9. Kapitel
Colonel Oliveira hatte seinerzeit an den Sicherheitsplänen für den
Bau des Oceanarios mitgewirkt. Das erwies sich nun als enormer
Vorteil für sein teuflisches Vorhaben.
Es gab diverse Fluchtwege, die bei einem Feuer oder einer
Terrorwarnung genutzt werden konnten. Aber Oliveira kannte auch die
technischen Möglichkeiten, um diese Fluchtwege zentral zu
verriegeln. Dann wurde das große futuristische Gebäude zu einer
Todesfalle. Insbesondere, wenn man die Wände der riesigen Aquarien
zerstörte. Alle Besucher würden dann ersaufen. Männer, Frauen und
Kinder.
Oliveira grinste zynisch. Er selbst hatte damals in einem Gutachten
auf die Gefahren hingewiesen, die durch eine Manipulation an den
Not-Flutungsventilen heraufbeschworen wurden. Doch dieses
Memorandum war vermutlich ungelesen in irgendeinem Aktenordner
verschwunden.
Plötzlich trat ein Uniformierter auf ihn zu. Es war kein Polizist,
sondern ein Wachmann von der Security des Freizeitparks. Er
salutierte zackig. Offenbar hatte er Oliveira erkannt. Abgesehen
davon trug der Polizeioffizier immer noch Uniform.
»Wie kann ich Ihnen helfen, Colonel?«
»Ich wollte die Sicherheitsvorkehrungen inspizieren«, log Oliveira.
»Wir haben einen Hinweis erhalten, dass ein Attentat auf das
Ozeanario geplant ist.«
Der Security Guard erbleichte. Aber der Colonel klopfte ihm
beruhigend auf die Schulter.
»Behalten Sie die Nerven, mein Guter. Sie wissen ja: Ein erkannter
Feind ist kein Feind. Ich weiß ja, dass ich mich auf Ihre
Wachsamkeit verlassen kann.«
Oliveiras Gegenüber war sichtlich geschmeichelt. Gewiss passierte
es ihm nicht alle Tage, dass er von einem ranghohen Polizeioffizier
gelobt wurde.
»Am besten geben Sie mir Ihren Generalschlüssel«, fuhr Oliveira
scheinbar beiläufig fort. »Dann kann ich überall unangemeldete
Spontan-Kontrollen durchführen und prüfen, ob alles auf dem
neuesten Stand ist.«
»Selbstverständlich, Colonel.«
Der Security Guard händigte dem Polizeioffizier den
Generalschlüssel aus, wobei er nochmals die Hand grüßend an den
Mützenschirm legte. Oliveira klopfte ihm noch einmal auf die
Schulter und eilte dann weiter. Den Raumplan des Ozeanarios hatte
er zum Glück immer noch im Kopf.
»Die Dummen sterben nicht aus«, murmelte der Colonel, als er außer
Hörweite des Wachmanns war.
*
Es war dem Europol-Team gelungen, den Vorsprung
von Oliveira zu verringern. Aber trotzdem war er bereits in das
futuristische Gebäude des Ozeanarios Lisboa eingedrungen, als Shaw
den Wagen auf den Parkplatz lenkte.
»Verflucht!« Isabel da Silva biss sich auf die Unterlippe. »Der
Sender lässt sich nicht mehr orten.«
»Dafür gibt es zwei Erklärungen«, gab Shaw unaufgeregt zurück.
»Entweder hat unser Freund das Spielzeug bemerkt, was ich aber
nicht glaube – oder Oliveira hat sich in Bereiche des Gebäudes
begeben, wo starke Magnetfelder eine genaue Lokalisierung unmöglich
machen.«
»Was für Magnetfelder?«, wunderte sich Khaled. »Das hier ist doch
im Grunde nichts anderes als ein übergroßes Aquarium.«
»Prinzipiell stimmt das, aber für die Wartung und den Betrieb eines
solchen Gebäudes ist Hightech notwendig. – Wir teilen uns auf und
halten über die Handys Kontakt. Officer Brunner, Sie kommen mit
mir.«
Jasmins Pulsschlag beschleunigte sich. Das Jagdfieber hatte sie
gepackt. Nach ihrem kurzen Krankenhausaufenthalt fühlte sie sich
zum Glück wieder fit. Sie trug Jeans, Tennisschuhe, eine ärmellose
Seidenbluse und ein leichtes Jackett, das den Clipholster mit ihrer
Dienstwaffe verdeckte.
