2.Buch
Blutige Tränen
Die New Vanguard Bar war eine exquisite Adresse in der 5th Avenue. Das Ambiente war ganz im Stil der Fünfziger gehalten.
Signierte Portraits von Jazz-Größen wie Charlie Parker und Miles Davis zierten die Wände. Petra Brunstein ließ den Blick durch die Bar schweifen. Ein verhaltenes Lächeln spielte um ihre Lippen. Das seidene Kleid passte sich nahezu perfekt an den grazilen Körper der schönen Vampirin an.
"Kommen Sie!", sagte der grauhaarige Mann an ihrer Seite.
Sein Blick wirkte eigenartig starr. Homer F. Jespers war einer der wichtigsten Galeristen und Kunstexperten von New York City. Seinem Einfluss in der Art-Scene verdankte Petra Brunstein unter anderem ihren Ruf als bedeutende Künstlerin.
Bereitwillig ließ sie sich von Jespers zu einem der Separees führen. Der Mann, der dort vor seinem Drink saß, hatte langes, bis über die Schultern reichendes Haar, das zu einem Zopf zusammengefasst war. Er trug einen edlen, doppelreihigen Nadelstreifenanzug.
"Jean-Aristide! Mon amour!", stieß Petra hervor.
"Petra! Ich habe dir versprochen, dass ich zurückkehren werde!", erwiderte Comte Jean-Aristide Leroque.
"Ja", murmelte sie. "Am Tag von Radvanyis Ende!"
"Möge der Staub dieser dreihundertjährigen Mumie in alle Winde verstreut werden..."
*
Leroque erhob sich, um Petra den Stuhl zurechtzurücken. Der über zweihundert Jahre alte Vampir, der seit den Wirren der französischen Revolution zum Volk der Nacht gehörte, lächelte mild.
"Setz dich, Petra. Wir haben viel zu besprechen."
Homer F. Jespers beachtete der aus altem französischem Kleinadel stammende Graf überhaupt nicht.
Petra wandte den Kopf in Richtung des Galeristen.
"Geh!!", forderte sie.
Jespers erwiderte ihren Blick auf fast schon stumpfsinnige Weise. Es war keinerlei Glanz in seinen Augen. Im Augenblick war er wie so oft eine willenlose Marionette. Für Petra war es ein Leichtes, den Willen eines Sterblichen zu brechen.
Aber im Moment schien das irgendwie nicht zu funktionieren.
Jespers reagierte nicht auf ihren Befehl.
Und plötzlich spürte sie den inneren Widerstand, der ihr entgegenschlug. Eine Art mentale Mauer umgab das Bewusstsein des Galeristen. Das machte es ihr im Augenblick unmöglich, ihn so zu beeinflussen, wie sie es sonst mit großer Selbstverständlichkeit zu tun pflegte.
Petra begriff plötzlich.
Jean hat ihn in seiner Gewalt!, ging es ihr durch den Kopf.
Seine mentale Kraft war immer größer gewesen als ihre. Und das würde wohl auch in alle Ewigkeit so bleiben.
Leroque wandte sich an Jespers.
"Ihre Anwesenheit ist tatsächlich nicht mehr vonnöten, Monsieur Jespers", erklärte er. "Sie können jetzt wirklich gehen!!" Die Aura purer Macht schwang in Leroques Stimme mit.
Ein angenehmer Schauer überlief Petra bei ihrem Klang.
Jespers nickte leicht.
Sein Gesicht behielt den stumpfsinnigen Ausdruck.
"Ja, Herr", murmelte er, drehte sich auf dem Absatz um und verließ das Separee.
"Er wird sich an nichts erinnern, Petra. Sei unbesorgt."
"Ich mache mir keine Sorgen, Jean. Du wirst schon an alles gedacht haben, so wie ich dich kenne."
"Selbst auf der Folter würde Jespers nicht einen Ton verraten", fuhr Leroque fort. "Er könnte es gar nicht..."
"Du warst schon immer ein Meister der Konditionierung, Jean."
"Mon amour, dieses Wort mag ich gar nicht. Es entstammt einer unromantischen Zeit...."
Petra hob die Augenbrauen, während sie sich setzte.
"So, wie würdest du so etwas denn bezeichnen?"
"Bien, parlons de... Überredungskunst! Drückt es das nicht auch aus, Petra?"
"Ein Meister des Wortes - wie immer!", hauchte Petra.
Innerlich bewunderte sie Leroque.
Nach wie vor stellte es für ihn ein erhebliches Risiko dar, den Boden der Stadt New York zu betreten. Aber an Mut hatte es dem Grafen nie gemangelt.
Leroque nahm Petras Hand.
"Petra, es wird sich viel ändern in New York... Die Tage von Radvanyis Herrschaft sind gezählt. Magnus von Björndal hat mich mit der Koordinierung des Angriffs auf Radvanyis Imperium beauftragt. Wir werden den Fürst zu dem machen, was er im Grunde seiner Seele schon seit hundert Jahren ist: einen Haufen übel riechenden Staub..." Leroques Augen glitzerten voller Leidenschaft. Petra wusste nicht so recht, ob diese Leidenschaft in erster Linie ihr oder seinem Plan galt. Aber darauf kam es auch gar nicht an.
"Ich bin so froh, dich wieder zu sehen, Chèri", hauchte sie.
Ein beinahe mildes Lächeln spielte um seine Mundwinkel herum.
"Eine große Zukunft liegt vor uns, Petra! Ich gehe doch davon aus, dass du auf meiner Seite sein wirst..."
Petra zögerte einen Augenblick.
Ehe sie etwas erwidern konnte, sagte Leroque: "Du hast Angst vor Radvanyi, nicht wahr?"
"Er ist der mit Abstand mächtigste Vampir, den ich kenne."
"Seine Zeit ist um, Petra."
"Ja...", hauchte sie.
Das Selbstbewusstsein, das Leroque an den Tag legte, faszinierte sie. Schon damals, als sie ihm zum ersten Mal begegnet war, hatte sie gewusst, es mit jemand ganz besonderem zu tun zu haben...
"Als erstes werden meine Getreuen dafür sorgen, dass dieser dahergelaufene Prolet von der Bildfläche verschwindet, den unser seniler Fürst in seiner sichtlich nachlassenden Weisheit zu seinem Stellvertreter machte..."
"Chase!", stieß Petra hervor.
"Ich nehme nicht an, dass du ihm eine Träne nachweinen wirst, Petra."
"Höchstens Freudentränen, Jean."
*
Zur gleichen Zeit: Irgendwo in der South Bronx...
Chase bremste mit seiner Harley. Die Reifen quietschten etwas. Er ließ noch mal den Motor gehörig aufbrüllen und sah sich um. Eine verlassene Straße lag vor ihm. Neben umgestürzten Mülleimern standen vor sich hinrostende Autowracks. Wer hier seinen Wagen länger als zehn Minuten abstellte, musste befürchten, ihn bei der Rückkehr ausgeschlachtet vorzufinden.
Dem konnte man nur entgehen, wenn man einen guten Draht zu den MEAN DEVVILS hatte, der vorherrschenden Gang in diesem Gebiet.
MEAN DEVVILS mit Doppel-V in der Mitte.
Wenigstens das ist cool an der Truppe!, dachte Chase.
"Heh, ihr Wichser, wo seid ihr?", rief Chase und betätigte die Hupe seiner Harley.
Als er die schattenhaften Gestalten zwischen den Häusern hervorkommen sah, drehte er den Motor ab und stieg vom Bock.
Er stellte sich breitbeinig neben seiner Maschine auf. Was das Outfit anging, so passte Chase ziemlich gut zu den Gang-Typen, die jetzt vom Licht einer der wenigen noch funktionierenden Straßenlaternen angeleuchtet wurden.
Lederjacke, Nietenhandschuhe und Jeans - das trugen auch sie.
Die Kerle waren gut bewaffnet.
Chase sah ein paar Pump Action-Gewehre, Uzi-MPis und automatische Pistolen. Dazu natürlich jede Menge Totschläger, Wurfsterne und Schlagringe.
Der Typ, der seinem Gehabe nach der Anführer war, trug ein rotes Piratentuch und spielte mit einem Springmesser herum.
Immer wieder ließ er die Klinge herausschnellen und wieder einschnappen.
Sein Name war Kelly Gonzalez. Er und seine MEAN DEVVILS
beherrschten den Crack-Handel in der Gegend. Außerdem stand eine Reihe von weiteren Gangs unter Gonzalez' Einfluss.
"Was willst du von uns, Chase? Warum dieser plötzlich anberaumte Termin an diesem ungastlichen Ort?"
Chase hob die Augenbrauen. "Dass es hier so Scheiße aussieht, liegt ja wohl an euch. Ihr könntet wirklich ein bisschen mehr aus eurem Viertel machen..."
"Hey Mann, Chase Blood! Hombre, was ist los mit dir? Bist du jetzt unter die Spießer gegangen oder was soll ich davon halten?" Kelly Gonzales spuckte aus und begann damit, sich mit der Spitze des Springmessers die Fingernägel zu maniküren. Er grinste. "Man könnte fast denken, du wärst schon ein alter Sack von über vierzig oder so was..."
Der will wohl wissen, wie weit er gehen kann, dachte Chase.
Na gut, das kann er haben! Ein paar schwache Sterbliche vermöbeln, fordert zwar nicht gerade meinen sportlichen Ehrgeiz heraus, aber man kommt nicht aus der Übung!
Aber vorher brauchte Chase noch ein paar Auskünfte von Gonzales.
"Hört mal, Jungs, ihr wolltet euch doch melden, wenn dieser Franzose aus Philadelphia wieder auftauchen sollte!", sagte Chase.
Er bemerkte, wie die Gang-Typen einen Halbkreis um ihn herum zu bilden begannen. Insgesamt ein Dutzend Mann.
Scheiße, ohne einige Bleikugeln im Leib werde ich aus der Sache wohl nicht rauskommen, dachte er. Die kleinkalibrigen Geschosse der Uzis waren nicht so schlimm. Nicht mehr als Nadelstiche, wenn auch sehr unangenehm.
Übler waren schon die großkalibrigen Pump Action-Gewehre, die die MEAN DEVVILS wohl bei den Cops erbeutet hatten.
Auf ein Loch im Bauch hatte Chase nun wirklich keinen Bock.
Er trat auf den Gang-Leader zu, war nur noch etwa einen Meter von ihm entfernt.
"Na los, spuck schon aus, was euch der Franzose erzählt hat! Ich weiß nämlich aus sicherer Quelle, dass er hier war.
Und eigentlich hattet ihr mir versprochen, mich sofort zu verständigen..."
"Hombre! Que va! Immer cool bleiben, ja? Wir sind nicht deine Angestellten, comprendido?"
"Ach, nein?"
"Wenn du es genau wissen willst: Der Lackaffe hat uns ein Angebot gemacht, das bedeutend besser ist, als das, was du uns bisher bieten konntest, Blood!"
"Und da denkt ihr Idioten, ihr könnt einfach so die Seiten wechseln und euch unsere Abmachungen..."
"...sonst wo hinschieben!", vollendete Gonzalez Chases Satz. "Si, hombre! Genau so haben wir uns das gedacht!"
Jetzt mischte sich plötzlich einer der anderen MEAN DEVVILS
in das Gespräch ein.
Chase sah aus den Augenwinkeln heraus, dass der Typ sich seiner Harley genähert hatte und jetzt an den Armaturen herumfingerte.
"Geiles Teil!", meinte er.
Chase riss seine Schrotpistole hervor.
Ungefähr drei Meter stand der Typ an der Harley von ihm entfernt. Also eine ideale Distanz. Chase feuerte. Als der Kerl zu Boden ging, hatte er kein Gesicht mehr.
Gonzalez' Messerklinge zuckte hervor.
Chase riss den Lauf der Schrotpistole herum.
Er richtete ihn auf den Hals seines Gegenübers.
Gonzalez erstarrte.
Seine Leute luden ihre Waffen durch. Es herrschte ein angespanntes Patt.
"Verzieht euch!", rief Chase. "Ich würde gerne mal ein paar Takte mit eurem Anführer unter vier Augen reden."
"Der Kerl spinnt!", rief eines der Gang-Mitglieder mit einem fassungslosen Blick auf seinen toten Kumpanen neben der Harley. "Er hat Tonto einfach über den Haufen geschossen!"
"Das könnt ihr alle haben", sagte Chase.
"Dieser Mistkerl leidet wohl etwas unter Selbstüberschätzung!", mischte sich einer der anderen ein.
Er zog eine Automatik mit aufgesetzter Laserzielerfassung unter der Lederjacke hervor.
"Los, pfeif deine Leute zurück, Gonzales!"
"Leck mich doch!", knurrte dieser. Er schlug Chases Hand mit aller Kraft zur Seite, holte zu einem mörderischen Stoß mit dem Springmesser aus. Chases Schrotpistole ging los. Die Ladung schoss ins Leere.
Aber das Messer erwischte Chase am Bauch.
Die halbe Klinge stieß Gonzalez Chase in den Körper hinein.
Dann traf den Gang-Anführer ein hammerharter Schlag, den Chase mit der Schrotpistole ausführte.
Der Lauf traf den Kopf des Anführers.
Gonzalez konnte nicht einmal mehr schreien, so schnell ging das. Er sackte zu Boden, blieb reglos und in eigenartig verrenkter Haltung liegen.
"Mann, tut das weh!", rief Chase ärgerlich. "Mein Bauch!"
Gonzalez hielt das Messer noch immer umklammert. Während er fiel, hatte er es festgehalten und so aus Chases Bauch herausgerissen. Das hatte die Sache nur noch schlimmer gemacht.
Chases T-Shirt verfärbte sich rot.
Der Vampir presste eine Hand gegen seinen Leib.
Rot rann es ihm zwischen den Fingern hindurch.
Zu spät sah Chase den Laserpunkt durch die Luft tanzen. Ein Projektil erwischte ihn eine Handbreit unterhalb des Halses.
Ein Ruck ging durch seinen Körper, als die Kugel ihm zwischen den Rippen hindurchfetzte.
"Ah!"
Chase schrie auf, halb vor Wut, halb vor Schmerz.
Die Augen der Gang-Leute waren auf ihn gerichtet. Sie warteten darauf, dass er zu Boden ging und verblutete. Chase konzentrierte derweil seine gesamte Willenskraft darauf, die Wunden zumindest notdürftig zu schließen. Leroque, dieser Hund... Er versuchte sich im Auftrag des Vampirherrn von Philadelphia hier breit zu machen und Einfluss auf die örtlichen Crack-Gangs und verschiedene Syndikatsbosse zu gewinnen.
Sie alle waren dem Fürst bisher treu ergeben gewesen.
Aber Leroque, der Renegat, der vor drei Jahren zum schlimmsten Feind des Fürsten übergelaufen war, hatte seine besonderen Methoden der Überredungskunst.
Ein kurzer Blick von ihm in die Augen eines Sterblichen reichte, um dessen Willen vollkommen zu brechen. Vielleicht glaubte dieser sterbliche Gauner dann, dass er sich des Geldes wegen auf die Seite des Grafen schlug. Aber damit hatte das in der Regel nur in zweiter Linie etwas zu tun.
"Verdammter Mist, was ist denn mit dem da?", rief einer der Kerle.
Er ließ seine Uzi losknattern.
Chase bekam ein paar der kleinkalibrigen Projektile ab.
Allein auf Grund der großen Anzahl an Treffern wäre diese Garbe für jeden Sterblichen tödlich gewesen. Schrot hatte eine ähnliche Wirkung. Viele gleichzeitige Treffer verursachten einen Schock, der augenblicklich zum Herzstillstand führte.
Aber Chases Herz schlug schon seit über zwanzig Jahren nicht mehr.
Chase ließ die Schrotpistole fallen, riss stattdessen sein Gurka-Hiebmesser hervor.
Die Gang-Leute starrten ihn einige Augenblicke lang völlig fassungslos an.
Chase nutzte ihre Verwirrung gnadenlos aus. Keiner dieser Gang-Mitglieder wusste von der Existenz des Vampirvolks.
Alles, was ihnen bekannt gewesen war, hatte mit der Tatsache zu tun, dass Chase im Auftrag eines sehr mächtigen Mannes tätig war, der im Big Apple die Unterwelt und noch einiges andere beherrschte.
Chase schnellte vor. Eine weitere Kugel streifte ihn an der Schulter.
Dann hatte er den Ersten der Männer erreichte.
Er bog ihm den Waffenarm mit der Uzi zur Seite. Die Waffe knatterte los, die Kugeln stanzten kleine Brocken aus dem Asphalt heraus.
Ein schneller Schnitt und das Blut spritzte nur so aus der Kehle des Sterblichen heraus.
Chase verzog angewidert das Gesicht.
So etwas würde ich nicht mal trinken, wenn du der letzte Sterbliche auf der Welt wärst, du Bastard!, durchzuckte es ihn.
Der Typ mit der Laserpointer-Pistole zielte auf Chase.
Blutrot tanzte der Laserstrahl durch die Nacht.
Der Schuss krachte, während Chase sich in der Vorwärtsbewegung befand. Das Projektil traf ihn am Kopf, streifte über seine Stirn und zog eine blutige Spur.
Chase schrie auf.
Ein wuchtiger Tritt ging in Richtung des Schützen.
Aber Chase war kein ausgebildeter Kampfsportler.
Nur ein Teil der ungeheueren, übermenschlichen Kraft, die Chase in diesen Tritt hineingelegt hatte, erwischte seinen Gegner auch. Aber diese Kraft reichte aus, um ihn so zu treffen, dass er nicht wieder aufstand.
Die Anderen wichen jetzt zurück.
"Scheiße, worauf haben wir uns da nur eingelassen!"
"Der muss 'ne Kevlaer-Weste oder so etwas tragen!"
"Ziel auf den Kopf, du Arsch!"
Ein Wurfstern zischte durch die Dunkelheit. Chase sah ihn im letzten Augenblick kommen, hob den Arm und lenkte die Waffe zur Seite.
Erneute Bleitreffer ließen Chase zucken, hielten ihn kurz auf. Aber er stürzte weiter vorwärts, um den Nächsten von Gonzales' Männern zu packen. Chase schlug ihm die Waffe aus der Hand, packte ihn dann und schleuderte ihn im hohen Bogen zur Seite. Die Wucht war derart immens, dass der Mann hart gegen die nächste Hauswand prallte. Aus Ohren und Mund blutend rutschte der Sterbliche an der Brownstone-Fassade hinunter und zog eine dunkelrote Spur hinter sich her. Dass sein Rückgrat gebrochen war, war wohl noch eines seiner kleineren Probleme, - mit starren Augen saß er da, wie ein Zuschauer des weiteren Geschehens.
"Na kommt schon, ihr Großkotze, habt ihr gar keinen Mumm mehr?", rief Chase.
"Mann, so was habe ich noch nie gesehen!", stieß einer der Typen fast ehrfürchtig hervor. Er stolperte davon, trat dabei scheppernd gegen eine der umgestoßenen Mülltonnen.
Er schrie, als eine große, graue und ziemlich fette Ratte aus dem Mülleimer heraus stob.
Chase bückte sich nach einer am Boden liegenden Waffe.
Es war eine Uzi.
Er legte sie an und feuerte.
Mehr als dreißig Schuss in der Sekunde konnte so ein Ding ausspucken. Chase drückte ab, ließ die Waffe immer wieder losknattern. Einen der Flüchtenden traf er. Die Anderen waren nach wenigen Augenblicken in der Dunkelheit zwischen den verfallenen Häusern verschwunden.
Chase Blood stand schließlich allein da. Cool, dachte er.
Mein persönliches High Noon habe ich für heute Nacht wohl hinter mir. Da kann ja nichts mehr schief gehen...
Chase hatte keine Lust, die Flüchtenden zu verfolgen, obwohl er sie auf Grund seiner Schnelligkeit mit großer Sicherheit eingeholt hätte.
Er hatte gezeigt, dass die Herrschaft seines Herrn noch keineswegs vor dem Ende stand.
Mochte Leroque ihnen mit Hilfe seiner hypnotischen Kräfte auch das Gegenteil eingetrichtert haben.
Chase ging zurück, hob seine Schrotpistole auf und schob frische Patronen in die beiden Läufe. Man musste immer auf der Hut sein.
Ein paar Kugeln zischten noch in Chases Richtung.
Eine ratschte an seiner Schulter entlang, riss ihm die Lederjacke auf. Die Wunde, die der Streifschuss verursachte, war nicht weiter schlimm. Innerhalb von Augenblicken schloss sie sich wieder. Nur mit der Lederjacke war das nicht so leicht. Petra wird wieder sagen, dass ich wie ein Penner herumlaufe!, dachte Chase leicht amüsiert.
Doch das Lächeln um seine Mundwinkel gefror.
Ein halbes Dutzend Fledermäuse tauchten plötzlich auf. Sie mussten zwischen den ruinenhaften Häusern gewartet haben.
Möglicherweise hatte einer der Gang-Mitglieder sie aufgescheucht.
In den verlassenen Häusern mit den zum Großteil zerstörten Fensterscheiben hatten diese Tiere ideale Nistplätze. Kein Wunder, dass es hier nur so von ihnen wimmelte.
Der Schlag ihrer Flügel drang durch das Rauschen, das vom nahen Expressway herrührte.
Eines der Tiere hob sich sehr deutlich gegen das Licht einer flackernden Straßenlaterne ab.
Die ungewöhnliche Größe war es, die Chase stutzig machte.
Er spannte den Hahn seiner Schrotpistole.
Die Fledermäuse landeten. Sie bildeten dabei einen Kreis um Chase herum. Noch bevor sie den Boden berührten, begannen sie sich zu verwandeln. Ihr Körpervolumen wuchs an. Aus ihren Flügeln wurden lange, bis zu den Knien reichende Ledermäntel.
Die nagetierähnlichen Gesichter wurden zu bleichen, mumienhaft wirkenden Antlitzen von Menschen.
Nur in ihren Gesichtszügen unterschieden sie sich. Ihr Outfit ließ sie sehr ähnlich erscheinen. Unter den Ledermänteln trugen sie blutrote T-Shirts und eng anliegende Lederhosen. Jeder von ihnen war mit einer monströsen, doppelschneidigen Streitaxt ausgerüstet, die er in einem Futteral aufbewahrte, das über den Rücken geschnallt war.
Am Gürtel hingen verschiedene Messer, Wurfsterne und Schleudern.
Einige von ihnen bleckten die Zähne wie Raubtiere, knurrten leise dabei. Das Vampirgebiss wurde dabei sichtbar. Ihren Gesichtern haftete dann kaum noch etwas Menschliches an.
Scheiße! Björndal-Vampire aus Philadelphia!, durchzuckte es Chase. Eigentlich habe ich ja nichts dagegen, mal wieder ein paar von denen abzumurksen, aber müssen es gleich so viele sein?
Leroque hatte also die Gang der MEAN DEVVILS nur benutzt, um ihm eine Falle zu stellen. Na schön, dachte Chase. Werde ich die Anzahl deiner Schergen eben etwas dezimieren!
Etwas Sorgen machte Chase nur die Tatsache, dass drei der Philadelphia-Vampire Mini-Armbrüste in der Hand trugen. Sie waren einhändig abzuschießen und mit Holzpflöcken anstatt von Stahlbolzen geladen. Die Durchschlagskraft war zwar längst nicht so hoch, wie bei größeren Standard-Modellen, reichte jedoch vollkommen aus, um das welke Fleisch eines Untoten zu durchbohren, Rippen zu zerschmettern und bis zum Herzen eines Vampirs vorzudringen...
Einen der drei Armbrustschützen kann ich sofort mit der Schrotpistole ausschalten, aber die beiden Anderen... Chase überlegte. Selbst wenn er sehr schnell war, konnte er höchstens noch einen Zweiten erwischen, bevor dann der Dritte ihm seinen Pflock ins Herz jagte.
Von den anderen ganz abgesehen, die nur darauf warteten, Chase mit ihren monströsen Äxten geradezu zerstückeln zu können.
Ein Schrei gellte durch die Nacht.
Er kam aus den Schatten zwischen den Häusern.
Offenbar war irgendetwas mit einem der MEAN DEVVILS
geschehen.
Eine Gestalt hob sich als dunkler Umriss ab, kam dann mit gemessenen Schritten näher. Es musste sich um einen Hünen handeln. Mindestens 2 Meter zwanzig, schätzte Chase.
Er hielt etwas in seiner Hand.
Jemanden...
Der Hüne trat ins Licht.
Er trug die grün gefleckte Hose eines GI-Kampfanzugs und ein ärmelloses T-Shirt. Am Gürtel hing ein Arsenal an verschiedenen Hieb- und Stichwaffen. Über der Schulter trug er eine Bazooka.
Der Hüne grinste.
Blut troff von seinen Vampirzähnen.
Blut, dass offenbar von dem Mann stammte, dessen erschlafften Körper er fast lässig mit der Linken trug. Seine gewaltige Pranke hatte sich um die Kehle des Mannes gelegt.
Ein MEAN DEVVIL, wie Chase gleich erkannte.
