Zweiter Teil
(Der zweite Teil der Handschrif umfaßt 43
Seiten Großformat und zerfällt in zwei Kapitel. Im ersten Kapitel
fehlt ein Abschnitt von vier Seiten. Im Text blieben hie und da
Sätze unvollendet; Satzteile und einzelne Wörter wurden
ausgelassen, da Pasternak auf der Suche nach gemäßem Ausdruck den
endgültigen noch nicht gefunden hatte. Zum besseren Verständnis des
jeweiligen Zusammenhangs werden, soweit dies möglich ist,
einfachste gedankliche Äquivalente in Klammern kursiv eingefügt.
Nicht rekonstruierbare Stellen sind durch Punkte
gekennzeichnet.)
»Na, wie sieht's aus? Immer noch nichts? Noch
keiner zurückgekommen?« Mit solchen und ähnlichen Fragen bestürmten
die ungeduldigen Reisenden den Posthalter Schlippe jedes Mal, wenn
er, im Bemühen seine Körperfülle so unsichtbar wie möglich zu
machen, auf Zehenspitzen durch den riesigen, dämmrigen Raum der
Poststation zurück in seine eigene Stube ging. Er blieb dann
stehen, hob beide Hände mit nach außen gekehrten Handflächen, wie
um eine Attacke abzuwehren. Er bereitete sich gewissermaßen darauf
vor, einem Angriff widerstehen zu müssen, und krächzte
flüsternd:
»Die Extrapost ist noch nicht zurück. Lemke
hat auch keine Pferde mehr. Und daß bei mir im Stall kein einziges
steht, das wissen Sie ja. Hochehrwürden mit ihrer Suite haben alle
gebraucht. Sie müssen ihnen unterwegs begegnet sein. Der Weg bis
zur nächsten Poststation ist weit, es bleibt Ihnen nichts anderes
übrig, als hier zu übernachten, meine Herrschafen.«
»Es handelt sich nicht ums Übernachten, Herr
Postmeister«, wiederholte zum zehnten Mal ein Herr in Perücke und
hohen französischen Reitstiefeln. »Viele von uns – nicht wahr –,«
fuhr er fort und wandte sich an die Hochzeitsreisenden, »viele von
uns«, fuhr er fort und lächelte so, als wollte er den Posthalter
Lügen strafen, »viele von uns reisen, nicht ohne eine Nacht im
Gasthof zu verbringen; aber wir könnten schon in Treysa sein und
dort übernachten, stattdessen haben wir hier zehn Stunden nutzlos
vergeudet, zehn Stunden, Herr Postmeister!« Am Ende dieser oder
ähnlicher Reden stahl sich der Posthalter bis zur Tür seiner Stube
und sagte, mit den Armen rudernd, heiser flüsternd, indem er sich
dem ganzen Saal zuwandte wie zum Antlitz des Höchsten: »Nichts zu
machen, meine Herrschafen, Seine Hochehrwürden …«, dann verschwand
er und sperrte die Tür von innen vor den ungehaltenen Reisenden ab.
Und sie drückten sich in die Ecken und wirkten winzig und
unansehnlich in dem leeren, großen Saal mit den vier Fenstern zur
Straße und zwei runden Luken zum Hof. Die im Raum nistende
Dämmerung stand in grauen Lufsäulen vom Fußboden bis zur Decke,
ohne ihren Ort zu verlassen, bewegte sich diese dämmernde Kolonnade
auf die Reisenden zu, und es gab keine Lampe, die sie zwischen sich
und diese Kolonnade hätten stellen können.
Draußen tobte der Regen. Die mit rauschenden
Kastanien bepflanzte Poststraße schleppte dieses lärmende,
prunkvolle Gewand durch den brausenden Sommerregen, bog in vollem
Lauf jäh ab, direkt auf den Posthof zu, seine sieben Meilen lange
Schleppe schlug mit voller Wucht an die Fensterscheiben des leeren
Saales. Und wenn der Blitz aufzuckte, erzitterten alle Adern und
Risse in den graumarmorierten Wänden wie die Schenkel eines
galvanisierten Frosches … Und wenn der Blitz zuckt, schimmern die
Fenster, und den geäderten Himmel durchziehen trübe, schwarze
Bäche; Kalkmilch fließt aus ihm, und wie Seifenlauge aus Zubern
schwappend, spülen – einander jagend – Wogen von Spülicht ihn
ab.
Den Sechsen hüpfen bei jedem himmlischen
Feuerstoß ihre bleichen Gesichter aus den Kragen. Bei dem Mann in
der Perücke und Reitstiefeln. Bei den Hochzeitsreisenden
. . . . . . . . . . . .
Und der Regen prasselte mit verdoppelter
Kraf. Johlend stopfe er sich Laub in den Schlund, und die Blätter,
die er überschwemmte, ertranken in seinem Geheul. Rauschend und
verschwenderisch wie Götzendienst war das Spektakel der draußen
tobenden Elemente. Trotzdem, als gegen das Tor der Posthalterei das
Dröhnen des Steins polterte, unterschieden die sechs Reisenden
diesen Klang deutlich vom Donner, in dessen Abschiedsgrollen sich
verwirrend und wieder herauslösend, die schallende Anstrengung von
zwölf hammerschweren Hufeisen drang.
(Hier folgt der nicht erhalten gebliebene
zweite Abschnitt des ersten Kapitels. Möglicherweise hat der Autor
ihn bei einer Überarbeitung des Manuskripts eliminiert. Vermutlich
enthielt er die Schilderung folgender Episode: der Blitz erschlägt
das Pferd einer Kutsche bei der Einfahrt in den Hof der
Poststation. Die Insassen, ein junger Aristokrat mit seinem alten
Erzieher blieben wie durch ein Wunder unversehrt. Die Episode endet
damit, daß die Reisenden beschließen, in der Stadt zu übernachten.
Ein Pferdeknecht begleitet sie zum Gasthof. Der junge Adelige und
sein Erzieher bilden die Spitze des Zuges.)
Die anderen unterhielten sich darüber, daß
sie nun bald zur Ruhe kommen und ein trockenes Bett haben würden.
Sie sprachen mit diesem Vorgeschmack des Behagens im Ton, das sich
in zaghafer Skepsis noch nicht voll zu entfalten wagt, mit jener
Vorsicht, mit der man im Dunkeln seine Füße auf nasse
Pflastersteine setzt, um nicht an etwas zu stoßen oder auf etwas
Lebendiges zu treten. Die leicht schaukelnde Laterne des
Pferdeknechts zerschlug die Dunkelheit in schroffe Klumpen, ohne sie
aufzuhellen.
Die anderen unterhielten sich auch über die
wunderbare
. . . . . . . . . . . .
