7. KAPITEL
Alexandre hatte Charlotte die Art von Liebe gegeben, von der sie geträumt hatte. Aber heute Abend, nur einen Tag nach ihrer ersten gemeinsamen Nacht, wollte er alles andere als sanft und zärtlich sein. Er wollte sie unbeherrscht und hemmungslos lieben.
Seine Wildheit würde sie ängstigen. Sie war eine sinnliche Frau, die wunderbarste Liebhaberin, die er je gehabt hatte, aber sie war noch nicht bereit für die tabulose Leidenschaft, die ihn trieb. Sie sollte ihm gehören. Ihm allein.
Er wusste, dass seine Eifersucht unbegründet war – Charlotte war keine Frau, die sich mit einem anderen Mann einließ, solange sie mit ihm zusammen war. Aber ein Gast hatte sich an seine Frau herangemacht. Und auch wenn sie die Annäherungsversuche bereits im Keim erstickt hatte, die Eifersucht wütete in ihm.
Er sehnte sich danach, zu ihr zu gehen, ihr die Kleidung vom Körper zu reißen und sein kratziges Kinn über ihre zarte Haut zu reiben. Er wollte sie ohne großes Vorspiel. Und er wollte totale Hingabe.
All seine sexuellen Wünsche sollten erfüllt werden.
Alexandre lief im Gästezimmer auf und ab und biss die Zähne zusammen. In diesem Zustand konnte er nicht zu ihr fahren. Er verließ das Haus, um sich erst einmal beim Joggen abzureagieren. Dabei achtete er nicht darauf, wohin er lief.
Einige Zeit später blickte er auf und blieb entsetzt stehen. Charlottes Cottage lag nur wenige Meter vor ihm. Obwohl er beschlossen hatte, sich von ihr fernzuhalten, war er instinktiv zu ihr gelaufen.
Er starrte auf das Licht im Schlafzimmer. Seine Geliebte war also noch wach. Wartete sie auf ihn? Sofort war er total heiß auf sie. Er steckte die Hände in die Hosentaschen, drehte sich um und wollte zurückgehen.
“Alexandre? Bist du das?”
Verwirrt wirbelte er herum. Sie stand in einem knappen weißen Shirt in der Haustür des Cottages. Er machte sofort ein finsteres Gesicht. “Warum kommst du in diesem Aufzug aus dem Haus, wenn du nicht weißt, wer hier draußen ist?”, fuhr er sie vorwurfsvoll an.
“Ich habe die Tür erst ganz geöffnet, als ich erkannte, dass du es bist. Warum schleichst du da draußen herum?” Sie trat einen Schritt aus der Tür.
“Bleib, wo du bist.”
“Warum?” Sie klang gekränkt.
Er atmete schwer. “Tut mir leid. Ich bin heute Abend etwas gereizt. Außerdem bin ich so scharf auf dich, dass ich für nichts mehr garantieren kann, wenn du noch näher kommst.”
Sie trat noch einen Schritt vor. “Das klingt verlockend. Was meinst du, was du mit mir anstellen könntest?”
Er fluchte leise, als sie gefährlich nah kam. Nah genug, um sie auf den Boden zu werfen und hier und jetzt zu nehmen. Ihm wurde so heiß bei dem Gedanken, dass er kurz davor war, noch das letzte bisschen Kontrolle über sich zu verlieren.
“Geh zurück ins Haus. Ich kann jetzt nicht der Liebhaber sein, den du brauchst – ich will dich auf eine Art und Weise, die dich schockieren würde. Ich will tabulosen Sex und spüren, wie du dich unter mir windest”, murmelte er. “Ich will, dass du dich mir unterwirfst. Ohne Kompromisse.”
Charlotte schluckte. Sie mochte Alexandre nicht wegschicken. Heute Abend wollte sie ihm das geben, was er brauchte.
Mit trockenem Mund griff sie nach dem Saum ihres Shirts, und ohne darüber nachzudenken, zog sie es über den Kopf. Splitternackt stand sie vor ihm. “Ich bin ganz für dich da”, flüsterte sie und ließ das Shirt auf den Boden fallen.
