KAPITEL 7

 

Am nächsten Morgen war der Wind immer noch mäßig, und die Pucelle schien kaum durch die ruhige See mit den langen flachen Wellen zu gleiten. Es war wieder heiß, sodass die Seeleute mit nacktem Oberkörper arbeiteten. Bei einigen waren auf dem Rücken Narben vom Auspeitschen zu sehen. »Einige tragen sie wie Abzeichen von Stolz«, sagte Chase, »obwohl ich hoffe, nicht auf diesem Schiff.«

»Sie lassen nicht auspeitschen?«

»Doch, das muss ich«, sagte Chase, »aber sehr selten. Erst zweimal, seit ich vor drei Jahren das Kommando übernommen habe. Das erste Mal war es wegen Diebstahls, und beim zweiten Mal, weil einer aus der Mannschaft einen Maat geschlagen hatte, der es wahrscheinlich verdient hatte, aber Disziplin ist Disziplin. Leutnant Haskell möchte, dass ich mehr auspeitschen lasse. Er denkt, dass es für die Einhaltung der Disziplin unbedingt nötig ist, doch ich sehe das anders.« Er starrte verdrossen zu den Segeln empor. »Kein verdammter Wind. Allmächtiger, wo bleibt der Wind?«

Wenn es windstill blieb, würde Chase mit den Geschützen üben lassen. Wie viele Captains hatte er zusätzliches Pulver und Munition auf eigene Kosten gekauft, sodass seine Mannschaft üben konnte. Den ganzen Morgen donnerten die Geschütze, alle Stückpforten waren geöffnet, sogar die in seiner großen Kabine, und das Schiff war ständig von weißgrauem Rauch umgeben, durch den es mit quälender Langsamkeit glitt.

»Das könnte Pech bedeuten«, sagte Peel, der Zweite Leutnant, zu Sharpe. Peel war ein freundlicher, molliger Mann, mit rundem Gesicht und heiterem Gemüt. Er war auch unordentlich, was den Ersten Leutnant ärgerte, und das böse Blut zwischen Peel und Haskell machte die Atmosphäre in der Offiziersmesse angespannt und unbehaglich. Sharpe spürte die Anspannung, wusste, dass Chase sich darüber aufregte, und konnte verstehen, dass Peel, weitaus unbeschwerter als der große, selten lächelnde Haskell, auf dem Schiff beliebt war.

»Warum Pech?«, fragte Sharpe.

»Geschütze lullen den Wind ein«, erklärte Peel ernsthaft. Er trug eine blaue Uniform, die noch weitaus abgetragener war als Sharpes roter Rock, obwohl es hieß, dass der Zweite Leutnant wohlhabend sein sollte. »Es ist ein unerklärliches Phänomen«, sagte Peel, »dass Geschützfeuer den Wind beeinflusst.« Wie als Beweis wies er auf eine große rote Flagge, und sie hing tatsächlich schlaff herab. Die Flagge wurde nicht jeden Tag gehisst, aber wenn Windflaute herrschte, diente sie dazu, kleinere Veränderungen in der Brise anzuzeigen.

»Warum ist sie rot?«, fragte Sharpe. »Diese Schaluppe, die wir sahen, hatte eine blaue.«

»Das hängt davon ab, welchem Admiral sie dienen«, erklärte Peel. »Wir bekommen Befehle von einem Rear Admiral der roten Flagge, aber wenn er von der blauen wäre, hätten wir eine blaue Flagge, und wenn er weiß wäre, eine weiße.«

Die rote Flagge bewegte sich schlaff, als ein Windstoß in ihre Falten fuhr. Im Osten, woher die Windböe kam, ballten sich Wolken. Peel meinte, dass sie über Afrika hingen. »Und Sie werden bemerkt haben, dass sich das Wasser verfärbt hat«, sagte er und wies zur Seite auf die bräunlich wirkende See. »Was bedeutet, dass wir vor einer Flussmündung stehen.«

Chase legte einen Zeitplan für die Geschütz-Mannschaften fest und versprach den schnellsten Männern eine Extraration Rum. Der Lärm der Geschütze war erstaunlich. Er zerrte an den Trommelfellen und ließ das Schiff erzittern, bevor er sich langsam in der Weite der See und des Himmels verlor. Die Kanoniere banden sich Tücher um die Ohren, um den Krach zu mindern, doch viele von ihnen waren vorübergehend wie taub.

Sharpe stieg aus Neugier hinab zum Unterdeck zu den großen 32-Pfündern und beobachtete, wie sie abgefeuert wurden. Er steckte sich die Finger in die Ohren, doch trotzdem hallte jeder Schuss darin nach, als die Geschütze zurückruckten. Jedes Rohr war fast zehn Fuß lang, und jedes Geschütz wog fast drei Tonnen. Halbnackte, schweißglänzende Kanoniere wischten die Rohre mit Schwämmen aus, während der Geschützführer das Zündloch mit lederumhülltem Mittelfinger zuhielt.

»Ihr zielt ja auf nichts!«, rief Sharpe einem Leutnant zu, der eine Gruppe von Kanonieren befehligte.

»Wir sind keine Scharfschützen«, gab der Leutnant, er hieß Holderby, zurück. »Wenn es zum Gefecht kommt, sind wir so nahe bei den Bastarden, dass wir gar nicht danebenschießen können! Zwanzig Schritt höchstens, für gewöhnlich weniger.« Holderby schritt über das Geschützdeck, duckte sich unter Deckenbalken und berührte Männer an den Schultern. »Sie sind tot!«, rief er. »Sie sind tot!« Die Auserwählten grinsten und setzten sich dankbar auf die Gräting. Holderby verringerte die Zahl der Mannschaft, simulierte die Ausfälle, die es beim Gefecht geben würde, und beobachtete, wie die Überlebenden ihre großen Geschütze bemannten.

Sharpe stieg aufs Hauptdeck und von dort auf den Großmars, denn nur von dort konnte er über die dichte Rauchwand sehen, wohin die Schüsse gingen. Einige Kanonenkugeln schienen fast eine Meile zu fliegen, bevor sie in die See klatschten, andere ließen das Wasser hundert Yards vom Schiff entfernt aufgischten. Wie der Leutnant gesagt hatte, ließ Chase seine Männer nicht üben, um sie zu Scharfschützen auszubilden, sondern um schnell zu sein. Da waren Kanoniere an Bord, die damit prahlten, dass sie eine Kugel auf ein fliegendes Ziel in einer Distanz von einer halben Meile schießen konnten, doch Chase sah das Geheimnis der Schlacht darin, nahe an den Feind heranzukommen und einen Hagel von Schüssen loszulassen. »Es braucht nicht gezielt zu werden«, hatte er Sharpe gesagt. »Ich benutze das Schiff, um mit den Geschützen zu zielen. Ich lege die Geschütze längsseits des Feindes und lasse sie die Bastarde massakrieren. Nichts geht über Schnelligkeit, Sharpe. Schnelligkeit gewinnt Gefechte.«

Das ist genauso beim Musketenschießen, dachte Sharpe. An Land stießen die Armeen aufeinander, und meistens war die Seite, die am schnellsten mit ihren Musketen schoss, der Gewinner. Die Männer zielten nicht mit den Musketen, denn die schossen ungenau. Sie legten ihre Musketen an und feuerten, sodass ihre Kugel nur eine in einem Hagel von Kugeln war. Mit genügend Kugeln den Feind schwächen, das war die Devise. Und so war es auch auf See. Bring zwei Schiffe nahe aneinander, und dasjenige, das am schnellsten schießt, wird gewinnen. Und so trieb Chase seine Kanoniere an, lobte die Schnellsten und machte die Bummler zur Sau, und den ganzen Morgen erbebte die See rings um das Schiff beim Donnern der Geschütze. Eine lange Spur von zerfaserndem Pulverrauch lag hinter dem Schiff, ein Anzeichen darauf, dass es - wenn auch quälend langsam - vorangekommen war.