Der Riese ließ einen Schlürflaut hören, leckte sich das Blut von den Lippen. Dann nahm er den MEAN DEVVIL näher zu sich heran, schlug noch mal seine Zähne in den Hals seines Opfers, dessen Beine dabei wie bei einem Gehenkten hin und her baumelten.
Der Riese trank, schlürfte noch mal.
Dann warf er den MEAN DEVVIL weg wie eine geleerte Bierdose.
Der Körper des Gang-Mitgliedes schlug gegen eine Hauswand, rutschte daran zu Boden und zog dabei eine blutige Schmierspur hinter sich her.
Mit dem Unterarm wischte sich der Riese das Blut von den Lippen.
Er fixierte Chase mit seinem Blick.
"Das ist also der berühmte Chase Blood - der Stellvertreter des Fürsten!", tönte er und lachte heiser. "Ich wollte dich immer schon mal kennen lernen, Kleiner!"
"Ach, ja?", erwidere Chase skeptisch. Dabei behielt er vor allem die Kerle mit ihren Ein-Hand-Armbrüsten im Auge.
Zweifellos war der Riese der Boss dieser Gruppe.
Ein Zeichen von ihm und das Gemetzel ging los.
Chase hatte allerdings nicht die Absicht, dabei als Staubsauger-Futter zu enden.
"Wer bist du denn? Der Kampfhund des Grafen?", rief Chase.
"Ah, du möchtest wissen, wer dich vernichtet!" Der Riese lachte heiser, näherte sich. "Der Graf ist heute noch ziemlich sauer darüber, wie er damals aus New York fortgejagt wurde!"
"So weit ich mich erinnere, ist er aus freien Stücken verschwunden."
"Um seiner Vernichtung zuvorzukommen!"
"Der Fürst mag es nun mal nicht, wenn man ihn hintergeht.
Dürfte bei euch in Philadelphia doch wohl dasselbe sein!"
Der Riese nickte.
"Worauf warten wir noch, Butcher?", wandte sich jetzt einer der Fledermaus-Vampire an seinen Herrn und Meister. "Warum machen wir nicht kurzen Prozess mit dem Schweinehund?"
"Claro, Leute. Aber tut mir einen Gefallen: Lasst ihn ein bisschen leiden! Der Graf wünscht das so."
"Warum ist Leroque nicht selbst hier!", fragte Chase. "Ist er zu feige, um sich mir selbst zu stellen?"
Butcher, der Riese, lächelte dünn.
"Ich würde sagen, er ist aus privaten Gründen verhindert", meinte er dann. Sein Lächeln verwandelte sich dabei in ein dreckiges Grinsen.
Einige Augenblicke lang herrschte angespanntes Schweigen.
Butcher nahm die Bazooka von der Schulter und machte sie abschussbereit.
"Für alle Fälle, Chase!", knurrte er.
"Es rührt mich, wie viel Vertrauen du in deine Leute setzt!"
"Sicher ist sicher!", knurrte er. "Los, nietet ihn um!"
*
Chase duckte sich und feuerte dabei die Schrotpistole ab.
Einen der Ein-Hand-Armbrustschützen erwischte die volle Ladung, noch ehe er seine Waffe abdrücken konnte.
Die beiden anderen Armbrustschützen ließen ihre Pflockgeschosse beinahe im selben Moment loszischen.
Einer der Pflöcke sauste dicht an Chases Kopf vorbei, fuhr dann einem der anderen Fledermaus-Vampire in den Oberschenkel. Schreiend griff dieser sich ans Bein, umfasste den Pflock und verwandelte sich dabei teilweise zur Fledermaus zurück.
Der Pflock von der anderen Seite erwischte Chase an der Schulter, drang mehrere Zentimeter tief ein. Die Wucht, mit der dieses Geschoss ihn traf, sorgte dafür, dass Chase zu Boden ging.
Der Schmerz, denn der Pflock in seiner Schulter verursachte war höllisch.
Chase biss die Zähne zusammen, zog sich dann mit einer schnellen Bewegung den Pflock aus der Schulter.
Schon riss einer der Fledermaus-Vampire seine monströse Streitaxt aus dem Futteral und stürzte sich mit heiserem Schrei auf den Lippen in Chases Richtung.
Chase sah ihn über sich.
Die Axt sauste nieder.
Chase drehte sich herum, die messerscharfe Stahlklinge klirrte auf den Asphalt. Funken sprühten. Chase riss die Schrotpistole hoch und feuerte seinem Gegner die volle Ladung ins Gesicht. Der Fledermaus-Vampir schrie. Chase rappelte sich auf, war mit für ihn ungewohnter Schnelligkeit wieder auf den Beinen.
Einer der Armbrustschützen hatte nachgeladen, hob die Waffe.
Chase packte den vom Schrotschuss getroffenen Vampir und riss ihn herum, so dass dessen Körper eine Art Schutzschild bildete.
Der Pflock drang unterhalb des Schulterblatts ein.
Genau in Herzhöhe bohrte er sich in das untote Fleisch hinein. Blut spritzte.
Der Vampir wurde innerhalb von Sekundenbruchteilen zu einem fauligen Leichnam. Chase ließ ihn los, stieß ihn von sich.
Der Leichnam hatte noch nicht den Erdboden erreicht, da viel ihm schon der Kopf von den Schultern. Die Halswirbel zerbröselten als wären sie aus porösem Gips. Wahrscheinlich war er in ziemlich jungen Jahren zum Vampir gemacht worden und würde daher vielleicht sogar noch einige Minuten lang vor sich hin rotten, ehe er zu Staub geworden war.
Schon schwang der nächste Gegner seine Axt, ließ sie wie einen Propeller über dem Kopf kreisen und stürmte auf Chase zu.
Gleichzeitig griff ein zweiter von hinten an.
Chase riss sein Hiebmesser heraus, duckte sich dann unter dem Schlag seines Gegenübers weg.
Haarscharf sauste das Beil an seinem Kopf vorbei.
Geduckt stieß Chase mit dem Hiebmesser zu.
Die vorne gebogene Klinge des Gurka-Messers war keine Stichwaffe und so drang das Metall trotz der enormen Kraft, die Chase in diesen Stoß hineingelegt hatte, nur wenige Zentimeter in den Körper seines Gegners ein.
Der Philadelphia-Vampir schrie auf.
Chase versetzte ihm einen wuchtigen Tritt.
Sein Gegner taumelte zurück, wirbelte mit der Axt herum und hielt Chase so auf Distanz. Gleichzeitig presste er eine Hand gegen die Wunde an seinem Bauch.
Chase wollte nachsetzen, wurde aber von hinten attackiert.
Im letzten Moment sah er aus den Augenwinkeln heraus das nieder sausende Beil. Er wich zur Seite. Die Klinge verfehlte ihn ganz knapp, sauste auf den Asphalt. Chase ließ das Hiebmesser seitwärts durch die Luft sausen, trennte seinem Gegner den rechten Arm dabei ab. Zusammen mit der Axt fiel der abgetrennte Arm zu Boden. Ein übler Geruch verbreitete sich, als der Arm im Schnellgang verrottete und schließlich zu Staub wurde.
Schreiend wich der Philadelphia-Vampir zurück, starrte einige Sekundenlang auf seinen Armstumpf. Sein Vampir-Blut schoss nur so heraus.
"So eine Sauerei!", rief Chase. "Denk doch mal an die Umwelt! Meinst du, es wäre toll, wenn irgendein Straßenköter dein Blut vom Asphalt schleckt und zum Vampir wird?"
Chase bückte sich, hob die Axt seines Gegners auf.
Das Hiebmesser steckte er weg.
Ein weiterer Angreifer näherte sich, schleuderte einen Wurfstern. Chase duckte sich. Der Wurfstern pfiff über ihn hinweg. Dann riss er die Axt hoch, um den Angriff seines Gegners abzuwehren. Dieser wirbelte ebenfalls mit seiner Streitaxt herum.
Die beiden Klingen trafen mit ungeheurer Wucht aufeinander.
Funken sprühten.
Chase war etwas schneller, als er zum erneuten Hieb ausholte. Seine Axt trennte dem Gegner den Kopf vom Rumpf.
Wie eine Bowling-Kugel rollte der Kopf über den Asphalt, dem riesigen Butcher direkt vor die Füße.
Chase wirbelte herum, erledigte nun auch den Fledermaus-Vampir, dem er bereits den Arm abgeschlagen hatte endgültig.
Mit einem Axthieb zerteilte er ihn von oben bis unten. Die beiden Hälften stützten sich noch ein paar Sekunden lang, bis Chase mit einem weiteren Hieb auch ihm den Kopf herunterschlug.
"Cool, Schädel-Golf!", meinte er. "Da könnte ich mich dran gewöhnen!"
Butcher stieß einen grimmigen Knurrlaut aus.
"Geht!!" rief er. "Ihr Flaschen..."
Chase spürte, dass sein Gegner über hypnotische Kräfte verfügte. Ein mentaler Druck lastete auf seinem Bewusstsein.
Aber offensichtlich waren die Kräfte des Riesen bei weitem nicht stark genug, um Chases Willen wirklich brechen zu können.
Die Fledermaus-Vampire, die Chase bislang noch verschont hatte, nahmen kreischend ihre Tiergestalt an.
Einer schoss vorher noch schnell einen Pflock in Chases Richtung. Aber der war viel zu hastig gezielt.
Das Holzgeschoss ging daneben.
Chase wünschte sich in diesem Augenblick, seine geladene Schrotpistole in der Hand zu haben, um wenigstens noch eine der davonfliegenden, ziemlich fetten Fledermäuse erwischen zu können.
Doch jetzt hatte er es mit Butcher zu tun.
Der zielte mit seiner Bazooka auf Chase.
Feuerte.
Ein Hechtsprung zur Seite rettete Chase knapp vor der panzerbrechenden Explosivwaffe.
Chase kam sehr hart auf. Er rappelte sich auf. Zum Glück war eine Bazooka nicht so schnell nachzuladen.
Chase schleuderte Butcher die Axt entgegen, die er einem der Fledermaus-Vampire abgenommen hatte. Alle Kraft legte er in diesen Wurf hinein.
Und die reichte für gewöhnlich sogar aus, um einen Kleinwagen von einer halben Tonne zu heben.
Die doppelschneidige Axt wirbelte Butcher entgegen.
Der Riese war groß und stark, vermutlich Chase sogar an Kraft weit überlegen.
Aber er war auch ein wenig schwerfällig.
Ehe er reagieren konnte, hatte sich die Klinge der Axt in seine Brust gesenkt.
Leider rechts - und nicht dort, wo sich das Herz befand.
Blut spritzte.
Der riesenhafte Butcher wankte leicht. Chase blickte sich um, auf der Suche nach einer Waffe, mit der er Butcher den Rest geben konnte.
Sein vergleichsweise winziges Hiebmesser erschien ihm dazu nicht so recht geeignet zu sein.
Butcher stöhnte auf.
Ein gutes Zeichen, dachte Chase. Der braucht einige Zeit, um sich von diesem Schlag zu erholen.
Chase suchte seine Schrotpistole, fand sie schließlich auch auf dem Asphalt. Er griff in die Tasche seiner Lederjacke, holte zwei frische Patronen heraus, um sie nachzuladen.
"Damit blas ich dir den Kopf weg, du verfluchter Bastard!"!, knurrte er. "Glück für dich, dass mein Boss mir keine Order gegeben hat, dich lange leiden zu lassen..."
Butcher war nicht in der Lage zu antworten.
Er öffnete den Mund.
Blut rann ihm zwischen den langen Zähnen hindurch.
Diesmal allerdings war es sein eigenes.
Er griff zu dem langen Dolch, der ihm vom Gürtel hing, riss ihn hervor und schleuderte ihn in Chases Richtung.
Chase wehrte den Dolch mit dem Arm ab. Er ritzte sich dabei die Hand.
"Hey, du Arsch, das tut weh!"
Chase trat auf den wie erstarrt dastehenden Butcher zu, zielte mit der Schrotpistole auf dessen Kopf.
Butcher schloss die Augen.
Er schien sich zu konzentrieren.
Aber all seine geballte Willenskraft würde nicht ausreichen, um die schwere Wunde, die er davongetragen hatte, im Handumdrehen wieder zu heilen.
Allerdings hatte er das auch gar nicht vor, wie Chase einen Augenblick später bemerkte.
Chase drückte seine Schrotpistole ab.
Aber kurz zuvor begann Butcher zu schweben. Innerhalb von Sekundenbruchteilen schleuderte er durch die Luft, entfernte sich mehrere Meter weit. Die Schrotladung traf ihn zwar noch, war aber nicht mehr in der Lage, ihm den ganzen Kopf wegzureißen. Immer höher schwebte Butcher, hatte schon nach wenigen Augenblicken die Dachgeschosshöhe eines dreistöckigen Hauses erreicht.
Ein heiseres Lachen kam über die blutigen Lippen des Philadelphia-Vampirs.
Chase war sich nicht sicher, ob er dieses Lachen wirklich hörte, oder nur dessen telepathisches Echo wahrnahm.
Im Mondlicht sah Chase, wie Butcher sich die Axt aus der Brust riss, sie von sich schleuderte.
Wenig später sank er wieder tiefer und war hinter den Hausdächern der verfallenden Brownstone-Gebäude verschwunden.
Die Schatten der Nacht hatten ihn verschluckt.
"Dich kriege ich auch noch!", meinte Chase.
Allerdings war die Chance, Butcher in dieser Nacht noch aufzuspüren, ziemlich gering.
Aber Chase war sich sicher, dass Butcher früher oder später wieder die Konfrontation mit ihm suchen würde.
Die Nummer zwei der New Yorker Vampire drehte sich herum und ging zu seiner Harley. Wenigstens die hatte bei dem Kampf nichts abbekommen. Immer das Positive sehen!, dachte er, während er sich auf den Bock schwang und die Maschine startete.
"Geh du nur zurück zu deinem Auftraggeber, Butcher!", zischte er zwischen den Lippen hindurch. "Der wird einem Versager wie dir schon was husten!"
*
Franz Fürst von Radvanyi ging unruhig in seinem Büro auf und ab. Dann blieb er stehen, wandte sich in Richtung der Fensterfront und sah hinaus auf den nächtlichen Big Apple.
Vom 85. Stock des Empire State Building hatte man einen hervorragenden Blick über das unendlich erscheinende Lichtermeer jener Stadt, die angeblich nicht schlief.
"Das sind keine guten Neuigkeiten, Chase", sagte Radvanyi.
Sein bleiches Gesicht wirkte angespannt. Eine Strähne des graudurchwirkten, bis auf die Schultern herabhängenden Haarschopfs fiel ihm ins Gesicht. Er strich sie mit einer fahrigen Geste weg.
"In Philadelphia ist irgendetwas ausgeheckt worden - und wenn Leroque persönlich nach New York kommt, dann geht es nicht um irgendein kleines Geplänkel! Der versucht gezielt, Teile der Unterwelt gegen Sie aufzubringen, Herr!"
Außer dem Fürst und seinem Stellvertreter war noch jemand im Raum. Eine elegante Vampirin im stilvollen Samtkleid. Das schwarze Haar fiel ihr offen bis weit über die Schultern. Das feingeschnittene Gesicht war von aparter Schönheit. Äußerlich bot sie das Bild einer Frau, die nicht viel älter als Mitte zwanzig sein konnte. In Wahrheit war sie im Jahr 1926 geboren worden.
"Du bist so schweigsam, Petra!", wandte sich Fürst von Radvanyi jetzt an seine diplomatische Beraterin. "Ganz gegen deine sonstige Gewohnheit, wenn mir diese Bemerkung erlaubt sei!"
"Ich denke, Sie täuschen sich, Herr..."
Die Blicke der beiden trafen sich.
Petra musste schlucken.
"Chase hat seine Meinung geäußert. Ich wäre aber auch sehr an deiner Sicht der Dinge interessiert, Petra!", wisperte der Fürst.
Petras Lächeln wirkte gezwungen.
"Wenn Sie an meiner Loyalität zweifeln, weil mich einst eine besondere Beziehung zu Comte Leroque verband, so..."
Der Fürst hob die Hand.
Petra schwieg.
Ein fast mildes Lächeln erschien jetzt in Radvanyis Gesicht.
"Eine besondere Beziehung?", echote er. "Das trifft ebenso sehr auf mich zu. Schließlich war Leroque mal mein Stellvertreter. Ich habe ihm - in gewissen Grenzen natürlich!
- vertraut. Aber wie würde unser ehemaliger Freund Leroque das ausdrücken? C'est la vie, n'est-ce pas?"
"Sie haben recht, Herr!" Petra verschränkte die Arme vor der Brust, zögerte etwas ehe sie fort fuhr. "Sie haben mich nach meiner Meinung gefragt. Also gut! Es tut mir Leid, aber ich muss Chase widersprechen..."
"Hast du schon mal je etwas anderes getan?", konnte sich Chase eine bissige Bemerkung nicht verkneifen.
Ihm hatte noch eines mehr auf der Zunge gelegen.
Eine winzige Handbewegung des Fürsten ließ ihn jedoch verstummen.
Petra hob den Blick.
"Man kann über Graf Leroque sagen, was man will, aber dumm ist er nicht! Und darum wird er sich kaum hier in New York blicken lassen. Er weiß doch genau, was ihm dann blüht!"
"Er ist gesehen worden, Petra!", warf Chase ein.
"Von Sterblichen mit schwachem Geist! Wer weiß schon, was diese Leute wirklich gesehen haben, Chase! Wenn jemand wie ich einem dieser Gangster in die Augen blicken würde, dann würde der hinterher auch Stein und Bein schwören, einen Doppelgänger von dir gesehen zu haben!"
"Das ist doch Scheiße, was du da redest!"
"Ich bin um meine Meinung gefragt worden, werter Stellvertreter unseres Herrn!"
"Still!!", forderte der Fürst. Er wandte sich an Petra.
"Ich danke dir für deine Offenheit. Wir haben alles besprochen. Geh jetzt. Ich habe noch ein paar Dinge mit Chase zu sprechen..."
Petra nickte demütig, verneigte sich leicht.
"Ja, Herr."
Sie entfernte sich, warf Chase dabei noch einen kurzen Blick zu, ohne jedoch noch irgendein Wort zu sagen.
Fürst von Radvanyi wartete, bis sie den Raum verlassen hatte.
"Wir werden mit eisernem Besen kehren müssen, Chase."
"Ja, Herr."
"Magnus von Björndal scheint große Pläne zu haben. Darauf lassen auch Meldungen schließen, die ich von unseren Spionen im Umkreis meines Konkurrenten erhielt. Vieles davon ist widersprüchlich, aber wir werden auf der Hut sein müssen. Und was Leroques Anwesenheit in New York..."
"Er muss hier gewesen sein!", sagte Chase.
"Das glaube ich auch Chase. Vermutlich hat Magnus von Björndal ihn mit der Koordinierung des Angriffs betraut." Der Fürst drehte sich herum, wandte sich einem der zahlreichen Computerterminals zu, über die der 300jährige sein Imperium aus dem Hintergrund heraus regierte. Seine dürren Finger glitten über die Tastatur. Ein Drucker begann damit, etwas auszudrucken. "Die Polizei hat die Leiche von Victor Gramov aus dem East River gefischt. Er war für uns ein wichtiger Mann in der ukrainischen Müll-Mafia von Brooklyn. Der Bericht des Coroners liegt mir auch vor. Danach hat er ein Bissmal am Hals. Die Leiche enthielt keinen Tropfen Blut..."
"Ich verstehe."
"Kümmere dich drum, Chase. Die Ukrainer dürfen uns nicht von der Fahne gehen."
"Ja, Herr."
"Geh jetzt. Es ist bald Sonnenaufgang."
"Ja, Herr."
Chase entfernte sich. Nach ein paar Schritten blieb er stehen, drehte sich noch einmal zum Fürst herum.
"Du hast noch eine Frage, Chase?"
"Sie sprachen von einer besonderen Beziehung zwischen Leroque und Petra. Was meinten Sie damit?"
Der Fürst hob die Augenbrauen. Sein Gesichtsausdruck wirkte beinahe amüsiert.
"Frag sie doch selbst, Chase!"
Lieber nicht!, dachte Chase. Im Moment gibt's schon Stress genug.
Und was giftige Rhetorik anging, war Petra ihm nun einmal überlegen, da biss keine Fledermaus einen Faden ab.
*
Zwei Nächte später...
"Der New Bop Club in Harlem", sagte der schwarze Cab Driver sinnend. "Das war mal 'ne verdammt gute Adresse, als da noch Leute wie Miles Davis oder Charlie Parker aufgetreten sind!"
Petra Brunstein saß auf der Rückbank.
Sie trug ein elegantes Kleid. Wie stets herrschte die Farbe schwarz vor. Dezenter Schmuck glitzerte an ihr.
"Ich bin lange nicht dort gewesen - im New Bop Club, meine ich", murmelte Petra. Sie blickte dabei nachdenklich aus dem Seitenfenster.
"Ist alles nur noch ein Abklatsch", war der Cab Driver überzeugt. "Die beste Zeit war in den Fünfzigern..."
"So?"
"Ein paar alte Säcke, die genauso ins Museum gehören wie die Jazz-Standards, die sie spielen, trauern hier den alten Zeiten nach. Aber wirklich hip sind die Clubs in Harlem schon lange nicht mehr."
"Na, Sie müssen es ja wissen..."
"Klar! Ich war zwei Jahre Türsteher im New Bop Club, damals in der großen Zeit. Ich hab sie alle kennen gelernt, die großen Jazzer! Ich habe Sonny Rollins Nähmaschinenöl besorgt, weil eine Klappe seines Saxophons kurz vor dem Auftritt nicht funktionierte. Und ich war dabei, wie John Coltrane sich zwischen zwei Nummern eine Spritze setzte..."
"Als ich ihn kennen lernte war er noch nicht süchtig", murmelte Petra vor sich hin.
Der Cab Driver runzelte die Stirn.
"Ma'am, Sie wollen mich wohl auf den Arm nehmen! Coltrane starb Jahre bevor Sie geboren wurden!"
Er hielt den Wagen am Straßenrand an, drehte sich um.
"Schweig!!", murmelte Petra, während der Blick ihrer dunklen Augen den Cab Driver förmlich zu durchbohren schien.
Der Cab Driver bekam glasige Augen.
"Was...wollte ich ...noch mal...?"
"Schulde ich Ihnen noch was, Sir?"
"Nein. Ich glaube nicht."
"Vergessen Sie mich!!"
"Ja..."
Er lallte seine Antwort dahin, fast wie ein Betrunkener.
Petra stieg aus. Einen Augenblick lang hatte sie überlegt, den Schwarzen als abendlichen Imbiss zu nehmen. Aber erstens war ihr sein Blut doch schon ein paar Jahrzehnte zu alt, um noch wirklich ein Hochgenuss zu sein und zweitens fürchtete sie, sich ihr Outfit zu beplempern.
Und in dieser Nacht wollte sie unbedingt gut aussehen.
Sie schlenderte auf den Eingang des New Bop Club zu.
Der Türsteher ließ sie ohne Aufhebens ein.
Ein Blick in Petras Augen hätte im Übrigen auch jeglichen Widerstand beendet.
Raue Saxophon-Töne drangen aus dem Inneren des Clubs an ihr Ohr. Erinnerte sie vom Aproach her an Coltrane. Die gleichen Licks und Lions, die gleichen Läufe. Nachgemacht, dachte Petra. Ein später Nachfolger, der Coltrane wahrscheinlich nur von CD-Aufnahmen her kannte. Noch nicht einmal durch die Original-SCHALLPLATTEN.
Aber wenigstens die Atmosphäre ist dieselbe wie damals!, dachte sie, während sie das Innere des Clubs betrat.
Rauchschwaden hingen in der Luft.
Wahrscheinlich ist dies einer der wenigen öffentlichen Orte in New York, an denen man rauchen kann, ohne das einem gleich mit juristischen Schritten gedroht wird!, ging es Petra durch den Kopf.
Der Saxophonist mühte sich mit seinem Solo redlich ab.
Seine Band begleitete ihn dezent.
Petra ließ suchend den Blick schweifen und fand schließlich, wonach sie suchte.
"Jean!", flüsterte sie.
KOMM HER!, echote es in ihrem Kopf. Früher hatte hin und wieder eine ganz leichte telepathische Verbindung zwischen ihr und dem Grafen bestanden. Seit er nach Philadelphia übergesiedelt war, war sie abgerissen.
"Ja!", flüsterte sie.
Leroque hatte an einem der hinteren Tische platzgenommen.
Er erhob sich, als Petra ihn erreichte. Der Graf musterte sie bewundernd.
"Du trägst das Kleid von damals!", murmelte er.
"Ja, ich habe es die ganze Zeit aufbewahrt. Und wie du siehst, hat sich meine Kleidergröße nie geändert..."
"Ein weiterer Vorteil, den Vampire Sterblichen gegenüber haben, n'est-ce pas?"
"Oui, mon amour...", hauchte Petra.
