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Die Wolke der Flugmenschen belagerte uns, ihre Flügel erzeugten ein unheimliches Rascheln in der Dunkelheit, rosa Mondschein flimmerte auf ihren Waffen, ihre Augen schimmerten – und dann stürzten sie sich in einer einzigen dichten Masse auf die uns verfolgende Galeere.

Im nächsten Augenblick herrschte dort die Hölle an Bord.

Ich hörte nicht auf zu rudern.

»Beim Muskel ...«, sagte Turko ehrfürchtig.

Wenn ich vorgehabt hatte, im Boot zu bleiben und mich am Flußufer entlang davonzustehlen, so mußte ich den Plan nun aufgeben, weil weitere Galeeren erschienen, geführt von der Präzision energischer Peitschendeldars, die ihr Handwerk verstanden. Hinter uns entbrannte ein wilder Kampf. Die Volroks, die ich später in Havilfar noch viel besser kennenlernen sollte, waren aus ihrer Bergstadt im Nordwesten herbeigeflogen. Sie hatten einen abgefeimten Plan. Obwohl ich nur ahnen konnte, was sie vorhatten, wußte ich doch, daß sie mir in ihrem Bemühen helfen würden.

Dieser Gedanke gefiel mir.

Eine der Galeeren hatte den Ort des Gemetzels umfahren. Ich wußte, daß uns die Männer an Bord sehen konnten, so wie wir unsererseits das Schiff als dunklen Schatten vor dem rosa Schimmer über dem Wasser ausmachten. Die Galeere ignorierte den Kampf und machte sich daran, uns mit langen, gleichmäßigen Ruderschlägen zu verfolgen. Ich schätzte, daß wir das Ufer als erste erreichen würden, doch es mochte verdammt knapp werden.

Jetzt ging es darum, quer zur Strömung auf das Ufer zuzuhalten. Dort wuchs hohes Schilfrohr, das uns eine Zeitlang abschirmen konnte – jedenfalls so lange, bis wir uns durch den Sumpf schleichen und in der Dunkelheit untertauchen konnten. Hinter uns lieferten sich die zusammengedrängten Galeeren einen verzweifelten Kampf gegen die Volrokschwärme.

Pfeile schwirrten in den Himmel. Ihre Spitzen waren grelle Lichtpunkte im rosa Mondschein; sicher wurden auch Armbrustpfeile auf die fliegenden Männer abgeschossen. Zahlreiche Flugwesen stürzten ins Wasser. Eine Galeere brach mit verwirrten Rudern taumelnd zur Seite aus. Auf den Aufbauten wimmelte es von Volroks.

In diesen Minuten stiegen die Zwillingsmonde am Himmel auf, die in ihrer nahezu vollen Phase genug Licht spendeten, um auch Einzelheiten auszuleuchten. Offenbar vermochten weder die Galeeren noch die Volroks den Kampf zu entscheiden. Die uns verfolgende Galeere hatte offenbar eindeutige Befehle, uns zu fangen – sonst wäre sie dem Kampf sicher nicht ausgewichen. Ich pullte unentwegt, während ich die Schlacht verfolgte. In unserem Flugboot waren wir von der Westküste Havilfars über die schmale Landmitte zur nordwestlichen Spitze des Nebelmeeres geflogen. Dabei waren wir über eine Bergkette gekommen. In den Hochtälern jener Berge lagen vermutlich die Städte und Bergschlösser der Volroks, der fliegenden Menschen Havilfars.

Der Kiel hatte erste Sandberührung. Das Boot erbebte; doch mit einigen langen, kräftigen Schlägen zog ich es weiter, bis das Holz unangenehm über Schlamm und Kies scharrte.

Dann nahm ich Saenda unter den Arm, während Turko nach Quaesa griff. Mit der anderen Hand packte ich den Bootshaken, der unsere einzige Waffe darstellte.

So ließen wir uns über die Bordwand ins knietiefe Wasser fallen. Wir taumelten weiter.

Ich wußte, daß ich meinen Atem verschwendete, daß mir aber nichts anderes übrigblieb, wenn ich meine Gefährten aufmuntern wollte. »Das flache Ufer hält die Galeere von uns fern«, sagte ich. »Da stehen unsere Chancen besser.«

Saendas blondes Haar fiel über meine Schulter herab. Sie klammerte sich verzweifelt an mir fest und rief: »Das soll dir noch leid tun, Dray Prescot! Bei der Lady Emli von Ras! Was du mir angetan hast, seitdem wir ...«

Ich ergriff die Gelegenheit, als ich unversehens über einen alten Baumstumpf stolperte, der in Schlamm und Wasser halb verborgen war. Dabei fing ich mich ziemlich schnell wieder, Saenda aber ging unter und schluckte eine gehörige Portion schlammiges Wasser, woraufhin ihr Nörgeln zu einem erstickten Gurgeln wurde. Wenn es an diesem Abend überhaupt Anlaß zu Heiterkeit gegeben hatte, dann jetzt; doch ich lächelte nicht, sondern stolperte weiter das Ufer hinauf, im Schlamm ausgleitend, der meine Beine festzuhalten versuchte, hoffend, daß ich nicht in Treibsand geriet oder auf Schlammegel stieß, die hungrig über meine nackten Beine hergefallen wären. Ich trug nur mein altes rotes Lendentuch, und auch Saenda war nur notdürftig bekleidet.

