»Nein!«, sagte der Häuptling. Eine Spur hektisch blickte er auf die Komantschen neben seinem Sitz und bedeutete der Reihe, zur Seite zu rutschen. Mary Hudson setzte sich zwischen mich und einen Jungen namens Edgar Nochwas, der einen Onkel hatte, dessen bester Freund Whiskeyschmuggler war. Wir machten ihr jede Menge Platz. Dann fuhr der Bus mit einem eigenartigen, amateurhaften Rucken an. Die Komantschen schwiegen bis auf den letzten Mann.

Auf der Weiterfahrt zu unserem normalen Parkplatz beugte sich Mary Hudson auf ihrem Sitz nach vorn und berichtete dem Häuptling begeistert von den Zügen, die sie verpasst und dem Zug, den sie nicht verpasst hatte; sie wohnte in Douglaston, Long Island. Der Häuptling war sehr nervös. Er steuerte nicht nur nichts Eigenes zum Gespräch bei, er konnte auch kaum dem zuhören, was sie sagte. Der Knauf des Schaltknüppels löste sich in seiner Hand ab, das weiß ich noch.

Als wir aus dem Bus stiegen, blieb Mary Hudson dicht bei uns. Bestimmt hatte, als wir schließlich den Baseball-Platz erreichten, jeder Komantsche einen Manche-Mädchen-wissen-einfach-nicht-wann-sie-nachHausemüssen-Blick im Gesicht. Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, bekundete Mary Hudson, als ein anderer Komantsche und ich eine Münze warfen, welche Mannschaft als Erste aufs Feld geht, den sehnsüchtigen Wunsch, mitzuspielen. Die Reaktion darauf hätte nicht eindeutiger sein können. Hatten wir Komantschen zuvor einfach nur auf ihr Weiblichsein gestarrt, funkelten wir es nun finster an. Sie lächelte zurück. Es war ein Hauch verstörend. Dann griff der Häuptling ein und offenbarte etwas, was zuvor eine wohlverhüllte Neigung zur Inkompetenz gewesen war. Er nahm Mary Hudson beiseite, so eben außer Hörweite der Komantschen, und redete offenbar eindringlich, rational auf sie ein. Schließlich unterbrach Mary Hudson ihn, und ihre Stimme war für die Komantschen gut vernehmbar. »Aber ich will doch!«, sagte sie. »Ich will auch spielen!«

Der Häuptling nickte und versuchte es erneut. Er zeigte zum Innenfeld hin, das aufgeweicht und voller Löcher war. Er nahm einen regulären Schläger und demonstrierte ihr dessen Gewicht. »Das ist mir gleich«, sagte Mary Hudson entschieden. »Ich bin den ganzen Weg bis nach New York gekommen zum Zahnarzt und überhaupt , und ich werde spielen

Der Häuptling nickte erneut und gab auf. Vorsichtig ging er zur Home Plate, wo die Braves und die Warriors, die beiden Komantschen-Teams, warteten, und sah mich an. Ich war Kapitän der Warriors. Er nannte den Namen meines normalen Center Fielder, der krank zu Hause war, und schlug vor, Mary Hudson solle seinen Platz einnehmen. Ich sagte, ich bräuchte keinen Center Fielder. Der Häuptling fragte mich, was zum Teufel ich denn damit meine, ich bräuchte keinen Center Fielder. Ich war schockiert. Zum ersten Mal hatte ich den Häuptling fluchen hören. Zudem spürte ich auch noch, dass Mary Hudson mich anlächelte. Um die Fassung zu wahren, nahm ich einen Stein und warf ihn gegen einen Baum.

Wir gingen als Erste aufs Feld. Im ersten Inning kam noch nichts in Richtung Center Field. Von meiner Position an der ersten Base warf ich hin und wieder einen Blick zurück. Jedes Mal winkte Mary Hudson mir fröhlich zu. Sie trug einen Fängerhandschuh, ihre unnachgiebige Wahl. Es war ein grässlicher Anblick.

Mary Hudson schlug in der Aufstellung der Warriors als Neunte. Als ich ihr die Regelung mitteilte, verzog sie ein wenig das Gesicht und sagte: »Na, dann beeilt euch mal Und tatsächlich beeilten wir uns. Sie schlug im ersten Inning. Dafür zog sie ihren Bibermantel und ihren Fängerhandschuh aus und ging in einem dunkelbraunen Kleid zur Plate. Als ich ihr einen Schläger gab, fragte sie mich, warum der denn so schwer sei. Der Häuptling verließ seine Schiedsrichterposition hinter dem Werfer und kam besorgt herbei. Er sagte Mary Hudson, sie solle das Schlägerende auf die rechte Schulter legen. »Das mache ich doch«, sagte sie. Er sagte, sie solle den Schläger nicht zu verkrampft halten. »Das tu ich doch gar nicht«, sagte sie. Er sagte, sie solle den Blick fest auf den Ball gerichtet halten. »Mach ich«, sagte sie. »Aus dem Weg Beim ersten Ball, der auf sie geworfen wurde, holte sie mächtig aus und schlug ihn über den Kopf des Left Fielders hinweg. Er war gut für ein normales Double, doch sie kam damit noch bis zum Triple und stand.

Als meine Verblüffung, dann meine Ehrfurcht, dann meine Freude nachgelassen hatten, sah ich zum Häuptling hinüber. Er schien weniger hinter dem Werfer zu stehen als vielmehr über ihm zu schweben. Er war ein vollkommen glücklicher Mann. Von der dritten Base her winkte Mary Hudson mir zu. Ich winkte zurück. Ich hätte mich nicht daran hindern können, selbst wenn ich es gewollt hätte. Von ihrer Schlagkunst einmal abgesehen, war sie nun mal eine, die das es verstand, einem von der dritten Base aus zuzuwinken.

Im weiteren Verlauf des Spiels kam sie jedes Mal, wenn sie schlug, auf eine Base. Aus irgendeinem Grund schien sie die erste Base zu hassen; nichts hielt sie dort. Wenigstens dreimal stahl sie die zweite.

Ihr Fielding hätte nicht schlimmer sein können, aber wir sammelten zu viele Runs an, um das richtig wahrzunehmen. Ich glaube, es wäre besser geworden, wenn sie mit praktisch allem außer einem Fängerhandschuh Flugbälle gefangen hätte. Doch sie zog ihn nicht aus. Sie sagte, er sei süß.

Im Monat darauf oder so spielte sie mit den Komantschen zweimal die Woche (anscheinend immer, wenn sie einen Zahnarzttermin hatte). An manchen Nachmittagen kam sie rechtzeitig zum Bus, manchmal kam sie zu spät. Manchmal sabbelte sie uns im Bus alle voll, manchmal saß sie einfach da und rauchte ihre Herbert-Tareyton-Zigaretten (mit Korkfilter). Saß man neben ihr im Bus, roch sie nach einem wunderbaren Parfüm.

An einem winterlichen Apriltag lenkte der Häuptling, nachdem er wie üblich an der 109th, Ecke Amsterdam, gehalten hatte, den beladenen Bus an der 110th Richtung Osten und fuhr routiniert die Fifth Avenue entlang. Seine Haare waren allerdings nass gekämmt, statt der Lederwindjacke trug er seinen Mantel, und ich hatte die begründete Annahme, dass Mary Hudson zu uns stoßen würde. Als wir an unserem üblichen Eingang zum Park vorbeirauschten, war ich mir dessen sicher. Der Häuptling parkte, dem Anlass entsprechend, den Bus an der Ecke in den Sixties. Dann, um die Zeit für die Komantschen schmerzlos totzuschlagen, setzte er sich verkehrt herum auf seinen Sitz und gab eine neue Folge von »Der lachende Mann« zum Besten. Ich erinnere mich an die Folge bis ins letzte Detail, und ich muss sie kurz skizzieren.

Ein Strom von Umständen führte den besten Freund des lachenden Mannes, seinen Timberwolf Black Wing, in eine physische und geistige Falle, die ihm die Dufarges gestellt hatten. Die Dufarges, denen das hohe Loyalitätsgefühl des lachenden Mannes bewusst war, boten ihm die Freiheit Black Wings im Tausch gegen die seine an. Im besten Glauben der Welt ging der lachende Mann auf diese Bedingungen ein. (Manche der kleineren Mechanismen seiner Genialität waren häufig rätselhaften kleinen Aussetzern unterworfen.) Es wurde vereinbart, dass der lachende Mann sich mit den Dufarges um Mitternacht an einer bestimmten Stelle in dem dichten Wald, der Paris umgab, treffen sollte, und dort, im Mondschein, sollte Black Wing freigelassen werden. Dabei hatten die Dufarges mitnichten die Absicht, Black Wing, den sie fürchteten und verabscheuten, freizulassen. In der Nacht der Übergabe nahmen sie statt Black Wings einen Ersatz-Timberwolf an die Leine, dessen linken Fuß sie zuvor schneeweiß gefärbt hatten, damit er wie Black Wing aussah.

Doch mit zweierlei hatten die Dufarges nicht gerechnet: dass der lachende Mann sentimental war und dass er die Timberwolfsprache beherrschte. Kaum hatte er Dufarges Tochter gestattet, ihn mit Stacheldraht an einen Baum zu binden, hatte der lachende Mann das Bedürfnis, seine schöne, melodiöse Stimme für ein paar Worte des Abschieds an seinen vermeintlichen alten Freund zu erheben. Der Ersatzwolf, der ein paar mondbeschienene Meter entfernt stand, war beeindruckt, wie gut der Fremde die Sprache beherrschte, und lauschte einen Augenblick lang höflich dem allerletzten, persönlichen wie beruflichen Rat, den der lachende Mann gab. Dann aber wurde der Ersatzwolf ungeduldig und begann, von einer Pfote auf die andere zu treten. Abrupt und ziemlich gereizt unterbrach er den lachenden Mann, um ihm mitzuteilen, dass er erstens weder Dark Wing noch Black Wing noch Gray Legs oder dergleichen heiße, sondern Armand, und dass er zweitens in seinem ganzen Leben nicht in China gewesen sei und auch nicht die mindeste Absicht habe, hinzugehen.

Zu Recht empört, schob der lachende Mann sich mit der Zunge die Maske weg und zeigte den Dufarges sein nacktes Gesicht im Mondschein. Mlle. Dufarge fiel sofort in Ohnmacht. Ihr Vater hatte mehr Glück. Zufällig hatte er gerade einen seiner Hustenanfälle und verpasste dadurch die tödliche Enthüllung. Als der Hustenanfall vorüber war und er seine Tochter lang hingestreckt auf der mondbeschienenen Erde liegen sah, zählte Dufarge zwei und zwei zusammen. Er schützte die Augen mit der Hand und feuerte das volle Magazin in seiner Automatik auf das Geräusch des schweren, zischenden Atems des lachenden Mannes ab.

Hier endete die Folge.

Der Häuptling zog seine Dollar-Ingersoll aus der Uhrentasche, schaute darauf, schwang sich dann auf seinem Sitz herum und ließ den Motor an. Auch ich schaute auf die Uhr. Es war beinahe halb fünf. Als der Bus anfuhr, fragte ich den Häuptling, ob er nicht auf Mary Hudson warten wolle. Er gab mir keine Antwort, und bevor ich meine Frage wiederholen konnte, wandte er den Kopf zurück und sagte zu uns allen: »Jetzt sind wir mal ein bisschen still in diesem verdammten Bus Was sie auch sonst noch gewesen sein mochte, die Aufforderung war im Grunde unangebracht. In dem Bus war es schon davor sehr, sehr ruhig gewesen und auch danach. Beinahe jeder dachte daran, in welcher Klemme der lachende Mann nun steckte. Sorgen machten wir uns schon lange keine mehr um ihn dafür hatten wir viel zu großes Vertrauen in ihn , aber seine gefährlichsten Augenblicke nahmen wir niemals ruhig hin.

Beim dritten oder vierten Inning unseres Baseballspiels an jenem Nachmittag erblickte ich Mary Hudson von der ersten Base aus. Sie saß auf einer Bank ungefähr hundert Meter links von mir, eingekeilt zwischen zwei Kindermädchen mit Kinderwagen. Sie trug ihren Bibermantel, sie rauchte eine Zigarette, und sie schien zu unserem Spiel herüberzusehen. Aufgeregt über meine Entdeckung, schrie ich sie dem Häuptling zu, der hinter dem Werfer stand. Er kam schnell zu mir, ohne richtig zu rennen. »Wo?«, fragte er mich. Ich zeigte erneut hin. Er starrte einen Augenblick in die richtige Richtung, sagte dann, er sei gleich wieder da, und verließ das Feld. Er verließ es langsam, öffnete dabei den Mantel und steckte die Hände in die Gesäßtaschen seiner Hose. Ich setzte mich auf die erste Base und wartete. Als der Häuptling Mary Hudson erreichte, war sein Mantel wieder zugeknöpft und seine Hände hingen an den Seiten herunter.

Er stand ungefähr fünf Minuten vor ihr, redete anscheinend mit ihr. Dann stand Mary Hudson auf, und zusammen gingen sie zum Baseballfeld. Beim Gehen redeten sie nicht und schauten einander auch nicht an. Als sie das Feld erreichten, nahm der Häuptling wieder seine Position hinter dem Pitcher ein. Ich brüllte ihm zu: »Spielt sie denn nicht?« Er sagte mir, ich solle die Klappe halten. Ich hielt die Klappe und beobachtete Mary Hudson. Sie ging langsam hinter der Plate herum, die Hände in den Taschen ihres Bibermantels, und setzte sich schließlich auf eine falsch stehende Spielerbank unmittelbar hinter der dritten Base. Sie zündete sich wieder eine Zigarette an und schlug die Beine übereinander.

Als die Warriors dran waren, ging ich zu ihrer Bank und fragte sie, ob sie Lust habe, im linken Feld zu spielen. Sie schüttelte den Kopf. Ich fragte sie, ob sie erkältet sei. Wieder schüttelte sie den Kopf. Ich sagte, ich hätte keinen fürs Left Field. Ich sagte, ich hätte einen, der Center Field und Left Field spielte. Auf diese Information hin kam überhaupt keine Reaktion. Ich schleuderte meinen First-Baseman-Handschuh in die Luft und bemühte mich, dass er auf meinem Kopf landete, doch er fiel in eine Matschpfütze. Ich wischte ihn an der Hose ab und fragte Mary Hudson, ob sie einmal zum Essen zu mir nach Hause kommen wolle. Ich sagte, der Häuptling komme auch häufig. »Lass mich in Ruhe«, sagte sie. »Lass mich bitte einfach in Ruhe

Ich starrte sie an, ging dann in Richtung der Warrior-Bank weg, zog dabei eine Mandarine aus der Tasche und warf sie in die Luft. Auf der Mitte der Foul Line an der dritten Base machte ich kehrt und ging wieder zurück, den Blick fest auf Mary Hudson gerichtet, die Hand fest um meine Mandarine. Ich hatte keine Ahnung, was zwischen dem Häuptling und Mary Hudson lief (und in einem ziemlich niederen, intuitiven Sinn habe ich noch immer keine), dennoch hätte ich mir nicht sicherer sein können, dass Mary Hudson aus der Aufstellung der Komantschen auf Dauer herausgefallen war. Es war jene völlige Sicherheit, die, wie unabhängig sie auch immer von der Summe der Fakten war, das Rückwärtsgehen riskanter als sonst machen kann, und so prallte ich denn auch voll gegen einen Kinderwagen.

Nach einem weiteren Inning wurde das Licht fürs Fangen zu schlecht. Das Spiel wurde abgebrochen, und wir machten uns daran, unsere Ausrüstung einzusammeln. Als ich Mary Hudson zum letzten Mal richtig sah, war sie bei der dritten Base und weinte. Der Häuptling hielt sie am Ärmel ihres Bibermantels gepackt, doch sie riss sich von ihm los. Sie rannte vom Feld auf den Zementweg und rannte weiter, bis ich sie nicht mehr sah. Der Häuptling lief ihr nicht nach. Er stand einfach da und blickte ihr nach, wie sie verschwand. Dann drehte er sich um, ging zur Home Plate und hob unsere beiden Schläger auf; wir ließen die Schläger immer liegen, damit er sie trug. Ich ging zu ihm hin und fragte ihn, ob er und Mary Hudson sich gestritten hätten. Er sagte, ich solle mir das Hemd in die Hose stecken.

Genau wie immer rannten die Komantschen die letzten hundert Meter zu der Stelle, wo der Bus geparkt war; sie schrien, schubsten, probierten aneinander Würgegriffe aus, doch war uns allen bewusst, dass es wieder Zeit für den »Lachenden Mann« war. Als wir über die Fifth Avenue rannten, fiel einem sein Ersatz- oder ausgezogener Pullover herunter, ich stolperte darüber und schlug hin. Ich rannte dennoch weiter zum Bus, aber inzwischen waren die besten Plätze schon besetzt, und ich musste mich in die Busmitte setzen. Über die Verteilung verärgert, knuffte ich den Jungen, der rechts von mir saß, mit dem Ellbogen in die Rippen, wandte mich dann um und beobachtete, wie der Häuptling die Fifth überquerte. Es war noch nicht dunkel, aber eine Viertel-nach-fünf-Dämmerung hatte schon eingesetzt. Der Häuptling überquerte die Straße mit hochgeschlagenem Mantelkragen, die Schläger unter dem linken Arm, auf die Straße konzentriert. Seine schwarzen Haare, die er vorher noch nass gekämmt hatte, waren jetzt trocken und wehten. Ich weiß noch, dass ich mir wünschte, der Häuptling hätte Handschuhe.

Wie immer war der Bus still, als er einstieg jedenfalls so verhältnismäßig still wie ein Theater mit erlöschender Saalbeleuchtung. Gespräche wurden in hastigem Geflüster beendet oder gleich abgebrochen. Dennoch sagte der Häuptling als Erstes: »Also gut, Schluss mit dem Lärm, sonst gibt’s keine Geschichte Auf der Stelle erfüllte den Bus bedingungsloses Schweigen, sodass dem Häuptling keine andere Wahl blieb, als seine Erzählposition einzunehmen. Nachdem er das getan hatte, zog er ein Taschentuch hervor und schnäuzte sich methodisch, jeweils ein Nasenloch. Wir beobachteten ihn geduldig und sogar mit einem gewissen Zuschauerinteresse. Als er mit seinem Taschentuch fertig war, faltete er es säuberlich doppelt und steckte es wieder in die Tasche. Dann trug er uns die neue Folge des »Lachenden Mannes« vor. Vom Anfang bis zum Ende dauerte sie nicht länger als fünf Minuten.

