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AM TAG DER BEERDIGUNG von Michael Autz kam es zu einer kurzen, bösartigen Auseinandersetzung mit Maria. Sie sagte, ich solle meine Schuhe putzen, ehe ich losgehe. Ich antwortete, eine Beerdigung ist eine Beerdigung und keine Konfirmation und auch keine Verlobung. Maria verstand die Bemerkung nicht, was sie auch zugab. Es ist ein Gebot der Höflichkeit, sagte Maria, bei der Beerdigung eines Freundes mit geputzten Schuhen zu erscheinen. Autz war nicht mein Freund, antwortete ich. Trotzdem, sagte Maria. Ich wollte ihr nicht erklären, dass es ein angenehmer metaphysischer Zustand ist, Schuhe bei ihrer fortlaufenden Selbsteinschmutzung zu beobachten. In Wahrheit waren meine Schuhe nicht einmal schmutzig, sondern nur staubig. Maria unterschied zwischen diesen beiden Möglichkeiten nicht. Ich versuchte, ihr die Differenz zu erklären. Staubig wird etwas von selbst, sagte ich, durch Teilhabe an dem großen Staub, in dem wir alle leben müssen. Schmutz hingegen ist ein selbständiges Eintauchen in ein Konzentrat von Ausscheidungen, das durch die ständige Umwandlung der Natur entsteht. Schmutzig werde ich, wenn ich eine Baustelle durchquere oder einen Kohlenkeller aufräume. Die letzten Sätze sprach ich schon zu mir selber hin. Es war aussichtslos, Maria mit diesen Inhalten zu konfrontieren. Ärgerlich wurde ich kurz vor Verlassen der Wohnung. Maria nahm ein Papiertaschentuch, ging vor mir in die Knie und wischte mit dem Taschentuch über meine beiden staubigen Schuhe. Ich schaute gegen die Wand und schwieg. Wenn du schon in deinem alten Anzug erscheinst, müssen wenigstens die Schuhe glänzen, sagte Maria. Auch darauf sagte ich nichts.

Der Tag war hell und warm. Feldlerchen ließen sich auf den Wegen des Friedhofs nieder, wippten kurz mit dem Schwanz und flogen über die Gräber davon. Ich sah einzelne Trauergäste, die ich nicht kannte. Der erste, den ich wiedererkannte, war Erlenbach, einer der beiden Eigentümer des Architektenbüros, für das ich in den letzten Jahren hauptsächlich gearbeitet hatte und vielleicht weiterarbeiten würde. Ich schwankte, ob ich Erlenbach über die Grabsteine hinweg grüßen sollte oder nicht. Dann merkte ich, dass er mich nicht erkannte, obwohl ich ihm in seinem Büro hin und wieder begegnet war; aber was heißt das schon, Erlenbach hatte viele freie Mitarbeiter. Der Hauptweg des Friedhofs führte zu einer kleinen Kapelle, auf deren Dach jetzt ein helles Glöcklein ertönte. Ein richtiges Sterbeglöckchen! Ich war nicht sicher, ob ich wirklich um Autz trauerte, vermutlich nicht. Ich hatte nur eine gewisse traurige Stimmung, aber die ging eher auf die Umgebung zurück. In der Kapelle traf ich Angestellte des Architektenbüros, ich gab ihnen die Hand, wobei mich ein seltsam unangemessenes ritterliches Gefühl beschlich. Die große Mehrheit der Trauergäste gehörte der Familie an, der ich nie zuvor begegnet war. Karin hatte ich noch immer nicht gesehen. Vermutlich saß sie ganz vorne, und ich würde erst später, am Grab, auf sie treffen. Erlenbach gab sich Mühe, so wenig Leute wie möglich anzuschauen. Vorne, am Altar, war der Sarg aufgebahrt. Ein Pfarrer erschien und hielt eine kurze, konventionelle Beerdigungsrede, ich hörte nicht zu.