Ich war also ziemlich erleichtert, als wir den Kamm einer Böschung erreichten und auf der anderen Seite wieder hinabglitten, wo die Sumpfvegetation in großer Vielfalt wuchs. Der Magan-Fluß blieb hinter uns zurück.

»Sie stecken fest, Dray, wie du gesagt hast«, bemerkte Turko hinter mir. Er atmete ruhig, und seine Brust bewegte sich erstaunlich gleichmäßig. Man sah ihm nicht an, daß er gerade ein Mädchen durch den Sumpf getragen hatte.

»Aber sie kommen bestimmt an Land, wie wir. Wir müssen weiter.«

In meiner Stimme lag ein fast zu scharfer Ton, und die Mädchen zuckten zusammen. Turko lachte leise vor sich hin. Wir bahnten uns so schnell wir konnten einen Weg zwischen den Schilfbüscheln hindurch.

Das strenge, mystische Training, das ich bei den Krozairs von Zy absolviert hatte – eine Zeit, die nie wirklich zu Ende gehen würde, denn ein Krozair kehrt immer wieder zurück, um sich nicht nur körperlich, sondern auch geistig auf das Leben und die geheimen Disziplinen einzustellen – dieses Training ermöglichte es mir, ein hohes Tempo vorzulegen und gleichzeitig Saenda zu helfen, Schritt zu halten, während Turko sich um Quaesa bemühte. Es war eine ungeheure Anstrengung, die Lungen, Herz und Muskeln auf das äußerste beanspruchten. Aufgrund unseres guten Trainings vermochten wir den Abstand zu unseren Verfolgern zu vergrößern. Bald erreichten wir eine Straße – und gerade noch rechtzeitig entdeckten wir die Wesen, die hier auf unser Erscheinen warteten.

Turko hielt leise zischend den Atem an und blieb stehen.

Die beiden Mädchen wollten protestieren – und zwei harte, schwielige Hände legten sich über ihren Mund. Turko wußte sehr wohl, wie wichtig es war, sich Fremden gegenüber vorsichtig zu verhalten – besonders Fremden, denen man nachts auf einer einsamen Straße begegnet.

»Llahal!« rief ich.

»Llahal!« erwiderte der Anführer, ein Wesen, das sich einige Schritte von den anderen entfernte.

Es waren zehn, und ich sah Waffen schimmern, doch wenn Turko und ich schnell genug reagierten, hatten wir vielleicht eine Chance. Jedenfalls wollte ich mich nicht wehrlos ergeben.

»Wir kommen in friedlicher Absicht«, sagte ich.

Das Wesen näherte sich vorsichtig. Es hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Volrok, denn es besaß lange, schmale Flügel, die säuberlich zusammengefaltet waren, und dieselbe achtgliedrige Physiologie. Doch es gab auch einen merklichen Unterschied, der sich vielleicht am besten mit dem Unterschied des Südländers zu dem eines nordischen Menschen auf der Erde erklären ließ, wobei der Volrok dem Süden und diese Fremden dem Norden zuzuordnen waren.

»Auch wir suchen den Frieden. Ihr habt gegen die Volroks gekämpft?«

Turko lachte. »Beim Muskel! Wir haben die ...« Da trat ich ihm gegen das Schienbein, und er fuhr fort: »... ganze Welt zum Gegner gehabt. Kämpft ihr auch gegen die Volroks?«

Ein anderer Flugmensch näherte sich aus der Gruppe. Im Halbdunkel vermochte man die Wesen kaum voneinander zu unterscheiden. Ich halte mir mit vielleicht törichtem Stolz zugute, daß ich es im Laufe meiner Jahre auf Kregen gelernt hatte, die Halblinge dieser Welt mehr und mehr als Individuen zu sehen. Auch auf der Erde heißt es, daß die Angehörigen dieser oder jener Rasse sich fast ununterscheidbar gleichen; das ist eine zwar bedauerliche, aber natürliche Folge, wenn man mit fremden Rassen unvertraut ist.

