Der Rattengott

Der flackernde Schein der Flammen erhellte den stillgelegten Subway-Tunnel. Dreißig Meter unter der mondänen 5th Avenue saßen zwei Männer am Lagerfeuer. Mole People

-Maulwurfsleute nannte man die Ausgestoßenen und Deklassierten, die in dem bis zu zehn Stockwerke tiefen Labyrinth aus Subway-Tunnels und Abwasserkanälen hausten.

"Das riecht gut, Randy!", sagte einer der beiden und deutete auf das Stück Fleisch, das am Spieß steckte.

Rattenfleisch.

Der andere lachte, hustete dann. Das Klima in diesem Gewölbe war feucht kalt wie in einer Totengruft.

"Ich sollte hier unten ein Restaurant aufmachen, was, Doug?" Randy drehte den Spieß herum. "Ich hoffe nur, dass wir uns jetzt nicht den Zorn des Rattengottes zugezogen haben, der da unten irgendwo hausen soll..."

*

"Das sind doch alles nur Geschichten, Doug!", meinte Randy.

"Ich kannte mal einen, der den Rattengott gesehen haben will!"

"So ein Quatsch. Er hätte das kaum überlebt!"

"Wieso?"

"Niemand überlebt ein Zusammentreffen mit dem Rattengott.

Das weiß doch jeder..."

"Ich lass mir den Braten trotzdem schmecken!"

Randy sprang plötzlich auf. Unter dem mottenzerfressenen Mantel, den er trug, riss er eine Schleuder hervor.

Blitzschnell ging das. Mit reflexartigen Bewegungen legte er eine Stahlkrampe ein und schoss auf den etwa zwei Yards durchmessenden Schatten. Er war ein guter Schütze. Aber diesmal verfehlte er. Die Stahlkrampe klirrte gegen den Beton des Tunnels. Die große grauschwarze Ratte, deren Schatten er gesehen hatte, zischte mit einem zornigen Piepslaut davon.

"Scheiße!", sagte Randy. "Ich dachte, wir hätten auch für morgen schon was zwischen den Zähnen gehabt!"

Doug lachte.

"Leider wohl Fehlanzeige!"

Randy blickte in die Dunkelheit, die sich an jenen Bereich anschloss, der vom flackernden Feuerschein notdürftig erhellt wurde.

Randy erstarrte. Sein Blick fixierte eine Stelle genau auf der Grenze zwischen spärlichem Licht und undurchdringlicher Finsternis.

Da saß sie. Die Ratte.

Genau auf der Grenze.

Als ob sie uns beobachtet!, ging es Randy durch den Kopf.

Das Tier schien auf irgendetwas zu warten. Randy ging einen Schritt auf sie zu, stampfte auf.

Die Ratte wich nicht zurück. Sie schien keinerlei Scheu zu besitzen. Fast wirkte es so, als würde das Tier genau wissen, dass sein menschliches Gegenüber viel zu langsam war, um es bei einer Verfolgung einholen zu können. Randy näherte sich noch einen weiteren Schritt.

"Du kannst nicht verlieren, was Alter?", lachte Doug aus dem Hintergrund heraus.

Randy legte eine weitere Stahlkrampe in die Schleuder.

Die Ratte zuckte zurück, verschwand in der Dunkelheit.

Als ob sie Randys Absicht erkannt hatte!

Ein Frösteln überkam Randy. Das ist unmöglich!, ging es ihm durch den Kopf. Das würde voraussetzen, dass sie weiß, was eine Schleuder ist und dass sie nur gefährlich werden kann, wenn eine Stahlkrampe eingelegt wurde...

Aber intelligente Ratten gab es nur in Horrorfilmen.

Schabende, kratzende Geräusche ließen Randy aufhorchen. Er ging bis zu der Grenze zwischen Licht und Finsternis. Du wirst dir nicht von so einem Rattenvieh den Schneid abkaufen lassen!, durchzuckte es ihn. Er sah sich um, so gut es ging.

Mehr als undeutliche Schatten konnte er nicht mehr erkennen.

Er ließ die Schleuder sinken, hielt sie nur noch in der Rechten, während die Linke in eine der Taschen seines etwas zu groß geratenen Mantels griffen. Randy holte eine Taschenlampe hervor. So etwas gehörte zum Überleben, wenn man hier unten, im unterirdischen Reich der Mole People sein Dasein fristete. Er hatte sie gestohlen. Aber der Typ, dem er sie abgenommen hatte, war wohl auch nicht der rechtmäßige Besitzer gewesen. Die Batterien waren schon schwach. Randy benutzte die Lampe daher nur, wenn es unvermeidlich war.

Und er hatte das Gefühl, dass dies so ein Augenblick war.

Unruhe erfasste ihn. Eine Unruhe, die aus einem unangenehmen, nagenden Gefühl heraus geboren wurde: der Furcht. Er konnte nicht mit Bestimmtheit sagen, wodurch dieses Unbehagen hervorgerufen wurde. An die düstere, feuchtkalte Umgebung dieser beinahe gruftartigen Gewölbe war er schließlich gewöhnt. Piepslaute ertönten. Da war irgendetwas, vor ihm in der undurchdringlichen Schwärze.

Randy ließ den schwachen Lichtkegel kreisen. Es war wirklich nicht mehr viel Energie in den Batterien.

"Lass es sein, Randy!"

"Halts Maul!", zischte Randy etwas barscher, als er es eigentlich vorgehabt hatte.

"Häh?" Doug glaubte wohl, sich verhört zu haben. "Spinnst du jetzt, oder was ist los, Alter?"

Randy fand die Ratte schließlich mit dem Lichtstrahl. Sie huschte auf ihn zu.

Aber sie war nicht allein. Ein gutes Dutzend Artgenossen kamen mit ihr.

Sie griffen an!

Randy brauchte eine Sekunde, bis ihm das klar wurde. Und da war es bereits zu spät. Die grauen Nager hatten ihn erreicht.

Die erste schlug ihre Nagezähne in seine Wade. Randy schrie auf, wich zurück, trat um sich und versuchte das Tier abzuschütteln. Aber schon umringte ein Schwarm grauschwarzer Rattenleiber seine Füße. Sie sprangen hoch, verbissen sich in seinen Beinen. Eines der Tiere krabbelte an seinem Bein bis zum Knie empor. Der Stoff der Hose riss.

"Scheiße!", kreischte Randy.

Sein Kumpel starrte ihn nur an.

Doug vergaß sogar den Rattenbraten herumzudrehen. Ein verbrannter Geruch verbreitete sich.

"Ey, das glaubt doch keiner...", flüsterte er vor sich hin.

Randy schlug wie panisch mit der Schleuder auf die Angreifer ein. Er trat um sich, schüttelte sie von sich. Mit kleinen Fleischstücken im Mund wurden sie durch den Subway-Tunnel geschleudert und gegen die nahe Betonwand geklatscht.

"Hilf mir doch, Doug!", rief Randy.

Jetzt endlich erwachte Doug aus seiner Erstarrung. Er holte einen Totschläger aus Hartgummi unter seinem ziemlich verdreckten Cool Wool-Mantel hervor, den irgendein reicher Pinkel der Kleiderkammer von St. Joseph's gespendet hatte.

Doug schob sich seine Wollmütze etwas in den Nacken. Der Puls schlug ihm bis zum Hals. So etwas hatte er noch nie gesehen.

Es überstieg alles, was er bisher miterlebt hatte. Selbst hier, in der unwirtlichen Welt der Mole People.

Randy wehrte sich noch immer verzweifelt.

"Nun mach doch was!", rief er. Es gelang ihm einfach nicht, mit den Tieren fertig zu werden. Sie waren hartnäckig und verbissen sich todesmutig in ihr Opfer. Sie waren sich ihrer Sache verdammt sicher. Irgendwann würden sie den um so viel größeren Menschen zur Strecke bringen...

Doug rannte hinzu, schlug mit dem Gummiknüppel auf die Ratten ein. Kreischlaute durchdrangen das Gewölbe, hallten geradezu schauerlich zwischen den modrig-kalten Betonwänden wider. Wie ein Berserker wütete Doug unter ihnen. Sein Kumpel bekam dabei auch einige Knüppelschläge ab.

Schließlich hatte er die kleinen Bestien erst einmal auf Distanz gebracht.

Er zog Randy mit sich, in Richtung des Feuers.

Die beiden Männer waren außer Atem.

Randy hustete erbärmlich, bekam zunächst überhaupt keine Luft. Er lief puterrot an.

Doug blickte sich um. Das Kratzen und Schaben, vermischt mit aggressiv klingenden, piepsigen Lauten war von allen Seiten zu hören. Es werden immer mehr!, durchzuckte es Doug.

Die grauen Biester schienen sich zu einem Angriff zu sammeln.

Doug stierte auf Randys Beine.

Die Ratten hatten seinen Kumpel übel angegriffen. Die Hose war zerfetzt bis zu den Knien. Die Unterschenkel waren blutig. Dutzende von bösen Bisswunden klafften dort. Die Bissmale der Nagezähne waren deutlich zu sehen. Kleinere Stücke aus dem Muskel hatten die Biester regelrecht herausgerissen. Randys Hände waren auch blutig. Er zitterte leicht.

"So etwas gibt es doch nicht!", flüsterte er. Dutzendfach hatten Randy und Doug die blutigen Geschichten gehört, die man sich über den Rattengott erzählte, jenes geheimnisvolle ETWAS, das da tief unter der Oberfläche New Yorks hauste.

Eine Art Herr der Ratten, von dessen Opfern nichts weiter als abgenagte Knochen zurückblieben. Von Rattenschwärmen hatte er gehört, die wie von einer geheimnisvollen Macht gelenkt sich auf einzelne Mole People gestürzt und sie umgebracht hatten.

Aber wirklich geglaubt hatte Randy diese Geschichten nicht.

Niemand, den er kannte, hatte diese Stories wirklich ernst genommen. Aber jetzt...

Aus der Dunkelheit heraus war das Kratzen und Scharren von unzähligen Ratten zu hören. Ihre trippelnden Schritte halten wider, machten es unmöglich, ihre Anzahl zu schätzen. Noch schienen sie sich bewusst auf Distanz zu halten. Die grauen Biester verharrten in der Zone der Dunkelheit...

Randys blutige Linke hielt zitternd die Taschenlampe, ließ den schwachen, gelbstichigen Lichtkegel umherkreisen. Das Licht flackerte. Aber Randy sah genug. Tausende von grauen Pelzen. Sie schoben sich den Subway-Tunnel entlang. Auf den ersten Blick konnte man meinen, einen einzigen, kriechenden Organismus vor sich zu haben.

Kneif dich, das muss ein Albtraum sein!, durchzuckte es Randy. Er wollte etwas sagen. Aber kein einziger Laut kam über seine Lippen. Ein Kloß steckte ihm im Hals. Er schluckte. Ein Hustanfall schüttelte ihn.

Doug nahm ein Stück Holz aus dem Feuer. Schwellenholz gab es immer noch mehr als genug in den alten Subway-Tunnels. Ein Glück für die Mole People.

Wie eine Fackel hielt Doug das brennende Holzstück vor sich.

"Vielleicht haben sie ja davor Respekt!", meinte er.

"Glaube ich nicht", flüsterte Randy.

"Nun mach dir nicht in die Hosen..."

"Siehst du das denn nicht Doug? Scheiße, merkst du gar nicht, was hier los ist?"

Ein vibrierender Tonfall schwang in Randys Worten mit.

"Nicht durchdrehen, Randy!", sagte Doug.

"Ich weiß nicht warum, schließlich haben wir schon hunderte von diesen grauen Biestern verzehrt, aber..." Er stockte. Die Schar der Ratten schob sich inzwischen aus der Zone der Dunkelheit heraus. Langsam rückten sie ins Licht vor. Dicht gedrängt. Ihre Piepstimmen waren geradezu ohrenbetäubend.

"...wir müssen den Zorn dieses verdammten Rattengottes erweckt haben!"

"Quatsch nicht!"

Der Angriff erfolgte wie durch einen Befehl.

Als ob ein gemeinsames Bewusstsein diese Riesenschar von Ratten lenkte, sie dazu antrieb, exakt im selben Moment anzugreifen. Sie huschten vorwärts. Von allen Seiten kamen sie. Doug trat ihnen mit kreidenbleichem Gesicht entgegen, schwenkte die Fackel, streckte ihnen das Feuer entgegen.

Schreibend stoben einige von ihnen zur Seite, liefen übereinander. Aber sie waren einfach zu zahlreich.

Gegenseitig schoben sie sich vorwärts. Soweit das Auge reichte bedeckte ein Teppich aus ihren graubepelzten Leibern den Boden des Subway-Tunnels. Randy schrie laut auf. Er versuchte verzweifelt, sich zu wehren. Er legte eine Stahlkrampe in die Schleuder und schoss sie ab. Ein Akt blanker Verzweiflung, denn natürlich konnte er dadurch nichts ausrichten. Die Stahlkrampe schlug in einen der grauen Körper, riss ein blutiges Loch hinein, aber schon Sekundenbruchteile später, war dieser Körper unter hundert anderen begraben.

Immer weiter wichen die beiden Männer zurück, bis sie nahe am Feuer standen. Sie schleuderten den grauen Biestern brennende Holzscheite entgegen, schlugen und traten um sich.

Aber von allen Seiten drangen weitere Ratten in ihre Richtung vor. Ihrer Masse wegen waren sie nicht aufzuhalten. Sie verbissen sich in den Beinen, sprangen am Körper empor.

Schreie gellten durch das modrige Subway-Gewölbe. Schreie puren Grauens. Randy kam zu Fall. Seine Augen waren weit aufgerissen. Die Ratten krabbelten über seinen Körper.

Dutzende von ihnen rissen zur gleichen Zeit an seinen Kleidern, zerfetzten sie, bissen in den ungeschützten Körper darunter.

Randy brüllte wie am Spieß.

Doug wandte für einen kurzen Moment den Blick zu seinem Kumpel, sah noch, wie er völlig unter den Körpern der angreifenden Nager begraben wurde. Wellen des Schmerzes durchfuhren ihn gleichzeitig, denn die grauen Biester hatten sich längst auch in seine Waden verbissen. Doug schlug verzweifelt um sich. Die Fackel in seiner Hand konnte einige der kleinen grauen Feinde zeitweilig verscheuchen. Aber allzu weit konnten sie gar nicht zurückweichen. Dazu drängten viel zu viele ihrer Artgenossen unaufhaltsam nach. Sie sprangen an Doug empor, fraßen sich in seiner Kleidung fest, bissen unbarmherzig zu und schlugen ihre Nagezähne schließlich in sein weiches Fleisch. Das ist das Ende!, durchzuckte es Doug.

Der Rattengott... Ja, was konnte es außer dem Zorn dieses unfassbaren Wesens für eine andere Erklärung geben? Was hier geschah widersprach jeder Vernunft, jeder Erfahrung.

Die kleinen Nager hängten sich an Doug, verbissen sich in seinen Händen. Er verlor die Fackel, versuchte sie abzuschütteln. Panik erfasste ihn. Er war zu keinem klaren Gedanken mehr fähig. Unter seinen Füßen spürte er die kleinen Körper der Nager, hörte Knochen knacken, wenn er auf sie drauf trat. Er stolperte, taumelte vorwärts und kam dann zu Fall. Ein Teppich von Rattenkörpern bedeckte ihn und fraßen ihn bei lebendigem Leib auf.

*

Chase Blood zog mit seiner Harley eine Bremsspur und brachte die Maschine wenige Zentimeter vor dem Maschendrahtzaun zum Stehen.

Eine zweite Maschine raste heran.

Es handelte sich um eine Kawasaki, deren Fahrer im Übrigen wesentlich vorsichtiger als Chase war.

Etwa einen Meter vor dem Zaun stoppte er sein Motorrad.

"Echt cool, Chase!", meinte der Kawasaki-Fahrer. Er trug eine Wildlederjacke mit Fransen. Der Kopf wurde von einem Piratentuch bedeckt.

Chase grinste und stieg von der Harley. Er bockte sie auf.

"Alles eine Frage der Übung, Stoney!", meinte er leichthin.

"Wahrscheinlich vergesse ich einfach nur nie, dass wir Vampire zwar tot, aber immer noch schmerzempfindlich sind.

Jedenfalls die meisten von uns..."

"Schon Scheiße."

"Wem sagst du das, Alter!"

Chase kannte Stoney schon eine halbe Ewigkeit. Stoney war ein guter Kumpel, dem er dummerweise noch einen Gefallen schuldig war. Und deswegen hatte er ihn in dieser Nacht hier her mitgenommen.

"Du hast gesagt, heute Nacht gibt's noch richtig Remmidemmi!", meinte Stoney.

"Maul nicht rum, Stoney."

"Ja, war das nun alles nur Gelaber oder kommt da noch was!

Ein richtiges Gemetzel mit allem drum und dran hast du mir versprochen!"

"Ja, kriegst du auch noch!"

"Solltest du nicht einen abmurksen?"

"Komm, sei still!"

Chase ließ den Blick schweifen. Er rüttelte kurz an dem etwa zwei Meter fünfzig hohen Drahtzaun, der das Gelände des alten Navy Yards von New York abgrenzte. Seit die Navy sich aus dem Big Apple zurückgezogen hatte, war der ehemalige Marinehafen eine Art Industriebrache. Die Anlagen rosteten vor sich hin. Jemanden zu finden, der der Bundesregierung in Washington das Gelände abkaufen und es einer neuen Nutzung zuführen würde, war nicht so einfach. Wer wollte schon im wahrsten Sinn des Wortes einen Haufen Schrott kaufen, unter dem sich dann vermutlich noch alle möglichen Altlasten verbargen?

Seit Jahren schon war der Navy Yard eine Art Niemandsland im Norden Brooklyns.

Aber seit kurzem hatten sich hier ein paar neue Bewohner breit gemacht, die der hässliche Anblick, den das Gelände bei Tage bot, schon deshalb nicht störte, weil sie nachtaktiv waren.

Vampire wie Chase und Stoney waren sie.

Nur, dass sie hier im Big Apple nichts zu suchen hatten.

Darum hatte Fürst von Radvanyi, der uralte Herr der New Yorker Vampire, Chase den Auftrag gegeben, sie zu eliminieren.

Da die Fremden zu dritt waren, konnte Chase durchaus etwas Hilfe gebrauchen. Außerdem hatte Stoney eine sehr praktische Fähigkeit. Er konnte die Anwesenheit anderer Vampire auf eine Distanz von mehreren hundert Metern hinweg spüren. Auf diese Weise brauchte Chase nicht das ganze Navy Yard-Gelände abzusuchen.

"Da hinten ist ein Loch im Zaun!", meinte Stoney und deutete mit dem ausgestreckten Arm an eine Stelle, die nur ein paar Meter entfernt war.

"Da zwängen wir uns nicht durch!", erwiderte Chase.

Er holte eine Kette aus der Satteltasche. Er schlang sie erst durch den Gepäckbügel hinten an der Maschine und dann um einen der Metallpfosten, die den Drahtzaun hielten.

Er schloss die Enden zusammen. Dann setzte er sich auf den Bock und ließ die Harley aufheulen. Die Maschine brauste los, riss den Zaun zu Boden.

Chase bremste, löste die Kette wieder und steckte sie zurück an ihren Ort.

Stoney war sichtlich beeindruckt.

"Alle Achtung!", meinte er. "Deine Maschine hat wirklich einiges im Tank!"

"Ja, und so ein Zaun, der mitten über eine Straßenzufahrt führt hat mich sowieso immer gestört!"

Chase drehte die Harley herum und knatterte über den niedergerissenen Zaun drüber. "Los, komm schon!", rief er Stone zu. Der ließ sich nicht zweimal bitten und fuhr hinterher.

"Tut den Reifen aber nicht gut!", meinte er.

"Dann nimmst du die falsche Sorte, Stoney!"

"Sehr witzig! Und wie geht's jetzt weiter?"

"Deiner Nase nach, Stoney!"

"Okay!"

Stoney brauste voran. Chase fuhr mit seiner Harley hinterher. Chase hoffte nur, dass auf Stoneys besondere Fähigkeiten in diesem Fall auch Verlass war. Sie rasten in einem Höllentempo an einigen vor sich hin rostenden Kränen vorbei. Gleise führten direkt bis zu den Piers. Sie fuhren zwischen zwei Lagerhallen hindurch und erreichten schließlich einen Punkt, von dem aus man einen freien Blick auf den East River hatte. Auf der anderen Seite leuchteten die Lichter von Manhattan. Der Navy Yard war vermutlich einer dunkelsten Punkte des Big Apple. Der Mond stand als großes, fahles Oval am Himmel. Und im Gegensatz zu anderen Standorten in New York City, an denen die Neonlichter die Nacht zum Tag machten, konnte man hier die Sterne sehen.

In der Nähe der Kaimauer lag eine Leiche.

Immer wieder schlugen Obdachlose ihr Lager im alten Navy Yard auf.

Diesem hier war das zum Verhängnis geworden.

Eine Blutlache ergoss sich neben ihm, rann den abschüssigen Asphalt entlang.

Die Kehle des Mannes war zerrissen.

Auf seiner Brust saßen zwei ungewöhnlich große Ratten.

Pechschwarz waren sie. Jede von ihnen hatte sich an einer bestimmten Stelle in den Leichnam hinein gebissen. Eine an der Kehle, die andere in Höhe der Bauchschlagader. Das Blut schoss in Strömen heraus. Schlürfende Geräusche waren zu hören.

Die herannahenden Motorräder ließen die beiden Ratten aufblicken.

Aber sie flüchteten nicht.

Im Mondlicht war zu sehen, dass außer ihren typischen Nagezähnen noch zwei andere Zahnpaare aus ihrem Mund herauswuchsen. Langgezogene Vampirzähne, von denen das Blut tropfte. Chase stieg von seinem Motorrad.

Stoney folgte seinem Beispiel.

"Das sind sie!", meinte er.

"Deine Nase hat dich nicht getrogen!", erwiderte Chase und holte seine Schrotpistole unter der Lederjacke hervor.

Er feuerte.

Und erwischte eine der Ratten voll.

Ein schrilles Kreischen ertönte.

Die Ratte war nur noch ein blutiges Stück Fleisch, dass sich über den Asphalt kugelte, schließlich liegen blieb und dann...

Die Verwandlung setzte ein.

Der Rattenkörper dehnte sich aus, veränderte sich.

Menschliche Arme und Beine wurden geformt. Haut, Haare, Kleidung...

Ein Albino mit weißen, stachelig zur Seite stehenden Haaren und roten Augen kauerte sich aus dem Asphalt. Er trug einen langen, schwarzen Ledermantel. Das weiße Hemd darunter war blutig.

Er stieß einen Knurrlaut aus.

"Hey, mach ihn alle, bevor er sich wieder erholt hat!", meinte Chase an Stoney gewandt.

Stoney hatte inzwischen eine High Tech-Armbrust aus den Satteltaschen seiner Kawasaki hervorgeholt und die Waffe mit einem Holzpflock-Geschoss bestückt. Vor seiner Konvertierung war er nämlich als Vampir-Jäger tätig gewesen. "Ich hoffe, das Ding ist inzwischen nicht eingerostet!", murmelte er.

Der Albino hatte sich gerade halb aufgerichtet.

Er musste ein ziemliches Loch in der Bauchgegend haben.

Aufstöhnend presste er die Hand gegen den Körper.

Rot rann es ihm zwischen den Fingern hindurch.

Seine Augen traten hervor. Die rote Farbe der Iris breitete sich aus, erfüllte nun das ganze Auge. Das Gesicht verzog sich zu einer Grimasse des Schmerzes und der Wut. Die bluttriefenden Vampirzähne traten deutlich hervor.

"Sorry, dass wir dich bei der Mahlzeit stören mussten!", grinste Stoney und drückte ab.

Aber Stoney war wohl etwas aus der Übung.

Der Pflock traf nicht das Herz, sondern fuhr dem Albino in den Mund.

Das etwa einen Fuß lange Stück verschwand fast gänzlich im Mund und ragte am Hals mit der blutigen Spitze wieder heraus.

Die unglaubliche Wucht des Geschosses riss den Albino zurück, nagelte ihn förmlich auf den Asphalt. Er konnte nicht schreien, stöhnte nur unterdrückt.

"Scheiße", sagte Stoney. "Ich hätte zwischendurch mal trainieren müssen."

Chase ballerte inzwischen auf die andere Ratte.

Aber die war gewarnt und schnellte zur Seite. Allerdings wartete sie damit, bis Chase abdrückte. Es machte den Anschein, als ob sie genau wusste, dass eine panische Flucht das schlechteste Mittel war, um einem Schuss auszuweichen.

Sie wartete den Moment ab, in dem Chase feuerte, um dann mit blitzartiger Schnelligkeit zur Seite zu weichen. Eine Schnelligkeit, die jedes natürliche Maß überschritt.

Nein, das ist niemals eine normale Ratte!, durchzuckte es Chase.

Man brauchte kein Zoologe zu sein, um zu wissen, dass ein Tier sich nicht so verhielt.

Der Schuss fetzte in den Körper des am Boden liegenden Sterblichen hinein, während die Ratte ein paar Meter weiter huschte. Sie hütete sich davor, ihre menschliche Vampir-Gestalt anzunehmen. Denn als Ratte war sie nur ein kleiner Schatten, fast unsichtbar dort, wo das Mondlicht nicht hinreichte.

Stoney hatte inzwischen den zweiten Pflock eingelegt.

"Schieß auf die Ratte!", rief Chase. "Der Albino ist im Moment sowieso kampfunfähig!"

Stoney schoss.

Der Pflock ging daneben.

Die Ratte war weg.

"Verdammte Kacke!", murmelte Stoney.

"Hinterher, den kriegst du noch!"

Stoney schwang sich auf die Kawasaki, brauste dorthin, wo er die Ratte zuletzt gesehen hatte. Irgendwo in der Nähe eines ehemaligen Depot-Gebäudes, das seit dem Abzug der Navy leer stand, war das graue Biest verschwunden. Stoney bremste, blickte sich um.

Er nahm die Armbrust, legte einen neuen Pflock ein.

Unter seiner Fransenjacke ragte der untere Teil eines Futterals hervor, in dem eine Machete steckte. Wenn es hart auf hart ging, konnte er seinem Gegner auch damit ein Ende setzen. Auf der anderen Seite trug er unter der Jacke verborgen ein Schulterholster, in dem ein Colt Magnum Kaliber

.45 steckte.

Unter anderem gut als Türöffner zu gebrauchen.