Ich betrachtete die schwarzgekleideten Frauen ringsum und dachte an Thea. Eine Frau wie sie würde ich nicht mehr finden, schlimmer noch, ich würde sie auch nicht mehr suchen wollen. Im Gegenteil, momentweise beherrschte mich das Lebensgefühl, dass ich mich auf eine ernsthafte neue Liebesgeschichte nicht noch einmal einlassen wollte. Ich würde mich mit Maria abfinden, obwohl ich auch das nicht wollte. Meine seltsame Liebesgenügsamkeit passte sehr gut zum Friedhof. Ich hatte mir schon oft vorgenommen, mich nicht mehr verausgaben zu wollen, und dann war doch alles anders gekommen. Ich wollte über die Zukunft der Liebe keine Pläne mehr entwerfen, in einer Friedhofskapelle schon gar nicht. Der Pfarrer beendete seine Ansprache, vier Friedhofsarbeiter erschienen und zogen den auf einem Wagen mit Gummireifen aufgebahrten Sarg durch den Mittelgang der Kapelle hinaus ins Freie. Unmittelbar hinter dem Sarg sah ich Karin. Sie wirkte ein wenig kleiner als sonst, fast ein bisschen eingeschrumpft. Der Tod machte auch die Zurückbleibenden ein wenig todähnlicher. Karin hatte einen kleinen Buckel und einen vornübergebeugten Körper. Durch die Krümmung des Rumpfs wirkten ihre Brüste immer ein wenig wie eingesunken, wie auf der Flucht. Ich hatte mir an manchen Abenden schon vorgestellt, dass ich die Brüste von Karin gerne aus ihrer Eingesunkenheit herausholen möchte (könnte), was Karin in meiner Vorstellung gefallen würde. Überhaupt kam mir Karins kleiner Körperdefekt entgegen, weil mein eigenes inneres Gefühl, das ebenfalls von einem Handicap bestimmt wurde, mit Karins Defekt schon zu kalkulieren begann: Eine Frau mit kleinem Körpernachteil wird mit deinem Handicap gewiss freundlich umgehen. Ich hatte natürlich keine Defekte beziehungsweise nur eingebildete, die allerdings heftiger waren als wirkliche. Ich war zum Beispiel überzeugt, dass ich langweilig war und auch nicht sprechen konnte, ohne Langeweile bei anderen Menschen hervorzurufen. Deswegen redete ich, soweit möglich, nur wenig und galt als schüchtern. Als Schüchterner war ich allerdings beliebt bei vielen anderen, die wirklich schüchtern waren und in mir einen verständigen Menschen vermuteten.

Karin sah mich nicht, sie blickte auf den Boden. Die Kapelle leerte sich von den vorderen Reihen her, so dass ich zu den letzten gehörte, die die Kirche verließen. Der Tag blieb freundlich und angenehm. Der Pfarrer schritt vorneweg und leitete die Trauerprozession zum Grab. Von den vielen Gräbern ringsum ging die übliche Heuchelei der Toten aus. Jeder sollte glauben, dass es um alle Gestorbenen schade sei. Neben mir trottete ein mir unbekannter Mann mit starkem Mundgeruch. Hinter mir gingen zwei ältere gepuderte Frauen. Ich mochte ihren Geruch, weil er mich an meine tote Mutter erinnerte. Weil mich der Mann mit dem Mundgeruch immer wieder ansprach, verdrückte ich mich in eine Reihe weiter hinten. Wenn ich mich als Kind nicht regelmäßig wusch, sagte meine Mutter zu mir: Du riechst wie ein alter Schwamm. Ich hielt diesen Satz lange für eine Zärtlichkeit. Denn ich liebte meinen kleinen Schulschwamm und seine merkwürdigen Gerüche. Erlenbach gab sich Mühe, niemanden anzuschauen. Ich wusste jetzt schon, dass ich bei der Zusammenkunft, die hinterher in einem Café geplant war, nicht dabeisein würde. Ich hatte nicht die geringste Lust, Erlenbachs Angestellten so lange nahe zu sein. Die Prozession wandelte jetzt unter schattigen Kastanienbäumen. Die Spitze des Zuges war am offenen Grab angekommen. Ich wusste nicht, ob ich mich nach vorne drängeln oder lieber im Hintergrund bleiben sollte. Es war mir unangenehm, dass ich fast ununterbrochen an Thea dachte. Ich wusste, dass sie mit einem anderen Mann zusammenlebte, den ich nicht kannte. Für mich war sie seit der Trennung so gut wie gestorben. Es gab Momente, in denen ich glaubte, es sei Thea, die hier zu Grabe getragen wurde. Plötzlich stiegen mir Tränen in die Augen, sogar ein kleiner Seufzer ließ sich nicht unterdrücken. Es war mir klar, dass ich nicht um Michael Autz trauerte, sondern tatsächlich um Thea. Ich benutzte eine fremde Beerdigung, um eine abgelebte Liebesschmach zu betrauern. Karin war bewegt und fassungslos, als sie meine nassen Augen sah. Sie hatte nicht für möglich gehalten, dass ich ihrem toten Mann so sehr verbunden war. Karin hörte mit Weinen auf und stellte sich tröstend neben mich. Als mein Schluchzen ein wenig heftiger wurde, fasste mich Karin am Arm und führte mich ein paar Schritte abseits. Natürlich sagte ich nicht, dass meine Tränen in Wahrheit Thea galten. Ich konnte in diesen Minuten nicht sprechen, aber Sprechen war auch nicht nötig. Während unseres Herumstehens wurde der Sarg in das Grab hinabgeseilt. Ich war dankbar, dass ich die Versenkung nicht aus der Nähe sehen musste. Karin löste sich von mir und stellte sich an den Rand des Grabs.