Als die Ermittler von Europol den Eingangsbereich des Oceanarios
hinter sich gebracht hatten, nickte Shaw Khaled und Isabel da Silva
zu. Die beiden fahndeten im östlichen Teil des Gebäudekomplexes
nach Oliveira, während Jasmin und der Senior Officer ihr Glück auf
der westlichen Seite versuchten.
Es war ein schöner Tag. Tausende von Besuchern strömten durch die
weitläufigen Räume, um die Naturwunder des Ozeans zu bestaunen. Man
sah viele Portugiesen, aber auch Touristen aus aller Welt. Nur von
dem Colonel fehlte jede Spur.
»Was würden Sie tun, wenn Sie an Oliveiras Stelle wären?«, fragte
Shaw unvermittelt.
Jasmin schaute ihn verblüfft an.
»Ich hätte genau wie er gehandelt, denke ich. Dieses Oceanario
Lisboa ist offenbar ein guter Platz, um sich unauffällig aus dem
Staub zu machen. In dieser großen Menschenmenge ...«
Shaw schüttelte den Kopf.
»Ihre Begründung gefällt mir nicht, fürchte ich. Sie denken nicht
wie eine Verbrecherin. Das ist zwar prinzipiell löblich, doch für
unsere Arbeiten werden Sie sich diese Fähigkeit antrainieren
müssen.«
»Ich verstehe nicht, was Sie meinen«, sagte Jasmin. Ihre Wangen
brannten vor Scham. War sie schon wieder dabei, einen kolossalen
Fehler zu machen?
»Es ist ganz einfach, wenn man sich erst daran gewöhnt hat«,
erklärte Shaw in seinem Gartenparty-Plauderton. »Sehen Sie,
Oliveira ist ein eiskalter Mörder. Menschenleben bedeuten ihm
nichts. Er ist für den Tod von Kleinkriminellen verantwortlich, die
von einem normalen Gericht zu ein paar Monaten Gefängnis verurteilt
worden wären. Nehmen wir einmal an, er hat bemerkt, dass wir ihm
jetzt auf den Fersen sind. Was wird er tun?«
»Oliveira wird versuchen zu entkommen, denke ich.«
»Und da bin ich eben anderer Ansicht, Officer Brunner. Meiner
Meinung nach wird er uns vernichten wollen. Aber das ist noch nicht
alles. Er wird auch versuchen, seine Untaten zu
vertuschen.«
»Und wie könnte ihm das gelingen?«
»Wenn es in diesem Gebäude hier eine Katastrophe gäbe«, sagte Shaw
mit ruhiger Stimme, »wären nicht nur wir tot oder verletzt, sondern
auch hunderte oder tausende von unschuldigen Menschen.«
Jasmin fühlte, dass sie erbleichte.
»Aber warum sollte Oliveira so etwas tun?«
»Wie gesagt, Menschenleben bedeuten ihm nichts. Aber wenn es hier
einen Anschlag mit vielen hundert Toten gäbe – glauben Sie, nach
unserem Auftrag würde noch ein Hahn krähen, um es salopp zu
formulieren? Auch bei Europol sind die Personalreserven nicht
unbegrenzt. Man würde alle verfügbaren Teams für die
Terrorismusbekämpfung einsetzen. Und den Fall mit den
Todesschwadronen würde man einstweilen zu den Akten legen. Und das
bedeutet angesichts der momentanen Weltlage: für immer.«
Jasmin war nicht sicher, ob sie Shaws Gedankengang ganz folgen
konnte. Aber die Vorstellung, dass in ihrer unmittelbaren Umgebung
unschuldige Kinder, Frauen und Männer in Lebensgefahr schwebten,
behagte ihr überhaupt nicht. Das Schicksal dieser Menschen lag nun
in den Händen des Europol-Teams.
»Handeln Sie, Jasmin!«, sagte Shaw aufmunternd. Der jungen
Polizistin wurde bewusst, dass er sie zum ersten Mal mit ihrem
Vornamen angesprochen hatte. Ob darin eine besondere Auszeichnung
lag? Darüber konnte sie sich später Gedanken machen. Sie wollte
jetzt unbedingt dem Senior Officer zeigen, dass sie ihrer Aufgabe
gewachsen war.
Zielstrebig stiefelte sie auf einen der Security Guards zu und
präsentierte ihm ihren Dienstausweis.
