Dienstag, 28. Juni
Am nächsten Morgen erwachte Christian wie gerädert, obwohl er fast sechs Stunden tief und fest geschlafen hatte. Irgendwie schien er es doch noch vom Sofa ins Schlafzimmer geschafft zu haben, auch wenn er sich nur undeutlich erinnern konnte. Die Kleider vom Vortag lagen vor seinem Bett auf dem Boden. Er hob sie auf, roch daran und warf alles angewidert in den Wäschekorb. Dann duschte und rasierte er sich und zog sorgfältig frische Sachen an. Nach den ersten drei Tassen Kaffee fühlte er sich wach genug für den Tag. Um acht Uhr trat er zum Rapport bei Oberstaatsanwalt Doktor Waller an, der die Nachricht von dem an der Kinderleiche aufgefundenen Sperma fast triumphierend aufnahm. Christian konnte ihn nur mit Mühe davon abhalten, diesen ersten Teilerfolg auf der nachfolgenden Pressekonferenz hinauszuposaunen. Auf keinen Fall wollte er, daß sich der Bestatter in die Deckung zurückzog, weil seine Gegner einen Schritt vorgerückt waren.
Nach der Pressekonferenz, die Christian an Wallers Seite gewohnt wortkarg hinter sich brachte, gestattete er sich ein kleines Frühstück im »Sweet Virginia«. Aus Zeitgründen nahm er sich ausnahmsweise ein Taxi, ansonsten lief Christian, so weit es ging, lieber zu Fuß. Er mochte diese ruhige Art der Fortbewegung, einfach einen Fuß vor den anderen zu setzen und dabei seine Umgebung wahrzunehmen – Wind, Wetter, Menschen, Geräusche und Gerüche.
Heute jedoch hatte er keinen Nerv für mußevolle Betrachtungen. Am »Sweet Virginia« angekommen, setzte er sich draußen an einen Tisch und bestellte ein Bier. Er rief im Büro an, gab Volker Bescheid, daß er schon fast auf dem Weg war und setzte eine erneute Konferenz an. Die Bedienung brachte das Bier. In großen Schlucken trank er es bis zur Hälfte aus, schob den Rest beiseite und bestellte einen Espresso. Das halbe Bier war notwendig gewesen, um sowohl Wallers eitle Selbstsucht als auch die inquisitorische Aggressivität der Journalisten herunterzuspülen, die sich offenbar um so gewichtiger als vierte Macht im Staate fühlten, je anklägerischer sie sich gegenüber den ersten drei benahmen. Ein klares, kaltes, herbes Bier dagegen war etwas angenehm Bodenständiges. Es kühlte ihn herunter, in jeder Beziehung. Zumal auch die Sonne schon wieder so stark brannte, daß man selbst im Schatten erahnte, wie sich die Stadt in wenigen Stunden auf Backofentemperatur aufheizen würde.
Beim Espresso durchdachte Christian zum wiederholten Male die bisherigen Ermittlungsergebnisse aus dem Saarland, die er heute früh gegen halb acht telefonisch von Kommissar Philipp erhalten hatte.
Herbert Perlmann war etwa anderthalb Stunden vor ihrem Eintreffen, also gegen elf Uhr morgens, ermordet worden, indem ihm die Hauptschlagader durchtrennt wurde. Ein sauberer, fast professionell zu nennender Schnitt, wahrscheinlich mit einem Skalpell. Der Täter hatte, hinter dem Opfer stehend, von links nach rechts durchgezogen, war also vermutlich Rechtshänder. Er hatte sich Zugang durch das hintere Fenster verschafft, durch das er auch wieder das Weite gesucht hatte. Zeugen in der Nachbarschaft gab es keine, denn das ständige Bewohnen der Lauben war verboten, und die meisten Hobbygärtner kamen erst am Nachmittag in ihre Gartenzwergparadiese. Perlmann wohnte in Ermangelung einer anderen Bleibe als einziger fest dort. Fingerabdrücke waren jede Menge sichergestellt worden, doch die verwertbaren stammten alle von Perlmann oder von Klaus Backes. Es gab blutige Fußabdrücke in der Nähe des Gartenhäuschens sowie Reifenspuren von verschiedenen Fahrzeugen im Umkreis der Schrebergärten und auf einem einige Kilometer entfernten Waldparkplatz, doch beides war kaum von Nutzen. Turnschuhe, wie sie jeder zweite trug, Größe 44, und auch die Reifenspuren waren Dutzendware und lieferten keinerlei Anhaltspunkte. Perlmanns Ohr und die Finger waren mit einem sehr scharfen Messer, vermutlich demselben Skalpell wie beim Halsschnitt, und mit ruhiger, offensichtlich geübter Hand abgetrennt worden, und zwar vom noch lebenden Opfer: Es gab nur vital, keine postmortal zugefügte Verletzungen. Perlmanns Leiche wies Prellungen und Hautabschürfungen auf, er hatte sich also gewehrt. An Mund, Hand- und Fußgelenken hatte man Spuren von Klebeband gefunden, die auf eine Fesselung und Knebelung hindeuteten. Das Klebeband selbst fehlte. Karen hatte die Sektionsergebnisse ihres Saarbrücker Kollegen, die ihr schriftlich und als Fotos vorlagen, soweit sie konnte, bestätigt.