Es war typisch für mich, dass ich, um Trauer um das eigene Leben zu empfinden, eine fremde Beerdigung benutzte. Die Verschiebung des Authentischen zog sich als deutliche Spur durch mein Leben. Nie kannst du ausdrücken, was gerade mit dir los ist, immerzu brauchst du die Hilfe von Zufällen. Der Pfarrer sprach ein Gebet, die Beerdigung ging zu Ende. Karin henkelte sich bei mir ein, worin ich eine deutliche Annäherung erkennen wollte. Wir hatten uns schon einmal heftig geküsst, auf einem Faschingsfest vor vielen Jahren, ich glaubte nicht, dass wir das vergessen hatten. Ich wollte jetzt eigentlich nach Hause, aber das wäre unhöflich gewesen. In einem Café unweit des Friedhofs musste ich Karins Bruder kennenlernen, außerdem ihre Mutter (der Vater war schon tot) und einen früheren Freund. Das Café war überfüllt. Man kann hingehen, wo man will, es sind immer schon zwei Dutzend andere da, sagte ich.

Karin lachte und sagte: Was soll man denn machen?

Ich gehe einfach nirgendwo mehr hin, antwortete ich.

Dann wirst du vereinsamen, sagte Karin.

Ich würde mir einzelne Individuen suchen, mit denen ich mich an versteckten Orten verabreden würde, sagte ich.

Kennst du solche Individuen? fragte Karin.

Dich zum Beispiel, sagte ich.

Karin schaute mich an und war, wenn ich mich nicht täuschte, verblüfft über meine Forschheit. Unser Flirt wurde unterbrochen, weil Erlenbach sich neben mich setzte, mit Grund, wie sich herausstellte. Ich fand seine Aufdringlichkeit peinlich, andererseits kam sie meinen Interessen entgegen. Mit dem Tod von Michael Autz war mein Kontaktmann zum Architektenbüro Erlenbach & Wächter verschwunden. Es konnte mir nützen, wenn ich bei Erlenbach ein wenig antichambrieren würde. Rasch zeigte sich, dass meine Bemühungen überflüssig waren. Erlenbach sagte, er wolle mich in die Planung einer Tiefgarage mit einbinden, die ich zusammen mit zwei Kollegen entwickeln sollte. Ich war erfreut und dankbar und hörte Erlenbach zu. Karin ödete sich ein wenig und zeigte es. Erlenbach schreckte nicht davor zurück, am Tag der Beerdigung ihres Mannes an ihrem Tisch geschäftliche Dinge zu besprechen. Ich war nicht jemand, der Erlenbach auf seine mangelnde Pietät hinwies. Eigentlich hatte Karin seit dem Tod ihres Mannes keinen Grund mehr, auf Erlenbach Rücksicht zu nehmen. Ich schloss nicht aus, dass sie ihre eigene Trauerversammlung bald verlassen würde. Aber sie schluckte die Kränkung und blieb, jedenfalls vorerst. Auch mich verlangte es nicht, allzu lange hier zu bleiben. Allerdings wusste ich nicht, wie ich den Restnachmittag verbringen sollte.

