2. Kapitel
Am Nachmittag hatte sich Jasmin schon wieder halbwegs beruhigt.
Dazu trug gewiss auch die gediegene Atmosphäre in Shaws Büro bei,
wo die Einsatzgruppe nun vollzählig beisammen saß. Khaled und
Isabel hatten ihre Undercover-Tarnaufmachung gegen Anzug bzw.
Geschäftskostüm vertauscht. Sie wirkten nun so seriös wie Tausende
andere Büroangestellte, die das Stadtzentrum von Den Haag
bevölkerten.
»Wie haben Sie das mit dem Heimspiel vorhin gemeint, Senior
Officer?«, fragte Isabel neugierig. Ohne ihre Aufmachung als
Getto-Flittchen wirkte sie wie eine kompetente und zielstrebige
junge Frau. Jasmin fand sie sofort sympathisch. »Das kann doch nur
bedeuten, dass unser nächster Fall nach Portugal führt.«
»Wenn meine Anspielungen immer so leicht zu durchschauen wären,
müsste ich mir ernsthafte Sorgen machen«, erwiderte Shaw
schmunzelnd. Nun, was Jasmin anging, so waren einige seiner
Aussagen immer noch äußerst rätselhaft. Was sollten das für
»interessante Fälle« sein, in denen die »Justiz ihren eigenen
Ordnungskräften nicht traut«, wie Shaw es genannt hatte? Für die
junge Kommissarin war diese Äußerung sehr verwirrend. Aber
vielleicht lag das einfach daran, dass der Satz von Shaw stammte.
Jasmin konnte es drehen und wenden, wie sie wollte. Je mehr sie
über diesen Mann nachdachte, desto weniger verstand sie ihn. Ob es
in Europa noch andere Polizeibeamte gab, die absichtlich Verdächtige anfuhren und dabei aus der
Wahl der Automarke eine Wissenschaft machten? Jasmin konnte sich
das nicht vorstellen. Vielleicht wollte sie es auch gar nicht. Ihr
Leben war durch den Ortswechsel nach Den Haag und den Jobwechsel
zur Europol irgendwie aus den Fugen geraten. Jedenfalls kam es
Jasmin so vor.
»Unser Auftrag führt uns in der Tat nach Lissabon, in die
portugiesische Hauptstadt«, sagte Shaw nun. »Wir vermuten
allerdings, dass auch Spanien in die kriminellen Handlungen
verwickelt ist, um die es hier geht.« Er wandte sich an Jasmin.
»Europol wird nur aktiv, wenn zwei oder mehr EU-Länder von der
jeweiligen Straftat betroffen sind. Ich glaube, das erwähnte ich
bereits.«
Jasmin hatte gerade nicht aufgepasst. Ihr Blick hatte auf Shaws
Händen geruht. Er hatte sehr schöne Hände, was ihr bei Männern
gefiel. Sie bekam einen knallroten Kopf, was ihr ausgesprochen
peinlich war. Ihre neuen Kollegen mussten sie doch für ein dummes
Schulmädchen halten. Aber weder Shaw noch Khaled oder Isabel
schienen an der plötzlichen Änderung ihres Teints Anstoß zu
nehmen.
War Jasmin etwa gerade dabei, sich in Shaw zu verlieben? Das durfte
auf keinen Fall geschehen, verordnete sie sich selbst.
»Ich möchte die Kriminellen, mit denen wir es zu tun haben werden,
als Todesschwadron bezeichnen«, fuhr der Senior Officer fort. »Sie
treiben sowohl in Lissabon als auch in Barcelona ihr Unwesen. Das
Muster ist in beiden Fällen das Gleiche.«
»Was genau tun diese Todesschwadronen?«, fragte Khaled.
»Sie lauern Straßenkindern und illegalen Einwanderern nachts auf
und schlagen sie tot. Manchmal werden die Opfer auch erschossen.
Oder sie wurden es, besser gesagt. Anfangs haben die Täter noch
Feuerwaffen verwendet. Inzwischen tun sie das nicht
mehr.«
»Gibt es Hinweise auf die Täter oder Zeugenaussagen?«, wollte
Jasmin wissen. Shaw schüttelte den Kopf.
»Mögliche Zeugen haben Angst vor der Polizei, vermute ich.