Comte Jean-Aristide Leroque nahm vorsichtig Petras Hände, umfasste dann ihre Taille. Eine ganz besondere Aura umgab ihn. Petra war so fasziniert wie am ersten Tag... Hätte ich noch ein schlagendes Herz, der Puls würde vermutlich rasen!, ging es ihr durch den Kopf.
WIR SIND FÜREINANDER BESTIMMT, PETRA!, hörte sie die Stimme seines Geistes in ihrem Kopf. Sie hallte vielfach wieder. Er lächelte.
Unsere Verbindung ist stärker, als sie es je war!, überlegte sie.
JA, SO IST ES!, antwortete Leroque. Seine telepathischen Fähigkeiten waren stets nur sehr schwach gewesen. Und so hatte er nur selten mit ihr GESPROCHEN, ohne dabei den Mund zu bewegen. Dennoch hatte es ihr immer sehr imponiert. Es unterstrich eine besondere Art der Verbundenheit, wie Sterbliche sie wohl nicht zu fühlen im Stande waren.
Aber in diesem Augenblick erschrak Petra bis ins Mark.
Er hat meine Gedanken GELESEN!, ging es ihr durch den Kopf.
Das hatte er früher nie getan. Jedenfalls nicht, soweit sie davon wusste.
"Verzeih mir, ich wollte dich keineswegs erschrecken", sagte er.
"Ich..." Petra öffnete den Mund, wollte etwas erwidern, aber in ihrem Kopf war kein einziger klarer Gedanke. Nur Bilder, Gefühle und...
...Verwirrung.
Vielleicht hat er es immer getan, all die Jahre lang und du hast es nicht bemerkt!, überlegte sie. Jeden deiner Gedanken gelesen, ohne, dass du es auch nur geahnt hättest...
"Nein, das habe ich nicht", erwiderte er. Ein beinahe mildes Lächeln spielte um seinen schmallippigen Mund. "Um ehrlich zu sein, bin ich nur sehr selten dazu in der Lage.
Woran es liegt, weiß ich nicht. Aber ich habe das Gefühl, dass meine Fähigkeiten in dieser Hinsicht wachsen... Meine Kraft nimmt zu, Petra. Ein wunderbares Gefühl." Er nahm sie in den Arm, sie schmiegte sich an ihn. "Lass uns tanzen", sagte er.
"Gerne."
Die Musik war langsamer geworden.
Ein Trompeter, der sehr viel Miles Davis und Chet Baker gehört haben musste, spielte mit aufgesetztem Dämpfer. Kühle, glasklare Töne ohne Vibrato, die aus dem Nichts zu kommen schienen.
Petra erkannte die Melodie schon nach den ersten Takten.
'Someday my prince will come...'
*
Vergangenheit: New Bop Club, Harlem, Mitte 1951
"Hey, das sind ja alles Neger!"
"Reiß dich ein bisschen zusammen! Du bist hier nicht in Alabama, Robbie!", tadelte Petra den jungen, etwas grobschlächtig wirkenden Mann mit den aschblonden Haaren, der zu ihrer Clique gehörte.
Robbie grinste.
"Wenn ich zu Hause in Alabama wäre, hätte ich 'Nigger'
gesagt!", meinte er.
"Mensch, lass den Scheiß, wir wollen hier noch einen Drink serviert kriegen!", mischte sich jetzt Cal ein, ein schmächtiger Typ im Jackett und dunklem Rollkragenpullover.
Die Greenwich Village-Ausgabe eines Pariser Existenzialisten.
Cal war Dichter. Jedenfalls bezeichnete er sich so. Sein ganzer Stolz waren ein paar verquere Zeilen, die im NEW
YORKER abgedruckt worden waren.
Robbie hingegen studierte an der Columbia. Seine Eltern glaubten, dass er sich mit Jura beschäftigte. In Wahrheit belegte er Kunstgeschichte.
Die vierte im Bunde war ein quirliges Girl mit blonden Locken, das viel kicherte. Vor allem, wenn Robbie irgendetwas sagte.
Sie setzten sich an einen der Tische.
Auf der Bühne spielte ein Trompeter eine Ballade mit Dämpfer, leise begleitet von Bass, Schlagzeug und Piano. Die Musik nahm Petra gefangen.
Robbie quatschte sie an.
"Auch wenn ich aus Alabama komme, heißt das noch lange nicht, dass ich irgendwelche Vorurteile gegen Neger hätte!", sagte er. "Ich halte mich da für liberal. Außerdem kann man von der äußeren Erscheinung ja auch schlecht auf das Innere eines Menschen schließen. Du zum Beispiel Petra! Siehst du vielleicht mit deinen pechschwarzen Haaren wie eine Deutsche aus?"
"Halt die Klappe!"
"Wie eine Kraut wirkst du nun wirklich nicht! Ich dachte immer, die hätten alle blonde Zöpfe und sprechen schlecht Englisch!"
"Ich sagte: Halt die Klappe, Robbie!"
"Hey, warum so zickig!"
"Weil ich die Musik hören will!"
"Ist ja schon gut."
Petra versank im Zauber der Musik. Sie bekam nicht einmal richtig mit, als Cal irgendetwas schrecklich Kluges dazu sagte.
Auf einmal fühlte sie sich beobachtet.
PETRA...
Als ob jemand ihren Namen gerufen hatte! Jemand in ihrem Kopf. Eine Stimme...
Sie schluckte, fühlte auf einmal, wie ihr Puls sich beschleunigte. Muss an der scheußlichen Hitze in diesem Sommer liegen!, dachte sie. Aber dann sah sie den Mann im eleganten Anzug, der an einem der hinteren Tische saß und sie beobachtete. Er fiel schon dadurch auf, dass er einer der wenigen Weißen im Publikum des New Bop Club war.
Ein ausgesprochen elegant bekleideter Mann.
Der zu einem Zopf zusammengefasste Haarschopf gab ihm etwas Exotisches.
Lässig hatte er die Beine übereinander geschlagen.
Er lächelte sie an.
Eine geradezu unheimliche Aura ging von ihm aus.
Petra war vom ersten Moment der gerade zu hypnotischen Faszination erlegen, die von diesem Mann ausging.
SETZ DICH ZU MIR, PETRA!!
Wieder diese Stimme, die in ihrem Kopf widerhallte.
Katrin war sich sicher, dass es SEINE Stimme sein musste, obwohl er gar nicht den Mund bewegte. Außerdem hätte man seine Worte auf diese Distanz ohnehin nicht verstehen können.
KOMM HER, PETRA!
Sie erhob sich plötzlich.
Wie durch Watte hörte sie Cals Worte.
"Hey, was ist los?"
Petra ging geradewegs auf den Mann im dunklen Anzug zu.
Sie hörte noch, wie Robbie meinte: "Hat wohl irgendeinen Bekannten entdeckt." Das Girl mit den blonden Locken kicherte dazu.
Petra erreichte den Tisch des Dunkelhaarigen.
"Entschuldigen Sie, dass ich einfach..."
"Setzen Sie sich, Petra!"
"Sie kennen meinen Namen?"
Er lächelte amüsiert. "Ich habe mir überlegt, welcher Name wohl am besten zu Ihnen passen würde!"
"Das glaube ich nicht!"
"Et quoi croyez-vous?"
"Sie sind Franzose?"
"Comte Jean-Aristide Leroque. Aber nennen Sie mich ruhig Jean. Ich versuche mich an die lockeren Umgangsformen dieses Landes anzupassen, Mademoiselle. Was das bedeutet, müssten Sie als Deutsche doch nachempfinden können, oder?"
Petra stockte.
"Setzen Sie sich!", forderte Leroque sie auf. Und sie konnte gar nicht anders, als dieser Aufforderung Folge zu leisten.
"Möchten Sie etwas trinken, Petra?"
"Nein."
Die junge Frau bemerkte, dass das Glas des Comte Leroque nicht angerührt worden war. Als ob es nur zur Zierde dastünde!, durchzuckte es Petra plötzlich. Gleichzeitig schalt sie sich eine Närrin. Was für ein absurder Gedanke!, dachte sie.
Noch ahnte die junge Frau nicht, dass sie damit der Wahrheit bereits sehr nahe gekommen war.
"Um ganz ehrlich zu sein: Ich begegne Ihnen nicht zum ersten Mal."
"Ach, nein?"
"Vor zwei Wochen wurde in einer kleinen Galerie in Greenwich Village eine Ausstellung eröffnet. Ich war dort.
Junge Künstler wurden dort mit ihren Werken ausgestellt. Pas important! Aber da waren ein paar Bilder, die mir sofort aufgefallen sind. Bilder einer jungen Frau, die aus Deutschland stammt, einem Land, in dem die Folgen des letzten Krieges immer noch unübersehbar sind. Diese junge Frau entfloh der dortigen Enge und Tristesse nach Paris. Sie hatte es sich in den Kopf gesetzt, Künstlerin zu werden. Aber auch die Stadt an der Seine konnte ihren Hunger nach Leben und Erfahrung auf die Dauer nicht stillen. So kam sie nach New York, das heimliche Herz der Welt..."
Petra schluckte.
"Sie waren es, der meine Bilder gekauft hat!"
Jack O'Brian, der Galerist, hatte ihr davon erzählt, dass ein Mann mit französischem Akzent alles gekauft hatte, was mit ihrem Namen ausgezeichnet gewesen war. "Wissen Sie, dass das die ersten Bilder sind, die ich verkauft habe? Von Portrait-Zeichnungen abgesehen, die ich am Montmartre für ein paar Francs an Touristen verkauft habe."
Leroque lächelte.
"Seien Sie jetzt nicht gekränkt, Petra, aber..."
Er zögerte.
"Aber was?", hakte Petra nach.
"Ich habe mich nicht in die Bilder verliebt, die ich an den Wänden dieser schäbigen Galerie sah, sondern in die Künstlerin. In die Person, die diese Werke geschaffen hat."
"Haben Sie sich deshalb so eingehend über mich erkundigt?"
"Das liegt doch nahe, oder?
"Ich weiß nicht..."
Petra musterte ihn. Sie wich dabei dem Blick seiner Augen unbewusst aus. Eine unheimliche, hypnotische Kraft ging von diesen Augen aus, und sie ahnte, dass sie dieser Kraft nichts an Widerstand entgegenzusetzen hatte.
Gleichzeitig spürte sie, wie ein Gefühl der Faszination immer stärker von ihr Besitz ergriff. Was war das für ein Mann, der sich so stark für sie interessierte? Sie glaubte nicht einmal mehr daran, dass es Zufall war, ihn hier getroffen zu haben.
ES GIBT KEINEN ZUFALL!, echote die inzwischen schon beinahe vertraute Stimme in ihrem Bewusstsein wider.
Seine Stimme.
Sie schluckte.
ES GIBT NUR DAS SCHICKSAL. DIE BESTIMMUNG. UND WIR SIND
FÜREINANDER BESTIMMT!
"Was wollen Sie, Comte Leroque?"
"Jean! So sehr mir auch plumpe Vertraulichkeiten zuwider sind, wie sie in diesem Land Konjunktur haben - in Ihrem Fall bitte ich Sie darum, mich Jean zu nennen...
Petra zögerte.
Dann sprach sie diesen Namen aus, als ob es sich um eine magische Formel handelte.
"Jean..."
"Ich will nur eins von Ihnen: Sie wiedersehen und alles über Sie erfahren, was ich nicht schon weiß. Lassen Sie mich ein Teil Ihres Lebens werden, Petra. Und ich werde Sie im Gegenzug zu einem Teil meines Lebens machen und Ihnen Möglichkeiten eröffnen, die Ihre kühnsten Phantasien übertreffen..."
"Ich weiß nicht..."
"Sagen Sie einfach ja, Petra...."
Für den Bruchteil einer Sekunde machte sie den Fehler, doch direkt in seine Augen zu sehen. Sein Blick nahm sie gefangen.
Sie fühlte ihren eigenen Willen schwinden. Er löste sich in nichts auf.
"Ja", hauchte sie.
Er ergriff ihre Hände.
Dass es kalte Totenhände waren, fiel ihr in diesem Moment nicht auf.
*
Petra konnte sich nicht erinnern, je von einem Mann so fasziniert worden zu sein, wie von Jean-Aristide Leroque.
Bereits in den ersten Augenblicken, da sie ihm gegenübersaß, wusste sie, dass sie in jeder Hinsicht rettungslos verloren war.
Eigenartigerweise störte es sie nicht einmal, obwohl sie auf ihre Unabhängigkeit ansonsten immer großen Wert gelegt hatte.
Sie sprach über ihre Herkunft in der deutschen Provinz, von den Bombennächten, vom Kriegsende und von ihren Eltern, die beide noch während der letzten Kriegsmonate während eines Bombenangriffs ums Leben gekommen waren.
Petra hatte sich durchschlagen müssen.
In Paris hatte sie die Kunst der Moderne kennen gelernt.
"Warum sind Sie nach New York gegangen?", fragte Leroque
"Paris und die Kunst - diese Verbindung leuchtet ein. Aber New York? Eine der modernsten Städte der Welt, in der es vorrangig um faire l'argent geht, um das Geldmachen. Viele dieser kulturlosen Wall Street Leute, von denen Manhattan nur so wimmelt, halten die Malerei für so etwas wie eine veraltete Form der Fotografie. Nur in schlechterer Qualität eben!"
Petra lächelte.
"Hier schlägt das Herz der Welt, Jean. Der Puls der Zeit.
Wie immer Sie es ausdrücken wollen. Ich denke, es ist genau der Ort, an den ich gehöre. Voller Leben und Aktivität..."
Leroque lächelte.
"Vielleicht haben Sie sogar Recht."
"Man wird sehen. Vielleicht bin ich in fünf Jahren ganz woanders. Das Leben ist so kurz, Jean. Ich habe das Gefühl, jede Sekunde davon auskosten zu müssen. Keinen einzigen Augenblick darf man vergeuden..."
"Für die Sterblichen ist das Leben ein knappes Gut", murmelte Leroque, wirkte plötzlich sehr nachdenklich dabei.
"Von wem ist das? Sartre?"
"Nein, das war nur so ein Gedanke!"
Wie konnte ich nur so dumm sein, diesen Mann für einen jener aufgeblasenen Wichtigtuer zu halten, die bei jeder Gelegenheit demonstrieren müssen, was sie alles gelesen haben!, ging es Petra durch den Kopf. Nein, ein Mann wie Leroque hatte das nicht nötig. Um wie vieles interessanter war er doch, als diese unreifen Typen wie Cal, die glaubten, dass die Menschheit auf ihre schlechten Gedichte gewartet hatte.
"Lassen Sie uns tanzen, Petra!"
Die Band spielte gerade eine langsame Ballade. 'I thought about you...'
Petra kam überhaupt nicht auf den Gedanken, Leroque zu widersprechen.
Sie konnte nicht tanzen. Niemand hatte es ihr je richtig beigebracht. Aber als Leroque seinen Arm ihre Taille legte und sie zu führen begann, schien alles ganz selbstverständlich zu sein. Eine Harmonie, die ihr beinahe unheimlich vorkam. Mach dir nicht zu viele Gedanken!, dachte sie. Genieß es einfach. Wer weiß, ob du so einen Augenblick noch ein zweites Mal erlebst...
Petra verlor das Gefühl für Zeit.
Ihr Blick verschmolz mit dem Leroques.
Irgendwann riss sie der Klang einer vertrauten Stimme aus diesem beinahe tranceartigen Zustand heraus.
"Hey, Petra! Wir wollen jetzt gehen!"
Das war Cal.
Petra drehte sich zu ihm herum.
Ihre Augen wirkten wie abwesend.
"Ist schon in Ordnung!", sagte sie.
Cal bedachte Leroque mit einem fragenden Blick. "Du bist sicher, dass du alleine klarkommst?!"
"Sicher!"
Er zuckte die Achseln. "Wie du meinst."
Petra lächelte in sich gekehrt.
"Bye, Cal!"
*
Petra Brunstein erwachte im Schlafzimmer einer Luxus-Suite.
Die Sonnenstrahlen waren es, die sie weckten. Petra schreckte hoch, saß dann aufrecht in dem breiten Doppelbett.
Die Hälfte neben ihr war leer.
"Jean...", flüsterte sie.
Eine Rose lag auf dem Kopfkissen. Dazu ein auf Büttenpapier in dunkelroter Tinte auf Französisch geschriebener Brief. Wir werden uns wiedersehen, Geliebte! , stand dort unter anderem.
Zwingende Umstände machen es mir leider unmöglich auch den Tag an deiner Seite zu verbringen, mon amour! Aber die Nacht
- sie gehört uns. Auf ewig…
Petra musste schlucken.
Nur nebulös erinnerte sie sich an das, was in der vergangenen Nacht geschehen war. Leroque hatte einen Wagen vor den New Bop Club vorfahren lassen, der sie beide zu seinem Luxus-Apartment in der Fifth Avenue gebracht hatte.
Was danach geschehen war, wirkte in der Erinnerung wie ein wirres Durcheinander von Bildern, Gefühlen, Eindrücken.
Augenblicke schier unglaublich intensiver Ekstase lagen hinter ihr. Einer Art von Ekstase, die sie nie zuvor gefühlt hatte und die sich mit nichts von dem vergleichen ließ, was sie bisher erlebt hatte.
Wir haben uns in der letzten Nacht geliebt, überlegte Petra, während sie an der Rose roch und die Bettdecke zur Seite schlug.
Sie war nackt.
Sie strich das lange dunkle Haar zurück, dass ihr bis weit über die Schultern fiel.
Jean-Aristide Leroque war nun wirklich nicht der erste Mann, mit dem sie Sex gehabt hatte. Und doch war es mit keinem so gewesen wie mit ihm. Petra konnte es nicht in Worte fassen, worin der Unterschied genau bestand.
Sie ging zum Fenster, blickte auf die Ecke Fifth Avenue/Central Park West. Man hatte eine fantastische Aussicht von hier aus. Bis weit in den Central Park hinein.
Einige Augenblicke lang sah Petra dem bunten Treiben auf dem Heckscher Playground zu, dann drehte sie sich um, ging in Richtung Bad.
Sie fühlte sich benommen und leicht schwindelig.
Ihre Gedanken waren bei Jean-Aristide Leroque, jenem geheimnisvollen Mann, der sie wie niemand zuvor in seinen geradezu magischen Bann geschlagen hatte.
"Die Nacht - sie gehört uns. Auf ewig."
Die Worte aus dem Brief hallten in ihrem Bewusstsein wieder. War es wirklich rote Tinte, mit der er geschrieben worden war? Ein absurder Gedanke!, schalt sie sie sich selbst eine Närrin. Womit denn sonst?
Sie erreichte das Bad, blickte in den Spiegel...
...und erschrak!
Zwei kleine Wunden waren deutlich an ihrem Hals erkennbar.
Sie sahen aus wie...
...ein Bissmal!, durchzuckte es Petra mit eisigem Schrecken.
Sie schaute sich die Wunden genauer an.
Du spinnst!, dachte sie dann. Jean ist schließlich nicht Bela Lugosi!
*
Immer wieder stellte Petra in den folgenden Wochen solche charakteristischen Male an ihrem Körper fest, wenn sie mit Leroque zusammen gewesen war. Sie sprach ihn nicht darauf an, fragte auch nicht, wenn sie sein Saugen spürte. Ein Eindruck, der ohnehin nur sehr flüchtig war, weil er sogleich von Gefühlen einer überwältigenden Ekstase verdrängt wurde.
Immer, wenn das geschah, war es Petras einzige Sorge, dass dieser Zustand irgendwann wieder aufhören würde.
Sie trafen sich stets nur nach Einbruch der Dunkelheit.
Insbesondere im Sommer blieben ihnen dadurch nur wenige Stunden.
Auch was diesen Umstand betraf, hakte Petra nicht nach.
Sie genoss einfach, was ihr widerfuhr.
Einmal erwachte sie mitten in der Nacht an seiner Seite, stellte fest, dass er keineswegs schlief. Sie legte den Kopf an seine Brust und hatte eigentlich erwartet, sein Herz schlagen zu spüren.
Aber da war nichts.
Leroque strich Petra über das Haar.
"Warum schläfst du nicht?", fragte sie.
"Wer sagt denn, dass die Nacht zum schlafen da ist?", fragte er.
Dann herrschte eine ganze Weile Schweigen.
Der Mond stand hell und klar über dem Central Park und leuchtete durch das Schlafzimmerfenster.
Schließlich fragte Leroque: "Warum bist du Künstlerin geworden, Petra?"
"Ich weiß es nicht. Es war einfach ein innerer Drang. Ich konnte nichts dagegen tun."
"Ich denke, es gibt nur eine einzige Motivation, die hinter jeglicher Kunst steht, Petra."
"So?"
"Das Streben nach ewiger Existenz. Wenn es schon nicht möglich ist, dass man selbst die Zeitalter überdauert, dann vielleicht doch wenigstens eines der Werke, die man geschaffen hat."
"Darüber habe ich noch nie nachgedacht", erwiderte sie nach einer kurzen Pause. "Aber vielleicht hast du Recht!"
"Der Wille zu Leben ist die Wurzel des Künstlertums, mon amour..."
"Das klingt, als hättest du selbst Erfahrungen in diesem Bereich."
"Non, non... Aber ich bin ein geduldiger Observateur -
Beobachter - menschlichen Lebens."
Er spricht von den Menschen, als ob er nicht dazugehörte!, ging es Petra durch den Kopf. Wie ein Alien vom Mars, das die Erdbewohner interessiert studierte, in ihnen aber letztlich etwas Fremdes, Unverständliches sah.
Petra setzt sich auf.
Sie war auf einmal hellwach.
Der Vollmond wirkte wie das große Auge eines Riesen, der sie fragend anstarrte.
Leroque umfasste ihre Schultern.
Seine Hände waren kalt. Kalt wie der Tod. Nie zuvor war ihr dieses Detail aufgefallen, aber jetzt erschauderte sie geradezu. Ahnst du immer noch nicht, worauf du dich bei diesem Mann eingelassen hast?, ging es ihr durch den Kopf. Du kannst es nicht länger verdrängen...
"Mich interessiert die Frage, ob du Künstlerin bleiben würdest, wenn du die Möglichkeit hättest, ewig zu existieren, mon amour."
Petra drehte sich herum, sah Leroque an.
"Was redest du da, Jean?"
"Das ewige Leben ist kein Wunschtraum, Petra. Man kann es erreichen. Und ich biete es dir an..."
Petra schluckte.
"Du spinnst", flüsterte sie.
Sie schlug die Bettdecke zur Seite, stand auf, ging nackt wie sie war zum Fenster und blickte hinaus. Die Arme verschränkte sie unter den Brüsten.
"Hast du dich wirklich nie gefragt, was die Bissmale an deinem Körper zu bedeuten haben? Ich bin nicht wie du, Petra.
Und im Inneren deines Herzens hast du es längst geahnt."
Sie drehte sich herum.
"Wer bist du?", fragte sie mit klarer Stimme.
"Comte Jean-Aristide Leroque, ein französischer Kleinadliger, der der am Hof König Ludwigs in Versaille weilte, als der Mob hinter den Toren von Paris auf die Barrikaden ging. Fast zweieinhalb Jahrhunderte existiere ich bereits. Und wenn ich nicht gepfählt werde oder es doch noch jemand schafft, mich unter eine Guillotine zu legen, dann gibt es keinen Tod für mich."
Leroque erhob sich ebenfalls.
Er trat auf Petra zu.
"Mein Körper ist seit über zwei Jahrhunderten tot. Ich atme nicht, ich esse nicht, ich halte das Champagnerglas nur der Form halber in der Hand, wenn ich mit dir eine Vernissage besuche! Kein lebendes Herz schlägt mehr in meiner Brust. Und doch existiere ich in Ewigkeit, bin dabei stärker als jeder Sterbliche!"
Petra schluckte, betastete die Bissmale an ihrem Hals.
"Wir trinken euer Blut, Petra...", erklärte Leroque. "Dir ist dadurch kein Schaden entstanden. Im Gegenteil.... Wie du dich sehr wohl erinnern wirst, hast du es genossen!"
"Ja", flüsterte sie. "Genießen alle Sterblichen es so, wenn ihnen Blut abgezapft wird?"
"Nein, durchaus nicht. Es ist eine Frage des Geschicks...
Wie du zugeben musst, bin ich sehr sanft vorgegangen..."
"Das ist wahr", hauchte Petra.
Die Gedanken rasten nur so in ihrem Kopf.
Sie spürte, dass Leroques Worte der Wahrheit entsprachen.
Alles, was sie gesehen und erlebt hatte sprach dafür, so fantastisch es auch anmuten mochte.
VERTRAU MIR, PETRA!, hallte jene eigenartige Gedankenstimme in ihrem Kopf wider, die sicher mitverantwortlich dafür war, dass Petra sich überhaupt auf den Grafen eingelassen hatte.
Eine Stimme, deren Suggestivkraft man sich kaum zu entziehen vermochte.
"Ich biete dir an, eine von uns zu werden, Petra... eine Angehörige des Nachtvolkes, dem die Ewigkeit gehört!"