Erst am Frühabend war ich mit Maria verabredet. Sie hatte herausgefunden, dass man neuerdings im Tiefgeschoss bei Hertie Austern essen konnte. Ich war an Austern nicht interessiert, aber ich wollte Maria den Spaß nicht verderben. Zwischendurch erkundigte sich Karin, ob ich mir Michaels Taschenbücher nicht einmal anschauen wollte. Ich war überrascht. Es stimmte, ich hatte bei Besuchen bewundernde Blicke auf Michaels Taschenbücher geworfen. Ja, gerne, sagte ich, gelegentlich. Die Trauergesellschaft löste sich langsam auf. Ich fand nicht den Mut, aufzustehen und mich zu verabschieden. Nach Hause gehen und mich an das Zeichenbrett setzen war auch kein toller Einfall, obwohl ich dringend arbeiten musste. Ich hätte mir auch endlich Zeichnungen von Munch ansehen können, die es im Kunsthaus zu sehen gab. Statt dessen blieb ich sitzen, trank noch ein Glas Wein und plauderte mehr mit Erlenbach als mit Karin. Je mehr ich trank, desto mehr hatte ich mit der Idee zu kämpfen, ich sei mitschuldig an Michaels Tod. Das war eine abstruse Idee, die sich in meinem Inneren plausibel anfühlte. Ich überlegte schon, ob ich Karin diese Eingebung mitteilen sollte. Aber dann erhob ich mich doch und reichte Karin die Hand. Sie lud mich zu ihrem Geburtstagsfest ein, das in etwa einem Monat stattfand. Ich beugte mich über sie und küsste ihr die linke Wange. Von den anderen Trauergästen verabschiedete ich mich nicht persönlich. Ich hob die Hand und winkte ein paarmal in den Raum.

Dann war ich draußen. Es setzte sich, wie oft in solchen Fällen, der Dreizehnjährige in mir durch und stiefelte in die Innenstadt. Die frische schlechte Luft des Autoverkehrs war genau das richtige für mich. An einem Kiosk kaufte ich mir eine kleine Flasche Mineralwasser, die ich rasch leertrank. Die Überzeugtheit, das Umhergehen sei eine richtige Entscheidung gewesen, ließ bald nach. Jetzt kam der wirkliche Dreizehnjährige zum Vorschein: Ich fühlte mich verlassen und ödete mich. Ein Zoo-Besuch schied aus, ebenso das Kino; an beiden Orten häufte sich lediglich das Elend nicht vertriebener Zeit. Ich ging weiter zum Flussufer. Dort setzte ich mich auf den Rasen, schaute auf das Wasser und merkte, wie müde ich war. Mir gefielen ein paar weiß und dreieckig aufgerichtete Segel, die weich und nur leicht aufgebläht umherschwebten. Das sanfte Bild der Segel schläferte mich ein. Ich lehnte mich mit dem Rücken gegen einen Baumstamm und fühlte kaum, wie mich der Schlaf überwältigte. In meinem schlafgetrübten Bewusstsein meinte ich einmal zu spüren, wie ein Hund an mir schnupperte, was mir gefiel. Fast eine Dreiviertelstunde lang hielt mich der Schlaf gefangen. Ich muss fest geschlafen haben, denn ich merkte nicht, wie ich von dem Baumstamm nach links wegkippte und dann auf der Seite liegend und gekrümmt weiterschlief. Als ich aufwachte, fühlte ich mich erleichtert und frei, obgleich mein Körper ungelenk geworden war. In der Art, wie ich langsam zu mir kam, war mir eine halbe Minute lang nicht klar, ob ich mit Thea oder Maria verabredet war. Bis zu unserem Treffen hatte ich noch fast eine Stunde lang Zeit. Seit ich von Thea getrennt war, sah sich Maria als Siegerin eines Zweikampfs. Vor der Trennung von Thea hatte ich etliche Jahre lang Maria und Thea gleichzeitig geliebt, worüber Maria fast nervenkrank geworden war. Für die hochmütige Thea war Maria nur eine Büroliebe, die ihr nichts anhaben konnte. Jetzt gefiel es mir, dass ich an ein und demselben Tag an einer Beerdigung teilgenommen hatte und in Kürze mit Maria Austern essen würde. Durch ihren Lebensstil hatte Maria in den letzten Jahren ein wenig zugenommen, was mich nicht störte. Maria sagte, ich solle ihr sofort sagen, wenn sie für mich zu füllig würde; sie würde dann auch wieder abnehmen.