Mehr brauchte er nicht. Doch anstatt sofort über sie herzufallen, schlich er um sie herum wie ein wildes Tier um seine Beute und betrachtete sie. Du gehörst mir, sagte sein Blick. Und sie fühlte sich so begehrt wie nie. Sie empfand keine Scham oder Verlegenheit – sein offensichtliches Verlangen nach ihr gab ihr das Selbstvertrauen, das sie brauchte. Als Frau. Als Geliebte.
Das Pulsieren zwischen ihren Schenkeln wurde stärker, ihr Herzschlag beschleunigte sich. Sie wollte ihn berühren, doch er hatte totale Unterwerfung verlangt, und sie hatte zugestimmt. Deshalb rührte sie sich nicht und überließ Alexandre die Führung.
Er trat hinter sie und legte die Hände an ihre Hüften.
“Ich werde hier draußen mit dir schlafen. Die Dunkelheit und die Sterne sollen Zeugen sein.” Er schob ihre Haare zur Seite und küsste ihren Nacken. “Ich liebe es, wie du schmeckst, Kleines.”
Charlotte rechnete damit, dass er sie ohne großes Vorspiel nehmen würde. Sie hatte keine Angst, denn sie vertraute darauf, dass Alexandre auch in seiner größten Leidenschaft auf sie aufpasste. Und sie war bereit für ihn. Er brachte die sinnliche Frau in ihr zum Vorschein, verwandelte ihre Fantasie in Wirklichkeit.
Er streichelte sie zwischen den Beinen. Sie schnappte nach Luft. Einen Moment später ging er vor ihr in die Hocke, strich über ihre Schenkel und drängte sie, die Beine zu spreizen. Sie fühlte sich wild und ungehemmt und zügellos und gehorchte ihm.
Dann lagen seine Hände an ihren Hüften. Ihre Beine drohten nachzugeben, als er begann, sie mit der Zunge zu verwöhnen. Heiß und wild und schamlos.
Charlotte klammerte sich an seinen Schultern fest.
“Tu es très belle. Du bist so schön.” Seine Worte streichelten ihre Sinne, seine erotische Stimme war wie Samt. Und dann liebkoste er sie weiter.
Sie wollte ihn anflehen, endlich zu ihr zu kommen, doch irgendetwas ließ sie schweigen. Vielleicht war es das Bewusstsein, dass dies seine Nacht war. Er stellte die Spielregeln auf.
Der erste Höhepunkt überraschte sie. Gerade wurde sie noch von heißen Gefühlen überschwemmt, im nächsten Moment geriet ihr Körper in Ekstase, sie wand sich vor Lust und Wonne, ein Schrei kam über ihre Lippen, ein Vulkan brach in ihr aus.
Alexandre richtete sich auf und schloss sie in seine Arme. Zärtlich knabberte er an ihrem Hals und streichelte über ihre Brust.
“Alexandre”, murmelte sie so glücklich, dass sie ihm alles geben und ihm ganz gehören wollte.
Statt zu antworten, glitt er mit der Hand zwischen ihre Beine und streichelte die Stelle, die er zuvor mit der Zunge verwöhnt hatte, während er mit der anderen Hand ihre Brust liebkoste.
Charlotte klammerte sich an ihn. Sie hatte nicht geglaubt, dass sie wieder bereit war, doch sie hatte sich getäuscht. “Ich komme gleich noch einmal”, keuchte sie.
Er streichelte sie intensiver. “Ja, komm, Kleines.”
Der zweite Orgasmus traf sie mit derselben Wucht wie der erste. Doch es war kein wütendes Inferno, kein hitziges Aufflackern und Verbrennen. Sondern ein Feuer, das unentwegt weiter tobte, während Alexandres Finger ihre Magie fortsetzten. Unzählige Wellen überrollten sie, sie presste sich gegen seine Hand und forderte mehr von der Leidenschaft, nach der er sie so süchtig gemacht hatte.
Alexandre gab ihr, was sie wollte. Mehr und mehr und mehr, bis sie so erschöpft war, dass sie nur noch stöhnen konnte.