Stoney war überzeugt davon, dass die Ratte durch eine der zahllosen Ritzen und Löcher in den Wänden des Depots verschwunden war.

Er ging zum Haupttor, sprengte das Schloss mit einem gezielten Schuss aus dem 45er auf. Die Kugel riss ein fast faustgroßes Loch in das weiche Metall hinein. Dann steckte er die Waffe wieder weg und schob mit der Linken das Tor soweit auf, das er hindurchgehen konnte. Die Schiebevorrichtung war ziemlich verrostet. Selbst für einen nicht gerade schwachen Vampir war das anstrengend. Für die letzten Zentimeter benutzte Stoney den Fuß.

Chase kümmerte sich inzwischen um den Albino.

Er beugte sich über ihn.

"Wer hat euch geschickt, Ratte?", knurrte er.

Aus dem Mund des Albinos kam nur ein heiseres Röcheln.

Und Blut.

"Wirklich Scheiße, dass du im Moment nicht sprechen kannst!", meinte Chase. "Aber ich habe auch keine Lust, darauf zu warten." Er hätte dem Albino mit einem Schuss aus seiner großkalibrigen Schrotpistole den Kopf mehr oder minder wegblasen können. Aber ihm war klar, dass er einige Abpraller abkriegen konnte, wenn er gegen den Asphalt schoss. Und sowas tat weh. Also steckte er die Pistole weg, nachdem er sie nachgeladen hatte und holte das lange Hiebmesser hervor, das er üblicherweise benutzte.

Ein saftiger Hieb und der Kopf des Albino-Vampirs wurde vom Rumpf getrennt.

Der Albino war wohl nicht besonders alt.

Jünger jedenfalls, als der Bleichling aussah.

Jedenfalls zerfiel er nicht sofort, sondern rottete innerhalb einer halben Minute vor sich hin, zerfiel langsam.

Ein ekelerregender Geruch verbreitete sich. Der Gestank der Verwesung. Das Fleisch fiel von den Knochen. Der Albino mutierte zu einem madenzerfressenen Leichnam, der aussah wie frisch exhumiert, ehe er endlich zu Staub zerrieselte.

Das hätten wir!, dachte Chase zufrieden. Wie schön, wenn man einen interessanten Job hat!

*

Chase folgte Stoney in das Depot. Ein paar mehr oder weniger ausgeschlachtete Militärfahrzeuge älteren Baujahrs standen in der Depothalle herum. Außerdem jede Menge Transportkisten, für die wohl auch niemand mehr Verwendung hatte. Mondlicht fiel durch die Fenster, die etwa in dreieinhalb Metern Höhe eine Art Streifen bildeten.

Chase hatte eine große Stabtaschenlampe dabei.

"Hey, Stoney, so tappst du doch wie ein Blinder hier herum!"

"Strom gibt's hier nicht mehr, was?"

"Meinst du, die Navy würde den zahlen, damit ein paar Vampire es ein bisschen angenehm hell haben, wenn sie hier unterkriechen?"

Chase ließ den Lichtkegel schweifen.

"Die Ratte können wir hier lange suchen, Chase!"

"Ja, wir hätten gerade besser treffen sollen!"

"Scheiße, Mann! Als ob ich absichtlich daneben gezielt hätte!"

"So behämmert, wie du dich angestellt hast, könnte man das fast denken, Stoney!"

"Danke! Das Kompliment gebe ich gerne zurück!"

"Leck mich doch!"

Ein Geräusch ließ sie beide herumwirbeln. Der Lichtkegel erfasste eine schwarze Ratte, die zwischen den platten Reifen eines Jeeps hindurch kroch.

Chase zog die Schrotpistole. Ohne viel zu überlegen ballerte er los.

Zweimal hintereinander.

Der erste Schuss traf den platten Reifen, fetzte das Gummi auseinander. Die Ratte bekam aber auch etwas mit, kreischte auf. Der zweite Schuss erwischte das Biest voll. Ein blutiger Klecks blieb zurück. Knochen, Fell und Eingeweide.

Chase lud noch einmal nach.

"Hey, das war eine echte Ratte!", meinte Stoney.

"Ja, sieht so aus!"

Wieder huschten Schatten. Für einen kurzen Moment war eine weitere Ratte auf der anderen Seite der Halle neben einem Stapel von Transportkisten zu sehen, als sie ins Mondlicht kroch.

Stoney riss den 45er heraus, ballerte wie verrückt auf das Tier. Immerhin traf eine der Kugeln. Die Ratte machte einen Salto und blieb als blutiger Kadaver liegen.

"Offenbar können sich die Brüder, die wir suchen in Ratten verwandeln - da liegt es eigentlich auch nahe, dass sie sie beeinflussen können!", meinte Chase. "Ich würde das jedenfalls an ihrer Stelle machen, wenn ich so etwas könnte!"

"Ein perfektes Ablenkungsmanöver!"

"Du sagst es, Stoney!"

Sie gingen weiter vorwärts. Chase ließ den Lichtkegel der Taschenlampe umherwandern. Stone fingerte inzwischen ein paar neue Patronen in seinen Magnum Colt.

"Wenn es nötig ist, killen wir jede einzelne Ratte im verdammten Navy Yard!", knurrte Stoney. "Scheiße, da hätten wir ein halbes Jahr zu tun! Ein paar Millionen sind das bestimmt!"

Schabende, kratzende Laute ließen die beiden Vampire aufhorchen. Der Lichtkegel kreiste. Aber es war nirgends etwas zu sehen. Piepslaute ertönten. Dutzende von Ratten mussten dafür verantwortlich sein. Man konnte fast den Eindruck gewinnen, dass sie sich untereinander verständigten.

Die Piepslaute kamen aus verschiedenen Richtungen. Und sie wurden immer zahlreicher. Ein regelrechter Chor erhob sich.

Chase schwenkte den Lichtkegel.

Er beleuchtete den Spalt, durch den sie beide hereingekommen waren, weil er von dort ein Geräusch gehört hatte.

Hunderte von Rattenleibern tummelten sich dort. Sie drängten herein. Irgendetwas schien sie gerufen zu haben.

Nein, dachte Chase. Irgendjemand. Der Ratten-Vampir, hinter dem sie her waren.

Vergiss nicht, dass da noch ein Dritter sein soll!, meldete sich eine warnende Stimme in ihm.

Die Ratten strömten ihnen entgegen.

Stoney ballerte drauflos, ließ die Ersten von ihnen durch wie wuchtigen Geschosse des 45er Colt Magnum zerreißen. Blut spritzte.

"Lass das"!, knurrte Chase. "Die Ballerei bringt doch nichts!"

Die beiden Vampire wichen zurück.

"Das müssen Tausende sein!", flüsterte Stoney. Ihm fiel dabei der Kinnladen herunter.

Auch zwischen den Kisten und den vor sich hin rostenden Militärfahrzeugen krochen jetzt unzählige der schwarzgrauen Nager hervor. Sie strebte direkt auf Chase und Stoney zu. Die ersten erreichten Chase Füße. Er trat zu. Erbarmungslos.

Knochen knackten. Rattenkörper wurden durch die Gegend geschleudert, klatschten gegen die Wände und rutschten als blutige, zermatschte Kadaver zu Boden, wobei sie eine rote Schmierspur hinter sich herzogen.

Mit dem Hiebmesser senste Chase durch die Leiber der Nager hindurch. Aus nächster Nähe ballerte er mit der Schrotpistole in die Ratten hinein. Jedes Mal bekamen dadurch ein halbes Dutzend der Tiere etwas ab. Stone schlug sich auch so gut er konnte. Mit den Kugeln seines Colt Magnum war er sparsam. Und die Armbrust konnte er im Moment nur als Schlagwaffe verwenden. Aber das war nicht besonders effektiv. So hing sie ihm an einem Riemen um die Schulter. Statt dessen hatte er seine Machete herausgerissen, die er eifrig auf und nieder sausen ließ. Er traf fast immer irgendetwas.

Der Vorteil der beiden Vampire war, dass ihre Kräfte nicht erlahmten.

Dieser Kampf konnte stundenlang fortgesetzt werden.

Bis zum Aufgang der Sonne, wenn die ersten Strahlen durch die Fenster fielen und ihnen den Garaus machten.

Auf der anderen Seite hatten Chase und Stoney keine Chance, die Massen von Nagetieren zu besiegen. Sie konnten so viele von ihnen schlachten, wie sie wollten. Für jede erschlagene Ratte drängten Dutzende ihrer Artgenossen nach.

Stoney machte ein Gesicht, als ob er etwas witterte, vernachlässigte eine Sekunde lang die Abwehr der Nager. So sprang ihn eines der Tiere bereits an, verbiss sich in seine Fransenjacke.

"Scheiße, die war neu!" kreischte Stoney, schleuderte das Tier mit einer weit ausholenden Bewegung durch die Gegend.

Ein Stück aus der Jacke wurde herausgerissen. Die Ratte behielt es im Maul, während sie gegen die Windschutzscheibe eines halbverrosteten Militärlasters geschleudert wurde.

Dann sah Stoney nach hinten, streckte den Arm aus und deutete zu einem Querstreben zwischen den Stahlträgern, die die Deckenkonstruktion hielten.

"Da muss er sein!", rief er. "Ich bin mir sicher!

Verdammt, leuchte hin!"

Stoney nahm keine Rücksicht darauf, dass eine der Ratten sich in seiner Wade verbiss.

Er richtete den Lauf den Colt Magnum hinauf.

Chase begriff, was sein Kumpel meinte.

Er ließ den Lichtkegel hinaufschnellen und den Träger absuchen. Eine der Ratten sprang empor, biss in seine Hand.

Chase versuchte sie abzuschütteln. Es tat höllisch weh.

Gleichzeitig war für wenige Sekunden der Körper einer schwarzen Ratte sichtbar, die auf dem Träger saß.

Sie schien alles zu beobachten, was sich unter ihr abspielte. Als sie das Maul etwas öffnete, waren die zusätzlichen Zahnpaare zu sehen.

Stoney zielte und ballerte drauflos.

Funken sprühten, als die ersten Kugeln den Stahlträger streiften. Aber die davonhuschende Ratte bekam auch etwas ab.

Die Wucht des Geschosse schleuderte sie hinunter. Während des Falls trat die Rückverwandlung ein. Stoneys besonderer Sinn für Vampire hatte ihn offenbar auch diesmal nicht getrogen.

Der Vampir wirkte wie ein Zwilling des vernichteten Albinos.

Die Gleichheit galt selbst für die Kleidung und die Frisur.

Der Albino schrie auf. Sein Hemd war blutig. Er hatte einen Volltreffer abbekommen, richtete sich dennoch auf und kam wankend auf die Füße.

Stoney ballerte weiter, bis die Waffe leer geschossen war.

Der Körper des Albinos zuckte, taumelte zurück, lehnte sich dann gegen die Motorhaube eines Jeeps. Ein paar furchtbare Wunden klafften. Der Albino stieß einen tierischen Knurrlaut aus. Die Hände presste er gegen seinen Oberkörper. Das Blut rann ihm zwischen den Fingern hindurch. Er musste jetzt offenbar seine ganzen Kräfte darauf verwenden, sich von den Einschüssen des großen Kalibers zu erholen. So konnte er die Kontrolle über die Ratten nicht weiter ausüben. Sie stoben auseinander, ließen von Chase und Stoney ab. Panik erfasste die Nager. Ein paar Tritte reichten aus, um sie zu heilloser Flucht zu veranlassen.

Chase lud in aller Seelenruhe seine leer geschossene Schrotpistole nach.

Dann ging er auf den verletzten Albino zu.

Unter seinem Ledermantel riss der Albino einen Wurfstern hervor.

Aber er kam nicht mehr dazu, ihn zu schleudern. Zuvor brannte Chase ihm noch eine Schrotladung in den Körper.

Chase war kein besonders guter Schütze.

Der Hauptteil der Ladung traf den Albino knapp unterhalb des Halsansatzes. Ein Teil des Schrots versengte ihm allerdings auch das Gesicht. Die Augen des Albinos bekamen auch etwas ab. Er schrie auf, konnte offenbar nichts mehr sehen.

Chase trat ein paar ziemlich orientierungslose Ratten zur Seite und wandte sich an Stoney.

"Du bist dran", meinte er.

"Echt?"

"Du hast es dir verdient, Stoney. Aber warte nicht zu lange, sonst erholt er sich wieder!"

Stoney legte sich ein Pflockgeschoss ein, begab sich in eine günstige Schussposition und drückte ab. Es machte klack.

Der Pflock fuhr dem schreienden Albino in die Brust.

Aber in die Falsche.

Wütend und halb wahnsinnig vor Schmerz riss der Albino sich den Pflock aus der rechten Brustseite. Sein Körpervolumen schrumpfte. Sein Gesicht wurde grau, dann schwarz. Plötzlich schien seine Haut von einem dunklen Pelz überzogen zu sein.

Er versucht eine Verwandlung!, wurde es Chase klar. Am Besten, man macht alles selbst! Er steckte die Schrotpistole weg, fasste das Hiebmesser mit beiden Händen und trat auf den Albino zu, dessen Verwandlung weiter fortschritt.

Gerade noch rechtzeitig vollführte Chase seinen Hieb und trennte seinem Gegner den Kopf vom Körper. Blut spritzte fontänenartig auf.

Der Kopf rollte auf den Asphalt. Einige Ratten wichen ihm aus, stoben davon.

"Hey - passiert nichts?", rief Stoney irritiert.

Chase grinste. "Dauert ein bisschen, bis er verfault! War bei seinem Kumpel auch so. Aber du wirst es gleich riechen!"

"Ich rieche nur Rattenpisse!"

"Konzentrier mal deinen Spürsinn auf den dritten Philadelphia- Vampir!"

"Du bist überzeugt davon, dass sie aus Philadelphia kommen?"

"Na, logo! Magnus von Björndal, der Herr der Vampire von Philadelphia, streitet zwar regelmäßig alles ab, aber es liegt auf der Hand, dass er immer wieder seine Schergen in das Gebiet des Fürsten schickt, um hier Unruhe zu stiften!"

Stoney zuckte die Achseln.

"Naja, drei sind nicht gerade 'ne Invasion!"

"Wenn sie über derartige Fähigkeiten verfügen wie diese Albino-Ratten schon! Dann reicht schon einer, um hier alles auf den Kopf zu stellen!"

"Scheiße, ja!", musste Stoney zugestehen.

Chase sah ihn an.

Sein Blick drückte Entschlossenheit aus.

"Also streng dich an! Wo ist der Dritte?"

*

Eine totenbleiche Hand streckte sich aus dem East River empor, krallte sich an der Uferkante von Pier 44 fest. Eine zweite Hand folgte, knorrig und dürr wie die Hand einer Leiche.

Der dritte Albino-Vampir zog sich aus dem Wasser empor.

Er war vom alten Navy Yard in die Wallabout Bucht gesprungen und dann über den East River geschwommen, während in dem Navy Depot ein Kampf getobt hatte.

Der dritte Albino hatte sich daran nicht beteiligt.

Sein Herr und Meister Magnus von Björndal aus Philadelphia hatte ihnen genau diese Anweisung gegeben. Was auch immer geschah, einer von ihnen musste in jedem Fall sicherstellen, dass die Mission fortgesetzt wurde, deretwegen er im Big Apple war.

Auch wenn das bedeutete, dass er seine Gefährten dafür opfern musste.

Dass der Fürst von Radvanyi seine Meute ausschicken würde, damit war zu rechnen gewesen. Vor allem vor einem gewissen Chase Blood hatte man sie vor Antritt der Mission gewarnt.

Schließlich waren die drei Albinos nicht die ersten Vampire, die im Auftrag Magnus von Björndals versuchten, eine Art Brückenkopf im Gebiet des Feindes zu errichten.

Das Fernziel war klar. New York sollte in das Gebiet des Herrn von Philadelphia eingegliedert werden. Letztlich blieb Magnus von Björndal wohl gar keine andere Wahl, als es immer wieder zu versuchen. Schließlich stand ihm umgekehrt der Fürst in nichts nach. Auch er versuchte alles daranzusetzen, Philadelphia seinem eigenen Imperium einzuverleiben.

Im Moment herrschte eine Art Gleichgewicht der Kräfte.

Aber das konnte sich schnell ändern.

In dem Moment nämlich, in dem es einem der beiden Seiten gelang, einen entscheidenden Schlag zu führen...

Und darum waren die drei Albinos hier in New York.

Wie so viele andere vor ihnen schon...

Der Albino kletterte ans Ufer, richtete sich auf. Im Gegensatz zu seinen beiden bleichen Gefährten trug er das Haar lang bis über die Schultern. Das Wasser troff von seinem knielangen Ledermantel.

Er blickte zurück, auf die andere Seite des East River. In einem verfallenen Depot der Navy hatten jetzt wahrscheinlich zwei Schergen des Fürsten ihr Ende gefunden. Zerfleischt von tausenden Ratten, sodass nicht einmal die Regenerationsfähigkeit eines Vampirs noch etwas ausrichten konnte. Ein Lächeln ging über das Gesicht des Albinos. Ein kaltes, grausames Lächeln, in dem zynischer Triumph aufleuchtete.

Ich werde bald von meinen Brüdern hören!, ging ihm durch den Kopf. Sehr bald schon...

Es gab Millionen von Ratten in New York.

Ihre Zahl übertraf die der Sterblichen um ein Vielfaches.

Und jede dieser Ratten war ein potentieller Verbündeter des Albinos.

Jederzeit konnte er sie herbeirufen und unter seine mentalen Befehle zwingen.

Eine wirksame, tödliche Waffe.

Schon ihre gewaltige Zahl machte die pelzigen Biester zu Gegnern, die schwer abzuwehren waren.

Der Albino ging mit schnellen, entschiedenen Schritten voran. Er hatte Durst. Blutdurst. Aber die Lower East Side war selbst um diese nachtschlafende Zeit voller Sterblicher, an deren Lebenssaft er sich laben konnte.

Der Vampir ging die wenigen Meter bis zur South Street. Er setzte zu einem Dauerlauf an, lief die South Street in östliche Richtung. Sie stellte die Auffahrt zum Elevated Highway dar.

Es dauerte nicht lange und er hatte den Highway erreicht, der den Südosten Manhattans umgrenzte. Nördlich davon lag die Lower East Side, südlich der Hudson.

Der Albino bremste das Tempo ab. Er strich sich das lange, weiße Haar zurück. Seine roten Augen glänzten im Licht der Straßenlaternen. Der Elevated Highway war so gut beleuchtet, dass der Unterschied zwischen Tag und Nacht kaum zu bemerken war.

Einige Fahrer allerdings glaubten wohl, dass die Geschwindigkeitskontrollen der Highway Patrol um diese nachtschlafende Zeit weniger intensiv waren als am Tag.

Der Albino ging furchtlos auf die Fahrbahn.

Die Verkehrsdichte war im Augenblick nicht sonderlich groß.

Alle zehn bis zwanzig Sekunden etwa raste ein Wagen den Highway entlang.

Der Albino trat mitten auf die Fahrbahn.

Ein gewaltiger Zwanzigtonner-Zug brauste auf ihn zu.

Der Albino hob die Hand, um den Trucker zum anhalten zu bewegen.

Der Trucker hupte, als er die Gestalt auf der Straße sah.

Der Albino blieb unbeirrt stehen.

Nochmals hupte der Truck. Es war ohrenbetäubend.

Dann trat der Trucker auf die Bremsen.

Der Zwanzigtonner rutschte über den Asphalt, die Räder blockierten. Ein schrilles Kreischen ertönte.

"Verdammte Scheiße!", schrie der Trucker in seinem Gehäuse, aber er konnte nichts mehr tun. Der Truck rutschte unaufhaltsam vorwärts. Zwanzig Tonnen waren nicht so einfach zu stoppen.

Dann war die Gestalt plötzlich nicht mehr zu sehen. Der Wagen stand. Der Trucker atmete tief durch, öffnete die Tür seines Führerhauses, sprang heraus und dachte dabei: So ein verdammter Selbstmörder! Hätte der sich nicht einen anderen Highway und eine andere Uhrzeit aussuchen können?

Er zögerte einen Augenblick, ehe er unter den Lastwagen blickte.

Da war nichts, was typisch für einen Aufprall gewesen wäre!, ging es ihm etwas irritiert durch den Kopf. Kein Schlag, kein Geräusch - nichts!

Der Trucker schob sich die Baseball-Kappe in den Nacken, bückte sich schließlich und blickte unter den Wagen.

Aber war nichts.

Außer einer dicken, fetten Ratte.

Der Trucker runzelte die Stirn.

Ein Lieferwagen brauste von hinten heran, wich aus, hupte und raste dann weiter.

Die Ratte schien keinerlei Scheu zu kennen.

Sie näherte sich, ging zielstrebig auf den Trucker zu.

Dieser kauerte wie hypnotisiert da, starrte das Tier nur an. Mit ihrem Maul stimmte etwas nicht...

Diese Zähne!

Dann sprang ihn das Tier mit ungeheuerer Kraft an. Sehr zielsicher. Es landete an seinem Hals, schlug die Zähne hinein, so als ob es genau gewusst hatte, wo die Halsschlagader saß. Der Trucker wandte sich am Boden, versuchte, das Tier abzuschütteln. Blut spritzte in einer hohen Fontäne auf. Bis zur Fahrertür. So viel Druck stand auf der Schlagader, die die Zähne des Nagers zerfetzt hatten.

Dann übermannte den Trucker die Endorphinausschüttung, die mit dem Biss eines Vampirs einherging. Ein wohliges, fast ekstatisches Gefühl Besitz von ihm. Das letzte, was er wahrnahm, während die Ratte gierig schlürfte.

*

Chase betrat das Büro des Fürsten von Radvanyi.

Es war kaum noch eine Stunde bis Sonnenaufgang, aber der Herr der New Yorker Vampire hatte darauf bestanden, dass Chase ihm über den Job im Navy Yard noch Bericht erstattete.

Franz von Radvanyi residierte im 85. Stock des Empire State Building. Von hier aus regierte er aus dem Hintergrund heraus die Stadt, ohne dass die Sterblichen davon auch nur etwas ahnten.

Die Einrichtung des Büros vereinte ein paar krasse Gegensätze zwischen Moderne und der Vergangenheit. Antike Möbel standen neben einem hochmodernen Computer-Equipment, das den Fürst mit dem gesamten Globus verband. Hier war seine Schaltzentrale.

Radvanyi trug schulterlanges, weiß gepudertes Haar und bevorzugte die Mode des 18. Jahrhunderts. Der über dreihundertjährige Vampir kombinierte einen blutroten Gehrock mit Kniebundhosen und einem weiten Rüschenhemd.

Er saß an einem Tisch und sah nicht von den Unterlagen auf, die er gerade studierte. Chase blieb in gebührender Entfernung stehen. In einem der antiken Sessel saß mit übereinander geschlagenen Beinen die diplomatische Beraterin des Fürsten: Katrin Brunstein. Wie immer war sie perfekt gestylt. Das knappe schwarze Kleid, das sie trug, betonte die Vorzüge ihrer Figur auf eine Weise, die sie anziehend, aber keineswegs ordinär erscheinen ließ. Der Schmuck war dezent und geschmackvoll. Petra verdrehte die Augen, als sie Chase sah.

"Na, hat der Kleine sich mal wieder dreckig gemacht!", murmelte sie mit vor Zynismus triefender Stimme. Sie musterte Chase dabei eingehend, sah an seiner blutbefleckten Kleidung herab. "Außerdem stinkst du erbärmlich. Darf ich mal raten?

Rattenpisse oder Elefantendung. Aber gut riecht es jedenfalls nicht!"

Chase grinste schief.

"Wenn man nichts anderes im Kopf hat, als dass die Klamotten nicht leiden, kommt man nie weiter, Teuerste!", erwiderte er und spielte damit darauf an, das Petra schon lange auf Chase' Position scharf war. Allerdings wusste sie, dass sie bis auf weiteres keine Chance hatte, Chase von seinem Posten als Radvanyis Nummer zwei zu verdrängen.

Petra lag eine Erwiderung auf der Zunge.

Aber eine Handbewegung des Fürsten hielt sie davon ab.

Radvanyi wandte sich an Chase.

"Berichte!"

"Ja, Herr."

"Sind Magnus von Björndals Eindringlinge erledigt?"

"Nur zwei von ihnen. Den dritten konnte ich noch nicht aufspüren..."

Chase fasste kurz zusammen, was geschehen war. Das Gesicht des Fürsten wurde nachdenklicher. Eine Falte bildete sich mitten auf der Stirn. Schließlich nickte er leicht.

"Ratten...", flüsterte er. "Vampire, die sich in Ratten, Fledermäuse oder sonst etwas verwandeln können sind so gewöhnlich wie Taubendreck. Und auch das Beeinflussen von Tieren ist nichts Besonderes. Aber diejenigen, die du aufgespürt hast, scheinen besonders stark zu sein..." Er machte eine Pause. "Drei Albinos sollten nach New York kommen und für Unruhe sorgen - das war die Information unserer Informanten in Philadelphia."

"Den letzten finde ich auch noch, Herr!"

Der Fürst verzog das Gesicht. "Davon bin ich überzeugt, Chase!"

*

Der Albino blickte zum Nachthimmel. Eine instinktive Handlungsweise. Vom Nachthimmel konnte man in den beleuchteten Straßen der Lower East Side nicht viel sehen, das Licht der City war einfach zu stark. Die Sterne verblassten dagegen.

Nicht mehr lange bis Sonnenaufgang!, durchzuckte des den Albino. Vielleicht noch eine halbe Stunde. Keinesfalls länger. Der Albino hatte das im Gefühl. Seine innere Uhr war nahezu perfekt.

Für jemanden seiner Art überlebenswichtig.

Du brauchst einen Platz, an dem du den Tag verschlafen kannst!, ging es ihm durch den Kopf. Er spürte bereits eine gewisse Abgeschlagenheit und Mattigkeit. Nicht mehr allzu lange und sie würde in einen komatösen Zustand übergehen, der dann ganzen Tag über bis Sonnenuntergang anhielt. Er hatte also nicht mehr viel Zeit.

Der Albino blickte sich um, trat an einen der zahllosen Gullideckel an der Montgommery Street heran. Er schob ihn zur Seite, stieg hinunter in die Tiefe. Dort unten, im Reich der Mole People würde er schon einen Platz finden, an dem er den Tag überdauern konnte. Und vor Sonnenstrahlen war er dort in jedem Fall sicher.

Er schob den Deckel wieder an seinen Ort.

