Ich stand allein auf dem Dachboden, und doch konnte ich es hören. Das Klirren der Gläser. Das Klackern des Tischbeins. Einen Chor von Stimmen, und mitten unter ihnen meine eigene.

Unten lag Frau Huber besoffen neben Lara Cohens Sofa, und Magda klimperte noch immer auf dem Klavier. Wahrscheinlich weilte der Geist der Huberin in Venedig und meine Mutter tanzte in Gedanken mit dem King.

Ich ließ die beiden Frauen weiterträumen und legte mich in das Kinderbett, das noch immer in meinem ehemaligen Zimmer stand.

Die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Adams letzter Wunsch ist nicht in Erfüllung gegangen. Sein Buch hat das Mädchen, das er geliebt hat, niemals erreicht.

Mir, dem Erben, ist es vorbehalten, das letzte Kapitel zu schreiben.

Udo konnte es nicht glauben, dass ich aussteigen wollte.

»Warum, Ed? Die Leute lieben diese Dinger. Überleg es dir doch noch mal.«

Aber ich hatte mich entschieden. Die toten Schafe ergaben einfach keinen Sinn mehr.

Mama und ich einigten uns darauf, Lara Cohens Wohnung vorerst unterzuvermieten. Wir brachten es nicht übers Herz, sie zu verkaufen. Zu vielen Cohens war sie einmal ein Zuhause gewesen. Das Vermögen meiner Großmutter teilten wir unter uns auf, es war nicht viel. Ich beschloss, das Geld in einen Privatdetektiv zu investieren. Ich hoffte, dass Anna den Krieg überlebt hatte und dass sie auch heute noch lebte. Sie müsste jetzt fast neunzig sein.

Nachdem ich der Detektei alles, was ich aus Adams Buch über Anna wusste, mitgeteilt hatte, legte ich mich in mein Bett und wartete. Meiner Mutter würde ich erst später von ihrem Onkel, von meinem Großonkel, erzählen.

Adams Buch musste zu einer Zeit hier eingetroffen sein, als meine Großeltern noch in England waren. Es war also ein Fremder, der damals das Päckchen entgegengenommen hatte.

Vielleicht war es nur eine Laune, die diesen Menschen dazu bewogen hatte, es aufzubewahren und nicht einfach wegzuschmeißen. Ich werde es nie erfahren.

Aber warum hatte Moses in all den Jahren Adams Geschichte nicht gefunden? Vielleicht hatte er nicht gesucht? Und hätte das Wissen, dass sein Bruder kein Dieb war, ihn erlösen können?

Ich glaube nicht. Es war nicht Adam, der meinen Großvater zu Boden gezwungen hatte.

Ich wartete. Dreiundzwanzig Tage.

Sie war in New York. Sie lebte.

Ich bin hingeflogen. Anna wohnte in einem Seniorenheim auf Staten Island. Die Wände ihres Zimmers waren hellgelb, ebenso wie die Möbel. Sie trug ein dunkelblaues Kleid und eine silberne Kette. Anna hatte die traurigsten Augen, die ich jemals gesehen habe.

Es war ein eigenartiger Moment, als wir uns gegenüberstanden. Keiner der Sätze, die ich mir zurechtgelegt hatte, wollte heraus. Und während ich noch nach Worten rang, erkannte sie mein Gesicht, das einmal einem anderen gehört hatte. Und doch konnte sie nicht verstehen, was sie da sah.

»Ich bin Edward Moss-Cohen. Adam Cohen war mein Großonkel«, sagte ich schließlich.

Sie sank auf einen der gelben Korbstühle. »Adam Cohen«, flüsterte sie, »Adam.«

Hinter der schwimmenden Traurigkeit erblickte ich eine ganze Welt.

Ich holte das Buch aus meiner Tasche. »Er hat Ihnen etwas hinterlassen.«

Sie weinte, als sie Adams Buch in den Händen hielt, und ihre Tränen machten mich verlegen.

»Würden Sie es mir vorlesen?«, fragte sie.

Und das tat ich.

Draußen war es bereits dunkel, als die letzten Töne einer nicht ganz vergangenen Geschichte in diesem hellgelben Zimmer verhallten.

Nun begann Anna zu erzählen.

Nachdem man sie in Berlin verhaftet hatte, wurde sie nach Polen ausgewiesen.