Petra schluckte.
Sie öffnete den Mund, wollte etwas sagen.
Aber ihre Kehle fühlte sich trocken an.
Sie brachte keinen einzigen Ton heraus.
War die Aussicht auf immerwährende Existenz nicht ein faszinierender Gedanke? Du wirst deinen eigenen Nachruhm als Künstlerin erleben können!, ging es Petra durch den Kopf.
Aber vielleicht auch, wie deine Werke dem Vergessen anheim fallen...
"Ich werde ewig eine Künstlerin bleiben", brachte Petra schließlich mit heiserer Stimme hervor.
Ein beinahe mildes Lächeln flog über Leroques Gesicht.
"Wir werden sehen", murmelte er und wiederholte diesen Satz noch etwas gedämpfter auf Französisch: "Nous allons voire, ma cherie!"
Comte Leroque ging zum Schreibtisch, nahm einen Brieföffner. Er ritzte sich mit der Spitze den Unterarm, etwas Blut quoll hervor. Sehr dunkles, fast schwarzes Blut.
Er stillte die Blutung mit einem geübten Griff.
Leroque trat auf Petra zu, hielt ihr den Arm hin.
"Trink, mon amour! Trink und du wirst das ewige Leben erhalten. Das Leben eines Sterblichen ist wie ein flüchtiger Tag. Tausche es gegen die immerwährende Nacht!"
Einen Augenblick lang zögerte Petra, dann nahm sie seinen Arm, führte ihn an ihre Lippen heran. Zunächst nur sehr zögernd saugte sie an der Wunde, sog jenen geheimnisvollen Saft in sich hinein, der angeblich das Leben bedeutete.
Dann fühlte sie eine geradezu unheimliche Gier in sich aufkeimen. Schon der erste Tropfen des Vampirblutes hatte diese Empfindung in ihr geweckt. Ein Gefühl, dass sie in dieser Intensität bisher nie erlebt hatte. Heftiger und heftiger saugte sie an Leroques Unterarm.
Bis er ihr ihn schließlich mit einer ruckartigen Bewegung entriss.
"Genug!!"
Leroque wich etwas vor ihr zurück.
Petra fühlte das Blut von ihren Lippen rinnen.
"Was geschieht jetzt?", fragte sie.
"Du wirst die Veränderung spüren. Schon in wenigen Augenblicken..."
*
Gegenwart...
Chase ließ die Doppeltür mit einem Fußtritt auseinander fliegen. Er betrat den großen Saal des Norstrilia-Hotels im Norden Brooklyns.
Die beiden Bodyguards, die Chase hatte ausschalten müssen, lagen reglos im Korridor.
Von der langen Tafel aus konnte man sie gut sehen.
Am Tisch saßen ausschließlich Männer.
Sie trugen Nadelstreifen-Anzüge.
Wodka-Flaschen standen herum.
"Hi!", sagte Chase, trat noch etwas weiter vor. "Scheint, als käme ich ein bisschen ungelegen, Jungs!"
Augenblicke lang herrschte eisiges Schweigen. Chase fixierte den Mann am Ende der Tafel mit seinem Blick. Das war Harry Danilov, der sich selbst in einer Art Coup zum Boss des Müll-Syndikats der Ukrainer gemacht hatte. Es sprach viel dafür, dass er seinen Vorgänger Victor Gramov umgebracht hatte. Der vom Fürst favorisierte Nachfolger namens George Tashwili war am Abend in Plastik verschnürt auf einer der großen Müllkippen von Coney Island gefunden worden.
Danilov glaubte offenbar, dass er machen konnte, was er wollte.
"Wer ist der unverschämte Kerl?", knurrte einer der Ukrainer. "Teufel, ich habe ihn noch nie gesehen!"
"Wer schickt uns seinen Laufburschen auf den Pelz?", meinte ein anderer.
"Fragt euren neuen Boss", forderte Chase. "Er weiß genau, wer ich bin."
Der Fürst lenkte die Unterwelt aus dem Hintergrund heraus.
Nur Angehörige der Führungszirkel wussten überhaupt, dass es da jemanden gab, der an den Fäden zog. Und einige von ihnen kannten Chase als Überbringer vertraulicher Botschaften.
Dass es Vampire waren, die die Sterblichen nach ihren Gutdünken als Marionetten handeln ließen, dass wusste kaum jemand.
Der Fürst sorgte dafür.
Diskretion war eine der obersten Maximen, denen der Herr der New Yorker Vampire folgte. Die Sterblichen brauchten nicht zu wissen, wer sie beherrschte. Das machte nur unnötige Probleme und provozierte ihren ohnehin aussichtslosen Widerstand.
Danilov saß grinsend da und sah Chase herausfordernd an.
Chase hatte zwei Nächte gebraucht, um ihn aufzutreiben.
Nach allem, was er über Danilov wusste, war er eine kleine Nummer. Niemand, der sich bislang durch besonderen Ehrgeiz ausgezeichnet hatte. Weshalb sich das plötzlich geändert hatte, war eine interessante Frage. Vermutlich stand jemand hinter ihm, der ihn als Strohmann nach vorne schob.
Leroque!, dachte Chase. Und hinter dem stand natürlich letztlich Magnus von Björndal.
"Hallo Laufbursche!", lachte Danilov.
"Ich soll dir von meinem Boss schöne Grüße bestellen", sagte Chase. "Ihm gefällt es nicht, dass du die Geschäfte an dich gerissen hast, Danilov."
"Dann richte deinem Boss mal aus, dass wir unsere Angelegenheiten hier in Zukunft allein Regeln, Milchgesicht!"
"Langsam werde ich sauer!"
"Jetzt habe ich aber Angst!"
"Ha, das solltest du wirklich!", meinte Chase.
"Hör zu, Kleiner, du bist hier nicht eingeladen! Also hau ab! Die Tatsache, dass du zwei unserer besten Bodyguards umgehauen hast, kann ich dir gerade noch nachsehen. Aber wenn du dich hier als die große Nummer aufspielen willst..."
Wie auf ein geheimes Zeichen hin erhoben sich zwei Männer an der Tafel.
Bodyguards.
Chase wartete nicht darauf, bis sie ihre Waffen gezogen hatten.
Der erste war kaum drei Meter entfernt.
Chase riss die Schrotpistole heraus, feuerte sofort.
Der Schrotschuss sorgte dafür, dass der Bodyguard in der nächsten Sekunde kein Gesicht mehr hatte. Ohne einen Schrei kippte er rücklings zu Boden, blieb dann reglos liegen.
Der zweite Typ feuerte seine Beretta auf Chase ab. Chase zuckte zur Seite. Der Schuss erwischte ihn an der Stirn. Das Projektil schrammte an seinem Schädel entlang, bevor es in die Wand hineinfetzte. Blut rann Chase über das Gesicht. Eine zweite Kugel traf ihn mitten in die Brust.
Zu einem dritten Schuss kam der Kerl nicht mehr.
Chase hatte auch ihn mit der Schrotpistole erledigt.
Die blutige Leiche hing in den Armen des Nebenmannes, der selbst einiges von dem Schrot abbekommen hatte.
Die Ukrainer starrten Chase an, erwarteten offenbar, dass er in der nächsten Sekunde in sich zusammen brechen müsste.
"Du bist doch ein feiges Arschloch, Danilov. Mein Boss wusste schon, warum du nie sein Favorit warst!"
Chase wischte sich das Blut von der Stirn.
Kopfschmerzen waren wirklich das Allerletzte, was er jetzt gebrauchen konnte.
"So etwas gibt's doch nicht!", hauchte einer der anwesenden Ukrainer völlig fassungslos.
Mit Genugtuung registrierte Chase, dass der Ausdruck von höhnischer Selbstzufriedenheit inzwischen aus Danilovs Gesicht geschwunden war.
Chase trat mit dem Springerstiefel gegen die Kante der Tafel.
Mit einem Tritt von gewaltiger Wucht setzte er den Tisch in Bewegung.
Die Wodka-Flaschen kegelten vom Tisch.
Danilov schrie auf, als er mitsamt seinem Stuhl mitgerissen und gegen die Wand geschleudert wurde. Die Tischkante drückte sich dabei gegen seinen Hals. Danilovs Augen quollen aus ihren Höhlen. Er röchelte. Die ungeheure Gewalt, mit der ihn die Tischplatte erwischt hatte, musste ihm das Genick gebrochen haben. In unnatürlich verrenkter Haltung hing er da.
Die anderen Ukrainer sprangen auf, schrieen.
Einer wollte zur Waffe greifen.
Chase hob die Hand.
"Hey, lass das! Du merkst doch, dass das keinen Sinn hat!"
Der Kerl konnte keinen Ton herausbringen. Er starrte Chase an, dann seinen Boss, der ziemlich jämmerlich aussah.
Wenigstens hat Danilovs die Augen geschlossen, dachte Chase. Ein glücklicher Zufall.
Chase ließ den Blick schweifen.
Keiner der Ukrainer wagte es in diesem Augenblick, auch nur den kleinen Zeh zu bewegen. Die Meisten starrten auf Chases Stirn, wo sich die Wunde des Streifschusses bereits wieder zu schließen begann.
"Ich schlage vor, dass wir jetzt zu einer vernünftigen Lösung kommen werden, da die Sache mit Danilov erledigt ist", meinte er. "Oder was glaubt ihr?"
"Da! Da!", rief einer der Ukrainer in seiner Muttersprache.
Offenbar war er vollkommen fassungslos. Ein günstiger Zeitpunkt, um die Dinge neu zu ordnen, dachte Chase.
Und genau das erwartete der Fürst ja von ihm.
Chase lud die Schrotpistole nach und steckte sie dann wieder weg.
Er trat ein paar Schritte vor, fasste die Tischplatte und zog das Möbelstück wieder an seinen ursprünglichen Ort.
Danilov rutschte an der Wand hinunter. Eine blutige Schmierspur zog sich hinter ihm her. Sein Hals sah übel aus.
"Setzt euch doch, Jungs!", forderte Chase die Ukrainer aus.
"Kein Mensch denkt daran, euch die Geschäfte zu verderben.
Ganz im Gegenteil! Aber mein Boss hat was gegen Illoyalität!"
Ein stöhnender Laut war plötzlich hören.
Er ging zweifellos von Danilov aus.
Chase hob erstaunt die Augenbrauen.
Das gibt's doch nicht!, durchzuckte es ihn. Die Ratte Danilov lebt noch!
Danilov bewegte sich. Er hielt sich den Hals, stieß einen röchelnden Laut hervor. Sein Gesicht verzog sich. Lange Eckzähne wurden sichtbar. Das Röcheln ging in ein dumpfes, tierhaftes Knurren über.
Daher weht also der Wind!, erkannte Chase. Einer der Philadelphia-Vampire hatte Danilov zum Angehörigen des Nachtvolkes gemacht. Ihm das ewige Leben gegeben und sich damit seiner Unterstützung versichert. Vielleicht war es sogar Leroque selbst gewesen, der zurzeit auf New Yorker Gebiet in Aktion trat.
Chase zog die Schrotpistole. "Verschwindet! Wir regeln euer Führungsproblem ein anderes Mal!", rief er. Die Ukrainer wirkten wie erstarrt. "Na los! Oder muss ich euch das zweimal sagen!" Die Ersten von ihnen bewegten sich in Richtung Tür.
"Das ist ein Verrückter!"
"So etwas habe ich noch nie gesehen!"
"Nur weg! So schnell wie möglich!"
Ein paar Augenblicke später war Chase allein mit Danilov.
Er konnte noch nicht lange Vampir sein. Ihm fehlte die Erfahrung bei der Heilung seiner Wunden. Bei einer so schweren Verletzung musste man sich schon sehr konzentrieren, um eine schnelle Wirkung zu erzielen. Vielleicht ist seine Willenskraft auch nicht allzu stark ausgeprägt!, überlegte Chase.
Es hätte zu Danilovs Charakter gepasst.
Auch das war ein Grund dafür gewesen, dass Franz Fürst von Radvanyi Danilov nie auf der Liste seiner Favoriten stehen gehabt hatte. Jedenfalls nicht für irgendwelche Führungsaufgaben.
Danilov versuchte aufzustehen, stützte sich mit den Händen dabei auf.
Chase versetzte ihm einen Tritt, der ihn wieder zusammenbrechen ließ.
"Auch das ewige Leben kennt den Schmerz, Danilov. Das hat dir keiner gesagt, was?"
"Was willst du?"
"Ein paar Antworten."
Danilov spuckte Blut.
Rot rann es auch aus seinen Ohren heraus, er war wirklich in einem erbärmlichen Zustand. Ein Sterblicher hätte eine derartige Halsverletzung allerdings auf keinen Fall zu überleben vermocht.
Chase kniete sich zu ihm nieder.
"Wer hat dich zu dem gemacht, was du jetzt bist?" Chase machte eine Pause und fuhr dann fort: "Du kannst es mir ruhig sagen. Für dich gibt es nur noch die Wahl zwischen einem leichten und einem schweren Ende. Hängt ganz von deinen Antworten ab."
"Du Teufel!"
"Ich mache nur meinen Job. Und wenn du dasselbe getan hättest, wärst du jetzt nicht in dieser Scheiß-Lage. Sorry, aber dafür bist du selbst verantwortlich..."
"Bastard..."
"Wo finde ich Leroque?"
"Ich habe keine Ahnung, wer das ist..."
Chase versetzte Danilov einen Schlag. Der Ukrainer schrie auf.
"Du weißt genau, von wem ich spreche", sagte Chase dann sachlich. "Ein Kerl mit langem, gelockten Haar, das er zu einem Zopf zusammengefasst trägt, immer elegant angezogen, spricht mit französischem Akzent..."
"Ich kenne den Typ nicht!"
Chase zielte mit der Schrotpistole auf den Oberkörper des Vampirs.
Danilov schrie auf, als die Ladung ihn traf und Dutzende von kleinen Projektilen durch seine Kleidung hindurchfetzten.
"Vielleicht fällt es dir ja jetzt wieder ein!", meinte Chase.
Im nächsten Moment hörte er hinter sich schwere Schritte.
Er wandte den Blick.
Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte Chase eine hoch aufgeschossene Gestalt. Ein wahrer Riese, der den Kopf neigen musste, um nicht mit der Stirn gegen den Türsturz zu prallen.
Butcher!
"Scheiße!", entfuhr es Chase. Der hatte ihm jetzt gerade noch gefehlt.
Chase riss das Hiebmesser heraus. Mit einem wuchtigen Schnitt durchtrennte er Danilov die Kehle. Die ohnehin angeknacksten Halswirbel knackten. Der Kopf sackte vornüber.
Blut spritzte. Wahrscheinlich würde Danilov minutenlang vor sich hin rotten, ehe er zu Staub wurde. Schließlich war er wohl erst vor kurzem zum Vampir gemacht worden.
Chase erhob sich.
Leroque, dieser Feigling schickte also mal wieder seine Laufburschen.
Butcher musste sich irgendwo in der Nähe befunden haben.
Vielleicht war sogar er es gewesen, der Danilov das ewige Leben geschenkt hatte.
Der Riese stieß einen Knurrlaut aus.
Auf einen Kampf war er nicht so gut vorbereitet wie bei ihrem letzten Zusammentreffen. Jedenfalls trug er weder eine Bazooka noch irgendeine andere Waffe mit Fernwirkung bei sich.
Ein langes Messer hing an seiner Seite.
"Mein Kind!", brüllte Butcher.
"Meinst du Danilov?"
"Ich habe ihm mein Blut gegeben!"
"Tut mir leid, dass ich deine Gefühle verletzt habe, Butcher. Aber da wir schon mal dabei sind, mache ich am Besten aus dir auch gleich Staub..."
Butcher brüllte auf.
Er griff wütend nach einem der Stühle, schleuderte ihn mit unglaublicher Wucht in Chase Richtung. Chase hob schützend die Arme, kreuzte sie. Der Stuhl zerschellte.
"Keine Wertarbeit, was?", rief Chase.
Er duckte sich, denn jetzt packte Butcher eine Kommode und warf sie durch die Luft. Für ihn schien sie kein nennenswertes Gewicht darzustellen.
Die Kommode durchschlug die Fensterscheibe und fiel auf die Straße.
Das Hupen mehrerer Fahrzeuge war zu hören.
Butcher machte einen Satz und sprang auf den Tisch. Das Holz ächzte unter seinen Füßen.
Butcher breitete die Arme aus.
In der Rechten hielt er seinen langen Dolch. Das Licht blitzte in der Blutrinne dieser Stichwaffe. Sein Gesicht war eine verzerrte Maske. "Ich mach dich fertig!", knurrte er zwischen den Zähnen hindurch.
"Sieh dir Danilov an, dann siehst du deine Zukunft, Butcher!"
Butcher stieß einen Kampfruf aus, stürzte sich auf Chase.
Für Chase gab es kaum eine Möglichkeit, seinem Gegner auszuweichen. Er blickte auf, sah die Klinge blitzen und mit ungeheurer Wucht auf sich zukommen.
Chase schnellte zur Seite.
Das Messer des Riesen erwischte Chase an der Hand.
Blut spritzte, rann ihm zwischen den Fingern hindurch.
Chase taumelte zu Boden.
Er rollte sich herum, konnte aber nicht verhindern, dass ihn ein brutaler Tritt des Riesen erwischte. Chase krümmte sich. Er war froh, dass er als Untoter seine Nieren nicht mehr brauchte. Aber der Schmerz war höllisch. Chase biss die Zähne zusammen.
Dieser Schlächter-Vampir ist verdammt stark!, durchzuckte es ihn. Er begann zu begreifen, dass dieses Zusammentreffen ziemlich uncool für ihn enden konnte.
"Ist mir schleierhaft, wie der Fürst einen so dämlichen Schwächling wie dich zu seinem Stellvertreter machen konnte!", meinte Butcher mit einem breiten Grinsen, bei dem er teilweise seine Vampirzähne entblößte. "300 Jahre setzen eben so manch verdammter Seele eben ganz schön zu!"
"Ach - sprichst du in Sachen Frühsenilität aus eigener Erfahrung?"
"Immer noch einen doofen Spruch auf Lager! Vielleicht ist es das, was der Fürst so an dir schätzt!"
Butcher holte zu einem weiteren Tritt aus.
Chase reagierte diesmal rechtzeitig. Er legte alle Kraft in seine Abwehrbewegung. Mit dem Fuß erwischte er die Kniekehle seines Gegners. Butcher kippte nach hinten, schlug auf, fluchte dabei lauthals.
Chase war sofort auf den Beinen.
Er setzte nach, stürzte sich mit dem Hiebmesser auf den am Boden liegenden Butcher.
Er blieb vorsichtig dabei. Zu nah durfte er an Butcher nicht heran. Dieser Kerl war brandgefährlich.
Chases Klinge sauste nieder.
Ein Knochen knackte.
Butcher hatte nur noch einen Fuß. Blut spritzte in hohem Bogen aus dem Stumpf heraus, während der abgetrennte Fuß binnen weniger Augenblicke zu einer unappetitlichen, fauligen Masse wurde, um schließlich zu Staub zu zerfallen. Butcher brüllte auf.
Aber selbst jetzt behielt er noch die Coolness, sich zu wehren. Er schleuderte seinen Dolch in Chases Richtung.
Die Waffe fuhr Chase in den Hals, drang tief in seine Kehle ein. Die Spitze durchdrang Speise- und Luftröhre.
Ein röchelnder Laut kam über Chases Lippen. Blut quoll aus der Wunde heraus. Der Schmerz hielt sich in Grenzen. Es gab sensiblere Körperstellen als das Gewebe am Hals.
Chase taumelte zurück, fühlte dann hinter sich die Wand.
Das Klatschen eines einzelnen Zuschauers ließ Chase erstarren. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er zur Tür.
Dort lehnte ein elegant gekleideter Mann mit langem, zu einem Pferdeschwanz zusammen gefassten Haar. In seinem Smoking wirkte er ziemlich overdressed.
Leroque!, durchzuckte es Chase.
Die Lässigkeit, mit der der Graf in der Tür stand, wirkte geradezu provozierend. "Bravo, mes amis! C'etait très bien!
Das war eine wunderbare Vorstellung!"
Chase wollte etwas erwidern.
Er brauchte seine Kehle zwar nicht mehr zum Atmen. Aber um sprechen zu können kam er nicht ohne sie aus. Kein Ton kam über seine Lippen.
Leroque näherte sich, verschränkte die Arme und fuhr fort:
"Hast du so etwas mal dem Fürst vorgeführt? Der wüsste es sicher zu schätzen. Mir gegenüber hat er mal behauptet, Racine und Molière persönlich kennengelernt zu haben. Ein Connaisseur ist er, was le theatre angeht aber auf jeden Fall!"
Chase umfasste den Griff des Dolchs, zog ihn aus dem Hals heraus. Er schleuderte die Waffe Leroque entgegen. Dieser lachte nur.
Mit einem unglaublich schnellen Reflex pflückte der Graf die Waffe aus der Luft. Er ritzte sich dabei noch nicht einmal die Hand.
"Du solltest doch inzwischen wissen, dass meine Kräfte die deinen bei weitem übersteigen, Chase." Leroque blickte auf die Klinge. Er verzog das Gesicht. "Eine unvollkommene Waffe!", maulte er. "Jedenfalls für den Kampf gegen Vampire..." Sein Gesicht bekam einen angespannten Zug. Er umfasste den Griff des Dolches. Die Klinge wurde rot, begann zu glühen. Geschmolzener Stahl tropfte zischend auf den Boden, brannte sich in das Parkett ein. Der Graf ließ den Griff los. "Ah, ich unterschätze immer wieder, wie heiß das wird... Mon dieu!"
Chase versuchte, sich auf die Heilung seiner Halswunde zu konzentrieren.
Gleichzeitig rasten die Gedanken in seinem Kopf.
Leroques Macht musste noch um einiges angewachsen sein, seit er das letzte Mal mit ihm zusammengetroffen war.
Vor drei Jahren...
...als Chase Leroque beinahe getötet hatte!
"Ja, ich habe auch an diesen Augenblick gedacht!", murmelte Leroque.
Scheiße, kann der jetzt Gedanken lesen?, durchzuckte es Chase.
Leroque kicherte. "Die Antwort ist: Ja, er kann! Manchmal zumindest. Im Übrigen ist es keine Kunst einen so schwachen Geist wie dich zu öffnen oder zu manipulieren..."
In seinen Augen blitzte es. Er starrte Chase an.
Chase wollte den Blick wenden, sich gegen die hypnotische Kraft wehren, die jetzt auf ihn einwirkte. Aber es gelang ihm nicht. Die Macht, die sein Bewusstsein gefangen hielt, war einfach zur stark. Wie durch Watte hörte er die Stimme des Grafen. "Diesmal wirst du mich nicht so einfach davonjagen können, Chase... Diesmal nicht! Die Karten sind völlig neu gemischt. Du wirst für das bezahlen, was vor drei Jahren geschehen ist!"
Leroques Stimme begann leicht zu vibrieren.
Er hat alles arrangiert!, dachte Chase. Er wusste, dass mich der Fürst hier hinschicken würde, um Danilov zur Räson zu bringen. Der Ukrainer war nichts weiter als ein Köder...
"So ist es, Chase!", nickte Leroque.
Butcher, der inzwischen ein paar Meter von Chase weg gekrochen war, hatte die Szene gebannt verfolgt.
Die Blutung seines Stumpfes war beinahe gestillt.
Aber bis ihm ein neuer Fuß wuchs, konnten Stunden, möglicherweise sogar Tage vergehen. Je nach Willenskraft, die einem Vampir zur Verfügung stand.
"Nimm dein Gurka-Messer, Chase!!", forderte der Graf.
Chase gehorchte.
Er konnte sich nicht gegen diesen Befehl wehren, so sehr er es auch versuchte.
Die Nummer zwei der New Yorker Vampire umfasste die Klinge mit beiden Händen.
Die Wunde an seinem Hals blutete inzwischen weniger. Chase fragte sich, was der Graf jetzt für eine Teufelei im Sinn hatte. Sollte er sich selbst mit der Klinge zerstückeln?
Stelle ich mir schwierig vor!, dachte Chase. Selbst wenn man unter mentalem Zwang steht...
"Oh nein, um dieses Vergnügen möchte ich mich ungern dadurch bringen, dass ich einen Stümper wie dich das machen lasse!", lächelte Leroque kalt. "Für dich habe eine andere Aufgabe." Er deutete auf Butcher. "Comment dit en anglais?
Mach Hackfleisch aus ihm!!"
Butcher zuckte zusammen, verkrampfte sich, war auf einmal offensichtlich unfähig zu jeglicher Bewegung.
"Er wird sich nicht wehren", erklärte Leroque. "Also los!"
Er hob das Kinn, bedachte Butcher mit einem verächtlichen Blick. "Irgendwann musste es einfach sein, Butcher. Du willst meinen Job, aber ich habe nicht die Absicht, dir meine Position zu überlassen." Er zuckte die Achseln. " Je regrette beaucoup!"
Chase näherte sich Butcher.
