Kapitel 3

Der Anwalt plädierte auf Totschlag in legitimer Verteidigung der Ehre, was von den Geschworenen zugelassen wurde, und die Zwillinge erklärten am Schluss der Gerichtsverhandlung, sie würden es aus den gleichen Gründen tausendmal wieder tun. Sie selber hatten das Rechtsmittel der Verteidigung schon erahnt, als sie sich wenige Minuten nach dem Verbrechen vor ihrer Kirche ergaben. Keuchend drangen sie ins Pfarrhaus ein, verfolgt von einer Horde erhitzter Araber, und legten die Messer mit blanker Klinge auf Pater Amadors Tisch. Beide waren von der barbarischen Todesarbeit erschöpft. Kleider und Ärmel waren von Schweiß und noch warmem Blut getränkt, die Gesichter besudelt, aber der Pfarrer erinnerte sich an die Übergabe als an einen Akt von großer Würde.

»Wir haben ihn mit Absicht getötet«, sagte Pedro Vicario, »aber wir sind unschuldig.«

»Vielleicht vor Gott«, sagte Pater Amador.

»Vor Gott und vor den Menschen«, sagte Pablo Vicario. »Es war eine Sache der Ehre.«

Mehr noch: Bei der Rekonstruktion des Tathergangs heuchelten sie eine weit gnadenlosere Erbitterung als wirklich vorhanden, so dass die von den Messerstichen zersplitterte Haupttür von Plácida Lineros Haus schließlich mit öffentlichen Geldern instand gesetzt werden musste. Im Zuchthaus von Riohacha, in dem sie drei Jahre auf den Prozess warteten, weil sie die Kaution für eine vorläufige Freilassung nicht bezahlen konnten, erinnerten sich die ältesten Häftlinge noch an die Umgänglichkeit und den Gemeinschaftssinn der Zwillinge, hatten aber nie das geringste Anzeichen von Reue an ihnen bemerkt. Trotzdem schien festzustehen, dass die Brüder Vicario alles getan hatten, um Santiago Nasar nicht unverzüglich und ohne Aufsehen zu töten, vielmehr hatten sie alles nur Erdenkliche getan, um von ihrer Tat abgehalten zu werden, und waren gescheitert.

Nach dem, was sie mir Jahre später erzählten, hatten sie ihn zuerst bei María Alejandrina Cervantes gesucht, wo sie bis zwei Uhr mit ihm zusammen gewesen waren. Diese Angabe wurde wie viele andere nicht ins Ermittlungsprotokoll aufgenommen. Tatsächlich war Santiago Nasar zu der Zeit, als die Zwillinge ihn angeblich dort gesucht hatten, nicht mehr da, weil wir zu einem Serenadenrundgang aufgebrochen waren. Aber es stimmt gar nicht, dass sie dort aufgetaucht sind. »Sie wären doch hier nie wieder herausgekommen«, sagte María Alejandrina Cervantes zu mir, und da ich sie so gut kannte, zweifelte ich das nie an. Stattdessen warteten die beiden im Laden der Clotilde Armenta auf ihn, wo, wie sie wussten, die halbe Welt vorbeikommen würde, aber nicht Santiago Nasar. »Sonst war ja nichts mehr offen«, erklärten sie dem Untersuchungsrichter. »Früher oder später musste er dort drüben rauskommen«, sagten sie zu mir, nachdem sie freigesprochen worden waren. Dabei wusste jedermann, dass der Haupteingang von Plácida Lineros Haus auch tagsüber von innen verriegelt war und dass Santiago Nasar stets die Schlüssel des hinteren Eingangs bei sich trug. Dort ging er in der Tat hinein, als er nach Hause kam, während die Zwillinge Vicario ihn bereits seit über einer Stunde auf der anderen Seite erwarteten, und dass er später durch die Haustür zur Plaza herauskam, um zum Empfang des Bischofs zu gehen, war so unerklärlich, dass auch der Untersuchungsrichter es nicht begriff.

Es hat nie einen so oft angekündigten Tod gegeben. Nachdem die Schwester ihnen den Namen offenbart hatte, gingen die Zwillinge Vicario in den Schuppen des Schweinestalls, wo sie die Schlachterwerkzeuge verwahrten, und wählten die beiden besten Messer: eines zum Zerlegen, zehn Zoll lang und zweieinhalb breit, und ein anderes zum Ausnehmen, sieben Zoll lang und eineinhalb breit. Sie wickelten die Messer in einen Lappen und gingen zum Schleifen auf den Fleischmarkt, wo gerade die ersten Verkaufsstände aufmachten. Es gab so früh nur wenige Kunden, dennoch erklärten zweiundzwanzig Personen, sie hätten alles gehört, was die Brüder gesagt hatten, und meinten übereinstimmend, diese hätten es förmlich darauf angelegt, gehört zu werden. Faustino Santos, ein mit ihnen befreundeter Schlachter, sah sie um drei Uhr zwanzig hereinkommen, als er gerade seinen Tisch mit Innereien aufgebaut hatte, und verstand nicht, warum sie an einem Montag kamen, noch dazu so früh und überdies in ihren Hochzeitsanzügen aus dunklem Tuch. Er war gewohnt, sie freitags zu sehen, jedoch etwas später und mit den Lederschürzen, die sie zum Schlachten umbanden. »Ich dachte, sie seien so betrunken«, sagte Faustino Santos zu mir, »dass sie sich nicht nur in der Stunde, sondern auch im Tag geirrt hatten.« Er erinnerte sie daran, dass es Montag war.

