5.Buch
Der Voodoo-Hexer
Von den Piers wehte ein kühler Hauch. Big Tom Ybanez, ein fast zweihundert Kilo schwerer Vampir, schwebte vom Dach des nur wenige Meter vom Ufer des East Rivers gelegenen Lagerhauses. "Du hast mich lange warten lassen, Chase!", rief er. Chase Blood starrte zu dem Koloss hinauf, bemerkte die Armbrust in den Händen seines Gegenübers, deren Metallteile im fahlen Mondlicht aufblitzten. Es machte 'klack'. Der Holzpflock, der in die Waffe eingelegt worden war, schoss durch die Luft. Chase Blood wich zur Seite. Das Pflockgeschoss verfehlte ihn nur um Zentimeter. "Hey, was soll das!", rief Chase. "Ich dachte, wir stehen auf einer Seite!"
*
Big Tom Ybanez war eine Art Stadthalter des New Yorker Vampir-Imperiums. Im Auftrag und mit dem Segen des Fürsten von Radvanyi, der Nummer Eins dieser Organisation, kontrollierte der gewichtige Ybanez die bedeutendsten Gangs von East Harlem, dem Latino-Viertel des Big Apple.
Ybanez hatte um eine Unterredung mit jemandem aus der Führungsebene des Imperiums der Finsternis gebeten, das die Menschen aus dem Hintergrund heraus beherrschte.
Angeblich gab es Probleme, die ein geheimes Treffen rechtfertigten.
Der Fürst hatte Chase Blood, seinen Stellvertreter, zum Treffpunkt beordert, um die Angelegenheit zu regeln. Ärger in East Harlem konnte der Fürst im Moment nicht gebrauchen.
Ybanez trug eine eng anliegende Ledermontur. Sein Schädel war bis auf eine kleine Stelle am Hinterkopf kahl geschoren, wo eine zu einem dünnen Zopf geflochtene Strähne hervor wuchs. Ein dunkler Schnauzbart zeichnete die einzige markante Linie in seinem aufgeschwemmten, von einem vielfachen Doppelkinn gekennzeichneten Gesicht.
Hinter seinem breiten Gürtel steckten noch einige weitere Pflockgeschosse, dazu ein Arsenal diverser Hieb- und Stichwaffen. An einem Lederband hing ihm eine Uzi-MPi um die Schultern. Alles in allem wirkte Big Tom wie ein aus der Form gegangener Dschinn, behängt mit einem teilweise bizarren Waffenarsenal.
In aller Seelenruhe legte Ybanez einen weiteren Pflock in die Armbrust ein. Er war ziemlich sorgfältig dabei.
"Hey, Mann, spinnst du?", rief Chase.
Er hatte es noch immer nicht richtig fassen können.
Ein Vampir und Mitglied seiner Organisation begegnete ihm mit einer Waffe, die bei den verhassten und immer wieder auftretenden menschlichen Vamir-Jägern üblich war. Was war nur in ihn gefahren? Hatte er den Verstand verloren und war zu einem der zahlreichen vampirischen Feinden des Fürsten übergelaufen?
"Hey, wenn das ein Scherz sein soll, dann ist es kein guter!", rief Chase.
Er zog das Gurka-Hiebmesser aus dem Rückenfutteral.
Es war die einzige Waffe, die er im Moment bei sich trug. Schließlich hatte er erwartet, sich mit einem Verbündeten zu treffen. Mit einem Untergebenen, wenn man es genau betrachtete, denn Chase' Rang in der Organisation war ja unzweifelhaft höher.
Ein weiteres Pflockgeschoss zischte durch die Luft.
Chase warf sich zur Seite. Der Pflock knallte gegen die Wand des Lagerhauses. Es war verdammt knapp gewesen.
Chase fluchte innerlich. Zu dumm, dass er keine Distanzwaffe bei sich hatte!
Ybanez schwebte auf den am Boden liegenden Chase zu.
Anstatt einen weiteren Pflock in seine Armbrust einzulegen, griff der Koloss zu seiner Uzi. Er hielt die Waffe in Chase Richtung. Die Armbrust hielt er mit der anderen Hand. Seine Augen leuchteten eigenartig.
Sie wurden vollkommen weiß. Der Mund war weit aufgerissen. Die Vampirzähne waren im Mondlicht erkennbar. Ybanez stieß ein fast tierisches Knurren aus und feuerte die Uzi ab, während er im Sinkflug über Chase hinwegschwebte.
Chase drehte sich zur Seite. Aber er war nicht schnell genug, um dem Kugelhagel zu entgehen.
Mindestens fünf Projektile fuhren durch das Leder seiner dunklen Jacke hindurch, fetzten in seinen linken Arm, Schulter und Oberkörper hinein. Es tat höllisch weh.
Chase unterdrückte einen Schrei.
Ybanez war wieder bis in Höhe des Dachs
emporgeschwebt. Er legte einen weiteren Pflock ein.
Chase versuchte sich aufzurappeln. Die zahlreichen Treffer schmerzten und schwächten ihn. Und genau das war auch die Absicht von Ybanz gewesen. Chase stand einen Augenblick später wieder auf den Beinen. Er musste die Zähne aufeinander beißen. Eine Nebentür führte in das Lagerhaus hinein. Chase setzte zu einem Sturmlauf an, rannte.
Genau in dem Moment, als der Pflock in seine Richtung schoss, prallte sein Körper mit ungeheurer Wucht gegen die Tür. Sie brach aus den Angeln. Chase taumelte ins Innere des Lagerhauses. Nahezu stockfinster war es hier. Der Pflock ging irgendwo ins Leere.
Chase blickte sich um. Das wenige Licht, das das Innere der Lagerhalle erhellte, kam durch eine Reihe von ziemlich hoch gelegenen Fenstern. Große Container warfen Schatten. Chase verschanzte sich hinter dem ersten von ihnen, presste sich mit dem Rücken gegen das kalte Metall und wartete einige Augenblicke ab. Er konzentrierte sich darauf, die Schusswunden wieder zu schließen.
Ybanez wollte ihn töten. Welcher Grund auch immer hinter dieser Absicht stehen mochte, an seiner Entschlossenheit hatte der 200-Kilo-Vampir nicht den Hauch eines Zweifels gelassen.
Aber hier, im Inneren des Lagerhauses würde es schwieriger für ihn sein, Chase aufzuspüren.
Seine Flugfähigkeit konnte Ybanez hier nur begrenzt zu seinem Vorteil einsetzen.
Chase packte das Hiebmesser mit beiden Händen.
Wenn ich dich erwische, du fetter Sack!, ging es ihm grimmig durch den Kopf.
Chase brauchte nicht lange auf das Auftauchen des Koloss zu warten. Der Dicke schwebte durch die Nebentür herein. Die Öffnung war schmal. Sie war nur als Zugang für das Personal gedacht. Ybanez musste mit der Schulter zuerst hindurchschweben und selbst jetzt wurde es knapp. In der Linken hielt er die Uzi, in der Rechten die mit einem neuen Holzpflock geladene Armbrust.
Chase presste sich mit dem Rücken gegen das Blech eines Containers, verharrte lautlos. Er befand sich in einer Schattenzone. Sein Gegner konnte ihn eigentlich nicht sehen.
Was hat der Kerl nur auf einmal gegen mich?, ging es ihm verständnislos durch den Kopf. Erst vor ein paar Wochen hatte Chase dem Stadthalter des Imperiums in East Harlem dabei geholfen, ein paar Vampir-Eindringlinge zu vernichten, die sich illegal im Big Apple aufhielten. Vermutlich Abgesandte des Vampir-Chefs von Philadelphia. Magnus von Björndal, so sein klangvoller Name, verfügte in seinem Bereich über eine ähnliche Machtfülle wie der Fürst von Radvanyi.
Natürlich konnte er es nicht lassen, immer wieder seine Fühler auf benachbarte Gebiete auszustrecken. Der Fürst stand ihm umgekehrt darin in nichts nach.
Irgend etwas muss mit Ybanez seitdem geschehen sein!, durchzuckte es Chase.
Hatte der Fettkloß am Ende gar Ambitionen entwickelt?
Aber er hatte nichts davon, wenn er Chase ausschaltete. Das brachte ihn keinen Rang höher in der Organisation.
Es sei denn, er hat sich einer groß angelegten Rebellion gegen den Fürst angeschlossen und erhofft sich, nach dem Umsturz für seine Taten belohnt zu werden!, kam es Chase in den Sinn.
Aber diese Möglichkeit erschien Chase extrem unwahrscheinlich zu sein.
Erstens gab es unter den Vampiren New Yorks niemanden, der dem Fürst das Wasser reichen und es wagen konnte, den Kampf mit ihm aufzunehmen. Zweitens hatte es in letzter Zeit nicht die geringsten Anzeichen dafür gegeben, dass es innerhalb des New Yorker Imperiums irgendwelche Bestrebungen in diese Richtung gab. Chase war eigentlich sicher, dass er davon erfahren hätte. Von dem flächendeckend ausgebauten Informanten-Netz des Fürsten ganz abgesehen, der sicherlich in jeder Hinsicht einer der bestinformierten Persönlichkeiten in New York City war.
Ybanez schwebte über die Container hinweg, erreichte schließlich die andere Seite der Halle, wo sich das große Haupttor befand. Das spärliche Licht, das durch die hohen Fenster hereinfiel, beschien sein Gesicht.
Suchend ließ er den Blick schweifen. Seine Nasenflügel bebten. Erneut setzte er zu einem Rundflug durch die Halle an. Chase war sich über die Taktik vollkommen im Klaren, die sein Gegner anwenden würde. Zunächst eine Garbe mit der Uzi, die ihn schwächen und zu Boden werfen würde. Dann der Schuss mit der Armbrust, der Chase' vampirischer Existenz ein Ende setzen und ihn zu einem Haufen grauen Staubes verwandeln würde.
Chase überlegte einen Augenblick lang, ob er sein Hiebmesser als Wurfgegenstand verwenden sollte, sobald der Koloss nahe genug an ihn herankam.
Aber er verwarf den Gedanken wieder.
Ein besonders geschickter Werfer war er nämlich nicht. Und außerdem hatte er dann nur einen einzigen Versuch, der selbst dann, wenn er traf, kaum zur Kampfunfähigkeit des Dicken führte.
Im Tiefflug schwebte der Koloss über die Container.
Er hatte ein ziemlich hohes Tempo dabei drauf. Nur Zentimeter waren seine schlaff herunterhängenden Füße dabei von der Oberseite der Container entfernt. Soweit Chase wusste, hatte Ybanez seine Füße schon zu Lebzeiten nicht gerne benutzt.
Chase verharrte in seiner Deckung.
Der massige Körper von Ybanez verschwand hinter den Containern. Chase erwartete, ihn ein paar Augenblicke später erneut einem düsteren Schatten gleich daherschweben zu sehen wie ein Raubvogel auf Beutefang.
Aber das war nicht der Fall.
Ybanez blieb eine Weile verschwunden. Die Minuten sammelten sich. Chase wurde ungeduldig. Eine Falle? Er konnte sich nicht vorstellen, dass sein Gegner schon aufgegeben hatte. Was auch immer Ybanez zu seiner Handlungsweise getrieben hatte, es musste ihm sehr wichtig sein. Ansonsten lohnte das Risiko nicht.
Schließlich legte Ybanez sich nicht nur mit Chase an, sondern darüber hinaus mit der gesamten Führung des New Yorker Vampir-Imperiums.
Ein Schalter wurde umgelegt.
Das große Tor öffnete sich selbsttätig. Ein Transportband bewegte sich.
Ein Alarmsignal schrillte.
Fast machte es den Eindruck, als experimentierte da jemand mit der elektrischen Anlage.
Dann endlich schien Ybanez den Schalter gefunden zu haben, der ihm weiter half.
Die Neon-Beleuchtung ging an. Flackernd begann eine Neonröhre nach der andere zu leuchten. Chase empfand die plötzliche Helligkeit als grell.
Ein schallendes, höhnisches Gelächter erscholl.
Das war Ybanez.
Er setzte erneut zu einem seiner Flugmanöver an.
Natürlich war es für ihn jetzt keine Schwierigkeit mehr, Chase zu finden.
Er zog den Stecher seiner Uzi durch, ballerte in Chase' Richtung. Die Kugeln schlugen links und rechts ein, fetzten durch das Blech, aus dem die Container bestanden.
Chase duckte sich, versuchte dafür zu sorgen, dass er so wenig wie möglich von dem Bleihagel mitbekam. Ganz war das trotzdem nicht zu vermeiden. Ein Streifschuss rasierte ihm an der Schläfe längs, ein weiterer Treffer fuhr ihm in die Schulter. Chase schrie auf, fluchte lauthals. Das half ihm, den Schmerz zu verarbeiten.
Wut packte ihn. Namenlose Wut.
Im Sturzflug kam der fette Vampir auf ihn zu, schoss auf ihn und war schon einen Augenaufschlag später auf der anderen Seite der Halle.
Unerreichbar für Chase.
Er hetzte durch die engen Gassen, die zwischen den Containern lagen. Ybanez näherte sich wieder. Chase wandte den Kopf, sah ihn aus den Augenwinkeln heraus.
Ybanez feuerte. Chase schlug einen Haken, bog in eine Lücke zwischen zwei Containern ein. Wieder ging es eine schmale Gasse entlang. Es war wie in einem Labyrinth.
Chase rannte so schnell er konnte, bog abermals in einen der engen Zwischenräume ein und lief dann auf eine Betonwand zu.
Das schallende Gelächter des schwebenden Vampirs Ybanez vermischte sich mit dem Schrillen des Alarmsignals. Ybanez hatte nicht mehr viel Zeit. Er musste die Sache jetzt abschließen, sonst tauchten die Cops auf. Zwar wäre es für Ybanez ein leichtes gewesen, auch mit einer ganzen Spezialeinheit im Alleingang fertig zu werden, aber es bedeutete in jedem Fall Komplikationen.
Der Fürst hatte die Mitglieder seiner Organisation stets zu größtmöglicher Diskretion verpflichtet.
Die Menschen waren am gefügigsten, wenn sie nicht einmal ahnten, wer sie aus dem Hintergrund heraus beherrschte.
Chase stolperte auf die Wand zu.
Scheiße, dachte er, das war der falsche Weg!
Das Triumphgeheul seines Verfolgers schrillte ihm in den Ohren.
Er bekam eine volle MPi-Garbe in den Rücken, taumelte nach vorn, der Wand entgegen. Hart fiel er auf den Boden. Der Rücken schmerzte höllisch. Sein Körper fühlte sich an, als ob ihm jemand ein gutes Dutzend langer Nadeln von hinten zwischen die Rippen gestochen hätte.
Jetzt nicht schlapp machen, es geht um dein Leben!, durchzuckte es Chase, auch wenn 'Leben' nicht der richtige Ausdruck war. Denn im eigentlichen Sinn
'lebte' er ja schon lange nicht mehr.
Chase rollte sich seitwärts.
Eine weitere Garbe aus der Uzi prasselte genau dorthin, wo er einen Sekundenbruchteil zuvor noch gelegen hatte. Die Projektile sprengten kleine Löcher in den Betonboden. Manche blieben darin stecken, anderen wurden als höllische Querschläger weiter geschickt.
Dann machte es 'klicklicklick'.
Das Magazin der Uzi war leer geschossen.
Ybanez stieß einen dumpfen Grunzlaut aus, ließ die Waffe fallen. Sie hing daraufhin an dem dünnen Lederband, an dem er sie um die Schulter hatte.
Chase rappelte sich auf.
Ybanez zielte mit der Pflock-Armbrust.
Sein Gesicht war zu einer angespannten Grimasse geworden. Die vollkommen weißen Augen schienen zu glühen. Das dumpfe Knurren, das er permanent hervorstieß, erinnerte nicht mehr an ein vernunftbegabtes Wesen, sondern an ein wildes Tier.
Ybanez ließ sich Zeit.
Er wollte diesmal sein Ziel auf keinen Fall verfehlen.
Chase wich zurück, erreichte dann die Wand.
Ybanez schoss. Chase zuckte zur Seite. Der Pflock zischte an seinem Ohr vorbei, riss ihm ein Stück davon ab und prallte dann gegen die Steinwand. Das Blut floss in Strömen, obwohl diese Wunde nur halb so sehr schmerzte wie die Schusswunden auf dem Rücken.
Aber Chase hatte jetzt ein paar Sekunden gewonnen.
Sein Gegner musste einen neuen Pflock einlegen, bevor er ihm wieder gefährlich werden konnte.
Chase' Blick fiel auf den Feuerlöscher, der vorschriftsmäßig an der Wand hing, daneben ein Schild mit Hinweisen zum Verhalten im Brandfall.
Chase nahm kurz entschlossen das Hiebmesser zwischen die Zähne, um die Hände frei zu haben. Dann riss er den Feuerlöscher herunter, löste die Verplombung, aktivierte die Gaspatrone. Zwei Sekunden dauerte das.
Auf jeden Fall war Chase schneller als Ybanez mit dem Einlegen eines neuen Pflocks.
Der fette Vampir spannte gerade die Armbrust, als ihn der Strahl des Feuerlöschers mitten im Gesicht erwischte.
Ybanez stieß einen gurgelnden Laut von sich. Für einen Augenblick war er verwirrt und blind. Er sank etwas tiefer, konnte für einen Moment offenbar seine Flughöhe nicht mehr richtig einschätzen. Er rieb sich die Augen.
Chase stürmte auf ihn zu, nahm das Gurka-Hiebmesser in die Rechte. Er sprang hoch, fasste mit der Linken nach Ybanez' Fuß, zog ihn ein Stück hinab und schlug mit dem Hiebmesser zu.
Bis zum Knochen drang die Klinge in Ybanez Oberschenkel.
Der Koloss schwebte schreiend einige Meter empor.
Chase' Linke umklammerte noch immer das Fußgelenk.
Wie ein Gewicht hing er am Fuß des ballonförmigen Vampirs und wurde mit ihm emporgehoben.
Chase hieb ein zweites Mal zu. Die Klinge durchtrennte mit unglaublicher Wucht den Knochen. Das Blut spritzte. Chase hielt Ybanez Bein in der Hand und stürzte damit aus einer Höhe von gut drei Metern in die Tiefe. Hart kam er auf einen der Container auf. Ein schepperndes Geräusch war zu hören, mischte sich mit dem schauerlichen Schrei, den Ybanez ausstieß.
Wahnsinnig vor Schmerz und Wut schnellte Ybanez in die Höhe. Er hatte keinerlei Kontrolle mehr über seinen Flug. Noch immer konnte er kaum etwas sehen.
Er prallte mit voller Wucht gegen die Decke der Lagerhalle. Sein Blut spritzte aus dem Stumpf durch die Halle.
Chase warf das Bein seines Gegners von sich, wischte das blutige Hiebmesser an der Jeans ab.
"Verdammte Sauerei!", murmelte er vor sich hin, während er sich aufrappelte und die Flugbahn seines Gegners verfolgte.
Von diesem Schlag würde sich Ybanez so schnell nicht erholen...
Er sank tiefer, immer noch wie ein Wahnsinniger schreiend.
Schließlich ließ er sich auf einem der Container nieder.
Der Schmerz war offenbar so heftig, dass er sich noch nicht einmal richtig darauf konzentrieren konnte, die Blutung zum Stillstand zu bringen. Jeder Vampir hätte für die Heilung einer derartigen Wunde erhebliche Willensanstrengungen hinter sich bringen müssen. Und man brauchte Zeit dazu.
Chase dachte nicht daran, so lange zu warten, bis Ybanez seine Uzi nachgeladen und einen neuen Pflock in seine Armbrust eingelegt hatte.
Mit einem Satz sprang er auf den nächsten Container, dann auf den dritten. Auf diese Weise arbeitete er sich zu Ybanez vor, hatte ihn schließlich erreicht. Ybanez schleuderte ihm einen Wurfstern entgegen, den der fette Vampir am Gürtel trug. Aber sein Wurf war mehr oder minder ungezielt.
Chase stürzte auf ihn zu.
Ybanez schlug mit der Armbrust nach ihm.
Der Schlag ging ins Leere.
Ybanez ächzte.
Chase machte kurzen Prozess, ließ die Klinge des Hiebmessers niedersausen und Ybanez' Nacken durchtrennen. Das Geräusch knirschender, zerbrechender Knochen war zu vernehmen. Ein letzter gurgelnder Laut kam über Ybanez Lippen, bevor er zu grauem Staub zerfiel.
Chase hielt einen Moment inne.
Was hast du nur für einen Super-Job!, ging es ihm durch den Kopf. Jedenfalls keinen, bei dem dir so schnell langweilig werden könnte!
Die Polizeisirenen ließen ihn aus der Erstarrung erwachen. Die Cops mussten schon verdammt nahe sein.
Nichts wie weg! dachte die Nummer zwei der New Yorker Vampire. Der Ärger, den Chase hinter sich hatte, reichte ihm fürs Erste vollkommen aus! Auf eine Rüge seines Chefs, weil er sich nicht an das
Diskretionsgebot gehalten hatte, konnte er gut verzichten.
*
In einem der oberen Stockwerke des Empire State Building residierte Franz, Fürst von Radvanyi, der Herr der New Yorker Vampir-Organisation. Im Vorzimmer des Fürsten begegnete Chase die elegante Petra Brunstein, die für den Fürst als Beraterin in diplomatischen Angelegenheiten fungierte. Im Gegensatz zu Chase war die attraktive Vampirin hoch gebildet und sehr kultiviert. Schon das dunkle Kleid von schlichter Eleganz machte das deutlich. Der Schmuck, den sie trug war dezent, aber effektvoll.
Offenbar war ihre Unterredung mit dem Fürst gerade beendet.
Mit einer Mischung aus spöttischer Herablassung und kaum verhohlenem Hass musterte sie Chase.
Die Nummer zwei der New Yorker Vampire sah nach dem Kampf mit Ybanez etwas ramponiert aus. Die Lederjacke war von den Projektileinschlägen zerfetzt. T-Shirt und Jeans waren mit Blut besudelt. Teils war es Chase'
eigenes Blut, teils das seines geköpften Gegners.
Petra starrte angewidert auf die Blutflecken.
"Hat er mal wieder bei der Mahlzeit gesabbert, unser Kleiner?"
Chase verzog das Gesicht zu einem dünnen Lächeln.
"War leider keine Zeit mehr, sich noch frisch zu machen!"
"Du weißt doch gar nicht, was das ist, Chase!"
"Wer weiß, vielleicht wärst du schon ein paar Ränge höher in der Organisation, wenn du dich nicht den halben Tag mit deinem Outfit beschäftigen würdest!", gab Chase zurück - wohl wissend, dass er sie damit bei ihrer empfindlichen Stelle traf.
Nur zu gern wäre sie nämlich an Chase Stelle die Nummer zwei in der Organisation gewesen.
Die Tatsache, dass jemand wie dieser unkultivierte Rüpel ihr quasi vorgesetzt war, konnte sie kaum ertragen.
Ihr hübsches, feingeschnittenes Gesicht lief dunkelrot an.
"Du hältst dich wohl für unglaublich witzig, was?"
"Ich sage einfach nur wie es ist!"
"Es ist mir wirklich ein Rätsel, was dich für deinen Job qualifiziert, Chase!"
Chase grinste breit und deutete auf die Blutflecken, mit denen seine Kleidung von oben bis unten besudelt war.
"Ich mache meinen Job - und zwar ziemlich gründlich!", lachte er. "Und ich habe dabei keine Angst, mich dreckig zu machen!"
Sie ging davon, ohne Chase noch eines Blickes zu würdigen. Chase zuckte die Achseln.
Einen Augenblick später wurde er zum Fürst vorgelassen.
Franz, Fürst von Radvanyi, war über dreihundert Jahre alt und für gewöhnlich in der Mode des 17.Jahrhunderts gekleidet. Er trug Kniebundhosen und einen dunkelroten Gehrock. Darunter ein weißes Rüschenhemd. Das gelockte Haar fiel ihm weit über die Schultern. Das Gesicht war weiß gepudert. Die Einrichtung seiner Büroräume bestand teilweise aus erlesenen Antiquitäten, die einen eigenartigen Kontrast zu dem hypermodernen Computerequipment bildeten, dass für den Herrn der New Yorker Vampire eine Art Verbindung zur Welt darstellte.
Ihn selbst kannte so gut wie niemand. Er beherrschte sein Imperium aus dem Hintergrund heraus und trat dabei selbst überhaupt nicht in Erscheinung.
"Du hast um eine dringende Unterredung gebeten?", fragte der Fürst. "Ich nehme an, du möchtest mich über dein Treffen mit Ybanez unterrichten..."
"So ist es, Herr", bestätigte Chase und verneigte sich leicht dabei.
Der Fürst musterte ihn knapp. Die Blutflecken an Chase' Kleidung quittierte er dabei mit dem Hochziehen der Augenbrauen.
"Es scheinen sich unvorhergesehene Vorkommnisse ereignet zu haben."
"Ja, Herr."
"Berichte!"
In knappen Worten fasste Chase zusammen, was sich zugetragen hatte. Der Fürst hörte mit ernstem Gesicht zu. Eine dicke Furche bildete sich dabei zwischen seinen Augen.
Als Chase geendet hatte, herrschte einige Augenblicke lang Schweigen.
Der Fürst drehte sich herum, wandte seinem Stellvertreter den Rücken zu. Irgendeiner aufblinkenden Anzeige auf einem der Computerschirme wandte der hohe Herr nun für einige Augenblicke seine Aufmerksamkeit zu. Schließlich fragte er: "Du bist dir ganz sicher, dass Ybanez gewissermaßen auf dich gewartet hat?"
"Ja, Herr. Vollkommen. Er wollte mich töten und mir scheint, das war auch der einzige Zweck dieses Zusammentreffens."
"Aber was könnte das Motiv dafür sein? Welchen Vorteil hat Ybanez sich davon versprochen? Dieser verfluchte Narr..."
"Ich habe mir auch schon den Kopf darüber zerbrochen, Herr!"
"Was hätte er davon gehabt, meinen Stellvertreter umzubringen?"
"Großen Ärger mit der Organisation, Herr."
"Ja, und Ybanez konnte alles gebrauchen, nur das nicht!" Der Fürst ballte unwillkürlich die Hände zu Fäusten, presste sie dermaßen zusammen, dass die Knöchel ganz weiß wurden. "Ohne meine Protektion wäre dieser fette Mops ein Nichts gewesen! Was hat er sich nur eingebildet!"
