nickte Kirov und erklärte dann, dass beim Bau der
Sicherheitseinrichtungen dafür gesorgt worden war, dass die Dienst
habenden Wachleute keinen Zugang zu den während ihrer Wache
aufgenommenen Bänder hatten. »Wenn wir das nicht getan hätten,
hätten wir viel länger gebraucht, um den Dieb zu identifizieren.
So…«
»So hat er gewusst, dass er nie zurückkommen würde. Aber wie zum
Teufel ist er durch den Quarantänering gekommen?«
»Bitte achten Sie auf die Zeit«, sagte Kirov und deutete auf die
untere Kante des Bildschirms. »Der Diebstahl findet statt, bevor
die Speznaz-Truppen Stellung bezogen haben. Dieser Bursche hatte
verdammtes Glück: Er konnte die Anlage wenige Minuten, bevor Oberst
Kravtschenko seine Truppen in Stellung brachte,
verlassen.«
»Hat er deshalb die Wachposten getötet - weil er in Eile
war?«
»Das kann ich nicht mit Sicherheit sagen.«
Kirov warf ihm einen fragenden Blick zu. »Worauf wollen Sie hinaus,
Doktor?«
»Der Mann muss einem detaillierten Plan gefolgt sein«, meinte
Smith. »Okay, er wusste also, dass die Kamera ihn erfassen würde.
Das war ihm gleichgültig. Aber ich glaube nicht, dass er vorhatte,
die Wachen zu töten. Das macht keinen Sinn. Warum das Risiko
eingehen, dass man die Leichen entdeckt, bevor er sicher sein
konnte, dass seine Flucht geglückt war? Ich glaube, er musste
schneller handeln als er das ursprünglich vorhatte, ich denke, er
hat gewusst, dass Speznaz-Truppen unterwegs waren - und auch warum
das der Fall war.«
»Wollen Sie damit andeuten, dass es einen Informanten gab, einen
Komplizen, jemanden außerhalb von Bioaparat?«, fragte
Teljegin.
»Was nehmen Sie denn an, Leutnant?«, konterte Smith.
»Mit dieser Frage werden wir uns später auseinander setzen«,
entschied Kirov. »Für den Augenblick ist es wichtig, dass wir
diesen Grigori Yardeni aufspüren. Die Pockenerreger, die er
entnommen hat…«
Smith schloss die Augen. Bereits der Hunderste Teil dessen, was
Yardeni gestohlen hatte, konnte richtig eingesetzt eine Million
Menschen infizieren.
»Welche Maßnahmen haben Sie eingeleitet?«
Kirov drückte einen Knopf auf seinem Schreibtisch, worauf ein Teil
der Wandvertäfelung zurückfuhr und den Blick auf eine
Projektionsfläche freigab. Das Geschehen darauf lief in Echtzeit
ab.
Er deutete auf einen roten Punkt, der sich auf der
Projektionsfläche bewegte. »Eine Iljuschin der medizinischen Abwehr
unsere Virusjäger - ist nach Vladimir unterwegs. Sie werden
Bioaparat betreten - sonst niemand.«
Anschließend wies er auf einen blauen Kreis. »Das ist der
Quarantänering, den das Speznaz-Team errichtet hat. Hier« - er
deutete auf drei gelbe Punkte - »haben wir die Verstärkung aus
Sibirjarsk, die sich bereits in der Luft befindet. Ein Bataillon in
Kampfstärke, das Vladimir abriegeln wird.«
Er schüttelte den Kopf. »Wenn die armen Teufel dort aufwachen,
werden sie feststellen, dass sie Gefangene sind.«
Smith wandte sich wieder dem Bildschirm zu, auf dem immer noch die
Gestalt in dem schwerfällig wirkenden Schutzanzug zu sehen war.
»Und was ist mit ihm?«
Teljegins Finger huschten über eine Tastatur, worauf auf einem
anderen Bildschirm eine Militärakte auftauchte. Während sie die
Übersetzungssoftware hochfahren ließ, hatte Smith Zeit, sich
Yardeni etwas näher anzusehen. Dann wichen die kyrillischen
Buchstaben lateinischen, und der Text war in Englisch zu
lesen.
»Nicht gerade der Typ, vo n dem man so etwas erwarten würde«,
murmelte er. »Mit Ausnahme von dem hier.«
Er deutete auf einen Absatz, in dem von Yardenis gewalttätigen
Verfehlungen die Rede war.
»Stimmt«, nickte Kirov. »Aber abgesehen von seinem Jähzorn gibt es
nichts, was darauf hingedeutet hätte, dass Yardeni zu dieser Art
von Verrat fähig sein könnte. Bitte bedenken Sie, dass er keinerlei
Verwandte oder Freunde im Ausland hat. Er hat den Einsatz bei
Bioaparat als eine Art tätiger Reue akzeptiert, sozusagen um Buße
zu tun und seine Militärkarriere fortsetzen zu können.«
Er sah Smith an. »Sie sind mit Bioaparat vertraut, ganz besonders
den Sicherheitsvorkehrungen dort. Im Gegensatz zu vielen anderen
Anlagen in unserem Lande braucht Bioaparat sich vor ähnlichen
Einrichtungen im Westen nicht zu verstecken, und das schließt
ausdrücklich CDC Atlanta ein. Die internationalen Inspektoren -
darunter auch Amerikaner - waren mit unseren Systemen mehr als
zufrieden.«
Smith begriff, was Kirov jetzt versuchte: Er wollte ihn zum
Fürsprecher machen. Die Russen waren nicht nachlässig gewesen. Ihre
Sicherheitsmaßnahmen waren gut. Hier lag interne Sabotage vor,
nicht vorherzusehen und damit auch nicht zu verhindern.
»Die Albträume, die uns heimsuchen, sind genau dieselben, General«,
meinte Smith. »Nur dass bei Ihnen jetzt einer zum Leben erwacht
ist.«
Er zwang sich, an seinem Tee zu nippen. »Wie lange ist Yardeni
bereits unterwegs?«
Teljegin rief mit ein paar Tastenschlägen den ärztlichen Bericht
auf. »Nach dem Bericht des Stabsarztes der Speznaz-Einheit sind die
Posten gegen drei Uhr morgens ermordet worden.«
»Also vor etwas mehr als drei Stunden… in der Zeit könnte er
ziemlich weit gekommen sein.«
Sie rief auf der großen Leinwand ein anderes Bild auf, eine Anzahl
konzentrischer Kreise - in Orange, Grün und Schwarz.
»Bioaparat ist das Zentrum. Der kleinste Kreis - schwarz
- stellt die Entfernung dar, die ein einigermaßen leistungsfähiger
Mann zurücklegen könnte, beispielsweise ein Soldat bei einem
Trainingslauf. Der nächste orangefarbene Kreis markiert die
Möglichkeit, dass Yardeni ein Auto oder ein Motorrad zur Verfügung
hatte.«
»Was bedeuten diese Dreiecke?«, fragte Smith.