Dann verwandelte er sich in eine schwarze Ratte. Das Klettern war dann leichter.

Immer tiefer ging es.

Er gelangte in einen Abwasserkanal.

Ein bestialischer Gestank schlug ihm entgegen.

Aber nur gemessen an den Maßstäben eines Menschen. Oder eines ehemaligen Menschen. Die Ratte, zu der der Albino geworden war, empfand das nicht so. In seiner Rattengestalt schwamm er durch das dunkle Wasser, das träge dahin floss. Er erreichte das andere Ufer. Einen sicheren Platz brauchte er jetzt! Er sah sich um, kroch an das rutschige Betonufer. Er fand eine Nische, die zu einem zugemauerten Abfluss führte.

Ein guter Platz, dachte er. Er spürte, dass er jetzt nichts besseres mehr finden würde. Nicht, bevor er in jenen todesähnlichen Zustand der Starre verfiel, der dann den Tag über anhalten würde.

So kauerte er sich in die Nische hinein.

Ein Geräusch schreckte ihn auf.

Das Piepsen einer anderen Ratte. Ein zweites Tier machte sich bemerkbar. Tapsende Schritte über den feuchten Asphalt am Rand des Abwasserstroms...

Vielleicht war das doch kein ruhiger Ort!, ging es dem Albino durch den Kopf.

Er konzentrierte sich auf die beiden Ratten, die er der Dunkelheit wegen nur riechen und hören, aber nicht sehen konnte. Er wollte sie mental beeinflussen und dazu veranlassen, sich zu verziehen. Aber es gelang ihm nicht.

Innerhalb weniger Augenblicke waren sie bei ihm. Die erste biss ihm schmerzhaft in die Rattennase. Der Albino scheuchte die Angreiferin zurück.

Aber sie ließ nicht locker.

Weitere Ratten kamen aus allen Richtungen hinzu. Der Albino konnte sie nicht sehen. In seiner Rattengestalt biss er um sich und löste die Rückverwandlung aus. Er rutschte den glatten Beton hinunter, landete in der stinkenden Abwasserbrühe. Trotzdem war es ihm gelungen, sich bei der Rückverwandlung zu konzentrieren.

Er musste dabei immer etwa dieselbe Masse erzeugen, aber bei der Gestaltung variieren. Etwa bei der Kleidung oder kleineren Accessoires, die er in seiner menschlichen Gestalt bei sich trug. Er verzichtete daher auf den Ledermantel, den er normalerweise trug. Aus der dafür vorgesehenen Materie bildete er eine Taschenlampe und eine Machete.

Er hatte immer versucht, aus seiner Körpersubstanz eine Schusswaffe zu bilden, aber das war ihm nie gelungen. Und jetzt war es zu spät, das noch zu üben.

Eines der Biester verbiss sich in einer Wade. Der Stoff seiner Hose riss. Der Albino schüttelte das graue Biest von sich. Die schwarze Abwasserbrühe spritzte dabei auf. Der Albino war froh, dass er als untoter Vampir nicht zu atmen brauchte. Immerhin funktionierte sein Geruchssinn - aber auf den hätte er in diesem Augenblick liebend gerne verzichtet.

Er ließ den Lichtkegel der Lampe umherkreisen und erschrak.

Der Albino musste feststellen, dass sich wesentlich mehr Ratten in seiner unmittelbaren Umgebung befanden, als er angenommen hatte.

Warum erschreckst du? ging es ihm durch den Kopf. Bist du nicht der Herr dieser Geschöpfe? Sind sie nicht deine Verbündeten, sobald du sie rufst?

Aber aus irgendeinem Grund schienen seine Kräfte in diesem unterirdischen Gewölbe nicht so wirksam zu sein, wie er es gewohnt war.

Vielleicht liegt es daran, dass oben, auf der Montgommery Street in der Lower East Side von New York bereits die ersten Sonnenstrahlen über den Horizont kriechen!

Seiner fast untrüglichen inneren Uhr nach war genau das im Moment der Fall.

Immerhin erklärte das die Agonie, die ihn mehr und mehr zu befallen drohte.

Aber nicht die schwindenden mentalen Kräfte...

Tausende, ja hunderttausende von Rattenkörpern hat du schon im selben Moment kontrolliert, so als wären diese grauen Nager nichts als Fortsätze deines eigenen Körpers!, durchfuhr es ihn. Selbst wenn seine Kräfte jetzt stark geschwächt waren, so musste es eigentlich möglich sein, diese Angreifer zu vertreiben. Immer wieder schnellten sie vor, versuchten ihn zu beißen, nach ihm zu schnappen. Er spürte, dass seine Reaktionen langsamer wurden. Einmal schaffte er es, eines der Biester mit der Machete zu erwischen und in der Mitte durchzuteilen.

Er versuchte seine mentalen Kräfte zu sammeln und auf seine Gegner zu konzentrieren...

Wo seid ihr, ihr kleinen Rattenseelen?, durchzuckte es ihn.

Ihr gehört mir! Ich bin euer Herr! Ihr seid nichts als meine Werkzeuge! Euer Wille ist nichts, der meinige alles!

Die Tiere verharrten.

Der Albino stand bis zu den Knien in der Abwasserbrühe und leuchtete sie an. Tausende waren es!, erkannte er schaudernd.

Sie kauerten an den schmalen Streifen zu beiden Seiten des Kanals, dort wo es trocken war. Einige wenige schwammen auch.

Es waren so viele, dass an den schmalen Uferstreifen dieses künstlichen Kloakenbachs ein dichtes Gedränge herrschte und immer wieder einzelne Tiere quietschend ins Wasser rutschten.

Sie hören auf mich!, stellte der Albino erleichtert fest.

Er versuchte seine geistigen Fühler weiter auszustrecken, diese kleinen grauen Biester stärker in seinen Bann zu nehmen und mental zu fesseln.

Wovor hast du Angst?, fragte er sich.

Da war etwas. Etwas, dass er kaum in Worte fassen, sondern nur ganz vage erspüren konnte.

Normalerweise wäre diese Rattenbrut auf und davon, wenn du ihnen den Befehl gegeben hast!, überlegte er.

Und dann erkannte er endlich, was hier los war.

Entsetzen packte ihn.

Da war eine andere Macht. Ein anderer, mächtigerer Geist, der all die grauen Nager in seinem Bann hielt. Eine Kraft, die jene des Albinos neutralisierte.

Ich habe keine Chance!, wurde es ihm klar. Da war ETWAS

oder JEMAND, dem die Tatsache nichts ausmachte, dass da oben über ihnen die Sonne aufging. JEMAND, dessen Kräfte dann nicht auf ein Minimum schwanden. JEMAND, der vielleicht aus dieser ewigen Nacht hier unten, unter den Straßen New Yorks, stammte und der vielleicht gar nicht wusste, was ein Sonnenaufgang war.

Schon bewegten sich die ersten Ratten wieder auf den Albino zu. Sie begannen sich eine nach der anderen in die stinkende Brühe zu stürzen. Sie sprangen regelrecht von ihren Uferplätzen aus hinab. Es platschte. Von allen Seiten näherten sie sich.

Es war wie bei dem berühmten Domino-Effekt. Erst verlor der Albino die Kontrolle über eine von ihnen, dann über die nächste und so fort. Es war wie eine lange Kette. Panik erfasste den Albino.

Es war lange her, seit er so etwas zum letzten Mal empfunden hatte.

Vielleicht war das sogar vor seiner Konvertierung gewesen...

Der Albino schlug mit der Machete um sich, die Brühe spritzte. Immer mehr Ratten schwammen auf ihn zu. Manche von ihnen tauchten, bissen sich unter der Wasseroberfläche in seinen Waden fest. Sie nagten an seinen Schuhen. Ihren Zähnen konnte auf die Dauer nichts wirklich Widerstand leisten.

Eine verbiss sich in seiner Hand. Die Taschenlampe ließ er daraufhin fallen. Er schleuderte das Tier von sich. Es riss dabei ein Stück aus der Hand heraus. Der Albino hörte die Ratte gegen den Beton klatschen. Die Wucht, die er in seine Bewegung gelegt hatte, war so groß, dass nichts weiter als ein blutiger Fleck von ihr übrig geblieben sein konnte.

Aber seine Stärke nützte ihm gegen die zahllosen kleinen Angreifer nicht viel.

Die große Anzahl, das war ihre Stärke.

Das machte sie unüberwindlich. Die Taschenlampe trieb davon. Einen Augenblick lang sah man ihren Schein noch, dann war das vorbei.

Namenlose Dunkelheit umgab den Albino.

Seine Kräfte schwanden immer mehr dahin.

Er schrie.

Ein heiserer, verzweifelter Schrei, der in dem Gewölbe des Abwasserkanals vielfach und schauerlich widerhallte. Dieser Schrei vermischte sich mit den Geräuschen der Ratten, ihrem Schaben und Kratzen und den piepsenden Lauten, die sie von sich gaben.

Der Albino taumelte davon, watete durch das stinkende Abwasser, schlug dabei mit seiner Machete blind um sich.

Einer der Nager schaffte es, an seinem Rücken empor zu kriechen, sich in sein Genick zu verbeißen. Er schrie auf, packte das Tier mit der bloßen Hand und riss es weg. Dabei behielt es ein daumengroßes Stück seines Nackenmuskels zwischen den Nagezähnen.

Schreiend schleuderte der Albino das Tier von sich, taumelte. Irgendetwas lag auf dem Grund des Kanals. Ein alter Reifen oder etwas in der Art.

Er fiel in die dunkle Brühe hinein.

Und die Ratten waren über ihm. Zu tausenden schwammen sie an ihn heran, stürzten sich auf ihn und begannen, den Vampir bei lebendigem Leib aufzufressen.

Furchtbarste Schmerzen durchzuckten den Körper.

Zu Lebzeiten war er nie gläubig gewesen.

Aber wenn es eine Hölle gab, dann musste sie genau so aussehen, war er in diesem Moment überzeugt. Er schrie aus Leibeskräften und ahnte, dass kaum genug von ihm übrig bleiben würde, um sich noch einmal regenerieren zu können.

Blankgefressene Knochen, mehr blieb nicht.

Ein Schwarm Piranhas hätte nicht effektiver sein können.

Und auch die Knochen zerfielen schließlich zu feinem, bröseligen Staub, der vom Kanal stromabwärts geschwemmt wurde.

Die Ratten beruhigten sich schließlich wieder.

Sie zogen sich zurück.

Ihr Herr hatte ihren Geist wieder freigegeben. Sie taten wieder das, was sie ohne die Einflüsterungen dieser fremden Macht getan hätten. Gerade noch hatten sie sich wie tausend verschiedene Teile, die zu einem einzigen Organismus gehörten, verhalten. Jetzt waren sie nichts weiter als eine ungewöhnlich dichte Ansammlung von Ratten, die so schnell wie möglich auseinander stoben.

*

"Hey, was sagt dein Spürsinn, Stoney?"

Chase bockte seine Harley vor dem SSSATANIC DESASTER auf.

SSSATANIC mit drei S.

Das klang wie das Zischen einer Schlange, wenn man es richtig aussprach.

Musik lärmte aus dem schrillen Grufti-Schuppen heraus.

Diese Gothic-Disco in der Montgommery Street war erst vor ein paar Wochen geöffnet worden. Angeblich diente sie der Geldwäscherei einer Satanisten-Sekte. Aber wenn man die Besitzer fragte, dann waren das natürlich nur üble Gerüchte.

Stoney machte ein etwas ratloses Gesicht, ließ dabei den Blick die Straße entlang gleiten.

"Vielleicht brauchst du erst einen Drink", flachste Chase.

"Sehr witzig!"

"Hey, Mann, war nicht so gemeint! Aber da drinnen in diesem Grufti-Schuppen ist 'ne Menge Frischblut, das nur darauf wartet, abgezapft zu werden!"

"Ich dachte wir haben eine Aufgabe!"

"Schon, aber im Augenblick kommen wir ja wohl nicht so weiter, wenn ich das richtig sehe!"

"Siehst du leider richtig..."

Stoney hatte seine Kawasaki ebenfalls aufgebockt. Als ein breitschultriger Kerl in dunklem Leder daherkam, dessen Brust mit einer Reihe von eigenartigen Amuletten behängt war, raffte Stoney seine Fransenjacke vorne zusammen, um zu verhindern, dass sein Gegenüber einen Blick auf den Magnum Colt oder die Machete werfen konnte. Zu provozieren lag nicht in Stoneys Absicht. Der Kerl ging vorbei. Stoneys Nasenflügel bebten.

"Hey, du siehst aus wie ein Drogenhund des FBI! Hat dein Riechorgan wirklich etwas mit deiner Fähigkeit zu tun, die Anwesenheit von Vampiren zu erspüren?"

"Nein", erwiderte Stoney. "Ich versuche mich lediglich zu konzentrieren..."

"Sorry!"

Das Gesicht, das Stoney jetzt machte, wirkte alles andere als viel versprechend.

"Diese Ratten-Vampire hatten eine ganz spezielle Aura...", murmelte er.

"Du weißt nicht, ob der Dritte die auch hatte!", gab Chase zu bedenken.

Stoney verzog das Gesicht.

"Auch wieder wahr."

Es hatte seinen Grund, dass sie in der Montgommery Street ihre Suche nach dem dritten Vampir wieder aufnahmen, der ihnen im Navy Yard irgendwie durch die Lappen gegangen war.

Ganz in der Nähe, auf dem Elevated Highway, hatte die Highway Patrol einen toten Trucker gefunden, der auf eine Art und Weise zugerichtet war, die keinen Zweifel daran ließ, wer ihn getötet hatte.

Ein Vampir.

Zu den Ermittlungsergebnissen der City Police hatte der Fürst unbegrenzten Zugang. So hatte er Chase unter anderem auch die Informationen gegeben, dass Rattenkot bei dem Toten gefunden worden war.

Mit ihren Motorrädern waren Chase und Stoney die Strecke abgefahren. Den halben Tag war der Elevated Highway in Richtung Queens gesperrt gewesen. Die Kreidemarkierungen würde man noch ein paar Tage sehen können. Stoney hatte dort die Aura des dritten Ratten-Vampirs aufgenommen. Oder zumindest eine Aura, die diesem Wesen gehören konnte.

Hundertprozentig sicher war er da nicht.

Aber es sprach verdammt viel dafür, dass der Dritte für das verantwortlich war, was sich auf dem Elevated Highway zugetragen hatte.

Ein New Yorker Vampir hätte das Diskretionsgebot des Fürsten von Radvanyi niemals so grob ignoriert.

Stoney und Chase waren der Aura in die Montgommery Street gefolgt.

Und jetzt...

"Scheiße!"

"Sag nicht, dass wir ihn verloren haben, Stoney!"

"Ich fürchte ja!"

"Quatsch nicht, so schnell geben wir nicht auf!"

"Vielleicht wurde er vernichtet!"

"Durch wen denn?"

"War nur so ein Gedanke!"

Chase machte eine wegwerfende Handbewegung.

Ein Geräusch ließ Chase plötzlich herumfahren. Ein Gullideckel bewegte sich.

"Ich glaube, ich spinne!", meinte Stoney tonlos. Der schwere Gullideckel bewegte sich. Ein schwarzer Rattenkopf blickte durch den entstandenen Spalt.

"Das ist er!", war Chase überzeugt, griff nach der Schrotpistole. Die Entfernung war etwas zu groß. Er trat ein wenig näher heran. Die Ratte krabbelte heraus.

"Ich spüre nichts", sagte Stoney.

"Dann ist dein verdammter Extra-Sinn wohl eingeschlafen!", murmelte Chase. Ratten verfügten über erstaunliche Fähigkeiten. Sie konnten zehn Meter tiefe Stürze mühelos überleben und sich durch vergleichsweise winzige Ritzen quetschen, so dass man sich unwillkürlich fragte, wie sie dabei ihre Knochen wohl zusammengefaltet hatten. Aber um einen Gullideckel heben zu können, waren sie einfach nicht stark genug. Das war für eine gewöhnliche Ratte einfach unmöglich. Die Gullis waren extra so konstruiert, dass das nicht passieren konnte. Jedenfalls nicht unter normalen Umständen.

Eine zweite Ratte kam durch den entstandenen Spalt an die Oberfläche.

"Verflucht, da scheint ja ein ganzes Nest zu sein!", murmelte Stoney.

Chase feuerte.

Er traf daneben.

Eine der beiden Ratten war schon unter ein parkendes Fahrzeug gehuscht.

Die zweite bekam Chase' nächsten Schuss ab. Die volle Ladung. Das Tier kugelte sich und wurde mehrere Meter weit zurückgeschleudert, prallte schließlich gegen die Radkappe eines parkenden Lieferwagens. Blut spritzte auf. Rattenblut.

Vielleicht auch Vampirblut.

Chase trat etwas vor, machte sich dann daran, die Schrotpistole nachzuladen.

"Schon Scheiße mit deiner Vampir-Aura-Erkennung!", knurrte er. "Wenn man sie braucht funktioniert sie nicht..."

Stoney hatte seinen 45er Magnum in den Fingern, hielt ihn beidhändig, weil er dann besser zielen konnte. Er wirbelte mit dem Lauf herum, als er unter einem der am Straßenrand parkenden Fahrzeuge einen Schatten zu sehen glaubte. Er feuerte, traf den Reifen eines nicht mehr ganz taufrischen Fords.

Der Wagen sackte ein Stück tiefer.

Aber von der Ratte war nichts zu sehen.

Chase wartete eigentlich darauf, dass die zerschossene Ratte, dieses blutige Stück Fleisch, sich jetzt zurückverwandelte in das, was sie eigentlich war. In einen Vampir. Aber das geschah nicht.

"Hey, was macht ihr Scheißkerle da?", rief jemand.

Chase drehte sich herum.

Aus dem SSSATANIC DESASTER war eine Gang von fünf Typen getreten. Alle gleich angezogen. Sie trugen schwarze Hemden, die bis über die Oberschenkel reichten. Darüber breite Gürtel. Die Köpfe waren kahl wie bei buddhistischen Mönchen.

Mit schwarzer Farbe hatten sie sich ein umgedrehtes Kreuz auf die Stirn gemalt. Das Zeichen Satans.

Und sie waren bewaffnet.

Chase bemerkte Automatik-Pistolen und Baseballschläger.

"Das muss die Rausschmeißer-Truppe des SSSATANIC DESASTER

sein!", raunte Stoney.

"Wir wollen keinen Ärger!", meinte Chase.

Einer der Satansjünger lachte breit, zeigte dabei ein Gebiss dessen sichtbarer Teil vollkommen aus Metall bestand.

"Und darum ballert ihr hier so herum?"

"Das ist ein Missverständnis!"

"Wer schickt euch? Ihr könnt Big Tony Patrese bestellen, dass er seine eigenen Läden ein bisschen peppiger aufmachen soll, wenn er will, dass sie laufen! Dann hätte er auch kein Problem mit uns..."

Drei weitere Satansjünger in der Hausuniform des SSSATANIC

DESASTER kamen jetzt aus der Disco heraus und verteilten sich. Einer von ihnen trug sogar eine Uzi. Mit einer schnellen Bewegung lud er sie durch.

Der Kerl mit dem Blechgebiss grinste hässlich.

"Sollte einer von euch beiden den heutigen Abend überleben, dann könnt ihr eurem Boss folgendes bestellen: Die Typen, die er uns schickt, um hier Ärger zu machen, lagern wir sorgfältig in der Kühlkammer ein. Schließlich brauchen wir für unsere Rituale ständig Nachschub an allerlei menschlichen Organen..."

Die anderen lachten.

"Besser, ihr macht hier keinen Ärger!", sagte Chase. "Ihr werdet es bereuen. Im Übrigen kenne ich keinen Patrese und wir wollen auch nichts von euch..."

Der Mann mit dem Blechgebiss schüttelte den Kopf.

Ein verächtlicher Zug stand in seinem Gesicht.

"Ihr Feiglinge. Kaum seid ihr mal nicht in der überlegenen Position, kennt ihr euren Herrn nicht mehr!" Er spuckte aus.

"Feige Ratten seid ihr!"

Chase bemerkte aus den Augenwinkeln heraus eine Bewegung von links. Einer der SSSATANIC-Gorillas hatte sich in der Nähe der zermatschten Ratte postiert, schwang seinen Baseballschläger. Hinter dem breiten Gürtel steckte eine Automatik. Aber das gemeine Blitzen in seinen Augen zeigte an, dass er es vorzog, seine Gegner erst einmal windelweich zu schlagen, bevor er sie tötete.

Der Kerl schien nur auf das Signal zu warten, damit es endlich losgehen konnte.

Er ließ das Baseball-Holz gegen den Handballen klatschen.

Ein Geräusch lenkte ihn ab. Er blickte zur Seite. Auch Chase starrte dorthin. Das Geräusch war von der zerschossenen Ratte ausgegangen. Ihr Kopf war noch einigermaßen intakt. Er bewegte sich. Das Maul öffnete sich...

"Hey, was ist das denn?", wunderte sich der Satansjünger.

Er runzelte die Stirn.

Auch Chase stierte das Rattenbiest fassungslos an.

Das Tier regeneriert sich!, durchzuckte es ihn. Der durchlöcherte Bauch der Ratte schloss sich mehr und mehr. Das Ganze erinnerte an jene Vorgänge, die der Vampir an seinem eigenen Körper beobachten konnte. "Also doch!", murmelte er.

Aber es wunderte ihn, dass keine Rückverwandlung bei der Ratte eintrat, so wie er es eigentlich angenommen hatte.

Die Regeneration ging in atemberaubendem Tempo vor sich.

Chase dachte nicht daran, das Biest entkommen zu lassen. Er trat näher. Die SSSATANIC-Leute wurden unruhig. Blitzschnell hob Chase die Schrotpistole, feuerte. Der Rückschlag der Waffe war gewaltig. Es bedurfte schon der im wahrsten Sinn des Wortes übermenschlichen Kräfte eines Vampirs, um sie einigermaßen in der richtigen Richtung zu halten. Chase feuerte noch einmal. Die Schrotladungen zerfetzten den Tierkörper jetzt vollends.

Einer der nervösen SSSATANIC-Leute hatte Chase' Aktion zum Anlass genommen, den Kampf zu beginnen und seine Automatik abgefeuert. Chase bekam die Kugel in die Seite. Er stöhnte kurz auf. Das große Kaliber hatte eine üble Wunde in seinen Körper gerissen. Das T-Shirt verfärbte sich rot.

"Du verdammter Arsch!", murmelte Chase. "So was tut weh!"

Chase knickte seine Schrotpistole durch, steckte zwei frische Patronen hinein.

Die Gegner wollten nicht so lange warten, bis er damit fertig war.

Zwei weitere Kugeln trafen Chase im Oberkörper, eine weitere streifte seinen Hals. Chase zuckte unter der Wucht der Einschläge. Ein Gefühl, als ob spitze Nadeln seine Haut durchstießen. Es tat höllisch weh. Aber gefährlich waren die Treffer für ihn nicht. Auf die Heilung konnte er sich konzentrieren, wenn er diesen Kampf hinter sich hatte.

Stoney bekam auch etwas ab.

Sein Begleiter feuerte mit dem Magnum Colt wild herum. Zwei der SSSATANIC-Leutre sanken getroffen zu Boden, ein anderer schleppte sich angeschossen zurück zur Discothek.

Die Uzi knatterte los.

Chase drehte sich zu dem Schützen um, während die kleinkalibrigen Kugeln in rascher Folge das T-Shirt im Brustbereich durchlöcherten. Der Satansjünger öffnete den Mund und vergaß, ihn wieder zu schließen. Seine Augen traten vor Schrecken aus ihren Höhlen heraus. "Ja, so was hast du noch nicht gesehen, du Grufti-Bastard!"

Chase drückte seine Schrotpistole ab. Der Uzi-Schütze bekam die Ladung direkt ins Gesicht, von dem so gut wie nichts übrig blieb. Er taumelte zurück, rutschte dann an einem parkenden Ford zu Boden.

"Hey, das gibt's doch nicht!", rief einer der Satansjünger.

"Zielt auf die Köpfe! Die müssen Kevlar unter der Kleidung tragen!"

Stoney bekam einen Treffer genau zwischen die Augen.

Ein rotes, rundes Loch, aus dem Blut sickerte.

Er hatte den Colt Magnum leer geschossen und riss jetzt die Machete hervor. Mit einem wilden Kampfschrei stürmte er auf den Schützen ein. Dieser war völlig konsterniert. Mit einem schnellen, wuchtigen Hieb trennte Stoney ihm den Kopf vom Rumpf. Der Geköpfte blieb noch ein paar Sekunden stehen, während der Schädel durch die Luft geschleudert wurde und gegen eine Hauswand klatschte.

Im selben Moment machte sich einer der Angreifer von hinten mit dem Baseballschläger an Chase heran. Die Nummer zwei der New Yorker Vampire war gerade damit beschäftigt, die Schrotpistole erneut nachzuladen. Aus den Augenwinkeln heraus sah er das Holz heransausen. Chase streckte die Linke aus, fing den Schlag des Baseballschlägers damit ab. Mit einem Ruck zog er den Kerl zu sich heran, versetzte ihm einen Faustschlag. Er traf noch nicht einmal mit voller Wucht. Aber der Schlag reichte aus, um den Satansjünger zu Boden sinken zu lassen. Er blieb regungslos liegen.

Chase Blick streifte den halb offen stehenden Gulli.

Weitere Ratten krochen an die Oberfläche...

Sie quollen geradezu aus dem Gulli hervor. Der schwere Deckel wurde jetzt ganz zur Seite schoben.

Eine der Ratten verschwand zwischen parkenden Fahrzeugen, kam wenig später darunter wieder hervor und sprang einen der SSSATANIC-Leute an. Ihre Zähne verbissen sich im Oberschenkel des Satansjüngers. Dieser schrie auf, versuchte das Tier abzuschütteln. Er schlug mit seiner Automatik danach. Panik erfasste ihn. Er taumelte völlig von Sinnen in Richtung des SSSATANIC DESASTER.

Auch die anderen wurden jetzt von Ratten angegriffen. Das galt sowohl für die Satansjünger, als auch für Chase und Stoney.

"Verdammt, spürst du denn gar nichts?", rief Chase.

"Irgendeines dieser Biester muss doch der Philadelphia-Vampir sein!"

"Ich dachte, du hättest ihn erwischt!", keuchte Stoney. Er schlug mit seiner Machete nach den kleinen Angreifern, zerteilte mehrere von ihnen.