Leroque lenkte seine Schritte und Bewegungen. Fast kam sich Chase wie ein Zuschauer vor.
Das Hiebmesser sauste nieder.
Butcher rührte sich nicht, als Chase ihm einen Oberschenkel durchtrennte. Der Riese brüllte noch nicht einmal. Offenbar hatte Leroque ihm den Mund verschlossen. Aber in Butchers Augen leuchtete das pure Entsetzen.
Leroques Macht muss wirklich enorm sein, wenn er uns beide gleichzeitig unter Kontrolle zu halten vermag!, ging es Chase durch den Kopf.
Blut spritzte hoch auf, als er Butcher nacheinander beide Arme abtrennte.
Als völlig wehrloser Torso lag der Riese jetzt da, während seine Extremitäten stinkend im Eiltempo vor sich hinrotteten.
Erneut sauste die Klinge des Gurka-Messers nieder und durchtrennte Butchers Hals.
"Immerhin eine Sache, die du gut kannst, Chase!", meinte Leroque mit zynischem Gesichtsausdruck.
Chase drehte sich ruckartig herum.
Aus den Augenwinkeln heraus sah er, wie die zerstückelte Leiche des Riesen ihren Verfallsprozess nachholte, der irgendwann einmal durch den Genuss von Vampirblut aufgehalten worden war. Asche zu Asche, Staub zu Staub.
Leroque streckte die Hand aus.
"Das Messer!!", zischte er.
Chase warf das Hiebmesser in Leroques Richtung. So sehr Chase auch versuchte, sich dagegen zu wehren, er konnte den Gehorsam einfach nicht verweigern. Der mentale Einfluss des Grafen war zu stark. Widerstandslos war Chase seinem Gegenüber ausgeliefert. Der Graf fing das Messer auf, betrachtete die Klinge, von der noch das Blut des Riesen troff.
"Jetzt bist du an der Reihe!", lächelte Leroque.
Scheiße, ich habe ihn unterschätzt!, ging es Chase durch den Kopf.
DEIN FEHLER, CHASE!!
*
"Soweit ich weiß ist der Fürst, dein Herr und Meister, doch telepathisch begabt", sagte Leroque mit schneidender Stimme.
Der Zeigefinger seiner linken Hand fuhr dabei die Schneide des Hiebmessers entlang. "Wozu braucht einer wie du da überhaupt Ohren!
Chases Körper war vollkommen starr.
Er war nicht in der Lage, auch nur seine Augäpfel zu bewegen.
Kein Laut kam über seine Lippen.
Sein Mund war wie versiegelt, der gesamte Körper unter der kompletten Willenskontrolle seines Gegners.
Chase überlegte fieberhaft, wie er das Blatt doch noch wenden konnte. Aber es schien keine Möglichkeit zu geben.
Zumindest nicht, solange Leroque direkten Blickkontakt zu seinem Opfer halten und damit seine volle Suggestivkraft entfalten konnte.
DU BIST EIN NICHTS, CHASE. EIN STÜCK TOTES FLEISCH, AUS DEM
ICH DIE PARODIE EINES RAGOUT FIN MACHEN WERDE, BEVOR ES DEN
KRÄFTEN DES VERFALLS ANHEIMFALLEN UND VERROTEN WIRD!
Mit einer blitzschnellen Bewegung ließ der Graf das Hiebmesser herumsausen.
Die Klinge ratschte an Chases Kopf vorbei.
Schmerz durchzuckte ihn.
Blut troff Chase auf die Schulter herab. Es strömte nur so.
Sein Ohr segelte zu Boden. Ein blutiges Stück Fleisch, das schon einen Augenblick später zu Staub zerfallen war. Der Geruch von Fäulnis breitete sich aus.
Leroques Mund verzog sich zu einem zynischen Lächeln.
FÜHL IHN, DEN SCHMERZ! SCHON SEHR BALD WIRST DU GAR NICHTS
MEHR FÜHLEN UND DIR DIESEN BEWEIS DEINER EXISTENZ VIELLEICHT
SEHNLICHST HERBEIWÜNSCHEN!
"Jetzt den Arm!!" sagte er laut.
Chase hob den rechten Arm. Gegen seinen Willen. Er konnte sich dem Befehl Leroques nicht widersetzen, so sehr er sich auch innerlich dagegen sträuben mochte.
Leroque hob das Hiebmesser.
Zerhackt mit der eigenen Waffe! Etwas Uncooleres gibt's ja kaum!, durchzuckte es Chase. Ich kann nur hoffen, dass meine Kumpels davon nie erfahren...
"New York Police Department! Hände hoch und Waffe weg!"
durchschnitt eine Stimme die Stille.
Zwei Uniformierte standen in der Tür.
Sie hielten automatische Pistolen vom Typ SIG Sauer P 226
im Beidhandanschlag.
Offenbar hatte jemand vom Personal des Norstrilia-Hotels die Cops gerufen.
Leroque war einen Moment lang abgelenkt, drehte sich halb herum. Eine Bewegung zuviel.
Angesichts der Leichen, die den großen Saal des Norstrilia zierten, war die Nervosität der beiden Cops verständlich.
Zwei Schüsse ließen Leroques Körper zucken. Er stöhnte auf.
Chase wusste aus eigener Erfahrung, wie weh ein so großes Kaliber tun konnte.
Chase erlangte für einen kurzen Moment seine Handlungsfähigkeit wider.
Er nutzte sie.
Der ausgestreckte Arm, den Leroque gerade noch hatte abhacken wollen, wurde jetzt zur Waffe.
Wie ein Dampfhammer traf Chases Faust den Kopf des Grafen, ließ ihn zu Boden taumeln.
Ächzend stolperte Leroque.
Er schlug hart auf, schleuderte das Hiebmesser in Chases Richtung.
Chase duckte sich.
Das Hiebmesser zischte wie eine Sense dicht über Chases Haare hinweg, prallte gegen die Wand und fiel auf das Parkett.
Chase schnellte dorthin, um die Waffe aufzuheben.
Jetzt mache ich ein Ende mit dem adeligen Wichser!, durchzuckte es ihm. Egal wie viele von den Pistolenkugeln mich durchlöchern, da beiße ich die Zähne zusammen.
Chase fasste das Hiebmesser, stieß einen lauten Kampfschrei aus, um eventuelle Befehle seines Gegners nicht hören zu müssen. Befehle, die einfach zu stark für ihn waren.
Außerdem versuchte er, dem Blick von Leroques Augen nicht zu begegnen.
Chase!!
Nur gegen Leroques Geistesstimme gab es kein Mittel.
Aber sie schien nicht dieselbe Kraft zu besitzen, wenn sie nicht durch sein akustisches Organ unterstützt wurde.
Barbarisch brüllend stürmte Chase auf den Grafen zu.
Eine Distanz von nicht mehr als fünf Schritten.
Der Schmerz an seinem Ohr half Chase dabei, seinen Geist gewissermaßen zu betäuben, so dass er weniger sensibel auf die Kräfte seines Gegners reagierte.
Die Cops feuerten aus allen Rohren.
Chase bekam ein paar Projektile in den Oberkörper, was ihn noch lauter aufbrüllen ließ.
Leroque hob die Hand.
Chase fühlte, wie eine gewaltige Kraft ihn erfasste und davon schleuderte.
Ohne, dass Chase etwas dagegen unternehmen konnte, wurde er durch das Fenster zur Straße geschleudert.
Sein Schrei verhallte.
Von unten war das Hupen mehrerer Fahrzeuge zu hören.
Der Graf erhob sich, wandte sich den schreckensbleichen Cops zu.
Er sah sie an, hob die Hände.
"Genau das sollte ich tun, oder?", lächelte er. "Eure Waffen!!"
Bereitwillig warfen die beiden Beamten ihm ihre Waffen zu.
Leroque fing sie auf. Er richtete sie auf die Officers und feuerte.
Blutüberströmt sanken die Polizisten zu Boden.
"Ich trinke nicht das Blut von jedermann!", war Leroques kühler Kommentar.
Er wandte sich in Richtung des zerstörten Fensters, durch das er Chase fortgeschleudert hatte. Für Leroques telekinetischen Fähigkeiten galt dasselbe wie für die Telepathie. Seine Kräfte in diesem Bereich waren erst vor einiger Zeit erwacht und so hatte er noch Schwierigkeiten damit, sie richtig zu dosieren.
Der Graf trat an das Fenster heran, blickte hinab.
Sein Gesicht verzog sich zu einer Grimasse.
*
Blech knackte. Chase kam mit dem Rücken auf dem Dach eines PKW auf. Wie ein Embryo hatte er sich während des Sturzes zusammengerollt.
Mehrere dumpfe Geräusche waren zu hören. Fahrzeuge prallten aufeinander.
Ein Hupkonzert erscholl.
Chase rollte sich auf dem Wagendach ab, stieg hinunter.
Das Dach hatte seinen Sturz erheblich abgedämpft. Trotzdem schmerzte ihn der Rücken. Chase stand auf dem Asphalt, blickte hinauf zu dem Fenster, aus dem er hinausgeschleudert worden war. Ich muss hier weg, dachte er. Diesmal kann ich Leroque nicht zur Strecke bringen. Aber die Stunde wird kommen! "Hey, was soll das, macht dir das Spaß? Aus Fenstern zu springen und Leute zu erschrecken?" rief der Fahrer des blauen Fords, auf dessen Dach Chase glücklicherweise gelandet war.
"Immer cool bleiben, Amigo!", erwiderte Chase etwas abwesend.
"Was heißt hier cool bleiben? Ich will, dass mir einer meinen Schaden bezahlt, verflucht noch mal..."
Chase streckte den Arm aus, erwischte den Typ mit der Rückhand. Der Kerl taumelte gegen seinen Wagen, sackte zusammen. Chase sah noch nicht einmal hin, sondern behielt das Fenster im Norstrilia im Auge.
"Hast du das gesehen?", rief jemand.
"Der Kerl ist aus dem Fenster gesprungen, ohne sich dabei etwas zu tun!"
"Und einen Schlag hat der drauf..."
Chase ging zwischen den Wagen hindurch.
Am Fenster sah er jetzt Leroques Gestalt.
Er wandte den Blick, auch wenn er bezweifelte, dass Leroques Kräfte auf diese Entfernung noch wirksam waren.
Passanten wichen Chase aus. Die Meisten von ihnen starrten ziemlich entgeistert entweder auf das blutige Hiebmesser in seiner Hand oder auf die Wunde, die einmal sein Ohr gewesen war.
"Hey, Billy, Vorsicht!", meinte jemand.
"Das ist ein Bekloppter!"
"Am besten nichts sagen!"
Die erste Runde war unentschieden!, überlegte Chase. Die Nächste geht an mich!
*
Chase erreichte die Tiefgarage des Empire State Building.
Seine Harley stellte er neben den Geländewagen vom Typ Hummer, den er immer dann benutzte, wenn er nicht allein unterwegs war.
Seine Laune war nicht besonders.
Der Kampf mit Leroque steckte ihm noch in den Knochen.
Offenbar setzte der Vampir-Herr von Philadelphia jetzt wirklich alles auf eine Karte und blies zum Großangriff auf Radvanyi und sein Gefolge.
Ein Geräusch ließ Chase zur Seite fahren.
Es klackte.
Blitzartig zischte etwas dicht an ihm vorbei, durchschlug anschließend die Seitenscheibe eines dunkelblauen Jaguars, der ein paar Parkplätze weiter abgestellt worden war.
Ein Holzpflock!, abgeschossen mit einer Spezial-Armbrust!
Chase wirbelte herum, duckte sich instinktiv.
Das nächste Holzgeschoss pfiff ihm millimeterdicht über das Haar.
Chase nahm hinter dem Hummer Deckung.
Für den Bruchteil eines Augenblicks hatte er eine Gestalt gesehen. Nicht mehr als einen Schattenriss.
Dann war da nur eine vage Bewegung.
In einem Teil des Tiefgaragendecks war das Licht offenbar defekt. Jenes etwas, dass soeben noch auf Chase gelauert hatte, war in den Schatten verschwunden.
Chase lauschte, vernahm ein Geräusch, das ihn an Flügelschlag erinnerte.
Habe ich es mir doch gedacht!, ging es ihm durch den Kopf.
Ein paar von den Fledermaus-Vampiren, die ihm in der Bronx entkommen waren, hatten offenbar noch nicht genug von ihm.
Okay, dachte Chase. Eine Abreibung könnt ihr gerne haben
--- auch wenn es eure letzte ist!
Chases Blick war vollkommen auf die Schattenzone konzentriert, in der die Beleuchtung defekt war.
Ein piepsender Laut ließ ihn herumfahren.
Etwa einem Meter über ihm schwebte eine übergroße Fledermaus heran.
Chase drehte sich herum, riss das Hiebmesser hervor, dessen Klinge immer noch Blut besudelt war.
Noch im Landeanflug verwandelte sich die Fledermaus in einen jener mit langen Ledermänteln angezogenen Vampire, denen er in der Bronx begegnet war.
In der Rechten hielt der Angreifer seine Einhand-Armbrust, die mit einem frischen Holzpflock bestückt war. Chase fragte sich, wie viele er davon wohl abzuschießen vermochte.
Schließlich bildete sein Gegner die Pflöcke letztlich aus seiner eigenen Körpersubstanz und verlor somit bei jedem Schuss ein bisschen davon.
Auch eine Art abzunehmen!, dachte Chase zynisch.
Der Fledermaus-Vampir schoss seinen Holzbolzen ab. Chase wich zur Seite. Der Bolzen verfehlte ihn. Chase schnellte vor und erwischte seinen Gegner mit der Klinge des Hiebmessers.
Blut spritzte. Ein quiekender Laut kam aus dem Fledermaus-Vampir heraus, der sich daraufhin teilweise zurückverwandelte. Er taumelte gegen eines der anderen Wagen.
Seine Gestalt gewann ihre Stabilität zurück. Er ließ die Einhand-Armbrust verschwinden. Sie verschmolz mit seiner Hand, die daraufhin etwas größer wirkte.
Dann griff er zu der Axt, die er in einem Rückenfutteral trug. Er riss die Waffe heraus, drehte sie in den Händen, so dass sie beinahe wie ein Propeller wirkte.
"Du hast einige von unseren Kumpels umgebracht, aber jetzt ist deine Stunde gekommen."
Im selben Moment vernahm Chase erneut Flügelschlagen.
Zwei weitere Fledermäuse setzten sich auf das Dach des blauen Jaguars.
Zweifellos die Gefährten von Chases Gegner. Sie behielten allerdings ihre Tiergestalt und wirkten beinahe so, als wollten sie sich den Verlauf des Kampfes als Zuschauer ansehen.
"Wie ich sehe, hast du deine Freunde mitgebracht!", knurrte Chase.
"Die Zahl deiner Freunde dürfte schon erheblich abgenommen haben, Kleiner!", erwiderte der Kerl mit dem langen Mantel, der Chase gegenüberstand. "Weil wir sie nämlich einen nach dem anderen vernichten..."
Dann stieß der Typ einen ohrenbetäubenden Kampfschrei aus und stürzte sich mit der doppelschneidigen Streitaxt in beiden Händen auf Chase.
Die Axt sauste nieder. Chase wich zur Seite.
Die Klinge fuhr in den Ledersitz des Hummers hinein, bis sie auf die Metallschale darunter traf.
Allerdings gelang es ihm nicht, die Waffe schnell genug wieder herauszuziehen.
Chase hieb mit dem Gurka-Messer zur Seite, durchtrennte nacheinander beide Unterarme seines Gegners. Er brüllte auf, hob die Stümpfe, aus denen das Blut bis zur Decke spritzte.
Dann hieb Chase noch einmal zu und ließ den Kopf vom Körper seines Gegners herunterkegeln.
Der Feldermaus-Vampir fiel in sich zusammen.
Ein furchtbarer, leicht süßlicher Verwesungsgeruch verbreitete sich und mischte sich mit den sonst hier üblichen Benzolgerüchen.
Chase stürzte auf die beiden Anderen zu, die sich augenblicklich verwandelten.
Einer von ihnen schoss seine Ein-Hand-Armbrust ab.
Der Holzpflock traf Chase im Bauch, drang bis zur Hälfte ein und bohrte sich schmerzhaft in die Gedärme. "Scheiße!", schrie die Nummer zwei der New Yorker Vampire auf.
"Pech für dich, dass mein Kumpel so ein lausiger Schütze ist!", meinte der andere Fledermaus-Vampir. "So musst du noch etwas länger leiden!"
Chase taumelte zurück, riss sich den Pflock aus dem Leib.
"Das Herz! So ein Ding gehört ins Herz und nicht in die Gedärme!", hörte er einen der beiden Fledermaus-Vampire herumgreinen. Der Andere kicherte.
Chase wurde übel.
Alles drehte sich vor seinen Augen.
Schwindel erfasste ihn. Du hast in letzter Zeit auch ganz schön was einstecken müssen!, ging es ihm durch den Kopf.
Der zweite Fledermaus-Vampir hatte keine Armbrust. Er griff zum Gürtel und schleuderte aus dem Handgelenk heraus einen Wurfstern. Chase hatte schon reichlich Erfahrung mit diesen Dingern. Sie konnten ziemlich fiese Schmerzen verursachen, wenn sie einen an der richtigen Stelle erwischten.
Chases Gegner war glücklicherweise kein allzu guter Werfer.
Der Wurfstern ging daneben, ratschte am Lack des Hummer vorbei.
Chase knurrte wütend.
Er versuchte, durch pure Willenskraft, seinen Bauch wieder einigermaßen in Ordnung zu bekommen, denn wenn der nächste Angriff der Beiden kam, musste er fit sein. Zumindest soweit, dass er ihnen etwas entgegensetzen konnte.
Der Fledermaus-Vampire mit der Einhand-Armbrust griff in das Lederfutteral, das ihm vom Gürtel hing. "Hey, man so ein Mist!"
"Was ist denn los?", fragte der Andere.
"Kein Pflock mehr!"
"Pech für dich! Da wirst du wohl einen Finger oder so etwas opfern müssen."
"Mann, das dauert bei mir 'ne Woche, bis der nachgewachsen ist!"
"Mehr trinken, Kumpel! Das bringt's echt!"
Der Fledermaus-Vampir mit der Einhand-Armbrust hob seinen linken Zeigefinger. Dieser veränderte sich, wurde zu einem Holzbolzen. Er knickte ihn einfach ab. Es gab keine Wunde.
Dann legte er ihn in die Einhand-Armbrust ein.
Chase hatte sich inzwischen einigermaßen erholt. Zumindest so weit, dass er wieder klar denken konnte.
Er blickte sich um.
Die einzige Fernwaffe, die sich in seiner Reichweite befand war...,
...seine Harley!
Kurz entschlossen packte Chase sie. Der Bauch schmerzte dabei höllisch, weil er die Muskeln anspannen musste. Die Maschine flog durch die Luft. Der Holzpflock, den sein Gegner abgeschossen hatte, prallte wirkungslos daran ab.
Der Fledermaus-Vampir schrie laut auf, als die Harley ihn mit voller Wucht erwischte und gegen den blauen Jaguar quetschte.
Zumindest für kurze Zeit war der Kerl außer Gefecht.
Der Zweite nahm die Axt vom Rücken und schwang sie herum.
Chase trat auf ihn zu. Mit der Linken hielt er sich den Bauch, die Rechte umklammerte das Hiebmesser.
Die Nummer zwei der New Yorker Vampire zögerte nicht länger. Jetzt alles auf eine Karte!, dachte Chase. Bevor der Andere es schafft, unter der Harley hervorzukommen!
Chase wich einem Schlag der Axt aus, die sein Gegner mit leichter Hand kreisen ließ.
Immer wieder schnellte die doppelschneidige Waffe durch die Luft, senste wie ein scharfes Henkerbeil nur Zentimeter an seinem Kopf vorbei.
"Wer hat dir denn dein Ohr so zugerichtet?", fragte der Axtschwinger. Er kicherte dabei. "Na, dann hast du ja einen Vorgeschmack auf das, was gleich mit dir passiert!"
"In Philadelphia scheint man eine besondere Vorliebe für Geschnetzeltes zu haben!", erwiderte Chase düster.
"Chacun á son goût!"
"Ach - kriegt ihr jetzt alle kostenlose Französisch-Kurse, seit Leroque dort die große Nummer spielt?"
Der Fledermaus-Vampir versuchte einen erneuten Ausfall mit seiner Axt. Aber Chase wich aus. Das Metall schlug Funken sprühend auf den Asphalt. Ein Hieb, der Chase ansonsten von oben bis unten gespalten hätte.
Chase ließ seinen Stiefel hochschnellen. Er erwischte seinen Gegner mit voller Wucht am Kiefer. Eigentlich war das gar nicht beabsichtigt gewesen, aber die Wirkung war okay.
Der Fledermaus-Vampir schrie auf. Das Blut schoss ihm aus Nase und Mund. Den Augenblick der Verwirrung nutzte Chase eiskalt aus.
Ein Hieb und der Kopf seines Gegners saß nicht mehr zwischen den Schultern.
Chase achtete nicht weiter auf den in sich zusammenfallenden Körper.
Er wandte sich dem letzten der Fledermaus-Vampire zu.
Der Wurf mit der Harley hatte ihn böse erwischt. Er kam langsam wieder zu sich.
Ein Abdruck seines Schädels war in das Blech des blauen Jaguars hineingedrückt worden.
Der Fledermaus-Vampir sah zu Chase auf.
"Und keiner denkt daran, wie ich die Maschine wieder blank kriege!", murmelte Chase und säbelte auch diesem Gegner den Kopf zwischen den Schultern weg.
*
"Die Lage ist wirklich ernst!", murmelte Franz Fürst von Radvanyi mit nachdenklichem Gesichtsausdruck, nachdem er sich Chase Bericht angehört hatte.
Chase hatte sofort nach dem Kampf in der Tiefgarage das Büro des Fürsten aufgesucht. Sein Äußeres war dementsprechend.
Der Fürst hatte allerdings über das mit Kampfspuren übersäte Outfit kein einziges Wort verloren.
Nur Petra Brunstein, die ebenfalls anwesend war, hatte die Nase gerümpft. Aber in Anwesenheit des Fürsten hütete sie sich, auch nur einen einzigen Ton dazu zu sagen.
Zumindest im Augenblick wollte sie sich auf keinen Fall in die Schusslinie bringen.
"Es ist ihr erklärtes Ziel, Sie aus dem Weg zu räumen, Fürst. Und sie werden Ihre Herrschaft weiter Stück für Stück untergraben, bis alles wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt..."
Der Fürst ging unruhig auf und ab.
Die linke Hand ruhte dabei auf dem Rücken. Mit der Rechten rieb er sich die Nasenflügel. Dann deutete er auf einen der Computerschirme, die zu dem ultramodernen Equipment gehörten, mit dem sein Büro ausgestattet war.
"Chase, ich sage es ungern, aber die Situation steht kurz davor, uns zu entgleiten! Rick McMasters, ein wichtiger Drogendealer in Lower Manhattan, der außerdem einen Teil der Bekleidungsindustrie im Garmont District unter seinen Fittichen hat, ist plötzlich nicht für mich zu sprechen!"
"Sie meinen, er ist übergelaufen!"
"Natürlich! Ein lukratives Angebot und sie gehen einem von der Fahne, wenn man nicht aufpasst! Im Grunde ist das nichts besonderes, aber in dieser Häufung bringt es uns an den Rand des Abgrunds. Ich könnte dir Dutzende von Fällen aufzählen, allein aus dieser Nacht. Jack Petronello, der Polizeichef von Brooklyn ist ermordet worden. So geschickt, dass selbst das FBI an einen natürlichen Tod glaubt, wie ich den Meldungen entnehmen muss, die bei mir eintreffen! Damit verlieren wir vielleicht kurzfristig die Kontrolle über einen erheblichen Teil der Polizei!"
Der Fürst hielt inne.
So nervös hatte Chase ihn noch nie erlebt.
Nicht in den letzten drei Jahren, in denen Chase sein Stellvertreter gewesen war und auch nicht davor.
Er machte eine ruckartige Bewegung "Du musst Leroque finden, Chase!"
"Ja, Herr."
"Er ist der Schlüssel zu allem. Er kennt New York wie seine Westentasche. Und nicht nur das! Er kennt auch meine Organisation bis in den letzten Winkel."
"Sie vergessen, dass Comte Leroque in den letzten drei Jahren nicht mehr in New York City weilte, Fürst!", mischte sich jetzt Petra Brunstein in das Gespräch ein.
Der Fürst wandte sich zu ihr herum, hob fragend die Augenbrauen.
"Glaubst du wirklich, Petra, dass er sich an mein Verbot, den Boden New Yorks zu betreten, gehalten hat?"
"Sie wüssten davon, wenn es anders wäre!", gab sie zu bedenken.
Der Fürst schüttelte den Kopf. "Es spielt keine Rolle!", war er überzeugt. "Nur ein verschwindend geringer Teil meines verzweigten Imperiums entstand nach seinem Weggang. Selbst wenn er diesen Teil nicht kennt, ist Leroque ein gut informierter Mann, der genau weiß, wo er ansetzen muss, um mir nachhaltig zu schaden."