»Das sind Kontrollposten, die die örtliche Miliz eingerichtet hat.
Wir haben ihnen sein Foto und weitere Einzelheiten
zugefaxt.«
»Und wie lauten deren Befehle?«
»Ohne Anruf schießen, aber nicht um ihn zu töten.«
Sie registrierte Smith’ verblüfften Ausdruck. »In unserer Direktive
wird er als mehrfacher Mörder beschrieben. Und dort steht außerdem,
dass er HIV positiv ist. Glauben Sie mir, Doktor, kein Milizionär
wird Yardeni anfassen, sobald er ihn getroffen hat.«
»Ich hatte mehr an das gedacht, was er bei sich trägt. Wenn eine
Kugel den Behälter trifft…«
»Ich verstehe Ihre Sorge hinsichtlich des Behälters, aber wenn
Yardeni entdeckt wird, können wir ihn unmöglich entkommen
lassen.«
»Was bedeutet dieser letzte Kreis?«
»Die schlimmste Möglichkeit überhaupt: die, dass Yardeni einen
Mitverschwörer hatte, der am Flugplatz von Vladimir mit einem
Flugzeug auf ihn wartete.«
»Hat es irgendwelche Starts gegeben?«
»Es sind keine registriert, aber das hat nichts zu bedeuten. Im
neuen Russland gibt es eine Unmenge erfahrener Piloten, die meisten
ehemalige Angehörige der Luftstreitkräfte. Die könnten auf einer
Fernstraße oder auf einem Feld landen, ihre Ladung aufnehmen und
binnen Minuten wieder in der Luft sein.«
»Präsident Potrenko hat Luftabwehreinheiten in das Areal beordert«,
fügte Kirov hinzu. »Jede Privatmaschine wird angehalten. Und wenn
sie den Anweisungen nicht gehorcht, wird sie
abgeschossen.«
Die Bildschirme und die Leinwand faszinierten Smith. Das war wie
ein lebender Organismus, ständigen Mutationen unterworfen, mit
Symbolen, die aufblitzten und sich bewegten. Und dennoch hatte er
trotz der eindrucksvollen Maßnahmen, die gegen den Verräter
eingesetzt waren, das Gefühl, dass etwas fehlte. Er trat an die
Leinwand und fuhr mit dem Finger an einer weißen Linie entlang, die
östlich von Vladimir begann und in westlicher Richtung nach Moskau
führte.
»Was ist das?«
»Die Eisenbahnlinie zwischen Kolima im Ural und Moskau«, erwiderte
Kirov. Er sah Teljegin an. »Gab es letzte Nacht einen Zug, der in
Vladimir durchgekommen ist?«
Teljegin wandte sich wieder ihrer Tastatur zu.
»Ja«, nickte sie dann. »Er ist um drei Uhr siebenunddreißig in
Vladimir eingetroffen.«
»Zu früh, als dass Yardeni ihn erwischt haben könnte.«
Teljegin furchte die Stirn. »Nicht unbedingt. Fahrplanmäßig hätte
der Zug dort nur drei Minuten Aufenthalt gehabt. Aber er ist nicht
pünktlich abgefahren, sondern zusätzliche zwölf Minuten dort
geblieben.«
»Warum?«, wollte Kirov wissen.
»Gründe sind hier keine genannt. Tatsächlich hält der Zug dort nur
an, wenn Soldaten da sind, die auf Urlaub nach Moskau
fahren…«
»Aber da waren doch keine Soldaten, oder?«, meinte Smith.
»Erraten, Doktor«, nickte Teljegin. »Es war kein Urlaub
geplant.«
»Warum hat sich der Lokführer dann so viel Zeit
gelassen?«
Kirov trat an die Computerkonsole. Der schwarze Kreis auf der
Projektionsfläche weitete sich aus, bis er den Zeitraum zwischen
der Abfahrt des Zuges und dem Zeitpunkt, an dem nach dem ärztlichen
Bericht die beiden Posten ermordet worden waren,
entsprach.
»Er hätte es schaffen können«, flüsterte Kirov. »Er hätte den Zug
erreichen können, weil der nicht pünktlich abgefahren
ist.«
»Und der Zug hat sich verspätet, weil ihn jemand aufgehalten hat!«,
erregte sich Smith. »Yardeni hat ganz logisch gehandelt. Dieser
Mistkerl wusste, dass man die Straßen über kurz oder lang sperren
würden. Er hatte kein Flugzeug zur Verfügung, aber dafür einen
Komplizen, jemanden, der, wenn nötig, den Zug lange genug aufhalten
konnte, um ihm die Chance zu geben, ihn zu erreichen.«
Er drehte sich zu Teljegin herum. »Und dann brauchte er bloß noch
mit dem Zug nach Moskau zu fahren.« Ihre Finger flogen über die
Tasten, dann blickte sie auf. »Sechzehn Minuten«, sagte sie heiser.
»Der Zug trifft in sechzehn Minuten am Zentralbahnhof von Moskau
ein!«
Iwan Beria schwankte im Rhythmus des Waggons mit; sonst bewegte er sich nicht.
Er hatte Grigori Yardeni die ganze Zeit nicht aus den Augen gelassen. Die Strapazen des Diebstahls und der anschließenden Flucht hatten in Verbindung mit dem Cognac ihre Wirkung an ihm getan. Der junge Offizier war wenige Minuten, nachdem der Zug Vladimir verlassen hatte, eingeschlafen.
Beria lehnte sich zu ihm hinüber. Yardeni lag reglos wie ein Toter da. Beria musste sich anstrengen, um seinen schwachen Atem wahrzunehmen. Yardeni schlief sehr tief. Es gehörte nicht viel dazu, seinen Schlaf noch tiefer zu machen.
Er schlug ihm zweimal ins Gesicht. »Wir sind beinahe da. Zeit aufzustehen.«
Beria sah zum Fenster hinaus, als der Zug langsam durch das riesige Bahnhofsgelände rollte. Im Spiegelbild sah er zu, wie Yardeni gähnte und sich streckte und dann den Kopf hin und her rollte, um seine verkrampften Nackenmuskeln zu lockern. Seine Stimme klang noch etwas schlaftrunken.
»Und wohin gehen wir vom Bahnhof
aus?«
»Jeder geht seiner Wege«, erwiderte Beria. »Ich bringe Sie durch
den Bahnhof zu einem Taxi. Und von da an sind Sie auf sich selbst
gestellt.«
Yardeni gab einen Grunzlaut von sich und bewegte sich auf die Tür
des Abteils zu.
»Wo wollen Sie hin?«, fragte Beria.
»Auf die Toilette - wenn Sie erlauben.«
»Setzen Sie sich wieder. Das will jetzt jeder im ganzen Waggon.
Dort draußen stehen die Leute Schlange. Hat ja wenig Sinn, wenn man
dort draußen Ihr Gesicht sieht, oder?«
Yardeni überlegte kurz und setzte sich dann wieder. Seine Hand
griff nach seiner Parkatasche, um sich zu vergewissern, dass die
Papiere und das Geld noch da waren. Als er sich davon überzeugt
hatte, dachte er, dass er es noch so lange aushalten würde bis sie
die Station erreicht hatten.
