KAPITEL 6
Der erste Mann der Besatzung der Pucelle, der unter dem Jubel der Passagiere an Bord der Calliope stieg, war Captain Joel Chase persönlich. Der officier marinier führte resigniert seine Männer in die Gefangenschaft unter Deck, während Chase seinen Hut lüftete, Passagieren auf dem Hauptdeck die Hände schüttelte und versuchte, ein Dutzend Fragen auf einmal zu beantworten.
Malachi Braithwaite stand abseits von den glücklichen Passagieren und starrte verdrießlich auf Sharpe auf dem Achterdeck. Seit die Franzosen das Schiff übernommen hatten, hatte sich der Sekretär abgesondert. Er musste eifersüchtig beobachtet haben, dass sich Sharpe mit Lady Grace im Heck des Schiffes aufhielt.
»Da haben wir einen glücklichen Captain der Marine«, sagte Ebenezer Fairley. Er hatte sich zu Sharpe aufs Achterdeck gesellt und schaute auf die Menge der Passagiere, die Chase umgab. »Er hat gerade ein Vermögen an Prisengeld verdient, aber dafür wird er jetzt richtig kämpfen müssen.«
»Wie meinen Sie das?«
»Meinen Sie, die Anwälte wollen nicht ihren Anteil?«, fragte Fairley mürrisch. »Die East India Company wird Anwälte aufbieten, die erklären, dass die Franzmänner das Schiff nie richtig aufgebracht haben, und so kann es keine Prise sein, und Chases Prisen-Agent wird ein anderes Aufgebot von Anwälten aufbieten, die das Gegenteil behaupten. Das Gericht wird jahrelang beschäftigt sein, und sie werden sich reich und jeden sonst arm machen. Ich nehme an, ich könnte selbst ein oder zwei Anwälte anheuern, die geltend machen, dass ein Teil der Fracht mein Besitz ist, aber ich werde mir nicht die Mühe machen. Dem Kapitän gönne ich die Prise. Mir ist es lieber, er sahnt ab als irgendein Blutsauger von Anwalt.« Fairley verzog das Gesicht. »Ich hatte einst eine gute Idee, wie wir den Wohlstand in Britannien mächtig verbessern können, Sharpe. Mein Gedanke war, dass jeder Mann mit Besitz pro Jahr einen Anwalt killen kann, ohne Angst vor Strafe zu haben. Das Parlament war an diesem Vorschlag nicht interessiert, aber da sitzen ja auch viele dieser Blutsauger.«
Captain Chase löste sich von der Menge auf dem Hauptdeck und stieg zum Achterdeck empor. Die erste Person, die er dort sah, war Sharpe.
»Mein lieber Sharpe!«, rief Chase, und sein Gesicht hellte sich auf. »Mein lieber Sharpe, jetzt sind wir quitt. Sie haben mich gerettet, jetzt rette ich Sie. Wie geht es Ihnen?« Er nahm Sharpes Hand in seine beiden Hände, wurde mit Fairley bekannt gemacht und sah dann Lord William Hale. »O Gott, ich hatte vergessen, dass Sie an Bord sind. Wie geht es Ihnen, Mylord? Alles in Ordnung? Gut, gut!« Eigentlich hatte Lord William Captain Chase nicht geantwortet, obwohl er begierig darauf war, ihn privat zu sprechen, doch Chase wandte sich ab, ergriff Tufnell am Arm, und Chase befragte Tufnell ausführlich darüber, wie die Calliope zuerst von der Revenant gekapert worden war.
Ein Trupp Matrosen der Calliope ging nach unten, um die Seile der Ruderpinne zu ersetzen, während einige Matrosen der Pucelle, angeführt von Hopper, dem großen Mann, der das Kommando über Captain Chases Barkasse hatte, eine britische Flagge über der französischen hissten.
Lord William, sichtlich irritiert, weil er von Chase ignoriert wurde, wartete darauf, dass der Captain ihm seine Aufmerksamkeit schenkte, doch etwas, das Tufnell sagte, veranlasste Chase, Seine Lordschaft weiterhin zu ignorieren und sich wieder an die anderen Passagiere zu wenden. »Ich möchte alles wissen, was Sie mir über den Mann, der sich als Diener von Baron von Dornberg ausgegeben hat, erzählen können«, sagte Chase eindringlich.
Die meisten der Passagiere blickten verwirrt drein. Major Dalton sagte, dass der Baron ein anständiger Kerl gewesen sei, vielleicht ein bisschen großtuerisch, aber sonst in Ordnung, doch von seinem Diener habe eigentlich keiner etwas bemerkt. »Er hielt sich ziemlich für sich«, sagte Dalton.
»Er sprach Französisch zu mir«, sagte Sharpe.
»Tatsächlich?« Chase wandte sich begierig zu ihm um und musterte ihn.
»Nur ein Mal«, sagte Sharpe. »Aber er sprach auch Englisch und Deutsch. Behauptete, er sei Schweizer. Aber ich weiß nicht, ob er überhaupt ein Diener war.«
»Wie meinen Sie das?«
»Er trug einen Degen, Sir, als er das Schiff verließ. Nicht viele Diener tragen Degen.«
»Hannoveranische Diener vielleicht«, sagte Fairley. »Andere Länder, andere Sitten.«
»Was wissen wir über den Baron?«, fragte Chase.
»Er war ein Witzbold«, grollte Fairley.
»Er war ein netter Kerl«, protestierte Dalton. »Und großzügig.«
Sharpe hätte weitaus mehr Einzelheiten beisteuern können, doch es widerstrebte ihm immer noch, zuzugeben, dass er die Calliope so lange getäuscht und den falschen Baron nicht entlarvt hatte. »Es ist sonderbar, Sir«, sagte er stattdessen zu Chase, »dass es mir erst einfiel, als der Baron das Schiff verlassen hatte. Er erinnerte mich an einen Bekannten namens Anton Pohlmann.«
»Tatsächlich, Sharpe?«, fragte Dalton überrascht.
»Das gleiche Aussehen«, sagte Sharpe. »Ich hatte ihn jedoch nur durch das Fernrohr gesehen.« Was nicht stimmte, aber das konnte ja kein Uneingeweihter ahnen.
»Wer ist Anton Pohlmann?«, unterbrach Chase.
»Ein hannoveranischer Soldat, der die Armeen der Marathen in Assaye führte.«
»Sharpe«, sagte Chase ernst, »sind Sie dessen sicher?«
»Er ähnelte ihm sehr«, erwiderte Sharpe und bekam heiße Wangen. »Wie ein Zwilling.«
»Gott steh mir bei«, sagte Chase in seinem Devonshire-Akzent, dann furchte er nachdenklich die Stirn.
Lord William näherte sich ihm wieder, doch Chase wies ihn geistesabwesend von sich. Lord William, bereits wegen der Missachtung des Captains verärgert, wirkte jetzt noch beleidigter.
»Aber der springende Punkt ist«, fuhr Chase fort, »dass von Dornberg und sein Diener, wenn er einer ist, jetzt auf der Revenant sind. Hopper!«
»Sir?«, rief der Bootsmann vom Hauptdeck.
»Ich will alle Männer von der Pucelle wieder schnell an Bord haben, aber Sie warten mit meiner Barkasse. Mister Horrocks! Bitte hierhin!« Horrocks war der Leutnant, der die kleine Prisenmannschaft, nur drei Männer, befehligte, die Chase an Bord der Calliope lassen würde. Die Männer wurden zum Segeln des Schiffes nicht benötigt, das konnten Tufnell und die eigenen Matrosen der Calliope allein erledigen, doch sie sollten an Bord des Ostindienfahrers bleiben, um Chases Anspruch auf das Schiff zu dokumentieren, das jetzt nach Kapstadt segeln würde, wo die französischen Gefangenen in die Obhut der britischen Garnison gegeben werden konnten, und das Schiff konnte dann für seine Reise nach Britannien mit Lebensmitteln versorgt werden. Chase gab Horrocks seine Befehle, betonte, dass er Leutnant Tufnell in allen Dingen beim Segeln der Calliope unterstützen sollte, und wies Horrocks an, zwanzig der besten Seeleute der Calliope auszuwählen und in den Dienst der Pucelle zu pressen. »Ich tue das nicht gerne«, sagte er zu Sharpe, »aber wir leiden an Personalmangel. Die armen Jungs werden nicht glücklich sein, aber wer weiß? Einige könnten sich sogar freiwillig melden.« Er klang nicht hoffnungsvoll. »Was ist mit Ihnen, Sharpe? Werden Sie mit uns segeln?«
»Ich, Sir?«
»Als Passagier«, erklärte Chase hastig. »Sie werden mit mir schneller in England sein. Natürlich wollen Sie mitkommen. Clouter!« Damit meinte er einen Mann aus der Barkassenmannschaft auf dem Mitteldeck. »Sie werden Mister Sharpes Gepäck an Deck holen. Schnell jetzt! Er wird Ihnen zeigen, wo es ist.«
Sharpe protestierte. »Ich sollte auf der Calliope bleiben, Sir«, sagte er. »Ich möchte Ihnen nicht im Weg sein.«
»Ich habe jetzt keine Zeit zum Diskutieren, Sharpe«, sagte Chase. »Natürlich kommen Sie mit mir.« Der Captain wandte sich jetzt Lord William Hale zu, der immer ärgerlicher über Chases Mangel an Aufmerksamkeit geworden war. Chase ging mit Seiner Lordschaft davon, als Clouter, der große Schwarze, der in der Nacht, als Sharpe Chase kennen gelernt hatte, so hart gekämpft hatte, zum Achterdeck hinaufstieg. »Wohin gehen wir, Sir?«, fragte Clouter.