Franz von Radvanyi musterte Petra einige Augenblicke lang nachdenklich.
"Ihr scheint euch immer noch dem Schicksal dieses französischen Grafen sehr nahe zu fühlen..."
"Ich..."
Eine Handbewegung des Fürsten brachte Petra zum schweigen.
Chase grinste.
Er genoss es, Petra Brunstein in einer derartig demütigen Haltung zu sehen.
Petra wiederum versuche ihre aufkeimenden Emotionen unter Kontrolle zu halten und ihren Geist so gut es ging abzuschirmen. Wenn Radvanyi es wollte, konnte er mental in ihr Bewusstsein eindringen. Es gab keine Geheimnisse für den Fürst. Aber das setzte voraus, dass Radvanyi einen Verdacht schöpfte. Niemand durchsucht einen Heuhaufen, wenn er nicht wenigstens einen Verdacht hat, dass sich dort die Stecknadel befinden könnte!, dachte Petra. Also versuchte sie, sich möglichst unverdächtig zu benehmen.
Jeden Gedanken an die letzten Begegnungen mit ihrem geliebten Grafen Leroque musste sie unter allen Umständen unterdrücken. Nichts davon durfte an die Oberfläche ihres Bewusstseins gelangen. Sonst war sie geliefert. Die Rache des Fürsten war gnadenlos, das hatte sie nicht nur einmal mit ansehen müssen.
Sie versuchte ihrem Antlitz einen gleichmütig wirkenden Gesichtsausdruck zu geben. "Vielleicht wäre es dir möglich, ihn aufzuspüren, Petra... Dass es dich eine gewisse Überwindung kosten würde, deinen Erzeuger dem Tod zu überantworten, ist mir durchaus verständlich."
"Ja, Herr."
"Offenbar verlangen Sie zuviel von ihr, Fürst!", meinte Chase schneidend. "Für Sie sind Empfänge, Vernissagen und das Geseire irgendwelcher Kritiker wichtiger als das unser aller Überleben!"
"Das ist nicht wahr!", protestierte Petra.
Der Fürst hob die Hand.
Er ist nicht eingeschritten, als Chase das sagte!, ging es Petra durch den Kopf. Allein das war wohl schon eine Warnung...
"Schicken Sie mich nach Philadelphia, Herr!", forderte Petra.
"Warum das?"
"In diplomatischer Mission. Ich werde verlangen, dass man mir einen gleichrangigen Partner gegenübersetzt."
"Und so wirst du zwangsläufig auf Leroque treffen!"
"Ja, das ist zu vermuten."
"Ein guter Plan!", meinte der Fürst.
"Wird nur ein bisschen schwierig, ihn bei diesem Besuch abzumurksen", ergänzte Chase. "Schließlich sind wir da auf dem Gebiet des Gegners."
Petra schluckte. "Ich..."
"Du hattest wirklich an eine diplomatische Mission gedacht, ich weiß", lächelte der Fürst. "Aber wir denken an etwas anderes, wie dir jetzt wohl klar sein dürfte."
"Ja, Herr."
"Jeder ist durch die Besonderheiten seiner Profession gefangen, Petra. Das geht nicht nur dir so...", murmelte der Fürst, während sich sein Blick mit dem Petras traf.
Wie viel weiß er?, ging es ihr durch den Kopf. Eine düstere Ahnung gab ihr die Antwort ein:
Alles!
*
Vergangenheit: 1953
Das Atelier war erfüllt von künstlichem Licht. Es handelte sich um eine umgebaute Lagerhalle. Leroque hatte sie für Petra angemietet.
Wie besessen hatte sie in den letzten Nächten gemalt.
Manchmal vom Sonnenuntergang bis zum Sonnenaufgang, wenn der eigenartige, komaähnliche Schlafzustand sie überfiel, der die meisten Vampire tagsüber heimsuchte. Nie zuvor war ihr Schaffensdrang größer gewesen. Sie hatte das Gefühl, dass ihre Kräfte um ein Vielfaches gewachsen waren. Auch ihr künstlerisches Vermögen, ihre Kreativität.
"Beinahe bereue ich es schon, dir dieses Atelier eingerichtet zu haben, mon amour", sagte Leroque, als er den sehr hohen Raum betrat, dessen Wände mit Petras letzten Werken behängt waren.
Petra zuckte zusammen.
Sie hatte den Grafen nicht kommen hören.
"Pardon, aber ich wollte dich keinesfalls in deinem kreativen Prozess stören, ma cherie!", setzte Leroque anschließend auf seine höfliche Art hinzu, hinter der er die kalte Grausamkeit, zu der er ebenfalls fähig war, nahezu perfekt zu verbergen wusste.
"Du hattest Unrecht, als du behauptest hast, dass mein Interesse an der Kunst nachlassen würde, sobald ich eine Vampirin geworden bin!"
"Es war eine Hypothese!"
"Die mir widerlegt scheint, Jean!"
Er zuckte die Achseln und ließ dabei den Blick an Petras Werken der jüngsten Zeit entlang schweifen. Der Geruch von Ölfarbe hing in der Luft.
"Warten wir es ab", meinte er. "Noch ist nicht aller Tage Abend."
"Für uns schon, Jean. Für uns schon."
Er sah sie fragend an.
"Höre ich da eine petite depression zwischen den Zeilen heraus, mon amour?"
"Non", flüsterte sie.
"Was geschehen ist, hast du selbst gewollt."
"Ja, das habe ich."
"Ich frage nicht jeden, den ich zum Vampir mache."
"Waren es viele?"
"Nicht allzu viele. Hin und wieder habe ich dafür gesorgt, dass jemand in unsere Reihen aufgenommen wurde. Aber das sollte man nicht zu oft tun. Wenn wir zu zahlreich werden, ist es unmöglich, die Menschen aus dem Hintergrund heraus zu beherrschen. Es würde zwangsläufig zum offenen Konflikt kommen."
"...in dem die Sterblichen keinerlei Chancen hätten, den Krieg für sich zu entscheiden, nest-ce pas?"
"Das würde ich nicht sagen. Sie mögen primitiv, schwach und vor allem sehr kurzlebig sein, was jegliche form strategischen Denkens nachhaltig erschwert. Wie auch immer, die Situation ist so wie sie ist für uns am günstigsten."
"Wenn du das sagst, mit deiner Erfahrung von Jahrhunderten, dann wird es schon stimmen."
Leroque deutete mit weit ausholender Geste auf Petras Gemälde.
"Der Sonnenaufgang zählte, soweit ich mich erinnere, früher nicht zu deinen bevorzugten Motiven", stellte der Graf fest.
"Nein, das ist erst so, seit ich ihn nicht mehr erlebe."
"Alors, je comprends très bien."
"Wahrscheinlich vergisst man diese Dinge im Laufe der Jahrhunderte."
"Ganz sicher." Der Graf machte eine Pause, trat von hinten an Petra heran, strich ihr über den Nacken und erinnerte sich mit etwas Wehmut an die Zeiten, da er noch ihr Blut genossen hatte. "Du solltest mehr trinken, cherie. Dein Teint verrät, dass du in letzter Zeit deinen toten Körper mehr als vernachlässigt hast." Der Graf entblößte kurz seine Vampirzähne. "Unsereins muss darauf achten, nicht das Leben eines Einsiedlers zu beginnen, sondern regelmäßig unter Leute zu gehen."
"Ich habe die Zeit vergessen."
"Lass nicht zu, dass die Kunst dich aussaugt, ohne dass du selbst ab und zu auch mal an der Reihe bist, mon amour. Heute Abend ist übrigens eine günstige Gelegenheit. Im Sartory-Hotel an der Eighth Avenue findet ein Kostümball im Stil des venezianischen Karnevals statt. Trés exqusit, kann ich dir sagen. Und etwa neunzig Prozent der geladenen Gäste sind appetitliche Sterbliche, an denen man seinen Blutdurst stillen kann."
"Ich weiß nicht..."
"Sonnenuntergänge kannst du noch eine Ewigkeit lang malen."
Sie lächelte.
"Sterbliche aussaugen auch!", gab sie zu bedenken.
"Touché, mon amour. Vorausgesetzt, du bist nicht vorher verdurstet."
"Keine Sorge!"
"Aber ich möchte nicht nur aus Besorgnis um deine Gesundheit, dass du mich auf dieses Fest begleitest. Es gibt jemanden, der sehr mächtig ist, und der sich für dich interessiert."
"Für mich?"
Petra ließ den Pinsel und die Palette sinken, legte sie schließlich auf einem nahe gelegenen Tisch ab und wischte an dem abgelegten Hemd entlang, dass sie über ihre Sachen gezogen hatte. "Kenne ich diesen wichtigen Typ?"
"Sprich so niemals in seiner Gegenwart, Petra. Nicht so respektlos!" Leroques Blick war plötzlich von einem eigenartigen Ernst geprägt, der Petra leicht verwirrte. In etwas gedämpfterem Tonfall fuhr der Graf schließlich fort:
"Nein, du kennst ihn nicht, Petra. Niemand kennt ihn. Er regiert diese Stadt aus dem Verborgenen heraus."
"Ein Vampir."
"Der Herr aller Vampire New Yorks. Ich habe ihm von dir erzählt. Und er möchte dich kennenlernen."
Petra zuckte die Achseln.
"Warum nicht?"
*
Der Ballsaal des Sartory-Hotels in der Eighth Avenue war im Stil des venezianischen Rokoko dekoriert. Dasselbe galt auch für die Kostüme der Gäste. Es herrschte Kostümzwang, sodass eine exotische Kulisse entstand. Überall sah man Frauen in weiten Reifröcken und geschnürten Miedern. Dazu wurden aufwendig toupierte Perücken getragen. Die Männer waren in Kniebundhosen und Gehröcken gekleidet. Auch sie trugen zumeist gepuderte Perücken. Nur wenige, deren Haarpracht dazu lang genug war, hatten es einfach zu einem Pferdeschwanz zusammengefasst.
Mehrere Broadway-Theater mussten ihren kompletten Kostümfundus für diese exklusive Feier ausgeliehen haben.
Vielen der Gäste war die Teilnahme an diesem ganz besonderen Ball allerdings so viel wert gewesen, dass sie sich ihr Kostüm hatten maßschneidern lassen.
Hier und da waren Masken im Stil des venezianischen Karnevals zu sehen. Das ebenfalls kostümierte Kammerorchester spielte ein Menuett.
Von ein paar Armbanduhren und einigen etwas zu modernen Brillen einmal abgesehen, hätte man tatsächlich glauben können, sich im Venedig des 18. Jahrhunderts zu befinden.
"Na, habe ich dir zuviel versprochen?", fragte Comte Jean-Aristide Leroque seine dunkelhaarige Begleiterin im tief ausgeschnittenen Rokoko-Kleid.
Petra lächelte.
"Nein, es war eine gute Idee, hier her zu kommen."
"Wenn du zwischendurch ein paar appetitliche Venen siehst -
nur zu! Sei völlig ungeniert!"
"Oh, keine Sorge!"
"Dann bin ich ja beruhigt."
Die Reihe der wichtigen Persönlichkeiten, die Petra vorgestellt wurden, war lang, und es war unmöglich, sich alle Namen zu merken. Offizielle Würdenträger der Stadt waren ebenso darunter wie Wirtschaftsmagnaten und Leute, die im Verdacht standen, mit der Unterwelt in Kontakt zu stehen.
Hin und wieder mischten sich auch ein paar Stars und Sternchen dazwischen.
"Darf ich vorstellen, mon amour? Le Fürst de Radvanyi!", stellte Leroque dann irgendwann einen blassgesichtigen Mann mit langem, bis auf die Schultern herabfallenden silberdurchwirkten Haar vor. Sein schlichter dunkelroter Gehrock fiel gegenüber den Kostümen der anderen Gäste beinahe ein bisschen ab. Aber er bewegte sich in der Kleidung des 18.
Jahrhunderts mit einer Selbstverständlichkeit, die nur jemand an den Tag legen konnte, der an das Tragen dieser Sachen gewöhnt war.
Fürst von Radvanyi betrachtete Petra einige Augenblicke lang. Eine Aura der Macht umgab diesen Mann. Petra konnte sie deutlich spüren. Radvanyis Blick schien sie regelrecht zu durchbohren.
"Comte Leroque hat mir schon einiges über dich erzählt, Petra...", sagte er dann mit sonorer Stimme.
"Wie soll ich Sie anreden? Mit 'Durchlaucht'...?"
"Sag einfach 'Herr' zu mir, Petra!" Ein flüchtiges Lächeln huschte über das Gesicht des Fürsten. "Das trifft es am genauesten!"
Sie nickte nur, konnte kein weiteres Wort herausbringen.
"Ich habe viel mit dir vor, Petra", fuhr der Fürst inzwischen fort. "In dir schlummern besondere Fähigkeiten.
Fähigkeiten, die mir noch sehr von Nutzen sein werden..."
Etwas ruckartig wandte Radvanyi dann den Kopf, richtete den Blick auf Leroque.
Ein spöttischer Zug spielte jetzt um seine Mundwinkel herum.
"So eben meinte ein sterblicher Narr zu mir, dass mein Gewand nicht der Historie entspräche!"
"Sie haben diesen Narren sicher überzeugt, Herr!"
"Gewiss!" Er nahm das Revers seines Gehrocks zwischen Daumen und Zeigefinger. "Das hat man nun davon, dass man so ein gutes Stück über Jahrhunderte hinweg gegen die Motten verteidigt!"
Petra studierte aufmerksam Radvanyis Gesicht.
Bilde dir bloß nicht ein, dass ich dich bis in alle Ewigkeit 'Herr' nennen werde!, ging es ihr durch den Kopf.
Die ruckartige Bewegung, die der Fürst jetzt mit seinem Kopf vollführte, ließ Petra zusammenzucken. Eine Veränderung war in Radvanyis Gesicht vor sich gegangen. Der Ausdruck von mildem Spott war verschwunden und hatte einer Eiseskälte platzgemacht, die Petra bis ins Mark erschaudern ließ.
Als ob er wüsste, was ich gedacht habe!, durchzuckte es sie.
*
Gegenwart...
"...und eben darum hat Petra Brunstein längst ihren Platz im Pantheon der zeitgenössischen Kunst errungen", sagte Homer F. Jespers mit wichtiger Miene. Petra hatte ihn gebeten, bei der Eröffnung einer Werkschau, die sich mit den Bildern ihrer postmodernen Phase der 90er Jahre beschäftigte, die Eröffnungsrede zu halten.
Selbstverständlich hatte Homer F. Jespers dies nicht ablehnen können.
Petra erinnerte sich noch gut an den stumpfsinnigen Gesichtsausdruck, mit dem er diese Pflicht auf sich genommen hatte.
Während sie mit dem obligatorischen Champagnerglas in der Hand dastand und Jespers schönen Worten zuhörte, stieg eine Erinnerung in ihr auf.
"Niemand von uns verachtet die Sterblichen so sehr wie du, Petra!", hatte Jean-Aristide Leroque einmal zu ihr gesagt.
Sie hatte ihn verwundert angesehen.
"Und das muss ich mir von jemandem sagen lassen, für den Sterbliche im Grunde seit mehr als zweihundert Jahren nichts weiter als lebende Blutkonserven oder manipulierbare Marionetten sind?"
"Als ich noch ein Sterblicher war, habe ich für mein Leben gern Wein getrunken. Mir wäre aber nie in den Sinn gekommen, die Flaschen, in denen sie gelagert wurden, zu verachten."
"Ein schlechter Vergleich, Jean!"
"Ich will dich nur warnen. Man neigt dazu, jemanden zu unterschätzen, den man verachtet!"
"Warst du es nicht, der mir sagte, dass man für die Ewigkeit interessantes Spielzeug braucht?"
"Mais oui!"
"Ich kann mir kein interessanteres Spielzeug denken, als die Sterblichen. Vielleicht hattest du sogar Recht. Die Kunst wird mich nicht auf Dauer ausfüllen... Möglicherweise spielt sie mit den Jahren eine immer kleiner werdende Rolle in meinem Leben."
"Wie ich prophezeit habe, ma chère!"
Von einer Sekunde zur anderen war dieses Flashback in die Vergangenheit beendet. Petra erstarrte förmlich, als sie zwischen den gut gekleideten Gästen der Ausstellungseröffnung einen grauhaarigen Mann in den mittleren Jahren sah. Er besaß eine ziemlich große Nase und einen sehr kurzen Hals. Was macht dieser hässliche Zwerg denn hier!, durchzuckte es Petra.
Sie wusste, wer er war.
Er hieß Roger und wie sie gehört hatte, führte er für den Fürst hin und wieder Spezialaufträge aus. In seinem sterblichen Leben war er wohl so etwas wie ein Schnüffler gewesen. Erst für die Polizei, dann als Private Investigator und schließlich - nach dem Bankrott seiner Detektei - für eine Versicherungsgesellschaft. Vor knapp zehn Jahren hatte Fürst von Radvanyi diesem wieselartigen Mann das ewige Leben gegeben. Was er damit für Pläne verfolgte, wusste nur der Fürst selbst.
Sie waren sich einmal kurz im Vorzimmer des Fürsten begegnet.
Dieser Kerl ist meinetwegen hier!, wurde es der Vampirin sofort klar. Radvanyi hat ihn mir an die Fersen geheftet, um mich zu beschatten.
Roger starrte Petra ziemlich ungeniert an.
Das triumphierende Grinsen in seinem Gesicht gefiel ihr nicht.
Eine unverhohlene Warnung des Fürsten!, überlegte sie. Denn natürlich musste es Radvanyi klar sein, dass sie bescheid wusste, sobald sie Roger auf der Vernissage auftauchen sah.
Homer F. Jespers hatte seine Rede inzwischen beendet.
Ein Beifall der Erleichterung brandete auf. Die meisten Gäste waren wohl ohnehin des reichlichen Kaviarangebotes wegen gekommen, und nicht um sich Jespers' Laudatio anzuhören.
Petra musste einige Glückwünsche entgegennehmen. Ein halbes Dutzend Hände hatte sie zu schütteln, ehe sie sich endlich um Roger kümmern konnte. Sie erreichte ihn bei der Champagner-Bar.
"Roger!!", zischte Petra. Der zwergenhafte Vampir drehte sich herum. Er reichte Petra kaum bis zur Schulter. Sie sah verächtlich auf ihn herab. "Sind zerknitterte Jacketts mal wieder in oder ist einfach nur zu eng in dem gebrauchten Zinksarg, den Sie Ihr Zuhause nennen, Roger!"
"Kennen wir uns?", fragte er. Roger grinste. "Scherz bei Seite. Der Fürst bat mich, etwas auf Sie aufzupassen!"
"Ach, was Sie nicht sagen!"
Innerlich kochte Petra.
Radvanyi wollte, dass wir uns treffen!, ging es ihr durch den Kopf. Er will, dass ich nervös werde und einen Fehler mache... Aber den Gefallen werde ich ihm nicht tun!
"Der Fürst ist sehr in Sorge um Sie, Petra!"
"Der Fürst sollte sich lieber um seine eigene Existenz sorgen, Roger!"
"Vielleicht äußern Sie diese Ansicht mal ihm selbst gegenüber! Sofern Sie den Mut dazu haben!" Er grinste breit, blickte dabei auf die Kaviar-Häppchen. "Wie gerne habe ich diese Dinger da früher in mich hineingeschlungen!" Er zuckte die Achseln. "Man muss eben auch Opfer bringen..."
"Vielleicht färbt ja etwas an echtem Kultursinn auf Sie ab, wenn Sie mich lange genug verfolgen, Roger!"
"Da lasse ich es gerne drauf ankommen!"
"Wie auch immer. Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen bei Ihrer Beschattung."
"Ich denke, es erübrigt sich, dass ich dem Fürst Grüße von Ihnen ausrichte, Petra. Schließlich sehen Sie ihn ja öfter als ich."
Am liebsten hätte Petra diesen Schnüffler-Zwerg mit einem intensiven Blick ihrer dunklen Augen dazu gezwungen, sich selbst umzubringen. Aber sie konnte sich beherrschen. Wenn etwas Derartiges geschah, würde der Fürst sofort Verdacht schöpfen. Und das musste sie vermeiden.
"Au revoir!", murmelte sie.
"Komisch, aus Ihrem Mund klingt das wie eine Drohung."
"Verstehen Sie's wie Sie wollen, Roger!"
Mit diesen Worten hob sie das Kinn und ging davon. Schon nach wenigen Augenblicken war sie umringt von Journalisten, Kunstkritikern, Galeristen und anderen Profis des Kunst-Marktes, die sich auf Veranstaltungen wie dieser nur so tummelten.
*
Zwei Nächte später...
Die Freiheitsstatue schimmerte im Mondlicht, hielt ihre Fackel drohend empor, als würde es sich um eine Waffe handeln.
Petra Brunstein hatte sich von einem Taxi zu einem der Parkplätze an der Südspitze Manhattans bringen lassen, von wo aus man selbst bei schlechtem Wetter bis Liberty Island sehen konnte. Fernrohre, in die man eine Münze werfen musste, um durch sie etwas sehen zu können, wurden tagsüber von den Touristen stark frequentiert. Ganz in der Nähe befand sich auch eine jener Anlegestellen, von denen aus Fähren nach Liberty Island unterwegs waren.
Petra trug nichts weiter, als ein dünnes, seidenes Kleid mit Spaghetti-Trägern. Ihre Schultern und ein großer Teil des Rückens blieben frei. Vom Wasser her wehte ein kühler Wind.
Aber Petra machte er trotz ihrer dünnen Bekleidung nichts aus.
Nicht mehr sterben zu können war eben nicht der einzige Vorteil, der sich für jene ergab, die bereits tot waren.
Petra blickte kurz auf die zierliche Uhr an ihrem Handgelenk. Silbern glänzte sie im Mondlicht.
Jean, warum bist du nicht hier?, ging es ihr durch den Kopf. Was ist geschehen?
Sie ließ den Blick über die nahen Büsche schweifen, die bereits zu den weiträumigen Gartenanlagen des Battery Park gehörten. Schatten tanzten zwischen den Sträuchern. Petra hatte einiges an Vorsichtsmaßnahmen unternommen, um mögliche Verfolger abzuschütteln. Eine kleine Odyssee durch die Stadt.
Sie hatte mehrfach das Taxi gewechselt, war ein Stück in der Subway gefahren, um dann erneut einen Cab Driver anzusprechen. Von dem Schatten namens Roger, den Fürst von Radvanyi an ihre Fersen geheftet hatte, war nirgends etwas zu sehen gewesen.
Endlich fuhr eine dunkle Limousine vom nahe gelegenen Expressway ab.
Jean!
Sie war sich sicher, dass es Leroques Wagen war.
Die Limousine hielt.
Eine Tür öffnete sich.
Jean-Aristide Leroque stieg aus, ging auf Petra zu.
Die attraktive Vampirin schlang die Arme um seinen Hals.
"Jean!"
"Mon amour! Qu'est-ce que c'est passé?"
"Ich muss dich warnen, Jean. Radvanyi, diese mottenzerfressene Mumie, will dir eine Falle stellen!"
Ein überlegenes Lächeln flog über Leroques Gesicht. "Das wäre nicht das erste Mal, cherie!"
"Ihm ist vollkommen klar, welch herausragende Rolle du bei dem Angriff aus Philadelphia spielst!"
"Mais oui! Ich hoffe es! Er soll wissen, dass ich es bin, der ihn letztlich stürzen wird! Jeden Schritt auf dem Weg bis dahin werde ich genießen!"
Petra nestelte am Revers seiner Smoking-Jacke herum. "Hör mir jetzt zu!", forderte sie. "Der Fürst startet so etwas wie eine diplomatische Initiative. Er versucht jetzt schon seit einigen Nächten Kontakt mit Magnus von Björndal zu bekommen."
"Aber in Philadelphia stellt man sich taub!" Leroque lachte. "Warum sollte mein Herr und Meister sich auch auf Verhandlungen einlassen, wenn es doch viel einfacher und effektiver erscheint, Radvanyi aus dem Weg zu räumen."
"Früher oder später wird Radvanyi ein Verhandlungsangebot machen, dass einfach zu verlockend ist, als dass Magnus von Björndal nicht darauf eingeht. Radvanyi wird einen Ort vorschlagen, an dem sich die Abgesandten beider Seiten treffen. Ich werde für ihn sprechen und der Fürst wird verlangen, dass ein zumindest gleichrangiger Verhandlungspartner auf der anderen Seite vorhanden ist..."
Leroque hob die Augenbrauen.
"Das liefe auf mich hinaus!"
"So ist es. Aber Radvanyi denkt in Wahrheit nicht daran, seine Niederlage einzugestehen und durch Verhandlungen irgend etwas für sich zu retten."
"Ach, nein? Ich hatte ihn für klüger gehalten. Bon, die Weisheit von dreihundert Jahren ist eben auch keine Garantie für eine überlegte Vorgehensweise! Zumindest nicht, wenn es um die Existenz geht!" Leroque kicherte. "Im wahrsten Sinn des Worts!"