Als der Zug in den Tunnel zwischen dem Rangiergelände und dem
eigentlichen Bahnhof fuhr, zuckte die Deckenbeleuchtung, verlosch
kurz und erwachte dann flackernd wieder zum Leben.
»Gehen wir«, sagte Beria.
Der Korridor draußen füllte sich jetzt mit Menschen. Wegen Berias
Größe hatte Yardeni keine Mühe, ihn im Auge zu behalten, selbst in
der flackernden Beleuchtung. Ohne auf das Schimpfen der
Mitreisenden zu achten, bahnte er sich rücksichtslos mit den
Ellbogen den Weg zum Ausgang.
Jetzt rollte der Zug am Bahnsteig aus und kam schließlich zum
Stillstand. Beria und Yardeni waren die Ersten, die den Waggon
verließen und mit schnellen Schritten am Zug entlang nach vorn
eilten, auf das Ba hnhofsgebäude zu.
Der große Lieferwagen rollte dröhnend über die noch leeren Boulevards Moskaus. Smith, Kirov und Teljegin hatten im hinteren Teil des Fahrzeugs auf mit dem Boden verschraubten Sesseln Platz genommen. Teljegin hatte einen Bildschirm vor sich, auf dem die Verkehrsströme der Stadt zu sehen waren; sie gab alle paar Augenblicke dem Fahrer über Mikrofon Anweisungen.
Kirov trug ebenfalls Kopfhörer. Seit sie den Dscherschinsky Platz verlassen hatten, war er in ständiger Verbindung mit einer Eliteeinheit des Föderationssicherheitsdienstes gewesen.
Jetzt drehte er sich mit seinem Sessel zu Smith herum.
»Der Zug ist da - auf die Minute pünktlich, was
sagen Sie dazu!«
»Wie weit sind wir noch weg?«
»Eine halbe Minute, vielleicht sogar weniger.«
»Verstärkung?«
»Unterwegs.«
Kirov überlegte kurz. »Sind Sie mit unseren
Einsatzkommandos vertraut?«
Als Smith den Kopf schüttelte, erläuterte er: »Im Gegensatz zu den uniformierten SWAT-Teams, wie Ihr FBI sie hat, ziehen wir es vor, unsere Leute getarnt einzusetzen. Sie kleiden sich wie Handwerker, Gärtner, gewöhnliche Passanten - Sie würden sie nicht erkennen, bis es zu spät ist.«
»Dann wollen wir hoffen, dass sie Erfolg haben.«
Durch das von außen nicht einsehbare Fenster erkannte Smith den Bahnhof, einen massiven Bau aus dem 19. Jahrhundert. Er hielt sich fest, als der Fahrer scharf abbog und unmittelbar vor dem Hauptgebäude hart bremste. Noch bevor der Wagen ganz zum Stillstand gekommen war, hatte er sich bereits hochgestemmt.
Kirov packte ihn am Arm. »Das Eins atzkommando hat ein Foto von Yardeni. Die werden zusehen, dass sie ihn lebend erwischen.«
»Haben Ihre Leute auch meines - damit sie nicht aus Versehen mich erschießen?«
»Ja, das haben sie tatsächlich. Aber bleiben Sie trotzdem in meiner Nähe.«
Die drei hasteten zwischen den Säulen des Bahnhofsportals ins Innere des Gebäudes. Mit dem vielen polierten Granit, den Halbreliefs an den Wänden und den drei riesigen Glaskuppeln erinnerte es Smith an ein Museum. Es waren nur wenige Reisende zu sehen, aber ihre Schritte hallten wie das Dröhnen einer fernen Herde. In der Mitte gab es einen großen Bereich mit Bänken; die Seitenwände säumten Andenkenläden, Zeitungsstände und andere Geschäfte für Reisebedarf; bei den meisten waren noch die Rollläden heruntergelassen. Smith sah auf die große Tafel mit den Ankunfts- und Abfahrtszeiten, die von der Decke hing.
»Wie viele andere Züge kommen jetzt an?«
»Wir haben Glück«, antwortete Lara Teljegin. »Das ist der Erste. Aber in zwanzig Minuten treffen die Vorortzüge ein. Dann wimmelt es hier von Menschen.«
»Welches Gleis?«
Sie deutete nach rechts. »Dort drüben. Nummer
siebzehn.«
Als sie zum Bahnsteig rannten, drehte Smith sich zu Kirov um und
sagte: »Von Ihren Leuten ist aber niemand zu sehen.«
Kirov tippte an den Plastikknopf des Empfängers, den er im Ohr trug
»Glauben Sie mir, die sind hier.«
Die Luft auf den Bahnsteigen war mit Dieselqualm geschwängert.
Smith und die anderen rannten an grauen und orangefarbenen
Elektroloks vorbei, bis sie einen Menschenstrom erreichten, der
ihnen entgegenkam. Sie traten zur Seite und musterten die
Gesichter.
»Ich werde sehen, ob ich einen Schaffner finde«, sagte Teljegin.
»Vielleicht erinnert er sich an das Gesicht, wenn ich ihm Yardenis
Bild zeige.«
Smith fuhr fort die Fahrgäste des Zuges zu studieren, die ihnen
beladen mit Koffern und mit Schnur zusammengebundenen Pappkartons -
die Gesichter vom Schlaf aufgedunsen - entgegenkamen.
Er drehte sich zu Kirov herum. »Das sind viel zu wenig Fahrgäste.
Die müssen aus den letzten Waggons kommen. Die meisten sind
bestimmt schon im Bahnhofsgebäude!«
Iwan Beria stand vor einem Zeitungskiosk, der gerade geöffnet hatte. Er warf ein paar Kopeken hin und nahm sich eine Zeitung. Dann lehnte er sich an eine Säule, von der aus er den Eingang zur Männertoilette beobachten konnte.
Im Hinblick auf Yardenis Größe und die Dosis des langsam wirkenden Gifts, das in dem Cognac gewesen war, erwartete Beria nicht, dass der junge Offizier die Toilette lebend verlassen würde.
Er rechnete jeden Augenblick damit, dass jemand herausgerannt käme und schreien würde, dass drinnen ein Mann einen Anfall hätte.
Aber nein, da erschien Yardeni, er schlenderte sichtlich vergnügt heraus und vergewisserte sich - wie ein Bauer -, dass er sich den Reißverschluss zugezogen hatte.
Beria griff in die Tasche nach seiner Taurus 9mm, als ihm etwas Ungewöhnliches auffiel: Ein Mann in einem Overall, wie ihn die Arbeiter von der Müllabfuhr trugen, war damit beschäftigt, den Inhalt einer Abfalltonne in seinen Karren zu kippen. Das Problem war nur, dass er den Abfallbehälter in dem Augenblick, in dem er Yardeni erblickte, offenbar völlig vergaß.