Chase holte sein Hiebmesser heraus. Die Schrotpistole konnte er jetzt ohnehin nicht nachladen. Er hackte auf die grauen Bestien ein, erwischte einige von ihnen. Die Klinge glitt durch die bepelzten Leiber hindurch. Aber diese Ratten waren äußerst schwer zu töten.

Einer der Satansjünger wurde von ihnen vollkommen überwältigt. Er schrie laut auf, taumelte zu Boden. Keiner seiner Kumpane konnte ihm noch helfen. Die Ratten begannen, ihn bei lebendigem Leib aufzufressen. Ganze Stücke nagten sie aus seinem Körper heraus. Schon waren die ersten von ihnen in den großen, klaffenden Wunden verschwunden, die sie in seinen Bauch gerissen hatten. Die grauen Bestien tauchten die Köpfe hinein, verschwanden fast darin und begannen, ihn von innen heraus auszuhöhlen. Er schrie nicht mehr.

Die Satansjünger waren längst in heller Panik begriffen.

Sie versuchten zu fliehen.

Für Chase und Stone interessierte sich keiner von ihnen.

Einer ballerte auf die Ratten, wirkte dabei wie von Sinnen.

Aber auch das prall gefüllte Magazin einer Automatik war irgendwann leer geschossen. Es machte klick. Dem SSSATANIC-Rauschmeißer krabbelten die Ratten an den Beinen empor. Er konnte sie jetzt nicht mehr auf Distanz halten. Mit Fußtritten versuchte er, die Bestien loszuwerden.

Inzwischen war auch innerhalb des SSSATANIC DESASTER Unruhe aufgekommen. Die Musikanlage war ausgefallen. Ob die Ratten die Kabel durchgefressen hatten, konnte man nur vermuten. Das Licht flackerte und gab dann seinen Geist auf. Schreie gellten. Die äußere Neonreklame fiel ein paar Sekunden später aus. Zumeist in dunkle Klamotten gekleidete junge Leute strömten auf die Straße. Sie konnten die Ratten nicht sehen.

Aber sehr bald spürten sie sie.

Furchtbare Schreie puren Entsetzens hallten zwischen den Häuserfronten wider. Immer größere Teile der Stromversorgung fielen aus. Es wurde dunkel in der Montgommery Street, auch die Straßenbeleuchtung war davon betroffen.

Inzwischen strömten keine Ratten mehr aus dem Gulli-Loch.

Es mussten inzwischen Tausende sein, die unter den Gästen und dem Personal des SSSATANIC DESASTER für Angst und Schrecken sorgten.

Flüchtig bemerkte Chase einen zum Skelett Abgefressenen.

Als ob ein Schwarm Piranhas über ihn hergefallen wäre!, ging es dem Vampir schaudernd durch den Kopf.

Aber ihm blieb nicht die Zeit, lange darüber nachzudenken.

Zu sehr war er mit der Verteidigung seiner eigenen Existenz beschäftigt. Das Abnagen bis aufs Skelett gehörte zwar nicht zu den klassischen Methoden, einen Vampir zu vernichten, aber Chase war klar, dass danach keinerlei Regeneration mehr möglich sein würde - anders als bei den Schussverletzungen, die ihm auch jetzt noch Schmerzen verursachten.

Es herrschte vollkommenes Chaos.

Chase hörte Stoneys heiseren Schrei.

Er sah zur Seite, während eine Ratte vom Dach eines parkenden Fahrzeugs herunter sprang. Sie landete an seinem Hals, schlug ihre Zähne dorthin, wo sich Chase Schlagader befand. Mit einem Schlag erwischte Chase sie. Das Genick der Ratte knackte, während Chase ein höllischer Schmerz durchfuhr. Die regungslose Ratte hatte sich in seinem Hals verbissen. Jedenfalls steht fest, dass es sich nicht um einen der Philadelphia-Vampire handelt!, ging es Chase wütend durch den Kopf. Denn von einer Endorphinausschüttung beim Biss war nicht das Geringste zu spüren...

Andererseits mochte es davon auch Ausnahmen geben.

Voller Wut schleuderte er den Rattenkörper zu Boden. Seine Hand war blutig. Der Hals auch. Der Rattenkörper wurde durch den Aufprall auf dem Asphalt völlig zerschmettert.

Sie hat versucht zu trinken, Chase!, meldete sich eine alarmierte Stimme in ihm. Genau wie ein Vampir...

Aber auch bei ihr gab es keine Rückverwandlung, wie Chase sie auf dem Navy Yard miterlebt hatte. Ein Schrei ließ Chase zusammenzucken. Er sah zu Stoney hinüber, der von einem Schwarm Ratten überwältigt worden war.

Er lag auf dem Boden, rollte sich hin und her und versuchte verzweifelt, die Tiere abzuschütteln. Den leer geschossenen Revolver hielt er nicht mehr in der Hand. Er musste ihn verloren haben. Die Machete nützte ihm nicht viel. Zumeist schlug er ins Leere.

Und dann zogen die Ratten ihn mit sich.

Hunderte mussten es sein.

Ein einziges Gewimmel war um seinen Körper herum zu sehen.

Sie verbissen sich in seinen Armen und Beinen, in seinen Stiefeln, in der Kleidung und schleiften ihn über den Asphalt. Das ging so schnell, dass die Ratten innerhalb weniger Augenblicke mit ihrer Beute den Gulli erreicht hatten.

Chase setzte hinterher.

Einer der SSSATANIC-Leute kam ihm in den Weg. Er war dem Wahnsinn nahe. Seine Pistole hatte er längst von sich geworfen. Er hatte ohnehin keine Chance, sie nachzuladen. Wie ein Berserker schlug er mit seinem Baseball-Holz um sich.

Immer wieder erwischte er dabei auch einige der Ratten. Die Meisten jedoch verfehlte er.

Einer dieser mörderischen Schläge traf Chase am Kopf. Chase war im letzten Moment etwas zur Seite gewichen, so dass ihn nicht die volle Wucht des Schlages traf. Für einen Schädelbasisbruch reichte es trotzdem. Blut rann Chase aus Mund und Nase. Er stöhnte auf. Er entriss dem Sterblichen voller Wut den Schläger, stieß ihm dann dessen Griff in die Brust. Der Griff drang fast eine Handbreit in den Oberkörper ein. Die Rippen knackten.

"Pfählen ohne anspitzen - das ist doch mal was, du Scheißkerl!", knurrte Chase. "Ihr habt es doch immer so mit der Hölle und dem Satan! Jetzt bist du früher dort, als du gedacht hast!"

Chase wankte vorwärts. Alles drehte sich vor seinen Augen.

Ein paar Ratten fegte er mit dem Hiebmesser zur Seite, schlitzte einer dabei das Fell auf. Seine Schnelligkeit war groß genug dafür. Von dem Schlag werde ich noch eine ganze Weile etwas haben!, ging es ihm ärgerlich durch den Kopf.

Sein Schädel dröhnte unangenehm. Er konzentrierte sich einige Sekunden lang darauf, den Heilungsprozess voranzubringen.

Zumindest teilweise...

Dann ging es weiter.

"Scheiße, warum hilft mir denn keiner!", rief Stoney inzwischen.

Dann bekamen seine Schreie einen eigenartig dumpfen Klang.

Was genau geschah, konnte Chase nicht sehen, denn genau in diesem Moment fiel ein weiterer Teil der Beleuchtung aus.

Im nächsten Augenblick erreichte Chase den Gulli.

Die Ratten haben ihn hinab gezogen!, ging es ihm schaudernd durch den Kopf.

Dort unten war nichts als Finsternis.

Er holte die Taschenlampe hervor.

Chase ließ den Lichtkegel über die Metalltritte schweifen, die hinunter ins Abwassersystem führten.

Da war frisches Blut, das von den rostigen Tritten troff...

Stoneys Blut.

Ein Schrei noch, wie aus weiter Ferne. Irgendwo aus dem tiefen Bauch der Erde.

Dann herrschte dort unten nur noch Stille.

*

Chase stieg hinab.

Der Schacht war eng.

Er erreichte schließlich den Boden, trat durch den Zufluss zu einem Abwasserkanal. Lediglich ein schmales Rinnsal floss in der Mitte dahin. An manchen Stellen sammelte sich Schlamm.

Ein ekelhafter Geruch hing in der Luft. An der Oberfläche ging indessen der Kampf zwischen den Ratten und den SSSATANIC-Leuten weiter.

Jedenfalls waren noch immer Schreie zu hören.

Wo sind sie, diese grauen Bestien?, ging es Chase durch den Kopf. Hier unten war sonderbarerweise keine einzige Ratte zu sehen, so oft er auch den Lichtkegel seiner Lampe umherschwenkte.

Im Schlamm fand er Schleifspuren.

Blut war hier und da auf dem Beton zu sehen.

Frisches Blut.

Chase folgte dem Kanal.

Er hatte die Schrotpistole wieder geladen. Sie steckte hinter dem Gürtel. In der Linken hielt er die Lampe. Das Hiebmesser hatte er auch wieder weggesteckt.

Warum Stoney?, fragte er sich. Warum hatten sich die Ratten ausgerechnet ihn ausgesucht? Sie hatten ihm nicht einfach die Haut vom Leib gefressen, so wie sie es bei den Sterblichen getan hatten, sondern ihn mitgenommen. Das musste seinen Grund haben.

Dann erreichte er eine Verzweigung.

Chase überlegte, in welche Richtung er sich wenden solle.

Er leuchtete mit der Taschenlampe in beide Kanalverzweigungen hinein, aber der Lichtkegel reichte nicht weit genug.

Dann lauschte er.

Aus dem rechten Kanal hörte er Geräusche. Ein Schmatzen und Schaben. Kratzgeräusche waren auch drunter.

Dort sind sie!, ging es ihm durch den Kopf.

Er fand, dass er es Stoney irgendwie schuldig war, ihm zu folgen - auch wenn er nicht annahm, dass die grauen Biester noch viel von seinem Kumpel übrig gelassen hatten. Die Vorstellung, dass Stoney bei lebendigem Leib zerfressen worden war, ließ selbst Chase schaudern. Dagegen war ja selbst das Ende durch einen fanatischen Vampir-Pfähler eine geradezu paradiesische Vorstellung.

Deswegen findet sich hier keine verdammte Ratte! Sie sind alle bei der Mahlzeit!, wurde es Chase schließlich klar.

Vorsichtig setzte er einen Fuß vor den anderen.

Schließlich erreichte er die nächste Biegung. Die Geräusche wurden lauter.

Chase ließ den Lichtkegel herumfahren.

Dann sah er sie.

Unzählige Ratten bildeten einen Knäuel. Sie bedeckten einen menschlichen Körper. Stoneys Körper, davon war Chase überzeugt. Soweit Chase sehen konnte, war nicht mehr viel von ihm übrig. Chase sah nur Blut.

Sie trinken!, durchfuhr es den Vampir. Scheiße, das machen die genau wie wir!

Warum taten sie das?

Die ersten Tiere wurden jetzt auf Chase aufmerksam.

Blut troff aus ihren Mündern. Chase hielt mit dem Strahl der Lampe auf ihre Mäuler. Er versuchte zu erkennen, ob sie Vampir-Zähne hatten oder nicht. Aber er konnte es nicht erkennen.

Immer mehr Ratten schienen das Interesse an dem zerbissenen Körper zu verlieren. Chase sah blanke Knochen im Licht seiner Lampe.

Die Ratten strömten in Scharen auf Chase zu, gaben den Blick auf das abgenagte Skelett frei.

"Stoney!", rief Chase.

Sein Ruf hallte zwischen den feuchten Kanalmauern wider.

Wie Piranhas hatten sie seinen Kumpel zerlegt. Ein grausiger Anblick. Die Reste würden schnell zerfallen. Schon zerbröselten die ersten Knochen zu Staub.

Chase wich vor den Ratten zurück.

Es lag auf der Hand, dass jetzt er ihre blutigen Begierden geweckt hatte. Chase riss die Schrotpistole hervor, feuerte direkt in ihren Pulk hinein. Mindestens ein halbes Dutzend der Ratten bekam genug ab, um erstmal gestoppt zu werden.

Einige waren auch tot. Aber angesichts ihrer Anzahl war das bedeutungslos. Ihre Artgenossen strömten einfach über sie hinweg.

Chase lief schneller.

Er rutschte aus, hielt sich an der Mauer und behielt dann mühsam das Gleichgewicht. Das Piepsen der Nager hallte in dem düsteren Gewölbe wider, erfüllte es wie ein geisterhafter Chor des Grauens.

Er trat auf etwas Weiches. Ein schriller Schrei, dann das Geräusch knackender Knochen. Er riss den Lampenstrahl herum und sah, dass ihm jetzt auch von der anderen Seite Scharen von Ratten entgegenströmten.

Offenbar die Rückkehrer des Massakers vor dem SSSATANIC

DESASTER.

"Scheiße!", flüsterte Chase.

Mit dem Hiebmesser senste er um sich herum. Er brauchte nicht einmal genau zu zielen. So viele Rattenleiber waren um ihn herum, dass er immer irgendetwas traf.

Dabei taumelte er weiter, rannte um...

...sein Leben?

Für einen Untoten wie Chase nicht ganz der richtige Ausdruck.

Sie werden dich genauso vernichten wie Stoney!, ging es Chase bitter durch den Kopf.

*

Ein Lichtstrahl erhellte plötzlich das Gewölbe. Feuer fraß sich über den Boden. Ein schrilles Kreischen erfüllte den Raum. Hunderte von Ratten gingen in Flammen auf, stoben brennend davon, rollten sich in das stinkende Abwasser hinein, um den Brand ihres Fells zu löschen. Aber das gelang ihnen nicht. Wie die züngelnde Flamme eines Drachen schoss der Flammenstrahl erneut aus der Dunkelheit heraus.

Chase hieb wie wild um sich, konnte die Ratten in seiner unmittelbaren Umgebung soweit auf Distanz halten, dass sie ihn nicht bissen.

Die ersten ließen auch schon von ihm ab.

Panik und Orientierungslosigkeit hatte sie offenbar erfasst.

Die ordnende Macht, die sie bis dahin einem einzigen Organismus gleich gelenkt hatte, schien innerhalb weniger Augenblicke die Kontrolle zu verlieren.

Erneut schoss die Flamme hervor, bis nahe an Chase Fußspitzen heran.

Es war höllisch heiß.

Chase spürte, wie seine Haare angesengt wurden. Er stolperte zur Seite.

Die Ratten waren jetzt keine Gefahr mehr. Hunderte, ja tausende von ihnen rannten wie kleine lebende Fackeln kreuz und quer in dem Gewölbe herum. Einigen wenigen gelang es, den Brand ihres Fells in dem dunklen Abwasser zu löschen. Aber die Flammen waren sehr hartnäckig. Die Ratten rannten in alle Richtungen davon. Ihre brennenden Körper erhellten auch noch weiter entfernt liegende Teile des Kanalgewölbes. Schatten tanzten an den steinernen, gerundeten Kanalwindungen.

Erst jetzt registrierte Chase, dass er sich ziemlich böse die Hände verbrannt hatte. Aber der Schmerz war nichts gegen das, was ihn ansonsten erwartet hätte. Er brauchte seine Willenskraft noch nicht einmal sonderlich stark zu konzentrieren, um das wieder hinzubekommen.

Eine Gestalt hob sich dunkel gegen den Schein der Flammen ab. Die Gestalt trat näher. Chase leuchtete sie an.

Es handelte sich um einen Mann in einem Army-Parka.

Er hatte ein kantiges Gesicht mit hervorspringendem Kinn.

Er trug einen Irokesenschnitt.

Auf dem Rücken befand sich etwas, dass in der Dunkelheit zunächst wie ein Rucksack wirkte. Aber dann erkannte Chase, was es wirklich war. Der Tank eines Flammenwerfers.

Der Irokese blinzelte.

"Hey, lass die Blenderei, du Arsch!"

Chase senkte den Strahl, trat dann näher.

"Danke", sagte er schließlich. "Ich schätze, du hast mich davor bewahrt, dass..."

"...dass die Biester dich aufgefressen haben, ich weiß!", knurrte der Irokese.

Chase fragte sich, wen er da vor sich hatte. Einen von den Mole People, der sich darauf spezialisiert hatte, mit einem Flammenwerfer auf Rattenjagd zu gehen? Es gab viele Geschichten von Verrückten, die hier unten hausten. Aber das erschien Chase dann doch etwas zu abstrus.

"Du musst bekloppt sein, hier her zu kommen!", sagte der Irokese. Er trug eine Lampe an seinem Parka und schaltete sie nun ein.

Chase musterte ihn nachdenklich.

"Ach, und du bist nicht bekloppt?"

"Ich bin wenigstens richtig ausgerüstet!", erwiderte er und hielt dabei das Schlauchende des Flammenwerfers hoch.

"Woher hast du das Ding?"

"Von einem Waffenhändler. Selbst die liberalen Waffengesetze der USA erlauben es leider nicht, so etwas legal zu erwerben... Leider! Aber gegen die Ratten wirkt es verdammt gut, wie du ja gesehen hast."

"Allerdings."

"Wie heißt du?

"Chase. Chase Blood. Und du?"

Der Irokese zeigte ein breites Grinsen. Seine Zähne waren makellos und das sprach dafür, dass er entweder noch nicht lange oder überhaupt nicht hier unten lebte.

"Ron. Ron Dales. Was tust du hier unten?"

"Ich bin meinem Kumpel gefolgt. Diese Ratten haben ihn den Gulli hinab gezogen..."

"Scheiße, ja, das machen sie manchmal."

"Du kennst dich aus?"

"Ich jage sie. Für deinen Kumpel konnte ich nichts mehr tun. Ich habe gesehen, wie sie ihn her schleiften. Verdammt schnell geht das... Die haben Kraft, die Biester, das glaubt man nicht."

"Ich habe wohl ziemlich großes Glück, dich getroffen zu haben."

"Allerdings!"

"Was geht hier eigentlich vor sich?"

Ron Dales lachte auf. "Willst du das wirklich wissen?"

"Würde ich sonst fragen? Hör zu, die Tatsache, dass du mich gerettet hast, gibt dir nicht das Recht, mich zu verarschen!"

Ron hob beschwichtigend die Hand.

"Schon gut, Mann! Bleib friedlich." Ron Dales ließ den Blick schweifen. Seine Augen waren dabei zusammengekniffen.

Er nahm die Lampe von der Jacke, ließ den Strahl den Kanal absuchen, so als erwartete er, dass die Bestien zurückkehrten. Einige verkohlte Kadaver waren zurückgeblieben. Ron Dales zählte sie flüsternd.

Oh Mann, ein Perverser!, dachte Chase. Und wenn schon!, meldete sich eine andere Stimme in ihm. Immerhin war sein Auftritt ziemlich cool!

Der Kerl mit dem Irokesenschnitt machte eine ruckartige Bewegung mit dem Kopf und blickte Chase jetzt direkt an. Sein Blick war sehr intensiv. Intensiver als Chase es ansonsten von Sterblichen gewöhnt war. Zweifellos verfügte Ron Dales über erhebliche Willensstärke.

"Hast du schon mal was vom Rattengott gehört, Chase Blood -

oder wie immer du wirklich heißen magst?"

Auf die spitze Schlussbemerkung ging Chase nicht weiter ein.

"Wer soll das sein, dieser Rattengott?"

"Das weiß niemand genau. Die Mole People hier unten erzählen davon seit vielen Jahren, aber kein Mensch nimmt sie ernst. Manche sagen, der Rattengott sei eine riesige Ratte.

Andere behaupten, er habe menschliche Gestalt. Es gibt so viele Stories... aber fest steht, dass diese Macht in der Lage ist, tausende von Ratten zu kontrollieren, sie wie ein Wesen agieren zu lassen... und so jagen sie auch. Du hast es selbst miterlebt, Chase Blood. Wie Wölfe oder Piranhas. Das Opfer hat praktisch keine Chance..."

Chase runzelte die Stirn.

"Und du glaubst, da ist wirklich etwas dran?"

"Ja. Ich bin überzeugt davon. Weißt du was Okkultismus ist?"

Chase verzog das Gesicht.

"Auch wenn du es nicht glaubst: Die Grundschule habe ich geschafft!"

"Ich habe bestimmte Experimente angestellt. Experimente, die mir bewiesen haben, dass tief unter der Stadt eine okkulte Kraftquelle sein muss..."

"Der Rattengott..."

"Ja..."

Wahrscheinlich steckt ein Vampir hinter den Stories, die man sich über den Rattengott erzählte, dachte Chase. Es war ja möglich, dass sich hier unten ein Illegaler versteckt hielt, der die Ratten kontrollieren konnte.

Und was war mit dem Philadelphia-Vampir, dessen Spur er mit Stoney gefolgt war? Stoney hat seine Spur plötzlich verloren!, rief Chase sich wieder ins Gedächtnis. Bis jetzt hatte er immer angenommen, dass das an Stoney gelegen hatte.

Aber vielleicht war der Grund ein ganz anderer.

Was, wenn der dritte Philadelphia-Vampir vernichtet wurde?, durchschoss es Chase blitzartig. Durch Ratten!

"Geh nach Hause und komm nie wieder hier her!", meinte Ron Dales. "Das ist der einzige Rat, den ich dir geben kann." Er deutete in die Dunkelheit hinein. "Hier unten lauert eine Gefahr für die ganze Stadt. Des Nachts kommen sie rudelweise aus der Tiefe. Manchmal dringen sie in letzter Zeit sogar schon an die Oberfläche, gelangen durch Abwasserleitungen und Toiletten bis in die Häuser und greifen sich ihre Opfer. Und niemand will die Wahrheit wirklich wissen, Chase!"

Ron Dales hob den Flammenwerfer, ließ das Ende in Chase Richtung zeigen.

"Hey, was soll das?"

"Na los, verschwinde schon, oder muss ich dir Beine machen!

Du hast mich schon genug bei meiner Jagd gestört!"

"Vielleicht könnten wir zusammen losziehen!"

"Quatsch! Einen wie dich könnte ich höchstens als Köder gebrauchen! Also verschwinde!"

Chase ließ sich das nicht zweimal sagen.

So ein Flammenstrahl bedeutete auch für einen Vampir zumeist das Ende. Selbst wenn er schlecht gezielt war.

"Cool bleiben, Ron!"

"Scheiß drauf!"

*

Chase gelangte schließlich durch einen Gulli wieder hinaus aus dem Abwassersystem. Es war nicht derselbe Einstieg, durch den er in das Reich der Tiefe eingedrungen war, sondern der Gulli einer Nebenstraße. Nach ein paar Minuten hatte er die Montgommery Street erreicht. Chase lege dazu einen Dauerlauf hin. Als Vampir kannte er keinerlei Ermüdung. Und was die Geschwindigkeit anging, so wurde er sicherlich von vielen anderen Angehörigen des Nachtvolkes übertroffen. Aber immerhin war er schnell genug, um einen Fahrradkurier einzuholen.

Als Chase das SSSATANIC DESASTER erreichte, bot sich ihm ein Bild des Grauens.

Abgenagte Skelette lagen auf der Straße. An manchen hingen noch einzelne blutige Fleischfetzen.

In der Ferne waren Sirenen von Polizei und Emergency Service zu hören. Jemand aus der Nachbarschaft musste sie alarmiert haben.

Die Besucher des SSSATANIC DESASTER waren entweder geflohen oder umgebracht worden. Hier und da waren Schleifspuren auf dem Asphalt zu sehen. Blut und Haare waren hängen geblieben und bildeten eine Spur, die meistens an irgendeinem Gulli endete.

Von den näher rückenden Sirenen abgesehen herrschte eine grausige Stille in der Montgommery Street.

Chase blickte sich um, suchte seine Harley und fand sie schließlich auch.

Scheint so, als hättest du verdammt großes Glück gehabt, diesmal davongekommen zu sein!, ging es ihm durch Kopf. Das Gesicht des Irokesen ging ihm nicht aus dem Kopf. Ron Dales.

Vielleicht war das wirklich ein Spinner, wie es sie zu hunderten in den unterirdischen Gewölben unter den Mole People gab. Menschen, die die Gesellschaft aus irgendeinem Grund ausgespuckt und verstoßen hatte. Nicht wenige von ihnen verloren schließlich den Kontakt zur Realität. Das mochte bei Ron Dales auch der Fall sein.

Andererseits...

Was, wenn doch etwas an der Sache mit dem Rattengott war?

Du kannst es nicht wirklich ausschließen!, dachte Chase, stieg auf seine Harley und ließ den Motor an. Er hatte keine Lust, sich noch im Inneren des SSSATANIC DESASTER umzusehen.

Vermutlich bekam er dort einen ähnlich schlimmen Anblick zugemutet wie hier auf der Straße.

Ein Patrol Car raste die Montgommery Street entlang.

Dank der fast völlig ausgefallenen Straßenbeleuchtung, konnten die Cops Chase mit Sicherheit jetzt nicht sehen. Und der Vampir hatte auch wenig Lust darauf, sich mit den NYPD-Leuten lang und breit zu unterhalten. Wenn er Pech hatte, zog sich so ein Verhör bis zum Sonnenaufgang hin. Und das wollte er sich nun wirklich nicht antun.

Er ließ die Harley aufbrausen und fuhr mit Vollgas davon.

Sein Start war so blitzartig, dass die hinteren Reifen zunächst einmal mit einem quietschenden Laut durchdrehten.

Das Rad stieg wie ein wilder Gaul auf die Hinterhand. Aber Chase kannte sich mit seiner Maschine aus. Es war kein Problem für ihn, sie unter Kontrolle zu halten. Er brauste bis zur nächsten Ecke und bog dann ab.

Sollen die Cops ihren Job ruhig machen, dachte er. Viel ausrichten werden sie gegen diesen Feind nicht! Gleichgültig, ob es sich nun um Philadelphia-Vampire oder diese geheimnisvolle Macht namens Rattengott handelt!

*

"Ron Dales!", murmelte Franz, Fürst von Radvanyi, mit nachdenklichem Gesicht. "Da haben wir ihn..."

Chase hob die Augenbrauen, als auf einem der zahlreichen Computerbildschirme im Büro des Herrn der New Yorker Vampire das Gesicht des Irokesenschnitt-Trägers auftauchte. Dales war mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt gekommen, zumeist wegen Verstößen gegen die strikten New Yorker Waffengesetze. Über die Datenbanken der New Yorker Polizei hatte der Fürst auf diese Weise Zugriff auf die persönlichen Daten des Irokesen.