"Dieses ganze Manöver hat nur einen Grund! Radvanyi will dir eine Falle stellen, Jean! Du darfst dich auf keinen Fall darauf einlassen. Chase und ein paar andere Getreue des Fürsten werden am Verhandlungsort auf dich lauern und dafür sorgen, dass du vernichtet wirst. Radvanyi glaubt wohl, dass er sich anschließend mit Magnus von Björndal leichter einigen kann..."
Leroque ballte die Hände zu Fäusten.
"Dieser Teufel!", zischte er.
"Man darf die Mumie nicht unterschätzen!", sagte Petra zu ihm.
"Allerdings..." Er überlegte einige Augenblicke lang. Dann machte er eine ruckartige Bewegung mit dem Kopf. "Auf wessen Mist ist diese Idee gewachsen? Hatte Chase da seine Finger im Spiel? Diese Ratte..."
"Chase? Der wird nur das ausführende Organ sein."
Leroque nickte leicht.
Schließlich entschied er: "Ich WERDE mich auf diese Sache einlassen, Petra. Es soll alles so geschehen, wie sich das die Scheintoten im Empire State Building ausgedacht haben!
Aber ich werde dafür sorgen, dass keine Falle für mich daraus wird - sondern für Chase! Und dann werden wir ja mal sehen, wozu unser guter Fürst ohne sein 'ausführendes Organ' noch im Stande ist!" Er sah Petra mit großem Ernst an. "Du wirst meine wichtigste Bundesgenossin bei diesem Plan sein!", erklärte er dann mit einem fast feierlichen Unterton.
"Ja!", flüsterte sie.
*
Petra sah einen Augenblick lang Leroques Limousine nach, verfolgte mit dem Blick, wie der Wagen die Auffahrt zum Expressway hinauffuhr und sich in den Verkehr einfädelte.
Schade, dass ich das Gesicht des Fürsten nicht sehen werde, wenn er von Chases Ende erfährt!, dachte Petra. Es wäre ihr einiges wert gewesen, dies mitzuerleben. Nie hatte sie verstanden, weswegen der Herr der New Yorker Vampire ihr diesen dahergelaufenen Proleten als Vize-Chef vorgezogen hatte. Nicht einmal halb so alt wie sie war er!
Ihre Entscheidung wird sich vielleicht schon sehr bald rächen, Fürst!, ging es ihr durch den Kopf.
Ein Geräusch ließ sie zusammenzucken.
Sie blickte in Richtung der nahen Büsche. Eine dunkle Gestalt hob sich dort für einige Sekundenbruchteile ab.
Eisiger Schrecken erfasste Petra.
Sie war beobachtet worden.
"Bleib stehen!!"
Ihre Stimme klang dünn und für sie selbst erschreckend schwach in dieser kalten New Yorker Nacht.
Aber ihr heiserer Ruf verfehlte trotz allem nicht seine Wirkung.
Die Gestalt blieb stehen.
Petra näherte sich ihr.
Ihre Gesichtszüge entkrampften sich deutlich, als sie im fahlen Mondlicht das Gesicht des Unbekannten sah.
"Roger!", stieß sie mit leisem Spott in der Stimme hervor.
"Der Laufbursche des Fürsten! Sieh an..."
Roger stand vollkommen starr da.
Petra erlaubte es ihm nicht, auch nur mit der Wimper zu zucken. Der Schnüffler des Fürsten starrte direkt in Petras dunkle Augen und war ihren hypnotischen Kräften rettungslos ausgeliefert.
"Was soll ich jetzt mit dir machen?", fragte sie laut, wobei sie noch etwas näher an ihn herantrat. "Du scheinst doch etwas geschickter bei der Beschattung zu sein, als ich es dir zugetraut hätte!" Petra schüttelte den Kopf. "Leider hast du mich damit in eine ziemlich üble Zwickmühle gebracht."
Angst leuchtete aus Rogers Augen heraus.
Er schwitzte.
Rote Blutstropfen perlten ihm von der Stirn.
Roger wusste offenbar ganz genau, was ihm jetzt bevorstand.
"Wenn ich dich laufen lasse, wirst du dem Fürst brühwarm erzählen, was du hier gesehen hast!", sagte Petra. "Diese Möglichkeit scheidet also aus. Ich könnte dich natürlich alles vergessen lassen. Aber ich bin mir sicher, dass es für den Fürst Mittel und Wege gibt, meinen posthypnotischen Bann aufzuheben und deine Erinnerungen zu reaktivieren. Das Risiko kann ich ebenfalls nicht eingehen." Petra strich sich das lange Haar etwas zurück. "Natürlich wird Radvanyi auch misstrauisch werden, wenn ich dich jetzt einfach vernichte...
aber das Risiko muss ich wohl auf mich nehmen."
Roger stieß einen unterdrückten Laut hervor, der sofort abbrach, als Petra die Hand hob.
"Still!!", befahl sie. Ihre Augen funkelten bösartig. "Sag mir, welche Waffe du bei dir trägst!!"
"Ein Sprungmesser!", war die Antwort.
"Nimm es hervor!!"
Roger gehorchte. Widerwillig zwar, aber nach einigen ruckartigen und eigenartig unharmonisch wirkenden Bewegungen hatte er das Springmesser in der Hand.
"Heraus mit der Klinge!!", forderte Petra.
Roger ließ die Klinge hervorspringen.
"Und jetzt öffne dir die Schlagadern an Hals und Handgelenken!! Aber wage es ja nicht, deine Willenskraft zur Heilung anzuwenden!!"
Petra blickte zur Seite, als Roger mit zitternder Hand die Klinge führte und wenige Augenblicke später das Blut in hohen Fontänen aufspritzte. Mit den unappetitlichen Details wollte Petra sich nicht belasten.
Während Roger blutüberströmt und mit schreckgeweiteten Augen auf die Knie sank, wandte Petra sich ab.
"Armer Roger! Sobald du vollkommen ausgeblutet bist, wirst du vor dich hin faulen wie ein toter Fisch." Sie drehte sich noch einmal zu ihm herum. "Sei so gut und spring doch bitte vorher ins Wasser!!" Sie lächelte kalt. "Schließlich sind hier tagsüber auch Kinder. Und für die wäre das nun wirklich kein Anblick... Bei euch jungen Vampiren weiß man ja nie so genau, wie lange euer Zerfall dauert!"
Roger stand zitternd auf.
Das Blut spritzte aus dem Schnitt an seinem Hals heraus, den er sich selbst gesetzt hatte.
Er wankte mit unsicheren Schritten in Richtung der Uferböschung.
Als es platschte hatte Petra bereits ihr Handy am Ohr, um sich ein Taxi zu rufen.
*
"Das Treffen findet auf gewissermaßen neutralen Boden statt", erläuterte Fürst von Radvanyi. "Takoma House, eine jener Villen im Kolonialstil, wie sie seit langem typisch für die Gegend nördlich von Yonkers sind..."
"Haben Sie den Ort vorgeschlagen?", fragte Chase.
Fürst von Radvanyi schüttelte den Kopf. "Nein, das war die andere Seite. Takoma House gehört wohl irgendeinem Angehörigen von Magnus von Björndals Vampir-Sippe. Kann uns aber auch gleichgültig sein. Der Ort ist wie geschaffen für unseren Plan. Die Villa legt abgelegen, es wird kein Aufsehen geben..."
"Sie sagten, ich solle ein paar schwere Geschütze organisieren", meinte Chase.
Der Fürst hob die Augenbrauen.
"Und?"
"Was halten Sie von einem gerade ausgemusterten Navy-Kampfhubschrauber mit Raketenwerfern. Inklusive kampferprobter Besatzung natürlich."
Die ebenfalls anwesende Petra Brunstein verzog verächtlich das Gesicht.
"Wahrscheinlich nur mal wieder einige Hirnamputierte, die gerne alles kurz und klein schlagen. Also mit anderen Worten: genau die Typen, mit denen unser Vizepräsident mit Vorliebe herumhängt."
Chase schüttelte den Kopf.
"Sorry, Petra, aber diesmal bist du im Irrtum."
"Ach ja?"
"Unter den Vampiren New Yorks gibt es drei, die in Vietnam ganz ähnliche Einsätze geflogen haben, wir sie mir für Takoma House vorschweben..."
Chase grinste.
Petra verdrehte die Augen. "Was schwebt dir denn vor? Mich zusammen mit Leroque in die Luft zu jagen?"
"Ein verlockender Gedanke aber..." Der ernste Gesichtsausdruck des Fürsten brachte Chase augenblicklich zum schweigen.
"Nur zu, Chase!", sagte er schließlich. "Wie sieht dein Plan genau aus?"
"Ein Helikopter bringt Petra an den Verhandlungsort. Unsere Meister-Diplomatin signalisiert dort, dass unsere Seite möglicherweise auf alles eingehen wird, was Philadelphia fordert. Dann wird Petra Takoma House verlassen, angeblich um letzte Rücksprache mit Ihnen zu halten, Fürst."
"Sobald das geschehen ist, erfolgt der Angriff?"
"Ja. Ein zweiter Helikopter lauert in der Nähe. Und dann gibt's ein kleines Feuerwerk!"
Der Fürst nickte zufrieden.
"Gut. Die andere Seite hat den 13. dieses Monats als Verhandlungstermin vorgeschlagen."
"Also übermorgen", meinte Chase.
"Richtig. Ist bis dahin alles bereit?"
Chase nickte. "Kein Problem, Herr!"
Fürst von Radvanyi wandte sich Petra zu, deren Blick etwas nachdenklich wirkte. "Bereite dich gut auf deine Aufgabe vor, Petra. Von deinen Fähigkeiten wird viel abhängen."
"Ja, Herr."
"Ach übrigens..."
Petra blickte auf. Sie sah direkt in Radvanyis ruhige Augen und erschauderte unwillkürlich. Da war eine winzige Nuance in seinem Tonfall, die ihr nicht gefiel.
"Ich vermisse seit kurzem einen meiner Mitarbeiter. Er heißt Roger und hatte den Auftrag, ein Auge auf dich zu werfen."
Petra lächelte verkrampft.
"Ich weiß, Herr. Auf der Eröffnung meiner Werkschau sah ich ihn zum ersten und einzigen Mal in seiner Eigenschaft als mein Beschützer!" Sie zuckte die Achseln. "Scheint als hätte er mit meinem Tempo nicht so ganz Schritt halten können..."
Durch Selbsthypnose hatte Petra die Erinnerung an Rogers Ende vorübergehend aus ihrem Bewusstsein verbannt.
Sie hoffte nur, dass der Fürst davon nichts bemerkte.
Die Chancen dafür standen gut.
Schließlich hatte der Herr der New Yorker Vampire im Augenblick zweifellos näher liegende Sorgen, die seine mentalen Kräfte voll beanspruchten.
Der Fürst hob die Augenbrauen.
"Ich hatte eigentlich gedacht, dass Roger seinen Hang zur Unzuverlässigkeit inzwischen abgelegt hätte!", murmelte er vor sich hin. "So kann man sich eben täuschen..."
"Oui, mon seigneur!", hauchte Petra.
Chases Stimme drang wie ein Dampfhammer in ihr Bewusstsein.
"Geil, dann kriegt der feine Graf jetzt endlich das, was ihm zusteht: eins auf die Fresse!"
Chase grinste zufrieden.
Seine Gedanken wanderten dabei in die Vergangenheit. Es war eine schwülwarme Juninacht vor drei Jahren gewesen, in der Chase Leroque auf die Schliche gekommen war.
Eigentlich sollte ich ihm dankbar sein!, ging es ihm durch den Kopf. Wie hätte ich es je zum Stellvertreter des Fürsten bringen können, wenn mein Vorgänger im Amt mir dabei nicht tatkräftig geholfen hätte! Merci beaucoup, Leroque!
*
Vergangenheit: 3 Jahre zuvor...
"Du bist innerhalb kürzester Zeit ziemlich weit nach oben in der Hierarchie der New Yorker Vampire gekommen!", meinte Big Terry, ein farbiger Harley-Freak aus Harlem, den Chase ziemlich cool fand. Deshalb hatte Chase Big Terry auch vor einem halben Jahr zum Vampir gemacht. Big Terry hatte die Vorzüge des Daseins als Untoter schnell schätzen gelernt.
Insbesondere erlaubte diese Daseinsform erheblich risikoreichere Fahrmanöver mit der Harley.
Chase sah seinen Kumpel etwas verwirrt an.
"Was willst du mir eigentlich mit deinem Endlos-Gelaber sagen?"
"Der Fürst, unser aller Herr und Meister, muss aus irgendeinem Grund einen Narren an dir gefressen haben!"
"Hey, Alter! Soll doch jeder fressen, was ihm Spaß macht, oder?"
Big Terrys Sinn für coole Sprüche schien in diesem Moment mehr oder weniger betäubt zu sein. Er kratzte sich mit nachdenklichem Gesicht am Kinn.
"Scheiße, du könntest wahrscheinlich ganz nach oben in der Rangfolge gelangen."
"Ja, werde ich irgendwann auch. Na und?"
"Scheiß drauf! Einen Dreck wirst du, wenn du jetzt anfängst, den Vizepräsidenten zu verfolgen!"
Chase ließ den Motor seiner Harley aufheulen.
Er war das Gequatsche satt.
Ganz gleich, was die plötzlichen Skrupel bei Big Terry auch verursacht haben mochte: Chase dachte nicht im Traum daran, darauf einzugehen.
"Was gibt's denn cooleres, als einen Vampir, der zur Kirche geht!", meinte Chase. "Da muss doch irgendetwas dahinter stecken, Alter! Und du kannst mir nicht erzählen, dass du nicht auch gerne wüsstest, was das ist!"
"Schon..."
"Na, also! Komm mit! Dieser komische Graf wird uns gar nicht bemerken."
"Optimist!"
"Was bist du eigentlich? Ein Mädchen?"
"Willst du eins auf die Fresse?"
"Nein, nur, dass du dich endlich entscheidest, Terry!"
Big Terry machte eine wegwerfende Handbewegung. Dann grinste er plötzlich. "Okay, ich fahre hinter dir her!"
Chase ließ die Harley losbrausen.
Big Terry folgte ihm mit seiner Maschine.
Sie fuhren quer durch das nächtliche New York, bis zu den Rändern der Riesenstadt im äußersten Nordosten. Schließlich erreichten sie die Connecticut-Küste des Long Island Sounds.
In einem kleinen Ort namens Grimchurch machten sie halt.
Grimchurch lag direkt an der Küste. Das Meer rauschte. Die Brandung des Long Island Sounds war verhältnismäßig mild.
Salzgeruch hing in der Luft. Möwen kreischten.
"Hier ist es!", sagte Chase und stieg von seiner Maschine ab. Die Kirche wirkte alt und verwittert. Auf einem Steinbogen war die Jahreszahl 1703 eingemeißelt. Ganz in der Nähe stand eine überlange Limousine.
"Leroques Wagen!", erkannte Big Terry.
"Genau!"
"Wie hast du rausgekriegt, dass er regelmäßig hier her fährt?"
"Schlichte Beobachtung, Alter! Klingt uncool, ist aber immer noch am effektivsten!"
"Wo ist der Chauffeur?"
"Ist auch mit in der Kirche!"
"Ein Vampir?"
"Nein, ein Sterblicher, der hofft, dass sein Arbeitgeber ihn mal zu einem Angehörigen des Blutvolkes macht...
Vielleicht saugt Leroque auch ab und zu an ihm, das weiß ich nicht genau. Jedenfalls hätte der Sack mich beim letzten Mal beinahe entdeckt und deswegen habe ich auch nicht mehr mitbekommen, was Leroque eigentlich in der Kirche so treibt!"
"Also auf ein Neues!"
"Genau!"
Eine Lichterscheinung war für Bruchteile von Sekunden hinter den Kirchenfenstern zu sehen.
Big Terry hob die Augenbrauen. "Schätze, wir haben das Beste schon verpasst, was?"
Sie ließen die Maschinen stehen, gingen zur Tür. Chase öffnete sie einen Spalt breit.
Mondlicht fiel durch die Kirchenfenster herein, beleuchtete den Altar, der aus einem quaderförmigen Steinblock bestand.
Darüber war ein großes Holzkreuz angebracht.
Comte Jean-Aristede Leroque stand vor dem Altar, hatte die Hände ausgebreitet und wirkte beinahe in Trance.
Der in einen dunklen Anzug gekleidete Chauffeur stand etwas abseits. Er hielt einige Gegenstände in den Händen, die Chase nicht erkennen konnte. Offenbar assistierte er seinem Herrn bei irgendeiner Art von magischem Ritual.
"Cool! Ein frommer Vampir!", stieß Big Terry flüsternd hervor. "So was habe ich ja noch nie gesehen!"
Big Terry blickte Chase über die Schultern. Er überragte seinen Kumpel nämlich um fast einen Kopf.
Leroque sprach mit sonorer Stimme Worte in einer Sprache, deren Klang Chase vollkommen unbekannt war.
Latein, so schätzte er.
Oder irgendetwas anderes Verstaubtes.
Eine Lichterscheinung wurde sichtbar. Weiß leuchtender Nebel erschien wie aus dem Nichts, wallte empor und verdeckte das Kreuz schon nach wenigen Augenblicken.
"Schwarze Magie innerhalb von Kirchenmauern! Der alte Graf hat's wirklich drauf!", meinte Big Terry. In seinem Tonfall klang fast so etwas wie Anerkennung mit.
"Ich rufe dich, Magnus von Björndal! Dein Diener erbittet neue Befehle!"
Chase fiel es wie Schuppen von den Augen. Leroque, der zweite Mann in der New Yorker Vampir-Hierarchie, stand regelmäßig in Kontakt zum Vampir-Herrn von Philadelphia!
Echt genial!, dachte Chase. Kurz-Reisen, Telefongespräche oder E-Mails nach Philadelphia wären viel zu auffällig. Der Fürst wäre ihm längst auf die Schliche gekommen. Aber eine Kirche war für einen Vampir doch eine fast perfekte Tarnung...
Die Nebel wallten. Für Augenblicke formte sich so etwas wie ein Gesicht aus den Nebeln heraus, löste sich dann aber wieder auf.
Leroque wirbelte herum.
Sein Gesicht war zornverzerrt.
Der leuchtende Nebel verschwand augenblicklich.
Chase begriff, dass Leroque ihn entdeckt hatte. Aus den Augenwinkeln sah Chase eine Bewegung. Sein Kumpel hatte sich davongemacht.
"Bleib!!", grollte Leroques Stimme.
Für Chase war es zu spät.
Starr stand er da, unfähig, sich zu bewegen.
Der Graf näherte sich ihm.
Sein Gesicht war zur Maske geworden.
Scheiße, jetzt geht's mir an den Kragen!, ging es Chase durch den Kopf.
Seine Hand vollführte eine unsichere, zuckende Bewegung in Richtung des Futterals, in dem sein Hiebmesser steckte. Aber die Bewegung brach abrupt ab.
"Deine Willenskraft ist bewunderungswürdig, aber leider nicht stark genug", murmelte Leroque. Er lächelte breit und kalt. Seine langen Eckzähne kamen zum Vorschein. "Was auch immer du gesehen haben magst, mon ami, es war zweifellos mehr, als du wissen durftest..." Die eiskalten Augen des Grafen musterten Chase. Sein Blick bohrte sich in Chases Augen. "Hat der Fürst dich geschickt? Sag die Wahrheit!!"
Ein erbärmliches Gestammel sprudelte jetzt über Chases Lippen.
Chase konnte nichts dagegen tun.
Es geschah einfach.
Als Leroque die Hand hob verstummte der Wortschwall.
"Gut, ich weiß jetzt genug, du Narr! Du verstehst sicher, dass ich dich nicht am leben lassen kann! Geh!! Tu genau, was ich sage!!"
"Ja."
"Wie bist du hier her gekommen? Antworte!!"
"Mit meiner Harley."
"Geh zu deiner Maschine, setz dich drauf, öffne den Tank!!
Hast du ein Feuerzeug?"
"Ja."
"Entzünde die Flamme und halte sie in den Tank. Geh jetzt!!"
Chase drehte sich herum, trat ins Freie auf den Platz vor der Kirche.
Leroque folgte ihm.
Eine Harley wurde angelassen.
Big Terry hatte sich auf seine Maschine gesetzt.
Du verdammter Dummkopf!, ging es Chase durch den Kopf.
Warum bist du nicht längst davongebraust?
"Ah, du warst nicht allein, mon petit! Hätte ich mir ja denken können!", murmelte Leroque.
Chase ging wie automatisch auf seine Harley zu.
Seine Hand griff in die Jackentasche, holte ein Feuerzeug hervor.
Die Flamme schoss empor.
Sie sengte seinen Fingernagel an.
Chase spürte den Schmerz. Aber er hatte keine Möglichkeit, sich aus dem hypnotischen Bann des Grafen zu befreien.
Big Terry vollführte eine schnelle Bewegung. In seinen Händen blitzte etwas Metallisches auf. Leroque erkannte zu spät, was es war. Eine Schleuder! Eine Stahlkugel zischte durch die Luft, erwischte Leroque im linken Auge. Leroque schrie auf, taumelte zurück.
"Fahr los!!", schrie der Graf.
Big Terry ließ seine Maschine nach vorne schnellen, fuhr mit ihr durch ein Blumenbeet hindurch, direkt auf die Kirchenmauer zu.
Chase hatte inzwischen seine eigene Harley erreicht, sich auf den Sattel geschwungen, das brennende Feuerzeug in der linken, die rechte schon am Tankdeckel.
Was um ihn herum geschah, nahm er nur wie durch einen Nebel hindurch wahr.
Wie automatisch führte er eine Bewegung nach der anderen aus.
Big Terry jagte mit seiner Harley frontal gegen die Kirchenwand. Die Maschine explodierte. Flammen schlugen empor. Big Terry wurde zu einer untoten Fackel, schrie laut auf. Aber es gab keine Rettung für ihn. Feuer war eines der wenigen Dinge, die einem Vampir wirklich gefährlich werden konnten.
Leroque sank inzwischen auf die Knie, hielt sich die Hand auf das zerstörte Auge. Die murmelgroße Stahlkugel war ihm bis ins Gehirn hinein gedrungen. Leroque schwankte. Blut rann ihm über das Gesicht, tropfte zu Boden.
Chase spürte, wie der hypnotische Zwang, unter dem er stand, sich spürbar lockerte.
Offenbar brauchte Leroque seine enorme mentale Kraft im Augenblick für sich selbst.
Chase schleuderte das Feuerzeug von sich, startete die Harley.
Jetzt oder nie!, durchzuckte es ihn.
Er brauste los. Die Reifen quietschten.
Mit geradezu mörderischer Geschwindigkeit jagte die Harley die schmale Straße entlang. Chase drehte das Gas voll auf.
Auch als er sich bereits sicher war, dass ihn der mentale Einfluss des Grafen nicht mehr zu erreichen vermochte, jagte er mit unverminderter Geschwindigkeit die Uferstraße am Long Island Sound entlang. In der Ferne schimmerten die Lichter des Big Apple.
Wenn Leroque einen Funken Verstand besitzt, dann lässt er sich in New York nie wieder blicken!, ging es Chase durch den Kopf.
*
Gegenwart...
"Hey Mann, bist du am pennen oder was ist los, Chase?", rissen die durchdringenden Worte des Helikopter-Piloten Chase aus seinen Gedanken.
Der Heli schwebte durch die Nacht und folgte dabei dem Lauf des Hudson Rivers. Takoma House lag in einer Flussbiegung auf einem weiträumig abgezäunten Gelände. Ein Herrensitz, wie man ihn eigentlich eher in Louisana oder Akansas vermutete.
Insbesondere nach Ende des Bürgerkrieges hatten hier Industrielle des Nordens versucht, vor den Toren New Yorks die Pracht und den Luxus des Südens zu imitieren.
Das Anwesen war gut beleuchtet. Parkanlagen umgaben die eigentliche Villa. Es gab mehrere Nebengebäude, in denen zu früheren Zeiten vermutlich das Personal untergebracht gewesen war.
Chase wandte sich an Tom, den Piloten. Tom war 1968 von seinem Sergeant in Vietnam zum Vampir gemacht worden, nachdem ihr Kampfhubschrauber einen Rotortreffer erhalten hatte und mitten im Vietcong-Gebiet jämmerlich abgeschmiert war. Tom und ein MG-Schütze namens Reilly hatten den Absturz schwer verletzt überlebt.
Und außerdem jener Sergeant, der sich überraschend schnell von seinen schweren Verletzungen erholt hatte…
Schnell genug, um Tom und Reilly zu Vampiren zu machen, bevor sie verblutet waren.
Jetzt befanden sich alle drei an Bord dieses Helikopters.
Diesmal nicht im Dienst des US Marine Corps, sondern im Auftrag des Fürsten. "Wieso fliegst du schon auf Takoma House zu?", fragte Chase überrascht. "Wir sind viel zu nah dran! Die werden uns bemerken!"
Tom lachte dröhnend.
