Erster Teil



.


Der Gottesdienst war zu Ende. Rauschen von Reifröcken und Rundschleppen, Rascheln steif abstehender Spitzenmanschetten und Falbeln wogte dem Ausgang zu. Als das letzte Kleider-Rauschen verweht war, wurde es kalt unter den Gewölbebogen und sinnlos leer: das Innere der unbeseelten, öden Kirche glich nun der Glasglocke einer ungeheuren Saugpumpe; durch die engen Ventile der hohen, schmalen Fenster flössen über Banklehnen und Stuckschnörkel die erkalteten Lichtströme eines weißen unfruchtbar gewordenen Mittags, angesaugt von der Leere des weiten Raumes; wie schräg geneigte Säulen legten sie sich mit der ganzen Masse ihres Lichts auf das Schnitzwerk der breiten Bänke, um nicht auf dem Steinfußboden auszugleiten oder an den staubigen Pulten zu zerschellen.
Zu dieser Zeit begann der Organist sein Spiel zu steigern. Er ließ sich und sein Instrument in dem Augenblick frei, als nach dem letzten kläglichen Winseln einer langgezogenen retardierenden Kadenz das Scharren und Schlurfen der Bauern und Städter, die sich aus ihren Bänken herausschoben und dem Ausgang zustrebten, durch die Kirche hallte. An der Schwelle entstand Gedränge; den Hinaustretenden quoll der heiße Atem eines trokkenen Maitages entgegen. Murmelnd drängte die Menge auf den Kirchplatz hinaus, und im Freien wurde ihr Gemurmel plötzlich bunt und lebhaf, von Sonne übergössen, von hitzigem Vogelgezwitscher durchstoßen. Aber diesseits des sonnengleißenden Platzes, hinter den weit offenen Kirchentüren gab der freundliche Knauer der Gemeinde das Geleit. In der Menge draußen konnten die Klänge seiner jubelnden Inventionen leicht getreten oder beschädigt werden, die zwischen den auseinandergehenden Kirchgängern herumsprangen, sich ihnen an die Brust warfen wie mutwillige Vorstehhunde, außer Rand und Band vor Freude, daß sie so viele sind bei nur einem Herrn, denn der Organist hatte die Gewohnheit, die ganze Meute seiner zahllosen Register nach dem Gottesdienst loszulassen. Längst war die Kirche leer. Aber der Organist spielte weiter.

Jede Kraft, deren rasches Wachstum nicht von einem Plan gezügelt wird, erreicht schließlich eine Grenze, an der sie, verharrend, niemanden mehr neben sich hat. Die melodiöse Kantilene der Invention gedieh von Minute zu Minute voller und schöner, verströmte sich in reifer Fülle; und als die Einsamkeit sie durchdrang und ihre ganze Gestalt mit dem Unbehagen einer Kraf erfüllte, die nichts mehr für sich zu tun findet, erschauerte der Organist in jenem Gefühl, das nur der Künstler kennt, erschauerte vor der Übereinstimmung zwischen ihm und der Kantilene, vor der dunklen Ahnung, daß sie ihn ebenso gut kannte wie er sie, erschauerte vor der Anziehungskraf Ebenbürtiger. Er war stolz auf sie, ohne zu wissen, daß ihre Gefühle gegenseitig waren.