Perlmanns Schränke waren durchwühlt worden. Weder Kalender noch ein Adreßbuch, Fotos oder sonstige private Unterlagen waren aufzufinden. In Anbetracht der Tatsache, daß Perlmann in seinem Schrebergartenhaus gelebt hatte, konnte man davon ausgehen, daß diese Dinge entwendet wurden. Dennoch schloß die Saarbrücker Kripo einen Raubmord weitgehend aus. Perlmann besaß nichts von Wert, außer insgesamt sechzig Euro, die in einer Keksdose versteckt waren. Der mutmaßliche Diebstahl privater Unterlagen konnte nach Ansicht von Kommissar Philipp möglicherweise der Verschleierung von Perlmanns sexuellen Aktivitäten und seinen Kontakten dienen.
Auch wenn die DNS-Analyse noch nicht vorlag, ging Christian davon aus, daß das Sperma in der Kinderleiche von Perlmann stammte. Aber war er auch der Mörder von Klaus? Und der Mörder der anderen Jungen? Eines der Opfer jedenfalls konnten sie ausschließen. Perlmanns Schwester hatte ausgesagt, sie habe ihren Bruder zum letzten Mal an ihrem Geburtstag gesehen. Der fiel mit dem Todeszeitpunkt des zweiten Kindes zusammen. Und auch zu den beiden anderen Kindern war bislang keinerlei Verbindung nachweisbar.
Um elf Uhr an diesem Dienstag versammelte sich Christians Team im Besprechungszimmer. Die Luft stand so dick und bewegungslos zwischen den Wänden des Altbaus, daß man sie in Scheiben schneiden konnte. Pete wummerte der Schädel. Er hatte den ganzen Vormittag damit zugebracht, die vier Mordfälle zu analysieren.
»Ich habe mir inzwischen ein vorläufiges Bild machen können …« Er warf einen fragenden Blick zu Christian: »Oder wollen Sie zuerst …?«
Christian schüttelte den Kopf.
Pete sprach leise: »Ich denke, wir alle gehen davon aus, daß Perlmanns Mörder nicht der Bestatter ist.«
Karen sah Pete interessiert an: »Stimmt. Der Mord an Perlmann trägt deutlich sadistische Züge. Der Bestatter arbeitet ganz anders.«
Eberhard nickte: »Bleibt die Frage, ob es einen Zusammenhang gibt.«
Pete griff nach einem Stapel bedrucktem Papier, der vor ihm lag. Er reichte zusammengeheftete Kopien an alle Teilnehmer der Konferenz herum.
»Sie kennen vermutlich diese Erhebungen? Sie stammen übrigens nicht vom FBI, sondern aus Deutschland.«
Christian, Volker und Eberhard warfen nur einen kurzen Blick auf die erste Seite der Kopien und nickten. Karen und Daniel jedoch überflogen die Statistik interessiert.
Täter und tatspezifische Indikatoren | Häufigkeit % |
Person ist männlich, weiß und deutscher Staatsangehöriger | 98,78 |
Person ist zwischen 16 und 36 Jahre alt | 78,18 |
Person ist ledig oder geschieden | 83,63 |
Person ist kinderlos | 85,45 |
Person ist durchschnittlich intelligent | 78,18 |
Person leidet unter keiner Geisteskrankheit | 98,18 |
Person ging zur Tatzeit einer unter- oder nichtprivilegierten Arbeit nach | 78,18 |
Person muß als introvertierter, bindungsschwacher sozialer Einzelgänger gelten | 78,18 |
Person entstammt einem Elternhaus mit psychosozialen Auffälligkeiten | 78,18 |
Person neigt nicht zu übermäßigem Alkohol-, BtM- oder Arzneimittelkonsum | 76,36 |
Person wohnt in einer Großstadt (mehr als 250 000 E) oder im Einzugsgebiet (max. 25 km) | 80,00 |
Person wohnte zur Tatzeit weniger als 30 km entfernt | 80,74 |
Person ist bereits wegen deliktspezifischer Taten polizeilich in Erscheinung getreten | 76,36 |
Person und Opfer hatten keinen sozialen Kontakt | 88,77 |
»Mein Bruder Stefan«, meinte Karen spöttisch, »fünfunddreißig Jahre, weiß, deutsch. Ledig, kinderlos. Nicht geisteskrank. Nimmt keine Drogen. Wohnt in Frankfurt. Arbeitet als Postbote, weil er gerne Fahrrad fährt und frische Luft liebt. Ist nett, aber ein Einzelgänger. Seine Kindheit war hart, ich habe ihn immer verprügelt, wenn er mir meine Förmchen geklaut hat. Und noch was: Bei ihm zu Hause habe ich mal ein SM-Magazin und ein Kitzel-Video entdeckt. Und er mag Kinder. Vermutlich ist er multipel pervers. Verhaften wir ihn?«
Pete sah sie ausdruckslos an.