»Das Gepäck wird eine Weile warten müssen«, antwortete Sharpe. Er wollte die Calliope nicht verlassen, solange Lady Grace an Bord war, aber zuerst musste er eine triftige Entschuldigung finden, um Chases Einladung abzulehnen. Auf Anhieb fiel ihm keine ein, und der Gedanke, Lady Grace zu verlassen, war unerträglich. Im schlimmsten Fall, sagte er sich, würde er es riskieren, Chase zu beleidigen, indem er sich einfach weigerte, auf das andere Schiff zu wechseln.
Chase ging jetzt auf dem Achterdeck auf und ab und hörte Lord William zu, der die meiste Zeit sprach. Chase nickte, aber schließlich schien der Captain resigniert mit den Schultern zu zucken und wandte sich abrupt ab, um zu Sharpe zurückzukehren.
»Verdammt!«, murmelte er bitter. »Dreimal verdammt! Was stehen Sie hier noch herum, Clouter? Gehen Sie und holen Sie Mister Sharpes Gepäck. Nichts zu Schweres. Kein Klavier und kein Himmelbett.«
»Ich habe ihn gebeten, zu warten«, sagte Sharpe.
Chase runzelte die Stirn. »Sie wollen keinen Streit mit mir, oder, Sharpe? Ich habe im Augenblick genug Ärger. Seine verdammte Lordschaft behauptet, schnell in Britannien sein zu müssen, und ich konnte nicht leugnen, dass wir auf dem Weg in den Atlantik sind.«
»In den Atlantik?«, fragte Sharpe erstaunt.
»Natürlich! Ich sagte Ihnen doch, dass Sie mit mir schneller in Britannien sein werden. Und außerdem ist die Revenant dorthin verschwunden. Das schwöre ich. Ich riskiere sogar meinen Ruf dafür. Und Lord William sagt mir, dass er wichtige Dokumente der Regierung befördert. Aber stimmt das? Ich weiß es nicht. Ich nehme an, dass er nur auf einem größeren und sicheren Schiff sein will, aber ich kann ihm die Mitfahrt nicht verweigern, so gern ich das auch möchte. Verdammt, wenn die Regierung - he, Clouter, Sie hören doch nicht zu, oder? Diese Worte sind für Ihre Vorgesetzten und Höherstehende bestimmt. Verdammt noch mal! Jetzt bin ich also mit dem verdammten Lord William Hale und seiner verdammten Frau, seinen verdammten Dienern und seinem verdammten Sekretär belastet. Dreimal verdammt, nein, das ist noch zu wenig, verdammt!«
»Clouter«, sagte Sharpe entschieden. »Unterdeck, Steuerraum, Backbordseite. Beeilung!« Er hätte fast gejubelt, als er die Treppe hinabsprang. Grace reiste mit ihm!
Sharpe verbarg seine Hochstimmung, als er sich verabschiedete. Er bedauerte, sich von Ebenezer Fairley und von Major Dalton zu trennen. Von beiden erhielt er Einladungen, sie in der Heimat in ihren Häusern zu besuchen. Mrs. Fairley drückte Sharpe an ihren gewaltigen Busen und bestand darauf, dass er eine Flasche Brandy und eine mit Rum mitnahm. »Um Sie warm zu halten, mein Lieber«, sagte sie, »und damit sich Ebenezer nicht damit besäuft.«
Eine Barkasse von der Pucelle brachte die in den Dienst gepressten Männer von der Calliope fort. Es waren hauptsächlich die jüngsten Matrosen, die diejenigen aus der Mannschaft der Pucelle ersetzen würden, die während ihrer langen Fahrt Krankheiten erlitten hatten. Sie wirkten verdrossen, denn sie tauschten guten Lohn gegen ärmlichen. »Aber wir werden sie aufheitern«, sagte Chase unbekümmert. »Nichts hilft dabei so gut wie eine Dosis Siegesgefühl.«
Lord William hatte darauf bestanden, seine teuren Möbel auf die Pucelle mitzunehmen. Doch Chase explodierte vor Ärger, sagte, dass Seine Lordschaft entweder ohne Möbel oder überhaupt nicht reisen würde, und Seine Lordschaft gab eisig nach, überzeugte Chase jedoch, dass seine Regierungsdokumente unbedingt mitgenommen werden mussten. Sie wurden aus der Kabine geholt und zur Pucelle gebracht, und dann verließen Lord William und seine Frau die Calliope, ohne sich von jemandem zu verabschieden.
Lady Grace wirkte beim Verlassen des Schiffs völlig durcheinander. Sie hatte geweint und bemühte sich, würdevoll zu wirken, doch Sharpe entging nicht ihr verzweifelter Blick, den sie ihm zuwarf, als sie in Chases Barkasse abgeseilt wurde. Malachi Braithwaite folgte als Nächster und bedachte Sharpe mit einem triumphierenden Blick, wie um zu sagen, dass er sich jetzt an Lady Graces Gesellschaft erfreuen konnte, während Sharpe auf der Calliope herumhängen würde. Lady Grace klammerte sich ans Dollbord der Barkasse, als der Wind die Krempe ihres Huts anhob, und als sie den Hut auf den Kopf drückte, sah sie, dass Sharpe die Calliope ebenfalls verließ, und ihr Gesicht spiegelte pure Freude wider. Braithwaite sah Sharpe die Leiter herabklettern, schluckte vor Staunen und sah aus, als wolle er protestieren. Doch sein Mund öffnete und schloss sich nur wie der eines gestrandeten Fischs. »Machen Sie Platz, Braithwaite«, sagte Sharpe. »Ich leiste Ihnen Gesellschaft.«
»Leben Sie wohl, Sharpe! Schreiben Sie mir!«, rief Dalton.
»Viel Glück, Junge!«, dröhnte Fairley.
Chase stieg als Letzter in die Barkasse und nahm seinen Platz im Heck ein. »Jetzt alle zusammen!«, brüllte Hopper, und die Ruderer tauchten die rotweißen Riemen ein, und die Barkasse glitt von der Calliope fort.
Der Gestank der Pucelle war weit über das Wasser wahrzunehmen. Es war der Geruch einer riesigen Mannschaft, zusammengepfercht in einem hölzernen Schiff, mit den Ausdünstungen ungewaschener Körper, dem Geruch nach Exkrementen, Tabak, Teer, Salz und Fäulnis. Das Schiff selbst ragte mächtig auf, ein hoher, glatter Wall mit Stückpforten, voller Männer, Pulver und Geschützen.
»Auf Wiedersehen!«, rief Dalton ein letztes Mal.
Und Sharpe war auf dem Kriegsschiff, suchte Rache, segelte heim.
»Ich hasse es, Frauen an Bord zu haben«, sagte Chase wütend. »Das bringt Pech, wissen Sie das? Frauen und Kaninchen, beide bringen Pech.« Er klopfte auf das Holz des polierten Tisches in seiner Tageskabine, um das Unheil abzuwenden. »Nicht, dass bisher keine Frauen an Bord gewesen wären«, gab er zu. »Unter Deck sind mindestens sechs Huren aus Portsmouth, von denen ich nichts wissen soll, und ich habe den Verdacht, dass einer der Kanoniere seine Frau an Bord geschmuggelt und versteckt hat. Aber das ist nicht das Gleiche wie Ihre Ladyschaft und ihr Mädchen offen an Deck die schmutzige Fantasie der Mannschaft anheizen zu lassen!«
Sharpe sagte nichts. Die elegante Kabine erstreckte sich über die gesamte Breite des Schiffs. Durch das breite Heckfenster konnte er die weit entfernte Calliope an der Kimm sehen. Die Fenstervorhänge waren aus geblümtem Chintz und passten zu den Kissen auf dem Fensterplatz, und der Boden war mit einem Teppich mit schwarzweißem Schachbrettmuster bedeckt. Es gab zwei Tische, ein Sideboard, einen schweren ledernen Lehnsessel, eine Couch und ein drehbares Bücherregal, doch die vornehme Atmosphäre, die anheimelnd wirkte, wurde ein wenig durch die beiden 18-Pfünder-Kanonen getrübt, die auf die rot angestrichenen Stückpforten ausgerichtet waren. Auf der Steuerbordseite der Tageskabine befand sich Chases Schlafquartier. Auf der Backbordseite bot eine Speisekabine komfortabel Platz für ein Dutzend Personen. »Und ich will verdammt sein, wenn ich wegen des gottverdammten Hale ausziehen muss«, grollte Chase. »Obwohl er es zweifellos erwartet. Er kann ins Quartier des Ersten Offiziers ziehen, und seine Frau kann die Kabine des Zweiten Offiziers nehmen. So sind sie auch von Kalkutta aus gesegelt. Der Himmel weiß, warum sie getrennt schlafen, aber es ist nun mal so. Das hätte ich Ihnen nicht sagen sollen.«
»Ich habe es nicht gehört«, sagte Sharpe.