Einerseits, weil sie selbst vielleicht illegal in Europa sind. Aber
andererseits auch deshalb, weil die Opfer mit Waffen erschossen
wurden, die bei den portugiesischen und spanischen Ordnungskräften
Standard sind.«
»Mit Dienstwaffen?«, vergewisserte sich Isabel. Shaw
nickte.
»Jedenfalls gibt es Übereinstimmungen bei Kaliber und Bauart. Aber
unsere Gegner sind clever, wenn ich das so sagen darf. Sobald
deutlich wurde, dass Polizeiwaffen im Spiel sein könnten, wurden
die nächsten Opfer plötzlich nicht mehr erschossen, sondern
totgeschlagen.«
»Jetzt verstehe ich, warum Europol ermitteln soll«, murmelte
Khaled. »Man kann unmöglich sagen, wer aus den Reihen der dortigen
Polizei zu den Mördern gehört.«
»So ist es«, bestätigte Shaw.
»Und wo ist das Motiv der Täter?«, fragte Jasmin.
»Sowohl Lissabon als auch Barcelona sind Anlaufstätten für
unzählige illegale Einwanderer nach Europa. In den Armenvierteln
herrscht drangvolle Enge. Ich vermute, dass die Täter eine
Lynchjustiz verüben, weil sie mit den bestehenden Gesetzen nicht
einverstanden sind. Ich muss wohl nicht betonen, dass ein solches
Vorgehen verabscheuungswürdig ist.«
Täuschte sich Jasmin oder ließen Khaled und Isabel bei diesen
Worten ihres Vorgesetzten ein ironisches Grinsen sehen? Bevor sie
länger darüber nachdenken konnte, waren die Gesichter der beiden
EU-Officer schon wieder ernst und konzentriert.
»Wir fliegen morgen früh nach Lissabon«, verkündete Shaw zum
Abschluss der Besprechung. »Die dortige Polizei weiß nichts davon,
dass wir angefordert wurden. Nur das portugiesische
Innenministerium ist im Bilde. Wir wollen hoffen, dass es dort
keine undichte Stelle gibt.«
*
»Vielen Dank für die Einladung«, sagte Jasmin
und prostete ihrer neuen Kollegin Isabel mit einem Glas Chablis zu.
»Ein Neuanfang ist immer schwierig.«
Die beiden Frauen saßen in einem gemütlichen Bistro in der
Innenstadt von Den Haag, unweit des Regierungsviertels. Die
Portugiesin hatte ihre neue deutsche Kollegin nach Dienstschluss
dorthin geschleppt. Eine Aktion, für die Jasmin mehr als dankbar
war.
»Schon gut«, sagte Isabel lächelnd. »Ich kann mich noch gut an
meinen eigenen ersten Tag in der Gruppe Shaw erinnern. Ich hätte
mich am liebsten in den nächsten Flieger zurück nach Hause gesetzt.
Aber nun bin ich froh, dass ich schon ein Jahr durchgehalten
habe.«
Jasmin lief bei diesen Worten unwillkürlich ein eiskalter Schauer
über den Rücken.
»Ist es denn wirklich so schlimm hier?«
Isabel schüttelte den Kopf und blickte versonnen in ihr
Weißweinglas.
»Unsere Gegner sind schlimm, das ist alles. Aber daran gewöhnt man
sich. Wir haben schließlich eine Aufgabe zu erfüllen. Wenn man
nicht daran glaubt, ist man bei uns fehl am Platz.«
Sie schaute Jasmin direkt in die Augen. Irgendwann konnte die neue
Kollegin Isabels Blick nicht mehr standhalten.
»Glaubst du, dass ich schlappmachen werde?«, fragte sie mit
deutscher Direktheit. Isabel hob die Schultern.
»Das weiß man erst, wenn es ernst wird. Ich hätte beispielsweise
nie geglaubt, dass Vanessa der Folter so lange standhalten würde.
Sie kannte unsere Operationsbasis und hat sie nicht an die Gangster
verraten. Sie ist gestorben, war als Informationsquelle für diese
Mistkerle völlig wehrlos. Sie haben Vanessa ...«
»So genau will ich es gar nicht wissen«, sagte Jasmin schaudernd
und schob ihr Weinglas weg. »Vanessa – das war Officer LaGuardia,
nicht wahr?«
Isabel nickte.
