Zweiter Teil


(Der zweite Teil der Handschrif umfaßt 43 Seiten Großformat und zerfällt in zwei Kapitel. Im ersten Kapitel fehlt ein Abschnitt von vier Seiten. Im Text blieben hie und da Sätze unvollendet; Satzteile und einzelne Wörter wurden ausgelassen, da Pasternak auf der Suche nach gemäßem Ausdruck den endgültigen noch nicht gefunden hatte. Zum besseren Verständnis des jeweiligen Zusammenhangs werden, soweit dies möglich ist, einfachste gedankliche Äquivalente in Klammern kursiv eingefügt. Nicht rekonstruierbare Stellen sind durch Punkte gekennzeichnet.)



»Na, wie sieht's aus? Immer noch nichts? Noch keiner zurückgekommen?« Mit solchen und ähnlichen Fragen bestürmten die ungeduldigen Reisenden den Posthalter Schlippe jedes Mal, wenn er, im Bemühen seine Körperfülle so unsichtbar wie möglich zu machen, auf Zehenspitzen durch den riesigen, dämmrigen Raum der Poststation zurück in seine eigene Stube ging. Er blieb dann stehen, hob beide Hände mit nach außen gekehrten Handflächen, wie um eine Attacke abzuwehren. Er bereitete sich gewissermaßen darauf vor, einem Angriff widerstehen zu müssen, und krächzte flüsternd:
»Die Extrapost ist noch nicht zurück. Lemke hat auch keine Pferde mehr. Und daß bei mir im Stall kein einziges steht, das wissen Sie ja. Hochehrwürden mit ihrer Suite haben alle gebraucht. Sie müssen ihnen unterwegs begegnet sein. Der Weg bis zur nächsten Poststation ist weit, es bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als hier zu übernachten, meine Herrschafen.«
»Es handelt sich nicht ums Übernachten, Herr Postmeister«, wiederholte zum zehnten Mal ein Herr in Perücke und hohen französischen Reitstiefeln. »Viele von uns – nicht wahr –,« fuhr er fort und wandte sich an die Hochzeitsreisenden, »viele von uns«, fuhr er fort und lächelte so, als wollte er den Posthalter Lügen strafen, »viele von uns reisen, nicht ohne eine Nacht im Gasthof zu verbringen; aber wir könnten schon in Treysa sein und dort übernachten, stattdessen haben wir hier zehn Stunden nutzlos vergeudet, zehn Stunden, Herr Postmeister!« Am Ende dieser oder ähnlicher Reden stahl sich der Posthalter bis zur Tür seiner Stube und sagte, mit den Armen rudernd, heiser flüsternd, indem er sich dem ganzen Saal zuwandte wie zum Antlitz des Höchsten: »Nichts zu machen, meine Herrschafen, Seine Hochehrwürden …«, dann verschwand er und sperrte die Tür von innen vor den ungehaltenen Reisenden ab. Und sie drückten sich in die Ecken und wirkten winzig und unansehnlich in dem leeren, großen Saal mit den vier Fenstern zur Straße und zwei runden Luken zum Hof. Die im Raum nistende Dämmerung stand in grauen Lufsäulen vom Fußboden bis zur Decke, ohne ihren Ort zu verlassen, bewegte sich diese dämmernde Kolonnade auf die Reisenden zu, und es gab keine Lampe, die sie zwischen sich und diese Kolonnade hätten stellen können.
Draußen tobte der Regen. Die mit rauschenden Kastanien bepflanzte Poststraße schleppte dieses lärmende, prunkvolle Gewand durch den brausenden Sommerregen, bog in vollem Lauf jäh ab, direkt auf den Posthof zu, seine sieben Meilen lange Schleppe schlug mit voller Wucht an die Fensterscheiben des leeren Saales. Und wenn der Blitz aufzuckte, erzitterten alle Adern und Risse in den graumarmorierten Wänden wie die Schenkel eines galvanisierten Frosches … Und wenn der Blitz zuckt, schimmern die Fenster, und den geäderten Himmel durchziehen trübe, schwarze Bäche; Kalkmilch fließt aus ihm, und wie Seifenlauge aus Zubern schwappend, spülen – einander jagend – Wogen von Spülicht ihn ab.
Den Sechsen hüpfen bei jedem himmlischen Feuerstoß ihre bleichen Gesichter aus den Kragen. Bei dem Mann in der Perücke und Reitstiefeln. Bei den Hochzeitsreisenden
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Und der Regen prasselte mit verdoppelter Kraf. Johlend stopfe er sich Laub in den Schlund, und die Blätter, die er überschwemmte, ertranken in seinem Geheul. Rauschend und verschwenderisch wie Götzendienst war das Spektakel der draußen tobenden Elemente. Trotzdem, als gegen das Tor der Posthalterei das Dröhnen des Steins polterte, unterschieden die sechs Reisenden diesen Klang deutlich vom Donner, in dessen Abschiedsgrollen sich verwirrend und wieder herauslösend, die schallende Anstrengung von zwölf hammerschweren Hufeisen drang.
(Hier folgt der nicht erhalten gebliebene zweite Abschnitt des ersten Kapitels. Möglicherweise hat der Autor ihn bei einer Überarbeitung des Manuskripts eliminiert. Vermutlich enthielt er die Schilderung folgender Episode: der Blitz erschlägt das Pferd einer Kutsche bei der Einfahrt in den Hof der Poststation. Die Insassen, ein junger Aristokrat mit seinem alten Erzieher blieben wie durch ein Wunder unversehrt. Die Episode endet damit, daß die Reisenden beschließen, in der Stadt zu übernachten. Ein Pferdeknecht begleitet sie zum Gasthof. Der junge Adelige und sein Erzieher bilden die Spitze des Zuges.)

Die anderen unterhielten sich darüber, daß sie nun bald zur Ruhe kommen und ein trockenes Bett haben würden. Sie sprachen mit diesem Vorgeschmack des Behagens im Ton, das sich in zaghafer Skepsis noch nicht voll zu entfalten wagt, mit jener Vorsicht, mit der man im Dunkeln seine Füße auf nasse Pflastersteine setzt, um nicht an etwas zu stoßen oder auf etwas Lebendiges zu treten. Die leicht schaukelnde Laterne des Pferdeknechts zerschlug die Dunkelheit in schroffe Klumpen, ohne sie aufzuhellen.
Die anderen unterhielten sich auch über die wunderbare
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(Fügung), die den Blitz von den beiden Reisenden abgelenkt hatte, (… und) da wandte der junge Mensch, der Hand in Hand mit dem Greis hinter dem Pferdeknecht ging, den Kopf, ließ den Blick über den kleinen Zug gleiten, ohne ihn auf jemanden zu richten – die Reisenden, schon bei Tage herzlich wenig von einander unterschieden, waren nun völlig in einen nassen Fleck zusammengeschmolzen – und indem er den Schritt verhielt, dabei die anderen nötigend, ihm auf die Fersen zu treten, äußerte er ein paar höfliche Worte. Sie unterhielten sich, indem sie sich die Freiheit herausnahmen, in Gegenwart eines (hohen Herren), selbst den Gesprächsstoff zu wählen, sie lobten auch die Schönheit des Städtchens und die Großartigkeit der Nacht, frischer als ein gebadeter Spatz das Grün der Bäume lobt.