"Ich nehme an, dass er eine Rebellion plante", sagte Chase.
Der Fürst wirbelte herum.
"Was?"
"Eine andere Erklärung wüsste ich nicht!"
"Dann streng dein Hirn mal ein bisschen an! Eine Rebellion halte ich für ausgeschlossen!"
"Bis zum Vorfall an den Piers habe ich auch so gedacht", meinte Chase. "Aber wie man es auch dreht und wendet, es ist die einzige plausible Erklärung."
"Dann muss Ybanez mächtige Freunde haben. Sonst könnte dieser schwächliche Subalterne, der zu faul ist, um auf zwei Beinen zu laufen, so etwas unmöglich wagen..."
"Davon ist auszugehen, Herr!"
"Du musst herausfinden, was dahinter steckt Chase!"
"Ja, Herr!"
"Diese Angelegenheit hat höchste Priorität!" Der Fürst schüttelte den Kopf. Sein Blick schweifte über die zahlreichen Computerschirme. "Wenn es eine Rebellion war, dann wurde sie hervorragend geheim gehalten. Ich bin fast geneigt, dem Urheber so etwas wie einen professionellen Respekt zu zollen!"
"Was ist mit unseren Vampir-Gegnern aus Philadelphia?", fragte Chase. "Möglicherweise hat Magnus von Björndal Verbündete in unserer Organisation gefunden!"
Der Fürst zuckte die Achseln.
"Magnus von Björndal hat natürlich offiziell nie mit irgendeiner Schweinerei zu tun! Selbst wenn wir seine Handlanger bei uns erwischen, streitet er ab, auch nur einen Gedanken darauf zu verwenden, mir in meinem eigenen Gebiet die Herrschaft streitig machen zu wollen!" Der Fürst streckte den Arm aus und deutete auf einen der Computerschirme. "Ich werde dafür sorgen, dass dir sämtliche Informationen zur Verfügung stehen, die dir nützlich sein könnten. Du weißt, dass ich einen direkten Zugriff auf die Datenbanken aller Polizeibehörden und der Stadtverwaltung habe... Wäre doch gelacht, wenn sich da nicht irgendein Anhaltspunkt ergeben würde!"
Chase nickte untertänig.
"Ja, Herr!"
*
"John, was tun wir hier eigentlich?", fragte die junge Blondine etwas befremdet, als ihr hoch gewachsener, dunkelhaariger Begleiter den spärlich beleuchteten Raum betrat.
John Asturias Arquanteur lächelte mild.
"Lass mich nur machen", meinte er.
"Du wirst hier ein Vermögen verspielen!"
"Ganz im Gegenteil, Celeste! Ganz im Gegenteil!"
"Außerdem..."
"Dich stört, dass es ein illegaler Spielsalon ist?"
Arquanteur hob die dunklen Augenbrauen, die seinem ebenmäßigen Gesicht zusammen mit dem Oberlippenbart einen sinistren Zug gaben. Das gewisse Etwas, das sich nicht erklären ließ und das Celeste an diesem Mann deshalb ganz besonders faszinierte. "Ich habe keine Lust, Bekanntschaft mit den New Yorker Cops zu machen", meinte Celeste.
"Im Gegensatz zu dem Ort, von dem wir herkommen, sollen die Cops hier ganz nette Leute sein", meinte er leichthin. Er sprach von Port-au-Prince auf Haiti. Dort hatte Celeste Myers den gut aussehenden Arquanteur kennen gelernt. Sie war Amerikanerin. Welcher Nationalität er war, wusste sie bis heute nicht genau.
Bei seinen Sachen hatte sie einen haitianischen, einen französischen und einen kanadischen Pass entdeckt.
Arquanteur hatte sie dabei überrascht. Celeste erinnerte sich nur noch daran, dass sie dieser Umstand daraufhin nicht mehr sonderlich interessiert hatte. Sie hatte ihn plötzlich für völlig unwichtig gehalten, obwohl sie noch wenige Augenblicke zuvor geargwöhnt hatte, ihre neue große Liebe könnte in irgendwelche illegalen Geschäfte verwickelt oder ein Spion für irgendeine fremde Macht sein.
Sie bedachte ihn mit einem tadelnden
Gesichtsausdruck.
"Du willst mich auf den Arm nehmen!"
"Keineswegs. In einem Salon wie diesem sind Einsatz und Gewinnmöglichkeiten etwas höher als man es sonst erwartet..."
"Und du willst dieses Risiko eingehen?"
"Ich brauche etwas Geld."
"Bislang hatte ich nicht den Eindruck, dass du knapp bei Kasse bist, John!"
"Na eben! Und das soll doch auch so bleiben, oder?"
Arquanteur sah ihr in die Augen. Sein Blick wirkte sehr intensiv. "Mach dir keine Sorgen", sagte er dann in einer sehr tiefen, sonoren Stimmlage.
Celeste schluckte.
Sie hing an diesem geradezu hypnotisch wirkenden Blick. Ihr Puls beschleunigte sich. Schweißperlen bildeten sich auf ihrer Stirn.
"Ja", hauchte sie.
"Cops sind hier so leicht beeinflussbar wie überall", murmelte er. "Also hör auf darüber nachzudenken, ob sie uns in die Quere kommen könnten!"
"Ja!"
Ihr Blick wirkte jetzt geradezu entrückt.
"Im Übrigen wirst du mir an diesem Abend zwar Gesellschaft leisten, dich aber später an nichts erinnern was hier geschehen ist!"
"Aber..."
Ein kurzer Protest, der im Keim erstickt wurde.
John Asturias Arquanteur hob die Hand, berührte Celeste an der Schläfe. Ein geradezu seeliger Gesichtsausdruck beherrschte jetzt ihre Züge.
"Ja!", hauchte sie.
Ein mildes Lächeln umspielte Arquanteurs Lippen.
Aber in seinen Augen glitzerte es kalt.
"So gefällst du mir!", meinte er. Ihre Willenskraft war nicht besonders ausgeprägt und so war es für Arquanteur nicht allzu schwer, ihren Geist zu kontrollieren.
Arquanteur tat das nicht um seinetwillen. Wenn es einen Menschen gab, dem er vertrauen konnte, dann war es Celeste. Sie glaubte an ihn und seine Mission, den Kampf gegen die Mächte des Bösen. Und sie liebte ihn aufrichtig.
Celeste war allerdings eine Frau mit starken moralischen Skrupeln und Arquanteur wollte ihr Gewissen nicht unnötig damit belasten, dass der Mann, den sie liebte und dem sie bedingungslos gefolgt war, sich die finanziellen Mittel für seine Mission beim illegalen Glückspiel besorgte. Arquanteur fand, dass er Celeste nur einen Gefallen tat, wenn sie nicht dauernd darüber nachgrübeln musste, ob es richtig war, letztlich vom Geld der Mafia zu leben...
Gemeinsam schritten sie an den Roulette-Tisch.
"Faites vos jeux!", sagte der Groupier. Arquanteur machte seinen Einsatz und wenig später hieß "Rien ne vas plus!"
Lächelnd verfolgte Arquanteur den Lauf der Kugel.
Auch er ließ sich leicht beeinflussen. Zumindest für jemanden wie Arquanteur. Er konzentrierte sich auf die Bahn der Kugel, murmelte leise vor sich hin eine magische Beschwörungsformel, die ihm dabei half, seine geistigen Kräfte zu bündeln und schon hatte er das Spiel vollkommen in seiner Kontrolle. Arquanteur amüsierte sich insgeheim darüber, dass die Betreiber dieses illegalen Spielsalons genau dasselbe glaubten und daher den Spielern enorme Gewinne versprachen, obwohl in Wahrheit ein im wahrsten Sinne des Wortes abgekartetes Spiel lief. Die Roulettetische waren ebenso manipuliert wie die Backgammon-Runden. Hin und wieder wurde ein großer Gewinn ausgeschüttet, um den Spielern den Mund nach mehr wässrig zu machen. Aber im Grunde genommen stand jeder, der hier her kam, von vorn herein als Verlierer fest. Zumindest auf die Dauer gesehen.
Natürlich hatte niemand mit jemandem wie Arquanteur gerechnet, der die ungeschriebenen Gesetze dieses Geschäfts einfach auf den Kopf stellte. Zumindest was ihn betraf.
Ist es nicht wunderbar?, dachte er. Das Geld, das ich für meinen Kampf gegen das Böse brauche, wird mir vom Bösen selbst gegeben!
Auch das war für ihn ein Grund, Orte wie diesen aufzusuchen.
Es waren Gangster, denen er mit Hilfe seiner übernatürlichen Fähigkeiten in die Taschen griff.
Gangster, die er dadurch, wie er meinte, gleichzeitig auf eine sehr wirksame Weise bekämpfte.
Es kam, wie erwartet.
Der Lauf der Kugel bescherte ihm einen beträchtlichen Gewinn. Alle Augen waren plötzlich auf Arquanteur gerichtet. Der Groupier sah etwas verwirrt aus, drehte sich hilfesuchend zu einem seiner Kollegen um. Einige Männer in dunklen Anzügen wirkten plötzlich sehr nervös.
"Heute möchte ich das Glück herausfordern", sagte Arquanteur. "Ich werde meinen gesamten Gewinn wieder ins Spiel zurückgeben!"
Ein Raunen ging durch die Reihen der anderen Spieler.
Ein Stimmengewirr begann.
"Ich setze auf rot!" sagte Arquanteur.
Der Groupier hob die Schultern.
"Mesdames et messieurs... faites vos jeux!"
Celeste hing an seinem Arm. Ihre Augen waren gespannt auf den Spieltisch gerichtet. "Rien ne vas plus!" Die Kugel rollte und Arquanteur ließ sie in einem roten Feld stecken bleiben. Er hatte erneut gewonnen.
"Sie scheinen heute eine Glückssträhne zu haben!", meinte einer der anderen Gäste. "Ich glaube, ich werde mal auf dieselben Farben setzen, die sie bevorzugen, Mister..."
"Smith!", sagte Arquanteur. "Nennen Sie mich einfach Smith!"
Der Mann grinste breit.
"So nennt sich wahrscheinlich die Hälfte der Gäste hier im Raum!"
"Vermutlich!"
Unter den Gästen fiel Arquanteur jetzt ein Mann auf, der sich durch seine Kleidung vollkommen vom Rest des Publikums abhob. Er trug einen schneeweißen Anzug. Auch die Krawatte, das Hemd und sogar die Schuhe waren weiß.
Das bildete einen scharfen Kontrast zu seinem schwarzen Haar und den dunklen Augen. Sein Gesicht war sehr hübsch und feingeschnitten, die Züge wirkten für einen Mann sehr weich.
Er hatte etwas an sich, das jeden, der ihn zum ersten Mal sah, an die Erscheinung eines Engels erinnerte.
Nur das unruhige Flackern seiner dunklen Augen ließ einen daran zweifeln. Und natürlich der spöttische Zug, der bisweilen um seinen Mund herum zu beobachten war.
"Ah, Mr. Gabriel", begrüßte Arquanteur den Mann in Weiß. "Es freut mich außerordentlich, Sie hier zu sehen!"
"Tut mir aufrichtig leid, dass ich diese Freude nicht teilen kann!", erwiderte Gabriel. Seine Stimme klirrte wie Eis. Arquanteurs ausgestreckte Hand ließ der Mann in Weiß zunächst einfach im Raum stehen. Dann zuckte sein Arm plötzlich empor, wie unter einem fremden Zwang. Gabriels Gesicht verzog sich zu einer grimmigen Maske.
"Na, also, es geht doch, Gabriel! Vergeuden Sie Ihre Kraft nicht in fruchtlosem Widerstand!"
"Was soll ich hier? Warum haben Sie mich hier her beordert?"
"Ich möchte, dass Sie etwas lernen!"
"Verschonen Sie mich mit diesen Ambitionen, Arquanteur! Da beißen Sie bei mir auf Granit."
"Es ist niemals zu spät für eine Umkehr, Gabriel. Sie wären nicht der Erste, der dem Bösen verfiel und auf den richtigen Weg zurückfand!"
"Unter Zwang, ja?"
Gabriel lachte so laut, dass sich einige der anderen Gäste nach dem Mann in Weiß umdrehten.
"Wenn es sein muss - ja!"
"Oh, mein Gott!"
"Eine alte Angewohnheit von Ihnen, nach dem alten Herrn zu rufen, nicht wahr?" Arquanteur hob die Augenbrauen. "Vielleicht wird er Sie eines Tages sogar wieder hören, Gabriel. Wenn Sie mir folgen..."
"Scheint, als hätte ich im Moment nicht die Möglichkeit nein zu sagen!", war Gabriels zynische Erwiderung.
"Ihr Glück, Gabriel!"
"Eine Sache des Standpunktes, Arquanteur! Und jetzt sagen Sie mir, was ich hier machen soll, damit ich die Sache schnell hinter mich bringen und wieder verschwinden kann."
"Ihre reizende Gefährtin Ptygia erwartet Sie wohl voll Ungeduld."
"Also?"
Arquanteur schüttelte den Kopf. "Ich muss Sie enttäuschen. Hier und jetzt sollen Sie nichts anderes tun als zu beobachten..."
Der Mann in Weiß starrte Arquanteur ungläubig an.
"Beobachten?", echote er. "Was bitte beobachten?"
"Wie schwach das Böse ist, Gabriel! Es ist ein Lektion für Sie, die Sie sich im eigenen Interesse gut merken sollten!"
*
BAD DEMON hieß der Gothic-Schuppen, in dem sich Chase ein paar Nächte später herumtrieb. Der Besitzer war ein Vampir namens Clyde Jones. Schon zu Lebzeiten hatte ihn das Übernatürliche und Okkulte fasziniert.
Die Sache mit Ybanez schrecklichem Ende hatte inzwischen unter den Vampiren New Yorks die Runde gemacht. Der Fürst hatte dafür gesorgt. Falls es innerhalb der Organisation noch jemanden gab, der Lust auf eine Rebellion hatte, so solle er durch Ybanez'
Beispiel abgeschreckt werden.
Clyde Jones war ebenfalls schockiert. Als er von Chase erfuhr, wer Ybanez getötet hatte, war er ziemlich perplex.
"Du warst das mit Ybanez, was? Sauberer Kill", stieß er hervor.
"Ich würde es noch lauter herumposaunen, dann kriegen es auch all die Sterblichen mit, die sich im Moment noch über die Scheiß-Musik ärgern, die du laufen hast!", versetzte Chase ziemlich giftig.
Clyde gehörte zur Organisation, er war ein wichtiger Informant über alles, was in der Okkult- und Satans-Szene so ablief. Und wenn in New York ein dicker Vampir Amok lief, dann ging das verdammt noch mal auch ihn etwas an! Jedenfalls nach Chase' Meinung.
"Sorry!", beeilte sich Clyde sogleich einzulenken.
"Ich hätte Ybanez nicht abgemurkst, wenn es nicht absolut notwendig gewesen wäre!"
"Ja, schon klar, Mann! Macht dir ja auch niemand Vorwürfe, oder?"
"Das wäre ja auch wohl das Letzte!"
"Wenn der Fürst findet, dass es in Ordnung war, dann war es auch in Ordnung!"
"Deine Treue wird ihn zutiefst rühren!", erwiderte Chase mit ironischem Unterton.
"Was willst du eigentlich von mir?"
"Dass du die Augen offen hältst."
"Klar, mache ich doch immer!"
Eine grazile Dunkelhaarige in einem knappen Lederkleid tauchte jetzt neben Chase auf.
"Hi, ich bin wieder so weit!", hauchte sie Chase zu.
Sie war ein paar Minuten verschwunden gewesen, um sich etwas frisch zu machen. Clyde Jones bemerkte das Bissmal an ihrem Hals, dass durch Puder und Schminke notdürftig abgedeckt wurde. Sie selbst hielt die Male vermutlich für irgendeinen Ausschlag oder Pickel. Wenn der Vampir nicht zu rabiat war und beispielsweise die Kehle des Opfers zerfetzte, war ein Vampirbiss nicht unbedingt tödlich. Eine Freisetzung erheblicher Endorphinausschüttungen sorgte dafür, dass das Opfer in einen rauschhaften Zustand versetzt wurde und den Biss gar nicht als solchen bemerkte.
Clyde beugte sich zu Chase hinüber.
"Stellst du mir deine aktuelle Blutspenderin noch vor?"
"Sie heißt Samantha."
"Sieht lecker aus."
"Allerdings!"
"Sei nicht zu gierig!" Clydes Kichern ging in ein paar schrägen Gitarrenakkorden unter.
Samantha berührte Chase am Oberarm. "Was ist, unternehmen wir jetzt noch was? Zusammen?"
Bevor Chase in der Lage war zu antworten, ergriff Clyde erneut das Wort.
"Chase, ehe ich es vergesse..."
"Was denn?"
Clyde holte eine Visitenkarte hervor und legte sie auf den Schanktisch. Er schob sie zu Chase hinüber.
"Hier, das hat jemand für dich abgegeben." Chase nahm die Visitenkarte und warf einen Blick darauf. Dort stand: J.P.Gabriel Business Consulting Darunter eine Büroadresse in der Lower East Side. Gabriel!, durchzuckte es Chase. Der ehemalige Engel und Diener Gottes, der inzwischen zu einem machtgierigen Verfechter des Bösen geworden war, steckte zweifellos dahinter. Die Vampire waren für den gefallenen Engel nichts anders als ein Hindernis zur Ausweitung seiner eigenen Machtsphäre. Die Namensgleichheit mit diesem ominösen Finanzberater konnte kein Zufall sein!
"Wann wurde das abgegeben?", fragte Chase.
"Ziemlich früh am Abend."
"Und von wem?"
"So'n Typ im weißen Anzug. Wirkte ziemlich schrill!
Vor allem hier im BAD DEMON, wo doch allgemein etwas dunklere Farbtöne bevorzugt werden."
"Also eine Art Anti-Grufti!", kommentierte Samantha, die etwas näher herangerückt war und zugehört hatte.
"Schon kapiert", murmelte Chase.
Die Erinnerung an das letzte Zusammentreffen mit dem dunkelhaarigen Ex-Engel und seiner monströsen Begleiterin Ptygia war Chase noch lebhaft im Gedächtnis. Mit Hilfe der Komori, die aus dem Limbus zwischen den Dimensionen stammten und sich von der Mentalenergie vernichteter Vampire ernährten, hatte Gabriel versucht, die Herrschaft der New Yorker Vampire zu beenden. Auf dem Trinity Cemetery war es zum letzten Kampf gekommen. Ptygia, das stumpfsinnige, etwa zweieinhalb Meter große Monster in Gabriels Schlepptau, hatte Chase um ein Haar umgebracht. Bevor es dem Vampir dann allerdings gelungen war, den Spieß herumzudrehen, waren die beiden entmaterialisiert.
Schon damals hatte der Fürst befürchtet, dass Gabriel seine Versuche, eine Machtbasis auf der Erde zu errichten, keineswegs aufgeben würde.
Nun schien sich diese Vermutung zu bewahrheiten.
Chase wandte sich an Samantha.
"Tut mir leid, aber ich muss heute Nacht noch etwas Dringendes erledigen..."
Sie schmiegte sich an ihn.
"Das hoffe ich doch..."
"Ich fürchte, das ist etwas anderes als das, woran du jetzt denkst?"
Sie seufzte.
"Sollte ich mich da wirklich so täuschen?"
"Bye, Samantha. Wir sehen uns demnächst wieder..."
Chase ließ sie etwas verdutzt zurück.
Und auch Clyde konnte sein Erstaunen kaum verbergen.
Wenn Chase so einen Bissen einfach sitzen lässt, muss es um etwas wirklich Wichtiges gehen!, ging es ihm durch den Kopf.
*
Chase hatte seine Harley in der Nähe des BAD DEMON
abgestellt. Er startete die Maschine und fädelte sich in den Verkehr ein. Etwa die Hälfte der Nacht war vorüber. Aber leere Straßen gab es deswegen in Manhattan noch lange nicht. Etwa eine Viertelstunde später hatte Chase das Brownstonehaus in der Lower East Side erreicht, zu dem die Adresse von 'J.P.Gabriel'
gehörte.
Das Gebäude hatte zehn Stockwerke.
Gabriels Büros lagen ganz oben. Chase ließ sich mit dem Lift hinauffahren. Außer dem Sicherheitsdienst arbeitete um diese Zeit hier niemand mehr. Aber Gabriel verfolgte sicher irgendeine Absicht damit, Chase hier her zu locken.
Wie auch immer!, dachte Chase. Wenn es Ärger gab, blieb ihm immer noch der Griff zu seinem Hiebmesser.
Vor der Bürotür der Firma 'J.P.Gabriel Business Consulting' angekommen, betätigte Chase die Gegensprechanlage.
Keine Antwort.
Er stieß die Tür an. Sie war offen.
Vorsichtig betrat er den Büroraum. Durch die großen Fenster konnte man auf die Gebäude der Umgebung blicken. Neonreklamen blinkten. Chase verzichtete darauf Licht zu machen. Chase sah ein Großraumbüro von etwa hundert Quadratmetern vor sich. Nichts Ungewöhnliches. Schätzungsweise hatte 'J.P.Gabriel etwa ein Dutzend Angestellte, die für ihn an den Computern saßen.
Warum sollte ich hier kommen?, durchfuhr es den Vampir.
Chase hatte auf einmal das Gefühl, in eine Falle getappt zu sein.
Plötzlich klappte die Tür zu.
Chase drehte sich herum.
An der dunklen Wand zeigte sich der helle Umriss einer menschlichen Gestalt. Wie ein Schattenriss im Negativ.
Chase erstarrte.
Die Erscheinung an der Wand bewegte sich, schien die Hand nach dem Vampir auszustrecken. Chase ließ den Blick durch den Raum schweifen. Aber ansonsten war da nichts Verdächtiges.
Die Erscheinung bekam jetzt Gesichtskonturen. Blass wirkten sie, aber Chase erkannte sie trotzdem sofort.
Dunkle Augen, dunkles Haar, ein Gesicht wie ein Engel...
"Gabriel!", entfuhr es Chase.
Der Mund des Gesichts bewegte sich, so als würde er sprechen.
"Hey, was immer du von mir willst - Lippenlesen gehört nicht zu meinen Fähigkeiten!", meinte Chase.
Dann verblasste die Erscheinung.
Chase starrte mit gerunzelter Stirn an jene Stelle auf der Wand, an der er sie gerade noch gesehen hatte.
Das glaubt mir nicht einmal der Fürst!, überlegte er.
Chase verließ das Büro.
Vor der Tür wartete jemand auf ihn. Ein großer, breitschultriger Kerl mit gewaltigen Catcher-Händen. Er trug Jeans und T-Shirt. Seine mächtigen Oberarme waren mit Tätowierungen übersät. Der spiegelglatt rasierte Meister Propper-Schädel ebenfalls. Zumeist waren es irgendwelche okkulten Zeichen, die er sich als Motive ausgewählt hatte. Pentagramme, umgedrehte Kreuze und dergleichen.
Über der Schulter trug er eine Sporttasche.
Der Kerl verzog das Gesicht und grinste breit.
Seine Vampirzähne kamen dabei zum Vorschein.
"Was machst du denn hier, Darry?"
Darry Korz - vor seiner Einbürgerung Darius Korzeniovsky - war der Stadthalter des Fürsten unter den Ukrainern und Weißrussen in Brooklyn, wo sie ganze Straßenzüge beherrschten und sich vor allen Dingen im Geschäft mit der illegalen Müllbeseitigung breit gemacht hatten. Hier in der Lower East Side hatte er allerdings eigentlich nichts zu suchen. Es sei denn, ein besonderer Auftrag führte ihn hier her.
"Hi, Chase!", murmelte er.
Chase wusste sofort, dass etwas nicht in Ordnung war.
Darry Korz holte eine Axt aus der Sporttasche, schleuderte die Tasche dann wie lästigen Ballast von sich und nahm Kampfhaltung an.
"Hey, was soll das, Mann!", rief Chase.
Er wich zurück, als Darry Korz auf ihn losstürmte.
Nur um Haaresbreite verfehlte ihn die Axt. Die Klinge fuhr in die Wand hinein. Funken sprühten, Putz blätterte. Chase wich zur Seite, riss das Hiebmesser aus dem Futteral heraus und schlug noch mit derselben Bewegung zu. Die Klinge des Hiebmessers traf Darry in der Nierengegend, drang tief ein.
Darry brüllte auf.
Chase wich zurück.
Er kannte Darry gut genug, um zu wissen, dass sein Gegner ihm an Körperkraft haushoch überlegen war. Vor seiner Konversion zum Vampir war Darry unter anderem Gewichtheber und Catcher gewesen und war in der Wrestling-Liga unter dem Namen 'Bone-Booster'
aufgetreten. Die entsprechenden Bewegungsabläufe und Kampftechniken hatte er immer noch drauf. Auch das war ein Vorteil gegenüber Chase, der keinerlei Kampfausbildung besaß.
Darry stieß einen dumpfen Knurrlaut hervor. Sein Gesichtsausdruck war zur Maske erstarrt.
Er riss die Axt herum, ließ sie über dem Kopf kreisen.
"Hey, Darry! Was ist verdammt noch mal in dich gefahren!", rief Chase, während er den Gang entlang taumelte und den Schlägen der Axt auswich, so gut es ging.
Dummerweise war die Reichweite von Darrys Waffe um einiges weiter als die von Chase' Hiebmesser. Und da Darry auch noch längere Arme besaß, kamen noch ein paar Zentimeter hinzu.
"Töten!", murmelte Darry. Schaum stand ihm vor dem Mund. Es zuckte eigenartig in seinem Gesicht. Seine Bewegungen wirkten auf einmal ruckartig und unharmonisch.
Und das bei einem ehemaligen Show-Kämpfer! durchfuhr es Chase. Fast konnte man den Eindruck gewinnen, dass eine fremde Kraft ihn vorwärts trieb, seine Schritte lenkte, seinen Geist beherrschte...
Darry blutete stark aus der Wunde, die Chase ihm an der Seite geschlagen hatte.
Rot tropfte es auf den PVC-Boden im Korridor.
Mit Schrecken dachte Chase daran, dass sich Erkennungsdienstler jeden einzelnen dieser Tropfen vornehmen würden.