»Wer weiß das nicht, du Dummkopf«, entgegnete Pablo Vicario freundlich. »Wir sind nur gekommen, um unsere Messer zu schleifen.«

Sie schärften sie am drehbaren Schleifstein, so wie sie es immer taten: Pedro hielt die beiden Messer abwechselnd an den Stein, und Pablo bediente die Kurbel. Gleichzeitig redeten sie mit den anderen Fleischern über das phantastische Hochzeitsfest. Einige beschwerten sich darüber, nicht ihren Anteil Kuchen erhalten zu haben, obwohl sie doch Berufskollegen waren, und die Zwillinge versprachen, ihnen später entsprechende Portionen zu schicken. Schließlich ließen sie die Messer auf dem Stein singen, und Pablo hielt das seine ins Lampenlicht, damit der Stahl funkelte.

»Wir wollen Santiago Nasar töten«, sagte er.

Ihr Ruf als anständige Leute war so gefestigt, dass niemand auf ihre Worte achtete. »Wir dachten, das sei das Gequatsche von Besoffenen«, erklärten mehrere Fleischer, genau wie Victoria Guzmán und so viele andere, die sie später sahen. Ich musste die Fleischer doch einmal fragen, ob jemand, der sich für den Beruf des Schlachters entscheidet, nicht eher dazu neigt, auch ein Menschenwesen zu töten. Sie erhoben Einspruch: »Wenn man ein Rind schlachtet, wagt man nicht, ihm in die Augen zu sehen.« Einer von ihnen sagte mir, er könne nicht das Fleisch des Tiers essen, das er vorher abgestochen habe. Ein anderer sagte, er sei außerstande, eine Kuh zu schlachten, die er schon kenne, erst recht nicht, wenn er ihre Milch getrunken habe. Ich erinnerte sie daran, dass die Brüder Vicario eben die Schweine schlachteten, die sie selbst aufgezogen hatten, und die seien ihnen so vertraut, dass sie sie beim Namen nannten. »Das stimmt«, erwiderte mir einer, »aber vergessen Sie nicht, dass sie ihnen nicht die Namen von Menschen, sondern von Blumen geben.« Faustino Santos war der Einzige, der einen Funken Wahrheit in Pablo Vicarios Drohung aufblitzen sah, und fragte ihn im Scherz, warum sie denn Santiago Nasar töten wollten, wo es so viele Reiche gäbe, die eher zu sterben verdienten.

»Santiago Nasar weiß warum«, antwortete Pedro Vicario.

Faustino Santos erzählte mir, er habe seine Zweifel gehabt und diese einem Polizisten mitgeteilt, der kurz darauf vorbeigekommen sei, um ein Pfund Leber für das Frühstück des Bürgermeisters zu kaufen. Der Polizist hieß laut Beweisaufnahme Leandro Pornoy und starb im darauffolgenden Jahr während der Patronatsfestlichkeiten, als ein Stier ihm das Horn in die Schlagader stieß. Daher kam ich nie dazu, mit ihm zu sprechen, aber Clotilde Armenta bestätigte mir, dass er als Erster in ihren Laden kam, als die Zwillinge Vicario sich hingesetzt hatten, um zu warten.

Clotilde Armenta hatte gerade ihren Mann an der Theke abgelöst. Das war die übliche Aufteilung. Der Laden verkaufte frühmorgens Milch und während des Tages Lebensmittel und verwandelte sich ab sechs Uhr abends in einen Ausschank. Clotilde Armenta machte um drei Uhr dreißig morgens auf. Ihr Mann, der gute Don Rogelio de la Flor, übernahm den Ausschankdienst bis zum Schließen. Doch in jener Nacht waren so viele versprengte Hochzeitsgäste da, dass er sich nach drei Uhr schlafen legte, ohne geschlossen zu haben, und Clotilde Armenta war schon früher als gewöhnlich auf den Beinen, weil sie fertig sein wollte, bevor der Bischof kam.

Die Brüder Vicario betraten den Laden um vier Uhr zehn. Zu dieser Stunde wurde nur Essbares verkauft, aber Clotilde Armenta verkaufte ihnen eine Flasche Zuckerrohrschnaps, nicht nur, weil sie die Brüder schätzte, sondern auch als Dank für die Portion Hochzeitskuchen, die sie ihr geschickt hatten. Sie leerten die ganze Flasche in zwei langen Zügen, ohne Wirkung. »Sie waren erstarrt«, sagte Clotilde Armenta zu mir, »und hätten auch mit Lampenpetroleum ihren Blutdruck nicht erhöhen können.«

Bald darauf zogen sie die Tuchjacken aus, hängten sie sorgsam über die Stuhllehnen und verlangten eine neue Flasche. Die Hemden waren schmuddelig vom eingetrockneten Schweiß, und der Zweitagebart gab den Gesichtern etwas Grobes. Die zweite Flasche tranken die beiden langsamer, sie saßen da und starrten über den Platz auf Plácida Lineros Haus, dessen Fenster erloschen waren. Das größere Balkonfenster gehörte zu Santiago Nasars Schlafzimmer. Pedro Vicario fragte Clotilde Armenta, ob sie Licht in diesem Fenster gesehen habe, und sie antwortete, nein, fand aber seine Neugierde merkwürdig.