»Sagen Sie«, wandte sich der Alte an den Hausknecht, »ist hier noch – äh – sagen Sie, wer ist der Wirt des Gasthofs?«
»Würzenau«, erwiderte der Knecht, »kennen Sie ihn?« »Nein, nein. Aber ich – man hat mir erzählt – ich dachte, er hieße Markus.«
»Markus?« griff der Knecht auf. »Ja, das war der vorige Wirt, er starb … vor neun oder zehn Jahren, warten Sie, ja, vor zehn Jahren – damals als die Franzosen – das war ein furchtbar heißer Tag, Sommer – ich erinnere mich dran, wie grade gewesen. Es war staubig, windig – dann drückte die Hitze auf den Wind, der läßt nach, legt sich, die Bäume wie tot – man hört paff-paff, Waffenklirren von Kronwerk rüber, naja, Sie kennen sowas nicht, so ein zähes Scharren, so wie über den Hauklotz, wie Schelten nach dem Mittagessen. Es war auch gar nicht schrecklich, eben so ähnlich wie nebenan in der Küche: Schritte rein und raus, Fleisch wird gehackt, Töpfe werden gescheuert. Mittag, kein Mensch auf der Straße, nur der Wind war irgendwie schrecklich, und sehr heiß war es auch. Auf einmal hört der Wind auf, und plötzlich ist Pulvergeruch da, bitter in der Luf, kitzelt in der Nase und ganz deutlich: Paff-paff
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das hatte alles mit dem Wind zu tun, der kam ja von da rüber; jetzt weiß ich das genau, damals verstand ich nichts, war noch klein, neun Jahre. Die ganze Stadt wie ausgestorben. Ja also, wovon sprach ich doch – ach ja, Markus. Sehen Sie, und grade an dem Morgen hatte man ihn beerdigt, abends waren dann die Franzosen da, einen Monat lang regierten sie im Gasthof, danach kam dann Würzenau …« »Wie gut er erzählt, Georg.«
»Gut? Erstaunlich wirklich. Vollkommen ohne Zusammenhang. Und dieser Stil!«
»Was belieben?« »Nichts. Erzähl weiter.«
»Würzenau machte dann alles neu. – Was ist, Herr, was gucken Sie so auf das Haus da? Sie waren wohl doch schon mal hier? Sie haben sich ja auch an den alten Markus erinnert, nicht?« Der Alte antwortete nicht. Er kämpfe gegen eine Erregung, die ihn vorwärts riß, auf die andere Straßenseite. Diese Erregung richtete sich auf etwas, das sich jenseits des von der Laterne gelblich beleuchteten Streifens befinden mußte. Und als sich in diesen hellen Streifen plötzlich ohne Warnung der riesige, hochaufgetürmte, unversehrte Sockel der gotischen Kirche hereinschob, das gelbe Pflaster durchschwimmend, durchwatend, mit Brust und Kuppel in die Nacht gehüllt, als, sage ich, … (die Kirche) ihren Gang durch den gelben Lichtstreifen vollzog, … verhielt sich der Alte wunderlich: er stieß einen lauten und trockenen Ton aus der Kehle. Dieser Laut, der sich ihm gegen seinen Willen entrissen hatte, wäre einem Lachen ähnlich gewesen, hatte er durch seine Kürze nicht eher an ein Zungenschnalzen oder ein nicht unterdrücktes Aufstoßen erinnert. Dann blieb der alte Mann stehen, hatte offenbar beschlossen, unbedingt an dieser Stelle sich die Nase zu putzen, und zog aus seinem altmodischen Überrock sein Taschentuch. Auf halbem Wege zwischen Rockschoß
und Nase öffnete sich seine Hand in der Luf, und
das Tuch fiel auf die Erde.
»Auf-he-ben«, tönten knöchern auseinander fal-
lende Silben.
Der Pferdeknecht stellte die Laterne ab, nahm das Tuch auf, gab es dem Alten und betrachtete ihn verwundert. »Was ist denn mit Ihnen los?« Aber der alte Mann hatte schon seine Stiefelsohle von dem magnetischen Pflasterstein losgerissen, stampfe auf, stampfe noch einmal, und die Prozession zog weiter.
»Um Gottes Willen, was ist los? Der Unfall mit dem Pferd? Hat Sie das so erschreckt? Beruhigen Sie sich. Denken Sie nicht mehr daran. Denken Sie an etwas anderes. Lassen Sie uns von Fröhlicherem sprechen. Sie haben ja dem Knecht noch nicht geantwortet, woher Sie Markus kennen, den man bei Küchengeklapper beerdigte, am heißen Sommertag, im schrecklichen Wind. Nein, im Ernst, lachen Sie nicht, bitte«, sagte (der Jüngling) zu dem alten Mann, der die Worte seines Zöglings gar nicht gehört hatte und sich bewegte, als koste ihn jeder Schritt eine bewußte Willensanstrengung und werde mit genau überlegter Absicht getan. Der Jüng(ling) rüttelte seinen Arm:
»Kommen Sie doch zu sich! Sie waren schon ein-
mal hier? Ja?«
»Wer? – Ich? – Hier? – ja.«
»Ach so, das hatte ich nicht gewußt. Aber warum wollten Sie dann vorhin, als das Gewitter aufzog, unter gar keinen Umständen hier die Reise unterbrechen?«
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Die Erregung riß den Alten vorwärts. Sie erlosch erst in dem Augenblick, als ihr Führer sich nach links wandte, nachdem er seine Laterne in breitem Streifen die dunkle Straßenkreuzung in weitem Bogen hatte ablecken lassen. Da wurde der Alte etwas ruhiger, seine Erregung war ihm irgendwie abhanden gekommen beim Aufscheinen des Gasthofs (»…«). Sie erreichten die Ecke Elisabethstraße-Marktstraße.
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»Eijeijei! Der Gasthof ist ja voll!« stieß der Pferdeknecht ärgerlich aus, als am Ende der Straße, die abschüssig zum Fluß hinabführte, sich das alterskrumme und düstere Gebäude zeigte, dessen sämtliche Fenster erleuchtet waren. »Da, sehen Sie, überall Licht. Wir haben morgen Kirmes, da kommen die Leute von weit her. Jetzt werden Sie den Weg wohl alleine finden. Ich dreh nun um, geh heim. Gute Nacht, verehrte Herrschafen.«
Nachdem er sich tief und ehrerbietig vor dem jungen Edelmann verbeugt hatte, (drehte er sich um) und ging davon.
»Nun, irgendwie wird's schon gehen«, sagten (die Reisenden zueinander), nachdem ein Seitengäßchen den sich entfernenden Lichtschimmer der Laterne unversehens verschluckt hatte und sie sich in völlige Dunkelheit versetzt fanden. Der Nachtgewitterhimmel ermunterte
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er atmete aus voller Brust, (…) über ihn fuhren, sich aufeinandertürmend, zerrissene und zerreißende Fetzen früherer Wolken wie die Überreste einer Flotte, die irgendwo, nicht hier, eine Schlacht verloren hatte
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dort, wo die Reste dieser früheren Herrlichkeit irgendein Strudel fortgespült hatte, – vielleicht gerade dort, mündete rund ein tiefer von jenseits der Wolken kommender Quell bis zur Schwärze klar und kalt
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in der Enge dieser kalten Mündung zeigte sich ein Stern, scharfantig und spröde, krallig und glitzernd wie eine geöffnete Muschel, in deren Innern eine Perle schimmert; hart und scharf wie der Diamant eines Glasschneiders; das waren die Orte tiefster Schwärze und größter schwankender Tiefe des in seiner Kühle ringsum blitzenden Zakkens.
»Warum sind wir stehengeblieben? Wieder Ihret-
wegen, teuerster Amadeus? Ach so, es ist eine Dame bei uns?« fragte, sich zu den Letzten der Gruppe umwendend, der junge Edelmann mit lauter, klingender Stimme. »Wenn sich im Gasthaus ein Plätzchen findet, trete ich meinen Anteil an unserem gemeinsamen Recht auf Nachtquartier ab, meine Herren. Madame …«
»Scherer, meine Frau, gnädiger Herr.«
»Madame Scherer und ihrem Gatten selbstverständlich, das folgt logisch – pardon – aus ihrem beiderseitigen Familien Verhältnis.«
»Mille graces, Monsieur, ich und mein Mann … wir haben doch keinerlei Anspruch …«
»Lassen Sie, lassen Sie bitte; es ist schon alles entschieden, Madame – Madame Scherer. – Und Sie, Herr Amadeus, werden nun auch bald ausruhen können, fürchten Sie nichts. Und die übrigen – mit Gottes Hilfe werden wir alle versorgen, nicht wahr, meine Herren, irgend etwas wird sich schon finden, worauf wir uns ausstrecken können …« . . . . . . . . . . . .
»So, meine Herrschafen, wir sind am Ziel unserer
Wanderung. Wo ist hier – Herr Amadeus, wo ist
hier der Türklopfer?«
»Erlauben Sie, (junger Herr!«)
»Warten Sie, ich finde ihn selbst. Darf ich vorstellen: Herr Scherer – Herr Amadeus, mein Erzieher. Haben Sie einen Feuerstahl? Ah, da ist ja das Brett! Eins, zwei drei! Mehr ist nicht nötig, mir scheint, es kommt schon jemand. – Aber Herr Amadeus, was ist mit Ihnen, ich erkenne Sie gar nicht wieder.«