Vier von Dufarges Kugeln trafen den lachenden Mann, zwei davon ins Herz. Als Dufarge, der die Augen noch immer vor dem Anblick des Gesichts des lachenden Mannes schützte, aus der Richtung des Ziels sonderbar qualvolles Röcheln hörte, war er überglücklich. Sein schwarzes Herz schlug wie wild, als er zu seiner bewusstlosen Tochter lief und sie wiederbelebte. Die beiden, außer sich vor Freude und Feiglingsmut, wagten es nun, den lachenden Mann anzusehen. Dessen Kopf war wie sterbend geneigt, das Kinn lag auf der blutenden Brust. Langsam, gierig traten Vater und Tochter hin, um ihren Erfolg in Augenschein zu nehmen. Eine schöne Überraschung erwartete sie. Der lachende Mann, alles andere als tot, zog insgeheim die Bauchmuskeln zusammen. Als die Dufarges in Reichweite waren, hob er plötzlich das Gesicht, stieß ein schreckliches Lachen aus und würgte säuberlich, ja sorgsam alle vier Kugeln hervor. Die Wirkung dieses Kunststücks auf die Dufarges war so heftig, dass ihre Herzen buchstäblich platzten und sie zu Füßen des lachenden Mannes tot zusammenbrachen. (Sollte die Folge ohnehin nur kurz gewesen sein, hätte sie da auch enden können, dann hätten sich die Komantschen den jähen Tod der Dufarges auch rational erklären können. Doch sie endete damit nicht.) Tag um Tag stand der lachende Mann an dem Baum, mit Stacheldraht daran festgebunden, während die Dufarges zu seinen Füßen verwesten. Stark blutend und von seinem Vorrat an Adlerblut abgeschnitten, war er dem Tod nie näher gewesen. Eines Tages jedoch wandte er sich mit heiserer, aber beredter Stimme an die Tiere des Waldes um Hilfe. Er forderte sie auf, Omba zu holen, den liebenswerten Zwerg. Sie taten es. Doch es war ein langer Weg hin und wieder zurück über die Pariser-chinesische Grenze, und als Omba schließlich mit Arztkoffer und einem frischen Vorrat an Adlerblut am Schauplatz auftauchte, war der lachende Mann schon im Koma. Ombas allererster Gnadenakt war, die Maske seines Herrn zu bergen, die an Mlle. Dufarges gewürmverseuchten Torso geweht war. Er legte sie ehrerbietig über die grausigen Züge und versorgte dann die Wunden.

Als die kleinen Augen des lachenden Mannes sich endlich öffneten, hielt Omba fürsorglich das Fläschchen Adlerblut an die Maske. Doch der lachende Mann trank nicht davon. Stattdessen sagte er schwach den Namen seines geliebten Black Wing. Omba neigte seinen leicht verzerrten Kopf und enthüllte seinem Herrn, dass die Dufarges Black Wing getötet hatten. Ein eigentümliches, herzzerreißendes Ächzen letzten Schmerzes entrang sich dem lachenden Mann. Matt griff er nach dem Fläschchen Adlerblut und zerdrückte es in der Hand. Das wenige Blut, das er noch in sich hatte, rann ihm dünn übers Handgelenk. Er gebot Omba, wegzuschauen, und Omba gehorchte schluchzend. Als letzte Handlung zog sich der lachende Mann, bevor er das Gesicht auf den blutbefleckten Boden senkte, die Maske ab.

Da endete die Geschichte natürlich. (Um nie wieder aufgenommen zu werden.) Der Häuptling ließ den Bus an. Neben mir, auf der anderen Seite des Ganges, brach Billy Walsh, der allerjüngste der Komantschen, in Tränen aus. Keiner von uns sagte ihm, er solle still sein. Was mich betrifft, so erinnere ich mich, dass mir die Knie zitterten.

Einige Minuten später, als ich aus dem Bus des Häuptlings trat, fiel mein Blick zufällig als Erstes auf ein rotes Seidenpapier, das am Fuß eines Laternenpfahls im Wind flatterte. Es sah aus wie eine Mohnblütenmaske. Als ich nach Hause kam, klapperten mir unbeherrschbar die Zähne, und ich wurde sofort ins Bett geschickt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

AM DINGI

 

Es war kurz nach vier Uhr an einem Spätsommernachmittag. Seit mittags war Sandra, das Hausmädchen, ungefähr fünfzehn oder zwanzig Mal in der Küche mit zusammengekniffenem Mund vom Fenster zum Seeufer zurückgetreten. Dieses Mal band sie dabei ihre Schürzenbänder geistesabwesend auf und wieder zusammen, zog sie fest, soweit es ihr gewaltiger Taillenumfang zuließ. Dann ging sie zurück zum Emailtisch und ließ ihren frisch uniformierten Leib auf den Stuhl gegenüber von Mrs Snell sinken. Mrs Snell trank, nachdem sie mit Putzen und Bügeln fertig war, ihre übliche Tasse Tee, bevor sie die Straße entlang zur Bushaltestelle ging. Mrs Snell hatte schon ihren Hut auf. Es war die interessante schwarze Kopfbedeckung aus Filz, die sie nicht nur den ganzen Sommer, sondern die vergangenen drei Sommer hindurch getragen hatte bei rekordverdächtigen Hitzewellen, bei Lebensveränderungen, über zig Bügelbrettern, bei der Bedienung Dutzender von Staubsaugern. Noch immer befand sich das Hattie-Carnegie-Etikett darin, verschossen, aber (wie man sagen könnte) aufrecht.

»Darüber reg ich mich nicht auf«, verkündete Sandra zum fünften oder sechsten Mal, sich selbst ebenso wie Mrs Snell. »Ich hab mich entschieden, darüber reg ich mich nicht auf. Wo zu auch?«

»Gut so«, sagte Mrs Snell. »Ich würde es auch nicht. Wirklich nicht. Gib mir doch bitte mal meine Tasche.«

Eine lederne Handtasche, extrem abgewetzt, aber innen mit einem Etikett, das ebenso eindrucksvoll war wie das in Mrs Snells Hut, lag auf der Anrichte. Sandra kam an die Tasche heran, ohne aufstehen zu müssen. Sie reichte sie Mrs Snell über den Tisch hinweg, die öffnete sie und holte eine Schachtel Mentholzigaretten sowie ein Briefchen Stork-Club-Streichhölzer heraus.

Mrs Snell zündete sich eine Zigarette an und führte dann die Teetasse an den Mund, stellte sie aber gleich wieder auf die Untertasse. »Wenn der nicht schleunigst abkühlt, verpasse ich noch meinen Bus

Sie sah zu Sandra hin, die bedrückt ungefähr in die Richtung der an der Wand aufgereihten Kupfertöpfe starrte. »Reg dich bloß nicht auf«, befahl Mrs Snell. »Was nützt es schon, sich drüber aufzuregen. Entweder er sagt’s ihr oder eben nicht. Weiter ist nichts. Was nützt es, sich darüber aufzuregen?«

»Ich rege mich ja gar nicht auf«, erwiderte Sandra. »Das wäre das Letzte, dass ich mich darüber aufrege. Es macht einen bloß wahnsinnig, wie dieser Junge so durchs Haus schleicht. Man hört ihn ja gar nicht, weißt du. Ich meine, niemand hört ihn, weißt du. Erst neulich, ich putze grade Bohnen genau hier am Tisch , bin ich ihm doch fast auf die Hand getreten. Er hat genau unterm Tisch gesessen.«

»Also, ich würde mich darüber nicht aufregen.«

»Ich meine, bei ihm muss man jedes Wort auf die Goldwaage legen«, sagte Sandra. »Das macht einen wahnsinnig.«

»Ich kann das immer noch nicht trinken«, sagte Mrs Snell. » Schrecklich ist das. Wenn man jedes Wort auf die Goldwaage legen muss und so.«

»Es macht einen wahnsinnig! Ganz ehrlich. Die Hälfte der Zeit bin ich halb wahnsinnig Sandra wischte sich ein paar eingebildete Krümel vom Schoß und schnaubte. »Ein Vierjähriger!«

»Er ist ja schon ein hübscher Junge«, sagte Mrs Snell. »Die großen braunen Augen und so.«

Erneut schnaubte Sandra. »Der kriegt mal eine Nase genau wie sein Vater

Sie hob ihre Tasse und trank ohne Schwierigkeiten. »Ich weiß nicht, wozu die den ganzen Oktober hierbleiben wollen«, nörgelte sie und senkte die Tasse. »Ich meine, keiner von denen geht doch auch nur in die Nähe vom Wasser. Sie geht nicht rein, er geht nicht rein, der Junge geht nicht rein, deiner geht mehr rein. Die fahren nicht mal mehr mit diesem verrückten Boot raus. Ich weiß auch nicht, warum sie dafür gutes Geld rausgeschmissen haben.«

»Ich weiß nicht, wie du den trinken kannst. Ich kann’s jedenfalls nicht.«

Sandra starrte voller Groll auf die Wand gegenüber. »Ich bin ja nur froh, wenn ich wieder in die Stadt komm. Ganz ehrlich. Ich hasse dieses verrückte Haus Sie warf Mrs Snell einen feindseligen Blick zu. »Für dich mag das ja angehn, du lebst hier das ganze Jahr. Du hast hier deine Freunde und Bekannten und so. Dir ist das egal.«

»Ich trink das jetzt, und wenn’s mich umbringt«, sagte Mrs Snell mit einem Blick auf die Uhr überm Elektroherd.

»Was tätest du denn an meiner Stelle?«, fragte Sandra unvermittelt. »Ich mein, was würdest du denn tun? Die Wahrheit bitte.«

Das war eine jener Fragen, in die Mrs Snell wie in einen Hermelinmantel schlüpfte. Sogleich war die Teetasse vergessen. »Also, als Erstes«, sagte sie, »würde ich mich darüber nicht aufregen. Was ich machen würde, ich würde mich nach einer anderen «

»Ich reg mich doch gar nicht auf«, fiel Sandra ihr ins Wort.

»Das weiß ich, aber was ich machen würde, ich würde mir einfach eine «

 

Die Schwingtür zum Esszimmer ging auf, und in die Küche kam Boo Boo Tannenbaum, die Dame des Hauses. Sie war eine kleine, beinahe hüftlose junge Frau von fünfundzwanzig Jahren, die ihre frisurlosen, farblosen, spröden Haare hinter ihre sehr großen Ohren geschoben hatte. Sie trug eine knielange Jeans, einen schwarzen Rollkragenpullover, Socken und Halbschuhe. Abgesehen von ihrem Namen, der ein Witz war, abgesehen auch von ihrer grundsätzlichen Unhübschheit war sie was dauerhaft denkwürdige, übermäßig scharfsichtige, kleinräumige Gesichter betrifft eine umwerfende und vollkommene junge Frau. Sie ging stracks zum Kühlschrank und öffnete ihn. Während sie, die Beine auseinander und die Hände auf den Knien, hineinspähte, pfiff sie unmelodisch durch die Zähne und hielt dabei mit einer kleinen ungenierten Pendelbewegung ihres Hinterns den Takt. Sandra und Mrs Snell verstummten. Mrs Snell drückte ohne Eile ihre Zigarette aus.

»Sandra «

»Ja, Ma’am

Sandra blickte wachsam an Mrs Snells Hut vorbei.

»Sind denn keine Pickles mehr da? Ich möchte ihm gern ein paar Pickles bringen.«

»Er hat sie gegessen«, berichtete Sandra schlau. »Er hat sie gestern Abend gegessen, bevor er ins Bett gegangen ist. Es waren bloß noch zwei da.«

»Ach. Na, dann kaufe ich welche, wenn ich zum Bahnhof gehe. Ich dachte, vielleicht könnte ich ihn ja aus dem Boot locken

Boo Boo schloss die Kühlschranktür und trat ans Fenster zum Seeufer, um hinauszuschauen. »Brauchen wir noch etwas anderes?«, fragte sie vom Fenster her.

»Bloß Brot.«

»Ich habe Ihnen Ihren Scheck auf den Flurtisch gelegt, Mrs Snell. Vielen Dank.«

»Okay«, sagte Mrs Snell. »Wie ich höre, läuft Lionel gern weg

Sie lachte kurz auf.

»Jedenfalls sieht’s so aus«, sagte Boo Boo und schob die Hände in die Gesäßtaschen.

»Wenigstens läuft er nicht sehr weit weg«, sagte Mrs Snell und lachte erneut kurz auf.

Am Fenster veränderte Boo Boo ganz leicht die Haltung, sodass sie nicht mehr direkt mit dem Rücken zu den beiden Frauen am Tisch stand. »Nein«, sagte sie und schob sich ein paar Haare hinter die Ohren. Rein zur Information fügte sie hinzu: »Seit er zwei war, ist er regelmäßig losgezogen. Aber nie sehr weit. In der Stadt jedenfalls ist er, glaube ich, nicht weiter als bis zur Mall im Central Park gekommen. Nur zwei Straßen von zu Hause weg. Das am wenigsten Weite oder Kürzeste war die Eingangstür unseres Hauses. Da stand er, um sich von seinem Vater zu verabschieden.«

Beide Frauen am Tisch lachten.

»Die Mall ist das, wo sie in New York alle Schlittschuh laufen«, sagte Sandra sehr umgänglich zu Mrs Snell. »Die Kinder und so.«

»Oh!«, sagte Mrs Snell.

»Da war er erst drei. Es war erst letztes Jahr«, sagte Boo Boo und zog aus einer Seitentasche ihrer Jeans eine Schachtel Zigaretten und ein Briefchen Streichhölzer. Sie zündete sich eine an, wobei die beiden Frauen ihr interessiert zusahen. »Große Aufregung. Für die Suche nach ihm war die gesamte Polizeitruppe im Einsatz.«

»Haben sie ihn gefunden?«, fragte Mrs Snell.

»Aber natürlich!«, sagte Sandra verachtungsvoll. »Was glaubst du denn?«

»Sie haben ihn nachts um Viertel nach elf gefunden, mitten im mein Gott, Februar, glaube ich. Kein Kind im Park. Nur Räuber, nehme ich an, und eine Ansammlung herumstromernden Gesindels. Er saß im Musikpavillon auf dem Boden und rollte eine Murmel auf einer Ritze hin und her. Halb erfroren, und wie er aussah «

»Heiliger Strohsack!«, sagte Mrs Snell. »Wie ist das denn passiert? Ich meine, weshalb ist er denn weggelaufen?«

Boo Boo blies einen einzelnen fehlerhaften Rauchring gegen eine Glasscheibe. »An dem Nachmittag war irgendein Kind im Park mit der träumerischen Fehlinformation Du stinkst, Kleiner zu ihm hingegangen. »Wenigstens glauben wir, dass er es deshalb gemacht hat. Ich weiß auch nicht, Mrs Snell. Das ist mir alles eine Spur zu hoch.«

»Wie lange macht er das denn schon?«, fragte Mrs Snell. »Ich meine, wie lange macht er das denn schon?«

»Also, im Alter von zweieinhalb Jahren«, sagte Boo Boo biografisch, »flüchtete er unter ein Spülbecken im Keller unseres Hauses. In der Waschküche. Naomi Sowieso eine enge Freundin von ihm hatte ihm gesagt, in ihrer Thermosflasche sei ein Wurm. Jedenfalls war das das Einzige, was wir aus ihm rausgekriegt haben

Boo Boo seufzte und trat mit einer langen Asche an ihrer Zigarette vom Fenster weg. Sie ging Richtung Fliegentür. »Ich versuch’s jetzt noch mal«, sagte sie als Abschiedsgruß an beide Frauen.

Sie lachten.

»Mildred«, wandte sich Sandra, noch immer lachend, an Mrs Snell, »du verpasst noch deinen Bus, wenn du nicht in die Puschen kommst.«

Boo Boo zog die Fliegentür hinter sich zu.

 

Sie stand auf dem leicht abfallenden Rasen vorm Haus, im Rücken die tief stehende, stechende Nachmittagssonne. Ungefähr zweihundert Meter vor ihr saß ihr Sohn Lionel auf der Heckbank des Dingis seines Vaters. Angebunden und ohne Haupt- und Klüversegel trieb das Dingi in einem perfekten rechten Winkel vom äußeren Ende des Anlegers weg. Ungefähr fünfzehn Meter dahinter trieb mit der Unterseite nach oben ein verlorener oder abgelegter Wasserski, aber auf dem See waren keine Vergnügungsboote zu sehen, nur das Heck der Bezirksbarkasse auf der Fahrt zum Anleger Leech. Boo Boo fand es eigentümlich schwierig, Lionel fest im Blick zu behalten. Die Sonne war zwar nicht besonders warm, dabei aber so leuchtend, dass sie jedes entferntere Bild einen Jungen, ein Boot beinahe so schwankend und lichtbrechend wie einen Stock im Wasser erscheinen ließ. Nach ein paar Minuten wandte sich Boo Boo von dem Bild ab. Sie zerrupfte ihre Zigarette wie beim Militär und ging dann Richtung Anleger.

Es war Oktober, und die von den Anlegerplanken reflektierte Hitze konnte ihr nicht mehr ins Gesicht schlagen. Beim Gehen pfiff sie »Kentucky Babe« durch die Zähne. Als sie das Ende des Anlegers erreichte, hockte sie sich mit knackenden Knien an der rechten Kante hin und schaute zu Lionel hinab. Er war weniger als eine Ruderlänge von ihr entfernt. Er schaute nicht auf.

»Ahoi«, sagte Boo Boo. »Freund. Pirat. Dreckiger Hund. Da bin ich wieder.«

Lionel blickte noch immer nicht auf und fühlte sich jäh berufen, seine Segelkünste zu demonstrieren. Er schwenkte die leblose Ruderpinne ganz nach rechts und riss sie gleich darauf zu sich zurück. Den Blick hatte er nur auf das Bootsdeck gerichtet.

»Ich bin’s«, sagte Boo Boo. »Vizeadmiral Tannenbaum. Geborene Glass. Bin gekommen, um die Stermaphoren zu inspizieren.«

Nun gab es eine Antwort.

»Du bist kein Admiral. Du bist eine Dame«, sagte Lionel. Seine Sätze waren in der Regel mindestens einmal durch falsche Atemtechnik unterbrochen, sodass die betonten Wörter, statt anzusteigen, sanken. Boo Boo lauschte nicht nur seiner Stimme, sie schien sie sogar zu beobachten.

»Wer hat dir das gesagt? Wer hat gesagt, ich sei kein Admiral?«

Lionel antwortete, aber unhörbar.

»Wer?«, fragte Boo Boo.

»Papa.«

Noch immer in der Hocke, schob Boo Boo die linke Hand durch das V ihrer Beine und berührte die Anlegerplanken, um das Gleichgewicht zu halten. »Dein Papa ist ein netter Kerl«, sagte sie, »aber er ist wahrscheinlich die größte mir bekannte Landratte. Es ist vollkommen richtig, wenn ich im Hafen bin, dann bin ich eine Dame das ist richtig. Doch meine wahre Berufung ist vor allem anderen und immerdar das weite «

»Du bist kein Admiral«, sagte Lionel.

»Wie bitte?«

»Du bist kein Admiral. Du bist immer eine Dame.«

Eine kurze Stille entstand. Lionel füllte sie, indem er den Kurs seines Fahrzeugs erneut wechselte er hielt die Pinne beidarmig. Er trug kakifarbene Shorts und ein sauberes weißes TShirt, auf der Brust ein farbiges Bild von Jerome dem Strauß, der Geige spielt. Lionel war ziemlich gebräunt, und seine Haare, nach Farbe und Beschaffenheit fast genau wie die seiner Mutter, waren oben ein wenig von der Sonne gebleicht.