(Fügung), die den Blitz von den beiden
Reisenden abgelenkt hatte, (… und) da wandte der junge Mensch, der
Hand in Hand mit dem Greis hinter dem Pferdeknecht ging, den Kopf,
ließ den Blick über den kleinen Zug gleiten, ohne ihn auf jemanden
zu richten – die Reisenden, schon bei Tage herzlich wenig von
einander unterschieden, waren nun völlig in einen nassen Fleck
zusammengeschmolzen – und indem er den Schritt verhielt, dabei die
anderen nötigend, ihm auf die Fersen zu treten, äußerte er ein paar
höfliche Worte. Sie unterhielten sich, indem sie sich die Freiheit
herausnahmen, in Gegenwart eines (hohen Herren), selbst den
Gesprächsstoff zu wählen, sie lobten auch die Schönheit des
Städtchens und die Großartigkeit der Nacht, frischer als ein
gebadeter Spatz das Grün der Bäume lobt.
»Sagen Sie«, wandte sich der Alte an den
Hausknecht, »ist hier noch – äh – sagen Sie, wer ist der Wirt des
Gasthofs?«
»Würzenau«, erwiderte der Knecht, »kennen Sie
ihn?« »Nein, nein. Aber ich – man hat mir erzählt – ich dachte, er
hieße Markus.«
»Markus?« griff der Knecht auf. »Ja, das war
der vorige Wirt, er starb … vor neun oder zehn Jahren, warten Sie,
ja, vor zehn Jahren – damals als die Franzosen – das war ein
furchtbar heißer Tag, Sommer – ich erinnere mich dran, wie grade
gewesen. Es war staubig, windig – dann drückte die Hitze auf den
Wind, der läßt nach, legt sich, die Bäume wie tot – man hört
paff-paff, Waffenklirren von Kronwerk rüber, naja, Sie kennen sowas
nicht, so ein zähes Scharren, so wie über den Hauklotz, wie
Schelten nach dem Mittagessen. Es war auch gar nicht schrecklich,
eben so ähnlich wie nebenan in der Küche: Schritte rein und raus,
Fleisch wird gehackt, Töpfe werden gescheuert. Mittag, kein Mensch
auf der Straße, nur der Wind war irgendwie schrecklich, und sehr
heiß war es auch. Auf einmal hört der Wind auf, und plötzlich ist
Pulvergeruch da, bitter in der Luf, kitzelt in der Nase und ganz
deutlich: Paff-paff
. . . . . . . . . . . .
das hatte alles mit dem Wind zu tun, der kam
ja von da rüber; jetzt weiß ich das genau, damals verstand ich
nichts, war noch klein, neun Jahre. Die ganze Stadt wie
ausgestorben. Ja also, wovon sprach ich doch – ach ja, Markus.
Sehen Sie, und grade an dem Morgen hatte man ihn beerdigt, abends
waren dann die Franzosen da, einen Monat lang regierten sie im
Gasthof, danach kam dann Würzenau …« »Wie gut er erzählt,
Georg.«
»Gut? Erstaunlich wirklich. Vollkommen ohne
Zusammenhang. Und dieser Stil!«
»Was belieben?« »Nichts. Erzähl
weiter.«
»Würzenau machte dann alles neu. – Was ist,
Herr, was gucken Sie so auf das Haus da? Sie waren wohl doch schon
mal hier? Sie haben sich ja auch an den alten Markus erinnert,
nicht?« Der Alte antwortete nicht. Er kämpfe gegen eine Erregung,
die ihn vorwärts riß, auf die andere Straßenseite. Diese Erregung
richtete sich auf etwas, das sich jenseits des von der Laterne
gelblich beleuchteten Streifens befinden mußte. Und als sich in
diesen hellen Streifen plötzlich ohne Warnung der riesige,
hochaufgetürmte, unversehrte Sockel der gotischen Kirche
hereinschob, das gelbe Pflaster durchschwimmend, durchwatend, mit
Brust und Kuppel in die Nacht gehüllt, als, sage ich, … (die
Kirche) ihren Gang durch den gelben Lichtstreifen vollzog, …
verhielt sich der Alte wunderlich: er stieß einen lauten und
trockenen Ton aus der Kehle. Dieser Laut, der sich ihm gegen seinen
Willen entrissen hatte, wäre einem Lachen ähnlich gewesen, hatte er
durch seine Kürze nicht eher an ein Zungenschnalzen oder ein nicht
unterdrücktes Aufstoßen erinnert. Dann blieb der alte Mann stehen,
hatte offenbar beschlossen, unbedingt an dieser Stelle sich die Nase
zu putzen, und zog aus seinem altmodischen Überrock sein
Taschentuch. Auf halbem Wege zwischen Rockschoß
und Nase öffnete sich seine Hand in der Luf,
und
das Tuch fiel auf die Erde.
»Auf-he-ben«, tönten knöchern auseinander fal-
lende Silben.
Der Pferdeknecht stellte die Laterne ab, nahm
das Tuch auf, gab es dem Alten und betrachtete ihn verwundert. »Was
ist denn mit Ihnen los?« Aber der alte Mann hatte schon seine
Stiefelsohle von dem magnetischen Pflasterstein losgerissen,
stampfe auf, stampfe noch einmal, und die Prozession zog
weiter.
»Um Gottes Willen, was ist los? Der Unfall
mit dem Pferd? Hat Sie das so erschreckt? Beruhigen Sie sich.
Denken Sie nicht mehr daran. Denken Sie an etwas anderes. Lassen
Sie uns von Fröhlicherem sprechen. Sie haben ja dem Knecht noch
nicht geantwortet, woher Sie Markus kennen, den man bei
Küchengeklapper beerdigte, am heißen Sommertag, im schrecklichen
Wind. Nein, im Ernst, lachen Sie nicht, bitte«, sagte (der
Jüngling) zu dem alten Mann, der die Worte seines Zöglings gar
nicht gehört hatte und sich bewegte, als koste ihn jeder Schritt
eine bewußte Willensanstrengung und werde mit genau überlegter
Absicht getan. Der Jüng(ling) rüttelte seinen Arm:
»Kommen Sie doch zu sich! Sie waren schon
ein-
mal hier? Ja?«
»Wer? – Ich? – Hier? – ja.«
»Ach so, das hatte ich nicht gewußt. Aber
warum wollten Sie dann vorhin, als das Gewitter aufzog, unter gar
keinen Umständen hier die Reise unterbrechen?«
. . . . . . . . . . . .
Die Erregung riß den Alten vorwärts. Sie
erlosch erst in dem Augenblick, als ihr Führer sich nach links
wandte, nachdem er seine Laterne in breitem Streifen die dunkle
Straßenkreuzung in weitem Bogen hatte ablecken lassen. Da wurde der
Alte etwas ruhiger, seine Erregung war ihm irgendwie abhanden
gekommen beim Aufscheinen des Gasthofs (»…«). Sie erreichten die
Ecke Elisabethstraße-Marktstraße.
. . . . . . . . . . . .
»Eijeijei! Der Gasthof ist ja voll!« stieß
der Pferdeknecht ärgerlich aus, als am Ende der Straße, die
abschüssig zum Fluß hinabführte, sich das alterskrumme und düstere
Gebäude zeigte, dessen sämtliche Fenster erleuchtet waren. »Da,
sehen Sie, überall Licht. Wir haben morgen Kirmes, da kommen die
Leute von weit her. Jetzt werden Sie den Weg wohl alleine finden.