Dann hob er sie hoch und trug sie zum Cottage. Er sah in Charlottes Augen und war verloren. Eigentlich hatte er hier draußen mit ihr schlafen wollen, unter dem schwarzen Nachthimmel, aber irgendetwas hatte ihn davon abgehalten, sie auf dem harten Boden zu lieben. Es widersprach seinem Beschützerinstinkt. Und Charlotte zu beschützen war für ihn mittlerweile das Wichtigste überhaupt geworden. Er trat durch die offene Tür und stieß sie hinter sich zu.
Das Licht in ihrem Schlafzimmer zeigte ihm den Weg. Charlotte sagte nichts, sie rieb ihr Gesicht an seiner Brust, die Arme um seinen Hals geschlungen.
Als er sie auf das Bett sinken ließ, streckte sie ihm die Arme entgegen. Stöhnend legte er sich auf sie.
Unter seinen Händen war ihre Haut warm und weich. “Du fühlst dich wundervoll an, ma petite”, murmelte er und liebkoste ihre Ohrmuschel. Dann hauchte er zarte Küsse auf ihr Kinn, bis er ihren Mund erreichte. “Und wie du schmeckst.”
Sie erbebte und murmelte etwas, was er nicht verstand. Er rieb die Nase an ihrem Hals und atmete ihren Duft ein. Sie zerzauste sein Haar. Lächelnd rutschte er nach unten und küsste ihre Brüste.
Sie wand sich unter ihm. “Alexandre.”
Lustvoll nahm er eine Spitze in den Mund. Gierig saugte er daran, bis Charlotte sich wohlig unter ihm wand.
Die andere Brust schmeckte ebenso köstlich wie die erste. Charlottes Atem ging immer flacher, er spürte ihren rasenden Herzschlag unter seiner Hand, und als sie seinen Namen flüsterte, kannte Alexandre kein Halten mehr. “Ich will dich ganz spüren.”
Ihre Augen schienen noch dunkler zu werden. Sie öffnete seine Hose und umfasste ihn. Beinah wäre er sofort gekommen.
Irgendwie schaffte er es, sich ganz auszuziehen und ein Kondom überzustreifen, und dann drang er in sie ein.
Charlotte klammerte sich an seinen Schultern fest.
Alexandre warf einen letzten Blick in ihr von Leidenschaft gerötetes Gesicht, um sich zu vergewissern, dass ihr der Sex genauso viel Spaß machte wie ihm. Und dann ließ er sich gehen, spürte, wie sie sich ihm ganz und gar hingab.
Ihre Körper waren wie füreinander geschaffen. Daran dachte er, bevor er einen erschütternden Höhepunkt erlebte.
Sein Gesicht ruhte an ihrem warmen Hals, sein Körper lag auf ihrem wie auf einem weichen Kissen. Alexandre strich mit der Zunge über ihre zarte Haut. Sie erbebte.
“Bin ich zu schwer, ma petite?” Er liebte das Gefühl ihres zarten, weiblichen Körpers unter seinem.
“Nein. Bleib so liegen.” Sie küsste ihn. “Du hast Französisch gesprochen, als wir …”
“Oui, das ist meine Muttersprache. Magst du das nicht?”
“Du weißt genau, dass es mir gefällt. Ich wüsste nur gern, was du gesagt hast.” Sie hatte die Arme um seine Schultern gelegt und streichelte ihn sanft.
“Du wirst vor Scham erröten.” Doch dann flüsterte er ihr die Übersetzung ins Ohr.
“Alexandre!”
Er blickte in ihr schockiertes Gesicht und begann zu lachen. “Ist das dieselbe Frau, die vor ein paar Minuten nackt unter dem Sternenhimmel gestanden hat?”
Alexandres erotische Stimme ließ sie fast den Gedanken vergessen, der sie beschäftigte. “Warum?”
“Warum was?” Verwirrt sah er sie an.
“Warum warst du heute Abend so gereizt und kribbelig?”
“Ich will nicht darüber sprechen.”
“Du kannst deine Geheimnisse nicht immer für dich behalten.”
“Non”, stimmte er zu. “Aber heute Abend kann ich es.”