"Töten!", murmelte er. "Chase...töten...töten..."
Darry wiederholte diese Worte immer wieder. Es klang wie eine Art Singsang. So als musste er sich eines einzelnen Gedankens immer wieder neu versichern. Eine Art Selbsthypnose...
"Hey, Mann, komm zu Verstand!", rief Chase.
Aber bei Darry stieß er dabei auf taube Ohren. Auf die Wunde an seiner Seite achtete er dabei nicht. Immer wieder ließ er die Axt kreisen. Chase blieb nichts anderes übrig, als zurückzuweichen.
Die Nummer zwei der New Yorker Vampire konnte mit dem Hiebmesser so gut wie nichts dagegen ausrichten.
Wie ein Berserker stürmte Darry auf ihn ein.
Einer dieser mörderischen Axtschläge ging haarscharf an Chase vorbei. Ein Schlag, der ihn von oben bis unten hätte spalten können. Die Axt fuhr in den Boden, durchschlug den Belag und drang sogar noch einige Zentimeter in den Estrich ein. Chase sah seine Chance gekommen. Er schnellte vor, hieb mit dem Gurka-Messer zu. Er durchtrennte beide Unterarme seines Gegenübers.
Die Hände blieben um den Griff der Axt gekrallt. Das Blut spritzte in einer Fontäne empor.
Darry Korz, der ehemalige Bone-Booster im Wrestling-Ring, stand ohne Hände da.
Er starrte auf seine Stümpfe.
Sein Gesicht bildete jetzt eine Maske puren Grauens.
Ein furchtbarer Schrei kam über seine Lippen. Das Blut sprudelte nur so heraus. Chase nutzte diese Gelegenheit eiskalt aus und schlug noch einmal zu.
Sein Hiebmesser durchschlug den Hals des Tätowierten.
Das Geräusch knirschender Knochen war zu hören. Einen Augenaufschlag lang noch stand Darry Korz in voller Größe da, dann fiel der eiförmige Schädel vornüber.
Keines der unzähligen magischen Zeichen, die man in ihn hinein gebrannt hatte, war in der Lage gewesen, ihn davor zu bewahren. Mit einer minimalen Zeitverzögerung brach dann sein massiger Körper in sich zusammen. Er verwandelte sich, genau wie der Schädel. Sowohl der Schädel als auch der Körper waren bereits zu grauem Staub zerfallen, als sie den Boden erreichten.
Nur die Axt mit den beiden Händen daran blieb zurück.
Chase wandte sich den Aufzügen zu.
Er setzte zu einem kleinen Spurt an. Es war besser, wenn er jetzt so schnell wie möglich verduftete.
Schließlich gab es hier auch einen Sicherheitsdienst.
Chase stoppte, als vor ihm die Lifttür zur Seite flog.
Zwei uniformierte Angehörige eines Security Service verließen die Kabine.
Sie stoppten abrupt, starrten auf Chase'
blutverschmiertes Hiebmesser und griffen zu den Waffen.
Nein, keine Einschüsse mehr!, dachte Chase. Davon hatte er in der letzten Nacht wirklich genug einstecken müssen. Chase handelte blitzschnell. Mit dem Hiebmesser stieß er zu und erledigte damit den ersten der beiden Security-Männer, ehe dieser auch nur seine Waffe gezogen hatte.
Dem zweiten hackte er die Hand mitsamt der Beretta ab.
Der Security-Mann sah ihn entgeistert an. Ihm blieb nicht einmal mehr Zeit für einen Schrei. Bevor es dazu kommen konnte, war Chase' Hiebmesser ihm durch die Kehle gefahren.
Chase schob ihn zur Seite, so dass die Liftkabine wieder schließen konnte.
*
"Gabriel!", murmelte Fürst von Radvanyi düster und mit zur Faust geballter Hand, nachdem Chase ihm noch in derselben Nacht Bericht erstattet hatte. "Ja, er könnte durchaus hinter diesen Amokläufern in unserer Organisation stecken. Allerdings müsste er schon erheblichen schwarzmagischen Aufwand betreiben, um einen Vampir unter seine Kontrolle zu zwingen."
"Trauen Sie ihm das nicht zu, Herr?"
"Ich bin mir nicht sicher..."
"Diese Erscheinung, die ich gesehen habe..."
"Ich vermute, dass es sich um den Versuch einer Astral-Botschaft handelt. Allerdings scheint die Übertragung nicht so ganz geklappt zu haben."
Der Fürst machte ein nachdenkliches Gesicht, ging dann zu einem seiner Computerschirme. Seine dürren, knorrigen Finger, die teilweise mit Brillantringen behängt waren, glitten mit atemberaubender Schnelligkeit über die Tastatur.
In seinen Augen blitzte es.
Er sah konzentriert auf den Schirm.
"Die Firma, in deren Büroräume du warst trägt übrigens nicht den Namen des gefallenen Engels Gabriel..."
Auf Chase Stirn erschienen ein paar Falten.
"Sondern?"
"J.P. Garber Business Consulting. Ist seit etwa fünf Jahren im Geschäft."
"Aber ich bin mir sicher, Herr!"
Der Fürst lächelte dünn.
"Natürlich, Chase. Der Unterschied ist ja auch nur gering. Ich nehme an, du bist mit schwarzmagischen Mitteln getäuscht worden. Gabriel wollte dir eine Botschaft übermitteln und brauchte dafür einen Treffpunkt, an dem ihr garantiert nicht gestört würdet!"
"Und in einem Büro wie diesem wird nachts ja nicht gearbeitet!"
"Eben!"
"Und Darry Korz?"
"Er muss dir gefolgt sein, Chase. Eine andere Möglichkeit sehe ich nicht."
"Er wollte mich töten."
"Genau wie Ybanez. Übrigens gibt es noch ein paar weitere eigenartige Vorkommnisse. Mein Kontaktmann bei der Stadtverwaltung meldet sich plötzlich nicht mehr..."
"Ein Mensch?", fragte Chase. Alle Geheimnisse der Organisation kannte auch er nicht. Der Fürst lächelte.
"Ja. Es hat fast den Anschein, dass er sich von uns verabschiedet hat. Du könntest ihn bei Gelegenheit mal einer Befragung unterziehen... Er heißt Sidney Winwood, hat ein schönes Haus in Riverdale. Natürlich weiß er nicht, für wen er wirklich arbeitet. Und leider scheint er nicht der einzige zu sein."
"Sie meinen, die Organisation wird unterwandert?"
"Jemand scheint meinen Leuten - gleichgültig ob Vampire oder Menschen - ein besseres Angebot zu machen, um es mal freundlich zu formulieren!"
Chase hob die Augenbrauen.
"Das sieht eigentlich nicht unbedingt nach Gabriels Handschrift aus", meinte er dann.
"Vielleicht hat er seine Taktik geändert, Chase."
"Wäre natürlich möglich."
"Jedenfalls möchte ich, dass du in nächster Zeit nicht mehr allein auf die Pirsch gehst!"
Chase stutzte erst. Der Zusammenhang, in dem die letzte Bemerkung des Fürsten gefallen war, gefiel ihm ganz und gar nicht. Aber dann begriff er, worauf der Fürst hinaus wollte. Er nahm an, dass die Erscheinung, die Chase gesehen hatte, der Versuch einer Astralbotschaft war.
Offenbar befürchtete der Fürst, dass Gabriel auch Chase eine Art Angebot machen und ihn auf seine Seite ziehen konnte.
Der Fürst lächelte nachsichtig.
"Gegenwärtig wissen wir nicht, welche Mittel Gabriel zur Verfügung stehen, um Mitglieder der Organisation auf seine Seite zu ziehen, Chase. Wir müssen sehr vorsichtig sein."
"Ich könnte einige meiner alten Kumpel fragen, ob..."
"Nein. Keine deiner Kumpel", bestimmte der Fürst. Er wollte offenbar die Kontrolle behalten. "Ich werde dir ein paar gute Kämpfer an die Seite stellen... Sie werden sich bei dir melden!"
"Ja, Herr."
Nachdem Chase sich in aller gebotenen Demut zurückgezogen hatte, ging der Fürst zur Fensterfront und blickte über die Stadt. SEINE Stadt. Bis zur Morgendämmerung war es nicht mehr lang. Aber die Zeit reichte noch, um jene Vampire einzuweisen, die er Chase als Begleiter zur Seite geben wollte.
Es wäre schade um Chase!, dachte der Fürst. Aber falls es diesem Gabriel - auf welche Weise auch immer!
- gelingen sollte, ihn auf seine Seite zu ziehen, werde ich dafür sorgen müssen, dass er ausgeschaltet wird!
*
John Asturias Arquanteur atmete tief durch. Er betrat den fensterlosen, feucht-kühlen Kellerraum, der von einem unangenehmen Modergeruch erfüllt war. Kein einziger Sonnenstrahl konnte hier her gelangen. Ein Bett stand in der Mitte des Raumes. Darin lag eine blassgesichtige Frau mit feingeschnittetenen, sehr hübschen Gesichtszügen. Das ebenholzfarbene Haar reichte ihr bis über die Schultern.
Catherine!, durchfuhr es ihn. Meine geliebte Catherine...
Sie befand sich in einem Zustand beinahe komatösen Tagschlafs, wie er für Vampire typisch war.
Catherine, dass das Böse ausgerechnet dich zu seiner willfährigen Dienerin machen musste!
Arquanteur hatte alles versucht, um sie von diesem Fluch zu erlösen. Alles, um sie ins Leben zurückzuholen. Er war ein Experte auf dem Gebiet des Okkulten und hatte mit Hilfe von Ritualen, die er in weitgehend verschollen geglaubten Schriften aufgestöbert hatte, seine geistigen Kräfte über das natürliche Maß hinaus entwickelt.
Mit Fug und Recht konnte man ihn als einen Magier bezeichnen.
Aber selbst ihm war es nicht gelungen, seine geliebte Catherine aus ihrer untoten Existenz zu befreien.
Zumindest nicht auf eine Weise, die es gestattete, dass sie in ihr Leben als Sterbliche zurückkehrte.
Und so blieb nur noch eine einzige Möglichkeit.
Arquanteur hielt Holzpflock und Hammer in der Rechten.
Du musst es tun!, durchzuckte es ihn. Du hast dein Leben dem Kampf gegen das Böse gewidmet und jetzt, da das Böse im Körper eines geliebten Menschen wohnt, kannst du nicht einfach zurückschrecken und die Hände in den Schoß legen...
Arquanteur schluckte.
Der Schweiß perlte ihm von der Stirn.
Verzeih mir, Catherine, dachte er. Wenn mir nur irgendeine andere Wahl bliebe... vielleicht ist es dir ein Trost, wenn ich dir sage, dass ich das, was dir angetan wurde an allen Vampiren dieser Welt rächen werde... Sie hatten kein Recht dazu, dich in ein untotes Wesen ohne Atem und ohne Herzschlag zu verwandeln.
Arquanteur berührte Catherines Hand.
Sie war eiskalt.
Die Hand einer Toten!, durchzuckte es ihn. Nicht du wirst es sein, der sie jetzt tötet, auch wenn es für dich den Anschein haben mag! SIE waren es! Die Diener des Bösen. Die Vampire, zu denen sie nun gehört...
Er nahm den Hammer in die Rechte, setzte den Pflock mit der Linken auf, genau dort, wo ihr Herz war.
Es musste sein.
Sein Gesicht wurde zu einer starren Maske.
Du wirst sie dadurch erlösen!, redete er sich ein.
Dann schlug er zu. Schon der erste Schlag trieb den Pflock tief in ihren Körper hinein. Das weiße Nachthemd, das sie trug, färbte sich dunkelrot.
Sie öffnete die Augen. Ein heiserer Schrei drang aus ihren dünnen, blutleer wirkenden Lippen. Ihr Gesicht verzog sich zu einer Maske des Schmerzes...
...und ihre lang gezogenen Vampirzähne wurden sichtbar.
John Asturias Arquanteur musste all seine Willenskraft zusammennehmen, um noch einmal zuzuschlagen und den Pflock noch etwas tiefer in sie hineinfahren zu lassen.
Vor seinen Augen zerbröselte sie zu weißgrauem Staub.
Ein Vorgang, der ungewöhnlich langsam vor sich ging.
Arquanteur hatte schon dutzende Vampire gepfählt, auch wenn er auf der Suche nach wirksameren
Bekämpfungsmethoden war. Bei allen, denen er zuvor ein Pflock ins Herz gerammt hatte, war der Vorgang des Zerfalls schneller vor sich gegangen als bei Catherine, der das Fleisch buchstäblich von den Knochen fiel.
Einen schrecklichen Augenblick lang sahen ihre Augen ihn aus einem bleichen, grinsenden Totenschädel heraus an, das Nachthemd spannte sich um ein Skelett. Dann endlich zerfielen auch ihre Knochen, nichts als Staub blieb auch von ihnen. Vielleicht lag die lange Dauer dieses Vorgangs darin begründet, dass Catherine ein relativ frisch konvertierter Vampir gewesen war.
Möglicherweise hatte es aber auch damit zu tun, dass es Arquanteur an innerer Entschlusskraft gefehlt hatte, denn ein Teil seines Selbst schreckte nach wie vor dem zurück, was er getan hatte.
Noch Jahre später sollte Arquanteur darüber nachgrübeln und in staubigen Folianten nach dem Geheimnis suchen...
So wie ihn auch der Catherines Gesichtsausdruck, den sie im Augenblick ihrer Vernichtung gehabt hatte, ihn nie wieder losließ...
"Catherine! Meine Catherine! Mon dieu! Quest-ce qui c'est passé?"
"John, du hast geträumt! Wach auf!"
Schweiß gebadet saß John Asturias Arquanteur in seinem Bett. "Catherine!", flüsterte er, bis er begriff, dass die blonde Frau, die ihn bei den Schultern gepackt und gerüttelt hatte, gar nicht Catherine war, sondern seine gegenwärtige Begleiterin Celeste. Arquanteur atmete tief durch. Er begriff, dass er sich nicht in Port-au-Prince auf Haiti befand, sondern im Hotel Ambassador, 234 Central Park West in Manhattan.
Du wirst diese Schreckensbilder aus der Vergangenheit wohl niemals loswerden!, ging es ihm resignierend durch den Kopf. Wie oft schon hatte immer wieder dieselbe Szene, derselbe Gedanke ihm den Schlaf geraubt. Schon deswegen pflegte er so wenig wie möglich zu schlafen.
Hielt sich oft über mehrere Tage mit besonderen magischen Drogen wach, nur, um sich nicht dem Schlaf hingeben zu müssen. Denn im Schlaf war er der Vergangenheit schutzlos ausgeliefert.
"Du hast wieder von Catherine geträumt", sagte Celeste. Es war keine Frage, sondern eine Feststellung.
Celeste wusste davon, dass es in Arquanteurs Leben vor Jahren eine große Liebe gegeben hatte und das er gezwungen gewesen war, sie zu pfählen. Ein traumatisches Erlebnis für ihn. Arquanteur hatte lange gezögert, bevor er seine Vergangenheit Celeste anvertraut hatte. Selbstverständlich konnte er jederzeit ihre Erinnerungen daran löschen, aber bislang hatte er das nicht getan. Er hatte gemerkt, wie gut es tat, mit jemandem das Wissen um jenes Grauen zu teilen, dass ihn ein Nachtmahr verfolgte.
Sie strich ihm über den Kopf.
Schweißperlen glänzten auf seiner Stirn.
"Es geht schon", sagte er.
Arquanteur schlug die Decke zur Seite und stand auf.
Er ging zum Fenster, blickte hinaus auf den Central Park. Die Fenster im zwanzigsten Stock ließen sich nicht öffnen. Angeblich sollte die Klimaanlage für frische Luft sorgen, aber in diesem Moment war sie Arquanteur einfach nicht frisch genug. Er lehnte mit der Stirn gegen die kühle Fensterscheibe.
"Du hast im Schlaf gesprochen und geschrieen", hörte er Celeste sagen.
"Was habe ich gesagt?", fragte er.
"Ich habe das meiste nicht verstanden. Du hast überwiegend Französisch gesprochen. Nur dieser Name -
Catherine - war deutlich zu verstehen."
"Ich habe dir ja von ihr erzählt..."
"Ja."
"Jetzt, da wir hier in New York sind, tritt der Kampf gegen das Böse in eine neue Phase, Celeste. Ich weiß nicht, ob es wirklich eine gute Idee von dir war, mich zu begleiten..."
"Ich liebe dich, John! Ich habe dich vom ersten Augenblick an geliebt und dich bewundert..."
"Es wird gefährlich werden!"
"Ich weiß. Aber in Port-au-Prince war es auch nicht ungefährlich!"
Ein mattes Lächeln glitt über Arquanteurs Gesicht.
"Du unterschätzt die Gefahr!"
"Mag sein. Es ist mir gleichgültig. Ich werde nicht von deiner Seite weichen, was auch geschieht..." Sie stand jetzt ebenfalls auf, trat von hinten an ihn heran, umschlang ihn mit ihren schlanken Armen. Er konnte spüren, wie sich ihre vollen Brüste gegen seinen Rücken drückten. "Ich habe dir doch erzählt, dass ich selbst einst ein Opfer der Mächte des Bösen war."
"Ja..."
Immer wieder war Celeste von der Vorstellung besessen gewesen, ein Dämon wäre in ihr Bewusstsein eingedrungen und würde sie zeitweilig beherrschen. Niemand hatte sie ernst genommen. Ein Psychiater hatte zwar wortreiche Erklärungen aus der Familiengeschichte parat gehabt, ihr aber letztlich ebenso wenig helfen können wie ein Exorzist, den sie in ihrer Verzweiflung aufgesucht hatte.
Durch Zufall war sie auf den Namen John Asturias Arquanteur gestoßen, der in Port-au-Prince einen geradezu legendären Ruf als Hypnotiseur besaß.
Er hatte Celeste heilen können.
Wie tragisch, ging es der jungen Frau durch den Kopf.
Sich selbst vermag er offenbar nicht zu helfen! Die Gespenster der Vergangenheit lassen ihn einfach nicht los...
"Du weißt, dass ich deinen Kampf gegen die Mächte des Bösen voll und ganz unterstütze", sagte sie. "Sie zeigen sich in unterschiedlichen Erscheinungsformen.
Der Vampirismus zählt ebenso dazu wie ein Dämon oder das organisierte Verbrechen. Es sind nur verschiedene Aspekte ein- und desselben."
"Das Böse ist übermächtig!", flüsterte Arquanteur.
"In Haiti hattest du große Erfolge."
"Was ist schon Haiti? Ein Staubkorn, verglichen mit der Welt..."
"Du hast verhindert, dass ich selbst ein Werkzeug des Bösen wurde. Dafür würde ich alles für dich tun, John.
Wirklich alles..."
Er nickte, sah sie kurz an. Sein Blick glitt dann wieder in die Ferne. Feuer muss mit Feuer bekämpft werden, dachte er grimmig. Und das Böse mit dem Bösen...
Ein erster Schritt war es, nach und nach die Organisation der New Yorker Vampire zu übernehmen.
Mit Gabriels Hilfe durfte das kein allzu großes Problem sein...
Die Zahl seiner Verbündeten in den Reihen der Mächte der Finsternis wuchs täglich.
Um Catherines Willen!, dachte er. Ein Ruck ging durch seinen Körper, während in der Ferne über dem Central Park die ersten Sonnenstrahlen über den Horizont funkelten. Um Catherines Willen musste er diesen Kampf zu Ende bringen, koste es, was es wolle.
*
"Warte hier", sagte Arquanteur an Celeste gewandt.
Der Zugang zu dem Bürogebäude in der Lower East Side war abgesperrt. NYPD-Officers standen überall herum und verscheuchten die Schaulustigen. Nur bei Arquanteur machten sie eine Ausnahme. Er hielt ihnen seine Handfläche hin.
"Sehen Sie sich meinen Dienstausweis an!", sagte Arquanteur dazu. Er murmelte gleichzeitig kaum hörbar eine Beschwörungsformel, der mehr oder weniger dazu diente, seine geistigen Kräfte zu konzentrieren.
Suggestionen waren seine Spezialität. Das Gesicht des Officers war starr auf die Handfläche gerichtet.
"Ja, Sir, alles in Ordnung!", murmelte er etwas schleppend.
"Dann kann ich jetzt passieren?", vergewisserte sich Arquanteur.
"Ja Sir!", bestätigte der Officer.
Arquanteur ging an ihm vorbei. Ein hintergründiges Lächeln spielte um seinen dünnlippigen Mund. Niemand hielt ihn auf seinem Weg zum Tatort auf. Für jemanden, der über magische Fähigkeiten verfügte, die es ihm erlaubten, selbst einen Vampir unter seinen Willen zu zwingen, war es nicht weiter der Rede wert, einen unkonzentrierten Betrachter mental so zu beeinflussen, dass er einen FBI-Dienstausweis zu sehen glaubte, auch wenn dort nichts weiter als eine leere Handfläche war.
Die meisten Sterblichen waren so furchtbar schwach, ging es ihm durch Kopf. Die Mächte des Bösen waren da schon weitaus besser ausgestattet. Kein Wunder, dass sie überall auf einem schier unaufhaltsam wirkenden Vormarsch waren.
Aber Arquanteur hatte sich entschlossen, ihnen Paroli zu bieten.
Die Kräfte, über die er durch seine okkulten Studien verfügte, stellten in seinen Augen auch eine Verpflichtung dar.
Eine Verpflichtung, die Mächte der Finsternis zu bekämpfen, wo immer er ihnen begegnete. Und dabei war er entschlossen, dieselbe Kompromisslosigkeit und Härte walten zu lassen, die auch die Vorgehensweise seiner Gegner kennzeichnete.
Das galt auch für die Behandlung unbotmäßiger Verbündeter.
Und einen von ihnen hatte Arquanteur bereits im Verdacht, ein doppeltes Spiel versucht zu haben. Es war der ihm eigene Instinkt, der ihn gewarnt hatte.
Arquanteur erreichte den Tatort.
Gleich als er aus der Liftkabine trat, sah er Kreidemarkierungen, wo die beiden Wachleute gestorben waren. Überall war Blut. Ein wahrer Schlächter musste hier am Werk gewesen sein.
Arquanteur spürte die Aura des Bösen beinahe körperlich. Seine Nasenflügel bebten. Ekel und Wut stiegen in ihm empor. Er musste versuchen, sich zu beherrschen, um in aller Ruhe das tun zu können, was er tun musste.
Erkennungsdienstler waren bei der Arbeit. Ein Lieutenant der City Police begrüßte Arquanteur mit einem Stirnrunzeln, beruhigte sich aber sichtlich, als Arquanteur ihm seine Handfläche zeigte. "Sie sehen, dass mit meinem Ausweis alles in Ordnung ist..."
"Ja..."
"Berichten Sie mir bitte, was Sie wissen..."
Arquanteur hörte dem Lieutenant bei dessen Ausführungen gar nicht weiter zu. Er blickte sich um, sah die abgeschlagenen Hände, den grauen Staub, zu dem Darry Korz zerfallen war.
Arquanteur kniete sich hin.
Er nahm etwas von dem Staub in die Hand, schloss die Augen.
Er konzentrierte sich auf das, was an diesem Ort geschehen war. Er sah Darry Korz vor seinem inneren Auge. Schlaglichtartig sah er Szenen des Kampfes aufblitzen, der hier stattgefunden hatte. Darry Korz hatte offenbar seinen Meister gefunden, so wuchtig seine Axtschläge auch gewesen sein mochten.
Arquanteur konzentrierte sich auf den Gegner, den Korz offenbar hier her verfolgt hatte. Bis zu jener Stelle, wo die Axt zurückgeblieben war.
Das Gesicht erkannte er.
Er hatte es in Darry Korz' Bewusstsein gesehen, als er den Vampir mit Hilfe seiner Suggestiv-Kräfte und eines magischen Rituals auf seine Seite gezogen hatte.
Und so wusste Arquanteur, um wen es sich handelte.
Chase Blood!, schoss es ihm durch den Kopf. Die Nummer zwei der New Yorker Vampire!
Schon Ybanez war an diesem Kerl gescheitert.
Ein harter Brocken also. Aber es war nur eine Frage der Zeit, wann er ausgeschaltet werden würde... Ihn auf seine Seite zu ziehen war Arquanteur zu aufwendig.
Außerdem war Chase zu weit oben in der Hierarchie der Organisation.
Ich werde mir etwas überlegen müssen!, ging es ihm durch den Kopf.
Arquanteur erhob sich wieder.
Was hat dieser Chase hier gewollt?, fragte er sich.
Es muss etwas sehr wichtiges gewesen sein...
Arquanteur ließ den Blick schweifen. Er streckte seine mentalen Fühler aus, murmelte halblaut ein paar magische Beschwörungsformeln vor sich in, die seine außersinnliche Wahrnehmung verstärkten. Er wirkte jetzt wie ein Raubtier, das Witterung aufgenommen hatte.
"Wissen Sie irgend etwas über den Täter?", fragte der Magier wie beiläufig an den NYPD-Lieutenant gerichtet.
Er antwortete auf dieselbe eigenartig schleppende Art und Weise, die so typisch war für Menschen, die einer sehr oberflächlichen Suggestion unterzogen worden waren. Wenn man sich etwas mehr Mühe gab, bekam ein Mann wie Arquanteur das noch wesentlich besser hin. So gut, dass der Unterschied zum normalen Verhalten kaum zu bemerken war.
"Wir haben ein paar unscharfe Video-Aufnahmen des Kampfes. Offenbar kam der Täter aus dem Büro dort hinten am Ende des Korridors. Der Mann mit der Axt wartete davor auf ihn. Ein Kampf entbrannte...
Allerdings ist die Leiche..." Er stockte, als Arquanteur die Hand hob.
Von dem Kampf waren nur Blutspuren und Hände, die eine Axt hielten, übrig geblieben. Korz' Körper war im Gegensatz zu den Leichen der Wachleute zu Staub zerfallen. Vermutlich konnte man es auf dem Video auch erkennen.
Und dennoch werden sie die Existenz der Vampire nicht anerkennen!, ging es Arquanteur bitter durch den Kopf.
Sie werden es einfach nicht glauben, weil es nicht in ihr Weltbild passt, dass das Imperium der Finsternis die Sterblichen aus dem Hintergrund heraus beherrscht.
