Hamburg.

Christian saß mit Anna beim gemeinsamen Samstags-Frühstück. Anna hatte gestern auf dem Isemarkt jede Menge Leckereien eingekauft. Es gab türkisches Kräuterbrot, Dillhappen, Krabbensalat, Rucola-Pesto, Mortadella, Blauschimmelkäse, Tomaten mit Mozzarella und Basilikum, Frischkäse mit Lauch …

»Wer soll das denn alles essen?«, staunte Christian über das kulinarische Aufgebot. Anna hatte den Tisch gedeckt, während er unter der Dusche stand. Normalerweise war er am Wochenende für den Küchendienst zuständig.

»Du sollst das essen! Weil du die letzten beiden Wochen garantiert schon wieder ein paar Kilos abgenommen hast.«

Wenn sich Christian auf einen Fall konzentrierte, vergaß er das Essen oft. Vergaß, dass er einen Körper besaß, weil er nur noch in seinem Kopf lebte. Diese ganzen Fernsehbullen, deren täglich Brot in Schießereien und Verfolgungsjagden zu Fuß, zu Pferd, zu Wasser und in der Luft bestand, die brauchten ihre körperliche Fitness zum Überleben und wurden deswegen beim Einfahren von Kohlenhydraten und Fetten an einer Pommesbude gezeigt. Christian verbrauchte seine Kalorien beim Denken, und dabei vergaß er eben häufig das Essen. Also achtete Anna darauf, dass er nicht ausmergelte. Sie wollte etwas zum Anfassen.

Christian hatte keinen großen Hunger, aber er tat ihr den Gefallen und freute sich. Zu seiner Überraschung kam der Appetit beim Essen. Außerdem genoss er es, mit Anna am Tisch zu sitzen. Er hatte sie diese Woche kaum gesehen, da sie drei Hauptseminare gab und zudem noch zwei Doktoranden betreute. Und das Wochenende davor hatte er den Samstag bei einem Gespräch mit Andres Puri im Gefängnis verbracht und war am Sonntag in aller Frühe nach Moldawien geflogen. Er beobachtete, mit welcher Hingabe Anna ihr Brot belegte. Die Sonne schien hinter ihrem Rücken in das Küchenfenster, sodass um Annas dunkelbraunes Haar, das sie wie fast immer zu einem Knoten hochgezwirbelt hatte, ein heller Kranz flimmerte.

»In dem Licht siehst du fast aus wie Mona Lisa«, sagte er.

»Du meine Güte, hast du schon was getrunken? Oder musst du mir was gestehen?«

Christian lachte. »Weder noch. Schätze, die Mortadella macht mich poetisch.«

Anna nahm ihm sofort die Mortadella weg. »Her damit, bevor du völlig unglaubwürdig wirst!«

Sie kabbelten noch eine Weile. Christian war so entspannt wie schon lange nicht mehr. Als er mehr als gesättigt seinen Teller zurückschob und aufstand, um zwei Espressi zu kochen, fragte Anna: »Gibt’s was Neues von den Suworow-Schwestern? Oder von Savchenko?«

»Leider nein. Zumindest nicht, was den Aufenthaltsort betrifft. Aber Daniel hat einiges über Savchenko herausgefunden. Er nennt ihn jetzt übrigens nur noch ›meinen Namensvetter‹ weil ihm bei der Recherche aufgegangen ist, dass Danylo wohl das Gleiche ist wie Daniel.«

»Was hat unser Schnellmerker denn herausgefunden?« Anna begann den Tisch abzudecken. Christian drückte sie sanft in ihren Stuhl zurück. Das war heute sein Job.