Nach der Nacht veränderte sich Alexandres Haltung ihr gegenüber. Er war nicht weniger zärtlich, nicht weniger liebevoll, doch in seinen Augen entdeckte sie einen Besitzanspruch, der sie jedes Mal erstaunte. Sie brauchten es beide, die Nächte in den Armen des anderen zu verbringen, und sie genossen die gemeinsamen Stunden.
Aber wir haben nicht nur die Nächte, dachte sie lächelnd. Trotz ihrer vollen Terminkalender schafften sie es, einen Ausflug nach San Pablo Bay zu machen und zum Dinner nach Sonoma zu fahren. Sie wiederholten sogar ihr romantisches Picknick im Mondschein. Kaum zu glauben, dass sie einander gerade erst zwei Wochen kannten.
Mit jedem Moment, den Charlotte mit Alexandre verbrachte, hatte sie das Gefühl, dass es richtig war, was sie tat. Sie passten ideal zusammen. Alexandre ließ alle ihre Träume wahr werden. Wenn sie mit ihm zusammen war, vergaß sie sogar den Brief von dem Einwohnermeldeamt, auf den sie eigentlich sehnsüchtig wartete.
Einerseits war sie froh darüber, dass er noch nicht angekommen war. So konnte sie weiterhin glauben, dass ihre Mutter noch lebte. Andererseits wollte sie endlich die Wahrheit wissen, denn die Tage des Wartens bedeuteten auch unendliche Qualen. Qualen, die nur Alexandre lindern konnte.
Summend steckte sie eine langstielige Rose in das Blumenarrangement, an dem sie gerade arbeitete. Wie konnte es sein, dass dieser Franzose, der in einer ganz anderen Liga spielte als sie, sie so gut kannte?
Zu gut.
Ein entsetzlicher Gedanke schoss ihr durch den Kopf. Das Liebesspiel letzte Nacht unter freiem Himmel war einfach wundervoll gewesen. Es hatte ihrer Fantasie nicht nur geähnelt, es war ihre Fantasie gewesen. Und davor – das Picknick, das Tanzen, die Romantik –, alles, wie sie es sich erträumt hatte. Bis ins letzte Detail. Sie bekam einen trockenen Mund, als ihr ein entsetzlicher Verdacht kam. Die Rose fiel ihr aus der Hand. War es möglich, dass Alexandre ihr Tagebuch gelesen hatte?
Sie dachte an den Tag, als er ihr das Bouquet geschenkt hatte, den Tag, als sie ihn vor dem Gewächshaus getroffen hatte. Es war möglich, dass er sie gesucht hatte und dabei über ihr Tagebuch gestolpert war.
Ja, sie war fast sicher, dass Alexandre in ihre Privatsphäre eingedrungen war. Mehr noch, er hatte ihr Vertrauen missbraucht. Wütend lief sie hinaus und schnappte sich ihr Fahrrad.
Ihre Wangen brannten vor Wut, der Schmerz zerriss ihr fast das Herz. Sie hatte ihm total vertraut, und sie war die ganze Zeit nur ein Spiel für ihn gewesen. Meine Güte, was musste er darüber gelacht habe, dass die stille Charlotte Ashton sich in ihren Fantasien als heiße Verführerin sah. Tränen traten ihr in die Augen, doch sie drängte sie zurück.
Sie ging direkt in die Kellerei. Alexandre stand an der Treppe, die in den Keller führte, und sprach mit einem der Angestellten. Kaum war sie eingetreten, sah er zu ihr, fast, als hätte er ihre Anwesenheit geahnt.
Ein Lächeln erhellte sein attraktives Gesicht. Es war das erste Mal, dass sie bei dem Anblick nicht weich wurde.
“Ma chérie”, kam er auf sie zu.
“Ich muss mit dir reden. Unter vier Augen.” Ohne ein weiteres Wort verließ sie die Kellerei und ging in Richtung Weingärten.
Er folgte ihr auf den Fersen.
Kaum waren sie außer Hörweite, wirbelte sie herum.
Argwöhnisch sah er sie an. “Du bist wütend.”
“Ja. Hast du mein Tagebuch gelesen?”
Er wurde blass. “Ja.”
Sie hatte alles erwartet, aber das nicht. “Du versuchst nicht einmal, es zu leugnen?”