»Ja, sie war eine gute Freundin. Aber ihr Tod war nicht sinnlos.
Die Albaner haben einen hohen Preis bezahlt für das, was sie ihr
angetan haben.«
Die helle Stimme der Portugiesin hörte sich plötzlich hart und
misstönend an. Jasmin fand die unerwartete Verwandlung ihrer
Kollegin zum Fürchten. Trotzdem musste sie die Frage stellen, die
ihr nun auf der Zunge lag.
»Ist es ... dabei mit rechten Dingen zugegangen?«
Isabel kniff die Augen zusammen.
»Was willst du damit sagen?«, blaffte sie.
»Mich interessiert nur, ob ihr euch an die Gesetze gehalten
habt.«
»Aber natürlich haben wir das«, höhnte Isabel. »Wir haben den
Gangstern sogar eine Wärmflasche ins Bettchen gelegt. Allerdings
war sie mit Nitroglyzerin gefüllt.«
Die Portugiesin funkelte Jasmin grinsend an. Die Deutsche verstand,
dass sie nun kein vernünftiges Wort mehr aus ihrer Kollegin
herausbekommen würde. Sie hatte es verbockt, indem sie sich als
Moralapostel aufgespielt hatte. Für Isabel zählte offenbar
hauptsächlich das Schicksal von Vanessa LaGuardia, die eine
Freundin für sie gewesen war.
Als Jasmin zwei Stunden später in ihrem neuen Apartment endlich
einschlief, hatte sie großes Heimweh nach Wiesbaden.
*
Colonel Fernando Oliveira hatte gute Laune, als
er morgens im Polizeipräsidium – dem Governo Civil – von Lissabon
erschien. Seine Sekretärin stellte soeben den Café com leite (Milchkaffee) auf seinen
Schreibtisch. Der Polizeioffizier tätschelte anerkennend ihr
Hinterteil, was die junge Frau, die ihren Job behalten wollte, mit
einem verlegenen Kichern quittierte.
Oliveira ließ sich in seinem Bürosessel nieder und griff zur
Kaffeetasse. Da klingelte das Telefon. Der Polizeioffizier fragte
sich, ob es übertriebener Diensteifer wäre, schon vor dem
Morgenkaffee mit einer Amtshandlung zu beginnen. Aber da er gute
Laune hatte, siegte der Pflichteifer. Er nahm den Hörer ab und
meldete sich mit seinem Namen. Nachdem der Anrufer sein Anliegen
vorgebracht hatte, sank Oliveiras Stimmung unter den
Nullpunkt.
»Die Europol, wie?«, knurrte er. »Ich werde nicht vergessen, dass
du mich vorgewarnt hast. Danke, Freund. Ein entdeckter Feind ist
kein Feind, das weißt du ja. Borges, sagst du? In Ordnung, ich
kümmere mich um alles. Ich lasse dir eine kleine Aufmerksamkeit
zukommen. Sonst noch was? Wir bleiben in Verbindung. Adeus!«
Oliveiras Fingerknöchel waren weiß, weil er den Telefonhörer fest
umklammerte. Wutschnaubend warf er ihn wieder auf die Gabel. Der
Polizeioffizier beglückwünschte sich selbst dazu, dass diese
Telefonleitung abhörsicher war. Das gehörte zu seinen Privilegien
als einer der einflussreichsten Männer bei den portugiesischen
Ordnungskräften.
Und trotzdem – jemand wollte ihm Schwierigkeiten machen. Das fasste
Oliveira als persönliche Beleidigung auf. So etwas konnte er
natürlich nicht durchgehen lassen. Aber er hatte für solche Fälle
vorgesorgt. Der beste Beweis dafür war der Anruf eines Informanten,
den er soeben erhalten hatte. Oliveira hatte seine Leute überall
sitzen.
Der Kaffee wurde kalt, während Oliveira dumpf vor sich hin brütete.
In seinem Kopf nahm ein Plan Gestalt an. Eine halbe Stunde, nachdem
er angerufen worden war, griff er selbst zum Telefon.
Oliveira wusste nun, wie er mit seinen Gegenmaßnahmen beginnen
sollte. Als Erstes wollte er sich um Borges kümmern ...