»Savchenko ist schon zwei Mal im Krankenhaus gelandet, weil man ihn heftig zusammengeschlagen hat. Einmal in Berlin mit einer angeknacksten Rippe, einmal in Kopenhagen mit einem Unterkieferbruch. Beide Male steht in den polizeilichen Protokollen, er sei von Unbekannten in der Nacht überfallen und ausgeraubt worden.«

»Klingt so, als würdest du das nicht glauben.«

Christian zuckte mit den Schultern: »Ich habe seinen Vater Maxym nach dem Vorfall in Berlin gefragt. Er meinte, Danylo habe sich vermutlich wie so oft in zwielichtige Gesellschaft begeben und dort eine dicke Lippe riskiert. Seiner Meinung nach haftet seinem Sohn etwas Selbstzerstörerisches an.«

»Das sagt man über viele Künstler. Das ist wohl die Schattenseite zu einer großen Gabe.«

Christian stellte die Espressi auf den leer geräumten Tisch und setzte sich wieder zu Anna. »Mag sein. Jedenfalls tritt er eher als Opfer, denn als Täter in Erscheinung. Maxym hält seinen Sohn für ein lebensunfähiges Weichei.«

»Was für ein Arschloch!«, protestierte Anna.

»Wieso? Kann doch stimmen.«

»Und wenn! Du solltest ihn mal spielen hören! Das ist … wie nicht von dieser Welt, glaub mir. Egal, was er spielt, ob ein klassisches oder modernes Programm … Er klingt immer …«, Anna suchte nach den richtigen Worten, »… einschneidend. Er spielt so schön, dass es wehtut. Ich kann es nicht anders sagen.«

»Du weißt, dass ich nichts davon verstehe. Jedenfalls passieren im Leben und im Umfeld von Danylo Savchenko durchaus ungewöhnliche Dinge. Einer seiner Schüler hat sich vor einigen Monaten umgebracht. Er war erst fünfzehn Jahre alt.«

»Wisst ihr Genaueres?«

Christian verneinte: »Es war ein Russe aus Nowosibirsk. Igor Pronin. Er hat letztes Frühjahr in Hamburg für zwei Monate eine Meisterklasse bei Savchenko besucht und auch ein paar Konzerte hier und in der Umgebung gespielt. Dann ging er wieder nach Russland. Im November kam er nach Norddeutschland zurück. Er sollte Aufnahmen für eine CD machen. Aber er ist schon vorher vom Dach seines Hotels in Flensburg gesprungen.«

»Wie schrecklich! Diese Wunderkinder stehen permanent unter einem immensen Leistungs- und Konkurrenzdruck. Zudem sind sie meistens sensibler als andere Kinder. Weiß man, warum er sich umgebracht hat?«

»Das werden wir wohl nie erfahren. Für mich ist im Moment nur wichtig, dass Savchenko als Täter beim Fall Henning Petersen ausgeschlossen ist. Trotzdem will ich ihn unbedingt finden und sprechen. Auch wegen Sofia Suworow! Die ganze Sache ist nicht sauber geklärt. Für mich ist sie überhaupt nicht geklärt! Und ich kann absolut nicht begreifen, warum unser Herr Oberstaatsanwalt mir befiehlt, die Akte Petersen zu schließen! Das stinkt mir gewaltig!«

Anna versuchte, Christians Aufmerksamkeit wieder auf die Fakten zu lenken: »Glaubst du, es besteht ein Zusammenhang zwischen dem Verschwinden der Suworow-Frauen und dem Mord?«

»Es erscheint zu weit hergeholt. Aber mein Gefühl sagt Ja. Deswegen habe ich für heute Nachmittag Jost Paulsen von der Abteilung für Organisierte Kriminalität zu einem Kaffee zu uns eingeladen. Volker und Pete kommen auch. Herd kann nicht, der hat Kindergeburtstag zu Hause. Jost ist ein alter Kumpel von mir, du erinnerst dich vielleicht an ihn, wir haben ihn mal auf dem Isemarkt getroffen. Er wird uns ein bisschen was über die Methoden, die Routen und die Märkte von Frauenhändlern erzählen.«

»Wir wollten schwimmen gehen. Das wollten wir schon letztes Wochenende.«

Christian gab keine Antwort. Anna wusste, dass er sich niemals für seinen Job und die Leidenschaft dafür entschuldigen würde.