Zu dieser späten Stunde schlummerten die Geräusche und Stimmen im Gasthof, so, wie es in Häusern ist, in denen viele Menschen schlafen oder mit dem sie überwältigenden Schlaf ringen, wo die Brigade der Träume alles ringsum in ihren Bann schlägt, blindlings, im Vorübergehen auch die Aufwachenden. Geräusche im Gasthof? Da waren nur wenige. Wo mag die Kegelbahn sein? Ist es weit dort hin oder gleich hier nebenan durch das leere Zimmer? Auch wo sich der Billardsaal befindet, ist nicht klar. In jenem Saal, in den man durch verwinkelte Gänge, über Korridore und Vorplatz gerät, tickt eine Standuhr. Ihr Pendel schwingt hinter dem Glas auf und ab, übersät den Saal mit seinem Ticken, emsig und kleinkörnig wie Hirse; aber zum Schlag holt er todmüde und gelangweilt aus, als zwänge ihn die schmerzende Hand des Sämanns am Abend des Aussaattages.
Nebenan oder einige Zimmer weiter werden gleichmäßig wie auf einer Apothekerwaage Quentchen fest verpackter Geräusche abgewogen. Dort wird gespielt. Dort wird gespielt und vielleicht auch laut gesprochen. Dort rollen schwere Kugeln, und die Kugeln schlagen an lackiertes Holz, und die dickbäuchigen Kegel kollern polternd auf den Boden. Dann – ein deutlich wahrnehmbares Scharren, danach herrscht unvermittelt überbordende Stille. Dort neben dem Saal oder einige Zimmer weiter gähnt laut und ansteckend das Spiel. Vielleicht sprechen die Spieler über die zusammenprallenden Kugeln. Aber die Stimmen sind fest verpackt, mit blauem Tabaksdunst und mit dem Qualm der niedergebrannten Lampen versiegelt, sie sind in das Sägemehl des Uhrtickens eingepackt und in die Träume der Schlafenden im ersten Stock. Die Stimmen sind schließlich auch noch durch die späte Nachtstunde versiegelt, so, wie man einen Tatort versiegelt.
Aber in dieser Nacht ist das Wirtshaus kein Tatort. Wenn es einen Vorfall gibt, so ist es nur das laute dreimalige Pochen draußen von der Straße her und die lange Pause danach, und dann noch einmal: hartnäckiger und noch lauter das Klopfen am Haustor, endlich schlurfen Pantoffeln über den Korridor, ein Riegel klirrt, und an der Schwelle bekommt es eine schlafeisere, träge Stimme mit einer ganzen Stimmenkapelle von der Straße zu tun, aus der Nachtkälte klirrt das Eis frischer und aufmunternder Stimmen.
»… Nix zu machen. Ich sag's doch.«
»Nicht doch, mein Lieber, ich bin es nicht gewohnt, mit einem Hausdiener zu verhandeln. Wo ist – wie heißt er doch gleich – dieser Markus?« »Würzenau, Georg.«
»Richtig, ja, Würzenau. Ruf deinen Herrn her.« »Weiß nich, ob ich das darf.«
»Du brauchst auch gar nichts zu wissen, du gehst ganz einfach zu Herrn Würzenau und rufst ihn hier heraus. – – – Gleich, meine Herren, werden Sie Zeuge sein, mit welcher Beflissenheit Herr Würzenau sein Zimmer und sein Bett Madame Scherer überläßt, die ja meine Schwester ist!« »Zu viel Ehre!«
»Und Sie, mein Schwager, erlauben Sie mir, mich zu erkundigen, ob Sie rasch einschlafen, wenn dies si ce n' est pas une indiscretion exagerée. –« »O ja, besonders heute. Spätestens in fünf Minuten schlafe ich fest.«
»Gut, lieber Schwager, Schwager auf fünf Minuten.
Und wir, meine Herren, werden es uns hier irgendwie bequem machen. Allerdings, ehrlich gesagt, befürchte ich einen Ausbruch von Liebenswürdigkeit und Diensteifer bei Herrn Würzenau ebenso mir selbst wie auch mir als Bruder von Frau Scherer gegenüber. Vielleicht haben Sie es schon vermutet, ich bin Fürst Georg Kunz von Wölflingen.« »Oh, ah, ach Herrje. Das ist es also. Ich hab doch gleich sowas gedacht – ach nein, diese Ehre!« »Lassen Sie doch, ich bitte Sie! Setzen Sie sich lieber, hier sind Stühle. Erlauben Sie mir, Ihnen den Sessel anzubieten, Madame, ich bin gewöhnt, in Anwesenheit von Damen zu stehen.« »Georg.« »Ja, Herr Amadeus.«
»Die Sache ist die, Georg. Ich muß Sie auf ein Weilchen verlassen. Ich muß, verstehst du –. Es ist nämlich, Georg – – –. Auf der Straße – – ich habe auf der Straße meine Geldbörse verloren. Aber ich weiß, wo es gewesen sein muß, verstehst du; es war an der Elisabethkirche, da bei der Kirche, als ich das Taschentuch – –« »Ihre eigene Geldbörse?« »Ja.«
»Ich habe bisher nie angenommen, daß Sie – kurz und gut: Sie wollen jetzt, noch dazu ohne Laterne, sich gleich auf die Suche machen?«
»Ja, es sind ja nur ein paar Schritte von hier, Georg.«
»Herr Amadeus, Sie sind mir heute ganz fremd. Noch nie habe ich Sie so erlebt. Ich kann mir auch gar nicht vorstellen, daß der Unfall mit dem Pferd derart nachhaltige Wirkungen auf Sie haben kann.
– – Hören Sie, Herr Amadeus, – – glauben Sie mir, Ihr Vorhaben, – – verzeihen Sie, – – ist blanker Unsinn, und was Ihren Verlust …«
»Georg …«
»und Ihr Verlust ist die reine Bagatelle in Anbetracht …«
»Georg …«
»dessen, daß mein Vater Ihnen gesagt hat …« »Laß mich doch ausreden, Georg.«
»daß wir gemeinsame Kasse haben, Herr Amadeus, und Sie daher die verlorene Summe doch von mir ersetzt bekommen; Sie kränken mich, lohnt sich das, Herr Amadeus, wegen so einer Bagatelle – – ohne Laterne – – welche, welche, verzeihen Sie, kleinliche Nervosität. – –«
»Georg, trotzdem, ich ersticke hier, mir ist nicht ganz wohl – ich bin irgendwie verwirrt. Ich gehe hinaus. Gehe ein bißchen spazieren. Und – ich verabschiede mich nicht erst – komme gleich wieder zurück, sie wartet, wahrscheinlich – – –«