Maria trug eine leichte helle Bluse und einen cremefarbenen Leinenrock. Sie fing an zu rennen, als sie mich sah, und sprang an mir hoch wie ein Kind. Ich hatte keinen Zweifel, dass ihre Lebensfreude echt war und tatsächlich mir galt. Sie umarmte mich und drang mit den Lippen in meinen Hemdkragen. Die stürmische Begrüßung war schön und schmerzlich. Maria konnte nicht erkennen und nicht fühlen, dass ich im Inneren ein Finsterling war, der sie eines Tages verlassen würde. Marias sich immer wieder öffnender Mund hatte die Schönheit eines immer wieder wegfliegenden Vogels. Ich verlor mich an dieses kaum zur Ruhe kommende Gesicht. Ich musste Maria helfen, vom Alkohol loszukommen, aber wie? Die Idee, bei Hertie Austern zu essen, kam von ihr. Eine derartige Neuheit wäre mir selbst niemals aufgefallen. Ich hätte wahrscheinlich ein besseres Lokal für angemessen gehalten. Aber Maria wollte den Zusammenstoß von Luxus und Spießertum beobachten. Ich hatte ihr gesagt: Wer dabei mitmacht, wird selbst zum Spießer. Das sind wir doch schon längst, hatte Maria geantwortet. Ich bin vollkommen sicher, dass Austernessen kein Hobby von mir wird, sagte ich.

Bei Hertie fuhren wir mit der Rolltreppe in die Erfrischungsabteilung im Tiefgeschoss. Maria war schon öfter hiergewesen, sie kannte sich aus. Eine sogenannte Mittelmeertheke befand sich rechts zwischen der Frischfleischabteilung und der Bäckerei. Es handelte sich um eine stark belebte Bar mit dem Zuschnitt eines Schiffsbugs. Ich stieß mich schon an dem Wort Mittelmeertheke. Unmerklich wurden die Menschen von ihrer Umgebung zu Spießern gemacht. Diese Angst entzündete sich noch stärker am Bild der Männer und Frauen, die an der Mittelmeertheke saßen und aßen. Ich tippte auf Autohändler, Immobilienmakler, Versicherungsvertreter, Abteilungsleiter. Sie aßen tatsächlich Austern und schlürften hörbar. Es sind aufgestiegene Kleinbürger, die können sich am besten freuen, sagte Maria. Obwohl mir die Bemerkung gefiel, konnte ich mich meiner Distanz nicht erfreuen. Zum Zeichen meines Abstands bestellte ich keine Austern, sondern einen gewöhnlichen Salatteller mit Röstkartoffeln. Du bist zu empfindlich für das Hertie, sagte Maria. Die Männer flirteten mit den Bedienungen hinter der Theke. Weil eine Blondine nicht auf die Anmache der Männer einging, sagte einer von ihnen: Die Mutti ist ganz putti. Es erhob sich starkes Gelächter.

Du meinst, die Männer glauben: Das hier ist ihre originale eigene Welt?

Genau, sagte Maria, deswegen sind sie so positiv und fröhlich.

Maria aß langsam ihre Austern und beobachtete die Leute ringsum.

Als ich selber aufstieg, sagte sie, habe ich das auch geglaubt.

Damals in der Werbung?

Ja, antwortete sie, ich hatte dasselbe Gehabe mit Sonnenbrille, Handy, Schirmmütze und auf die Theke geknallten Autoschlüsseln.

Wir lachten.

Bei Frauen wirkt das besonders einschneidend, sagte Maria, das habe ich damals nicht gewusst. Dabei wollte ich nur meinen kleinen Aufstieg ein bisschen feiern. Ich war eine Schichtenwechslerin, die freuen sich am heftigsten.