Sharpe hatte sein Fernrohr auf den Mast mitgenommen und richtete es jetzt nach Osten, in der Hoffnung, Land zu sehen, aber alles, was er entdecken konnte, war ein dunkler Schatten unter der Wolkendecke. Er richtete das Fernrohr nach unten und sah Malachi Braithwaite auf dem Achterdeck auf und ab gehen und jedes Mal beim Krachen eines Geschützes zusammenzucken.

Was sollte er wegen des Problems Braithwaite unternehmen? Eigentlich wusste er das genau, doch wie sollte er es auf einem Schiff erledigen, auf dem sich fast siebenhundert Leute befanden? Er schob das Fernrohr zusammen und steckte es in das Futteral. Dann kletterte er zum ersten Mal am Großmast von der Marssaling zur Bramsaling hinauf, wo er sich unter dem Bramsegel niederließ. Noch ein anderes Segel erhob sich darüber in den Himmel, jedoch nicht so hoch, dass man nicht hinaufklettern konnte, denn da war ein Ausguck, der Tabak kaute und westwärts spähte. Das Deck sah von dort oben winzig aus, doch die Luft war frisch, und der ständige Geruch des Schiffes und der nach verfaulten Eiern riechende Gestank des Pulverrauchs war nicht wahrzunehmen.

Der hohe Mast erzitterte, als zwei Geschütze gleichzeitig feuerten. Ein Windhauch blies den Rauch fort, und Sharpe sah, dass sich die See um den Einschlag der Kugeln kräuselte.

»Segel!«, brüllte der Ausguck über Sharpe aufs Deck hinab. Sein Schrei ertönte so plötzlich und laut, dass Sharpe zusammenzuckte. »Segel querab backbord!«

Sharpe musste überlegen, welche Seite des Schiffs Backbord und welche Steuerbord war, doch er erinnerte sich, zog sein Fernrohr aus und richtete es nach Westen. Er konnte nur eine verschwommene Linie sehen, wo sich die See mit dem Himmel traf.

»Was sehen Sie?«, rief Haskell, der Erste Leutnant, durch ein Sprachrohr.

»Bram- und Royalsegel!«, brüllte der Mann. »Gleicher Kurs wie wir, Sir!«

Das Geschützfeuer verstummte, denn Chase hatte jetzt andere Sorgen. Die Stückpforten wurden geschlossen, die großen Geschütze sicher verzurrt, und ein halbes Dutzend Männer eilte in die Takelage hinauf, um zusätzlich zu dem Ausguck Ausschau zu halten. Sharpe konnte auch mithilfe des Fernrohrs immer noch nichts anderes sehen als den westlichen Horizont. Er war stolz auf sein scharfes Sehvermögen, doch auf See braucht man einen anderen Weitblick, um die Feinde zu entdecken, als an Land. Er schwenkte das Fernrohr nach links und rechts, fand immer noch kein fremdes Schiff und entdeckte dann einen winzigen, verschwommenen weißen Fleck an der Kimm. Er verlor ihn wieder, richtete das Fernrohr neu aus, und da war es. Nur ein verschwommener Fleck, doch der Mann über Sharpe, ohne Fernrohr, hatte ihn gesehen und konnte ein Segel von dem anderen unterscheiden.

Ein Mann ließ sich neben Sharpe auf der Bramsaling nieder. »Es ist ein Franzose«, sagte er.

Sharpe erkannte den Mann als John Hopper, den großen Bootsmann, den er auf der Barkasse des Kapitäns gesehen hatte. »Können Sie das auf diese Entfernung mit Sicherheit sagen?«, fragte Sharpe.

»Glaube ich schon«, sagte Hopper selbstsicher. »Da gibt es kein Vertun.«

»Was ist es, Hopper?« Chase hievte sich auf die Plattform.

»Das könnte sie sein, Sir, das könnte sie wirklich sein«, sagte Hopper. »Sie ist auf alle Fälle französisch.«

»Verdammte Flaute«, sagte Chase. »Darf ich, Sharpe?« Er streckte die Hand nach Sharpes Fernrohr aus, und als der es ihm gegeben hatte, richtete er es nach Westen. »Verdammt, Hopper, Sie haben recht. Wer hat das entdeckt?«

»Pearson, Sir.«

»Verdreifachen Sie seine Rum-Ration«, sagte Chase, schob das Fernrohr zusammen, gab es Sharpe zurück und glitt geschmeidig hinunter und aufs Deck zurück. »Boote!«, rief Chase, als er auf das Achterdeck rannte. »Boote!«

Hopper folgte seinem Captain, und Sharpe beobachtete, wie die Beiboote an der Seite zu Wasser gelassen und mit Ruderern besetzt wurden. Sie würden das Schiff ziehen, nicht westwärts auf den fremden Segler zu, sondern nach Norden, um zu versuchen, vor ihn zu gelangen.

Die Männer ruderten den ganzen Nachmittag hindurch. Sie schwitzten und plackten sich ab, bis ihre Arme schmerzten. Sehr kleine Wellen an der Flanke der Pucelle zeigten, dass sie vorankamen, und Sharpe hatte dennoch den Eindruck, dass der Abstand zum fernen Segel nicht kleiner wurde. Die leichte Brise, die ein wenig die Hitze des Tages gemildert hatte, hatte völlig aufgehört, sodass die Segel schlaff von den Rahen hingen und das Schiff in seltsame Stille gehüllt war. Die lautesten Geräusche waren die Schritte der Offiziere auf dem Achterdeck, die Rufe der Männer, mit denen die müden Ruderer angetrieben wurden, und das Knarren des Ruders in der schwachen Dünung.

Lady Grace, begleitet von ihrem Mädchen, erschien mit einem Schirm als Schutz gegen die heiße Sonne auf dem Achterdeck und starrte nach Westen. Captain Chase behauptete, dass der fremde Segler jetzt von Deck aus sichtbar war, doch sie konnte ihn nicht sehen, auch nicht mit einem Fernrohr. »Sie haben uns vermutlich nicht gesichtet«, meinte Chase.

»Warum nicht?«, fragte sie.

»Unsere Segel haben Wolken hinter sich ...«, er wies zu der großen Wolkenbank über Afrika, »... und mit etwas Glück geht die Farbe unseres Segeltuchs in den Himmel über.«

»Sie glauben, es ist die Revenant?«

»Ich weiß es nicht, Mylady. Es könnte auch ein neutrales Handelsschiff sein.« Chase bemühte sich, unbeteiligt zu klingen, doch seine unterdrückte Aufregung machte klar, dass er das ferne Schiff tatsächlich für die Revenant hielt.

Braithwaite stand an der Treppe zum Achterdeck und beobachtete, ob Sharpe sich zu Ihrer Ladyschaft gesellte, doch Sharpe rührte sich nicht von der Stelle und spähte nach Osten. Er sah, wie sich die Wasseroberfläche leicht kräuselte, die ersten Anzeichen auf auffrischenden Wind. Schwache Böen jagten über das Wasser, schienen sich hartnäckig zu weigern, der Pucelle näher zu kommen, doch dann schienen sie sich zu sammeln und über die See zu gleiten, und plötzlich füllten sich die Segel, die Takelage knarrte und die Trossen, die das Schiff mit den Beibooten verbanden, tauchten ins Wasser.