»Der verdammte Sekretär kann in Horrocks' Kabine ziehen«, entschied Chase. Horrocks war der Leutnant, der zum Prisenkapitän der Calliope ernannt worden war. »Und der Erste Leutnant kann die Kabine des Masters haben. Er starb vor drei Tagen. Niemand weiß, warum. Er war des Lebens müde, oder das Leben war müde von ihm. Der Zweite wird den Dritten Leutnant rausschmeißen, und der wird wohl jemand anderen rausschmeißen und so weiter, bis zur Schiffskatze, die über Bord geworfen wird, das arme Ding. Gott, ich hasse Passagiere, besonders Frauen! Sie, Sharpe, werden mein Quartier bekommen.«
»Ihr Quartier?«, fragte Sharpe erstaunt.
»Schlafkabine«, sagte Chase. »Durch diese Tür dort. Großer Gott, Sharpe, ich habe diesen verdammt großen Raum.« Er wies durch die Tageskabine mit den eleganten Möbeln, gerahmten Porträts und mit Fenstern, die mit Vorhängen versehen waren. »Mein Steward kann meine Koje hier drin aufbauen und Ihre in der kleinen Kabine.«
»Ich kann Ihre Kabine nicht nehmen«, protestierte Sharpe.
»Aber natürlich können Sie das! Sie ist ohnehin nur ein bescheidenes Loch, gerade richtig für einen unbedeutenden Ensign. Außerdem, Sharpe, bin ich ein Typ, der etwas Gesellschaft liebt, und als Captain kann ich nicht ohne Einladung in die Offiziersmesse gehen, und die Offiziere laden mich nicht oft ein. Kann ich ihnen nicht verdenken. Sie wollen sich entspannen, und so bleibe ich meistens einsam. Sie können mich stattdessen unterhalten. Spielen Sie Schach? Nein? Ich werde es Ihnen beibringen. Und werden Sie heute Abend mit mir essen? Natürlich werden Sie das.« Chase zog seinen Uniformrock aus und machte es sich in einem Sessel bequem. »Meinen Sie wirklich, dass der Baron Pohlmann gewesen sein könnte?«
»Er war es«, bestätigte Sharpe.
Chase hob eine Augenbraue. »So sicher?«
»Ich habe ihn erkannt, Sir«, gab Sharpe zu, »aber ich habe das den Offizieren der Calliope verschwiegen. Ich hielt es nicht für wichtig.«
Chase schüttelte den Kopf, mehr belustigt als tadelnd. »Es hätte auch nichts genutzt, wenn Sie es ihnen gesagt hätten. Peculiar hätte Sie vielleicht umbringen lassen, wenn Sie geredet hätten. Und wie hätten die anderen wissen sollen, was läuft? Ich wünschte bei Gott, ich wüsste es!« Er stand auf und suchte ein Papier auf dem größeren der beiden Tische. »Wir, das heißt die Marine Seiner britannischen Majestät, suchen einen Gentleman namens Vaillard. Michel Vaillard. Er ist ein böser Junge, unser Vaillard, und es hat den Anschein, dass er nach Europa zurückzukehren versucht. Und wie kann er das besser schaffen, als wenn er sich als Diener tarnt? Niemand achtet auf die Diener, nicht wahr?«
»Warum suchen Sie ihn, Sir?«
»Er hat anscheinend mit den Marathen verhandelt, die Angst haben, dass die Briten übernehmen, was von ihrem Territorium übrig ist. So hat Vaillard einen Vertrag mit einem ihrer Führer, mit Holkar ...«, er blickte auf das Papier, »... ja, er hat also einen Vertrag mit diesem Holkar abgeschlossen, und Vaillard bringt diesen Vertrag nach Paris. Holkar stimmt Friedensgesprächen mit den Briten zu, und in der Zwischenzeit arrangiert Monsieur Vaillard, vermutlich mit der Hilfe Ihres Freundes Pohlmann, dass Holkar mit französischen Beratern, französischen Kanonen und französischen Musketen beliefert wird. Dies ist eine Kopie des Vertrags.« Er blätterte das Papier durch, und Sharpe sah, dass der Vertrag in Französisch aufgesetzt war und jemand die Übersetzung zwischen den Zeilen hinzugefügt hatte. Holkar, der fähigste der Marathenfürsten, war der Armee von Sir Arthur Wellesley ausgewichen, wurde aber jetzt von anderen britischen Streitkräften unter Druck gesetzt und hatte die Eröffnung von Friedensverhandlungen in Angriff genommen und unter diesem Deckmantel eine gewaltige Armee aufgestellt, die von seinen Verbündeten, den Franzosen, ausgerüstet werden würde. Der Vertrag listete sogar diejenigen Fürsten in britischen Territorien auf, die rebellieren würden, wenn solch eine Armee aus dem Norden angreifen würde.
»Sie sind clever gewesen, Vaillard und Pohlmann«, sagte Chase. »Benutzen britische Schiffe, um heimzukehren. Das ist die schnellste Möglichkeit, wissen Sie. Sie haben unseren Cromwell bestochen und müssen eine Botschaft nach Mauritius geschickt haben, um ein Rendezvous mit der Revenant zu arrangieren.«
»Wie sind wir an eine Kopie des Vertrages gelangt?«, fragte Sharpe.
»Spione«, vermutete Chase. »Alles wurde aktiv, als Sie Bombay verlassen hatten. Der Admiral schickte eine Schaluppe ins Rote Meer, falls Vaillard sich entschied, über Land zu verschwinden, und er schickte die Porcupine los, um den Konvoi zu überholen. Er befahl mir, die Augen offen zu halten, weil es unser wichtigster Job ist, diesen verdammten Vaillard zu stoppen. Jetzt, da wir wissen, wer der verdammte Mann ist, oder es wenigstens zu wissen glauben, werde ich ihn verfolgen. Sie kehren zurück nach Europa, und wir auch. Es geht für uns gen Heimat, Sharpe, und Sie werden erleben, wie schnell ein in Frankreich gebautes Kriegsschiff segeln kann. Das Dumme ist nur, dass die Revenant ebenso schnell ist und fast eine Woche Vorsprung hat.«
»Und wenn Sie sie schnappen?«
»Dann schießen wir sie natürlich in Stücke«, sagte Chase, »und sorgen dafür, dass Monsieur Vaillard und Herr Pohlmann bei den Fischen landen.«
»Und Captain Cromwell mit ihnen«, sagte Sharpe rachsüchtig.
»Ich würde ihn lieber lebend gefangen nehmen und an der Rahnock aufhängen«, sagte Chase. »Nichts muntert einen Matrosen mehr auf, als einen Kapitän an einem soliden Stück Hanf baumeln zu sehen.«
Sharpe blickte durch das Heckfenster und sah, dass die Calliope nur noch ein Tupfer von Segeln an der Kimm war. Er fühlte sich wie in einen reißenden Fluss geworfen, der ihn auf ein unbekanntes Ziel zutrieb. Er hatte keine Kontrolle über diese Reise, aber er war glücklich, immer noch mit Lady Grace zusammen zu sein. Allein der Gedanke an sie erfüllte ihn mit einem warmen Glücksgefühl. Eine innere Stimme sagte ihm, dass es verrückt war, völlig verrückt, doch er konnte nichts dagegen tun. Er wollte es auch nicht.
»Hier ist Mister Harold Collier«, sagte Chase, als er dem kleinen Midshipman auf sein Klopfen hin die Tür geöffnet hatte. Collier hatte das Kommando über das Boot gehabt, das Sharpe im Hafen von Bombay zur Calliope gebracht hatte. Jetzt erhielt Collier den Befehl, Sharpe die Pucelle zu zeigen.