»Viele glauben, dass ich kein Admiral bin«, sagte Boo Boo, die Lionel beobachtete. »Nur weil ich es nicht herumposaune

Das Gleichgewicht haltend, holte sie eine Zigarette und Streichhölzer aus der Seitentasche ihrer Jeans. »Ich bin fast nie versucht, mit Leuten über meinen Dienstgrad zu diskutieren. Schon gar nicht mit kleinen Jungs, die mich nicht mal ansehen, wenn ich mit ihnen spreche. Da würde ich ja aus dem verflixten Dienst fliegen

Ohne sich die Zigarette anzuzünden, erhob sie sich plötzlich, stand übertrieben aufrecht da, machte aus Daumen und Zeigefinger der rechten Hand ein Oval, führte das Oval an den Mund und stieß wie mit einem Kazoo einen Ton ähnlich einem Hornsignal aus. Sogleich blickte Lionel auf. Aller Wahrscheinlichkeit nach war er sich bewusst, dass das Signal Schwindel war, gleichwohl wirkte er zutiefst erregt; ihm fiel das Kinn herunter. Boo Boo ließ das Signal ein eigentümliches Gemisch aus »Zapfenstreich« und »Weckruf« dreimal ohne Pause ertönen. Dann salutierte sie förmlich zum gegenüberliegenden Uferstreifen hin. Als sie wieder am Rand des Anlegers in die Hocke ging, schien sie dies mit dem größten Bedauern zu tun, als wäre sie soeben von einem der Werte der Marinetradition, der der Allgemeinheit und kleinen Jungs verschlossen war, tief berührt gewesen. Einen Augenblick lang schaute sie auf den belanglosen Horizont des Sees und schien sich dann zu erinnern, dass sie nicht vollständig allein war. Sie schaute würdevoll auf Lionel hinab, dem noch immer der Mund offen stand. »Das war ein geheimes Hornsignal, das nur Admirale hören dürfen.«

Sie zündete sich ihre Zigarette an und blies das Streichholz mit einem theatralisch dünnen, langen Rauchstrom aus. »Wenn jemand erfahren würde, dass ich dich dieses Signal habe hören lassen «

Sie schüttelte den Kopf. Erneut fixierte sie den Sextanten ihres Auges auf den Horizont.

»Mach’s noch mal.«

»Unmöglich.«

»Warum?«

Boo Boo zuckte die Achseln. »Zum einen zu viele niedrige Offiziere in der Gegend

Sie wechselte die Haltung und ging in den Schneidersitz. Sie zog sich die Socken hoch. »Ich sage dir aber, was ich mache«, sagte sie nüchtern. »Wenn du mir sagst, warum du wegläufst, dann spiele ich dir jedes geheime Hornsignal vor, das ich kenne. In Ordnung?«

Sofort schaute Lionel wieder aufs Deck hinunter. »Nein«, sagte er.

»Warum nicht?«

»Darum.«

»Warum darum?«

»Weil ich nicht will«, sagte Lionel und riss, um es zu unterstreichen, die Pinne herum.

 

 

Boo Boo schirmte die rechte Gesichtshälfte gegen den grellen Schein der Sonne ab. »Du hast mir gesagt, mit dem Weglaufen sei es vorbei«, sagte sie. »Wir haben darüber gesprochen, und du hast mir gesagt, es sei vorbei. Du hast es mir versprochen.«

Lionel gab eine Antwort, aber sie war nicht zu hören.

»Was?«, sagte Boo Boo.

»Das hab ich nicht versprochen.«

»O doch, das hast du. Das hast du ganz sicher.«

Lionel steuerte wieder sein Boot herum. »Wenn du ein Admiral bist«, sagte er, »wo ist dann deine Flotte

»Meine Flotte. Gut, dass du mich danach fragst«, sagte Boo Boo und machte Anstalten, sich in das Dingi hinabzulassen.

»Raus da!«, befahl Lionel, ohne jedoch schrill zu werden, und hielt den Blick weiter gesenkt. »Hier kann niemand rein.«

»Nicht

Boo Boos Fuß berührte schon den Bug des Bootes. Gehorsam zog sie ihn auf Höhe des Anlegers zurück. »Wirklich niemand

Sie ging wieder in den Schneidersitz. »Warum nicht?«

Lionels Antwort war vollständig, aber, wie zuvor, nicht laut genug.

»Was?«, fragte Boo Boo.

»Weil es nicht erlaubt ist.«

Boo Boo, den Blick unverwandt auf den Jungen gerichtet, sagte eine volle Minute lang nichts.

»Das tut mir leid«, sagte sie schließlich. »Ich würde doch so gern zu dir ins Boot kommen. Ich sehne mich so nach dir. Ich vermisse dich so sehr. Ich bin den ganzen Tag allein zu Hause gewesen, niemand ist da, mit dem ich reden kann.«

Lionel schwenkte die Pinne nicht. Er untersuchte die Maserung des Holzes am Griff. »Du kannst doch mit Sandra reden«, sagte er.

»Sandra hat zu tun«, sagte Boo Boo. »Und überhaupt will ich nicht mit Sandra reden, sondern mit dir. Ich will zu dir in dein Boot kommen und mit dir reden.«

»Du kannst auch von da aus reden.«

»Was?«

»Du kannst auch von da aus reden.«

»Nein. Das ist zu weit weg. Ich muss näher rankommen.«

Lionel schwenkte die Pinne. »Hier kann niemand rein«, sagte er.

»Was?«

»Hier kann niemand rein.«

»Und sagst du mir dann von dort aus, warum du wegläufst?«, fragte Boo Boo. »Nachdem du versprochen hattest, dass es damit vorbei ist?«

Auf dem Deck des Dingis, neben der Heckbank, lag eine Taucherbrille. Als Antwort schob Lionel das Gummiband der Brille zwischen den großen und den zweiten Zeh seines rechten Fußes und schnippte die Brille mit einer flinken, kurzen Beinbewegung über Bord. Sie ging sofort unter.

»Das ist toll. Das ist ja konstruktiv«, sagte Boo Boo. »Die gehört deinem Onkel Webb. Na, der wird sich freuen

Sie zog an ihrer Zigarette. »Die hat mal deinem Onkel Seymour gehört.«

»Mir doch egal.«

»Das sehe ich. Ja, das sehe ich«, sagte Boo Boo. Ihre Zigarette klemmte in einem eigentümlichen Winkel zwischen zwei Fingern; sie brannte gefährlich nahe an einer Knöchelkerbe. Plötzlich spürte Boo Boo die Hitze und ließ die Zigarette auf die Seeoberfläche fallen. Dann nahm sie etwas aus einer ihrer Seitentaschen. Es war ein Päckchen, ungefähr von der Größe eines Kartenspiels, in weißes Papier eingeschlagen und mit einem grünen Band umwickelt. »Das ist eine Schlüsselkette«, sagte sie, als sie spürte, wie sich die Augen des Jungen darauf richteten. »Genau wie die von Papa. Aber mit viel mehr Schlüsseln dran als an Papa’s. An der hier sind zehn Schlüssel.«

Lionel beugte sich auf der Bank vor und ließ die Pinne los. Er streckte die Hände zum Fangen aus. »Wirfst du sie?«, sagte er. »Bitte?«

»Bleiben wir noch einen Moment sitzen, Schätzchen.

Ich muss ein wenig nachdenken. Eigentlich sollte ich diese Schlüsselkette in den See werfen.«

Lionel starrte mit offenem Mund zu ihr herauf. Er schloss den Mund. »Die gehört mir«, sagte er, schon weniger kategorisch.

Boo Boo sah zu ihm hinunter und sagte achselzuckend: »Mir doch egal.«

Lionel lehnte sich langsam auf der Ruderbank zurück und griff, seine Mutter im Blick, hinter sich nach der Pinne. Seine Augen spiegelten reine Einsicht, wie seine Mutter es erwartet hatte.

»Hier

Boo Boo warf das Päckchen zu ihm hinunter. Es landete mitten auf seinem Schoß.

Er betrachtete es auf seinem Schoß, nahm es, betrachtete es in seiner Hand und schleuderte es seitlich in den See. Danach schaute er sofort auf Boo Boo, die Augen nicht voller Trotz, sondern voller Tränen. Und noch einen Augenblick später war sein Mund zu einer waagerechten Acht verzerrt, und er weinte heftig.

Boo Boo stand auf, behutsam wie jemand, dessen Fuß im Theater eingeschlafen ist, und ließ sich in das Dingi hinab. Einen Augenblick darauf war sie auf der Heckbank, hatte den Skipper auf dem Schoß und wiegte ihn und küsste ihn in den Nacken und gab bestimmte Meldungen aus: »Matrosen weinen doch nicht, Baby. Matrosen weinen nie. Erst wenn ihr Schiff sinkt. Oder wenn sie Schiffbruch erleiden, auf einem Floß oder so, und nichts zu trinken haben außer «

»Sandra hat Mrs Snell gesagt dass Papa ein großer sentimentaler kike* ist.«

* Unübersetzbarer Verständnisfehler Lionels, der kike, pejorativ für Jude, als kite, Drachen, versteht.

Nur so eben wahrnehmbar zuckte Boo Boo zusammen, doch sie hob den Jungen von ihrem Schoß, stellte ihn vor sich hin und strich ihm die Haare aus der Stirn. »Das hat sie gesagt, hm?«, sagte sie.

Lionel hob und senkte emphatisch den Kopf. Noch immer weinend kam er näher, stellte sich zwischen die Beine seiner Mutter.

»Na, das ist ja nicht so schlimm«, sagte Boo Boo und hielt ihn mit Armen und Beinen fest umschlungen. »Das ist nicht das Schlimmste, was passieren könnte

Sanft biss sie dem Jungen in den Rand des Ohrs. »Weißt du denn, was ein kike ist, Süßer?«

Lionel war entweder nicht bereit oder nicht in der Lage, gleich zu sprechen. Jedenfalls wartete er, bis der Schluckauf vom Weinen ein wenig nachgelassen hatte. Dann erfolgte seine Antwort, gedämpft, aber hörbar, in die Wärme von Boo Boos Nacken. »Das ist so ein Ding, das in die Luft geht«, sagte er. »Mit einer Schnur zum Festhalten.«

Um ihn besser ansehen zu können, stieß Boo Boo ihren Sohn leicht von sich weg. Dann schob sie ihm heftig eine Hand in den Hosenboden, was den Jungen ungeheuer verblüffte, zog sie aber fast sofort wieder heraus und stopfte ihm ordentlich das Hemd in die Hose. »Weißt du was«, sagte sie, »wir fahren in die Stadt und kaufen Pickles und auch Brot, und dann essen wir die Pickles im Auto, und dann fahren wir zum Bahnhof und holen Papa ab, und dann bringen wir Papa nach Hause und sagen ihm, er soll uns im Boot rumfahren. Du musst ihm aber helfen, die Segel zu tragen. Okay?«

»Okay«, sagte Lionel.

Sie gingen nicht zum Haus zurück, sie rannten um die Wette. Lionel siegte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

FÜR ESMÉ IN LIEBE UND ELEND

 

Erst kürzlich erhielt ich per Luftpost eine Einladung zu einer Hochzeit, die am 18. April in England stattfinden wird. Zufällig ist es eine Hochzeit, an der ich nur zu gern teilnähme, und als die Einladung eintraf, glaubte ich zunächst, es könnte mir gerade noch so möglich sein, die Auslandsreise zu machen, mit dem Flugzeug, Kosten hin oder her. Allerdings habe ich die Angelegenheit seither recht ausführlich mit meiner Frau besprochen, einem atemberaubend vernünftigen Wesen, und wir haben uns dagegen entschieden zum Beispiel hatte ich vollkommen vergessen, dass meine Schwiegermutter sich schon darauf freut, die letzten beiden Aprilwochen bei uns zu verbringen. Ich bekomme Mutter Grencher wirklich nicht schrecklich oft zu Gesicht, und sie wird auch nicht jünger. Sie ist achtundfünfzig. (Was sie als Erste zugeben würde.)

Aber egal, wo immer ich auch bin, ich bin wohl nicht der Typ, der keinen Finger rührt, um zu verhindern, dass eine Hochzeit flachfällt. Entsprechend habe ich mir einige aufschlussreiche Notizen über die Braut gemacht, wie ich sie vor fast sechs Jahren kennengelernt habe. Sollten meine Notizen dem Bräutigam, den ich nicht kenne, den einen oder anderen Moment der Unruhe bescheren, umso besser. Niemand will hier gefallen. Sondern eher erbauen, belehren.

Im April 1944 war ich einer von rund sechzig amerikanischen Rekruten, die an einer ziemlich spezialisierten, vom britischen Geheimdienst im englischen Devon durchgeführten Prä-Invasions-Ausbildung teilnahmen. Und wenn ich nun zurückblicke, will mir scheinen, dass wir ziemlich einzigartig waren, wir sechzig, und zwar weil in unserer Truppe nämlich kein Einziger so richtig gesellig war. Wir schrieben im Grunde alle nur Briefe, und wenn wir außerhalb des Dienstes miteinander sprachen, dann meistens nur, um einen zu fragen, ob er ein wenig Tinte übrig habe. Wenn wir nicht gerade Briefe schrieben oder im Unterricht waren, ging jeder eher seiner eigenen Wege. Meiner führte mich, an schönen Tagen, zumeist auf malerische Rundgänge durch die Landschaft. An Regentagen saß ich im Allgemeinen an einem trockenen Plätzchen und las ein Buch, häufig nur auf Axtlänge von einer Tischtennisplatte.

Das Ausbildungsprogramm dauerte drei Wochen und endete an einem Samstag, einem sehr regnerischen. An jenem letzten Abend sollte unsere ganze Gruppe um sieben mit dem Zug nach London fahren, wo wir, so das Gerücht, Infanterie- und Luftlandedivisionen zugeteilt werden sollten, die für die D-Day-Landungen bereitgestellt waren. Um drei Uhr nachmittags hatte ich meine gesamte Habe in meinen Seesack gepackt, darunter ein Gasmaskenbehälter aus Segeltuch voller Bücher, die ich von der anderen Seite mitgebracht hatte. (Die Gasmaske selbst hatte ich einige Wochen zuvor durch ein Bullauge der Mauretania geschmissen, da mir völlig klar war, dass ich, falls der Feind Gas einsetzte, das verdammte Ding nie im Leben rechtzeitig aufgesetzt bekäme.) Ich weiß noch, wie ich sehr lange an einem Endfenster in unserer Nissenhütte stand und auf den schräg fallenden trostlosen Regen blickte und mein Abzugsfinger unmerklich zuckte, wenn überhaupt. Hinter mir hörte ich das unkameradschaftliche Kratzen vieler Füllfedern auf vielen Bögen V-Mail-Papier. Unvermittelt, ohne etwas Besonderes im Sinn, trat ich vom Fenster weg und zog Regenmantel, Kaschmirschal, Galoschen, Wollhandschuhe und Schiffchen an (Letzteres trug ich, wie man mir noch heute sagt, in einem ganz eigenen Winkel ein wenig über beide Ohren gezogen). Dann, nachdem ich meine Armbanduhr nach der Wanduhr in der Latrine gestellt hatte, ging ich den langen, nassen, kopfsteingepflasterten Hang in die Stadt hinab. Die Blitze um mich herum ignorierte ich. Entweder man stand auf der Liste oder eben nicht.

In der Stadtmitte, die wahrscheinlich der nässeste Teil der Stadt war, blieb ich vor einer Kirche stehen, um das Schwarze Brett zu lesen, vor allem, weil die Ziffern darauf, weiß auf schwarz, meine Aufmerksamkeit erregt hatten, teils aber auch, weil ich nach drei Jahren bei der Armee süchtig danach geworden war, Schwarze Bretter zu lesen. Um drei Uhr fünfzehn, so erklärte das Brett, finde eine Probe des Kinderchors statt. Ich schaute auf meine Armbanduhr und wieder aufs Brett. Angeschlagen war noch ein Blatt Papier mit den Namen der Kinder, die an der Probe teilnehmen sollten. Im Regen stehend, las ich alle Namen, dann betrat ich die Kirche.

Ungefähr ein Dutzend Erwachsene waren über die Bänke verteilt, einige hatten Paare kleiner Gummiüberschuhe auf dem Schoß, Sohlen nach oben. Ich ging weiter und setzte mich in die erste Reihe. Auf dem Podium saßen, in drei kompakten Reihen Kinostühlen, ungefähr zwanzig Kinder, hauptsächlich Mädchen; das Alter der Kinder reichte von sieben bis dreizehn. Gerade wurden sie von ihrer Chorleiterin, einer mächtigen Frau in Tweed, aufgefordert, den Mund beim Singen ein wenig weiter zu öffnen. Ob denn jemand, fragte sie, schon einmal von einem kleinen Piepmatz gehört habe, der es wagte, sein reizendes Lied zu singen, ohne zunächst seinen kleinen Schnabel weit, weit, weit aufzusperren? Offenbar hatte noch keiner davon gehört. Alle blickten sie fest und undurchdringlich an, schließlich sagte sie, dass alle Kinder den Sinn der Worte, die sie sängen, aufnehmen sollten und sie nicht einfach nur schreien wie dusselige Papageien. Dann blies sie einen Ton auf ihrer Stimmpfeife, und wie minderjährige Gewichtheber hoben die Kinder ihre Gesangbücher.

Sie sangen ohne Instrumentalbegleitung oder, in ihrem Fall genauer, ohne jede Einmischung. Ihre Stimmen waren melodiös und unsentimental fast bis zu einem Punkt, an dem ein etwas religiöserer Mensch als ich ohne Anstrengung eine Levitation erlebt hätte. Einige der allerjüngsten Kinder verschleppten das Tempo ein klein wenig, aber so, dass nur die Mutter des Komponisten etwas daran auszusetzen gehabt hätte. Ich hatte das Lied noch nie gehört, doch ich hoffte immerzu, es wäre eins mit einem Dutzend oder mehr Strophen. Ich ließ den Blick über die Gesichter aller Kinder schweifen, betrachtete aber besonders das eines Mädchens, das mir am nächsten auf dem Stuhl am Ende der ersten Reihe saß. Sie war ungefähr dreizehn, hatte glattes, aschblondes Haar auf Ohrläppchenlänge, eine erlesene Stirn und blasierte Augen, die, so dachte ich, das Publikum abschätzen mochten. Ihre Stimme hob sich von den anderen Kinderstimmen deutlich ab, und zwar nicht nur, weil sie mir am nächsten saß. Sie hatte das beste obere Register, das lieblichste, das sicherste, und sie gab automatisch die Richtung vor. Die junge Dame selbst hingegen wirkte von ihren gesanglichen Qualitäten ein klein wenig gelangweilt, vielleicht aber auch nur von Zeit und Ort; zweimal sah ich sie zwischen den Strophen gähnen. Es war ein damenhaftes Gähnen, eines mit geschlossenem Mund, aber es blieb einem nicht verborgen; ihre Nasenflügel verrieten sie.

Kaum war das Lied zu Ende, gab die Chorleiterin ihre weitschweifige Meinung über Leute zum Besten, die während der Predigt des Pfarrers nicht die Füße still und die Lippen fest verschlossen halten können. Ich entnahm dem, dass der Gesangsteil der Probe vorüber war, und bevor die dissonante Sprechstimme der Leiterin den Zauber des Kindergesangs vollends brechen konnte, stand ich auf und verließ die Kirche.

Es regnete noch stärker. Ich ging die Straße entlang und schaute durchs Fenster vom Aufenthalts raum des Roten Kreuzes, doch an der Kaffeetheke standen die Soldaten zwei, drei Mann tief, und selbst durch die Scheibe konnte ich das Klackern von Tischtennisbällen in einem anderen Raum hören. Ich überquerte die Straße und betrat eine Zivilisten-Teestube, leer bis auf eine Kellnerin mittleren Alters, die aussah, als wäre ihr ein Gast mit einem trockenen Regenmantel lieber gewesen. Ich benutzte den Kleiderständer so feinfühlig wie möglich, setzte mich dann an einen Tisch und bestellte Tee mit Zimttoast. Es war das erste Mal an diesem ganzen Tag, dass ich mit jemandem sprach. Dann durchsuchte ich alle meine Taschen, einschließlich derer meines Regenmantels, und fand dann auch zwei uralte Briefe, die ich noch einmal lesen konnte, einer von meiner Frau, die mir mitteilte, wie sehr der Service bei Schrafft’s Eightyeighth Street nachgelassen habe, und einer von meiner Schwiegermutter, die mich bat, ihr doch bei der ersten Gelegenheit, wenn ich aus dem »Camp« käme, Kaschmirgarn zu schicken.