Ich dreh nun um, geh heim. Gute Nacht, verehrte
Herrschafen.«
Nachdem er sich tief und ehrerbietig vor dem
jungen Edelmann verbeugt hatte, (drehte er sich um) und ging
davon.
»Nun, irgendwie wird's schon gehen«, sagten
(die Reisenden zueinander), nachdem ein Seitengäßchen den sich
entfernenden Lichtschimmer der Laterne unversehens verschluckt
hatte und sie sich in völlige Dunkelheit versetzt fanden. Der
Nachtgewitterhimmel ermunterte
. . . . . . . . . . . .
er atmete aus voller Brust, (…) über ihn
fuhren, sich aufeinandertürmend, zerrissene und zerreißende Fetzen
früherer Wolken wie die Überreste einer Flotte, die irgendwo, nicht
hier, eine Schlacht verloren hatte
. . . . . . . . . . . .
dort, wo die Reste dieser früheren
Herrlichkeit irgendein Strudel fortgespült hatte, – vielleicht
gerade dort, mündete rund ein tiefer von jenseits der Wolken
kommender Quell bis zur Schwärze klar und kalt
. . . . . . . . . . . .
in der Enge dieser kalten Mündung zeigte sich
ein Stern, scharfantig und spröde, krallig und glitzernd wie eine
geöffnete Muschel, in deren Innern eine Perle schimmert; hart und
scharf wie der Diamant eines Glasschneiders; das waren die Orte
tiefster Schwärze und größter schwankender Tiefe des in seiner
Kühle ringsum blitzenden Zakkens.
»Warum sind wir stehengeblieben? Wieder
Ihret-
wegen, teuerster Amadeus? Ach so, es ist eine
Dame bei uns?« fragte, sich zu den Letzten der Gruppe umwendend,
der junge Edelmann mit lauter, klingender Stimme. »Wenn sich im
Gasthaus ein Plätzchen findet, trete ich meinen Anteil an unserem
gemeinsamen Recht auf Nachtquartier ab, meine Herren. Madame
…«
»Scherer, meine Frau, gnädiger
Herr.«
»Madame Scherer und ihrem Gatten
selbstverständlich, das folgt logisch – pardon – aus ihrem
beiderseitigen Familien Verhältnis.«
»Mille graces, Monsieur, ich und mein Mann …
wir haben doch keinerlei Anspruch …«
»Lassen Sie, lassen Sie bitte; es ist schon
alles entschieden, Madame – Madame Scherer. – Und Sie, Herr
Amadeus, werden nun auch bald ausruhen können, fürchten Sie nichts.
Und die übrigen – mit Gottes Hilfe werden wir alle versorgen, nicht
wahr, meine Herren, irgend etwas wird sich schon finden, worauf wir
uns ausstrecken können …« . . . . . . . . . . . .
»So, meine Herrschafen, wir sind am Ziel
unserer
Wanderung. Wo ist hier – Herr Amadeus, wo ist
hier der Türklopfer?«
»Erlauben Sie, (junger Herr!«)
»Warten Sie, ich finde ihn selbst. Darf ich
vorstellen: Herr Scherer – Herr Amadeus, mein Erzieher. Haben Sie
einen Feuerstahl? Ah, da ist ja das Brett! Eins, zwei drei! Mehr
ist nicht nötig, mir scheint, es kommt schon jemand. – Aber Herr
Amadeus, was ist mit Ihnen, ich erkenne Sie gar nicht
wieder.«
Zu dieser späten Stunde schlummerten die
Geräusche und Stimmen im Gasthof, so, wie es in Häusern ist, in
denen viele Menschen schlafen oder mit dem sie überwältigenden
Schlaf ringen, wo die Brigade der Träume alles ringsum in ihren
Bann schlägt, blindlings, im Vorübergehen auch die Aufwachenden.
Geräusche im Gasthof? Da waren nur wenige. Wo mag die Kegelbahn
sein? Ist es weit dort hin oder gleich hier nebenan durch das leere
Zimmer? Auch wo sich der Billardsaal befindet, ist nicht klar. In
jenem Saal, in den man durch verwinkelte Gänge, über Korridore und
Vorplatz gerät, tickt eine Standuhr. Ihr Pendel schwingt hinter dem
Glas auf und ab, übersät den Saal mit seinem Ticken, emsig und
kleinkörnig wie Hirse; aber zum Schlag holt er todmüde und
gelangweilt aus, als zwänge ihn die schmerzende Hand des Sämanns am
Abend des Aussaattages.
Nebenan oder einige Zimmer weiter werden
gleichmäßig wie auf einer Apothekerwaage Quentchen fest verpackter
Geräusche abgewogen. Dort wird gespielt. Dort wird gespielt und
vielleicht auch laut gesprochen. Dort rollen schwere Kugeln, und
die Kugeln schlagen an lackiertes Holz, und die dickbäuchigen Kegel
kollern polternd auf den Boden. Dann – ein deutlich wahrnehmbares
Scharren, danach herrscht unvermittelt überbordende Stille. Dort
neben dem Saal oder einige Zimmer weiter gähnt laut und ansteckend
das Spiel. Vielleicht sprechen die Spieler über die
zusammenprallenden Kugeln. Aber die Stimmen sind fest verpackt, mit
blauem Tabaksdunst und mit dem Qualm der niedergebrannten Lampen
versiegelt, sie sind in das Sägemehl des Uhrtickens eingepackt und
in die Träume der Schlafenden im ersten Stock. Die Stimmen sind
schließlich auch noch durch die späte Nachtstunde versiegelt, so,
wie man einen Tatort versiegelt.
Aber in dieser Nacht ist das Wirtshaus kein
Tatort. Wenn es einen Vorfall gibt, so ist es nur das laute
dreimalige Pochen draußen von der Straße her und die lange Pause
danach, und dann noch einmal: hartnäckiger und noch lauter das
Klopfen am Haustor, endlich schlurfen Pantoffeln über den Korridor,
ein Riegel klirrt, und an der Schwelle bekommt es eine
schlafeisere, träge Stimme mit einer ganzen Stimmenkapelle von der
Straße zu tun, aus der Nachtkälte klirrt das Eis frischer und
aufmunternder Stimmen.
»… Nix zu machen. Ich sag's doch.«
»Nicht doch, mein Lieber, ich bin es nicht
gewohnt, mit einem Hausdiener zu verhandeln. Wo ist – wie heißt er
doch gleich – dieser Markus?« »Würzenau, Georg.«
»Richtig, ja, Würzenau. Ruf deinen Herrn
her.« »Weiß nich, ob ich das darf.«
»Du brauchst auch gar nichts zu wissen, du
gehst ganz einfach zu Herrn Würzenau und rufst ihn hier heraus. – –
– Gleich, meine Herren, werden Sie Zeuge sein, mit welcher
Beflissenheit Herr Würzenau sein Zimmer und sein Bett Madame
Scherer überläßt, die ja meine Schwester ist!« »Zu viel
Ehre!«
»Und Sie, mein Schwager, erlauben Sie mir,
mich zu erkundigen, ob Sie rasch einschlafen, wenn dies si ce n'
est pas une indiscretion exagerée. –« »O ja, besonders heute.