"Er hat sich wohl in okkultistischen Kreisen herumgetrieben... Es gibt hier auch mehrere Verurteilungen wegen Friedhofsschändungen und dergleichen mehr..."

Chase hatte seinem Herrn ausführlich Bericht erstattet.

Der Fürst wandte sich nun zu seiner Nummer zwei herum.

Seine dünnen Finger spielten gedankenverloren mit den Rüschen seines weiten Hemdes. Den Gehrock hatte er ausgezogen und über einen Stuhl gehängt. In seiner Kleidung wirkte er wie der Darsteller eines Piraten-Dramas, der direkt der Leinwand entstiegen war.

"Ich habe keine Ahnung, ob das nur ein Spinner ist oder ob irgend etwas hinter dem steht, was er sagt", bekannte Chase.

"Ich weiß nur eins: Der Kerl hat mir mit seinem verdammten Flammenwerfer das Leben gerettet..."

"Die Ratten waren daraufhin nicht mehr unter Kontrolle?"

"So ist es. Sie stoben auseinander. Viele brannten."

"Es könnte sein, dass sich, da tief unter unserer Stadt eine Gefahr zusammenbraut, gegen die die Vampire von Philadelphia oder auch meinetwegen dieses größenwahnsinnige Gesocks aus Chicago nichts als ein laues Lüftchen sind!"

"Was meinen Sie damit?"

"Stoney konnte die Anwesenheit von Vampiren sicher orten, nicht wahr?"

"Ja. Übrigens auch noch einige Zeit nach ihrer Anwesenheit."

"Dann nehme ich an, dass der dritte Philadelphia-Vampir von den Ratten ebenso zerfleischt wurde wie dein Freund Stoney!"

"Habe ich auch schon vermutet."

"Weißt du, was mit Ratten geschieht, die das Blut von Vampiren trinken?"

"Ich hoffe nicht, dass sie konvertieren, wie es bei Menschen der Fall ist!"

Der Fürst lächelte kalt, entblößte die Zähne dabei. Sie blitzten in dem gedämpften Licht, dass in seinem Büro herrschte.

"Nein, ganz so ist es nicht. Normalerweise bekommen Ratten ja auch gar keine Gelegenheit, einen Vampir auszusaugen, denn wir zerfallen ja mehr oder weniger schnell, sobald wir vernichtet werden. So etwas kann eigentlich nur geschehen, wenn die Ratten unter einem fremden mentalen Einfluss stehen, der sie dazu treibt, einen Vampir anzunagen."

"Unsere vampirischen Gegner!"

"Ja - oder doch etwas anderes. Ein Wesen, das ebenfalls die Macht hat, über Ratten zu gebieten. Vielleicht sogar noch stärker als jeder Vampir!"

"Sie wollten mir erklären, was mit Ratten geschieht, die Vampirblut trinken, Herr!", erinnerte Chase seinen Gebieter.

In den Augen des Dreihundertjährigen blitzte es.

"Sie werden zu einer besonderen Sorte Ratten, jedenfalls steht es so in der okkulten Literatur. Keine Vampire, das ist wahr - aber man könnte sie Vampir-Ratten nennen, denn sie bekommen dann viele unserer Eigenschaften."

"Welche?"

"Vor allem der Blutdurst. Aber sie werden auch ungewöhnlich stark und sind sehr schwer zu töten."

"Haben sie Vampirzähne?"

"Manche ja, manche nicht. Das ist unterschiedlich.

Jedenfalls können sie ihre Gestalt nicht verändern."

"Das ist immerhin ein Trost...", murmelte Chase. Nach einer kurzen Pause fügte er dann hinzu: "Ich denke, dass genau das passiert ist, Herr!" Er dachte an die von einem Schrotschuss zerfleischte Ratte, die immer noch gelebt und sogar damit begonnen hatte, sich zu regenerieren. Durch das, was der Fürst ihm gesagt hatte, wurde ein solches Phänomen erklärbar.

"Ich halte es für möglich, dass Stoney von dem Herrn dieser Ratten ganz bewusst als Opfer ausgesucht wurde, weil er ein Vampir war, Chase!"

"Sie meinen, unser Feind will..."

"...seine grauen Heerscharen so stark wie möglich machen!", vollendete der Fürst. Seine dürren Hände ballten sich zu Fäusten. "Du musst dieser Sache auf den Grund gehen Chase, denn im Verlauf der letzten Nacht sind hier beunruhigende Nachrichten eingetroffen..."

"So?"

"Einige unserer Freunde sind... verschwunden! Vermutlich vernichtet. Und die Umstände sprechen dafür, dass ihnen etwas ähnliches passiert ist wie deinem Kumpel Stoney!"

Chase verneigte sich leicht.

"Ich kümmere mich darum, Herr!", versprach er.

Franz von Radvanyi lächelte dünn.

"Davon bin ich überzeugt!", erwiderte er. "Aber nicht mehr in dieser Nacht. Der Sonnenaufgang steht bevor..."

"Ja."

"Zieh dich zurück! Ich habe noch ein paar Dinge zu erledigen, bevor die Nacht vorbei ist!"

"Ja, Herr!"

"Unter anderem wartet unsere gemeinsame Bekannte Petra Brunstein draußen im Vorzimmer darauf, eingelassen zu werden."

Chase blickte auf.

"Ach, ja?"

"Sie hat ihre Sache als diplomatische Unterhändlerin anscheinend ganz gut gemacht. Vielleicht bekommen wir eine Weile Ruh, was Magnus von Björndal angeht. Aber ich will die Nacht nicht vor dem Sonnenaufgang loben... der verdeckte Krieg, den wir gegeneinander führen, ist noch lange nicht vorbei."

"Er tritt wohl nur in eine ruhigere Phase?"

"Möglicherweise ja, Chase."

Als Chase das Büro des Fürsten verließ, traf er Petra im Vorzimmer. Sie hatte in einem Schalensessel Platz genommen und elegant die Beine übereinander geschlagen. Das grauschwarz gemusterte Kleid, das sie trug, zeichnete perfekt ihre Körperformen nach, ohne billig zu wirken. Wie immer war sie perfekt gestylt.

Petra blickte mit spöttischem Blick.

"Wie man so hört und...", Petra verzog die Nase,

"...riecht, hast du jetzt einen festen Job als Kanalarbeiter gekriegt". Sie tat so, als würde sie tief durchatmen. Das kriegte sie auch Jahrzehnte nach ihrem Tod immer noch herzzerreißend hin, ohne dass ein unabhängiger Beobachter auf die Idee hätte kommen können, eine untote Vampirin vor sich zu haben, die nicht ein einziges Sauerstoffmolekül brauchte, um zu existieren. "Wozu der weitreichende Einfluss des Fürsten auf Behörden und städtische Unternehmen doch gut sein kann..."

"Langsam wiederholst du dich", erwiderte Chase ätzend. "Für jemanden, der von sich behauptet, eine große Künstlerin zu sein, ist so ein kreativer Offenbarungseid doch sehr bedenklich, oder?"

"Das lass mal meine Sorge sein!"

"Ganz wie du willst!"

"Wenn ich mal ein Problem habe, dass sich mit einer Schrotpistole lösen lässt, komme ich vielleicht zu dir, um mir Rat zu holen. Bei allen anderen Dingen frage ich doch lieber jemanden, dessen Gehirn es zumindest mit dem eines Gorillas aufnehmen kann!"

"Ich muss was an mir haben, dass die Komplimente geradezu anzieht, Petra!"

"Nur nicht abheben, Kleiner!"

Petra erhob sich, ging mit eleganten Schritten an der Nummer zwei der New Yorker Vampire vorbei. Einen Augenblick später verschwand sie hinter der Tür zum Büro des Fürsten -

nicht ohne Chase noch einen letzten verächtlichen Blick zuzuwerfen.

"Das Leben kann so schön sein, wenn man überall Freunde hat", murmelte Chase zynisch vor sich hin.

*

Ron Dales trug ein paar Pizza-Schachteln unter dem Arm, als er vor der Stahltür seiner Wohnung im Cast Iron-Stil stand.

Im West Village von New York gab es zahlreiche Wohnungen in dieser Art. Die Gebäude orientierten sich am Industrial Look.

Ehemalige Fabrikhallen und Lagerhäuser waren zu Ateliers und Wohnungen umgebaut worden, deren besonderer Charme eine Zeitlang besonders Künstler angezogen hatte. Das Gebäude, in dem Ron Dales residierte, war allerdings niemals ein Industriebau gewesen. Die aus vorgefertigten Metallteilen gefertigte Fassade war lediglich dem typischen Stil nachempfunden.

Ron Dales schloss auf. Er hatte dafür einen elektronischen Signalgeber. Die breite Schiebetür, die so groß war, dass eine Limousine hätte hindurch fahren können, schob sich mit einem grollenden Geräusch zur Seite. Vollautomatisch. Ron trat ein. Seine Wohnung bestand im Wesentlichen aus einem großen, hallenartigen Raum.

Von den Stahlverstrebungen an der Decke baumelten menschliche Schädel herab. Sie begannen sich durch den Luftzug von draußen leicht zu bewegen, stießen hier und da zusammen. Ein dumpfes Klackern erfüllte den Raum.

Auf der anderen Seite des Raums befand sich ein Brunsteinquader, der wie ein Altar wirkte. Fünf weitere Schädel waren darauf zu einem Hexagon angeordnet, in dessen Zentrum sich ein Schädel aus Glas befand.

In einer anderen Ecke befand sich ein aufwendiges Computer Equipment. Mehrere Schirme flimmerten. Auf einem wurde angezeigt, dass Emails auf dem Server eingegangen waren. Auf einem anderen lief ein Computerspiel mit der Bezeichnung DEMON SLAYER. Ron Dales hatte es bei einem Punktestand von 22

gekillten Dämonen abgebrochen, weil er Hunger gehabt hatte.

Hinter einem schwarzen Paravent, der mit okkulten Symbolen bestickt war, befand sich Rons Schlafecke. Er stand auf japanische Futons.

Ron erstarrte, als er hinter dem Paravent eine Bewegung erkannte.

Seine Hand glitt unter den schmuddeligen Parka, den er trug und umfasste den Griff einer Automatik.

Ron Dales hatte mehr als genug Feinde.

Natürliche und übernatürliche. Manchmal war es schwer zu sagen, welche der beiden Fraktionen gefährlicher war.

Eine Gestalt kam hinter dem Paravent hervor. Es handelte sich um einen dunkelhaarigen Mann mit beinahe engelsgleichem Gesicht. Blass war dieses Gesicht und ein zynisches Lächeln umspielte die irgendwie blutleer wirkenden Lippen. Er trug einen weißen Anzug.

Ron Dales warf die Pizzaschachteln auf einen nahen Tisch, riss die Waffe heraus und ging in die Hocke.

Reflexartige Bewegungen waren das.

Ein automatisches Programm in Rons Schädel, das einfach nur abgerufen werden musste, um dann innerhalb eines Sekundenbruchteils abzulaufen.

Der Lauf der Waffe zeigte auf den Mann in Weiß.

"Keine Bewegung!"

Der Mann in Weiß hob beschwichtigend die Hände.

"Immer cool bleiben, Ron Dales!", sagte er dann. Sein zynisches Lächeln verwandelte sich jetzt in ein breites Grinsen. "Ist doch deine Devise, oder etwa nicht mehr?"

Die Gedanken rasten nur so in Rons Kopf.

Woher kennt dieser gelackte Wichser mich?, ging es ihm durch den Kopf. Er überlegte, ihn sofort über den Haufen zu schießen. Aber auf der anderen Seite war es vielleicht interessant zu erfahren, wessen Laufbursche dieser Kerl war.

Ziemlich unerschrocken kam der Mann in Weiß auf Ron zu.

Er wagte es sogar, die rechte Hand in die Hosentasche zu stecken. Ganz lässig machte er das, so als könnte ihn das Risiko überhaupt nicht schrecken, dass darin bestand, dass Ron Dales vor lauter Nervosität einfach abdrückte.

"Ich weiß, was in deinem kleinen Hirn jetzt vor sich geht, Ron Dales", sagte der Mann in Weiß in einem Tonfall, der nur so vor Überheblichkeit und Arroganz troff. "Du fragst dich, ob ich vielleicht einer der Schuldeneintreiber der Yakuza bin, der dir jetzt ein oder zwei Finger abschneiden wird...

Oder ob ich möglicherweise für Ricky Soldo arbeite, von dem du ein paar High-Tech-Waffen gekauft hast - leider ohne zu bezahlen!"

Ron wurde blass.

Scheiße, der weiß wirklich über alles bescheid!, durchzuckte es ihn.

Der Mann in Weiß machte eine Pause. Er schien Rons Verblüffung geradezu zu genießen. "Du siehst, dass ich gut informiert bin, mein Junge! Einige Leute finden das ziemlich wie würdest du das ausdrücken? - >uncool>, was du so in letzter Zeit abgezogen hast!"

"Bestellen Sie diesen Arschlöchern, dass sie mich mal..."

Eine Handbewegung des Mannes in Weiß brachte Ron zum Schweigen. Er konnte nicht sagen, weshalb, aber plötzlich verstummte er, obwohl es ihn eigentlich gedrängt hatte, diesem Kerl noch ein paar Sätze zu sagen. Aber er konnte nicht. Irgendetwas hinderte ihn daran und begann plötzlich sein Bewusstsein zu beherrschen. Ein Frösteln überkam Ron.

Ich kann nichts dagegen tun!, wurde es ihm klar. Es war das einzige, was er wirklich sicher wusste. Ansonsten war ihm kaum wirklich bewusst, was in diesem Augenblick mit ihm vor sich ging.

Sein Blick glitt tiefer.

Er bemerkte einige Zeichen, die plötzlich auf dem Fußboden erschienen waren. In tiefem Schwarz. Dieser Kerl muss sie dorthin gemalt haben!, dachte Ron schaudernd. In einer Farbe, die erst nach und nach sichtbar wird...

Ron kannte derartige Farben.

Sie wurden von Okkultisten bei verschiedenen Ritualen benutzt.

Düstere Ahnungen begannen in ihm aufzusteigen.

In diesem Moment wäre es ihm wohl doch lieber gewesen, einem Yakuza-Folterer gegenüberzustehen...

Ron schluckte.

Er versuchte etwas zu sagen. Aber kein Laut kam über seine Lippen. Er wirkte wie ein stummer Fisch.

"Du fragst dich, wer ich bin? Man nennt mich Gabriel. Und ich habe eine Aufgabe für dich..."

Gabriel kam weiter auf Ron zu, streckte jetzt die Hand aus.

Tu es jetzt! Knall ihn ab!, schrie es in Rons Bewusstsein.

Er versuchte es. Der Finger, der sich um den Stecher gekrampft hatte, gehorchte ihm nicht.

Gabriel schnippste mit den Fingern.

Eine unsichtbare Kraft riss Ron die Waffe aus der Hand.

Gabriel fing sie auf, warf sie dann achtlos auf den Boden.

"Du scheinst gefährliches Spielzeug zu lieben!", meinte er.

Sein Gesicht wurde zur starren Maske. Er ging auf Ron zu, hob die Hand und legte sie auf das Gesicht seines Gegenübers.

Daumen und Zeigefinger pressten auf Rons Schläfen. Ein höllischer Schmerz durchzuckte den Mann mit dem Irokesenkopf.

Nie zuvor hatte Ron etwas Vergleichbares erlebt. Er glaubte, dass sein Schädel innerhalb des nächsten Augenblicks zerspringen müsste. Aber es gab nichts, was er dagegen tun konnte. Ron war unfähig, sich zu bewegen. Nicht einmal die Augenlider konnte er schließen.

Für einige Momente durchflutete diese rote Welle des Schmerzes ihn und verhinderte, dass er irgendetwas anderes denken konnte.

Dann, als diese grausame Welle langsam verebbte, drang die Stimme des Mannes in Weiß in sein Bewusstsein.

Eine wispernde, leise Stimmen, die trotzdem mit eigenartiger Eindringlichkeit zu ihm sprach.

"Ich habe einen Auftrag für dich und du wirst ihn so gut erfüllen, als ob dein Leben davon abhinge... Du wirst dich dieser Sache mit der gleichen Hingabe widmen, wie du dich sonst nur der Rattenjagd in den Katakomben unterhalb von Manhattan widmest... Hast du mich verstanden, Ron? Oh, Sorry, ich vergaß, dass du im Moment ein paar Schwierigkeiten haben dürftest, dich zu äußern!"

Gabriel kicherte in sich hinein.

Dann packte er Rons Gesicht grob am Unterkiefer. Er bog es so hin, dass der Irokesenschnitt-Träger ihm direkt in die dunklen, abgrundtief schwarzen Augen blicken musste. Aber das tiefe Schwarz dieser Augen löste sich auf, verwandelte sich zu etwas anderem. Farben, Formen erschienen. Zunächst waren sie nicht klar erkennbar, doch dann bildete sich ein Gesicht daraus, dass in beiden Augen zugleich sichtbar wurde.

"Präge dir dieses Gesicht gut ein!"

Ron Dales wollte mit ja antworten. Er konnte es nicht. Nur seine Gedanken riefen es: Ja, ja, ja! Der Schmerz ließ etwas nach. Und Ron hatte das Gefühl, dass die Schmerzen umso mehr nachließen, je deutlicher er dazu bereit war, sich zu unterwerfen.

"Es ist das Gesicht einer Bestie. Eines Vampirs. Er heißt Chase Blood. Schon in der nächsten Nacht wird er dich vermutlich aufsuchen. Also sei bereit. Verschwende die Ladung deines Flammenwerfers nicht mehr an die grauen Nager, die schon seit Äonen über diese Erde huschen und vermutlich auch noch existieren werden, wenn es die schwachen, sterblichen Menschen gar nicht mehr gibt..."

Ron Dales starrte Gabriel an.

Er wirkte ziemlich stumpfsinnig dabei.

"Du hast mich verstanden", sagte Gabriel. "Ich weiß es."

Gabriel nahm die Hand vom Kopf seines Gegenübers. Dabei murmelte er einige magische Beschwörungsformeln. Flammen schlugen urplötzlich aus den magischen Zeichen heraus, die er auf den Boden gemalt hatte.

Ein verbrannter Geruch verbreitete sich.

Die Schädel, die an dünnen Fäden von dem stählernen Deckengestänge hingen, klackerten wieder. Es war eine Art grotesker Begleitmusik.

"Mach's gut, Ron!", sagte Gabriel laut.

Er wandte sich um, ging auf die verschlossene Tür zu, während die Flammen so plötzlich verschwanden, wie sie aus dem Boden hervor gekrochen waren. Auch die magischen Zeichen verblassten nun. Es dauerte nur wenige Augenblicke und sie waren nicht mehr da.

Mit einem sehr heftigen Ruck öffnete sich Schiebetür, die zu Ron Dales' Wohnung führte.

Gabriel trat hinaus ins grelle Tageslicht.

Ron Dale hörte ihn noch lachen.

Dann war ihm plötzlich schwindelig.

Alles drehte sich vor seinen Augen. Er begann zu fallen, zu taumeln, versuchte noch, sich an einem Tisch festzuhalten.

Aber anstatt, dass das Möbelstück ihm Halt bot, riss Ron es mit sich zu Boden. Dann blieb er liegen.

Dunkelheit umgab sein Bewusstsein.

Er fiel in einen tiefen Schlaf.

Einen Schlaf, wie er ihn nie zuvor gekannt hatte und der dem Tod sehr ähnlich zu sein schien.

*

Nacht in New York City.

Chase fuhr mit seiner Harley zu Ron Dales' Adresse im West Village. Er bockte die Maschine auf und sah sich um. Sein Blick wurde unwillkürlich von den Cast Iron-Fassaden gefangen genommen.

Echt cool, dachte Chase.

Die illegalen Geschäfte mit denen sich Ron Dales über Wasser hielt und mit denen er außerdem seinen Privatkrieg gegen den Rattengott finanzierte, schienen ziemlich einträglich zu sein. Immerhin waren die Mieten hier im West Village inzwischen ziemlich gepfeffert. Künstler und andere unkonventionelle Freaks, die dieses Viertel früher einmal berühmt gemacht hatten, konnten sie sich zumeist kaum noch leisten. Nach und nach waren sie durch Yuppies ersetzt worden.

Chase ging zu der stählernen Schiebetür.

Er betätigte die Sprechanlage.

Zwar hätte er auch diese massiv gesicherte Tür relativ leicht aufbrechen können, aber er wollte es bei Ron Dales erstmal im Guten versuchen. Schließlich wollte er etwas von dem Irokesen-Freak.

"Wer ist da?", knurrte eine Stimme, die wie ein Reibeisen klang und die Chase sofort wieder erkannte. Sie gehörte zweifellos Ron Dales.

"Ich bin es, Chase Blood."

"Der Typ aus dem Rattenloch..."

"Du sagst es. Ich will ein paar Takte mit dir reden..."

Die Schiebetür öffnete sich.

Chase war etwas erstaunt. Er ließ den Blick hinauf zu den Schädeln schweifen.

"Geil! Sind die echt?"

"Was willst du?"

Ein eisiger Unterton schwang in Rons Stimme mit.

"Ich möchte mehr erfahren über dieses Wesen, dass du den Rattengott genannt hast!", kam Chase gleich zur Sache.

Ron hob die Augenbrauen.

"Ach, ja? Ich schlage vor, du hältst dich in Zukunft einfach von Ratten fern. Dass ist die beste Methode um sehr alt zu werden..."

"Ich kenn da noch 'ne bessere", murmelte Chase. "Aber darum geht es jetzt nicht."

"Worum dann?"

"Mein Kumpel ist da unten zerfleischt worden, und wenn du nicht eingeschritten wärst, dann hätte es mich auch erwischt!"

"Worauf du einen lassen kannst!", wisperte Ron Dales. Seine Augen veränderten sich. Sie traten etwas aus ihren Höhlen heraus, waren weit aufgerissen. Chase fragte sich, ob sein Gegenüber vielleicht unter Speed stand. Die Annahme, dass er irgendetwas Aufputschendes genommen hatte lag nahe. Chase überlegte, ob es unter diesen Umständen überhaupt Sinn hatte, die Unterhaltung fortzusetzen. Schließlich wollte er sich nicht die Pillenträume dieses Freaks erzählen lassen -

sondern etwas erfahren. Erfahren, was an der Legende vom Rattengott dran war.

Ron drehte sich um, wandte Chase den Rücken zu.

"Ich weiß nicht, wie der Rattengott aussieht. Ich habe nur seine Macht gespürt. Er vermag unzählige dieser Nager unter seinen Willen zu zwingen und sie sich wie ein Organismus bewegen zu lassen. Sie sind dann fast unschlagbar. Es gibt nur wenige Methoden, um sie wirksam zu bekämpfen." Ron erreichte den Flammenwerfer, den er in der Nähe der nackten, kahlen Wand abgestellt hatte. Er nahm den Tank auf den Rücken. Dann aktivierte er das Gerät. Die Stichflamme wurde entzündet.

"Wie kommst du dazu, gegen diese Bestie da unten zu kämpfen?"

"Eine lange Geschichte, du Klugscheißer! Ich beantworte sie dir vielleicht ein anderes Mal." Er kicherte leicht. Chase glaubte, ein ganz ähnliches Kichern schon einmal gehört zu haben. Aber nicht bei diesem schwachen Sterblichen, der auf eine Hightechausrüstung angewiesen war, um in der Rattenhölle unterhalb des Asphalts überleben zu können.

"Ich möchte dort hinunter gehen und diesen Rattengott aufspüren!"

"Du bist ein Spinner, Chase!"

"Hey, immer locker bleiben, Mann! Was ist los? Ich kann ja verstehen, dass man schlechte Laune bekommt, wenn man des Öfteren da unten in irgendwelchen Rattenlöchern herumhängt, aber..."

"Diese Bestien sind verdammt schwer zu töten", unterbrach Ron Dales die Nummer Zwei der New Yorker Vampire. "Sie jagen in gewaltigen Schwärmen! Du selbst hast es ja erlebt. Von deinem Kumpel ist nichts übrig geblieben. Und er ist kein Einzelfall. Sie holen sich ihre Beute schon aus den Wohnblocks heraus. Die Behörden schreiben das Verschwinden dieser Personen gewöhnlichen Verbrechen zu. Man verschließt die Augen vor den Tatsachen!"

Chase hob die Augenbrauen.

"Vielleicht erklärst du mir mal diese Tatsachen!", meinte er.

Sein Gegenüber musterte Chase misstrauisch. "Du hältst mich doch wahrscheinlich auch für einen esoterischen Spinner."

"Nicht, nach dem, was ich selbst gesehen habe! Verdammt, ich möchte, dass du mir alles über diesen Rattengott sagst, was du weißt."

"Und was hast du dann vor?"

"Diese Kreatur töten! Sie hat meinen Kumpel auf dem Gewissen! Und mich hätte es ja wohl auch um ein Haar erwischt!"

Ron Dales atmete tief durch.

Schließlich nickte er. "So hat es bei mir auch angefangen!", erklärte er dann. "Du bist genauso naiv wie ich als ich den Kampf gegen das Böse dort unten in den Katakomben begann. Diese grauen Bestien hatten einen Menschen mit sich genommen, der mir sehr viel bedeutete." Er schluckte. Seine Stimme klang belegt. "Eine junge Frau... Sie war schwanger.

Scheiße, ich steh nicht auf heiraten und diesen spießigen Kram, aber ich habe sie geliebt! Später fand ich die abgenagten Knochen von ihr und dem ungeborenen Fötus... So etwas vergisst man nicht!"

"Wie hast du von diesem Rattengott erfahren?"

"Es kursieren genug Geschichten über ihn unter den Mole People. Ich bin ihnen einfach nur nachgegangen und habe sie auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen versucht."

"Bist du ihm schon einmal von Angesicht zu Angesicht begegnet?"

"Dem Rattengott?" Ron Dales lachte. "Dann würde diese Kreatur jetzt nicht mehr leben, Chase! Darauf kannst du Gift nehmen."

Ron Dales hatte seinen Flammenwerfer erreicht. Er setzte sich den Tank auf den Rücken. "Man bekämpft diese Biester mit Feuer!", murmelte er. Seine Stimme klang wie ein leises, drohendes Wispern. "Eine gute Waffe gegen das Böse. Nicht nur gegen mental beeinflusste Ratten - sondern auch gegen deinesgleichen!"

Sein Gesicht hatte sich verändert. Es war zu einer grimmigen Maske geworden. Seine Bewegungen wirkten ruckartig.