Wo einer ist, sind noch
mehr.
Beria trat hinter die Säule, damit Yardeni ihn nicht sehen konnte,
und schaute sich schnell im Bahnhofsgebäude um. Binnen weniger
Sekunden entdeckte er zwei weitere Männer, die nicht hierher
passten: einen Mann mit einem Korb voll frisch gebackenem Brot und
einen, der sich wohl als Elektriker ausgab.
Beria wusste über den Föderationssicherheitsdienst recht gut
Bescheid. Er wusste auch, dass sein Interesse von der Gegenseite
erwidert wurde. Aber er konnte nicht glauben, dass sie seinetwegen
hier waren. Vielmehr galt ihre Aufmerksamkeit ganz offenkundig
Yardeni.
Er erinnerte sich daran, dass Yardeni behauptet hatte, er habe
Bioaparat ohne irgendwelche Probleme verlassen und fluchte
halblaut. Jetzt würde der Mann teuer für seine Lügen
bezahlen.
Beria beobachtete ihn, wie er zwischen den Bänken auf die Kioske
zuging. Die drei Agenten in Zivil hatten inzwischen die Verfolgung
aufgenommen und bildeten hinter ihm eine Dreiecksformation. Einer
sprach in ein Handgelenkmikrofon.
Dann bemerkte Beria einen hoch gewachsenen Mann, der mit schnellen
Schritten aus der Richtung der Bahnsteige näher kam. Das war kein
Russe, wenn auch der zweite Mann, der ihm folgte, ganz
offensichtlich einer war. Das Gesicht von Generalmajor Kirov hatte
sich unauslöschbar in Berias Gedächtnis eingeprägt.
Beria stellte fest, dass sich die Bahnhofshalle deutlich belebt
hatte. Das war gut. Er würde jede Deckung brauchen können. Beria
trat hinter der Säule hervor, gerade lange genug, dass Yardeni ihn
sehen konnte. Er nahm nicht an, dass Yardenis Beschatter erkannt
hatten, was Yardeni gesehen und was ihn dazu veranlasst hatte,
diese Richtung einzuschlagen, aber sie würden ihm sicherlich
folgen.
Beria zählte die Sekunden ab und trat dann erneut hinter der Säule
vor. Yardeni war jetzt keine fünf Meter mehr von ihm entfernt.
Beria hatte die Hand an der Waffe, bereit, sie zu ziehen, als
Yardeni plötzlich und ohne Warnung zu taumeln begann und stürzte.
Im nächsten Augenblick schlossen seine Beschatter auf.
»Hilfe…«
Yardeni hatte keine Ahnung, was mit ihm geschah. Zuerst überkam ihn
ein Gefühl, als würde seine Brust in Flammen stehen, und jetzt
fühlte sie sich an, als stecke er in einem gewaltigen Schraubstock,
der gnadenlos das Leben aus ihm herauspresste.
Auf dem kalten Marmorboden liegend schlug er um sich, sein Blick
verschleierte sich, aber die Gesichtszüge des Mannes, der ihn
hierher gebracht hatte, konnte er immer noch ausmachen. Instinktiv
streckte er die Hand nach ihm aus.
»Helfen Sie mir…«
Beria zögerte nicht. Mit besorgter Miene trat er auf den am Boden
Liegenden und die drei Geheimagenten zu.
»Wer sind Sie?«, fragte einer der Agenten. »Kennen Sie diesen
Mann?«
»Wir sind uns im Zug begegnet«, erwiderte Beria. »Vielleicht
erinnert er sich an mich. Du lieber Gott, sehen Sie ihn doch an.
Der ist im Delirium!«
Yardeni drang jetzt Schaum aus dem Mund und hinderte ihn am Reden.
Beria war neben ihm niedergekniet.
»Sie werden mitkommen müssen…« setzte einer der Agenten
an.
Weiter kam er nicht. Berias erster Schuss zerfetzte ihm die Kehle.
Sein zweiter traf einen weiteren Agenten in der Schläfe. Der dritte
durchschlug das Herz des Letzten.
»Erschieß ihn!«
Die dröhnende Stimme verblüffte Beria. Er richtete sich auf und sah
die Reisenden auf dem Boden, wie sie sich, so gut es ging, unter
den Bänken versteckten. Aber dort, an den Toren zum Bahnsteig, war
Kirov, zeigte auf ihn und rief einer jungen Frau, die in Berias
totem Winkel herangerannt war, zu:
»Lara, erschieß ihn!«
Beria wirbelte herum und sah sich Lara Teljegin gegenüber, deren
Waffe auf ihn gerichtet war. Aus dem Augenwinkel entdeckte er drei
weitere Gestalten, die auf ihn zugerannt kamen.
»Weg hier!«, rief sie leise.
Beria zögerte nicht. Er duckte sich hinter der Frau weg und rannte
auf den Ausgang zu.
Nachdem Teljegin sich vergewissert hatte, dass Beria in Sicherheit
war, nahm sie die klassische Kampfschützenstellung ein. Mit eisiger
Ruhe, als stünde sie auf dem Schießplatz, erschoss sie die
restlichen Mitglieder des Einsatzteams. Dann wirbelte sie
blitzschnell herum und sah sich Kirov gegenüber, der sie ungläubig
mit weit aufgerissenen Augen musterte.
Smith brauchte nur den Bruchteil einer Sekunde um zu erkennen, dass
Teljegins Verrat zur Folge gehabt hatte, dass der General wie
erstarrt vor ihrer auf ihn gerichteten Waffe stand. Ohne zu
überlegen warf er sich den Bruchteil einer Sekunde, bevor der
Schuss krachte, auf den Russen. Kirov schrie auf, als er und Smith
zu Boden gingen.
Smith sprang blitzschnell wieder auf und feuerte zweimal
hintereinander aus seiner Pistole, die er schon vorher gezogen
hatte. Teljegin schrie auf, als die Kugeln sie trafen und sie gegen
eine Säule schmetterten. Einen Augenblick hing sie wie erstarrt da,
dann sackte ihr Kopf zur Seite. Gleich darauf fiel ihre Waffe
klirrend zu Boden, die Knie versagten ihr den Dienst, und sie
rutschte leblos auf den Boden wie eine Marionette, deren Schnüre
man durchgeschnitten hatte.
Smith wandte sich Kirov zu, der sich an einer Tür hochgezogen
hatte. Er riss dessen Jackett auf, zog es herunter und sah das
Blut, wo Teljegins Kugel ihn am Oberarm getroffen hatte.
Kirov biss die Zähne zusammen. »Das ist bloß ein Durchschuss. Den
werde ich überleben. Gehen Sie zu Yardeni hinüber!«
»Teljegin…«
»Zum Teufel mit ihr! Ich hoffe bloß, dass Sie kein guter Schütze
sind. Für die habe ich eine Menge Fragen.«
Smith rannte im Zickzack durch die erschreckte Menschenmenge und
hastete um die Leichen von Kirovs erschossenen Männern herum. Als
er Teljegin erreichte, sagte ihm ein einziger Blick, dass sie nie
mehr irgendwelche Fragen beantworten würde. Er wandte sich schnell
Yardeni zu und musste erkennen, dass für den dasselbe
galt.