Spätestens in fünf Minuten schlafe ich fest.«
»Gut, lieber Schwager, Schwager auf fünf
Minuten.
Und wir, meine Herren, werden es uns hier
irgendwie bequem machen. Allerdings, ehrlich gesagt, befürchte ich
einen Ausbruch von Liebenswürdigkeit und Diensteifer bei Herrn
Würzenau ebenso mir selbst wie auch mir als Bruder von Frau Scherer
gegenüber. Vielleicht haben Sie es schon vermutet, ich bin Fürst
Georg Kunz von Wölflingen.« »Oh, ah, ach Herrje. Das ist es also.
Ich hab doch gleich sowas gedacht – ach nein, diese Ehre!« »Lassen
Sie doch, ich bitte Sie! Setzen Sie sich lieber, hier sind Stühle.
Erlauben Sie mir, Ihnen den Sessel anzubieten, Madame, ich bin
gewöhnt, in Anwesenheit von Damen zu stehen.« »Georg.« »Ja, Herr
Amadeus.«
»Die Sache ist die, Georg. Ich muß Sie auf
ein Weilchen verlassen. Ich muß, verstehst du –. Es ist nämlich,
Georg – – –. Auf der Straße – – ich habe auf der Straße meine
Geldbörse verloren. Aber ich weiß, wo es gewesen sein muß,
verstehst du; es war an der Elisabethkirche, da bei der Kirche, als
ich das Taschentuch – –« »Ihre eigene Geldbörse?« »Ja.«
»Ich habe bisher nie angenommen, daß Sie –
kurz und gut: Sie wollen jetzt, noch dazu ohne Laterne, sich gleich
auf die Suche machen?«
»Ja, es sind ja nur ein paar Schritte von
hier, Georg.«
»Herr Amadeus, Sie sind mir heute ganz fremd.
Noch nie habe ich Sie so erlebt. Ich kann mir auch gar nicht
vorstellen, daß der Unfall mit dem Pferd derart nachhaltige
Wirkungen auf Sie haben kann.
– – Hören Sie, Herr Amadeus, – – glauben Sie
mir, Ihr Vorhaben, – – verzeihen Sie, – – ist
blanker Unsinn, und was Ihren Verlust …«
»Georg …«
»und Ihr Verlust ist die reine Bagatelle in Anbetracht …«
»Georg …«
»dessen, daß mein Vater Ihnen gesagt hat …«
»Laß mich doch ausreden, Georg.«
»daß wir gemeinsame Kasse haben, Herr
Amadeus, und Sie daher die verlorene Summe doch von mir ersetzt
bekommen; Sie kränken mich, lohnt sich das, Herr Amadeus, wegen so
einer Bagatelle – – ohne Laterne – – welche, welche, verzeihen Sie,
kleinliche Nervosität. – –«
»Georg, trotzdem, ich ersticke hier, mir ist
nicht ganz wohl – ich bin irgendwie verwirrt. Ich gehe hinaus. Gehe
ein bißchen spazieren. Und – ich verabschiede mich nicht erst –
komme gleich wieder zurück, sie wartet, wahrscheinlich – –
–«
2.
Der 7. Juli ist vielleicht nicht allen
Bewohnern des Städtchens mit seinem Datum in Erinnerung geblieben,
aber der Tag selbst war für viele durchaus ungewöhnlich. Er war
über die Maßen lang, wenn auch die Meinungen darüber, wie unendlich
lang er gewesen war, auseinandergingen. Auf diesen Tag war eine
Sitzung des Stadtrats anberaumt, die sich mit einigen Fragen
bezüglich der bevorstehenden Kirmes zu befassen hatte. Die Sitzung
fand im großen Ratssaal statt, dessen Fenster nach Westen lagen.
Und sie näherte sich schon ihrem Ende, als die Mitteilung eines
Ratsherrn plötzlich eine überraschende, außerplanmäßige
Angelegenheit auf die Tagesordnung brachte. Einige der Herren
erregte und bestürzte Kurt Seebalds Nachricht so ungeheuer, daß sie
ihn mit einem Knäuel von Fragen und Ausrufen bewarfen, minutenlang
den würdig-amtlichen Ratsherrnton vergaßen und hier am öffentlichen
Ort ein privates und überaus hitziges Gespräch sich entspann.
Dieses turbulente Gespräch wies befremdliche Anzeichen von
lärmender, höchstgradiger Entrüstung auf. Die Lebhafigkeit, mit der
die Ratsherren diese öffentliche außerplanmäßige Diskussion führten,
paßte in keiner Weise zu ihren Jahren – sie gingen auf die siebzig
zu oder hatten sie gar schon überschritten. Hinter einem der
staubigen Fenster hing die in Glut getauchte Sonne und zögerte, die
allgemeine Verwirrung dieses seltsamen, kranken Tages hielt sie auf
ihrem Weg zurück. Ein hellroter Streifen ihrer vorabendlichen Hitze
lag wie ein orangefarbenes Stück Stoff quer über den mit grünem Tuch
bedeckten Ratstisch. Von den fünf anderen Fenstern liefen die
Streifen als Stützen zur gegenüberliegenden Wand in dicken Balken
satten Lichts. In dem von diesen Balken durchfurchten Saal schien
es, als ob die abendliche Straße, auf der sich zu ergehen jetzt
unvergleichlich viel angenehmer gewesen wäre –, als ob die Straße
den Saal stütze, verkürz' diese unmäßig helle Straße, und der Saal
wird sich zusammenkrümmen und einstürzen.
Anstifer des unpassenden Gesprächs mit Seebald
waren sieben Ratsherren; die übrigen siebzehn, jünger als ihre
Amtsbrüder, mischten sich in die erregte Debatte und verlangten
Erklärung des Gesprächsgegenstandes. Die Aufregung der Alten war
den Jüngeren ebenso unverständlich, wie ihre Worte es waren. Jene
beeilten sich, die Neugier der Nichteingeweihten gleich sechsfach
zu befriedigen, indem sie ihnen um die Wette Bruchstücke eines
höchst verwickelten Vorfalls aus der längst vergangenen Geschichte
ihrer Stadt zuwarfen. Diese Geschichte aber tauchte gleichzeitig
auch ganz für sich und in ihrem Zusammenhang in der Wiedergabe auf,
die Kurt Seebald der geneigten Begutachtung darbot. Allmählich
legte sich die Erregung der alten Ratsherren, und der einer so
würdigen Versammlung angemessene Ton fand sich wieder und wurde
erneut aufgegriffen. In diesem Ton konnten dann die noch offenen
Fragen, die Kirmes betreffend, erledigt und die Angelegenheit jenes
Menschen verhandelt und geklärt werden, die Seebald in seinem
außerordentlichen Antrag zur Tagesordnung, der alle so erregt
hatte, vorgebracht hatte.