»Der Landwind«, sagte Chase, »Gott sei Dank!« Er ging zum Steuermann. »Können Sie es spüren?«

»Aye, aye, Sir.« Der Steuermann nickte. »Es ist jedoch nicht viel«, fügte er hinzu. »Nicht mehr, als ob 'ne alte Dame in die Segel bläst, Sir.«

Der Wind stockte, wie um Luft zu holen, dann setzte er zögernd wieder ein, und Chase wandte sich ab, um die See zu beobachten. »Holen Sie die Boote ein, Mister Haskell.«

»Aye, aye, Sir!«

»Eine Ration Rum für die Ruderer!«

»Aye, aye, Sir.« Haskell, der glaubte, Chase verwöhne seine Männer zu sehr, klang missbilligend.

»Eine doppelte Ration für die Ruderer«, sagte Chase, um Haskell zu ärgern. »Und Wind für uns und den Tod für die Franzosen!« Seine Stimmung hatte sich gehoben, weil er glaubte, sein Wild gefunden zu haben. Jetzt musste er sich nur noch heranpirschen. »Wir schließen heute Nacht den Winkel auf sie«, sagte er zu Haskell. »Jeder Zoll Segeltuch! Und kein Licht an Bord. Und wir befeuchten die Segel.«

Ein Schlauch wurde an eine Pumpe angeschlossen, und die Segel wurden mit Seewasser besprüht. Chase erklärte Sharpe, dass feuchte Segel mehr von leichtem Wind einfingen als trockene, und es hatte tatsächlich den Anschein, als ob das funktionierte. Das Schiff bewegte sich merklich, obwohl auf den unteren Decks, wo der Pulverrauch hing, kein Wind die Luft reinigte.

In der Abenddämmerung frischte der Wind auf. Die Dunkelheit brach herein, und die Offiziere gingen übers Schiff, um sicherzustellen, dass nirgendwo eine Laterne brannte, ausgenommen die abgeschirmte Kompassleuchte, die dem Steuermann einen Blick auf den Kompass erlaubte. Der Kurs wurde ein wenig westwärts verändert, der Wind nahm noch mehr zu, und dann konnte man die See gegen die schwarzgelben Seiten schlagen hören.

Sharpe schlief, wachte auf und schlief wieder ein, niemand störte seine Nacht. Vor der Morgendämmerung war er auf und stellte fest, dass sich der Rest der Schiffsoffiziere, selbst diejenigen, die hätten schlafen sollen, auf dem Achterdeck befand. »Sie wird uns sehen, bevor wir sie sehen«, sagte Chase. Er meinte, dass die Royalsegel der Pucelle vor der aufgehenden Sonne als Silhouette an der Kimm zu sehen sein würden, und eine Weile spielte er mit dem Gedanken, den Befehl zu geben, die obersten Segel einholen zu lassen, doch dann sagte er sich, dass der Verlust an Geschwindigkeit das größere Übel war, und so ließ er alle Segel gesetzt. Die Männer mit dem besten Sehvermögen waren alle hoch oben in der Takelage. »Wenn wir Glück haben, könnten wir sie bei Einbruch der Nacht erreichen«, vertraute Chase Sharpe an.

»So schnell?«

»Wenn wir Glück haben«, wiederholte Chase und klopfte auf das Holz der Reling.

Der östliche Himmel war jetzt grau, getupft mit Wolken, doch bald wurde er rötlich, als verlaufe das Rot einer Uniformjacke im Regen und durchtränke das Grau. Das Schiff wurde schneller und hinterließ weißes Kielwasser, das rötlich wie der Himmel wurde und dann tiefrot glühte wie ein Ofen über Afrika.

»Inzwischen werden sie uns entdeckt haben«, sagte Chase und nahm ein Sprachrohr von der Reling. »Haltet scharf die Augen auf!«, rief er zum Ausguck hinauf. Dann zuckte er zusammen. »Das war unnötig«, tadelte er sich selbst und korrigierte sein Verhalten. Er hob das Sprachrohr wieder an und versprach dem Mann, der als Erster den Feind sichtete, eine Wochenration Rum. »Er verdient es, sich zu besaufen«, murmelte Chase vor sich hin.

Der Osten entflammte in strahlender Helligkeit, als die Sonne über den Horizont stieg und die Nacht vertrieb. Die See breitete sich nackt unter dem brennenden Himmel aus, und die Pucelle war allein.

Denn das ferne Segelschiff war verschwunden.

 

Captain Llewellyn war ärgerlich. Jeder an Bord war gereizt. Dadurch, dass sie das andere Schiff verloren hatten, war die Moral auf der Pucelle so sehr in Mitleidenschaft gezogen, dass ständig kleine Fehler begangen wurden. Den Bootsmännern rutschte die Hand aus, die Offiziere schnauzten die Mannschaft an, die Mannschaft war verdrossen, aber Captain Llewellyn Llewellyn war echt ärgerlich und besorgt.

Bevor das Schiff in England losgesegelt war, hatte es eine Kiste mit Granaten an Bord genommen. »Es sind französische«, sagte Llewellyn zu Sharpe, »und so habe ich keine Ahnung, was darin ist, Pulver natürlich und etwas Explodierendes. Sie sind aus Glas gemacht. Man zündet sie an, wirft sie weg und betet, dass sie jemanden töten. Teuflische Dinger sind das, wirklich teuflisch.«

Und jetzt waren die Granaten verschwunden. Sie sollten im vorderen Magazin auf dem Orlopdeck sein, doch eine Suche von Llewellyns Leutnant und zwei Sergeants war erfolglos gewesen. Für Sharpe war der Verlust der Granaten nur Pech, ein weiterer Schicksalsschlag an einem Tag, der für die Pucelle unter schlechten Sternen stand, doch Llewellyn befürchtete, dass das Problem viel ernster war. »Irgendein Narr könnte sie in den Laderaum gebracht haben«, sagte er. »Wir haben sie von der Viper gekauft, als sie neu ausgerüstet wurde. Sie haben sie vor Antigua erbeutet, und ihr Kapitän wollte sie nicht. Er hielt sie für zu gefährlich. Wenn Chase erfährt, dass sie im Laderaum sind, kreuzigt er mich, und ich kann es ihm nicht verdenken. Ihr richtiger Aufbewahrungsort ist das Magazin.«

Ein Dutzend Seesoldaten wurde zu einem Suchtrupp zusammengestellt, und Sharpe ging mit ihm in den Laderaum, wo die Ratten herrschten und sich der faulige Gestank des Schiffes konzentrierte. Sharpe brauchte nicht dort zu sein, Llewellyn hatte ihn nicht mal um Mithilfe gebeten, doch er zog es vor, etwas Nützliches zu tun, anstatt unter der schlechten Atmosphäre zu leiden, die seit Tagesanbruch an Deck herrschte.