Jetzt strömten Milizionäre und Polizei in die Bahnhofshalle. Kirov
stand wieder auf den Beinen, schwankend und sichtlich Schmerzen
leidend, aber stark genug, um Befehle zu brüllen. Minuten später
drängte man die Reisenden nach draußen. Kirov schob einen Sanitäter
weg, der sich um ihn kümmern wollte, ging zu Smith hinüber und
kniete neben den beiden Toten nieder.
»Der Schaum, den er um den Mund hat…?«
»Gift.«
Kirov starrte auf Lara Teljegins bereits glasig gewordene Augen und
streckte dann langsam die Hand aus, um die Lider zu schließen.
»Warum? Warum hat sie mit ihm zusammengearbeitet?«
Smith schüttelte den Kopf. »Mit Yardeni?«
»Dem wahrscheinlich auch. Aber ich meine Iwan Beria.«
Jetzt erinnerte sich Smith an den Mann in dem schwarzen Mantel, der
nirgends mehr zu sehen war. »Wer ist das?«
Kirov zuckte zusammen, als der Sanitäter ihn jetzt mit festem Griff
auf eine Bank drückte und sich an seiner Wunde zu schaffen
machte.
»Iwan Beria. Ein Serbe. Arbeitet auf eigene Rechnung. Er hat eine
lange, blutige Spur auf dem Balkan hinterlassen.«
Zögernd fuhr er fort. »Früher war er einmal für den KGB tätig. In
der jüngeren Vergangenheit hat er sich von der Mafia und gewissen
westlichen Interessenten bezahlen lassen.«
Etwas an Kirovs Tonfall machte Smith stutzig. »Eine persönliche
Sache, nicht wahr?«
»Zwei meiner besten Leute, die verdeckt bei der Mafia tätig waren,
sind auf besonders brutale Art und Weise ermordet worden«,
erwiderte Kirov ausdruckslos. »Berias Handschriftlich werde
Alarm…«
»Nein, nicht anfassen!«, schrie Smith, als der Sanitäter sich
anschickte, Yardeni zu berühren. Er trat neben die Leiche und
durchsuchte die Taschen von Yardenis Parka.
»Reisedokumente«, sagte er und holte Yardenis Pass und ein
Flugticket heraus.
Seine Finger suchten weiter. Plötzlich stießen sie auf etwas sehr
Kaltes.
»Geben Sie mir Handschuhe!«, rief er dem Sanitäter zu.
Sekunden später zog Smith den glänzenden Metallbehälter mit den
Fingerspitzen heraus und legte ihn vorsichtig auf den
Boden.
»Ich brauche Eis!«
Kirov trat vor, um besser sehen zu können. »Noch intakt, Gott sei
Dank!«
»Erkennen Sie die Konstruktion?«
»Solche Behälter werden für den Transport von Ampullen aus dem Safe
bei Bioaparat in die Labors eingesetzt.«
Er sprach kurz in sein Handgelenkmikrofon und sah dann Smith an.
»Die Seuchenschutzeinheit ist in ein paar Minuten hier.«
Während Kirov die notwendigen Anweisungen erteilte, um das
Bahnhofsgebäude abzusperren, legte Smith den Behälter in einen
Kübel mit Eis, den der Sanitäter besorgt hatte. Der Stickstoff in
den Zwischenwänden des Thermosbehälters sorgte dafür, dass sein
Inhalt sich nur knapp über dem Gefrierpunkt erwärmte, sodass das
Virus inaktiv blieb. Aber Smith hatte keine Ahnung, wie lange die
Stickstoffladung wirken würde. Den Behälter auf Eis zu legen konnte
ein gewisses Maß an Sicherheit bieten, bis die Seuchenschutzeinheit
eintraf.
Plötzlich wurde Smith bewusst, wie still es in dem Bahnhofsgebäude
geworden war. Er sah sich um und stellte fest, dass sich die
Milizionäre zurückgezogen und die letzten Reisenden und
Bahnhofsangestellten mitgenommen hatten. Nur er und Kirov waren
noch da und rings um sie herum Leichen.
»Haben Sie Kampferfahrung, Dr. Smith?«, fragte Kirov.
»Sagen Sie Jon zu mir. Und um Ihre Frage zu beantworten - ja, die
habe ich.«
»Dann kennen Sie diese Stille… nachdem die Schüsse und Schreie
verhallt sind. Nur die Überlebenden bekommen dann zu sehen, was
angerichtet wurde.«
Er verstummte kurz. »Und der Überlebende kann dem Mann danken, der
ihm das Leben gerettet hat.«
Smith nickte. »Sie hätten für mich dasselbe getan. Sagen Sie mir
mehr über Beria. Wie passt der ins Geschehen?«
»Beria ist mehr als nur ein Auftragskiller. Der Mann ist
talentiert. Wenn Sie etwas geliefert oder aus dem Land geschafft
haben wollen, dann ist er der richtige Mann, der das garantiert für
Sie erledigt.«
»Sie glauben nicht, dass er und Yardeni - mit Hilfe Teljegins den
Diebstahl selbst geplant und ausgeführt haben, oder?«
»Ausgeführt, ja. Geplant, nein. Strategie ist nicht Berias Stärke.
Er ist - wie würden Sie das formulieren? - ein Mann der vordersten
Linie. Seine Aufgabe war es vermutlich, Yardeni Geleitschutz zu
geben, nachdem der Bioaparat verlassen hatte.«
»Geleitschutz wohin?«
Kirov hob den kanadischen Pass auf. »Die Grenze zwischen Amerika
und Kanada ist recht durchlässig. Yardeni hätte keine
Schwierigkeiten gehabt, den Pockenerreger in Ihr Land zu
schmuggeln.«
Smith überlief eine Gänsehaut. »Sie wollen sagen, dass Yardeni ein
Dieb und ein Kurier war?«
»Ein Mann wie Yardeni verfügt nicht über die Mittel, um sich einen
neuen Pass zu besorgen, geschweige denn einen Mann wie Beria zu
bezahlen. Aber jemand muss das getan haben. Jemand wollte sich
Pockenerreger beschaffen und war bereit, dafür einen hohen Preis zu
bezahlen.«
»Tut mir Leid, das fragen zu müssen: Wie passt Teljegin in dieses
Spiel?«
Kirov wandte sich ab; ihr Verrat zerriss ihm das Herz. »Ich halte
Sie nicht für einen Mann, der an den Zufall glaubt, Jon. Überlegen
Sie: Yardeni war eine ganze Weile vor Ort. Aber seine Auftraggeber
wählen exakt diesen Augenblick, um ihn zu aktivieren. Warum sollte
dieser Augenblick genau mit dem Zeitpunkt Ihrer Ankunft in Moskau
zusammentreffen? Wussten die, dass Sie kommen? Wenn das der Fall
war, haben die Auftraggeber mit Sicherheit daraus geschlossen, dass
sie eine letzte Chance hatten, etwas von Bioaparat zu stehlen. Und
warum hat man Yardeni aufgefordert, den Diebstahl durchzuführen?