Und die Sonne hing immer noch in der Luf,
hinter dem staubigen, von Spinnweben und Dämmerung grauen Glas des
rechten äußersten Fensters. Durch die letzte Verwirrung dieses
seltsamen, kranken Tages auf ihrem Abstieg zurückgehalten, übergoß
sie mit Glutwellen die untere Querleiste des
Fensterrahmens.
Dieser Tag war so unerhört lang, daß es
schwierig ist, seinen Anfang zu finden. Seit dem Morgen
durchstreifen Gerüchte über das gestrige Unwetter die Stadt. Man
erzählte sich von der wunderbaren Himmelsfügung im Dorf hinter
Rabenklippe: da schlug der Blitz in ein Hochzeitshaus ein. Die
Brauteltern, die Gäste und das junge Paar kamen mit dem Schrecken
davon, entgingen um Haaresbreite dem Tod. Noch ein anderes
erstaunliches Ereignis erzählte man sich: der Blitz hatte ein
angeschirrtes Pferd erschlagen gerade vor der Poststation, bei der
Einfahrt in den Hof. Auch der Wagen war beschädigt worden, aber den
Insassen war nichts geschehen. Mit dem Weitererzählen und dem
Ausschmücken dieser Gerüchte hatte für viele Leute dieser sich nun
dem Ende zuneigende Tag begonnen.
Für Seebald hatte er schon viel früher
angefangen. Die Schätzungen über die Folgen des gestrigen
Hochwassers trafen ihn längst auf den Beinen. Er war kurz nach fünf
aus dem Bett geholt worden durch einen achtbaren Herren, der aber
AnneMarie, Seebalds zweiter Frau, seinen Namen nicht nennen wollte,
als sie auf das anhaltende Klopfen hin in die Diele hinausgegangen
war und ihm geöffnet hatte. Beim Anblick des Gastes, der ihn im
dunklen Flur erwartete, war Seebalds Erstaunen, der endlich nach
langem Gähnen, ausführlicher Besprechung mit Anne-Marie und
ärgerlichem Achselzucken aus seiner Kammer kam, um so stärker und
ungestümer, als er aus den Andeutungen seiner Frau in dem Besucher
jemanden von der Verwandtschaf seiner seligen Susanne zu sehen
erwartet hatte. »Dieser alte Teufel«, hatte Anne gesagt, »guckte
mich ganz mißtrauisch an, als ich erklärte, daß ich Frau Seebald
bin; er weiß wohl nicht, daß du wieder geheiratet hast. Glotzt mich
an, als ob er sein Lebtag nicht gehört hätte, daß so was in der
Welt vorkommt und nichts Heidnisches dabei ist.« Seebald konnte
lange keine Worte finden, schüttelte dem Gast die Hand, umarmte
ihn, beide hatten Tränen in den Augen; rasch zog Seebald den
seltsamen Besucher hinter sich her in die Stube. Hier erst kamen
sie beide richtig zu sich, bald schwangen ihre Stimmen auf und ab,
richteten sich ein in ausführlichem, lebhafem Gespräch. Seebalds
Stimme kletterte immer höher, und AnneMarie, die sich wieder zu
Bett gelegt hatte und nicht die geringste Lust verspürte, zu
lauschen, fing ein paar einzelne, unzusammenhängende Worte ihres
Mannes auf.
»Zufall? Wenn das Wetter nicht gewesen wäre.
Also ja? Und Sie nicht?« … wunderte sich Seebald, seine übrigen
Worte wurden ebenso wie die Stimme des Gastes in einförmiger Rede
fest in die Wand eingemauert. Diese Unterhaltung war abgehackt und
doch unteilbar. Dann folgte ein kurzes Schweigen. Danach sprach der
Gast. Anne-Marie schlief wieder ein.
»Sie? Sie selbst?« Seebald rief es laut und
mißbilligend hinter der Wand. Anne-Marie öffnete die Augen. Hinter
dem Fenster breitete sich hitziges und trockenes Vogellärmen aus.
Von der Wand spalteten sich schichtweise zäh die Worte des Gastes
ab. Anne starrte auf das Muster, das die aufgehende Sonne der
bordeauxroten Tapete aufrannte. Sie legte ihren nackten runden
Ellbogen unter die schlafwarme Backe. Rund um die Stadt lief das
Krähen der Hähne.
. . . . . . . . . . . .
»Heute? – Sie sind drin gewesen? Spielen …
Sie konnten? Daß ich … auf dieser Orgel …!« Doch dann hörte Seebald
von seinem Gast anscheinend etwas Beruhigendes, denn nach diesen
Ausrufen nahm das Gespräch der beiden alten Männer einen so
gleichmäßigen Fortgang, daß kaum zu unterscheiden war, welcher von
ihnen sprach. Die of von Husten unterbrochenen Worte des Besuchers
häufen sich und bröckelten ab, verklangen, sogen sich in die Wand
und blieben in ihr stecken. Anne-Marie schlief wieder ein und
geriet ins tiefste Dickicht eines sie lange gefangengehaltenden
Traumes. Sie war 25 Jahre jünger als ihr Mann und konnte noch tief
und fest schlafen. Daher hörte sie nicht: »Glauben Sie? Nein. Daß
sie zustimmen?! Wo denken Sie hin – die? Nein. Wie können Sie bloß
…?!«
Dann wurde von einem der beiden der Name Tuch
genannt und nach einer kleinen Weile ganz deutlich: Sturzwage.
Aber, doch das läßt sich nur vermuten, Sturzwages Name wurde viel
weniger überzeugt und leiser ausgesprochen.
So früh und so ungewöhnlich hatte der Tag der
Ratssitzung für Seebald begonnen. Aber für sich selbst hatte dieser
unmäßig lange Tag noch früher angefangen. Keine Seele war auf den
trügerischen, undurchsichtigen Straßen des Städtchens; und nur die
Ziegeldächer wimmelten in der Stadt wie körperlose Erscheinungen,
die sich lautlos im schwach sich andeutenden Morgengrauen mit
kalter Trübe wuschen – keine Seele war in den Straßen, auf die der
Tau sank, mit kaltem Schweiß die Stirnbuckel des Straßenpflasters
und der Gebäude befeuchtete und hinter den Glimmer des
Nebelschleiers trat wie die Spur eines rund geöffneten Mundes an
einer feucht angelaufenen Fensterscheibe; keine Seele war in den
Straßen, sage ich, als zwischen all den übrigen körperlosen
Gebilden etwas Neues entstand, nur in diesem Augenblick auf der
Gotteswelt erscheinend und mehr als alle übrigen ein körperloses
Gebilde: es war ein Gebäude aus (Tönen), es stöhnte, herangetrieben
aus unüberwindbarer Ferne, und verstummte. Es verstummte nicht
deswegen, weil es in die Erde zurückgesunken wäre, aus der es
irgendwo hervorgekommen war … Aber faßbar war es in seiner
Erscheinung nur als nicht mehr menschlicher Versuch lebendig
Begrabener, die Stille vom Fleck zu bewegen. Und nur in diesem
einen Augenblick unterschied sich das Phantom dieser behutsamen
Harmonie (des Tons) von der spukhafen Luf, den spukhafen Dächern
und dem spukhafen Tau. Mit Ablauf der Frist dieses einen
Augenblicks – hörte es auf, sich vom Tau zu unterscheiden, und war
nirgendwo mehr zu finden.