Die Suche dauerte drei Stunden, bis ein Sergeant die Granaten schließlich in einer Kiste fand, auf deren Deckel das Wort »Biskuits« gestanzt war. »Nur Gott weiß, was im Magazin ist«, sagte Llewellyn sarkastisch. »Sie sind vermutlich voller Pökelfleisch. Dieser verdammte Cowper!« Cowper war der Proviantmeister des Schiffes, verantwortlich für den Nachschub an Verpflegung. Der Proviantmeister war kein richtiger Offizier, wurde aber allgemein als solcher behandelt, und er war äußerst unbeliebt. »Das ist das Schicksal von Proviantmeistern«, sagte Llewellyn, »sie werden gehasst. Deshalb hat Gott sie auf die Erde geschickt. Sie sollen für den Nachschub von Dingen sorgen, was sie selten können, und wenn, dann sind diese Dinge für gewöhnlich von der falschen Größe oder von falscher Farbe oder Form.« Proviantmeister, wie die Marketender der Armee, konnten auf eigene Rechnung handeln, und ihre Bestechlichkeit war berüchtigt. »Cowper hat sie vermutlich versteckt und gedacht, er könnte sie irgendeinem unbedarften Wilden verhökern. Verdammter Mann!« Nachdem der Waliser den Proviantmeister verflucht hatte, nahm er eine der Granaten aus der Kiste und reichte sie Sharpe. »Mit gehacktem Eisen gefüllt, sehen Sie? Dieses Ding könnte wirken wie Schrapnell!«

Sharpe hatte noch nie mit einer Granate hantiert. Die alten britischen, lange ausrangiert wegen Unwirksamkeit, waren aus Ton, doch diese französischen waren aus dunkelgrünem Glas hergestellt.

Das Licht im Laderaum war schwach. Sharpe hielt die Granate nahe an eine Laterne der Seesoldaten und sah, dass das Innere der Glaskugel mit Pulver und Metallstücken gefüllt war. Eine Lunte ragte an einer Seite hervor, versiegelt mit einem Ring aus geschmolzenem Wachs.

»Sie zünden die Lunte an«, sagte Llewellyn, »und werfen das verdammte Ding, wenn die Lunte fast heruntergebrannt ist. Die Explosion zerstört das Glas und verstreut die Metallsplitter, und das ist das Ende eines Franzmanns.« Er blickte mit gefurchter Stirn auf die Glaskugel. »Hoffe ich jedenfalls.« Dann nahm er die Granate zurück und hielt sie wie ein Baby im Arm. »Wenn es zu einem Gefecht kommt, werde ich den Jungs auf den Masten einige von diesen Dingern geben, und sie können sie auf die feindlichen Decks schleudern, damit sie wenigstens für etwas nützlich sind.«

»Werfen Sie sie über Bord«, riet Sharpe.

»Guter Gott, nein! Das will ich den Fischen nicht antun, Sharpe!«

Llewellyn, ungemein erleichtert, weil die Granaten gefunden worden waren, ließ sie in das vordere Magazin bringen, und Sharpe folgte den Seesoldaten die Leiter zum Orlopdeck hinauf. Es war unter der Wasserlinie und fast so dunkel wie im Laderaum. Die Seesoldaten gingen nach vorn und Sharpe nach achtern, denn er wollte zum Mittagessen Chases Speisekabine aufsuchen, doch er konnte nicht die Treppe zum Unterdeck hinaufsteigen, denn ein Mann im schwarzen Mantel stieg sie unsicher herab. Sharpe wartete, und dann sah er, dass es Malachi Braithwaite war.

Sharpe trat schnell zurück in die Kabine des Schiffsarztes, deren rot gestrichene Wände und Tische nach Gefechten auf Patienten warteten, und von dort aus beobachtete er, wie Braithwaite eine Laterne von einem Haken neben dem Niedergang nahm. Der Sekretär zündete die Öllampe an. Er stellte die Lampe aufs Deck, dann öffnete er eine Luke zum Laderaum, und Sharpe nahm den Gestank nach Bilgenwasser und Fäulnis wahr. Braithwaite nahm die Laterne und stieg in die Tiefen des Schiffs hinab.

Sharpe folge ihm. Es gibt Momente im Leben, in denen das Schicksal in meine Hände spielt, dachte er. Es waren solche Momente gewesen, als er Sergeant Hakeswill kennen gelernt und sich der Armee angeschlossen hatte, und ein anderer auf dem Schlachtfeld bei Assaye, als ein General aus dem Sattel geworfen worden war. Und jetzt war Braithwaite allein im Laderaum.

Sharpe blieb bei der Luke stehen und beobachtete den Lichtschein von Braithwaites Laterne, als der Sekretär langsam die Leiter hinabstieg und im Laderaum nach achtern ging, wo sich das Gepäck der Offiziere befand.

Sharpe folgte Braithwaite und zog vorsichtig die Luke hinter sich zu.

Braithwaite bahnte sich seinen Weg zwischen Fässern hindurch und ging zu Regalen ganz hinten im Laderaum, die einen kleinen Platz im Heck abschirmten, der als Damenversteck bekannt war, weil es der sicherste Platz an Bord während einer Schlacht war. Da befand sich nichts Wertvolles in den Regalen, nur das überflüssige Gepäck der Offiziere, doch Lord William hatte so viel Gepäck auf die Pucelle gebracht, dass einiges davon hier gelagert werden musste.

Sharpe, geduckt im Schatten einiger Fässer mit Salzfleisch, beobachtete, dass der Sekretär auf eine Trittleiter stieg, eine lederne Aktentasche vom obersten Regal nahm und damit von der Leiter hinabstieg. Er nahm einen Schlüssel aus der Hosentasche und schloss die Aktentasche auf, die mit Papieren vollgestopft war.

Da ist nichts drin, was ein Langfinger unter den Seeleuten klauen würde, dachte Sharpe. Er bezweifelte, dass jemand die Aktentasche schon in der Hoffnung auf Beute durchsucht hatte. Braithwaite blätterte die Papiere durch, fand, was er suchte, verschloss die Aktentasche, stieg eilig die Trittleiter wieder hinauf und schob die Aktentasche an den Buchstützen vorbei, die verhinderten, dass der Inhalt des Regals bei hoher See herunterfiel. Der Sekretär schimpfte vor sich hin, und Sharpe konnte einiges von seinen Worten verstehen.

»Ich bin ein Oxford-Mann, kein Sklave! Das hätte warten können, bis wir in England sind. Verdammt, rein mit dir, blöde Tasche!«

Die Aktentasche war schließlich verstaut, Braithwaite stieg die Trittleier herab, schob das Blatt Papier in die Rocktasche, nahm seine Laterne und ging zurück zu der großen Leiter, die zu der geschlossenen Luke führte. Sharpe entdeckte er nicht. Er wähnte sich allein, bis ihn plötzlich eine Hand am Kragen packte. »Hallo, Oxford-Mann«, sagte Sharpe.

Braithwaite erschrak und fluchte. Sharpe nahm ihm die Laterne aus der Hand und stellte sie auf ein Fass, dann zerrte er Braithwaite herum und gab ihm einen so harten Stoß, dass er zu Boden fiel.

»Ich hatte gestern ein interessantes Gespräch mit Ihrer Ladyschaft«, sagte Sharpe. »Sie wird anscheinend von Ihnen erpresst.«

»Blödsinn, Sharpe, das ist ja lachhaft.« Braithwaite kroch rückwärts, bis er nicht mehr weiterkam, weil er mit dem Rücken gegen die Wasserfässer stieß. Er lehnte sich dagegen und klopfte den Staub von seiner Hose und dem Jackett.

»Lehrt man in Oxford Erpressung?«, fragte Sharpe. »Ich habe gedacht, da lernt man nur nutzloses Zeug wie Latein und Griechisch, aber das war ein Irrtum, wie? Wahrscheinlich hält man auch Vorlesungen über Erpressung und Diebstahl.«

»Ich weiß nicht, wovon Sie reden.«

»Das wissen Sie genau, Braithwaite«, widersprach Sharpe. Er nahm die Laterne und ging langsam auf den verängstigten Sekretär zu. »Sie erpressen Lady Grace. Sie wollen ihre Juwelen, nicht wahr, und vielleicht mehr? Sie möchten Sie in Ihrem Bett haben, nicht wahr? Sie möchten da rein, wo ich drin gewesen bin, Braithwaite.«

Der Sekretär starrte Sharpe mit weit aufgerissenen Augen an. Er hatte Angst, aber er war nicht so dumm, um die Bedeutung von Sharpes Worten misszuverstehen. Sharpe hatte die Affäre zugegeben, und das bedeutete Braithwaites Tod, denn Sharpe konnte ihn als Mitwisser nicht am Leben lassen.