»Adam hat Ihnen an diesem Tag gesagt, dass Sie zu Hause bleiben sollen. Haben Sie gedacht, dass er…«

»Dass er etwas mit meiner Verhaftung zu tun hatte?«

»Ja.«

»O nein. Nicht eine Sekunde lang. Wir haben ja mitbekommen, was draußen los war.«

In Polen ging ihre Odyssee weiter. Verhaftung, Flucht, Entdeckung, Flucht. Fast hätte Adam sie schon in Krakau gefunden. Bussler hatte richtig gelegen: Das Haus in der Nähe des Hutmachers… Als Anna an jenem Abend nach Hause kam, erzählte ihr Leon – so hieß der Mann, der Adam damals die Türe geöffnet hatte –, dass die Deutschen nach ihr suchen würden.

»Er hat gesagt, dass sich ein Kerl, der wie eine Karikatur von Hitler aussah, nach mir erkundigt habe. Und unser Nachbar hatte diesen schnurrbärtigen Menschen dann mit einem SS-Mann im Treppenhaus gesehen.«

Noch in derselben Nacht verließ Anna Leons Wohnung. In Krakau fühlte sie sich nicht mehr sicher.

»Und das Band? Die drei himmelblauen Fäden? Waren das…«

Sie nickte. »Bei meiner Verhaftung in Berlin haben sie mir fünf Minuten Zeit gegeben, um ein paar Sachen einzupacken. Ich habe meine Träume mitgenommen, aber die Rosen haben die Reise nach Polen nicht überstanden. Nur das Band ist übriggeblieben.«

»Und wie ist es in der Besenkammer gelandet?«

»Dort habe ich oft gesessen, wenn ich alleine in Leons Wohnung war. In der Kammer habe ich mich in Sicherheit gefühlt. Ich habe mir immer vorgestellt, dass die Tür verzaubert wäre und nur ich sie öffnen könnte.«

»Und da haben Sie es dann vergessen?«

Sie schüttelte den Kopf. »O nein. Als ich gehen musste, habe ich es dort festgebunden. Damit… Damit es bleibt.«

Anna machte sich auf den Weg nach Warschau, wo sie gute Freunde hatte. Sie kam niemals bei ihnen an. Sie wurde aufgegriffen und landete schließlich im Warschauer Ghetto.

»Ich war sehr krank, als eines Abends ein Hilfspolizist in meinem Zimmer stand. Es war wohl Rafal… Ich erinnere mich an die Augenbrauen und an seinen Gang. Rechts, links, rechts und ein Hüpfer. Er schrie mich an und drohte mir mit seinem Knüppel. ›Mitkommen‹, brüllte er. Ich konnte kaum gehen, aber er jagte mich durch die Straßen bis zum Tor. Dort drückte er mir einen Passierschein in die Hand und stieß mich in eine Gruppe von Menschen, die gerade das Ghetto verließen. Ich verstand nicht, was da vor sich ging. Ich folgte einfach den anderen. Kaum war ich draußen, packte mich jemand. Ein deutscher oder ein polnischer Polizist, ich weiß es nicht mehr. Ich habe nur gedacht, jetzt ist es vorbei, jetzt erschießen sie dich. Etwas Hartes landete auf meinem Kopf. Jetzt bist du tot, habe ich gedacht. Aber ich war nicht tot. Ich wachte mit einer Beule am Kopf auf. Ein sauberes Zimmer, ein Bett…«

»Waren Sie bei Abraham?«

»Nein. Es waren zwei Schwestern. Sie wussten nicht, wem ich meine Befreiung zu verdanken hatte. Es war ein… ein Wunder. Und weil niemand meine Fragen beantworten konnte, akzeptierte ich das Wunder.«

Als der Krieg vorbei war, stellte Anna fest, dass alle Menschen, die sie einmal geliebt hatte, verschwunden waren. Ihre Familie, ihre Freunde – keiner hatte überlebt. Nichts war geblieben, weder das Band noch das Haus in der Straße des Hutmachers noch Leon, den man nur wenige Tage nach Annas Flucht verhaftet hatte.

»Sind Sie nach Berlin zurückgekehrt?«, fragte ich.

»Ein Mal.«

»Waren Sie…?«

»Ich war da. Eine fremde Frau hat mir die Tür geöffnet. Sie sagte mir, dass man die Cohens schon 1942 abgeholt hätte.« Und einen Augenblick lang war Anna weit weg, an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit.