Der Organist spielte und vergaß die Welt ringsum. Eine Invention ging in die andere über, verwandelte sich in die nächste. Es kam aber auch vor, daß das ganze Klanggeschehen unversehens rittlings nacheinander in die Bässe herabstürzte. Hier im Reich der vornehmen Prinzipale setzte sich die stärkste und edelste Oktave an die Spitze und beherrschte das Motiv vollständig. Es näherte sich mit tosender, drohender Geschwindigkeit dem Orgelpunkt. Es stürmte unversehrt am letzten Glied der Sequenz vorbei, einige Schritte von der Dominante entfernt, als plötzlich die ganze Invention in einem einzigen Augenblick absolut und unwiderruflich verwaiste. Es war, als seien von allen Registern gleichzeitig die Klappen heruntergerissen worden, oder als hätten sie selbst alle auf einmal ihre Köpfe entblößt, als bei der riskantesten Wendung des Pedal-Satzes die Orgel mit zwei Manualen den Gehorsam verweigerte, und sich aus der grandiosen Bastion der Pfeifen und Ventile ein unmenschlicher Schrei riß – unmenschlich, weil er von einem Menschen zu stammen schien. Dieser unerklärliche Schrei wurde jedoch rasch von anderen Tönen aufgefangen und überdeckt, und obwohl aus den beiden Manualen nichts mehr herauszuholen war außer dem Klopfen von Holz auf Holz, ertrug der Organist unbeirrt den Verlust. Und genau so wenig wie er eine halbe Stunde vorher seiner Frau erlaubt hatte, ihn von der Orgelbank loszureißen, konnten ihn jetzt die störrischen Manuale dazu bringen, aufzuhören. Vor einer halben Stunde war seine Frau durch die Seitentür gekommen und hatte laut durch die leere Kirche gerufen, daß Auguste, seine Schwester, schon da sei, er solle herunterkommen und sie begrüßen, sie sei hier draußen im Kirchgarten und warte auf ihn. Sie wolle auch den kleinen Gottlieb sehen, aber Knauer habe den Jungen ja, weiß Gott warum, mitgenommen, und der sei doch sicher längst hungrig; und wenn Knauer schon nicht mit dem Spielen aufhören wolle, solle er wenigstens den Jungen herunterschicken, sie würden dann schon nach Hause vorausgehen, und überhaupt … was könne das Kind dafür, daß sein Vater …
»Gottlieb ist nicht hier« – hatte Knauer sie unterbrochen, ohne sich umzudrehen – »er hat sich zwar vorhin hier herumgetrieben, ist aber nicht
mehr da. – Ich weiß nicht, wo er ist, wahrscheinlich bei Pockennarbs – ich sah ihn mit Terese.« »Wieder bei diesen Küstersleuten, Knauer, wie of …!«
»Ich verstehe nichts. Geh nach Hause, Dortchen, ich kann dich nicht verstehen.«
Ebensowenig Aufmerksamkeit wie den Worten seiner Frau hatte Knauer den störrischen Manualen geschenkt. Er widmete sich mit besonderer Behutsamkeit nun dem Pedal in den mittleren Oktaven, bis ihm endlich einige abschließende Akkorde Ruhe und Gelassenheit zurückgaben. Dann erhob er sich von der Orgelbank, verschloß den Spieltisch, schickte Seebald, der die Bälge getreten hatte, nach Hause und kletterte selbst in das Orgelgehäuse, um nachzusehen, wo die Ventile Gis und Ais beschädigt waren.



2.

Es war Pfingstsonntagabend. In den schwach erleuchteten Straßen hoben sich, wie Worte mit gleichmäßiger Stimme in vollständige Stille gesprochen, vom klar werdenden Himmel die knappen, bis zur Schwärze zusammengedrängten und verdichteten Konturen von Dachfirsten, spitzbogigen Karnisen, Kreuzgesimsen, Giebeln und anderen architektonischen Wundern der Gotik ab, dunkel von Alter und Dämmerung. Es fieberte sie von der Berührung mit dem Himmelssee, in dem auftauend und seine Tiefe mit dunkler Kühle nährend, zwei abgehackte Eisstücke schwammen: zwei große schmelzende Sterne erfüllten bis zum Übermaß die bewegte Helligkeit des Himmels. Und die schwarzen Konturen der Firste und Dachtraufen bebten in leichtem Schüttelfrost vor der Nähe solcher Quellen, er durchzitterte sie umsomehr, als es in den Dachziegeln keine Ausbuchtungen und Höhlungen gab, bis zu denen der Andrang dieser bleichen, herabsinkenden Nacht nicht gelangen, sie nicht finden und durchtasten würde.