Anna trank ihren Kaffee aus und räumte die Tasse weg. »Schwimmen ist eh überschätzt. Und ich habe keinen Schimmer von Organisierter Kriminalität. Kann ich was lernen. Ich gehe dann mal Kuchen besorgen. Ist Jost nicht der Dicke, der andauernd etwas Süßes in den Mund steckt?«

»Genau der.« Christian erhob sich, zog Anna in seine Arme und küsste sie. »Danke für dein Verständnis. Danke für dich. Ich liebe dich.«

Sie lächelte: »Zeig es mir. So viel Zeit ist noch …«

Einige Stunden später war der Tisch erneut gedeckt, diesmal mit diversen Kuchenstücken. Jost freute sich vor allem über die Sahnetorten, auch Volker lud sich gleich zwei Stück Kuchen auf den Teller. Nur Pete hielt sich zurück. Er komme gerade vom Schwimmen, sagte er. Anna warf Christian einen spielerisch vorwurfsvollen Blick zu. Immerhin hatte sie mit Pete eine heiße Affäre gehabt, bevor sie Christian kennen und lieben lernte. Christian kniff ihr heimlich in den Hintern und flüsterte ihr zu: »Tja, hast du damals wohl die falsche Wahl getroffen.« Die beiden grinsten sich kurz an, dann wandte sich Christian an Jost und bedankte sich herzlich für seine kollegiale Bereitschaft, am Wochenende etwas Nachhilfe zu erteilen.

»Wenn es bei euch samstags immer so leckeren Kuchen gibt, werde ich Dauergast. Doch nun zur Sache, meine Frau und ich sind nämlich heute Abend zum Essen eingeladen.« Jost nahm sich noch ein Stück Käsekuchen, dann setzte er an:»Soweit ich weiß, interessiert ihr euch wegen zweier verschwundener Frauen aus Moldawien für das Thema?«

Alle nickten.

»Okay. Ich gebe euch erst mal einige Zahlen und Fakten: Seriösen Schätzungen zufolge werden jedes Jahr etwa eine Dreiviertelmillion Frauen und Kinder über internationale Grenzen hinweg gehandelt oder verschleppt. Gegenwärtig ist davon auszugehen, dass jährlich etwa hundertzwanzigtausend Frauen aus mittel-, ost- und südosteuropäischen Rekrutierungsländern nach Westeuropa gebracht werden. Beispiel Moldawien: Seit der Unabhängigkeit, also seit 1991, wurden nach Schätzungen von Experten der Internationalen Organisation für Migration bis zu vierhunderttausend junge Moldawierinnen in die Prostitution verkauft. Die Prostituierten-Hilfsorganisation Hydra geht davon aus, dass inzwischen rund die Hälfte der etwa vierhunderttausend Frauen, die in Deutschland anschaffen, Ausländerinnen sind. Sie sorgen für einen Jahresumsatz, der mit dem riesiger Konzerne wie Adidas oder Tchibo vergleichbar ist. Zweiundachtzig Prozent der in Deutschland sexuell ausgebeuteten Ausländerinnen kommen aus mittel- und osteuropäischen Staaten. Die Opfer sind meist bereits Opfer, nämlich unerträglicher wirtschaftlicher und sozialer Verhältnisse.«

Jost machte eine Pause und stopfte den Rest des Käsekuchens in sich hinein, als fürchte er, demnächst auch ein Opfer unerträglicher Verhältnisse zu werden.

»Du hast den Vortrag schon öfters gehalten«, vermutete Pete.

»Zigmal«, sagte Jost, wobei ihm einige Kuchenkrümel aus dem Mund flogen. »Ändert nur nix. Gar nix.«

»Was weißt du denn über Rekrutierungsmethoden? Eine der Frauen ist aus einem Nachtclub verschwunden. Auf Nimmerwiedersehen.« Auch Volker nahm sich noch ein Stück Kuchen. Anna wunderte sich, wie Volker so außerordentlich schlank bleiben konnte. Sie musste dafür jeden Morgen am Kaifu-Ufer entlang joggen.

