In Paris schien die Sonne. Paris war unzerstört. Wenn man seinen Augen trauen wollte, konnte man meinen, der zweite Weltkrieg habe nicht stattgefunden. Christopher Gallagher war mit Paris verbunden. Er stand in der Zelle, aus der Washington Price mit Baton Rouge telefoniert hatte. Auch Christopher hielt ein Taschentuch in der Hand. Er rieb sich mit dem Tuch die Nase. Die Nase war großporig und etwas gerötet. Seine Gesichts haut war rauh. Sein Haar rot. Er sah aus wie ein Seemann; er war aber Steueranwalt. Er sprach mit Henriette. Henriette war seine Frau. Sie wohnten in Santa Ana in Kalifornien. Ihr Haus stand am Stillen Ozean. Man konnte sich einbilden, aus den Fenstern des Hauses nach China hinüberzublicken. jetzt war Henriette in Paris. Christopher war in Deutschland. Christopher vermißte Henriette. Er hatte vorher nicht gedacht, daß er sie vermissen würde. Sie fehlte ihm. Er hätte sie gern bei sich gehabt. Er hätte sie besonders gern in Deutschland bei sich gehabt. Er dachte ›wir sind so förmlich miteinander, woran liegt das wohl? ich liebe sie doch.‹ Henriette saß in ihrem Zimmer in einem Hotel am Quai Voltaire. Vor dem Hotel floß die Seine. Drüben am anderen Ufer lag der Tuileriengarten, ein oft gemaltes, ein öfter noch photographiertes, ein immer wieder berückendes Bild. Christopher hatte eine laute Stimme. Aus der Hörmuschel klang seine Stimme wie ein Brüllen. Er brüllte immer wieder dieselben Sätze: »Ich verstehe dich; aber glaube mir, es würde dir gefallen. Es würde dir sicher gefallen. Es würde dir sehr gut gefallen. Mir gefällt es auch sehr gut.« Und sie sagte immer wieder dieselben Worte: »Nein. Ich kann nicht. Du weißt es. Ich kann nicht.« Er wußte es, aber er verstand es nicht. Oder er verstand es, aber so wie man eine Traumerzählung versteht und dann sagt: »Vergiß es!« Sie sah, während sie mit Christopher sprach, die Seine, sie sah die Tuilerien in der Sonne liegen, sie sah den lieblichen Pariser Frühlingstag, die Landschaft vor dem Fenster glich einem Renoir, aber ihr war es, als ob durch die Grundierung ein anderes Bild durchbräche, ein dunkleres Gemälde. Die Seine verwandelte sich in die Spree, und Henriette stand am Fenster eines Hauses am Kupfergraben, und drüben lag die Museumsinsel, lagen die preußisch-hellenischen Tempel, an denen ewig und ewig gebaut wurde, und sie sah ihren Vater am Morgen ins Amt gehen, er schritt wie eine Menzelsche Figur aufrecht, korrekt, stäubchenfrei, den schwarzen steifen Hut grade über den goldenen Kneifer gesetzt, über die Brücke in sein Museum. Er war kein Kunsthistoriker, er hatte nicht unmittelbar mit den Bildern zu tun, wenn er sie natürlich auch alle kannte, er war Oberregierungsrat in der Generaldirektion, ein Verwaltungsmann, der die Ordnung im Hause unter sich hatte, aber für ihn war es sein Museum, das er selbst an den Feiertagen nicht aus den Augen ließ und dessen jeweiligen kunsthistorischen Leiter er als einen Unmündigen ansah, als einen für die Unterhaltung der Besucher engagierten Artisten, dessen Tun und Angabe nicht weiter ernst zu nehmen war. Er lehnte es ab, in die Wohngegenden des neuen Westens zu ziehen, aus dem Blick des Museums, er blieb in der Wohnung am Kupfergraben, wo es karg und preußisch zuging (blieb da auch nach seiner Entlassung und bis zu dem Tag, als sie ihn holten, ihn und die schüchterne Frau, Henriettes Mutter, die im Schatten von soviel Preußentum unselbständig und willenlos verkümmert war). Henriette spielte als Kind auf den Stufen des Kaiser-Friedrich-Museums unter dem Denkmal des kriegerisch zu Pferd sitzenden Dreimonatskaisers mit den schmutzigen, lauten und herrlichen Gören der Oranienburgerstraße, den Rangen vom Monbijouplatz, und später, als sie, nach der Lyzeumszeit, Schauspielschülerin bei Reinhardt am Deutschen Theater war und über die Brücke zur Karl Straße ging, riefen die Halbwüchsigen, die einstigen Spielgefährten, die sich jetzt unter den Hufen des Kaiserpferdes zu heimlichen Umarmungen trafen, ihr zärtlich »Henri« zu, und sie winkte entzückt zurück und rief »Fritz« und »Paule«, und der korrekte Stäubchenfreie Oberregierungsrat sagte: »Henriette, das geht nicht.« Was ging, und was ging nicht? Es ging, daß sie in Berlin den Reinhardt-Preis als beste Schülerin ihres Jahrgangs bekam; aber es ging nicht, daß sie in Süddeutschland, wohin sie verpflichtet war, die Liebhaberin in den Freiern von Eichendorff spielte. Es ging, daß sie beschimpft wurde; es ging nicht, daß sie engagiert blieb. Es ging, daß sie ein Wanderleben führte und mit einer Emigrantentruppe in Zürich, Prag, Amsterdam und New York tingelte. Es ging nicht, daß sie irgendwo eine unbefristete Aufenthaltsbewilligung, die Arbeitserlaubnis oder für irgendein Land ein Dauervisum bekam. Es ging, daß sie mit anderen Mitgliedern der Tingeltruppe aus dem Deutschen Reich ausgebürgert wurde. Es ging nicht, daß der korrekte Oberregierungsrat weiter im Museum arbeitete. Es ging, daß ihm das Telefon und die Bank in den Anlagen verboten wurde. Es ging, daß sie in Los Angeles in einer Speisewirtschaft die Teller abwusch. Es ging nicht, aus Berlin der Tochter Geld zu schicken, damit sie in Hollywood auf eine Filmrolle warten konnte. Es ging, daß sie aus dem Tellerwischjob entlassen auf der Straße stand, einer sehr fremden Straße, und daß sie hungrig die Einladung eines fremden Mannes annahm, der zufälligerweise ein Christ war. Er heiratete sie, Christopher Gallagher. Es ging nicht, daß ihr Vater seinen Namen Friedrich Wilhelm Cohen behielt; es ging, daß er Israel Cohen genannt wurde. Bereute Christopher seine Ehe? Er bereute sie nicht. Es ging nicht, daß die Menzelsche Erscheinung, der preußische Beamte und seine schüchterne Frau länger in ihrer Geburtsstadt Berlin blieben. Es ging, daß sie zu den ersten Juden gehörten, die abtransportiert wurden: zum letzten Mal traten sie aus dem Haus am Kupfergraben, in der Abenddämmerung, sie stiegen in ein Polizeiauto, und Israel Friedrich Wilhelm, korrekt, stäubchenfrei, ruhig in friderizianischer Zucht, half ihr hinauf, Sarah Gretchen, die weinte, und dann schloß sich die Tür des Polizeiautos, und man hörte nichts mehr von ihnen, bis man nach dem Krieg alles hörte, nichts Pers önliches zwar, nur das Allgemeine, die Gesichtslosigkeit des Schicksals, die Landläufigkeit des Todes - es genügte. Christophers laute Stimme brüllte: »Du bleibst also in Paris?« Und sie sagte: »Versteh mich.« Und er rief: »Gewiß, ich verstehe dich. Aber es würde dir gefallen. Es würde dir gut gefallen. Es hat sich alles geändert. Mir gefällt es gut.« Und sie sagte: »Geh mal ins Bräuhaus. Gegenüber ist ein Café. Das Café Schön. Da lernte ich meine Rollen.« Und er schrie: »Gewiß. Sicher will ich hingehen. Aber es würde dir gefallen.« Er war wütend, weil sie in Paris blieb. Sie fehlte ihm. Liebte sie Paris? Sie sah nun wieder den Renoir, sah die Seine, die Tuilerien, das heitere Licht. Gewiß, sie liebte den Blick, das Unzerstörte, aber das Zerstörte drängte sich in Europa ins Unversehrte, trat zutage, war ein Mittagsgespenst: die hellenisch-preußischen Tempel auf der Museumsinsel in Berlin lagen ausgeraubt und zertrümmert. Sie hatte sie mehr geliebt als die Tuilerien. Sie empfand keine Genugtuung. Sie haßte nicht mehr. Sie fürchtete sich nur. Sie fürchtete sich, nach Deutschland zu fahren, und sei es nur für drei Tage. Sie sehnte sich fort aus Europa. Sie sehnte sich zurück nach Santa Ana. Am Stillen Ozean war Frieden, war Vergessen, war Frieden und Vergessen für sie. Die Wellen waren das Symbol der ewigen Wiederkehr. Im Wind war der Atem Asiens. Sie kannte Asien nicht, ASIEN WELTPROBLEM NUMMER EINS, aber die pazifische See gab ihr etwas von der Ruhe und Sicherheit der Kreatur, die sich dem Augenblick hingibt, ihre Trauer wurde eine in die offene Weite hinausschwingende Melancholie, der Ehrgeiz, als Schauspielerin bewundert zu werden, starb, es war nicht Zufriedenheit, es war Bescheidung, was sie erfüllte, etwas wie Schlaf, die Bescheidung auf das PI aus, auf die Terrasse, auf den Strand, auf diesen einen durch Glück, Zufall oder Bestimmung erreichten Punkt in der Unendlichkeit. »Grüße Ezra«, sagte sie. »Er ist großartig«, brüllte er. »Er kann sich mit deinem Deutsch verständigen. Er übersetzt mir alles. Du würdest Spaß haben. Es würde dir gut gefallen .« - »Ich weiß«, sagte sie. »Ich verstehe dich. Ich warte auf euch. Ich warte in Paris auf euch. Wir fahren dann nach Hause. Es wird herrlich sein. Zu Hause wird es herrlich sein. Sag das auch Ezra! Sag ihm, daß ich auf euch warte. Sag ihm, er soll sich alles ansehen. Sag Ezra -«

Ezra saß in Christophers geräumigem, mit mahagonifarbenem Holz verschaltem Wagen. Der Wagen sah aus wie das ältere Modell eines Sportflugzeuges, das man zum Bodendienst degradiert hatte. Ezra machte Rundflüge über den Platz. Er gab es ihnen aus allen Bordwaffen. Er feuerte lustig in die Straße. Eine Panik bemächtigte sich der Menge, des Gewimmels aus Spaziergängern und Mördern, dieses Haufens von Jägern und Verfolgten. Sie sackten in die Knie, sie beteten und winselten um Gnade. Sie wälzten sich am Boden. Sie hielten die Arme schützend vor den Kopf. Sie flohen wie aufgescheuchtes Wild in die Häuser. Die Schaufenster der großen Geschäfte zersplitterten. Die Kugeln flogen in leuchtender Spur in die Läden. Ezra stürmte im Tiefflug auf das Denkmal los, das den Mittelpunkt des amerikanischen Parkplatzes vor dem Central Exchange bildete. Auf den Stufen des Denkmals saßen Jungen und Mädchen, so alt wie Ezra. Sie schwätzten, johlten und spielten Kopf und Schrift; sie handelten, tauschten und stritten sich um kleine Mengen amerikanischer Waren; sie neckten einen struppigen jungen Hund; sie prügelten und versöhnten sich. Ezra schüttete eine Garbe seiner leuchtenden Munition über die Kinder. Die Kinder lagen tot oder verwundet auf den Stufen des Denkmals. Der junge Hund kroch in einen Gully. Ein junge schrie: »Das war Ezra!« Ezra überflog das Dach des Central Exchange und stieg steil in die Höhe. Als er hoch über der Stadt war, warf er eine Bombe. WISSENSCHAFTLER WARNEN VOR ANWENDUNG.
Ein kleines Mädchen wischte den Staub vom horizontblauen Lack einer Limousine. Das kleine Mädchen arbeitete eifrig; man konnte meinen, es putze das himmlische Fahrzeug eines Engels. Heinz hatte sich versteckt. Er war auf den Sockel des Denkmals geklettert und hockte unter dem Pferd des Kurfürsten. Die Geschichtsschreiber nannten den Kurfürsten den Frommen. In den Religionskriegen war er für den rechten Glauben ins Feld gezogen. Seine Feinde kämpften ebenso für den rechten Glauben. In der Frage des Glaubens gab es dann auch keinen Sieger. Vielleicht war der Glaube allgemein besiegt worden, indem man um ihn kämpfte. Der fromme Kurfürst aber war durch den Krieg ein mächtiger Mann geworden. Er war so mächtig geworden, daß seine Untertanen nichts zu lachen hatten. Heinz kümmerte sich nicht um den Glaubensstreit und die Macht des Fürsten. Er beobachtete den Platz.
Es war eine Nation von Autofahrern, die sich breit machte. Die Wagen parkten in langen Reihen. Wenn ihnen das Benzin ausginge, würden sie hilflose Kutschen sein, Hütten für Schäfer, wenn man nach dem nächsten Krieg Schafe weiden sollte, Verstecke für Liebespaare, wenn man sich nach dem Tod noch zur Liebe verstecken mochte. Jetzt waren die Wagen blank und flink eine stolze Automobilausstellung, ein Triumph des technischen Jahrhunderts, eine Saga von der Herrschaft des Menschen über die Kräfte der Natur, ein Symbol der scheinbaren Überlistung der Trägheit und des Widerstandes im Räume und in der Zeit. Vielleicht würden die Wagen eines Tages zurückgelassen werden. Sie würden wie Leichen aus Blech auf dem Platz bleiben. Man würde sie nicht fahren können. Man würde sich rausnehmen, was man brauchen konnte, ein Polster für den Hintern. Der Rest würde rosten. Frauen, Frauen modisch und burschikos gekleidet, Frauen damenstolz und jungenhaft, Frauen in olivgrünen Uniformen, weibliche Leutnants und weibliche Majore, keß geschminkte Backfische, sehr viel Frauen, dann Zivilangestellte, Offiziere und Soldaten, Neger und Negerinnen, sie alle gehörten zur Besatzung, sie bevölkerten den Platz, sie riefen, lachten, winkten, sie lenkten die schönen das Lied des Reichtums summenden Automobile geschickt zwischen die schon parkenden Fahrzeuge. Die Deutschen bewunderten und verabscheuten den rollenden Aufwand. Einige dachten ›unsere marschierten‹ In ihrer Vorstellung war es anständiger, in einem fremden Land zu marschieren, als zu fahren; das Marschieren kam ihrer Auffassung vom Soldatentum entgegen; es entsprach besser den ihnen eingeprägten Spielregeln, von Landsern als von Herrenfahrern bewacht zu sein. Die Herrenfahrer waren wohl freundlicher, die Landser mochten rauher sein; darauf kam es nicht an; es ging um die Spielregeln, um die Einhaltung der bei Krieg, Sieg und Niederlage überlieferten Gepflogenheiten. Deutsche Offiziere, die sich als Stadtreisende durchschlugen und mit ihrem Musterköfferchen auf die Straßenbahn warteten, ärgerten sich, wenn sie gewöhnliche amerikanische Soldaten wie reiche Touristen in bequemen Polstern grußlos an ihren Vorgesetzten vor über fahren sahen. Das war Demokratie und Unordnung. Die luxuriösen Wagen gaben der Besatzung einen Anstrich von Übermut, Frevel und Sybaritentum.
Washington näherte sich seiner horizontblauen Limousine. Er war der Engel, für den das kleine Mädchen das himmlische Gefährt blankgerieben hatte. Die Kleine knixste. Sie knixste und wischte mit ihrem Tuch über den Wagen schlag. Washington schenkte ihr Schokolade und Bananen. Er hatte die Schokolade und die Bananen für das kleine Mädchen gekauft. Er war Stammkunde des kleinen Mädchens. Heinz unter dem Pferd des frommen Kurfürsten feixte. Er wartete, bis Washington abgefahren war, dann kletterte er vom Sockel. Er spuckte gegen die Tafel mit dem in Erz gegossenen Verzeichnis der Siege des Kurfürsten. Er sagte: »Das war der Nigger meiner Mutter.«
Die Kinder guckten Heinz respektvoll an. Er imponierte ihnen, wie er dastand, spuckte und sagte: »Das war der Nigger meiner Mutter.« Das fleißige kleine Mädchen war zum Denkmal gekommen und aß nachdenklich eine vom Neger-seiner-Mutter geschenkte Banane. Der junge Hund beschnupperte die weggeworfene Bananenschale. Das kleine Mädchen beachtete den Hund nicht. Der Hund trug kein Halsband. Man hatte ihm einen Bindfaden umgebunden. Er schien gefangen, aber herrenlos zu sein. Heinz prahlte: er habe die Amiwagen schon gelenkt, er könne das alle Tage, wenn er nur wolle: »Meine Mutter geht mit einem Neger.« Der dunkle Freund, der schwarze Ernährer der Familie, die gabenspendende und dennoch fremde und störende Erscheinung in der Wohnung beschäftigte ihn unaufhörlich. An manchen Tagen log er den Neger aus seinem Leben weg. »Was macht euer Neger?« fragten die jungen. »Weiß nicht. Gibt keinen Nigger«, sagte er dann. Ein ander Mal trieb er eine Art Kult mit Washington, beschrieb seine enorme Körperkraft, seinen Reichtum, seine Bedeutung als Sportsmann, um am Ende den Kameraden den letzten Trumpf entgegen zu schleudern, der alle Leistungen des bedeutenden schwarzen Mannes erst in das rechte persönliche Licht rückte, den Trumpf, daß Washington mit seiner Mutter lebe. Die Gefährten kannten die oft berichtete Geschichte, sie erzählten sie selber zu Hause weiter, aber sie warteten dennoch immer wieder mit einer Spannung wie im Kino auf die Pointe, diesen nicht zu schlagenden Trumpf: er geht mit meiner Mutter, er ißt bei uns am Tisch, er schläft in unserem Bett, sie wünschen, daß ich Dad zu ihm sage. Das kam aus Tiefen der Lust und der Pein. Heinz konnte sich an seinen an der Wolga verschollenen Vater nicht erinnern. Eine Photographie, die den Vater in grauer Uniform zeigte, sagte ihm nichts. Washington konnte ein guter Vater sein. Er war freundlich, er war freigiebig, er strafte nicht, er war ein bekannter Sportler, er trug eine Uniform, er gehörte zu den Siegern, er war für Heinz reich und fuhr einen großen horizontblauen Wagen. Aber gegen Washington sprach die schwarze Haut, das auffallende Zeichen des Andersseins. Heinz wollte sich nicht von andern unterscheiden. Er wollte genau wie die andern jungen sein, und die hatten weißhäutige einheimische überall anerkannte Väter. Washington war nicht überall anerkannt. Man redete mit Mißachtung von ihm. Einige machten sich über ihn lustig. Manchmal wollte Heinz Washington verteidigen, aber dann wagte er nicht, eine andere Meinung als die vielen zu haben, die Erwachsenen, die Landsleute, die Gescheiten, und er sagte: »Der Nigger!« Man sprach häßlich über Carlas Beziehung zu Washington; man scheute sich nicht, in Gegenwart des Kindes gemeine Bezeichnungen zu gebrauchen; doch am meisten haßte es Heinz, wenn man ihm mit falschem Mitleid über den Kopf strich und plärrte »armer Junge, du bist doch ein deutscher Junge«. So war Washington, ohne es zu ahnen (doch vielleicht ahnte er es, wußte es sogar und ging Heinz aus dem Wege, scheu und den Blick ins Leere gerichtet), Sorge für Heinz, Ärger, Leid und ein dauernder Konflikt, und es kam, daß Heinz Washington mied, nur noch widerstrebend seine Geschenke annahm und selten und ohne Lust in dem bewunderten und prächtigen Auto fuhr. Er trieb sich herum, er redete sich ein, die Schwarzen und die Amis, sie alle zusammen zu verabscheuen, und um sich für eine Haltung, die er im Grunde für feige hielt, zu quälen und um zu beweisen, daß er's selber aussprechen konnte, womit die anderen meinten, ihn unterzukriegen, krähte er unermüdlich sein »Sie geht mit einem Nigger«. Als er sich von Ezra aus dem einem Flugzeug so sehr ähnelnden Wagen beobachtet fühlte, brüllte er in ziemlich geläufigem Englisch (das er von Washington und nur zu dem Zweck gelernt hatte, um die Gespräche seiner Mutter mit dem Neger zu belauschen, um zu hören, was sie vorbereiteten, was ja auch ihn anging, die Reise nach Amerika, die Ausundheimwanderung, von der er, Heinz, nicht wußte, ob er sie antreten wollte oder nicht, vielleicht würde er darauf drängen, mitgenommen zu werden, vielleicht würde er sich verstecken, wenn alles gepackt war): »Yes, she goes with a nigger.«
Heinz hielt den Hund am Bindfaden. Der Junge und der Hund waren wie zusammengebunden. Sie waren wie zwei verurteilte zusammengebundene arme Schlucker. Der Hund zerrte von Heinz weg. Ezra beobachtete Heinz und den Hund. Es war ihm, als träume er alles. Der Junge, der rief: »Yes, she goes with a nigger«, der an den Bindfaden gefesselte Hund, das Reiterdenkmal aus grün dunklem Erz waren unwirklich, sie waren kein wirklicher Junge, kein wirklicher Hund, kein wirkliches Denkmal; sie waren Ideen; sie hatten die leichte schwindlig machende Transparenz der Traumfiguren; sie waren Schatten, und zugleich waren sie er selbst, der Träumer; es war eine innige und böse Verbundenheit zwischen ihnen und ihm, und das beste wäre es, mit einem Schrei zu erwachen. Ezra hatte fuchsrotes kurzgeschnittenes Haar. Seine kleine Stirn krauste sich unter der fuchsroten Kappe. Er hatte das Gefühl, zu Hause in Santa Ana im Bett zu liegen. Der Stille Ozean brandete mit eintönigem Rauschen gegen den Strand. Ezra war krank. In Europa war Krieg. Europa war ein ferner Erdteil. Es war das Land der armen Alten. Es war der Erdteil der grausamen Sagen. Es gab da ein böses Land, und in dem bösen Land gab es einen bösen Riesen HITLER AGGRESSOR. Auch Amerika war im Krieg. Amerika kämpfte gegen den bösen Riesen. Amerika war großmütig. Es kämpfte für die Menschenrechte. Was waren das für Rechte? Besaß Ezra sie? Hatte er das Recht, seine Suppe nicht zu essen, seine Feinde, die Kinder vom Nordstrand, zu töten, dem Vater zu widersprechen? Die Mutter saß an seinem Bett. Henriette sprach deutsch mit ihm. Er verstand die Sprache nicht, und er verstand sie doch. Dieses Deutsch war die Muttersprache, das war wörtlich zu nehmen, es war die Sprache der Mutter, älter, geheimnisvoller als das übliche und im Hause allein schickliche, das alltägliche Amerikanisch, und die Mutter weinte, im Kinderzimmer weinte sie, sie weinte seltsamen Menschen nach, Verschwundenen, Geraubten, Entführten, Geschlachteten, und der jüdisch-preußische Oberregierungsrat und sein stilles sanftes Sarah-Gretchen, abgeführt IM ZUGE DER LIQUIDIERUNG, wurden am Bett eines kranken Kindes in Santa Ana, Californien, zu Gestalten aus Grimms deutschen Kinder- und Hausmärchen, genau so wahr, genau so lieb, genau so traurig wie König Drosselbart, wie Däumling und Großmütterchen und der Wolf, und so unheimlich war's wie die Geschichte vom Machandelbaum. Henriette lehrte ihren Jungen die Muttersprache, indem sie ihm deutsche Märchen vorlas, aber wenn sie dachte, daß er schlafe, dann erzählte sie für sich, seinen Fieberschlaf bewachend und um ihn in Sorge, das Märchen von den Großeltern, und wie das Summen der neuesten Sprachlehrgrammophone, die einen im Schlaf die fremden Laute lehren, senkten sich die deutschen Leidworte, die Murmel- und Tränenworte Ezra ins Gemüt. Nun war er im Dickicht, im unheimlichen Zauberwald des Traumes und des Märchens - der Parkplatz war der Wald, die Stadt war das Dickicht: der Luftangriff hatte nichts genützt, Ezra mußte am Boden den Kampf bestehen. Heinz hatte lange blonde Haare, einen verwilderten Schopf. Er sah mit Mißfallen den kurzen neumodischen amerikanischen Haarschnitt, Ezras revidierte Barrasfrisur. Er dachte ›der ist hochnäsig, dem will ich's geben‹. Ezra fragte: »Wollen Sie den Hund verkaufen?« Aus sprachlicher Unsicherheit fand er es angebracht, Sie statt du zu sagen. Heinz empfing das Sie als neuen Beweis des Hochmuts dieses fremden Jungen, der zu Recht in dem interessanten Auto saß (nicht wie Heinz im Auto Washingtons in fragwürdiger Position), es war eine Zurückweisung, ein In-Distanz-Halten (vielleicht, vielleicht war das Sie wirklich als Schranke gedacht, Schutzwehr für Ezra, und nicht sprachliche Verwirrung), und er, Heinz, gebrauchte es nun auch, dies Sie, und die beiden Elfjährigen, die beiden in der Kriegsfurcht gezeugten Kinder, unterhielten sich steif wie altfränkische Erwachsene. »Wollen Sie den Hund kaufen?« sagte Heinz. Er wollte den Hund garnicht verkaufen. Es war auch nicht sein Hund. Der Hund gehörte der Kinderbande. Aber vielleicht konnte man ihn doch verkaufen. Man mußte im Gespräch bleiben. Heinz hatte die Empfindung, daß sich hier etwas ergeben würde. Er wußte nicht was, aber etwas würde sich ergeben. Ezra war garnicht darauf aus, den Hund zu kaufen. Für eine Weile hatte er zwar das Gefühl, er müsse den Hund retten. Aber dann war die Hunderettung schon vergessen, war nicht das Wesentliche, das Wesentliche war das Gespräch und etwas, was sich zeigen würde. Man sah es noch nicht. Der Traum war noch nicht soweit. Der Traum fing erst an. Ezra sagte: »Ich bin Jude.« Er war Katholik. Er war wie Christopher katholisch getauft und erhielt katholischen Religionsunterricht. Aber es gehörte zum Stil des Märchens, daß er Jude war. Er schaute Heinz erwartungsvoll an. Heinz wußte mit Ezras Bekenntnis nichts anzufangen. Es verblüffte ihn als undurchsichtiger Zug des anderen. Es hätte ihn auch verblüfft, wenn Ezra erzählt hätte, er sei Indianer. Wollte er sich interessant machen? Juden? Das waren Händler, unreelle Geschäftsleute, sie mochten die Deutschen nicht. War es das? Womit handelte Ezra? Im Flugzeugauto war keine Ware. Vielleicht wollte er den Hund billig kaufen und ihn später teuer verkaufen. Das würde er ihm versalzen! Für alle Fälle wiederholte Heinz sein eigenes Bekenntnis: »Meine Mutter, müssen Sie wissen, lebt mit einem Neger.« Drohte Heinz mit einem Neger? Ezra hatte keine Berührung mit Negern. Aber er wußte von weißen und schwarzen Kinderbanden, die sich bekämpften. Heinz gehörte einer Negerbande an, das war überraschend. Ezra mußte vorsichtig sein. »Was wollen Sie für den Hund haben?« sagte er. Heinz antwortete: »Zehn Dollar.« Das konnte man machen. Für zehn Dollar konnte man es machen. Wenn der blöde Junge zehn Dollar zahlte, war er reingefallen. Der Hund war keine zehn Mark wert. Ezra sagte: »Gut.« Er wußte noch nicht, wie er's machen würde. Aber er würde es machen. Es würde schon gehen. Er mußte Christopher was vorlügen. Christopher würde es nicht verstehen, daß es nur ein Traumgeschehen und nicht wirklich war. Er sagte: »Ich muß mir die zehn Dollar erst besorgen.« Heinz dachte ›Scheißkerl, möchtest du wohl‹. Er sagte: »Erst wenn Sie mir das Geld geben, bekommen Sie den Hund.« Der Hund zerrte unbeteiligt an dem Handel am Bindfaden. Das kleine Mädchen hatte ihm ein Stück Schokolade vom Neger-von-Heinz' -Mutter zugeworfen. Die Schokolade lag in einer Pfütze und löste sich langsam auf. Der Hund konnte die Pfütze nicht erreichen. Ezra sagte: »Ich muß meinen Vater fragen. Er wird mir das Geld geben.« - »jetzt?« fragte Heinz. Ezra dachte nach. Wieder furchte sich seine kleine Stirn unter der fuchsroten Kappe seines kurzgeschnittenen Haares. Er dachte ›hier geht es nicht‹. Er sagte: »Nein, heute abend. Kommen Sie zum Bräuhaus. Mein Vater und ich sind heute abend im Bräuhaus.« Heinz nickte. Er rief: »Okay!« In der Bräuhausgegend kannte er sich aus. Am Bräuhausplatz war der Club der Negersoldaten. Heinz stand oft vor dem Lokal und beobachtete, wie seine Mutter und Washington aus der horizontblauen Limousine stiegen und an dem schwarzen Militärpolizisten vorbei in den Club gingen. Er kannte alle Dirnen, die um den Platz herumstrichen. Zuweilen schenkten ihm die Dirnen Schokolade, die sie von den Negern bekommen hatten. Heinz brauchte die Schokolade nicht. Aber es befriedigte ihn, die Schokolade von den Dirnen zu nehmen. Er konnte dann zu Washington sagen: »Ich mag keine Schokolade.« Er dachte: ›Du kriegst deinen Hund, dir bin ich schon entwischt.‹