In den Straßen war es still, und die Stille erregte in wunderbarer Weise den Himmel, angespannt horchte er und lauschte zitternd in die Ferne. Doch brauchte er nur über den ins Blattwerk der Kastanien gehüllten Wirtshauslaternen zum Vorschein zu kommen, um von deren trübem Schein angeleuchtet einen ganzen raschelnden, scharrenden Ameisenhaufen zu sehen, ein Gewimmel, das sich zu einem Klumpen träger, sich sammelnder Wörter zusammemdrängte, als die Bürger von Ambach mit Kind und Kegel in die Wirtsgärten hereinkamen, die Gartenstühle rückten und, ohne ihre von der Straße mitgebrachten Gespräche zu unterbrechen, sich an den Tischen niederließen. Da löste sich der Himmel aus dem schwieligen Astwerk der Kastanien, bog sich zu den Sprechenden hinunter; er hielt sich an den äußersten Zweigen, hing fast bis auf die Tischdecken hinab, biegsam und muskulös wie ein Turner, dunkel gebrannt von der Sonne, verbarg er sich vor den wenigen brennenden Gartenlaternen. Blütenkerzen, die er beiläufig streife, ließen dann und wann eine Blüte aus ihren steil aufgerichteten Pyramiden fallen. Diese Blütenblättchen sanken in die Bierkrüge, drehten sich, blieben schließlich im Spitzenwerk des Bierschaums hängen, das nach und nach zu einem Schlingengeflecht zerfloß – wie ein ausgelaufenes Ochsenauge. Und auf die leinenen Tischdekken schleuderte die Nacht mit vollen Händen Käfer, Falter und Motten, und wie ölig glänzende Kaffeebohnen mit trockenem Prasseln an der glühendheißen Wandung des Kaffeerösters knistern, zerschlugen sich Schwärme hartflügeliger Käfer an den Lampenzylindern. Und wie im Röstkessel die prallen Bohnen durcheinanderwirbeln, so wirbelten in den Gärten die Gespräche, die irgend jemand mit dem eisernen Handschäufelchen mischte und umrührte in dumpfem, einschläferndem Ton.
Hier, an den Tischen, sprach man von nichts anderem als von dem Unglück bei Knauers. Nur darum drehten sich die Gespräche. Alle Lust, sich zu vergnügen, war vergangen. Die Kaufleute und Handwerker mit ihren Frauen und Kindern hatten sofort, nachdem sich in Augenblicksschnelle die Nachricht in der ganzen Stadt verbreitet hatte, erkannt, daß dieser Festtag verdorben war. Und sie übertrumpfen sich gegenseitig in dem Bemühen, einander den letzten Rest festtäglicher Stimmung zu vergällen. Schon um den Genuß heuchlerischen Mitgefühls gehörig auszukosten, verzichtete jeder auf seine sonstigen eingefleischten Feiertagsgewohnheiten. Bis zum Überdruß traktierten sie einander mit bösartigem Geschwätz darüber, ob so ein furchtbares Unglück unterschiedslos über jeden hereinbrechen könne, oder ob der Herrgott in voller Absicht den hochmütigen Organisten heimgesucht habe. Wenn dies der himmlischen Absicht entsprach, würden dann nicht sie dem Schöpfer wohlgefällig sein, sie, die schlichten, ihre Schlichtheit heute Abend reichlich offenbarenden Seelen? Mit der Witterung von Haustieren spürten sie, daß das Fest der Heiligen Dreifaltigkeit das Fest ihres Standes ist; daß die schwerfälligen und knotigen Kuppeln der Kastanien ihre Schattenspender sind, und das Bier – dessen Schaumkrone in Schlingen und Ringen zerfloß wie ein ausgelaufenes Ochsenauge – das Getränk ihres Standes ist. Und so wurde gerade an diesem Festtag und auf dem Boden ihrer Heimatstadt der sich stets abseitshaltende Organist vom Himmel bestraf – nicht an einem anderen Ort und nicht an einem anderen Tag. Es schien ihnen gewiß, daß der Herr nicht zufällig, sondern mit voller Absicht ihn in ihrer Anwesenheit bestraf hatte, und daß sie alle aufgerufen seien, über Knauer zu richten und ihn zu verurteilen. Und sie richteten ihn, verurteilten ihn zu dem, was ganz und gar ohne ihre Einmischung schon ein paar Stunden früher geschehen war an diesem friedlichen, so gar nicht hochmütigen und daher ihrem Stand entsprechenden Pfingstsonntag.