»Ich bin nur hergekommen, um eine Aktennotiz zu holen, Sharpe«, stieß der Sekretär in offensichtlicher Panik hervor. »Nur eine Aktennotiz für Lord Williams Bericht, Sharpe, die kann ich Ihnen zeigen.« Er steckte eine Hand in seine Jacketttasche, um das Papier herauszuziehen, doch als seine Hand wieder sichtbar wurde, hielt sie keine Aktennotiz, sondern eine kleine Taschenpistole. »Ich habe diesen kleinen Knaller getragen, seit Sie mir gedroht haben, Sharpe.« Seine Hand zitterte nicht mehr so stark, und seine Stimme klang plötzlich selbstsicher, als er die Pistole hob.

Sharpe ließ die Laterne fallen.

Glas zerklirrte, und dann war es plötzlich stockdunkel. Sharpe drehte sich zur Seite, erwartete fast, es knallen zu hören, doch Braithwaite behielt die Nerven und feuerte nicht.

»Du hast nur einen Schuss, Oxford-Mann«, sagte Sharpe. »Einen Schuss, und dann bin ich an dir dran.«

Stille bis auf das Klappern der Pumpen, das Ächzen der Masten und das Trippeln von Rattenfüßen in der Bilge.

»Ich bin an solche Situationen gewöhnt«, sagte Sharpe. »Ich bin schon durch die Dunkelheit gekrochen, Braithwaite, und habe Männern die Kehle durchgeschnitten. In einer dunklen Nacht bei Gawilgarh habe ich zwei Männer umgebracht, Braithwaite.« Er duckte sich hinter ein Fass, sodass der Sekretär nur Pökelfleisch treffen konnte, wenn er feuerte. Sharpe blieb mit dem Körper hinter dem Fass und kratzte mit den Fingernägeln über den Plankenboden. »Ich habe sie aufgeschlitzt, Oxford-Mann.«

»Wir können zu einer Einigung kommen, Sharpe«, sagte Braithwaite nervös. Er hatte sich nicht von der Stelle gerührt, seit es im Laderaum dunkel geworden war. Sharpe wusste das, weil er sonst etwas gehört hätte. Er nahm an, dass Braithwaite abwartete, bis er näher kam, und dann würde er schießen.

»Welche Art Einigung, Oxford-Mann?«, fragte Sharpe, dann kratzte er wieder über den Boden, machte leise Geräusche, durch die die Furcht des Sekretärs verstärkt werden würde. Er ertastete eine Scherbe des zerbrochenen Laternenglases und schabte damit über den Boden.

»Sie und ich, wir sollten Freunde sein, Sharpe«, sagte Braithwaite. »Wir sind nicht wie die anderen. Mein Vater ist Pfarrer. Er verdient nicht viel. Gerade mal dreihundert pro Jahr. Das mag gar nicht so schlecht für Sie klingen, aber es ist nichts, Sharpe, nichts. Doch Leute wie William Hale sind im Reichtum geboren. Sie missbrauchen uns, Sharpe, sie benutzen uns und halten uns für Dreck.«

Sharpe schlug mit der Glasscherbe leicht gegen das Metall der Laterne und schabte sie dann über Holz, um Geräusche wie von Rattenpfoten zu verursachen. Der Sekretär würde versuchen, die leisen Geräusche zu deuten und immer nervöser und ängstlicher werden.

»Mit welcher Berechtigung kann allein die Geburt einem Mann so viel Reichtum bescheren und ihn anderen verweigern?«, fragte Braithwaite, und seine Stimme wurde schriller. »Sind wir weniger wert, weil unsere Eltern arm waren? Müssen wir ewig warten, bis auch wir eine Chance bekommen, und das nur, weil ihre Ahnen Bestien in Rüstungen waren, als sie ein Vermögen raubten und stahlen? Wir sollten uns zusammenschließen, Sharpe. Ich bitte Sie, denken Sie darüber nach.«

Sharpe lag jetzt flach auf dem Deck, zog die Glasscherbe über die rauen Planken immer näher an den Sekretär, der etwas in der Finsternis zu erkennen versuchte.

»Ich habe nie an Colonel Wallace geschrieben, als ich den Befehl dazu erhielt«, sagte Braithwaite, und es klang verzweifelt. »Damit habe ich Ihnen einen Gefallen getan, Sharpe. Können Sie nicht verstehen, dass wir auf derselben Seite stehen?« Er schwieg einen Augenblick, wartete auf Antwort aus der Dunkelheit, doch da war nur ein unheimliches Scharren auf dem Boden vor ihm. »Reden Sie, Sharpe!« Braithwaite klang flehend. »Oder töten Sie Lord William.« Er schluchzte jetzt fast vor Angst. »Ihre Ladyschaft wird es Ihnen danken, Sharpe. Das würde Ihnen gefallen, nicht wahr? Antworten Sie mir, Sharpe, um Himmels willen, antworten Sie mir!«

Sharpe schabte mit der Glasscherbe über den Boden. Er konnte Braithwaites keuchendes Atmen hören. Der Sekretär trat mit einem Fuß aus, hoffte, Sharpe zu treffen, doch sein Fuß stieß ins Leere. »Ich bitte Sie, Sharpe, betrachten Sie mich als Freund! Ich meine es nicht schlecht mit Ihnen. Wie könnte ich auch? Ich bewundere Ihre Leistungen. Ihre Ladyschaft hat meine Worte missverstanden, glauben Sie mir. Sie ist zu empfindlich, und ich bin Ihr Freund, Sharpe, Ihr Freund!«

Sharpe warf die Glasscherbe so, dass sie zwischen den Fässern irgendwo auf der Steuerbordseite des Laderaums klirrte. Braithwaite schrie entsetzt auf, feuerte jedoch nicht. Dann schluchzte er, als er weitere leise Geräusche hörte. »Reden Sie mit mir, Sharpe. Wir sind doch vernünftige Menschen, wir beide. Wir haben doch Gemeinsamkeiten und sollten miteinander auskommen. Reden Sie mit mir!«

Sharpe sammelte eine Hand voll Scherben und warf sie in Richtung des Sekretärs. Als Braithwaite von einer der kleinen Scherben getroffen wurde, schrie er auf, stieß die Pistole blindlings vor und drückte ab. Die kleine Waffe blitzte in der Dunkelheit auf, und die Kugel zackte harmlos in einen Stützbalken. Sharpe erhob sich und ging vorwärts, wartete, bis das Echo des Schusses verhallt war.

»Eine Kugel, Oxford-Mann«, sagte er. »Jetzt bin ich an der Reihe.«

»Nein!« Braithwaite fuchtelte wild mit den Armen in der Dunkelheit, doch dann trat Sharpe ihn hart, warf sich auf ihn, packte ihn, drückte ihn auf den Bauch und hockte sich auf seinen Rücken.

»Und jetzt, Oxford-Mann, sagst du mir, was du genau von Lady Grace willst«, sagte Sharpe ruhig.

»Ich habe alles aufgeschrieben, Sharpe.«

»Was hast du aufgeschrieben, Oxford-Mann?« Sharpe hielt Braithwaites Arme eisern fest.