"Schon gut", murmelte der Magier. Er ging den Korridor entlang, erreichte schließlich die Bürotür von J.P.GARBER BUSINESS CONSULTING.
In seinem Gesicht zuckte ein Muskel. Nervöse Unruhe erfasste den Magier.
Sein Kopf bewegte sich ruckartig.
Er glaubte, etwas wahrzunehmen... Ganz schwach nur.
Und dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Die magischen Zeichen, die mit unsichtbarer Tinte auf die Wand gemalt waren, wurden für Arquanteur plötzlich sichtbar. Und für einen kurzen Moment veränderte sich das Namensschild.
Aus GARBER wurde GABRIEL.
Habe ich es mir doch gedacht!, durchzuckte es ihn.
Gabriel! Du hast versucht, mit der anderen Seite Kontakt aufzunehmen... Na warte! Dafür wirst du bezahlen!
*
Chase wollte gerade in seinen Geländewagen vom Typ Hummer steigen, den er in der Tiefgarage des Empire State Buildings abgestellt hatte, als Schritte ihn herumwirbeln ließen.
Drei Männer kamen auf ihn zu.
Chase kannte sie. Es waren Vampire aus der Organisation des Fürsten - allerdings von niederem Rang. Für den Fürst erledigten sie hin und wieder unappetitliche Aufgaben, wenn seine menschlichen Helfershelfer nicht weiterkamen.
Chase kannte die drei flüchtig.
Sie hießen Terry, Laird und Emilio.
Chase mochte die drei nicht und war froh, dass er bislang nicht mit ihnen hatte zusammenarbeiten müssen.
Aber offenbar vertraute der Fürst ihnen und hielt es für geboten, dass sie auf die Nummer zwei in der Organisation aufpassten.
Grinsend kamen die drei näher.
"Hi, Chase!", meinte Emilio, ein lockenköpfiger Puertoricaner. Er trug einen Maßanzug, darunter ein TShirt. An jedem Handgelenk glitzerten Goldkettchen.
"Schätze, du hast schon davon gehört, dass wir jetzt ein Team sind!"
Chase' Augen wurden schmal. Es war ihm anzusehen, dass er alles andere als begeistert davon war.
"Ich hoffe, dass du schon davon gehört hast, wer bei der Sache der Boss ist!"
Emilio hob die Hände. Seine Kettchen klimperten.
"Schon gut, schon gut, Hombre! Mach keinen Aufstand, claro? Du bist 'el jefe' für uns und wir machen alles, was du sagst!"
"Schön zu wissen."
Jetzt meldete sich Laird zu Wort. Er war Mitte vierzig, rothaarig und breitschultrig. Seine Windjacke beulte sich an mehreren Stellen verdächtig aus.
Offenbar trug er ein umfangreiches Waffenarsenal bei sich. "Was liegt heute an, Chase?"
"Wir müssen Sidney Winwood in Riverdale einen Besuch abstatten. Ein Sterblicher, der für den Fürst bei der Stadtverwaltung tätig ist."
"Wahrscheinlich weiß er noch nicht einmal davon, dass der Fürst überhaupt existiert", meinte Terry, der dritte Vampir aus dem unsympathischen Trio. Er wirkte noch sehr jung. Wie ein junger Mann von 18 oder 19
Jahren. Das war das Alter gewesen, in dem er konvertiert worden war. Sein wahres Alter lag irgendwo in den Siebzigern.
"Ganz sicher weiß er nichts davon!", erwiderte Chase.
"Er ahnt nicht einmal, dass es so etwas wie Vampire gibt. Aber es gibt Anzeichen dafür, dass ihn irgend jemand abgeworben hat!"
"Fragen wir ihn doch einfach!", meinte Terry angriffslustig. Er schlug die rechte Faust gegen seine linke Handfläche.
"Steigt ein!", meinte Chase.
Emilio stieß ein eigenartiges, tierhaftes Knurren aus. Seine Nasenflügel bebten. Dann nickte er. "Bringen wir es hinter uns, Hombre! Ich gebe gerne zu, dass ich normalerweise lieber auf eigene Faust arbeite. Nicht mit..." Er zögerte.
Chase hob die Augenbrauen.
"Mit was?", hakte er nach.
"Mit einem Aufpasser vor der Nase. Nichts gegen dich Chase! Du wärst in der Organisation nicht so schnell nach oben gekommen, wenn du nichts drauf hättest. Aber ich arbeite lieber an der langen Leine..."
"Ich hab's mir auch nicht ausgesucht!"
Sie bestiegen den Hummer. Chase setzte sich ans Steuer, setzte zurück und brauste los.
"Du gehörst also zu den Wenigen, die den alten Geheimniskrämer schon mal leibhaftig gesehen haben", meinte Terry an Chase gewandt. "Ich frage mich, wie der alte Sack sich nach all den Jahrhunderten gehalten hat!"
"Wie bekommt ihr denn eure Befehle?", fragte Chase interessehalber. Offenbar kannte er den Fürst noch lange nicht gut genug, um nicht noch etwas über ihn hinzulernen zu können.
"Per E-Mail", meinte Terry.
"Diesmal auch?"
"Ja", nickte der Rothaarige. "Wir würden dich hier treffen, in der Tiefgarage des Empire State Building.
Wie gut kennst du den Fürst?"
"Tja, wie das, was du gerade gesagt hast beweist, kennt er> jedenfalls >mich> gut", erwiderte Chase launig.
Trotz der vorgerückten Stunde waren die Straßen von Manhattan immer noch ziemlich verstopft.
Emilio fingerte ein Springmesser aus einem Futteral heraus, dass er am Unterschenkel trug. Er spielte nervös damit herum und begann dann, sich damit die Fingernägel zu maniküren. Den Dreck, den er darunter hervorholte, schnippste er mit den Fingern von der Klinge und kicherte dabei.
"Was meinst du, Chase, müssen wir diesen Winwood erst noch foltern?", meinte der Puertoricaner dann. "So was mache ich immer besonders gerne. Man muss nur höllisch dabei aufpassen. Diese Sterblichen sind ja so verflucht empfindlich und sterben einem gleich unter den Händen weg..."
"Stimmt", sagte Chase, "das ist ein ernstes Problem."
"Si, hombre! Eso es verdad!"
"Und leider haben wir auch nicht die Zeit, um vorher erstmal an dir zu trainieren, Emilio!"
"Hey, Mann, was ist los? Lange niemanden gebissen oder warum stänkerst du hier so mies herum?" Emilio ließ zum x-ten Mal die Klinge des Springmessers hervorschnellen, bevor er fort fuhr. "Ich wollte ein bisschen netten Small-talk machen!"
"Du verwechselst mich anscheinend mit jemandem, den dieser Mist interessiert!"
Chase hatte für sich entschieden, dass er Emilio nicht leiden konnte. Und daran würde auch die Tatsache nichts ändern, dass der Puertoricaner und seine zwei Kumpane vom Fürst den Auftrag bekommen hatten, Chase zu schützen.
Emilio wandte sich nach hinten, Richtung Rückbank, wo Terry und Laird platz genommen hatten.
"Hey, Hombres! Hermanos! Muss ich mir >das hier> gefallen lassen oder was? Ich habe schon Blut getrunken, als dieser Wichser noch gar nicht gezeugt war! Mierde! Caramba!" Emilio war ziemlich sauer. "No es justo...", begann er dann in seiner Wut auf Spanisch, brach dann ab und schaltete auf sein akzentbeladenes Englisch um: "Es ist nicht gerecht, dass so ein Idiot in der Organisation über uns steht..." Der dumpfe Knurrlaut, der tief aus seiner Kehle drang ließ für die weitere Team-Arbeit nichts Gutes vermuten.
*
Gabriel schrie.
Eine rote Welle aus rasendem Schmerz durchflutete ausgehend von den Händen seinen gesamten Körper.
Kein klarer Gedanke war mehr möglich.
Sein Bewusstsein bestand aus nichts anderem mehr als namenlosem Schmerz.
Der ehemalige Engel blickte auf seine Hände, konnte beobachten wie sie vor seinen Augen verschmorten.
Grauen spiegelte sich in seinen weit aufgerissenen dunklen Augen.
"Nein!"
Ein verbrannter Geruch verbreitete sich in dem stickigen Kellergewölbe. Kleine blaue Flammen tanzten um seine Finger herum, die innerhalb von Augenblicken völlig verkohlten. Das Fleisch bröselte als poröses, ascheartiges Material von den Knochen herunter.
Auch die Knochen selbst begannen sich aufzulösen, schmolzen zu einer öligen, zähflüssigen Masse, die hinuntertropfte und Gabriels schneeweißen Anzug befleckte.
"Aufhören!", wimmerte Gabriel. Er sank auf die Knie.
Von seinen Händen war nichts mehr übrig.
Selbst die Knochen hatten sich aufgelöst.
Die Flammen fraßen sich weiter voran, tanzten jetzt bereits um seine Handgelenke herum. Weiteres Fleisch bröselte als Asche dahin. Der Geruch der öligen Masse, zu der seine Knochen schmolzen, war unerträglich beißend.
Schweiß stand ihm auf der Stirn.
Tränen rannen ihm über das Gesicht.
Gabriel öffnete die aufgesprungenen Lippen. In diesem Moment wäre er zu allem bereit gewesen, auf jede Bedingung eingegangen und hätte jegliche Abmachung unterzeichnet, wenn dafür nur dieser wahrhaft höllische Schmerz verebbt wäre. Er wandte ruckartig den Kopf, versuchte Worte auszusprechen, aber mehr als ein erbarmungswürdiges Gewimmer, vermischt mit sinnlosem Gebrabbel kam nicht dabei heraus.
Er versuchte, den Namen seines Peinigers auszusprechen.
Aber auch das schaffte er nicht.
Arquanteur! Ja, du bist der Herr! Ich erkenne deine Macht an!
Einer der wenigen Gedanken, die sich klar in seinem Bewusstsein formen wollten. Dann wurde auch dies durch eine erneute Schmerzwelle hinweggefegt. In den ersten Augenblicken, als diese teuflischen Flammen ihm zugesetzt hatten, die Arquanteur auf irgendeine magische Weise zu steuern wusste, war der ehemalige Engel noch von Wut erfüllt gewesen. Wut auf seinen Peiniger. Wut auf diesen selbsternannten Kämpfer für das Gute, der ihn, Gabriel, ungefragt für seinen einsamen Kampf benutzte.
Und es gab nichts, was Gabriel dagegen tun konnte.
Nichts.
Die magischen Kräfte, mit den Arquanteur ihn beschworen und gebunden hatte, waren einfach zu übermächtig. Und sein einziger vorsichtiger Versuch des Widerstands wurde jetzt grausam bestraft.
Arquanteur war gnadenlos.
Ein Mann ohne Erbarmen, wenn es um den Kampf gegen die Mächte der Finsternis ging, dem er sich vollkommen verschrieben hatte.
"Du hast versucht mit unseren Feinden Kontakt aufzunehmen, Gabriel... So etwas kann ich nicht dulden!
Das wirst du sicher verstehen!"
Arquanteurs sonore, tiefe Stimme hatte einen geradezu hypnotischen Klang. Eine Stimme, von der eine Aura der Macht ausging. Gabriel hörte sie sehr deutlich.
"Du hast meine Kräfte unterschätzt, nicht wahr? Das sollst du bereuen!"
Gabriel hatte jetzt nicht einmal die Kraft zu schreien. Er sank zu Boden, wälzte sich mit seinem ehedem schneeweißen und jetzt schon ziemlich befleckten Anzug auf dem Boden, in der Hoffnung, die tanzenden blauen Flammen abschütteln zu können. Sein Verstand wusste, dass das nicht möglich war. Aber der hatte im Augenblick ohnehin vollkommen die Herrschaft verloren.
Einzig und allein der Schmerz regierte ihn. Er war nicht mehr Herr seiner selbst. Erinnerungen stiegen schlaglichtartig in Gabriel auf. Erinnerungen an einen anderen Herrn, von dem er sich losgesagt hatte, wofür er ebenfalls bestraft worden war.
Fast schien es so, als konnte Arquanteur in diesem Augenblick die Gedanken seines Opfers lesen. Jedenfalls ging er genau in diesem Moment auf Gabriels Vergangenheit ein.
"Du hast nicht zum ersten Mal Probleme mit der Disziplin, wie wir beide wissen... Ein unheiliger Fluch, der über deinem verderbten Schicksal liegt. Aber ich werde mich nicht von dir hinabziehen lassen! Du bist ein Werkzeug für mich, nicht mehr! Ein Werkzeug, das zu gehorchen hat! Erinnere dich daran! Erinnere dich immer an diesen Augenblick des Schmerzes, indem du nicht mehr als ein wimmernder Hund warst, der sich im Staub wälzte..."
Bis zu den Ellbogen hatten sich die Flammen inzwischen voran gefressen.
Gabriel blickte auf blanken Knochen, der sich einen Augenblick später ebenfalls aufzulösen begann.
Plötzlich nahm der Magier einen mentalen Impuls wahr.
Er kam von einem seiner Diener. Näheres vermochte Arquanteur in diesem Moment nicht zu sagen. Zu sehr war das schwache Signal überlagert von dem telepathischen Gedankenchaos, dass durch den völlig aus der Fassung geratenen Gabriel verursacht wurde.
Arquanteur trat einen Schritt zur Seite.
Die einzige Lichtquelle in dem moderigen Kellergewölbe war eine einzelne Glühbirne. Sie begann zu flackern. Der Magier atmete tief durch, schloss die Augen. Lass es gut sein!, meldete sich eine beschwichtigende Stimme in ihm. Der Kampf, der vor dir liegt ist schwer genug. Du bist auf deine Verbündeten angewiesen, selbst wenn sie dir nicht freiwillig folgen. Und in ganz besonderer Weise gilt das für Gabriel...
Langsam nur ebbte der Zorn des Magiers ab.
Auch das war ein Umstand, der ihm die Konzentration auf die mentalen Signale seiner Diener erschwerte. Da half auch eine hastig gemurmelte Beschwörung nicht sonderlich.
Arquanteur schluckte.
Dein Zorn ist gerecht, aber du musst besonnen handeln!, ging es ihm durch den Kopf.
Er öffnete die Augen, schaute auf den winselnden Gabriel hinab. Die Flammen hörten auf zu tanzen. Sie verloschen einfach. Übelriechende Rauchschwaden stiegen auf, machten das Atmen für Sterbliche in diesem Kellergewölbe alles andere als leicht.
Gabriel starrte auf seine verkohlten Stümpfe und konnte beobachten, wie sich Hände und Unterarme zurückbildeten. Einige Augenblicke nahm das in Anspruch. Gabriels Gewimmer verstummte.
Schließlich waren sie vollkommen wiederhergestellt.
Gabriel drehte und wendete sie, ließ sie sich gegenseitig berühren. In seinen Augen blitzte es.
Es ist vorbei!, wurde ihm klar. Es ist vorbei!
Endlich!
Eine entsetzliche Leere fühlte er jetzt in seinem Inneren.
Er hob den Blick, starrte zu dem Magier empor, der ihn mit kaltem Blick musterte. Das war es, was du erreichen wolltest, nicht wahr?, ging es Gabriel durch den Kopf. Innere Leere. Du wolltest mich zerstören, mein Ich auslöschen, mich zu einer willenlosen Marionette machen...
"Bist du das denn nicht?", fragte Arquanteur mit einem dünnen Lächeln auf den Lippen.
Gabriel schauderte.
So weit war es also gekommen, dass er sich nicht mehr genügend gegen die geistigen Kräfte eines Sterblichen abzuschirmen vermochte! Er hoffte, dass sich das bald wieder geben würde.
"Ich kann dir Schmerzen zufügen, wann immer ich es will", erklärte Arquanteur. "Und wer dazu in der Lage ist, hat die Macht. Das sollte jemandem wie dir doch einleuchten, oder etwa nicht?"
"Ja", flüsterte Gabriel.
"Ich will es lauter hören, Gabriel!"
"JA!", brüllte Gabriel.
"Ich habe das >Große Pantanum> durchgeführt und dich damit beschworen. Wie du weißt ist das eines der mächtigsten magischen Rituale, die jemals von sterblichen Wesen benutzt wurden, um Wesen aus den
>Anderen Sphären> für sich dienstbar zu machen..."
"Verflucht sei der Hundesohn, der es einst aufschrieb!", knurrte Gabriel.
"Du sprichst von Simón de Cartagena, diesem mittelalterlichen Okkultisten, der eine ganze Reihe derartiger Rituale in seiner lange verschollen geglaubten Schrift COMPENDIUM MAGIRUM sammelte!"
"Sein Name sei so verflucht wie der deine!"
Arquanteur lachte triumphierend auf.
"Vergiss nicht, dass das COMPENDIUM MAGIRUM auch einige Möglichkeiten aufzählt, wie man sich eines Wesens wie dir entledigen kann! Endgültig, wenn es sein muss!"
Gabriel erhob sich zögernd. Er blickte an sich herab, stellte fest, dass nicht ein einziger Fleck auf seinem schneeweißen Anzug zurückgeblieben war. Eine perfekte Illusion!, durchzuckte es ihn. Dieser John Asturias Arquanteur war wirklich alles andere als ein gewöhnlicher Sterblicher.
Gabriel setzte ein nichts sagendes Lächeln auf. Es gelang ihm wieder besser, seine Gedanken abzuschirmen.
"Du wirst mich nicht vernichten..., Herr!" Diese Anrede setzte er erst nach einem gewissen Zögern hinzu.
Es fiel ihm schwer, eine so deutliche Geste der Unterwerfung zu zeigen. Gerade ihm, dem gefallenen Engel, der für sich selbst nichts so sehr ersehnte wie eine möglichst umfassende Machtfülle. Seine gegenwärtige Position als Lakai eines Sterblichen war für ihn kaum erträglich. Allein schon der Gedanke daran ließ Gabriel innerlich schaudern. Er würde nicht ruhen, an diesem Zustand etwas zu seinen Gunsten zu ändern.
Mochte auch sein erster Versuch kläglich gescheitert sein... "Du wirst mich nicht vernichten, Herr, denn du brauchst mich!", wiederholte Gabriel mit leiser Stimme.
"Einstweilen ja", gab Arquanteur zu. "Aber das wird mich nicht davon abhalten, dich zu bestrafen, wenn ich es für nötig halte."
Arquanteur trat etwas näher an Gabriel heran.
"Wie lauten deine Anweisungen, Gebieter?", fragte Gabriel und verneigte sich leicht dabei.
"Ich kenne deine Gedanken, Gabriel. Noch kannst du sie nicht wieder ausreichend vor mir abschirmen!"
"Herr, ich..."
"Schweig!" fuhr Arquanteur seinen Diener an. "Hoffe nicht darauf, dass deine etwas dämliche
Monstergefährtin Ptygia dir irgendwie beistehen wird.
Sie ist froh, dich los zu sein. Außerdem wäre das Trampeltier wohl auch zu dämlich. Setze lieber auf mich, Gabriel! War es nicht auch dein Ziel, die Vampire zu vernichten?"
"Ja", musste Gabriel zugeben.
"Sie würden dir niemals helfen, Gabriel..."
Arquanteur legte zwei Finger an die Schläfe seines Gegenübers. Er murmelte eine magische Formel vor sich hin, schloss dabei für ein paar Sekunden die Augen. Als er sie wieder öffnete, lächelte er zufrieden. "Die Vampire würden dir niemals verzeihen, Gabriel! Nicht nach dem, was du getan hast..."
Gabriel schluckte.
"Deine Anweisungen, Herr!", flüsterte er.
"Verschwinde einstweilen und kehre erst zurück, wenn ich dich rufe. Sei gewarnt! Sobald du dich in dieser Sphäre aufhältst, werde ich es wissen!"
"Ja, Gebieter!"
Die Gestalt Gabriels verblasste. Er
entmaterialisierte langsam.
Arquanteur verließ das Kellergewölbe durch einen schmalen Korridor. Er hatte diesen Ort mit Bedacht ausgewählt. Als New York noch Niew Amsterdam hieß, hatte man genau an diesem Punkt Hexen auf den Scheiterhaufen geführt. Ein guter Ort zur Durchführung magischer Rituale. Die mentalen Kräfte der in den Flammen geschundenen Hexenseelen waren bis heute spürbar. Zumindest für jemanden mit der besonderen Sensibilität eines John Asturias Arquanteur.
Bevor er ins Freie gelangte, traf er einen der Sicherheitsbeamten, die in dem Mietshaus Dienst taten.
Er lächelte Arquanteur mit einem stumpfsinnigen Blick an.
Wie schwach der Geist dieser Sterblichen doch war...
Wenig später gelangte Arquanteur hinaus in die Nacht.
Am Straßenrand winkte er ein Taxi herbei.
*
"Hey, kann deine Klapperkiste nicht ein bisschen schneller fahren?", meinte Emilio.
Chase kniff die Augen zusammen.
"Halt die Klappe!"
Sie erreichten Riverdale, ein Viertel, dass die bürgerliche Seite der Bronx repräsentierte. Hier gab es keine verfallenden Straßenzüge und von Gangs beherrschte Areale wie in der berüchtigten South Bronx.
Stattdessen dominierten schmucke Bungalows an breiten Alleen. Wer hier wohnte, hatte den Aufstieg geschafft.
Höhere Verwaltungsangestellte wohnten hier ebenso wie Ruheständler der Mafia.
Winwoods Adresse war leicht zu finden. Sein Haus war hellblau gestrichen und wurde von einem weitläufigen Garten umgeben. In der Einfahrt standen ein Mercedes und eine Kawasaki.
"Hey, ich dachte, der Kerl ist zwischen fünfzig und sechzig!", meinte Chase etwas erstaunt. "Wusste gar nicht, dass sich ein Sterblicher in dem Alter noch auf dem Bock einer Kawasaki halten kann!"
Der rothaarige Terry meldete sich zu Wort.
"Vom Alter her könnte das so'n Woodstock-Veteran sein. Früher Zottel-Hippie, heute hohes Verwaltungstier in Schlips und Kragen..."
Chase grinste.
"...aber alle paar Wochenenden 'born to be wild'!"
Terry lachte. "Wahrscheinlich düst er mit seiner Kawasaki dafür nach Connecticut 'rüber, damit ihn keiner erkennt!"
Chase hielt den Hummer am Straßenrand. Die vier Vampire stiegen aus.
Chase wandte sich an Terry und Laird.
"Ihr zwei schlagt einen Bogen und nähert euch dem Haus von hinten. Schließlich soll sich unser Freund nicht davonmachen."
"Wir würden ihn ohnehin einholen!", gab Laird zu bedenken.
"Aber ich bin nicht scharf auf eine Verfolgungsjagd!"
entgegnete Chase. Er wandte sich an Emilio. "Du kommst mit mir." Er hatte einfach das Gefühl, den Kerl mit dem Springmesser im Auge behalten zu müssen.
"Irgendeine besondere Aufgabe für mich?", erkundigte er sich.
Chase grinste schief. "Du kannst den Klingelknopf drücken, wenn du willst!"
"Ich sehe, du traust mir 'ne Menge zu!"
"Beim Fürst werde ich dich für eine Beförderung vorschlagen, wenn du das richtig hingekriegt hast!"
"Oh, muchos gracias! Mit dieser Art von >Protección> werde ich sicher noch weit kommen!"
Laird und Terry machten sich auf den Weg.
Chase und Emilio gingen zur Haustür, klingelten.
"Es brennt Licht. Er muss zu Hause sein", meinte Emilio.
"Schlaumeier!"
Als keine Reaktion auf das Klingeln erfolgte, trat Chase mit viel Schwung die Tür ein. Die Scharniere brachen aus dem Rahmen heraus. Die Kette, mit der die Tür zusätzlich gesichert war ebenfalls.
"Das hätten wir!", knurrte Chase und ging voran.
Der Flur war breit. Am Ende stand die Tür zum Livingroom offen. Chase erreichte sie, stieß sie auf.
Ein Mann im kobaltgrauen Anzug saß in einem tiefen Sessel, hatte die Beine dabei übereinander geschlagen.
Das war Sidney Winwood.
Sein Blick wirkte starr, war scheinbar auf einen Punkt auf dem Teppichboden gerichtet.
"Hi, Mr. Winwood", sagte Chase. "Jemand sehr Wichtiges schickt mich, um Ihnen ein paar Fragen zu stellen..."
In diesem Moment brachen Terry und Laird die Terrassentür auf. Sie traten ein. Winwood schien das nicht im Mindesten zu interessieren, geschweige denn, dass es ihn in irgendeiner Weise beunruhigte. Er vollführte eine ruckartige Bewegung mit dem Kopf. Seine wässrig-blauen Augen starrten Chase jetzt direkt ins Gesicht.
"Sie sind also dieser Chase Blood", murmelte Winwood.
Er hob die Augenbrauen. "In einem Punkt irren Sie, wie ich Ihnen leider sagen muss."
"Ach, ja?"
Chase' Instinkt für Gefahr meldete sich. Etwas stimmte nicht, war jedenfalls nicht so, wie es hätte sein sollen. Vielleicht war es das Grinsen, das auf einmal in Emilios Gesicht stand.
"Nicht Sie werden mich irgendetwas fragen, Mr. Blood, sondern es wird genau umgekehrt sein." Winwood machte eine Bewegung mit der Hand. "Macht ihn fertig. Und dann wird er uns verraten, wo der Fürst residiert..."
Emilio stieß einen tierischen Knurrlaut hervor. Eine groteske Verwandlung vollzog sich mit ihm. Sein Kopf dehnte sich aus, sein Mund vergrößerte sich einem tierischen Maul mit einem Raubtiergebiss, gegen das die Zähne eines gewöhnlichen Vampirs wie Milchzähne wirkten. Haare sprossen aus Emilios Hals heraus.
Innerhalb eines Augenaufschlags befand sich ein überdimensionaler Wolfskopf zwischen seinen Schultern.
Gleichzeitig wurden seine Hände zu gewaltigen behaarten Pranken. Ansonsten behielt er den Körper eines eher zierlichen Mannes.
Gestaltwandler waren unter den Vampiren nichts Ungewöhnliches.
Dass Emilio dazugehörte war für Chase allerdings eine unangenehme Überraschung.
Er hatte sich ohnehin schon gewundert, wieso das schmächtige Kerlchen als einer der größten Kämpfer des Fürsten galt.