"Du bist vielleicht der Vizepräsident der New Yorker Vampire, Chase - aber hier an Bord des Helis bist du nur der vierte Mann!"
"Du kannst alles machen, was du willst, so fern es erfolgreich ist!", erwiderte Chase. "Aber im Moment habe ich den Eindruck, dass du Scheiße baust!"
"Ganz ruhig, Chase!"
"Petra hat Takoma House noch nicht verlassen! Wir können also noch nicht angreifen!"
Die Besatzung des Helikopters schwieg.
Schließlich meldete sich der ehemalige Sergeant zu Wort, der von allen immer noch mit dem militärischen Rang angeredet wurde, den er in Vietnam innegehabt hatte.
"Wir sollten es unserem ahnungslosen Chase jetzt langsam mal sagen", meinte er, während er gelangweilt auf seinem Platz saß und sich mit einem Bajonett die Fingernägel manikürte.
"Man, was redest du da für einen Mist, Sergeant!", rief Chase ärgerlich, zumal Tom die Flugbahn des Helikopters jetzt spürbar absenkte. Unten am Boden blinkten in der Nähe der Villa einige Markierungen auf. Offenbar gab es dort einen regelrechten Helikopter-Landeplatz. Es machte ganz den Anschein, als ob Tom den Heli dort abzusetzen gedachte.
Ehe Chase eine Bewegung machen konnte, holte Reilly plötzlich eine zierliche Ein-Hand-Armbrust hervor, wie die Fledermaus-Vampire aus Philadelphia sie bevorzugten.
Ein frisch angespitzter Holzpflock war in die Waffe eingelegt worden.
"Mach keine Schwierigkeiten, Chase!", zischte Reilly mit breitem Grinsen. Er entblößte dabei seine Vampirzähne.
Der Sergeant löste seinen Sicherheitsgurt, trat auf Chase zu, hielt ihm die Bajonett-Spitze an den Hals und entledigte die Nummer zwei der New Yorker Vampire mit der anderen Hand ihrer Waffen. Das Gurka-Messer und die Schrotpistole schleuderte er achtlos in den hinteren Bereich des Helis.
"Was wird hier gespielt?", fragte Chase.
Der Sergeant setzte sich wieder.
"Ahnst du es nicht längst, Chase? So dumm kann man doch nicht sein!"
Tom meldete sich zu Wort.
"Du warst als Kumpel immer schwer in Ordnung, Chase, aber wir haben jetzt ein Problem: Dein Herr ist nämlich nicht mehr unser Herr, wenn du verstehst, was ich meine!"
"Ihr Wichser!", stieß Chase hervor.
Die drei hatten also ein so genanntes 'besseres Angebot'
aus Philadelphia bekommen. Chase fragte sich nur, womit Magnus von Björndal oder Leroque es geschafft hatten, sie zu ködern.
"Nimm's nicht persönlich, Chase!", sagte der Sergeant.
"Wenn's nach uns ginge, würden wir auf einer Seite stehen, aber so etwas entscheiden andere!"
"Was hat euch Philadelphia denn geboten, ihr Bastarde?"
"Eine Menge Geld und eine riesige Perspektive!"
"Ach, ja?"
"Wir warten schon lange darauf, in New York endlich etwas nach oben steigen zu können! Aber offenbar stehen wir nicht auf der Favoritenliste des Fürsten und da bot sich jetzt diese einmalige Chance für uns. Du wirst dafür sicher Verständnis haben, Chase!"
"Wetten, du hättest an unserer Stelle genauso gehandelt?", meldete sich Tom zu Wort.
"Konzentrier dich besser auf die Landung!", wies ihn der Sergeant zurecht.
Der Zeitpunkt!, durchzuckte es Chase. Es kann einfach kein Zufall sein, dass kurz bevor diese drei Vampire für eine wichtige Mission im Auftrag des Fürsten dringend gebraucht werden, jemand aus Philadelphia an sie herantritt und ihnen das Blaue vom Himmel verspricht...
Wir sind verraten worden!, wurde es Chase klar.
Fragte sich nur von wem.
Wer hatte von dem Plan gewusst außer dem Fürst, Chase selbst und...
...Petra!
Chase ballte die Fäuste. Immer cool bleiben, Chase!, meldete sich eine Stimme aus dem hinteren Bereich seines Bewusstseins. Du magst diese Hexe nicht besonders, aber glaubst du wirklich, dass sie im Stande wäre, ihre eigene Zukunft aufs Spiel zu setzen?
Ein Argument, das Chase anerkennen musste.
Man konnte sicherlich einiges über Petra sagen, aber nicht, dass sie ihre eigenen Interessen gefährdete. Um keinen Preis.
Selbst ihre 'besondere Beziehung', wie der Fürst ihre gemeinsame Vergangenheit mit Leroque umschrieben hatte. Chase wusste nicht allzu viel darüber. Das Meiste bestand aus Mutmaßungen. Dass Petra ein größeres Risiko einging, um einem ehemaligen Lover zu helfen, konnte Chase sich nicht vorstellen. Und, dass sie so blauäugig war, dessen Versprechungen von Macht und Aufstieg in Philadelphia zu glauben auch nicht.
Selbst für den Fall, dass Leroque ihr Erzeuger sein sollte, wäre das unwahrscheinlich....
Aber irgendwo gab es eine undichte Stelle.
Möglicherweise hatte der Fürst oder Petra mit einer weiteren Person darüber geredet. Oder die drei vampirischen Ex-Vietnamkämpfer, die Chase für den Höllenjob angeheuert hatte, waren einfach zu redselig gewesen...
Scheiß auf die Vergangenheit!, dachte Chase.
"Was habt ihr Säcke mit mir vor?", fragte er an den Sergeant gewandt.
"Jedenfalls sollen wir dich nicht umbringen. Ich meine, Reilly würde es ohne mit der Wimper zu zucken sofort tun, falls du eine falsche Bewegung machst, aber unser Job ist das eigentlich nicht."
"Wir hätten diesen Job allerdings haben können!", meinte Reilly. "Aber wir haben ihn abgelehnt. Schließlich haben wir ja auch unsere Grundsätze. Gute Kumpels tötet man nicht."
Chase verzog das Gesicht.
"Man liefert sie nur dem Feind aus, damit der dann das Drecksgeschäft macht! Sehr nobel!"
Reilly zuckte die Achseln. "Hey, Mann, bin ich Jesus Christus?"
"Eher ein mieses Arschloch!"
Reillys Gesicht lief rot an.
Der Sergeant legte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter.
"Mr. Leroque wird Chase schon Manieren beibringen!", war er überzeugt.
*
Der Helikopter landete exakt zwischen den mit Lichtern markierten Punkten.
Reilly führte Chase ins Freie, stieß ihm dabei unangenehm den Holzpflock in den Rücken, dessen Spitze aus der Ein-Hand-Armbrust hervorragte.
"Vorwärts!"
Ein Schwarm Fledermäuse flatterte heran. Sie landeten in einem Halbkreis um Chase herum und verwandelten sich dabei.
Augenblicke später war Chase von in Leder gekleideten Vampirkriegern umringt, die ihre Einhand-Armbrüste auf ihn richteten oder die zweischneidigen Streitäxte schwangen.
"Na, ihr Feiglinge! Einen Unbewaffneten abmurksen, daran habt ihr wahrscheinlich Spaß!"
"Du unterschätzt diese Gentlemen!", erklärte der Sergeant.
"Ach, wirklich?"
"Sie werden dir kein Haar krümmen, sofern du es nicht darauf anlegst!"
"Na, reizend! Wenn sie kämpfen wollen, dann am besten gleich hier!"
Einer der in Leder gekleideten Vampirkrieger meldete sich jetzt zu Wort.
"Comte Leroque wünscht dich zu sehen, Unwürdiger!"
Chase wurde in die Mitte genommen.
Den ersten der Vampirkrieger, der ihn am Arm fassen wollte, schleuderte er von sich. Aber als die anderen sich auf ihn stürzten, um ihn festzuhalten, konnte er sich innerhalb weniger Sekunden nicht mehr bewegen.
Die Philadelphia-Vampire schleiften ihren Gefangenen mit sich.
"Wie sagt unser Kollege Schwarzenegger immer so schön: Hasta la vista, Baby!", rief der Sergeant Chase hinterher.
Chase wurde ins Innere der Villa geschleppt.
Wenig später fand er sich einem luxuriös eingerichteten Salon wieder, der mit wertvollen Antiquitäten angefüllt war.
An einem langen Tisch saßen Leroque und Petra.
Chase wurde zu Boden geworfen.
Die Fledermaus-Vampire bildeten einen Halbkreis.
Insgesamt ein Dutzend von ihnen umringten ihn.
Leroque erhob sich. Er trug einen dunkelblauen Gehrock im Stil des späten 18.Jahrhunderts. Darunter schneeweiße Kniebundhosen und eine brokatbesetzte Weste. Die Perücke war weiß gepudert.
Chase spuckte aus.
"Die Tatsache, dass du inzwischen das Outfit des Fürsten kopierst, heißt noch lange nicht, dass du es wirklich mit ihm aufnehmen könntest!", tönte er.
Leroque imitierte ein Hüsteln.
Er wedelte dabei mit einem bestickten Taschentuch herum.
"Ich habe mir erlaubt, mich dem Anlass entsprechend zu kleiden, Chase... etwas, wofür du vermutlich kein Verständnis hast..." Er wandte sich an Petra. "Dir wird es sicher ein besonderes Vergnügen sein, mit anzusehen, wie ich diesen petit Quälgeist mit meinem Degen in Scheiben schneide!"
"Petra!", zischte Chase. "Also doch..."
Über Leroques Gesicht huschte ein überhebliches, siegesgewisses Lächeln.
"Ja, deine besondere Freundin Petra war mir eine große Hilfe..."
"Verräterin!", zischte Chase.
Petra wollte etwas erwidern. Aber sie schwieg, als Leroque die Hand hob und kaum merklich mit dem Kopf schüttelte. "Er ist die Mühe nicht wert, mon amour. Aber ich dachte mir, dass er vielleicht ein passables Spielzeug abgibt. Das Leben eines Unsterblichen braucht von Zeit zu Zeit so etwas wie eine besondere Sensation... einen Kick, wie man das in diesem Land so prosaisch auszudrücken pflegt."
"Dachte ich es mir doch: Ich hatte immer schon das Gefühl, dass hinter deiner lackierten Fassade eigentlich ein Perverser steckt, der gerne Wehrlose zerschnetzelt!", rief Chase.
Leroque kicherte affektiert.
Petra erhob sich nun ebenfalls.
Sie legte einen Arm auf seine Schulter. Er nahm ihre Hand.
"Ich weiß, was du sagen willst, chèrie! Aber sei unbesorgt.
Ich gehe keinerlei Risiko ein. Schließlich könnte ich jederzeit seinen Gehorsam erzwingen. Weder meiner Stimme noch meinem Blick könnte dieser dahergelaufene Emporkömmling widerstehen."
"Und? Was wirst du jetzt tun?", fragte Chase. "Mich zum Selbstmord zwingen, wie damals meinen Kumpel Big Terry?"
"Oh, lalà! Nachtragend ist er unser Freund Chase!" Leroque lachte auf. "Ein Laster, dem man als Unsterblicher besser entsagen sollte, Chase! Man ist sonst schon nach wenigen Generationen nur noch von Feinden umgeben!"
"Du sprichst wohl aus eigener Erfahrung!"
"Tja, und du wirst kaum Gelegenheit dazu bekommen, deinen Fehler noch zu korrigieren." Er wandte sich an die umstehenden Vampirkrieger. "Zwei von euch bleiben hier! Die Anderen gehen hinaus. Ihr könnt diese Renegaten aus New York rösten, wenn ihr wollt. Sowas macht euch doch immer großen Spaß, nest-ce pas?"
Zustimmendes Gemurmel antwortete ihm.
Die Meute zog ab.
Nur zwei Wächter blieben zurück.
Chase erhob sich vom Boden.
Leroque umrundete den Tisch, trat auf ihn zu.
"Na los, fang schon an mit deiner Schlächterei!", forderte er.
Ein kaltes Lächeln spielte um Leroques dünnlippigen Mund.
"Nur keine Eile, mon ami! La vengeance est une plâte, qui se mange froid!", murmelte er. "Für dich ungebildeten Barbaren, der wahrscheinlich nur bis zur dritten Klasse in der Grundschule gekommen ist, hier die Übersetzung dieses französischen Sprichwortes: Die Rache ist ein Gericht, das man kalt isst!"
"Klingt geil. Muss ich mir merken!"
"Um den Kitzel etwas zu erhöhen, werde ich ein regelrechtes Duell mit dir durchführen, Chase." Er wandte sich an seine beiden verbliebenen Diener. "Les armes, s'il vous plait!
Vite! Vite!"
Die beiden verneigten sich, verschwanden durch die Tür zum Nachbarraum und kehrten jeweils mit einem Säbel zurück.
"Ich dachte mir, das elegante Florett ist nicht die richtige Waffe für jemanden wie dich, der mit einem Hackmesser durch die Straßen New Yorks läuft, um für den Fürst missliebige Kreaturen aus dem Weg zu räumen. Und selbst ein Degen würde dich in deiner Schwerfälligkeit dermaßen benachteiligen, dass ich an diesem Spiel keinerlei Freude mehr finden würde. Das verstehst du doch, Chase..."
"Du kannst mich mal!"
"Ich hingegen wollte nicht mit einem Metzgerwerkzeug auf dich losgehen. Das widerspräche meinem Stil. Ein bisschen Kultur muss man in jeder Situation wahren, wie ich finde. Da dachte ich, dass ein Säbel genau der richtige Kompromiss ist!"
Leroque nahm seine Waffe an sich, fuhr mit dem Finger über die rasiermesserscharf geschliffene Klinge. Der Finger blutete sofort. Leroque steckte ihn in den Mund, um den Saft des Lebens abzulecken.
"En garde, Chase! Sei bereit!"
Chase nahm die Waffe an sich, die der Fledermaus-Vampir ihm reichte.
Er vollführte sogleich eine schnelle Bewegung damit.
Die Klinge säbelte durch die Luft. Der Fledermaus-Vampir hatte nicht einmal mehr Zeit für einen Schrei, so schnell war sein Schädel vom Rumpf getrennt. Wirbel knackten. Der Fledermaus-Vampir zerfiel recht schnell zu Staub. Offenbar handelte es sich um ein älteres Mitglied dieser Kampftruppe, die so etwas wie die Leibgarde Graf Leroques darstellte.
"Uups! Das haut ja richtig rein!", meinte Chase.
"Quel salaud!", schrie Leroque wütend. "Gutes Personal ist schwer zu finden!"
"Aber wer sich so leicht köpfen lässt, gehört sowieso entlassen!", erwiderte Chase.
Von draußen waren grauenhafte Schreie zu hören.
Chase blickte zur Fensterfront. Für einen kurzen Moment sah er eine Art lebender Fackel in der Nähe des Helikopterlandeplatzes durch die Nacht tanzen, begleitet vom Gejohle der Fledermaus-Vampire.
"Ah, wie ich höre, hat da draußen das Vergnügen begonnen.
So lass uns auch hier endlich anfangen..."
Leroque ging in Fechtstellung, begann mit einer Attacke.
Chase versuchte die Hiebe seines Gegners abzuwehren so gut es ging. Aber Leroque war ihm an technischem Vermögen und Schnelligkeit derart überlegen, dass er kaum eine Chance hatte. Hin und wieder klirrten die schweren Klingen gegeneinander. Aber ansonsten spielte Leroque mit seinem Gegner. Er ritzte ihm die Lederjacke, bis sie Chase in Fetzen vom Oberkörper hing.
Wie einen Anfänger trieb er Chase vor sich her, der immer weiter zurückweichen musste.
Mit einer Finte überlistete er Chase, fügte ihm einen schmerzhaften Hieb an der Schulter zu.
Er will nur mit mir spielen, dachte Chase.
Den tödlichen Schlag hob sich der Graf noch auf.
"Deine Neugier hat mich damals aus New York vertrieben!", rief Leroque. "Wärst du nicht gewesen, wäre ich heute vielleicht an der Stelle des Fürsten und würde mit Magnus von Björndal um die Vorherrschaft kämpfen."
"Dein Boss wäre sicher zu Tränen gerührt, wenn er diese Worte hören könnte!", erwiderte Chase zynisch. "So viel Loyalität ist ja heut zu Tage selten..."
Ein kräftiger Säbelhieb folgte. Hart genug geschlagen, um Chase die Waffe förmlich aus der Hand zu reißen.
Der Säbel flog durch die Luft, zertrümmerte einen Kronleuchter und knallte schließlich gegen die Wand, bevor er zu Boden fiel. Die Spitze ritzte dabei eine Linie in das große Ölgemälde hinein, das dort hing.
"Ich habe fast den Eindruck, dass du mich wütend machen willst! Wehr dich endlich, Chase! Oder solltest du tatsächlich derart ungeschickt sein?"
Petra beobachtete kühl die Szenerie. Ihren regungslosen Zügen war nicht anzusehen, was sie empfand. In derartigen Situationen pflegte sie einfach abzuwarten, was geschah. Der beste Platz war immer auf der Seite des Siegers. Und er konnte im Moment nur Leroque heißen, was ihren Sympathien sehr entgegen kam.
Leroque machte eine Handbewegung.
Der Säbel erhob sich vom Boden, flog zu Chase zurück.
"Fang!!"
Wie automatisch hob Chase die Hand, der Säbelgriff schien sich regelrecht an seinen Handballen zu schmiegen.
Chase ließ den Säbel sinken.
Scheiße, der ist verdammt stark, dachte er.
Leroque lachte auf.
"Ich glaube, ich muss dir etwas mehr wehtun, damit du richtig kämpfst!", meinte er.
Er startete einen erneuten Angriff.
Leroque traf Chase dabei an der Seite. Eine Welle des Schmerzes durchflutete Chase. Er schrie auf...
...und tat etwas völlig Unerwartetes. Etwas, woran er eine Sekunde zuvor noch nicht gedacht hatte, denn eventuell hätte Leroque seine Handlungsweise dann auf Grund seiner telepathischen Fähigkeiten vorausahnen können.
Chase führte seinen Angriff mit urplötzlicher Wucht aus.
Leroque war ihm ziemlich nahe gekommen.
Chases scheinbare Wehrlosigkeit hatte den Grafen leichtsinnig gemacht. Die Jagd nach dem ultimativen Kick sollte sich nun rächen.
Chases Säbelspitze durchschnitt ihm den Hals.
Ein röchelnder Laut kam über Leroques Lippen. Der Ausdruck blanken Entsetzens stand jetzt in seinem Gesicht. Blut spritzte hervor und färbte Leroques Kleider rot.
Chase wollte einen weiteren Hieb hinterherschicken, aber Leroque wehrte ab. Er taumelte zurück, hielt sich den Hals.
"Auf die Macht deiner Stimme wirst du jetzt erst mal verzichten müssen!", kommentierte Chase die neue Lage. Er versuchte dabei, dem Blick Leroques auszuweichen. Denn wenn er dem Grafen einmal in die Augen schaute, dann war es um ihn geschehen.
Der noch anwesende Fledermaus-Vampir stürzte sich auf Chase. Sein Pflockgeschoss sirrte durch die Luft. Chase ließ den Säbel herumwirbeln, trennte ihm die Hand ab. Er versuchte noch, mit der anderen Hand nach der Axt in seinem Rückenfutteral zu greifen, aber vorher machte Chase ein schnelles Ende mit ihm. Bevor er zu Boden gefallen war, bestand sein Körper nur noch aus grauem Staub.
Leroque stand inzwischen schwankend da.
Er krächzte irgendetwas Unverständliches. Ein erbärmlich klingender Laut, mehr nicht. Chases Hieb hatte im offenbar den Kehlkopf dermaßen zerstört, dass er ihn auch unter Aufbietung all seiner Willenskraft nicht sofort wieder heilen konnte.
Gut so, dachte Chase. Dann wird er sich auch nicht so darauf konzentrieren können, mich mit seinem Blick auszuschalten!
Leroque sah zu Petra.
Ein hilfesuchender Blick.
GREIF EIN!, schien dieser Blick zu rufen.
Aber die schöne Vampirin verharrte wie eine Statue.
Mit regungslosem Gesicht beobachtete sie die Szene, wartete ab, was geschah. Chase stürmte auf den Grafen zu, hieb wild durch die Luft, da er sein Gegenüber auf keinen Fall direkt ansehen durfte. Aber er spürte den Widerstand, den seine Klinge durch das tote Fleisch Leroques fand. Metall schlug auf Metall. Der Säbel, ein Arm, ein Kopf wirbelten durch die Luft.
Leroques Leichnam sank schlaff auf die Knie, sackte dann zu Boden. Ein übler Verwesungsgeruch verbreitete sich. Chase sah sich das nur kurz an. "Wie war das noch mit dem Gericht, das man kalt essen sollte?" Er wandte sich an Petra. "Vielleicht sollte ich mit dir genau dasselbe machen!", meinte er.
Ihr Lächeln wirkte wie eine eiskalte Maske.
"Erstens würdest du das nicht schaffen, Chase."
"Und zweitens?"
"...solltest du bedenken, dass du ohne mich nicht mehr existieren würdest."
"Du bist eine Verräterin!"
"Nein, Chase."
"Meinst du wirklich, dass ich dir glaube?"
"Der Fürst wird mir glauben."
"Hältst du ihn für so dumm?"
"Er braucht mich und meine Fähigkeiten. Darum wird er es glauben wollen."
Chase überlegte einen Moment. Dann meinte: "Scheiß drauf, lass uns hier verschwinden."
Sie verließen den Salon.
Zwei Wächter köpfte Chase auf dem Weg zum Portal. Dann traten sie ins Freie, gingen auf den Hubschrauberlandeplatz zu. Schreie gellten erneut von dort herüber. Eine lebende Fackel rannte durch die Nacht, kam ihnen entgegen. Die Fledermaus-Vampire grölten herum. Einer von ihnen hielt einen Kanister mit Benzin in der Hand.
Schreiend taumelte die lebende Fackel zu Boden.
Offenbar war er der Letzte aus der Helikopter-Besatzung, der noch nicht vollständig eingeäschert war.
Chase wandte sich an Petra.
"Wie wär's jetzt mit einem kleinen Loyalitätsbeweis gegenüber deinem Vizepräsidenten, Schätzchen! Der Fürst weiß solche Gesten immer zu schätzen!"
Petra verdrehte die Augen.
Dann starrte sie in Richtung der Fledermaus-Vampire, die jetzt zu ihren Waffen griffen.
"Halt!!", befahl sie.
Mitten in der Bewegung hielten sie inne, standen da wie Statuen.
"Müssen schwache Seelen sein, wenn du sie so leicht beeinflussen kannst!", meinte Chase.
"Hirnlose Typen wie du eben!", erwiderte Petra.
Chase fasste den Säbel mit beiden Händen. Ein gutes Dutzend zu Statuen erstarrte Fledermaus-Vampire waren schnell geköpft.
Während Chase einen nach dem anderen zu Staub verwandelte, kam die lebende Fackel wieder auf die Beine, rannte auf die Parkanlagen zu und sprang in einen Zierteich. Jetzt erst wurden die Flammen, die an ihm fraßen, gelöscht.
Chase wandte sich ihm zu, nachdem er mit dem Köpfen fertig war.
Erst jetzt erkannte er, dass es der Sergeant war, der da aus dem schlammigen Wasser des Zierteichs heraus stieg.
"Eigentlich sollte ich mit dir dasselbe machen, wie mit dem anderen Philadelphia-Gesocks! Aber unglücklicherweise können weder Petra noch ich einen Heli fliegen. Dein Pilotenschein ist doch noch gültig, oder?"
Er nickte stumm.
"Dann bring uns zurück!", befahl Chase. "In zwei Stunden ist Sonnenaufgang!"
*
Einige Nächte später...
Die kühlen, vibratolosen Töne einer abgedämpften Trompete erfüllten den New Bop Club in Harlem. Der junge Schwarze, der da mit geschlossenen Augen 'I thought about you' in sein Horn hineinhauchte, schien eins geworden zu sein mit seinem Instrument. Piano, Bass und Schlagzeug hielten sich dezent im Hintergrund.
Petra Brunstein hatte an einem der hinteren Tische Platz genommen.
Der Drink stand nur pro forma vor ihr.
Für Leroque hatte er einfach immer dazugehört.
Bilder der Erinnerung formten sich vor Petras innerem Auge.
Sie sah Leroques Gesicht in jenem letzten Augenblick vor sich, als er sie mit aufgerissener Kehle hilfesuchend angesehen hatte.
DU HAST MICH VERRATEN!
Seinen Gedankenimpuls spürte sie selbst in der Erinnerung noch mit derselben bedrückenden Intensität.
"Spiel es noch einmal!!", flüsterte sie, als der letzte Ton von 'I thought about you' verklungen war.
Schatten verdeckten Petras Gesicht.
So bemerkte niemand die Tränen, die über ihre Wangen rollten.
Blutige Tränen.
3.Buch