»Ist ihm etwas passiert?«, fragte sie.

»Nein, nichts«, erwiderte Pedro Vicario. »Wir suchen ihn nur, um ihn zu töten.«

Die Antwort kam so rasch, dass sie nicht glauben konnte, sie sei ernst gemeint. Aber sie bemerkte, dass die Zwillinge zwei in Küchentücher gewickelte Schlachtermesser bei sich hatten.

»Und darf man wissen, warum ihr ihn so früh morgens töten wollt?«, fragte sie.

»Er weiß warum«, erwiderte Pedro Vicario.

Clotilde Armenta musterte sie gründlich. Sie kannte sie so gut, dass sie die beiden unterscheiden konnte, besonders seit Pedro Vicario aus der Kaserne zurückgekehrt war. »Sie sahen aus wie zwei Kinder«, sagte sie zu mir. Und diese Überlegung erschreckte sie, denn sie hatte schon immer gemeint, dass nur Kinder zu allem fähig sind. Und so richtete sie die Gerätschaften für den Milchverkauf her und ging ihren Mann wecken, um ihm zu erzählen, was sich im Laden abspielte. Don Rogelio de la Flor hörte ihr im Halbschlaf zu.

»Sei nicht blöd«, sagte er zu ihr, »die beiden töten doch keinen, und schon gar nicht einen Reichen.«

Als Clotilde Armenta in den Laden zurückkehrte, unterhielten die Zwillinge sich mit dem Polizisten Leandro Pornoy, der wegen der Milch für den Bürgermeister gekommen war. Sie hörte nicht, was geredet wurde, schloss jedoch aus dem Blick, den er beim Weggehen auf die Messer warf, dass sie ihm etwas von ihrem Vorhaben angedeutet hatten.

Oberst Lázaro Aponte war kurz vor vier aufgestanden. Er beendete gerade seine Rasur, als der Polizist Leandro Pornoy ihm die Absichten der Brüder Vicario offenbarte. Der Oberst hatte in der vergangenen Nacht so viel Streit unter Freunden geschlichtet, dass er es mit einem weiteren nicht eilig hatte. Er kleidete sich in aller Ruhe an, band sich die Fliege mehrmals, bis sie makellos saß, und hängte sich für den Empfang des Bischofs das Skapulier der Marienkongregation um den Hals. Während er eine mit Zwiebelringen garnierte geschmorte Leber zum Frühstück aß, erzählte ihm seine Frau höchst erregt, Bayardo San Román habe Ángela Vicario zurückgeschickt, aber er nahm die Sache nicht so ernst.

»Mein Gott«, scherzte er, »was wird der Bischof denken!«

Bevor er aber sein Frühstück beendet hatte, erinnerte er sich an das, was ihm die Ordonnanz gerade gesagt hatte, brachte die beiden Nachrichten miteinander in Verbindung und entdeckte sogleich, dass sie wie zwei Stücke eines Puzzles zusammenpassten. Er machte sich auf den Weg zur Plaza, ging durch die Straße des neuen Hafens, deren Häuser sich wegen der Ankunft des Bischofs zu beleben begannen. »Ich bin mir ganz sicher, dass es fast fünf war und zu regnen begann«, sagte Oberst Lázaro Aponte zu mir. Unterwegs hielten ihn drei Leute an und erzählten ihm unter dem Siegel der Verschwiegenheit, die Brüder Vicario warteten auf Santiago Nasar, um ihn zu töten, nur eine Person konnte ihm allerdings sagen wo.

Er stieß im Laden der Clotilde Armenta auf die beiden. »Als ich sie sah, dachte ich, sie hätten nur Sprüche geklopft«, sagte er mir mit seiner höchst persönlichen Logik, »denn sie waren nicht so betrunken, wie ich geglaubt hatte.« Er fragte sie nicht einmal über ihre Absichten aus, sondern nahm ihnen die Messer ab und schickte sie schlafen. Er behandelte sie mit der gleichen Selbstgefälligkeit, mit der er die Warnung seiner Frau übergangen hatte.

»Denkt doch mal«, sagte er zu ihnen, »was soll nur der Bischof sagen, wenn er euch in diesem Zustand antrifft!«

Sie gingen fort. Die Leichtfertigkeit des Bürgermeisters war für Clotilde Armenta eine weitere Enttäuschung, meinte sie doch, er hätte die Zwillinge verhaften müssen, bis die Sache geklärt war. Oberst Aponte zeigte ihr die Messer als schlagendes Argument.