Emilio stürzte sich auf Chase, stieß mit dem Springmesser zu. Er erwischte Chase an der Seite.
Mehrere Zentimeter tief drang die Klinge in seinen Körper ein. Chase schrie auf, wich zurück und wollte nach dem Hiebmesser greifen.
Aber bevor es dazu kam, traf Chase ein wuchtiger Karatetritt seines Gegenübers. Emilios Fuß erwischte Chase direkt auf dem Solar Plexus. Die Wucht war derart groß, dass die Nummer zwei der New Yorker Vampire hart gegen die Wand geschleudert wurde. Chase ächzte.
Emilios Kraft war weitaus größer, als er gedacht hatte.
Verdammt, in was für eine Falle bin ich da nur hineingetappt!, ging es ihm durch de Kopf.
Emilio schleuderte sein Messer auf Chase.
Die Klinge zischte auf ihn zu.
In letzter Sekunde wich Chase zur Seite. Die Klinge fuhr in die Holzwand hinein, blieb zitternd stecken.
Keinen Augenblick gönnte der gestaltwandelnde Vampir seinem Opfer Pause. Mit einem tierhaften Brüllen stürzte Emilio sich auf Chase. Messerscharfe Krallen fuhren aus den Pranken heraus. Chase nahm all seine Kraft zusammen und wehrte den Angreifer mit einem wichtigen Tritt ab. Er erwischte seinen Gegner nicht voll. Dazu war Chase einfach zu langsam. Ein geschulter Karate-Kämpfer mit automatischen Reflexen war er nämlich nicht. Aber dennoch traf er Emilio hart genug um ihn ein Stück zurücktaumeln zu lassen. Er landete in einem der Sessel. Schaum stand vor dem gewaltigen Maul.
Es bildete sich ein wenig zurück.
"Schluss jetzt!", rief Laird.
Er hatte inzwischen in aller Seelenruhe seine Windjacke geöffnet. Darunter trug er eine abgesägte Shotgun mit kurzem Griff. Er richtete sie auf Chase und feuerte. Der Schuss durchzuckte Chase in Höhe des rechten Lungenflügels. Das großkalibrige Projektil trat aus dem Rücken wieder heraus, durchdrang die dünne Holzwand und blieb auf der anderen Seite irgendwo im Mobiliar stecken.
Chase stöhnte auf.
Einige Augenblicke lang war er kaum fähig, irgendetwas zu tun. Der Schmerz machte ihn halb wahnsinnig. Sein T-Shirt verfärbte sich durch die Schusswunde dunkelrot. Selbst bei Aufbietung all seiner Willenskraft würde es etwas dauern, bis er sich von dem Treffer erholt hatte. Er versuchte sich aufzurichten, aber bevor er sich auch nur ein paar Zentimeter bewegen konnte, hatte Emilio voll ausgeholt und Chase noch einen grausamen Tritt verpasst.
Emilio verwandelte sich jetzt zurück. Die Wolfszüge verschwanden. In seinen Augen glitzerte es kalt.
Laird lud seine Shotgun nach, stellte sich links neben Chase und richtete seine Waffe auf Chase' Kopf.
"So eine Bleiladung kannst du jederzeit wieder haben!", grinste er. "Ich weiß nicht genau, wie hoch dein Gehirn spritzt und wie viel davon noch übrig bleibt, wenn ich dir eine Ladung in den Schädel blase. Und ich weiß auch nicht genau, ob ein Vampir so etwas überleben kann.
Richtiges Köpfen ist das ja nicht. Gegen Magnus von Björndals Leute sind wir immer auf Nummer sicher gegangen und haben eine Machete oder eine Axt genommen!"
"Wäre vielleicht mal einen Versuch wert, Lairdie-Boy!" mischte sich Emilio ein. Die schleppende Sprechweise fiel Chase erst jetzt auf. Sie war kaum hörbar. Man konnte sie auch auf den spanischen Akzent mit dem rollenden R schieben, wenn man nicht so genau darauf achtete. Emilio kniete nieder, griff nach dem Springmesser und zog es heraus. Er betastete die Spitze. "Weißt du, dass ich als kleiner Junge immer gerne Arzt werden wollte? Ich habe einige Stofftiere und die Puppen meiner Schwester zu Tode operiert - aber irgendwo muss man ja üben. Und wie ich sehe, bist du verletzt und brauchst dringend ärztlichen Beistand..."
Laird lachte dreckig.
Winwood stand inzwischen von seinem Platz auf. Er hatte sich den Kampf seelenruhig aus dem Sessel heraus angesehen. Seine Bewegungen waren zunächst etwas ruckartig. Er öffnete die Schublade einer Kommode. Ein Holzpflock kam zum Vorschein, außerdem ein Gummihammer, wie man ihn zum Einschlagen von Zeltheringen benutzte.
Dann drehte Winwood sich herum, blieb in sicherem Abstand vor Chase stehen.
Sein Blick wurde vollkommen starr.
"Töten...", murmelte Winwood schleppend. "Bringen wir es zu Ende..."
"Mierde! Warum bist so ein verdammter Spielverderber?", knurrte Emilio düster.
"Keine Experimente!", bestimmte Winwood. "Haltet ihn fest und dann machen wir Asche aus ihm!"
*
"Zum ersten Mal in New York?"
John Asturias Arquanteur verzog beim Small-talk des Taxi Drivers das Gesicht. Er hob die Hand, schloss die Augen und brachte ihn mit einer magischen Formel zum Schweigen. >"Setanborum ketabsiselem seton">, flüsterte er. Eine Formel aus dem COMPENDIUM MAGIRUM, mit der angeblich schon der legendäre Simón de Cartagena die Ankläger des Inquisitionsgerichtes zum Schweigen brachte, die ihn eigentlich auf den Scheiterhaufen hatten bringen wollen. Auch bei dem Taxi Driver verfehlte der Zauber seine Wirkung nicht.
"Ich möchte zum Hotel Ambassador am Central Park West", erklärte Arquanteur. "Und ich möchte dabei nicht mehr durch unnützes Gerede gestört werden. Haben Sie mich verstanden?"
"Ja", murmelte der Taxi Driver etwas eintönig.
"Gut. Fahren Sie nicht auf direktem Weg dorthin, sondern machen Sie einen kleinen Umweg. Sagen wir durch Chinatown."
"Ja."
"Ich möchte sicher gehen, dass niemand uns folgt.
Wenn Sie bitte darauf achten würden."
"Ich werde darauf achten", wiederholte der Taxi Driver.
Arquanteur atmete tief durch, blickte hinaus in das Lichtermeer des nächtlichen Big Apple.
Er dachte noch einmal an die Bestrafung zurück, die er mit Gabriel durchgeführt hatte. Arquanteur hatte dem ehemaligen Engel ziemlich zugesetzt.
Hoffentlich nicht so sehr, dass Gabriels Kräfte darunter gelitten haben!, meldete sich eine warnende Stimme im Bewusstsein des Magiers. Diese Sorge hatte ihren Grund. Arquanteur brauchte Gabriels Kräfte, die er regelmäßig mit Hilfe gewisser Rituale auf sich transferieren ließ. Ohne diese Kräfte wäre es ihm -
einem Sterblichen! - niemals möglich gewesen, den Willen von Vampiren zu brechen und sie zu Werkzeugen seiner Machtentfaltung zu machen. So wie es mit einer ganzen Reihe von Gefolgsleuten des Fürsten von Radvanyi inzwischen geschehen war. Schleichend begann Arquanteur die Organisation des Vampirfürsten zu übernehmen. In dem Moment, in dem der uralte Franz von Kradic wirklich begriff, was hinter den Kulissen vor sich ging, würde es vielleicht sogar schon zu spät für ihn sein.
Allerdings musste er vorsichtig bleiben.
Radvanyi besaß eine geradezu legendäre Machtaura.
Er war nicht so leicht zu bezwingen, wie die niederen Helfershelfer, die er bislang in seine Reihen eingegliedert hatte. Manche waren nur zu blindwütigen Kämpfern geworden, die berserkerhaft auf ihre bisherigen Komplizen und Vorgesetzte in der Organisation eindroschen und diese zu töten versuchten.
Andere wirkten völlig unauffällig, benutzten ihre Intelligenz, um Arquanteurs Zielen zu dienen. Manchem von ihnen war das überhaupt nicht richtig bewusst. Man hätte ihnen ein Foto von Arquanteur vorlegen können, sie wären möglicherweise gar nicht in der Lage gewesen, den Mann aus Haiti zu identifizieren.
Er lächelte still in sich hinein.
Er nahm ein leichtes mentales Beben war. Ganz leicht nur. Arquanteur musste sich sehr darauf konzentrieren.
Während der Folter, die er an Gabriel vollzogen hatte, hatte er so etwas schon einmal gespürt.
Aber Arquanteur murmelte jetzt keine jener Konzentrationsformeln, die es ihm vielleicht ermöglicht hätten, seine Wahrnehmung zu präzisieren.
Ich habe schon so viele Diener im Nachtvolk New Yorks, dass ich sie unmöglich noch alle mental kontrollieren kann!, dachte er. Aber das war auch gar nicht notwendig. Das, was er wahrgenommen hatte, bedeutete vermutlich, dass irgendwo in Manhattan oder in der näheren Umgebung erneut ein Vampir zu Staub zerfiel. Ein Vampir der oberen Hierarchieebene, wie Arquanteur annahm. Denn er hatte seine Diener mental dergestalt instruiert, dass sie die Führungsebene ihrer eigenen Organisation nach und nach liquidieren würden.
Den Fürst werde ich ganz zum Schluss zur Strecke bringen, ging es dem Magier durch den Kopf. Er hatte inzwischen herausbekommen, dass von Radvanyi im Empire State Building residierte. Aber noch scheute er vor einem Angriff zurück. Je höher er in der Hierarchie der New Yorker Vampire mit seiner 'Säuberungsaktion' kam, mit desto mächtigeren Bestien hatte er zu rechnen.
Schon Chase Blood machte ihm genug Schwierigkeiten.
Ein eigenartiger Glanz trat in seine Augen.
Vielleicht hatten sich diese Probleme ja gerade in nichts aufgelöst, überlegte er.
Der Taxi Driver setzte ihn schließlich am Central Park West ab. Er hatte wegen Arquanteurs etwas aus der Reihe fallenden Sonderwünschen nicht ein einziges Mal nachgefragt. Er vergaß sogar, eine Bezahlung einzufordern. Arquanteur steckte im grinsend einen hundert Dollar-Schein zu. Schließlich war er seit seiner Teilnahme an einer gewissen Spielrunde finanziell fürs erste saniert.
"Sie werden sich nicht an mich erinnern!" Es war eine Feststellung, die über Arquanteurs Lippen kam, nicht mehr und nicht weniger.
"So ist es", murmelte der Driver.
"Sie kennen mich nicht und haben mich nie gesehen!"
"Nie."
"Bye!"
Arquanteur schlug die Tür zu, überquerte die Straße.
Im Foyer des Ambassador blieb er plötzlich stehen. Ein fast schmerzhafter mentaler Impuls machte sich bemerkbar. Eine Empfindung, die nur für einen Sekundenbruchteil anhielt. Die Intuition des Magiers meldete sich. Hier ist etwas geschehen, dachte er. Und zwar ganz in der Nähe...
Unruhe erfasste ihn, sein Puls beschleunigte sich.
Das vegetative Nervensystem des Magiers reagierte manchmal sensibler auf mentale Schwingen, als sein Verstand dazu trotz intensiven Trainings in der Lage war.
Das Unbehagen verstärkte sich noch, während er mit dem Lift hinauf in die dritte Etage fuhr, wo sich die Suite befand, die er zusammen mit Celeste bewohnte.
Celeste, mein geliebte Celeste!, durchzuckte es ihn.
Und dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen.
Irgendetwas war mit ihr. Dessen war er sich jetzt sicher. Und vielleicht lag darin auch der Grund für das mentale Beben, dass er gespürt hatte. Celeste, nein!
Ihr durfte nichts geschehen. Er verwünschte sich in diesem Augenblick dafür, ihrem Drängen nachgegeben und sie mit sich nach New York genommen zu haben.
Augenblicke später trat er aus der Liftkabine.
Dunkle Ahnungen begannen ihn zu quälen.
Es war ein Fehler, dich allein zu lassen, Celeste!, durchzuckte es ihn reuevoll. Andererseits hatte er nicht gewollt, dass sie Zeuge der Folter wurde, der er Gabriel unterzogen hatte. John Asturias Arquanteur war ein Kämpfer für die schwachen Mächte des Guten. Und wenn Celeste ihn derart unerbittlich und hart erlebt hätte, wäre ihr von einer Art Heiligenschein umflortes Bild von ihm mit Sicherheit beschädigt worden.
Natürlich hätte Arquanteur versuchen können, ihre Erinnerungen zu manipulieren. Aber er wusste aus Erfahrung, dass das Unterdrücken traumatischer, schockartiger Erfahrungen selbst für einen so versierten Suggestor sehr schwierig sein konnte.
Arquanteur erreichte die Suite.
Die Tür war offen.
Schon das ließ in dem Magier sämtliche Alarmsirenen schrillen.
Arquanteur bewegte sich ein paar Schritte in die weiträumige Suite hinein.
Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss.
Arquanteur spürte etwas. Die Anwesenheit von jemandem. "Natamsal ketorunom seton", flüsterte er, wobei seine Nasenflügel wie bei einem Tier bebten, das Witterung aufgenommen hatte.
Ein unterdrückter Schrei kam aus dem Schlafzimmer der Suite.
Arquanteur packte das kalte Entsetzen.
Er stieß die nur einen Spalt offen stehende Tür zur Seite.
Dann sah er sie.
Celeste!
Sie war an einen Stuhl gefesselt und geknebelt, trug nichts weiter als ihr hauchdünnes Nachthemd. Der Ausschnitt war ziemlich tief und ließ den Blick auf den Brustansatz frei. Aber da war noch etwas anderes.
"Nein!", brüllte Arquanteur voller Verzweiflung, als er sah, worum es sich handelte.
Das Bissmal eines Vampirs prangte unübersehbar an ihrem Hals!
Nein, das darf nicht sein!, durchzuckte es ihn. Er dachte an Catherine. An das, was er mit ihr getan hatte. Hatte tun müssen. Einen Augenblick lang war er wie gelähmt. Und dann hörte Arquanteur die Geräusche im Bad. Jemand wusch sich am Waschbecken die Hände!
Jedenfalls klang es so.
Arquanteur schluckte.
Eine Mischung aus purem Entsetzen und namenloser Wut bemächtigte sich seiner.
Die Tür zum Bad öffnete sich.
Ein hoch gewachsener Schwarzer trat hervor. Er war vollkommen kahl. Unter seinem knielangen Ledermantel trug er ein Futteral, in dem eine großkalibrige 45er Automatik mit Schalldämpfer steckte. Außerdem trug er ein Messer am Gürtel. Sein linker Ärmel war hochgeschoben. Deutlich sichtbar war dort eine frische Wunde, die aussah, als ob sie mit dem Messer geritzt worden war. In der Rechten trug er ein Glas.
Es war halb gefüllt mit einer dunkelroten Flüssigkeit.
Blut!, durchzuckte es Arquanteur.
Der Schwarze grinste, entblößte dabei seine Vampirzähne. Arquanteur hatte ihn im ersten Moment wieder erkannt.
"Pierre Latraque!", flüsterte er.
"Schön, dass du mich noch kennst, du sterbliche weiße Ratte!", knurrte Latraque.
Arquanteur hatte auf Haiti mit dem Vampirgeschlecht gründlich aufgeräumt. So gründlich, wie es ihm möglich gewesen war. Aber natürlich gab es welche, die entkommen waren. Latraque war einer der wenigen. Einst ein hohes Tier in der Vampir-Organisation Port-au-Prince, deren Existenz Arquanteur nahezu ausgelöscht hatte. Jetzt war Latraque nur noch ein von Rache Getriebener, der nicht damit rechnen konnte, dass man ihn in einem anderen Vampir-Territorium freundlich aufnehmen würde...
Latraque griff zu der Automatik mit Schalldämpfer und richtete sie auf Arquanteur.
"So weit ich weiß ist dieses Ding hier für euch Sterbliche nach wie vor absolut tödlich!", grinste er.
"Du kommst ein bisschen zu früh - aber eigentlich ist es auch nicht weiter schlimm!" Er lachte dreckig. "Rühr dich nicht von der Stelle, oder du wirst es bereuen."
Dann hob er das Glas mit dem Blut.
Vampirblut!, durchzuckte es Arquanteur.
Latraque wollte offenbar Celeste konvertieren. Der Puls schlug Arquanteur bis zum Hals. Nein, nicht noch einmal!, durchfuhr es ihn. Catherine habe ich pfählen müssen, aber bei Celeste werde ich nicht zulassen, dass es so weit kommt!
"Ich habe hier einen netten Drink für deine kleine Freundin!", grinste Latraque. "Wie man so herumerzählt hat, hast du ja keinerlei Skrupel, eigenhändig eine Geliebte zu pfählen! Ich würde das gerne mal live erleben, Arquanteur!" Sein Gesicht verzog sich zu einer Grimasse blanken Hasses. "Ich werde nie vergessen, was du mit so vielen von uns in Port-au-Prince getan hast... Und dies ist die Rache dafür!"
Er machte einen Schritt auf Celeste zu.
Arquanteur bewegte sich.
Der Schalldämpfer der Automatik zuckte hoch. Das Mündungsfeuer leckte wie eine rote Zunge heraus.
Latraque brannte Arquanteur eine Kugel direkt vor die Füße. "Dagegen hilft deine Magie nicht, was? Ich warne dich, bevor du auch nur eine Beschwörung murmeln kannst, hätte ich entweder deinen Schädel oder den deiner schnuckeligen Freundin durchlöchert. Kaliber 45
ist eine ziemlich wüste Granate. Da bleibt nicht viel übrig..."
Und doch wäre es vielleicht für Celeste ein gnädigeres Schicksal, als ein Dasein in ewiger Verdammnis, als Kreatur der Nacht!, ging es Arquanteur durch den Kopf.
Triumph leuchtete in Latraques Augen auf.
"Jetzt sieh zu, Arquanteur! Sieh zu, wie deine Begleiterin eine von uns wird..."
*
Chase starrte auf den angespitzten Pflock.
Seine Muskeln spannten sich.
Winwood erstarrte plötzlich. Ein Geräusch vom Garten her war zu hören.
"Verdammt, was ist das?", rief Terry.
Sekundenbruchteile später klirrte die Scheibe der Terrassentür. Ein wahrhaftiges Monstrum stürzte von draußen herein. Es war ungefähr zwei Meter fünfzig groß und verfügte über ein Paar bräunlicher Lederschwingen, die ihm ein urtümliches Aussehen gaben.
Chase erkannte sofort, um wen es sich handelte.
Ptygia!, durchzuckte es ihn.
Mit der ungestümen Begleiterin Gabriels hatte er hier am Allerwenigsten gerechnet.
Laird riss seine Shotgun herum, feuerte in Richtung des Monstrums. Aber stattdessen traf er Winwood, der von Ptygias mächtigen Pranken gepackt worden war.
Wütend schleuderte Ptygia den blutüberströmten Körper Winwoods von sich. Lairds zweiter Schuss ging ins Leere, denn im selben Moment hatte Chase sein Bein hochfahren lassen. Sein ungestümer Tritt traf Laird.
Der Schuss ging in die Decke. Stöhnen stolperte Laird vorwärts. Ptygia näherte sich mit einer Schnelligkeit, die man ihr vom äußeren Anschein her gar nicht zutraute. Kurz nur holte sie aus und versetzte Laird einen Schlag. Knochen knackten hörbar. Laird wurde in Richtung der Fensterfront geschleudert und kam sehr hart zu Boden. Er blieb stöhnend liegen. Sein Hals war eigenartig verrenkt. Genickbruch. Kein Sterblicher hätte Ptygias Schlag überleben können. Laird wimmerte.
Selbst, wenn er all seine Willenskraft dafür einsetzte, die Verletzung zu heilen, so würde er einige Zeit dazu brauchen. Schreiend versuchte er sich aufzurappeln, scheiterte aber daran. Erneut lag er mit abgeknicktem Kopf am Boden, schrie dabei mit ohrenbetäubender Lautstärke. Aber Ptygia dachte gar nicht daran, seinem Leiden ein schnelles Ende zu bereiten, indem sie den Kopf vollends vom Rumpf trennte. Wahrscheinlich wusste sie nicht einmal genau, was sie hätte tun müssen, um den Vampir zu Staub zerfallen zu lassen. Besonders helle war sie nämlich wirklich nicht. Aber eine ausdauernde, berserkerhafte Kämpferin.
Chase hatte am eigenen Leib erfahren, wie es war, gegen sie anzutreten.
Auf dem Trinity Cemetery hatte ihn das vor einiger Zeit beinahe die Existenz gekostet.
Was die pure Körperkraft anging, war die Dämonin kaum zu übertreffen. Von Sterblichen ohnehin nicht, aber zweifellos war das Monstrum auch für den stärkste Vampir kaum zu bezwingen.
Ptygias Lederschwingen flatterten nervös herum.
Die Monster-Dame hatte sich schon am Sturz der Terrassentür gestoßen. Entsprechend mies war ihre Laune.
Emilio bekam das als nächster zu spüren.
Sein Kopf veränderte sich. Er bekam wieder sein überdimensionales Wolfsgesicht. Seine Hände wurden zu gewaltigen Pranken, die denen Ptygias beinahe ebenbürtig schienen. Die Klinge des Springmessers zuckte vor. Was Behändigkeit anging, so war Emilio der Dämonin überlegen. Emilio traf Ptygia mit dem Messer, ritzte in ihre schuppige Haut hinein. Ptygia brüllte auf. Sie packte Emilio am Handgelenk, drehte den Arm herum. Das Messer fiel zu Boden. Ptygia packte ihren Gegner und schleuderte ihn durch eines der Fenster. Die Scheibe klirrte. Emilio landete irgendwo draußen im Gras.
Unterdessen hatte Chase Gelegenheit, sein Hiebmesser zu ziehen und sich hoch zu rappeln. Die Vampire, die ihn hier festgehalten hatten, hatten jetzt genug damit zu tun, sich vor der berserkerhaften Ptygia zu retten.
Chase ließ das Hiebmesser durch die Luft sausen. Ein sauberer Hieb trennte Terrys Kopf vom Rumpf. Zwei Schritte ging der Geköpfte noch Richtung Sofa, ehe er zu Staub zerfiel. Seine Gestalt sackte förmlich in sich zusammen. Ein moderiger Geruch verbreitete sich.
Chase atmete tief durch.
Ptygia hielt etwas Abstand.
Sie musterte Chase.
"Wie kommst du denn hier her?", fragte er, darauf gefasst sich im nächsten Moment gegen das geflügelte Ungeheuer verteidigen zu müssen.
Ptygia stieß einen dumpfen Knurrlaut aus, öffnete das zahnbewehrte Maul. Ihr Atem roch wie der Hauch aus einer Totengruft. Chase verzog das Gesicht.
Laird kroch ein Stück über den Boden. Trotz gebrochenem Genick fingerte er an seiner Shotgun herum.
Ptygia ging kein Risiko ein. Ehe Laird die Waffe nachladen konnte, trat sie zu, setzte einen Fuß auf Laird Rücken und packte mit beiden Händen seinen Kopf.
Sie drehte ihn einmal ganz herum und riss dann heftig daran. Beim zweiten Versuch klappte es. Für Sekundenbruchteile hielt Ptygia Lairds Schädel in Händen. Der Vampir zerfiel zu Staub.
Dann trat die Monster-Lady an das zerstörte Fenster, blickte hinaus in die Nacht.
"Niemand da", sagte sie.
Offenbar hatte Emilio es vorgezogen, sich aus dem Staub zu machen. War sicher auch besser für ihn. Ptygia allerdings schien dieser Umstand zu beunruhigen. Sie drehte sich langsam wieder herum. Die Stelle, an der Emilio sie mit dem Messer erwischt hatte, blutete etwas. Aber natürlich war das keine gefährliche Verletzung für das Monstrum.
"Habe ich dich gefunden, Chase!", sagte sie zögernd.
"Endlich!"
"Du hast mich gesucht?"
Chase runzelte die Stirn.
In Ptygias Augen blitzte es.
"Gabriel schickt mich."
"Sag deinem verdammten Partner, dass er mich mal kreuzweise kann! Seine Falle in der Lower East Side war jedenfalls nicht gut genug, um mich auf Kreuz legen!"
"Gabriel braucht Hilfe!" Ihr Gesicht - wenn man die Partie um Mund und Augen herum bei Ptygia so bezeichnen mochte - veränderte sich. Ein Ausdruck der Qual breitete sich dort aus.
Chase verzog das Gesicht.
"Ach wirklich?"
Man konnte Ptygia ansehen, wie schwer es ihr fiel, in Worte zu fassen, was in ihr vorging. Chase überlegte einen Augenblick, diese offensichtliche Verwirrung auszunutzen, sich mit dem Hiebmesser auf sie zu stürzen und zu versuchen, ihr ein Ende zu machen. So dumm sie auch sein mochte - sie blieb brandgefährlich. Und da sie Gabriel wie ein treuer Hund zu folgen pflegte, musste Chase befürchten, ihr demnächst wieder im Kampf zu begegnen. Und darauf hatte er schlicht keinen Bock.
Es war schon nervig genug, sich mit dem machtgierigen Ex-Engel herumschlagen zu müssen.
Ein Ruck ging durch Ptygia. Ihre Augen wurden schmal.
Sie schien sich sehr zu konzentrieren. Im Denken war sie langsam, aber von ihren Reflexen im Kampf konnte man das leider nicht sagen.
"Gabriel hat versucht, dir eine Botschaft zu schicken", sagte sie dann. "Du musst ihm helfen, kleiner Chase!"
"Ich muss gar nichts. Wie hast du mich überhaupt gefunden?"
Sie deutete auf den Staub, zu dem Laird zerfallen war.
"Ich bin diesen Leuten gefolgt!"
Chase runzelte die Stirn. Es war das erste Mal, dass er Ptygia ihrer Begriffsstutzigkeit wegen verwünschte.
Was sollte er mit den Informationsbruchstücken anfangen, die sie ihm hinwarf? Unzusammenhängendes Gebrabbel!, durchfuhr es ihn ärgerlich. Andererseits...