Keine Seele war auf dem Elisabethplatz, als
das Gestein (aus dem die Kirche) gebaut war, dumpf zu summen begann
wie ein Kran unter Last. Ihr (der Kirche) ganzes steinernes Fleisch
wurde plötzlich schwer, bis ins Innerste durchtränkt von näselndem,
dröhnendem, gleichmäßig gedehntem Schnaufen.
Keine Seele war in der Nähe. Wäre jemand
vorübergegangen, dann hätte er den Schritt verhalten und erkannt,
daß drinnen die Orgel gespielt wurde; und vor allem: er hätte den
lawinenhafen Donner einer chromatischen Tonleiter gehört, schnell
und vollständig gespielt von den tiefsten Tönen bis zum äußersten
Diskant und zurück, vom A der Sub-Kontra-Oktave über das ganze
Manual; und er hätte daran jenes Verfahren erkannt, mit dem
Fachleute ein Instrument probieren, sich von der Intaktheit aller
seiner Pfeifen überzeugen.
Aber auf dem Elisabethplatz war keine Seele.
Als erste erschienen zwei Leute auf der Straße, die die Kirche
durch die niedrige in den Kirchgarten führende Seitentür verlassen
hatten. Sie gingen in verschiedenen Richtungen auseinander, nachdem
sie sich mit wenigen und kaum verständlichen Worten voneinander
verabschiedet hatten. »Bemerkenswert! Und vor allem: ich konnte ja
gar nicht vermuten, daß Sie so …«, sagte, die Silben dehnend, der
eine. »Hast du eine Taschenuhr bei dir?« »Fünf Minuten vor
fünf.«
»Gut, jetzt kann ich auch schon Seebald
aufsuchen. Aber du geh schlafen, schlaf dich aus.«
»Bälge treten macht gar nicht müde. Es macht
sogar Spaß wie in der Schmiede. Aber ich muß mich bei Ihnen
entschuldigen. Ich glaubte wirklich, Sie seien drauf und dran, eine
Torheit zu begehen, darum bin ich Ihnen nachgegangen. Und Sie
hatten gestern selbst gesehen, daß die Tür …« »Jaja, ich sagte es
dir ja. Ich sah es, als wir vorbei gingen. Wahrscheinlich haben die
Maler sie offengelassen. Drinnen wird renoviert. Aber jetzt geh.«
»Und Sie?«
»Ich habe noch etwas vor. Du mußt dich
schlafen legen, geh.«
»Also, à bientôt. Nein, in der Tat,
bemerkenswert. Vor allem …«
. . . . . . . . . . . .
In Wirklichkeit hatte der Tag begonnen, als
hinter dem Gasthof, hinter den Pferdeställen, hinter dem
Johannisbeergebüsch das leichte Klirren von Stahl und das Schleifen
des Wetzsteines über die Sensenschneide auf klang. Der Hinterhof
des Wirtshauses endete am Zaun eines kleinen, dicht zugewachsenen
Obstgartens. Er lief an dessen ausgefranstem Unkrautund
Brennesselrand entlang, den Kalkspritzer verunzierten. Noch war der
Morgen weit, als dort hinter den Johannisbeersträuchern Schwung auf
Schwung der sirrende, feine und schwerelose Ton der Sense durch das
trunkene Gras zu schwirren begann. Es war feucht, noch nicht zu
Atem gekommen. Tote Tropfen des gestrigen Regens zogen wie schwere
Ohrläppchen die Zweige der Sträucher nach unten.
Zahllos waren sie in ihrer nassen Finsternis,
erstarrt, unbeweglich, aufgequollen und schweigend. Ihre
Unbeweglichkeit kündigte an, daß der Tag heiß und schwül werden
würde. Einstweilen jedoch
. . . . . . . . . . . .
Und die Sense sang hinter den
Johannisbeersträuchern, durchschnitt die Luf mit beißender
Geißel.
Mit dieser Mahd wurde auch der Tag aus dem
dichten Gras hinter dem Johannisbeergebüsch herausgehoben. Mit ihr
und nicht durch die beiden Stimmen, die vor dem Tor des Gasthofs zu
dieser frühen Stunde über irgendeine Angelegenheit in einen lauten
Wortwechsel geraten waren. Es war die Mahd. Denn als die beiden
Reisenden aus dem Tor getreten waren, seine Schwelle hinter sich
gelassen hatten und auf die Straßenmitte zugingen, hörten sie, wie
auf der Hofseite gemäht wurde; und sie vermuteten, daß die kleine
Wiese hinter dem Pferdestall abgemäht würde, die von ihrem Fenster
aus zu sehen war, und die mit so großer Mühe die vormorgendliche
Dunkelheit überwunden und sich aus ihr zu einem hellgrauen,
undurchsichtigen Rhombus befreit hatte. Die beiden Männer sprachen
durchaus nicht laut. Doch in der vollkommen menschenleeren Stille,
die an jeder Kreuzung, in jedem Hof und in allen Gassen der Stadt
in Quartier lag, stellten ihre Worte eine so laute und unverhohlene
Absonderlichkeit dar, daß man sich über die Kühnheit und das
unbeschwert eingegangene Risiko dieser beiden einzigen Stimmen in
der Stadt wundern mußte. Sie entfernten sich, ihre Worte hüpfen,
auch die Männer bewegten sich offenbar in Sprüngen, eilten auf die
Elisabethstraße zu. »Du wirst die Bälge treten.« »Und die
Verantwortung?« »Übernehme ich.« »Wie kommen wir aber hinein.« »Die
Seitentür ist offen.« »Wie?«
»Ich sah es gestern Nacht. Wir kamen ja dran
vor-
bei. Und da fiel es mir auf. Wahrscheinlich haben
Maler sie offen gelassen. Renovierung, nehme ich
an.«
»Verrücktheit.«
»Geh drum herum.«
»Ich springe drüber.«
»Da! Siehst du.«
»Geben Sie Ihr Tuch.«
»Laß nur. Muß erst trocknen, dann kann man
mit der Bürste drangehen. Das sind ja regelrechte Seen hier. Ich
kann mich überhaupt nicht erinnern, jemals solche Gewittergüsse
erlebt zu haben.«
»Wir gehen jetzt bergauf, weiter oben wird es
trockener.«
Die Ratsversammlung war längst beendet. Die
Zunfund Innungsmeister hatten sich zu schwatzenden Grüppchen
zusammengefunden, manche verließen schon den Saal, ohne ihre
ungezwungenen Gespräche zu unterbrechen. Nur an der Tür stockten
sie, um den jeweils Angeseheneren und Berühmteren den Vortritt zu
lassen. Viele blieben noch mit Bürgermeister Tuch im Saal zurück.