Der zweite Flugmensch sagte: »Es sind Apim! Ich meine, wir sollten ihnen nicht trauen!«

»Und ich meine«, erwiderte der Anführer in einem Tonfall, den ich bewunderte, »daß ich dich aufspieße, wenn du nicht den Mund hältst, Quarda.«

»Wir sind Apim«, sagte ich. »Doch wir sind keine Canops.«

Der Anführer lachte. Es war ein volles Lachen, laut und dröhnend und aus dem Herzen kommend.

»Das wissen wir, Dom. Als Canops hättet ihr die Straße gar nicht erst erreicht!«

»Das ist tröstlich zu wissen.«

Er meinte, ich fände es tröstlich zu wissen, daß wir nicht auf der Stelle umgebracht worden waren. Dabei wußte er nicht, daß ich hier Verbündete zu finden hoffte für meinen Kampf gegen die eisernen Kämpfer aus Canopdrin.

»Bald sind die Migla hier«, rief einer aus der Gruppe. »Es hat auf dem Fluß genug Lärm und Fackelschein gegeben – wir sollten sie umbringen und von hier verschwinden!«

Der Anführer drehte sich nicht einmal um. »Quincher«, sagte er, »gib Quilly eine auf seinen vorlauten Schnabel.«

Ein Klatschen ertönte, gefolgt von einem Aufschrei aus der dunklen Masse der Flugwesen. Der Anführer nickte, als sei er nun zufrieden. Sein Stil verriet absolute Autorität.

»Sag mir, wer du bist, Dom«, fuhr er fort. »Dann überlegen wir uns, ob wir euch umbringen – oder nicht.«

Leere Prahlereien lagen mir nicht. »Sag mir zuerst, wer du bist.«

Er schlug einen ruhigen Tonfall an. »Ihr seid unbewaffnet. Wir haben Waffen aus Bronze und Stahl. Ihr müßt doch erkennen, daß es in eurem eigenen Interesse ist, uns zuerst Auskunft zu geben. Danach stelle ich mich gern vor. Bei den Goldenen Federn von Vater Quar, es würde mich sehr traurig stimmen, wenn ich einen Unbewaffneten töten müßte!«

Ich blickte zu Turko hinüber, der sich seine Gedanken nicht anmerken ließ.

»Deine Worte sind in der Tat vernünftig, Dom. Dies hier ist Turko, ein großer Kham, und die beiden daneben sind zwei törichte junge Gänschen, Saenda und Quaesa, die von der gegenüberliegenden Küste des Nebelmeeres kommen!«

»Und du?«

Die dunklen Augen musterten mich eingehend.

»Mein Name ist Dray Prescot.«

Dem Stimmengemurmel der Flugmenschen, das mir verriet, daß sie von mir oder Turko noch nicht gehört hatten, folgte ein Anschnauzer des Anführers, mit dem er Ruhe befahl. Er machte einige Schritte vorwärts, wobei er arrogant den Schwanz krümmte.

»Ich bin Obquam von Tajkent. Ich suche nach einem Volrok-Cramph namens Rakker – Largan Rakker von den Drei Gipfeln. Kennst du diesen Schurken und seinen Aufenthaltsort?«

»Nein, Horter Obquam«, erwiderte ich. Ausflüchte waren hier nicht am Platze. »Wir wurden von einer ganzen Volrokhorde angegriffen und konnten nur entkommen, weil sie sich schließlich auf die Canops in den Galeeren stürzten. Dieser Rakker – hat er dir ein Unrecht getan?«

»Aye – und mehr! Mögen die schwarzen Krallen von Deevi Quruk seine Eingeweide herausreißen und ihm die Flügel zerfetzen, damit er auf die Eisgletscher Sicces stürzt!«

Im Augenblick brauchte ich nicht mehr zu wissen; weitere Einzelheiten ließen sich später klären. Jeden Augenblick konnte das Durcheinander auf dem Fluß eine Patrouille der Canops herbeirufen. Das Licht genügte, um die herumflatternden Volroks über den Galeeren zu erkennen. Ich wandte mich an Obquam von Tajkent.

»Wenn der Gesuchte in dem Rudel dort drüben ist, warum fliegt ihr nicht hinüber und überzeugt euch?«

Da richtete er sich auf, weniger herablassend als gekränkt. Mein Vorschlag war ziemlich kühn gewesen. Turko lockerte Hände und Arme, bereitete sich auf den Kampf vor, den er erwartete.

»Schau hinüber, Apim!« Obquam hob einen Arm.

Über dem Fluß flatterten die Volroks durcheinander. Ihre dünnen Schreie wehten bruchstückhaft herüber. Zwischen ihnen erschienen jetzt die größeren, massigeren Gestalten von Männern auf dem Rücken fliegender Ungeheuer und Vögel, Flutsmänner und Fluttrells, wie ich im ersten Augenblick annahm. Das Schimmern der Waffen verstärkte sich.

Ich sah Volroks abstürzen, ebenso Fluttrells, an deren Clerketern Reiter baumelten.