Kombiniere doch selber ein bisschen!, meldete sich eine ätzende Stimme in seinem Hinterkopf.
"Jedenfalls danke dafür, dass du mich gerettet hast", meinte Chase. "Aus welchem Grund auch immer."
Eine Art Grinsen zeigte sich auf Ptygias Gesicht.
"Bitte, bitte!", erwiderte sie. "Ich fand dich ja immer schon süß. Leider standen wir bislang auf verschiedenen Seiten..."
"Bisher?" echote Chase.
Sollte das etwa heißen, dass sie tatsächlich im Moment nicht daran dachte, ihn zu zerquetschen?
Du solltest in die Bemerkung einer Schwachsinnigen nicht allzu viele Feinheiten hineininterpretieren!, sagte sich Chase. Wer weiß, wohin ihre Laune im nächsten Moment schwankt...
"Gabriel ist in Schwierigkeiten", brachte Ptygia angestrengt heraus. "Soll dir sagen, dass er gefangen ist. Aber wenn du ihm hilfst, hilft er dir."
"Gegen wen?"
"Gegen den Magier!"
"Wer soll das sein?"
"Ich weiß nicht. Der Name war so verflucht lang und eigenartig..."
Chase lachte. "Wenn dieser Magier deinen Partner ein bisschen ärgert, dann werde ich bestimmt nicht Gabriel helfen. Eher schon seinem Feind!"
"Aber dieser Feind ist auch dein Feind!"
"Ach, spinn dich nicht herum!"
"Ist wahr!"
"So?"
"Gabriel sagt das!"
"Ein stärkeres Argument hast du nicht, oder?"
Sie sah Chase verständnislos an. "Argument?" fragte sie.
Chase machte eine wegwerfende Handbewegung.
"Zwecklos!"
Chase überlegte. Ptygia hatte gesagt, ihn gefunden zu haben, in dem sie Emilio und seinen Spießgesellen gefolgt war.
"Warst du im Empire State Building?", fragte Chase.
"Was ist das?"
"Ein großes Hochhaus. Die Vampire, denen du gefolgt bist waren dort."
"Ich habe davor gewartet, bis sie wieder herauskamen.
Mit dir!"
"Du willst mich für dumm verkaufen! Das ist niemandem aufgefallen! Was meinst du, wie viel Leute da herumlaufen!"
"Manchmal beachtet man mich nicht... Besonders in der Dunkelheit. Wenn ich vorsichtig bin... Ich kann auch
>verschwinden>. Aber ich weiß dann nicht immer genau, wo ich wieder auftauche. Besser ich >verschwinde> mit Gabriel zusammen."
"Er weiß dann, >wo du wieder auftauchst> - oder was?"
"Ja."
Plötzlich bemerkte Chase, dass die Dämonin durchscheinend wurde. Auch für Ptygia selbst schien das äußerst überraschend zu kommen. Sie starrte ihre mächtigen Pranken an, brüllte plötzlich auf und erinnerte in diesem Moment an eine Art riesenhaftes Monsterbaby.
"Nein!", schrie sie. "Nicht!"
Sie taumelte auf Chase zu, machte eine ausholende Bewegung mit ihren prankenartigen Armen, so als wollte sie sich an Chase festhalten.
Chase stieß sie von sich.
Oder vielmehr: Er versuchte es.
Seine Hände griffen ins Leere. Er fasste durch die immer durchscheinender werdende Gestalt der Dämonin hindurch.
"Hey, was machst du?", rief Chase. "Ich hätte gerne noch ein paar Auskünfte gehabt!"
"Chase!"
"Verdammte Dämonenbrut!"
Einen Augenblick lang noch sah Chase ihre völlig verwirrten Augen, dann war von der Dämonin nichts mehr zu sehen. Sie war einfach entmaterialisiert. Ob unter fremdem Einfluss oder durch eigene Ungeschicklichkeit war Chase nicht ganz klar.
Innerlich fluchte er.
Dann verließ er das Haus von Sidney Winwood, stieg wenig später in den Hummer.
Er blickte sich dabei sorgfältig nach allen Seiten um.
Schließlich war Emilio davongekommen. Und Chase musste damit rechnen, dass der Gestaltwandler ihm bei nächster Gelegenheit wieder auflauern würde. Verdammte Scheiße!, ging es ihm durch den Kopf. Offenbar kann man sich nicht mal mehr auf die Schläger des Fürsten wirklich verlassen!
Was für Zeiten!
Anarchie und Chaos drohten sich im Big Apple auszubreiten. Wer auch immer aus dem Hintergrund heraus am Stuhl des Fürsten sägte, er hatte bislang gute Arbeit geleistet.
Der Magier, so hatte Ptygia ihn fast respektvoll genannt.
Zu dumm! Vielleicht hätte mich das Monster-Weib direkt zu ihm hinführen können!, überlegte Chase.
Schließlich hatten Emilio und seine Leute ja wohl ihren Auftrag direkt von dem Unbekannten bekommen...
Vorausgesetzt natürlich, an der Geschichte war überhaupt ein Körnchen Wahrheit.
Für mindestens genauso wahrscheinlich hielt Chase nämlich die Möglichkeit, dass Gabriel ein perfides Doppelspiel spielte und nur versuchte, die Nummer zwei des Vampir-Imperiums schlicht und einfach hereinzulegen.
Chase setzte den Hummer zurück, drehte und fuhr mit aufbrausendem Motor die Straße entlang.
*
Etwa zur selben Zeit im Hotel Ambassador am Central Park West...
Latraque stellte das Glas mit dem Vampirblut kurz auf einer Kommode ab. Dann zog er Celeste den Knebel herunter, nahm das Glas wieder an sich und führte es an Celestes Mund heran. "Nein!", stöhnte sie auf, atmete schwer. Ihr Gesicht war kreidebleich geworden.
Natürlich wusste sie, was das Trinken von Vampirblut für sie bedeutete. Ein endgültiger Schritt ins Reich der Schatten, aus dem es kein Zurück gab. Die Automatik mit dem lang gezogenen aufgeschraubten Schalldämpfer hielt Latraque noch immer in der Linken.
"Zier dich nicht so!"
Er setzte das Glas an Celestes Lippen. Sie zitterte, wandte den Kopf. Etwas von der dunkelroten Flüssigkeit benetzte das Nachthemd. Mit einer ruckartigen Bewegung setzte ihr Latraque den Schalldämpfer an den Kopf.
"Na, los! Mach schon! Trink diesen Saft des Lebens!
Trink ihn bis zur Neige und du wirst ewig existieren.
Andernfalls wird die Bleiladung in dieser Waffe sorgen, dass dein Hirn bis zur Decke spritzt. Ich weiß nicht welches Schicksal du vorziehst... Aber schlimmer als eine Existenz an der Seite dieses scheintoten Saubermanns da vorne kann es ja wohl auch nicht sein!"
Latraque lachte dreckig und blickte in Arquanteurs Richtung.
"John, tu etwas!", hauchte Celeste.
Ihre Stimme klang entsetzlich kraftlos.
"Er KANN nichts tun, Teuerste!", antwortete Latraque an Arquanteurs statt. "Weil er genau weiß, dass ich in diesem Fall ernst mache und dir das Hirn wegblase!" Der triumphierende Gesichtsausdruck verschwand in Latraques Gesicht. Er wich einem Ausdruck tief empfundenen Schmerzes. "Na, was ist das für ein Gefühl, Arquanteur?
Ohnmächtig mit ansehen zu müssen, was geschieht, ohne die Chance zu haben, etwas ändern zu können... Oh, natürlich könntest du durchaus eingreifen. Aber was immer du auch tust, es würde etwas nach sich ziehen, was du als Tragödie empfinden würdest! Ja, ich sehe deine Qual, Arquanteur! Ich sehe, wie sie dich innerlich zerfrisst und ich sage dir noch etwas: Ich genieße es! Wofür wirst du dich entscheiden?"
Arquanteur zuckte einen Millimeter nach vorn, hielt aber mitten in der Bewegung inne.
Latraque grinste zynisch.
"Nur zu, Arquanteur! Tu, was du nicht lassen kannst!
Versuch deiner Geliebten zu helfen und du wirst sie damit vernichten! Eine Kugel aus dieser wunderschönen Präzisionswaffe wird ein Loch in ihren Schädel reißen!
Also nur zu!" Latraque hob den Kopf. Er bleckte die Zähne wie ein Raubtier. Ein irrer, hassverzerrter Ausdruck stand jetzt auf seinem Gesicht. "Du zögerst?", höhnte er. "Du zögerst wirklich einzugreifen, um die Konversion eines Vampirs zu verhindern? Wo bleiben deine Grundsätze, Arquanteur? Ich muss sagen, ich bin enttäuscht von dir! Du bist doch nur ein Schwätzer wie viele andere! Auch wenn du es geschafft hast, die Vampire von Haiti nahezu auszurotten." Er lachte schallend und hohntriefend. "So wirst du also gar nichts tun! Ich habe es mir fast gedacht, nach dieser letzten Erfahrung mit Catherine, von der überall unter den Kreaturen der Nacht von Port-au-Prince geredet wurde! Du wirst nichts tun und damit tatenlos zusehen, wie deine gegenwärtige Favoritin zur Dienerin der Finsternis wird... Eine amüsante Variante, das muss ich zugeben!"
Latraque schob Celeste grob das Glas zwischen die Lippen, die die junge Frau verzweifelt aufeinander presste.
Hart stieß er ihr die Mündung des Schalldämpfers an den Kopf.
Arquanteur zitterte leicht.
Bleich wie die Wand war er geworden.
Ich kann nicht anders! Verzeih mir Celeste!, durchzuckte es ihn. Seine Lippen murmelten Worte einer uralten, längst vergessenen Sprache. Kaum hörbar waren die sinnlos klingenden Silben.
Er streckte die Hände aus.
Sein Gesicht verzog sich zur Maske.
Ein Ruck ging durch Latraques Körper. Das Glas mit Vampirblut entfiel seiner Hand, zersprang auf dem Boden. In derselben Sekunde drückte Latraque ab. Er hatte den Versuch des Magiers, ihn geistig zu manipulieren Sekundenbruchteile früher gespürt. Ja, er hatte sogar damit gerechnet.
Die Kugel riss Celestes Kopf auseinander, ließ ihn zerspringen wie eine Melone. Es spritzte rot und weiß empor. Ihr gefesselter Körper sackte zur Seite, fiel mit einem stumpfen Geräusch auf dem Boden.
Tränen standen in Arquanteurs Augen.
Celeste, das habe ich nie gewollt... Aber hätte ich wirklich dieses Scheusal seinen Plan verwirklichen lassen sollen? Du kannst es mir nicht mehr sagen, Celeste. Niemand kann das...
Unaufhörlich murmelten Arquanteurs Lippen jene Silbenfolge, die er aus dem COMPENDIUM MAGIRUM kannte und die es ihm gestatteten, selbst den Willen von Vampiren zu brechen. Alles, was an mentaler Kraft in ihm existierte, versuchte der Magier zu mobilisieren.
Kraft, die Gabriel ihm geschenkt hatte - wenn auch nicht freiwillig. Den Gedanken an Trauer versuchte er dabei zu verdrängen, auch wenn das angesichts von Celestes schrecklich zugerichteter Leiche so gut wie unmöglich war.
Latraque vollführte ein paar eigenartige, ruckartige Bewegungen, so als würde er mit einem unsichtbaren Gegner kämpfen. Ein Schuss löste sich aus der Schalldämpfer- Pistole, ging aber ins Leere. Offenbar ein verzweifelter Versuch des Vampirs, den Magier doch noch im letzten Moment niederzustrecken. Aber dieser schwache, verwundbare Sterbliche ließ Latraque nicht den Hauch einer Chance dazu.
Einige Zuckungen durchliefen seinen Körper noch, so als ob er von elektrischem Strom geschüttelt worden wäre.
Sein Gesicht war eine Maske des Schreckens geworden.
Die Augen traten aus ihren Höhlen hervor. Dann verharrte Latraque mitten in der Bewegung. Er wirkte jetzt wie eine groteske Statue. Nicht einmal die Augäpfel bewegten sich noch. Die Adern an Schläfe und Hals schwollen an.
"Ich habe jetzt die vollkommene Kontrolle über dich", stellte Arquanteur fest.
Sein Gegenüber war nicht in der Lage zu antworten.
Immer noch rannen Arquanteur Tränen über das Gesicht.
Tränen des Zorns. Namenlose Wut leuchtete in seinen Augen, als er auf den Vampir zutrat. Einen kurzen Blick wandte er zur Seite. Dorthin, wo Celeste oder das, was von ihr übrig geblieben war, in ihrem Blut lag.
Arquanteur schluckte. Sieh nicht hin!, meldete sich eine Stimme in ihm. Das schwächt nur deine Kraft und die brauchst du jetzt, um diesen Vampir zu bestrafen...
Andernfalls bestand die Gefahr, dass Latraque einen Augenblick der Schwäche ausnutzte, um sich dem mentalen Einfluss des Magiers wieder zu entziehen.
Werde innerlich kalt!, sagte er sich. Wenigstens für den Augenblick, so dass du die Bestie, die Celeste das hier angetan hat, bestrafen kannst! Werde kalt - wenn auch nur für den Augenblick. Für die Trauer wirst du den Rest deines Lebens Zeit haben...
Arquanteur begann zu ahnen, dass diese Trauer ihn bis ans Ende seiner Tage nicht mehr verlassen würde. Wie bei Catherine. Es ist nicht fair!, dachte Arquanteur.
Es ist nicht fair, dass sich das Schicksal in meinem Fall eine Wiederholung erlaubt hat!
Er wandte den Blick dem Vampir zu, der noch immer in seiner eigenartig verrenkt wirkenden Haltung erstarrt war.
Die Stimme des Magiers klirrte wie Eis. "Du ahnst sicher, dass dein Schicksal besiegelt ist. Ich kann alles mit dir tun. Ich könnte dich beispielsweise einfach zum Morgen hier so verharren lassen, mich an deiner schreckgeweiteten Fratze weiden und darauf warten, dass die ersten Strahlen der Sonne, die durch das Fenster hereinfallen, dich zu Asche verbrennen.
Oder ich könnte dich durch Suggestion zu einer Art Jagdhund abrichten, der nur noch ein Ziel kennt: andere Vampire zu töten!" Arquanteur atmete tief durch. "Aber ich habe das Gefühl, dass das alles nicht dem angemessen ist, was du getan hast..." Sein Gesicht lief rot an.
Latraque vollführte erneut eine ruckartige Bewegung.
Der Lauf der Automatik zeigte in eine andere Richtung.
Latraque drehte ihn, ließ ihn auf sich selbst zeigen und setzte die Mündung des Schalldämpfers auf dem rechten Augapfel auf.
"Ich finde, du solltest jetzt wenigstens eine Ahnung des Schmerzes in dir fühlen, der mein Herz in diesem Moment zerreißt", sagte Arquanteur.
Eine volle Sekunde wartete er.
Dann ließ er den Vampir abdrücken.
Latraque taumelte zurück, starr wie eine Statue.
Hart fiel er zu Boden.
Er lag eigenartig verrenkt in der Nähe des Fensters.
Blut troff von der Wand. Ein Teil des Schädels war weggesprengt. Latraque konnte trotz seiner höllischen Schmerzen nicht schreien. Und da Arquanteur seine Willenskraft gebrochen hatte, war er auch nicht in der Lage, seine furchtbare Wunde zu heilen, solange der Magier das nicht zuließ.
Arquanteur trat an ihn heran, blickte auf Latraque herab.
"Das andere Auge werde ich dir lassen"!, sagte er kalt. "Schließlich sollst du die Sonne sehen..
jedenfalls für einen Moment..."
Dann wandte er sich Celeste zu.
Der Kampf gegen das Böse ist endlos, dachte er, und du bist eines der Opfer, die er gekostet hat.
Arquanteur berührte leicht Celestes Körper an der Schulter. Ich werde weiter machen, durchzuckte es ihn in siedend heißem Grimm. Auch um deinetwillen...
*
"Das ist er!", sagte der Fürst. Franz von Radvanyi deutete auf den Computerschirm auf dem das Bild eines hageren Mannes mit dunklem Oberlippenbart erschien. Der Blick seiner Augen war von geradezu suggestiver Kraft.
Er schien den Betrachter des Bildes allein durch die Kraft seines Blickes hypnotisieren zu wollen. "John Asturias Arquanteur. Ein in Okkultistenkreisen bekannter Magier, von dem gesagt wird, er habe tatsächlich den Urtext des verschollen geglaubten COMPENDIUMS MAGIRUM von Simón de Cartagena aufgestöbert..." Der Fürst machte eine Pause und betrachtete das Foto nachdenklich. Dann fuhr er fort:
"Wenn man bedenkt, was dieser Kerl bislang angerichtet hat, könnte man glatt auf den Gedanken kommen, dass diese Gerüchte der Wahrheit entsprechen."
Außer Chase Blood befanden sich noch zwei weitere hohe Funktionsträger der New Yorker Vampir-Organisation im Raum. Die eine war Petra Brunstein, der die Neuigkeiten, die von Radvanyi recherchiert hatte, offenbar dermaßen auf den Magen geschlagen waren, dass ihr wohl im Moment nicht der Sinn danach stand, Chase mit ihren spitzen Bemerkungen zu ärgern. Die Beraterin in diplomatischen Fragen hatte wohl erkannt, dass es auch für sie gefährlich werden konnte, wenn die Pläne dieses Magiers Realität wurden. Und er war auf dem besten Weg dazu, sie umzusetzen.
In einem der Sessel hatte sich unterdessen Basil Dukakis niedergelassen. Er hatte den Körper eines Achtzigjährigen, gebeugt wirkenden Greises, da er erst im hohen Alter konvertiert worden war. Im Übrigen füllte er die Funktion eines Beraters in okkulten Dingen aus. Zwar war auch der Fürst ein ausgewiesener Experte auf diesem Gebiet, der über Jahrhunderte hinweg okkulte Schriften gesammelt und sich in deren Studium vertieft hatte. Aber hin und wieder brauchte der Fürst jemanden, der mit ihm - zumindest auf diesem Gebiet -
in derselben Liga spielte. Jemand, mit dem er eine fundierte Meinung austauschen konnte.
Es war kaum zu glauben, aber Dukakis war mit seinen 80 Jahren nur fünf Jahre älter als die jugendlich-attraktive Petra. Jedes Mal, wenn Chase den alten Dukakis sah, war er froh, dass er selbst bereits in jungen Jahren konvertiert worden war. Wenn schon verdammt für alle Ewigkeit, dann doch besser nicht mit einem so uncoolen Runzelgesicht. Das Dasein als Untoter musste man einem ja nicht auf den ersten Blick ansehen.
"Es wäre schon möglich, dass dieser Arquanteur es geschafft hat, Gabriel zu beschwören und seine Kräfte für sich zu nutzen", vermutete Dukakis. "Es gibt da angeblich einige Rituale, die das bewirken können.
Allerdings kenne ich da nur Sekundärquellen."
Der Fürst nickte düster. "Ja, die Originalschriften des Simòn de Cartagena galten seit dem Brand der großen Bibliothek von Toledo als verschollen..."
"Offenbar ein Irrtum", meinte Dukakis.
Der Fürst deutete auf Arquanteurs Gesicht. "Ich habe alles in Bewegung gesetzt, um etwas über diesen Mann herauszubekommen. Seine wahre Identität liegt im Dunkeln. Er hat mehrere Pässe und lebte unter dem Namen Arquanteur lange auf Haiti. Die dortige Vampir-Organisation ist mehr so etwas wie eine
Provinzabteilung. Sie hat im globalen Maßstab nicht die mindeste Bedeutung, aber vor kurzem kamen von dort sehr beunruhigende Neuigkeiten, die mir jetzt in einem neuen Licht erscheinen."
"Neuigkeiten?", hakte Dukakis nach.
Der Fürst nickte.
"Die Anführer der einzelnen Vampir-Gruppen waren sich darüber einig, dass der Vorfall zunächst so weit wie möglich unter der Decke gehalten werden sollte... Der Vampir-Herr von Haiti wurde ausgelöscht, seine Organisation bis auf wenige Überlebende völlig zerstört."
"Und dahinter steckt dieser Arquanteur?", fragte Chase.
"Mit ziemlich großer Sicherheit ja. Selbst Magnus von Björndal, unser ewiger Konkurrent aus Philadelphia, scheint wegen dieser Sache beunruhigt zu sein. Offenbar hat ein Vampir-Flüchtling von dort bei ihm eine Art Asyl erhalten und er ließ anfragen, ob ich etwas von den dortigen Geschehnissen wüsste..."
"Jedenfalls arbeitet er deutlich effektiver als diese bemitleidenswerten sterblichen Vampir-Jäger, die uns von Zeit zu Zeit Ärger machen", meinte Petra.
Sie hatte Recht.
Das fand selbst Chase.
Gewöhnliche Vampirjäger waren schon stolz darauf, wenn es ihnen gelang, ein paar Angehörige des Nachtvolkes in ihren Ruherefugien am Tag aufzuspüren und im mehr oder weniger wehrlosen Zustand zu pfählen.
Eine Heldentat war das wahrhaftig nicht! Aber Arquanteur war aus anderem Holz geschnitzt. Er hatte offenbar allen Vampiren den offenen Krieg erklärt. Und das schlimmste - er benutzte einige von ihnen als seine Verbündeten.
Das Gesicht des Fürsten wurde düster.
"Ich habe diesem Emilio und seinen Leuten getraut...
Aber offenbar ist es für Arquanteur nicht weiter schwierig gewesen, ihren Willen vollkommen zu brechen!"
Er wandte sich an Petra Brunstein. "Möglicherweise könntest du etwas gegen ihn ausrichten!"
Petra besaß die Fähigkeit, Gehorsam zu erzwingen.
Bei Sterblichen eine Kleinigkeit, bei Vampiren eine Frage der jeweiligen Willensstärke. So hätte sie niemals gewagt, den Fürst selbst nach ihrer Pfeife tanzen zu lassen. Es wäre ihr auch schlecht bekommen.
Immerhin hatten ihre Suggestiv-Kräfte aber dafür gereicht, maßgebliche Personen im Kunstbetrieb für sich einzunehmen, so dass die dunkelhaarige Schöne eine Karriere als anerkannte Künstlerin gemacht hatte.
"Wir müssen Arquanteur aufspüren, daran führt kein Weg vorbei", meinte Dukakis. "Diese plumpe Dämonin namens Ptygia ist dabei wahrscheinlich als Verbündete nicht zu gebrauchen. Nach allem, was ich über sie weiß, ist sie ohne ihren Partner fast nicht handlungsfähig.
Es wundert mich direkt, dass sie dich überhaupt gefunden hat, Chase!"
Chase grinste.
"Mal wieder ein Beweis dafür, dass jeder mit den Anforderungen wächst, die an ihn gestellt werden!", meinte er.
Petra Brunstein konnte sich eine giftige Bemerkung jetzt doch nicht verkneifen.
"Wie kommt es nur, dass das ausgerechnet bei dir nicht zutrifft, Chase?", stichelte sie.
Chase bekam keine Gelegenheit, darauf etwas zu erwidern, denn in diesem Moment ergriff wieder der Fürst das Wort. Und niemand im Raum hätte es sich erlaubt, ihn zu unterbrechen.
"Über den Zentralcomputer des JFK-Airports weiß ich, dass dieser Arquanteur vor einiger Zeit in die USA eingereist ist", meinte Franz von Radvanyi. "Seinen gegenwärtigen Aufenthaltsort werde ich auch bald herausbekommen..."
Wenn der Fürst seine Fühler nach jemandem ausstreckte, dann fand er ihn auch. Von seiner Zentrale im Empire State Building aus reichte sein langer Arm bis in den letzten Winkel des Big Apple.
Ein akustisches Signal ertönte.
Der Fürst blickte auf.
Er ging zu einem seiner Rechner. Offenbar kam gerade eine Nachricht herein. Chase trat etwas näher, blickte ihm - wenn auch aus gebührendem Abstand - über die Schulter. Franz von Radvanyi drehte sich wieder herum.
Ein triumphierendes, fast wölfisches Lächeln stand in seinem bleich wirkenden Gesicht. "Es gibt nicht viele Touristen aus Haiti, die in letzter Zeit in New Yorker Hotels einquartiert haben", meinte er. "Einer dieser wenigen nennt sich John C. Marquand und ist angeblich Engländer..."
"Das muss er sein!", meinte Chase.
Der Fürst wandte sich an Chase.
"Du kennst das Hotel Ambassador am Central Park West?
Ist nicht zu übersehen..."
"Klar."
"Es dürften noch etwa anderthalb Stunden bis Sonnenaufgang sein."
"Das reicht, um einen Mann wie Arquanteur umzubringen!"
"Unterschätz ihn nicht, Chase. Er hat Ybanez, Emilio, Darry Korz und einige andere Vampire zu seinen willenlosen Werkzeugen gemacht. Und wahrscheinlich sogar Gabriel!"
"Gibt’s da nicht irgendeine Art magischen Schutz oder so etwas?"
"Tut mir leid Chase. Aber glücklicherweise haben wir eine Suggestorin in unseren eigenen Reihen..."
"Petra!", stieß Chase hervor.
"Ihr werdet gut zusammenarbeiten", bestimmte der Fürst streng. "Schließlich geht es im wahrsten Sinne des Wortes um unser aller Kopf."
Petra blickte ebenso erstaunt drein wie Chase. Es war ihr deutlich anzusehen, dass sie das Ansinnen des Fürsten als eine wahre Zumutung empfand. "Wie stellen Sie sich das vor, Fürst?", fragte sie. "Soll ich vielleicht versuchen, diesen Arquanteur unter meinen Gehorsam zu zwingen!"
Basil Dukakis meldete sich jetzt zu Wort. Er erhob sich aus seinem Sessel und wankte mit seinem Stock durch den Raum. "Davon würde ich dringend abraten", meinte er. "Wir wissen nicht, wie groß die Kräfte sind, über die Arquanteur verfügt."
"Du könntest die Herrschaft über Chase übernehmen, falls Arquanteur ihn beeinflusst", sagte der Fürst.