Odysseus entwischte ihnen. Er entwischte den Griechen, entwischte den flinken, wie flinke gelbe Eidechsen über den Biertisch huschenden Händen. Der Wurf war für sie. Sie rafften die Würfel, reichten sie Odysseus; Odysseus verlor; sie krallten sie wieder in die Hand, schleuderten sie hin, das Glück auf ihrer Seite; es ging um Mark und Dollar, um Mannesmark und Flitscherldollar, es ging um das, was sie Leben nannten, es ging um die Füllung des Bauches, es ging um den Rausch, um die Lust, um das Taggeld ging es, denn was sie den Tag ertragen ließ, kostete Geld, das Fressen, das Saufen, das Lieben, alles kostete Geld, Mark oder Dollar, hier wurden sie aufs Spiel gesetzt: was waren die Griechen, was war König Odysseus ohne Geld? Er hatte Wildtöteraugen. Die Glockenkapelle spielte ich-schieß-den-Hirsch-im-wilden-Forst. Alle in der Glocke jagten den weißen Hirsch ihrer Wünsche und Illusionen. Das Bier hatte sie auf imaginäre Pferde gesetzt; sie waren stolze Jäger zu Pferde. Ihre Triebe machten Treibjagd, Lustjagd auf den weißen Hirsch des Selbstbetruges. Der Gebirgsschütze sang das Lied der Kapelle mit, der Afrikakämpfer, der Ostfrontmann fielen ein. Josef, durch die Machenschaften der Griechen von seinem schwarzen Tagesherrn weggedrängt, hörte aus Odysseus' Musikkasten einen Vortrag über die Lage in Persien FALLSCHIRMJÄGER NACH MALTA, und weiter war es nur ein Lautrauschen für Josef und weiter nur eine Brandung der Geschichte, eine Brandung aus dem Äther zu ihm gespült, unverständliche erlebte gärende Geschichte, ein Sauerteig, der aufging. Namen wurden hineingerührt, Namen immer wieder Namen, oft gehörte Namen, die Namen der Weltstunde, die Namen der großen Spieler, die Namen der Manager, die Namen der Schauplätze, Konferenzplätze, Schlachtplätze, Mordplätze, wie wird der Sauerteig aufgehen? was für Brot werden wir morgen essen? »Wir waren die ersten in Kreta«, rief der Rommelsoldat, »erst waren wir in Kreta eingesetzt. Wir sprangen einfach in sie hinein.« Da war der Hirsch! Jetzt hatte er's durchschaut, Wildtöteraugen! Die schwarze Hand war flinker als der Zaubertrick der gelben Eidechsen. Odysseus griff zu. Er hatte die Würfel. Diesmal waren es die rechten, die gezinkten, die ausgeheckten, die das Glück brachten, die listig immer wieder vertauschten. Er schlug sie aufs Holz: Sieg! Er warf sie aufs neue und warf wieder das Glück. Er stieß mit den Ellbogen. Die Griechen wankten zurück. Odysseus' Rücken deckte den Tisch. Der Tisch war die Front. Er feuerte Serien ins Holz, ein Bombardement des Glücks: Häuptling Odysseus König Odysseus General Odysseus Generaldirektor Mister Odysseus Cotton Esquire. »Wir säuberten die Weißen Berge. Wenn wir ins Tal runtergingen, brauchten wir geballte Ladungen, im Gestrüpp das Messer, Tommys und Rosinenkacker. Wir haben das Kretaschild bekommen.« - »Scheiß drauf!« -»Sagst du -« - »Ich sage scheiß drauf. Krieg war in Rußland. Alles andere sind Jungensgeschichten. Zehnerlhefte mit bunten Deckeln. Romantik, Mensch! Bunte Deckel! Mal 'ne nackte Hur und mal 'n Fallschirmspringer mit Todesblick. Dasselbe, Mensch! Ich werd' meinem Jungen den Arsch versohlen, wenn er's nach Hause bringt.« Die Stimme im Musikkoffer sagte: »Cypern.« Cypern war strategisch wichtig. Die Stimme sagte: »Teheran.« Die Stimme sagte nicht Schiras. Die Stimme erwähnte nicht die Rosen von Schiras. Die Stimme sagte nicht Hafis. Die Stimme kannte Hafis den Dichter nicht. Hafis hatte für diese Stimme nie gelebt. Die Stimme sagte: »Oil.« Und wieder war Rauschen, Lautrauschen, dumpfes Silbengeplätscher, der Strom der Geschichte rauschte vorüber, Josef saß am Ufer des Stroms, der Alte, der Müde, der Abgekämpfte, noch blinzelnd nach Abendglück, unverständlich war der Strom, unverständlich das Geplätscher, einlullend das Silbenrauschen. Die Griechen trauten sich nicht an ihre Messer. Der weiße Hirsch war ihnen entwischt. Der schwarze Odysseus war ihnen entkommen: listiger großer Odysseus. Er gab Josef Geld, das Bier zu bezahlen. »Zuviel, Mister«, sagte Josef. »Nix: zuviel money«, sagte Odysseus. Die Kellnerin steckte den Schein ein: Glanz und Gnade von Odysseus. »Komm«, rief Odysseus. »Appell an den Haag«, sagte die Stimme. Die Stimme wurde von Josef getragen, WILHELM II. FRIEDENSKAISER STIFTET FÜR DEN HAAG, von Josef geschüttelt, er schüttelte mit seinem Altmännergang das Geriesel der großen Worte. Der Strom der Geschichte floß. Zuweilen trat der Strom über die Ufer. Er überschwemmte das Land mit Geschichte. Er ließ Ertrunkene zurück, er ließ den Schlamm zurück, die Düngung, das stinkende Mutterfeld, eine Fruchtbarkeitslauge: wo ist der Gärtner? wann wird die Frucht reif sein? Josef folgte klein und blinzelnd, auch er im Schlamm, noch immer im Schlamm, schon wieder im Schlamm, folgte dem schwarzen Gebieter, dem Herrn, den er sich für diesen Tag erwählt hatte. Wann war Blütezeit? Wann kam das goldene Zeitalter, die hohe Zeit -

Er war ein Hochzeiter. Die horizontblaue Limousine hielt vor dem Mietshaus, in dem Carla wohnte. Washington hatte Blumen gekauft, gelbe Stengel. Als er aus dem Wagen stieg, drang die Sonne durch den verhangenen Himmel. Das Licht reflektierte in der Karosserie der Limousine und ließ die Blumen schwefelgelb blühen. Washington fühlte, wie man ihn aus den Fenstern des Mietshauses beobachtete. Die kleinen Bürger, die hier in vielen Parteien wohnten, in jedem Raum drei, vier Menschen, jedes Zimmer ein Käfig, im Zoo hauste man geräumiger, die kleinen Bürger drückten sich gegen die oft gestopften und immer wieder gestärkten Gardinen und stießen einander an. »Blumen bringt er ihr. Siehst die Blumen. Daß er sich nicht -.« Aus irgend einem Komplex erboste es sie, daß Washington Blumen ins Haus brachte. Washington allein wurde verhältnismäßig wenig beachtet; er war ein Mensch, wenn auch ein Neger. Beachtet wurden die Blumen, gezählt wurden die Pakete, die er trug, erbittert wurde das Auto betrachtet. Das Auto kostete in Deutschland mehr als ein kleines Haus. Es kostete mehr als das Häuschen am Stadtrand, nach dem man sich ein Leben lang vergeblich sehnte. Max sagte es. Max mußte es wissen. Max arbeitete in einer Garage. Die horizontblaue Limousine vor der Haustür war eine Herausforderung.
Ein paar alte Frauen hatten sich über das Treiben in der Wohnung im dritten Stock beschwert. Die Welz mußte Beziehungen zur Polizei haben. Die Polizei griff nicht ein, KREBSSCHÄDEN DER DEMOKRATIE. In Wahrheit sah die Polizei nur keinen Grund zum Einschreiten. Sie konnte nicht überall einschreiten, wo etwas faul in der Stadt war. Überdies hätten die alten Frauen das Eingreifen der Polizei sehr bedauert. Die Polizei hätte sie um das einzige Schauspiel gebracht, das sie sich leisten konnten.
Washington ging die Treppe hinauf: Dschungel umgaben ihn. Hinter jeder Tür standen sie und lauschten. Sie waren domestizierte Raubtiere; sie witterten noch das Wild, aber die Zeit war nicht günstig, die Zeit erlaubte es der Herde nicht, sich auf die fremde, in das Revier der Herde eingedrungene Kreatur zu stürzen. Die Welz öffnete die Tür. Die Frau war struvelhaarig, fett, hängeärschig, schmutzig. Für sie war wiederum Washington ein gezähmtes Haustier: nicht gerade eine Kuh, aber noch immerhin eine Ziege, ›ich melk' den schwarzen Bock‹ - »Is nich da«, sagte sie. Sie wollte ihm die Pakete abnehmen. Er sagte: »Oh, macht nichts.« Er sagte es mit der freundlichen unpersönlichen Stimme der Schwarzen, wenn sie zu Weißen sprechen, aber die Stimme hatte einen gepreßten und ungeduldigen Unterton. Er wollte die Frau los werden. Er verabscheute sie. Er ging durch den düsteren Korridor zu Carlas Zimmern. Aus einigen Türen beobachteten ihn die Mädchen, die sich bei Frau Welz mit den Soldaten trafen. Washington litt unter dieser Wohnung. Aber er konnte es nicht ändern. Carla fand keine anderen Zimmer. Sie sagte: »Mit dir finde ich keine anderen.« Auch Carla litt unter der Wohnung, aber sie litt weniger unter ihr als Washington, dem sie unermüdlich versicherte, wie sehr sie leide, wie unwürdig das alles für sie sei, und das hieß unausgesprochen, wie sehr sie sich verschenke, wie tief sie sich herablasse, tief zu ihm, und daß er durch immer neue Liebe, neue Geschenke, neue Aufopferung es ein wenig gut machen müsse, ein ganz klein wenig nur. Carla verachtete und beschimpfte Frau Welz und die Mädchen, aber wenn sie allein war, wenn sie sich langweilte, wenn Washington in der Kaserne arbeitete, biederte sie sich mit den Mädchen zusammen, lud sie ein, tratschte mit ihnen den Mädchentratsch, den Hurenschwatz, oder sie saß bei Frau Welz in der Küche, trank am Herd den Mischkaffee aus dem stets auf dem Feuer brodelnden Topf und erzählte alles, was Frau Welz (die es dann an die Nachbarinnen weitergab) wissen wollte. Die Mädchen im Gang zeigten Washington, was sie hatten; sie öffneten ihre Kleiderschürzen, richteten sich die Strumpfbänder, wedelten Duftwolken aus dem gefärbten Haar. Es war ein Wettstreit unter den Mädchen, ob es einer einmal gelänge, Washington ins Bett zu bekommen. Da sie Neger nur im Zustand der Brunst kannten, schloß ihr kleines Hirn, daß alle Neger geil seien. Sie verstanden Washington nicht. Sie begriffen nicht, daß er kein Bordellgänger war. Washington war für ein glückliches Familienleben geboren; doch leider war er durch unglückliche Zufälle vom Wege und in diese Wohnung, war er in Schlamm und Dschungeln geraten.
Washington hoffte im Wohnzimmer eine Botschaft zu finden, die Carla vielleicht hinterlassen hatte. Er glaubte, Carla würde bald zurückkehren. Vielleicht war sie zum Friseur gegangen. Er suchte auf der Spiegelkommode nach einem Zettel, der ihm sagen sollte, wohin sie gegangen sei. Auf der Kommode standen Flaschen mit Nagellack, Gesichtswasser, Cremetöpfchen und Puderschachteln. Im Rahmen des Spiegels steckten Photographien. Ein Bild zeigte Carlas verschollenen Ehemann, der jetzt seiner Todeserklärung, seinem amtlichen Tod entgegenging, von dem die Fessel genommen wurde, die ihn und Carla in dieser Welt verband bis-daß-der-Tod-euch-scheide. Er war in feldgrauer Uniform. Auf seiner Brust war das Hakenkreuz zu sehen, gegen das Washington zu Feld gezogen war. Washington betrachtete den Mann gleichmütig. Gleichmütig betrachtete er das Hakenkreuz auf der Brust des Mannes. Das Kreuz war bedeutungslos geworden. Vielleicht hatte das Rassenkreuz dem Mann nie etwas bedeutet. Vielleicht hatte Washington nie gegen dieses Kreuz gekämpft. Vielleicht waren sie beide betrogen worden. Er haßte den Mann nicht. Der Mann beunruhigte ihn nicht. Er war nicht eifersüchtig auf seinen Vorgänger. Zuweilen beneidete er ihn darum, daß er's hinter sich hatte. Das war so ein dunkles Gefühl; Washington verdrängte es immer. Neben ihrem Gatten hing Carla im Rahmen des Spiegels im Hochzeitsschmuck und mit weißem Schleier. Sie war achtzehn Jahre alt, als sie heiratete. Zwölf Jahre war es her. In diesen Jahren war die Welt zusammengebrochen, in der Carla und ihr Mann lange und sicher zu leben glaubten. Freilich war ihre Welt nicht mehr die Welt der Eltern gewesen. Carla war schwanger, als sie zum Standesamt ging, und der weiße Schleier auf der Photographie war Lüge und doch nicht Lüge, weil niemand belogen wurde oder belogen werden konnte, denn der weiße Schleier hatte schon lange nur noch schmückenden Sinn und wurde eine peinliche dem Spott ausgelieferte Maskerade, wenn man ihn für das Zeichen der unverletzten Scham nahm, und keinesfalls war es frivol, daß man so dachte, denn die Zeit war eher geneigt, die Vorstellung, daß der Bräutigam nach vollzogener öffentlicher Zuführung und Feier sich auf die Braut stürze, auf das weiße Lamm, mit dem er das Hymenopfer vollzog, als frivol und schamlos zu empfinden, dennoch bedurfte es der Trauung, des Ordentlichen und der Amtlichkeit des Zusammentuns, des Segenspruches der Gemeinschaft, der Kinder wegen bedurfte es dies alles, der Kinder, die der Gemeinschaft geboren werden sollten und selbst mit Werbung ins Leben gelockt wurden, BESUCHT DAS SCHÖNE DEUTSCHLAND, und Carla und ihr Mann, die eben Getrauten, glaubten damals an ein Reich, dem man Kinder schenken konnte, vertrauensvoll, pflichtgemäß und verantwortungsbewußt, KINDER REICHTUM DER NATION, EHESTANDSDARLEHEN FÜR JUNGE LEUTE. Carlas Eltern hingen auch im Rahmen des Spiegels. Frau Behrend hatte sich mit Blumen im Arm aufnehmen lassen, der Musikmeister war in Uniform, aber statt des DirigentenStabes hielt seine linke Hand den Griff einer Geige, die er im Sitzen gegen die Sehenkel stützte. So waren Herr und Frau Behrend als poetisch und musisch gesonnenes Paar friedlich vereint. Heinz war als Säugling Photographien. Er stand aufrecht im Kinderwagen und winkte. Er wußte nicht mehr, wem er zugewinkt hatte, irgendeiner erwachsenen Person wahrscheinlich; die Person war sein Vater gewesen, der hinter der das Bild aufnehmenden Kamera gestanden hatte, und bald darauf war Vater in den Krieg gezogen. Ein Bild, das von größerem Format als die übrigen war, zeigte nun gar ihn selbst, Washington Price: Er war im Baseballdreß mit der weißen Schirmmütze, den Fanghandschuhen und dem Schläger. Sein Gesichtsausdruck war würdig und ernst. Das war Carlas Familie. Washington gehörte zu Carlas Familie. Für eine Weile starrte Washington stumpfsinnig auf die Bilder. Wo mochte Carla sein? Was sollte er hier? Er sah sich mit seinen Blumen und den Paketen im Spiegel. Es war komisch, wie er in diesem Zimmer stand vor den Familienbildern, dem Toilettenkram und dem Spiegel. Für einen Augenblick hatte Washington das Gefühl, sein Leben sei sinnlos. Ihm schwindelte vor seinem Spiegelbild. Aus einem Zimmer der Mädchen klang Radiomusik. Der amerikanische Sender spielte die kummervoll erhabene Melodie Negerhimmel von Ellington. Washington hätte weinen mögen. Während er die Melodie hörte, ein Heimatlied aus einem Hurenzimmer in der Fremde (und wo war nicht Fremde?), empfand er die ganze Häßlichkeit des Daseins. Die Erde war kein Himmel. Die Erde war bestimmt kein Negerhimmel. Aber gleich eilte sein Lebensmut einer Fatamorgana entgegen, er klammerte sich an den Gedanken, daß bald ein neues Bild im Spiegel stecken würde, das Bild eines kleinen braunen Kindes, des Kindes, das er und Carla der Welt schenken wollten.
Er trat in die Küche an den Herd zu Frau Welz, zu den brodelnden Töpfen, und sie gab ihm zu verstehen, eine Hexe in Wolken von Rauch, Dampf und Gerüchen, daß sie wohl wisse, wo Carla sei, er möge beruhigt sein, es sei doch nicht in Ordnung mit Carla, es hätte doch was gegeben, er wisse schon, man passe ja mal nicht auf, wenn man wen lieb habe, passe man nicht auf, sie kenne sich aus, man sehe es ihr wohl nicht mehr an, aber sie wisse Bescheid, und die Mädchen hier, sie wüßten alle Bescheid, ja mit Carla, das sei nicht schlimm (er verstand nicht, er, Washington, verstand nicht, verstand nicht das deutsche Hexeneinmaleins, eine böse Frau, was wollte sie? was war mit Carla? warum sagte sie nicht, sie sei beim Friseur, sei ins Kino gegangen? warum das Gemurmel? soviel üble Worte), garnicht schlimm sei es also, wo sie doch einen so guten Doktor habe und immer für den Doktor gesorgt habe in der schlechten Zeit, »ich sagte ja zu Carla, es ist zu viel Carla, aber Carla wollte ihm das Beste bringen, nun weiß man, wozu es gut war, daß Carla ihm das Beste brachte«, gar kein Anlaß zur Sorge sei gegeben, »Washington, Doktor Frahm wird es schon machen«. Dies verstand er. Er verstand den Namen Doktor Frahm. Was war? War Carla krank? Washington erschrak. Oder war sie des Kindes wegen zum Arzt gegangen? Aber das konnte nicht sein, das konnte nicht sein. Das konnte sie nicht tun, grade dies konnte sie nicht tun -

