2. Kapitel


Am Nachmittag hatte sich Jasmin schon wieder halbwegs beruhigt. Dazu trug gewiss auch die gediegene Atmosphäre in Shaws Büro bei, wo die Einsatzgruppe nun vollzählig beisammen saß. Khaled und Isabel hatten ihre Undercover-Tarnaufmachung gegen Anzug bzw. Geschäftskostüm vertauscht. Sie wirkten nun so seriös wie Tausende andere Büroangestellte, die das Stadtzentrum von Den Haag bevölkerten.
»Wie haben Sie das mit dem Heimspiel vorhin gemeint, Senior Officer?«, fragte Isabel neugierig. Ohne ihre Aufmachung als Getto-Flittchen wirkte sie wie eine kompetente und zielstrebige junge Frau. Jasmin fand sie sofort sympathisch. »Das kann doch nur bedeuten, dass unser nächster Fall nach Portugal führt.«
»Wenn meine Anspielungen immer so leicht zu durchschauen wären, müsste ich mir ernsthafte Sorgen machen«, erwiderte Shaw schmunzelnd. Nun, was Jasmin anging, so waren einige seiner Aussagen immer noch äußerst rätselhaft. Was sollten das für »interessante Fälle« sein, in denen die »Justiz ihren eigenen Ordnungskräften nicht traut«, wie Shaw es genannt hatte? Für die junge Kommissarin war diese Äußerung sehr verwirrend. Aber vielleicht lag das einfach daran, dass der Satz von Shaw stammte. Jasmin konnte es drehen und wenden, wie sie wollte. Je mehr sie über diesen Mann nachdachte, desto weniger verstand sie ihn. Ob es in Europa noch andere Polizeibeamte gab, die absichtlich Verdächtige anfuhren und dabei aus der Wahl der Automarke eine Wissenschaft machten? Jasmin konnte sich das nicht vorstellen. Vielleicht wollte sie es auch gar nicht. Ihr Leben war durch den Ortswechsel nach Den Haag und den Jobwechsel zur Europol irgendwie aus den Fugen geraten. Jedenfalls kam es Jasmin so vor.
»Unser Auftrag führt uns in der Tat nach Lissabon, in die portugiesische Hauptstadt«, sagte Shaw nun. »Wir vermuten allerdings, dass auch Spanien in die kriminellen Handlungen verwickelt ist, um die es hier geht.« Er wandte sich an Jasmin. »Europol wird nur aktiv, wenn zwei oder mehr EU-Länder von der jeweiligen Straftat betroffen sind. Ich glaube, das erwähnte ich bereits.«
Jasmin hatte gerade nicht aufgepasst. Ihr Blick hatte auf Shaws Händen geruht. Er hatte sehr schöne Hände, was ihr bei Männern gefiel. Sie bekam einen knallroten Kopf, was ihr ausgesprochen peinlich war. Ihre neuen Kollegen mussten sie doch für ein dummes Schulmädchen halten. Aber weder Shaw noch Khaled oder Isabel schienen an der plötzlichen Änderung ihres Teints Anstoß zu nehmen.
War Jasmin etwa gerade dabei, sich in Shaw zu verlieben? Das durfte auf keinen Fall geschehen, verordnete sie sich selbst.
»Ich möchte die Kriminellen, mit denen wir es zu tun haben werden, als Todesschwadron bezeichnen«, fuhr der Senior Officer fort. »Sie treiben sowohl in Lissabon als auch in Barcelona ihr Unwesen. Das Muster ist in beiden Fällen das Gleiche.«
»Was genau tun diese Todesschwadronen?«, fragte Khaled.
»Sie lauern Straßenkindern und illegalen Einwanderern nachts auf und schlagen sie tot. Manchmal werden die Opfer auch erschossen. Oder sie wurden es, besser gesagt. Anfangs haben die Täter noch Feuerwaffen verwendet. Inzwischen tun sie das nicht mehr.«
»Gibt es Hinweise auf die Täter oder Zeugenaussagen?«, wollte Jasmin wissen. Shaw schüttelte den Kopf.