*
Die Gruppe Shaw reiste auf unterschiedlichen
Wegen nach Portugal. Shaw und Jasmin flogen als Touristen getarnt
mit einer Linienmaschine direkt nach Lissabon. Khaled und Isabel
hatten eine Tarnung als Einwanderer auf Arbeitssuche angenommen.
Daher fuhren sie mit einem Billigbus via Paris in die
portugiesische Hauptstadt, wo sie erst am nächsten Tag eintreffen
würden.
Während des Fluges erwähnte Shaw den Auftrag mit keiner Silbe. Der
Senior Officer erwies sich als unterhaltsamer Plauderer, der sich
erstklassig in Architektur, bildender Kunst, klassischer und
moderner Musik, Film, Theater und Sport auskannte. Es fiel Jasmin
wirklich schwer, sich seinem Charme zu entziehen. Und doch hatte
sie das Gefühl, dass sich unter seiner kultivierten Oberfläche
tiefe Abgründe des Grauens verbargen. Ein äußerer Hinweis darauf
war seine merkwürdige Gesichtshaut mit den fehlenden Augenbrauen.
Diese verheilten Verletzungen ließen auf schwere Verbrennungen
schließen. Jasmin hätte gerne gewusst, wo er sie sich zugezogen
hatte. Aber sie konnte ihn ja schlecht fragen. Sie beschloss,
vielleicht später einmal Isabel darauf anzusprechen. Allerdings
hatte sie seit dem Vorabend das ungute Gefühl, dass ihre
portugiesische Kollegin sie für ein Weichei und eine Streberin
hielt ...
»Die Nachtwache, Officer Brunner. Und wie
steht es mit Ihnen?«
Jasmin stockte der Atem. Ihre Gedanken waren abgeschweift. Sie
hatte den Gesprächsfaden verloren und stotterte nun herum wie ein
dummes kleines Mädchen.
»Ich, äh ...«
»Ich äußerte soeben meine Ansicht, dass die Nachtwache mir von allen Gemälden Rembrandts am
besten gefällt. Haben Sie auch ein Lieblingsmotiv in seinem Werk,
Officer Brunner?«
»Ja, äh ... Der Mann mit dem Goldhelm
gefällt mir gut.«
Shaw nickte beifällig, und Jasmin hoffte inständig, dass dieses
Kunstwerk wirklich von dem niederländischen Maler stammte. Es wäre
doch oberpeinlich, wenn jemand anders den Mann
mit dem Goldhelm gemalt hätte! Obwohl Shaw zu sehr Gentleman
war, um sie auf einen solchen Irrtum aufmerksam zu machen
...
Zum Glück begann wenige Minuten später der Landeanflug auf den
Flughafen von Lissabon. Der Himmel über der Metropole am Rio Tejo
war strahlend blau. In diesem Moment musste man sich nicht den Kopf
darüber zerbrechen, warum Lissabon auch die Weiße Stadt genannt wurde. Der Anblick war
wundervoll. Jasmin geriet in Urlaubsstimmung, obwohl ihr natürlich
bewusst war, dass sie nicht zu ihrem Vergnügen in die Hauptstadt
Portugals reiste ...
Shaw hatte für sie zwei Zimmer in einem Mittelklassehotel in Rato
reservieren lassen.
»Das ist ein wohlhabender und großbürgerlicher Stadtteil«,
erläuterte Shaw während der Fahrt im Mietwagen. »Dort werden wir
die Opfer der Todesschwadronen kaum treffen, es sei denn in Gestalt
von Putzhilfen oder Einbrechern.«
»Warum wohnen wir dann ausgerechnet in einem solchen Stadtteil?«,
wunderte sich Jasmin.
Shaw lächelte.
»Weil Sie und ich, Officer Brunner, weiße Mitteleuropäer sind, die
niemals unauffällig in Kreisen der illegalen Einwanderer ermitteln
könnten. Was das anbelangt, ist Officer Khaled eine unschätzbare
Hilfe. Er wurde zwar in Paris geboren, aber seine Eltern stammen
aus Algerien. Er spricht fließend Arabisch und hat außerdem eine
angeborene Gabe, mit den unterschiedlichsten Menschen in Kontakt zu
kommen.«
»Und was für Aufgaben liegen vor uns, Senior Officer?«
»Sie und ich werden uns auf die Täter konzentrieren. Eine
klassische Arbeitsteilung: Officer Khaled und Officer da Silva
hören sich unter den Opfern um, damit weitere Straftaten verhindert
werden können. Außerdem sammeln sie Informationen über die Täter,
die sie an uns weiterreichen. Und dann, wenn unsere Gegner sich in
Sicherheit wiegen, werden wir die Angelegenheit ...