Es war ein Scherz. Irgend jemand hatte sich den Scherz gemacht, Emilia an zu viel Besitz zu binden. Aber vielleicht war es nicht einmal ein Scherz, vielleicht war Emilia jeder Macht, jeder Planung, jeder Überlegung, jeder guten oder bösen Fee, dem Geist des Zufalls so gleichgültig, daß es nicht einmal zu einem Scherz gereicht hatte, und sie war mit ihrem Besitz zusammen in den Abfall geworfen worden, ohne daß irgendwer sie hatte dahin werfen wollen, zufällig war's geschehen, gewiß zufällig, aber es war ein völlig geistloser, ein dummer, ein ganz bedeutungsloser Zufall, der sie an Güter gebunden hatte, die ihr von anderen und dann auch von den eigenen Wünschen immerfort als Mittel zu einem herrlichen Leben beschrieben wurden, während das Erbe in Wahrheit nur noch eine Bohèmeexistenz ermöglichte mit Unordnung, Ungewißheit, Bettelgängen und Hungertagen, eine Bohèmeexistenz, die grotesk mit Kapitalverwaltung und Steuerterminen gekoppelt war. Nicht mit Emilia hatte die Zeit etwas geplant, weder im Guten noch im Bösen etwas mit ihr vorgehabt, Emilias Erbe nur war dem Zeitgeist und seiner Planung verfallen, das Kapital wurde gesprengt, in manchen Ländern war es schon gesprengt, in anderen würde es gesprengt werden, und in Deutschland lockerte die Stunde wie Scheidewasser den Besitz, fraß mit Ätzung auf, was sich an Reichtum angesammelt hatte, und es war töricht von Emilia, die Spritzer der Ätzung, soweit sie die scharfe Lösung traf, persönlich zu nehmen, sie für eine ihr persönlich zugedachte Ranküne des Schicksals zu halten. Niemand dachte ihr etwas zu. Das Leben, das Emilia nicht meisterte, war Wendezeit, Schicksalszeit, aber dies nur im Großen gesehen, und im Kleinen konnte man weiterhin Glück und Unglück haben, und Emilia hatte das Pech, sich hartnäckig und ängstlich an das Entschwindende zu klammern, das in einer verzerrten, ungeordneten, anrüchigen und auch ein wenig lächerlichen Agonie lag; doch war die Geburt der neuen Weltzeit nicht weniger vom Grotesken, Ungeordneten, Anrüchigen und Lächerlichen umrandet. Man konnte auf der einen und auf der anderen Seite leben, und man konnte auf dieser und jener Seite des Zeitgrabens sterben. » Große Glaubenskriege werden kommen«, sagte Philipp. Emilia verwechselte das alles, sie sah sich durch Geldschwierigkeiten in die Schicht der Bohème versetzt, sah sich zu Leuten gesetzt, die bei Emilias Eltern zwar Freitisch und Narrenfreiheit, aber nicht Achtung genossen hatten, und die Großeltern, die den Familienreichtum so fruchtbar mehrten, hätten diese Windigen überhaupt nicht empfangen. Emilia haßte und verachtete die Bohème, die mittellosen Geistigen, die lebensuntüchtigen Schwätzer, die Träger ausgefranster Hosen und ihre hier schon aus zweiter Hand gekleideten, nach längst vergangener Pariser Tabu-Keller-Mode angezogenen billigen Freundinnen, mit denen sie nun auf demselben Kehricht lag, während Philipp die Schicht, die Emilia so verabscheute, einfach mied, weil er sie als Bohème nicht anerkannte, die Bohème war schon lange tot, und das Volk, das so tat, als gäbe es noch die jungen Intellektuellen, die Revoluzzer und Kunsttheoretiker im Kaffeehaus, das waren für den Abend Maskierte, die sich in hergebrachter Weise amüsieren wollten, während sie am Tage, lange nicht so untüchtig, wie Emilia dachte, als Gebrauchsgraphiker arbeiteten, Reklametexte schrieben, beim Film und Rundfunk verdienten und, die Tabu-Mädchen, brav hinter Schreibmaschinen saßen, die Bohème war tot, sie war schon gestorben, als das Romanische Café in Berlin von Bomben getroffen brannte, sie war schon tot, als der erste SA-Mann das Café betrat, sie war genau genommen schon vor Hitler von der Politik gewürgt worden. Der Züricher Bohémien Lenin hatte, als er nach Rußland abreiste, die Tür des Literatencafes für die nächsten Jahrhunderte geschlossen. Was nach Lenin im Café blieb, war im Grunde konservativ, war konservative Pubertät, konservative Liebe zu Mimi, war konservativer Bürgerschreck (wobei noch zu bedenken war, daß Mimi, die geliebt, und der Bürger, der erschreckt werden sollte, daß sie beide auch schon gestorben und Figuren des Märchens geworden waren), bis die Bohème endlich in gewissen Barlokalen ihr Grabmal fand, von einer konservativen zu einer konservierten Angelegenheit wurde, ein Museumsstück, eine Attraktion für den Fremdenverkehr. Diese Lokale nun, die boites, die Mausoleen der Scènes-de-la-vie-de-bohème wurden allerdings wieder groteskerweise von Emilia, die sich auf die gehaßte Bohèmetour das Geld dazu verschaffen mußte, gerne besucht, während sie Philipp mit ihren Tanzgeschöpfen und dem Glas-Wein-Mäzenatentum der Geschäftsleute geradezu ein Greuel waren. »Wir gehen nirgendwohin«, rief Emilia dann, »du vergißt, daß ich jung bin.« Und er dachte ›ist deine Jugend so verdorrt, daß sie dieses Gusses bedarf, dieses Gusses aus Rausch, Alkohol und Synkopen, braucht dein Gefühl die Luft der Ungefühle, dein Haar den Wind schläfst-du-mit-mir-heut-nacht «aber dann rasch ich muß früh raus»?‹ Emilia stand von allen Seiten bedroht im Niemandsland. Sie war reich und war ausgestoßen von der Nutznießung des Reichtums, sie war von Pluto nicht mehr angenommen worden, sie war nicht aufgenommen, war nicht sein Kind, aber sie war auch nicht aufgenommen und nicht angenommen von der arbeitenden Welt, und dem, daß man früh-raus-mußte, stand sie mit blinder, kalter, aber vollkommen unschuldiger Ablehnung gegenüber.
Jetzt war sie vorangekommen, sie war fortgeschritten, sie hatte ein Stück des schottischen Plaidweges hinter sich gebracht. Emilia war im Leihhaus gewesen. Sie hatte in der Halle des Städtischen Leihamtes unter den Armen gestanden. Die Halle war mit Marmor verkleidet und glich einem Schwimmbassin, aus dem man das Wasser abgelassen hatte. Die Armen schwammen nicht. Sie waren untergegangen. Sie waren nicht oben. Sie waren unten. Oben, das Höhere, das Leben, ach, dieser Glanz, ach, diese Fülle, das Leben war jenseits der Marmorwände, war über dem Glasdach, das die FI alle deckte, über den milchigen Scheiben, diesem Nebelhimmel über dem Teich der Versunkenen. Sie waren am Grund des Daseins und trieben ein gespenstisches Wesen. Sie standen vor den Schaltern und hielten ihren Besitz von früher im Arm, die Habe eines anderen Lebens, das mit ihrem gegenwärtigen Leben garnichts mehr zu tun hatte, eines Lebens, das sie geführt hatten, bevor sie ertrunken waren, und das Gut, das sie zum Schalter brachten, kam ihnen wie fremder Besitz vor, wie Diebesgut, das sie versetzen wollten, und sie benahmen sich scheu wie schon ertappte Diebe. War es aus mit ihnen? Es ging zu Ende, aber noch war es nicht aus. Die Habe verband sie noch mit dem Leben, so wie Gespenster sich an vergrabene Schätze klammern; sie gehörten zur Halbwelt des Styx, noch gab es Aufschub, der Schalter lieh sechs Mark für den Mantel, drei für die Schuhe, acht für das Federbett, die Ertrunkenen schnappten nach Luft, sie wurden noch einmal ins Leben entlassen, für Stunden, für Tage, Begünstigte für Wochen VERFALLFRIST VIER MONATE. Emilia hatte silberne Fischbestecke in den Schalter gereicht. Das Renaissancemuster des Besteckes wurde nicht betrachtet, die Kunst des Silberschmiedes nicht geachtet, es wurde nach dem Silberstempel gesehen, und dann wurde das Besteck auf die Waage geworfen. Der Fischgang vom reichen Kommerzienratsmahl lag auf der Waage des Leihhauses. »Excellenz, der Salm!« Dem General des Kaisers wurde zum zweiten Mal vorgelegt. VOLLDAMPF VORAUS, KAISERWORTE ZUR JAHRHUNDERTWENDE. Das Besteck wog nicht viel. Die silbernen Griffe waren hohl. Hände von Kommerzienräten, Bankiers und Ministern hatten die Griffe gehalten, hatten sich mit Salm, Stör und Forelle bedient: fette Hände, ringgeschmückte Hände, verhängnisvolle Hände. »Majestät erwähnte in seiner Rede Afrika. Ich sage Kolonialpapiere -« - ›Toren! In Gold hätten sie's anlegen und vergraben sollen, Toren, in Gold wäre alles gerettet worden, ich stände nicht hier!‹ Das Leihamt leiht drei Pfennig für ein Gramm Silberbesteck. Emilia wurden achtzehn Mark und der Pfandschein aus dem Schalter gereicht. Die im stygischen Bassin Ertrunkenen beneideten sie. Noch gehörte Emilia zur Elite der Schatten, noch war sie die Prinzessin im Lumpenpelz.
Und weiter war sie fortgeschritten, Kalvariengang, vorangekommen im Lumpenprinzessinnenpelz und mit dem Warenpacken im komischen schottischen Reiseplaid: sie stand vor dem Gewölbe des Herrn Unverlacht, auch dies ein Eingang zur Unterwelt, glitschige Stufen führten hinab, und hinter schmutzigen Scheiben sah Emilia im Licht von Alabasterlampen, schweren birnenförmigen opalisierenden Leuchtglocken, die er einmal aus dem Nachlaß eines Selbstmörders gekauft hatte und bis jetzt nicht wieder losgeworden war, Unverlachts gewaltige Glatze glänzen. Er war von untersetzter breitschultriger Gestalt; wie ein Möbelpacker sah er aus, der eines Tages entdeckt hatte, daß es leichter und einträglicher sei, mit altem Hausrat zu handeln, statt ihn zu tragen, auch wie ein stämmiger Dicker, der in einer Ringkämpfertruppe den bösen Mann mimt, doch sicher war er weder Packer noch Ringkämpfer gewesen, vielleicht ein Frosch, ein hinterhältiger plumper Frosch, der in seinem Gewölbe auf Fliegen wartete. Emilia stieg hinab, öffnete die Tür, und schon grauste es sie. Ihre Haut zog sich zusammen. Das war kein Froschkönig, der zur Tür blickte, mit kalten wässerigen Augen, Unverlacht war wie er war, un-verzaubert, und keine Entzauberung war zu erwarten, kein Prinz würde je aus dem Froschkleid springen. Ein Musikmechanismus, durch Emilias Eintritt in Bewegung gesetzt, spielte ein-feste-Burg-ist-unser-Gott. Das war bedeutungslos, kein Bekenntnis. Unverlacht hatte den Mechanismus wie die Lampen billig erworben und wartete nun auf einen Käufer für diese Schätze. Was die Lampen betraf, war es dumm von ihm, sie verkaufen zu wollen: sie gaben mit ihrem Alabasterschein seinem Gewölbe den echten Hadesschimmer. »Na, Sissy, was bringst du?« sagte er, und die Froschflossenhand (wirklich, die Finger waren wie mit hornschuppigen Schwimmhäuten zusammengewachsen) hielt Emilia schon am Kinn gefaßt, ihr kleines Kinn glitt in die Wölbung der Froschhand wie in einen Schlund, während Unverlachts andere Hand ihren jungen und strammen Hintern betastete. Aus einem nicht klaren Grund nannte Unverlacht Emilia Sissy; vielleicht erinnerte sie ihn an eine wirkliche Trägerin dieses Namens, und Emilia und die unbekannte, vielleicht lange schon begrabene Sissy verschmolzen in dem Gewölbe zu einem Wesen, dem der Besitzer mit geiler Zärtlichkeit begegnete. Emilia drängte sich von ihm los. »Ich will über Geschäfte reden«, sagte sie. Auf einmal wurde ihr schlecht. Der Gewölbedunst benahm ihr den Atem. Sie ließ ihr Plaid zu Boden fallen und warf sich in einen Stuhl. Der Stuhl war ein Schaukelstuhl, der durch den Schwung, mit dem sie in ihn geplumpst war, in heftige Schwingungen geriet. Emilia war es, als reise sie in einem Boot über das Meer; das Boot schaukelte auf hoher See; ein Ungeheuer hob sein Haupt aus den Wellen; ein Schiffbruch drohte; Emilia fürchtete, seekrank zu werden. »Hör auf, Sissy«, rief Unverlacht. »Ich hab kein Geld. Was denkst du? Das Geschäft geht nicht.« Er betrachtete die auf und ab wippende Emilia; er sah sie vor sich, unter sich, hingestreckt im Schaukelstuhl, ihr Rock war hochgerutscht, er sah über den Strümpfen die nackten Oberschenkel; ›Kinderschenkel, dachte er; er hatte eine dicke und eifersüchtige Frau. Er war mißmutig. Emilia erregte ihn, die Kinderschenkel erregten ihn, das müde verzogene Gesicht eines müden und verzogenen kleinen Mädchens hätte ihn betören können, wenn er begabt gewesen wäre, einem anderen als dem Impuls der Gewinnsucht zu folgen. Emilia war für Unverlacht was Feines, ›diese gute Familie‹, dachte er, er begehrte sie, aber er begehrte sie nicht wirklicher als ein Bild in einem Magazin, an dem man sich erregt, und er wollte nicht mehr, als sie betatschen, aber schon das Betatschen konnte das Geschäft stören: er wollte wohl von Emilia kaufen, er tat nur so, als ob er kein Geld habe, das gehörte zum Handel, es waren gute Sachen, die Emilia anbot, ›aus so feiner Familie aus so reichem Haus‹, und sie gab sie billig her, hatte keine Ahnung von ihrem Wert, ›was für ne kleine Hose sie anhat, es ist als ob sie gar keine anhat‹, aber jede Sekunde konnte Frau Unverlacht, eine fettkrustige böse Kröte, in das Gewölbe treten. »Hör mit der Schaukelei auf! Was bringst du, Sissy?« Er duzte Emilia; es machte ihm Freude, sie wie ein kleines verhurtes Gassengör zu duzen, und wieder dachte er ›die feine Familie, so eine feine Familien Emilia raffte sich auf. Sie öffnete das Plaid. Ein kleiner Gebetsteppich kam zum Vorschein; er war zerrissen, aber man konnte ihn stopfen. Emilia breitete ihn aus. Philipp liebte diesen Teppich, liebte sein feines Muster, die schwingende blaue Ampel auf rotem Grund, und Emilia hatte grade diesen Teppich mitgenommen, sie hatte ihn mitgenommen, weil Philipp ihn liebte und weil sie Philipp strafen wollte, weil er kein Geld hatte, und weil sie aufs Leihamt und zu Unverlacht gehen mußte, und weil es ihm gleichgültig zu sein schien, daß er geldlos war und sie mit Bettlerdemut ihre Sachen verschleudern durfte, manchmal sah Emilia Philipp als einen Oger, doch dann wieder als den ihr geschickten Retter, von dem alles zu erwarten war, Überraschung, Schmerz, aber auch Glück, Ruhm und Reichtum, und es tat ihr leid, daß sie ihn quälte, und am liebsten wäre sie nun auf dem Gebetsteppich niedergekniet und hätte gebetet, hätte Gott und Philipp um Verzeihung gebeten für ihr Schlimmsein (sie gebrauchte den Kinderausdruck), aber wo war Gott und wo lag Mekka, wohin sollte sie sich mit ihrem Gebet wenden? Unverlacht, von keiner Reue belästigt, von keinen religiösen Skrupeln gepeinigt, stürzte sich geschäftig auf die Risse im Teppich. Sie begeisterten ihn zu Triumphschreien: »So ein Fetzen! Nur Löcher! Diese Risse! Wertlos, Sissy, morsch, brüchig, wertlos!« Er knüllte die Wolle zusammen, hielt sie sich an den kahlen Schädel, legte das Ohr an den Teppich, schrie: »Er singt!« - »Was tut er?« fragte Emilia, für eine Weile verblüfft. »Er singt«, sagte Unverlacht, »er knistert, er ist brüchig, ich will dir fünf Mark geben, Sissy, weil du's bist und weil du ihn hergeschleppt hast.« - »Sie sind verrückt«, sagte Emilia. Sie bemühte sich, ihrem Gesicht den Ausdruck kalter Uninteressiertheit zu geben. Unverlacht dachte ›hundert ist er wert‹, zwanzig würde er schlimmstenfalls zahlen. Er sagte: »Zehn in Kommission; ich lad mir da was auf, Sissy.« Emilia dachte ›ich weiß, daß er ihn für hundert verkaufte Sie sagte: »Dreißig bar.« Ihre Stimme klang fest und entschlossen, aber ihr Herz war müde. Sie hatte bei Unverlacht die Finten des Handels gelernt. Manchmal überlegte sie, wenn es ihr gelänge ein Haus zu verkaufen (aber nie würde es gelingen, nie würde es geschehen: wer kauft Häuser ? verfallene Mauern? wer lädt sich Lasten auf? wer stellt sich unter die Vormundschaft der Ämter, läßt sich mit Steuerbehörden und Wohnungskontrolleuren ein? wer schafft sich Plagen? bietet sich dem Gerichtsvollzieher an? wer will sich mit ständig auf teure Reparaturen versessenen Mietern streiten, mit Mietern, deren Zins man zum Finanzamt tragen muß, statt wie die alten Hauswirte der Märchen zeit selbstzufrieden, gemütlich, die Hände im Schoß von der Miete zu leben?), wenn es gelänge! - es war einer ihrer größten Träume, endlich einmal eins ihrer Häuser loszuwerden, aber die Käufer wollten die schlechte jedem Zugriff des Staates preisgegebene Geldanlage kaum geschenkt haben -vielleicht würde Emilia dann auch einen Altwarenhandel eröffnen und wie Unverlacht vom Reichtum der Vergangenheit und von den Nachlässen der Toten zehren. War das die Verwandlung, die Entzauberung? Nicht Unverlacht entsprang als Prinz dem Froschkleid, sondern sie, die liebreizende Emilia, die schöne junge Erbin des Kommerzienrats-Vermögens, die Lumpenprinzessin, wollte in die Unterwelt des niedrigsten Feilschens reisen, in den Keller der kleinen Habgier steigen, aus bloßer Zukunftsangst die Maske des Frosches tragen, der kalten Kreatur, die auf arme Fliegen wartet. War das ihr wahres Wesen, das träge Tümpelleben, der lauernde zuschnappende Mund? Aber bis zum Althandel war es noch weit, kein Hauskäufer war zu sehen, und Philipp würde bis dahin sein Buch geschrieben, und die Welt würde sich geändert haben.

Philipp hatte sie schon vorher gefürchtet, und seine Furcht hatte die Mißverständnisse vielleicht herbeigelockt, wie das Aas Fliegen anzieht, oder wie man auf dem Lande meint, es lade das Wetter ein, wenn man nach den Wolken gucke. Er war in einen Strudel lächerlicher, nur ihm bestimmter, nur auf seinen Weg wie Fallen gelegter Verwechselungen geraten, als er Edwin im Auftrage des Neuen Blattes (gern, und doch von Schüchternheit gehemmt, und das grade durch den Auftrag der Zeitung, der anderen Mut gegeben hätte) besuchen wollte. Das Abendecho, das die Namen von Dichtern nur nannte, wenn sie durch irgendwelche Verleihungen Personen des öffentlichen Lebens geworden, nicht länger zu übersehen und überdies gestorben waren, eine Erwähnung, die dann in der Spalte Ferner-ereignete-sich geschah, in der Rubrik des kleinen Klatsches KATER DES ARGENTINISCHEN KONSULS ENTLAUFEN, ANDRÉ GIDE GESTERN VERSCHIEDEN, dieses literarisch so überaus interessierte Blatt hatte eine Redaktionselevin in Mr. Edwins Hotel geschickt, um den berühmten Schriftsteller zu interviewen, ihn für die Leser des Abendechos zu fragen, ob er an den dritten Weltkrieg noch in diesem Sommer glaube, was er von der neuen Badekleidung der Damen halte und ob es seine Meinung sei, daß die Atombombe den Menschen wieder zum Affen zurückwerfen werde. Aus irgendeiner falschen Überlegung nun, vielleicht weil Philipp bekümmert aussah und weil man der jungen Schreibbeflissenen, der sich übenden Nachrichtenjägerin, gesagt hatte, das zu erlegende preisgekrönte Tier sei ein ernster Mann, hielt sie Philipp, den Unberühmten und immerhin wesentlich jüngeren, für Edwin und stürzte sich mit dem Englisch der Oberschule, gemischt mit dem Barslang einer amerikanischen Bekanntschaft vom letzten Fasching, auf ihn, während zwei frech und herrisch blickende junge Männer, Begleiter der Reporterin und wie sie Vertreter der Pressemacht, schwer an gefährlich aussehenden Geräten trugen und Philipp mit Blitzlicht beleuchteten.
Die Aufsehen erregende, blitzbeleuchtete, für Philipp so peinliche und ihn in mancher Weise beschämende Szene (Beschämungen, die den Umstehenden entgingen, es war eine Philipp innerlich peinigende Scham) hatte zur Folge, daß andere Besucher der Hotelhalle, neugierig geworden, erfuhren, daß eine Verwechselung geschehen sei, ein Versehen, das den berühmten Mister Edwin betraf, ein immer noch nicht ganz aufgeklärtes Mißverständnis, und man war nun geneigt, Philipp für Edwins Sekretär zu halten und ihn, voll plötzlicher Teilnahme am Leben des Dichters, mit Fragen zu bestürmen, wann der Meister zu sprechen, auszufragen, zu sehen und zu photographieren sein werde. Ein Mann in einem vielgurtigen Wettermantel, der eben in wichtigster Mission um den Erdball geflogen zu sein schien, doch während des Fluges nichts erlebt und nur ein Kreuzworträtsel gelöst hatte, dieser gegen mögliche Wetterunbilden und geistige Anfechtungen Wohl gewappnete erkundigte sich bei Philipp, ob der bekannte Mister Edwin wohl willens sei, zu einer dann in allen Illustrierten Zeitungen erscheinenden Photographie zu erklären, daß er ohne den Genuß einer bestimmten, von dem Wettergegürteten vertretenen Zigarettenmarke nicht leben und nicht dichten könne. Half Philipp sich hier noch mit Schweigen und eiligem Weitergehen, so sah er sich von der Gruppe der Lehrerinnen aus Massachusetts doch eingefangen und zur Rede gestellt. Miss Wescott hielt Philipp fest, blickte ihn durch ihre breitgefaßte Hornbrille wie eine freundliche, gepflegte Eule an und fragte ihn, ob er nicht Edwin bitten könne, der Reisegesellschaft der Lehrerinnen und, wie man wohl behaupten könne, Edwin-Verehrerinnen eine kleine Vorlesung zu halten, ein stilles Privatissimum, ihnen eine Einführung in sein doch allzu schwer zugängliches, allzu dunkles, der Deutung bedürfendes Werk zu geben. An dieser Stelle, noch ehe Philipp zu Wort kommen und seine Unzuständigkeit erklären konnte, unterbrach Miss Burnett Miss Wescott. Privatissimum hin und Verehrung her, meinte Miss Burnett, Edwin werde anderes zu tun haben, Besseres, Unterhaltsameres, als sich mit reisenden Schulweibern abzugeben, aber Kay, ihre Jüngste, der Benjamin der Gruppe sozusagen, die Junge und Hübsche, beinahe hätte Miss Burnett gerufen »die mit den grünen Augen«, schwärme nun wirklich und in aufrichtiger, unverbildeter und jüngerhafter Weise für die Dichter, für Edwin natürlich besonders, und vielleicht, Philipp der Sekret är müsse es einsehen, würde es den Gefeierten erfrischen, ihn von der Reise und in der Fremde erfrischen, von soviel junger Anmut angeschwärmt zu werden, kurz, Philipp solle es doch wagen, Kay zu Edwin zu führen, damit er ihr eine Widmung, ein Gedenken an den Tag ihrer Begegnung in Deutschland in ihr Exemplar seiner Gedichte schreiben könne, einen Band, den sie in der flexiblen Dünndruckausgabe bei sich habe. Miss Burnett schob Kay ins Licht, und Philipp sah sie mit Rührung an. Er dachte ›ich würde so empfinden, wie diese energische Dame meint, daß Edwin empfinden wird, wenn die junge Anbeterin erscheint‹. Kay wirkte so unbefangen, so frisch, sie war von einer Jugend, wie man sie hier kaum noch sieht, sie war unbeschwert, das war es wohl, sie kam aus anderer Luft, aus herber und reiner Luft, wie es Philipp schien, aus einem anderen Land mit Weite, Frische und Jugend, und sie verehrte die Dichter. Edwin freilich war aus dem Land geflohen, aus dem Kay kam: war er vor der Weite oder vor der Jugend des Landes geflohen, doch nein, vor Kay war er wohl nicht auf Nimmer wiederkehr davon gereist, vielleicht vor Miss Wescott, der freundlichen Eule mit der Brille, doch auch diese war wohl nicht so schrecklich, man konnte schwer urteilen, warum Edwin geflohen war, wenn man das Land nicht kannte, ihm, Philipp, war die neue Welt, im Augenblick durch Kay vertreten, sympathisch. Er beneidete Edwin, Aber umso peinlicher war es nun für ihn, daß er nichts für die reizende, aus dem weiten und jungen Amerika gekommene Verehrerin der Poesie tun konnte und daß es allzu lächerlich und allzu schwer sein würde, nun von sich zu reden und all die Verwechselungen und Mißverständnisse zu erklären, die hier am skurril boshaften Werk waren. Er versuchte den älteren Damen zu offenbaren, daß er keineswegs Edwins Sekretär und selber nur gekommen sei, Edwin zu sprechen, aber schon war hiermit ein neuer Irrtum geboren, denn jeder faßte Philipps Worte so auf, daß er Edwins Freund sei, ein vertrauter Genosse Edwins deutscher Freund, sein deutscher Kollege, in Deutschland ebenso berühmt wie Edwin in der Welt, und die Lehrerinnen entschuldigten sich gleich, sie waren höflich und hatten Lebensart (sie waren viel höflicher und hatten viel mehr Lebensart als deutsche Lehrerinnen), daß sie Philipp nicht kannten, sie baten um seinen Namen, und Burnett schob gar Kay noch näher an Philipp heran und sagte »er ist auch ein Dichter, ein deutscher Dichter«. Kay reichte Philipp die Hand und äußerte Bedauern, nicht auch ein Buch von Philipp bereit zu haben, um ihn um seine Widmung bitten zu können. Kay duftete nach Reseda. Philipp liebte die Blütenwasser nicht, er mochte Parfüme aus künstlichen unbestimmten Ingredienzen, aber der Resedaduft paßte gut zu Kay, er war ein Attribut ihrer Jugend, eine Aura ihrer grünen Augen, und er erinnerte Philipp an etwas. Im Garten des Rektors hatte Reseda geblüht, die wohlriechende Reseda, und der Wohlgeruch hatte zu den Sommertagen gehört, wenn Philipp, das Kind, mit Eva, der Rektorstochter, auf dem Rasen lag. Reseda war hellgrün. Und von hellem Grün war Kay. Sie war ein hellgrüner Frühling. Kay dachte ›er sieht mich an, ich gefalle ihm, er ist nicht mehr jung aber er ist bestimmt sehr berühmt, ich bin erst Stunden hier und schon habe ich einen deutschen Dichter kennengelernt, die Deutschen haben so fürchterlich ausdrucksvolle Gesichter, sie tragen Charakterköpfe wie bei uns die schlechten Schauspieler, das ist wohl so, weil sie ein altes Volk sind und soviel durchgemacht haben, vielleicht war dieser Dichter in einem Bombenkeller verschüttet, es soll entsetzlich gewesen sein, mein Bruder sagt daß es entsetzlich war, er war bei den Fliegern, er hat hier Bomben geworfen, ich würde es nicht ertragen bombardiert zu werden, oder doch? vielleicht denkt man nur vorher man erträgt es nicht, die Dichter in Doktor Kaisers deutscher Literaturgeschichte sehen alle so schrecklich romantisch aus, wie Leute aus dem Verbrecheralbum, allerdings tragen sie da Barte, wahrscheinlich arbeitet er die Nächte durch, daher ist er so blaß, oder er ist traurig weil sein Vaterland Unglück hatte? vielleicht trinkt er auch, viele Dichter trinken, er wird Rheinwein trinken, ich möchte auch Rheinwein trinken, Katherine wird mich nicht lassen, wozu reise ich nur? er geht in einem Eichenwald spazieren und dichtet, eigentlich ist ein Dichter komisch, Hemingway glaub ich ist weniger komisch, Hemingway angelt, es ist weniger komisch zu angeln als im Wald spazieren zu gehen, aber ich würde mit dem deutschen Dichter in seinem Eichenwald spazieren gehen wenn er mich aufforderte, schon um es Doktor Kaiser zu erzählen würde ich mit ihm spazieren gehen. Doktor Kaiser wird sich freuen, wenn ich ihm erzähle daß ich mit einem deutschen Dichter im Eichenwald spazieren gegangen bin, aber der Dichter wird mich garnicht auffordern, ich bin zu jung, vielleicht wird er Katherine auffordern oder Mildred, aber mich würde er lieben wenn er sich trauen würde eine Amerikanerin zu lieben, mich würde er viel mehr lieben als er Katherine oder Mildred lieben würde.‹ Katherine Wescott sagte: »Sie kennen Mr. Edwin sicher sehr gut.« - »Seine Bücher«, erwiderte Philipp. Aber anscheinend verstanden sie sein Englisch nicht. Mildred Burnett sagte: »Es wäre nett, wenn wir uns später noch sehen würden. Vielleicht werden wir uns sehen, wenn Sie bei Mr. Edwin sind. Vielleicht werden wir doch noch Mr. Edwin lästig fallen.« Sie glaubten immer noch, daß Philipp als vertrauter und erwarteter Freund zu Edwin gehe. Philipp sagte: »Ich weiß nicht, ob ich Edwin aufsuchen werde; es ist keineswegs sicher, daß Sie mich bei Mr. Edwin treffen werden.« Doch wieder schienen ihn die Lehrerinnen nicht zu verstehen. Sie nickten ihm freundlich zu und schnatterten im Chor »bei Edwin, bei Edwin«. Kay erwähnte, sie lerne Deutsch bei Doktor Kaiser, deutsche Literaturgeschichte. »Vielleicht habe ich schon etwas von Ihnen gelesen«, sagte sie. »Ist es nicht komisch, daß ich etwas von Ihnen gelesen habe und Sie jetzt kennenlerne?« Philipp verneigte sich. Er war verlegen und fühlte sich beleidigt. Er wurde von Fremden beleidigt, die ihn nicht beleidigen wollten. Es war, als würden den Fremden die beleidigenden Sätze souffliert, und sie sprachen sie in bester Absicht gutgläubig als Schmeichelei und Achtungsworte nach, und nur Philipp und der unsichtbar bleibende boshafte Souffleur verstanden die Kränkung. Philipp war wütend. Aber er wurde auch angelockt. Er wurde angelockt von dem jungen Mädchen, von ihrer frischen, aufrechten und unbefangenen Achtung vor Werten, die auch Philipp achtete, Qualitäten, die er besessen und verloren hatte. Ein bitterer Reiz lag in allem Mißverständnis mit Kay. Etwas erinnerte ihn Kay auch an Emilia, nur daß Kay eine unbefangene, eine unbeschwerte Emilia war und daß sie, es tat wohl, ihn nicht kannte und nichts von ihm wußte. Aber dennoch blieb es peinlich, daß ihm auf so anrüchige hinterhältig höhnende Weise Achtung bezeigt wurde, daß ein Philipp geachtet wurde, den es garnicht gab, den es aber leicht hätte geben können, ein Philipp, der er hatte werden wollen, ein bedeutender Schriftsteller, dessen Werk selbst in Massachusetts gelesen wurde. Und gleich war er sich darüber klar, daß dies ›selbst in Massachusetts ein dummer Gedanke war, denn Massachusetts war genau so fern und genau so nah wie Deutschland, vom Schriftsteller aus gesehen natürlich, der Schriftsteller stand in der Mitte, und die Welt um ihn war überall gleich fern und nah, oder der Schriftsteller war außen, und die Welt war die Mitte, war die Aufgabe, um die er kreiste, etwas nie zu Erreichendes, niemals zu Bewältigendes, und es gab keine Ferne und keine Nähe; vielleicht saß auch in Massachusetts ein dummer Literat und wünschte sich, ›selbst in Deutschland‹ gelesen zu werden, für dumme Menschen war die geographische Entfernung immer die Wüste, die Unkultur, das Ende der Welt, der Ort, wo die Füchse sich Gutenacht sagen, und Licht war nur, wo man selber im Dunkeln tappte. Doch leider war Philipp kein bedeutender Schriftsteller geworden, er war schließlich nur jemand, der sich Schriftsteller nannte, weil er in den Einwohnerakten als Schriftsteller geführt wurde: er war schwach, er war auf der Walstatt geblieben, auf der sich die schändliche Politik und der gemeinste Krieg, Wahnsinn und Verbrechen ausgetobt hatten, und Philipps kleiner Ruf, der erste Versuch, sein erstes Buch war im Lautsprecherbrüllen und im Waffenlärm untergegangen, war von den Schreien der Mörder und Gemordeten übertönt worden, und Philipp war wie gelähmt, und seine Stimme war wie erstickt, und schon sah er mit Grauen, wie der verfluchte Schauplatz, den er nicht verlassen konnte, vielleicht auch nicht verlassen mochte, für ein neues blutiges Drama hergerichtet wurde.