»Einige Frauen werden unter Vorspiegelung falscher Tatsachen angeworben, andere einfach gekidnappt. Die Anwerbung läuft über unterschiedliche Wege: Heiratsmarkt, Vermittlung auf Bestellung und Transfers ohne Bestellung.«

»Das ist für unseren Fall nicht von so großem Interesse«, warf Christian ein.

»Ich find’s spannend«, widersprach Anna.

»Ist es auch«, stimmte Jost zu. »Keine Angst, Chris, ich mach’s kurz: Seien es falsche Versprechungen im Heiratsmarkt oder Arbeitsmarkt. Wir reden von so genannten ›push‹- und ›pull‹-Faktoren. Armut, Arbeitslosigkeit, mangelnde medizinische Versorgung … Kurzum, die sozialen Missstände in den Rekrutierungsländern ›pushen‹ die jungen Menschen, ihr Glück woanders zu suchen. Wohlstand, Kranken- und Sozialversicherung, all das, was diesen Menschen im Goldenen Westen versprochen wird, sind die ›pull‹-Faktoren. Die Anwerber sind oft Freunde oder Bekannte, manchmal sogar Verwandte. Oder angeblich seriöse Organisationen schalten Anzeigen und bieten Jobs als Haushaltshilfe oder Künstlerin. Manche vermitteln sogar Studentinnen und Akademikerinnen angeblich an unsere Unis. Für die Schleusung bezahlen die Frauen drei- bis fünftausend Euro. Da sie die nicht haben, müssen sie die Summe abarbeiten. Leider nicht als Haushaltshilfe bei einer netten Arztfamilie oder an der Uni, wie sie sich erhofft haben. Sondern in einem Bordell. Und seltsamerweise werden ihre Schulden nie weniger, sondern immer mehr, weil sie ja auch noch für ihre dreckige Unterkunft im Puff und die Verpflegung teuer abdrücken müssen.«

»Was für ein perfides System.« Volker sah richtig angewidert aus.

»Vor allem, wenn man bedenkt, dass mit dem Frauenhandel inzwischen höhere Gewinne erzielt werden als mit illegalen Waffen- oder Drogengeschäften, und zwar ohne wesentliche Investitionen«, stimmte Jost zu.

»Wie funktioniert die Schleusung?«, fragte Christian.

»Die so genannten ›Grünen Grenzen‹ spielen keine so große Rolle mehr, wie man vermuten würde. Die Grenzen sind offen oder zumindest durchlässig. Falsche Pässe, gefälschte Einladungen aus dem Zielland … Da hängt eine ganze Industrie dran. Es gibt direkte Schleusungen und Wege über Transitländer. Der Transitweg Ukraine, Weißrussland, Polen, Deutschland – ehemals ›Heroinstraße‹ genannt – ist zurzeit der bedeutendste. In den Transitländern werden Sammelstellen und Verteilerzentren eingerichtet. Branawitschy in Polen etwa gilt als wichtigstes Verteilerzentrum für die Zielländer Italien, Frankreich, Belgien, Niederlande und vor allem Deutschland. Wir sind bedauerlicherweise das wichtigste Zielland. Eine andere Route führt über Moskau. Moskau ist zentraler Umschlagplatz für Europa. Vor allem auch für die baltischen Frauen. Die aus Litauen und Lettland machen derzeit den größten Anteil in Deutschland aus. Wir schätzen, dass etwa 330 russische Unternehmen derartige Geschäfte in Moskau abwickeln. Moskau liefert auch in die Türkei, den Iran, Zypern, Griechenland, Israel, ja sogar nach Südkorea und China.«

»Und die moldawischen Frauen? Welche Route nehmen die?« Christian sehnte sich nach etwas Greifbarem, einem Punkt, an dem man ansetzen konnte. Er hatte nicht vermutet, dass so viele Informationen, so viele Möglichkeiten auf ihn einprasseln würden.

»Oft über Istanbul, meist jedoch über die Balkan-Route. Das rumänische Temeswar, das serbische Novi Sad oder der ›Arizona‹-Markt in Brcko, Bosnien-Herzegowina, sind bekannte Umschlagplätze.«

»Bosnier, Serben, Russen, Rumänen … Alle friedlich in einem Boot vereint? Das ist doch kaum vorstellbar!« Anna konnte die Dimensionen dieses Geschäfts nicht fassen.