»Mögliche Zeugen haben Angst vor der Polizei, vermute ich. Einerseits, weil sie selbst vielleicht illegal in Europa sind. Aber andererseits auch deshalb, weil die Opfer mit Waffen erschossen wurden, die bei den portugiesischen und spanischen Ordnungskräften Standard sind.«
»Mit Dienstwaffen?«, vergewisserte sich Isabel. Shaw nickte.
»Jedenfalls gibt es Übereinstimmungen bei Kaliber und Bauart. Aber unsere Gegner sind clever, wenn ich das so sagen darf. Sobald deutlich wurde, dass Polizeiwaffen im Spiel sein könnten, wurden die nächsten Opfer plötzlich nicht mehr erschossen, sondern totgeschlagen.«
»Jetzt verstehe ich, warum Europol ermitteln soll«, murmelte Khaled. »Man kann unmöglich sagen, wer aus den Reihen der dortigen Polizei zu den Mördern gehört.«
»So ist es«, bestätigte Shaw.
»Und wo ist das Motiv der Täter?«, fragte Jasmin.
»Sowohl Lissabon als auch Barcelona sind Anlaufstätten für unzählige illegale Einwanderer nach Europa. In den Armenvierteln herrscht drangvolle Enge. Ich vermute, dass die Täter eine Lynchjustiz verüben, weil sie mit den bestehenden Gesetzen nicht einverstanden sind. Ich muss wohl nicht betonen, dass ein solches Vorgehen verabscheuungswürdig ist.«
Täuschte sich Jasmin oder ließen Khaled und Isabel bei diesen Worten ihres Vorgesetzten ein ironisches Grinsen sehen? Bevor sie länger darüber nachdenken konnte, waren die Gesichter der beiden EU-Officer schon wieder ernst und konzentriert.
»Wir fliegen morgen früh nach Lissabon«, verkündete Shaw zum Abschluss der Besprechung. »Die dortige Polizei weiß nichts davon, dass wir angefordert wurden. Nur das portugiesische Innenministerium ist im Bilde. Wir wollen hoffen, dass es dort keine undichte Stelle gibt.«

*

»Vielen Dank für die Einladung«, sagte Jasmin und prostete ihrer neuen Kollegin Isabel mit einem Glas Chablis zu. »Ein Neuanfang ist immer schwierig.«
Die beiden Frauen saßen in einem gemütlichen Bistro in der Innenstadt von Den Haag, unweit des Regierungsviertels. Die Portugiesin hatte ihre neue deutsche Kollegin nach Dienstschluss dorthin geschleppt. Eine Aktion, für die Jasmin mehr als dankbar war.
»Schon gut«, sagte Isabel lächelnd. »Ich kann mich noch gut an meinen eigenen ersten Tag in der Gruppe Shaw erinnern. Ich hätte mich am liebsten in den nächsten Flieger zurück nach Hause gesetzt. Aber nun bin ich froh, dass ich schon ein Jahr durchgehalten habe.«
Jasmin lief bei diesen Worten unwillkürlich ein eiskalter Schauer über den Rücken.
»Ist es denn wirklich so schlimm hier?«
Isabel schüttelte den Kopf und blickte versonnen in ihr Weißweinglas.
»Unsere Gegner sind schlimm, das ist alles. Aber daran gewöhnt man sich. Wir haben schließlich eine Aufgabe zu erfüllen. Wenn man nicht daran glaubt, ist man bei uns fehl am Platz.«
Sie schaute Jasmin direkt in die Augen. Irgendwann konnte die neue Kollegin Isabels Blick nicht mehr standhalten.
»Glaubst du, dass ich schlappmachen werde?«, fragte sie mit deutscher Direktheit. Isabel hob die Schultern.
»Das weiß man erst, wenn es ernst wird. Ich hätte beispielsweise nie geglaubt, dass Vanessa der Folter so lange standhalten würde. Sie kannte unsere Operationsbasis und hat sie nicht an die Gangster verraten. Sie ist gestorben, war als Informationsquelle für diese Mistkerle völlig wehrlos. Sie haben Vanessa ...«
»So genau will ich es gar nicht wissen«, sagte Jasmin schaudernd und schob ihr Weinglas weg. »Vanessa – das war Officer LaGuardia, nicht wahr?«
Isabel nickte.