Der Luftkampf tobte weiter und entfernte sich dabei von uns.

»Die Canops von den Galeeren kommen jetzt bestimmt an Land«, sagte ich. »Wenn du Rakker suchst, solltest du der Gruppe folgen, Horter Obquam.«

Er machte eine brüske Handbewegung. »Ich bin ein Strom, Horter Prescot. Du solltest mich Strom von Tajkent nennen.«

»Wie du willst. Aber meine Freunde und ich – wir wollen nach Yaman. Da die Straßen um diese Nachtzeit nicht sicher sind, müssen wir schleunigst weiter.«

»Ich will nicht dorthin zurück, Dray Prescot!« protestierte Saenda.

»Nicht für alles Elfenbein aus Chem!« fiel Quaesa ein.

»Dann seid ihr bereit, bei diesem Strom und seinen Flugmenschen zu bleiben?«

Zorn und Verzweiflung der Mädchen waren bedrückend.

Wenn Strom Obquam von Tajkent mich aufzuhalten gedachte, sollte das nicht ohne Gegenwehr geschehen. Was die Mädchen anging, so wußte ich, daß ich mir einen Plan zurechtlegen mußte, sie irgendwie in ihre Heimat zu schaffen, die auf der anderen Seite des Nebelmeeres lag – und der Plan mußte gut sein. Turko dagegen überraschte mich. Ich wußte im ersten Augenblick nicht, warum er nach Yaman zurückkehren wollte, in die Stadt mit den unheimlichen Gebäuden, in die Stadt, aus der die Große Göttin Migshaanu durch die Canops vertrieben worden war. Er mochte Mog nicht besonders, die alte Hexe, die sich überraschend als die Mächtige Mog entpuppt hatte, die Hohepriesterin.

Ich wandte mich um und sagte ziemlich heftig zu ihm: »Du begreifst doch, worum es geht, nicht wahr? Wir fangen ganz von vorn an. Wir kehren nach Yaman zurück und wissen genau, daß wir die Stadt vielleicht nie wieder verlassen, daß wir vielleicht bald kopfüber an den Zinnen Mungul Sidraths hängen!«

»Ich weiß«, erwiderte Turko. »Doch ich bezweifle, daß es dazu kommt, Dray.«

Ich knurrte etwas vor mich hin, denn mir fehlten in diesem Augenblick die Worte, um meine Gefühle auszudrücken.

Die Flugmenschen – vermutlich durfte ich sie nicht mit Volroks gleichsetzen – starrten uns an. In diesem Augenblick verstellte mir Quarda, der schon einmal gegen mich gesprochen hatte, den Weg. In einer Hand trug er eine Waffe, die mich an einen Toonon erinnerte. Eine kurze, breite Klinge war auf einem bambusähnlichen Holzschaft befestigt; sie hatte geschliffene Querstacheln. Der Mann handhabte die Waffe so, als verstünde er damit umzugehen. »So leicht kommst du nicht davon, Apim Prescot.«

Ich antwortete nicht, sondern musterte den Strom. Der breitete resigniert die Hände aus.

»In eine solche Sache, in einen Ehrenhändel, darf ich mich nicht einmischen, Horter Prescot. Das geht nur dich und Horter Quarda was an.«

Die Entfernung von meiner linken Kniescheibe zu Quardas Unterleib entsprach genau der Strecke, die man sich idealerweise wünschen konnte. Mein Knie traf mit dumpfem Knirschen ins Ziel. Quarda verharrte einen Augenblick lang, ohne sich zu rühren. Er hatte den Mund aufgerissen. Dann ließ er den Toonon fallen. Seine Augen begannen aufzugehen, ganz langsam. Ebenso langsam begann er zusammenzuklappen. Reglos sah ich zu, ohne etwas zu sagen. Quarda preßte die Hände vor den Bauch, wobei er sich langsam bewegte, als befände er sich unter Wasser, er beugte sich immer weiter vor, und die Augen quollen ihm immer mehr aus dem Kopf, und die Stränge seines Halses standen starr hervor.

Dann rollte er eng zusammengepreßt zu Boden und fiel auf die Seite. Seine Beine zuckten einen Augenblick lang. Noch hatte er sich nicht übergeben, was mir seine gute Selbstbeherrschung verriet. Zuckend lag er vor mir.

Ich wandte mich an den Strom von Tajkent. »Remberee, Strom«, sagte ich munter. »Vielleicht haben wir noch einmal das Vergnügen.«

»Remberee, Dray Prescot.« Sein Blick blieb unergründlich.

Ich packte Saenda am Oberarm und marschierte los, gefolgt von Turko und Quaesa.

So wanderten wir über die öde Straße auf die Stadt Yaman zu, wo uns Gefahren und Kämpfe und Intrigen erwarteten.