Die ganze Stadt sprach nur über den Organisten. Und als Julius Rosarius auf seinem Rückweg von Lollar spät in der Nacht bei der Einfahrt durch das alte Grafentor, ohne aus der Kutsche zu steigen, seiner Gewohnheit gemäß den Wächter nach Neuigkeiten in der Stadt fragte, erfuhr er ungefähr Folgendes: Knauer, der Organist, hatte sein eigenes Kind zu Tode gedrückt; man sagt, es sei während seines rasenden Extemporierens auf der Orgel passiert, das Kind sei in das Orgelgehäuse geklettert und dort habe es irgendso ein Hebel erstickt. Gott allein weiß, wie das geschehen konnte. Man kann es nicht glauben, und doch ist es die Wahrheit.
Die ganze Nacht hindurch fühlten sich Sessel, Tische und Schränke, Uhren und Bücher in Knauers Haus wie mit dichten Segeltuchschonbezügen überzogen, als seien die Hausleute verreist, die Türen verschlossen. Und tatsächlich hatte sich auch die Haustür den ganzen Tag über nicht mehr geöffnet. Die Hausleute aber waren zu Hause, hatten sich nicht einmal schlafen gelegt, und so bestand ein Quentchen Wahrheit hinsichtlich der Schonhüllen darin, daß stoßweises Schluchzen, unterdrücktes Weinen und kaum hörbare Schritte wie Hüllen über allen Möbeln bis zum Fußboden hinab hingen, und es gab keinen Gegenstand in der Stube – die Tür an Tür an jenes andere Zimmer grenzte, in dem diese Hüllen sorgfältig zugeschnitten wurden – der sich nicht in diesen Katafalk verwandelt haben würde – über dem der Baldachin unterdrückter Klage schwankte.

Aber in den Bergen, deren Seufzer von weither in das offene Fenster drangen, in den Bergen wollte der Morgen lange nicht aufwachen. Schließlich gelang es, ihn wachzurütteln; und er dehnte sich, reckte sich, rieb die durchgefrorenen Glieder. In bläulich-weißen Streifen erhob er sich, gähnte breit über den ganzen Mund wie ein Menschenfresser und machte sich auf seinen gewohnten Weg. Er kam über Rabenklippe, und der sieben Meilen lange Weg zu Fuß mit leerem Magen auf der menschenleeren und noch dunklen Poststraße ermüdete ihn tödlich. Er kam schlapp, unausgeschlafen, mit dicken Klumpen von nassem Straßenlehm an den Stiefelsohlen.

Meistens blieb er an dem Fenster stehen, verschlang mit großen hungrigen Augen alles, was sich in diesem Zimmer befand. Er liebte den noch vom Abendbrot übrig gebliebenen und nicht weggeräumten Käse und war ein Meister in der Kunst, den jungen Mäusen, die warmen, grauen Watteklümpchen glichen, Augen zu machen.
Die Hausherren hatte er noch nie zu Gesicht bekommen. Zu seiner unendlichen Verwunderung fand er heute, als er sich heranschlich, das Fenster weit geöffnet, und statt der Mäuse hinter der Scheibe sah er dieses Mal eine Kerze, die sich selbst überlassen brannte, denn auch das Zimmer, in dem es nach Straße roch, war sich selbst überlassen. Und hinter dem Morgen her zogen im Gänsemarsch seine Gerüche ins Zimmer – Gerüche von dufenden Blumengärten, von umliegenden Gemüsegärten, von weiter entfernten Torfmooren und von noch ferner lagernden Bergen – und die Kerzenflamme blähte sich auf von der Vielfalt so fröhlicher Weiten, die sie grüßten; sie schwankte aufgeregt, ihren Docht mit sich ziehend, horchte sie auf und bezog dann aufs neue ihren Wachtposten, blaß, hohlwangig und aufrecht wie ein Stock. Die ganze Nacht hindurch hatte sie gebrannt, nun war sie sterbensmüde. Schon konnte sie nicht mehr leuchten, und das absterbende Zünglein der geschwächten Flamme schwamm rücklings wie die Bauchflosse eines toten Fisches auf der Strömung, in die ein Rinnsal morgendlicher Kühle mündete.