2.


Der 7. Juli ist vielleicht nicht allen Bewohnern des Städtchens mit seinem Datum in Erinnerung geblieben, aber der Tag selbst war für viele durchaus ungewöhnlich. Er war über die Maßen lang, wenn auch die Meinungen darüber, wie unendlich lang er gewesen war, auseinandergingen. Auf diesen Tag war eine Sitzung des Stadtrats anberaumt, die sich mit einigen Fragen bezüglich der bevorstehenden Kirmes zu befassen hatte. Die Sitzung fand im großen Ratssaal statt, dessen Fenster nach Westen lagen. Und sie näherte sich schon ihrem Ende, als die Mitteilung eines Ratsherrn plötzlich eine überraschende, außerplanmäßige Angelegenheit auf die Tagesordnung brachte. Einige der Herren erregte und bestürzte Kurt Seebalds Nachricht so ungeheuer, daß sie ihn mit einem Knäuel von Fragen und Ausrufen bewarfen, minutenlang den würdig-amtlichen Ratsherrnton vergaßen und hier am öffentlichen Ort ein privates und überaus hitziges Gespräch sich entspann. Dieses turbulente Gespräch wies befremdliche Anzeichen von lärmender, höchstgradiger Entrüstung auf. Die Lebhafigkeit, mit der die Ratsherren diese öffentliche außerplanmäßige Diskussion führten, paßte in keiner Weise zu ihren Jahren – sie gingen auf die siebzig zu oder hatten sie gar schon überschritten. Hinter einem der staubigen Fenster hing die in Glut getauchte Sonne und zögerte, die allgemeine Verwirrung dieses seltsamen, kranken Tages hielt sie auf ihrem Weg zurück. Ein hellroter Streifen ihrer vorabendlichen Hitze lag wie ein orangefarbenes Stück Stoff quer über den mit grünem Tuch bedeckten Ratstisch. Von den fünf anderen Fenstern liefen die Streifen als Stützen zur gegenüberliegenden Wand in dicken Balken satten Lichts. In dem von diesen Balken durchfurchten Saal schien es, als ob die abendliche Straße, auf der sich zu ergehen jetzt unvergleichlich viel angenehmer gewesen wäre –, als ob die Straße den Saal stütze, verkürz' diese unmäßig helle Straße, und der Saal wird sich zusammenkrümmen und einstürzen.



Anstifer des unpassenden Gesprächs mit Seebald waren sieben Ratsherren; die übrigen siebzehn, jünger als ihre Amtsbrüder, mischten sich in die erregte Debatte und verlangten Erklärung des Gesprächsgegenstandes. Die Aufregung der Alten war den Jüngeren ebenso unverständlich, wie ihre Worte es waren. Jene beeilten sich, die Neugier der Nichteingeweihten gleich sechsfach zu befriedigen, indem sie ihnen um die Wette Bruchstücke eines höchst verwickelten Vorfalls aus der längst vergangenen Geschichte ihrer Stadt zuwarfen. Diese Geschichte aber tauchte gleichzeitig auch ganz für sich und in ihrem Zusammenhang in der Wiedergabe auf, die Kurt Seebald der geneigten Begutachtung darbot. Allmählich legte sich die Erregung der alten Ratsherren, und der einer so würdigen Versammlung angemessene Ton fand sich wieder und wurde erneut aufgegriffen. In diesem Ton konnten dann die noch offenen Fragen, die Kirmes betreffend, erledigt und die Angelegenheit jenes Menschen verhandelt und geklärt werden, die Seebald in seinem außerordentlichen Antrag zur Tagesordnung, der alle so erregt hatte, vorgebracht hatte.