“Non. Ich habe es gelesen.”
“Wie konntest du mir das antun?”, schrie sie entsetzt. “Was fällt dir ein, einfach in meine Privatsphäre einzudringen?”
“Ich wollte es nicht. Aber ich konnte nicht widerstehen.” Er wagte nicht, sie zu berühren.
“Wie konntest du nur? Es waren ganz private Gedanken, private Träume. Du hattest kein Recht, in dem Buch zu lesen. Wie würde es dir gefallen, wenn ich das getan hätte?”
“Charlotte, du bist so verschlossen, teilst mit niemandem deine Gedanken, dass ich Angst hatte, ich würde dich nie kennenlernen. Deshalb habe ich die Chance ergriffen, als sie sich mir bot.”
“Damit rechtfertigst du dein Tun?”
“Nein. Das ist einfach der Grund, weshalb ich mir eingeredet habe, es sei zulässig.”
“Du wirfst mir vor, ich würde meine Gedanken mit niemandem teilen. Und was ist mit dir? Du überdeckst alles mit einem Charme, der undurchdringlicher ist als Stahl.”
“Ich habe dir Dinge anvertraut, die ich bisher niemandem gesagt habe”, entgegnete er ruhig.
Sie war zu abgelenkt, um überhaupt zu hören, was er sagte. “War alles nur ein Spiel für dich? Die kleine Indianerin verführen?”
Seine dunklen Augen begannen wütend zu funkeln. “Hör auf, bevor du zu weit gehst.” Seine Stimme klang gefährlich ruhig.
“Warum zum Teufel sollte ich das? Du hast dich auf meine Kosten amüsiert. Nun, das ist jetzt vorbei. Mit uns ist Schluss.”
Er nahm ihr Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger. “Sag so etwas nicht in deiner Wut, ma petite.”
Sie wich zurück. “Ich meine jedes Wort, das ich sage. Eigentlich sollte ich froh sein, dass du mir die Trennung von dir so einfach machst – ich hatte mir vorgestellt, dass zwischen uns mehr als Sex sein könnte.” Die Lüge brachte sie fast um.
Für einen Moment hatte sie das Gefühl, ihn mit ihren Worten getroffen zu haben. Doch als sie in seine Augen sah, entdeckte sie nur ausdruckslose Leere. Sie wurde noch wütender, dass er so ruhig bleiben konnte, während ihr Herz brach.
“Jetzt muss ich mir darüber keine Sorgen mehr machen”, flüsterte sie. “Danke, dass ich mit dir üben durfte – du hast mir vieles beigebracht. Mein nächster Liebhaber wird es zu schätzen wissen.”
Sie wartete seine Antwort nicht ab. Blind vor Wut und Schmerz rannte sie zu ihrem Fahrrad. Erst als sie unterwegs war, stellte sie fest, dass Alexandre keine Anstalten gemacht hatte, ihr zu folgen.
Alexandre lag in der Nacht lange wach. Charlottes Worte hatten ihn wie ein Messerstich getroffen. Hatte sie ihn tatsächlich nur benutzt? Mit ihm “geübt”, weil er verfügbar war? Der Gedanke versetzte seinem männlichen Ego einen schweren Schlag.
Er drehte sich um, boxte die Kissen zurecht und versuchte, die unglaubliche Wut in ihren Augen zu vergessen. Wie hatte er sich so in ihr täuschen können? Er war überzeugt gewesen, dass sie anders als die Frauen war, die er gekannt hatte. Aber dann hätte sie ihn nicht so sehr verletzt.
Am besten, er würde sie vergessen und sein normales Leben fortsetzen. Kaum hatte er den Gedanken zu Ende gedacht, da wusste er schon, dass es unmöglich war.
Plötzlich erinnerte er sich an die ersten Einträge in ihrem Tagebuch, die er gelesen hatte.
… für mich bedeutet dieser Akt mehr als die Verbindung zweier Körper, mehr als nur Vergnügen, mehr als nur Sex …
Sie hatte ihn gefragt, wie er es empfunden hätte, wenn sie in seine Privatsphäre eingedrungen wäre. Er wäre noch wütender als sie geworden – so wütend, dass er weit schlimmere Dinge gesagt und getan hätte als sie.