»Ja, sie war eine gute Freundin. Aber ihr Tod war nicht sinnlos. Die Albaner haben einen hohen Preis bezahlt für das, was sie ihr angetan haben.«
Die helle Stimme der Portugiesin hörte sich plötzlich hart und misstönend an. Jasmin fand die unerwartete Verwandlung ihrer Kollegin zum Fürchten. Trotzdem musste sie die Frage stellen, die ihr nun auf der Zunge lag.
»Ist es ... dabei mit rechten Dingen zugegangen?«
Isabel kniff die Augen zusammen.
»Was willst du damit sagen?«, blaffte sie.
»Mich interessiert nur, ob ihr euch an die Gesetze gehalten habt.«
»Aber natürlich haben wir das«, höhnte Isabel. »Wir haben den Gangstern sogar eine Wärmflasche ins Bettchen gelegt. Allerdings war sie mit Nitroglyzerin gefüllt.«
Die Portugiesin funkelte Jasmin grinsend an. Die Deutsche verstand, dass sie nun kein vernünftiges Wort mehr aus ihrer Kollegin herausbekommen würde. Sie hatte es verbockt, indem sie sich als Moralapostel aufgespielt hatte. Für Isabel zählte offenbar hauptsächlich das Schicksal von Vanessa LaGuardia, die eine Freundin für sie gewesen war.
Als Jasmin zwei Stunden später in ihrem neuen Apartment endlich einschlief, hatte sie großes Heimweh nach Wiesbaden.

*

Colonel Fernando Oliveira hatte gute Laune, als er morgens im Polizeipräsidium – dem Governo Civil – von Lissabon erschien. Seine Sekretärin stellte soeben den Café com leite (Milchkaffee) auf seinen Schreibtisch. Der Polizeioffizier tätschelte anerkennend ihr Hinterteil, was die junge Frau, die ihren Job behalten wollte, mit einem verlegenen Kichern quittierte.
Oliveira ließ sich in seinem Bürosessel nieder und griff zur Kaffeetasse. Da klingelte das Telefon. Der Polizeioffizier fragte sich, ob es übertriebener Diensteifer wäre, schon vor dem Morgenkaffee mit einer Amtshandlung zu beginnen. Aber da er gute Laune hatte, siegte der Pflichteifer. Er nahm den Hörer ab und meldete sich mit seinem Namen. Nachdem der Anrufer sein Anliegen vorgebracht hatte, sank Oliveiras Stimmung unter den Nullpunkt.
»Die Europol, wie?«, knurrte er. »Ich werde nicht vergessen, dass du mich vorgewarnt hast. Danke, Freund. Ein entdeckter Feind ist kein Feind, das weißt du ja. Borges, sagst du? In Ordnung, ich kümmere mich um alles. Ich lasse dir eine kleine Aufmerksamkeit zukommen. Sonst noch was? Wir bleiben in Verbindung. Adeus
Oliveiras Fingerknöchel waren weiß, weil er den Telefonhörer fest umklammerte. Wutschnaubend warf er ihn wieder auf die Gabel. Der Polizeioffizier beglückwünschte sich selbst dazu, dass diese Telefonleitung abhörsicher war. Das gehörte zu seinen Privilegien als einer der einflussreichsten Männer bei den portugiesischen Ordnungskräften.
Und trotzdem – jemand wollte ihm Schwierigkeiten machen. Das fasste Oliveira als persönliche Beleidigung auf. So etwas konnte er natürlich nicht durchgehen lassen. Aber er hatte für solche Fälle vorgesorgt. Der beste Beweis dafür war der Anruf eines Informanten, den er soeben erhalten hatte. Oliveira hatte seine Leute überall sitzen.
Der Kaffee wurde kalt, während Oliveira dumpf vor sich hin brütete. In seinem Kopf nahm ein Plan Gestalt an. Eine halbe Stunde, nachdem er angerufen worden war, griff er selbst zum Telefon.
Oliveira wusste nun, wie er mit seinen Gegenmaßnahmen beginnen sollte. Als Erstes wollte er sich um Borges kümmern ...