Während ich noch bei meiner ersten Tasse Tee saß, betrat die junge Dame aus dem Chor, die ich betrachtet und der ich zugehört hatte, die Teestube. Ihre Haare waren triefend nass, und die Ränder beider Ohren waren zu sehen. Sie kam in Begleitung eines sehr kleinen Jungen, unzweifelhaft ihr Bruder, dem sie die Mütze abnahm, indem sie sie mit zwei Fingern vom Kopf hob, als wäre sie eine Laborprobe. Die Nachhut bildete eine effizient wirkende Frau mit einem schlaffen Filzhut vermutlich das Kinderfräulein. Das Chormitglied traf, während es, den Mantel ausziehend, über den Fußboden schritt, die Auswahl des Tisches aus meiner Perspektive eine gute, da er nur zwei Meter fünfzig oder drei Meter unmittelbar vor mir stand. Sie und das Kinderfräulein setzten sich. Der kleine Junge, der fünf gewesen sein dürfte, war noch nicht so weit. Er zog seine Matrosenjacke aus und legte sie weg, machte sich dann mit der ausdruckslosen Miene der geborenen Nervensäge methodisch daran, sein Kinderfräulein zu ärgern, indem er seinen Stuhl mehrmals heraus- und hineinschob und dabei ihr Gesicht beobachtete. Das Kinderfräulein forderte ihn wiederholt mit gesenkter Stimme auf, sich zu setzen und damit auch mit dem Theater aufzuhören, doch erst als seine Schwester mit ihm sprach, beruhigte er sich und bequemte sein Hinterteil auf den Stuhlsitz. Sofort nahm er seine Serviette und legte sie sich auf den Kopf. Seine Schwester zog sie ihm weg, faltete sie auseinander und breitete sie auf seinem Schoß aus.

Etwa um die Zeit, als ihnen der Tee gebracht wurde, ertappte mich das Chormitglied dabei, wie ich die Gruppe anstarrte. Sie starrte mit ihrem publikumabschätzenden Blick zurück und warf mir dann ein kleines, verhaltenes Lächeln zu. Es war seltsam strahlend, wie ein bestimmtes kleines, verhaltenes Lächeln es zuweilen ist. Ich lächelte zurück, weit weniger strahlend, denn ich hielt die Oberlippe über eine kohlschwarze provisorische GIFüllung, die zwischen zwei Schneidezähnen zu sehen war. Ehe ich’s mich versah, stand die junge Dame mit beneidenswerter Selbstsicherheit an meinem Tisch. Sie trug ein Kleid mit Schottenkaro ein Campbell, glaube ich. Ich fand, es war ein wunderbares Kleid für ein sehr junges Mädchen an einem so sehr verregneten Tag. »Ich dachte, Amerikaner verachten Tee«, sagte sie.

Es war nicht die Beobachtung einer Neunmalklugen, sondern einer Wahrheitsliebenden oder Statistikfreundin. Ich entgegnete, manche von uns tränken nie etwas anderes als Tee. Ich fragte sie, ob sie sich zu mir setzen wolle.

»Danke«, sagte sie. »Vielleicht für den Bruchteil eines Augenblicks.«

Ich stand auf und zog einen Stuhl für sie heraus, den mir gegenüber, und sie setzte sich auf das vordere Viertel, hielt das Rückgrat natürlich und schön gerade. Ich ging eilte fast zurück zu meinem Stuhl, mehr als willens, mich lebhaft an einem Gespräch zu beteiligen. Als ich saß, fiel mir jedoch nichts ein, was ich sagen konnte. Ich lächelte wieder, versteckte dabei noch immer meine kohlschwarze Füllung. Ich bemerkte, dass es draußen ja ein scheußlicher Tag sei.

»Ja, allerdings«, sagte mein Gast mit der klaren, unverwechselbaren Stimme einer Small-Talk-Verächterin. Sie legte die Finger flach auf die Tischkante wie jemand bei einer Séance und schloss dann fast gleichzeitig die Hände die Nägel waren bis zum Fleisch abgekaut. Sie trug eine Armbanduhr, die etwas Militärisches hatte, fast wie der Chronograf eines Navigators. Das Zifferblatt war viel zu groß für ihr schmales Handgelenk. »Sie waren bei der Chorprobe«, sagte sie nüchtern. »Ich habe Sie gesehen.«

Ich sagte, ja, ich sei da gewesen, und dass ich ihre Stimme getrennt von den anderen hätte singen hören. Ich sagte, ich fände, sie habe eine sehr gute Stimme.

Sie nickte. »Ich weiß. Ich werde einmal Berufssängerin.«

»Tatsächlich? Oper?«

»Großer Gott, nein. Ich werde Jazz im Radio singen und haufenweise Geld machen. Und wenn ich dann dreißig bin, werde ich mich zurückziehen und auf einer Ranch in Ohio leben

Sie fasste sich mit der flachen Hand auf den triefnassen Kopf. »Kennen Sie Ohio?«, fragte sie.

Ich sagte, ich sei einige Male mit dem Zug durchgefahren, kennte es aber eigentlich nicht. Ich bot ihr ein Stück Zimttoast an.

»Nein danke«, sagte sie. »Ich esse wie ein Vögelchen.«

Ich biss selbst von dem Toast ab und meinte, in Ohio gebe es einige mächtig raue Landschaften.

»Ich weiß. Das hat mir mal ein Amerikaner, den ich kennenlernte, erzählt. Sie sind der elfte Amerikaner, den ich kennenlerne.«

Ihr Kinderfräulein bedeutete ihr nun eindringlich, an ihren Tisch zurückzukehren das heißt, den Mann nicht weiter zu stören. Doch meine Besucherin verrückte in aller Ruhe ihren Stuhl ein paar Zentimeter so, dass ihr Rücken jede mögliche weitere Kommunikation mit dem Heimattisch abbrach. »Sie gehen zu dieser geheimen Nachrichtenschule auf dem Berg, nicht wahr?«, erkundigte sie sich lässig.

So sicherheitsbewusst wie jeder andere auch erwiderte ich, ich besuchte Devonshire aus gesundheitlichen Gründen.

»Ach, wirklich«, sagte sie, »ich bin nicht von gestern, müssen Sie wissen.«

Ich sagte, da sei ich mir sicher. Ein Weilchen trank ich meinen Tee. Ich wurde ein wenig haltungsbewusst und setzte mich auf meinem Stuhl etwas gerader hin.

»Für einen Amerikaner wirken Sie recht intelligent«, sinnierte mein Gast.

Ich sagte, das sei eine ganz schön snobistische Bemerkung, wenn man einmal darüber nachdächte, und dass ich hoffte, sie sei ihrer unwürdig.

Sie errötete und verlieh mir damit automatisch die gesellschaftliche Sicherheit, die mir gefehlt hatte. »Hm. Die meisten Amerikaner, die ich gesehen habe, benehmen sich wie die Tiere. Ständig knuffen sie einander und beleidigen jeden und Wissen Sie, was einer von denen gemacht hat?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Einer von denen hat bei meiner Tante eine leere Whiskeyflasche durchs Fenster geworfen. Zum Glück war das Fenster offen. Finden Sie das denn sehr intelligent?«

Ich fand es nicht besonders intelligent, aber das sagte ich ihr nicht. Ich sagte, viele Soldaten auf der ganzen Welt seien sehr weit weg von zu Hause und nur wenige hätten viele wirkliche Vorteile im Leben gehabt. Ich sagte, ich hätte gemeint, die meisten könnten sich das auch selbst denken.

»Möglich«, sagte mein Gast ohne Überzeugung. Wieder hob sie die Hand zu ihrem nassen Kopf, zupfte an ein paar schlaffen blonden Haarfäden, versuchte, ihre entblößten Ohrenränder zu bedecken. »Meine Haare triefen«, sagte sie. »Ich sehe zum Fürchten aus

Sie sah zu mir her. »Trocken sind meine Haare ganz wellig.«

»Das kann ich sehen, ja, das sehe ich.«

»Nicht richtig gelockt, aber ganz wellig«, sagte sie. »Sind Sie verheiratet?«

Ich sagte Ja.

Sie nickte. »Lieben Sie Ihre Frau sehr? Oder bin ich jetzt zu persönlich?«

Ich sagte, wenn sie es sei, würde ich es sagen.

Sie legte Hände und Handgelenke weiter nach vorn auf dem Tisch, und ich weiß noch, dass ich zu der riesigen Armbanduhr, die sie trug, etwas bemerken wollte vielleicht vorschlagen, sie solle sie um die Taille tragen.

»Für gewöhnlich bin ich nicht sehr soziabel«, sagte sie und musterte mich, um zu sehen, ob ich die Bedeutung dieses Wortes kannte. Ich gab jedoch nichts zu erkennen, weder in die eine noch in die andere Richtung. »Ich bin einfach nur hergekommen, weil ich fand, dass Sie extrem einsam aussahen. Sie haben ein extrem sensibles Gesicht.«

Ich sagte, sie habe recht, ich hätte mich tatsächlich einsam gefühlt und dass ich sehr froh sei, dass sie gekommen sei.

»Ich erziehe mich dazu, mitfühlender zu sein. Meine Tante sagt, ich sei ein schrecklich kalter Mensch«, sagte sie und betastete erneut ihren Kopf. »Ich lebe bei meiner Tante. Sie ist ein extrem netter Mensch. Seit dem Tod meiner Mutter hat sie alles in ihrer Macht Stehende getan, damit Charles und ich uns wohlfühlen.«

»Das freut mich.«

»Mutter war ein extrem intelligenter Mensch. In vieler Hinsicht ganz sinnlich

Sie sah mich mit einer Art frischer Aufgewecktheit an. »Finden Sie mich schrecklich kalt?«

Ich sagte, absolut nicht sogar ganz im Gegenteil. Ich sagte ihr meinen Namen und fragte sie nach ihrem.

Sie zögerte. »Mit Vornamen heiße ich Esmé. Ich finde vorerst nicht, dass ich Ihnen meinen vollen Namen sagen sollte. Ich habe einen Titel, und Sie könnten ja von Titeln beeindruckt sein. Das sind Amerikaner ja.«

Ich sagte, ich glaubte nicht, dass ich es wäre, dass es aber eine gute Idee sein könnte, den Titel eine Weile noch zurückzuhalten.

In dem Moment spürte ich einen warmen Hauch im Genick. Ich drehte mich um und hätte um ein Haar mit der Nase die von Esmés kleinem Bruder gestreift. Ohne mich zur Kenntnis zu nehmen, wandte er sich in durchdringendem Diskant an seine Schwester: »Miss Megley hat gesagt, du sollst kommen und deinen Tee austrinken!«

Nachdem er seine Nachricht überbracht hatte, platzierte er sich auf den Stuhl zu meiner Rechten, zwischen seiner Schwester und mir. Ich musterte ihn mit großem Interesse. Er sah ganz prachtvoll aus in seinen braunen Shetland-Shorts, dem marineblauen Pullover, dem weißen Hemd und der gestreiften Krawatte. Er blickte mich seinerseits mit ungeheuer grünen Augen an. »Warum küssen sich die Leute in Filmen seitlich?«, wollte er wissen.

»Seitlich?«, sagte ich. Es war ein Problem, das auch mich in meiner Kindheit verwirrt hatte. Ich sagte, wahrscheinlich liege das daran, dass Schauspielernasen zu groß seien, um jemanden von vorn zu küssen.

»Er heißt Charles«, sagte Esmé. »Er ist extrem brillant für sein Alter.«

»Auf jeden Fall hat er grüne Augen. Nicht wahr, Charles?«

Charles bedachte mich mit dem argwöhnischen Blick, den meine Frage verdiente, dann wand er sich auf seinem Stuhl nach unten und vorn, bis sein ganzer Körper unterm Tisch war mit Ausnahme des Kopfs, der noch wie bei einer Ringerbrücke auf der Sitzfläche lag. »Sie sind orange«, sagte er, zur Decke gewandt, mit gepresster Stimme. Er nahm eine Ecke des Tischtuchs und legte sie auf sein hübsches, ausdrucksloses kleines Gesicht.

»Manchmal ist er brillant, manchmal auch nicht«, sagte Esmé. »Charles, setz dich bitte hin!«

Charles blieb da, wo er war. Offenbar hielt er die Luft

»Er vermisst unseren Vater sehr. Er ist in Nordafrika g-e-f-a-l-l-e-n

Ich bekundete mein Bedauern darüber.

Esmé nickte. »Vater hat ihn vergöttert Nachdenklich biss sie in die Nagelhaut ihres Daumens. »Er sieht meiner Mutter sehr ähnlich Charles, meine ich. Ich sehe genau wie mein Vater aus Sie biss weiter an ihrer Nagelhaut herum. »Meine Mutter war eine ziemlich leidenschaftliche iu. Sie war extrovertiert. Vater war introvertiert. Dennoch passten sie ganz gut zueinander, oberflächlich jedenfalls. Um ganz offen zu sein, brauchte mein Vater aber eher eine Gefährtin, die intellektueller als Mutter war. Er war ein extrem begabtes Genie.«

Bereitwillig wartete ich auf weitere Informationen, doch es kamen keine. Ich schaute hinunter auf Charles, das Gesicht nun seitlich auf den Stuhl gelegt hatte. Als er merkte, dass ich ihn ansah, schloss er die Augen, schläfrig , engelsgleich, streckte dann die Zunge heraus ein Ogan von erstaunlicher Länge und stieß einen sprudelnden Laut aus, der in meinem Land eine herrliche Anerkennung für einen kurzsichtigen Baseball-Schiedsichter gewesen wäre. Das Geräusch brachte die Teestube mlich zum Beben.

»Lass das«, sagte Esmé, sichtlich nicht erschüttert. Das hat er einmal bei einem Amerikaner in einer Fish-and-Chips-Schlange gesehen, und jetzt macht er es immer, wenn er sich langweilt. Lass das jetzt, sonst schicke ich dich sofort zu Miss Megley.«

Charles öffnete die riesigen Augen als Zeichen dafür, dass er die Drohung seiner Schwester gehört hatte, sah ansonsten aber nicht sonderlich bestürzt aus. Er schloss die Augen wieder und ließ das Gesicht weiterhin seitlich auf der Sitzfläche liegen.

Ich erwähnte, er sollte es ich meinte das Lippengeräusch sich vielleicht doch lieber aufsparen, bis er seinen Titel richtig führte. Falls er denn ebenfalls einen Titel habe.

Esmé schaute mich lange und ein wenig kühl an. »Sie haben einen trockenen Humor, nicht wahr?«, sagte sie sehnsüchtig. »Vater sagte, ich hätte überhaupt keinen Humor. Er sagte, ich sei nicht dafür gerüstet, ins Leben zu treten, weil ich keinen Humor hätte.«

Den Blick auf sie gerichtet, zündete ich mir eine Zigarette an und sagte, ich glaubte nicht, dass Humor in einer echten Notlage wirklich von Nutzen sei.

»Vater meinte das aber.«

Das war kein Widerspruch, sondern eine Glaubenserklärung, daher wechselte ich rasch meine Haltung. Ich nickte und meinte, ihr Vater habe es wahrscheinlich auf lange Sicht gemeint, ich dagegen auf kurze (was immer das bedeutete).

»Charles vermisst ihn ganz außerordentlich«, sagte Esmé nach einem Augenblick. »Er war ein außerordentlich liebenswerter Mann. Er sah auch extrem gut aus. Nicht dass die Erscheinung besonders wichtig wäre, aber es war so. Er hatte einen schrecklich durchdringenden Blick, und das bei einem Mann, der intransisch freundlich war.«

Ich nickte. Ich sagte, ich könne mir vorstellen, dass ihr Vater ein ganz außergewöhnliches Vokabular gehabt habe.

»O ja, durchaus«, sagte Esmé. »Er war Archivar Amateur natürlich.«

An der Stelle spürte ich ein hartnäckiges Stupsen am Oberarm, fast einen Hieb aus Charles’ Richtung. Ich wandte mich zu ihm. Er saß nun weitgehend normal auf seinem Stuhl, nur dass er ein Knie unter sich geschoben hatte. »Was hat eine Wand zur anderen gesagt?«, fragte er schrill. »Das ist ein Rätsel!«

Nachdenklich verdrehte ich die Augen Richtung Decke und wiederholte die Frage laut. Dann sah ich Charles ratlos an und sagte, ich gäbe auf.

»Wir treffen uns an der Ecke!«, erfolgte die Pointe in höchster Lautstärke.

Am besten kam das bei Charles selbst an. Er fand es unerträglich lustig. Esmé musste sogar zu ihm und ihm auf den Rücken klopfen, als hätte er einen Hustenanfall. »Nun hör aber auf«, sagte sie. Sie ging zurück zu ihrem Stuhl. »Das Rätsel gibt er jedem auf, dem er begegnet, und hat dann jedes Mal auch einen Anfall. Meistens sabbert er, wenn er lacht. Nun hör bitte auf.«

»Das ist aber auch eines der besten Rätsel, die ich gehört habe«, sagte ich, den Blick dabei auf Charles, der sich ganz allmählich wieder fasste. Als Antwort auf dieses Kompliment rutschte er auf seinem Stuhl beträchtlich tiefer und verbarg wieder das Gesicht unter einem Zipfel des Tischtuchs bis an die Augen. Dann sah er mich mit seinen unverhüllten Augen an, in denen eine sich langsam legende Freude und der Stolz dessen aufschienen, der so manches richtig gute Rätsel kennt.

»Darf ich fragen, welchem Beruf Sie vor dem Eintritt in die Armee nachgegangen sind?«, fragte mich Esmé.

Ich sagte, ich sei überhaupt keinem Beruf nachgegangen, ich sei erst seit einem Jahr mit dem College fertig und betrachte mich gern als professionellen Autor von Kurzgeschichten.

Sie nickte höflich. »Veröffentlicht?«, fragte sie.

Das war eine vertraute, aber immer heikle Frage und eine, die ich nicht einfach eins, zwei, drei beantwortete. Ich begann mit der Erklärung, dass die meisten Redakteure in Amerika ein Haufen »Mein Vater hat wunderschön geschrieben«, unterbrach mich Esmé. »Einige seiner Briefe bewahre ich für die Nachwelt auf.«

Ich sagte, das fände ich eine sehr gute Idee. Zufällig blickte ich wieder auf ihre Armbanduhr mit dem riesigen Zifferblatt, die aussah wie ein Chronograf. Ich fragte sie, ob die Uhr einmal ihrem Vater gehört habe.

Feierlich schaute sie auf ihr Handgelenk. »Ja«, sagte sie. »Er gab sie mir, kurz bevor Charles und ich evakuiert wurden

Befangen nahm sie die Hände vom Tisch und sagte: »Natürlich rein als Andenken

Sie lenkte das Gespräch in eine andere Richtung. »Ich würde mich extrem geehrt fühlen, wenn Sie einmal eine Geschichte ausschließlich für mich schrieben. Ich bin eine eifrige Leserin.«

Ich sagte ihr, das würde ich gewiss tun, wenn ich könnte. Ich sagte, ich sei nicht sonderlich produktiv.

»Sie muss gar nicht schrecklich produktiv sein! Nur so, dass sie nicht kindisch und albern ist

Sie überlegte. »Besonders mag ich Geschichten über Elend.«

»Über was?«, fragte ich und beugte mich vor.

»Elend. Elend interessiert mich extrem.«

Ich wollte sie schon um weitere Einzelheiten bitten, doch da kniff mich Charles heftig in den Arm. Leise aufstöhnend, wandte ich mich zu ihm. Er stand direkt neben mir. »Was hat eine Wand zur anderen gesagt?«, war seine nicht unvertraute Frage.