Weil jemand ihm den Tipp gegeben hat, dass die Speznaz Truppen
unterwegs sind.«
»Teljegin hat Yardeni gewarnt?«
»Wer sonst hätte es tun können?«
»Aber sie muss doch im Auftrag von jemand anderem tätig gewesen
sein… nicht auf eigene Faust.«
»Ich glaube, dass Lara Auge und Ohr für denjenigen war, der diese
ganze Aktion geplant hat. Als sie von Ihrer Ankunft in Moskau
erfahren hatte, nahm sie mit ihren Auftraggebern Verbindung auf,
worauf diese ihr Anweisung erteilten, Yardeni zu aktivieren. Sie
konnten es sich einfach nicht leisten, die Chance, die Yardeni
ihnen bot, ungenutzt zu lassen.«
Wieder machte er eine Pause und sah kurz zur Leiche seiner
Geliebten hinüber. »Überlegen Sie doch, Jon. Weshalb hätte Lara
alles riskiert - ihre Karriere, ihre Zukunft… ihre Liebe -, wenn
der Lohn dafür nicht gewaltig war. In Russland hätte sie nie mehr
eine solche Chance bekommen.«
Kirov blickte auf, als das Seuchenteam in Schutzanzügen durch das
Eingangsportal des Bahnhofs hereinkam. Minuten später war der
Behälter, für den Teljegin und Yardeni gestorben waren, in einem
Kasten aus rostfreiem Stahl eingeschlossen und wurde zu einem
gepanzertem Lieferwagen gerollt, um in die modernste
Forschungsstätte Moskaus, das Serbski Institut, gebracht zu
werden.
»Ich veranlasse jetzt, dass die Verfolgung Berias aufgenommen
wird«, sagte Kirov, als er und Smith das Bahnhofsgebäude
verließen.
Smith sah zu, wie das Fahrzeug der Virenjäger, begleitet von einer
Motorradeskorte, sich entfernte.
»Sie haben da etwas gesagt, General. Dass Beria ein Vermittler sei.
Was ist, wenn er nicht in erster Linie für Yardeni verantwortlich
war?«
»Was meinen Sie damit?«
»Yardeni war insoweit wichtig - sogar entscheidend wichtig -, weil
er innerhalb von Bioaparat agieren konnte. Er war derjenige, dem es
möglich war, in den Kühlraum einzudringen und den Erreger
herauszuholen. Aber wie wertvoll war er anschließend? Nach dem
Diebstahl stellte er doch eher eine Belastung dar. Yardeni ist auch
nicht an einer Schusswunde gestorben. Beria hat ihn
vergiftet.«
»Worauf wollen Sie hinaus?«
»Dass Beria Anweisung hatte, den Erreger zu schützen, nicht etwa
Yardeni.«
»Aber Yardeni hatte den Behälter doch in der Tasche. Sie haben ihn
selbst gesehen.«
»Habe ich das, General? Tatsächlich habe ich einen Behälter gesehen. Wollen Sie aber wissen, was er
enthält?«
Der Bus vom Zentralbahnhof rollte durch den dichter werdenden Moskauer Verkehr. Wegen der frühen Stunde war Iwan Beria einer von nur sechs Fahrgästen. Neben der hinteren Tür sitzend sah er zu, wie ein ganzes Rudel Milizfahrzeuge an ihnen vorbei auf das Bahnhofsgebäude zuschoss und hörte sich die Vermutungen der anderen Fahrgäste an, was da wohl im Gange sein mochte.
Wenn sie nur
wüssten…
Beria machte sich keine Sorgen, dass der Bus etwa aufgehalten
werden könnte. Nicht einmal Generalmajor Kirov, der Mann, der
hunderttausend Rubel Belohnung auf seinen Kopf ausgesetzt hatte,
konnte in so kurzer Zeit eine so gründliche Suchaktion
organisieren. Kirovs erste Maßnahme würde darin bestehen, die
Einsatzleiter der verschiedenen Taxigesellschaften zu befragen. Den
Polizeibeamten im Bahnhof würde man ein Foto zeigen und sie fragen,
ob jemand, auf den diese Beschreibung passte, in einen privaten
Wagen gestiegen war. Am Ende würde Kirov möglicherweise auch an den
Bus denken, aber nicht früh genug, als dass ihm das noch nützlich
hätte sein können.
Der Bus polterte über Straßenbahngeleise und quälte sich dann die
Zufahrt zu der Ringstraße hinauf, die die Stadt umgibt. Beria
vergewisserte sich, dass der Behälter, den er Yardeni weggenommen
hatte, sicher in seiner Tasche verwahrt war. Seine besten
Verbündeten waren jetzt Verwirrung und Fehlinformationen: Sie
würden dafür sorgen, dass er die Zeit bekam, die er brauchte.
Sobald Kirov sich Yardenis Leiche nä her ansah, würde er den
Behälter entdecken, den Beria dem Bioaparat-Offizier gegeben hatte.
Kirov würde annehmen, dass er die Pockenerreger enthielt, die aus
Block 103 gestohlen worden waren. Sein erster Gedanke würde sein,
sie an einen sicheren Ort zu bringen, aber er würde keinen Anlass
haben, sie überprüfen zu lassen. Und bis das geschah, konnten die
echten Proben sicher im Westen eingetroffen sein.
Beria lächelte und wandte sich zum Fenster, als vor ihnen die
weitläufigen Anlagen des Scheremetjevo Flughafens
auftauchten.
Die Motorradeskorte hielt an, als das Fahrzeug mit Yardenis
Behälter in die Tiefgarage des Serbski Instituts rollte. Die
Limousine, in der Kirov und Smith saßen, fuhr so dicht an den
gepanzerten Lieferwagen heran, dass die beiden Männer zusehen
konnten, wie die schwere Stahlkiste ausgeladen wurde.
»Man wird sie in die Labors der Stufe vier bringen, zwei Stockwerke
tiefer«, erklärte Kirov, an Smith gewandt.
»Wie lange wird es dauern, bis wir wissen, was in dem Behälter
ist?«
»Eine halbe Stunde.«
Kirov überlegte. »Ja, ich wünschte, das ginge schneller, aber es
gibt da eine Anzahl strenger Vorschriften, die befolgt werden
müssen.«
Dagegen wusste Smith nichts einzuwenden.
Inmitten einer Gruppe soeben eingetroffener Agenten des
Föderationssicherheitsdienstes fuhren sie mit einem Aufzug zwei
Stockwerke in die Tiefe. Der Direktor des Instituts, ein
schmächtiger Mann, dessen Bewegungen an einen Vogel erinnerten,
blinzelte ein paarmal, als Kirov ihn davon in Kenntnis setzte, dass
sein Büro jetzt ein zentraler Kommandoposten wäre.