»Wir suchen einen gewissen Colonel Fernando Oliveira von der
Stadtpolizei Lissabon«, sagte sie auf Englisch. In den Augen des
Mannes blitzte es kurz auf. Aber er schüttelte heftig den
Kopf.
»Noch nie gehört, den Namen«, erwiderte er in derselben
Sprache.
Jasmin schlug dem Wachmann mit der flachen Hand ins Gesicht. Bevor
er sich von dem Schreck erholen konnte, zog sie ihre Pistole und
presste die Mündung gegen sein Kinn.
Die Besucher erschraken und stoben auseinander.
»Das ist ein Polizeieinsatz«, sagte Shaw und zeigte ebenfalls seine
Legitimation. Aber Jasmins rüdes Auftreten hatte die Leute trotzdem
in Panik versetzt. Doch jetzt war es zu spät, sie musste die Sache
durchziehen.
»Dieser Oliveira geht über Leichen«, zischte sie dem Security Guard
zu. »Und wenn du nicht wegen Beihilfe zum Mord abwandern willst,
dann spuckst du aus, was du weißt!«
»Ich – ich habe ihm meinen Generalschlüssel gegeben«, sprudelte der
Kerl hervor. »Ich dachte mir nichts dabei, weil ich ihn schon bei
früheren Sicherheitschecks gesehen habe. Er ist doch Polizist
...«
»Auch Polizisten können das Gesetz brechen«, bemerkte Shaw
leutselig.
»Wohin ist er verschwunden?«
»In die Wartungs- und Technikräume, zu denen das Publikum keinen
Zutritt hat.«
Jasmin stieß den Mann vor die Brust. Er taumelte ein paar Schritte
zurück und starrte sie verängstigt an.
»Gute Arbeit«, bemerkte Shaw. »Manchmal ist einfach keine Zeit, um
die Leute mit Samthandschuhen anzufassen. Jetzt kommen wir unserem
Freund schon näher.«
Der Senior Officer griff zum Handy. Er beauftragte Khaled,
ebenfalls einen Generalschlüssel zu besorgen. Außerdem sollte der
arabischstämmige Beamte sofort eine Evakuierung des Oceanario
Lisboa einleiten.
»Wir treffen uns mit den anderen bei den Tintenfisch-Aquarien«,
sagte er zu Jasmin.
Die junge Polizistin war über sich selbst geschockt. Zwar hatte
Shaws Lob ihr gut getan. Aber das änderte nichts daran, dass sie
einen Zeugen völlig grundlos geohrfeigt und mit einer scharfen
Waffe bedroht hatte. Was war nur aus ihr geworden? Beim BKA hätte
sie sich nach einer solchen Handlung auf ein Disziplinarverfahren
einstellen können. Doch in der Gruppe Shaw lagen die Dinge nun
einmal anders.
Jasmin und der Senior Officer eilten zum Treffpunkt. Alarmsirenen
schrillten. Eine Lautsprecherstimme forderte die Besucher des
Ozeanarios auf, sich ruhig und zügig zu den Notausgängen zu
begeben. Die Ansage geschah auf Portugiesisch, Englisch,
Französisch und Deutsch. Die meisten Anwesenden gerieten trotzdem
in Panik und rannten wild durcheinander.
»Wir haben keine Zeit zu verlieren«, mahnte Shaw. »Oliveira
befindet sich jetzt im Zugzwang. Er weiß, dass wir ihm dicht auf
den Fersen sind. Wenn er eine Katastrophe verursachen will, muss er
das bald tun.«
Khaled verfügte inzwischen über einen Generalschlüssel. Das
Europol-Team drang mit gezogenen Waffen in die Technik-Räume ein.
Sie mussten nicht lange suchen, bis sie Hinweise auf Oliveira
fanden. Ein Mann im Overall lag auf dem Boden. Er war bewusstlos
und blutete aus einer Kopfwunde. Wahrscheinlich hatte er sich zu
sehr dafür interessiert, was Oliveira im technischen Herz des
Ozeanarios zu suchen hatte.
Das Summen von Generatoren ertönte. Vor ihnen befand sich offenbar
das Energiezentrum der Freizeitanlage.