Alexandre verfluchte seine Dummheit und sprang aus dem Bett. Er hatte die Frau, die ihm mehr als alles andere auf der Welt bedeutete, tief verletzt. Am liebsten wäre er sofort zu ihr gelaufen, um sie um Verzeihung zu bitten.
Es war anmaßend von ihm gewesen, ihre geheimsten Gedanken zu lesen, doch er bedauerte es nicht, denn so hatte er Charlotte für sich gewonnen. Die süße Charlotte mit allen ihren Hoffnungen, Träumen und Wünschen. Jetzt fühlte sie sich von dem Mann, dem sie ihre Unschuld geschenkt hatte, belogen und betrogen.
Der Gedanke machte ihn fertig. Er musste ihr unbedingt zu verstehen geben, was er empfunden hatte, als er ihr Tagebuch gelesen hatte. Und da gab es nur einen Weg.
Charlotte verbrachte eine schlaflose Nacht und erwachte am nächsten Morgen deshalb später als üblich. Ein schlechtes Gewissen war kein gutes Ruhekissen. Auch wenn er es verdient hatte, sie hatte ihn gekränkt. Sie musste sich bei ihm entschuldigen. Doch am vergangenen Abend hatte sie nicht den Mut dazu aufgebracht. Hätte er ihr überhaupt zugehört? Er war so stolz unter der charmanten Oberfläche, dass ihre Worte ihn unglaublich verletzt haben mussten.
Sie versuchte sich einzureden, dass er ihr nicht geglaubt hatte. Schließlich wusste er aus ihrem Tagebuch, dass Sex für sie weit mehr bedeutete als körperliches Vergnügen.
Doch es gelang ihr nicht, ihr Gewissen zu beruhigen. Zu sehr war sie sich der Tatsache bewusst gewesen, dass Alexandre nach außen zwar stark wirkte, aber in Wirklichkeit sehr verletzlich war.
Nein, sie durfte ihn nicht in dem Glauben lassen, dass sie mit ihm nur ihre Erfahrungen sammeln wollte. Der Mann, der ihr so viel Zärtlichkeit gegeben hatte, durfte dies nicht denken.
Sie holte tief Luft und öffnete die Tür. Eigentlich wollte sie zu ihm gehen, doch als sie den weißen Briefumschlag vor ihrer Tür sah, geriet sie in Panik. Was, wenn er ihre Worte doch für bare Münze genommen und beschlossen hatte, den Kontakt abzubrechen? Sie nahm den Umschlag mit zittrigen Händen und ging zurück ins Haus.
In dem Umschlag lagen mehrere beschriebene Blätter Papier. Voller Angst und Verzweiflung begann sie zu lesen.
Meine Geliebte …
Ungläubig ließ sie sich auf einen Sessel fallen. War das möglich? Konnte Alexandre das wirklich getan haben, nachdem sie ihn so gekränkt hatte?
Ja, er hatte es getan.
Der stolze, elegante Alexandre Dupree erlaubte ihr einen Blick in seine geheimsten Gedanken, seine geheimsten Fantasien.
Sie sah auf das Blatt.
Meine Geliebte,
du hast nach meinen Fantasien, meinen Träumen gefragt. Aber wirst du mir glauben, dass du meine ultimative Fantasie bist, eine Frau mit Feuer und Schönheit, Geist und Seele, atemberaubender Sinnlichkeit und unglaublicher Zärtlichkeit?
Dein Lächeln bringt mich um den Verstand. Deine Berührungen liefern mich dir aus. Ach, ma chérie, ich weiß, du würdest dich hiermit zufriedengeben und nicht mehr verlangen. Aber du hast ein Recht darauf, von mir dieselbe Offenheit zu verlangen, die ich mir von dir erschlichen habe. Für einen Mann, der sein Leben lang Geheimnisse hatte, ist das nicht einfach. Schwierig, aber nicht unmöglich.
Was erträume ich mir also von meiner Charlotte? Was lässt mich steinhart wach werden? Was macht mich heiß auf dich? Was lässt mich selbst in der kältesten Nacht schwitzen?