"Reizende Idee", Petras Lächeln wirkte etwas gezwungen. Unter normalen Umständen hätte ihr der Gedanke sehr gefallen, obwohl sie es normalerweise nie gewagt hätte, so etwas bei Chase zu versuchen.
"Die Zeit drängt!", sagte der Fürst.
Chase blickte Petra an. "Machen wir das Beste draus", knurrte er.
Nach einer angemessenen Verbeugung vor dem Fürst wandte er sich zum gehen. Petra folgte ihm.
Der Fürst wartete bis die Beiden durch die Tür verschwunden waren. Dann drehte er sich zu Dukakis herum. "Ich habe Chase und Petra nicht alles gesagt", meinte er dann.
Basil Dukakis hob die Augenbrauen. "Das hatte ich auch nicht erwartet, Herr. So darf ich annehmen, dass die Neuigkeiten, von denen sie sprachen noch das eine oder andere unerfreuliche Detail enthalten?"
Der Fürst nickte. "Was auf Haiti geschehen ist, ist furchtbar. Dieser Arquanteur hat die Vampire dort so gut wie ausgerottet."
"Bestechlich ist dieser Arquanteur nicht zufällig?"
"Wohl kaum. Man erzählt, dass er seine Geliebte gepfählt hat, nachdem sie konvertiert wurde. Seitdem verfolgt er alle Vampire mit einem unbändigen Hass. Das macht ihn leider für jegliche Bestechungsversuche völlig unempfänglich. Geldsorgen hat er im Übrigen wohl auch keine, er soll sich finanziell durch magisch manipuliertes Glückspiel über Wasser halten..."
Dukakis lächelte matt. "Ein Gebiet, mit dem man sich vielleicht bei anderer Gelegenheit näher auseinandersetzen sollte", meinte er.
Der Fürst blieb ernst und so erstarb auch augenblicklich jede Regung in Dukakis' Zügen. Franz von Radvanyi fuhr fort: "Für Chase und Petra könnte es gefährlich werden..."
"Für uns auch Fürst!", gab Dukakis zu bedenken. "Wenn Sie Recht haben, dann wird er nicht ruhen, bis der letzte Vampir geköpft oder gepfählt ist!" Und nach kurzer Pause fügte er dann noch hinzu: "Warum haben Sie die beiden losgeschickt, wenn ihre Chancen nicht gut stehen?"
Der Fürst zögerte mit der Antwort.
"Vielleicht können die beiden durch ihr Eingreifen uns etwas Zeit verschaffen. Einen Aufschub."
"Und in dieser Zeit hoffen Sie, dass wir beide ein okkultes Gift gegen diesen Magier finden?"
"Warum nicht?"
"Verlieren wir keine Zeit."
"Ich hoffe nur, dass ich Chase und Petra nicht bald bei meinen Gegnern einreihen muss!" murmelte der Fürst.
*
Trauer und Wut drohten John Asturias Arquanteur innerlich zu zerreißen. Er hatte das Schlafzimmer verlassen und sich dann in einen der Sessel seiner Suite fallen lassen. Jegliches Gefühl für Zeit hatte er auch verloren. Er war förmlich in der Flut seiner düsteren Gedanken versunken, die ihn einer schwarzen Welle gleich überspült hatte.
Celeste, meine Geliebte Celeste, dachte er voller Schmerz. Aber was geschehen war, war geschehen. Die Zeit ließ sich nicht zurückdrehen. Arquanteur hatte in einem schicksalhaften Augenblick eine Entscheidung getroffen und dabei gewusst, dass sie unwiderruflich sein würde. Unwiderruflich wie der Tod.
Zwischendurch wanderte sein Blick zur Uhr.
Nicht mehr lange und die Nacht war vorbei.
Du wirst dich entscheiden müssen, was mit Latraque geschehen soll!, meldete sich eine ziemlich nüchterne Stimme in ihm. Willst du einen Haufen Asche, der dir nichts mehr nützen wird - oder einen weiteren Sklaven?
Arquanteur erschrak ein wenig über den eiskalten Pragmatiker in ihm.
Man wird immer auch durch seine Gegner geprägt!, hallte es bitter in ihm wider. Und dein Gegner ist das Böse an sich...
Arquanteur fühlte sich unsagbar schwach. Zu schwach, um in den kommenden Auseinandersetzungen bestehen zu können. Er musste weitere Sklaven durch Suggestion unter seinen Willen zwingen und dafür sorgen, dass sie sich nicht wieder selbständig machten. Der Kampf war noch nicht vorbei. Genau genommen hatte er kaum begonnen. Erst wenn die gesamte Machtstruktur der Vampire vom Erdboden getilgt war, würde er innehalten.
Erst dann. Und dieser Zeitpunkt war überhaupt noch nicht abzusehen.
Lethargie ist dein Feind!, ging es ihm durch den Kopf. Du darfst deinen Sieg hier in New York nicht leichtfertig verschenken, nur, weil du deine Gefühle nicht unter Kontrolle halten kannst!
Arquanteur atmete tief durch.
Innerlich war er vollkommen leer. Mental ausgelaugt.
Der Tod seiner Geliebten hatte ihm sehr zugesetzt. Mehr noch, als er sich selbst gegenüber eingestehen mochte.
Gabriel!, dachte er. Ich werde dich rufen müssen! Es ist schon eine eigenartige Ironie, dass ein Kämpfer für das Gute auf einen hinterhältigen Bastard wie dich angewiesen ist!
Aber fürs erste war das wohl nicht zu ändern.
"Gabriel!", flüsterte er. "Sentonorum ketophtemor negontir!" Er wiederholte diese Worte noch ein paar Mal, schloss die Augen, um sich besser konzentrieren zu können. Vor seinem inneren Auge erschien das engelhaft schöne Gesicht, dessen Lippen zu einem zynischen Grinsen verzogen waren. "Sentonorum ketophtemor Gabriel kedor'i!"
Das Gabriel-Gesicht vor Arquanteurs innerem Auge veränderte seinen Ausdruck. Es wirkte jetzt verärgert.
Angst mischte sich ebenfalls in die Mimik hinein.
Arquanteur war zufrieden. Ein gewisses Maß an Furcht war notwendig, wenn man jemanden beherrschen wollte...
Er öffnete die Augen.
Ein Flimmern erschien etwa zwei Meter von ihm entfernt. Innerhalb weniger Augenblicke entstand ein vollkommen weißer Umriss. Langsam erschienen dann die Konturen des ehemaligen Engels.
Gabriel neigte leicht den Kopf.
"Sie haben gerufen", murmelte Gabriel leicht zerknirscht. Es war ihm deutlich anzumerken, wie sehr er Situationen wie diese hasste. Es war ihm zuwider, sich einem eigentlich doch so schwachen Sterblichen unterordnen zu müssen.
"Nenn' mich Herr!", forderte Arquanteur.
"Herr!"
"Schon besser."
"Sind Sie wirklich auf derartige Insignien der Autorität angewiesen, Mr. Arquanteur?" Gabriels Lächeln sollte Überlegenheit signalisieren. Aber es verriet eher Unsicherheit.
Arquanteur musterte Gabriel einige Augenblicke lang.
Schließlich meinte er: "Wie ich sehe, hast du dich von unserer letzten Begegnung gut erholt, Gabriel!"
"Ja... Herr!"
"Na also, es geht doch..."
"Ja, Herr."
"Wir müssen einen Krafttransfer durchführen."
"Schon wieder? Herr..." Auf Gabriels Engelsgesicht erschien ein Ausdruck des Erschreckens. Arquanteur ging auf den Mann in Weiß zu. "Temborum kephteni!", flüsterte der Magier mit seltsamer Eindringlichkeit.
Der Blick seiner dunklen Augen begegnete dem Gabriels, saugte sich geradezu darin fest. "Du musst alles an Kraft mobilisieren, was dir im Moment zur Verfügung steht... Es geht nicht anders!"
"Aber..."
"Ich brauche diese Energie! Und ich habe die Macht dich zu allem zu zwingen, Gabriel! Vergiss das nicht!
Du bist mein Sklave!"
Gabriel neigte leicht den Kopf, fast wie bei einer Verbeugung.
Arquanteur berührte mit zwei Fingern die Schläfe seines Gegenübers, murmelte Beschwörungsformeln. Der Krafttransfer aus den >anderen Sphären> konnte beginnen...
*
Chase und Petra erreichten mit dem Hummer das Hotel Ambassador. Den Wagen parkte Chase in der dazugehörigen Tiefgarage. Anders wäre es auch kaum möglich gewesen, in dieser Gegend noch eine Stelle finden zu können, an der man einen Wagen hätte abstellen können.
"Also so ein primitiver Geländewagen ist wirklich nicht mein Fall!", meinte Petra. "Wahrscheinlich bist du deswegen nicht ganz dicht, weil die dauernden Erschütterungen dein Gehirn so durchrütteln, dass..."
"Ach, komm hör auf mit dem Genöhle! Wir müssen den Arsch des Fürsten retten - und ganz nebenbei unseren eigenen. Da sollten wir uns überflüssiges Gequatsche sparen..."
Petra hob die Augenbrauen.
Dein Aufstieg ist dir nicht bekommen!, dachte sie.
Aber warst du nicht auch schon vorher unausstehlich?
Ein Proll auf dem zweiten Platz in der New Yorker Vampir-Organisation. Das hatte Petra bis heute nicht verwinden können. Ein Versuch ihrerseits, Chase durch eine Intrige auszuschalten, in dem sie ein paar vampirhassende Neonazis auf ihn hetzte, war kläglich gescheitert. Fürst von Radvanyi hatte die Hintergründe damals erfahren, Chase hatte bis heute keine Ahnung, dass Petra ihn beinahe vernichtet hatte.
Die Versuchung war für Petra groß, diese Situation für einen weiteren Versuch zu nutzen, sich Chase' Platz in der Hierarchie zu erobern. Voraussetzung war natürlich, dass Arquanteur ausgeschaltet worden war...
Ich könnte Chase in einem Augenblick der Schwäche befehlen, sich mit seinem Hiebmesser selbst zu enthaupten!, dachte sie.
Aber sie erinnerte sich noch zu gut an die eisige, ja, grimmige Abmahnung, die ihr Franz von Radvanyi damals hatte zuteil werden lassen. Er würde mich vernichten, wenn ich irgend etwas in dieser Richtung versuchen würde!, ging es ihr durch den Kopf. Mal davon abgesehen, dass es vielleicht gar nicht klappt!
"Dahinten ist der Lift!", meinte Chase und deutete mit der Hand. Er zog seine Lederjacke bis oben hin zu.
Darunter trug er neben dem Hiebmesser auch eine Automatik mit Schalldämpfer. Er brauchte eine Distanzwaffe, die ausreichte, Arquanteur zu töten. Zwar war Chase kein sonderlich guter Schütze, aber die Laserzielerfassung machte das Treffen eigentlich nicht schwerer als bei einem Computerspiel. Und wenn sie Arquanteur in seiner Wohnung antrafen, war die Entfernung ja auch nicht sonderlich groß.
"Heh, bleib stehen, du Bastard!", hallte eine Stimme zwischen den kahlen Wänden der Tiefgarage wider.
Ein tierisches Knurren folgte.
Chase drehte sich herum.
Petra ebenfalls.
"Emilio!", flüsterte Chase grimmig.
Emilio klappte die Tür eines Wagens zu. Es handelte sich um ein typisches New Yorker Taxi-Cab. Der Taxi-Driver saß allerdings auf dem Beifahrersitz. Das Neonlicht beleuchtete sein zur Maske erstarrtes Gesicht. Die Kehle war aufgerissen.
"Diese Sache werde ich wohl erst regeln müssen!", meinte Chase düster an Petras Adresse gerichtet.
"Wie kommt der Kerl denn jetzt hier her?"
"Wundert dich das wirklich? Er ist dafür instruiert, mich umzubringen. Und kennt mich gut genug, um jederzeit die Verfolgung aufnehmen zu können.
Vielleicht verfolgt er uns seit dem Empire State Building, ohne dass wir es merkten!"
"Oder sein Herr und Meister hat ihn mental gerufen."
"Hey, was ist das denn! Du denkst ja richtig mit!"
"Spar dir deinen Mumienhumor!"
"Danke für die Blumen. Wie wär's denn, wenn du mal versuchst, seinen Gehorsam zu erzwingen? Dann hätten wir im Handumdrehen einen Verbündeten..."
"Hat wenig Sinn!"
"Versuch es, verdammt noch mal! Wir haben verflucht wenig Zeit!"
Emilio näherte sich.
Wieder entrang sich ein tierisches Knurren seiner Kehle. Chase ahnte, dass eine Verwandlung unmittelbar bevorstand. Chase zog die Automatik und das Hiebmesser.
Der Ärger war wohl nicht zu vermeiden.
"Stehen bleiben!!", rief Petra.
Aber offenbar war die Suggestion, die bei ihm angewendet worden war, zu stark. Petra hatte keinerlei Einfluss auf Emilio. Chase hatte es schon befürchtet.
Emilios Gesicht veränderte sich. Die Mundpartie trat hervor. Raubtierzähne bildeten sich. Außerdem ein gewaltiger, haariger Kopf, der einem Zwitterwesen zwischen Wolf und Löwe gehören mochte.
Seine Arme wurden zu mächtigen Pranken. Sein Oberkörper weitete sich. Die Kleidung platzte. Eine so weitgehende Verwandlung hatte Emilio in Chase'
Gegenwart noch nie vollführt. Er ging auf die Knie.
Sein Körper dehnte sich noch weiter aus, die Jackettnähte platzten. Die einzelnen Teile des Schnittmusters fielen von ihm ab. Ein haariger, tierischer Körper kam darunter zum Vorschein.
Petra lief weg.
Chase hörte ihre Schritte hinter sich.
Feige Luxus-Ratte!, dachte er. Aber vielleicht war es ganz gut so, dass sie das Weite suchte. In ihren Pumps war sie ohnehin nicht sonderlich schnell. Und das eng anliegende Kleid, das sie trug, war von dem Modezar, der es als ein Unikat designed hatte, auch nicht unbedingt als Jogging-Dress entworfen worden. Petra war eine erbärmliche, ziemlich kraftlose Kämpferin. Und vielleicht brauchte Chase sie ja tatsächlich noch im Kampf gegen Arquanteur, der eigentlichen Auseinandersetzung, auf die es ankam.
Als der eigenartige Tiermensch, zu dem Emilio jetzt geworden war, auf Chase zustürmte, feuerte dieser seine Schalldämpfer-Waffe auf den Gegner ab. Mehrere Schüsse jagte er durch den lang gezogenen Lauf. Emilio wurde in seinem Lauf durch die Wucht der Geschosse gestoppt, jaulte wie ein Wolf auf, stieß einen heiseren Schrei aus, der gerade noch genug Menschenähnliches an sich hatte, um einen schaudern zu lassen.
Emilio - oder das unheimliche Tierwesen, zu dem er mutiert war - rollte sich auf dem Boden herum. Offenbar hatte Arquanteur ihn so konditioniert, dass er auf seine Schmerzen keinerlei Rücksicht nahm.
Chase feuerte erneut, wich ein paar Schritte zurück.
Aber ihm war sofort klar, dass er seinen Gegner mit der Automatik nur für wenige Augenblicke würde auf Distanz halten können. Emilio war wieder auf den Beinen. Allen Vieren, wenn man es genau nahm. Wie ein riesiger, mit einem Wolfskopf ausgestatteter Pavian stürmte er weiter. Das Wesen sprang. Die Pranken drückten auf Chase' Schultern, rissen ihn zu Boden.
Chase rollte sich zur Seite, ehe ein mörderischer Schlag von Emilios Pranken ihn ausknocken konnte. Er wirbelte herum und schlug mit dem Hiebmesser zu. Die Klinge durchtrennte den Hals wie Butter. Knochen knackten. Das Tiergesicht verwandelte sich teilweise zurück in Emilios menschliches Antlitz, erstarrte dann.
Der Vampir zerfiel zu Staub.
"Problem erledigt!", meinte Chase leise.
Petra hatte die Szene aus sicherer Entfernung beobachtet.
"Na, traurig darüber, dass der Kerl mich nicht erledigt hat?", meinte Chase.
"Ganz im Gegenteil! Irgendein Schweinehund ist doch nötig, um diesen Magier zur Stecke zu bringen!"
"Danke, Komplimente höre ich immer wieder gerne, Petra!"
"Waren wir wirklich schon beim Vornamen? Kaum zu glauben..." Sie warf einen Blick zu jener Stelle, an der Emilio zerfallen war. "Aber wie man sieht gibt es noch größere Idioten als dich...."
"Wieso?"
"Er hat dich ohne Bewaffnung angegriffen!"
"Mit seinem Raubtiergebiss hätte er uns beiden locker den Hals durchbeißen können", erwiderte Chase. "Und wenn er ansonsten auch andere Vorgehensweisen bevorzugte, ich weiß aus ziemlich sicherer Quellen, dass er so etwas mindestens einmal auch mit einem Vampir von der Konkurrenz aus Philadelphia gemacht hat."
Schnellen Schrittes gingen sie dann in Richtung des Liftes.
Die Kabinentür öffnete sich.
Zwei bewaffnete Security Guards erschienen mit gezogenen Waffen. Offenbar hatten die Sicherheitsleute den Kampf mit Emilio auf ihren Monitoren verfolgt.
"Stehen bleiben!", riefen sie wie aus einem Mund.
"Waffe weg! Sonst..."
"Steckt eure Pistolen ein und lasst uns durch!!"
sagte Petra in einem sehr bestimmten Tonfall. Die beiden Männer starrten sie an. Ihre Blicke verloren sich in Petras dunklen Augen. Rettungslos...
Einer der beiden öffnete halb den Mund.
Keinen Ton brachte er hervor.
Er wirkte wie ein Fisch.
"Na, los, macht schon, Jungs!! Wir haben es heute ein bisschen eilig!!"
Mit unsicheren, etwas zögernden Bewegungen steckten sie ihre Waffen ein. Die Augen der beiden Männer waren unnatürlich geweitet, so als würden sie sich über ihre eigene Handlungsweise maßlos wundern. Sie traten tatsächlich zur Seite.
Petra drehte sich noch einmal zu ihnen herum.
"Ihr vergesst uns!! Verstanden??"
Ihrer beider Blicke folgten der attraktiven Frau, stierten sie mit ziemlich stupide wirkendem Ausdruck an.
"Ja", murmelte einer der beiden.
Der andere nickte.
Die Kabinentür des Liftes schloss sich.
"Jetzt geht's aufwärts!", meinte Chase.
"Hast du wenigstens die Zimmernummer?"
"Okidoki."
"Wenn alte Knacker das sagen, hört sich das ziemlich bescheuert an, Chase."
"Wo siehst du hier 'nen alten Mann?"
"Na immerhin bist du über vierzig - auch wenn du nicht nur den Körper, sondern auch die Kindsköpfigkeit eines Zwanzigjährigen seit deiner Konvertierung bewahrt hast!"
*
Ein Gefühl der Kraft durchströmte Arquanteur. Ein Gefühl, das ihm sagte, dass seinen Suggestionskräften kaum jemand gewachsen war. Sterbliche schon gar nicht.
Dieses angenehme Prickeln, das ihn überlief, verdrängte für ein paar kurze Momente sogar die abgrundtiefe Trauer, der er noch vor wenigen Augenblicken beinahe rettungslos verfallen gewesen war.
Der Krieg gegen die Mächte der Finsternis geht weiter!, durchfuhr es ihn. Und solange noch ein Funken Leben in mir ist, werde ich ihn fortsetzen!
Er nahm die Finger von der Schläfe Gabriels.
Arquanteurs dunkle Augen funkelten den ehemaligen Engel an. Ein kalter, überlegener Blick, der sich dann jedoch veränderte. Wut breitete sich in ihm aus.
Er murmelte einige magische Formeln.
"Ich hoffe, Sie sind zufrieden und gestatten es mir, mich zurückzuziehen", sagte Gabriel. "Für mich war diese Prozedur sehr anstrengend und..."
"Ich gestatte gar nichts", erwiderte Arquanteur.
Seine Stimme vibrierte. Der Mund verzog sich. "Es gibt da Spuren eines mentalen Signals..." Die Nasenflügel des Magiers bebten. So als nähme er Witterung auf.
Bilder erschienen vor seinem inneren Auge. Bilder von Ptygia, der monsterhaften Partnerin des ehemaligen Engels. Schlaglichtartig, geradezu rasend wechselten sie ab, wie in einem ultraschnell geschnittenen Videoclip.
Da ist noch etwas anderes!, durchzuckte es Arquanteur.
JEMAND anderes, korrigierte er sich.
Er versuchte, sich darauf zu konzentrieren.
Und dann begriff er.
"Chase Blood!", flüsterte er. "Du hast deine komische Gefährtin dazu angestiftet, mit diesem Chase Blood Kontakt aufzunehmen!" Arquanteur verzog grimmig das Gesicht. "Du kannst es nicht lassen, was? Es war dir keine Lehre, was ich mit dir getan habe!"
Gabriels Augen weiteten sich vor Entsetzen. Seine Schultern sanken förmlich ein Stück tiefer.
Schweißperlen glänzten auf seiner Stirn.
"Ja, die Furcht zerfrisst jetzt deine Seele! Und das mit Recht, Gabriel! Was glaubst du, wie oft ich es dulden werde, dass du mich zu hintergehen versuchst!"
"Sie brauchen mich, Herr!"
"Bist du dir sicher? Fürs erste kann ich auf dich verzichten... Und wie man sieht erholst du dich ja schnell..."
Gabriel vollführte eine ruckartige Bewegung. Ganz offensichtlich tat er es nicht freiwillig. Er sank auf die Knie und wirkte dabei wie eine Marionette. Dann hob er die Hände, fast wie zum Gebet.
"Nein, Gnade!", flüsterte Gabriel. "Sie irren sich!"
"Es gibt eine sehr einfache Formel, um Ptygia zu beschwören", sagte Arquanteur. "Ihr Willen ist praktisch nicht vorhanden.... Es wäre doch interessant, ihre Aussage zu hören!"
"Nein!"
"Und vielleicht wäre es auch ganz amüsant, sie deine Bestrafung ausführen zu lassen!"
"Herr..."
"Ich hätte es niemals für möglich gehalten, dass eine dumme Nuss wie Ptygia es überhaupt schafft, den Kontakt zur anderen Seite herzustellen... Aber das wird nicht noch einmal passieren!"
Arquanteur schloss die Augen.
Dann begann er etwas zu murmeln. Um Ptygia zu rufen, brauchte er nur vergleichsweise schwache magische Mittel. Ihre mentale Energie stand nämlich im umgekehrt proportionalen Verhältnis zu ihren beachtlichen Körperkräften.
Sie materialisierte ohne jede Leuchterscheinung. Mit dem Kopf stieß sich das zwei Meter fünfzig große Monstrum an einer Lampe und zuckte zusammen. Die aufgeregt schlagenden Lederschwingen räumten den Inhalt einiger Regale zu Boden.
Sekundenbruchteile später erstarrte sie geradezu zur Statue.
Arquanteur hatte die Herrschaft über ihren Willen vollkommen übernommen.
*
Petra und Chase hatten den Korridor erreicht, an dem Arquanteurs Suite lag.
Schließlich standen sie vor der richtigen Tür.
Chase packte die Automatik. Das Hiebmesser ließ er im Futteral.
"Ich hoffe im Interesse der Vampire von New York und überall auf der Welt, dass du wenigstens so etwas wie einen Plan hast!"
"Habe ich!"
"Und?"
"Ich gehe rein und knall ihn ab!"
"Super!"
"Für was Subtileres haben wir keine Zeit. Wenn ich schnell vorgehe, kommt Arquanteur vielleicht nicht dazu, mich unter seine Suggestionskräfte zu zwingen."
Chase verzog spöttisch das Gesicht. "Deine Fähigkeiten haben ja bislang kläglich versagt... Das musst du zugeben!"
"Du wärst gar nicht bis hier her gekommen ohne mich!"
"Ich hätte nur ein paar Sterbliche abmurksen müssen.
So stehen sie nun irgendwo zur Salzsäule erstarrt dumm herum und warten auf deinen nächsten Befehl..."
Chase trat die Tür auf.
Der Laserpunkt des Zielerfassungsgerätes tanzte durch den Raum, tanzte über Ptygias massigen Körper, über Gabriels hellen Anzug, wo er wie ein Blutfleck aussah und dann erfasste er Arquanteur.
Der Magier drehte sich herum. Chase zögerte keine Sekunde. Er drückte ab. Im selben Moment spürte er einen höllischen Kopfschmerz. Alles drehte sich um ihn herum. Es war eine Art geistiger Druck, der auf ihm lastete. Kaum erträglich war dieser Einfluss und Chase hatte vom ersten Moment an nicht den geringsten Zweifel, dass Arquanteur dafür verantwortlich war.
Chase feuerte ein weiteres Mal.
Rot leckte das Mündungsfeuer aus dem Schalldämpfer heraus.
Getroffen sank Arquanteur zu Boden.
Er griff dabei in die Jackentasche, holte eine kleine Dose heraus und öffnete sie mit dem Daumen. Pulver streute er daraus auf den Boden. Dort, wo es auftraf, schossen Flammen empor. Eine helle Lichterscheinung folgte. Nur einen Sekundenbruchteil währte sie, aber sie war so grell, dass Chase daraufhin einen Augenblick lang nichts sehen konnte.
Arquanteur war verschwunden.
Gabriel und Ptygia mit ihm.
"Verdammt!", murmelte Chase. Er hatte Arquanteur getroffen, das war sicher. Blutflecken auf dem Boden bewiesen es.
Aber dennoch hatte Chase das dumpfe Gefühl, dass es dem Magier gelungen war, dem Tod doch noch irgendein Schnippchen zu schlagen.
Chase wandte sich an Petra, die etwas hinter ihm gegen den Türrahmen gelehnt dastand. Sie wechselten kein Wort. Chase sah sich um. Vielleicht gab es einen Hinweis, der ihn weiter bringen konnte.
"Lass uns verschwinden!", meinte Petra schließlich.
"Wenn wir in einen Stau kommen, sind wir Asche... Die Sonne geht bald auf..."
"Du kannst ja zu Fuß gehen, Lady!"
"Spinnst du jetzt vollkommen oder was?"
Chase ging ins Schlafzimmer. Dort entdeckte er Celestes schrecklich zugerichtete Leiche.
Und Latraque.