*

Die Gruppe Shaw reiste auf unterschiedlichen Wegen nach Portugal. Shaw und Jasmin flogen als Touristen getarnt mit einer Linienmaschine direkt nach Lissabon. Khaled und Isabel hatten eine Tarnung als Einwanderer auf Arbeitssuche angenommen. Daher fuhren sie mit einem Billigbus via Paris in die portugiesische Hauptstadt, wo sie erst am nächsten Tag eintreffen würden.
Während des Fluges erwähnte Shaw den Auftrag mit keiner Silbe. Der Senior Officer erwies sich als unterhaltsamer Plauderer, der sich erstklassig in Architektur, bildender Kunst, klassischer und moderner Musik, Film, Theater und Sport auskannte. Es fiel Jasmin wirklich schwer, sich seinem Charme zu entziehen. Und doch hatte sie das Gefühl, dass sich unter seiner kultivierten Oberfläche tiefe Abgründe des Grauens verbargen. Ein äußerer Hinweis darauf war seine merkwürdige Gesichtshaut mit den fehlenden Augenbrauen. Diese verheilten Verletzungen ließen auf schwere Verbrennungen schließen. Jasmin hätte gerne gewusst, wo er sie sich zugezogen hatte. Aber sie konnte ihn ja schlecht fragen. Sie beschloss, vielleicht später einmal Isabel darauf anzusprechen. Allerdings hatte sie seit dem Vorabend das ungute Gefühl, dass ihre portugiesische Kollegin sie für ein Weichei und eine Streberin hielt ...
»Die Nachtwache, Officer Brunner. Und wie steht es mit Ihnen?«
Jasmin stockte der Atem. Ihre Gedanken waren abgeschweift. Sie hatte den Gesprächsfaden verloren und stotterte nun herum wie ein dummes kleines Mädchen.
»Ich, äh ...«
»Ich äußerte soeben meine Ansicht, dass die Nachtwache mir von allen Gemälden Rembrandts am besten gefällt. Haben Sie auch ein Lieblingsmotiv in seinem Werk, Officer Brunner?«
»Ja, äh ... Der Mann mit dem Goldhelm gefällt mir gut.«
Shaw nickte beifällig, und Jasmin hoffte inständig, dass dieses Kunstwerk wirklich von dem niederländischen Maler stammte. Es wäre doch oberpeinlich, wenn jemand anders den Mann mit dem Goldhelm gemalt hätte! Obwohl Shaw zu sehr Gentleman war, um sie auf einen solchen Irrtum aufmerksam zu machen ...
Zum Glück begann wenige Minuten später der Landeanflug auf den Flughafen von Lissabon. Der Himmel über der Metropole am Rio Tejo war strahlend blau. In diesem Moment musste man sich nicht den Kopf darüber zerbrechen, warum Lissabon auch die Weiße Stadt genannt wurde. Der Anblick war wundervoll. Jasmin geriet in Urlaubsstimmung, obwohl ihr natürlich bewusst war, dass sie nicht zu ihrem Vergnügen in die Hauptstadt Portugals reiste ...
Shaw hatte für sie zwei Zimmer in einem Mittelklassehotel in Rato reservieren lassen.
»Das ist ein wohlhabender und großbürgerlicher Stadtteil«, erläuterte Shaw während der Fahrt im Mietwagen. »Dort werden wir die Opfer der Todesschwadronen kaum treffen, es sei denn in Gestalt von Putzhilfen oder Einbrechern.«
»Warum wohnen wir dann ausgerechnet in einem solchen Stadtteil?«, wunderte sich Jasmin.
Shaw lächelte.