»Das hast du ihn schon mal gefragt«, sagte Esmé. »Hör jetzt auf damit.«

Charles ignorierte seine Schwester, stellte sich auf einen meiner Füße und wiederholte die Schlüsselfrage. Mir fiel auf, dass sein Krawattenknoten nicht ordentlich saß. Ich rückte ihn zurecht, blickte Charles dann geradewegs in die Augen und meinte: »Wir treffen uns an der Ecke?«

Kaum hatte ich es gesagt, wünschte ich, ich hätte es nicht getan. Charles sperrte den Mund auf. Mir war, als hätte ich ihn aufgebrochen. Er ging von meinem Fuß herunter und schritt mit weißglühender Würde zu seinem Tisch, ohne sich umzublicken.

»Er ist wütend«, sagte Esmé. »Er hat ein heftiges Naturell. Meine Mutter hatte die Neigung, ihn zu verwöhnen. Mein Vater war der Einzige, der ihn nicht verwöhnt hat.«

Ich schaute weiter auf Charles, der sich inzwischen hingesetzt hatte und seinen Tee trank; er hielt die Tasse mit beiden Händen. Ich hoffte, er würde sich umdrehen, doch er tat es nicht.

Esmé stand auf. »Il faut que je parte aussi«, sagte sie und seufzte. »Können Sie Französisch?«

Auch ich erhob mich, empfand eine Mischung aus Bedauern und Verwirrung. Esmé und ich gaben uns die Hand; ihre Hand war, wie ich vermutet hatte, nervös, auf der Innenseite feucht. Ich sagte ihr auf Englisch, wie sehr ich ihre Gesellschaft genossen hätte.

Sie nickte. »Das habe ich mir gedacht«, sagte sie. »Für mein Alter bin ich recht kommunikativ

Wieder fasste sie sich versuchsweise an die Haare. »Es tut mir schrecklich leid wegen meiner Haare«, sagte sie. »Wahrscheinlich war ich ein ganz scheußlicher Anblick.«

»Keineswegs! Ich finde sogar, dass viele Wellen schon fast wieder da sind.«

Rasch fasste sie sich noch einmal an die Haare. »Glauben Sie, Sie kommen in der unmittelbaren Zukunft noch einmal hierher?«, fragte sie. »Wir sind jeden Samstag nach der Chorprobe hier.«

Ich antwortete, ich täte nichts lieber als das, aber leider sei ich mir ziemlich sicher, dass ich es nicht noch einmal schaffen würde.

»Mit anderen Worten, Sie können nicht über Truppenbewegungen sprechen«, sagte Esmé. Sie machte keine Anstalten, sich vom Tisch zu entfernen. Vielmehr stellte sie einen Fuß kreuzweise über den anderen, blickte hinab und richtete die Zehen ihrer Schuhe aneinander aus. Das war eine nette kleine Ausführung, denn sie trug weiße Söckchen, und ihre Knöchel und Füße waren hübsch. Abrupt sah sie zu mir hoch. »Hätten Sie es gern, wenn ich Ihnen schriebe?«, fragte sie mit ziemlich viel Farbe im Gesicht. »Ich schreibe extrem klare Briefe für jemand meines «

»Das fände ich sehr schön

Ich zog Stift und Papier hervor und schrieb meinen Namen, Dienstgrad, Dienstnummer und Feldpostnummer auf.

»Ich werde Ihnen zuerst schreiben«, sagte sie, als sie das Papier nahm, »damit Sie sich in keiner Weise kompromittiert fühlen

Sie steckte die Adresse in die Tasche ihres Kleids. »Auf Wiedersehen«, sagte sie und ging zu ihrem Tisch.

Ich bestellte ein weiteres Kännchen Tee und betrachtete die beiden, bis sie und die schikanierte Miss Megley aufstanden, um zu gehen. Charles ging voraus, tragisch humpelnd wie einer, dessen eines Bein etliche Zentimeter kürzer ist als das andere. Er sah nicht zu mir herüber. Dann folgte Miss Megley, dann Esmé, die mir zuwinkte. Ich winkte, halb von meinem Stuhl aufstehend, zurück. Es war ein merkwürdig gefühlvoller Augenblick für mich.

Keine Minute später kam Esmé in die Teestube zurück, sie zerrte Charles am Ärmel seiner Matrosenjacke hinter sich her. »Charles möchte Ihnen gern einen Abschiedskuss geben«, sagte sie.

Sogleich stellte ich meine Tasse ab und sagte, das sei aber sehr nett, ob sie sich aber auch sicher sei.

»Ja«, sagte sie, eine Spur grimmig. Sie ließ Charles’ Ärmel los und gab ihm einen ziemlich energischen Schubs in meine Richtung. Er kam mit einem wütenden Gesicht heran und drückte mir einen lauten, feuchten Schmatz unmittelbar unters rechte Ohr. Nach dieser Tortur wandte er sich schnurstracks zur Tür und einer weniger sentimentalen Lebensform zu, doch ich packte ihn an dem Halbgürtel auf dem Rücken seiner Matrosenjacke, hielt ihn fest und fragte ihn: »Was hat eine Wand zur anderen gesagt?«

Sein Gesicht erstrahlte. »Wir treffen uns an der Ecke!«, kreischte er und raste aus dem Raum, wahrscheinlich völlig aus dem Häuschen.

Esmé stand wieder mit verschränkten Füßen da. »Und Sie vergessen ganz bestimmt nicht, diese Geschichte für mich zu schreiben?«, fragte sie. »Sie muss ja nicht aus schließlich für mich sein. Sie kann «

Ich sagte, es sei vollkommen ausgeschlossen, dass ich das vergäße. Ich sagte, ich hätte noch nie eine Geschichte für jemanden geschrieben, aber jetzt schiene mir genau die richtige Zeit dafür zu sein.

Sie nickte. »Machen Sie sie extrem elend und bewegend«, meinte sie. »Sind Sie überhaupt mit Elend vertraut?«

Ich sagte, nicht so richtig, dass ich aber von Mal zu Mal, in der einen oder anderen Form, immer besser damit vertraut sein und mein Bestes geben würde, ihren Angaben zu genügen. Wir reichten uns die Hand.

»Ist es nicht schade, dass wir uns nicht unter weniger mildernden Umständen begegnet sind?«

Ich sagte, durchaus, ich sagte, auf jeden Fall.

»Auf Wiedersehen«, sagte Esmé. »Ich hoffe, Sie kehren im Vollbesitz aller Ihrer Kräfte aus dem Krieg heim.«

Ich dankte ihr und sagte noch einige weitere Worte, dann sah ich ihr nach, wie sie die Teestube verließ. Sie verließ sie langsam, nachdenklich, prüfte tastend, wie trocken ihre Haarspitzen waren.

 

Dies ist nun der elende oder bewegende Teil der Geschichte, und der Schauplatz ändert sich. Auch die Leute ändern sich. Mich gibt es noch, doch von nun an habe ich mich aus Gründen, die zu enthüllen ich nicht befugt bin, so geschickt verkleidet, dass selbst der schlauste Leser mich nicht erkennen wird.

Es war nachts gegen halb elf in Gaufurt, Bayern, mehrere Wochen nach dem Sieg in Europa. Staff Sergeant X war in seinem Zimmer im ersten Stock des Privathauses, in das er und neun weitere Amerikaner schon vor dem Waffenstillstand einquartiert worden waren. Er saß auf einem hölzernen Klappstuhl an einem kleinen, unaufgeräumten Schreibtisch, vor sich aufgeschlagen ein Taschenbuch, einen Roman aus Übersee; die Lektüre bereitete ihm große Schwierigkeiten. Die Schwierigkeiten lagen an ihm, nicht am Roman. Obwohl die Männer, die im Erdgeschoss wohnten, den ersten Zugriff auf die Bücher hatten, die jeden Monat von der Truppenbetreuung geschickt wurden, blieb für X in der Regel das Buch übrig, das er sich wohl ohnehin ausgesucht hätte. Doch er war ein junger Mann, der den Krieg nicht im Vollbesitz aller seiner Kräfte überstanden hatte, und über eine Stunde lang hatte er die Absätze dreimal gelesen, und nun machte er es so mit den Sätzen. Plötzlich schloss er das Buch, ohne die Seite zu kennzeichnen. Einen Augenblick lang schützte er die Augen mit der Hand vor dem grellen, starken Schein der nackten Birne überm Tisch.

Er zog eine Zigarette aus der Schachtel auf dem Tisch und entzündete sie mit Fingern, die unablässig sanft aneinanderstießen. Er lehnte sich ein wenig auf seinem Stuhl zurück und rauchte ohne jegliches Gefühl für den Geschmack. Er hatte wochenlang Kette geraucht. Sein Zahnfleisch blutete beim leisesten Druck der Zungenspitze, und nur selten ließ er dieses Experiment sein; es war ein kleines Spiel, manchmal spielte er es stündlich. Einen Augenblick saß er da und rauchte und experimentierte. Dann, abrupt, vertraut und wie gewöhnlich unerwartet, glaubte er, sein Geist löse sich und schaukle wie unsicheres Gepäck in einem Gepäcknetz. Schnell tat der junge Mann, was er seit Wochen tat, um die Dinge in den Griff zu bekommen: Er presste die Hände fest gegen die Schläfen. So verharrte er einige Augenblicke. Seine Haare mussten wieder geschnitten werden, und sie waren schmutzig. Während der zwei Wochen im Krankenhaus in Frankfurt am Main hatte er sie drei-, viermal gewaschen, aber nach der langen, staubigen Jeepfahrt zurück nach Gaufurt waren sie wieder schmutzig geworden. Corporal Z, der ihn im Krankenhaus abgeholt hatte, fuhr den Jeep noch immer im Gefechtsstil, die Windschutzscheibe auf die Motorhaube geklappt, Waffenstillstand hin oder her. In Deutschland waren Tausende neuer Einheiten. Durch das Fahren mit heruntergeklappter Windschutzscheibe im Gefechtsstil hoffte Corporal Z zu zeigen, dass er keiner von denen war, dass er keineswegs so ein neuer Scheißer bei den europäischen Truppen war.

Als er seinen Kopf losließ, starrte X auf den Schreibtisch, der ein Auffanglager für wenigstens zwei Dutzend ungeöffneter Briefe und mindestens fünf oder sechs Päckchen war, allesamt an ihn adressiert. Er griff hinter den Haufen und zog ein Buch hervor, das an der Wand lehnte. Es war ein Buch von Goebbels mit dem Titel Die Zeit ohne Beispiel. Es gehörte der achtunddreißig Jahre alten, unverheirateten Tochter der Familie, die bis vor wenigen Wochen in dem Haus gewohnt hatte. Sie war eine kleine Funktionärin in der Nazi-Partei gewesen, aber im Sinne der Armeestatuten groß genug, um in die Kategorie »automatische Verhaftung« zu fallen. X selbst hatte sie verhaftet. Zum dritten Mal nun seit seiner Rückkehr aus dem Krankenhaus an jenem Tag schlug er das Buch der Frau auf und las die kurze Eintragung auf dem Vorsatzblatt. Mit Tinte geschrieben, standen da auf Deutsch, in einer kleinen, hoffnungslos ehrlichen Handschrift, die Worte »Lieber Gott, das Leben ist die Hölle«. Nichts führte dazu hin oder davon weg. Allein auf dem Blatt und in der blässlichen Stille des Raums schienen die Wörter das Format einer unanfechtbaren, ja klassischen Anklage zu besitzen. X starrte mehrere Minuten lang auf das Blatt, versuchte, mit sehr geringen Aussichten, nicht davon beeindruckt zu sein. Dann nahm er sehr viel eifriger, als er seit Wochen etwas getan hatte, einen Bleistiftstummel und schrieb auf Englisch unter die Eintragung: »Ihr Väter und Lehrer, was ist die Hölle? Ich denke, sie ist der Schmerz darüber, dass man nicht mehr zu lieben vermag

Er wollte schon Dostojewskis Namen daruntersetzen, sah dann aber mit einem Schrecken, der ihm durch den ganzen Körper fuhr dass das Geschriebene fast völlig unleserlich war. Er schloss das Buch.

Rasch nahm er etwas anderes vom Tisch, einen Brief von seinem älteren Bruder in Albany. Er hatte schon auf dem Tisch gelegen, bevor er ins Krankenhaus gegangen war. Er öffnete den Umschlag, halbwegs entschlossen, den Brief ganz durchzulesen, las aber nur die obere Hälfte der ersten Seite. Er brach ab nach den Wörtern: »Nachdem der verd. Krieg nun vorbei ist und Du da drüben wahrscheinlich jede Menge Zeit hast, wie wäre es, wenn Du den Kindern ein paar Bajonette oder Hakenkreuze schicktest «

Nachdem er den Brief zerrissen hatte, blickte er auf die Fetzen, die im Papierkorb lagen. Er sah, dass er einen beigelegten Schnappschuss übersehen hatte. Er konnte erkennen, dass irgendwelche Füße auf irgendeinem Rasen standen.

Er legte die Arme auf den Tisch und den Kopf darauf. Von Kopf bis Fuß tat ihm alles weh, alle Schmerzzonen schienen zusammenzuhängen. Er war fast wie ein Weihnachtsbaum, dessen Lichter, seriell verdrahtet, alle ausgehen müssen, wenn auch nur ein Birnchen kaputt ist.

 

Die Tür wurde aufgerissen, ohne dass angeklopft worden wäre. X hob den Kopf, drehte ihn und sah Corporal Z in der Tür stehen. Corporal Z war vom D-Day an auf fünf Feldzügen hintereinander Xs Jeep-Partner gewesen. Er wohnte im Erdgeschoss und besuchte X meistens, wenn er Gerüchte oder Gemecker loswerden musste. Er war ein riesiger, fotogener junger Mann von vierundzwanzig Jahren. Während des Krieges hatte ihn eine überregionale Zeitschrift im Hürtgenwald fotografiert; es war mehr als entgegenkommend, dass er mit einem Thanksgiving-Truthahn in jeder Hand posiert hatte. »Schreibste Briefe?«, fragte er X. »Ist ja gruslig hier, Herrgott Es war ihm immer lieber, wenn in einem Zimmer, das er betrat, das Deckenlicht brannte.

X drehte sich auf seinem Stuhl herum und bat ihn, hereinzukommen und dabei nicht auf den Hund zu treten.

»Den was?«

»Alvin. Er ist direkt vor deinen Füßen, Clay. Wie wär’s, wenn du mal das verdammte Licht anmachst?«

Clay fand den Deckenlichtschalter, drückte ihn, trat dann durch den mickrigen, dienstmädchenzimmergroßen Raum und setzte sich auf die Bettkante, den Blick auf seinem Gastgeber. Seine ziegelroten, frisch gekämmten Haare tropften von dem Wasser, das er für eine befriedigende Pflege benötigte. Ein Kamm mit Füllerclip ragte wie gewohnt aus der rechten Tasche seines olivgrünen Hemds. Uber der linken Tasche trug er die Kampfspange der Infanteristen (die er streng genommen gar nicht tragen durfte), das Band für den Einsatz in Europa mit fünf bronzenen Sternen (statt eines einzelnen silbernen, dem Äquivalent von fünf bronzenen) und das Einsatz-Band aus der Zeit vor Pearl Harbor. Er seufzte tief und sagte: »Großer Gott

Es hatte nichts zu bedeuten: Armee eben. Er zog eine Schachtel Zigaretten aus der Hemdtasche, tippte eine heraus, steckte die Schachtel wieder weg und knöpfte die Taschenklappe zu. Rauchend sah er sich ausdruckslos im Zimmer um. Sein Blick blieb schließlich am Radio hängen. »Hey«, sagte er. »In’ paar Minuten kommt ’ne irrsinnige Sendung im Radio. Bob Hope und so.«

X sagte, während er ein frisches Päckchen Zigaretten öffnete, er habe das Radio eben erst ausgeschaltet.

Ungerührt sah Clay zu, wie X versuchte, eine Zigarette angezündet zu bekommen. »Mensch«, sagte er mit der Begeisterung des Zuschauers, »du solltest mal deine verdammten Hände sehen. Junge, du zitterst ja vielleicht. Ist dir das klar?«

X schaffte es, seine Zigarette anzuzünden, nickte und sagte, Clay habe echt einen Blick fürs Detail.

»Ganz ehrlich, hey. Ich bin verdammt noch mal fast in Ohnmacht gefallen, als ich dich im Krankenhaus gesehen hab. Du hast ausgesehen wie eine verdammte Leiche. Wie viel hast du abgenommen? Wie viele Kilo? Weißt du das?«

»Weiß ich nicht. Wie war deine Post, solange ich weg war? Von Loretta gehört?«

Loretta war Clays Freundin. Sie hatten vor zu heiraten, sobald es ging. Sie schrieb ihm ziemlich regelmäßig aus einem Paradies der dreifachen Ausrufezeichen und ungenauen Beobachtungen. Den ganzen Krieg hindurch hatte Clay X alle Briefe Lorettas vorgelesen, wie intim sie auch waren ja, je intimer, desto besser. Nach jeder Lektüre pflegte er X zu bitten, den Antwortbrief zu entwerfen oder auszuschmücken oder ein paar eindrucksvolle französische oder deutsche Wörter einzufügen.

»Ja, gestern ist ein Brief von ihr gekommen. In meinem Zimmer unten. Zeig ihn dir später«, sagte Clay lustlos. Er setzte sich aufrecht auf die Bettkante, hielt die Luft an und rülpste anhaltend und dröhnend. Nur halb erfreut über seine Leistung, entspannte er sich wieder. »Ihr verdammter Bruder kommt wegen seiner Hüfte aus der Navy raus«, sagte er. »Der hat’s an der Hüfte, der Scheißkerl

Wieder richtete er sich auf und versuchte erneut zu rülpsen, jedoch mit unterdurchschnittlichen Ergebnissen. Ein Anflug von Wachheit überzog sein Gesicht. »Hey. Bevor ich’s vergesse. Wir müssen morgen früh um fünf raus und nach Hamburg oder so wohin fahren. Eisenhower-Jacken für die ganze Einheit holen.«

X sah ihn feindselig an und erklärte, er wolle keine EisenhowerJacke.

Clay schaute ihn verblüfft, fast ein bisschen verletzt an. »Oh, die sind aber gut! Die sehen gut aus. Wie kommt’s?«

»Kein Grund. Warum müssen wir um fünf raus? Der Krieg ist doch vorbei, Herrgott.«

»Ich weiß nicht wir müssen vor Mittag wieder zurück sein. Die haben ein paar neue Formulare reingekriegt, die müssen wir vor Mittag ausfüllen . Ich hab Bulling gefragt, warum wir die nicht noch heute Abend ausfüllen können der hat die verdammten Formulare nämlich bei sich auf dem Schreibtisch liegen. Er will die Umschläge noch nicht aufmachen, der Scheißkerl.«

Eine Weile saßen die beiden schweigend da und hassten Bulling.

Plötzlich sah Clay X mit neuem stärkerem Interesse als vorher an. »Hey«, sagte er. »Hast du gewusst, dass die Seite von deinem Gesicht überall ganz verdammt zuckt?«

X sagte, er wisse Bescheid, und hielt den Tick mit der Hand zu.

Clay starrte ihn einen Augenblick an und sagte dann recht lebhaft, als wäre er der Überbringer außergewöhnlich guter Nachrichten: »Ich hab Loretta geschrieben, du hättest einen Nervenzusammenbruch gehabt.«

»Ach ja?«

»Ja. Für solches Zeug interessiert sie sich wie blöd. Sie studiert Psychologie

Clay streckte sich samt Schuhen auf dem Bett aus. »Weißt du, was sie gesagt hat? Sie sagt, bloß vom Krieg oder so kriegt niemand einen Nervenzusammenbruch. Sie sagt, wahrscheinlich warst du irgendwie instabil, schon dein ganzes Leben lang.«

X spreizte die Hand über den Augen das Licht überm Bett schien ihn zu blenden und sagte, Lorettas Erkenntnisse seien stets eine Freude.