Noch hatte der Morgen keinen Schritt ins Zimmer tun können, als er dicht an der Tür mit Tante Auguste zusammentraf, die mit einer Kerze in der Hand auf ihn zukam, ohne ihn zu bemerken. Sie machte ihm die Tür vor der Nase zu, blies beide Kerzen aus und ging schwer aufseufzend zu ihrem Bruder. So blieb die ersehnte Tür verschlossen. Aber hinter der ersehnten Tür, im Schlafzimmer – im Zimmer, in dem bis zum Fußboden hinab die prächtigsten und schwerfälligsten Quasten und Borten des Klage-Baldachins hingen – in diesem Zimmer trug sich bei geschlossenen Vorhängen folgendes zu.
Hier befand sich der Körper des Kindes, und über ihn gebeugt, schwankte die Mutter wie ein Wrack. Einmal hatte sie das Kind mit ihrer Brust genährt. Jetzt nährte sich ihre Brust, in Hungerkrämpfen sich krümmend, von den üppigen Almosen des überwältigenden Schmerzes. Unersättlich – wie eine wahnsinnige Hündin – hatte sie mit scharfen Zähnen wie von einem Knochen von ihrem Kummer alles abgenagt, was ihrem Leid als Nahrung dienen könnte. Und weder in dem spitz gewordenen Gesichtchen des Kindes noch in ihren eigenen Erinnerungen gab es auch nur das geringste Restchen, das ihrem Biß hätte entgehen können: alles ringsum war verseucht, alles war abgenagt, doch der wütende Hunger ihres Grams wollte nicht nachlassen. Während ihr Gedächtnis noch nicht berührte Einzelheiten Ihrer nun vergangenen Mutterschaf sortierte, bemerkte sie plötzlich in der Ecke ein Spielzeug. Mit verdoppelter Gier klammerte sie sich an diesen Gegenstand. Es war ein Holzpferdchen, ein Geschenk von Tante Auguste. Er hatte sich nicht mehr daran freuen können, hatte es gar nicht mehr gesehen, der arme Erstick … »O mein Gott, was ist das, um alles in der Welt! O!«

Und wohl der Anblick dieses Geschöpfs brachte erpresserisch die Tränen zum Fließen. Die ganze Nacht hatte das fahle Licht des Todes sein Gesicht erhellt. Wie absichtlich hatte der Tod so für die Mutter geleuchtet, daß ein Lichtbündel aus dem häßlichen Öllämpchen auf nichts anderes als auf das winzige Gesicht des Kindes fiel. Dieses Gesicht war der einzige helle Gegenstand im ganzen Zimmer. Es warf sich einem förmlich in die Augen und erschreckte durch seine Blässe. Alkoholiker sehen im Delirium der Todesnot of – in welchem Jahrhundert auch immer – ein und denselben guillotinierten Kopf in die Serviette eines Barbiers gebunden. – Der Kopf des Kindes, dessen Gewicht man mit den Augen schätzen konnte – denn es war ein toter Kopf, geformt aus weißer, talgiger Masse, so wie der Balken einer Pfundskerze aus einem Pfund weißen Wachses gezogen wird – dieser Kopf, der sich vom Leben gelöst hatte, vom ganzen Reichtum der Gebärden, von allen Arten des Lächelns, des Lachens, der Grimassen, hatte sich für seinen Weg in die jenseitige Welt allein den Ausdruck kindlichen Entsetzens gewählt, und da unterwegs kein anderer mehr zur Hand sein würde, war diesem Ausdruck keine Wandlung mehr beschieden, niemehr, niemehr. Doch im Kinderzimmer gab es eine Menge Spielsachen, und so viele Gesten und fröhliche Grimassen hatten sich dem Gedächtnis der Mutter eingeprägt, daß es ihr in den Händen zuckte, ihm etwas auf den Weg mitzugeben, irgend etwas Notwendiges, etwas, das ihm dort vielleicht angenehm wäre – ihm geben, solange es noch nicht völlig zu spät ist, so lange er noch hier ist, bald wird es endgültig zu spät sein, auf ewig zu spät, unabänderlich zu spät. –

Und sie wiegte sich in ihrem Schmerz hin und her!