»Weil Sie und ich, Officer Brunner, weiße Mitteleuropäer sind, die niemals unauffällig in Kreisen der illegalen Einwanderer ermitteln könnten. Was das anbelangt, ist Officer Khaled eine unschätzbare Hilfe. Er wurde zwar in Paris geboren, aber seine Eltern stammen aus Algerien. Er spricht fließend Arabisch und hat außerdem eine angeborene Gabe, mit den unterschiedlichsten Menschen in Kontakt zu kommen.«
»Und was für Aufgaben liegen vor uns, Senior Officer?«
»Sie und ich werden uns auf die Täter konzentrieren. Eine klassische Arbeitsteilung: Officer Khaled und Officer da Silva hören sich unter den Opfern um, damit weitere Straftaten verhindert werden können. Außerdem sammeln sie Informationen über die Täter, die sie an uns weiterreichen. Und dann, wenn unsere Gegner sich in Sicherheit wiegen, werden wir die Angelegenheit ... bereinigen.«
Jasmin fragte sich, was Shaw unter bereinigen verstand. Sie war allerdings nicht sicher, ob sie es wirklich wissen wollte. Die junge Frau fühlte sich innerlich zerrissen. Einerseits mochte sie Shaw gern, fühlte sich sogar zu ihm hingezogen. Aber sie ahnte, dass er auch eine dunkle Seite hatte, vor der sie sich fürchtete. Plötzlich fiel ihr wieder ihre Freundin Lisa Janowsky ein, die Shaw als eiskalten Sadisten bezeichnet hatte. War das wirklich nur bösartiges Kantinengeschwätz oder hatten diese Gerüchte am Ende einen wahren Kern?
Während Jasmin noch über diese Frage spekulierte, lenkte Shaw den Mietwagen am Jardim Botanico, am Botanischen Garten, vorbei (das Auto war mit einem Navi-System versehen). Das Hotel befand sich unweit des Amoreiras Shoppingcenter, das in seiner Modernität wie ein Fremdkörper in dem liebenswürdig-altmodischen Stadtteil wirkte.
Shaw deutete mit einer Kopfbewegung auf das Einkaufszentrum.
»Dort werden wir in einer Stunde unseren Verbindungsmann aus dem Innenministerium treffen. Wenn Sie möchten, können Sie sich zuvor noch frisch machen.«
Jasmins Hotelzimmer war so komfortabel, wie es das Spesenbudget von Europol zuließ. Sie hatte beinahe ein schlechtes Gewissen bei dem Gedanken, dass Isabel und Khaled vermutlich in üblen Rattenlöchern übernachten mussten, um ihren Undercover-Identitäten als arme Einwanderer gerecht zu werden. Aber Jasmin sah natürlich ein, dass Shaw Recht hatte. Sie selbst war einfach zu weiß, um sich zur Tarnung einen Drecksjob an Land ziehen zu können. Das war die brutale Realität, an der auch Jasmin nichts ändern konnte.
Sie nahm eine Dusche und zog danach eine violette Bluse mit kurzen Ärmeln sowie knielange Leinenshorts mit einer dazu passenden Jacke an. Es war in Lissabon um einige Grade wärmer als in Den Haag. Ihre neue Dienstwaffe verstaute sie in ihrer Umhängetasche. Wie Jasmin inzwischen gelernt hatte, durften die Europol-Beamten in allen EU-Ländern bewaffnet auftreten. Dank einer Ausnahmegenehmigung galt das auch für Flüge innerhalb der Union.
Shaw erwartete Jasmin bereits an der Rezeption. Er trug einen hellen Baumwollanzug, der dem Klima von Lissabon ebenfalls angemessen war.
»Wir gehen zu Fuß zum Treffpunkt, Officer Brunner. Es ist nur einen Steinwurf weit entfernt.«
Wie Shaw bereits angekündigt hatte, befand sich das Café, wo sie ihren Verbindungsmann treffen sollten, in dem Einkaufszentrum. Zwischen den Marmortischen standen große Kübel mit Palmen und anderen Pflanzen. Ein antiker Springbrunnen bildete das Zentrum des Arrangements. Jasmin musste schmunzelnd daran denken, dass Shaw vermutlich die Stilepoche, in der dieser Brunnen entstanden war, genau benennen konnte. Sie selbst war dazu nicht in der Lage, fand aber das Wasserspiel einfach unheimlich schön.
Sie nahmen an einem freien Tisch Platz. Das Café befand sich in einem offenen Atrium. Man konnte von den oberen Stockwerken des Shoppingcenters darauf hinuntersehen.
»Ich frage mich, warum unser Mann ausgerechnet diesen Treffpunkt vorgeschlagen hat«, dachte Shaw laut nach. Aber bevor Jasmin etwas erwidern konnte, näherte sich ein älterer Mann im Geschäftsanzug ihrem Tisch. Er wurde von zwei breitschultrigen Sonnenbrillenträgern eingerahmt, die auf schon auf den ersten Blick nach Bodyguards aussahen.