»Jetzt können sie keinen mehr töten«, sagte er.

»Darum geht es nicht«, sagte Clotilde Armenta. »Es geht darum, die armen Burschen von der schrecklichen Verpflichtung zu befreien, die auf ihren Schultern lastet.«

Sie hatte nämlich etwas begriffen. Sie war sicher, dass die Brüder Vicario weniger erpicht darauf waren, das Todesurteil zu vollstrecken, als jemanden zu finden, der ihnen den Gefallen tat, sie daran zu hindern. Doch Oberst Aponte war mit sich im Reinen. »Man nimmt niemand auf Verdacht fest«, sagte er. »Jetzt gilt es, Santiago Nasar zu warnen, und dann frohes Neues Jahr.«

Clotilde Armenta sollte sich immer daran erinnern, dass Oberst Aponte in seiner behäbigen Art irgendwie einen unglücklichen Eindruck gemacht hatte, mir dagegen war er als ein durchaus glücklicher Mensch vorgekommen, wenn auch ein wenig verstört durch die einsame Ausübung des Spiritismus, den er in einem Fernkurs erlernt hatte. Sein Verhalten an jenem Montag war der endgültige Beweis für seine Leichtfertigkeit. Tatsächlich dachte er nicht mehr an Santiago Nasar, bis er ihn am Hafen sah, und da beglückwünschte er sich dazu, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Die Brüder Vicario hatten mehr als zwölf Personen, die zum Milchkauf gekommen waren, von ihrer Absicht erzählt, und noch vor sechs Uhr hatten diese das überall verbreitet. Es schien Clotilde Armenta unvorstellbar, dass man davon im Haus gegenüber nichts wusste. Sie dachte, Santiago Nasar sei nicht daheim, denn sie hatte das Schlafzimmerlicht nicht angehen sehen, und jeden, der ihr in den Weg kam, bat sie, man möge ihn warnen, wo immer man ihm begegne. Sie ließ es sogar Pater Amador durch die Novizin vom Dienst ausrichten, die für die Nonnen die Milch holen kam. Nach vier Uhr, als sie Licht in Plácida Lineros Küche sah, schickte sie ihre letzte dringende Botschaft durch die Bettlerin, die jeden Tag bei Victoria Guzmán um etwas Milch als milde Gabe bat. Als die Sirene des Bischofsschiffs heulte, war fast alle Welt zum Empfang auf den Beinen, und nur wenige von uns wussten nicht, dass die Zwillinge Vicario auf Santiago Nasar warteten, um ihn zu töten; außerdem war der Grund in allen Einzelheiten bekannt.

Clotilde Armenta hatte ihre Milch noch nicht ganz verkauft, als die Brüder Vicario mit zwei anderen in Zeitungspapier gewickelten Messern zurückkehrten. Eines war zum Zerlegen, mit einer rostigen harten Klinge, zwölf Zoll lang und drei breit; Pedro Vicario hatte es aus dem Metall eines Sägeblatts hergestellt, als infolge des Krieges keine deutschen Messer mehr ins Land kamen. Das andere war kürzer, aber breit und krumm. Der Untersuchungsrichter zeichnete es ins Protokoll, vielleicht weil er es nicht beschreiben konnte, und wagte lediglich den Hinweis, es ähnele einem Krummsäbel in Miniatur. Mit diesen Messern wurde das Verbrechen begangen, und beide waren primitiv und stark abgenützt.

Faustino Santos konnte nicht begreifen, was geschehen war. »Wieder kamen sie, um die Messer zu schleifen«, sagte er zu mir, »und wieder schrien sie, dass jeder es hören konnte, sie würden Santiago Nasar das Gedärm herausreißen, also glaubte ich, sie wollten mich zum Besten halten, ich hatte nämlich nicht auf die Messer geachtet und dachte, es seien dieselben.« Clotilde Armenta bemerkte diesmal jedoch gleich, als die Zwillinge eintraten, dass sie nicht mehr so entschlossen waren wie zuvor.

In der Tat hatten sie den ersten Dissens hinter sich. Sie unterschieden sich nicht nur stärker in ihrem Wesen, als von außen zu erkennen war, sondern reagierten auch in schwierigen Lagen völlig anders. Das hatten ihre Freunde schon in der Volksschule bemerkt. Pablo Vicario war sechs Minuten älter als sein Bruder und bewies bis ins Jünglingsalter mehr Einbildungskraft und Entschlossenheit. Pedro Vicario schien mir immer gefühlsbetonter und daher autoritärer zu sein. Mit zwanzig Jahren meldeten sie sich gemeinsam zum Militärdienst, und Pablo Vicario wurde freigestellt, um der Familie vorzustehen. Pedro Vicario leistete seinen elfmonatigen Dienst bei Patrouillen zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung ab. Das durch die Todesangst verschärfte Kasernenleben ließ in ihm die Neigung zum Befehlen reifen sowie die Gewohnheit, für seinen Bruder zu entscheiden. Er kehrte mit einem Sergeantentripper zurück, der den brutalsten Methoden der Militärmedizin ebenso widerstand wie den Arsenspritzen und den Permanganatspülungen von Doktor Dionisio Iguarán. Erst im Kerker konnte er geheilt werden. Wir, seine Freunde, waren uns darüber einig, dass Pablo Vicario plötzlich die seltsame Abhängigkeit eines jüngeren Bruder entwickelte, als Pedro Vicario mit einer Kasernenseele zurückkehrte und der neuen Angewohnheit, das Hemd hochzuziehen, um jedem, der sie sehen wollte, die Narbe einer mit mehreren Stichen genähten Schusswunde am linken Rippenbogen vorzuführen. Pablo empfand gar eine Art Ehrfurcht vor dem kapitalen Tripper, den sein Bruder wie einen Kriegsorden zur Schau stellte.