Nach den Mißverständnissen in der Hotel halle, nach dem Gespräch mit den reisenden Lehrerinnen war es Philipp unmöglich, noch wirklich zu Edwin zu gehen. Er mußte dem Neuen Blatt den Auftrag, Edwin zu besuchen, zurückgeben. Es war wieder ein Mißerfolg. Philipp wollte aus dem Hotel fliehen. Er schämte sich aber, jetzt, nachdem er Aufsehen erregt hatte, vor allen Blicken wieder hinauszugehen, sich fortzuschleichen wie ein geprügelter Hund. Vor allem schämte er sich vor Kays grünen Augen. Er ging die Treppe hinauf, die zu den Hotelzimmern führte, aber er hoffte irgendwo eine Hintertreppe zu finden, die er wieder hinuntergehen konnte, um dann einen Notausgang zu erreichen. Auf der Haupttreppe aber traf er Messalina. »Ich beobachte Sie schon lange«, rief die Gewaltige und stellte sich Philipp breit in den Weg. »Sie besuchen Edwin?« fragte sie. »Wer ist die Kleine mit den grünen Augen? Sie ist süß!« »Ich besuche niemand«, sagte Philipp. »Was machen Sie dann hier?« - »Treppengehen.« - »Sie täuschen mich nicht.« Messalina machte einen Versuch, ihm kokett auf die Schulter zu schlagen. »Hören Sie zu, wir geben eine Party heute abend, und ich möchte gern Edwin dafür haben. Es wird schick. Es wird auch für Edwin nett sein. Jack kommt und Hänschen. Sie wissen schon was ich meine, alle Schriftsteller sind so.« Ihr frisch onduliertes Haar zitterte wie Himbeergelee. »Ich kenne Mr. Edwin nicht«, sagte Philipp erbost. »Ihr seid verrückt. Alle bringt ihr mich mit Edwin in Verbindung. Was soll das? Ich bin zufällig im Hotel. Ich habe hier zu tun.« - »Vorhin sagten Sie, Sie seien Edwins Freund. Wollen Sie die Grünaugige verführen? Sie sieht Emilia ähnlich. Emilia und das Mädchen wären ein schönes Paar.« Messalina blickte in die Halle hinunter. »Es ist alles ein Mißverständnis«, sagte Philipp. »Ich kenne auch das Mädchen nicht. Ich werde sie nie wiedersehen.« Er dachte ›schade ich würde dich gern wiedersehen, aber würde ich dir gefallen?‹ Messalina blieb hartnäckig: »Was machen Sie also wirklich hier, Philipp?« - »Ich suche Emilia«, sagte er verzweifelt. »Ach! Kommt sie her? Ihr habt hier ein Zimmer?« Sie rückte ihm näher. ›Es war falsch, es war falsch ihr das zu sagen‹, dachte Philipp. »Nein«, sagte er, »ich suche Emilia hier nur. Sie kommt aber bestimmt nicht hierher.« Er versuchte an dem Denkmal vorbeizukommen, doch das Himbeergelee zitterte allzu gefährlich, jeden Moment konnte es ins Gleiten geraten, eine Wolke werden, eine rote sich in roten Nebel auflösende Wolke, ein Rauch, in dem Philipp sterben würde. »Lassen Sie mich doch«, rief er verzweifelt. Aber sie flüsterte nun, das breite trunkverwüstete Gesicht gegen sein Ohr gepreßt, als habe sie ihm Vertrauliches mitzuteilen: »Was macht der Film? Der Film für Alexander. Er fragt immer, wann Sie wohl den Film bringen werden. Er freut sich schon so darauf. Wir könnten uns alle in Edwins Vortrag treffen. Sie bringen Emilia und die kleine Grüne mit. Wir gehen vor der Party in Edwins Vortrag, und nachher hoffe ich -« - »Hoffen Sie nichts«, unterbrach Philipp sie brüsk. »Es gibt nichts zu hoffen. Es gibt überhaupt keine Hoffnungen mehr. Und für Sie erst recht nicht.« - Er eilte die Treppe hoch, bereute auf dem Treppenabsatz seine Aufrichtigkeit, wollte umkehren, fürchtete sich dann und öffnete eine Tür, die an Wäschekammern vorbei zu einem absteigenden Gang und schließlich in die berühmte im Reisehandbuch mit Sternen hervorgehobene Küche des Hotels führte.

Hatte Edwin die Lust an Küchenfreuden verloren? Das Essen schmeckte ihm nicht. Nicht appetitlos, nein angewidert verschmähte er die Erzeugnisse des berühmten Herdes, die leckeren Gaumenspezialitäten des Hauses, die man ihm in silbernen Töpfen und porzellanenen Schüsseln ins Zimmer gebracht hatte. Er trank ein wenig Wein, Frankenwein, von dem er gelesen, gehört und auf den er neugierig gewesen war, aber der aus der bauchigen Flasche hell sprudelnde Trunk deuchte ihm dann allzu herb für diese Mittagsstunde eines trüben Tages. Es war ein Sonnenwein, und Edwin sah keine Sonne, der Wein schmeckte nach Gräbern, er schmeckte, wie alte Friedhöfe bei nassem Wetter riechen, es war ein Wein, der sich anpaßte, der die Heiteren lachen und die Traurigen weinen machte. Entschieden, Edwin hatte einen schlechten Tag. Er ahnte nicht, daß unten in der Halle ein anderer für ihn unfreiwillig stellvertretend die belanglosen mit dem Ruhm des Pressebildes kommenden Lästigkeiten und kleinen Huldigungen empfing und erduldete, Annäherungen und Schmeicheleien, die Edwin ebenso zuwider waren, wie sie Philipp peinlich quälten, der sie ertragen mußte und dem sie nicht galten. Philipps Mißgeschick hätte noch weiter zu Edwins Verstimmung beigetragen; Edwin hätte sich nichts von Philipp abgenommen gesehen, er hätte nur das Fragwürdige und Komische der eigenen Existenz durch Philipps Auftritt wie durch einen Schatten vergrößert, gezeichnet und verraten gefunden. Aber Edwin erfuhr nichts von Philipp. Er schritt in schwarz-roten Lederhausschuhen, in einen buddhistischen Mönchsmantel, sein Arbeitskleid, gehüllt, um den zierlichen Tisch herum, auf dem die verschmähten Eßgenüsse dampften und dufteten. Die unberührte Tafel ärgerte ihn; er fürchtete den Koch zu kränken, einen Meister, dessen Kunst Edwin normalerweise geschätzt hätte. Er entfernte sich mit schlechtem Gewissen von dem Speisetisch und schritt die Umrandung des Teppichs ab, in dessen Muster Götter und Prinzen, Blumen und Fabeltiere geknüpft waren, so daß die Wollmaierei einer Illustration zu einer Schachtelgeschichte aus Tausend-und-eine-Nacht glich. Der Bodenbelag war so prächtig märchenorientalisch, so blumig mythenreich, daß der Dichter das Knüpfwerk nicht richtig querüber betreten mochte und sich, obwohl in Hausschuhen und wie ein Weiser Indiens gekleidet, respektvoll am Rande hielt. Die echten Teppiche waren neben der guten Küche der Stolz des alten von den Zerstörungen des Krieges im wesentlichen verschont gebliebenen Hauses. Edwin liebte altmodische Unterkünfte, die Karawansereien des gebildeten Europas, Betten, in denen Goethe oder Laurence Sterne gelegen, nette etwas wacklige Schreibkommoden, die vielleicht Platen, Humboldt, Her man Bang oder Hofmannsthal benutzt hatten. Er zog die von alters her wohlberufenen Gasthöfe bei weitem den neuerrichteten Palästen, den Behausungsmaschinen einer Corbusier-Architektur vor, den blinkenden Stahlrohren und bloßstellenden Glaswänden, und so geschah es, daß er auf seinen Reisen manchmal unter einer nicht funktionierenden Heizung oder zu kühlem Badewasser zu leiden hatte, Unbequemlichkeiten, die er nicht bemerken wollte, auf die aber seine große, überaus empfindliche Nase mit einem Schnupfen zu reagieren pflegte. Mr. Edwins Nase hätte Wärme und technischen Komfort dem Geruch des Holzwurmmehls in den antiken Sekretären, dem Dunst von Mottenmitteln, Menschenschweiß, Unzucht und Tränen, der aus dem Gewebe der alten Tapisserien stieg, vorgezogen. Aber Edwin lebte nicht für seine Nase und nicht für sein Wohlbehagen (obwohl er Behaglichkeit liebte, sich ihr aber niemals ganz hingeben konnte), er lebte in Zucht, in der strengen Zucht des Geistes und in den Sielen tätiger humaner Tradition, einer höchst sublimen Tradition, versteht sich, zu deren Bild und Bestand auch die alten Herbergen gehörten, der Elefant, das Einhorn und die Jahreszeiten, am Rande natürlich, doch im übrigen verzehrte ihn Unruhe, denn der in der Neuen Welt geborene Dichter zählte sich (mit unbestreitbarem Recht) zur europäischen Elite, der späten und, wie immer mehr zu fürchten war, letzten des geliebten abendländischen Erdteils, und nichts empörte und verletzte Edwin mehr als der Barbarenschrei, die Genie und Größe leider nicht ermangelnde und darum nur um so erschreckendere Voraussage, der Ruf dieses Russen, des Heilig-Kranken, des Besessenen, des großen Unweisen, unweise im Sinn der aufgeklärten Griechen, wie Edwin behauptete, doch auch des Sehers und Urdichters, wie Edwin gestehen mußte (eines Dichters, den er verehrte und mied, denn er selbst fühlte sich nicht den Dämonen verbunden, sondern der hellenisch-christlichen Ratio, die Übersinnliches - in Maßen - nicht ausschloß; aber schon schienen die vertriebenen Gespenster des Grausam-Absurden wieder aufzutauchen), das Wort von der kleinen, Asien vorgelagerten Halbinsel, die nach drei Jahrtausenden der Selbständigkeit, der Frühreife, der Ungezogenheit, des Ordentlich-Unordentlichen, des Größenwahns zur Mutter Asien zurückkehren oder zurückfallen werde. War es soweit? Hatte die Zeit sich wieder erfüllt? Edwin hatte sich, von der Reise ermüdet, hinlegen wollen, aber Ruhe und Schlaf waren ihm ferngeblieben, und das Mahl, verschmäht und mit Widerwillen betrachtet, hatte ihn nicht erfrischen können. Die Stadt erschreckte ihn, die Stadt bekam ihm nicht, sie hatte zu viel durchgemacht, sie hatte das Grauen erlebt, das abgeschlagene Haupt der Medusa gesehen, frevelige Größe, eine Parade von aus ihrem eigenen Untergrund herauf gekommenen Barbaren, die Stadt war mit Feuer gestraft worden und mit Zerschmetterung ihrer Mauern, heimgesucht war sie, hatte das Chaos gestreift, den Sturz in die Ungeschichte, jetzt hing sie wieder am Hang der Historie, hing schräg und blühte, war es Scheinblüte? was hielt sie am Hang? die Kraft eigener Wurzeln? (wie unheimlich das Schlemmermahl auf dem zierlichen Tisch an diesem Ort) oder hielt sie die dünne Fessel, die sie mit allerlei Interessen verknüpfte, mit den vorübergehenden und sich widersprechenden Interessen der Sieger, die lockere Bindung an die Tagespläne der Strategie und des Geldes, der Glaube Aberglaube Afterglaube an die Einflußsphären der Diplomatie und die Positionen der Macht? nicht Historie Wirtschaft, nicht die verwirrte Glio Mercurius mit dem gefüllten Beutel beherrschte die Szene. Edwin sah in dieser Stadt ein Schauspiel und ein Beispiel, sie hing, hing am Abgrund, war in der Schwebe, hielt sich in gefährlicher mühsamer Balance, sie konnte ins Alte und immerhin Bewährte, sie konnte ins Neue und Unbekannte schwanken, konnte der überlieferten Kultur treu bleiben, doch auch in vielleicht nur vorübergehende Kulturlosigkeit absinken, vielleicht als Stadt überhaupt verschwinden, vielleicht ein Massenzuchthaus werden, in Stahl, Beton und Übertechnik die Vision des phantastischen Gefängnisses von Piranesi erfüllen, des merkwürdigen Kupferstechers, dessen römische Ruinen Edwin so liebte. Die Bühne war zur Tragödie hergerichtet, aber was sich im Vordergrund abspielte, vor der Stundenrampe, die persönlichen Weltberührungen blieben vorläufig possenhaft. Im Hotel warteten Leute auf Edwin. Man hatte sie ihm gemeldet, Journalisten, Photographen, eine Ausfragerin hatte ihr Anliegen hinaufgeschickt, unsinnige Fragen, ein Schwachsinngespräch. - Edwin mied nicht immer die Öffentlichkeit und ihre Vertreter, sie strengten ihn zwar an, freilich, es kostete ihn Überwindung, zu Fremden zu sprechen, aber zuweilen, ja oft, hatte er es schon getan, hatte es vollbracht, hatte mit einem Scherz die Torheit befriedigt und sich die Sympathien der Meinungsmacher erworben, aber hier in dieser Stadt fürchtete er die Journalisten, er fürchtete sie, weil er hier, wo Erde und Zeit schon gebebt hatten und gleich ins Nichts brechen konnten oder ins Neue, ins Andere, in die unbekannte Zukunft, von der man nichts wußte, hier würde er nicht scherzen können, nicht leicht das gute geistvoll tändelnde Wort finden, das man von ihm erwartete. Und wenn er die Wahrheit sagen würde? Kannte er denn die Wahrheit? () älteste Frage: was war Wahrheit? Er hätte nur von Befürchtungen reden können, unsinnigen Ängsten vielleicht, der Melancholie Lauf lassen, die ihn hier überkommen hatte, aber Furcht und Trauer schienen ihm hier in die Keller verbannt zu sein, in die Keller, über die Häuser gestürzt waren, und dort ließ man sie nun eine Weile. Der Geruch dieser zugeschütteten Keller lag über der Stadt. Niemand schien es zu merken. Vielleicht vergaß man die Grüfte ganz. Sollte Edwin erinnern?
Die Stadt zog ihn an. Trotz allem zog sie ihn an. Er legte das seidene Mönchsgewand ab und kleidete sich, der Welt angepaßt, zeitgenössisch schicklich. Vielleicht verkleidete er sich so. Vielleicht war er kein Mensch. Er eilte die Treppe hinunter, den leichten schwarzen Hut aus der Londoner Bond Street ein wenig schräg in die Stirn gezogen. Er sah überaus vornehm und etwas wie ein alter Zuhälter aus. Auf dem Treppenabsatz vor der Halle bemerkte er Messalina. Sie erinnerte ihn an eine entsetzliche Person, an ein Gespenst, das in Amerika als Gesellschaftsjournalistin arbeitete, ein Berufsklatschweib, und Edwin lief die Treppe wieder empor, suchte die Tür zu einem Hinterausgang, ging an Wäschekammern vorbei, an kichernden Mädchen, sie schwangen Bettücher Leintücher Totentücher, Hüllen für die Leiber und Hüllen für die Liebe, für Umarmung, Zeugung und letzte Atemzüge, er eilte durch eine Frauenwelt, durch Randbezirke des Mütterreiches, und, nach anderer Luft dürstend, öffnete er eine Tür und fand sich in der geräumigen und berühmten Küche des Hotels. Fatal! Fatal! Das unberührte Mahl in seinem Zimmer bedrückte ihn wieder. Wie gerne hätte Edwin sich sonst mit dem Chef über die Physiologie-du-goût unterhalten und hätte den hübschen Küchenjungen zugesehen, die sanfte wie Gold glänzende Fische schuppten. So stürmte er durch Fleischsuppendampf und scharfen Grünzeugdunst zu einer weiteren Tür, die hoffentlich endlich ins Freie führe - doch auch sie führte nicht wirklich ins Freie. Edwin stand nun im Hof des Hotels vor einem eisernen Gestell, das die Fahrräder des Personals, der Köche, Kellner, Pagen und Hausdiener, barg, und hinter dem Gestell stand ein Herr, den Edwin in der Verwirrung einer Sekunde für sich hielt, für sein Spiegelbild, für seinen Doppelgänger, eine sympathisch-unsympathische Erscheinung, doch dann sah er, daß es natürlich Täuschung war, gedankliche Absurdität, nicht sein Ebenbild stand da, sondern ein jüngerer, ihm nicht einmal entfernt ähnlich sehender Herr, der aber dennoch verwandt sympathisch-unsympathisch blieb und etwa einem Bruder zu vergleichen war, den man nicht mochte. Edwin begriff: der Herr war ein Schriftsteller. Was tat er hier hinter den Fahrrädern? Lauerte er ihm auf? Philipp erkannte Edwin, und nach dem ersten Augenblick der Überraschung dachte er ›dies ist die Gelegenheit ihn zu Sprechern. - ›Wir können unser Gespräch führen‹, dachte er. ›Edwin und ich, wir wollen uns unterhalten, wir werden uns verstehen; vielleicht wird er mir sagen, was ich bin.‹ Aber schon floh Philipp die Hoffnung, die Verwirrung triumphierte, die Verblüffung, Edwin hier im Hof des Hotels zu sehen, und er dachte ›es ist lächerlich, ich darf ihn jetzt nicht ansprechen‹, und statt vorzutreten, ging er einen Schritt zurück, und auch Edwin trat zurück und dachte dabei ›wenn dieser Mann jung wäre, könnte er ein junger Dichter sein, ein Verehrer meines Werkes‹, und es war ihm nicht bewußt, wie lächerlich der Gedanke und seine Formulierung war, zu Papier gebracht, hätte Edwin den Satz nie gelten lassen, er wäre errötet, doch hier im Unsichtbaren Schwebenden des gerade buhlenden Gedankens siegte nicht Überlegung, sondern der Wunsch, ja, er hätte es begrüßt, in dieser Stadt einen jungen Dichter zu treffen, einen Strebenden, einen Nacheifernden, er hätte gern einen Jünger gefunden, einen Dichter aus dem Lande Goethes und Plauens, aber der hier war ja kein Jüngling mehr, kein strahlend Gläubiger, der eigene Zweifel, die eigene Trauer, die eigene Sorge standen dem andern im Gesicht geschrieben, und beide dachten sie im Hof des Hotels, geflohen vor der Gesellschaft der Menschen, ›ich muß ihn meiden ‹. Philipp war schon eine Weile im Hofe. Er konnte nicht hinaus. Er zögerte vor dem Personalausgang des Hotels, er fürchtete sich, an einer Kontrolluhr und dem Portier vorbeizugehen. Der Türhüter würde ihn für einen Dieb halten. Wie sollte er seinen Wunsch, unbemerkt aus dem Haus zu verschwinden, erklären? Und Edwin? Auch er schien ratlos zu sein. Aber im Vordergrund des Hofes stehend, fiel Edwin mehr auf als Philipp, und der Portier trat aus seinem Verschlag und rief: »Was wünschen die Herren?« Beide Dichter schritten nun, scheu zueinander Distanz wahrend, zum Ausgang, sie gingen an der Kontrolluhr vorüber, dem mechanischen Sklavenhalter, einem Stundenmesser und Arbeitszähler, dem sie beide sich nie unterworfen hatten, und der Portier hielt sie für Männer, die wegen einer Frauengeschichte den Personalausgang benutzen mußten, und dachte ›Pack‹ und ›Nichtstuer‹.

Nichtstuend schwätzend träumend, kleine flache gefällige Träume in einem ewigen Halbschlummer einem Schlummer des Glücks träumend, FESCHE ENDVIERZIGERIN SUCHT HERRN IN GESICHERTER POSITION, saßen die Frauen, die von Staatspensionen, geglückten Auszahlungen bei Todesfall, Scheidungsrenten und Trennungsgeldern leben, im Domcafe. Auch Frau Behrend liebte die Stätte, den bevorzugten Versammlungsort gleichgesetzter Genossinnenschaft, wo man bei Kaffee und Sahne sich wohlig der Erinnerung an Ehefreuden, wohlig dem Schmerz des Verlassenseins, wohlig der Bitternis der Enttäuschung hingeben konnte. Carla hatte es noch nicht zu Pension und Rente gebracht, und Frau Behrend sah die Tochter mit Furcht und Unbehagen aus dem Schatten des Domturmes in das bonbonrosa gefärbte Ampellicht, in diesen gemächlichen Hafen des Lebens, in die still plätschernde Bucht, in das Gehege der freundlich Versorgten, treten: eine Verlorene. Carla war verloren, sie war das Opfer, ein Opfer des Krieges, sie war einem Moloch hingeworfen, man mied die Opfer, sie war für die Mutter verloren, für die wohlanständigen Kreise der Mutter verloren, für alle Herkunft und Sitte verloren, dem Elternhaus entrissen. Aber was machte es schon? Es gab kein Elternhaus mehr. Als das Haus durch Bombenwurf zerstört wurde, hatte die Familie sich aufgelöst. Die Bande waren gesprengt. Vielleicht hatte die Bombe nur gezeigt, daß es lockere Bande gewesen waren, der aus Zufall, Irrtum, Fehlentscheidung und Torensinn geknüpfte Strick der Gewohnheit. Carla lebte mit einem Neger, Frau Behrend in einer Mansarde mit den vergilbenden Noten der Platzkonzerte, und der Musikmeister spielte, an ein Flitscherl weggeworfen, den Nutten auf. Als sie Carla gesehen hatte, blickte Frau Behrend beunruhigt in die Runde, ob Freundinnen, Feindinnen, Freundfeindinnen, Bekannte in der Nähe saßen. Sie zeigte sich nicht gern mit Carla in der Öffentlichkeit (wer weiß? vielleicht erschien auch noch ihr Neger, und die Damen im Café würden die Schande sehen), aber noch mehr fürchtete Frau Behrend Gespräche mit Carla in der Einsamkeit der Mansarde. Mutter und Tochter hatten sich nichts mehr zu sagen. Und Carla, die in dem Café, das sie als Nachmittagssitz der Mutter kannte, Frau Behrend gesucht hatte in dem Gefühl, sie sehen zu müssen, bevor sie in die Klinik ging, um sich die unerwünschte Frucht der Liebe abtreiben zu lassen, der Liebe? ach, war es Liebe? war es nicht nur Zweisamkeit, Verzweiflung der in die Welt Geworfenen, das warme Mensch-bei- Mensch-Liegen? und das nah-fremde Wesen in ihrem Leib, war es nicht nur Frucht der Gewohnheit, der Gewöhnung an den Mann, seine Umarmung, sein Eindringen, Frucht des kleinen Ausgehaltenseins, Frucht der Furcht, des Nichtalleinbestehenkönnens, die wieder neue Furcht gezeugt hatte, wieder Furcht gebären wollte? Carla sah die Mutter fischgesichtig, flunderhäuptig, kalt fischig abweisend, ihre Hand mischte mit dem kleinen Löffel Kaffee und Rahm und war wie die Flosse eines Fisches, die ein wenig zitternde Flosse eines bedauernswerten Fisches in einem Zimmeraquarium, so sah es Carla, war es verzerrende Vision? war es das wahre Gesicht der Mutter? ein anderes wohl hatte sich über Carlas Wiege gebeugt, und erst dann, später, viel später, als nichts im Kleinen zu sorgen und zu tun war, war der Fisch durch die Haut getreten, das Flunderhaupt, und Carlas Gefühl, das sie hergetrieben hatte, die Mutter zu sehen, ein Zueinanderreden zu versuchen, starb, als sie Frau Behrends Platz im Café erreichte. Frau Behrend hatte für einen Augenblick die Empfindung, daß nicht ihre Tochter, sondern der Domturm erdrückend vor ihr stünde.

Odysseus und Josef hatten den Turm bestiegen. Josef war außer Atem und sog die Höhenluft ein, als sie endlich nach Überwindung von bröckelnden Gemäuerstufen und steilen Leitern die oberste Bühne des Turms erreicht hatten. Das Musikköfferchen schwieg. Es war eine Sendepause eingetreten. Man hörte nur den jappenden Atem, vielleicht das müde pochende Herz des alten Dienstmannes. Sie blickten über die Stadt, über die alten Dächer, über die romanischen, gotischen, barocken Kirchen, über die Ruinen der Kirchen, über die neuerrichteten Dachstühle, über die Wunden der Stadt, die Freiflächen der gesprengten Gebäude. Josef dachte, wie alt er geworden sei, immer hatte er in dieser Stadt gelebt, nie war er verreist gewesen, bis auf den Ausflug in den Argonnerwald und zum Chemin-des-Daines, er hatte immer nur die Koffer der Leute, die verreisten, getragen, doch im Argonnerwald hatte er ein Gewehr getragen und am Chemin-des-Dames Handgranaten, und vielleicht, das hatte er sich damals im Unterstand gedacht, während einer Todesstunde, während des Trommelfeuers, vielleicht schoß er auf Reisende und bewarf Reisende mit Explosivstoffen, Leute, die ihm zu Hause als fremde Reisende ein gutes Trinkgeld gegeben hätten, warum also verbot es die Polizei nicht, daß er schoß und mit Würfen mordete? es wäre so einfach gewesen, er hätte gehorcht: Krieg polizeilich verboten; aber die waren ja verrückt, alle waren sie verrückt, selbst die Polizei war verrückt geworden, duldete das Morden, ach, man durfte nicht denken, Josef hielt sich daran, das Trommelfeuer verging, man war des Tötens müde geworden, das Leben, die Koffer der Reisenden, die Brotzeit und das Bier waren wieder in ihre Rechte getreten, bis alle zum zweiten Mal verrückt wurden, es war wohl eine Krankheit, die immer wiederkehrte, die Pest hatte den Sohn erwischt, sie hatte ihm den Sohn genommen, und für heute hatte sie ihm einen Neger gegeben, einen Neger mit einem sprechenden und musizierenden Koffer, und nun hatte ihn der Neger auf den Domturm geschleppt, noch nie war Josef auf dem Turm gewesen; auf den Einfall, den Turm zu besteigen, konnte auch nur ein Neger kommen. ›Er ist doch ein sehr fremder Herr‹, dachte Josef, während er blinzelnd in die Ferne blickte. Er fürchtete sich sogar ein wenig vor Odysseus, und er überlegte ›was tue ich, wenn der schwarze Teufel mich plötzlich hin unterwerfen will?‹ Ihm schwindelte vor soviel Denken und vor soviel Weite. Odysseus blickte zufrieden über die Stadt. Er stand oben. Sie lag unter ihm. Er wußte nichts von der alten Geschichte der Stadt, er wußte nichts von Europa, aber er wußte, daß dies eine Hauptstadt der weißen Leute war, eine Stadt, aus der sie gekommen waren und dann Orte wie New York gegründet hatten. Die Black-Boys waren aus dem Wald gekommen. War hier nie Wald gewesen, immer nur Häuser? Natürlich, auch hier war Wald gewesen, dichter Urwald, grünes Gestrüpp, Odysseus sah gewaltige Dschungeln unter sich wachsen, Gestrüpp, Farne, Lianen überwucherten die Häuser; was gewesen war, konnte immer wieder kommen. Odysseus schlug Josef auf die Schulter. Der alte Dienstmann taumelte unter dem Schlag. Odysseus lachte, lachte sein breites König-Odysseus-Lachen. Wind regte sich in der Höhe. Odysseus streichelte eine gotische Dämonenfratze des Turmvorsprunges, eine Steinfigur des Mittelalters, das die Teufel auf die Türme verbannte, und Odysseus holte einen Rotstift aus seiner Jacke und schrieb quer über den Dämonenleib stolz seinen Namenszug: Odysseus Cotton aus Memphis-Tennessee, USA.

Was brachten einem die Amerikaner? Es war schimpflich, daß Carla sich mit einem Neger verbunden hatte; es war fürchterlich, daß sie von einem Neger geschwängert war; es war ein Verbrechen, daß sie das Kind in sich töten wollte. Frau Behrend weigerte sich, weiter darüber nachzudenken. Das Schreckliche konnte man nicht aussprechen. Wenn etwas geschah, was nicht geschehen durfte, mußte man schweigen. Hier war nicht Liebe, hier waren Abgründe. Das war nicht das Liebeslied, wie es Frau Behrend im Radio hörte, das war nicht der Film, den sie gerne sah, hier ging es nicht um die Leidenschaft eines Grafen oder eines Chefingenieurs wie in den Romanheften, die so erhebend zu lesen waren. Hier gähnten nur Abgründe, Verloren sein und Schande. ›Wenn sie nur schon in Amerika wäre‹, dachte Frau Behrend, ›Amerika soll zusehen, wie es mit der Schande fertig wird, wir haben hier keine Neger, aber Carla wird nie nach Amerika fahren, sie wird mit ihrem schwarzen Bankert hier bleiben, sie wird mit dem schwarzen Kind auf dem Arm in dieses Café kommen.‹ - ›Ich will nichts dachte Carla, › wo her weiß sie es? hat der Fischkopf Seheraugen? ich wollte es ihr sagen aber ich habe es ihr nicht gesagt, ich kann ihr garnichts sagen.‹ - ›Ich weiß alles‹, dachte Frau Behrend, ›ich weiß, was du mir sagen willst, du bist 'reingefallen, du willst was Schlechtes tun, du willst Rat wo ich nicht raten kann, tu nur das Schlechte, lauf zum Arzt, es bleibt dir garnichts anderes übrig, als das Schlechte zu tun, ich will dich hier nicht mit dem Negerkind‹ -

Er wollte das Kind. Er sah das Kind seiner Liebe in Gefahr. Carla war nicht glücklich. Er hatte Carla nicht glücklich gemacht. Er hatte versagt. Sie waren in Gefahr. Wie sollte Washington es sagen? Wie konnte er sagen, was er fürchtete? Doktor Frahm war widerwillig in den Korridor getreten. Das Behandlungszimmer wurde gesäubert. Die Tür stand offen. Eine Frau wischte mit einem feuchten Tuch über den Linoleumbelag des Bodens. Das feuchte Tuch fuhr über die weißen Beine des großen Untersuchungsstuhles. Doktor Frahm war beim Essen gestört worden. Er war vom Tisch aufgestanden. Er hielt eine weiße Serviette in der Hand. Auf der Serviette war ein frischer roter Fleck: Wein. Ein Geruch von Karbol drang aus dem Behandlungszimmer, ein alter Wundreinigungsdunst wurde von der Frau, die das Zimmer wischte, in die Luft gescheucht. Wie sollte Washington es dem Arzt sagen? Carla war hier gewesen. Doktor Frahm sagte es. Er sagte, es sei alles in Ordnung. Was fehlte Carla dann? Warum war sie hier gewesen, wenn alles in Ordnung war? »Eine kleine Störung«, sagte Frahm. Bahnte sich hier Ärger an? Das war er also, der schwarze Vater. Ein schöner Mann, wenn man sich an die Haut gewöhnte. »Wir erwarten ein Kind«, sagte Washington. »Ein Kind?« fragte Frahm. Er blickte Washington erstaunt an. Er dachte ›ich spiele den Naivem, Doktor Frahm hatte die befremdende Vorstellung, daß der Neger in dem dunklen Korridor, er stand gerade unter dem gerahmten Spruch, diesem sogenannten Eid des Hippokrates, blaß wurde. »Fiat sie es Ihnen nicht gesagt?« fragte Washington. »Nein«, sagte Frahm. Was war mit diesem Neger los? Frahm legte die Serviette zusammen. Der rote Fleck verschwand in den weißen Falten. Es war, als schlösse sich eine Wunde. Die Sache war nicht zu machen. Carla sollte ihr Kind zur Welt bringen. Der kleine Neger wollte leben. Hier drohte Schande.