»Sagen Sie mir sofort Bescheid, wenn die Testergebnisse vorliegen«,
forderte Kirov ihn auf.
Der Direktor riss seinen Laborkittel vom Kleiderrechen und trat in
aller Eile den Rückzug an.
Kirov wandte sich Smith zu. »Jon, so wie die Dinge sich entwickelt
haben, ist es höchste Zeit, dass Sie mir genau erklären, weshalb
Sie hierher gekommen sind und für wen Sie arbeiten.«
Smith überlegte. Da mit der Möglichkeit gerechnet werden musste,
dass die Russen es nicht geschafft hatten, den Pockenerreger
innerhalb ihrer Grenzen dingfest zu machen, hatte er keine andere
Wahl, als sofort mit Klein Kontakt aufzunehmen. »Können Sie mir
eine Telefonverbindung in die Staaten besorgen?«
Kirov deutete auf die Telefonkonsole auf dem Schreibtisch.
»Sämtliche Leitungen laufen über gesicherte Satellitenkanäle. Ich
werde draußen…«
»Nein«, fiel Smith ihm ins Wort. »Sie sollten mithören.«
Er wählte die Nummer, die ihm wie durch Zauberei stets eine
Verbindung mit Klein verschaffte. Die Stimme am anderen Ende klang
klar und deutlich.
»Hier Klein.«
»Sir, ich bin’s. Ich befinde mich im Büro des Direktors des Serbski
Instituts. Generalmajor Kirov ist bei mir. Ich muss Sie mit den
neuesten Entwicklungen vertraut machen, Sir.«
»Tun Sie das, Jon.«
Smith brauchte zehn Minuten, um ausführlich über die Vorgänge zu
berichten. »Sir, wir erwarten die Testergebnisse in« - er warf
einen Blick auf seine Uhr - »einer Viertelstunde.«
»Schalten Sie mich bitte auf Lautsprecher, Jon.«
Gleich darauf erfüllte Kleins Stimme den Raum. »General
Kirov?«
»Ja?«
»Mein Name ist Nathaniel Klein. Meine Zuständigkeit ist dieselbe
wie die von Valeri Antonov für Ihre Regierung. Ich kenne übrigens
Valeri recht gut.«
Smith sah, wie Kirovs Gesicht jede Farbe verlor.
»General?«
»Ja, ich bin hier, ich… ich habe verstanden, was Sie mir sagen
wollen, Mr. Klein.«
Kirov verstand nur zu gut. Valeri Antonov war eher ein Schatten als
ein Mann. Dem Gerücht nach war er der vertrauteste Berater
Potrenkos, trat aber bei Ratssitzungen nie in Erscheinung.
Tatsächlich gab es nur wenige Leute, die ihn je zu Gesicht bekommen
hatten. Aber sein Einfluss stand außer Zweifel. Dass Klein über
Antonovs Existenz informiert war - dass er ihn sogar recht gut
kannte - sprach Bände.
»General«, sagte Klein, »ich rate dringend, dass Sie keine Ihrer
staatlichen Sicherheitsorganisationen alarmieren, bis uns weitere
Informationen vorliegen. Sie brauchen nur das Wort Seuche zu
erwähnen, und schon haben Sie es mit einer Panik zu tun, die Beria
für sich nutzen kann.«
»Da bin ich Ihrer Meinung, Mr. Klein.«
»Dann nehmen Sie bitte das, was ich jetzt sagen werde, in dem Sinne
auf, wie ich es meine: Gibt es irgendetwas, was ich oder irgendeine
amerikanische Stelle tun können, um Ihnen zu helfen?«
»Ich weiß Ihr Angebot zu schätzen - sehr zu schätzen«, erwiderte
Kirov. »Aber im Augenblick ist das eine interne Angelegenheit
Russlands.«
»Und gibt es irgendwelche Bereitschaftsmaßnahmen, die Sie uns zu
treffen empfehlen?«
Kirov sah Smith an, der den Kopf schüttelte. »Nein, Mr. Klein,
nicht zu diesem Zeitpunkt.«
Eine zweite Leitung summte. »Mr. Klein, entschuldigen Sie mich
bitte einen Augenblick.«
Kirov nahm das andere Gespräch entgegen und lauschte gespannt.
Nachdem er zu dem Anrufer ein paar Worte in Russisch gesagt hatte,
wandte er sich Smith zu.
»Die Testergebnisse für die erste Pockenampulle liegen vor«, sagte
er ausdruckslos. »Es handelt sich um Tee, nicht um
Pocken.«
Kleins Atem kam wie ein Pfeifen durch den Äther. »Wie viele
Ampullen haben Sie?«
»Fünf. Es gibt keinen Grund für die Annahme, dass die Ergebnisse
bei den übrigen vier anders sein könnten.«
»Beria hat sie vertauscht!«, sagte Smith. »Er hat Yardenis Behälter
genommen und ihm eine Attrappe gegeben.«
Er hielt kurz inne, dachte nach. »Und deshalb ist Yardeni vergiftet
worden. Beria wollte, dass wir finden,
was er bei sich trug. Wir sollten glauben, dass wir den Dieb
rechtzeitig erwischt hatten.«
»Ja, das macht Sinn«, nickte Kirov. »Wenn alles nach Berias
ursprünglichem Plan abgelaufen wäre, hätten wir den Tausch erst
viel später bemerkt. Bis dahin wäre Yardeni zwar tot gewesen, aber
wir hätten uns eine Weile damit beschäftigt, die Leiche zu
identifizieren. Und Beria hätte reichlich Zeit gehabt, seine
Mission zu beenden.«
»Und worin genau besteht diese Mission?«, ließ Kleins Stimme sich
vernehmen.
»Die Pockenerreger außer Landes zu bringen«, sagte Smith
langsam.
Kirov sah Smith mit geweiteten Augen an. »Der Flughafen! Beria hat
die Pockenerreger bei sich und ist nach Scheremetjevo
unterwegs!«
Schweigen legte sich über den Raum. Pockenerreger auf einer Linienmaschine, unterwegs nach
weiß Gott wohin… das war der helle Wahnsinn!
»Weshalb Scheremetjevo, General?«, fragte Smith.
»Das ist doch logisch! Wie sonst könnte er hoffen, das Virus außer
Landes zu bringen?«
»Ich fürchte, er hat Recht, Jon. General, gibt es eine Möglichkeit,
an Beria heranzukommen, bevor er
Scheremetjevo erreicht?«
»In Anbetracht seines Vorsprungs - nein. Ich kann bestenfalls
Präsident Potrenko anrufen und ihn bitten, den Flughafen schließen
zu lassen.«
»Ich schlage vor, dass Sie das sofort tun. Wenn ein Flugzeug mit
Beria an Bord den Boden verlässt, dann steht uns ein Holocaust
bevor!«
Iwan Beria verließ den Bus, nachdem dieser am Abflugbereich des internationalen Terminals angehalten hatte. Wegen der Zeitdifferenz zwische n Moskau und den westlichen Hauptstädten starteten die meisten Maschinen am frühen Morgen. Wer in Zürich, Paris, London oder selbst in New York zu tun hatte, traf dann dort zu einem Zeitpunkt ein, wo die Räder des Geschäftslebens bereits angefangen hatten, sich zu drehen.