Pedro Vicario traf nach eigener Aussage die Entscheidung, Santiago Nasar zu töten, und anfangs tat sein Bruder nichts weiter, als ihm zu folgen. Doch als der Bürgermeister sie entwaffnete, war es ebenfalls Pedro, der seine Verpflichtung somit erfüllt glaubte, worauf Pablo Vicario dann das Kommando übernahm. Keiner von beiden erwähnte diesen Dissens, als sie getrennt vor dem Untersuchungsrichter aussagten. Aber Pablo Vicario bestätigte mir mehrmals, es sei nicht leicht gewesen, den Bruder davon zu überzeugen, dass die Entscheidung endgültig war. Vielleicht war es in Wirklichkeit auch nur ein kurzer Anfall von Panik, doch tatsächlich ging Pablo Vicario allein in den Schweinestall, um die beiden anderen Messer zu holen, während der Bruder beim Versuch, unter den Tamarinden zu urinieren, sich Tropfen für Tropfen abquälte. »Mein Bruder hat nie erfahren, wie das ist«, sagte Pedro Vicario bei unserem einzigen Treffen. »Es war, als urinierte ich gemahlenes Glas.« Als Pablo Vicario mit den Messern zurückkehrte, fand er ihn noch immer an den Baum geklammert. »Er schwitzte Eis vor Schmerzen«, sagte er zu mir, »und versuchte mir klarzumachen, ich solle allein gehen, weil er nicht in der Verfassung sei, irgendjemanden zu töten.« Pedro Vicario setzte sich auf einen der Schreinertische, die für das Hochzeitsmahl unter den Bäumen aufgestellt worden waren, und ließ die Hosen bis zu den Knien herunter. »Er brauchte eine halbe Stunde zum Wechseln der Mullbinde, mit der er seinen Pint umwickelt hatte«, sagte Pablo Vicario zu mir. In Wirklichkeit brauchte er nicht mehr als zehn Minuten, doch das Ganze wirkte auf Pablo Vicario so umständlich und rätselhaft, dass er es als neue List des Bruders deutete, um die Zeit bis zum Tagesanbruch hinzubringen. Und so schob er ihm das Messer in die Hand und zerrte ihn fast gewaltsam mit, um die verlorene Ehre der Schwester zu retten.

»Da gibt’s keinen Ausweg«, sagte er zu ihm, »es ist, als hätten wir es schon hinter uns.«

Sie trugen die Messer offen in der Hand, als sie durch das Tor des Schweinestalls ins Freie traten, verfolgt vom lauten Gebell der Hunde in den Innenhöfen. Es begann hell zu werden. »Es regnete nicht«, erinnerte sich Pablo Vicario. »Im Gegenteil«, erinnerte sich Pedro, »der Wind kam vom Meer, und noch konnte man die Sterne einzeln zählen.« Inzwischen war die Nachricht schon so weit verbreitet, dass Hortensia Baute die Tür öffnete, als die beiden gerade an ihrem Haus vorübergingen, und die Erste war, die um Santiago Nasar weinte. »Ich dachte, sie hätten ihn schon getötet«, sagte sie zu mir, »weil ich die Messer im Licht der Straßenlaterne sah und es mir vorkam, als ränne Blut an ihnen herunter.« Eines der wenigen Häuser, die in dieser abgelegenen Straße offen standen, war das von Prudencia Cotes, Pablo Vicarios Verlobter. Immer, wenn die Zwillinge zu dieser Stunde dort vorüberkamen, vor allem freitags auf dem Weg zum Markt, kehrten sie bei ihr zum ersten Kaffee ein. Sie stießen die Tür zum Innenhof auf, bestürmt von den Hunden, die sie im Dämmerlicht des Morgengrauens erkannten, und begrüßten Prudencia Cotes’ Mutter in der Küche. Der Kaffee war noch nicht fertig.