Ich werde es dir erzählen, Kleines.
Charlottes Herz raste.
In meinen Fantasien ist immer Nacht, und wir befinden uns hinter verschlossenen Türen. Obwohl … manchmal kann ich mich nicht beherrschen, und dann will ich dich dort lieben, wo du gerade bist. Seit jener Nacht vor deinem Cottage (merci, ma petite) gehört es zu meinen liebsten erotischen Fantasien, mit dir unter den Sternen zu schlafen.
Charlotte fuhr sich über die Lippen und lächelte, als sie an die besagte Nacht dachte. Dort hätte sie merken müssen, dass es für beide kein Spiel mehr war. Sie las weiter.
In meinem Träumen hast du etwas an, was dich wahrscheinlich rot werden ließe, aber ein Mann darf sich diese Freiheiten in seinen Fantasien nehmen. Ich sehe dich in erotischen Dessous aus weißen Bändern und Spitze. Ein unglaublich erotischer Anblick, den ich sehr genieße.
Weiße Bänder und Spitze?
Deine Dessous sind so knapp und durchsichtig, dass sie mehr zeigen als verbergen. Und in deinen seidigen Haaren spiegeln sich die Flammen des Kamins, vor dem du stehst. Habe ich dir eigentlich gesagt, dass wir uns in meinem Chalet in der Schweiz befinden und eingeschneit sind?
Das Feuer soll uns warmhalten, aber ich brauche es nicht, wenn du dastehst und mich ansiehst, als könntest du dir nichts Schöneres vorstellen, als mich auszuziehen und jeden Zentimeter meines Körpers mit der Zunge zu erforschen.
Charlotte holte tief Luft. Genau das wollte sie mit dem aufregenden Körper ihres charmanten Lovers tun. Aber sie hatte diesen ungeheuerlichen Wunsch nie geäußert.
Ich gebe zu, dass es mir gefallen würde, so mit der Zunge von dir verwöhnt zu werden. Aber ich kann warten, bis du bereit bist, mir diesen sehr intimen Wunsch zu erfüllen.
In dieser Fantasie ziehst du mich aus, und dann, meine liebe, süße Charlotte, berührst du mich mit Händen, die wissen, dass ich dir gehöre. Du ziehst mich auf das Bärenfell vor den Kamin und sinkst vor mir auf die Knie. Ich kann es kaum abwarten, deine Lippen zu spüren, die Versuchung deines Mundes zu erleben, die heiße Qual deines langsamen Liebesspiels zu erfahren.
Lächelnd gibst du mir, wonach ich mich sehne.
Charlotte hielt den Atem an. Ihr war heiß, sie war erregt und wollte Alexandre alles geben, wovon er träumte. Sie riss die Augen weit auf. Hatte er ebenso gefühlt, als er ihr Tagebuch gelesen hatte? Dieses Bedürfnis, seine Fantasien zu erfüllen, hatte nichts mit Machtgefühl zu tun. Es ging ihr nur darum, ihn zu befriedigen – dem Mann, den sie liebte, das zu geben, was er brauchte.
Sie hielt das Papier fest umklammert. Der Mann, den sie liebte. Sie blinzelte und holte tief Luft. Nun, das erklärte zumindest, warum sie sich gestern so schrecklich aufgeführt hatte. Obwohl sie sich heftig dagegen gewehrt hatte, hatte sie sich in den Mann verliebt. Was sollte sie tun?
Die Entscheidung war einfacher, als sie geglaubt hatte. Er hatte sie über seine Absichten nie im Unklaren gelassen. Obwohl er mehr für sie empfand, als sie je für möglich gehalten hatte, würde er sie bald verlassen. Und ihr blieb nichts weiter, als die Zeit mit ihm zu genießen, solange er hier war.
Sie schob den schmerzhaften Gedanken beiseite und konzentrierte sich stattdessen auf die Worte, die er geschrieben hatte.
Als sie fertig gelesen hatte, war ihr Gesicht gerötet, und sie hatte ein paar neue Dinge erfahren. Das Beste war, dass Alexandre sie offensichtlich für die einzige Frau hielt, die fähig war, seine glühend heißen Fantasien zu erfüllen. Seine Worte reichten schon, um Charlotte zu erregen.