Ich zögerte. »Haben Sie Adam…« Ich traute mich nicht, zu Ende zu sprechen, aber das war auch nicht nötig, sie wusste, was ich wissen wollte.

»Ob ich ihn geliebt habe?« Sie lächelte. »Ich denke, ja, ich war sehr ängstlich. Und Adam, er war ein Träumer, er war… Ich denke, ich habe ihn geliebt.«

Anna beschloss, nach Amerika überzusiedeln. Dank eines ihr wohlgesinnten amerikanischen Offiziers erhielt sie schon bald ein Visum.

»Ich dachte, ich könnte noch einmal von vorne anfangen. Ich dachte, es muss einen Grund geben, warum ich noch hier bin.«

Anna lernte einen Amerikaner kennen und verlobte sich mit ihm. Er war Dozent für neuere Geschichte und begriff ihren Drang, zu verstehen. Sie begann zu lesen und zu forschen.

»Es war wie eine hochkomplizierte Rechnung. Ich war mir sicher, dass ich eines Tages zu einem Ergebnis kommen würde. Eine Antwort, ebenso komplex wie ihr Lösungsweg. Aber Adams Professor Menden hatte recht. Es waren Menschen…«

Sie stand auf und holte einige Papiere aus ihrer Kommode. »Lesen Sie«, sagte Anna und reichte mir ein Blatt.

»Was ist das?«

»Lesen Sie es laut vor.«

»2. 9. 41 Absender: Reichsführer SS; Empfänger: Ahnenerbe e. V.

In dem beiliegenden italienischen Buch Razze e popoli della terra sind im ersten Band die verschiedenen Venusfiguren von Biesternitz und Willenberg und ähnliche Figuren schwangerer, überfetter, mit besonders starken Schenkeln und Gesäßen versehener weiblicher Figuren abgebildet.

Diese Figuren sind einige der wenigen Hinweise auf in der Steinzeit lebende Völker der Gegenden, in denen die Figuren gefunden wurden. Nun fällt mir auf, dass bei einigen Stämmen wilder Völker, vor allem bei den Hottentotten, die Frauen noch dieselben Figuren, den Fettsteiß, und alle anderen Attribute dieser Art haben.

Ich ersuche, nun einmal eine eingehende Forschung in Zusammenarbeit mit dem Rasse- und Siedlungshauptamt-SS in die Wege zu leiten über folgende Fragen:

1.) Wo wurden, kartenmäßig aufgezeichnet, solche Venusfiguren überall gefunden?

2.) Wie war das Klima an diesen Stellen zur Zeit, als das betreffende Volk lebte?

3.) Gibt es Hinweise, dass entweder Völker ähnlich wie die Hottentotten damals in den Fundgegenden lebten oder ist anzunehmen, dass eine gemeinsame Ahnenschicht in den Fundgegenden und in den heutigen Hottentotten-Gegenden lebte, und dass diese Art Menschen bei uns durch irgendwelche Umstände – sagen wir durch Klimawechsel – oder durch die Cromagnon und die späteren nordischen Menschen vertrieben und vernichtet wurde.

4.) Genauestens wäre in diesem Zusammenhang nachzuprüfen, wie lange man von den Hottentotten und anderen Völkern, die solche Fettsteiße haben, diese Art des Körperbaues bereits weiß, und weiterhin, woher die Hottentotten und diese anderen Völker in jedem einzelnen Fall stammen. Insgesamt also, wie weit man sie zurückverfolgen kann.

5.) Interessant wäre hier nachzuforschen, wie die Hottentotten die Körperfülle gerade an diesen Stellen hervorbringen. Allein durch vieles Essen ist das nicht zu ermöglichen, da sonst die Fülle sich an allen Stellen des Körpers ansetzen würde.

6.) Bei der Zusammenarbeit mit dem Rasse- und Siedlungshauptamt-SS bitte ich beide Teile dafür zu sorgen, dass keine Doppelarbeit nebeneinander, sondern eine wirkliche Gemeinschaftsarbeit geleistet wird.

gez. H. Himmler«

Anna lächelte.

»Daran bin ich gescheitert.«

»Was ist das?«, fragte ich und hielt den absonderlichen Wisch hoch.