Und die Sonne hing immer noch in der Luf, hinter dem staubigen, von Spinnweben und Dämmerung grauen Glas des rechten äußersten Fensters. Durch die letzte Verwirrung dieses seltsamen, kranken Tages auf ihrem Abstieg zurückgehalten, übergoß sie mit Glutwellen die untere Querleiste des Fensterrahmens.
Dieser Tag war so unerhört lang, daß es schwierig ist, seinen Anfang zu finden. Seit dem Morgen durchstreifen Gerüchte über das gestrige Unwetter die Stadt. Man erzählte sich von der wunderbaren Himmelsfügung im Dorf hinter Rabenklippe: da schlug der Blitz in ein Hochzeitshaus ein. Die Brauteltern, die Gäste und das junge Paar kamen mit dem Schrecken davon, entgingen um Haaresbreite dem Tod. Noch ein anderes erstaunliches Ereignis erzählte man sich: der Blitz hatte ein angeschirrtes Pferd erschlagen gerade vor der Poststation, bei der Einfahrt in den Hof. Auch der Wagen war beschädigt worden, aber den Insassen war nichts geschehen. Mit dem Weitererzählen und dem Ausschmücken dieser Gerüchte hatte für viele Leute dieser sich nun dem Ende zuneigende Tag begonnen.
Für Seebald hatte er schon viel früher angefangen. Die Schätzungen über die Folgen des gestrigen Hochwassers trafen ihn längst auf den Beinen. Er war kurz nach fünf aus dem Bett geholt worden durch einen achtbaren Herren, der aber AnneMarie, Seebalds zweiter Frau, seinen Namen nicht nennen wollte, als sie auf das anhaltende Klopfen hin in die Diele hinausgegangen war und ihm geöffnet hatte. Beim Anblick des Gastes, der ihn im dunklen Flur erwartete, war Seebalds Erstaunen, der endlich nach langem Gähnen, ausführlicher Besprechung mit Anne-Marie und ärgerlichem Achselzucken aus seiner Kammer kam, um so stärker und ungestümer, als er aus den Andeutungen seiner Frau in dem Besucher jemanden von der Verwandtschaf seiner seligen Susanne zu sehen erwartet hatte. »Dieser alte Teufel«, hatte Anne gesagt, »guckte mich ganz mißtrauisch an, als ich erklärte, daß ich Frau Seebald bin; er weiß wohl nicht, daß du wieder geheiratet hast. Glotzt mich an, als ob er sein Lebtag nicht gehört hätte, daß so was in der Welt vorkommt und nichts Heidnisches dabei ist.« Seebald konnte lange keine Worte finden, schüttelte dem Gast die Hand, umarmte ihn, beide hatten Tränen in den Augen; rasch zog Seebald den seltsamen Besucher hinter sich her in die Stube. Hier erst kamen sie beide richtig zu sich, bald schwangen ihre Stimmen auf und ab, richteten sich ein in ausführlichem, lebhafem Gespräch. Seebalds Stimme kletterte immer höher, und AnneMarie, die sich wieder zu Bett gelegt hatte und nicht die geringste Lust verspürte, zu lauschen, fing ein paar einzelne, unzusammenhängende Worte ihres Mannes auf.
»Zufall? Wenn das Wetter nicht gewesen wäre. Also ja? Und Sie nicht?« … wunderte sich Seebald, seine übrigen Worte wurden ebenso wie die Stimme des Gastes in einförmiger Rede fest in die Wand eingemauert. Diese Unterhaltung war abgehackt und doch unteilbar. Dann folgte ein kurzes Schweigen. Danach sprach der Gast. Anne-Marie schlief wieder ein.
»Sie? Sie selbst?« Seebald rief es laut und mißbilligend hinter der Wand. Anne-Marie öffnete die Augen. Hinter dem Fenster breitete sich hitziges und trockenes Vogellärmen aus. Von der Wand spalteten sich schichtweise zäh die Worte des Gastes ab. Anne starrte auf das Muster, das die aufgehende Sonne der bordeauxroten Tapete aufrannte. Sie legte ihren nackten runden Ellbogen unter die schlafwarme Backe. Rund um die Stadt lief das Krähen der Hähne.
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»Heute? – Sie sind drin gewesen? Spielen … Sie konnten? Daß ich … auf dieser Orgel …!« Doch dann hörte Seebald von seinem Gast anscheinend etwas Beruhigendes, denn nach diesen Ausrufen nahm das Gespräch der beiden alten Männer einen so gleichmäßigen Fortgang, daß kaum zu unterscheiden war, welcher von ihnen sprach. Die of von Husten unterbrochenen Worte des Besuchers häufen sich und bröckelten ab, verklangen, sogen sich in die Wand und blieben in ihr stecken. Anne-Marie schlief wieder ein und geriet ins tiefste Dickicht eines sie lange gefangengehaltenden Traumes. Sie war 25 Jahre jünger als ihr Mann und konnte noch tief und fest schlafen. Daher hörte sie nicht: »Glauben Sie? Nein. Daß sie zustimmen?! Wo denken Sie hin – die? Nein. Wie können Sie bloß …?!«
Dann wurde von einem der beiden der Name Tuch genannt und nach einer kleinen Weile ganz deutlich: Sturzwage. Aber, doch das läßt sich nur vermuten, Sturzwages Name wurde viel weniger überzeugt und leiser ausgesprochen.
So früh und so ungewöhnlich hatte der Tag der Ratssitzung für Seebald begonnen. Aber für sich selbst hatte dieser unmäßig lange Tag noch früher angefangen. Keine Seele war auf den trügerischen, undurchsichtigen Straßen des Städtchens; und nur die Ziegeldächer wimmelten in der Stadt wie körperlose Erscheinungen, die sich lautlos im schwach sich andeutenden Morgengrauen mit kalter Trübe wuschen – keine Seele war in den Straßen, auf die der Tau sank, mit kaltem Schweiß die Stirnbuckel des Straßenpflasters und der Gebäude befeuchtete und hinter den Glimmer des Nebelschleiers trat wie die Spur eines rund geöffneten Mundes an einer feucht angelaufenen Fensterscheibe; keine Seele war in den Straßen, sage ich, als zwischen all den übrigen körperlosen Gebilden etwas Neues entstand, nur in diesem Augenblick auf der Gotteswelt erscheinend und mehr als alle übrigen ein körperloses Gebilde: es war ein Gebäude aus (Tönen), es stöhnte, herangetrieben aus unüberwindbarer Ferne, und verstummte. Es verstummte nicht deswegen, weil es in die Erde zurückgesunken wäre, aus der es irgendwo hervorgekommen war … Aber faßbar war es in seiner Erscheinung nur als nicht mehr menschlicher Versuch lebendig Begrabener, die Stille vom Fleck zu bewegen. Und nur in diesem einen Augenblick unterschied sich das Phantom dieser behutsamen Harmonie (des Tons) von der spukhafen Luf, den spukhafen Dächern und dem spukhafen Tau. Mit Ablauf der Frist dieses einen Augenblicks – hörte es auf, sich vom Tau zu unterscheiden, und war nirgendwo mehr zu finden.
Keine Seele war auf dem Elisabethplatz, als das Gestein (aus dem die Kirche) gebaut war, dumpf zu summen begann wie ein Kran unter Last. Ihr (der Kirche) ganzes steinernes Fleisch wurde plötzlich schwer, bis ins Innerste durchtränkt von näselndem, dröhnendem, gleichmäßig gedehntem Schnaufen.
Keine Seele war in der Nähe. Wäre jemand vorübergegangen, dann hätte er den Schritt verhalten und erkannt, daß drinnen die Orgel gespielt wurde; und vor allem: er hätte den lawinenhafen Donner einer chromatischen Tonleiter gehört, schnell und vollständig gespielt von den tiefsten Tönen bis zum äußersten Diskant und zurück, vom A der Sub-Kontra-Oktave über das ganze Manual; und er hätte daran jenes Verfahren erkannt, mit dem Fachleute ein Instrument probieren, sich von der Intaktheit aller seiner Pfeifen überzeugen.
Aber auf dem Elisabethplatz war keine Seele. Als erste erschienen zwei Leute auf der Straße, die die Kirche durch die niedrige in den Kirchgarten führende Seitentür verlassen hatten. Sie gingen in verschiedenen Richtungen auseinander, nachdem sie sich mit wenigen und kaum verständlichen Worten voneinander verabschiedet hatten. »Bemerkenswert! Und vor allem: ich konnte ja gar nicht vermuten, daß Sie so …«, sagte, die Silben dehnend, der eine. »Hast du eine Taschenuhr bei dir?« »Fünf Minuten vor fünf.«
»Gut, jetzt kann ich auch schon Seebald aufsuchen. Aber du geh schlafen, schlaf dich aus.«
»Bälge treten macht gar nicht müde. Es macht sogar Spaß wie in der Schmiede. Aber ich muß mich bei Ihnen entschuldigen. Ich glaubte wirklich, Sie seien drauf und dran, eine Torheit zu begehen, darum bin ich Ihnen nachgegangen. Und Sie hatten gestern selbst gesehen, daß die Tür …« »Jaja, ich sagte es dir ja. Ich sah es, als wir vorbei gingen. Wahrscheinlich haben die Maler sie offengelassen. Drinnen wird renoviert. Aber jetzt geh.« »Und Sie?«
»Ich habe noch etwas vor. Du mußt dich schlafen legen, geh.«
»Also, à bientôt. Nein, in der Tat, bemerkenswert. Vor allem …«
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In Wirklichkeit hatte der Tag begonnen, als hinter dem Gasthof, hinter den Pferdeställen, hinter dem Johannisbeergebüsch das leichte Klirren von Stahl und das Schleifen des Wetzsteines über die Sensenschneide auf klang. Der Hinterhof des Wirtshauses endete am Zaun eines kleinen, dicht zugewachsenen Obstgartens. Er lief an dessen ausgefranstem Unkrautund Brennesselrand entlang, den Kalkspritzer verunzierten. Noch war der Morgen weit, als dort hinter den Johannisbeersträuchern Schwung auf Schwung der sirrende, feine und schwerelose Ton der Sense durch das trunkene Gras zu schwirren begann. Es war feucht, noch nicht zu Atem gekommen. Tote Tropfen des gestrigen Regens zogen wie schwere Ohrläppchen die Zweige der Sträucher nach unten.
Zahllos waren sie in ihrer nassen Finsternis, erstarrt, unbeweglich, aufgequollen und schweigend. Ihre Unbeweglichkeit kündigte an, daß der Tag heiß und schwül werden würde. Einstweilen jedoch
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Und die Sense sang hinter den Johannisbeersträuchern, durchschnitt die Luf mit beißender Geißel.
Mit dieser Mahd wurde auch der Tag aus dem dichten Gras hinter dem Johannisbeergebüsch herausgehoben. Mit ihr und nicht durch die beiden Stimmen, die vor dem Tor des Gasthofs zu dieser frühen Stunde über irgendeine Angelegenheit in einen lauten Wortwechsel geraten waren. Es war die Mahd. Denn als die beiden Reisenden aus dem Tor getreten waren, seine Schwelle hinter sich gelassen hatten und auf die Straßenmitte zugingen, hörten sie, wie auf der Hofseite gemäht wurde; und sie vermuteten, daß die kleine Wiese hinter dem Pferdestall abgemäht würde, die von ihrem Fenster aus zu sehen war, und die mit so großer Mühe die vormorgendliche Dunkelheit überwunden und sich aus ihr zu einem hellgrauen, undurchsichtigen Rhombus befreit hatte. Die beiden Männer sprachen durchaus nicht laut. Doch in der vollkommen menschenleeren Stille, die an jeder Kreuzung, in jedem Hof und in allen Gassen der Stadt in Quartier lag, stellten ihre Worte eine so laute und unverhohlene Absonderlichkeit dar, daß man sich über die Kühnheit und das unbeschwert eingegangene Risiko dieser beiden einzigen Stimmen in der Stadt wundern mußte. Sie entfernten sich, ihre Worte hüpfen, auch die Männer bewegten sich offenbar in Sprüngen, eilten auf die Elisabethstraße zu. »Du wirst die Bälge treten.« »Und die Verantwortung?« »Übernehme ich.« »Wie kommen wir aber hinein.« »Die Seitentür ist offen.« »Wie?«
»Ich sah es gestern Nacht. Wir kamen ja dran vor-
bei. Und da fiel es mir auf. Wahrscheinlich haben
Maler sie offen gelassen. Renovierung, nehme ich
an.«
»Verrücktheit.«
»Geh drum herum.«
»Ich springe drüber.«
»Da! Siehst du.«
»Geben Sie Ihr Tuch.«
»Laß nur. Muß erst trocknen, dann kann man mit der Bürste drangehen. Das sind ja regelrechte Seen hier. Ich kann mich überhaupt nicht erinnern, jemals solche Gewittergüsse erlebt zu haben.«
»Wir gehen jetzt bergauf, weiter oben wird es trockener.«