»Leider doch. Beim Profit hört die Feindschaft auf. Die haben schnell gelernt, dass sie viel mehr verdienen, wenn sie sich organisieren. Die Russen-Mafia als pauschales Feindbild ist Schnee von gestern. Leider arbeiten die Kriminellen viel besser und effektiver zusammen als wir, die Polizei.«

»Habt ihr Kontakte zu den Kollegen der internationalen Sammelstellen?«, wollte Christian wissen. »Bekommt die SIS Informationen, wer dort verschoben wird? Oder gibt es wenigstens inoffizielle Kanäle?«

»Träum weiter, Chris«, sagte Jost. »Du redest von Ländern, in denen die Korruption blüht. Vermutlich wissen die Kollegen in den betreffenden Städten genau, wann neue Lieferungen eintreffen. Aber Razzien gibt es so gut wie keine. Informationen? Nada! Und die Verbindungsbeamten der EUROPOL stehen auch im Regen. Es ist ein Elend. Da gibt es all die schönen Programme und Maßnahmen der Europäischen Union: STOP 1 und STOP 2, DAPHNE, PHARE, unterschriebene Konventionen gegen grenzüberschreitende Verbrechen … Ich erspare euch die Details. Nur so viel: Die Gegenseite muss nicht im Rahmen von Gesetzen operieren, ist skrupellos, viel besser organisiert, besitzt gute Kontakte in legale Machtzentren, hat erheblich mehr Geld zur Verfügung und ist uns immer nicht nur einen Schritt voraus, sondern gefühlte Lichtjahre. Sonst noch Fragen?« Jost wirkte erschöpft und deprimiert.

In das Schweigen hinein klingelte Josts Handy. Er nahm den Anruf entgegen, sprach kaum, fluchte nur kurz. Als er auflegte, sah er in die Runde: »Ein Kollege. Wie ich gerade gesagt habe: besser organisiert und gute Kontakte in legale Machtzentren … Andres Puri ist eben freigelassen worden. Vorzeitige Haftentlassung aus gesundheitlichen Gründen.«

»Was für eine Scheiße«, entfuhr es Volker.

»Hat bestimmt sein Staranwalt durchgepaukt«, vermutete Pete.

Christian überlegte: »Sag mal, Jost, kann es sein, dass Puri seine Schmutzgriffel auch in Moldawien drin hat?«

»Keine Ahnung. Wieso?«

»Es steht für uns alle ja wohl außer Frage, dass diese Krankenschwester, die gegen ihn ausgesagt hat …« Christian suchte nach dem Namen.

»Beatrix Hutter«, half Volker aus.

»… dass der in Puris Auftrag die Beine gebrochen wurden. Und zwar nachweislich von demselben Typen, der unseren Henning Petersen gekillt hat.«

Jost verstand nicht ganz: »Möglich, dass Puri in beiden Fällen Auftraggeber war. Gibt es Hinweise auf einen Zusammenhang? Kannten sich Petersen und Hutter?«

Christian verneinte: »Wir haben bislang auch keinerlei Verbindung zwischen Petersen und Puri. Nur eben diesen vagen Zusammenhang über Antoschka Mnatsakanov.«

»Was hat das mit Moldawien zu tun? Mnatsakanov war Russe«, fragte Jost.