Beria musterte die uniformierten Polizeistreifen, die sich in der Nähe der Abfertigungsschalter aufhielten. Er entdeckte keinerlei ungewöhnliche Aktivität oder Hinweise auf erhöhte Sicherheitsmaßnahmen und ging den breiten Gang zu den Duty Free Shops und Geschenkläden hinunter. Als er an einem Bildschirm mit den Abflügen des heutigen Tages vorbeikam, verlangsamte er seine Schritte. Der Flug, den man ihm genannt hatte, war gerade aufgerufen worden.
Beria trat an das Schaufenster des Duty Free Shops und tat so, als würde er die dort ausgestellten Parfüms und Zigaretten studieren. Er schob sich langsam auf den Eingang zu und hielt nach dem Mann Ausschau, mit dem er sich treffen sollte.
Eine Minute schleppte sich dahin, während ständig Passagiere den Laden betraten oder verließen. Beria begann sich zu fragen, ob seine Kontaktperson drinnen war. Er konnte den Laden nicht betreten, da er dazu eine Bordkarte benötigt hätte.
Dann sah er das, was er suchte: eine auffällig spiegelnde Glatze, die aus der Menschenmenge förmlich herausleuchtete. Als er näher kam, entdeckte er das zweite auffällige Kennzeichen: die hervorquellenden Augen, die Adam Treloar immer ein wenig verblüfft wirken ließen.
»David«, rief er leise, aber scharf.
Treloar, der sich in der Nähe des Ladeneingangs aufgehalten hatte, wäre beinahe in Ohnmacht gefallen, als er den Codenamen hörte. Er fuhr herum, um zu sehen, wer gerufen hatte, und spürte in dem Augenblick, wie ihn jemand am Ellbogen antippte.
»David, ich hatte schon gedacht, ich hätte Sie verpasst.«
Treloar starrte in die kalten, dunklen Augen des Mannes, der da vor ihm stand. Das schmallippige Lächeln, das ihn beruhigen sollte, erinnerte ihn an den Schnitt eines Rasiermessers.
»Sie haben sich verspätet«, flüsterte Treloar.
»Ich warte schon…«
Er hörte Berias glucksendes Lachen und stöhnte dann erschreckt auf,
als eine Hand sich mit stählernem Griff um seinen Arm schloss. Er
leistete keinen Widerstand, als Beria ihn zu einem
Erfrischungsstand bugsierte und ihn am Ende der Theke auf einen
Hocker drückte.
»Orangen und Zitronen…«, sagte Beria in einem seltsamen
Singsang.
Einen Augenblick lang war er unfähig, etwas zu denken.
Verzweifelt versuchte er, sich an die Worte zu
erinnern, die den Satz vervollständigen würden.
»Tönen… tönen die Glocken von St. Clemens!« Beria lächelte. »Geben
Sie mir Ihren Bordcase.« Treloar griff nach der kleinen Ledertasche
zu seinen
Füßen und stellte sie auf die Theke.
»Und jetzt den Brandy.«
Treloar holte eine kleine Flasche mit Pflaumenschnaps aus der Tasche, die er im Geschenkladen des Hotels gekauft hatte.
Beria schraubte den Deckel ab, führte die Flasche zum Mund und tat so, als würde er trinken. Dann reichte er sie Treloar, der es ihm nachmachte. Im gleichen Augenblick holte Beria den Behälter aus der Tasche und stellte ihn auf die Theke.
»Lächeln«, sagte er im Gesprächston. »Wir sind zwei Freunde, die gemeinsam einen Schluck trinken, bevor einer von uns abreist.«
Treloars Augen traten hervor, als Beria den Behälter aufschraubte. »Und weil es uns nicht möglich ist, die Flasche hier gemeinsam zu leeren, gebe ich Ihnen den Rest mit, damit Sie ihn unterwegs genießen können.«
Er goss vorsichtig den halben Inhalt der Flasche in den Behälter. »Wenn man sich jetzt bei der Kontrolle für den Behälter interessiert, dann öffnen Sie ihn und lassen den Inspektor riechen, was drinnen ist.«
Beria schob seinen Hocker zurück und packte Treloar an der Schulter. »Ich wünsche einen guten Flug.«
Er zwinkerte ihm zu. »Und vergessen Sie, dass Sie mich je gesehen haben.«
Die Fahndungsmeldung über Iwan Beria erreichte die Sicherheitsbehörden in Scheremetjevo in exakt dem Augenblick, als Adam Treloar den Metalldetektor passierte. Der Mann am Scanner entdeckte einen zylinderförmigen Gegenstand in seinem Bordcase und forderte den Amerikaner auf, zur Seite zu treten. Ein Uniformierter öffnete die Tasche, nahm den Behälter heraus und schraubte ihn auf. Als er den Pflaumenschnaps roch, lächelte er und schraubte den Deckel wieder zu.
Er reichte Treloar den Behälter zurück und
meinte: »Der ist viel zu kalt. Warm schmeckt er besser.«
Als ein Zug Milizionäre den Terminal erreichte, saß Treloar bereits
sicher auf seinem bequemen Sessel in der Ersten Klasse. Die
American Airlines DC-10 wurde just in dem Augenblick vom Gate
weggerollt, als die Flughafensicherheitsbehörden anfingen, ihre
Überwachungsbänder zu überprüfen und nach jemandem zu suchen, der
wie Iwan Beria aussah.
American Flug 1710, nonstop nach London mit Weiterflug zum Dulles
Airport von Washington, hatte Startposition Nummer zwei hinter
einem Airbus der Air France nach Paris. Der Anruf des
Verteidigungsministers erreichte den Leiter der Flugkontrolle im
Tower, als Flug 1710 soeben die Startfreigabe erhalten
hatte.
»Schließen sie ihn!«, schrie der Direktor über
Lautsprecher.
Zweiundzwanzig Gesichter fuhren herum und starrten ihn an, als ob
er den Verstand verloren hätte.
»Was schließen?«, fragte einer der Controller.
»Den Flughafen, Sie Idiot!«
»Den ganzen Flughafen?«
»Ja! Nichts verlässt den Boden.«
Sämtliche Aktivität im Tower konzentrierte sich darauf, eine FULL-STOP Order an die Flugzeuge durchzugeben, die auf den aktiven Pisten oder noch dahinter warteten. Niemand hatte Zeit über die Flugzeuge nachzudenken, die bereits gestartet waren. Als man das schließlich tat, hatte American 1710 bereits einen weiten Bogen über Moskau beschrieben. Der Jet stieg jetzt ruhig und in gleichmäßigem Tempo seiner vorgeschriebenen Reiseflughöhe von sechsunddreißigtausend Fuß entgegen.