»Wir trinken ihn später«, sagte Pablo Vicario. »Jetzt haben wir es eilig.«

»Ich kann’s mir denken, Kinder«, sagte sie, »die Ehre wartet nicht.«

Sie warteten dennoch, und diesmal dachte Pedro Vicario, der Bruder trödle absichtlich. Während sie ihren Kaffee tranken, kam die blühende Prudencia Cotes mit einem Bündel alter Zeitungen in die Küche, um das Herdfeuer anzufachen. »Ich wusste, was sie vorhatten«, sagte sie zu mir, »und ich war nicht nur einverstanden, sondern hätte ihn nie geheiratet, wenn er nicht seine Mannespflicht erfüllt hätte.« Bevor sie die Küche verließen, nahm Pablo Vicario ihr zwei Bogen Zeitungspapier weg, um die Messer einzuwickeln, und gab einen seinem Bruder. Prudencia Cotes wartete in der Küche, bis sie die beiden durch die Hoftür ins Freie treten sah, und wartete noch drei Jahre ohne einen Augenblick der Mutlosigkeit, bis Pablo Vicario aus dem Gefängnis kam und fürs ganze Leben ihr Mann wurde.

»Gebt gut auf euch acht«, sagte sie zu ihnen.

Somit ging Clotilde Armenta nicht fehl, als sie die Zwillinge nicht mehr so entschlossen wie vorher fand, und sie servierte ihnen eine Flasche Kräuterschnaps, in der Hoffnung, ihnen den Rest zu geben. Zu mir sagte sie dann: »Das war der Tag, an dem mir klar wurde, wie allein wir Frauen in der Welt sind!« Pedro Vicario erbat sich von ihr das Rasierzeug ihres Mannes, und sie brachte ihm den Pinsel, die Seife, den Wandspiegel und den Apparat mit der neuen Klinge, doch er rasierte sich mit dem Schlachtermesser. Clotilde Armenta hielt das für den Gipfel des Männlichkeitswahns. »Er sah aus wie ein Filmrowdy«, sagte sie zu mir. Mir erklärte er jedoch später, und das stimmte auch, in der Kaserne habe er gelernt, sich mit dem Rasiermesser zu rasieren, und seitdem habe er sich nie mehr auf andere Weise rasieren können. Sein Bruder dagegen rasierte sich auf bescheidenere Weise mit dem von Don Rogelio de la Flor entliehenen Apparat. Schließlich tranken sie die Flasche schweigend und sehr langsam aus und betrachteten mit dem blöden Blick der Übernächtigten das erloschene Fenster des gegenüberliegenden Hauses, während vorgebliche Kunden ohne Bedarf Milch kauften und nach nicht vorhandenen Nahrungsmitteln fragten, nur um zu sehen, ob es wahr sei, dass die beiden auf Santiago Nasar warteten, um ihn zu töten.

Die Brüder Vicario sollten besagtes Fenster nicht aufleuchten sehen. Santiago Nasar betrat das Haus um vier Uhr zwanzig, brauchte aber kein Licht zu machen, um ins Schlafzimmer zu gelangen, weil die Treppenhauslampe die Nacht über brannte. Er warf sich im Dunkeln angezogen aufs Bett, denn ihm blieb nur eine Stunde zum Schlafen, und so fand ihn Victoria Guzmán, als sie hinaufging, um ihn für den Empfang des Bischofs zu wecken. Wir waren in María Alejandrina Cervantes’ Haus zusammen gewesen, bis diese nach drei Uhr selber die Musikanten fortschickte und im Patio die Lichter der Tanzfläche löschte, damit ihre Lustmulattinnen sich allein zur Ruhe legen konnten. Seit drei Tagen und Nächten hatten sie ohne Pause gearbeitet, zuerst, um heimlich die Ehrengäste zu bedienen, und dann, ohne Mogelei und bei offenen Türen, diejenigen von uns, die von der Hochzeitsfeier noch nicht genug hatten. María Alejandrina Cervantes, von der wir sagten, sie werde sterben, wenn sie sich nur einmal schlafen legte, war die eleganteste und zärtlichste Frau, die ich je gekannt habe, und dazu die gefälligste im Bett, aber auch die strengste. Sie war hier geboren und aufgewachsen, und hier lebte sie in einem Haus mit offenen Türen, mehreren Mietzimmern und im Patio einem riesigen Tanzboden mit Lampions, die in den chinesischen Basaren von Paramaribo erstanden worden waren. Sie war es, die der Jungfräulichkeit meiner Generation ein Ende bereitete. Sie lehrte uns viel mehr, als wir erlernen sollten, lehrte uns aber vor allem, dass es im Leben keinen traurigeren Ort gibt als ein leeres Bett. Santiago Nasar verlor den Verstand, als er sie zum ersten Mal sah. Ich hatte ihn gewarnt: »Wagt sich ein Falke an die streitbare Rohrdommel, droht ihm Gefahr.« Aber er hörte nicht auf mich, betört vom schimärischen Säuseln der María Alejandrina Cervantes. Sie war seine hemmungslose Leidenschaft, seine Lehrmeisterin der Tränen, als er fünfzehn war, bis Ibrahim Nasar ihn mit dem Riemen aus ihrem Bett peitschte und ihn über ein Jahr im »Göttlichen Antlitz« einsperrte. Seit jener Zeit verband sie eine ernsthafte, nicht vom Chaos der Liebe beschwerte Zuneigung, und sie achtete ihn so sehr, dass sie sich nie mehr mit jemandem ins Bett legte, solange er anwesend war. In jenen letzten Ferien pflegte sie uns unter dem wenig überzeugenden Vorwand, sie sei müde, früh fortzuschicken, ließ aber die Tür unverriegelt und ein Licht im Flur brennen, damit ich heimlich zurückkehren konnte.