Frau Behrend schwieg, schwieg beharrlich, beleidigt und flunderhäuptig, und Carla erriet weiter ihre Gedanken. Es waren Gedanken, die Carla erraten und begreifen konnte, ihr eigenes Denken bewegte sieh nicht fern von den Mutter-Gedanken, vielleicht war es Schande, war es Verbrechen, was sie tat und tun wollte, Carla hielt nichts von ihrem Leben, sie hätte ihr Leben gern verleugnet, sie litt es, sie führte es nicht, sie glaubte, sich entschuldigen zu müssen, und sie meinte die Entschuldigung der Zeit für sich zu haben, die Entschuldigung der unordentlich gewordenen Zeit, die Verbrechen und Schande gebracht hatte und ihre Kinder verbrecherisch und schändlich machte. Carla war keine Rebellin. Sie glaubte. An Gott? An die Konvention. Wo war Gott? Gott hätte vielleicht den schwarzen Bräutigam gebilligt. Ein Gott für alle Tage. Gott war aber schon bei ihrer Mutter nur ein Feiertagsgott gewesen. Carla war nicht zu Gott geführt worden. Man hatte sie bei der Kommunion nur bis zu seinem Tisch gebracht.

Sie wollte sie zu Gott führen. Emmi, die Kinderfrau, wollte das ihr anvertraute Kind zu Gott führen; sie sah es als die ihr von Gott gestellte Aufgabe an, Hillegonda, das Schauspielerkind, das Sündenkind, das Kind, um das sich die Eltern nicht kümmerten, in der Furcht vor Gott zu erziehen. Emmi mißachtete Alexander und Messalina; sie war bei ihnen angestellt und wurde von ihnen bezahlt, sehr gut bezahlt, aber sie mißachtete sie. Emmi meinte, das Kind zu lieben. Aber man durfte Hillegonda nicht Liebe, man durfte ihr nur Strenge zeigen, um sie der Hölle zu entreißen, der sie durch ihre Geburt schon verfallen war. Emmi sprach zu Hillegonda vom Tod, um ihr die Nichtigkeit des Lebens zu beweisen, und sie führte sie in die hohen dunklen Kirchen, um ihren Sinn auf die Ewigkeit zu lenken, aber die kleine Hillegonda schauderte vor dem Tod und fror in den Kirchen. Sie standen in der Seitenkapelle des Doms vor dem Beichtstuhl. Im Pfeiler, den Hillegonda betrachtete, war ein Bombenriß notdürftig mit schlechtem Mörtel verschmiert und zog sich wie eine kaum vernarbte Wunde bis zur steinernen Blätterkrone des Pfeilerhauptes hin. ›Das Kind zu Gott führen ‹, das Kind mußte zu Gott geführt werden. Emmi sah, wie klein, wie hilflos das Kind neben dem wuchtigen mörtelverschmierten Pfeiler stand. Gott würde Hillegonda helfen. Gott würde ihr beistehen. Er würde sich der Kleinen und Hilflosen, der unschuldig schuldig mit Sünde Beladenen annehmen. Hillegonda sollte beichten. Noch vor dem Beichtalter sollte sie beichten, um von den Sünden losgesprochen zu werden. Was sollte sie beichten? Hillegonda wußte es nicht. Sie fürchtete sich nur. Sie fürchtete sich vor der Stille, sie fürchtete sich vor der Kälte, vor der Größe und Erhabenheit des Kirchenschiffs, sie fürchtete sich vor Emmi und vor Gott. »Emmi Hand halten.« Die Sünden der Eltern? Was waren das für Sünden? Hillegonda wußte es nicht. Sie wußte nur, daß ihre Eltern Sünder und von Gott verstoßen waren. ›Schauspielerkind, Komödiantenkind, Filmkinds dachte Emmi. - »Ist Gott böse?« fragte das Kind.

»Prächtig! Großartig! Hervorragend!« Der Erzherzog wurde ausgezogen, das goldene Vlies wurde abgelegt. »Prächtig! Großartig! Hervorragend!« Der Produktionschef hatte die Muster gesehen: die Aufnahmen des Tages waren prächtig, großartig und hervorragend. Der Produktionschef lobte Alexander. Er lobte sich selbst. Ein SUPERFILM. Der Produktionschef fühlte sich als Schöpfer eines Kunstwerkes. Er war Michelangelo, der mit der Presse telefonierte ERZHERZOG LÄUFT AN GROSZ-STAFFEL IM EINSATZ. Alexander spürte Sodbrennen. Die Schminke war vom Gesicht gewischt. Er sah wieder käsig aus. Wo mochte Messalina sein? Er hätte sie gern angerufen. Er hätte ihr gern gesagt: »Ich bin müde. Heute abend gibt es kein Fest, keine Gesellschaft. Ich bin müde. Ich will schlafen. Ich muß schlafen. Ich werde schlafen. Verdammt noch mal. Ich werde schlafen!« Am Telefon hätte er es gesagt. Er hätte Messalina gesagt, wie müde, leer und elend er sich fühlte. Am Abend würde er es nicht sagen.

Sie saß in der Bar des Hotels und trank einen Pernod. Pernod, das war so verrucht, das pulverte auf: ›Pernod Paris, Paris die Stadt der Liebe, ÖFFENTLICHE HÄUSER GESCHLOSSEN, SCHÄDIGEN FRANKREICHS ANSEHEN.‹ Messalina blätterte in ihrem Notizbuch. Sie suchte nach Adressen. Sie brauchte Frauen für den Abend, Mädchen, hübsche Mädchen für ihre Gesellschaft. Daß Emilia kommen würde, war unwahrscheinlich. Philipp würde sie nicht kommen lassen. Auch die kleine Grüne würde er nicht zu ihr bringen, die kleine reizende Amerikanerin mit den grünen Augen. Man mußte aber Mädchen auf dem Fest haben. Wer sollte sich entkleiden? Nur die Epheben? Es gab auch noch Heterosexuelle. Ob man wieder Susanne aufforderte? Immer wieder Susanne? Sie war langweilig. Sie entflammte nicht. Es gab keine Mädchen mehr. Susanne war nur eine dumme Nutte.

›So viele Nutten gibt es‹, dachte Frau Behrend, ›und ausgerechnet auf Carla muß er sich stürzen, und sie muß ja sagen, muß auf ihn reinfallen, daß es sie nicht graust, mich würde es grausen, warum ging sie in die Kaserne, warum ging sie zu den Negern? weil sie nicht bei mir bleiben wollte, weil sie's nicht mit anhören konnte wie ich über ihren Vater jammerte, damals jammerte ich noch über sein Verbrechen, sie mußte ihn verteidigen, mußte ihn mit seinem Flitscherl verteidigen, sie hat das von ihm, das Musikerblut, sie sind Zigeuner, nur die Wehrmacht hielt sie in Zucht, sie und ihn, was war er für ein Mann wenn er dem Regiment voranschritt, der Krieg machte ihn schlecht.‹

Es war nicht so schlimm. Die Zeitungen hatten übertrieben. Hier jedenfalls schien der Krieg nicht so schlimm getobt zu haben, und grade von dieser Stadt hatten die Berichterstatter geschrieben, daß die Kriegsfurie sie besonders heimgesucht habe. Richard, der im Autobus des Flughafens in die Stadt fuhr, enttäuschte das sich ihm bietende Bild der Zerstörungen. Er dachte ›da bin ich so weit geflogen, gestern war ich noch in Amerika, heute bin ich in Europa, im Herzen Europas würde der gute Wilhelm sagen, und was seh ich? kein Herz seh ich, ein welkes Licht, ich hab Glück, daß ich nicht hier bleiben muß‹. Richard hatte ungeheuere Verwüstungen zu sehen erwartet, mit Trümmern verschüttete Straßen, Bilder, wie sie gleich nach der deutschen Kapitulation in der Presse erschienen waren, Aufnahmen, die er als Knabe neugierig betrachtet und über die sein Vater geweint hatte. Das Stück Werg, mit dem der Vater sich die Augen gewischt, war mit Putzöl getränkt gewesen, und die Augenlider waren, verschmiert, wie von Faustschlägen gezeichnet. Richard Kirsch fuhr durch eine Stadt, die gar nicht so sehr verschieden von Columbus, Ohio, war, und Wilhelm, der Vater, hatte in Columbus, Ohio, doch gerade den Untergang dieser Stadt beklagt. Was war hier untergegangen? Ein paar alte Häuser waren zusammengebrochen. Sie waren längst untergangsreif gewesen. Die Lücken im Straßenzug würden sich schließen. Richard dachte, er möchte hier Baumeister sein; für eine Weile, und ein amerikanischer Baumeister natürlich. Was für Hochhäuser würde er ihnen auf die Schutthalden setzen! Die Gegend würde ein fortschrittlicheres Gesicht bekommen. Er verließ den Bus und schlenderte durch die Straßen. Er suchte die Straße, in der Frau Behrend wohnte. Er blickte in die Schaufenster, er sah reiche Auslagen, LEBENSHALTUNGSINDEX GESTIEGEN, eine Warenfülle, die ihn überraschte, es fehlte hier und dort an Reklame, aber sonst sahen die Läden genau wie die Läden zu Hause aus, ja oft waren sie geräumiger und prächtiger als des Vaters Waffengeschäft in Columbus. Diese Geschäftsstraße war nun die Grenze, das Grenzland, das Richard schützen sollte. Von der Höhe, vom Flugzeug sah alles einfacher, flächiger aus, man dachte in weiten Räumen , dachte geographisch, geopolitisch, unmenschlich, zog Fronten durch Erdteile wie einen Bleistiftstrich über eine Landkarte, doch unten in der Straße, unter den Menschen, die alle etwas Albernes und Erschreckendes hatten, wie es Richard schien, lebten sie in einem kranken Ungleichmaß zwischen Trägheit und Hetze, in ihrer Gesamtheit sahen sie arm, im einzelnen doch wieder reich aus, Richard hatte das Gefühl, daß hier verschiedenerlei nicht stimme, in der ganzen Konzeption nicht stimme, und daß diese Menschen für ihn undurchschaubar waren. Wollte er sie schützen? Sie sollten sehen, wie sie mit ihrem europäischen Wirrwarr zurecht kamen. Er wollte Amerika verteidigen. Wenn es sein mußte, würde er Amerika auch in Europa verteidigen. Der alte Reichswehrsoldat Wilhelm Kirsch hatte sich nach zehnjähriger Dienstzeit von Deutschland abgesetzt. Er hatte sich noch rechtzeitig mit seiner Dienstentschädigung über den Ozean zurückziehen können. Nachher kam Hitler, und mit Hitler kam der Krieg. Wilhelm Kirsch wäre ein toter Held oder ein General geworden. Vielleicht wäre er als General von Hitler oder nach dem Kriege von den Alliierten als Kriegsverbrecher gehängt worden. Allen historischen Möglichkeiten, der Ehre und dem Hängen, war Wilhelm durch seine rechtzeitige Auswanderung nach Amerika entrückt. Doch nicht ganz entkommen war er der Schmach. Richard, der seinen Vater von den ersten Schritten an, die taumelnd in den Laden führten, immer mit Waffen hatte hantieren sehen, mit den festen Griffen, den kühlen töten könnenden Läufen der Handfeuerwaffen, Richard hatte es verwundert, als hätte eine Kugel aus einem der Gewehre ihn getroffen, daß der Vater nicht, wie die Väter der Schulgefährten, mit der Armee ins Feld gezogen war, sondern sich als alter Waffenmeister auf einen mit Frontdienstbefreiung verbundenen Fabrikposten setzte. Richard irrte sich: sein Vater war kein Feigling, es war ihm nicht darum gegangen, sich den Strapazen, Leiden und Gefahren des Krieges zu entziehen, auch nicht Gleichgültigkeit gegen das neue erw ählte Vaterland ließ ihn in den Staaten bleiben, eher noch Scheu und Zögern, das alte verlassene Vaterland der Geburt anzugreifen, aber der wirkliche Grund, aus dem Wilhelm Kirsch sich dem Krieg versagte, war seine Erziehung in der Reichswehr, war der scharfe Schliff, die Seecktsche Schulung, die Beibringung der glatten, raschen Art, den Feind zu töten, die Wilhelm Kirsch überzeugt hatten, daß alle Gewalt abscheulich und jeder Konflikt besser durch Aussprache, Verhandlung, Kompromißbereitschaft und Versöhnung als durch Pulver zu lösen sei. Amerika war für den ausgewanderten Reichswehrsoldaten Wilhelm Kirsch das Land der Verheißung gewesen, das neue Reich der Friedfertigen, die Stätte der Toleranz und des Verzichtes auf die Gewalt, Wilhelm Kirsch war mit dem Glauben der Pilgerväter in die neue Welt gereist, und der Krieg, den Amerika führte, mochte er selbst gerecht sein, war eine Erschütterung seines in einer deutschen Kaserne errungenen Glaubens an Vernunft, Verständnis und friedliche Gesinnung, und schließlich zweifelte Wilhelm Kirsch an der Wahrheit der alten Ideale Amerikas. Der alte deutsche Reichswehrsoldat war, eine Sonderlichkeit, die das Leben mit sich brachte, ein mit Handfeuerwaffen handelnder Pazifist geworden, aber Richard, sein in Amerika geborener Sohn, dachte wieder anders über Soldatentum und Krieg, und fast schien es dem Vater, als gleiche sein Sohn den jungen Offizieren der Reichswehr der zwanziger Jahre, und jedenfalls meldete sich Richard, sobald es sein Alter erlaubte, zur amerikanischen Luftwaffe. Wilhelm Kirsch hatte nicht im Krieg gekämpft. Richard Kirsch war bereit, für Amerika zu kämpfen.

Schnakenbach wollte nicht kämpfen. Er lehnte den Krieg als Mittel menschlicher Auseinandersetzungen ab, und er verachtete den Soldatenstand, den er als Überbleibsel barbarischer Zeiten, als einen unwürdigen Atavismus in der fortgeschrittenen Zivilisation betrachtete. Er hatte den zweiten Weltkrieg still für sich gewonnen und verloren. Er hatte seinen Krieg, den berechtigten, gefährlichen und fintenreichen Krieg gegen die Musterungskommissionen, gewonnen, aber er war invalid aus dem Kampf zurückgekommen. Schnakenbach hatte eine Idee gehabt, eine wissenschaftliche Idee, denn alles richtete sich bei ihm nach wissenschaftlichen Prinzipien, und er wäre vielleicht auch bereit gewesen, wissenschaftlich Krieg zu führen, einen Krieg ohne Soldaten, einen globalen Krieg der Gehirne, deren einsame Träger Todesformeln ausbrüten, sich hinter Schalttafeln setzen und mit einem Fingerdruck auf irgendeine Taste in einem fernen Erdteil das Leben vernichten. Schnakenbach war im zweiten Weltkrieg nicht in die Versuchung gekommen, eine Todestaste niederzudrücken, und dieser Krieg war eben nicht sein Krieg gewesen, aber er hatte Pillen geschluckt. Es waren Wachhaltepillen, die er schluckte, Pillen, die ihn, in genügender Menge genommen, Tage, Wochen, Monate fast ohne Schlaf verbringen ließen, so daß er endlich durch den dauernden Schlafentzug in einen solchen Zustand des körperlichen Verfalls geraten war, daß ihn selbst ein Militärarzt als untauglich von der Musterung wieder nach Hause schicken mußte. Schnakenbach verfiel nicht dem Kommiß, nicht diesem Atavismus der Menschenentwürdigung, aber er blieb, auch als der Krieg zu Ende war, den Drogen verfallen. Seine Hypophyse, die Nebenniere steuerten verkehrt, die Organe traten gegen die Konkurrenz der Chemie in Streik und streikten beharrlich weiter, als die Musterungskommission aufgelöst und die Gefahr, Soldat zu werden, in Deutschland für eine Weile nicht vorhanden war. Schnakenbach war schlafsüchtig geworden, der Schlaf rächte sich an ihm, ein tiefer Schlaf war über ihn gekommen, er schlief, wo er ging und stand, und er brauchte ungewöhnlich große Dosen von Pervitin und Benzedrin, um für einige Stunden am Tag wenigstens den Zustand des Halbschlummers zu erreichen. Die Belebungsmittel waren rezeptpflichtig, und da Schnakenbach sie nicht mehr ausreichend bekam, bestürmte er Behude um Verschreibungen, oder er versuchte, als begabter Chemiker, sich die Pülverchen herzustellen. Aus seiner Stellung wegen Schlafsucht entlassen, sein weniges Geld für wissenschaftliche Versuche ausgebend, wohnte der verarmte Schnakenbach im Keller des Hauses einer Baronin, einer Patientin von Behude, die, seit sie vor Jahren eine Vorladung zum Arbeitsamt erhalten hatte, an der Vorstellung litt, zum Straßenbahndienst eingezogen zu sein, und die nun jeden Tag in aller Frühe ihre schöne Wohnung verließ und acht Stunden mit einer bestimmten Linie der Straßenbahn sinnlos durch die Stadt fuhr, was sie täglich drei Mark kostete und sie, was schlimmer war, »enervierte«, wie sie zu Behude sagte, den sie um Dienstbefreiungsatteste anging, die er ihr aber nicht ausstellen konnte, da sie ja zu keinem Dienst verpflichtet war. Behude versuchte der Patientin durch eine Analyse ihrer frühen Kindheit das Straßenbahnfahren auszureden. Er hatte im Leben der Achtjährigen inzestuöse, dem Vater, einem kommandierenden General, geltende und auf einen Trambahnschaffner übertragene Neigungen festgestellt. Aber Behudes Aufdeckung der verschütteten Vergangenheit hatte die Baronin erst einmal ihren imaginären Dienst versäumen lassen, wodurch sie, wie sie Behude erzählte, große Unannehmliehkeiten gehabt hatte. Behude fand Schnakenbach nicht in seinem Keller. Er fand ein ungemachtes, kohlenstaubverschmutztes Lager, er fand des Gewerbelehrers zerrissene Jacken und Hosen auf dem Boden liegen, er sah auf einem Gartentisch die Gläser, Retorten und Kocher der Giftküche stehen, und überall, auf Bett, Boden und Tisch verstreut, fand er Zettel mit chemischen Formeln, chemische Strukturzeichnungen, die wie stark vergrößerte Mikroaufnahmen von Krebsgeschwülsten aussahen, sie hatten etwas Wucherndes, gefährlich Krankes und immer Weiterfressendes, aus Punkten und Kreisen zweigten immer neue Punkte und Kreise ab, Kohlenstoff, Wasserstoff und Stickstoff teilten, vereinten und vermehrten sich in diesen Bildern aus Tintenstrichen und Klecksen und sollten mit Phosphor und Schwefelsäure Schnakenbachs Schlaf bannen und die ersehnte Belebungsdroge geben. Behude dachte, als er die Formelzeichnungen betrachtete, ›so sieht Schnakenbach die Welt, das All, so sieht er sich selbst, alles in seiner Vorstellung ist abstrakt und wächst aus den kleinsten Teilen zu gigantischen Rechnungen. Behude legte eine Packung Pervitin auf den Gartentisch. Er hatte ein schlechtes Gewissen. Er schlich sich aus dem Keller wie ein Dieb.

Die Kellnerin räumte den Tisch ab. Frau Behrends Stammsitz im Domcafe war für heute frei. Mutter und Tochter waren gegangen. Sie hatten sich vor der Tür des Cafés im Schatten des Domturms getrennt. Was sie sich vielleicht sagen wollten, war ungesagt geblieben. Flüchtig hatten beide das Verlangen nach gegenseitiger Umarmung gespürt, aber nur kalt hatten sich ihre Hände für eine Sekunde gestreift. Frau Behrend dachte ›du hast es so gewollt, du mußt deinen Weg gehen, laß mich in Frieden‹, und das hieß ›stör mir mein Domcafe nicht, meine Ruhe nicht, meine Bescheidung nicht, meinen Glauben nichts und ihr Glaube war, daß anständige Frauen wie sie irgendwie erhalten werden mußten, daß die Welt niemals so aus den Fugen geraten konnte, daß nicht ihr der Nachmittagsplausch mit Damen ihrer Art als Trostpreis bleibe. Und Carla dachte ›sie weiß nicht, daß es ihre Welt nicht mehr gibt‹. Welche Welt aber gab es? Eine dreckige Welt. Eine ganz und gar gottverlassene Welt. Die Domuhr schlug eine Stunde. Carla mußte sich beeilen. Sie wollte, bevor Washington vom Baseballspiel nach Hause kam, ihre Sachen packen und in die Klinik gehen. Das Kind mußte weg. Washington war wahnsinnig, daß er sie bewegen wollte, sein Kind in die Welt zu setzen. Die andere Welt, die schöne bunte Welt der Magazine, der mechanischen Küchen, der Fernsehapparate und der Wohnung im Hollywoodstil, paßte nicht zu diesem Kind. Aber war es nicht schon gleichgültig? War nicht selbst dieses Kind, seine Geburt oder sein Tod, schon gleichgültig? Carla zweifelte jetzt, ob sie die schöne Traumwelt der amerikanischen Magazine jemals erreichen würde. Es war ein Fehler gewesen, sich mit Washington zu vereinen. Carla war in den falschen Zug gestiegen. Washington war ein guter Kerl, aber er saß leider im falschen Zug. Carla konnte nichts dafür, sie konnte es nicht ändern, daß er im falschen Zug saß. Alle Neger saßen im falschen Zug. Selbst die Leiter der Jazzkapellen saßen im falschen Zug; sie saßen im Luxusabteil des falschen Zuges. Wie dumm war Carla gewesen. Sie hätte auf einen weißen Amerikaner warten sollen. ›Ich hätte auch einen Weißen haben können, auch ein Weißer wäre zufrieden gewesen, hängen die Brüste? sie hängen nicht, sie sind stramm und rund, wie nannte sie der Kerl? Milchäpfel, sind noch Milchäpfel, der Leib ist weiß, etwas zu dick, aber sie lieben volle Schenkel, das Mollige, ich bin mollig, im Bett bin ich immer mollig, macht Spaß, hätt ich kein Vergnügen haben sollen? was hat man schon? Bauchweh, aber ich hätt auch einen Weißen bekommene Carla hätte in den richtigen Zug steigen können. Es war nie wieder gut zu machen. Nur der Zug der weißen Amerikaner führte in die Traumwelt der Magazinbilder, in die Welt des Wohlstandes, der Sicherheit und des Behagens. Washingtons Amerika war dunkel und schäbig. Es war eine Welt, so dunkel, so schäbig, so dreckig, so von Gott aufgegeben wie die Welt hier. Vielleicht sterbe ich‹ dachte Carla. Vielleicht würde es das beste sein zu sterben. Carla drehte sich um, sie schaute zurück über den Platz, blickte noch einmal nach ihrer Mutter aus, doch Frau Behrend hatte feige mit schnellen, das Unheil fliehenden Schritten und ohne sich noch einmal nach der Tochter umzusehen den Domplatz schon verlassen. Aus der Kirche, aus ihren noch nicht wieder eingesetzten Fenstern grollte unter den Händen des übenden Organisten die Orgel, erhob sich das Stabat-mater.