bereinigen.«
Jasmin fragte sich, was Shaw unter bereinigen verstand. Sie war allerdings nicht
sicher, ob sie es wirklich wissen wollte. Die junge Frau fühlte
sich innerlich zerrissen. Einerseits mochte sie Shaw gern, fühlte
sich sogar zu ihm hingezogen. Aber sie ahnte, dass er auch eine
dunkle Seite hatte, vor der sie sich fürchtete. Plötzlich fiel ihr
wieder ihre Freundin Lisa Janowsky ein, die Shaw als eiskalten
Sadisten bezeichnet hatte. War das wirklich nur bösartiges
Kantinengeschwätz oder hatten diese Gerüchte am Ende einen wahren
Kern?
Während Jasmin noch über diese Frage spekulierte, lenkte Shaw den
Mietwagen am Jardim Botanico, am
Botanischen Garten, vorbei (das Auto war mit einem Navi-System
versehen). Das Hotel befand sich unweit des Amoreiras
Shoppingcenter, das in seiner Modernität wie ein Fremdkörper in dem
liebenswürdig-altmodischen Stadtteil wirkte.
Shaw deutete mit einer Kopfbewegung auf das
Einkaufszentrum.
»Dort werden wir in einer Stunde unseren Verbindungsmann aus dem
Innenministerium treffen. Wenn Sie möchten, können Sie sich zuvor
noch frisch machen.«
Jasmins Hotelzimmer war so komfortabel, wie es das Spesenbudget von
Europol zuließ. Sie hatte beinahe ein schlechtes Gewissen bei dem
Gedanken, dass Isabel und Khaled vermutlich in üblen Rattenlöchern
übernachten mussten, um ihren Undercover-Identitäten als arme
Einwanderer gerecht zu werden. Aber Jasmin sah natürlich ein, dass
Shaw Recht hatte. Sie selbst war einfach zu weiß, um sich zur
Tarnung einen Drecksjob an Land ziehen zu können. Das war die
brutale Realität, an der auch Jasmin nichts ändern
konnte.
Sie nahm eine Dusche und zog danach eine violette Bluse mit kurzen
Ärmeln sowie knielange Leinenshorts mit einer dazu passenden Jacke
an. Es war in Lissabon um einige Grade wärmer als in Den Haag. Ihre
neue Dienstwaffe verstaute sie in ihrer Umhängetasche. Wie Jasmin
inzwischen gelernt hatte, durften die Europol-Beamten in allen
EU-Ländern bewaffnet auftreten. Dank einer Ausnahmegenehmigung galt
das auch für Flüge innerhalb der Union.
Shaw erwartete Jasmin bereits an der Rezeption. Er trug einen
hellen Baumwollanzug, der dem Klima von Lissabon ebenfalls
angemessen war.
»Wir gehen zu Fuß zum Treffpunkt, Officer Brunner. Es ist nur einen
Steinwurf weit entfernt.«
Wie Shaw bereits angekündigt hatte, befand sich das Café, wo sie
ihren Verbindungsmann treffen sollten, in dem Einkaufszentrum.
Zwischen den Marmortischen standen große Kübel mit Palmen und
anderen Pflanzen. Ein antiker Springbrunnen bildete das Zentrum des
Arrangements. Jasmin musste schmunzelnd daran denken, dass Shaw
vermutlich die Stilepoche, in der dieser Brunnen entstanden war,
genau benennen konnte. Sie selbst war dazu nicht in der Lage, fand
aber das Wasserspiel einfach unheimlich schön.
Sie nahmen an einem freien Tisch Platz. Das Café befand sich in
einem offenen Atrium. Man konnte von den oberen Stockwerken des
Shoppingcenters darauf hinuntersehen.
»Ich frage mich, warum unser Mann ausgerechnet diesen Treffpunkt
vorgeschlagen hat«, dachte Shaw laut nach. Aber bevor Jasmin etwas
erwidern konnte, näherte sich ein älterer Mann im Geschäftsanzug
ihrem Tisch. Er wurde von zwei breitschultrigen
Sonnenbrillenträgern eingerahmt, die auf schon auf den ersten Blick
nach Bodyguards aussahen.