Wie? Ihn jetzt verlassen, jetzt, wo er ohne Aufsicht und ganz allein sein wird! Ihm eine derartige Freiheit und Selbständigkeit gewähren! – Sie war es doch immer gewesen, die ihn zu beruhigen verstand, wenn Zimmerwände sie trennten, und sie den ganzen Korridor entlang gerannt war, um nur ja rechtzeitig bei ihm zu sein. Aber jetzt, da sie einander fortgenommen wurden, er ganz und gar mit Augen, Händen und seinem klingenden Stimmchen in die Erde vergraben würde – jetzt mußte sie ihn sich selbst überlassen, ungetröstet, entsetzt und verloren. –
Wenn diese stummen und hysterischen Schreie einer Mutterseele Gedanken gewesen wären, die ihre Brust verknitterten und verunstalteten wie die Falten eines Nessus-Hemdes, – wenn ihr Gehirn diese Schreie hätte bewältigen können –, würde der Gedanke an Selbstmord ihr wie ein Wink des Himmels gekommen sein.
Aber sie dachte weder daran, noch wußte sie, daß Hysterie wie blindes, farbloses Gewürm sich ungebärdig in ihr wand und wütete. Und wurmstichig geworden, völlig erschöpf vom Weinen, verfielen ihr Gesicht und Körper. Ihre Arme hingen fremd an ihr herab und, irgendwohin ins Leere starrend, ergab sie sich stumpf den unentwegt leise strömenden Tränen. Sie spürte sie schon nicht mehr. Sie flössen ohne ihre Zustimmung, flossen träge wie von selbst und breiteten sich über ihr längst schon nasses Gesicht aus. Diese neuen Tränenströme taten mit ihrem Gesicht das, was jedes anhaltende Regenwetter mit jeder Form tut, wenn es sie mit seinem kläglichen Netz überzieht. Von irgendwo weit her herangetrieben, irgendwohin weit in die Ferne fortziehend, umnebelten und entstellten die Tränen ihr Gesicht. Es hatte sich zur Maske von etwas langst, längst Sinnlosem zerdehnt, zur Maske eines schon seit langem dumpf gewordenen Erstaunens. Das tote Kind glich der Mutter: man brauchte nur beide gleichzeitig anzusehen.