Santiago Nasar besaß eine fast magische Begabung für Verkleidungen, und sein liebster Zeitvertreib war, die Identität der Mulattinnen zu vertauschen. Er plünderte die Kleiderschränke der einen, um die anderen zu verkleiden, so dass schließlich alle sich anders vorkamen und jenen glichen, die sie nicht waren. Einmal sah sich eine von ihnen so genau in einer anderen kopiert, dass sie einen Weinkrampf bekam. »Ich meinte, ich träte aus dem Spiegel«, sagte sie. In jener Nacht aber erlaubte María Alejandrina Cervantes nicht, dass Santiago Nasar sich ein letztes Mal mit seinen Verwandlungskünsten vergnügte, und hielt ihn unter so läppischen Vorwänden davon ab, dass der üble Nachgeschmack dieser Erinnerung ihr Leben veränderte. So nahmen wir denn die Musikanten zu einem Serenadenrundgang mit und feierten das Fest alleine weiter, während die Zwillinge Vicario auf Santiago Nasar warteten, um ihn zu töten. Gerade er hatte dann gegen vier Uhr den Einfall, wir sollten zum Hügel des Witwers de Xius hinaufsteigen, um den Neuvermählten ein Ständchen zu bringen.

Wir sangen nicht nur vor den Fenstern, sondern ließen auch im Garten Raketen steigen und Frösche knallen, nahmen jedoch kein Lebenszeichen im Umkreis des Landhauses wahr. Wir kamen nicht auf den Gedanken, dass niemand da sein könnte, schon weil das neue Automobil vor der Haustür stand, immer noch mit heruntergeklapptem Verdeck, mit den Atlasbändern und den wächsernen Orangenblütensträußchen, mit denen es für das Fest geschmückt worden war. Mein Bruder Luis Enrique, der damals wie ein Berufsmusiker Gitarre spielte, stimmte zu Ehren der Neuvermählten aus dem Stegreif ein Lied über eheliche Irrungen an. Bisher hatte es nicht geregnet. Im Gegenteil, der Mond stand hoch am Himmel, und die Luft war durchsichtig, und in der Tiefe sah man die Leuchtspur der Irrlichter auf dem Friedhof. Auf der anderen Seite waren blau im Mondschein die Bananenplantagen zu erkennen, die traurigen Sümpfe und am Horizont der phosphoreszierende Streifen der Karibik. Santiago Nasar deutete auf ein blinkendes Licht im Meer und erzählte uns, es sei die umherirrende Seele eines Sklavenschiffs, das einst mit einer Ladung Neger aus dem Senegal vor der großen Flussmündung von Cartagena de Indias untergegangen war. Undenkbar, dass ihn das Gewissen plagte, allerdings wusste er da noch nicht, dass das kurze Eheleben der Ángela Vicario zwei Stunden zuvor sein Ende gefunden hatte. Bayardo San Román hatte sie zu Fuß in ihr Elternhaus zurückgebracht, damit der Motorenlärm sein Unglück nicht vorzeitig preisgab, und befand sich wieder allein bei gelöschten Lichtern im glücklichen Landhaus des Witwers de Xius.

Als wir den Hügel hinabstiegen, lud mein Bruder uns zum Bratfisch-Frühstück in die Markthallen ein, doch Santiago Nasar lehnte ab, weil er bis zur Ankunft des Bischofs eine Stunde schlafen wollte. Er ging mit Cristo Bedoya am Flussufer entlang, an den ärmlichen Unterkünften des alten Hafens vorbei, in denen die Lichter anzugehen begannen, und bevor er um die Ecke bog, winkte er uns ein Lebewohl zu. Dort sahen wir ihn zum letzten Mal.

Cristo Bedoya, mit dem er sich später am Hafen treffen wollte, verabschiedete sich von ihm am hinteren Eingang des Hauses. Die Hunde bellten Santiago Nasar aus Gewohnheit an, als sie ihn eintreten hörten, doch er beruhigte sie im Halbdunkel mit dem Geklingel seines Schlüsselbunds. Victoria Guzmán wachte über der Kaffeekanne auf dem Herd, als er durch die Küche ins Haus ging.

»Weißer«, rief sie ihm zu, »der Kaffee ist gleich fertig.«

Santiago Nasar sagte ihr, er würde ihn später trinken, und bat sie, Divina Flor zu sagen, sie möge ihn um halb sechs wecken und frische Sachen, so wie er sie anhabe, mit heraufbringen. Einen Augenblick, nachdem er die Treppe hinaufgestiegen war, um sich schlafen zu legen, erhielt Victoria Guzmán durch die Milchbettlerin Clotilde Armentas Botschaft. Um halb sechs kam sie seiner Anweisung nach, ihn zu wecken, aber sie schickte nicht Divina Flor, sondern stieg mit dem Leinenanzug selber zum Schlafzimmer hinauf, denn sie nahm jede Gelegenheit wahr, ihre Tochter vor den Krallen des Bojaren zu bewahren.