»Senhor Shaw?«, fragte der Portugiese und streckte dem Senior
Officer seine Hand entgegen. »Ich bin Ephraim Borges,
Staatssekretär im Innenministerium. Wir ...«
»Verzeihen Sie!«, unterbrach Shaw ihn. Er packte Jasmins Arm. Sein
Griff war so fest, dass sie beinahe aufgeschrien hätte. »Officer
Brunner – drei Angreifer, erstes Stockwerk! Richtung 11:00 Uhr,
14:00 Uhr, 16:00 Uhr. Sie nehmen den ganz links, ich ...«
Der Rest des Satzes ging im beginnenden Hämmern von automatischen
Waffen unter. Shaw riss seine Pistole aus dem Clipholster am
Gürtel. Die Leibwächter waren zu langsam. Einer von ihnen sowie
Borges wurde von zwei kurzen Salven aus einer MPi erwischt. Das
Blut der Männer spritzte auf den Marmortisch.
Jasmin warf sich zur Seite. Sie fühlte sich wie in einem Albtraum,
wo man fortlaufen will, aber immer langsamer wird. Doch Shaws
Befehl hatte sich in ihr Bewusstsein gestanzt. Sie öffnete ihre
Umhängetasche. Jasmins Finger schlossen sich um den Griff ihrer
Pistole der Marke SIG Sauer P 228.
Die Polizistin lag jetzt auf dem Boden, halb auf der Seite, halb
auf dem Rücken. Ihr rechter Arm mit der Schusswaffe bewegte sich in
die Richtung, die der Senior Officer genannt hatte. Während das
geschah, hämmerten die todbringenden Automatikwaffen der drei
Männer weiter.
Jasmin korrigierte sich selbst, als ihr dieser Gedanke kam. Zwei
Maschinenpistolen verstummten nämlich, nachdem Shaws Waffe zwei Mal
trocken aufgebellt hatte. Jasmin sah, wie ein Maskierter in sich
zusammensank. Der andere kippte über die Balustrade und stürzte auf
einen Cafétisch.
Die Gäste waren längst auf der Flucht, sofern sie nicht von
verirrten Querschlägern getroffen worden waren. Die junge Deutsche
begriff plötzlich, dass sie selbst nun feuern musste.
Jasmin hatte noch nie zuvor auf einen Menschen geschossen. Genauer
gesagt hatte sie ihre Dienstwaffe noch niemals außerhalb des
Schießstandes benutzt. Doch die Situation war eindeutig und sie
hatte einen klaren Befehl erhalten. Die MPi in den Händen des
dritten Angreifers wummerte weiter. Es kam der Polizistin so vor,
als wäre mindestens eine halbe Stunde verstrichen, seit der
Feuerüberfall begonnen hatte. In Wirklichkeit waren es nur wenige
Sekunden gewesen, wie sie später bei einem Blick auf ihre
Armbanduhr feststellte.
Jasmin handelte wie in Trance. Sie stabilisierte ihr rechtes
Handgelenk mit der linken Hand. Ihr Zeigefinger lag bereits am
Druckpunkt. Sie visierte den Killer an, so gut es ging. Sie wusste,
dass die Treffsicherheit einer Pistole auf diese Distanz nicht
gerade erstklassig war. Trotzdem musste sie es versuchen.
Jasmin zog den Stecher durch.
Eine unterarmlange Flamme leckte aus der Mündung ihrer SIG. Es
ertönte dasselbe trockene Knallen, das zuvor schon durch Shaws
Waffe entstanden war.
Und genau wie der Senior Officer traf Jasmin ihr Ziel. Der
Maskierte breitete die Arme aus, als das Blei in seine Brust
hämmerte. Er kippte nach hinten weg.
Es herrschte plötzlich eine unheimliche Stille, wenn man einmal von
den Panikschreien der flüchtenden Passanten absah. Aber das bekam
Jasmin nicht richtig mit. Es war, als würde sie durch Watte
gehen.
An ihrem zweiten Arbeitstag bei Europol hatte sie bereits einen
Menschen erschossen. Jedenfalls musste sie davon ausgehen, dass er
tot war. Jasmin fragte sich, wie es für sie weitergehen
sollte.