Der Kleine war rührend stolz auf sein Schiff, während Sharpe äußerst beeindruckt war. Es war viel größer als die Calliope, und der junge Collier rasselte die Daten herunter, als er Sharpe durch die Messe führte, in der ein weiterer 18-Pfünder stand. »Hundertachtundsiebzig Fuß lang, Sir, den Bugspriet natürlich nicht mitgerechnet, achtundvierzig breit, und hundertfünfundsiebzig Fuß sind es bis zum Großflaggentopp. Sir, passen Sie auf Ihren Kopf auf. Sie wurde aus zweitausend Eichenbalken in Frankreich erbaut und sie wiegt fast zweitausend Tonnen, Sir - Vorsicht, Deckenbalken! -, und sie hat vierundsiebzig Geschütze, Sir, nicht mitgezählt die sechs Karronaden, alles Zweiunddreißig-Pfünder. Und es sind sechshundertsiebzehn Mann an Bord, Sir, die Seesoldaten nicht mitgerechnet.«
»Wie viele sind das?«
»Sechsundsechzig, Sir. Hier entlang, Sir. Passen Sie auf Ihren Kopf auf, Sir.«
Collier führte Sharpe aufs Achterdeck, wo acht Geschütze hinter geschlossenen Stückpforten standen. »Achtzehnpfünder, Sir«, sagte Collier. »Die Babys auf dem Schiff. Jeweils sechs pro Seite, einschließlich der vier in den Heckquartieren.« Er glitt einen gefährlich steilen Niedergang zum Hauptdeck hinab. »Dies ist das Hauptdeck, Sir. Zweiunddreißig Geschütze, Sir, alles Vierundzwanzigpfünder.« Das Zentrum des Hauptdecks war zum Himmel offen, doch das Vordeck und Achterdeck waren überdacht.
Collier ging Sharpe voran, schlängelte sich zwischen den riesigen Geschützen und den Messetischen, die dazwischen montiert waren, hindurch und duckte sich unter Hängematten, in denen dienstfreie Männer schliefen, und dann bog er um die Ankerwinde herum und stieg eine Leiter hinab, die in die Düsternis des Unterdecks führte, auf dem die größten Geschütze des Schiffes standen, die 32-Pfünder.
»Dreißig der großen Geschütze, Sir«, sagte Collier stolz. »Auf jeder Seite fünfzehn, wir haben zum Glück so viele. Man sagte uns, dass es einen Mangel an diesen großen Geschützen gibt und bei einigen Schiffen Achtzehnpfünder auf dem Unterdeck stehen, aber nicht bei Captain Chase, das würde er niemals erlauben. Ich habe Ihnen schon gesagt, passen Sie auf Ihren Kopf auf, Sir.«
Sharpe rieb über seinen Kopf, wo er mit einem Deckenbalken in Kontakt gekommen war, und überlegte, welche Feuerkraft die Pucelle aufbringen konnte. Als hätte Collier seine Gedanken erraten, sagte er: »Wir können fast hundert Pfund Metall mit jeder Breitseite feuern, Sir, und wir haben zwei Seiten.«
Sharpe dachte beeindruckt: Dieses eine Schiff kann in einer einzigen Breitseite mehr Kanonen abfeuern als all die Artilleriebatterien bei der Schlacht von Assaye. Es ist eine schwimmende Bastion, eine Vernichtungsmaschine der Hochsee, und dies ist nicht einmal das größte Kriegsschiff. Sharpe wusste, dass einige der Kriegsschiffe über hundert Geschütze hatten.
Abermals wusste Collier die Antwort auf seine noch unausgesprochenen Fragen, wahrscheinlich hatte er sie für die Prüfung zum Midshipman geübt. »Die Marine hat acht der ersten Kategorie, Sir, das sind Schiffe mit hundert oder mehr Geschützen - passen Sie auf diesen niedrigen Balken auf, Sir -, vierzehn der zweiten Kategorie, die ungefähr mit neunzig oder mehr Kanonen ausgerüstet sind, und hundertdreißig von dieser dritten Kategorie.«
»Sie nennen dies eine dritte Kategorie?«, fragte Sharpe erstaunt.
»Hier entlang, Sir, achten Sie auf Ihren Kopf.« Collier verschwand in einen anderen Niedergang zum untersten Deck und stieg ihn dank seiner geringen Körpergröße aufrecht hinunter. Sharpe folgte ihm langsamer und geduckt. Sie gelangten auf ein dunkles, feuchtes Deck mit niedriger Decke, auf dem es faulig stank und das von einigen Laternen schwach erhellt wurde. »Dies ist das Orlopdeck, Sir. Achten Sie auf diese Balken, Sir. Wir sind hier unter Wasser, Sir. Der Schiffsarzt hat hier unten seine Räume, jenseits der Magazine, und wir alle beten, Sir, dass wir nie unter seinem Skalpell enden. Hier entlang, Sir. Passen Sie auf Ihren Kopf auf.«
Er zeigte Sharpe die beiden Magazine, vor deren Ledervorhängen rotberockte Seesoldaten auf Wache standen, das Reich des Schiffsarztes, wo die Wände rot angestrichen waren, damit man das Blut nicht sah, das Krankenrevier und die Quartiere der Midshipmen. Diese Räume waren kaum größer als Hundezwinger. Dann führte er Sharpe einen letzten Niedergang hinab in den Laderaum, wo große Mengen von Fässern lagerten. Darunter befand sich nur noch der Kielraum, und ein trauriges Saugen, unterbrochen von Klappern, verriet Sharpe, dass er im Augenblick trocken gepumpt wurde.
»Die sechs Pumpen sind immer in Betrieb«, sagte Collier, »denn so leistungsstark sie auch sind, die See kommt rein.« Er trat nach einer Ratte, verfehlte sie und stieg wieder den Niedergang hinauf. Er zeigte Sharpe die Kombüse unter dem Vordeck, stellte ihm den Schiffsprofos vor, der für die Handwaffen an Bord verantwortlich war, dann Köche, Bootsleute, Geschützmaate und den Zimmermann, und schließlich bot er an, mit Sharpe zum Großmast hinaufzusteigen.
»Auf diese Freude können wir heute verzichten«, sagte Sharpe.
Collier brachte ihn in die Offiziersmesse, wo er ihm ein halbes Dutzend Offiziere vorstellte, dann zurück zum Achterdeck und an dem großen doppelten Steuerrad vorbei zu einer Tür, die direkt in Captain Chases Schlafkabine führte.
Es war, wie der Captain gesagt hatte, ein kleiner Raum. Er war mit lackiertem Holz getäfelt, am Boden lag ein Segeltuchteppich, und ein Springluk ließ das Tageslicht herein. Sharpes Reisetruhe nahm eine Wand ein, und Collier half ihm jetzt, das Bett zu befestigen. »Wenn Sie getötet werden, Sir«, sagte der kleine Mann ernst, »dann wird dies hier Ihr Sarg sein.«
»Besser als der, den die Armee mir geben könnte«, sagte Sharpe und warf seine Decken auf die Koje. »Wo ist die Kabine des Ersten Leutnants?«, fragte er.
»Vor dieser, Sir.« Collier wies zum vorderen Schott. »Hinter der Tür.«
»Und die des Zweiten Leutnants?«, fragte Sharpe, der wusste, dass dort Lady Grace schlafen würde.
»Achtern. Bei der Offiziersmesse. Da ist ein Haken für Ihre Laterne, Sir, und Sie finden das Quartier der Captains-Galerie achtern durch diese Tür auf der Steuerbordseite.«
»Captains-Galerie?«, fragte Sharpe.
»Latrine, Sir. Geht direkt in die See, Sir. Sehr hygienisch. Captain Chase sagt, dass Sie sie mit ihm teilen, Sir, und sein Steward wird sich um Sie kümmern, denn Sie sind sein Gast.«
»Sie mögen Chase?«, sagte Sharpe, dem der warme Tonfall in Colliers Stimme aufgefallen war.
»Jeder mag den Captain, Sir, jeder«, sagte Collier. »Dies ist ein glückliches Schiff, und das ist mehr, als ich über viele andere sagen kann. Erlauben Sie mir, Sie daran zu erinnern, dass das Captains-Abendessen am Ende der ersten Hundewache, die von vier bis sechs Uhr nachmittags dauert, serviert wird. Das sind vier Glasen. Sir, die beiden Hundewachen dauern jeweils zwei Stunden.«
»Wie viel Glasen haben wir jetzt?«
»Erst zwei, Sir.«
»Wie lange wird es dann zu vier Glockenschlägen dauern?«
Colliers kleines Gesicht zeigte Erstaunen darüber, dass jemand eine solche Frage stellen konnte. »Eine Stunde natürlich, Sir.«
»Natürlich«, sagte Sharpe.
Chase hatte sechs andere Gäste eingeladen, ihm beim Abendessen Gesellschaft zu leisten. Er konnte kaum vermeiden, Lord William Hale und seine Frau als Gäste zu bitten, doch er vertraute Sharpe an, dass Haskell, der Erste Leutnant, ein schrecklicher Snob war, der Lord William den ganzen Weg von Kalkutta bis Bombay geschmeichelt hatte. »So kann er das verdammt jetzt wieder tun«, sagte Chase und blickte zu seinem Ersten Leutnant, einem großen, gut aussehenden Mann, der sich nah bei Lord William hielt und sich offensichtlich kein Wort von ihm entgehen ließ. »Und dies ist Llewellyn Llewellyn«, sagte Chase und zog Sharpe zu einem rotgesichtigen Mann mit rotem Uniformrock. »Ein Mann, der keine halben Dinge macht. Er ist der Captain unserer Seesoldaten. Was heißt, dass ich mich darauf verlasse, wenn die Franzmänner uns entern, dass sie von Llewellyn Llewellyn und seinen Kerlen über Bord geworfen werden.«
»Ist Ihr Name wirklich Llewellyn Llewellyn?«, fragte Sharpe.