Die Ratsversammlung war längst beendet. Die Zunfund Innungsmeister hatten sich zu schwatzenden Grüppchen zusammengefunden, manche verließen schon den Saal, ohne ihre ungezwungenen Gespräche zu unterbrechen. Nur an der Tür stockten sie, um den jeweils Angeseheneren und Berühmteren den Vortritt zu lassen. Viele blieben noch mit Bürgermeister Tuch im Saal zurück. Einige schlenderten im vorderen, von Sesseln nicht verstellten Teil des Saals auf und ab. Die meisten umdrängten den Tisch, an dem Grüner, der Stadtnotarius, eilig eine Reinschrif des von der Stadtregierung soeben erlassenen Edikts anfertigte. Die Ratsversammlung war längst beendet, und viele Ratsherren begaben sich schon nach Hause, und die sinkende Sonne kämpfe noch wie eine riesige schwerfällige Hummel in der rechten Saalecke … Eine Volksansammlung unten auf der Straße zog die Aufmerksamkeit der im Saal Umherschlendernden an. Einer nach dem andern traten sie an die Fenster. Auch die bei Gruner am Tisch Stehenden und ihn zur Eile Antreibenden begaben sich nach und nach zu den Fenstern hinüber. Gruner blieb allein am Tisch sitzen, alle Augenblicke schob er den ihm in die Stirn fallenden blonden Haarschopf zurück, sein Gänsekiel tanzte schwungvoll über das dicke Papier, das sich unfolgsam krümmte und es kapriziös darauf abgesehen hatte, sich aufzurollen. Die Prozession unten auf der Straße schleife einen prächtigen Schweif von Gaffern und Müßiggängern mit sich, schwenkte ab und bog um die Ecke.