Und was macht dir heute daran noch Freude?

Der Rückblick, sagte Maria, und die Angst um die Leute. Ich sehe ihnen an, dass sie abstürzen werden, jedenfalls die meisten. Sie sind zu gutgläubig, das ist das Problem. Sie tun mir leid, ich würde sie gerne jetzt schon trösten.

Ich hörte Maria gerne zu. Sie konnte gut beobachten und das Beobachtete gut ausdrücken, genau das richtige für die Werbung. Wenn nur der Alkohol nicht gewesen wäre! Maria trank bereits das dritte Glas Weißwein, schon das zweite wäre zuviel gewesen. Es zeichnete sich ab, dass ich sie nachher nach Hause bringen oder mit zu mir nehmen musste. Es war mir klar, dass mir das zuviel werden würde und dass ich das jetzt schon wusste. Mittagessen dieser Art hatten wir schon viele hinter uns. Jedesmal zog eine leichte Bitterkeit in mich ein. Es gab ein Signal, das sie selbst nicht an sich ertragen konnte: wenn der Alkohol ihre Rede undeutlich machte. Sie wusste, ich schlief gerne mit ihr, wenn sie nicht mehr ganz auf der Höhe war. Und sie ahnte vermutlich auch, dass ich vielleicht deswegen nicht wirklich gegen ihren Alkoholismus einschreiten wollte. Ich glaubte, Maria war auf stille Weise begeistert von ihrer sexuellen Macht über mich. Ihre Haut begann ein wenig mehlig und mürbe zu werden. Ich wusste nicht, wie Maria selbst zu diesen Veränderungen stand. Vermutlich empfand sie ihren Alkoholismus nicht als tragisch. Deswegen würde sie nachher in ihrer oder meiner Wohnung weitertrinken wollen. Genaugenommen waren wir schon vor langer Zeit übereingekommen, dass wir, wenn sie angetrunken war, in ihre Wohnung gingen. Aber in angetrunkenem Zustand vergaß sie auch unsere nüchtern getroffenen Vereinbarungen. Ich würde, wenn nötig ein wenig unsanft, auf ihre Wohnung drängen. Sie würde sich auf den Teppichboden setzen und mich bitten, eine Flasche zu öffnen. Ich würde ihrer Bitte nachkommen und ihr noch einmal einschenken. Dabei passierte es leicht, dass sie beim Gestikulieren und Reden ihr Glas mit der Hand umstieß. Für diesen Fall lagen hinter dem Papierkorb ein Stapel Papiertaschentücher und ein halbes Pfund Salz bereit. Rotwein im Teppich wurde sofort mit Taschentüchern abgetupft und mit Salz aus dem Teppich herausgesaugt. Die Flecken verschwanden, aber nicht ganz. Es blieb ein Mosaik von grauen, graugrünen und grauvioletten Resten.

Meine Bitterkeit ging auf einen bestimmten Punkt der Einsicht zurück. Ich machte mir klar, dass ich von dieser Frau vermutlich nicht mehr loskommen würde. Es folgte eine stumme Beschimpfung: Zweifellos liebst du diese Frau, und es ist kindisch, eine fleckenlose Liebe zu erwarten. Sie hat alles, was ich zum Leben brauche … ach, ich hörte auf damit. Ich hatte ihren Eintritt in mein Leben nicht rechtzeitig bemerkt, dadurch kam ich mir zuweilen überrumpelt vor. Wir waren über unsere Teller gebeugt und aßen und schwiegen. Das heißt, Maria schimpfte immer noch leise über die Männer um uns herum. Wenn sie angetrunken war, hielt sie sich für eine noch nicht zum Zug gekommene Intellektuelle. Es war ihr bis jetzt nicht gelungen, mit ihren Fähigkeiten in geeignete Umgebungen vorzustoßen. Bei uns gilt jemand, der einen Anspruch nur privat einlöst, als nicht existent, sagte sie dann. Von einer Begabung müssen immer auch alle anderen erfahren, sonst gilt sie nicht. Ich wurde leider ein wenig ungeduldig. Die Prämie des Beischlafs nach diesem langen Essen verlor langsam an Wert. Ich dachte Gedanken, die ich schon viel zu oft gedacht hatte. Viel riskanter war, dass sich mein Verhältnis zur Sexualität (das Verlangen) in solchen Phasen oft aufspaltete. Wenn ich mit mir allein war, bemerkte ich lange nicht, dass mir etwas fehlte. Diese Ignoranz kam mir später meistens problematisch vor. Dabei hätte ich aufatmen können: Es reicht! Aber sobald ich mit Maria zusammen war, schlug die alte Beiß-, Greif- und Lutschgier wieder durch. Ich wollte dem Leben auf keinen Fall etwas schuldig bleiben. Dass in der (nicht eingelösten) Sexualität eine Schuld versteckt war, verstand ich nicht. Das Nichtverstehen irritierte mich, aber nur eine Weile. Dann erinnerte ich mich daran, dass es vieles gab, was ich nicht verstand.