Der Vampir lag starr da. Chase wusste nicht genau, was mit ihm los war. Aber er konnte sich einiges zusammenreimen.
Er nahm das Hiebmesser, ließ es niedersausen und den Hals des Vampirs durchtrennen. Er zerfiel zu grauem Staub. Immer noch besser, als von der Sonne geröstet zu werden, dachte Chase.
*
"Arquanteur lebt!", sagte der Fürst, als Chase in der nächsten Nacht in seinem Büro auftauchte. "Er ist offenbar in der letzten Nacht nur entmaterialisiert."
"Das habe ich befürchtet. Aber,…"
"Woher ich das weiß?" Ein flüchtiges Lächeln flog über das Gesicht des Fürsten. "Wir haben eine Botschaft bekommen..."
"Von Gabriel?"
Der Fürst hob die Augenbrauen. "Richtig geraten. Ich habe ein Fax bekommen, dessen Herkunft sich nicht zurückverfolgen lässt. Selbst mit meinen Kontakten nicht. Da ich direkten Zugang zum Zentralrechner der Telefongesellschaft habe, konnte ich feststellen, dass überhaupt keine Verbindung stattgefunden hat... Basil Dukakis und ich teilen die Ansicht, dass es sich um eine Art okkulter Botschaft handelt..."
Der Fürst ging ein paar Schritte und holte das Fax von einer Ablage. Er reichte es Chase. Außer einer Folge eigenartiger Zeichen war darauf nichts zu sehen.
"Sieht aus wie ziemlich uncoole Graffiti!", meinte Chase etwas geringschätzig. "Also mit so miesen Takes würde sich von den Sprayern, die ich kenne, keiner an die Öffentlichkeit trauen!"
"Es handelt sich um die so genannten ZEICHEN DES
GEHEIMEN WISSENS", erklärte der Fürst. "Eine Art Geheimalphabet, um okkulte Texte zu verschlüsseln. Ich kenne mich damit recht gut aus, denn zu meiner Zeit war dieses Verschlüsselungsalphabet sehr verbreitet unter denen, die an okkultem Wissen interessiert waren. Heute sind diese Dinge ja leider etwas aus der Mode gekommen.
Es gibt höchstens eine Handvoll Personen, die diese Zeichen noch kennen... Sterbliche dürften kaum darunter sein. Aber Gabriel kennt sie gewiss!"
"Und Arquanteur?", hakte Chase nach.
"Der natürlich auch." Der Fürst trat neben Chase, deutete auf das Fax. "Dort steht, dass ich jemanden zu einer bestimmten Adresse in der South Bronx schicken soll. Arquanteur wäre dort. Er ist geschwächt durch die Schussverletzung, die du ihm beigebracht hast, aber er lebt und erholt sich. Und Gabriel steht noch immer unter seinem Bann..."
"Er kann sich nicht selbständig daraus befreien?"
"Ich habe das mit Basil Dukakis erörtert. So weit wir wissen nein. Übrigens ist die Adresse kein gewöhnlicher Ort... Ich habe recherchiert. Genau dort befand sich in alter Zeit eine indianische Opferstädte. Arquanteurs Flucht - wenn ich seine Entmaterialisierung mal so nennen darf - war ja ziemlich überstürzt. Es wäre sehr wahrscheinlich, dass er an einem derart mit magischer Energie aufgeladenem Ort gelandet ist. Außerdem wäre es für ihn dort leichter, übernatürliche Kräfte zu seiner Genesung zu mobilisieren."
Chase stemmte einen Arm in die Hüfte. "Im Klartext: Ich soll mal vorbeischauen und wenn möglich dem Magier den Rest geben."
"Ja."
"Bekomme ich wieder irgendwelche...", Chase zögerte, ehe er weiter sprach, "...Unterstützung?"
"Nein, diesmal nicht. Ich traue im Moment so gut wie niemandem. Vor einer halben Stunde ist Clifford Demboy, mein Stadthalter in Queens, umgebracht worden. Von seinen eigenen Leuten! Die Saat des Verrats, die Arquanteur mit Hilfe seiner Suggestivkräfte in unsere Organisation gelegt hat, ist noch immer virulent..."
"Ja, Herr."
"Ich glaube, es ist dir auch lieber, allein loszuziehen."
"Ja, Herr."
Auf so eine Pleite wie mit Emilio und seinen Kumpanen hatte Chase wirklich keine Lust. Und wenn sich Petra Brunstein nicht in seiner Nähe befand, war das in diesem Fall wohl auch besser.
"Verliere keine Zeit, Chase! Und bring es jetzt zu einem Ende, dass uns am Tage wieder Ruhe finden lässt!"
*
Chase nahm die Harley, um zu Bronx zu gelangen. Sein Zielpunkt lag in einer miesen Gegend zwischen Bruckner Expressway und Westchester Avenue. Chase fuhr durch immer herunter gekommene Straßenzüge. Ganze Wohnblocks waren nur noch Ruinen. Crack Junkies hockten in den Eingängen. Lebende Leichen, dachte Chase.
Er fragte sich, wo er in dieser Gegend seine Harley abstellen konnte, ohne dass sie nach kurzer Zeit schlichtweg verschwunden war.
Feuer loderten aus Ölfässern heraus. Obdachlose standen um diese Feuerstellen herum.
Hier her trauten sich selbst die Cops nur in größerem Aufgebot und wenn es unbedingt notwendig war.
Letztendlich standen sowohl die Cops als auch die Crack-Dealer und lokalen Gangs unter der Kontrolle des Fürsten, auch wenn sie davon nichts ahnten.
Chase erreichte ein Haus mit der Nummer 432 in der Langdon Road. Es handelte sich um ein
heruntergekommenes Brownstone-Haus. Im Erdgeschoss waren früher wohl mal Geschäfte untergebracht gewesen.
Jetzt waren die Schaufenster mit Brettern vernagelt.
Die Neonreklame funktionierte schon lange nicht mehr.
Dementsprechend dunkel war es.
Chase war das nur recht.
Ein schmaler Weg führte zu einem Hinterhof.
Chase fuhr dort entlang.
Der Hinterhof war düster. Im gegenüberliegenden Haus brannte im zweiten Stock Licht. Chase stellte das Motorrad ab, stieg hinunter. Dann sah er sich um. Die Automatik hatte er sicherheitshalber dabei, ansonsten verließ er sich am liebsten auf sein Hiebmesser.
Chase spürte für den Bruchteil einer Sekunde einen stechenden Schmerz hinter der Schläfe. Dann sah er ein Gesicht vor seinem inneren Auge. Gabriels Gesicht. Du bist hier richtig!, flüsterte dieser Gabriel in seinem Inneren. Dort wo das Licht ist, da ist der, den du sucht!
Chase war etwas verwirrt.
Waren das nur Widerspiegelungen seiner Seele? Oder tatsächlich eine Art okkulter Gedankentransfer?
Ich werde dir helfen, flüsterte die Gabriel-Stimme.
Arquanteur ist geschwächt. Sein Geist ist schwach. Du selbst hast dafür gesorgt. Nun warte mit dem, was du tun willst nicht so lange, bis er sich wieder erholt hat...
Das Gesicht vor seinem inneren Auge verschwand.
Gabriel musste vorsichtig sein, das verstand Chase.
Er ging auf den Eingang des Hauses zu.
ETWAS flatterte oben vom Dach herunter.
Chase stoppte augenblicklich.
Dunkel hoben sich für Augenblicke die Körper dreier sehr groß wirkender Fledermäuse gegen das fahle Mondlicht ab. Eigenartigerweise schwebten sie zu Boden, landeten dort sogar. Spätestens jetzt war Chase klar, dass es sich keineswegs um gewöhnliche Vertreter dieser Spezies handelte. Sie verwandelten sich im Augenblick der Landung. Vor Chase Augen wuchsen sie empor.
Es geschah mit unglaublicher Schnelligkeit. Drei in dunkles Leder gekleidete und mit Ketten behängte Männer standen Chase einen Moment später gegenüber.
Chase erkannte sie.
Es waren die so genannten BatBoys.
Drei Gestaltwandler-Vampire, die in der South eine der wichtigsten Gangs und den Crack-Handel kontrollierten.
Sie hießen Vic, Joey und Skull-Face und waren Brüder.
Schon zu Lebzeiten waren sie im Drogenhandel tätig gewesen.
Skull-Face stand in der Mitte.
Er war der Anführer und machte seinem Namen alle Ehre. Sein Schädel hatte Eiform, das Gesicht wirkte sehr schmal.
Chase zog das Hiebmesser.
"Hätte ich mir ja denken können, dass ihr auch auf der anderen Seite steht!", meinte Chase.
Die drei griffen sofort an.
Sie waren ebenso wie Emilio Vampire, die zum Gestaltwandel fähig waren. Außerdem hatten sie einen legendären Ruf als Kampfsportler, zumindest in ihrer menschlichen Gestalt. Sie umkreisten Chase. So weit Chase sehen konnte, waren Sie unbewaffnet. Aber durch ihre Fähigkeit zum Gestaltwandel stimmte das natürlich nicht wirklich. Innerhalb von Sekundenbruchteilen, konnten aus ihren Händen und Armen mörderische Pranken werden.
"Macht ihn alle!", meine Skull-Face.
Vic und Joey stürzten sich gleichzeitig auf Chase.
Joey bekam drei Schüsse mit der Automatik in den Leib. Die Geschosse hatten eine gewisse mannstoppende Wirkung auf ihn, ließen ihn zusammenzucken, dann einen Schritt nach hinten taumeln.
Dann war Skull-Face selbst vorgestürmt, ließ den Fuß empor schnellen.
Sein Karatetritt erwischte die Pistole. Sie wurde im hohen Bogen davon geschleudert. Der nächste Tritt erwischte Chase mit mörderischer Wucht am Oberkörper.
Chase taumelte zurück, fiel zu Boden. Er rollte sich herum, fasste das Hiebmesser mit beiden Händen.
Vic stürzte sich auf ihn.
Seine Hände hatten sich zu klauenartigen Gebilden verändert. Messerscharfe, fast wie Klingen wirkende Krallen wuchsen hervor.
Er erwischte Chase an der Schulter.
Die Krallen rissen das Leder seiner Jacke auf, drangen hindurch bis auf das Fleisch. Chase schrie auf, schlug mit dem Hiebmesser zu.
Eine der Krallenhände lag im Staub. Chase rappelte sich auf, machte einen Satz nach vorn und hieb erneut zu. Erst wurde Vics noch intakter Arm abgetrennt, dann der Kopf. Er zerfiel zu Staub.
Chase stürzte mit ungestümer Wucht vorwärts, direkt auf Skull-Face zu. Als er ihn erreichte und mit dem Hiebmesser zustieß, verwandelte sich Skull-Face zurück in eine Fledermaus. Mit schlagenden Schwingen flatterte er empor, flog einen Bogen und kreiste dann über dem Hinterhof.
Blieb im Moment nur Joey.
Er bleckte seine Zähne grimmig wie ein Raubtier.
Dann schob er die Jacke zur Seite.
Ein Wurfstern kam zum Vorschein.
Mit einer Bewegung aus dem Handgelenk heraus schleuderte er ihn in Chase' Richtung.
Chase duckte sich, bemerkte dann aber, dass der Ring eine gebogene Flugbahn zog, dann eine abrupte Wende vollführte und Chase so an der Schulter traf. Es war ein schmerzhafter Treffer. Der Wurfstern kehrte auf phantastische Weise zu Joey zurück. Joey streckte die Hand aus. Sekundenbruchteile später war die Waffe wieder in seiner Hand. Offenbar verfügte Joey über eine ziemlich gut trainierte Fähigkeit zur Levitation.
Er grinste schief.
"Mach dich auf eine Verwesung im Schnelldurchgang gefasst!", meinte er grimmig.
Skull-Face stürzte indessen in seiner
Fledermausgestalt vom Himmel herab. Es war ein Sturzflug. Und sehr Ziel gerichtet. Chase wich zur Seite, schlug verzweifelt um sich, um das geflügelte Wesen abzuwehren. Aber er erwischte es nicht. Joey sandte erneut den Wurfstern aus. Er bohrte sich in Chase' Brust. Sein T-Shirt wurde dunkelrot. Im selben Moment verwandelte sich Skull-Face. Er nahm seine menschliche Gestalt an, nur seine Krallenpranken gehörten nicht dazu. Mit den Pranken packte er Chase, bog den Arm mit dem Hiebmesser zur Seite. Chase taumelte, trat um sich. Das Hiebmesser wurde ihm aus der Hand geschlagen. Die Krallenhände packten ihn.
"Hol einen Pflock!", sagte Skull-Face an seinen Komplizen gewandt.
Chase befreite einen Arm, schlug zu. Er traf mitten in Skull-Face' Gesicht, zertrümmerte dessen Nase. Sie veränderte sich, ähnelte dann für Augenblicke jenem Organ, das Fledermäuse an dieser Stelle besaßen. Chase stieß seinen Gegner von sich, trat nach ihm. Ein Aufstöhnen war zu hören.
Skull-Face war etwas benommen.
Chase riss den Wurfstern aus seiner Brust heraus. Es tat höllisch weh. Er schleuderte das blutige Teil in Joeys Richtung. Ein Fehler.
Joey hatte ihn bereits wieder unter seiner Kontrolle, noch ehe er ihn erreichte. Der Wurfstern flog knapp über Joey hinweg, machte dann einen Bogen und kehrte zurück. Chase biss die Zähne zusammen. Auf die Heilung seiner Wunde musste er sich später konzentrieren. Er duckte sich.
Der Wurfstern zischte über ihn hinweg und traf Skull-Face in die Kehle. Skull-Face gab einen röchelnden Laut von sich, sank auf die Knie und versuchte, sich das Ding wieder aus dem Hals herauszureißen. Das Blut spritzte nur so.
Chase machte einen Schritt nach vorn, dorthin, wo sein Hiebmesser lag. Er hatte mörderische Schmerzen in der Brust.
Er nahm die Waffe wieder auf, stürzte dann ungestüm auf Joey zu.
Joey versuchte eine Wandlung.
Aber war nicht schnell genug.
Die Verwandlung war gerade zur Hälfte abgeschlossen.
Joey sah aus wie ein groteskes Mischwesen aus Fledermaus und Mensch. Chase ließ das Hiebmesser durch seinen Hals sensen. Die eigenartige Gestalt brach in sich zusammen und zerfiel.
Dann wirbelte Chase herum.
Er presste eine Hand auf die Wunde an der Brust, versuchte mit seiner Willenskraft zumindest die Blutung zu stillen.
Skull-Face schien mit dem Wurfstern in seinem Hals etwas größere Probleme zu haben. Er hatte das mit messerscharfen Zacken ausgestattete Wurfgeschoss noch immer nicht aus dem Hals herausbekommen. Kein Wunder, die Zacken mussten sich in dem relativ nachgiebigen Gewebe hineingehakt haben. Wenn er versuchte, den Wurfstern einfach herauszuziehen, zerfetzte er sich damit selbst die Kehle. Der Schmerz hielt ihn davon ab.
Chase ging ruhig auf ihn zu.
Skull-Face Kopf verwandelte sich, wurde dunkel und ähnelte jetzt dem einer Fledermaus. Aber er hatte keine Chance. Chase schlug zu, säbelte auch ihm den Kopf zwischen den Schultern weg. Der eigenartige Fledermauskopf rollte über den Asphalt. Nach der vierten, fünften Umdrehung zerbröselte er ebenso, wie der Rest des Körpers.
Chase sah diesem Vorgang erleichtert zu.
Seine Willenskraft konzentrierte er nun vollkommen darauf, seine Verletzung einigermaßen zu regenerieren.
Zumindest im Groben.
Dann drehte er sich um.
Einen Moment lang suchte er seine Automatik, die weggeschleudert worden war. Er fand sie bei einer Gruppe überquellender Mülltonnen.
Dann betrat er das Brownstone-Haus.
Die Tür war leicht zu öffnen. Ein paar gezielte Schüsse mit der Automatik ließen das Schloss aufspringen.
Er ging durch einen hohen Korridor, erreichte dann das Treppenhaus. Auf den Lift verließ man sich in einem Gebäude wie diesem wohl besser nicht. Immerhin war der Strom angeschlossen und das Licht funktionierte.
Auf einem der Treppenabsätze saß der Mann in Weiß.
Gabriel.
"Ich habe dich schon erwartet, Chase!", meinte er und erhob sich dabei. "Aber wie ich beobachten konnte, hattest du mit den drei wild gewordenen Fledermaus-Männern etwas mehr Mühe, als ich geglaubt habe!"
Chase richtete die Automatik auf Gabriel.
"Du weißt, dass mich eine Kugel nicht töten könnte.
Außerdem sind wir im Moment auf derselben Seite!"
"So?"
"Wir möchten beide, dass Arquanteur stirbt."
"Wo ist er?"
"Ich führe dich zu ihm."
"Wenn das eine Falle sein soll..."
"Aber nein! Ich meine es ehrlich! Ich hätte dir sogar gegen die Bande da draußen geholfen, aber erstens bin ich kein besonders guter Kämpfer und zweitens kann ich mich auch nicht weit genug von Arquanteur entfernen.
Jedenfalls nicht ohne seine Erlaubnis."
"Und die gibt er dir nicht!"
"Unglücklicherweise ist er in einer Art Koma, seit seiner überstürzten Flucht, auf der er uns mit sich nahm... Und jetzt sind wir an ihn quasi gefesselt!"
"Wir?", echote Chase.
"Ptygia und ich."
"Oh, sie ist auch hier?"
"Ja."
Gabriel führte Chase zu einem Raum, der hell erleuchtet war. Es gab keinerlei Einrichtung. Die Wände waren kahl. John Asturias Arquanteur lag auf dem Boden.
Regungslos. Die Augen warten geschlossen.
Ptygias massige Gestalt stand ganz in der Nähe.
Immerhin bestand in den hohen Räumen dieses Brownstone-Hauses nicht die Gefahr, dass sie gegen die Decke stieß oder Lampen beschädigte. Ptygia hob einen ihrer gewaltigen Füße, balancierte sich dabei mit den Lederschwingen etwas aus.
Sie versuchte, Arquanteur mit ihrem Fuß zu zerquetschen.
Aber das gelang ihr nicht.
Wenige Zentimeter über Arquanteurs Körper prallte sie von einer Art unsichtbaren Schutzaura ab. Es gab eine kleine Lichterscheinung dabei. Ptygia verlor beinahe das Gleichgewicht dabei. Sie fluchte fürchterlich.
Gabriel ging auf sie zu. "Meine Güte, so dämlich kann man doch nicht sein! Ich habe dir doch gesagt, dass das nicht funktioniert, solange wir in Arquanteurs Bann sind!"
"Verdammt!", knurrte sie.
"Für einen Versuch hätte ich ja Verständnis, aber das ist doch mindestens das hundertste Mal, dass du ihn zu killen versuchst!"
"Wenn der Magier mit dem komischen Namen tot ist, sind wir frei!", erwiderte Ptygia in ihrer unbezwingbaren Logik. Dann entdeckte sie Chase.
"Chase!", stieß sie hervor. "Ich war plötzlich weg, als wir uns das letzte Mal sahen..."
"Ja, so kann man es ausdrücken."
Gabriel deutete auf Arquanteur und wandte sich dann an Chase.
"Also los! Erfüll schon endlich den sehnlichsten Herzenswunsch deines Fürsten!"
"Und du meinst, es ist ein Unterschied, wenn ich das versuche!"
"Allerdings!"
"Probieren geht wohl über studieren."
Chase steckte die Automatik ein. Er nahm das Hiebmesser, kniete sich neben Arquanteurs Körper hin.
Die Schusswunden ließen Chase stutzen. Der Anzug des Magiers war aufgerissen. Aber unter dem Stoff kam keine klaffende Wunde zum Vorschein, sondern helle, frische, ein wenig rosig wirkende Haut!
Er regeneriert sich!, ging es Chase durch den Kopf.
Es schien fast so, als wäre Chase gerade noch rechtzeitig gekommen, bevor Arquanteur wieder die Augen aufschlug.
Chase hob das Hiebmesser.
Die Klinge sauste nieder, durchtrennte den Hals.
Wirbel knackten. Die Schutzaura, die Gabriel und Ptygia von dem Magier ferngehalten hatte, war nicht mehr wirksam. Blut ergoss sich in einer breiten Lache auf den Boden. Chase erhob sich und trat etwas zurück.
"Verdammt, diese Sauerei!", stieß er hervor. "Meine neuen Nike-Turnschuhe!"
*
Eine Sekunde später hatte Chase ganz andere Probleme.
"Bring ihn um!", sagte Gabriel an Ptygia gerichtet. "Na los, mach schon! Hast du vergessen, dass er dich um ein Haar mit einem Stück Holz aufgespießt hätte, als ihr am Trinity Cemetery miteinander gekämpft habt?"
"Aber er ist doch so süß..."
"Überlass das Denken besser mir, Ptygia!"
Chase wirbelte herum.
Ptygia stürzte auf ihn zu.
Der Vampir ließ das Hiebmesser durch die Luft sausen.
Aber mit einer Behändigkeit, die man der Monster-Lady auf den ersten Blick nun wirklich nicht zutraute, wich sie zur Seite. Sie packte Chase' am Arm und schleuderte ihn quer durch den Raum.
Chase - durch die noch immer nicht ganz verheilte Wurfstern-Wunde noch nicht ganz im Vollbesitz seiner Kräfte - knallte gegen eine der weißen Wände, ratschte daran zu Boden. Es war ein mörderischer Aufprall. Jeden Sterblichen hätte die Gewalteinwirkung auf der Stelle getötet. Das Hiebmesser fiel Chase aus der Hand. Er stöhnte auf.
Ptygia war blitzschnell bei ihm.
Ehe er seine Waffe erneut ergreifen konnte, kickte sie sie quer durch den Raum. Chase wollte die Automatik hervor reißen. Er schaffte es auch, drückte ab. Die Kugeln trafen Ptygia, sie taumelte zurück. Chase rappelte sich auf. Dann war das Magazin leer geschossen. Fluchend warf Chase die Waffe von sich.
"Welch ein freudiger Tag", ließ sich Gabriel vernehmen. "Wer hätte das gedacht, dass wir heute nicht nur endlich aus der Knechtschaft dieses selbst ernannten Kämpfers für das Gute befreit wurden, sondern auch noch einen unserer schlimmsten Feinde aus dem Weg räumen können!"
"Ja", knurrte Ptygia dabei.
Es klang ein bisschen stumpfsinnig.
Ihre Glupschaugen musterten Chase.
Sie ging auf ihn zu. Chase wich zurück.
Er wusste, dass er rein kräftemäßig kaum eine Chance gegen sie hatte.
Gabriel hob inzwischen das Hiebmesser vom Boden auf.
Arquanteurs Blut troff noch von der Klinge.
"Ptygia, Teuerste!", rief Gabriel mit einem vor Ironie triefenden Unterton, der dem dämlichen Monstrum natürlich vollkommen entging. "Hier, fang auf!"
Er warf ihr das Hiebmesser zu.
Sie pflückte es mit traumwandlerischer Sicherheit aus der Luft. Als sie sich daran schnitt, fluchte sie laut.
"Das Ding ist gefährlich!", meinte Gabriel. "Du musst Chase den Kopf damit herunterschlagen. Rübe ab, so einfach ist das..."
Chase wich vor seiner Gegnerin zurück, kam dabei jetzt in die Nähe der Fensterfront. Ptygia beobachtete ihn lauernd, folgte ihm.
Notfalls konnte Chase sich durch einen Sturz aus dem Fenster retten. Allerdings war ihm bewusst, dass das vermutlich mit Höllenschmerzen und einem Dutzend gebrochener Knochen verbunden war. Und Chase war darauf nun wirklich nicht neugierig.
Immer mehr trieb Ptygia Chase in die Enge.
Sie ließ das Hiebmesser hervorschnellen, erwischte Chase einmal an der Hand. Chase blutete stark aus der Wunde. Aber die Verletzung war harmlos.
"Komm schon, mach ein Ende!", meinte Gabriel. "Spiel nicht mit ihm! Man könnte sonst meinen, dass du grausam bist!" Gabriel kicherte dabei.
Ptygia schnellte auf Chase zu, holte zu einem gewaltigen Hieb aus.
Chase wich zur Seite. Der Hieb ging in die Fensterscheibe hinein, zertrümmerte sie. Ihr Schlag hatte derart viel Schwung gehabt, dass sie jetzt vornüber kippte. Chase packte ihr Bein und gab ihr noch einen Stoß. Schreiend fiel sie aus dem Fenster, klatschte unten auf dem Asphalt auf.
Chase warf einen Blick hinunter.
Es würde eine Weile dauern, bis sie das verdaut hatte.
Aber vielleicht blieb sie ja lange genug liegen, um ihr am Ende noch richtig den Garaus zu machen.
Wichtiger war Gabriel.
Grinsend ging Chase auf ihn zu.
Das engelsgleiche Gesicht seines Gegenübers wirkte jetzt fast ein wenig eingefallen.
"Na, was ist mit deiner guten Laune, Gabriel? Schon verflogen?"
Chase stürzte sich auf ihn.
Aber sein Gegner war schneller.
Er hatte gewusst, dass er in einer direkten Konfrontation mit Chase Blood keinerlei Chancen gehabt hätte.
So entmaterialisierte er.
Als Chase ihn erreichte, löste er sich in Nichts auf.
Der Vampir griff durch ihn hindurch.
Ein triumphierendes Lächeln spielte um den dünnlippigen Mund des ehemaligen Engels. "Wir werden uns wiedersehen, Chase... und dann bist du dran! Wenn ich erst die Herrschaft errungen habe, wird es keinen Platz mehr für dich und deinesgleichen geben, Chase!
Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche!" Er kicherte, wirkte wie irre, während seine Erscheinung mehr und mehr verblasste.
Einen Augenblick später war er verschwunden.
Chase ging zum Fenster.
Von Ptygia war ebenfalls nicht mehr geblieben als eine Art blasser Projektion. Auch sie verschwand.
Aber Chase war sich ziemlich sicher, dass er die Beiden schon bald wiedersehen würde.
Gabriel war vom Virus der Macht infiziert. Und er würde nichts unversucht lassen, diese Macht denen wegzunehmen, die sie im Moment in Händen hielten.
Den Vampiren.
6.Buch