Stormy-Weather: die Musik der Kinoorgel wehte, wogte, bebte und rasselte. Sie wehte, wogte, bebte und rasselte aus allen Lautsprechern. Synchron mit den Lautsprechern wehten, wogten, bebten und rasselten die Töne aus dem Musikkoffer, den Josef neben sich auf die Bank gestellt hatte. Er kaute an einem Sandwich. Er kaute schwer an dem dicken vielschichtigen Brot. Er mußte seinen Mund bis zum äußersten aufreißen, um von dem dicken Sandwich etwas abbeißen zu können. Es war ein fader Geschmack. Auf den Schinken hatte man eine süßliche Paste geschmiert. Der Schinken schmeckte wie verdorben. Der süßliche Geschmack störte Josef. Es war, als wäre der Schinken verdorben und man hätte ihn dann parfümiert. Auch die grünen Salatblätter, die man zwischen den Schinken und das Brot gelegt hatte, waren nicht nach Josefs Geschmack. Das Sandwich war wie das Grab einer Schinkensemmel, mit Efeu bepflanzt. Josef würgte mit Widerwillen an dem Brot. Er dachte an seinen Tod. Er aß die fremde, fremdländisch schmeckende Speise nur aus anerzogenem Gehorsam. Er durfte Odysseus, seinen Herrn, nicht beleidigen. Odysseus trank Coca-Cola. Er setzte die Flasche an den Mund und trank sie leer. Er spuckte den letzten Schluck unter die vordere Bank. Er traf genau die untere Leiste der vorderen Bank. Josef hatte sich drücken können. Vor dem Coca-Cola hatte er sich drücken können. Er mochte das neumodische Zeug nicht.
Washington rannte. Er hörte das Abschlagen und Aufklatschen des Balles. Er hörte das Wehen, Wogen, Beben und Rasseln der Kinoorgel. Er hörte Stimmen, die Stimmen der Menge, Stimmen der Sportgemeinde, Rufe, Pfiffe und Gelächter. Er rannte um das Spielfeld. Er keuchte. Er war in Schweiß gebadet. Das Stadion sah mit seinen Tribünen wie eine riesige gerippte Muschel aus. Es war, als ob die Muschel sich schließen, als ob sie ihm für immer den Himmel nehmen, als ob sie sich zusammenpressen und ihn erdrücken wolle. Washington rang nach Atem. Die Kinoorgel schwieg. Der Sprecher am Mikrophon lobte Washington. Die Lautsprecher sprachen die Worte des Reporters mit. Der Reporter sprach aus Odysseus' Koffer. Washingtons Name füllte das Stadion. Er hatte den Lauf gewonnen. Der Name des Siegers stemmte sich gegen die Muschel und hinderte sie am Zuklappen. Für eine Weile hatte Washington die Muschel besiegt. Sie würde nicht zuklappen, sie würde ihn nicht erdrücken, würde ihn in diesem Augenblick nicht fressen. Immer wieder mußte Washington siegen.
›Er ist nicht in Form‹ dachte Heinz. Er sah es Washington an, daß er nicht in Form war. Er dachte ›den nächsten Lauf wird er verlieren, wenn er den nächsten Lauf verliert werden sie ihn fressen‹. Es ärgerte Heinz, daß sie Washington auspfeifen, über ihn lachen und ihn verhöhnen würden. Es konnte jeder mal nicht in Form sein. Waren sie denn in Form? ›Rotzbibben.‹ Er schämte sich. Er wußte nicht recht, warum er sich schämte. Er sagte: »Den nächsten schafft er nicht.« - »Wer schafft ihn nicht?« fragten die Jungens. Sie hatten die Karten für das Stadion vom amerikanisch-deutschen Jugendklub bekommen. Sie hatten den kleinen herrenlosen Hund an seinem Bindfaden mit auf die Tribüne genommen. »Na, der Nigger meiner Mutter«, sagte Heinz, »der Nigger schafft's nicht mehr.«

Richard hatte zum Haus der Frau Behrend gefunden. Er sprach mit der Tochter der Hausbesorgerin. Die Tochter der Hausbesorgerin redete von oben herab mit ihm, von oben herab in aller Tatsächlichkeit, denn sie stand zwei Treppenstufen höher als Richard, aber auch von oben herab im übertragenen Sinn. Richard war nicht der Strahlende, der Erfolgsmensch, der Held, auf den das häßliche Mädchen wartete. Richard war zu Fuß gekommen; die Lieblinge der Götter kamen im Auto. Richard, sie sah es, war ein einfacher Soldat, wenn auch ein Flieger. Die Flieger waren natürlich etwas Besseres als die gewöhnlichen Soldaten, der Ruhm des Ikarus erhöhte sie, aber die Tochter der Hausbesorgerin wußte nichts vom Ikarus. Wenn Richard im Flugzeug auf der Treppe gelandet und mit Blumen im Arm herausgesprungen wäre, dann hätte er vielleicht der erwartete Bräutigam des reizlosen Geschöpfes sein können; doch nein, er hätte der Bräutigam nicht sein können: ihm hätte selbst dann noch das Ritterkreuz gefehlt. Das Mädchen lebte in einer Welt entsetzlicher Standesvorurteile. Sie hatte sich eine Hierarchie der Stände ausgedacht, steifere und strengere Sitten als zu des Kaisers Zeiten herrschten in ihrem Kopf, und unüberbrückbar war die Kluft, die den einen Stand vom anderen trennte. Die Vorstellung einer sozialen Leiter mit oben und unten ließ die Tochter der Hausbesorgerin ihre niedrige Stellung im Haus, niedrig nach ihrer Meinung, ertragen, denn um so schöner lockte, was ihr beschieden war, der soziale Aufstieg, den ihr das Horoskop des Abendechos verkündete: gerade ihr würde gelingen, was kaum einem gelang, sie war unten, freilich, aber ein Prinz würde kommen oder ein Chef und sie auf die ihr zugedachte Sprosse von Rang und Ansehen führen. Der Prinz oder der Chef hielten sich aus Schicksalsgründen vorübergehend und vielleicht verkleidet im gesellschaftlichen Unterreich auf, aber sicher würde der Prinz oder der Chef sie in den Glanz des Oberreiches geleiten. Zum Glück wußte die Hausbesorgerstochter, daß sie die Verkleideten gleich erkennen würde; so konnte es keinen Irrtum geben. Richard war kein verkleideter Höhergestellter, sie sah es, er gehörte zu den Leuten unten und mußte so behandelt werden. Alle Amerikaner gehörten zu den geringen Leuten. Sie taten nur manchmal so, als gehörten sie zur besseren Schicht. Aber wenn sie auch reich sein mochten, die Tochter der Hausbesorgerin durchschaute sie: es waren Leute, die unten standen. Die Amerikaner waren keine richtigen Prinzen, keine richtigen Offiziere, keine richtigen Chefs. Sie glaubten nicht an die Hierarchie: DEMOKRATISCHER GEDANKE IN DEUTSCHLAND GEFESTIGT. Das Mädchen schickte Richard mit schnippischer Geste zur Lebensmittelh ändlerin. Vielleicht sei Frau Behrend bei der Händlerin. Richard dachte ›was hat die? sie ist so komisch, mag sie uns nicht?‹ Das Mädchen blickte ihm mit starren Augen nach. Sie hatte die starren Augen und die mechanischen Bewegungen einer Puppe. Sie hatte den Mund geöffnet, und ihre Zähne standen etwas vor. Sie glich einer schäbigen, häßlichen Puppe, die jemand auf der Treppe stehen gelassen hatte.

Diesmal war Washington nicht schnell genug. Er verlor den Lauf. Er keuchte. Seine Brust hob und senkte sich wie ein auf und nieder gedrückter Blasebalg in einer Schmiede. Er verlor den Lauf. Der Mann am Mikrophon war nicht länger Washingtons Freund. Aus allen Lautsprechern schimpfte der Reporter. Er schimpfte aufgeregt aus dem kleinen Koffer zwischen Josef und Odysseus. Odysseus schleuderte eine Coca-Cola-Flasche auf das Spielfeld. Josef schaute sich blinzelnd ängstlich nach einem Polizisten um. Er wollte nicht, daß Odysseus abgeführt würde. Auf allen Tribünen wurde gejohlt und gepfiffen. Jetzt haben sie ihn, jetzt machen sie ihn fertig‹ dachte Heinz. Er sträubte sich dagegen, daß sie Washington verjohlten und ihn fertig machten. Aber auch er johlte und pfiff. Er heulte mit den Wölfen: »Der Nigger kann nicht mehr. Der Nigger meiner Mutter kann nicht mehr.« Die Kinder lachten. Selbst der kleine herrenlose Hund heulte. Ein dicker Junge sagte: »Ist recht, dem geben sie's!« Heinz dachte ›dir geb ich's, Rotzbibbe widerliche‹. Er heulte, johlte und pfiff. Es war ein Spiel der Red-Stars gegen eine Gastmannschaft. Die Sympathien der Zuschauer waren auf der Seite der Gäste.
Ezra hatte weder für die eine noch für die andere Mannschaft irgendwelche Sympathien. Das Spiel auf dem Baseballfeld langweilte ihn. Die eine Partei würde siegen. Das war immer so. Immer siegte eine Partei. Aber nach dem Spiel schüttelten sie sich die Hände und gingen zusammen in die Garderoben. Das war langweilig. Man mußte mit seinen wirklichen Feinden kämpfen. Er kniff seine kleine Stirn zusammen. Selbst die Kappe seines kurzgeschorenen roten Haares runzelte sich. Er hatte den Jungen mit dem Hund wiedergesehen, den Jungen und den Hund vom Parkplatz vor dem Central Exchange. Das Problem beschäftigte ihn. Das war kein Spiel, das war Kampf. Er wußte nur immer noch nicht, wie er es machen sollte. Christopher fragte: »Was hast du? Du schaust nicht zu!« - »Ich mag Baseball nicht«, sagte Ezra. Christopher ärgerte sich. Er ging gern zum Baseball. Er hatte sich gefreut, auch in Deutschland ein Spiel sehen zu können. Er hatte geglaubt, Ezra eine Freude zu machen, als er mit ihm ins Stadion ging. Er war verstimmt. Er sagte: »Wenn es dir nicht gefällt, so können wir ja gehen.« Ezra nickte. Er dachte ›so muß es gemacht werden‹. Er sagte: »Kannst du mir zehn Dollar geben?« Christopher wunderte sich, daß Ezra zehn Dollar haben wollte. »Zehn Dollar sind viel Geld«, sagte er, »willst du was kaufen?« - »Ich will das Geld nicht ausgeben«, sagte Ezra. Er blickte nach der Tribünenseite, auf der die Kinder mit dem Hund saßen. Christopher verstand Ezra nicht. Er sagte: »Wenn du das Geld nicht ausgeben willst, warum soll ich es dir geben?« Ezra quälten Kopfschmerzen hinter der kleinen gefurchten Stirn. Wie schwer Christopher alles begriff! Man konnte es ihm nicht erklären! Er sagte: »Ich brauche die zehn Dollar, weil ich doch verloren gehen könnte. Ich könnte mich doch verirren.« Christopher lachte. Er sagte: »Du sorgst dich zu viel. Du sorgst dich genau so viel wie deine Mutter.« Aber dann fand er Ezras Gedanken ganz vernünftig. Er sagte: »Schön. Ich werde dir die zehn Dollar geben.« Sie standen auf und drängten sich durch die Reihe. Ezra stieg noch schnell mit einem Flugzeug auf und ließ eine Bombe auf das Spielfeld fallen. In beiden Mannschaften gab es Verluste. Ezra sah noch einmal zu Heinz und dem Hund hinüber und dachte ›ob er heut abend kommen wird? es wäre zum Kotzen wenn er nicht käme‹.

»Frau Behrend würde sich freuen«, sagte die Lebensmittelhändlerin. »Wenn Frau Behrend jetzt käme, würde sie sich freuen!« Sie drängte Richard in die Ecke des Ladens, wo unter Einwickelpapier versteckt der Sack mit dem schon wieder knappen Zucker stand. Richard fühlte sich auf einmal hungrig und durstig. Er sah zwischen sich und der Händlerin auf einer Platte einen Schinken liegen, und ein Kasten mit Bier stand neben seinen Füßen. Die Luft in Deutschland oder die nach alten Speisen riechende Luft in diesem Laden schien durstig und hungrig zu machen. Richard hätte die Fländlerin gerne gebeten, ihm eine Flasche Bier und eine Scheibe von dem Schinken zu verkaufen. Doch die Frau bedrängte ihn zu sehr. Er fühlte sich in der Ladenecke wie gefangen. Es kam ihm vor, als solle er wie der Zucker in Verwahrung genommen und nach Gutdünken oder Wohlwollen ausgegeben werden. Es ärgerte ihn, daß er der sentimentalen Idee seines Vaters gefolgt war und Frau Behrend, eine ferne Verwandte, der man kurz nach dem Kriege Pakete schickte, aufgesucht hatte. Gerade sprach die Händlerin von den Paketen. Sie schilderte die Not der ersten Nachkriegszeit, und dabei beugte sie sich über den Schinken, auf den Richard immer verlangender blickte. »Alles hatten sie uns genommen, rein gar nichts war da«, sagte die Händlerin, »und Neger haben sie uns geschickt, Sie stammen ja auch von Deutschen, Sie werden es verstehen, mit Negern mußten wir uns einlassen, um nicht zu verhungern. Das ist ja der große Kummer von Frau Behrend!« Sie sah Richard erwartungsvoll an. Richard beherrschte die deutsche Sprache nur unvollkommen. Was war hier mit Negern los? In der Luftwaffe hatten sie Neger. Die Neger flogen in denselben Maschinen wie die anderen Flieger. Richard hatte nichts gegen Neger. Sie waren ihm gleichgültig. »Die Tochter«, sagte die Händlerin. Sie senkte ihre Stimme und beugte sich noch weiter zu Richard hinüber. Der Ansatz ihrer Schürze berührte den Fettrand des Schinkens. Richard wußte nichts von einer Tochter der Frau Behrend. Frau Behrend hatte die Tochter in ihren Briefen an Wilhelm Kirsch nicht erwähnt. Richard überlegte, ob Frau Behrend eine Tochter von einem Neger bekommen habe, dem sie sich vor Hunger hatte hingeben müssen. Aber sie war doch zu alt, als daß sie sich hätte für Brot verkaufen können. Hatte Richard noch Appetit auf den Schinken? Er dachte an die Tochter der Frau Behrend und sagte: »Ich hätte Spielsachen mitgebracht.« - »Spielsachen?« Die Händlerin verstand Richard nicht. War dieser junge Mann, in Amerika geboren, aber doch von einem deutschen Vater gezeugt, so amerikanisiert, daß er das Gefühl für Sitte und Anstand verloren hatte? Wollte er sich über die deutsche Not und Verirrung lustig machen? Sie fragte streng: »Für wen Spielsachen? Mit der Tochter verkehren wir nicht mehr.« Sie nahm an, daß auch Richard nicht mit der Tochter von Frau Behrend verkehren würde. Richard dachte ›was geht es mich an? was geht mich die Tochter der Frau Behrend an? es ist, als ob ich in etwas versinke, es ist die Herkunft, das alte Zuhause des Vaters, die hier beheimatete Familie, die Enge, es sind Sümpfe‹. Er riß sich vom Anblick des Schinkens los und befreite sich aus den Umstrickungen dieses Ladens, der eine merkwürdige Mischung aus Not und fetten Speisen, aus Mißgunst, Mangel und Illusionen war. Sein Fuß stieß gegen das Bier. Er sagte, er würde am Abend im Bräuhaus sein, sein Vater habe ihm geraten, dort hinzugehen, Frau Behrend könne ihn dort suchen, wenn sie wolle. Es lag ihm gar nichts daran, Frau Behrend zu sehen -Frau Behrend und ihre Neger-Tochter.

»Es ist kein Bett bestellt. Es ist kein Bett für Sie bestellt worden«, sagte die Schwester. Die Schwester hatte die monotone Stimme einer Schallplatte des Fernsprechdienstes, die, wenn man ihre Nummer gewählt hat, immer einund-dieselbe Auskunft wiederholt. »Es ist nichts bestellt. Es ist nichts bekannt«, sagte die Stimme. »Aber Doktor Frahm sagte doch -« Carla war ratlos. »Es muß ein Irrtum sein, Schwester. Doktor Frahm sagte mir, er würde anrufen. -» Es ist nichts bekannt. Doktor Er ahm hat nicht angerufen.« Die Schwester hatte das Gesicht einer Steinfigur. Sie sah wie eine Steinmetzarbeit an einem öffentlichen Brunnen aus. Carla stand mit einem kleinen Koffer im Aufnahmeraum der Schulteschen Klinik. Im Koffer war Wäsche, war ein Gummibeutel mit Kosmetika, waren die neuesten amerikanischen Magazine; die bunten Bildermagazine, die das häusliche Glück der Hollywoodschauspieler beschrieben. Mit dem Glück aus Hollywood ausgerüstet, war Carla bereit, sich das Kind nehmen zu lassen, das Kind des schwarzen Freundes, des Freundfeindes aus dem dunklen Amerika, töten zu lassen. »Es muß ein Bett für mich bestellt sein. Doktor Frahm versprach es. Ich soll operiert werden. Es ist dringend«, sagte sie. »Es ist nichts bestellt worden. Es ist kein Bett bestellt.« Die Steinfigur würde höchstens durch ein Erdbeben zu erschüttern sein, und nur auf die Weisung eines Arztes würde sie den Weg zu dem Abtreibungsbett freigeben. »Ich werde auf Doktor Frahm warten«, sagte Carla. »Ich sage Ihnen doch, Schwester, es ist ein Irrtum.« Sie hätte weinen mögen. Sie hätte der Schwester von den vielen Geschenken erzählen mögen, die sie Doktor Frahm in der Zeit, als es nichts gab, keinen Kaffee, keinen Schnaps, keine Zigaretten, gebracht hatte. Sie setzte sich auf eine harte Bank. Die Bank war hart wie eine Armesünderbank. Die Schwester bediente das Telefon und sprach genau wie eine Schallplatte der Post: »Bedauere, es ist nichts frei. Bedauere, es ist kein Bett frei.« Monoton, gleichgültig, mechanisch, fertigte die Schwester die unsichtbaren Hilfesuchenden ab. Die Betten dieser Klinik schienen sehr begehrt zu sein.

Josef schlief. Er war im Sitzen eingeschlafen. Er war im Sitzen auf der Tribüne des Stadions eingeschlafen, aber es war ihm, als schlafe er in einem Bett. Er war harte Betten gewohnt, aber dies war ein Spitalbett, in dem er schlief, ein Bett in einem Armenspital, ein besonders hartes Bett, sein Sterbebett. Es war das Ende seiner Lebensreise. Der im Stadion und im Dienst, im Dienstmannsdienst, im Dienst bei einem fremden aus fremder Ferne hergereisten Herrn eingeschläferte Josef, umgeben vom Lautsprecherschwall eines sinnlosen Rasenspiels, sinnlos angesprochen von demselben Lärm und Schwall, der leiser und an ihn persönlich mit einer sinnlosen Botschaft gerichtet noch einmal aus dem kleinen Koffer, den er heute zu tragen und zu bewahren hatte, drang, der schlafende Josef wußte, daß dies sein letzter Dienst gewesen war, der Transport dieses Köfferchens, das Tragen des kleinen Musikkoffers, ein leichter, ein eigentlich amüsanter Dienst bei einem großen und freigebigen, wenn auch schwarzen Herrn. Josef wußte, daß er sterben würde. Er wußte, daß er auf diesem Spitalbett sterben würde. Wie konnte es auch anders sein, als daß er am Ende seines Lebensweges im Armenspital sterben würde? War er vorbereitet zu gehen, gerüstet, die große Reise anzutreten? Er dachte ›Gott wird mir verzeihen, er wird mir die kleinen Listen des Fremdenverkehrs vergeben, die Fremden kommen ja her, damit man sie ein wenig betrüge, damit man sie ein wenig weiterführe, als sie geführt werden wollen‹. Es gab sonderbare Schwestern in diesem Spital. Sie gingen in Baseballtracht umher und hielten Schläger in der Hand. War Gott doch böse mit Josef? Sollte Josef geschlagen werden? An der Pforte des Spitals stand Odysseus. Aber es war nicht der freundliche, freigebige Odysseus der Stadtwege. Es war der Odysseus vom Domturm, ein gefährlicher und zu fürchtender Teufel. Er war eins mit der Teufelsfratze des Turmvorsprungs geworden, der Teufelsfratze, auf die er seinen Namen und seine Herkunft geschrieben hatte; ein schwarzer Teufel war Odysseus, wirklich, ein böser schwarzer Teufel; er war nichts als ein ganz gewöhnlicher fürchterlicher Teufel. Was wollte der Teufel von Josef? War Josef nicht immer brav gewesen, bis auf die kleinen zum Gewerbe gehörenden Listen des Fremdenverkehrs? Hatte er nicht jedermanns Koffer getragen? War er nicht in den Krieg gezogen? Oder war doch gerade das In-den-Krieg-ziehen Sünde gewesen? War die Pflichterfüllung Sünde gewesen? Die Pflicht Sünde? die Pflicht, von der alle redeten, schrieben, schrien und sie verherrlichten? Hatte man ihm nun die Pflicht angekreidet, stand sie auf der Tafel bei Gott angekreidet, wie nicht bezahltes Bier auf der Tafel des Wirtes? Es war wahr! Josef hatte es immer gequält. Insgeheim hatte es ihn gequält. Er hatte nicht gern daran gedacht: er hatte getötet, er hatte Menschen getötet, er hatte Reisende getötet; er hatte sie getötet am Chemin-des-Dames und im Argonnerwald. Es waren die einzigen Ausflugsziele seines Lebens gewesen, Chemin-des-Dames, Argonnerwald, keine schönen Gegenden, und dorthin war man ausgeflogen, um zu töten und um getötet zu werden. ›Herr, was sollte ich tun? was konnte ich tun, Herr.‹ War es gerecht, daß er nun für diese angekreidete und nie gestrichene Schuld des erzwungenen Tötens dem Teufel übergeben wurde, dem schwarzen Teufel Odysseus? He! He! Holla!‹ Schon wurde er geschlagen. Schon schlug der Teufel zu. Josef schrie. Sein Schrei ging in anderen Schreien unter. Er wurde auf die Schulter geschlagen. Er schreckte auf. Er schreckte ins Leben zurück. Odysseus der Teufel, Odysseus der Freundliche, König Odysseus der freundliche Teufel schlug Josef auf die Schulter. Dann sprang Odysseus auf die Tribünenbank. Er hielt eine Coca-Cola-Flasche wie eine wurfbereite Handgranate. Die Lautsprecher brüllten. Das Stadion johlte, pfiff, trampelte, schrie. Die Stimme des Reporters drang heiser aus dem kleinen Radiokoffer. Die Red-Stars hatten gesiegt.
Er hatte gesiegt. Washington hatte gesiegt. Er hatte die meisten Läufe gewonnen. Er hatte den Sieg für die Red-Stars aus seinen Lungen geholt. Die Muschel klappte nicht zu. Noch klappte die Muschel nicht zu. Vielleicht würde die Muschel nie über Washington zusammenklappen, nie ihm den Himmel nehmen. Das Stadion fraß ihn nicht. Washington war der Held der Tribünen. Sie riefen seinen Namen. Der Radiosprecher hatte sich mit Washington versöhnt. Washington war wieder der Freund des Sprechers. Alle jubelten Washington zu. Er keuchte. Er war frei. Er war ein freier Bürger der Vereinigten Staaten. Es gab keine Diskriminierung. Wie er schwitzte! Er würde immer weiter laufen. Er würde immer weiter und immer schneller um das Spielfeld laufen. Der Lauf machte frei, der Lauf führte ins Leben. Der Lauf schuf Platz für Washington in der Welt. Er schuf Platz für Carla. Er schuf Platz für ein Kind. Wenn Washington nur immer ordentlich laufen, immer schneller laufen würde, hätten sie alle Platz in der Welt.
»War doch in Form.« - »Natürlich war er in Form.« - »War doch in Form, der Nigger.« - »Sag nicht Nigger.« - »Ich sag, daß er in Form war.« - »Er war großartig in Form.« -»Du hast gesagt, er war nicht.« - »Ich hab gesagt, er war. Washington ist immer in Form.« - »Du hast gesagt, der Nigger deiner Mutter war nicht.« - »Halt's Maul, Depp.« -»Wetten? Du hast gesagt.« - »Ich sag, halt's Maul, Lump, krummer.« Sie prügelten sich am Ausgang des Stadions. Heinz schlug sich für Washington. Er hatte nie gesagt, daß Washington nicht in Form sei. Washington war großartig in Form. Er war überhaupt großartig. Schorschi, Bene, Kare und Sepp umstanden die Kinder, die sich prügelten. Sie sahen zu, wie sich die Kinder ins Gesicht schlugen. »Gib's ihm!« rief Bene. Heinz hörte auf zu schlagen. »Wegen dir nicht, Strizzi.« Er spuckte Blut aus. Er spuckte es Bene vor die Füße. Bene hob die Hand. »Laß ihn«, sagte Schorschi. »Wirst dich aufregen! Laß ihn, den Deppen.« - »Selber 'n Depp«, schrie Heinz. Doch er wich etwas zurück. »Das Spiel war fad«, sagte Sepp. Er gähnte. Die Burschen hatten die Karten vom amerikanisch-deutschen Jugendklub bekommen. Die Karten hatten sie nichts gekostet. - »Was machen wir jetzt?« fragte Kare. »Weiß nicht«, sagte Schorschi. »Weißt du's?« fragte er Sepp. »Nee. Weiß nicht.« - »Kino?« meinte Kare. »Ich kenn schon alles«, sagte Schorschi. Er kannte alle laufenden Kriminalfilme und Wildweststreifen. »Mit'm Kino is nichts.« - »Wenn's schon Abend wäre«, sagte Bene. »Wenn's schon Abend wäre«, echoten die andern. Sie setzten irgendwelche Hoffnungen auf den Abend. Sie zogen nach vorne übergebeugt, die Hände in den Jackentaschen, die Ellbogen nach außen gestemmt, mit müden Schultern, wie nach schwerer Arbeit, aus dem Stadion. Die goldene Horde. »Wo's der Köter?« schrie Heinz. Während er sich prügelte, hatte Heinz den Bindfaden losgelassen. Der herrenlose kleine Hund war weggelaufen. Er war im Gedränge verschwunden. »Verdammt«, sagte Heinz, »ich brauch' den Köter heut abend.« Er wandte sich wütend an seine Gefährten. »Ihr hättet auch aufpassen können, ihr Rotzbibben. Der Köter war zehn Dollar wert!« - »Hättest selber aufpassen können, Niggerbankert, dreckiger.« Sie prügelten sich wieder.
Washington stand unter der Brause in den Duschräumen des Stadions. Der kalte Strahl ernüchterte ihn. Sein Herz zuckte. Für einen Augenblick blieb ihm die Luft weg. Scharfer Schweiß spülte mit dem Wasser von ihm runter. Er war noch gut in Form. Sein Körper war noch gut in Form. Er reckte die Muskeln, hob seine Brust, Muskeln und Brust waren in Ordnung. Er befühlte seine Geschlechtsteile. Sie waren gut und in Ordnung. Aber das Herz? Aber die Atmung? Sie machten ihm zu schaffen. Sie waren nicht in Ordnung. Und dann der Rheumatismus! Vielleicht würde er doch nicht mehr lange aktiv sein können. Auf dem Sportplatz würde er nicht mehr lange aktiv sein können. Zu Haus und im Bett würde er noch lange aktiv sein. Was konnte er tun? Was konnte er für sich, für Carla, für das Kind tun, und vielleicht auch für den kleinen Jungen, den Heinz? Er hatte genug gebraust. Er trocknete sich ab. Er konnte den Dienst quittieren, die horizontblaue Limousine verkaufen, noch ein Jahr als Sportsmann arbeiten und dann vielleicht in Paris ein Lokal aufmachen. In Paris hatte man keine Vorurteile. Er konnte in Paris sein Lokal aufmachen: Washington 's Inn. Er mußte mit Carla reden. Er konnte mit Carla in Paris leben, ohne daß sie mit jemand wegen ihres Lebens Differenzen kriegen würden. Sie konnten in Paris das Lokal aufmachen, sie konnten sein Schild raushängen, konnten es mit bunten Glühbirnen beleuchten, sein Schild NIEMAND IST UNERWÜNSCHT. In Paris würden sie glücklich sein; sie würden alle glücklich sein. Washington pfiff ein Lied. Er war glücklich. Er verließ pfeifend den Duschraum.

Doktor Frahm wusch sich. Er stand im Waschraum der Schulteschen Klinik und wusch sich die Hände. ›In Unschuld alter Pontius Pilatus ein schönes Gefühl, er wusch die Hände mit einer guten Seife und schrubbte die Finger mit einer scharfen Bürste. Er fuhr mit den Borsten der Bürste unter die Nägel der Finger. Er dachte Hauptsache keine Infektion, er dachte ›muß mir schon wieder die Nägel schneiden, Semmelweis, den verfilmen sie nun auch, hab's in der Zeitung gelesen, ob sie eine Metritis zeigen? war doch ganz schön, in Großaufnahme, könnt abschrecken, könnt von allem möglichen abschrecken, mein Leben wird niemand verfilmen, ist mir auch recht‹. Er sagte: »Es geht nicht. Tut mir leid, Frau Carla, es ist nicht zu machen.« Carla hielt sich neben ihm, sie stand neben dem Becken, über dem er sich unter dem kräftigen Strahl des aus dem Nickelhahn fließenden Wassers die Hände schrubbte. Carla blickte auf den Nickelhahn, sie blickte auf das Wasser, sie blickte auf den Seifenschaum, auf die von der Seife, von der Bürste und von dem warmen Wasser krebsroten Hände des Arztes. Sie dachte ›Metzgerhände, richtige Metzgerhände‹. Sie sagte: »Das können Sie doch nicht machen, Herr Doktor.« Ihre Stimme klang unsicher und gepreßt. Der Arzt sagte: »Ihnen fehlt nichts. Sie sind schwanger. Wahrscheinlich im dritten Monat. Das ist alles.« Carla fühlte, wie ihr übel wurde. Es war die widerliche würgende Übelkeit der Schwangeren. Sie dachte ›warum kommen wir so zur Welt?‹ Sie hätte sich den Leib schlagen mögen, diesen wieder anschwellenden, wie ein Kürbis wachsenden Leib. Sie dachte ›ich muß mit ihm reden, ich muß doch mit ihm reden, aber ich kann jetzt nicht mit ihm reden‹. Sie sagte: »In Ihrer Praxis sagten Sie doch, ich solle kommen.« Der Arzt sagte: »Ich habe garnichts gesagt. Sehen Sie, der Vater will das Kind haben. Ich kann da garnichts machen.« Sie dachte ›er war hier, der schwarze Schuft war hier, er hat mir den Arzt vermiest, jetzt will der Frahm nicht mehr, jetzt will er nicht mehr und was hab ich ihm alles gegeben‹. Es reute sie, daß sie dem Arzt so viel Kaffee, Zigaretten und Schnaps gegeben hatte. Ihr wurde immer übler. Sie mußte sich am Becken festhalten. Sie dachte ›ich muß mich übergeben, ich kotz ihm über seine Hände, über seine widerlichen roten Metzgerhände, wo diese Hände einem überall hinlangen, immer kurzgeschnittene Fingernägel, langen einem direkt ins Leben rein‹. Sie sagte: »Ich will aber nicht! Verstehen Sie, ich will nicht!« Sie würgte und brach in Tränen aus. ›Ihr wird gleich schlecht werdem, dachte Frahm. ›Sie sieht käsig aus.‹ Er schob ihr einen Stuhl hin. »Setzen Sie sich!« Er dachte ›hoffentlich wird sie nicht auch noch hysterisch, würd mich schön in die Nesseln setzen wenn ich ihr's wegmachen Da er den Stuhl angefaßt hatte, mußte er sich noch einmal die Hände einseifen. ›Werd ihr mal zureden, dachte er, ›hilft bei den Weibern immer, weinen sich aus und nachher sind sie glückliche Mütter.‹ Er sagte: »Nun seien Sie doch vernünftig. Ihr Freund ist ein guter Kerl. Ich sag Ihnen, der wird ein prima Vater. Der wird für Sie und für das Kind sorgen. Passen Sie nur auf, was das für ein hübsches Kind gibt. Verständigen Sie mich nur rechtzeitig; ich mach Ihnen die Geburt. Wir machen's schmerzlos. Sie spüren nichts, und nachher haben Sie das Baby.« - ›Ich werd's ihr an die Brust legen, dachte er, hoffentlich wird sie's liebhaben, sieht nicht so aus, armes Wesen, noch im Dunkeln und schon gehaßt, aber wenn der Vater drauf besteht, was kann ich tun? der Vater müßte das Leben doch kennen.‹ Sie dachte Washington dieser Schuft, Frahm dieser Schuft, das haben die beiden Schufte sich so ausgedacht, ich kann dabei drauf gehen ‹. Sie sagte: »Ich geh zu irgendwem.« Sie dachte ›zu wem? Frau Welz kennt sicher jemand, die Huren kennen sicher jemand, ich hätte den Huren die Zigaretten und den Kaffee geben sollen. - »Das werden Sie nicht tun«, sagte Frahm. »Nun machen Sie Schluß, Frau Carla. Das ist viel gefährlicher, als Sie denken. Nachher kann Ihnen niemand mehr helfen. Meinen Sie, ich schrubb mir die Pfoten zum Vergnügen? Oder weil mich ekelt? Mich ekelt schon lange nicht mehr.« Er wurde allmählich schlechter Laune. Die Frau hielt ihn auf; er konnte ihr nicht helfen. Sie dachte ›ich kotz ihm doch noch über seine Hände, da hätt er was Feines, hätt was Feines auf seinen Metzgerhänden, da könnt er Schrubbern. - »Ist alles nicht so tragisch«, sagte Frahm. ›Es ist der Tod‹, dachte Carla.