Fast konnte man den Eindruck gewinnen, als ob er unter einer Art fremdem Zwang stand, der ihn lenkte.

Er riss die Mündung des Flammenwerfers empor.

Sekunden später ließ er einen Strahl herausschießen.

Chase hatte das vorausgeahnt.

Er warf sich zur Seite, während der Feuerstrahl dorthin sengte, wo er gerade noch gestanden hatte. Ein verbrannter Geruch verbreitete sich. Man konnte von Glück sagen, dass Rons Wohnung nicht mit Teppichboden oder PVC ausgelegt war, sondern mit einem Feuer abweisenden Material. Andernfalls hätte binnen eines Augenblicks der gesamte Raum in Flammen gestanden.

Chase spürte die mörderische Hitze. Seine Haare wurden angesengt, in der Nähe lagen ein paar Comic-Hefte herum, die sich entzündeten.

Ziemlich hart war Chase auf dem Boden aufgekommen. Er war schließlich kein Kampfsportler, der sich elegant abzurollen wusste. Seine Schulter schmerzte. Er stöhnte auf, sah hinauf zu Ron Dales, dessen grimassenhaft verzogenes Gesicht wie die Karikatur eines Besessenen wirkte. Ein unglaublicher Hass leuchtete aus Rons Augen. Wie zur Hölle habe ich mir den nur zugezogen?, durchzuckte es Chase. Der absolute Wille zu töten hatte offenbar urplötzlich von Ron Dales Besitz ergriffen.

Er schwenkte den Flammenwerfer in Chase Richtung.

Geistesgegenwärtig griff Chase nach einem Tischbein.

Seine gesamte Kraft setzte er ein und schleuderte das Möbelstück in Rons Richtung.

Der Tisch traf Ron mit unglaublicher Wucht. Ron wankte nach hinten. Der Feuerstrahl wurde in die Höhe abgelenkt. Einige der Schädel, die als groteskes Mobile von den Stahlträgern hingen, wurden versengt.

Ron wurde nach hinten geschleudert. Mit voller Wucht traf er gegen einen der Computertische. Das Equipment wurde heruntergerissen.

Chase war wieder auf den Beinen.

Er war mit wenigen schnellen Schritten bei dem am Boden liegenden Ron. Der Mann mit dem Irokesenschnitt lag ächzend am Boden. Der Tisch, den Chase ihm entgegengeschleudert hatte, lag noch auf ihm. Außerdem ein Scanner und Drucker.

Der Tank des Flammenwerfers befand sich noch immer auf seinem Rücken und fesselte Ron gewissermaßen.

Ron stöhnte auf.

Er schleuderte den Tisch zur Seite.

Der Treffer, den er damit erhalten hatte, war ziemlich übel. Eine Ecke hatte sich in Rons Bauch gebohrt. Blut quoll aus seinem Körper heraus und bildete eine rote Lache auf dem Boden.

Ron biss die Zähne zusammen. Der grimassenhafte Ausdruck in seinem Gesicht wurde noch grotesker. Sein Gesicht wurde dunkelrot vor Anstrengung. Er versuchte den Flammenwerfer erneut auf Chase zu richten.

Dass er sich selbst umbrachte, wenn er in dieser Situation einen Feuerstoß abgab, schien ihn nicht zu kümmern. Wenn man auf dem Rücken lag und einen Feuerstoß in die Höhe abgab, sorgte die Schwerkraft dafür, dass der in Form eines Flammenstrahls ausgestoßene Brennstoff sich sofort nieder senkte.

Doch dazu kam es nicht.

Chase war rechtzeitig über ihm und riss ihm die Waffe aus der Hand. Mit einem Ruck war das schlauchartige Mündungsteil aus dem Tank herausgerissen. Chase schleuderte es durch die Luft. Irgendetwas scharf Riechendes kleckerte aus dem Tank heraus. Chase wollte gar nicht wissen, was es war.

Er umfasste Rons Handgelenke.

Ron Dales versuchte verzweifelt sich zu wehren. Aber gegen Chase Kräfte hatte er nichts entgegenzusetzen.

Er schrie wie von Sinnen.

Chase versetzte ihm einen Schlag. Etwas knackte an Rons Hals. Sein Gesicht erstarrte. Er blickte Chase mit ungläubigem Entsetzen an. Die Kraft seiner Arme erschlaffte.

Chase erhob sich, blickte auf den Mann mit dem Irokesenschnitt hinab.

Blut rann aus Rons Ohren und seiner Nase hervor.

Er zitterte.

Sein Gesicht veränderte sich.

Der fanatische Wille zu töten, der bis jetzt aus seinen Zügen gesprochen hatte, war jetzt nicht mehr zu erkennen.

Stattdessen Todesangst.

Scheiße, dachte Chase, er stirbt! Und eigentlich wollte ich doch Informationen von ihm... In Situationen wie diesen wünschte Chase sich, seine Kraft besser dosieren zu können, wie ein Kampfsportler. Vielleicht werde ich das irgendwann nachholen, überlegte er.

Ron versuchte etwas zu sagen.

Er flüsterte.

Chase kniete nieder, um Ron besser verstehen zu können.

"Der Rattengott...hüte dich vor...ihm... Er ist..." Die Stimme versagte. Ein heiseres Röcheln war alles, was Chase noch hörte. Ron schloss die Augen. Er dämmerte in die Bewusstlosigkeit hinüber. Die Agonie des Todes hatte ihn ergriffen.

Die Gedanken rasten in Chase' Hirn nur so.

Ich brauche ihn!, dachte er. Er weiß vermutlich noch sehr viel mehr über diesen verdammten Rattengott, als er bis jetzt preisgegeben hat! Schließlich hat er gegen diese Bestie gekämpft und bislang überlebt - und das, obwohl er ein schwacher Sterblicher ist!

Chase entblößte seine Vampirzähne.

Du könntest ihn konvertieren!, ging es ihm durch den Kopf.

Dann würde er nicht sterben. Die Verletzungen, die Ron Dales hatte, heilten dann wieder.

Aber es gab einen Haken bei der Sache.

Ron Dales war schon als Sterblicher ein ziemlich harter Gegner gewesen. Nur Sekundenbruchteile hätte er schneller sein müssen und Chase wäre als brennende Fackel vernichtet worden.

Wenn dieser Scheißkerl mit seinem uncoolen Haarschnitt erstmal eine Kreatur der Nacht ist, kann ich nicht kontrollieren, wie schnell er welche Kräfte und Fähigkeiten entwickelt!, überlegte Chase. Es war durchaus möglich, dass Ron seinen Kampf schon in dem Moment fortsetzte, in dem er zum Vampir wurde.

Chase sah sich Rons Gesicht an.

Es wirkte beinahe friedlich. Der verzerrte Ausdruck, der Rons Züge zuvor gezeichnet hatte, war vollkommen verschwunden.

Ich werde es riskieren!, dachte Chase. Was auch immer Ron Dales zuvor in einen Zustand versetzt hatte, den man nur mit dem Wort Besessenheit beschreiben konnte - es schien von ihm gewichen zu sein.

Chase beugte sich über ihn.

Er schlug seine Zähne in Rons Hals, trank etwas vom Blut des Rattenjägers. Nicht zuviel, denn es war ohnehin nicht mehr viel Leben in ihm. Chase wusste, dass er jetzt nicht mehr länger zögern durfte.

Er nahm das Hiebmesser hervor.

Dann ritzte er sich das Handgelenk.

Ein warmer Strom von Blut floss heraus. Chase nahm das Messer zwischen die Zähne und öffnete mit der freien Hand den Mund des am Boden Liegenden. Chase' Vampirblut strömte in Rons Mund hinein, füllte ihn bald aus. Es rann ihm die Mundwinkel hinunter.

Ron verschluckte sich, öffnete dann die Augen.

Er sah zu Chase auf, dann schluckte er begierig den Saft seines neuen Lebens hinunter.

"Jetzt sind wir gewissermaßen quitt", murmelte Chase leise vor sich hin.

*

Das geflügelte Monstrum zog den Kopf etwas ein. Es hatte immer ein wenig Angst, sich an der gerundeten Decke des Gewölbes zu stoßen. Ein Feuer brannte und tauchte die Furcht erregende Gestalt des Monstrums in ein weiches Licht.

Das Maul des Monstrums verzog sich zu einer eigenartigen Grimasse. Im nächsten Moment ertönte ein Geräusch, das wie ein Niesen klang.

Die Flammen wurden niedergedrückt.

Für einen Moment konnte man meinen, dass das Feuer gelöscht würde. Aber die Flammen erholten sich wieder, loderten umso höher empor. Das Holz knisterte durch die Feuchtigkeit.

Gabriel, der Mann in Weiß, stand vor den Flammen, hatte die Arme dabei ausgestreckt und die Augen geschlossen. Er war in eine Art Trance verfallen.

Eine Falte bildete sich auf der Stirn, direkt zwischen seinen Augen. Er ballte die Hände zu Fäusten zusammen.

Dann öffnete er die Augen.

Sein engelhaftes Gesicht bekam jetzt einen düsteren Zug.

Der Blick streifte die magischen Zeichen entlang, mit denen die Wände des Gewölbes bedeckt waren.

"Was ist los, Gabriel?", fragte das tierhafte, über 2,20m große Monstrum, bei dem man sich nur wundern konnte, dass es trotz seiner gewaltigen, mit einer Art Raubtiergebiss bestückten Kiefern, überhaupt ein verständliches Wort herausbringen konnte.

"Es gibt Ärger, meine teuerste Ptygia!", murmelte Gabriel düster.

"Sorry, ich wollte dich nicht in deiner Konzentration stören, Gabriel!", meinte Ptygia, Gabriels dämonische Gefährtin und Verbündete. "Aber es ist hier unten so verdammt ungemütlich..."

Gabriels Haltung entspannte sich etwas.

"Es ist nicht weiter schlimm", murmelte er.

"Aber..."

"Ich hatte das Ritual bereits abgebrochen, Ptygia."

"Dann habe ich nichts verdorben?"

"Nein." Gabriel blickte ins Nichts. Mit den Gedanken schien er für einige Augenblicke meilenweit entfernt zu sein.

"Du sprachst von Ärger!", sagte Ptygia. "Mit wem?"

"Mit Chase Blood."

"Diesem süßen Vampir?"

"Ja, dieser verfluchte Rattenjäger hat versagt! Er hat es nicht geschafft, Chase zu töten..." Ein grimmiger Unterton mischte sich in Gabriels Worte hinein.

"Du weißt, dass ich von Anfang an dagegen war! Wenn einer diesen süßen Vampir schon umbringen soll, dann möchte ich das selbst sein!"

"Du wirst ja jetzt sicherlich noch Gelegenheit dazu bekommen!"

Ein Ruck ging durch Gabriels Körper. Irgendetwas Ungewöhnliches war mit Ron Dales geschehen, diesem fanatischen Rattenjäger, der in den Tiefen der Abwasserkanäle und Subwaytunnel nach dem Rattengott suchte. Gabriel konnte es förmlich spüren, auch wenn ihm noch nicht so recht klar war, was genau sich ereignet hatte.

Wäre Ron Dales einfach nur getötet worden, dann wäre die mentale Verbindung zu ihm abgebrochen.

Aber Gabriel spürte sehr deutlich, dass Ron noch existierte.

Dann begriff der gefallene Engel endlich.

"Chase hat diesen Ron Dales konvertiert!", murmelte er, mehr zu sich selbst als zu Ptygia, von der er ohnehin nicht annahm, dass sie alles begriff, was er sagt. Ja, genau so muss es gewesen sein.

"Sag mal müssen wir eigentlich noch oft in diese stinkenden Gewölbe?", maulte Ptygia.

"Ich dachte, du wolltest auch die Macht!", erwiderte Gabriel eisig.

"Ja, schon, aber..."

"Also hab dich nicht so!"

Ptygia vollführte eine rasche Bewegung. Auf den ersten Blick traute man ihr gar nicht zu, derart schnell zu reagieren. Die Lederschwingen an ihrem Rücken hielten ihr Gleichgewicht. Einer ihrer gewaltigen Füße schnellte empor und klatschte dann wieder auf den Boden. Als Ptygia nun einen Schritt zur Seite trat, sah man einen blutigen Flecken auf dem feuchten Boden.

Eine zerquetschte Ratte.

"Lass das, verdammt noch mal!", herrschte Gabriel sie an.

"Es reicht, wenn dieser Möchtegern-Irokesenkrieger unsere Verbündeten fortwährend dezimiert!"

Ptygia nahm die zerquetschte Ratte am Schwanz, wirbelte sie durch die Luft und fing sie mit dem Maul auf.

Mit einem schmatzenden Laut schlang sie den Kadaver herunter.

"Es gibt doch nun wirklich genug von ihnen!", meinte sie.

*

Ron Dales schrie. Chase hatte unterdessen in einem der ultramodernen Schalensessel Platz genommen und sah zu, wie Ron sich am Boden wälzte. Die Konvertierung zum Vampir war nun mal häufig mit Schmerzen verbunden. Alles was sterblich war, musste zunächst abgetötet werden.

Chase wartete geduldig ab.

Die geladene Schrotpistole lag griffbereit auf seinen Knien, das Hiebmesser hielt er in der Rechten. Er spielte etwas damit herum.

Sobald die Konvertierung abgeschlossen war, konnte es gefährlich werden.

Aber Chase war zuversichtlich.

Mit Hilfe von Psi-Kräften oder magischen Beeinflussungen war es nicht allzu schwer, einen Sterblichen zu einer willenlosen Marionette zu machen. Wer allerdings dasselbe mit einem Vampir versuchte, musste schon erheblich größere Energien besitzen.

Die Schreie verstummten.

Ron blickte auf. Zögernd erhob er sich, blickte auf seine Hände und drehte sie nach allen Seiten. Mit ungläubigem Staunen betastete er seinen Hals und seinen Nacken. Dann starrte er auf Chase' Handgelenk. Die Wunde, aus der das Vampirblut getropft war, dem Ron seine neue Existenz verdankte, hatte sich längst geschlossen.

"Konzentriere dich auf deinen Hals, dann heilen die Verletzungen!", sagte Chase.

"Was ist passiert?", fragte Ron.

"Du bist ein Vampir", sagte Chase. "Du hast keinen Herzschlag mehr, deine Hände sind kalt, du atmest nicht und du brauchst nichts zu essen. Sonnenstrahlen töten dich.

Ansonsten kann dir nicht viel etwas anhaben außer Feuer, Holzpflöcke und ein Henkerbeil oder irgendetwas anderes, das dir den Kopf vom Rumpf trennt. Erst nach und nach wirst du merken, über welche Fähigkeiten du verfügst. Und mit der Zeit werden sie wachsen."

"Ich hätte niemals gedacht, dass es so etwas wirklich gibt!", murmelte Ron sichtlich ergriffen.

"Bleib cool Mann! Vielleicht kannst du deine Selbstfindungsphase auf später verschieben..."

"Ich fühle mich ...schwach..."

"Ja, und du hast'n Scheiß-Teint, weil du zu wenig getrunken hast... Aber das lässt sich ja nachholen!"

"Warum hast du mich nicht einfach sterben lassen?"

"Du BIST tot, Ron! Auch wenn's nicht den Anschein macht!"

Chase lachte heiser.

"Du weißt, was ich meine..."

Chase erhob sich, steckte das Hiebmesser weg. Die Schrotpistole hielt er in der Linken. Er nickte leicht. Ein dünnes Lächeln spielte um seine Lippen. "Ich brauche dich."

"Habe ich das richtig verstanden?"

"Dort unten bei den Mole People gibt es irgendetwas, ein Wesen, eine Macht, was weiß ich... Nenn es den Rattengott, wenn du willst! Jedenfalls ist es unser gemeinsamer Feind.

Ein Feind, gegen den du wesentlich mehr Kampferfahrung hast als ich, wie mir scheint!"

Ron hob die Augenbrauen. "Ah, daher weht der Wind", meinte er.

Er ließ sich in einen der Schalensessel fallen, schlug die Beine übereinander. Sein Gesicht war ziemlich blass.

"Ich schätze, ich kann nicht wählerisch sein, was die Auswahl meiner Bundesgenossen angeht!", sagte er dann schleppend.

"Naja, 'ne lange Schlange sehr ich hier nicht gerade, Ron!"

"Bislang bin ich immer gut allein klargekommen!"

"Und was hast du erreicht? Diese Rattenplage wird immer schlimmer. Sie kommen aus ihren Löchern und nagen die Besucher einer Disco in der Montgommery Street ab. Mann, wie weit willst du's noch kommen lassen? Eines Tages wird dieser Rattengott so stark, dass ihn niemand mehr besiegen kann!"

Ron Dales schien einige Augenblicke lang zu überlegen, dann nickte er schließlich. "Okay, Chase. Wir arbeiten zusammen.

Kannst du einen Flammenwerfer bedienen?"

"Ist nicht gerade mein tägliches Business - aber du kannst es mir ja zeigen!"

"Mache ich!"

"Wie kommst du an die Dinger dran?"

"Gute Beziehungen..." Ron Dales schloss für einige Sekunden die Augen. "Scheiße, so schwach war ich lange nicht..."

"Ich sorg dafür, dass wir zu einem Drink kommen!"

"Im Kühlschrank sind ein paar Dosen Budweiser", murmelte er und verzog dann das Gesicht.

Chase grinste.

"Schätze, dein Geschmack hat sich jetzt geändert!""

"Ja..." Er schlug die Augen wieder auf und fixierte Chase mit seinem Blick. "Muss ich töten, um an das zu kommen, was du einen >Drink> nennst?"

"Du gewöhnst dich dran."

"Ich weiß nicht..."

"Nein, du kannst das Opfer am Leben lassen. Es merkt noch nicht mal besonders viel davon, wenn du es geschickt anstellst... Aber bevor wir losziehen, möchte ich noch eine Sache wissen."

"Was?"

"Wieso wolltest du mich vorhin töten?"

Falten bildeten sich auf Ron Dales' Stirn.

Quälende Ungewissheit sprach aus seinem Blick.

"Ich weiß es nicht", meinte er. "Scheiße, ich weiß es wirklich nicht... Da war etwas in mir, das mich gelenkt hat.

Ich konnte nichts dagegen tun." Er brach ab, machte eine Pause. Sein Gesicht wirkte nachdenklich. Er versuchte sich auf einige Erinnerungen zu konzentrieren, die seinem Gefühl nach etwas damit zu tun hatten. Aber die Bilder in seinem Bewusstsein waren sehr flüchtig. "Ich wusste, dass du ein Vampir bist - noch bevor wir kämpften!", murmelte er dann.

"Und wusste, dass du hier auftauchen würdest..."

"Du wusstest es? Wer hat es dir gesagt?"

"Da war ein Mann..."

"Kannst du ihn beschreiben?"

"Er trug einen weißen Anzug. Sah aus wie ein Oberkellner...

Das Gesicht..." Ron Dales lächelte verhalten. "Wie ein Engel!"

"Gabriel!", murmelte Chase und ballte dabei unwillkürlich die Hand zur Faust.

"Ja, richtig! So nannte er sich! Jetzt fällt es mir wieder ein! Scheiße, es fällt mir so verdammt schwer, mich darauf zu konzentrieren..."

"Dafür wird er mit seinen magischen Mitteln schon gesorgt haben, dieser Höllenhund!", knurrte Chase grimmig.

Konnte es sein, dass der gefallene Engel Gabriel etwas mit dem Erstarken jener Macht zu tun hatte, die der Rattengott genannt wurde? Die Vermutung lag nahe, dass Gabriel den Rattengott für seine Zwecke einzuspannen versuchte. Es wäre nicht das erste Mal, dass ich ihm einen Strich durch die Rechnung mache!, ging es Chase durch den Kopf.

*

Chase nahm Ron hinten auf seiner Harley mit.

"Hast du 'ne genauere Vorstellung davon, wo's jetzt eigentlich hingeht, Chase?"

"Um diese Zeit sind noch mehr als genug Nachtschwärmer im Big Apple unterwegs, die man anbeißen könnte, Ron!"

"Klingt unappetitlich!"

"Du kommst schon auf den Geschmack. Und die Clubs, in die wir jetzt gehen, sind so schräg, dass dort nicht mal deine dämliche Frisur etwas Besonderes ist!"

"Aber gefärbte schwarze Haare sind cool, ja?"

"Scheiß drauf, was cool ist! Mir gefällt's eben!"

"Auch 'ne Einstellung."

Chase fuhr mit seinem neuen Verbündeten in den Südosten Manhattans, nach Alphabet City, wo es jede Menge angesagte Läden gab. Sie sahen sich mal hier und mal dort um und blieben schließlich im GRAVEYARD hängen. Die Besucher waren zum Teil ziemlich schrill kostümiert. Ron Dales wirkte mit seinem Irokesenschnitt dagegen schon fast bürgerlich.

Chase zeigte ihm an einer stark gepiercten Dunkelhaarigen, wie man zubiss ohne zu töten. Das wollte Ron ja schließlich nicht. Die Dunkelhaarige schien von dem Biss kaum etwas zu merken. Die Endorphinausschüttung sorgte dafür, die im Augenblick des Vampirbisses über die Körper der Sterblichen hereinzubrechen pflegte. Ron Dales beobachtete die beiden in einer Ecke des GRAVEYARD. Die Dunkelhaarige machte ein ziemlich seeliges Gesicht.

"Ich hoffe nur, du hast dir keine Schwermetallvergiftung geholt!", grinste Ron später.

"Wenn du das eher klassische Outfit bevorzugst, ist nichts dagegen einzuwenden, wenn du deinen Durst in einem Altenheim stillst!"

"Sehr witzig!"

Eine halbe Stunde später waren sie wieder im Freien. Die Ohren klingelten ihnen noch von dem Schrillen der Heavy Metal-Gitarren. Ron Dales grinste zufrieden. Im Neonlicht der Reklameschilder sah es aus, als ob er Zahnfleischbluten hätte. In Wahrheit handelte es sich um die Reste seines

'Drinks', den er einer üppigen Brünetten aus dem Hals gesaugt hatte.

Rons Gesichtsfarbe hatte sich wieder normalisiert.

"Ich fühle mich stärker als je zuvor!", meinte er.

"Kann ich gut nachempfinden, Ron."

"Ich könnte Bäume ausreißen!"

"Probier's doch! Nur solltest du das nicht bei Tag machen, das bekommt unsereins schlecht!"

"Claro! Daran werde ich denken!"

"Jetzt erzähl mir was über den Rattengott, Ron. Alles, was du weißt."

"Das ist leider nicht so viel, wie du vielleicht annimmst."

"Ach, nein?"

"Es gibt jede Menge Legenden und Geschichten, die sich widersprechen. Die Mole People sprechen darüber, manche Gruppen sollen ihm sogar Opfer darbringen."

"Schon pervers, würde ich sagen."

"Sie haben Angst. Angst davor, dass ihnen dasselbe passiert wie meiner Gina und unserem Kind, für das wir noch nicht einmal einen Namen überlegt hatten..." Seine Stimme bekam wieder einen düsteren Klang. Die Augen zogen sich zusammen und bildeten eine Art Schlangenlinie. "Es hat lange gedauert, bis es mir gelang, ein paar spärliche Informationen zusammenzutragen. Ich fand beispielsweise eine Internetseite, auf der Berichte über übernatürliche Erscheinungen gesammelt und ins Netz gestellt werden. Darunter auch welche, die sich mit dem Rattengott in Verbindung bringen lassen."

"Handelt es sich wirklich um eine Art Psi-begabte Riesenratte?"

"Ich weiß es nicht. Es wäre möglich. Nur eins scheint festzustehen: Der Rattengott existiert schon weitaus länger, als das Tunnelsystem unter der City von Manhattan! Als man vor etwa hundert Jahren mit der Untertunnelung der Stadt begann, fand man Ausläufer eines bereits existierenden Tunnelsystems, das dem von Maulwürfen ähnelte und sehr weit in die Tiefe ging. Außerdem gab es eine Rattenplage..."

"Was ist das Ziel dieses Wesens. Will es Macht?"

"Ich glaube nicht, dass es intelligent ist. Eher Instinkt geleitet. Es folgt einem unbarmherzigen Tötungsinstinkt. Es gibt Legenden, nach denen sich der Rattengott von den Seelen seiner Opfer ernährt. Die Körper für die Ratten, die Seelen für ihren Herrn, so heißt es."

"Hast du was darüber gehört, was passiert, wenn diese Ratten das Blut eines Vampirs trinken?"

"Ich hoffe nicht, dass sie dieselben Eigenschaften bekommen!"

"In etwa. Und genau das ist passiert. Der Rattengott wollte offenbar ein paar robustere Diener, anders ist das nicht erklärbar."

"Und du meinst..."

"Deshalb musste mein Kumpel sterben, ja", unterbrach Chase sein Gegenüber.

Ron verengte die Augen.

"Klingt plausibel. Ich habe auf verschiedenen okkulten Websites davon gelesen. Hat mich aber nie besonders interessiert."

"Für mich ist das jedenfalls kein Instinkt geleitetes Verhalten..."

"Das stimmt."

"Ich wette, dass dieser Mann in Weiß dahinter steckt", erklärte Chase. "Gabriel..."

"Wer ist das?"

"Ein gefallener Engel. Ein ehemaliger Diener des Guten, der sich inzwischen nur noch einem einzigen Ziel verpflichtet sieht: seiner eigenen Machtentfaltung. Er hasst die Vampire aus einem einzigen Grund! Weil sie genau dort sind, wo er gern wäre! An der Macht!" Chase sah Ron an. "Gibt es irgendwelche Möglichkeiten, den Rattengott zu beschwören? Ihn magisch zu beeinflussen?"

"Die gibt es", sagte Ron düster. "Allerdings dürfte kein Sterblicher in der Lage sein, psychische Energien aufzubringen, die groß genug dazu wären."

"Gabriel ist kein Sterblicher", erinnerte Chase. "Auch, wenn er gerne in der Gestalt eines der ihren auftritt und sich hin und wieder auch unauffällig unter sie mischt."

Ron Dales machte ein entschlossenes Gesicht. "Ich schlage vor, wir nutzen den Rest der Nacht, um so viele Diener des Rattengottes wie nur irgend möglich zu killen!"

"Geil!" Chase schlug ihm auf die Schulter. "Du scheinst deine Entschlusskraft wieder gewonnen zu haben! Also los! Die Flammenwerfer umgehängt und auf geht's!"

"Nicht ganz so schnell!"

"Wieso?"

"Weißt du ein gutes Internet-Café?"

"Scheiße Mann, willst du mich jetzt verarschen?"