»Wir sind geradliniger Abstammung von alten Königen«, sagte Captain Llewellyn stolz, »im Gegensatz zur Familie Chase, die, wenn ich mich nicht sehr irre, nur Treiber bei der Jagd waren.«
»Wir haben die verdammten Waliser verjagt«, sagte Chase lächelnd. Es war klar, dass die beiden alte Freunde waren, die sich einen Spaß daraus machten, sich gegenseitig aufzuziehen. »Dies, Llewellyn, ist mein besonderer Freund Richard Sharpe.«
Der Captain schüttelte Sharpe energisch die Hand und drückte die Hoffnung aus, dass Sharpe sich ihm und seinen Männern beim Musketentraining anschließen würde. »Vielleicht können Sie uns etwas beibringen«, sagte er.
»Das bezweifle ich, Captain.«
»Ich könnte Ihre Hilfe brauchen«, sagte Llewellyn begeistert. »Ich habe natürlich einen Leutnant, aber der Junge ist erst sechzehn. Braucht sich noch nicht mal zu rasieren! Ich weiß nicht, ob er sich selbst den Hintern abwischen kann. Es ist gut, einen anderen Rotrock an Bord zu haben, Sharpe. Das hebt die Stimmung auf dem Schiff.«
Chase lachte, dann zog er Sharpe mit, um ihn mit dem letzten Gast bekannt zu machen. Es war der Schiffsarzt, ein rundlicher Mann namens Pickering. Malachi Braithwaite hatte mit ihm gesprochen und blickte unbehaglich drein, als Sharpe ihm vorgestellt wurde. Pickering, dessen Gesicht voller roter Äderchen war, schüttelte Sharpe die Hand.
»Ich hoffe, dass wir uns nie beruflich begegnen, Ensign, denn dann könnte ich nicht viel tun, außer Sie aufzuschneiden und ein Gebet zu sprechen. Letzteres mache ich sehr ergreifend, falls dies ein Trost für Sie ist. Ich finde, sie sieht besser aus.« Der Schiffsarzt hatte sich umgewandt und schaute Lady Grace an. Sie trug ein hellblaues Kleid mit besticktem Kragen und Saum, Diamanten an ihrem Hals und in ihrem schwarzen Haar, das so hoch gesteckt war, dass es über die Deckenbalken von Chases Kabine strich, wenn sie sich bewegte. »Ich habe sie kaum gesehen, seit sie an Bord ist«, sagte Pickering, »aber sie wirkt jetzt viel lebhafter. Trotzdem ist sie unwillkommen.«
»Unwillkommen?«
»Es bedeutet Pech, Frauen an Bord zu haben, sozusagen die Garantie für Unheil.« Pickering streckte sich und berührte abergläubisch einen Deckenbalken. »Aber ich muss sagen, sie ist eine Augenweide. Heute Abend wird es auf dem Vordeck wieder frivoles Gerede geben, das kann ich Ihnen sagen. Ah, nun gut, wir müssen hinnehmen, was uns der liebe Gott schickt, sogar, wenn das eine Frau ist. Unser Captain hat uns gesagt, dass Sie ein berühmter Soldat sind, Sharpe!«
»Hat er das?«, sagte Sharpe. Braithwaite war zurückgetreten, als wolle er klarmachen, dass er nicht an der Unterhaltung teilnehmen wollte.
»Als Erster in der Bresche und so«, sagte Pickering. »Was mich anbetrifft, mein lieber Freund, sobald die Geschütze zu donnern beginnen, mache ich mich ins Lazarett davon, wo kein französisches Geschoss mich erreichen kann. Kennen Sie den Trick, wie man lange lebt, Sharpe? Immer aus der Reichweite bleiben! Das ist ein guter ärztlicher Rat, obendrein noch kostenlos!«
Die Mahlzeit an Captain Chases Tisch war viel besser als das, was bei Peculiar Cromwell serviert worden war. Sie begannen mit Räucherfischscheiben, serviert mit Zitrone und frischem Brot, aßen dann Hammelfleisch - Sharpe argwöhnte, dass es Ziege war -, das mit Essigsoße angerichtet war und köstlich schmeckte, und endeten mit einem Dessert, das aus einer Mischung von Orangen, Brandy und Sirup bestand. Lord William und Lady Grace saßen links und rechts von Chase, während der Erste Leutnant neben Ihrer Ladyschaft saß und sie zu überreden versuchte, mehr Wein zu trinken, als sie wünschte. Der Rotwein aus dem Mittelmeergebiet war herb und schwer.
Sharpe saß am Ende des Tisches, wo Captain Llewellyn ihn interessiert über die Schlachten befragte, die er in Indien ausgefochten hatte. Der Waliser war fasziniert von der Nachricht, dass Sharpe sich den 95th Rifles anschließen würde. »Das Konzept einer Schützeneinheit mag an Land wirken«, sagte Llewellyn, »aber es wird niemals auf See funktionieren.«
»Warum nicht?«
»Treffsicherheit bringt nichts auf einem Schiff. Die Dinge sind im Seegang in ständigem Auf und Ab, das macht das Zielen fast unmöglich. Nein, man muss eine Menge Kugeln auf das feindliche Deck feuern und beten, dass nicht alles vergeudet ist. Was mich daran erinnert, dass wir einige neue Spielzeuge an Bord haben. Sogenannte Volley Guns, siebenläufig! Monströse Teile! Sie spucken sieben Kugeln von einem halben Zoll Durchmesser gleichzeitig aus. Sie müssen mal eines davon ausprobieren.«
»Das würde mir gefallen.«
»Ich möchte einige Volley Guns in den Masten haben«, sagte Llewellyn begierig. »Sie könnten einigen richtigen Schaden anrichten, Sharpe.«
Chase hatte Llewellyns letzte Bemerkung gehört, denn er griff von der anderen Seite des Tisches ein. »Nelson würde keine Musketen in den Masten erlauben, Llewellyn. Er sagt, sie setzen die Segel in Brand.«
»Der Mann irrt sich«, sagte Llewellyn beleidigt, »das ist völlig falsch.«
»Sie kennen Lord Nelson?«, fragte Lady Grace den Captain.
»Ich habe kurze Zeit unter ihm gedient, Mylady«, sagte Chase begeistert, »leider zu kurz. Damals hatte ich das Kommando über eine Fregatte, aber leider habe ich nie an einem Gefecht unter dem Kommando Seiner Lordschaft teilgenommen.«
»Ich bete zu Gott, dass wir kein Gefecht erleben«, sagte Lord William inbrünstig.
»Amen«, brach Braithwaite sein Schweigen. Er hatte beim Essen die meiste Zeit stumm auf Lady Grace gestarrt und war zusammengezuckt, wenn Sharpe etwas gesagt hatte.
»Bei Gott, ich hoffe, dass es der Fall sein wird!«, entgegnete Chase. »Wir müssen unseren deutschen Freund und seinen sogenannten Diener stoppen!«
»Meinen Sie, Sie können die Revenant einholen?«, fragte Lady Grace.
»Ich hoffe es, Mylady, aber es wird eine riskante Sache. Montmorin ist ein guter Seemann, und die Revenant ist ein schnelles Schiff, aber ihr Kiel wird überwucherter und verschmutzter sein als unserer.«
»Er wirkte sauber«, sagte Sharpe.
»Sauber?« Chase klang alarmiert.
»Kein Bewuchs an der Wasserlinie, Sir. Alles blank und strahlend.«
»Verdammter Kerl«, sagte Chase und meinte Montmorin. »Er hat seinen Rumpf säubern lassen. Das wird es uns noch schwerer machen, ihn zu fassen. Und ich habe mit Mister Haskell gewettet, dass wir ihn an meinem Geburtstag einholen.«
»Und wann ist das?«, fragte Lady Grace.
»Einundzwanzigster Oktober, Ma'am, und nach meiner Schätzung sollten wir bis dahin irgendwo vor Portugal sein.«
»Sie wird nicht vor Portugal sein«, sagte der Erste Leutnant, »denn sie wird nicht direkt nach Frankreich segeln, sondern in Cadiz einlaufen, und ich nehme an, dass wir sie in der zweiten Oktoberwoche einholen werden, irgendwo vor Afrika.«
»Zehn Guineen habe ich gesetzt«, sagte Chase, »und ich weiß, dass ich dem Spielen abgeschworen habe, aber ich werde mit Freuden zahlen, wenn wir sie einholen. Dann werden wir ein tolles Gefecht haben, Mylady, aber lassen Sie mich versichern, dass Sie unter der Wasserlinie sicher sein werden.«
Lady Grace lächelte. »Ich werde dort die Abwechslung an Bord vermissen, Captain.«
Das rief Gelächter hervor. Sharpe hatte Ihre Ladyschaft in Gesellschaft selten so entspannt gesehen. Der Schein der Kerzen glänzte von ihren Diamantohrringen und dem Halsband, von den Juwelen an ihren Fingern und aus ihren strahlenden Augen. Ihre Munterkeit bezauberte alle am Tisch, alle außer ihrem Ehemann, der leicht die Stirn runzelte, als befürchte er, sie hätte zu viel Wein getrunken. Sharpe dachte fast eifersüchtig, sie reagiere auf den gut aussehenden und freundlichen Chase, doch gerade als dieser Neid in ihm aufkeimte, schaute sie zu ihm, und er fing ihren Blick voller Liebe auf. Braithwaite sah diese stumme Liebeserklärung und starrte auf seinen Teller.