Clay blickte zu ihm hin. »Hör mal, du Arsch«, sagte er.

»Die kennt sich in der verdammten Psychologie um einiges besser aus als du

»Glaubst du, du kannst dich überwinden, deine stinkenden Füße von meinem Bett zu nehmen?«, fragte X.

Clay ließ die Füße für ein paar Sag-mir-nicht-wo-ichmeineFüße-hin-tun-sollSekunden, wo sie waren, schwenkte sie dann auf den Fußboden und setzte sich auf. »Ich geh sowieso runter. In Walkers Zimmer haben sie das Radio an

Dennoch erhob er sich nicht vom Bett. »Hey. Gerade hab ich’s dem neuen Scheißkerl da unten, Bernstein, erzählt. Weißt du noch, wie ich und du nach Valognes reingefahren sind und sie uns zwei verdammte Stunden lang beschossen haben, und diese verdammte Katze, die ich abgeknallt hab, die auf die Motorhaube vom Jeep gesprungen ist, als wir in dem Loch gelegen haben? Weißt du noch?«

»Ja fang nicht wieder mit dieser Katze an, Clay, verdammt. Ich will nichts davon hören.«

»Nein, ich wollt doch bloß sagen, dass ich Loretta davon geschrieben hab. Sie und das ganze Psychologie-Seminar haben das diskutiert. Im Seminar und so. Der verdammte Professor und alle.«

»Wie schön. Ich will nichts davon hören, Clay.«

»Nein, weißt du, warum ich die einfach so abgeknallt hab, wie Loretta sagt? Sie sagt, ich war vorübergehend wahnsinnig. Ganz ehrlich. Durch den Beschuss und so.«

X fuhr sich einmal mit den Fingern durch die schmutzigen Haare und schützte dann wieder die Augen vor dem Licht. »Du warst nicht wahnsinnig. Du hast einfach deine Pflicht getan. Du hast die Mieze so mannhaft getötet, wie jeder es unter diesen Umständen getan hätte.«

Clay sah ihn argwöhnisch an. »Was redest du denn da?«

»Diese Katze war ein Spion. Du musstest sie abknallen. Sie war ein sehr schlauer deutscher Zwerg, der sich mit einem billigen Pelzmantel verkleidet hatte. Es hatte also überhaupt nichts Brutales oder Grausames oder Schmutziges oder sogar «

»Verdammt noch mal!«, sagte Clay, und seine Lippen wurden schmal. »Kannst du denn nie mal ehrlich sein?«

X wurde plötzlich übel, er schwang auf seinem Stuhl herum und griff nach dem Papierkorb gerade noch rechtzeitig.

Als er sich wieder aufgerichtet und seinem Gast zugewandt hatte, stand der verlegen auf halber Strecke zwischen Bett und Tür. X wollte sich schon entschuldigen, überlegte es sich dann aber anders und langte nach seinen Zigaretten.

»Komm mit runter und hör dir im Radio Hope an, hey«, sagte Clay zurückhaltend, versuchte aber auch, noch freundlich zu sein. »Das wird dir guttun. Wirklich.«

»Geh du nur, Clay. Ich seh mir meine Briefmarkensammlung an.«

»Ach ja? Du hast ’ne Briefmarkensammlung? Ich wusste ja gar nicht, dass du «

»War bloß Spaß.«

Clay ging zwei langsame Schritte zur Tür. »Vielleicht fahr ich später nach Ehstadt«, sagte er. »Da ist Tanz. Dauert womöglich bis zwei oder so. Kommst du mit?«

»Nein danke. Vielleicht üb ich ein paar Schritte im Zimmer.«

»Okay. Nacht! Und mach’s gut, Herrgott

Die Tür knallte zu und ging sofort wieder auf. »Hey. Okay, wenn ich dir einen Brief an Loretta unter der Tür durchschieb? Ich hab paar deutsche Sachen drin. Bringst du mir die in Ordnung?«

»Ja. Lass mich jetzt in Ruhe, verdammt noch mal.«

»Klar«, sagte Clay. »Weißt du, was meine Mutter mir geschrieben hat? Sie hat geschrieben, sie ist froh, dass du und ich den ganzen Krieg über und so zusammen waren. Im selben Jeep und so. Sie sagt, seit wir zusammen sind, sind meine Briefe ein ganzes Stück intelligenter.«

X blickte auf und zu ihm hin und sagte unter großen Mühen: »Danke. Dank ihr von mir.«

»Mach ich. Nacht!«

Die Tür knallte zu, diesmal endgültig.

 

X saß lange da und schaute auf die Tür, dann drehte er den Stuhl zum Schreibtisch und hob seine Reiseschreibmaschine vom Fußboden auf. Er machte dafür Platz auf dem unordentlichen Tisch, schob den zusammengefallenen Stapel ungeöffneter Briefe und Päckchen beiseite. Er dachte, wenn er einen Brief an einen alten Freund in New York schriebe, könnte eine schnelle, wenn auch nur schwache Therapie für ihn drin sein. Doch er schaffte es nicht, sein Briefpapier richtig einzuziehen, so heftig zitterten jetzt seine Finger. Er legte die Hände eine Weile seitlich neben sich und versuchte es dann erneut, zerknüllte das Papier dann aber schließlich.

Ihm war bewusst, dass er den Papierkorb aus dem Zimmer bringen sollte, doch statt dies auch nur zu versuchen, legte er wieder die Arme auf die Schreibmaschine und den Kopf darauf und schloss die Augen.

Einige pochende Minuten später merkte er, als er die Augen aufschlug, dass er auf ein kleines, ungeöffnetes, in grünes Papier eingeschlagenes Päckchen schaute. Wahrscheinlich war es von dem Stapel gerutscht, als er Platz für die Schreibmaschine schaffte. Er sah, dass es mehrmals umadressiert worden war. Allein auf einer Seite des Päckchens erkannte er mindestens drei seiner alten Feldpostnummern.

Er öffnete das Päckchen ohne jedes Interesse, ohne auch nur nach dem Absender zu sehen. Er öffnete es, indem er die Schnur mit einem angezündeten Streichholz durchbrannte. Es interessierte ihn mehr, die Schnur ganz abbrennen zu sehen, als das Päckchen zu öffnen, doch schließlich tat er es doch.

In dem Kästchen lag auf einem kleinen, in Seidenpapier gewickelten Gegenstand ein mit Tinte beschriebenes Blatt Papier. Er nahm das Blatt und las es.

 

17, -------------------Road

------------, Devon

7. Juni 1944

Lieber Sergeant X,

ich hoffe, Sie sehen es mir nach, dass es 38 Tage gedauert hat, bis ich unsere Korrespondenz beginne, aber ich hatte extrem viel zu tun, da meine Tante sich Streptokokken im Hals zugezogen hat und beinahe umgekommen ist und mir berechtigterweise eine Verantwortung nach der anderen aufgebürdet war. Allerdings habe ich häufig an Sie gedacht und an den extrem angenehmen Nachmittag, den wir zusammen verbracht haben, am 30. April 1944 zwischen 15.45 und 16.15 Uhr, falls es Ihnen entfallen ist.

Wir sind alle ungeheuer begeistert und überwältigt vom DDay und hoffen nur, dass er die rasche Beendigung des Krieges und einer Existenzweise bewirkt, die, um das Mindeste zu sagen, lächerlich ist. Charles und ich sind sehr in Sorge um Sie; wir hoffen, Sie waren nicht unter denen, die den allerersten Angriff auf die Halbinsel Cotentin unternahmen. Oder doch? Bitte antworten Sie so rasch als möglich. Meine besten Empfehlungen an Ihre Frau.

Mit herzlichen Grüßen

Ihre Esmé

 

 

PS: Ich erlaube mir, meine Armbanduhr beizulegen, die Sie für die Dauer dieses Konflikts in Ihrem Besitz behalten dürfen. Ich habe nicht bemerkt, ob Sie während unseres kurzen Beisammenseins eine trugen, diese hier ist jedenfalls extrem wasserdicht und stoßgesichert und besitzt noch zahlreiche weitere Vorzüge, unter anderem kann man ablesen, mit welcher Geschwindigkeit man geht, wenn man möchte. Ich bin mir ganz sicher, dass Sie die Uhr in dieser schwierigen Zeit mit größerem Nutzen tragen, als ich es je vermag, und dass Sie sie als Glückstalisman annehmen. Charles, den ich Lesen und Schreiben lehre und den ich für einen extrem intelligenten Anfänger halte, möchte gern ein paar Worte anfügen. Bitte schreiben Sie, sobald Sie die Zeit und die Neigung haben.

 

 

HALLO HALLO HALLO HALLO HALLO

HALLO HALLO HALLO HALLO HALLO

GRÜSSE UND KÜSSE CHALES

 

Es dauerte lange, bis X den Zettel beiseitelegen konnte, ganz zu schweigen davon, die Armbanduhr von Esmés Vater aus dem Kästchen zu nehmen. Als er sie schließlich doch herausnahm, sah er, dass das Glas auf dem Transport zerbrochen worden war. Er fragte sich, ob die Uhr ansonsten unbeschädigt war, hatte aber nicht den Mut, sie aufzuziehen und es herauszufinden. Er saß einfach weiter lange da, die Uhr in der Hand. Dann war er plötzlich, beinahe ekstatisch, schläfrig.

Nimmst du dir einen richtig schläfrigen Mann, Esmé, dann hat er immer die Chance, wieder ein Mann zu werden, ein Mann im Vollbesitz aller seiner Krä- im Vollbesitz aller seiner K-r-ä-f-t-e.

 

 

HÜBSCH MEIN MUND,

DIE AUGEN GRÜN

 

Als das Telefon klingelte, fragte der grauhaarige Mann die junge Frau, durchaus mit etwas Ehrerbietung, ob es ihr aus irgendeinem Grund lieber wäre, wenn er nicht dranginge. Die junge Frau hörte ihn wie aus einiger Entfernung und wandte ihm das Gesicht zu, ein Auge auf der Seite des Lichts fest geschlossen, das offene Auge sehr, allerdings unaufrichtig, groß und so blau, dass es beinahe violett erschien. Der grauhaarige Mann bat sie, sich zu beeilen, und sie richtete sich auf dem rechten Unterarm gerade so schnell auf, dass die Bewegung nicht mechanisch wirkte. Mit der linken Hand strich sie sich die Haare aus der Stirn und sagte: »Gott. Ich weiß nicht. Was meinst du denn

Der grauhaarige Mann sagte, er könne nicht erkennen, dass es so oder so ungeheuer viel ändern würde, und schob die linke Hand unter den stützenden Arm der jungen Frau oberhalb des Ellbogens, arbeitete sich mit den Fingern hinauf, schuf Raum für sie zwischen der warmen Fläche ihres Oberarms und der Brustwand. Mit der rechten Hand langte er nach dem Telefon. Um es ohne weiteres Tasten zu erreichen, musste er sich ein wenig höher aufrichten, was dazu führte, dass sein Hinterkopf eine Ecke des Lampenschirms streifte. In dem Augenblick fiel das Licht besonders schmeichelnd, wenn auch intensiv, auf seine grauen, überwiegend weißen Haare. Obwohl im Moment zerzaust, waren sie doch offensichtlich frisch geschnitten vielmehr frisch nachgeschnitten. Nackenlllinie und Schläfen waren konventionell kurz gestutzt, an den Seiten und oben hingegen waren die Haare deutlich länger gelassen worden und wirkten sogar eine Spur »distinguiert«. »Hallo?«, sagte er sonor in den Hörer. Die junge Frau blieb auf den Unterarm gestützt liegen und beobachtete ihn. Ihre Augen, eher nur offen als wachsam oder forschend, spiegelten hauptsächlich die eigene Größe und Farbe.

Eine Männerstimme abgestorben, für diesen Anlass jedoch rüde, beinahe obszön wiederbelebt war am anderen Ende zu hören. »Lee? Hab ich dich geweckt?«

Der grauhaarige Mann schaute kurz nach links, auf die junge Frau. »Wer ist da?«, fragte er. »Arthur?«

»Ja hab ich dich geweckt?«

»Nein, nein. Ich bin im Bett und lese. Ist was nicht in Ordnung?«

»Hab ich dich auch bestimmt nicht geweckt? Ganz ehrlich?«

»Nein, nein wirklich nicht«, sagte der grauhaarige Mann. »In letzter Zeit schaffe ich im Durchschnitt gerade mal rund vier armselige Stunden «

»Warum ich anrufe, Lee, hast du zufällig gemerkt, wann Joanie gegangen ist? Hast du rein zufällig gemerkt, ob sie mit den Ellenbogens gegangen ist?«

Der grauhaarige Mann schaute wieder nach links, diesmal aber nach oben, weg von der jungen Frau, die ihn nun ganz wie ein junger, blauäugiger irischer Polizist beobachtete. »Nein, Arthur«, sagte er, den Blick auf dem anderen, schummrigen Ende des Zimmers, wo die Wand auf die Decke traf. »Ist sie nicht mit dir weggegangen?«

»Nein. Lieber Gott, nein. Dann hast du sie also gar nicht Weggehen sehen?«

»Hm, wirklich nicht, Arthur«, sagte der grauhaarige Mann. »Ich habe überhaupt den ganzen Abend einen Dreck gesehen. Kaum war ich zur Tür rein, habe ich mich auf ein jesusmäßig langes Palaver mit diesem französischen Pinsel, diesem Wiener Pinsel eingelassen oder woher er auch war. Wirklich jeder von diesen blöden Ausländertypen ist hinter einem kostenlosen juristischen Rat her. Warum? Was ist? Ist Joanie verschwunden?«

»Ach, lieber Gott. Wer weiß das schon? Ich jedenfalls nicht. Kennst sie ja, wenn sie sich volllaufen lässt und schon auf dem Sprung ist. Was weiß ich. Vielleicht ist sie ja bloß «

»Hast du schon die Ellenbogens angerufen?«, fragte der grauhaarige Mann.

»Ja, die sind noch nicht zu Hause. Ich weiß auch nicht. Lieber Gott, und ich weiß gar nicht mal genau, ob sie mit denen gegangen ist. Eins weiß ich aber. Eins weiß ich, verdammt. Dass ich’s satt hab, mir das Hirn zu zermartern. Im Ernst. Diesmal ist es mein Ernst. Ich hab’s satt. Fünf Jahre. Herrgott.«

»Schon gut, nun beruhige dich erst mal ein bisschen, Arthur«, sagte der grauhaarige Mann. »Erstens, so wie ich die Ellenbogens kenne, haben die sich wahrscheinlich ein Taxi geschnappt und sind für zwei Stunden ins Village gefahren. Wahrscheinlich trudeln die drei «

»Ich hab das Gefühl, dass sie sich an so einen Scheißkerl in der Küche rangemacht hat. Nur so ein Gefühl. Wenn sie sich hat volllaufen lassen, knutscht sie immer mit einem in der Küche. Ich hab’s satt. Ich schwöre bei Gott, diesmal ist es mir ernst. Fünf verdammte «

»Wo bist du jetzt, Arthur?«, fragte der grauhaarige Mann. »Zu Hause?«

»Ja. Zu Hause. Im trauten Heim. Lieber Gott.«

»Hm, versuch einfach mal, dich ein bisschen Was bist du denn betrunken oder was?«

»Weiß ich doch nicht. Woher soll ich das denn wissen?«

»Schön, dann hör mal zu. Entspann dich. Entspann dich einfach mal«, sagte der grauhaarige Mann. »Du kennst doch die Ellenbogens, Herrgott. Was wahrscheinlich passiert ist, wahrscheinlich haben sie den letzten Zug verpasst. Wahrscheinlich kommen sie alle drei jeden Moment bei dir reingeschneit, voller witziger Nachtclub«

»Die sind mit dem Auto gefahren.«

»Woher weißt du das?«

»Von ihrem Babysitter. Wir hatten einige verdammt geistsprühende Gespräche. Wir sind uns ja so höllisch nahe. Wie ein verdammtes Ei dem ändern.«

»Schon gut. Schon gut. Und jetzt? Am besten abwarten und entspannen?«, fragte der grauhaarige Mann. »Wahrscheinlich kommen die drei jeden Moment bei dir angetanzt. Glaub mir. Du kennst doch Leona. Ich weiß auch nicht, was das ist Die kriegen alle diese grauenhafte Connecticut-Fröhlichkeit, wenn sie nach New York kommen. Weißt du doch.«

»Ja. Ich weiß. Ich weiß. Aber dann doch nicht.«

»Aber na klar. Streng nur mal deine Fantasie an. Die beiden haben Joanie wahrscheinlich mit Gewalt «

»Hör mal. Joanie muss niemand mit Gewalt irgendwo hinzerren. Hör mir auf mit diesem Gewaltkram.«

»Niemand kommt dir mit Gewaltkram, Arthur«, sagte der grauhaarige Mann ruhig.