Maria schob ihren leeren Teller von sich weg und fuhr sich mit gespreizten Fingern durch das Haar. Immer mal wieder klagte sie über juckende Kopfhaut. Sie holte ihren Lippenstift aus der Tasche und schminkte sich die Lippen neu, was ich auch nicht verstand, aber ich fragte nicht. Es konnte uns jetzt nur noch passieren, dass Maria plötzlich übel wurde. Die um uns herumsitzenden Männer hatten längst bemerkt, dass wir auf einen Beischlaf hintranken. Die Entblößung unserer Absichten entging Maria nicht.

Es macht mir Spaß, flüsterte sie mir zu, in den Männergesichtern den Neid zu sehen.

Den Neid? fragte ich; aber die haben doch auch Ehefrauen zu Hause.

Ja, zu Hause! sagte Maria; aber zu Hause sind sie erst wieder am Abend, und dann sind sie alle müde. Aber hier sitzt am hellen Tag eine Frau, die sich jetzt schon hingibt, das ist der Unterschied.

Ich musste lachen und fragte: Stört es dich nicht, dass es der Neid von Spießern ist?

Nein, sagte Maria, der Geschlechtsneid verähnlicht die Männer stark. Ein Intellektueller ist nicht qualitätvoller neidisch als irgendein Bürofuzzi, stimmts?

Maria entfuhr ein zärtlicher kleiner Rülpser, und ich sagte: Ich glaube, wir gehen mal.

Maria lachte und steckte ihre nicht gebrauchte Papierserviette in ihre Handtasche und rutschte vom Barhocker herunter. Sie schob sich ihren Rock zurecht und klärte mit ein paar Schritten, ob sie problemlos gehen konnte. Schon im Taxi kam mir der bevorstehende Beischlaf wie eine Art Fürsorge vor. Diese Empfindung war ungerecht und überheblich und entsprach nicht meiner Erregung. Tatsächlich belebten Marias frei ausgestreute Sexualzeichen auch mich. In der Wohnung war ich dankbar, dass Maria sofort in die Toilette ging und sich erbrach. Das war schon öfter so gewesen, deswegen war ich nicht erschrocken. Sie kniete vor der Schüssel; jedesmal, wenn etwas hochkam, drückte sie die Spülung, damit sich der Geruch nicht ausbreitete. Hinterher gurgelte sie mit Odol und putzte sich die Zähne. Dann legte sie sich ins Bett und sagte: Kannst du mich bitte ausziehen, ich bin erschöpft.