»Senhor Shaw?«, fragte der Portugiese und streckte dem Senior Officer seine Hand entgegen. »Ich bin Ephraim Borges, Staatssekretär im Innenministerium. Wir ...«
»Verzeihen Sie!«, unterbrach Shaw ihn. Er packte Jasmins Arm. Sein Griff war so fest, dass sie beinahe aufgeschrien hätte. »Officer Brunner – drei Angreifer, erstes Stockwerk! Richtung 11:00 Uhr, 14:00 Uhr, 16:00 Uhr. Sie nehmen den ganz links, ich ...«
Der Rest des Satzes ging im beginnenden Hämmern von automatischen Waffen unter. Shaw riss seine Pistole aus dem Clipholster am Gürtel. Die Leibwächter waren zu langsam. Einer von ihnen sowie Borges wurde von zwei kurzen Salven aus einer MPi erwischt. Das Blut der Männer spritzte auf den Marmortisch.
Jasmin warf sich zur Seite. Sie fühlte sich wie in einem Albtraum, wo man fortlaufen will, aber immer langsamer wird. Doch Shaws Befehl hatte sich in ihr Bewusstsein gestanzt. Sie öffnete ihre Umhängetasche. Jasmins Finger schlossen sich um den Griff ihrer Pistole der Marke SIG Sauer P 228.
Die Polizistin lag jetzt auf dem Boden, halb auf der Seite, halb auf dem Rücken. Ihr rechter Arm mit der Schusswaffe bewegte sich in die Richtung, die der Senior Officer genannt hatte. Während das geschah, hämmerten die todbringenden Automatikwaffen der drei Männer weiter.
Jasmin korrigierte sich selbst, als ihr dieser Gedanke kam. Zwei Maschinenpistolen verstummten nämlich, nachdem Shaws Waffe zwei Mal trocken aufgebellt hatte. Jasmin sah, wie ein Maskierter in sich zusammensank. Der andere kippte über die Balustrade und stürzte auf einen Cafétisch.
Die Gäste waren längst auf der Flucht, sofern sie nicht von verirrten Querschlägern getroffen worden waren. Die junge Deutsche begriff plötzlich, dass sie selbst nun feuern musste.
Jasmin hatte noch nie zuvor auf einen Menschen geschossen. Genauer gesagt hatte sie ihre Dienstwaffe noch niemals außerhalb des Schießstandes benutzt. Doch die Situation war eindeutig und sie hatte einen klaren Befehl erhalten. Die MPi in den Händen des dritten Angreifers wummerte weiter. Es kam der Polizistin so vor, als wäre mindestens eine halbe Stunde verstrichen, seit der Feuerüberfall begonnen hatte. In Wirklichkeit waren es nur wenige Sekunden gewesen, wie sie später bei einem Blick auf ihre Armbanduhr feststellte.
Jasmin handelte wie in Trance. Sie stabilisierte ihr rechtes Handgelenk mit der linken Hand. Ihr Zeigefinger lag bereits am Druckpunkt. Sie visierte den Killer an, so gut es ging. Sie wusste, dass die Treffsicherheit einer Pistole auf diese Distanz nicht gerade erstklassig war. Trotzdem musste sie es versuchen.
Jasmin zog den Stecher durch.
Eine unterarmlange Flamme leckte aus der Mündung ihrer SIG. Es ertönte dasselbe trockene Knallen, das zuvor schon durch Shaws Waffe entstanden war.
Und genau wie der Senior Officer traf Jasmin ihr Ziel. Der Maskierte breitete die Arme aus, als das Blei in seine Brust hämmerte. Er kippte nach hinten weg.
Es herrschte plötzlich eine unheimliche Stille, wenn man einmal von den Panikschreien der flüchtenden Passanten absah. Aber das bekam Jasmin nicht richtig mit. Es war, als würde sie durch Watte gehen.
An ihrem zweiten Arbeitstag bei Europol hatte sie bereits einen Menschen erschossen. Jedenfalls musste sie davon ausgehen, dass er tot war. Jasmin fragte sich, wie es für sie weitergehen sollte.