»Alles! Über Sie und Lady Grace. Ich habe den Brief zwischen Lord Williams Papieren gelassen und Anweisung gegeben, dass er geöffnet werden soll, wenn mir etwas zustoßen sollte.«

»Das glaube ich dir nicht, Oxford-Mann.«

Braithwaite bäumte sich plötzlich auf und versuchte, seine Arme aus Sharpes Griff zu befreien. »Ich bin kein Dummkopf, Sharpe. Meinen Sie, ich hätte keine Vorsichtsmaßnahmen ergriffen? Natürlich habe ich einen Brief hinterlegt.« Er legte schnaufend eine Pause ein. »Lassen Sie mich los«, fuhr er dann fort, »und wir können über alles reden.«

»Und wenn ich loslasse«, sagte Sharpe, hielt Braithwaites Arme jedoch weiterhin fest, »werden Sie den Brief von Lord William holen?«

»Selbstverständlich werde ich das tun. Ich verspreche es.«

»Und Sie werden sich bei Lady Grace entschuldigen? Ihr sagen, dass Sie sich mit Ihren Verdächtigungen geirrt haben?«

»Natürlich werde ich das tun. Bereitwillig! Freudig!«

»Aber Sie haben sich nicht geirrt, Oxford-Mann«, sagte Sharpe und neigte sich dicht an Braithwaites Kopf. »Sie und ich sind Geliebte. Nackt und verschwitzt in der Dunkelheit, Oxford-Mann. Jetzt kennen Sie mein Geheimnis, und ich bin mir nicht sicher, ob ich Sie überhaupt gehen lassen kann. Ich weiß nicht, wie die verdammten jettis es geschafft haben, aber ich habe genau zugesehen, wie sie ohne Waffen getötet haben ...«

Bald darauf regte sich der Sekretär nicht mehr. Sharpe tastete über den Boden, bis er die Pistole entdeckte. Er steckte sie ein, dann bückte er sich, hob die Leiche auf seine Schulter und schleppte sie schwankend davon. Vor der Leiter legte er sie ab, kletterte hinauf und stemmte die Luke auf, sehr zum Erstaunen eines Seemanns, der vorüberging. Sharpe nickte dem Mann grüßend zu, stieg durch die Luke hinaus und schloss sie über der Leiche und den Ratten und der Dunkelheit. Die Pistole warf er unbemerkt aus dem Fenster seiner Kabine.

Zum Abendessen gab es Salzfleisch, Erbsen und Brötchen. Sharpe aß mit Appetit.

 

Captain Chase nahm an, dass die Revenant, wenn sie es tatsächlich gewesen war, die man an der Kimm erspäht hatte, die Royalsegel der Pucelle am Vortag trotz der Wolkenbank gesehen hatte und in der Nacht westwärts abgedreht hatte. »Das wird sie verlangsamen«, sagte er und zeigte wieder etwas von seinem Optimismus. Der Wind stand günstig. Sie waren jetzt weit genug von der Küste entfernt und hatten zwar den Vorteil der Strömung verloren, doch jetzt waren sie in den Breiten, wo die Südost-Passatwinde bliesen. »Der Wind kann nur stärker werden«, sagte Chase. »Und das Barometer steigt, was gut ist.«

Fliegende Fische prallten gegen den Rumpf der Pucelle. Die schlechte Stimmung, die den ganzen Morgen auf dem Schiff geherrscht hatte, verschwand unter der warmen Sonne und dem erneuten Optimismus des Kapitäns. »Wir wissen jetzt, dass sie nicht schneller ist als wir«, sagte Chase, »und wir sind von jetzt auf dem kürzeren Kurs nach Cadiz.«

»Wie weit ist es noch bis dorthin?«, fragte Sharpe. Er schöpfte frische Luft auf dem Achterdeck, nachdem er das Dinner mit Chase geteilt hatte.

»Noch einen Monat«, sagte Chase, »aber wir sind noch nicht aus den Schwierigkeiten heraus. Bis zum Äquator sollte es gut gehen, doch danach könnten wir in eine Flaute geraten.« Er trommelte mit den Fingern auf die Reling. »Aber mit Gottes Hilfe schnappen wir sie vorher.«

»Haben Sie meinen Sekretär gesehen, Chase?«, unterbrach Lord William, der an Deck erschienen war, die Unterhaltung.

»Nein, leider nicht«, antwortete Chase.

»Ich brauche ihn«, sagte Lord William gereizt.

Lord William hatte Chase überredet, ihm zu erlauben, seine Speisekabine als Büro zu benutzen. Es hatte Chase widerstrebt, den Raum mit dem großen Tisch abzutreten, doch er hatte sich gesagt, dass es besser sei, Lord William bei Laune zu halten, anstatt ihn mürrisch auf dem Schiff herumlaufen zu lassen.

Chase wandte sich an Leutnant Holderby. »Hat der Sekretär Seiner Lordschaft das Dinner vielleicht in der Offiziersmesse eingenommen?«

»Nein, Sir«, sagte Holderby. »Ich habe ihn seit dem Frühstück nicht mehr gesehen.«

»Haben Sie ihn gesehen, Sharpe?«, fragte Seine Lordschaft kühl. Er sprach nicht gern mit Sharpe, ließ sich jedoch dazu herab, die Frage zu stellen.

»Nein, Mylord.«

»Ich habe ihn gebeten, eine Aktennotiz über unsere Vereinbarung mit Holkar zu holen. Zum Teufel, ich brauche sie!«

»Vielleicht sucht er noch danach«, meinte Chase.

»Oder er ist vielleicht seekrank, Mylord«, fügte Sharpe hinzu. »Der Wind hat aufgefrischt.«

»Ich habe in seine Kabine geschaut, aber er war nicht da«, sagte Lord William.

»Mister Collier!«, rief Chase den Midshipman, der auf dem Hauptdeck auf und ab ging. »Es geht um Mister Braithwaite. Der große, traurige Typ, der sich in Schwarz kleidet. Schauen Sie unter den Decks nach ihm, ja? Sagen Sie ihm, dass er in meiner Speisekabine erwartet wird.«

»Aye, aye, Sir«, sagte Collier und machte sich auf die Suche.

Lady Grace, begleitet von ihrem Dienstmädchen, schritt auf Deck und blieb in einiger Entfernung von Sharpe stehen. Lord William wandte sich ihr zu. »Hast du Braithwaite gesehen?«

»Seit heute Morgen nicht mehr«, sagte Lady Grace.

»Der verdammte Kerl ist verschwunden.«

Lady Grace zuckte gleichgültig mit den Schultern, dann wandte sie sich um und betrachtete die fliegenden Fische über den Wellen.

»Ich hoffe, er ist nicht über Bord gefallen«, sagte Chase. »Dann müsste er lange schwimmen.«

»Er hatte nichts an Deck zu suchen«, sagte Lord William ärgerlich.

»Ich bezweifle auch, dass er ertrunken ist, Mylord«, sagte Chase beruhigend. »Wenn er über Bord gegangen wäre, hätte ihn jemand gesehen.«

»Und was werden Sie jetzt unternehmen?«, fragte Sharpe.