Einige schlenderten im vorderen, von Sesseln nicht verstellten Teil
des Saals auf und ab. Die meisten umdrängten den Tisch, an dem
Grüner, der Stadtnotarius, eilig eine Reinschrif des von der
Stadtregierung soeben erlassenen Edikts anfertigte. Die
Ratsversammlung war längst beendet, und viele Ratsherren begaben
sich schon nach Hause, und die sinkende Sonne kämpfe noch wie eine
riesige schwerfällige Hummel in der rechten Saalecke … Eine
Volksansammlung unten auf der Straße zog die Aufmerksamkeit der im
Saal Umherschlendernden an. Einer nach dem andern traten sie an die
Fenster. Auch die bei Gruner am Tisch Stehenden und ihn zur Eile
Antreibenden begaben sich nach und nach zu den Fenstern hinüber.
Gruner blieb allein am Tisch sitzen, alle Augenblicke schob er den
ihm in die Stirn fallenden blonden Haarschopf zurück, sein
Gänsekiel tanzte schwungvoll über das dicke Papier, das sich
unfolgsam krümmte und es kapriziös darauf abgesehen hatte, sich
aufzurollen. Die Prozession unten auf der Straße schleife einen
prächtigen Schweif von Gaffern und Müßiggängern mit sich, schwenkte
ab und bog um die Ecke.
Die Ratsherren wandten sich erneut dem Tisch
zu. »Was ist da unten los?« fragte Gruner die
Herankommenden.
»Die Zigeuner sind schon da. Bald fertig,
Gruner?«
»Gleich, gleich.«
»Schon gut, wir werden Sie nicht stören.«
»Erinnern Sie sich noch an die Bärin auf der vorigen Kirmes, Sturz
wage?«
»Ja natürlich, aber eben habe ich sie nicht
gese-
hen.«
»Ich auch nicht.«
»Die Bärin war auch nicht dabei. Schade. Ein
prachtvolles Tier!
Aber sonst ist alles genau wie voriges Jahr:
Kamel, Affen …«
»Jaja, genau wie immer, Kamele und Affen.«
»Na, Gruner?«
Die Leute standen auf der abgemähten Wiese, die
Gesichter der untergehenden Sonne, die Rücken den ständig
Neuhinzukommenden zugekehrt. Vor ihnen die Zigeuner mit ihren
Tieren und die blutige Sonne, die geradewegs in das Dickicht des
Johannisbeergebüschs fiel wie ein noch dampfendes ausgeweidetes
Rind, das die verkrüppelten, zerknickten Sträucher unter sich
zusammendrückte. Nur der langgesichtige Kopf des Kamels ragte über
die Menge hinaus, schwamm über ihr. Das Kamel trug seinen langen
Schädel flach auf dem leise schwankenden Hals durch die Menge, so
wie Tabletts und Tragbretter auf den offenen Handflächen der Diener
liegen, die der Truchseß an der Schulter führt. Immer neue
Schaulustige traten, von den Drehorgelklängen angelockt, durch das
Hofor. Das ganze Wirtshaus war schon versammelt. Das Gesinde stand
abseits von den fremden Herrschafen zusammengedrängt auf einer
kleinen Anhöhe. Die Fremden, einzeln oder paarweise, hatten weniger
gute Sicht. Ein paar Nachzügler, die noch am Herd oder in der
Garderobe aufgehalten worden waren, rannten, einander zulachend und
-rufend, über den Hof und liefen rasch, ohne sich umzusehen, auf
die Wiese hinaus.
Die Menge stand mit dem Rücken zu den
Neuankömmlingen, die Gesichter den Tieren und der Sonne zugewandt.
Dunstig-himbeerfarbene Strahlen leuchteten hefig und
leidenschaflich über die Wiese. Die Stiefel der Zigeuner stampfen
im roten, spärlichen und honigzähen kurzgeschorenen Gras. Auf einem
Karren stand ein Verschlag, dessen eine Seite mit eisernen
Gitterstäben versehen war. Auf dem Dach des Verschlages lärmten,
grimassenschneidend und einander das Fell kratzend, nackte Affen.
Der bläuliche Schimmer auf ihren graufarbenen Gesichtern war so
dunkel, wie ein altes Siegel dunkel sein muß von ewig
menschenscheuer Weisheit. Verdrießlich und mißvergnügt blinzelnd,
hörten sie der langgezogenen Drehorgelmusik zu, als hätten sie
diese Musik in ihren haarigen Affen-Mutterleibern ausgetragen. Die
Menge stand den Tieren und der Sonne zugewandt; auch der alte
Erzieher stand auf der kleinen Anhöhe, die das Gesinde für sich
beschlagnahmt hatte. Die dunstig-himbeerfarbenen Sonnenstrahlen
verfingen sich in den Dornen der Sträucher. Die Rinde des wilden
Birnbaums, gedörrt im sinkenden Sonnenfeuer, bog sich wie gepunzte
Bronze, die Härchen des Stachelbeerbuschs keuchten im rosigen
Dunst. Bengalisches Glimmen breitete sich auf allen Vieren über die
Wiese aus, und bei der Drehorgel angelangt, gab es ihr seine Seele.
Nachdem es mit schimmerndem Glanz die nackten, staubigen Füße der
Zigeunerinnen geküßt hatte, drehte es im Rhythmus des
Kamelschaukelns den Drehorgelgriff.
In der Menge stand auch der alte Erzieher.
Bedeutsame Bemerkungen wurden in der Menge über die Affen gemacht.
Da ließen die Tiere, ohne ihre Haltung zu verändern, eine Wolke von
Affenblikken auf die Menge los. Ihre zusammengekniffenen Augen
glänzten in schwarzem Glanz, sprangen die Gesichter an wie Flöhe,
und nachdem sie genug davon hatten, sprangen sie mit einem Satz
zurück auf ihre Plätze in die tiefen Augenhöhlen. Der
Sonnenuntergang verdichtete sich und wurde schon fahl. Einzelne
Schichten der Abendsonne fielen nach und nach wie glänzendes Metall
in die Furchen der gehackten Johannisbeerbeete. Besondere Neugier
erregte der Käfig, auf dessen Dach die Affen in einem Haufen eng
zusammengedrückt kauerten. Der Käfig war leer. Es war nichts darin
außer einem Klumpen zerdrückten Strohs und jene unbestimmten,
scharf riechenden Dunkelheiten, die man im Winter auch in
geschlossenen Räumen der zoologischen Gärten antrif und die in den
hintersten Winkeln halbdunkler Käfige nisten. Dieser leere Käfig
erregte die Aufmerksamkeit eines jeden so lange, bis er bemerkte,
daß in der rechten Ecke der Rückwand doch etwas lag. Ein prächtiger
Frauenmuff, groß, schwarz oder dunkelgrau, zur Hälfte im Stroh
vergraben. Und dann wurde seine Neugier … »Knauer!« klang es vom
Gasthof herüber.