»Ich weiß, ich weiß! Entschuldige. Lieber Gott, ich werde noch verrückt. Ganz ehrlich, habe ich dich auch bestimmt nicht geweckt?«

»Ich würd’s dir sagen, Arthur«, sagte der grauhaarige Mann. Geistesabwesend zog er die linke Hand zwischen Oberarm und Brustwand der jungen Frau heraus. »Hör mal, Arthur. Soll ich dir einen Rat geben?«, sagte er. Er nahm die Telefonschnur zwischen die Finger, gleich unterhalb der Hörmuschel. »Das meine ich jetzt ernst. Soll ich dir was raten?«

»Ja. Ich weiß auch nicht. Lieber Gott. Ich halte dich wach. Schmeiß mich doch einfach –«

»Hör mir mal einen Moment zu«, sagte der grauhaarige Mann. »Erstens das meine ich jetzt ernst geh ins Bett und entspann dich. Mach dir einen schönen großen Schlummertrunk und geh unter die «

»Schlummertrunk! Machst du Witze? Mann, ich habe in den letzten zwei Stunden ungefähr einen Liter gekillt. Schlummertrunk! Ich bin schon so dicht, ich kann kaum «

»Schon gut. Schon gut. Dann geh ins Bett«, sagte der grauhaarige Mann. »Und entspann dich hörst du mich? Mal ganz ehrlich. Nützt es was, wenn du da rumsitzt und dich aufregst?«

»Ja, ich weiß. Ich würde mir ja auch keine Sorgen machen, Herrgott, aber man kann ihr nicht trauen! Das schwöre ich bei Gott. Man kann ihr nicht trauen, ich schwör’s bei Gott. Man kann ihr nur so weit trauen, wie man einen ich weiß nicht was werfen kann. Aaah, was soll’s? Ich verlier hier noch den Verstand, verdammt.«

»Schon gut. Vergiss es jetzt. Vergiss es jetzt. Tust du mir einen Gefallen und schaffst dir das Ganze aus dem Kopf?«, sagte der grauhaarige Mann. »Du musst doch auch sehen, dass du ich glaube ehrlich, du machst aus einer Mücke «

»Willst du wissen, was ich mach? Willst du wissen, was ich mach? Ich schämichs dir zu sagen, aber willst du wissen, was ich fast jeden verdammten Abend mach? Wenn ich nach Hause komm? Willst du’s wissen?«

»Arthur, hör zu, das ist jetzt nicht «

»Moment ich sag’s dir, Gott verdammt. Ich muss mich praktisch davon abhalten, dass ich nicht jede verdammte Schranktür in der Wohnung aufmache ich schwör’s bei Gott. Jeden Abend, wenn ich nach Hause komm, erwarte ich fast, dass sich überall ein Haufen Scheißkerle versteckt hat. Fahrstuhljungen, Botenjungen, Polypen «

»Schon gut. Schon gut. Gehn wir doch ein bisschen locker damit um, Arthur«, sagte der grauhaarige Mann. Er blickte abrupt nach rechts, wo eine Zigarette, die einige Zeit früher angezündet worden war, wackelig auf einem Aschenbecher lag. Allerdings war sie offensichtlich ausgegangen, und er nahm sie nicht. »Erstens mal«, sagte er in den Hörer, »hab ich dir oft genug gesagt, Arthur, dass du genau da den größten Fehler machst. Weißt du, was du machst? Soll ich dir sagen, was du machst? Du scheust keine Mühen das meine ich jetzt ernst , du scheust wirklich keine Mühen, dich zu quälen. Es ist sogar so, du verleitest Joanie regelrecht « Er brach ab. »Du hast so ein Glück, sie ist ein wunderbares Mädel. Im Ernst. Du gestehst diesem Mädel überhaupt keinen guten Geschmack zu, und außerdem auch keinen Grips, Herrgott «

»Grips! Soll das ein Witz sein? Die hat doch nicht die Bohne Grips, verdammt! Die ist ein Tier!«

Die Nasenlöcher des grauhaarigen Manns weiteten sich, er holte offenbar ziemlich tief Luft. »Wir sind alle Tiere«, sagte er. »Im Grunde sind wir alle Tiere.«

»Von wegen. Ich bin kein verdammtes Tier. Ich bin vielleicht ein dummer, vermurkster Hurensohn aus dem zwanzigsten Jahrhundert, aber kein Tier. Komm mir nicht so. Ich bin kein Tier.«

»Sieh mal, Arthur. Das bringt uns nicht «

»Grips. Mann, wenn du wüsstest, wie komisch das war. Sie hält sich verdammt für eine Intellektuelle. Das ist das Komische daran, das ist das Lustige daran. Sie liest die Theaterseite und sie sieht fern, bis sie praktisch blind ist also ist sie eine Intellektuelle. Weißt du, mit wem ich verheiratet bin? Willst du wissen, mit wem ich verheiratet bin? Ich bin verheiratet mit der größten lebenden unentwickelten, unentdeckten Schauspielerin, Schriftstellerin, Psychoanalytikerin, dem rundum verdammten ungewürdigten Star-Genie in New York. Lieber Gott, das ist ja so komisch, ich könnte mir die Kehle durchschneiden. Madame Bovary an der Columbia Extension School. Madame «

»Wer?«, fragte der grauhaarige Mann etwas verärgert.

»Madame Bovary belegt einen Kurs in Fernsehkritik. Gott, wenn du wüsstest, wie «

»Schon gut, schon gut. Du siehst doch sicher, dass das zu nichts führt«, sagte der grauhaarige Mann. Er drehte sich um und machte der jungen Frau ein Zeichen, zwei Finger am Mund, dass er eine Zigarette wollte. »Erstens«, sagte er in den Hörer, »bist du für einen verflucht intelligenten Kerl ungefähr so taktlos, wie es nur menschenmöglich ist Er richtete sich auf, sodass die junge Frau hinter ihm an die Zigaretten kam. »Das ist mein Ernst. Das zeigt sich in deinem Privatleben, das zeigt sich in deinem «

»Grips. O Gott, das bringt mich um! Großer Gott! Hast du je gehört, wie sie jemanden beschreibt einen Mann, meine ich? Irgendwann mal, wenn du nichts zu tun hast, dann tu mir den Gefallen und sag ihr, sie soll dir einen Mann beschreiben. Jeden Mann, den sie sieht, beschreibt sie als schrecklich attraktive Das kann der älteste, popeligste, schmierigste «

»Schon gut, Arthur«, sagte der grauhaarige Mann scharf. »Das führt doch zu nichts. Zu gar nichts

Er bekam von der jungen Frau eine angezündete Zigarette. Sie hatte zwei angezündet. »Ach, nebenbei bemerkt«, sagte er und stieß den Rauch durch die Nasenlöcher aus, »wie ist es heute bei dir gelaufen?«

»Was?«

»Wie ist es heute bei dir gelaufen?«, wiederholte der grauhaarige Mann. »Wie ist die Verhandlung ausgegangen?«

»Lieber Gott! Keine Ahnung. Beschissen. Ungefähr zwei Minuten, bevor ich mein Plädoyer halten will, lässt dieser Anwalt des Klägers, Lissberg, so ein verrücktes Zimmermädchen mit einem Haufen Bettlaken als Beweis antanzen alle voller Wanzenflecken. Lieber Gott!«

»Und was dann? Hast du verloren?«, fragte der grauhaarige Mann und zog an der Zigarette.

»Weißt du, wer der Richter war? Dieser Scheiß-Vittorio. Was dieser Kerl gegen mich hat, das möchte ich mal wissen. Ich kann kaum den Mund aufmachen, schon fällt er über mich her. Mit so einem Kerl kann man nicht vernünftig reden. Unmöglich.«

Der grauhaarige Mann drehte den Kopf, um zu sehen, was die junge Frau machte. Sie hatte den Aschenbecher genommen und stellte ihn gerade zwischen sie. »Dann hast du also verloren, oder was?«, sagte er in den Hörer.

»Was?«

»Ich sagte: Hast du verloren?«

»Ja. Ich wollte es dir schon erzählen. Auf der Party hatte ich bei dem Lärm keine Gelegenheit dazu. Glaubst du, der Junior geht an die Decke? Nicht dass es mich einen Dreck schert, aber was meinst du? Glaubst du das?«

Mit der linken Hand formte der grauhaarige Mann die Asche seiner Zigarette am Rand des Aschenbechers. »Ich glaube nicht, dass er unbedingt an die Decke geht, Arthur«, sagte er ruhig. »Alles spricht aber unbedingt dafür, dass er nicht eben überglücklich sein wird. Weißt du, wie lange wir uns mit diesen drei blöden Hotels befasst haben? Der alte Shanley selbst hat das ganze «

»Ich weiß, ich weiß. Der Junior hat es mir bestimmt fünfzig Mal erzählt. Es ist eine der schönsten Geschichten, die ich in meinem ganzen Leben gehört habe. Na gut, dann habe ich den verdammten Prozess also verloren. Erstens war es nicht meine Schuld. Erst piesackt mich Vittorio, dieser Irre, den ganzen Prozess hindurch. Dann verteilt dieses schwachköpfige Zimmermädchen Laken voller Wanzen «

»Niemand sagt, dass es deine Schuld ist, Arthur«, sagte der grauhaarige Mann. »Du hast mich gefragt, ob der Junior an die Decke geht. Ich habe dir einfach eine ehrliche «

»Ich weiß das weiß ich . Ich weiß auch nicht. Was soll’s. Vielleicht geh ich ja eh wieder zur Army. Hab ich dir davon schon erzählt?«

Der grauhaarige Mann hatte den Kopf zu der jungen Frau gedreht, vielleicht, um ihr zu zeigen, wie geduldig, ja stoisch seine Miene war. Doch die junge Frau bekam es nicht mit. Sie hatte gerade mit dem Knie den Aschenbecher umgestoßen und fegte die verschüttete Asche nun rasch mit den Fingern zu einem kleinen Aufnehmhäufchen zusammen; sie hob den Blick eine Sekunde zu spät. »Nein, Arthur«, sagte er in den Hörer.

»Ja. Könnte sein. Weiß noch nicht. Natürlich bin ich nicht wild darauf, und ich gehe auch nicht, wenn ich es nur irgendwie vermeiden kann. Aber vielleicht muss ich ja. Ich weiß auch nicht. Wenigstens wird man da vergessen. Wenn die mir wieder meinen kleinen Helm und meinen großen, fetten Schreibtisch und mein nettes, großes Moskitonetz geben, dann könnte es nicht «

»Am liebsten würde ich dir Vernunft ins Hirn prügeln, Junge, das würde ich richtig gern«, sagte der grauhaarige Mann. »Für so einen Für einen angeblich intelligenten Kerl redest du genau wie ein Kind. Und das sage ich dir in aller Aufrichtigkeit. Du bauschst einen Haufen belangloser Kleinigkeiten derart auf, dass sie in deiner Vorstellung eine so blöde Bedeutung bekommen, dass du absolut unfähig zu jeder «

»Ich hätte sie verlassen sollen. Weißt du das? Ich hätte letzten Sommer Schluss machen sollen, als die Sache richtig gut für mich lief weißt du das? Weißt du, warum ich’s nicht gemacht habe? Willst du wissen, warum nicht?«

»Arthur. Herrgott noch mal. Das führt doch überhaupt nicht weiter.«

»Moment mal. Ich sag dir, warum! Willst du wissen, warum ich’s nicht gemacht habe? Ich kann’s dir genau sagen. Weil sie mir leidgetan hat. Das ist die ganze schlichte Wahrheit. Sie hat mir leidgetan.«

»Na, ich weiß nicht. Dafür bin ich nun wirklich nicht zuständig«, sagte der grauhaarige Mann. »Mir scheint aber, dass du dabei eines vergisst, nämlich dass Joanie eine erwachsene Frau ist. Ich weiß nicht, aber mir scheint «

»Erwachsene Frau! Bist du wahnsinnig? Ein erwachsenes Kind ist sie, Herrgott! Hör zu, ich rasier mich gerade hör dir das mal an , ich rasier mich gerade, und auf einmal ruft sie vom anderen Ende der Wohnung nach mir. Ich geh hin und seh nach, was los ist mitten beim Rasieren, das ganze verdammte Gesicht voller Schaum. Und weißt du was? Sie will mich fragen, ob ich finde, dass sie ein kluger Kopf ist. Ich schwör’s bei Gott. Die ist erbärmlich, ich sag’s dir. Ich seh sie an, wenn sie schläft, und ich weiß, wovon ich rede. Glaub mir.«

»Tja, so was weißt du besser als Ich meine, dafür bin ich nicht zuständig«, sagte der grauhaarige Mann. »Es ist doch so, verflucht noch mal, du machst überhaupt nichts Konstruktives, um «

»Wir passen einfach nicht zusammen, das ist es. Das ist die ganze schlichte Geschichte. Wir passen einfach einen Dreck zusammen. Weißt du, was sie braucht? Sie braucht einen großen schweigsamen Scheißkerl, der bloß ab und zu mal hergeht und ihr so richtig eine überbrät und dann die Zeitung zu Ende liest. So einen braucht sie. Ich bin verdammt zu schwach für sie. Ich hab’s gewusst, als wir geheiratet haben das schwör ich bei Gott. Ich meine, du bist ein cleverer Scheißkerl, du hast nie geheiratet, aber hin und wieder haben die Leute, noch vor der Hochzeit, blitzartige Erleuchtungen, wie es nach der Hochzeit sein wird. Ich hab sie ignoriert. Ich hab meine ganzen verdammten Erleuchtungen ignoriert. Ich bin schwach. Das ist einfach der Kern der Sache.«

»Du bist nicht schwach. Du gebrauchst nur nicht deinen Kopf«, sagte der grauhaarige Mann, während er von der jungen Frau eine frisch angezündete Zigarette bekam.

»Natürlich bin ich schwach! Natürlich bin ich schwach! Verdammt, ich weiß doch, ob ich schwach bin oder nicht! Wenn ich nicht schwach wäre, glaubst du denn, ich hätte zugelassen, dass alles so Aah, was soll das Gerede. Natürlich bin ich schwach Gott, und ich halt dich die ganze Nacht wach. Warum legst du nicht einfach auf, Mann? Wirklich. Leg auf.«

»Ich leg nicht einfach auf, Arthur. Ich würde dir gern helfen, wenn das menschenmöglich ist«, sagte der grauhaarige Mann. »Eigentlich bist du selbst dein schlimmster «

»Sie respektiert mich nicht. Sie liebt mich nicht mal, Herr im Himmel. Im Grunde in der letzten Konsequenz liebe ich sie auch nicht mehr. Ich weiß auch nicht. Ich liebe sie und dann wieder nicht. Es wechselt. Es schwankt. Gott! Jedes Mal, wenn ich so weit bin, ein Machtwort zu sprechen, gehen wir aus irgendwelchen Gründen essen, und ich treffe sie irgendwo und sie kommt mit diesen verdammten weißen Handschuhen rein oder so was. Ich weiß auch nicht. Oder ich denke daran, wie wir das erste Mal zum Princeton-Spiel nach New Haven gefahren sind. Gleich nachdem wir vom Parkway runter waren, hatten wir einen Platten, und es war arschkalt, und sie hat die Taschenlampe gehalten, während ich das verdammte Ding repariert habe Du weißt, was ich meine. Ich weiß auch nicht. Oder ich denke an lieber Gott, ist das peinlich , ich denke an dieses verdammte Gedicht, das ich ihr geschickt habe, ganz am Anfang, als wir miteinander gegangen sind. Rosenrot ich bin und weiß, Hübsch mein Mund, die Augen grün. Lieber Gott, ist das peinlich das hat mich mal an sie erinnert. Sie hat gar keine grünen Augen sie hat Augen wie verdammte Muscheln, Herrgott aber trotzdem hat es mich an sie erinnert ich weiß auch nicht. Was soll das Gerede? Ich verlier den Verstand. Leg doch auf, warum legst du nicht auf? Im Ernst.«

Der grauhaarige Mann räusperte sich und sagte: »Ich habe nicht die Absicht aufzulegen, Arthur. Ich hätte nur ein «

»Einmal hat sie mir einen Anzug gekauft. Von ihrem eigenen Geld. Hab ich davon erzählt?«

»Nein, ich «

»Sie ist einfach zu Tripler’s rein, glaube ich, und hat ihn gekauft. Ich war nicht mal dabei. Ich meine, sie hat ein paar verdammt nette Züge. Das Komische daran war, dass er mir gar nicht übel gepasst hat. Ich musste ihn nur ein klein wenig im Schritt enger machen und kürzen lassen die Hose. Ich meine, Joanie hat schon ein paar verdammt nette Züge.«

Der grauhaarige Mann horchte noch einen Moment. Dann drehte er sich abrupt zu der jungen Frau um. Der Blick, den er ihr, wenn auch nur kurz, zuwarf, teilte ihr voll und ganz mit, was am anderen Ende der Leitung plötzlich geschah. »Also, Arthur. Hör zu. Das bringt doch nichts. Im Ernst. Hör jetzt zu. Ich sage das in aller Aufrichtigkeit. Willst du dich nicht ausziehen und ins Bett gehen wie ein braver Junge? Und dich entspannen? Bestimmt ist Joanie dann auch in ungefähr zwei Minuten da. Du willst doch wohl nicht, dass sie dich so sieht? Wahrscheinlich kommen auch die blöden Ellenbogens mit ihr reingeschneit. Du willst doch nicht, dass diese ganze Blase dich so sieht, oder

Er horchte. »Arthur? Hörst du mich?«

»Gott, ich halte dich die ganze Nacht wach. Alles, was ich mache, geht «

»Du hältst mich nicht die ganze Nacht wach«, sagte der grauhaarige Mann. »Denk doch so was nicht. Ich habe dir schon mal gesagt, im Durchschnitt schlafe ich vier Stunden die Nacht. Was ich aber gern täte, wenn das menschenmöglich wäre, ich würde dir gern helfen, Junge

Er horchte. »Arthur? Bist du noch dran?«

»Ja. Ich bin dran. Hör zu. Ich habe dich jetzt eh die ganze Nacht wach gehalten. Könnte ich nicht auf ein Glas zu dir kommen? Würde das gehen?«

Der grauhaarige Mann richtete sich auf, legte sich die freie Hand flach auf den Kopf und sagte: »Du meinst, jetzt?«

»Ja. Ich meine, wenn es dir recht ist. Ich bleib auch nur kurz. Ich möchte mich nur gern irgendwo hinsetzen und ich weiß auch nicht. Wär dir das recht?«

»Ja schon, aber der Punkt ist, ich finde, du solltest das nicht machen, Arthur«, sagte der grauhaarige Mann und ließ die Hand vom Kopf sinken. »Ich meine, von mir aus kannst du wirklich gern kommen, aber ich finde ehrlich, du solltest jetzt abwarten und dich entspannen, bis Joanie angetanzt kommt. Ganz ehrlich. Am besten ist es doch, wenn du da bist, wenn Joanie angetanzt kommt. Stimmt’s oder hab ich recht?«

»Ja. Ich weiß auch nicht. Ich schwör’s bei Gott, ich weiß es nicht.«

»Tja, aber ich, ganz ehrlich«, sagte der grauhaarige Mann. »Sieh mal. Leg dich doch jetzt einfach ins Bett und entspann dich, und später, wenn dir danach ist, rufst du mich an. Ich meine, wenn dir nach Reden ist. Und mach dir keine Sorgen. Das ist die Hauptsache. Hörst du? Machst du das jetzt?«

»Na gut.«

Der grauhaarige Mann hielt den Hörer noch eine Weile ans Ohr, dann ließ er ihn auf die Gabel sinken.

»Was hat er gesagt?«, fragte die junge Frau ihn sofort.

Er nahm seine Zigarette aus dem Aschenbecher das heißt, wählte eine aus einer Ansammlung gerauchter und halb gerauchter Zigaretten. Er zog daran und sagte: »Er wollte auf ein Glas herkommen.«

»Gott! Was hast du gesagt?«, fragte die junge Frau.

»Hast du doch gehört«, sagte der grauhaarige Mann und sah sie an. »Du hast es doch gehört. Oder

Er drückte die Zigarette aus.

»Du warst wunderbar. Ganz großartig«, sagte die junge Frau und musterte ihn. »Gott, ich komme mir ganz mies vor!«

»Tja«, sagte der grauhaarige Mann, »eine harte Situation. Ich weiß nicht, wie großartig ich war.«

»Das warst du. Du warst wunderbar«, sagte die junge Frau. »Ich bin schlapp. Ich bin absolut schlapp. Sieh mich nur an!«

Der grauhaarige Mann sah sie an. »Tja, es ist ja auch eine unmögliche Situation«, sagte er. »Ich meine, die ganze Sache ist so abstrus, das ist nicht mal «

»Darling entschuldige mal«, sagte die junge Frau schnell und beugte sich vor. »Ich glaube, du brennst

Sie strich ihm mit einer kurzen, flinken, fegenden Bewegung der Fingerspitzen über den Handrücken. »Nein. Es war nur Asche

Sie lehnte sich wieder zurück. »Nein, du warst großartig«, sagte sie. »Gott, ich komme mir so mies vor!«

»Tja, das ist eine ganz, ganz harte Situation. Der Typ macht offensichtlich eine total «

Plötzlich klingelte das Telefon.

Der grauhaarige Mann sagte »Lieber Gott!«, nahm aber noch vor dem zweiten Klingeln ab. »Hallo?«, sagte er in den Hörer.

»Lee? Hast du schon geschlafen?«

»Nein, nein.«

»Hör mal, ich dachte nur, es interessiert dich vielleicht. Gerade ist Joanie reingeschneit.«

»Was?«, sagte der grauhaarige Mann und spreizte die linke Hand über den Augen, obwohl das Licht hinter ihm war.

»Ja. Gerade ist sie reingeschneit. Ungefähr zehn Sekunden nach unserem Gespräch. Ich hab gedacht, ich ruf dich kurz an, solange sie auf dem Klo ist. Hör zu, tausend Dank, Lee. Ehrlich du weißt, was ich meine. Du hast doch noch nicht geschlafen?«

»Nein, nein. Ich habe nur nein, nein«, sagte der grauhaarige Mann, wobei er die gespreizten Finger über den Augen ließ. Er räusperte sich.