›Es ist entsetzlich‹, dachte Frau Behrend. Was sie für ein Pech hatte! Da war sie ausgegangen, um im Domcafe friedlich gemütlich mit den Damen zu plauschen, da war sie von der verlorenen Tochter gestört und aufgeregt worden, kein friedlich gemütlicher Plausch hatte sich ergeben, nur Schande und Verlorensein, Schande der Zeit und Verlorensein in Unordnung, Irrwegen und moralischen Abgründen, und während ihr so Unangenehmes widerfuhr und die Schande sie streifte - hätte sie nicht zu Hause bleiben können? in der Mansarde wäre es friedlich gemütlicher gewesen, in die Mansarde wäre Carla nicht gekommen war Besuch aus Amerika dagewesen, ein Verwandter, der Sohn von Wilhelm, der ihr Pakete geschickt hatte. Was war es für ein Pech! Die Lebensmittelhändlerin erzählte es ihr. Sie hatte Frau Behrend in den Laden gewinkt. Der junge Kirsch war dagewesen. Er hatte von den Paketen gesprochen. Und die Händlerin, das klatschsüchtige mißgünstige Weib - oh, Frau Behrend sah es ihr an, sie kannte sich aus -, die hatte natürlich alles ausgeschwätzt, hatte von Carla erzählt und von ihrem Neger, hatte sicher alles erzählt, was Frau Behrend ihr erzählt hatte, und dabei waren sie drüben in Amerika so streng mit den Negern, RASSENSCHANDE, ARISCHER NACHWEIS, ob Neger oder Jude, es war dasselbe, daß Carla das tun mußte, nie war so etwas vorgekommen in ihrer Familie, der Ariernachweis war lückenlos gewesen, und nun diese Schande! »Er erwartet Sie im Bräuhaus«, sagte die Händlerin. Im Bräuhaus? Das war doch Ausrede, Flucht und Abwendung. Der junge Kirsch kam von Amerika gereist, um Frau Behrend zu besuchen, um die deutsche Verwandte zu sehen, und dann bestellte er sie ins Bräuhaus. Das stimmte doch nicht! Die Händlerin wußte es! Sie hatte ihr den reichen amerikanischen Verwandten nicht gegönnt. Alle Amerikaner waren reich. Alle weißen Amerikaner waren reich. Die Händlerin hatte ihr schon die Lebensmittelpakete nicht gegönnt. Der junge Kirsch war sicher schon abgereist, war enttäuscht zurückgereist in den Reichtum und in die Anständigkeit Amerikas. Plötzlich gab Frau Behrend Carla die Schuld am Verschwinden des jungen Kirsch. Der junge Kirsch war vor der Unmoral geflohen, er war davongelaufen vor der Schande und der Verkommenheit. Er hatte sich von Carlas Verkommenheit und Schande zurückgezogen. Er hatte sich mit dem Reichtum Amerikas von der alten in Schande und Verkommenheit gesunkenen Familie in Deutschland losgesagt. Carla war schuld; sie allein war schuld. Die Händlerin hatte recht getan, als sie es erzählte. Die Händlerin war eine brave Frau. Die Händlerin gehörte zu den anständigen Leuten. Frau Behrend würde es auch erzählt haben, wenn sie eine solche Schande von jemandem gewußt hätte. Sie beugte sich weit über den Ladentisch. Ihre Brust streifte die Käseglocke, unter der ein Mainzer Handkäse langsam zerfloß. Frau Behrend flüsterte: »Sie haben es ihm gesagt?« - »Was denn?« fragte die Händlerin. Sie stemmte die Arme auf und blickte Frau Behrend herausfordernd an. Sie dachte ›paß auf, daß du bei mir noch deinen Zucker kriegst‹. Frau Behrend wisperte: »Das mit Carla.« Die Händlerin richtete ihren strengen entrüsteten Blick auf Frau Behrend, den Blick, mit dem sie schon viele Kunden gebändigt hatte, arme Kunden, Markenkunden, Normalverbraucher. ›Denkt ja nicht es könnte nicht wiederkommen, BAUERNVERBAND GEGEN NEUE BEWIRTSCHAFTUNG, GEWERKSCHAFTEN ERWÄGEN KONTROLLE DER WICHTIGSTEN NAHRUNGSMITTEL.‹ Die Händlerin sagte: »Was meinen Sie, Frau Behrend, wo werd ich denn!« Frau Behrend richtete sich wieder auf. Sie dachte ›sie hat es ihm erzählt, natürlich hat sie es ihm erzählte Die Händlerin lüftete die Käseglocke; die Zersetzung war schon fortgeschritten; ein Fäulnisgestank erhob sich.

Philipp dachte an die Oderbrücke. Es war eine Brücke unter Glas. Der Zug fuhr über die Brücke wie durch einen gläsernen Tunnel. Die Reisenden erbleichten. Das Licht fiel wie durch Milch gefiltert in den Tunnel; aus der Sonne wurde ein blasser Mond. Philipp rief: »jetzt sind wir unter der Käseglocke!« Philipps Mutter seufzte: »Wir sind wieder im Osten.« Die Brücke über die Oder war für Philipps Mutter der Übergang vom Westen zum Osten. Sie haßte den Osten. Sie seufzte, weil sie im Osten leben mußte, fern vom Glanz der Hauptstadt oder von den Festen des südlichwestlichen Faschings. Für Philipp bedeutete der Osten das Kinderland; er bedeutete Winterfreuden, die Katze am Ofen, Bratäpfel im Rohr; er bedeutete Frieden, er bedeutete Schnee, er bedeutete schönen, sanften, stillen, kalten Schnee vor dem Fenster. Philipp liebte den Winter. Doktor Behude strengte sich an, eine Glocke aus Optimismus und Sommerfreuden über Philipp zu bauen. ›Es wird ihm nie gelingen mich zurückzuführen, es wird ihm nicht gelingen mich zu ändern.‹ Philipp lag auf dem Patientenbett in Behudes verdunkeltem Behandlungszimmer. Er fuhr immer wieder über die Oder. Immer wieder saß er in einem Zug unter der Glocke der Brücke in einem bleichen verwandelten Licht. Seine Mutter weinte, aber Philipp fuhr in sein Kinderland, er reiste der Kälte, dem Frieden, dem Schnee entgegen. Behude sagte: »Es ist ein schöner Sommertag. Sie haben Urlaub. Sie liegen auf einer Wiese. Sie haben nichts zu tun. Sie sind ganz entspannt.« Behude stand im verdunkelten Zimmer wie eine sanfte Traumfigur über den liegenden Philipp gebeugt. Die Traumfigur hatte ihre Hand sanft auf Philipps Stirn gelegt. Philipp lag auf dem Bett des Arztes in einer Anspannung von Lachlust und Gereiztheit. Da strengte sich der liebe gute Behude so an, verbrauchte sein bißchen Kraft und dachte sich Ferien aus. Philipp machte sich nichts aus schönen Sommertagen. Er hatte keinen Urlaub. Er hatte noch nie in seinem Leben Urlaub gehabt. Das Leben beurlaubte Philipp nie. Man konnte es so sehen. Immer wollte Philipp etwas tun. Er dachte immer an eine große Arbeit, die er beginnen und die ihn vollkommen erschöpfen würde. Er bereitete sich in Gedanken auf diese große Arbeit vor, die ihn anzog und erschreckte. Er konnte mit Recht sagen, die Arbeit lasse ihn nicht los; sie quälte und beglückte ihn, wo er ging und wo er stand und selbst wenn er schlief; er fühlte sich zu dieser Arbeit aufgerufen; aber er tat nie oder nur sehr selten wirklich etwas; er versuchte es nicht einmal. Und so betrachtet, war sein Leben bisher ein einziger langer Urlaub gewesen, ein schlecht verbrachter Urlaub, ein Urlaub bei schlechtem Wetter, in schlechten Unterkünften, in schlechter Gesellschaft, ein Urlaub mit zu wenig Geld. »Sie liegen auf einer Wiese -« Er lag auf keiner Wiese. Er lag auf dem Patientenbett bei Behude. Er war nicht verrückt. Wieviele Irre, wieviele Hysteriker und Neurotiker mochten schon vor ihm auf diesem Entspannungsbett gelegen haben? Immer hatte Behude seinen Patienten schöne Urlaubstage vorgeträumt: Urlaub vom Wahn, Urlaub von der Einbildung, Urlaub von der Angst, Urlaub von der Sucht, Urlaub von den Konflikten. Philipp dachte ›soll ich träumen? ich träume nicht Behudes Traum, Behude sucht auf dem Grunde unseres Seins einen normalen Angestellten zu finden, ich hasse Wiesen, warum soll ich auf einer Wiese liegen? ich liege nie auf einer Wiese, die Natur ist mir unheimlich , die Natur beunruhigt, ein Gewitter beunruhigt mit dem Wechsel der elektrischen Spannung auf der Haut und in den Nerven, es gibt nichts Böseres als die Natur, nur der Schnee ist schön, der leise der freundliche der sanft fallende Schnee‹. Behude sagte: »Sie sind nun völlig entspannt. Sie ruhen aus. Sie sind glücklich. Keine Sorgen können Sie erreichen. Keine schweren Gedanken belasten Sie. Sie fühlen sich richtig wohl. Sie schlummern. Sie träumen. Sie träumen nur angenehme Träume.« Behude zog sich auf Zehenspitzen von Philipp zurück. Er ging in das nicht abgedunkelte Nebenzimmer, in das Zimmer der von Behude nur ungern angewandten, der gröberen psychiatrischen Methoden. Schalttafeln und Elektrisiermaschinen hätten hier Emilia erschreckt, die eine entsetzliche Furcht vor Ärzten hatte und sie alle für Sadisten hielt. Behude setzte sich an seinen Schreibtisch und nahm Philipps Blatt aus der Patientenkartei. Er dachte an Emilia. Er dachte ›sie sind kein normales Ehepaar aber sie sind doch ein Ehepaar, ich halte ihre Ehe sogar für ganz unlöslich obwohl sie zunächst betrachtet mehr eine Perversität als eine Ehe ist, von Philipp und von Emilia war es pervers sich auf eine Ehe einzulassen, aber grade daß sie beide nicht für eine Ehe taugen kittet sie zusammen, ich möchte sie gern zusammen psychotherapeutisch beeinflussen, gemeinsame Heilung des einen durch den andern, aber wozu? wovon will ich sie heilen? sie sind ja so wie sie sind glücklich, wenn ich sie geheilt hätte würde Philipp eine Stellung an einer Zeitung annehmen und Emilia würde mit andern Männern schlafen, lohnte das die Behandlung? ich müßte mehr Sport treiben, ich denke zuviel an Emilias infantile Reize, mit mir wird sie nicht schlafen, bis sie geheilt ist schläft sie nur mit Philipp, Emilia und Philipp leisten sich die Perversität einer normalen Ehe mit Eifersucht Bindung und Treue‹.

Emilia erkannte Edwin gleich. Sie wußte, daß dieser Mann mit dem schönen schwarzen Hut, der etwas von einem alten Lord an sich hatte, etwas von einem alten Geier und etwas von einem alten Zuhälter, einer von Philipps Dichtern war. Sie erinnerte sich dann an eine Photographie Edwins, die Philipp eine Zeitlang an seinem Arbeitsplatz über dem Stoß des weißen unbeschriebenen Papiers an die Wand geheftet hatte. Emilia dachte ›das ist also Edwin der große preisgekrönte Schriftsteller, so einer wie Edwin möchte Philipp werden, vielleicht wird er es, ich hoffe und ich fürchte es, wird Philipp dann wie Edwin aussehen? so alt? so vornehm? ich glaube er wird weniger vornehm aussehen, er wird weniger wie ein Lord und auch weniger wie ein Geier aussehen, wie ein alter Zuhälter wird er vielleicht aussehen, früher sahen die Dichter anders aus, ich möchte nicht daß Philipp Erfolg hat, wenn er Erfolg hätte, könnte er mich verlassen, ich möchte aber doch daß er Erfolg hätte, er müßte so viel Erfolg haben daß wir wegfahren könnten und immer Geld hätten, wenn wir aber auf diese Weise zu Geld kämen hätte Philipp das Geld, ich möchte nicht daß Philipp das Geld hat, ich möchte das Geld haben ‹. Emilia kannte sich ganz gut. Sie wußte, daß sie Philipp, wenn es ihr doch noch gelänge, eins ihrer Häuser zu verkaufen, daß sie dann Philipp ein reichliches Taschengeld geben, daß sie ihn aber immer bei seinen verzweifelten Versuchen, zu arbeiten und das lange geplante Buch zu schreiben, stören würde. ›Ich würde vor keiner Gemeinheit zurückschrecken, ich würde so schlimm wie noch nie sein, ich würde ihm keine ruhige Stunde lassen, der arme Philipp, er ist so gut.‹ Oft überfiel sie Rührung, wenn sie an Philipp dachte. Sie überlegte, ob sie versuchen sollte, Edwin kennenzulernen. Es war eine Gelegenheit, die sich Messalina nicht hätte entgehen lassen. ›Sie hätte versucht ihn auf ihre Party zu schleppen, armer Edwin‹, Emilia würde Edwin auf kein Fest führen. Aber sie dachte, daß es Philipp verblüffen würde, wenn sie ihm erzählen könnte, daß sie Edwin kennen gelernt hätte. Edwin kramte im Laden von Frau de Voss unter den Antiquitäten. Er betrachtete Miniaturen. Er hatte feine lange, am Ansatz des Gelenks stark behaarte Hände. Er betrachtete die Miniaturen durch eine Lupe, was ihm noch mehr das Gesicht eines Geiers gab. Frau de Voss zeigte Edwin eine Rosenholzmadonna. Die Madonna hatte Philipp gehört. Emilia hatte sie Frau de Voss verkauft. Edwin betrachtete die Madonna durch die Lupe. Er fragte nach dem Preis der kleinen Madonna. Frau de Voss flüsterte den Preis. Emilia sollte den Preis nicht hören. ›Sie wird wahnsinnig aufgeschlagen haben‹ dachte Emilia. Edwin stellte die schöne Rosenholzplastik wieder auf den Tisch. Emilia dachte ›er ist geizig‹. Frau de Voss wandte sich, von Edwin enttäuscht, an Emilia: »Was bringen Sie, Kindchen?« Sie nannte Emilia immer Kindchen. Frau de Voss begegnete Kunden, die etwas verkaufen wollten, mit der Herablassung einer früheren Hofdame und der Strenge einer Lehrerin. Emilia stotterte etwas. Sie schämte sich, vor Edwin das lächerliche schottische Plaid zu öffnen. Dann dachte sie › war um schäm ich mich? wenn er mehr Geld hat als Philipp hat er eben Glück gehabte Sie reichte Frau de Voss eine Tasse. Es war eine Tasse der Berliner Manufaktur. Die Tasse war innen vergoldet und zeigte außen ein Miniaturbildnis Friedrichs des Großen. Frau de Voss nahm die Tasse und stellte sie auf ihren Schreibsekretär. Emilia überlegte ›jetzt handelt sie nicht mit mir, sie muß jetzt ihr freundliches Gesicht zeigen weil Edwin da ist, erst nachher wird sie mir ihr wahres Gesicht zeigen‹. Edwin fand unter den Antiquitäten nichts, was ihn interessiert hätte. Alles in diesem Laden war zweitrangig. Die kleine Madonna war zu teuer. Edwin kannte die Preise. Er war kein Sammler, aber hin und wieder kaufte er eine Altertümlichkeit, die ihm gefiel. Er war aus Langeweile in den Laden der Frau de Voss gekommen. Er hatte sich in dieser Stadt plötzlich gelangweilt. Wenn man am Nachmittag durch ihre Straßen ging, war die Stadt weder besonders traditionsreich noch abgründig. Sie war gewöhnlich, eine Stadt mit gewöhnlichen Menschen. Vielleicht würde Edwin den Nachmittag in dieser Stadt in seinem Tagebuch beschreiben. Das Buch sollte nach seinem Tode erscheinen. Es sollte die Wahrheit enthalten. Im Licht der Wahrheit würde der Nachmittag in dieser Stadt nicht mehr gewöhnlich sein. Edwin nahm Emilias Tasse in die Hand. Er betrachtete das Bild Friedrichs des Großen. Die Tasse gefiel ihm. ›Ein schönes Gesichts dachte Edwin, ›Geist und Kummer, seine Gedichte seine Kriege und seine Politik waren Krampf, aber er hat Voltaire ausgehalten, und Voltaire hat recht böse über ihn geschriebene Er erkundigte sich nach dem Preis der Tasse. Frau de Voss machte eine verlegene Geste zu Emilia hin und versuchte Edwin in eine Art Alkoven hinter den Laden zu ziehen. Emilia dachte ›sie ärgert sich, wenn ich erfahre was Edwin zahlt, kann sie mich schlecht mit dem abspeisen was sie mir geben will‹. Die Verlegenheit der Händlerin belustigte Emilia. Sie dachte › komisch, daß Edwin so auf die Sachen aus ist die Philipp gefallene Edwin durchschaute das Spiel der Händlerin. Es interessierte ihn nicht. Aber er ging nicht mit Frau de Voss in den Alkoven. Er stellte die Tasse wieder auf den Sekretär; wie plötzlich von ihr angewidert, stellte er sie wieder auf den Sekretär. Er wandte sich zum Gehen. Emilia überlegte, ob sie die Tasse nehmen und sie Edwin auf der Straße anbieten sollte. Aber sie dachte ›das ist Bettelei und die de Voss würde das ewig verstimmen, jetzt wird sie mir sehr wenig geben, schon aus Wut, aber Edwin hat mich überhaupt nicht beachtet, er hat mich so wenig beachtet wie man einen alten häßlichen Stuhl beachtet, ich war für Edwin nichts als ein alter häßlicher Stuhl, ich hasse die Literaten, die arroganten Kerle‹. Edwin dachte, schon auf der Straße, ›sie war arm, sie hatte Angst vor der Händlerin, ich hätte der jungen Frau helfen können, aber ich half ihr nicht, warum stand ich ihr nicht bei? das wäre zu untersuchen‹. Edwin wird die Tasse und Emilia in seinem Tagebuch erwähnen. Es wird im Licht der Wahrheit geschehen. Im Licht der Wahrheit wird Edwin untersuchen, ob er an diesem Nachmittag ein guter oder ein böser Mensch war. Das Licht der Wahrheit wird in jedem Fall Edwin, Emilia und Friedrich den Großen verklären.

Keine Verklärung, keine Aufklärung, kein Licht der Wahrheit. Wo lag Philipp? Im verdunkelten Zimmer. ›Er läßt mich träumen, kleiner Traumdoktor kleiner Psychotherapeut, sitzt nebenan und füllt meine Karteikarte aus, meine Traumkarte, kleiner Psychobürokrat, trägt ein: Philipp träumt, träumt von Wiesen, Urlaub und Sommerglück, laß doch die Wiesen, ich bin bei Frau Holle eingeladen, sie schüttelt den Schnee aus den Betten den kühlen sanften den stillfrohen den friedlichen Schnee, der gemütliche Kachelofen, eine Katze buckelt und schnurrt, die Bratäpfel brutzeln im Rohr, ich kleide Puppen für das Theater an, ich kleide sie für meine kleine Bühne auf der Ofenbank an, es ist schön Theater zu spielen, aber das Wichtigste ist doch das Zurechtmachen der Puppen, eine Puppe wird wie Emilia angezogen, eine Puppe wie die kleine Amerikanerin mit den grünen Augen, sie könnte den Don Gil spielen den Don Gil von den grünen Hosen, keck grüne Hosen grüne Augen frisch munter SANELLA IMMER FRISCH einen Degen in der Hand, mein kleiner Liebhaber, oder bist du der junge der auszog das Fürchten zu lernen? zum Jungen fehlt dir ein kleines Ding, Trauer für deine Freundinnen, aber das Fürchten kannst du lernen, wie soll man Emilia kleiden? sie ist Ophelia das-arme-Kind-von-ihren-Melodien-hinunter-gezogen-in-den-schlammigen-Tod, als ich vierzehn war, sagte ich mir den Hamlet auf, sterben-schlafen-vielleicht-auch-träumen Pubertätsschmerz, nun träum ich beim kleinen Behude, soll ich ihm meinen Hamlet zeigen? er erwartet immer Unanständiges erotische Konfessionen, möchte ein kleiner Beichtvaterersatz sein, ich kann den Hamlet noch, ich habe ein gutes Gedächtnis, für alles, was damals war, habe ich ein vorzügliches Gedächtnis, der See vor unserm Haus, er war zugefroren vom Oktober bis Ostern, die Bauern fuhren mit ihren Holzschlitten über den See holten die schweren Bäume aus den Wäldern gefällte Riesen, Eva, ihre Pirouetten auf dem Eis, die frostklirrende Sonne, Eva lief für mich ohne Strümpfe, es regte mich auf, ihre Mutter war empört, fürchtete eine Eierstockentzündung, sagte es natürlich nicht, dachte wir wüßten nicht was das sei, vergaß das Lexikon, sie sah wie eine Gluckhenne aus putt-putt-putt, Emilia geht nicht aufs Eis, findet Sport albern, lachte sich tot als Behude ihr sagte sie solle Tennis spielen, Emilia läuft durch die Stadt, Lene-Levi-lief-besoffen-nächtlich: wo gehört? in der prähistorischen Zeit am Kurfürstendamm, später marschierte SA, Katzen sollen die Welt anders sehen als wir: nur braun oder gelb, Emilia sieht eine Althändlerstadt eine schmutzfarbene Stadt mit schmutzigen Händlern, sie ist auf der Geldjagd, ihr Dämon hockt ihr im Nacken, sie schleppt ihr Lord-Reise-Plaid zu den Tandlern steigt in ihre Keller steigt hinunter zu Schlangen Fröschen und Lurchen, Hercules schlug die Hydra, Emilias Hydra hat mehr als neun Köpfe, sie hat dreihundertfünfundsechzig Köpfe im Jahr, dreihundertfünfundsechzig Mal gegen das Ungeheuer Geldlosigkeit, sie verkauft was in unserer Wohnung steht, läßt sich von den Lurchen anlangen, es ekelt sie, aber sie treibt Geld auf, nachher vertrinkt sie's, steht im Stehausschank wie jeder Süffel, immer noch ein Gläschen, «Prost, Herr Nachbar», die andern Süffel halten sie für 'ne Nutte, «schlechtes Geschäft heute auf der Straße?» - «schlechtes Geschäft» - «bei dem Wetter» - «bei dem Wetter» - «wie war's denn?» - «war was?» - «mit uns beiden» - «geht nicht» - «bist du?» - «bin» - «Scheißleben» - «trink einen», bald wird sie wie Messalina aussehen, kleiner, zarter, aber doch wie Messalina die Suffvisage die großporige fleckige Haut, Messalina lockt Emilia zu ihren Parties, will sie Alexander vorwerfen dem Erzherzogfrauentraum oder den kessen Vätern, wundert sich daß Emilia nicht kommt, Emilia macht sich nichts aus Orgien sie macht sich nichts aus Messalmas Verzweifelten, Emilia ist für sich verzweifelt braucht keine andere Verzweiflung, sie sagt sie renne für mich durch die Stadt, damit ich mein Buch schreiben könne, haßt mich dafür wenn sie nach Hause kommt, wenn ich was geschrieben hätte, würd sie's zerreißen, Emilia meine Ophelia: o-pâle-Ophélia-belle-comme-la-neige, ich liebe dich aber du trenntest dich besser von mir, du wirst auch allein untergehen, du wirst von deinen Häusern erschlagen werden, du liegst schon lange unter deinen Häusern begraben, du bist nur noch ein kleines zartes tobendes versoffenes Gespenst der Verzweiflung, meine Schuld? ja, meine Schuld, jedermanns Schuld, alte Schuld, Urväterschuld, Schuld von weither, wenn sie tobt schreit sie ich sei ein Kommunist, hat es dazu gelangt? es hat nicht dazu gelangt, ich hätte Schriftsteller sein können, ich hätte auch Kommunist sein können, alles verfehlt, Kisch sagte im Romanischen Café »Genosse« zu mir, ich sagte »Herr Kisch«, ich mochte ihn: Kisch rasender Reporter wohin raste er? ich verabscheue die Gewalt, ich verabscheue die Unterdrückung, ist das Kommunismus? ich weiß es nicht, die Gesellschaftswissenschaft: Hegel Marx: die Dialektik die marxistisch-materialistische Dialektik - nie begriffen, Gefühlskommunist: immer auf der Seite der Armen sinnlos empört, Spartakus Jesus Thomas Münzer Max Hölz, was wollten sie? gut sein, was geschah? man tötete sich, kämpfte ich in Spanien? mir schlug die Stunde nicht, ich drückte mich durch die Diktatur, ich haßte aber leise, ich haßte aber in meiner Kammer, ich flüsterte aber mit Gleichgesinnten, Burckhardt sagte mit Leuten seiner Art sei kein Staat zu machen, sympathisch, aber mit Leuten dieser Art ist auch kein Staat zu stürzen, keine Hoffnung, für mich nicht mehr, Behude sagt für mich gäbe es Hoffnung, Rilke-Lyrik: von-einer-Kirche-die-im-Osten-steht, verschwommen, kein Weg, der Osten in mir: die Kinderlandschaft, meine recherche-du-temps-perdu, suchet-so-werdet-ihr-finden, Gerüche, die Bratäpfel, Geräusche, das knisternde Fell der Katze, das Knirschen der Kufen der Holzschlitten auf dem Eis, die einsam auf dem See ihre Pirouetten tanzende nacktbeinige Eva: Schnee Frieden Schlaf -‹

Schlaf, aber keine Heimkehr, keine Einkehr, ein Fall, ein Gefälltwerden. Wie ein schwerer Stein ins Wasser, massig, empfindungslos, sank Alexander in seiner Wohnung in Schlaf. Im Darsteller des Erzherzogs lebte kein Traum. Er hatte sich unausgezogen auf ein Sofa geworfen; hier hatte in der Nacht die tribadische Alfredo gelegen; in Alexander war keine Wollust. Er war nur müde. Er hatte es satt. Satt die Erzherzogrolle. Satt die blödsinnige Sprechwalze des Erzherzogs. Satt das geborgte Heldentum. Was tat er im Krieg? Er spielte. Er war reklamiert. Was spielte er? Ritterkreuzheldenflieger. Er stürzte viermal glücklich ab, nachdem seine Feinde und Rivalen weniger glücklich im Staub zerschmettert lagen. Er hatte nie in einem fliegenden Flugzeug gesessen. Er fürchtete sich schon, wenn er eine Verkehrsmaschine benutzen sollte. Als die Bomben fielen, hockte er im Ad1on-Diplomaten-Bunker. Das war ein Bunker für feine Leute. Landser auf Urlaub wurden nicht rein-gelassen. Der Bunker hatte zwei Etagen. Alexander saß in der zweiten: der Krieg rückte fern. Nach dem Angriff räumten Hitler jungen auf der Straße den Schutt weg. Im Schutt gruben die jungen nach Verschütteten. Sie baten Alexander um ein Autogramm. Sie baten Alexander den Helden, Alexander den Tollkühnen. Man verwechselte Alexander mit seinem Schatten. Es machte ihn schwindlig. Wer war er? Ein draufgängerisch - treu - sentimental - kühner - Helden - Potenter? Er hatte es satt. Er war müde. Er war ausgeheldet. Er war wie ein ausgenommener Kapaun: fett und hohl. Sein Gesicht trug den Ausdruck der Dummheit: es war abgeschminkt, es war leer. Sein Mund stand offen, und durch das blendendweiße Gebiß der Jacketkronen drang ein Schnarchen aus Dumpfheit und Übelkeit, aus träger Verdauung und mattem Stoffwechsel. Hundertsechzig Pfund Menschenfleisch lagen auf dem Sofa, noch hingen sie nicht am Haken des Metzgers, aber für den Augenblick, da der Witz abgeschaltet war, der Strom der Geistreichelei und des Witzeins, der in diesem Leib die Funktionen der Seele übernommen hatte, war Alexander nicht mehr als Metzgerfleisch, und davon hundertsechzig Pfund. Hillegonda kam in das Zimmer getrippelt. Sie hatte das Auto mit Alexander vorfahren hören, und für eine Weile brachte sie den Mut auf, sich von Emmis Hand zu lösen und allein in die Welt voll Sünde zu gehen. Hillegonda wollte Alexander fragen, ob Gott wirklich böse sei, ob Gott auf Hillegonda, auf Alexander und auf Messalina böse sei. Auf Emmi sei Gott nicht böse. Aber vielleicht war es eine Lüge von Emmi. »Pappi, darf Emmilein lügen?« Das Kind erhielt keine Antwort. Vielleicht war Gott gerade auf Emmi böse. Emmi war immer vorgeladen bei Gott. Schon ganz früh, wenn der Tag dämmerte, mußte sie in Gottes dunkle Gerichtssäle gehen. Alexander war auch mal vorgeladen. Zur Steuer war er vorgeladen gewesen. Er hatte Angst gehabt. Er hatte gerufen »die Rechnung stimmt ja nicht!« Stimmte vielleicht Emmis Rechnung nicht? Das Kind quälte sich. Es hätte mit Gott gerne besser gestanden. Es konnte doch sein, daß Gottes Verstimmung gar nicht Hillegonda galt. Aber der Vater sagte nichts. Er lag da wie tot. Nur das Röcheln, das Schnarchen, das aus dem offenen Mund drang, zeigte, daß er lebte. Hillegonda wurde von Emmi gerufen. Sie mußte zurück an Emmis FI and. Emmi war wieder vorgeladen. Sie mußte schon wieder niederknien, auf Fliesen knien, auf kalten harten Fliesen, sie mußte sich vor Gott in den Staub beugen.