Der Erzieher wandte sich um, als bezöge sich
dieser Anruf auf ihn.
»Knauer!« rief es wieder von der hölzernen
Galerie herüber, die sich an der Hofseite am ersten Stockwerk des
Gasthofs entlangzog. Der Erzieher verließ die Menge und begab sich
zu der am Geländer der Galerie stehenden Gruppe. Er schaute hinauf
und erkannte sie. Er erkannte Tuch, Sturzwage, Rosarius und all die
anderen außer zwei oder drei ihm fremden Männern. Er war erregt und
hatte bestimmt seinen Hut abgenommen und zur Galerie
hinaufgeschwenkt – den vom Sonnenuntergang beleuchteten Männern
entgegen –, um schon von der Wiese her die Freudengefühle
auszudrücken, die seine Kehle zuschnürten, aber er hatte keinen Hut
auf; als er vorhin hinausgegangen war, um sich die Tiere
anzuschauen, hatte er ihn im Gasthof vergessen.
Worüber dann oben im Gasthof gesprochen
wurde, ist nicht bekannt. Das Gespräch währte nur kurz. Bald
erschien Tuch schon wieder auf der Galerie, den ihm folgenden
Amtsbrüdern im Gespräch halb zugewandt. Sie überquerten den Hof,
verabschiedeten sich auf der Straße und gingen nach
Hause.
Das Ziel ihres Besuches im Gasthof war es
gewesen, Knauer eine – wie sie es nannten – Information zukommen zu
lassen. Sie waren gekommen, um Knauer davon in Kenntnis zu setzen,
daß sein Gesuch um Wiedereinstellung als Stadtorganist nicht nur
kategorisch abgelehnt sei, sondern daß sie, der Rat der Stadt, in
diesem Gesuch ein in seiner Dreistigkeit ungeheuerliches Beispiel
von hochmütigem Aberwitz sähen. Und das nicht nur in Anbetracht
dessen, daß die Stelle des Stadtorganisten überhaupt nicht vakant
sei, wie er offenbar in seiner maßlosen Selbstüberschätzung geglaubt
habe, sondern mehr noch – und ganz speziell –, weil seine
Anwesenheit in dieser Stadt absolut unzulässig sei und auf keinen
Fall geduldet werden könne, und das aus Gründen, die ihm besser als
anderen bekannt seien, Gründen überdies, die sich heute an Zahl und
Gewicht verzehnfacht hätten, da er, ohne jemanden zu fragen, nicht
einmal die Stimme seines eigenen Gewissens – und darauf bestanden
sie –, sich erfrecht habe, willkürlich sich der Kirche zu
bemächtigen, als verfüge er über sein Eigentum, die – und darauf
bestanden sie auch –, die für ihn ein unberührbares Heiligtum hätte
sein müssen, ein schreckliches Heiligtum.
Ihr Ziel war es gewesen, Knauer zu
informieren, und obwohl nicht bekannt geworden ist, was gesprochen
wurde, muß man doch annehmen, daß sie Erfolg hatten und ihr Ziel
erreichten. Als die Ratsherren Knauer verließen, lag auf ihren
Gesichtern nicht mehr der Ausdruck von Verlegenheit, mit dem sie
gekommen waren. Der Stil des Edikts, das Tuch verlesen hatte,
beherrschte noch alle ihre Bewegungen, als sie über den
Wirtshaushof schritten. Dieser Stil hatte sich ihren Greisenbeinen
angeschmiegt wie ein unter die Kniehosen gestopfes orthopädisches
Korsett. Und die strenge Achtbarkeit dieses Stils hatte ihnen einen
Maulkorb angelegt …
Aus dieser Lähmung lösten sie sich erst, als
Grüner ihnen durch eine Mitteilung gleichsam unter die Arme griff:
»Also ja, es stimmt. Ich habe Ignaz gefragt. Die Bärin ist
eingegangen.« »Krepiert?«
Und sie schritten zum Tor hinaus.
Seebald war nicht bei ihnen gewesen. Als er
am anderen Tag vor dem Mittagessen in den Gasthof kam, um Knauer zu
besuchen, erfuhr er, daß dieser schon abgefahren war. Beide
Reisenden hatten die Stadt schon am Morgen verlassen.
Damit endet die Geschichte von der
Kontra-Oktave, und es beginnt die Fabel von Knauers schlechtem
Leumund. Aber das ist nicht einmal eine Fabel, sondern üble
Nachrede:
Martens, auch er Organist, war dabei gewesen,
als Tuch Knauer das Edikt verlesen hatte. Er war ein Mensch von
großer Beobachtungsgabe und über die Maßen gutmütig. Noch of in
späterer Zeit, wenn die Gelegenheit es ergab, erinnerte er seine
Amtsbrüder an den Gegenstand der Information für Knauer, und daran,
wie äußerst merkwürdig sich dieser dabei betragen habe.
»Naja, eben ein Narr! Man spricht zu ihm vom
Zorn des Herrn. Und er – hört überhaupt nicht zu. Soll er, der
Gottlose. – Er – ich meine Tuch – griff zu hoch, als er mich lobte
(das sage ich nicht aus falscher Bescheidenheit), aber die Wahrheit
ist doch: eine unglückliche, von ihrem Mann verlassene Frau – wie
hätte ich da nicht helfen sollen … jeder von uns hätte das getan …
und außerdem – die verewigte Dorothea war von engelgleichem Gemüt,
man muß gerecht sein. So ein Narr! Dann zeigt Tuch auf mich, sagt:
›dieser würdige Mann‹ – ich weiß die genauen Worte nicht mehr –
›ja, hätte nicht dieser menschenfreundliche, überaus würdige Mann
(wirklich außerordentlich schmeichelhaf) sie – wenn man so sagen
darf – geheiratet in Anbetracht seiner uneigennützigen Anteilnahme
am Schicksal Ihrer Gattin usw. usw.‹ Aber er! Auch das ließ er an
seinen Ohren vorüberrauschen. Dieser Narr! Naja, man muß zugeben,
er ist schon alt, langsam in seinen Gefühlen. Aber was heißt
schließlich alt! Beiläufig läßt jemand fallen, daß ich sozusagen
seine Pflichten übernommen habe oder etwas in der Art – und dieser
Narr dreht die Augen zu mir, und erst jetzt tritt zu Tage, daß er
nicht stumm ist: ›Sie – sind der Organist?!‹ Und das waren seine
einzigen Worte während der ganzen Zeit, die wir bei ihm zubrachten.
Nur ein Narr kann so sprechen! Ich setze Sie mit all dem in
Erstaunen, meine Herren, verzeihen Sie. Aber hätte ich schon damals
in Ambach gelebt –« »Was dann?«
»Hätte ich – so wie Sie alle – schon zu
seiner Zeit hier gewohnt –, ich hätte ihn auf den ersten Blick
durchschaut. Ich hätte alles voraussagen können. Das steht
fest!«