»Das Schiff stoppen und eine Rettungsaktion einleiten«, sagte Chase, »wenn wir das können. Habe ich Ihnen schon von Nelson auf der Minerva erzählt?«

»Selbst wenn Sie das getan hätten, würden Sie es mir noch mal erzählen.«

Chase lachte. »1797 hatte Nelson das Kommando über die Minerva, Sharpe. Eine feine Fregatte! Er wurde von zwei spanischen Schiffen und einer Fregatte verfolgt, als ein Schwachkopf über Bord fiel. Tom Hardy war an Bord, ein wunderbarer Mann, jetzt der Kapitän der Victory, und Hardy ließ ein Boot zu Wasser, um den Typen zu retten. Können Sie sich das vorstellen, Sharpe? Die Minerva, dicht verfolgt von drei Spaniern, flieht um ihr Leben, und seine Bootscrew mit dem geretteten nassen Typen an Bord kann nicht hart genug rudern, um das Schiff einzuholen. Und was macht Nelson? Er fährt mit dem Schiff zurück. Bei Gott, sagt er, ich werde Hardy nicht verlieren. Die Spanier können sich keinen Reim darauf machen. Warum flüchtet die Minerva nicht weiter? Sie denken, dass er auf Verstärkung wartet, die jeden Augenblick auftauchen muss. Die blöden Scheißer drehen ab. Hardy steigt an Bord und die Minerva haut ab wie 'ne Katze, die sich den Schwanz verbrüht hat! Da sehen Sie, welch großartiger Mann Nelson ist.«

Lord William blickte finster drein und starrte nach Westen. Sharpe blickte zum Großsegel hinauf. Ein einsamer Seevogel, weiß und mit großen Schwingen, flog dicht am Schiff vorbei und drehte ab, bevor er im Blau des Himmels verschwand. Chase, der offenbar immer noch an Nelson dachte, lächelte.

»Captain! Sir! Captain!« Es war Harry Collier, der von unterhalb des Achterdecks auf dem Hauptdeck auftauchte.

»Beruhigen Sie sich, Mister Collier«, sagte Chase. »Auf dem Schiff ist kein Feuer ausgebrochen, oder?«

»Nein, Sir. Mister Braithwaite, Sir, er ist tot, Sir!« Jeder auf dem Achterdeck starrte auf den kleinen Jungen hinab.

»Fahren Sie fort, Mister Collier«, sagte Chase. »Er kann nicht einfach so gestorben sein. Ein junger Mann. Ist er gestürzt? Wurde er erwürgt? Hat er sich selbst umgebracht? Machen Sie mich schlau.«

»Er stürzte in den Laderaum, Sir! Sieht so aus, als hätte er sich das Genick gebrochen. Fiel von der Leiter runter, Sir.«

»Unvorsichtig«, sagte Chase und wandte sich ab.

Lord William runzelte die Stirn. Er wusste nicht, was er sagen sollte, und so machte er auf dem Absatz kehrt und ging auf die Speisekabine zu, dann besann er sich anders und eilte zur Reling zurück. »Midshipman?«

»Sir?« Collier nahm seinen Zweispitz ab. »Mylord?«

»Hatte er Papiere in der Hand?«

»Ich habe keine gesehen, Sir.«

»Dann schauen Sie bitte nach, Mister Collier, schauen Sie nach, und wenn Sie sie finden, bringen Sie sie mir in meine Kabine.« Er ging wieder fort.

Lady Grace sah zu Sharpe, der ihren Blick mit neutraler Miene erwiderte und sich dann abwandte, um zum Hauptmast hinaufzuschauen.

Die Leiche wurde aufs Deck gebracht. Es war für alle klar, dass der arme Braithwaite von der Leiter abgerutscht und gestürzt war und sich dabei das Genick gebrochen hatte. Der Schiffsarzt bemerkte mit einem Stirnrunzeln, dass er sich dabei beide Arme ausgekugelt hatte.

»Vielleicht hat er sich an den Leitersprossen verfangen?«, sagte Sharpe.

»Das könnte sein«, meinte Pickering. Der Schiffsarzt wirkte nicht so überzeugt, schien jedoch nicht daran interessiert, das Geheimnis zu ergründen. »Jedenfalls war es ein schneller Tod.«

»Hoffen wir's«, meinte Sharpe.

»Vielleicht hat er sich den Kopf an einem Fass gestoßen.« Pickering drehte den Kopf der Leiche, suchte nach Anzeichen darauf, fand jedoch keine. Er richtete sich auf. »So was passiert auf jeder Reise«, sagte er fast heiter. »Wir haben Witzbolde, die manchmal die Sprossen mit Seife glitschig machen. Für gewöhnlich, wenn sie meinen, der Proviantmeister könnte eine Leiter benutzen. Meistens endet es mit einem verstauchten Bein und viel Schadenfreude, doch unser Mister Braithwaite hatte weniger Glück. Was für ein komischer Typ, nicht wahr?«

Braithwaites Leiche wurde entkleidet und dann in seine Schlafkoje gelegt, und der Segelmacher schnitt ein Stück altes Segeltuch zurecht, in das er den Leichnam einnähen konnte. Der letzte Stich wurde durch die Nase des Leichnams geführt, wie es üblich war, um sicherzustellen, dass er wirklich tot war. Drei 18-Pfünder-Kanonenkugeln wurden mit in die Leinenhülle gelegt.

Chase hielt die Andacht für den Toten. Die Offiziere der Pucelle standen mit abgenommenen Hüten respektvoll neben dem Toten, der mit einer britischen Flagge bedeckt worden war. Lord William und Lady Grace standen auf der anderen Seite.

»So übergeben wir seinen Leichnam den Tiefen der See und hoffen auf seine Auferstehung durch unseren Herrn Jesus Christus ...« Chase schloss das Gebetbuch und schaute zu Lord William, der seinen Dank nickte und dann einige gut gewählte Worte sprach, die Braithwaites ausgezeichneten Charakter beschrieben, seinen Fleiß als tüchtiger Privatsekretär und Lord Williams inbrünstige Hoffnung, dass der allmächtige Gott die Seele des Sekretärs in ein Leben aus weniger Mühsal aufnehmen würde. »Sein Verlust«, sagte Lord William zum Abschluss, »ist ein äußerst trauriger Schicksalsschlag.«

»So ist es«, sagte Chase und nickte dann zwei Seeleuten zu, und sie ließen den eingenähten Leichnam unter der Flagge hervor über eine Planke in die See gleiten.

Sharpe blickte zu Lady Grace, die seinen Blick ausdruckslos erwiderte.

»Hüte auf!«, sagte Chase.

Die Offiziere gingen davon, um ihren jeweiligen Aufgaben nachzugehen, und die Matrosen trugen die Flagge und die Planke fort. Lady Grace wandte sich zur Treppe des Achterdecks, und Sharpe, allein gelassen, ging zur Reling und starrte auf die See hinab.

Plötzlich war Lord William Hale neben Sharpe. »Der Herr gibt es«, sagte er, »und der Herr nimmt es. Gesegnet sei der Name des Herrn.«

Sharpe, erstaunt, dass Seine Lordschaft sich herabließ, mit ihm zu sprechen, schwieg einen Moment. Dann sagte er: »Das mit Ihrem Sekretär tut mir leid, Mylord.«

Lord William sah Sharpe an, der wiederum verblüfft über die Ähnlichkeit mit Sir Arthur Wellesley war. Die gleichen kalten Augen und die Hakennase, aber etwas in Lord Williams Gesicht verriet jetzt Belustigung, als habe er Informationen, die Sharpe nicht kannte.