»Petersen war mit einem Russen liiert, der verschwunden ist. Und dieser Russe war der beste Freund der Frau, die in Moldawien gekidnappt wurde. Kurz nach ihrer Schwester.«

»Deine Version ist aus hauchdünnen Spinnfäden gewebt, mein Lieber«, sagte Jost skeptisch. »Aber grundsätzlich kann es sein, dass Puri über seine Mittelsmänner in Moskau und Polen auch Kontakte in den Balkan hat. Würde mich nicht wundern. So vernetzt, wie die sind. Das heißt aber nicht, dass er bei eurer Geschichte die Finger im Spiel hat.«

Christian nickte: »Du hast recht. Wir suchen nur schon so lange nach dem Bindeglied für all diese Ereignisse. Aber vielleicht hat das eine mit dem anderen ja wirklich nichts zu tun.«

Jost erhob sich. »Ich hoffe, ihr kriegt es raus. Haltet mich auf dem Laufenden.«

»Nur privat«, meinte Pete. »Offiziell ist unser Fall nämlich abgeschlossen.«

Jost grinste: »Ach, deswegen ist unser Gespräch heute ganz intim bei Kaffee und Kuchen. Verstehe.« Er bedankte sich bei Anna und verabschiedete sich. Sein Abendessen wartete.

Kaum hatte Christian die Tür hinter Jost geschlossen, rief Daniel an. Er überprüfte immer noch gelegentlich, ob Danylo Savchenko sein Handy in Betrieb nahm und er ihn orten konnte. Heute hatte er Glück gehabt. »Savchenko ist wieder in Deutschland. Und zwar in Bremen, um genau zu sein«, verkündete er.

»Dann sucht er Sofia«, vermutete Christian. »Wenn er sie nicht findet, wird er sich vielleicht bei seinem Vater melden. Ich rufe ihn gleich an. Danke, Daniel, gute Arbeit.«

Daniel legte auf.

Christian versuchte in der nächsten Stunde mehrfach, Maxym an die Strippe zu bekommen, doch sein Handy war mal wieder abgeschaltet. Genau wie Danylos. »Ich verstehe das nicht«, schimpfte Christian. »Jeder Idiot meckert über den Stress der permanenten Erreichbarkeit, und trotzdem hängen alle an ihren Handys wie an einer Nabelschnur zur Welt! Nur diese bescheuerten Künstler machen einen auf hard to get! Wenn mein Sohn verschwunden ist, schalte ich doch nicht das Handy ab, verdammt noch mal!«

»Mach’s doch wie bei diesem Ösi, der auf der Alm ist«, riet Anna.

»Na toll.« Christian rollte zwar genervt mit den Augen, folgte aber Annas Vorschlag und rief einen Berliner Kollegen an, mit dem er vor nicht allzu langer Zeit wegen einer Mordserie zusammengearbeitet hatte. Er gab ihm Maxyms Adresse und bat ihn, bei Gelegenheit dort vorbeizufahren, um Maxym zu einem dringenden Rückruf bei Christian aufzufordern.

Der Berliner Kollege hatte zwar frei, versprach aber, Christians Bitte gleich nachzukommen, da Maxyms Wohnung auf dem Weg zu seiner Schwiegermutter lag, die er besuchen wollte. Knapp eine Stunde später rief der Berliner zurück: »Der Kerl, den du sprechen willst, liegt mit einem Schlaganfall in der Charité. Für genauere Infos frag dort nach, ich muss jetzt zu meiner Schwiegermutter und mir anhören, wie verzogen unser Sohn ist. Mach’s gut, Chris, bis dann mal.«

Christian rief sofort in der Charité an, bekam aber trotz oder wegen seiner wüsten Beschimpfungen keinerlei telefonische Auskünfte über den Patienten Savchenko.

»Ich fahre hin«, sagte er zu Anna. »Keine Ahnung, wieso. Sympathisch ist er mir bestimmt nicht, aber … Das ist doch alles großer Bockmist! Ich habe überhaupt keinen Grund, da hinzufahren! Soll ich dem arroganten Arsch Händchen halten, oder was?«

»Schon gut«, erwiderte Anna. »Du musst vor mir nicht rechtfertigen, dass du Savchenko gut leiden kannst.« Sie warf ihm den Schlüssel für ihr Cabriolet zu. Christian als überzeugter Fußgänger besaß kein Auto und zudem keinen guten Grund, in einem offiziell abgeschlossenen Fall eine Fahrt nach Berlin mit dem Dienstwagen zu rechtfertigen.

Christian fing den Schlüssel geschickt auf. »Nächstes Wochenende gehen wir schwimmen, versprochen.«