Die Ratsherren wandten sich erneut dem Tisch zu. »Was ist da unten los?« fragte Gruner die Herankommenden.
»Die Zigeuner sind schon da. Bald fertig, Gruner?«
»Gleich, gleich.«
»Schon gut, wir werden Sie nicht stören.« »Erinnern Sie sich noch an die Bärin auf der vorigen Kirmes, Sturz wage?«
»Ja natürlich, aber eben habe ich sie nicht gese-
hen.«
»Ich auch nicht.«
»Die Bärin war auch nicht dabei. Schade. Ein prachtvolles Tier!
Aber sonst ist alles genau wie voriges Jahr: Kamel, Affen …«
»Jaja, genau wie immer, Kamele und Affen.« »Na, Gruner?«


Die Leute standen auf der abgemähten Wiese, die Gesichter der untergehenden Sonne, die Rücken den ständig Neuhinzukommenden zugekehrt. Vor ihnen die Zigeuner mit ihren Tieren und die blutige Sonne, die geradewegs in das Dickicht des Johannisbeergebüschs fiel wie ein noch dampfendes ausgeweidetes Rind, das die verkrüppelten, zerknickten Sträucher unter sich zusammendrückte. Nur der langgesichtige Kopf des Kamels ragte über die Menge hinaus, schwamm über ihr. Das Kamel trug seinen langen Schädel flach auf dem leise schwankenden Hals durch die Menge, so wie Tabletts und Tragbretter auf den offenen Handflächen der Diener liegen, die der Truchseß an der Schulter führt. Immer neue Schaulustige traten, von den Drehorgelklängen angelockt, durch das Hofor. Das ganze Wirtshaus war schon versammelt. Das Gesinde stand abseits von den fremden Herrschafen zusammengedrängt auf einer kleinen Anhöhe. Die Fremden, einzeln oder paarweise, hatten weniger gute Sicht. Ein paar Nachzügler, die noch am Herd oder in der Garderobe aufgehalten worden waren, rannten, einander zulachend und -rufend, über den Hof und liefen rasch, ohne sich umzusehen, auf die Wiese hinaus.

Die Menge stand mit dem Rücken zu den Neuankömmlingen, die Gesichter den Tieren und der Sonne zugewandt. Dunstig-himbeerfarbene Strahlen leuchteten hefig und leidenschaflich über die Wiese. Die Stiefel der Zigeuner stampfen im roten, spärlichen und honigzähen kurzgeschorenen Gras. Auf einem Karren stand ein Verschlag, dessen eine Seite mit eisernen Gitterstäben versehen war. Auf dem Dach des Verschlages lärmten, grimassenschneidend und einander das Fell kratzend, nackte Affen. Der bläuliche Schimmer auf ihren graufarbenen Gesichtern war so dunkel, wie ein altes Siegel dunkel sein muß von ewig menschenscheuer Weisheit. Verdrießlich und mißvergnügt blinzelnd, hörten sie der langgezogenen Drehorgelmusik zu, als hätten sie diese Musik in ihren haarigen Affen-Mutterleibern ausgetragen. Die Menge stand den Tieren und der Sonne zugewandt; auch der alte Erzieher stand auf der kleinen Anhöhe, die das Gesinde für sich beschlagnahmt hatte. Die dunstig-himbeerfarbenen Sonnenstrahlen verfingen sich in den Dornen der Sträucher. Die Rinde des wilden Birnbaums, gedörrt im sinkenden Sonnenfeuer, bog sich wie gepunzte Bronze, die Härchen des Stachelbeerbuschs keuchten im rosigen Dunst. Bengalisches Glimmen breitete sich auf allen Vieren über die Wiese aus, und bei der Drehorgel angelangt, gab es ihr seine Seele. Nachdem es mit schimmerndem Glanz die nackten, staubigen Füße der Zigeunerinnen geküßt hatte, drehte es im Rhythmus des Kamelschaukelns den Drehorgelgriff.
In der Menge stand auch der alte Erzieher. Bedeutsame Bemerkungen wurden in der Menge über die Affen gemacht. Da ließen die Tiere, ohne ihre Haltung zu verändern, eine Wolke von Affenblikken auf die Menge los. Ihre zusammengekniffenen Augen glänzten in schwarzem Glanz, sprangen die Gesichter an wie Flöhe, und nachdem sie genug davon hatten, sprangen sie mit einem Satz zurück auf ihre Plätze in die tiefen Augenhöhlen. Der Sonnenuntergang verdichtete sich und wurde schon fahl. Einzelne Schichten der Abendsonne fielen nach und nach wie glänzendes Metall in die Furchen der gehackten Johannisbeerbeete. Besondere Neugier erregte der Käfig, auf dessen Dach die Affen in einem Haufen eng zusammengedrückt kauerten. Der Käfig war leer. Es war nichts darin außer einem Klumpen zerdrückten Strohs und jene unbestimmten, scharf riechenden Dunkelheiten, die man im Winter auch in geschlossenen Räumen der zoologischen Gärten antrif und die in den hintersten Winkeln halbdunkler Käfige nisten. Dieser leere Käfig erregte die Aufmerksamkeit eines jeden so lange, bis er bemerkte, daß in der rechten Ecke der Rückwand doch etwas lag. Ein prächtiger Frauenmuff, groß, schwarz oder dunkelgrau, zur Hälfte im Stroh vergraben. Und dann wurde seine Neugier … »Knauer!« klang es vom Gasthof herüber.
Der Erzieher wandte sich um, als bezöge sich dieser Anruf auf ihn.
»Knauer!« rief es wieder von der hölzernen Galerie herüber, die sich an der Hofseite am ersten Stockwerk des Gasthofs entlangzog. Der Erzieher verließ die Menge und begab sich zu der am Geländer der Galerie stehenden Gruppe. Er schaute hinauf und erkannte sie. Er erkannte Tuch, Sturzwage, Rosarius und all die anderen außer zwei oder drei ihm fremden Männern. Er war erregt und hatte bestimmt seinen Hut abgenommen und zur Galerie hinaufgeschwenkt – den vom Sonnenuntergang beleuchteten Männern entgegen –, um schon von der Wiese her die Freudengefühle auszudrücken, die seine Kehle zuschnürten, aber er hatte keinen Hut auf; als er vorhin hinausgegangen war, um sich die Tiere anzuschauen, hatte er ihn im Gasthof vergessen.