»Tut es Ihnen wirklich leid, Sharpe?«, fragte Lord William. »Das ist anständig von Ihnen. Ich habe vorhin Gutes über ihn gesprochen, aber was konnte ich sonst sagen? In Wahrheit war er ein engstirniger Mann, missgünstig, unfähig und unzureichend in der Erfüllung seiner Pflichten, und ich bezweifle, dass die Welt sein Ableben sehr bedauern wird.« Lord William zog seinen Hut wie zum Abschiedsgruß. Doch dann wandte er sich Sharpe wieder zu. »Mir kommt in den Sinn, Sharpe, dass ich mich nie für den Dienst bedankt habe, den Sie meiner Frau auf der Calliope erwiesen haben. Das war ein dummes Versäumnis von mir, und ich entschuldige mich dafür. Ich danke Ihnen auch für diesen Dienst, und ich wäre Ihnen weiterhin dankbar, wenn wir nicht mehr darüber sprechen würden.«

»Selbstverständlich, Mylord.«

Lord William ging davon, Sharpe schaute ihm nach und fragte sich, ob Hale ein Spiel mit ihm spielte, von dem er keine Ahnung hatte. Er erinnerte sich an Braithwaites Behauptung, dass er einen Brief unter Lord Williams Papieren deponiert habe, doch dann tat er das als Lüge ab. Er zuckte mit den Schultern, stieg zum Achterdeck hinauf und ging dann zum Heck, wo er an der Heckreling aufs Kielwasser starrte.

Schließlich hörte er Schritte hinter sich und wusste, wer da kam, bevor sie an die Reling trat und wie er auf die See schaute. »Du hast mir gefehlt«, sagte sie leise.

»Und du mir«, sagte Sharpe. Er starrte aufs Kielwasser und dachte daran, wie die Leiche Braithwaites in unendliche Tiefen versunken war.

»Er ist gestürzt?«, fragte Lady Grace.

»So hat es den Anschein«, sagte Sharpe. »Aber es muss ein sehr schneller Tod gewesen sein, was ein Segen ist.«

»Das ist es in der Tat«, sagte sie. Dann wandte sie sich Sharpe zu. »Ich finde die Sonne unangenehm heiß.«

»Vielleicht solltest du nach unten gehen. In meiner Kabine ist es kühler.«

Sie nickte, sah ihm einen Moment in die Augen, wandte sich dann abrupt um und ging.

Sharpe wartete fünf Minuten und folgte ihr dann.

 

Hätte man die Pucelle an diesem Nachmittag aus der Sicht der fliegenden Fische gesehen, wäre es ein schöner Anblick gewesen. Kriegsschiffe sind selten elegant. Ihre Rümpfe sind massiv, lassen ihre Masten unproportional kurz wirken, aber Captain Chase hatte jedes Segel in den Wind hängen lassen, und diese Royalsegel, Stagsegel und Leesegel bildeten genug Masse, um ein harmonisches Gegengewicht zu dem großen gelbschwarzen Rumpf zu bilden. Die Vergoldung am Heck und die silberne Farbe auf ihrer Galionsfigur spiegelten die Sonne wider, das Gelb an ihren Flanken war leuchtend, ihr Deck blank und sauber, während sich das Wasser an ihrem Bug brach und in ihrem Kielwasser schäumte.

Die Fäulnis und Feuchtigkeit, der Rost und Gestank waren von draußen nicht wahrzunehmen, aber auch im Schiff wurde der Gestank nicht mehr bemerkt. Auf dem Vordeck des Schiffs wurden die letzten verbliebenen drei Ziegen für das Abendessen des Kapitäns gemolken. Im Kielraum schwappte das Wasser. Ratten wurden geboren, kämpften und starben in der tiefen Finsternis des Laderaums. Im Magazin nähte ein Kanonier Pulverbeutel für die Geschütze, ohne eine Hure zu beachten, die ihr Gewerbe zwischen den ledernen Schutzschirmen abwickelte, die die Tür des Magazins vor Funken schützten. In der Kombüse erschauerte der Koch, einäugig und syphilitisch, bei dem Geruch von schlecht gepökeltem Fleisch, warf es jedoch trotzdem in den Kessel, während Captain Llewellyn in seiner Kabine davon träumte, dass er seine Seesoldaten in einen gloriosen Angriff führte, bei dem die Revenant geentert wurde. Vier Glockenschläge der Nachmittags-Wache erklangen. Auf dem Achterdeck warf ein Seemann das Log aus und ließ die Leine schnell von seiner Rolle abspulen. Er zählte die Knoten in der Leine laut, als sie über der Reling verschwand, während ein Offizier auf eine Taschenuhr spähte.

Captain Chase ging in seine Tageskabine und klopfte an sein Barometer. Immer noch steigend. Die Wachleute, die Freiwache hatten, schliefen in ihren Hängematten. Der Zimmermann besserte eine Geschützlafette aus, während sich in Chases Schlafkabine Sharpe und Ihre Ladyschaft in den Armen lagen.

»Hast du ihn umgebracht?«, fragte Lady Grace im Flüsterton.

»Würde es dir etwas ausmachen, wenn ich es getan hätte?«

Sie streichelte über die Narbe auf seinem Gesicht. »Ich habe ihn gehasst«, wisperte sie. »Von dem Tag an, an dem er für William arbeitet, hat er mich ständig beobachtet und mit den Blicken ausgezogen, dieser Spanner.« Sie erschauerte plötzlich. »Er hat mir gesagt, wenn ich in seine Kabine komme, würde er schweigen. Ich wollte ihn schlagen. Fast hätte ich es auch getan, aber dann sagte ich mir, dann rächt er sich, indem er William alles erzählt, und so ging ich einfach davon. Ich habe ihn gehasst.«

»Und ich habe ihn getötet«, sagte Sharpe leise.

Sie schwieg eine Weile, dann küsste sie ihn auf die Nase. »Ich wusste es. In dem Moment, als William mich fragte, ob ich wüsste, wo er war, ahnte ich, dass du ihn getötet hast. Ist er wirklich schnell gestorben?«

»Nicht sehr schnell«, gab Sharpe zu. »Ich wollte ihn wissen lassen, warum er stirbt.«

Sie dachte eine Weile darüber nach, dann sagte sie sich, dass es nichts änderte, ob Braithwaite schnell oder langsam gestorben war. »Niemand hat bisher für mich getötet«, sagte sie.

»Für dich würde ich mich durch eine verdammte Armee kämpfen«, sagte Sharpe. Dann erinnerte er sich wieder an Braithwaites Behauptung, dass er einen Brief für Lord William hinterlassen hatte, und von Neuem verbannte er die Gedanken an die Gefahr und sagte sich, dass die Behauptung nichts anderes als ein verzweifelter Bluff gewesen war. Er, Sharpe, würde Lady Grace nichts davon erzählen.

Die Sonne stand jetzt tief im Westen und warf die Schatten von Segeln und Masten auf die grüne See. Die Schiffsglocke schlug die halbe Stunde. Drei Matrosen wurden vor Captain Chase geführt und verschiedener Vergehen beschuldigt, und allen dreien strich er die Rumrationen für eine Woche. Ein Trommlerjunge hatte sich beim Spiel mit einem Entermesser in die Hand geschnitten und wurde vom Schiffsarzt verbunden, der ihm anschließend eine Ohrfeige gab, weil er so ein verdammter Narr war. Die Katzen des Schiffs schliefen beim Ofen in der Kombüse.

Und kurz nach dem Sonnenuntergang, als der Westen rot erglühte, wurde ein letzter Sonnenstrahl von einem fernen Segel reflektiert.

»Segel backbord voraus!«, rief der Ausguck. »Segel backbord voraus!«

Sharpe hörte den Ruf nicht. In diesem Moment hätte er keine Trompetenstöße gehört, aber der Rest des Schiffes hörte die Nachricht und geriet in Aufregung. Denn die Jagd war nicht verloren, sie war immer noch im Gang, und das Opfer war abermals in Sicht.

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