»Ja. Anscheinend war es so, dass Leona stinkbesoffen war und dann einen verdammten Heulanfall gekriegt hat, und Bob wollte, dass Joanie mit ihnen irgendwo einen trinken geht und das Ganze wieder ausbügelt. Ich weiß auch nicht. Weißt schon. Mittendrin. Na, jedenfalls ist sie zu Hause. Eine einzige Hetze. Ganz ehrlich, ich glaube, das ist dieses verdammte New York. Ich glaube, wenn alles glattläuft, kaufen wir uns vielleicht ein Häuschen in Connecticut. Nicht unbedingt zu weit draußen, aber weit genug weg, damit wir verdammt ein normales Leben führen können. Ich meine, sie ist ja verrückt nach Pflanzen und so Zeug. Wahrscheinlich würde sie durchdrehen, wenn sie ihren eigenen verdammten Garten und so Zeug hätte. Du verstehst, was ich meine? Ich meine bis auf dich , wen kennen wir schon in New York außer einem Haufen Neurotiker? Früher oder später zerrüttet das doch sogar einen normalen Menschen. Du verstehst, was ich meine?«

Der grauhaarige Mann gab keine Antwort. Seine Augen hinter der gespreizten Hand waren geschlossen.

»Jedenfalls red ich heute Nacht noch mit ihr darüber. Oder vielleicht morgen. Sie ist noch ein bisschen angeschlagen. Ich meine, im Grunde ist sie ein richtig gutes Mädel, und wenn wir die Gelegenheit bekommen, uns ein bisschen auszusprechen, wären wir verdammt dumm, wenn wir’s nicht wenigstens versuchen würden. Und wo ich schon dabei bin, regle ich auch diesen blöden Wanzenmist. Ich hab nachgedacht. Ich hab mir gerade überlegt, Lee. Glaubst du, wenn ich zum Junior persönlich geh und mit ihm rede, ob ich dann «

»Arthur, wenn’s dir nichts ausmacht, wär’s mir recht, wenn «

»Also, ich will nur nicht, dass du glaubst, ich hab dich bloß noch mal angerufen, weil ich mir um meinen verdammten Job Sorgen mache oder so. Bestimmt nicht. Ich meine, im Grunde ist er mir total egal, Mann. Ich hab nur gedacht, ich könnte das mit dem Junior regeln, ohne mir groß einen Kopf zu machen, ich wär ja ein verdammter Idiot —«

»Hör mal, Arthur«, fiel ihm der grauhaarige Mann ins Wort und nahm dabei die Hand vom Gesicht, »ich habe auf einmal wahnsinnige Kopfschmerzen. Ich weiß nicht, wo diese blöde Sache jetzt herkommt. Macht’s dir was aus, wenn wir das Ganze hier abbrechen? Ich ruf dich morgen früh an – in Ordnung

Er horchte noch einen Augenblick, dann legte er auf.

Wieder redete die junge Frau sofort mit ihm, doch er antwortete ihr nicht. Er nahm eine brennende Zigarette – die der jungen Frau – aus dem Aschenbecher und führte sie zum Mund, doch sie glitt ihm aus den Fingern. Die junge Frau wollte ihm helfen, sie aufzuheben, bevor etwas anbrannte, doch er sagte zu ihr, sie solle Herrgott noch mal einfach nur still sitzen, und sie zog die Hand zurück.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

DE DAUMIERSMITHS BLAUE PERIODE

 

 

Wenn es wirklich einen Sinn hätte und danach sieht es nicht einmal ansatzweise aus –, wäre ich, glaube ich, geneigt, diesen Bericht, so wie er eben ist, besonders wenn er wenigstens teilweise ein bisschen frivol wäre, dem Andenken meines frivolen Stiefvaters Robert Agadganian, jr. zu widmen. Bobby wie jeder, selbst ich, ihn nannte starb 1947, gewiss mit einigem Bedauern, aber ohne auch nur einmal zu meckern, an einer Thrombose. Er war ein abenteuerlustiger, extrem anziehender und großzügiger Mann. (Nachdem ich so viele Jahre emsig damit verbracht habe, ihm diese pittoresken Adjektive zu missgönnen, ist es für mich eine Sache auf Leben und Tod, sie hier zu erwähnen.)

 

Meine Mutter und mein Vater ließen sich im Winter 1928 scheiden, da war ich acht, und Mutter heiratete Bobby Agadganian noch im selben Frühjahr. Ein Jahr später verlor Bobby beim Börsenkrach alles, was er und meine Mutter hatten, offenbar mit Ausnahme eines Zauberstabs. Jedenfalls verwandelte sich Bobby praktisch über Nacht von einem toten Aktienhändler und untüchtigen Bonvivant in einen lebendigen, wenn auch etwas unqualifizierten Agenten und Sachverständigen für eine Gesellschaft unabhängiger amerikanischer Galerien und Kunstmuseen. Einige Wochen danach, Anfang 1930, zog unser ziemlich gemischtes Trio von New York nach Paris, damit Bobby sein neues Gewerbe besser ausüben konnte. Da ichz zu der Zeit ein kühler, um nicht zu sagen eiskalter Zehnjähriger war, löste der große Umzug bei mir, soweit ich weiß, kein Trauma aus. Der Umzug zurück nach New York neun Jahre später dagegen, ein Vierteljahr nach dem Tod meiner Mutter, warf mich um, und zwar ganz schrecklich.

Ich erinnere mich an einen bedeutsamen Vorfall, der sich nur einen Tag oder zwei nach Bobbys und meiner Ankunft in New York zutrug. Ich stand in einem überfüllten Lexington-Avenue-Bus und hielt mich an der Emailstange beim Fahrersitz fest, Hintern an Hintern mit dem Burschen hinter mir. Einige Straßen weit hatte der Fahrer wiederholt die von uns, die sich nahe der Vordertür drängten, barsch aufgefordert, »zum Heck des Fahrzeugs« durchzugehen. Manche von uns hatten versucht, dem nachzukommen. Andere nicht. Schließlich schwang sich der zermürbte Mann, den Vorteil einer roten Ampel nutzend, auf seinem Sitz herum und sah zu mir herauf, der ich unmittelbar hinter ihm stand. Mit meinen neunzehn war ich ein hutloser Typ mit einer flachen schwarzen, nicht besonders sauberen Schmalzlocke im europäischen Stil über einer stark pickligen Drei-Zentimeter-Stirn. Er sprach mich mit gesenkter, beinahe überlegter Stimme an: »Also schön, Kumpel«, sagte er, »beweg jetzt mal deinen Arsch

Es war, glaube ich, das »Kumpel«. Ohne mir auch nur die Mühe zu machen, mich ein wenig vorzubeugen das heißt, das Gespräch wenigstens so privat, so de bon goût zu halten, wie er es getan hatte , teilte ich ihm auf Französisch mit, er sei ein grober, dummer, anmaßender Hohlkopf und dass er nie ahnen werde, wie sehr ich ihn verachtete. Daraufhin schritt ich recht beschwingt zum Heck des Fahrzeugs.

Es wurde noch viel schlimmer. Eines Nachmittags, ungefähr eine Woche danach, ich kam gerade aus dem Hotel Ritz, wo Bobby und ich auf unbestimmte Zeit wohnten, schien es mir, als wären alle Sitze in allen Bussen New Yorks abgeschraubt, herausgenommen und auf die Straße gestellt worden, wo eine monströse Reise nach Jerusalem in vollem Gang war. Ich glaube, ich wäre eventuell bereit gewesen, mich an dem Spiel zu beteiligen, wenn mir als besonderer Dispens von der Church of Manhattan gewährt worden wäre, dass alle anderen Mitspieler respektvoll stehen blieben, bis ich Platz genommen hätte. Als klar wurde, dass nichts dergleichen geschehen würde, ergriff ich direktere Maßnahmen. Ich betete, dass die ganze Stadt geräumt würde, und um das Geschenk, allein zu sein a-l-l-e-i-n: das New Yorker Gebet also, das nur selten in Kanälen verloren geht oder aufgehalten wird, und so wurde alles, was ich berührte, auf der Stelle zu massiver Einsamkeit. Am Vormittag und am frühen Nachmittag besuchte ich körperlich in der Forty-eighth, Ecke Lexington Avenue eine Kunstschule, die ich verabscheute. (In der Woche vor Bobbys und meiner Abreise aus Paris hatte ich bei der Nationalen Juniorenausstellung in der Galerie Freiburg drei erste Preise erhalten. Auf der ganzen Reise nach Amerika benutzte ich unseren Kabinenspiegel, um meine unheimliche äußerliche Ähnlichkeit mit El Greco festzustellen.) Drei Spätnachmittage in der Woche verbrachte ich auf einem Zahnarztstuhl, auf dem mir innerhalb von einigen Monaten acht Zähne gezogen wurden, darunter drei vordere. Die anderen beiden Nachmittage verbrachte ich für gewöhnlich in Kunstgalerien, hauptsächlich in der Fifty-seventh Street, wo ich die amerikanischen Exponate beinahe auszischte. Abends las ich in der Regel. Ich kaufte eine komplette Ausgabe der Harvard Classics hauptsächlich, weil Bobby sagte, wir hätten dafür nicht genügend Platz in unserer Suite und las perverserweise sämtliche fünfzig Bände. Nachts stellte ich fast stets meine Staffelei zwischen den beiden Einzelbetten in dem Zimmer auf, das ich mit Bobby teilte, und malte. In einem einzigen Monat vollendete ich, meinem Tagebuch von 1939 zufolge, achtzehn Ölgemälde. Erwähnt werden sollte, dass siebzehn davon Selbstporträts waren. Manchmal jedoch, wahrscheinlich, wenn meine Muse kapriziös war, legte ich die Farben beiseite und zeichnete Karikaturen. Eine habe ich noch heute. Sie zeigt die höhlenartige Ansicht vom Mund eines Mannes, der von seinem Zahnarzt behandelt wird. Die Zunge des Mannes ist ein schlichter Hundertdollarschein des US-Finanzministeriums, und der Zahnarzt sagt traurig auf Französisch: »Ich glaube, den Backenzahn können wir retten, aber die Zunge muss leider raus Die Karikatur mochte ich besonders.

Als Zimmergenossen waren Bobby und ich auch nicht kompatibler als, sagen wir, ein besonders leben-und-leben-lassen-mäßiges Letztsemester aus Harvard und ein besonders unangenehmer Zeitungsjunge aus Cambridge. Und als wir im Laufe der Wochen allmählich herausfanden, dass wir beide dieselbe verstorbene Frau liebten, machte das die Sache auch nicht besser. Vielmehr erwuchs aus dieser Entdeckung eine grässliche kleine »Nach Ihnen, Alphonse«Beziehung. Wir begannen, einander munter zuzulächeln, wenn wir uns auf der Schwelle zum Badezimmer begegneten.

 

In einer Woche im Mai des Jahres 1940, ungefähr zehn Monate, nachdem Bobby und ich im Ritz abgestiegen waren, sah ich in einer Quebecer Zeitung (einer von sechzehn französischsprachigen Zeitungen und Zeitschriften, deren Abonnement ich mir gegönnt hatte) eine kleine Anzeige, die von der Direktion einer Montrealer Fern-Kunsthochschule aufgegeben worden war. Sie forderte alle qualifizierten Lehrer auf sie sagte sogar im Grunde, sie könne sie nicht fortement genug dazu auffordern , sich unverzüglich um eine Anstellung an der neuesten, progressivsten Fern Kunsthochschule Kanadas zu bewerben. Lehrerkandidaten, so die Bedingung, müssten in der französischen wie auch der englischen Sprache flüssig sein, und nur Personen mit maßvollen Gewohnheiten und untadeligem Charakter könnten sich bewerben. Der Sommerkurs bei Les Amis Des Vieux Maîtres sollte offiziell am 10. Juni beginnen. Arbeitsproben, hieß es, sollten sowohl den akademischen wie auch den kommerziellen Bereich der Kunst repräsentieren und bei Monsieur I. Yoshoto, directeur, vormals an der Kaiserlichen Akademie der Schönen Künste zu Tokio, eingereicht werden.

Sogleich zog ich, denn ich fühlte mich beinahe unerträglich qualifiziert, Bobbys HermesBabySchreibmaschine unterm Bett hervor und schrieb auf Französisch einen langen, maßlosen Brief an M. Yoshoto wofür ich alle meine Vormittagsstunden an der Kunsthochschule in der Lexington Avenue ausfallen ließ. Mein einführender Absatz ging über rund drei Seiten und qualmte fast schon. Ich schrieb, ich sei neunundzwanzig und ein Großneffe Honoré Daumiers. Ich schrieb, ich hätte gerade, nach dem Tode meiner Frau, mein kleines Gut in Südfrankreich verlassen, um in Amerika vorübergehend, wie ich klarstellte bei einem gebrechlichen Verwandten zu leben. Ich malte, schrieb ich, seit frühester Kindheit, hätte aber auf den Rat Pablo Picassos hin, der einer der ältesten und liebsten Freunde meiner Eltern sei, nie ausgestellt. Allerdings hingen eine Anzahl meiner Ölgemälde und Aquarelle in einigen der ersten und keinesfalls nouveau riche Häuser von Paris, wo sie bei einigen der ernstzunehmendsten Kritiker unserer Zeit beträchtliches Aufsehen gagné hätten. Ich schrieb, nach dem vorzeitigen und tragischen Tod meiner Frau an einer ulcération cancéreuse hätte ich ernstlich geglaubt, nie wieder den Pinsel auf eine Leinwand zu setzen. Doch jüngste finanzielle Verluste hätten mich bewogen, meine feste résolution zu ändern. Ich schrieb, ich würde mich außerordentlich geehrt fühlen, Proben meiner Arbeit bei Les Amis Des Vieux Maîtres einzureichen, sobald sie mir von meinem Agenten in Paris geschickt würden, welchem ich natürlich très pressé schreiben wolle. Ich verblieb, mit größter Hochachtung, Jean de DaumierSmith.

Ich brauchte fast so lange, ein Pseudonym zu wählen, wie ich gebraucht hatte, den ganzen Brief zu schreiben.

Ich schrieb den Brief auf Pauspapier. Allerdings steckte ich ihn in einen RitzUmschlag. Danach klebte ich eine Eilbriefmarke darauf, die ich in Bobbys oberster Schublade entdeckt hatte, und brachte den Brief zum Hauptpostkasten im Foyer. Unterwegs schaute ich noch beim Postfritzen (der mich eindeutig nicht ausstehen konnte) vorbei, um ihn auf die künftig für de DaumierSmith eingehende Post hinzuweisen. Dann, gegen halb drei, schlüpfte ich in der Kunsthochschule in der Forty-eighth Street in meine Anatomiestunde, die schon Viertel vor zwei begonnen hatte. Meine Klassenkameraden erschienen mir zum ersten Mal als recht anständiger Haufen.

Während der folgenden vier Tage nutzte ich meine gesamte Freizeit und auch einige Zeit, die nicht ganz mir gehörte, um ein Dutzend oder mehr Proben dessen zu zeichnen, was ich für typische Beispiele amerikanischer kommerzieller Kunst hielt. Meist mit Wasserfarben, zuweilen aber auch, um anzugeben, in Strichzeichnungen, malte ich Menschen im Abendkleid, die an Premierenabenden aus Limousinen steigen schlanke, aufrechte, superschicke Paare, die offenkundig nie in ihrem Leben Leid infolge von AchselhöhlenNachlässigkeit zugefügt hatten , ja Paare, die vielleicht gar keine Achselhöhlen hatten. Ich malte sonnengebräunte junge Giganten in weißer Smokingjacke, die an weißen Tischen neben türkisfarbenen Swimmingpools saßen und einander ziemlich aufgeregt mit Highballs zutranken, die aus einer billigen, aber vermeintlich ultramodischen Rye-Whiskey-Marke gemacht waren. Ich malte rotgesichtige, werbeplakatgeeignete Kinder, die außer sich vor Freude und Gesundheit ihre leeren Frühstücksschalen hochheben und freundlich um mehr bitten. Ich malte lachende, hochbusige Mädchen, die infolge ihres umfassenden Schutzes gegen nationale Übel wie Zahnfleischbluten, verunstaltete Gesichter, unansehnliche Härchen und eine fehlerhafte oder unzureichende Lebensversicherung bar aller Sorgen Wasserski laufen. Ich malte Hausfrauen, die, bis sie nach den richtigen Seifenflocken griffen, anfällig waren für strähniges Haar, schlechte Haltung, ungehorsame Kinder, verdrossene Ehemänner, raue (aber schmale) Hände, unordentliche (aber riesige) Küchen.

Als die Proben fertig waren, schickte ich sie sogleich an M. Yoshoto, zusammen mit rund einem halben Dutzend meiner nichtkommerziellen Gemälde, die ich aus Frankreich mitgebracht hatte. Auch legte ich ein, wie ich fand, sehr beiläufiges Schreiben bei, das lediglich in Ansätzen die kleine, von Menschlichkeit gesättigte Geschichte erzählte, wie ich, ganz allein und mannigfach behindert, in der reinsten romantischen Tradition also, die kalten, weißen, vereinsamenden Höhen meiner Profession erreicht hatte.

Die nächsten Tage waren entsetzlich spannungsreich, doch noch vor Ablauf der Woche kam ein Brief von M. Yoshoto, in dem er mich als Lehrer an der Les Amis Des Vieux Maîtres annahm. Der Brief war auf Englisch, obwohl ich auf Französisch geschrieben hatte. (Später erfuhr ich, dass M. Yoshoto, der Französisch, aber nicht Englisch sprach, die Abfassung des Briefes Mme. Yoshoto überlassen hatte, die über brauchbare Englischkenntnisse verfügte.) M. Yoshoto schrieb, der Sommerkurs werde wahrscheinlich der vollste Kurs des Jahres werden und beginne am 24. Juni. Das gebe mir fast fünf Wochen, betonte er, um meine Angelegenheiten zu regeln. Für meine jüngsten emotionalen und finanziellen Schicksalsschläge sprach er mir faktisch seine grenzenlose Anteilnahme aus. Er hoffte, ich könne es einrichten, mich am Sonntag, den 23. Juni, bei Les Amis Des Vieux Maîtres einzufinden, um etwas über meine Pflichten zu erfahren und »enge Freundschaft« mit den anderen Lehrern zu schließen (die, wie ich später erfuhr, zwei an der Zahl waren und aus M. Yoshoto und Mme. Yoshoto bestanden). Er bedauerte zutiefst, dass es den Schulbestimmungen nicht entspreche, neuen Lehrern die Fahrtkosten vorzustrecken. Das Anfangsgehalt betrug achtundzwanzig Dollar die Woche was, wie er, M. Yoshoto, wohl wisse, keine sehr hohe Summe sei, doch da es ein Bett und nahrhaftes Essen einschließe und da er in mir den wahren Geist der Berufung spüre, hoffe er, ich würde mich in meinem Eifer nicht entmutigen lassen. Er erwartete voller Spannung eine formale Zusage von mir und mein Eintreffen im Geiste der Freundlichkeit und verblieb, mit freundlichen Grüßen, mein neuer Freund und Arbeitgeber, I. Yoshoto, vormals an der Kaiserlichen Akademie der Schönen Künste zu Tokio.

Mein Telegramm mit der formalen Zusage ging binnen fünf Minuten hinaus. Merkwürdigerweise brütete ich vor lauter Aufregung oder, durchaus möglich, wegen meines schlechten Gewissens, weil ich das Telegramm von Bobbys Telefon absandte, bedachtsam über meiner Prosa und beschränkte die Nachricht auf zehn Wörter.