"Keineswegs. Aber während unseres Kampfes wurde ja mein Computer ziemlich in Mitleidenschaft gezogen!"

"Deine bevorzugten Sex-Websites kannst du dir in der nächsten Nacht ansehen, Ron!"

"Es geht darum, zu bestimmen, wo sich die heutige Jagd lohnt, Chase! Es ist nämlich völlig sinnlos, einfach in irgendeinen Gulli zu steigen!"

"Versuchen wir's in der Montgommery Street. Da hat es schon mal geklappt..."

Aber Ron Dales schüttelte energisch den Kopf. "Vertrau mir.

Ich jage diese Biester schließlich schon länger als du!"

Er stockte plötzlich. Dann fasste er sich an den Kopf, so als hätte er Schmerzen. Schließlich rieb er sich die Schläfen mit beiden Daumen.

"Was ist los?", fragte Chase.

"Ich habe Gabriels Gesicht gesehen und... Da war plötzlich ein stechender Schmerz."

"Er versucht dich wieder unter seinen Gehorsam zu zwingen!"

"Kann er das?"

Chase zuckte die Achseln. "Ich habe keine Ahnung, welche Magie er bei dir angewendet hat. Sorry. Versuch dich gegen diesen Einfluss abzuschirmen. Ich möchte dich ungern vernichten!"

"Nett von dir!", knurrte Ron.

Eine halbe Stunde später hatten sie ein Internet-Café in der Lower East Side gefunden, das 24 hours geöffnet hatte.

Einige blassgesichtige Kids mit rotgeränderten Augen saßen an den Schirmen. Das Durchschnittsalter war sicherlich unter 25

Jahre.

Ron ließ gekonnt die Finger über die Tastatur gleiten.

Er wusste genau, was er wollte und wählte sich in ein Netzwerk von Okkultisten ein. Pentagramme tanzten über den Schirm. Die meisten Seiten waren in dunklen Farben gehalten.

Mit Hilfe mehrerer Passwörter und Identifikationen gelangte er schließlich zu einem Service, der sich OkkultNet nannte.

Man konnte verschiedene aktuelle Informationen abrufen, etwa die Konzentrationen von Psi-Energie im Raum New York.

"Scharf!", stieß Chase hervor. "Das ist ja wie ein Wetterbericht für Spiritisten!"

"Du sagst es."

Eine Karte des Großraums New York erschien. Die Psi-Energie-Konzentrationen waren farbig markiert.

"Es ist immer dasselbe", meinte Ron. "Immer dort, wo sich besonders starke Konzentrationen von Psi-Energien zeigen, sind wenig später auch verstärkte Aktivitäten des Rattengottes zu verzeichnen. Ich beobachte das schon ziemlich lange!"

"Wer misst denn diese Psi-Energie?"

"Keine Ahnung. Jedenfalls ist dieser Mister Unbekannt so freundlich, seine Erkenntnisse der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen."

Chase sah sich einen vergrößerten Kartenausschnitt an, der den Süden des Central Park zeigte. Ein Gebiet mit hoher Konzentration, die offenbar noch stieg. In der Symbollegende fand sich der Hinweis, dass dieses Gebiet zurzeit sehr gut für Seancen geeignet sei.

"Da gehen wir in die Erde!", bestimmte Ron. "Siehst du dieses Muster? Ein Ring von hoher Energie-Konzentration, darin ein Gebiet mit geringerer Konzentration und im Zentrum: Maximalwerte! Das ist ein ganz charakteristisches Muster. Ich verwette jeden Tropfen Vampirblut, den du mir zu trinken gegeben hast, dass sich dort etwas tut!"

*

Gabriel deutete mit der Hand auf die Betonwand. Der Flammenschein tanzte. Ptygias Schatten hob sich wie eine bizarre Felsmalerei von der grauen Wand ab, die leicht gerundet war.

Der gefallene Engel befand sich mit seiner dämonischen Höllengefährtin im stillgelegten Gleiseck eines ehemaligen Subway-Bahnhofs, ca. 50 Meter unter der Oberfläche Manhattans.

"Maskudem Tarerem!", murmelte Gabriel.

Sein okkultes Wissen war immens. Es stellte einen wichtigen Teil seiner Macht dar.

Mit dunkler Farbe hatte er verschlungene Zeichen auf seine Stirn und seine Wangen gemalt.

Ptygia kauerte einige Meter abseits zwischen den verrosteten Gleisen und betrachtete die Szene mit einem dumpfen Grunzen.

Etwa ein Dutzend kleinere Feuerstellen befanden sich in dem Gewölbe des Subwaytunnels. Ihre Positionen waren exakt ausgemessen. Sie befanden sich an genau bestimmbaren Punkten eines Hexagons und seiner Diagonalen.

Das alles gehörte zu dem Ritual, das Gabriel gerade durchführte.

Ein Ritual, dass seinen Einfluss auf jene Macht, die die Mole People als Rattengott bezeichneten, vergrößern würde.

Es war genau der richtige Zeitpunkt.

Und der richtige Ort.

Der gefallene Engel befand sich genau unter der südwestlichen Ecke des Central Park. In dieser Nacht war die Konzentration bestimmter Energien hier besonders groß.

Gabriel musste die Gunst der Stunde nutzen. Ich weiß, dass du ganz in der Nähe bist, Rattengott!, durchzuckte es Gabriel.

Noch immer richtete er die Hand auf die graue Wand.

Er schloss die Augen, murmelte eine Beschwörungsformel, die er immer wiederholte. Eine Art Singsang hallte zwischen den kalten, feuchten Wänden des Tunnels wider.

Und dann schoss ein Strahl aus Schwarzlicht aus seiner Hand heraus.

Er traf auf den Beton auf. Mit einem zischenden Laut brannte sich eine Linie in das harte Material hinein. Ein Kreis bildete sich. Der Strahl verebbte. Gabriel trat einen Schritt zurück.

Im Inneren des Kreises erschienen Bilder, die aus verschiedenen Grautönen bestanden.

Rattengrau!, durchfuhr es Gabriel.

Ein Augenpaar wurde sichtbar, das Gabriel aufmerksam musterte.

"Sokambun Fredensor!" rief Gabriel.

Jetzt hatte die Zeremonie sogar Ptygias Aufmerksamkeit. Das Monstrum verharrte mitten in der Bewegung und starrte mit offenem Maul auf die Erscheinung an der Wand.

"Sprich zu mir, Rattengott! Sprich zu mir und höre dann, was Gabriel der Mächtige dir zu sagen hat!", murmelte der ehemalige Engel.

Grollende, tierisch klingende Laute antworteten ihm. Laute, die man auch bei gewagtester Interpretation nicht als Zeugnisse irgendeiner Sprache missdeuten konnte.

Sei auf ewig mein Sklave, Rattengott!, rief es in Gabriels Bewusstsein.

*

Chase und Ron nahmen den schwarzen, lang gezogenen Ford des Rattenjägers, um zum Central Park zu gelangen. Es handelte sich um einen ehemaligen Leichenwagen, den Ron Dales preiswert erworben hatte, wie er berichtete. Der Ford war genau passend für seine Bedürfnisse.

"Sag mir einen Wagen mit ähnlich viel Stauraum!", meinte er.

Dafür war es nicht so ganz einfach, mit dem langen Gefährt im Zentrum Manhattans einen Parkplatz zu finden. Schließlich hatten Chase und Ron keine Lust, die Flammenwerfer durch die halbe City zu tragen, um dann dem erstbesten NYPD-Cop aufzufallen.

Aber schließlich klappte auch das.

Ron Dales parkte den Ford in der Nähe eines zwanzigstöckigen Gebäudes, in dem sich ein Kaufhaus und der Sitz eines Versicherungsunternehmens befanden. Das Kaufhaus war noch geöffnet, aber bei der Versicherung arbeitete kein Mensch mehr.

Chase und Ron schnallten sich jeweils einen Flammenwerfer-Tank auf den Rücken und machten sich auf den Weg.

Ron holte eine Army-Standard-Handgranate unter seinem Parker hervor. "Hier!", meinte er. "So was nehme ich immer mit auf die Jagd!", erklärte er.

WITH LOVE FROM RON! stand mit schwarzem Edding auf der Handgranate.

"Ich hoffe, du bist vorsichtig mit dem Ding!", meinte Chase.

"Keine Sorge! Aber sollte ich eines Tages dem Rattengott gegenüberstehen, werde ich dafür sorgen, dass er dies hier abbekommt! In den Rachen werde ich es ihm schmeißen, sofern er einen hat!"

Chase verzog das Gesicht.

"Nichts dagegen, aber..."

"Aber was?"

"Sag mir früh genug Bescheid, damit ich mich vom Acker machen kann."

"Ich hätte dich eigentlich nicht für einen Angsthasen gehalten, Chase!"

"Bin ich auch nicht. Ich habe nur nichts für Kamikaze-Unternehmen übrig!"

Rons Gesicht wurde sehr düster.

"Seit DAMALS ist mir alles ziemlich egal. Ich lebe eigentlich nur noch für ein Ziel: den Rattengott zu töten!"

Chase nickte leicht.

"Verstehe."

"Nein, Chase. Einer wie du kann das nicht verstehen."

Ron hatte ganz genaue Vorstellungen davon, wo sie in die Erde gehen sollten.

Einige Passanten begegneten ihnen, sahen sie verwundert an.

Die meisten von ihnen glaubten vermutlich, dass die beiden etwas mit der Straßenreinigung oder der Schädlingsbekämpfung zu tun hatten. Ein Flammenwerfer war nicht gerade die Art von Waffen, deren Anwendung so häufig im Fernsehen gezeigt wurde, dass daher jedermann glaubte, sich damit auszukennen.

Schließlich stiegen Chase und Ron durch einen Gulli in die Tiefe. Es war gar nicht so leicht, die Flammenwerfer dabei mitzuführen. Ron Dales stieg als erster hinab. Chase reichte ihm die Flammenwerfer mit ihren klobigen Tanks hinunter, dann erst stieg er selbst in die Tiefe.

Über stinkende Abwasserkanäle gelangten sie schließlich in einen stillgelegten Subway-Tunnel.

Neben den Flammenwerfern waren die Lampen ihre wichtigsten Utensilien. Sie waren mit Karabinerhaken an der Kleidung befestigt und sehr leistungsstark.

Ron führte außerdem noch eine gläserne Ampulle mit sich, in der sich ein weißes Pulver befand. Er erläuterte Chase, was es damit auf sich hatte. "Das ist eine Substanz, die mit einer Art Fluoreszenz-Effekt auf Psi-Kräfte jeder Art reagiert!"

Die Substanz leuchtete.

"Und wenn dieser Effekt stärker wird, sind wir richtig?"

"Oder es droht Gefahr!"

"Verstehe."

Sie arbeiteten sich weiter vorwärts. Zwischendurch begegneten ihnen Ratten. Aber sie zeigten eine normale Scheu, wie es eigentlich auch typisch für diese Tiere war.

Das Leuchten in der Ampulle wurde immer stärker.

Es war jetzt sogar bereits durch den Stoff des Parkas zu sehen, wenn Ron Dales sie zwischendurch einfach in seine Tasche steckte.

Die Botschaft, die die feinen Kristalle im Inneren der Ampulle aussandten war klar und eindeutig.

Es kann nicht mehr lange dauern!, ging es Chase durch den Kopf. Er schwenkte unruhig das trichterförmige Schlauchende des Werfers herum.

Sie folgten den Gleisen. Der Großteil der Anlagen war förmlich ausgeschlachtet worden, als man diesen Trakt der Subway stilllegte. Man musste ziemlich aufpassen, wo man hintrat. Immer wieder gab es tückische Vertiefungen.

Dann erreichten sie einen Ort, der wohl ehedem ein Bahnhof gewesen war.

Die beiden Vampire ließen die Lichtkegel ihrer Lampen umherschweifen.

Sie sahen die magischen Zeichen an der Wand, außerdem die zu einem Hexagon angeordneten Feuerstellen.

"Hier hat ein Ritual stattgefunden!" Es war eine Feststellung, keine Frage, was da über Ron Dales' Lippen ging.

"Gabriel!", murmelte Chase. "Er muss hier gewesen sein!"

Ron beugte sich nieder, berührte eine der Stellen.

"Das ist noch warm..."

Ein Lachen ertönte.

Chase wirbelte herum.

Er sah in Gabriels höhnisch verzogene Gesichtszüge.

Augenblicklich betätigte Chase den Flammenwerfer.

Der Feuerstrahl züngelte hervor, reichte bis zur Wand und rußte sie auf einer Fläche von mindestens neun oder zehn Quadratmetern an. Von Gabriel war keine Spur mehr zu sehen.

"Ein Trugbild!", murmelte Chase.

"Was zur Hölle mag das nur für ein Ritual gewesen sein, dass hier durchgeführt wurde!"

"Schätze, dafür bist du der größere Experte, Ron!"

"Jedenfalls hat er sich genau den richtigen Punkt ausgesucht - psi-energetisch gesehen!"

"Wahrscheinlich benutzt er auch das Internet", meinte Chase voller Sarkasmus.

Ron ließ den Blick über die Zeichen an den Wänden schweifen. "So etwas habe ich noch nie gesehen!", murmelte er. "Und du kannst einen drauf lassen, dass ich in dieser Hinsicht schon eine ganze Menge gesehen habe!"

Einige Augenblicke lang herrschte Stille.

Einer plötzlichen Regung folgend griff Ron Dales in die weite Tasche seines Parkas und holte die Ampulle mit der auf Psi-Energien reagierenden Substanz hervor. Das Leuchten war außerordentlich stark geworden. So stark, dass man kaum hineinblicken konnte. Ron steckte die Ampulle wieder weg.

"Ich schätze, es wird gleich losgehen!", war er überzeugt.

Es dauerte nicht lange und seine Prophezeiung bewahrheitete sich.

Kratzende tapsende Geräusche waren zu hören. Winzige Schritte von kleinen Rattenbeinen. Jede einzelne dieser Bewegungen wäre kaum hörbar gewesen. Aber es mussten tausende sein. Piepslaute mischten sich in diesen eigenartigen Klangteppich, der immer lauter wurde.

"Alles klar, Chase?"

"Du hast ja gesehen, dass ich weiß, wie man das Ding abfeuert!"

"Hauptsache, du erwischt nicht aus Versehen mich! Mehr erwarte ich gar nicht!"

Die Geräusche kamen aus allen Richtungen. Und dann tauchten die ersten Ratten aus dem Schutz der Dunkelheit auf. Ein wahrer Teppich aus grauen, dicht aneinander gedrängten Körpern quoll aus der Finsternis hervor. Von überall her kamen Sie. Aus den Ritzen den Mauern, aus kleinen Höhlen, die sich in verwitterten Fugen gebildet hatten und die von den Nagern erweitert worden waren. Sie krochen unter den teilweise lose daliegenden Pflasterplatten hervor. Es mussten Tausende sein. Vielleicht hunderttausende. Manche von ihnen hatten eine geradezu monströse Größe erreicht, die so manches Kaninchen in den Schatten stellte.

Selbst aus Löchern in der Decke ließen sich die grauen Bestien herunterfallen. Eine landete auf Chase' Schulter, versuchte sofort in den Hals hinein zu beißen. Chase erwischte sie schnell genug, schleuderte sie von sich.

Quiekend wurde das Tier gegen die Wand geschleudert. Es sah aus, als ob jemand einen Beutel mit roter Farbe dort zerplatzen ließ.

"Jetzt!", rief Ron. "Halte voll drauf!"

Es klang wie eine Art Kriegsschrei, der schauerlich zwischen den feuchten, im Lauf der Jahre, modrig gewordenen Wänden widerhallte und sich mit den Geräuschen der Ratten auf eigenartige Weise vermischte.

Ron feuerte.

Chase nur eine Sekunde später.

Die Flammenstrahlen fraßen sich über den Boden.

Tausende von Ratten waren innerhalb kürzester Zeit versengt. Viele irrten als lebende Fackeln herum. Der stechende Geruch nach Rattenurin, der zuvor das Gewölbe erfüllt hatte, wurde nun durch etwas anderes abgelöst.

Durch den Geruch verbrannten Fleisches.

Ron und Chase ließen die Flammenstrahle immer wieder auflodern. Die Hitze wurde geradezu mörderisch. Aber immerhin brauchten die beiden Vampire sich über mangelnden Sauerstoff keine Gedanken zu machen. Sie atmeten ja nicht. Und auch die wachsende Rauchentwicklung betraf sie nur in so fern, als dadurch die Sicht behindert wurde.

Immer wieder zuckten die Flammeblitze hervor. So koordiniert der Angriff der Ratten auch begonnen hatte, jetzt zerstoben sie in heller Panik. Ihr Kreischen erfüllte den Subwaytunnel. Ein schauerlicher Chor des Grauens.

Im Schein der Flammen sah Chase das Gesicht seines neuen Verbündeten.

Es war zur Grimasse verzogen.

Eine Grimasse blanken Hasses.

Kein Wunder, dachte Chase. Diese Bestien haben seine Freundin auf dem Gewissen. Und sein Kind, das niemals die Chance gehabt hatte, das Licht der Welt zu erblicken.

Chase dachte kurz an einen anderen Mann, der aus ganz ähnlichen Gründen eine Art Rachefeldzug begonnen hatte, allerdings gegen Vampire.

Speziell gegen jenen Vampir, der das Blut seiner Tochter getrunken und ihre Kehle zerfleischt hatte: Chase Blood.

Es war das erste Mal seit langer Zeit, dass Chase an Robert Malloy dachte, den zum Vampirjäger gewordenen Ex- Cop.

Friede seiner Asche!, dachte er und versuchte die Gedanken zu verscheuchen.

Grübeln ist uncool!, sagte eine sarkastische Stimme aus dem OFF seines Bewusstseins. Konzentrier dich auf diese Scheiß-

Viecher, wenn du nicht willst, dass sie dich und deinesgleichen zu Schabefleisch verarbeiten!

Schließlich verlosch der letzte Flammenstrahl.

Ron Dales' angespanntes Gesicht wirkte jetzt etwas lockerer.

So weit der Schein ihrer Lampen reichte, war nichts als tote Rattenleiber zu sehen. Die Nager hatten keine Chance gehabt. Nicht einmal diejenigen unter ihnen, die Vampirblut genossen hatten. Und davon musste es einige geben. Irgendwo unauffällig in diesen unendlichen Massen von kleinen, pelzigen Jägern, deren Angriffe vom Rattengott mit schier unglaublicher Präzision gelenkt worden waren.

Hier und dort gab es noch kleinere Brände. Ein paar Schienenschwellen glühten. Das Holz, aus dem sie bestanden, war feucht und morsch. Deswegen verursachten sie eine Menge Rauch.

Ron Dales wandte sich zu Chase herum.

Der Mann mit dem Irokesenschnitt hob den Daumen.

"Gute Arbeit, Mann! Wir sollten öfter auf die Jagd gehen!"

"Ein Dauerjob wäre das nicht für mich!"

"Kann ich auch wieder verstehen. Aber vielleicht gelingt es uns ja irgendwann endlich diesen verdammten Rattengott aufzuspüren..."

"...und ihm das Fell über die Ohren zu ziehen?"

"Wieso nicht!"

"Vorausgesetzt er hat eins."

"Was?"

"Ein Fell, du Blödmann!"

Als Ron Dales sich umdrehte und den Blick über die tausenden von Rattenleibern schweifen ließ, die sie beide innerhalb relativ kurzer Zeit versengt hatten, fiel Chase das fluoreszierende Leuchten auf, das von der Substanz in der Ampulle ausging.

Die Lichterscheinung war so stark geworden, dass sie sogar durch den Stoff des Parkas hindurch schien.

Chase sagte keinen Ton, streckte nur die Hand aus.

Ron Dales blickte an sich herab und nickte dann.

"So stark war es noch nie!"

"Gabriels Anwesenheit könnte dafür verantwortlich sein!"

"Entweder das oder..."

"...der Rattengott!"

*

Chase und Ron gingen den Subwaytunnel in nördliche Richtung weiter. Ron hatte einen Ausdruck der psi-energetischen Karte aus dem Internet dabei. Außerdem einen Kompass und verschiedene Pläne über die aktuellen und stillgelegten Subwayverbindungen sowie das Abwassersystem. "Ich hab's mal mit einem modernen Navigationssystem versucht", meinte er zwischendurch. "Aber je tiefer man kommt, desto schlechter ist der Empfang... Darauf kann man sich einfach nicht verlassen!"

"Verstehe!"

Nach etwa einer Stunde erreichten sie einen Subway-Knotenpunkt. Allerdings einen aus den vierziger Jahren. Hier lief schon seit Jahrzehnten überhaupt nichts mehr. Ein Subway-Waggon rostete vor sich hin.

Ron war überzeugt, dass sich der Rattengott genau dort befand, wo das Zentrum des Kreises auf der psi-energetischen Karte zu sehen gewesen war.

Das Leuchten der Substanz in der Ampulle hatte zunächst etwas nachgelassen. Das war auch zu erwarten gewesen. Aber jetzt schien es so, als kämen sie wieder in ein Gebiet erhöhter Konzentration.

Von einigen kleineren Angriffen abgesehen, ließen die Ratten die beiden Vampire in Ruhe.

Offenbar hatte der unheimliche Geist, der sie aus dem Hintergrund heraus steuerte, endlich begriffen, dass er Chase und Ron auf diese Weise im Moment nicht besiegen konnte.

Allerdings galt das wirklich nur für den Moment, denn irgendwann würde der Brennstoff in den Tanks verbraucht sein.

Und dann standen ihnen nur konventionelle Waffen zur Verfügung.

Aber wie schlecht man mit einem Hiebmesser und einer Schrotpistole gegen die grauen Biester ankam, sofern diese nur zahlreich genug waren, hatte Chase ja schon am eigenen Leib zu spüren bekommen.

Chase und Ron ließen auch diesen Knotenpunkt hinter sich, nachdem Ron bestimmt hatte, in welche Richtung sie sich nun am besten zu wenden hatten.

Schweigend marschierten sie durch das modrig-feuchte Gewölbe.

Bis wieder das charakteristische Kratzen und Schaben begann.

"Ich hoffe, wir können sparsam genug mit dem Brennstoff sein, um noch etwas für den Rattengott selbst übrig zu haben!", knurrte Chase grimmig. Der Angriff, der dann erfolgte, glich in seinem Ablauf in etwa jenen, die Chase und Ron schon zuvor über sich hatten ergehen lassen müssen.

Hunderttausende von grauen und schwarzen Nagern strömten innerhalb weniger Augenblicke auf die beiden zu. Buchstäblich aus jeder Ritze, jedem Spalt, jedem Abfluss krochen sie dicht gedrängt hervor.

Die beiden Vampire hielten sie mit Hilfe der Flammenwerfer auf Distanz. Sobald eine genügende Anzahl von ihnen etwas abbekommen hatte, brach der Angriff in sich zusammen. Die geordnete Armee der Nager verwandelte sich dann in einen chaotischen Haufen von zuckendem, halbverbranntem, angesengtem Fleisch.

Nach wenigen Augenblicken war alles vorbei.

"Sie sind so viele", stellte Ron Dales fest. "Das ist ihre eigentliche Stärke!"

"Wir hätten noch 'nen paar Jungs mitnehmen sollen, die so einen Tank halten können!", meinte Chase. "Scheiße, hinterher ist man immer schlauer!" Dann bemerkte er, dass Ron Dales plötzlich angehalten und die Augen geschlossen hatte.

Ron brauchte ihm nichts zu sagen.

Chase wusste, was los war.

"Es ist Gabriel, nicht wahr?", fragte er.

Ron nickte.

"Ja..."

"Er wird es immer wieder versuchen!"

"Fürchte ich auch. Wenn ich nur wüsste, was dieser miese Lackaffe mit mir gemacht hat!"

"Sorry, aber Hellseher bin ich leider nicht!"

Ron grinste schwach. "Kann ja noch werden!", meinte er.

"Schließlich sagtest du doch, dass sich die Fähigkeiten eines Vampirs erst mit der Zeit entwickeln."

*

Eine weitere Stunde verging, ehe Chase und Ron den Punkt erreichten, der laut Karte das Energiezentrum darstellte.

Aber von dem Rattengott gab es keine Spur. Auch von Gabriel nicht. Ron machte den Vorschlag über einen Abwasserkanal weiter in die Tiefe zu steigen. Von dort konnte man auf eine tiefer gelegene Subway-Ebene gelangen.

Chase stimmte zu, nachdem Ron die Ampulle mit Leuchtsubstanz auf den Boden gelegt und die Lichterscheinung damit merklich verstärkt hatte.

"Da unten ist er!", meinte er.

"Ich hoffe, du bedenkst, dass wir vor Sonnenaufgang wieder zurück sein müssen!"

"Du machst Scherze, Chase!"

"Nie!"

"Hör mal, wie soll hier unten ein Sonnenstrahl hingelangen!"

"Das ist nicht das Problem."

"Was dann?"

"Der fast komatöse Schlaf, in den wir am Tag fallen. Ich schätze, du wirst da kaum eine Ausnahme machen. Dann sind wir ungefähr so fit wie ein Sterblicher, der gerade einen Gummiknüppel über den Kopf gezogen bekommen hat!"

"Reizend!", knurrte Ron. "Das heißt, wir beeilen uns besser!"

Eine Viertelstunde später wateten sie knietief durch einen Bach aus stinkendem Abwasser.

Etwas schwamm im Wasser, ließ sich einfach treiben. Es war pechschwarz, als der Lichtkegel von Chase' Lampe es erfasste.

Und es hatte ein Fell.

Eine Ratte!

Aber sie war so groß wie ein Schwein.

Das Tier beobachtete die beiden Vampire.

Chase zog kurz entschlossen seine Schrotpistole.

Er drückte sofort ab. Der zweite Schuss folgte nur einen Sekundenbruchteil später. Ein Laut, der fast wie der Schrei eines Kindes klang, hallte in dem Kanal wider. Dann trieb ein blutiger Kadaver stromabwärts.

Chase sah Ron verwirrt an.

"Scheiße, was war das denn?"

"Es gibt Erzählungen darüber", murmelte Ron. Er wirkte plötzlich etwas hektisch. Die ruhige Präzision, mit der er ansonsten vorging, schien auf einmal von ihm abgefallen zu sein. "Diese Riesenratten halten sich normalerweise nur in unmittelbarer Nähe des Rattengottes auf!", flüsterte Ron.

"Zumindest den Legenden nach..."

"Na, dann scheinen wir hier ja richtig zu sein!"