Momentweise sah es so aus, als hätte sie genau das sein wollen: erschöpft und kraftlos und willenlos und von liederlicher Anziehung. Weil ihr Leinenrock eng war, brauchte ich eine Weile, ihn von ihrem Körper zu lösen. Das T-Shirt war schneller weg, ebenso BH und Unterhemd. Ich öffnete meinen Gürtel und alle Knöpfe und ließ meine Kleidung nach unten rutschen, wie ich es seit Kindertagen gewohnt war, und legte mich neben Maria. Ihre Hand umschloss mein Geschlecht wie ein bewegliches Etui. Marias kurz geschnittenes, blond nachgefärbtes Haar zeigte an den Wurzeln ein aschiges Braun. Trotz der Schminke zeigten sich kleine, wulstartige Augenringe, die Stück für Stück in Marias Gesicht hineinwuchsen. Wie so oft betrachtete ich diese Einzelheiten und wusste nicht, ob sie mich störten oder nicht. Maria drehte sich ganz zu mir, ihre molligen Brüste kullerten mir entgegen. Im Radio ertönte eine weniger bekannte Symphonie von Mahler. Auf Marias Oberarmen bemerkte ich die allmähliche Überflutung mit rötlichen Hautpünktchen, genau wie damals bei Thea. Weil ich mich nicht genauer an Thea erinnern wollte, steckte ich mir Marias rechte Brust in den Mund und saugte daran wie ein Kind. Jetzt verzieh ich alle Missetaten, die mir je zugefügt worden waren, und ich verzieh mir selbst alle Missetaten, die ich anderen zugefügt hatte. Das Wort Missetaten rutschte mir vermutlich nur deswegen in den Kopf, weil ich durch Mahlers Musik ein wenig ergriffen war. Ich kam mir vor wie Hans im Glück, der rechtzeitig zur Stelle war, als unter den Menschen ein bisschen Freude verteilt wurde.

Ich sagte zu Maria: Zieh die Unterhose aus und setz dich auf mich.

Maria antwortete: Dazu bin ich zu schwach, du musst alles machen.

Marias Körper war verschwitzt und irgendwie leidend und gleichzeitig anmutig, das gab es, ich sah es vor mir. Ich streifte ihr den Schlüpfer herunter und hob sie auf mich drauf. Wenig später gab es zwischen unseren Körpern keinen Millimeter Platz. Maria hatte meine Kerze im Bauch und begann, langsam und weich auf meinem Unterleib zu schaukeln. Eine ganze Weile kam von ihr kein Ton. Sie schwieg vermutlich aus Ehrfurcht vor ihrem Leben, vielleicht auch aus Erschütterung. Früher hatte sie mir einmal gesagt, dass sie gerade dann, wenn sie angetrunken und ein wenig ungeschickt war, am tiefsten davon gerührt sei, dass es einen Mann gab, der sie begehrte. Ich hatte keine Ahnung, warum mir gerade jetzt unser Biologielehrer einfiel, der uns in der Unterprima das Leben der heimischen Raubvögel erklärte. Eines Tages machten wir einen Klassenausflug in das rheinhessische Ried, wo damals viele Vogelarten ungestört lebten. Habichte jagten Kaninchen, Sperber stürzten sich auf Feldmäuse, Baumfalken vertilgten Kleinvögel und Insekten. Eines Tages sah unsere Klasse etwas ganz Seltenes, ein Kornweihen-Pärchen. Das Wort Kornweihe hatten wir erst wenige Tage zuvor von unserem Biologielehrer gehört. Ich war von Marias Weichheit umhüllt und dachte die ganze Zeit an das Wort Kornweihe. Auch unser Biologielehrer konnte uns damals nicht erklären, was eine Kornweihe eigentlich sei und warum das Wort der Name eines Vogels war. Das Männchen flatterte eine Weile allein am Himmel und schwebte dann herab auf die Erde, wo das Kornweihenweibchen am Boden saß und wartete. Flügelschlagend und schreiend begattete das Männchen seine Partnerin und entschwebte dann wieder in die Höhe. Leider hatte ich keine Flügel und musste meine Begeisterung deswegen mit Geräuschen und Bewegungen ausdrücken. Erst jetzt fiel mir ein, dass ich die Kornweihe vor allem wegen ihres Entschwindens in den Himmel bewunderte und beneidete. Ja, dachte ich, so müsste auch der Mensch fliehen dürfen und durch die Flucht keinerlei Verstimmung zurücklassen. Maria wimmerte und stöhnte leise. Es war nicht klar, ob sie es wirklich kriegen würde. Aber wenn es nicht klappte, würde sie später auch mit ihrem langen Anlauf zufrieden sein. Ihre Anstrengung war eindrucksvoll, aber auch schwankend und unentschieden. Trotz ihrer Schwäche stieß sie kleine Schreie und Seufzer aus. Ich bemerkte, dass sie gelegentlich die Augen einen Spalt öffnete, genau wie ich. Wir redeten nicht darüber, was wir mit diesen Blicken beobachten wollten.