»Ein Forschungsauftrag. Erteilt von Heinrich Himmler im September 1941. Als das Massentöten bereits begonnen hatte.«

Immer noch lächelnd fuhr sie fort. »Als ich das gelesen habe, die Venus, der Fettsteiß, da wusste ich, dass ich niemals verstehen würde, dass ich gescheitert bin. Besser kann ich es nicht erklären. Ich hörte auf zu forschen und zog mich zurück. Es waren Menschen, das ist das Schlimme.«

»Und Ihr Verlobter?«

»Wir haben geheiratet. Er ist schon seit vielen Jahren tot. Aber wir sind bis zum Schluss zusammengeblieben. Er war ein guter Freund. Er hat auf mich aufgepasst. Bevor er starb, hat er zu mir gesagt: ›Anna, du musst warten, vielleicht hast du etwas übersehen.‹«

Es war still in dem gelben Zimmer. Für einen Moment verschwand alle Traurigkeit aus Annas Augen.

»Und jetzt kommst du, Edward, und erzählst mir… erzählst mir von der Liebe.« Sie stand auf und legte ihre dünnen Finger auf meine Schulter. »Ich bin froh, dass ich gewartet habe.«

Als ich mich von Anna verabschiedete, bestand sie darauf, dass ich Adams Buch wieder mitnehmen sollte. Es sei an mir, sagte sie, die Geschichte zu behalten.

Ich flog zurück nach Berlin. Neben mir im Flugzeug saß ein hübsches Mädchen. Vielleicht muss man sogar sagen, dass sie sehr schön war. Sie lächelte mich an, und auch ihr Lächeln war hübsch. Wir stellten uns vor, sie hieß Diana und war Fotografin.

»Und was machst du so?«, fragte sie. Auch ihre Stimme war hübsch.

Ich überlegte einen Moment lang. Was machte ich so? Und dann gab ich ihr die einzig ehrliche Antwort.

»Nichts.«

»So?… Und was willst du mal machen?«

»Ich weiß es nicht.«

»Keine Pläne?«

»Nein.«

»Ach, komm schon«, sagte sie und stieß kameradschaftlich gegen meine Schulter. »Du musst doch irgendwelche Ziele haben?«

»Nein.«

Und dann erzählte sie mir von ihren Zielen und Plänen, und ihr Geschwätz machte mich müde, denn das hatte ich alles schon tausendmal gehört.

Sie klimperte mit ihren Wimpern. »Und wenn du jetzt die Augen schließt, wie stellst du dir dein Leben in zehn Jahren vor?«

»Gar nicht.«

Diana wurde es wohl langweilig mit mir. Sie setzte sich ihre Kopfhörer auf und starrte aus dem Fenster, während ich darüber nachdachte, wo ich wohl in zehn Jahren sein würde.

Und dann sah ich etwas vor mir und tippte Diana an. Sie nahm ihre Kopfhörer ab.

»Ja?«

»In zehn Jahren möchte ich auf dem Vulkan der Kaliken tanzen, das ist nämlich der einzige Ort, an dem Adams Erbe, der Sohn des einzigen Gottes der Elefanten, atmen kann. Leute wie du werden kommen und mich tanzen sehen. Sie werden über mich lachen und sagen: ›Ach, es ist ja nur der Narr.‹ Aber das wird mir nichts ausmachen.«

Ihr hübsches Lächeln verwandelte sich in eine hübsche Fratze. Sie stand auf, um aufs Klo zu gehen, sie kam nicht mehr zurück.

Erst am Gepäckband in Berlin sah ich Diana wieder.

»Tschüss«, sagte ich, als sich unsere Wege ein letztes Mal kreuzten.

»Du bist total krank«, sagte sie zum Abschied und eilte davon.

Fängt man an zu schreiben, weil es jemanden gibt, dem man alles erzählen will?

Fängt man an zu erzählen, weil der Gedanke, dass alles einfach verschwinden soll, unerträglich ist?

Amy, jetzt habe ich dir die ganze Geschichte erzählt. Adams Geschichte und meine Geschichte, die sich auf einem Dachboden ineinander verschlungen haben.

Ich stelle mir vor, dass du irgendwann einmal diese Seiten in deinen Händen halten wirst. Und dann, Amy, dann denk an mich. Mehr nicht.