»Ich gehe alleine rein und lenke ihn ab«, sagte Shaw halblaut zu
Jasmin. »Sobald ich Oliveira weit genug von den Bedienungsarmaturen
fortgelockt habe, legen Sie den Schalter um.«
Mit diesen Worten drückte er Jasmin ein kleines Kunststoffgerät in
die Hand, das an einen Pager erinnerte. Es war mit einem
Kippschalter versehen, der sich noch in der OFF-Stellung
befand.
»Was ist das?«, wollte Jasmin wissen.
»Eine kleine Technik-Spielerei von mir«, entgegnete der Senior
Officer in seinem Gartenparty-Tonfall. »Tun Sie mir den kleinen
Gefallen, bitte.«
Sie näherten sich der Tür zur Energiezentrale. Sie stand offen.
Oliveira trug nach wie vor seine Uniform. In seinen Augen funkelte
der Wahnsinn. Er hatte beide Hände auf den Armaturen eines
Schaltpultes gelegt.
»Shaw, Sie zernarbter Bastard«, grollte er. »Sie kommen gerade
rechtzeitig, um mit mir zur Hölle zu fahren!«
»Sie sind ein Mann, den man nicht so leicht vergisst«, entgegnete
der Senior Officer. »Ich würde gerne zu Ihnen hineinkommen,
unbewaffnet natürlich. Ein gewünschter Nebeneffekt besteht darin,
dass ich mich dann in der Schusslinie befinde. Meine Leute können
nicht auf Sie feuern.«
»Meinen Sie, das kümmert mich noch?«
Shaw ging nicht auf die Frage ein. Stattdessen ließ er seine
Pistole zu Boden fallen und hob die Hände bis auf Schulterhöhe.
Jasmin ließ ihn nicht aus den Augen. Noch stand Oliveira
unmittelbar vor dem Schaltpult.
»Ich werde alles fluten, die Leute sollen ersaufen wie bei der
Sintflut!«, donnerte der Colonel.
»Ihren alttestamentarischen Zorn in allen Ehren«, gab Shaw kühl
zurück, »aber Ihre Wut hat doch wohl hauptsächlich meine Person
sowie meine Officers zum Ziel.«
»Verdammt scharfsinnig erkannt, Shaw!«
»Wäre es dann nicht befriedigender für Sie, wenn Sie zunächst mich
umbringen würden?«
Während er diesen Satz sprach, kam er näher auf Oliveira
zu.
»Keinen Schritt weiter! Sie versuchen doch einen miesen
Trick!«
»Keineswegs. Sehen Sie, ich fessele sogar meine eigenen Hände mit
Handschellen.«
Shaw tat das, was er soeben angekündigt hatte. Selbst Oliveira war
für einen Moment sprachlos.
»Ich gehe davon aus, dass Sie keine Schusswaffe bei sich haben«,
sagte Shaw. »Aber wenn Sie mich beispielsweise erwürgen wollen
...«
»Das hätte ich schon im Innenministerium tun sollen, Sie zernarbter
Bastard!«
Oliveiras Hass ließ ihn verkennen, dass er in eine Falle gegangen
war. Er nahm die Hände vom Schaltpult, um mit seinen starken
Fingern Shaws Kehlkopf zu zerquetschen.
Der Senior Officer warf über die Schulter hinweg Jasmin einen Blick
zu. Aber sie hatte bereits erkannt, dass sie nun handeln
musste.
Sie legte den Kippschalter um. Gleichzeitig trat Shaw Oliveira in
den Bauch und machte einen gewaltigen Satz nach hinten.
Eine Explosion ertönte.
Eine Schrecksekunde lang begriff Jasmin nicht, was geschehen war.
Dann verstand sie es. Der Peilsender, den Shaw seinem Widersacher
in die Tasche geschmuggelt hatte, war gleichzeitig eine Minibombe.
Und sie selbst hatte diesen Sprengkörper soeben per Fernzündung zur
Explosion gebracht!
Oliveira lebte noch, obwohl er schwer verletzt war. Und Shaw war
durch die Druckwelle der Explosion bis vor Jasmins Füße
geschleudert worden. Er blutete aus einer Platzwunde an der Stirn.
Trotzdem redete er wieder in seinem üblichen Plauderton, als er nun
die Lippen öffnete.
»Ich denke, unsere Mission in Lissabon können wir getrost als
abgeschlossen betrachten. Wenn die Formalitäten erledigt sind,
würde ich das ganze Team gerne zu einem Abendessen einladen.
Officer da Silva sucht das Restaurant aus. Sie hat hier schließlich
Heimvorteil.«