»Ich habe nie ganz verstanden«, sagte Lord William, »warum ihr Seeleute eure Schiffe nahe an den Feind heran segelt und euch dann gegenseitig in den Rumpf ballert. Es wäre doch leichter, die Takelage des Feindes aus einiger Entfernung zu zerstören, oder?«
»Das ist die französische Kampftechnik, Mylord«, sagte Chase. »Sie feuern mit allem, was sie haben, um unsere Masten auszuschalten, aber wenn sie uns entmastet haben und wir wie ein gefällter Baumstamm im Wasser liegen, müssen sie uns immer noch aufbringen.«
»Aber wenn sie Masten und Segel haben und ihr nicht, warum können sie nicht einfach ihre Breitseiten in euer Heck schießen?«
»Sie gehen davon aus, Mylord, dass wir nichts tun, während der Feind - in diesem Fall die Franzosen - versucht, uns zu entmasten.« Chase lächelte, um seine Worte zu mildern. »Ein Schiff, Mylord, ist nichts anderes als eine schwimmende Artilleriebatterie. Zerstören Sie die Segel, und Sie haben immer noch eine Geschützbatterie, aber schalten Sie die Kanonen aus, demolieren die Decks und töten die Kanoniere, dann haben Sie das Schiff seiner Kampfkraft beraubt. Die Franzosen versuchen, uns aus großer Distanz einen Haarschnitt zu verpassen, während wir nahe ransegeln und ihre lebenswichtigen Funktionen ausschalten.« Er wandte sich an Lady Grace. »Es muss Sie langweilen, wenn Männer von Gefechten reden.«
»Daran habe ich mich in den vergangenen Wochen gewöhnt«, sagte Grace. »Da war ein schottischer Major auf der Calliope, der immer versucht hat, Mister Sharpe zu überreden, solche Geschichten zu erzählen.« Sie wandte sich an Sharpe. »Sie haben uns nie erzählt, was geschah, als Sie meinem Cousin das Leben gerettet haben.«
»Meine Frau interessiert sich übermäßig für das Schicksal eines ihrer entfernten Cousins«, sagte Lord William, »seit er in Indien eine kleine Berühmtheit geworden ist. Ungewöhnlich, wie ein normaler Dummkopf wie Wellesley in der Armee aufsteigen kann, nicht wahr?«
»Sie haben Wellesley das Leben gerettet, Sharpe?«, fragte Chase und ignorierte den Sarkasmus Seiner Lordschaft.
»Ich kann mich nicht genau daran erinnern, Sir. Vermutlich habe ich nur verhindert, dass er gefangen genommen wurde.«
»War das der Grund der Narbe?«, fragte Llewellyn.
»Die stammt von Gawilgarh, Sir.« Sharpe hätte gern das Thema gewechselt, und er überlegte verzweifelt, wie er die Unterhaltung in eine andere Richtung lenken konnte, doch es fiel ihm nichts ein.
»Was ist also geschehen?«, fragte Chase.
»Er war vom Pferd gestürzt«, sagte Sharpe, und das Blut schoss ihm in die Wangen, »zwischen den feindlichen Reihen.«
»Er war sicherlich nicht allein?«, fragte Lord William.
»Doch, das war er. Abgesehen von mir natürlich.«
»Leichtsinnig von ihm«, bemerkte Lord William.
»Und wie viele Feinde waren dort?«, fragte Chase.
»Ein paar, Sir.«
»Und Sie haben sie niedergekämpft?«
Sharpe nickte. »Mir blieb nichts anderes übrig, Sir.«
»Außer Reichweite bleiben!«, dröhnte der Schiffsarzt. »Das ist mein Rat! Bleib aus der Reichweite!«
Lord William machte Captain Chase Komplimente wegen des Desserts, und Chase pries seinen Koch und Steward, und damit begann eine allgemeine Diskussion über zuverlässige Bedienstete, die erst endete, als Sharpe, der rangjüngste anwesende Offizier, gebeten wurde, den Toast auf den König auszubringen.
»Auf King George«, sagte Sharpe. »Gott segne ihn.«
»Und verdamme seine Feinde«, fügte Chase hinzu und prostete der Tischgesellschaft zu, »besonders Monsieur Vaillard.«
Lady Grace schob ihren Stuhl zurück. Chase versuchte vergebens, sie zum Bleiben zu bewegen.
»Sie werden nichts dagegen haben, Captain, wenn ich noch eine Weile auf Ihrem Deck spaziere?«, fragte Lady Grace.
»Ich bin erfreut, dass mir solch eine Ehre zuteil wird, Mylady.«
Brandy und Zigarren wurden gereicht, doch die Gesellschaft blieb nicht mehr lange. Lord William schlug eine Partie Whist vor, doch Chase hatte bei seiner ersten Reise mit Seiner Lordschaft zu viel verloren und erklärte, er habe das Kartenspielen ganz aufgegeben. Leutnant Haskell versprach eine aufregende Partie Whist in der Offiziersmesse, und Lord William und die anderen folgten ihm hinunter zum Hauptdeck und gingen dann nach achtern. Chase wünschte seinen Besuchern eine gute Nacht, dann lud er Sharpe in seine Tageskabine am Heck ein. »Auf einen Absacker-Brandy, Sharpe.«
»Ich möchte Sie nicht um Ihren Schlaf bringen, Sir.«
»Wenn ich müde werde, dann schmeiße ich Sie raus. Hier.« Er ging voran in die komfortable Tageskabine. »Mein Gott, ist William Hale ein Langweiler«, sagte er. »Aber ich muss zugeben, dass ich von seiner Frau überrascht war. Habe sie nie so munter erlebt! Als sie letztes Mal an Bord war, dachte ich, sie macht schlapp und stirbt.«
»Vielleicht hat der Wein sie heute Abend angeregt«, sagte Sharpe.
»Vielleicht, aber ich habe andere Geschichten gehört.«
»Geschichten?«, fragte Sharpe vorsichtig.
»Dass Sie nicht nur ihren Cousin, sondern auch sie gerettet haben. Zum Schaden eines französischen Leutnants, der jetzt bei seinen Ahnen schläft.«
Sharpe nickte, äußerte sich jedoch nicht.
Chase lächelte. »Nach dieser Erfahrung geht es ihr anscheinend besser. Und dieser Sekretär ist ein düsterer, trauriger Vogel, nicht wahr? Verliert den ganzen Abend kaum ein Wort. Und der soll in Oxford studiert haben!« Zu Sharpes Erleichterung ließ Chase das Thema Lady Grace fallen. Stattdessen fragte er Sharpe, ob er sich vorstellen könne, unter Captain Llewellyn zu dienen und somit ehrenhalber Seesoldat zu werden.
»Wenn wir die Revenant schnappen«, sagte Chase, »werden wir versuchen, sie aufzubringen. Wir könnten auf sie einhämmern, bis sie zur Aufgabe gezwungen ist ...«, er klopfte abergläubisch auf das Holz des Tisches, »... aber es könnte auch sein, dass wir immer noch entern müssen. Wenn das geschieht, brauchen wir Kämpfer. Kann ich dann auf Ihre Hilfe zählen? Gut! Ich werde Llewellyn sagen, dass Sie jetzt sein Mann sind. Er ist ein erstklassiger Typ, obwohl Seesoldat und Waliser, und ich bezweifle, dass er Ihnen zu sehr auf die Nerven gehen wird. Und jetzt muss ich an Deck gehen und sicherstellen, dass man uns nicht im Kreis steuert. Kann ich mit Ihnen rechnen?«
»Jawohl, Sir.«
So war Sharpe jetzt ein Seesoldat ehrenhalber.
Die Pucelle hatte jedes Segel gesetzt, mit dem Chase ihre Masten versehen konnte. Er ließ sie sogar durch zusätzliche Trosse stützen, sodass noch mehr Segel gesetzt werden konnten. Es waren Leesegel, Royalsegel, Stagsegel, Außenklüver und Blinden, eine Masse von Segeltuch, von der das Kriegsschiff westwärts getrieben wurde. Chase nannte es »die Wäsche raushängen«, und Sharpe sah, wie die Mannschaft auf die Begeisterung ihres Kapitäns reagierte. Sie war so begierig wie Chase darauf, zu beweisen, dass die Pucelle das schnellste Segelschiff auf den Meeren war.