Worüber dann oben im Gasthof gesprochen wurde, ist nicht bekannt. Das Gespräch währte nur kurz. Bald erschien Tuch schon wieder auf der Galerie, den ihm folgenden Amtsbrüdern im Gespräch halb zugewandt. Sie überquerten den Hof, verabschiedeten sich auf der Straße und gingen nach Hause.
Das Ziel ihres Besuches im Gasthof war es gewesen, Knauer eine – wie sie es nannten – Information zukommen zu lassen. Sie waren gekommen, um Knauer davon in Kenntnis zu setzen, daß sein Gesuch um Wiedereinstellung als Stadtorganist nicht nur kategorisch abgelehnt sei, sondern daß sie, der Rat der Stadt, in diesem Gesuch ein in seiner Dreistigkeit ungeheuerliches Beispiel von hochmütigem Aberwitz sähen. Und das nicht nur in Anbetracht dessen, daß die Stelle des Stadtorganisten überhaupt nicht vakant sei, wie er offenbar in seiner maßlosen Selbstüberschätzung geglaubt habe, sondern mehr noch – und ganz speziell –, weil seine Anwesenheit in dieser Stadt absolut unzulässig sei und auf keinen Fall geduldet werden könne, und das aus Gründen, die ihm besser als anderen bekannt seien, Gründen überdies, die sich heute an Zahl und Gewicht verzehnfacht hätten, da er, ohne jemanden zu fragen, nicht einmal die Stimme seines eigenen Gewissens – und darauf bestanden sie –, sich erfrecht habe, willkürlich sich der Kirche zu bemächtigen, als verfüge er über sein Eigentum, die – und darauf bestanden sie auch –, die für ihn ein unberührbares Heiligtum hätte sein müssen, ein schreckliches Heiligtum.
Ihr Ziel war es gewesen, Knauer zu informieren, und obwohl nicht bekannt geworden ist, was gesprochen wurde, muß man doch annehmen, daß sie Erfolg hatten und ihr Ziel erreichten. Als die Ratsherren Knauer verließen, lag auf ihren Gesichtern nicht mehr der Ausdruck von Verlegenheit, mit dem sie gekommen waren. Der Stil des Edikts, das Tuch verlesen hatte, beherrschte noch alle ihre Bewegungen, als sie über den Wirtshaushof schritten. Dieser Stil hatte sich ihren Greisenbeinen angeschmiegt wie ein unter die Kniehosen gestopfes orthopädisches Korsett. Und die strenge Achtbarkeit dieses Stils hatte ihnen einen Maulkorb angelegt …
Aus dieser Lähmung lösten sie sich erst, als Grüner ihnen durch eine Mitteilung gleichsam unter die Arme griff: »Also ja, es stimmt. Ich habe Ignaz gefragt. Die Bärin ist eingegangen.« »Krepiert?«


Und sie schritten zum Tor hinaus.
Seebald war nicht bei ihnen gewesen. Als er am anderen Tag vor dem Mittagessen in den Gasthof kam, um Knauer zu besuchen, erfuhr er, daß dieser schon abgefahren war. Beide Reisenden hatten die Stadt schon am Morgen verlassen.
Damit endet die Geschichte von der Kontra-Oktave, und es beginnt die Fabel von Knauers schlechtem Leumund. Aber das ist nicht einmal eine Fabel, sondern üble Nachrede:
Martens, auch er Organist, war dabei gewesen, als Tuch Knauer das Edikt verlesen hatte. Er war ein Mensch von großer Beobachtungsgabe und über die Maßen gutmütig. Noch of in späterer Zeit, wenn die Gelegenheit es ergab, erinnerte er seine Amtsbrüder an den Gegenstand der Information für Knauer, und daran, wie äußerst merkwürdig sich dieser dabei betragen habe.
»Naja, eben ein Narr! Man spricht zu ihm vom Zorn des Herrn. Und er – hört überhaupt nicht zu. Soll er, der Gottlose. – Er – ich meine Tuch – griff zu hoch, als er mich lobte (das sage ich nicht aus falscher Bescheidenheit), aber die Wahrheit ist doch: eine unglückliche, von ihrem Mann verlassene Frau – wie hätte ich da nicht helfen sollen … jeder von uns hätte das getan … und außerdem – die verewigte Dorothea war von engelgleichem Gemüt, man muß gerecht sein. So ein Narr! Dann zeigt Tuch auf mich, sagt: ›dieser würdige Mann‹ – ich weiß die genauen Worte nicht mehr – ›ja, hätte nicht dieser menschenfreundliche, überaus würdige Mann (wirklich außerordentlich schmeichelhaf) sie – wenn man so sagen darf – geheiratet in Anbetracht seiner uneigennützigen Anteilnahme am Schicksal Ihrer Gattin usw. usw.‹ Aber er! Auch das ließ er an seinen Ohren vorüberrauschen. Dieser Narr! Naja, man muß zugeben, er ist schon alt, langsam in seinen Gefühlen. Aber was heißt schließlich alt! Beiläufig läßt jemand fallen, daß ich sozusagen seine Pflichten übernommen habe oder etwas in der Art – und dieser Narr dreht die Augen zu mir, und erst jetzt tritt zu Tage, daß er nicht stumm ist: ›Sie – sind der Organist?!‹ Und das waren seine einzigen Worte während der ganzen Zeit, die wir bei ihm zubrachten. Nur ein Narr kann so sprechen! Ich setze Sie mit all dem in Erstaunen, meine Herren, verzeihen Sie. Aber hätte ich schon damals in Ambach gelebt –« »Was dann?«
»Hätte ich – so wie Sie alle – schon zu seiner Zeit hier gewohnt –, ich hätte ihn auf den ersten Blick durchschaut. Ich hätte alles voraussagen können. Das steht fest!«