In diesem Augenblick wurde die Tür halb geöffnet, und von der Schwelle her, ohne ins Zimmer zu treten und ohne zu seiner Frau hinüberzusehen, sagte der Organist leise und verhalten zu ihr: »Geh hinaus, laß mich mit ihm allein sein.« »Amadeus, du! Und jetzt – Amadeus!« stieß sie unzusammenhängend aus und versuchte mit ruckartigen Bewegungen, sich zu erheben. Sie brachte es nicht fertig, die Kräfe verließen sie, taumelnd fiel sie der herbeieilenden Auguste in die Arme, die sie aus dem Zimmer führte. Der Organist schloß hinter ihnen die Tür, näherte sich langsam dem Körper seines Sohnes und setzte sich in den Sessel, den seine Frau eben verlassen hatte. Mit der rechten Hand strich er sich über den Kopf, mit der anderen begann er mit linkischen Bewegungen, das festtäglich gekleidete Körperchen zu streicheln. Knauer schloß die Augen. Er wußte nicht, daß es schon fast dreizehn Stunden her war, seit er um seinen Verstand gekommen war. Und daß dies dort geschehen war im Innern der Orgel. Knauer befand sich im Zustand eines Menschen, der zum ersten Mal selbst, nicht von anderen, erfährt, daß er eine Seele hat. Er fühlte sie und spürte genau, wo sie war, denn sie tat ihm weh. Es ging etwas in ihm vor, das an rheumatische Gefäßveränderungen erinnerte. Wie Muskelfleisch wurde seine Seele fest und hart, begann allmählich zu schwären. Eng, dicht an jede Höhlung seines Körpers geschmiegt, phantasierte sie, wie jedes kranke Organ im Fieber redet. Sie phantasierte und vergrößerte die ihr eigenen Maße bis zu skrupellosen und unglaubwürdigen Dimensionen, ohne sie doch in Wirklichkeit zu verändern. Nicht anders als ein vereiterter Zahn, der bis zu albdruckhafer Grenzenlosigkeit wächst – aus sich und für sich die verrückte Fabel von Goliaths Kiefer hervorbringend –, ohne doch tatsächlich aus dem Kiefer herauszuquellen. Aber Knauer verlor sein Gleichgewicht nicht. Seine Seele bewegte sich in ihm wie ein Solitair, ein allgegenwärtiger Solitair. Dem Menschen wurde durch Verletzungen seiner Seele nur deshalb nicht übel, weil jedem Teilchen seines Körpers, für sich genommen, übel war; diese Varianten der Übelkeit hoben sich gegenseitig auf. Und im Ergebnis dessen empfand der von Übelkeit gepackte Mensch nur deshalb keinen Schwindel, weil er, das Gesetz des spezifischen Gewichts erfahrend, in diesem Strudel der Seele versank, der wahrnehmbar und übelkeiterregend war.
Aber wie erschauerte er, als er durch das dunkle Dickicht seines Dämmerzustandes erkannte, was seine eigene linke Hand mit dem Körper des Knaben tat. Hastig zog er die Hand zurück. Er riß sie so jäh vom Körper des Sohnes los, wie man vor einer heranschnellenden Viper zurückzuckt, oder wie man den aus dem Ofen gefallenen Feuerbrand erschrocken vom Teppich zerrt, sich die Finger daran verbrennend und sie blasend. Die Hand hatte den Sohn in Oktaven gestreichelt: sie griff Oktaven an ihm.
Der Organist stand auf, beugte sich über den Knaben, küßte ihn auf die Stirn und ging zur Tür. An der Schwelle zögerte er, schaute sich um, als erinnere er sich an etwas oder bemühe sich, sich etwas vorzustellen. Er ging zu dem Körper zurück, bückte sich und küßte ihn noch einmal, dehnte diesen Kuß eine Ewigkeit länger aus als den ersten. Er brauchte diese ungebührlich lange Frist zur Ausführung eines nur ihm allein bekannten und in aller Erschütterung feierlichen Beschlusses. Im Verlauf dieses ungebührlich langen Augenblicks versuchte er, etwas von seinen Lippen auf die wächserne Stirn des Knaben zu übertragen, doch stattdessen ging von dieser wächsernen Stirn ein kalter Anhauch auf seine Lippenhaut über wie der undeutliche Abdruck eines feuchten Blattes auf ein trockenes. Dann, nachdem er sich mit dem Taschentuch die Augen gewischt und kräfig die Lippen abgerieben hatte, verließ der Organist eilig das Zimmer; rasch ging er durch den Hausflur, nahm seinen Hut und lief hinaus, ohne die Tür hinter sich zu schließen.
Der feuchte Morgen drang ihm wie Schaum in die Augen, verdampfe auf ihnen und trocknete sie. Der Duf von Gras und Flieder stieg ihm zu Kopf, der bittere Hauch von Pappeln und staubigen aufgetrockneten Pfützen. Und Vögel waren da. Sie zwitscherten. Zwitscherten. Er hörte sie. Hörte sie unablässig.

Seit diesem Tag hat man ihn in der Stadt nicht mehr gesehen. Wie der kleine Gottlieb begraben wurde, hat sein Vater nie erfahren.