Und so segelten sie westwärts, bis in einer der folgenden Nächte die See unruhig wurde und das Schiff zu schlingern begann. Sharpe erwachte von hämmernden Schritten auf dem Deck. Er verzichtete darauf, sich anzuziehen, warf sich nur einen Umhang über, den Chase ihm geliehen hatte, und ging aufs Achterdeck. Er konnte fast nichts erkennen, denn Wolken verdunkelten den Mond, doch er konnte Befehle hören, die gebrüllt wurden, und hörte die Stimmen der Männer hoch über sich in der Takelage. Sharpe konnte immer noch nicht verstehen, dass Männer in dunkler Nacht hundert Fuß über einem schwankenden Deck arbeiten konnten, auf dünnen Tauen stehend und das Peitschen des Windes in den Ohren. Er nahm an, dass dies eine Tapferkeit war, die so groß wie jede war, die auf einem Schlachtfeld benötigt wurde.
»Sind Sie das, Sharpe?«, rief Chase.
»Jawohl, Sir.«
»Es ist die Agulhas-Strömung«, sagte Chase glücklich, »die uns um die Spitze von Afrika herum treibt. Wir reffen die Segel. Es wird ein, zwei Tage ziemlich rau!«
Das Tageslicht enthüllte eine aufgewühlte See. Die Pucelle senkte sich in die riesigen Wellentäler, Wolken von Gischt peitschten über die Focksegel und rannen in Strömen vom Segeltuch.
Chase gab immer noch Essen in seinem Quartier, denn er liebte abends die Gesellschaft, doch jede Änderung der Windrichtung trieb ihn von seinem Tisch auf das Achterdeck. Er notierte jede leichte Änderung des Kurses, nahm die Geschwindigkeit zurück, als sich die afrikanische Küste westlich vor ihnen befand, und freute sich, wenn er wieder seine volle »Wäsche« setzen und sehen konnte, wie das Schiff auf die Kraft des Windes reagierte.
»Ich glaube, wir holen sie ein«, sagte er eines Tages zu Sharpe.
»Sie kann sicher nicht so schnell segeln wie wir«, meinte Sharpe.
»Oh, das kann sie vielleicht doch. Aber ich vermute, dass Montmorin es nicht wagt, zu nahe unter Land zu segeln. Er wird gezwungen sein, weit nach Süden zu segeln, damit er nicht von unseren Schiffen vor Kapstadt entdeckt wird. So schneiden wir die Kurve vor ihm ab! Wer weiß, vielleicht sind wir nur noch zwanzig Meilen oder so hinter ihm?«
Von der Pucelle aus waren jetzt andere Schiffe zu sehen. Die meisten waren kleine, eingeborene Handelsschiffe. Aber sie passierten auch zwei britische Handelsschiffe, einen amerikanischen Walfänger und eine Schaluppe der Königlichen Marine, mit der es einen lebhaften Austausch von Signalen gab. Connors, der Dritte Leutnant, der für die Schiffssignale verantwortlich war, befahl einem Mann, eine Folge bunter Fahnen in die Takelage zu ziehen. Dann hielt er ein Fernrohr vors Auge und las die Antwort der Schaluppe. »Es ist die Hirondelle, Sir, aus Kapstadt.«
»Fragen Sie, ob sie andere Schiffe in dieser Richtung gesehen hat.«
Die Flaggen wurden gefunden, sortiert und gehisst, und die Antwort lautete »Nein«. Dann schickte Chase eine lange Botschaft, in der er dem Kapitän der Hirondelle erklärte, dass die Pucelle die Revenant in den Atlantik verfolgte. Diese Nachricht würde die Admiralität in Bombay erreichen, wo man sich sicher wundern würde, was in den vergangenen Wochen geschehen war.
Am nächsten Tag wurde Land gesichtet, doch es war fern, und die Sicht war durch Regenböen getrübt, die auf die Segel und Decks prasselten. Die Decks wurden jeden Morgen mit Bimssteinen von der Größe einer Bibel und mit Schleifsand geschrubbt. »Heiliges Schrubben« nannten es die Männer. Immer noch segelte die Pucelle, als wäre der Teufel hinter ihr her. Der Wind blieb stark und peitschte tagelang schneidenden Regen heran. Alles unter Deck wurde feucht und rutschig. Dann, an einem weiteren von Regen und Wind gepeitschten Tag passierten sie Kapstadt. Sharpe konnte nichts davon sehen außer einem dunstigen großen Berg mit flacher Kuppe, der von einer Wolke halb verborgen war.
Captain Chase befahl, dass neue Karten auf dem Tisch in seiner Tageskabine ausgebreitet wurden. »Ich habe jetzt die Wahl«, sage er zu Sharpe. »Entweder segele ich nach Westen in den Atlantik, oder wir fahren die Handelsrouten an der afrikanischen Küste entlang nach Norden.«
Die Wahl fiel Sharpe leicht. Er wäre lieber in der Nähe der Küste geblieben. Aber er war kein Seemann.
»Ich gehe ein Risiko ein«, erklärte Chase, »wenn ich nahe der Küste bleibe. Dort gibt es starke Strömungen, und ich riskiere auch Nebel. Zudem könnte es einen Sturm von Westen geben. Dann liegen wir auf Legerwall.«
»Und was bedeutet Legerwall?«, fragte Sharpe.
»Dass wir so stark gegen die Küste gedrückt werden, dass wir nicht mehr freikreuzen können und stranden«, sagte Chase knapp und ließ die Karte zusammenrollen. »Deshalb sagen die Vorschriften, dass wir nach Westen segeln«, fügte er hinzu. »Doch wenn wir das tun, riskieren wir, in eine Flaute zu geraten.«
»Wo ist die Revenant Ihrer Meinung nach?«
»Sie ist im Westen und meidet Land. Das hoffe ich jedenfalls.« Chase starrte aus dem Heckfenster zum weiß schäumenden Kielwasser. Er wirkte jetzt müde und älter, weil seine natürliche Überschwänglichkeit in den Tagen und Nächten ohne Schlaf und ständiger Sorge verloren gegangen war. »Vielleicht bleibt sie näher an der Küste«, überlegte er. »Sie kann eine falsche Flagge gehisst haben. Oder aber die Hirondelle hat sie nicht gesichtet. In diesen verdammten Windböen kann eine Flotte ein paar Meilen vor uns segeln, und wir sehen nichts davon.« Er zog seinen Wettermantel an, um wieder an Deck zu gehen. »An der Küste rauf, nehme ich an«, murmelte er vor sich hin, »und Gott verhüte, dass es einen Sturm von Westen gibt.« Er nahm seinen Hut. »Gott helfe uns, wenn wir die Revenant nicht finden. Ihre Lordschaften der Admiralität kennen kein Erbarmen mit Kapitänen, die ihre Position aufgeben und sich auf fruchtlose Verfolgungsjagden um den halben Erdball begeben. Und Gott helfe uns, wenn wir sie finden, und dieser Typ tatsächlich ein Schweizer Diener und überhaupt nicht Vaillard ist und der Erste Leutnant recht hat und er nicht nach Frankreich, sondern Cadiz anläuft. Das ist näher. Viel näher.« Er zuckte mit den Schultern. »Tut mir leid, Sharpe, ich bin keine gute Gesellschaft für Sie.«
»Ich habe eine bessere Zeit, als ich je zu erwarten gewagt habe, als ich an Bord der Calliope gegangen bin.«
»Gut«, sagte Chase und ging zur Tür. »Das ist gut. Und jetzt ist es an der Zeit, nach Norden zu segeln.«
Sharpe war genügend beschäftigt. Des Morgens trat er bei den Seesoldaten an, und dann gab es scheinbar endlose Übungen, denn Captain Llewellyn befürchtete, dass seine Männer einrosteten, wenn sie nicht beschäftigt waren. Sie feuerten mit ihren Musketen bei jedem Wetter, lernten es, wie sie die Schlösser ihrer Waffen gegen den Regen abschirmten. Sie feuerten von den Decks aus der Takelage, und Sharpe schoss mit ihnen, benutzte eine der Musketen für den Seedienst, die der Waffe ähnelte, mit der er als einfacher Soldat gefeuert hatte. Die Waffen waren empfindlich gegen die Salzluft, und die Seesoldaten verbrachten Stunden damit, sie zu reinigen und zu ölen, und noch mehr Stunden damit, mit Bajonetten und Entermessern zu üben.
Llewellyn bestand auch darauf, dass Sharpe seine neuen Spielzeuge, die siebenläufigen Volley Guns, ausprobierte, und so feuerte Sharpe vom Vordeck in die See und wurde vom Rückstoß fast umgeworfen. Das Laden dieser Waffe dauerte über zwei Minuten, doch der Captain der Seesoldaten sah darin keinen Nachteil. »Feuern Sie damit auf ein Deck der Franzosen, Sharpe, und es gibt das große Heulen und Zähneklappern!« Am allermeisten freute sich Llewellyn darauf, die Revenant zu entern, und er konnte es kaum erwarten, seine rot berockten Männer auf den Feind loszulassen. »Deshalb müssen meine Männer flink sein, Sharpe«, sagte er wiederholt.