Die Heiliggeistkirche gab dem Heiliggeistplatz, dem Heiliggeistspital und der Heiliggeistwirtschaft den Namen. Die Wirtschaft war verrufen. Wo waren sie hingeraten? Als Josef noch klein war, hatten sich Marktleute in der Wirtschaft getroffen. Die Marktleute kamen mit Pferd und Wagen in die Stadt gefahren, und Josef half ihnen beim Aus-und Einspannen. Damals war das alte Viertel um die Heiliggeistkirche das Herz der Stadt gewesen. Später hatte sich das Stadtzentrum verlagert. Die alte Gegend starb. Der Markt starb. Der Platz, die Häuser, das Spital, die Kirche wurden im Krieg bombardiert, als sie schon lange gestorben waren. Ruinen blieben. Niemals würde jemand das Geld haben, diese Ruinen wieder herzurichten. Die Gegend wurde ein Schlupfwinkel. Die kleinen Diebe trafen sich hier, die schäbigen Zuhälter, die billigen Dirnen. Wo waren sie hingeraten? Es war Josefs Erzheimat, sein Spielviertel, sein Kinderarbeitsviertel, die Kirche seiner ersten Kommunion. Wo waren sie hingeraten? Sie saßen in der Wirtschaft. Die Wirtschaft war voll, lärmvoll; eine schwere warme Luft aus Dunst, Gestank und Rauch füllte den Raum, blähte sich im Raum wie Gas in einem halbschlaffen Ballon. Wo waren die Marktleute geblieben? Die Marktleute waren tot. Sie lagen in ihren Gräbern auf ihren Dorffriedhöfen neben den weißen Kirchen. Ihre Pferde, die Josef schirrte, hatte der Schinder geholt. Josef und Odysseus tranken Schnaps. Odysseus nannte den Schnaps Gin. Der Schnaps war Steinhäger. Es war ein fuseliger verfälschter Steinhäger. Im Musikkoffer auf Josefs Schoß sang ein Chor she-was-a-nice-girl. Wie kamen sie hierher? Was wollten sie hier? Der kleine Josef hatte um Milch gebettelt. Die Bäuerin hatte ihm Milch in den Krug gefüllt. Josef war über den Platz gelaufen und hingefallen. Der Krug war zerbrochen. Die Milch war verschüttet. Josefs Mutter schlug Josef. Sie schlug ihm mit harten Schlägen die Ohren. Das Leben der Armen ist hart; sie machen sich das Leben immer noch härter. She-was-a-nice-girl. Was wollten sie hier? Sie rechneten ab. Odysseus entlohnte Josef. Er zog seine Brieftasche. Die Griechen hatten ihn nicht betrügen können. Odysseus gab Josef fünfzig Mark: großer herrlicher König Odysseus. Josef betrachtete den Schein blinzelnd durch seine Brille. Er faltete das Geld zusammen, legte es sorgsam zwischen die Seiten eines schmutzigen Notizbuches und steckte das Buch in die Brusttasche seiner Dienstmannsbluse. Der Fremdenverkehr hatte sich wieder einmal gelohnt. Es wurde ausgemacht, daß Josef noch bis zum Abend Odysseus begleiten sollte, daß er ihm den Musikkoffer tragen sollte, bis Odysseus mit einem Mädchen in der Nacht verschwinden würde. She-was-a-nice-girl. Großer Odysseus. Er blickte in den Nebel aus Schweiß, Unsauberkeit, Bratwurstrauch, Tabak Schwaden, Alkoholdunst, Pißgeruch, Zwiebelbeize und schalem Menschenatem. Er winkte Susanne heran. Susanne war eine Blüte von Guerlainduft in einer Unratgrube. Sie wollte in der Grube sitzen. Sie wollte heute richtig in der Unratgrube sitzen, in die sie gehörte. Sie war von den feinen Leuten enttäuscht. Verdammte ekelhafte geizige Schweine. Alexander hatte sie eingeladen, der berühmte Alexander. Wer glaubte es ihr? Niemand. War er zu ihr gekommen, hatte er sie erwählt aus der Schar der Mädchen, er, von dem die Frauen träumen? Wer glaubte es? Hatte sie mit Alexander geschlafen? Ein Grunzen, ERZHERZOGLIEBE EIN ERLEBNIS AUCH FÜR SIE, die Schweine hatten gesoffen, sie hatten gesoffen wie die Schweine. Und dann? Kein Gott der sich offenbarte. Kein Alexander der sie umarmte. Kein Held der sie rettete. Frauen. Susanne war geschlagen worden. Frauen hatten sie geschlagen. Und weiter? Küsse Streicheln Berührungen Hände an ihren Schenkeln. Frauen hatten sie geküßt gestreichelt berührt, Frauenhände lagen heiß und trocken auf ihren Schenkeln. Und Alexander? Erloschen trägeschwer lidverschwollen, Blicke aus toten gläsernen Augen. Sahen die Augen etwas? nahmen sie etwas wahr? Wo lachte und liebte Alexander? wo diente er Frauen und hob sie zu sich empor? Im Thaliapalast, Ecke Schillerplatz und Goethestraße, fünf Vorstellungen am Tag. Wo schnarchte Alexander? wo hing er wie leblos über dem Sessel und hing sein Fleisch? Zu Hause wenn er sich Mädchen eingeladen hatte. Was schenkte man Susanne nach dieser Nacht? Man vergaß es, ihr was zu schenken. Susanne dachte mach Alexander ein Nigger, ich bin nicht schwul, ich bin ganz gesund‹. Sie ging träge, die Zigarette in der Hand, zu Odysseus hinüber. Der Parfümduft aus Messalinas Flasche begleitete sie in der schweren gestankdünstenden Luft des Lokals wie eine isolierte und isolierende, andersartig schwere anderweis dünstende Wolke. Susanne schob Josef und den singenden Koffer auf der glatten von vielen Hintern abgewetzten und glatt und blank gescheuerten Bank beiseite. Sie drängte den Koffer und den alten Mann wie zwei tote Dinge zur Seite, und der alte Mann war die wertlosere Sache. Den Koffer konnte man verkaufen. Josef konnte man nicht mehr verkaufen. Susanne war Kirke und die Sirenen, sie war es in diesem Augenblick, sie war es eben geworden, und vielleicht war sie auch noch Nausikaa. Niemand im Lokal merkte, daß andere in Susannes Flaut steckten, uralte Wesen; Susanne wußte nicht, wer alles sie war, Kirke, die Sirenen und vielleicht Nausikaa; die Törichte hielt sich für Susanne, und Odysseus ahnte nicht, welche Damen ihm in dem Mädchen begegneten, junge Haut umspannte Susannes Arm. Odysseus fühlte den Puls, er fühlte den Blutschlag dieses Arms in seinem Nacken. Der Arm war kühl und sommersprossig, ein Knabenarm, doch die Hand, die nach der Umschlingung des Nackens Odysseus’ Brust berührte, war warm, weiblich und geschlechtlich, she-was-a-nice-girl -

Sie liebte Juwelen. Der Rubin ist das Feuer die Flamme, der Diamant das Wasser der Quell die Welle, der Saphir die Luft und der Himmel, und der grüne Smaragd ist die Erde, das Grün der grünenden Erde, das Grün der Wiesen und der Wälder. Emilia. liebte den funkelnden Glanz, sie liebte die schillernde Pracht der kalten Brillanten, das warme Gold, die Götteraugen und die Tierseelen der Farbsteine, die Märchen des Orients, das Stirndiadem der heiligen Elefanten, AGA KHAN MIT EDELSTEINEN AUFGEWOGEN, TRIBUT DER GLÄUBIGEN, INDUSTRIEDIAMANTEN KRIEGSWICHTIG. Es war nicht die Höhle die Aladin fand. Keine Wunderlampe brannte. Herr Schellack, der Juwelier, sagte: »Nein.« Sein gewaltiges Kinn war mit Puder geglättet. Er hatte ein Gesicht wie ein Mehlsack. Hätte Emilia die Wunderlampe des hübschen Aladin besessen, der Sack wäre geplatzt, ein böser Geist, der Wächter der Schätze, entschwunden. Was hätte Emilia getan? Sie hätte das Plaid mit Gold und Edelsteinen gefüllt. Keine Angst, ihr Juweliere, es gibt keinen Zauber; es gibt Pistolen und Totschläger, doch Emilia wird sie nicht gebrauchen, auch habt ihr eure Alarmanlagen, die aber nicht vor dem Teufel schützen, der euch holen wird. Herr Schellack blickte wohlwollend auf Kay, eine vielversprechende Kundin, eine junge Amerikanerin, vielleicht Rockefellers Enkelkind. Sie betrachtete Korallen und Granaten. Der alte Schmuck lag auf Samt gebettet. Er erzählte von den Familien die ihn besessen, von den Frauen die ihn getragen hatten, er berichtete von der Not die ihn verkaufen mußte, es waren kleine Maupassantgeschichten die er erzählte, aber Kay hörte nicht zu, sie dachte nicht an unter der Wäsche in der Kommode versteckte Schmuckschatullen, nicht an Geiz Erbschaften und Leichtsinn, nicht an den Hals schöner Frauen, nicht an ihre vollen Arme, ihre feinen Handgelenke, nicht an die einst gepflegten Hände, die manikürten Fingernägel, nicht an den Hunger der mit Augen das Brot im Fenster des Bäckers verschlingt, sie dachte ›wie schön ist die Kette, wie funkelt der Reif, wie glitzert der Ring, wie leuchtet das Geschmeiden Mondbleich, aus Perlen, Email und diamantenen Rosen gefügt, lag das Geschmeide vor Schellack, dem Gepuderten, und wieder sagte er, wieder zu ihr gewandt, der Glanz des Wohlwollens, der für Kay geleuchtet hatte, war erloschen, wie ausgeknipst, eine ausgeknipste mattierte Glühbirne, wieder: »Nein.« Herr Schellack wollte das Geschmeide nicht kaufen. Das sei Großmutterschmuck, sagte er. Es war Großmutterschmuck, Geheimer Kommerzienratsschmuck; Großmutterschliff, Großmutterfassung, Geschmack der achtziger Jahre. Und die Diamantrosen? »Nichts wert! Nichts wert!« Herr Schellack hob die kurzen Arme, die dicken Hände, Hände wie zwei fette Wachteln; es war eine Geste, die fürchten ließ, Herr Schellack würde versuchen zu fliegen, er würde versuchen, vor lauter Bedauern und Enttäuschung davonzufliegen. Hörte Emilia ihm zu? Sie hörte ihm nicht zu. Sie sah ihn nicht mal an. Seine Gesten entgingen ihr. Sie dachte ›wie nett sie ist, sie ist sehr nett, sie ist ein wirklich nettes Mädchen, sie ist das nette Mädchen das ich vielleicht hätte werden können, sie freut sich daß alles so schön rot ist, rot wie Wein rot wie Blut rot wie junge Lippen daß es so glitzert und funkelt, noch überlegt sie nicht daß sie nichts für den Schmuck bekommen wird wenn sie ihn einmal verkaufen muß, ich weiß Bescheid, ich kenne mich aus, ich bin ein alter Handelsmann, ich liebe die bunten Steine aber ich würde sie mir nie kaufen, sie sind eine unsichere Anlage zu sehr der Mode unterworfen, nur Brillanten geben einige Sicherheit, der neueste Schliff der Parvenügeschmack triumphiert, und Gold eben, reines Gold, das sich hinzulegen hat Sinn, solange ich Gold und Brillanten habe brauche ich nicht zu arbeiten, ich will nicht vom Wecker geweckt werden, ich will nie sagen «verzeihen Sie, Herr Bürovorsteher, entschuldigen Sie, Herr Werkmeister, ich habe die Straßenbahn versäumt», dann hätte ich die Straßenbahn versäumt, wenn ich das je sagen müßte, die Bahn meines Lebens, nie! nie! nie! und du meine Schöne und Nette, du mit deinen Korallen und Granaten, Herr Schellack wird viel von dir verlangen für die Ringlein und Kreuzlein, für die Kettchen und die Anhänger, aber geh mal zu ihm, meine Süße, komm mal und biete ihm dasselbe Ringchen, dieselbe Kette an, tu's doch, biet sie ihm an, er wird dir sagen, daß deine hübschen Granaten und Korallen nichts wert sind, garnichts, da lernst du's, da weißt du's, du Unschuldslamm, du Unverschämte aus Amerika‹. Emilia nahm ihr Geschmeide vom Ladentisch zurück. Herr Schellack sagte mit trägem Lächeln: »Ich bedaure, gnädige Frau.« Er dachte, sie würde gehen. Er dachte ›schade, so kommt die Kundschaft herab, ihre Großmutter hat den Schmuck bei meinem Vater gekauft, sie wird zweitausend Mark gezahlt haben, zweitausend in Gold‹. Emilia aber ging nicht. Sie suchte die Freiheit. Für einen Augenblick wenigstens wollte sie frei sein. Sie wollte frei handeln, eine freie Tat tun, die von keinem Zwang und keiner Notwendigkeit bestimmt und mit keiner Absicht verbunden war, außer der Absicht, frei zu sein; doch auch dies war keine Absicht, es war ein Gefühl, und das Gefühl war eben da, ganz absichtslos. Sie ging zu Kay und sagte: »Lassen Sie die Korallen und Granaten. Sie sind rot und hübsch. Aber diese Perlen und Diamanten sind hübscher; auch wenn Herr Schellack behauptet, sie seien zu altmodisch. Ich schenke sie Ihnen. Ich schenke sie dir, weil du nett bist.« Sie war frei. Ein unerhörtes Gefühl von Glück durchströmte Emilia. Sie war frei. Das Glück würde nicht währen. Aber für den Augenblick war sie frei. Sie befreite sich, sie befreite sich von Perlen und Diamanten. Im Anfang hatte ihre Stimme gezittert. Aber jetzt jubelte sie. Sie hatte es gewagt, sie war frei. Sie legte Kay den Schmuck an, sie knüpfte ihr die Kette im Nacken zu. Und auch Kay war frei, sie war ein freier Mensch, unbewußter als Emilia, war sie vielleicht um so selbstverständlicher frei, sie trat zum Spiegel, betrachtete sich lange mit dem ihr umgetanen Geschmeide, beachtete nicht Schellack, der offenen Mundes protestieren wollte und nicht die Worte fand, und sagte: »Ja. Es ist herrlich! Die Perlen, die Diamanten, das Geschmeide. Es ist wunderschön!« Sie wandte sich zu Emilia und sah sie mit ihren grünen Augen an. Kay war unbefangen, während Emilia doch etwas erregt war. Aber beide Mädchen hatten die herrliche Empfindung zu rebellieren, sie fühlten das wunderbare Glück, gegen Vernunft und Sitte zu rebellieren. »Du mußt auch etwas von mir nehmen«, sagte Kay. »Ich hab keinen Schmuck. Vielleicht nimmst du meinen Hut.« Sie nahm ihren Hut vom Kopf, es war ein spitzer Reisehut mit einer bunten Feder, und setzte ihn Emilia auf. Emilia lachte, blickte in den Spiegel und rief entzückt: »jetzt sehe ich wie Till Eulenspiegel aus. Genau wie Till Eulenspiegel.« Sie schob den Hut in den Nacken, dachte ›besoffen, sieht besoffen aus, aber ich schwor's, ich hab' noch keinen Schluck getrunken, Philipp würd mir's nicht glauben‹. Sie lief zu Kay. Sie umarmte Kay, sie küßte Kay, und als sie Kays Lippen berührte, dachte sie ›herrlich, so schmeckt die Prärie‹ -

- ›wie in einem Wildwestfilm‹, überlegte Messalina. Sie hatte Susanne in ihrer Wohnung nicht gefunden, aber man hatte ihr gesagt, daß sie in der Wirtschaft am Heiliggeistplatz zu finden sei. ›Wie in einem Wildwestfilm, aber wir drehen keine mehr, unkünstlerischer Klamauk.‹ Sie trat selbstbewußt in den Dunst, in die stinkende grausame Magie des Lokals, in dem man früher seinen Schoppen getrunken hatte, bevor man zur Hexenverbrennung auf den Markt ging. Messalina war schüchtern. Man sah es noch auf dem Bild, das sie als Kommunikantin zeigte, in weißem Kleid, eine Kerze in der Hand. Aber schon damals, als dieses Bild aufgenommen wurde, im Atelier eines der letzten Photographen, die noch Samt Jacken trugen und große schwarze Schmetterlingsschleifen und die »bitte recht freundlich« riefen (Messalina hatte kein freundliches Gesicht gemacht: ein schüchternes, aber schon ein schüchternes, das mit Trotz und Gewaltsamkeit gegen die Schüchternheit ankämpfte), schon damals wollte sie nicht schüchtern sein, nicht diese Rolle spielen, nicht gegen die Wand gedrückt werden, und es war der Tag der Kommunion, der Ausgangspunkt ihres Wachstums, ihre Blutung kam, und sie wuchs und nahm zu an Laster und Gemeinheit und Fleischesfülle, sie wurde zum lästerlichen gemeinen Denkmal, wo sie ging und wo sie stand, sie war ein Denkmal, das erschreckte oder begeisterte: wer wußte, daß sie schüchtern geblieben war? Doktor Behude wußte es. Aber Doktor Befinde war noch viel schüchterner als Messalina, und da er seine Schüchternheit nie wie sie ins Überdimensionale ausgeglichen hatte, wagte er, aus Schüchternheit, Messalina nicht zu sagen, daß sie schüchtern sei, und dabei wäre dies, hätte es Behude gesagt, ein Zauberwort gewesen, ein Wort der Denkmalzerstörung, und Messalina wäre in den schüchternen reinen Zustand der Vorkommunion zurückgekehrt. Alle betrachteten Messalina, die kleinen Nutten und die kleinen Zuhälter, die kleinen Diebe allzumal und auch der kleine Kriminalagent, der hier, von jedem als Kriminaler gekannt, verkleidet saß: Messalina schüchterte alle ein. Nur Susanne schüchterte sie nicht ein. Susanne dachte ›das Aas, wenn sie mir den Nigger vermasselt‹. Sie wollte denken ›dann kratze, beiße, schlage, trampele ich‹, aber sie dachte es nicht, sie war nicht eingeschüchtert, aber sie fürchtete sich, sie fürchtete Messalinas Schläge, denn sie hatte Messalinas Schläge gespürt. Susanne erhob sich. Sie sagte: »Moment, Jimmy.« Zwei Wolken des gleichen Parfüms, Guerlain Paris, vereinten sich, hielten stand gegen Schweiß, Pisse, Zwiebel, Wurstbrühe, gegen Bierdunst und Tabakrauch. Susanne wurde aufgefordert, am Abend zu Alexander zu kommen, und sie dachte ›ich war' schön blöd wenn ich's täte, ein schlechtes Geschäft, wenn aber Alexander doch mit mir schliefe? ja, er schläft, aber nicht bei mir, er kann nicht mehr, und wenn er könnte, wer glaubt es mir, und wenn mir es keiner glaubt, ist mir der Nigger am Arsch lieber, der kann, wenn ich auch garnicht drauf aus bin, aber die unbefriedigten Weiber? ohne mich, ERSTE LEGION WARNT VOR OHNE-MICH-PAROLE, JUSTIZMINISTER SAGT WER FRAU UND KIND NICHT VERTEIDIGT, IST KEIN MANN‹. Doch empfand es Susanne als unpassend, einer Dame, Dame der Gesellschaft, Überdame einer von Susanne unklar empfundenen Denkmalhaftigkeit, eine Einladung abzuschlagen. Sie sagte, sie käme, natürlich, gern, geehrt und mit Freuden, und sie dachte ›du kannst lange warten, leck mich, aber leck mich aus der Ferne, meine Ruh will ich haben, meinst, du bist was Besseres als ich? ich möchte mich mit dir noch lange nicht vergleichen‹. Messalina hatte sich im Lokal umgesehen. Sie hatte Susannes freien Platz neben Odysseus entdeckt, und sie sagte: »Bring doch einen Schwarzen mit, wenn du willst.« Sie dachte › viel leicht ist er was für die Schwulen ‹. Susanne wollte antworten, wollte eine Ausrede finden, wollte sagen, daß sie mit dem Neger nichts zu tun habe, oder sie konnte auch für den Jimmy oder den Joe zusagen, es war ja egal, sie ging ja doch nicht hin, da erhob sich Geschrei und Gewalt. Odysseus war bestohlen worden, sein Geld war verschwunden, weg waren die Dollars und die deutschen Scheine, der Musikkoffer spielte Jimmys-Boogie-Woogie, König Odysseus war gekränkt, er war beleidigt, man hatte ihn überlistet, ihn, den Listigen überlistet, er griff sich den Nächsten, langte sich einen Zuhälter oder einen Dieb oder den kleinen Kriminalagenten, beschuldigte ihn, schüttelte ihn, »seht den Gorilla, King Kong, Ficker, schmeißt ihn raus den Niggerficker, raus«, die Meute sprang auf, die Herde setzte sich durch, Kameradschaft siegte, GEMEINNUTZ GEHT VOR EIGENNUTZ, sie stürzten sich auf ihn, sie nahmen Bierseidel, Stuhlbeine, feststehende Messer, sie stürzten sich auf den großen Odysseus, die Schlacht brandete, tobte, ruckte, Odysseus war in Feindesland, es ging um sein Leben, der Tisch schlug um, Josef hielt den Musikkoffer, er hielt ihn über sich, schützend hielt er Jimmys- Boogie- Woogie über sich, die Töne rasselten, die Synkopen fauchten, es war wie im Unterstand, da war wieder das Trommelfeuer, der Chemin-des-Dames, der Argonnerwald, doch Josef nahm nicht teil am Kampf, er entsühnte sich, er tötete nicht, er trieb in den Wellen eines fernen Stroms, floh mit Odysseus, der sich freigekämpft hatte, umflossen von der Musik des Stromes des fernen Erdteils, Jimmys- Boogie- Woogie. Messalina stand allein, innerlich verschüchtert und äußerlich ein Denkmal, im Trubel. Ihr geschah nichts. Der Kampf bewegte sich um das Denkmal herum. Niemand beleidigte Messalina. Sie stand inmitten des Lokals wie ein allgemein respektiertes Monument, das hierher gehörte. Susanne aber folgte dem neuen Freund. Es wäre klug gewesen, es nicht zu tun. Es wäre klug gewesen zu bleiben. Vielleicht wäre es sogar klug gewesen, mit Messalina zu gehen. Aber da Susanne Kirke und die Sirenen und vielleicht noch Nausikaa war, mußte sie Odysseus folgen. Sie mußte ihm gegen alle Vernunft folgen. Sie war mit Odysseus verstrickt. Sie hatte es gar nicht so recht gewollt. Sie hatte nicht widerstehen können, sie war dumm gewesen, und jetzt war sie töricht. Odysseus und Josef liefen über den Heiliggeistplatz. Susanne lief hinterher. Sie folgte Jimmys- Boogie- Woogie.

Die Glocken der Heiliggeistkirche läuteten. Auf den Fliesen knieten Emmi und Hillegonda. Es roch in der Kirche nach altem Weihrauch und frischem Mörtel. Hillegonda fror. Sie fror mit ihren nackten Knien auf den kalten Fliesen. Emmi schlug das Kreuz und-vergib-uns-unsere-Sünden. Hillegonda dachte ›was ist denn nur meine Sünde? wenn es mir nur jemand sagen täte, ach, Emmi, ich fürchte mich‹. Und Emmi betete: »Herr, du hast diese Stadt zerstört, und du wirst sie wieder zerstören, denn sie gehorchen dir nicht und mißachten dein Wort, und ihr Geschrei ist ein Greuel vor deinen Ohren.« Hillegonda hörte von draußen gellende Rufe, und es war, als ob Steine gegen die Tür der Kirche geworfen würden. »Emmi, hörst du? Emmi, was ist das? Man will uns was tun, Emmi!« - »Es ist der Teufel, Kind. Der Teufel geht um. Bete nur! Ach-Herr-erlöse-uns!«