Sie stapften weiter vorwärts.

Der Wasserstand wurde geringer. Bald standen sie kaum bis zu den Knöcheln in der dunklen Brühe und am Rande bildeten sich breite trockene Streifen.

Schritte ließen die beiden Vampire erstarren. Tapsende Schritte, die sich anhörten wie von Hunden. Chase ließ den Lichtkegel wandern. Und dann sah er sie. Etwa ein Dutzend jener schweinegroßen Ratten, von denen ihnen bereits eine begegnet war. Sie bleckten die Zähne, ließen ein aggressives Knurren hören. Auf Grund ihres größeren Körpervolumens waren auch die Laute tiefer, die sie ausstießen.

"Lass sie etwas näher herankommen", meinte Ron.

"Und dann: Feuer marsch!"

"Ich hoffe, dass sie genauso empfindlich darauf reagieren wie ihre kleineren Artgenossen!"

Die bepelzten Bestien schnellten heran. Das Feuer schlug aus den beiden Flammenwerfern heraus. Mit grausigen Schreien loderten die ersten von ihnen hell auf, wurden von den Flammenstrahlen regelrecht verschluckt.

Jene, die ihnen folgten, waren davon allerdings offenbar nicht im Geringsten beeindruckt.

Sie griffen mit demselben Fanatismus an, wie ihre gegrillten Vorgänger.

Auch sie wurden gnadenlos nieder gesengt. Manche von ihnen, die nicht die volle Ladung abbekamen, führten brennend eine Art Veitstanz auf, kreischten und schrieen dabei.

Weitere dieser Riesenratten folgten.

Der Kampf zog sich hin. Immer wieder mussten Chase und Ron die Flammenwerfer einsetzen.

Dann war plötzlich ein Zischen zu hören, dass sich von den sonstigen Geräuschen des Flammenwerfers deutlich unterschied.

Der Feuerstrahl verebbte.

Die Riesenratte, auf die Chase angelegt hatte, war nur noch wenige Meter entfernt. Sie hatte noch genug Feuer abbekommen, um ihr ordentlich weh zu tun. Aber das machte sie wohl nur umso wütender.

Die Ratte sprang.

Chase riss das Hiebmesser aus dem Futteral, schlug zu.

Er säbelte durch den Hals des Tieres.

Die Wirbelsäule knackte, der Kopf wurde vom Rumpf getrennt und ein Schwall von Blut spritzte auf.

Schon war das nächste Tier heran, das Chase mit der Rückbewegung des Hiebmessers erwischte. Er hatte die Waffe mit beiden Händen gepackt, stieß sie in den Leib des schwarzpelzigen Monstrums hinein. Der Kadaver wurde einige Meter weit durch die Luft geschleudert, klatschte dann gegen die gerundete Wandung des Abwasserkanals.

Ron hatte noch etwas Brennstoff im Tank.

Er ließ noch einmal die Flammen aus dem Trichter herauslecken und erwischte damit gleich mehrere der gewaltigen Nager. Die verkohlten Kadaver blieben zurück, sanken in das dunkle Wasser.

Chase blieb eine Verschnaufpause.

Er nahm den Tank des Flammenwerfers vom Rücken, schleuderte ihn den nächsten Riesenratten entgegen. Er tat dies mit einer derart großen Wucht, dass zwei der Biester sofort tot waren.

Noch zwei Mal schnellte die Flammenzunge aus Rons Werfer heraus.

Dann war auch sein Brennstoff verbraucht.

Ron warf ebenfalls den Tank vom Rücken, riss eine Automatik heraus und feuerte.

Bis zu fünf Schüsse brauchte er, um die Riesenratten zu töten. Sie waren verdammt widerstandsfähig. Die Waffe war schnell leer geschossen. So riss Ron die Machete hervor, die er unter dem Parka trug. Zwei der Riesenratten erschlug er mit schnellen, geübt wirkenden Hieben. Ganz offensichtlich hatte er dabei noch etwas Probleme, seine Kräfte richtig zu dosieren.

Immer wieder kamen ihnen weitere der Riesenratten entgegen.

Aus der Dunkelheit heraus schnellten sie auf Chase und Ron zu. Sie konnten von Glück sagen, dass ihre Arme nicht erlahmten.

Erst wenn über ihnen, in Central Manhattan, die Sonne aufging, würde es für sie kritisch werden.

Immer wieder senkten sich ihre Klingen nieder und streckten die Riesenratten dahin.

Dann herrschte für einige Augenblicke Ruhe. Kein Kratzen, keine tapsenden Schritte mehr. Nur Stille und...

...ein Paar Hände, das Beifall klatschte!

Chase und Ron wirbelten herum und blickten auf eine in Weiß gekleidete Gestalt, die von einer Lichtaura umgeben war.

"Gabriel!", entfuhr es Chase grimmig.

Ptygia befand sich etwas im Hintergrund. Sie war nur als Schatten erkennbar. Wenn man nicht genau auf sie achtete, wirkte sie beinahe unsichtbar.

"Bravo!", rief Gabriel mit einem zynischen Lächeln um die Lippen. "Einen guten Kampf hast du geliefert, Chase Blood! So viel Zähigkeit hätte ich speziell dir gar nicht zugetraut!"

"Dann kennst du mich schlecht!"

"Wie auch immer. Ich wollte unbedingt dabei sein, wenn du stirbst."

Chase riss die Schrotpistole heraus.

Er feuerte sofort zweimal kurz hintereinander.

Die Schrotladung ging durch Gabriel hindurch, der auf einmal wie eine dünne Projektion wirkte. Wieder ertönte Gabriels schallendes Gelächter. "Ich wusste, wie du reagieren würdest und habe mich vorsichtshalber noch nicht einmal vollständig materialisiert! Aber das ganze hat sogar sein Gutes! Deine Schrotpistole ist leer geschossen. Und du wirst keine Gelegenheit bekommen, sie nachzuladen!"

Gabriel streckte die Arme aus.

Er murmelte einige geheimnisvolle Silben, die in irgendeiner uralten Sprache gewiss ihren Sinn gehabt hatten.

Seine Augen weiteten sich dabei. Seine Stimme bekam eine geradezu unheimliche Inbrunst.

Chase griff in die Jackentasche, wollte zwei neue Patronen herausnehmen, da hörte er Ron Dales aufstöhnen.

Ron hielt sich den Kopf.

Sein Gesicht war zur Grimasse geworden.

In seinen Augen flackerte es.

Offenbar versuchte Gabriel erneut, Ron Dales mit Hilfe einer Formel wieder unter seinen Gehorsam zu zwingen.

Ron machte eine ruckartige Bewegung mit der Machetenhand, taumelte auf Chase zu. Seine Automatik war glücklicherweise leer geschossen. Aber während ein Treffer aus der Pistole für Chase mehr oder weniger nur unangenehm gewesen wäre, konnte ein Kopf-ab-Hieb mit der Machete sein Ende bedeuten.

Ron stürzte sich jetzt mit ungestümen, etwas eckig wirkenden Bewegungen auf seinen vampirischen Verbündeten.

Chase wich aus. Aber die Machete ritzte ihm trotzdem noch über den Oberkörper.

Chase warf die Schrotpistole von sich, streckte Ron das Hiebmesser entgegen, um dessen nächsten Schlag abzuwehren.

Metall kam auf Metall. Die Machete wurde vom Griffschutz an Chase' Hiebmesser aufgehalten.

Doch Ron hieb schon erneut zu.

Ein Stoß erwischte Chase an der Schulter.

Es tat höllisch weh.

Vielleicht waren es die besonders hohen Psi-Energiekonzentrationen an diesem Ort, die es Gabriel ermöglichten, Ron wieder in seinen Bann zu ziehen. Jedenfalls stand der Rattenjäger jetzt vollkommen unter dem Einfluss des gefallenen Engels. Wild und heftig schlug Ron mit seiner Machete auf Chase ein.

Chase war in der Defensive, wich zurück.

Gabriels Lachen bildete die Begleitmusik. Eine Begleitmusik, die Chase auf den Tod nicht ausstehen konnte und ihn in nervlich zum Kochen brachte.

Das will er! meldete sich die warnende Stimme aus dem OFF

seines Bewusstseins. Genau das will er - damit du unvorsichtig wirst!

Ron war anzumerken, dass er ein geübter Kämpfer war.

Vielleicht war Chase ihm an Kraft überlegen, aber das vermochte der Mann mit dem Irokesenschnitt durch seine raschen, effektiven Bewegungen leicht auszugleichen.

Ein brutaler Tritt traf Chase in die Magengrube.

Ron packte die Machete beiden Händen, ließ sie niedersausen, während Chase sich vor Schmerzen krümmte.

Haarscharf nur ging der Hieb daneben, krachte in den Brunstein der Wand hinein. Funken sprühten, so gewaltig war die Wucht, die hinter diesen Schlägen saß.

Chase stürzte nach vorn, stieß Ron sein Hiebmesser bis zum Heft in den Leib.

Rons Augen traten hervor.

Er stierte Chase ungläubig an.

Chase stieß sein Gegenüber mit einem Tritt von sich und zog dabei das Messer aus dessen Körper. Blut tropfte von der Klinge. Ron hielt sich den Bauch. Rot rann es zwischen seinen Fingern hindurch. Er taumelte rückwärts, stieß dann gegen die Wand und rutschte zu Boden. Der Lichtkegel seiner Lampe, die er in Höhe der Brust an dem Parka befestigt hatte, tanzte zitternd.

Chase leuchtete mit seiner eigenen Lampe, die von einem Knopfloch seiner Lederjacke herunterhing, direkt in Rons Gesicht.

Es war schmerzverzerrt.

Er würde eine Weile brauchen, um sich davon wieder zu erholen, zumal er nicht darin geübt war, seine Willenskraft derart zu konzentrieren, dass dadurch die Heilung beschleunigt wurde.

Sein Gesicht!, durchzuckte es Chase. Gabriel hat ihn wieder freigegeben!

Es war beinahe so, wie nach dem ersten Kampf zwischen der Nummer Zwei der New Yorker Vampire und dem eigenwilligen Rattenjäger.

"Du bist heute gut in Form, wie ich sehe!", ließ sich Gabriels schneidende Stimme vernehmen. Der Tonfall troff nur so vor Zynismus.

Chase drehte sich zu ihm um.

"Eines Tages werde ich dich vernichten!", knurrte Chase.

Gabriel lächelte dünn und kalt.

"Das sagst du nur, weil du einfach nicht genug über mich weißt. Sonst wäre dir klar, dass dieser Wunsch niemals in Erfüllung gehen kann! Wie auch immer, Vampire leben zwar ewig, aber mein Ende wirst du trotz allem in keinem Fall erleben. Zumal ich hier noch einen anderen meiner Diener für dich herbestellt habe, der sich nach nichts so sehr sehnt, wie dir ein Ende zu bereiten..."

Chase ließ den Blick schweifen. Er nahm das Hiebmesser zwischen die Zähne, als er die Schrotpistole vom Boden aufnahm und damit begann, sie nachzuladen. Er konnte von Glück sagen, dass sie nicht ins Wasser gefallen war.

"Ich sehe, du vertraust immer noch deinem primitiven Waffenarsenal. Aber nur zu! Dein Gegner steht bereits hinter dir. Bis auf wenige Meter ist er herangekommen!" Ein gewaltiges Gelächter ging jetzt über Gabriels dünnlippigen Mund. Ptygia fiel etwas zögernd darin ein. Sie schien aber nicht genau zu wissen, weshalb ihr Partner eigentlich lachte und so verstummte das Monstrum ziemlich schnell wieder.

Gabriel hob die Hände.

"Du wünschst dir etwas mehr Licht im Dunkel dieser modrigen Gewölbe! Das sollst du haben, Chase Blood!"

Es wurde fast taghell. Als ob Dutzende von Neonröhren auf einmal Lichtverhältnisse wie in einem modernen Kaufhaus geschaffen hätten!

Chase kniff die Augen zusammen. Die Helligkeit blendete.

Ihr Ursprung war im Übrigen nicht auszumachen. Das Licht schien buchstäblich aus dem Nichts zu kommen, herbeigerufen zweifellos durch die Anwendung schwarzer Magie.

Chase erstarrte, als er den Tunnel entlang schaute.

In diesem unheimlichen Licht, dass auch Gabriel von einer eigenartigen, glänzenden Aura umringt zeigte, war jetzt sehr deutlich ein gewaltiges Ungeheuer zu sehen.

Es war pechschwarz.

In der Finsternis war es nicht weiter aufgefallen.

Es handelte sich um eine gigantische Ratte, mindestens mit zwei Metern Rückenhöhe. Sie knurrte so tief wie ein Hund.

Dunkle Augen starrten Chase an.

Der Rattengott!, durchzuckte es Chase.

Das musste er sein.

Er schob sich schwerfällig vorwärts.

Die Bewegungen hatten etwas Marionettenhaftes, Plumpes an sich. Es gab für Chase keinen Zweifel daran, dass er unter Einfluss stand. Gabriels Einfluss.

Das gewaltige Monstrum näherte sich.

"Er hat schon immer davon geträumt, mal einen leibhaftigen Vampir vor sich zu haben und sein Blut trinken zu dürfen!", war Gabriels ätzende Stimme zu hören. "Leider ist es für seine Diener immer etwas kompliziert, was Geeignetes mitzubringen. Vampire zerfallen so verflucht schnell, da ist es so gut wie unmöglich, einen frischen, gerade gepfählten Vampir bis hier her zu bringen..."

Gabriel kicherte.

Ron Dales kauerte am Boden, starrte zu der Riesenratte auf.

Die Wunde, die Chase ihm beigebracht hatte, machte ihm immer noch zu schaffen. Mit zitternder Hand lud Ron eine Automatik nach.

Er feuerte auf den Rattengott.

Die Projektile schlugen in rascher Folge in das Fell ein, rissen blutige Wunden, die sich allerdings sehr rasch wieder schlossen.

Scheiße!, durchzuckte es Chase Blood. Dieses Biest HAT

bereits Vampirblut gekostet.

Zumindest wäre das eine Erklärung für das gewesen, was sich vor Chase' Augen abspielte.

Die gewaltige Riesenratte setzte inzwischen zum Angriff an.

Chase trat dem Rattengott entgegen. Ein bepelztes Wesen, größer als ein Nashorn. Chase brauchte eine kürzere Distanz, um seine Schrotpistole abschießen zu können.

Rons Geschosshagel hielt das Monstrum auf, ließ es sogar ein Stück zurückweichen.

Einer der Schüsse traf das linke Auge.

Das Weiße füllte sich mit Blut.

Der Rattengott brüllte auf.

Chase konnte ihm gut nachfühlen, wie unangenehm so ein Treffer sein konnte.

Aber keine der Kugeln war für das Monstrum wirklich gefährlich.

Es dauerte nur wenige Augenblicke und das blutige Auge verlor seine rote Farbe und normalisierte sich wieder.

"Kannst du aufstehen?", fragte Chase an Ron gewandt.

"Nein!"

"Konzentrier dich auf deine Heilung! Wer weiß, was passiert, wenn dieses Biest dich verschlingt und auf diese Weise eine frische Dosis Vampirblut erhält!"

Der Rattengott hatte sich schnell wieder erholt. Die großen Augen funkelten wütend. Ein Knurrlaut kam aus dem gewaltigen Maul.

Das Monstrum schnellte vor, schlug mit seiner gewaltigen Pfote zu, verfehlte Chase aber, als dieser zurückwich.

Das riesige Rattenmaul senkte sich.

Chase nahm seine Schrotpistole in beide Hände, zielte kurz und feuerte dann.

Die Schrotladung erwischte den Rattengott in der Nase.

Dieses eine Mal hast du hervorragend gezielt!, ging es ihm durch den Kopf. Der Rattengott schrie auf. Chase verlor keine Zeit.

Den zweiten Schuss ließ er los krachen.

Er hatte ihn etwas höher gezielt, so dass nicht nur das Riechorgan, sondern auch die Augen einiges von dem Schrot mitbekamen.

Das Riesentier zuckte zurück.

Der Kanal erzitterte regelrecht, als sich der Rattengott mit einem ohrenbetäubenden Kreischen zurückzog. Er stieß mit dem Hinterleib hart gegen die Wand. Risse zogen sich durch den Beton, verzweigten sich wie ein Flussdelta.

So werde ich ihn nicht töten können!, wurde es Chase klar, während er die Schrotpistole nachlud.

Gabriels Lachen hallte zwischen Betonwänden wider.

Ron Dales vollführte mit seiner Automatik eine ruckartige Bewegung. Der Lauf der Waffe zeigte plötzlich in Chase Richtung. Ron drückte ab, feuerte kurz hintereinander mehrere Schüsse in Chase' Richtung ab.

Offenbar hatte Gabriel wieder die Kontrolle über ihn übernommen.

Er schien es zu genießen, mit seiner vampirischen Beute zu spielen. So wie eine Katze es manchmal tat.

Die Kugeln schlugen in Chase' Oberkörper ein. Er taumelte rückwärts. Ein Schuss aus seiner Schrotpistole löste sich.

Die Ladung knallte in die Decke. Beton rieselte hinunter.

Chase taumelte rückwärts, rutschte aus und knallte gegen die Wand.

Mit verzerrtem Gesicht feuerte Ron Dales auf Chase.

Die Treffer taten höllisch weh.

Chase hob die Schrotpistole, schoss noch einmal.

Ron Dales bekam die volle Ladung ab.

Sein Oberkörper war eine einzige Wunde.

Das Gesicht entspannte sich. Der Einfluss Gabriels verflüchtigte sich offenbar wieder. Ron ließ die Waffe sinken.

Jetzt kam der Rattengott zurück.

Wütend, durch die Schmerzen, die ihm zugefügt worden waren, geradezu blindwütig.

Knurrend kam er näher.

Chase schnellte hoch. Die Schusswunden versuchte er zu ignorieren.

Er stolperte Gabriel und Ptygia entgegen, die die Szenerie interessiert beobachteten.

Der Rattengott hatte inzwischen Ron Dales erreicht.

Für ihn konnte Chase nichts mehr tun.

Das Monstrum schnappte mit dem gewaltigen Maul nach Ron.

Der Mann mit dem Irokesenschnitt schrie laut auf. Ein schauerlicher Todesschrei. Kurz bevor der Rattengott Ron hinunterzuschlingen begann, griff dieser unter seinen Parka.

Dorthin, wo er die Handgranate an seinem Gürtel hängen hatte.

Chase spürte die Druckwelle und die Hitze der Detonation in seinem Rücken. Er wurde mit gewaltiger Wucht vorwärts geschleudert, landete sehr unsanft auf dem Boden. Die Hitze verengte ihm den Rücken.

Einen Sterblichen hätte das vermutlich getötet oder zumindest schwer verletzt.

Er hat genau das getan, was er angekündigt hat!, ging es Chase durch den Kopf. Offenbar war es Ron noch gelungen, die Handgranate zu zünden.

Er presste sich auf den Boden, während der Rattengott buchstäblich auseinander gerissen wurde. Mochte er auch noch so viel Vampirblut getrunken haben, gegen die völlige physische Zerstörung nützte ihm das nichts.

*

Grobe Pranken packten Chase plötzlich bei den Schultern, rissen ihn hoch. Dann wurde er gegen die Betonwand geschleudert. Die Wucht, mit der das geschah, war selbst für einen Vampir schier unglaublich. Chase knallte mit der Stirn gegen den Beton. Als er zu Boden rutschte, zog sich eine blutige Schmierspur über das graue Material.

Chase blickte auf.

Er sah Ptygias breitbeinig dastehende Monstergestalt. Sie verzog das Maul und entblößte dabei ihr Raubtiergebiss.

"Süßer Chase!", murmelte sie.

Gabriel stand einige Meter von ihr entfernt. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt, betrachtete dabei die Flammen, die den Körper des Rattengottes verschlangen.

"Mein Glückwunsch, Chase! Es scheint so, als hätte sich dein Bundesgenosse geopfert, um den meinigen auszuschalten.

Respekt!"

"Du hättest diesen Punker ständig unter deiner Kontrolle halten sollen, Gabriel!", meinte Ptygia.

Gabriel zuckte die Achseln. "So sehr es mich schmerzt, das zugeben zu müssen, meine Teuerste: Aber ich fürchte du hast recht!"

"Ja!", nickte Ptygia.

"Aber es gibt keinen Fehler, der sich nicht ausbügeln ließe. Dieser Damentausch, wie man das im Schach wohl nennen würde könnte trotzdem noch zu unserem Vorteil gereichen.

Schließlich befindet sich die Nummer zwei der New Yorker Vampire in unserer Hand! Und das in einem ziemlich ramponierten Zustand!" Gabriel kicherte.

Ptygia versuchte, diese Laute nachzuahmen.

Es musste wohl an ihren ausgeprägten Raubtierkiefern liegen, dass das bei der Dämonin nicht so ganz klappte. Sie bewegte leicht ihre Lederschwingen.

"Ja", sagte sie. "Du hast Recht."

Chase hingegen bezweifelte, dass sie überhaupt begriff, worum es ging. Aber das konnte ihm letztlich auch gleichgültig sein.

Er versuchte, sich für einige Sekunden vollkommen auf die Heilung seiner Wunden zu konzentrieren. Er zweifelte nicht daran, dass ihm bis zu Ptygias nächstem Angriff nur wenige Augenblicke blieben. Augenblicke, die er nutzen musste.

"Mach ihn kalt, Ptygia. Aber versau es nicht wieder!"

Chase nahm seine Schrotpistole, fingerte die letzten beiden Patronen aus seiner Jackentasche heraus und steckte sie in die Waffe hinein.

Er richtete sie auf Gabriel.

Ptygia war nichts weiter als eine niedere Charge, auch wenn sie sich gerne so aufspielte, als wäre sie tatsächlich eine gleichberechtigte Partnerin für den gefallenen Engel. Aber das war keineswegs der Fall. Von der Körperkraft abgesehen war Gabriel ihr in jeder Hinsicht weit überlegen.

Gabriel lächelte kalt.

Er streckte die Hand aus.

Chase spürte, wie ihm die Waffe aus der Hand gerissen wurde. Sie flog durch die Luft, landete genau in Gabriels Linker.

Gabriel kicherte.

Dann richtete er die Waffe auf Chase.

"Wir wollen doch faire Kampfbedingungen herstellen!", meinte er zynisch und drückte zweimal kurz hintereinander ab.

Chase bekam zweimal die volle Schrotladung ab. Er versuchte das Gesicht mit dem Arm zu schützen. Der gleichzeitige Aufprall hunderter kleiner Projektile sorgte bei einem sterblichen Wesen normalerweise dafür, dass ein Schockzustand eintrat, der zum Herzstillstand führte.

Das bereitete Chase kein Problem.

Sein Herz schlug ohnehin nicht mehr.

Aber die Treffer taten höllisch weh. Es war, als ob mehrere hundert Nadeln zur gleichen Zeit in seinen Körper gestoßen wurden. Er schrie auf.

"Jetzt ist er reif für dich, Ptygia, aber sieh zu, dass du nicht so lange wartest, bis er sich wieder aufrappelt."

"Ich reiß ihm den Kopf ab!", grollte Ptygia düster. Sie stürzte sich auf ihn, stieß dabei einen barbarischen Kampfschrei aus.

Chase fühlte sich elend.

Ptygia stürmte auf ihn zu.

Ein einziger Tritt ihrer gewaltigen Füße hätte Chase buchstäblich zerquetschen können. An Körperkraft war sie ihm bei weitem überlegen.

Chase blickte in ihr weit aufgerissenes Maul. Ihr Tritt verfehlte Chase.

Der Vampir setzte all seine Kraft in eine stoßartige Bewegung mit seinem Hiebmesser.

Er erwischte Ptygia am Bauch, stieß die Klinge bis zum Heft hinein. Schreiend taumelte sie zurück, stolperte. Eine undefinierbare Flüssigkeit quoll aus der Wunde heraus.

Vermutlich ihr Blut.

Chase erhob sich.

Erstaunen war in Gabriels Gesicht zu lesen.

Und Furcht.

Denn was die Kampfkraft anging, war er Chase unterlegen.

Chase verzog das Gesicht zu einem zynischen Lächeln.

"Wie wär's, wenn jetzt ich dir den Kopf abreiße!", knurrte er.

Ptygia kreischte.

Und dabei entmaterialisierte sie.

Auch Gabriels Gestalt wurde jetzt durchscheinend. Sein Gesicht mutierte zur eisigen Maske. "Wir werden uns wieder sehen, Chase Blood. Und eines Tages wirst du darum winseln, mein Laufbursche sein zu dürfen!"

"Wohl kaum!" erwiderte Chase.

Aber es war ihm nicht ganz klar, ob Gabriel diese Erwiderung überhaupt noch gehört hatte. Von einem Augenblick zum anderen war er verschwunden. Und mit ihm auch das Licht, das Gabriel auf magische Weise erzeugt hatte.

Die Taschenlampe, die an Chase' Lederjacke hing, hatte die Kämpfe nicht überlebt, die hinter ihm lagen. Und so senkte sich nun vollkommene Dunkelheit über ihn.

"Scheiße", sagte Chase.

Selbst für einen Vampir war dies kein Ort, um den Tag zu verbringen.

Er musste zusehen, dass er tastend einen Weg zurück an die Oberfläche fand, bevor die ersten Strahlen der Sonne sich zwischen den Wolkenkratzern New Yorks hindurch stahlen.

*

"Die Gefahr ist also fürs erste vorüber", stellte Franz, Fürst von Radvanyi fest, nachdem Chase ihm in der nächsten Nacht berichtet hatte.

„Ja, Herr", nickte Chase. "Zumindest die Gefahr durch den Rattengott. Was Gabriel betrifft, so werden wir weiter mit ihm zu rechnen haben."

"Ja, das fürchte ich auch. Auf der anderen Seite ist nicht gesagt, dass dort unten in den Subway-Katakomben von New York nicht ein neuer Rattengott entstehen könnte." Der Fürst ballte die Hand zur Faust. Sein gepudertes Gesicht wirkte sehr konzentriert. "Über die Entstehung dieser Kreatur habe ich nichts außer Legenden und haltlose Theorien gefunden."

"Aber Gabriel muss mehr wissen! Schließlich wusste er dieses Wesen zu lenken!"

"Ja, das denke ich auch."

Der Fürst wandte den Kopf und sah Chase an.

"Ich bin zufrieden mit dir, Chase. Du hast jetzt die Erlaubnis, dich zurückzuziehen."

"Danke, Herr."

xxxx ENDE