Dann gab er einer Gruppe den Befehl, vom Vordeck zum Achterdeck zu rennen, zurück zum Vordeck, dann von backbord nach steuerbord und hin und zurück. »Wenn die Franzmänner uns entern«, sagte er, müssen wir schnell sein. Nicht rumtrödeln, Hawkins! Beeilung, Mann! Sie sind kein Lahmarsch, sondern ein Seesoldat!«
Sharpe rüstete sich mit einem Entermesser aus, das ihm viel besser gefiel als der Kavalleriesäbel, den er bei der Schlacht von Assaye getragen hatte. Das Entermesser hatte eine gerade Klinge, war schwer und plump, aber man konnte es wirkungsvoll einsetzen. »Sie fechten nicht mit ihnen«, mahnte Llewellyn, »denn es ist keine Waffe für das Handgelenk. Hacken Sie damit auf den Feind ein! Kräftigen Sie Ihre Arme, Sharpe. Klettern Sie jeden Tag die Masten hinauf, üben Sie mit dem Entermesser!«
Sharpe kletterte auf die Masten. Er fand es Furcht erregend, denn jede kleine Bewegung an Deck wurde verstärkt, je höher er stieg. Zuerst verzichtete er darauf, den obersten Teil der Takelage zu erreichen, doch er wurde geübt beim Hinaufklettern auf den Großmars, der eine breite Plattform hatte, wo der untere Mast mit dem oberen verbunden war. Die Matrosen erreichten die Mastspitze, indem sie die Wanten benutzten, die zum Rand der Plattformen führten, doch Sharpe zwängte sich immer durch das enge Loch neben dem Mast, statt über die Wanten zu klettern.
Lady Grace war den größten Teil der Woche nicht mehr in Sharpes Nähe gewesen, und es beunruhigte ihn, dass sie Distanz hielt. Ein-, zweimal hatte sie mit ihm Blicke getauscht, und diese stummen Zwiesprachen waren ihm wie eine Bitte vorgekommen. Es hatte keine Möglichkeit gegeben, mit ihr zu sprechen, und sie war nicht das Risiko eingegangen, ihn in der Nacht in seiner Kabine aufzusuchen. Jetzt stand sie an der Leeseite des Achterdecks, nahe bei ihrem Mann, der mit Malachi Braithwaite sprach, und sie schien zu zögern, bevor sie sich Sharpe und Captain Chase näherte, doch dann entschloss sie sich mit sichtlicher Mühe, das Deck zu überqueren. Malachi Braithwaite beobachtete sie, während ihr Mann stirnrunzelnd in Papieren blätterte.
»Wir kommen heute langsam voran, Captain Chase«, sagte sie steif.
»Wir haben eine Strömung, Mylady, die uns unsichtbar hilft, aber ich wünschte, der Wind würde auffrischen.« Chase blickte mit gerunzelter Stirn zu den Segeln hinauf. »Einige Leute glauben, man könnte den Wind mit Pfeifen ermuntern, doch es wirkt anscheinend nicht.« Er pfiff den Anfang eines Seemannsliedes, doch dem sehr leichten Wind war das gleichgültig. »Sehen Sie?«
Lady Grace starrte Chase anscheinend sprachlos an, und der Captain spürte plötzlich, dass sie etwas auf dem Herzen hatte. »Mylady?«, fragte er mit betroffener Miene.
»Könnten Sie mir auf einer Karte zeigen, wo wir sind, Captain?«, platzte es aus ihr heraus.
Chase zögerte, verwirrt von der plötzlichen Bitte. »Es wäre mir ein Vergnügen, Mylady«, sagte er dann. »Die Karten sind in meiner Tageskabine. Wird Seine Lordschaft ...«
»Ich werde gewiss in Ihrer Kabine sicher sein, Captain«, sagte Lady Grace.
»Sie haben das Kommando, Mister Peel«, sagte Chase zum Zweiten Leutnant, dann führte er Lady Grace vom Achterdeck durch einen Durchgang zur Backbordseite, von wo aus es zu Chases Tageskabine ging. Lord William sah sie und runzelte die Stirn, was Chase verharren ließ. »Möchten Sie auch die Karten sehen, Mylord?«, fragte der Captain.
»Nein, nein«, antwortete Lord William und las weiter in seinen Papieren.
Braithwaite beobachtete Sharpe, und Sharpe wusste, dass er alles vermeiden sollte, was den Verdacht des Sekretärs erregen konnte, aber er glaubte nicht, dass Lady Grace wirklich die Karten sehen wollte. So ignorierte er Braithwaites feindseligen Blick und ging zu seiner Schlafkabine, die sich jenseits der Steuerbordtür unter dem Achterdeck befand. Er klopfte an die Tür, die von der Schlafkabine in die Tageskabine führte, erhielt jedoch keine Antwort und trat unaufgefordert in die große Heckkabine.
»Sharpe!« Chase zeigte eine Spur von Ärger, denn so freundlich er auch war, sein Quartier war ihm heilig, und außerdem hatte er nicht auf das Klopfen an der Tür reagiert.
»Captain«, sagte Lady Grace und legte eine Hand auf seinen Arm, »bitte.«
Chase, der im Begriff gewesen war, eine Karte zu entrollen, blickte von Grace zu Sharpe und wieder zurück zu ihr. Dann rollte er die Karte zusammen. »Ich habe heute Morgen tatsächlich vergessen, die Chronometer aufzuziehen«, sagte er. »Würden Sie mich entschuldigen?« Er ging an Sharpe vorbei in die Speisekabine und schloss die Tür ostentativ mit einem absichtlich lauten Klicken.
»O Gott, Richard.« Lady Grace lief zu ihm und umarmte ihn.
»Was ist los?«
Sekundenlang sagte sie nichts, doch dann erkannte sie, dass ihr wenig Zeit blieb, wenn sie und der Captain nicht ins Gerede kommen wollten. »Es geht um den Sekretär meines Mannes«, hauchte sie.
»Ich weiß über ihn Bescheid.«
»So?« Sie starrte ihn überrascht an.
»Erpresst er dich?«, riet Sharpe.
Sie nickte. »Und er beobachtet mich.«
Sharpe küsste sie. »Überlass ihn mir. Und jetzt geh, bevor Gerüchte entstehen.«
Sie küsste ihn leidenschaftlich. Dann kehrte sie zurück aufs Deck, das sie vor gerade mal zwei Minuten verlassen hatte.
Sharpe wartete, bis Chase seine Chronometer aufgezogen hatte und in die Tageskabine zurückkehrte. Chase rieb sich müde übers Gesicht und musterte dann Sharpe. »Nein so was«, sagte er und ließ sich in seinen tiefen Lehnsessel sinken. »Das nennt man mit dem Feuer spielen, Sharpe.«
»Ich weiß, Sir.« Sharpe stieg das Blut in die Wangen.
»Nicht, dass ich Ihnen das verdenken könnte«, sagte Chase. »Guter Gott, glauben Sie das nicht. Ich war selbst ein scharfer Hund, bis ich Florence kennen lernte. Eine liebe Frau! Eine gute Ehe neigt dazu, einen Mann solide zu machen, Sharpe.«
»Ist das ein Rat, Sir?«
»Nein.« Chase lächelte. »Es ist Prahlerei.« Er schwieg kurz und sagte dann: »Dies wird doch nicht eskalieren, oder?«
»Nein«, sagte Sharpe.
»Es ist nur, dass Schiffe sonderbar anfällig sind, Sharpe. Die Leute können zufrieden sein und hart arbeiten, aber es fehlt nicht viel, und es gibt Streit.«
»Es wird nicht eskalieren, Sir.«
»Natürlich nicht. Wenn Sie es sagen. Nun gut. Sie haben mich überrascht. Oder vielleicht auch nicht. Sie ist eine Schönheit, und Sir William ist ein sehr kalter Fisch. Ich glaube, wenn ich nicht so glücklich verheiratet wäre, wäre ich neidisch auf Sie. Positiv neidisch.«
»Wir sind nur gute Bekannte«, sagte Sharpe.
»Natürlich sind Sie das, mein lieber Freund, natürlich sind Sie das.« Chase lächelte. »Aber ihr Ehemann könnte etwas mehr als eine - Bekanntschaft darin sehen.«
»Ich glaube, das könnte man sagen, Sir.«
»Dann sorgen Sie dafür, dass nichts passiert, denn es fällt unter meine Verantwortung.« Chase sprach diese Worte mit harter Stimme und lächelte dann. »Aber sonst wünsche ich Ihnen viel Spaß. Und leise, ich bitte darum, heimlich, still und leise.« Letzteres flüsterte Chase. Dann stand er auf und ging zurück aufs Achterdeck.
Sharpe wartete eine halbe Stunde, bevor er die Heckkabine verließ. Er tat sein Bestes, um jeden Verdacht zu zerstreuen, den Braithwaite zwangsläufig haben musste, doch als Sharpe das Achterdeck wieder betrat, hatte der Sekretär es verlassen, und das war vielleicht gut so, denn Sharpe war von kaltem Zorn erfüllt.
Und Malachi Braithwaite hatte sich einen Todfeind gemacht.