María Alejandrina Cervantes hatte ihr Haus nicht verriegelt. Ich verabschiedete mich von meinem Bruder, schritt durch den Gang, in dem die Katzen der Mulattinnen aneinandergedrängt zwischen den Tulpen schliefen, und öffnete die Schlafzimmertür, ohne anzuklopfen. Die Lichter waren gelöscht, doch sobald ich eintrat, spürte ich den lauen Frauengeruch und sah im Dunkeln ihre schlaflosen Leopardenaugen, und ich kam erst wieder zu mir, als die Glocken läuteten.

Auf dem Weg nach Hause ging mein Bruder in Clotilde Armentas Laden, um Zigaretten zu kaufen. Er hatte so viel getrunken, dass seine Erinnerungen an diese Begegnung stets wirr blieben, aber er vergaß nie den tödlichen Schluck, den Pedro Vicario ihm anbot. »Es war reines Feuer«, sagte er zu mir. Pablo Vicario, der schon halb eingeschlafen war, fuhr erschreckt hoch, als er ihn eintreten hörte, und zeigte ihm das Messer.

»Wir werden Santiago Nasar töten«, sagte er.

Mein Bruder konnte sich nicht daran erinnern. »Aber selbst wenn ich das gehört hätte, ich hätte es nicht geglaubt«, hat er mir mehrmals versichert. »Wer, zum Teufel, sollte auf den Gedanken kommen, dass die Zwillinge irgendjemand umbringen würden, und dazu noch mit Schweinemessern!« Gleich darauf fragten sie ihn, wo Santiago Nasar sei, denn sie hatten die beiden gegen zwei Uhr zusammen gesehen, aber auch an seine eigene Antwort konnte sich mein Bruder nicht erinnern. Clotilde Armenta und die Brüder Vicario hingegen hatte diese so überrascht, dass sie sie unabhängig voneinander zu Protokoll gaben. Demzufolge hatte mein Bruder gesagt: »Santiago Nasar ist tot.« Danach erteilte er ihnen den bischöflichen Segen, stolperte über die Türschwelle und taumelte auf die Straße. Mitten auf der Plaza begegnete er Pater Amador. Dieser ging im Messgewand zum Hafen, gefolgt von einem Ministranten, der das Messglöckchen läutete, sowie mehreren Helfern, die den Altar für die Feldmesse des Bischofs trugen. Als sie die Gruppe vorüberschreiten sahen, bekreuzigten sich die Brüder Vicario.

Clotilde Armenta erzählte mir, sie hätte auch die letzte Hoffnung verloren, als der Pfarrer an ihrem Laden einfach vorbeiging. »Ich dachte, er habe meine Botschaft nicht erhalten«, sagte sie. Dennoch gestand Pater Amador mir viele Jahre später, als er sich aus der Welt in das düstere Asyl von Calafell zurückgezogen hatte, dass er in der Tat Clotilde Armentas Botschaft und andere noch dringlichere erhalten hatte, während er sich für seinen Gang zum Hafen vorbereitete. »Ich wusste wirklich nicht, was tun«, sagte er zu mir. »Zuerst dachte ich, es sei eine Angelegenheit, die nicht mich, sondern die Zivilbehörden anginge, doch dann beschloss ich, Plácida Linero im Vorbeigehen ein Wort zu sagen.« Als er dann aber über den Platz schritt, hatte er es vollständig vergessen. »Sie müssen verstehen«, sagte er zu mir, »an jenem unglückseligen Tag kam der Bischof.« Im Augenblick des Verbrechens war er dann so verzweifelt und so empört über sich selbst gewesen, dass ihm nichts anderes einfiel, als Sturm läuten zu lassen.

Mein Bruder Luis Enrique betrat das Haus durch die Küchentür, die meine Mutter nie verriegelte, damit mein Vater uns nicht hereinkommen hörte. Vor dem Zubettgehen ging er ins Bad, schlief aber auf dem Klosett ein, und als mein Bruder Jaime aufstand, um in die Schule zu gehen, lag er mit dem Gesicht auf den Fliesen und sang im Schlaf. Meine Schwester, die Nonne, die nicht zum Empfang des Bischofs gehen wollte, weil sie einen hochprozentigen Kater hatte, schaffte es nicht, ihn zu wecken. »Es schlug gerade fünf, als ich ins Bad ging«, sagte sie zu mir. Später gelang es meiner Schwester Margot, die sich, bevor sie zum Hafen ging, duschen wollte, ihn mühsam ins Schlafzimmer zu schleifen. Von jenseits des Schlafs hörte er, ohne aufzuwachen, das erste Heulen des Bischofsschiffs. Dann schlief er, vom Hochzeitsgelage erschöpft, tief weiter, bis meine Schwester, die Nonne, die eilends versuchte, ihr Ordenskleid anzulegen, ins Schlafzimmer trat und ihn mit dem Wahnsinnsschrei weckte:

»Sie haben Santiago Nasar getötet!«