Ich wünsche mir, dass du all das und noch viel mehr Fantasien erfüllst, ma chérie. Mein sehnlichster Wunsch ist aber, dass du mir erlaubst, dir deine Träume wahrzumachen. Es gibt nichts Schöneres für mich als dein Vergnügen. Nichts.
Verzeih mir, wenn ich dir wehgetan habe, Charlotte, und lass dich von mir verwöhnen und lieben.
Alexandre konnte sich auf nichts konzentrieren, seit er den Brief vor Charlottes Tür gelegt hatte. Da war es nur gut, dass die Aufgabe, die ihn auf dieses Weingut geführt hatte, so gut wie erledigt war.
“Ich habe Ihnen geholfen, so weit es geht”, sagte er zu Trace, als sie vor der Kellerei standen. “Mehr kann ich in der kurzen Zeit nicht tun, zumal jetzt nicht die Zeit der Weinlese ist. Ich kann Verbesserungsvorschläge machen und Strategien aufzeigen, aber um einen Ruf als hervorragender Winzer zu bekommen, müssen Sie sich mit Hingabe jedem Schritt der Weinherstellung widmen.”
“Angefangen bei den Reben”, sagte Trace. “Minderwertige, massenhaft produzierte Trauben ergeben einen ebenso minderwertigen, massenhaft produzierten Wein.”
“Genau.” Alexandre lächelte, doch er war nicht mit dem Herzen dabei. Wo war Charlotte? Er hatte ihr seine Seele offenbart. Konnte er sie trotzdem nicht zurückgewinnen? Was sollte er tun, wenn sie ihm nicht verzieh?
“James und seine Mitarbeiter bewältigen ihre Aufgaben gut”, fuhr er fort. “Aber Sie sollten jemanden einstellen, dessen Ziel nicht die Massenproduktion ist, sondern das Besondere – jemanden, der keine Angst vor Experimenten und Innovationen hat.”
“Würden Sie uns weiterhin beraten?”
Was, wenn er Charlotte für immer verloren hatte? Würde er an diesen Ort zurückkehren wollen, der mit so vielen Erinnerungen behaftet war? “Ich werde Ihnen natürlich einen Bericht über diesen Besuch zukommen lassen, aber darüber hinaus kann ich nichts versprechen. Sie dürfen natürlich gern Kontakt zu mir aufnehmen, und wenn es zeitlich passt …” Er zuckte mit den Schultern.
“Möglicherweise werde ich Ihnen ein Angebot machen, das Sie nicht ausschlagen können.”
“Was sollte das für ein Angebot sein?”
Trace zögerte. “Ich weiß, dass Sie sich mit Charlotte getroffen haben, und wollte Ihnen nur sagen, dass ich sie noch nie so glücklich gesehen habe. Ich wünsche Ihnen viel Glück für die Zukunft, wie auch immer die aussehen mag.”
Alexandre wusste, dass er mehr als Glück brauchte. Charlotte fühlte sich belogen und betrogen, und das machte ihn fertig. Er steckte die Hände in die Hosentaschen und beschloss, einen Teil seiner überschüssigen Energie durch Joggen loszuwerden. Er würde Charlotte nicht drängen, obwohl er es kaum noch aushielt, keine Antwort von ihr zu bekommen. Er war gerade drei Schritte gelaufen, als sein Handy klingelte.
Stirnrunzelnd zog er es aus der Tasche. Sein Frust verschwand in der Sekunde, als er die Nummer des Anrufers erkannte. “Charlotte.”
Pause. “Hast du Zeit, zum Cottage zu kommen?”
“Oui. Ich bin in ein paar Minuten bei dir.”
“Okay. Bis gleich.”
Alexandre legte auf und ging zu dem Caddy, den jemand an der Kellerei geparkt hatte. Charlottes Tonfall hatte nichts verraten. Hoffentlich wollte sie ihm nicht persönlich sagen, dass sein Brief keine Bedeutung für sie hatte. Seine Finger verkrampften sich um das Lenkrad des Fahrzeugs, das er sich geschnappt hatte.