»Sorry, ich will mich bestimmt nicht lustig machen. Aber hilft uns das weiter?« Karen warf Petes Papiere zurück auf den Tisch.
»Ganz so einfach ist es leider nicht«, erwiderte Pete, »das hier sind lediglich Erkenntnisse über sexuell motivierte Mehrfach- und Serienmörder in Deutschland, mit denen man einen Verdächtigenkreis validieren kann. Auf den ersten Blick sehen wir, daß unser Kandidat von diesem empirischen Täterprofil abweicht. Denn wir haben es mit einem reisenden Serienmörder zu tun, eine relativ seltene Spielart, die uns das Einkreisen nicht gerade erleichtert.«
»Haben wir es denn überhaupt mit einem sexuell motivierten Täter zu tun?« warf Christian ein.
»Das drängt sich beinahe auf«, erwiderte Pete ernst. »Die Kinder sind alle über einen längeren Zeitraum hinweg mißbraucht worden, wenn auch nicht nachweislich zur Tatzeit. Zumindest die ersten drei. Wir wissen allerdings, daß sehr wohl ein sexueller Mißbrauch durch den Täter vorliegen kann, ohne daß Spuren auffindbar sind. Sexuelle Handlungen sind nicht auf Verkehr beschränkt. Außerdem weisen die Morde einen stark ritualisierten Charakter auf. Auch das spricht für sexuelle Bezüge.«
»Oder für religiöse«, gab Eberhard zu bedenken.
»Das geht oft Hand in Hand«, nickte Pete, »die Tabuisierung sexuellen Lustgewinns ohne Fortpflanzungsabsichten durch die katholische Kirche hat schon zu mancherlei Wucherungen des Bösen geführt. Tabubruch macht geil.«
»Glauben Sie, daß unser Täter die Kinder mißbraucht?« fragte Karen.
»Ich weiß es nicht. Aber ich glaube es, ja. Wenn die Tat in der speziellen Art ihrer Ausführung vor, während oder nach dem Tötungsakt eine dominierende sexuelle Komponente beinhaltet, sprechen wir von einem sexuell motivierten Mörder. Der Tod der Opfer selbst muss dabei nicht notwendigerweise als sexuell stimulierend empfunden werden. Es kann irgendwas anderes sein, der Vorgang des Würgens, die Angst in den Augen des Opfers, auf jeden Fall entspricht es den spezifischen Sexual- und/oder Gewaltphantasien des Täters. Und über diese Spezifikation müssen wir uns ihm nähern. Betrachten wir unseren Killer: Er ist kontrolliert. Er plant, führt aus und perfektioniert seine Vorgehensweise. Das von ihm präferierte Erdrosseln ist statistisch gesehen die häufigste Tötungsart bei Sexualmördern. Sie favorisieren es vermutlich, weil es sehr, wie soll ich sagen, persönlich ist. Raubmörder hingegen bevorzugen den Gebrauch von Distanzwaffen. Sehr wahrscheinlich ist er ein notorischer Einzeltäter, im übrigen auch ein Spezifikum von Sexualmördern, Raubmörder gehen öfter gemeinschaftlich vor.«
Pete nahm die Kaffeekanne und goß sich ein.
»Verzeihen Sie, wenn ich Sie mit Informationen langweile, die Sie schon kennen«, bat er nebenbei, »aber ich mache mir die Grundsätze immer selbst wieder klar, bevor ich nach Abweichungen vom Muster suche.«
»Fahren Sie ruhig fort«, erwiderte Christian knapp. Er wischte sich mit dem Ärmel über die schweißnasse Stirn. Alle im Raum schwitzten wie Tour-de-France-Fahrer beim Anstieg auf den Mont Ventoux, nur Karen und Pete wirkten wieder frisch wie aus dem Tiefkühlfach. Irgendwie unnatürlich, dachte Christian verärgert.
»Was mich beim Bestatter verblüfft, ist die Geschwindigkeit. Es ist zwar bekannt, daß der Mordrhythmus sich bei manchen Tätern verkürzt, aber von einer derartig hohen Frequenz – vier Kinder in fünf Monaten – habe ich selten gehört. Er muß unter ungeheurem Druck stehen.«
»Wir können also davon ausgehen, daß er bald wieder zuschlagen wird«, meinte Eberhard.
»Das ist das einzig Gute an Serientätern. Wenn man sie nicht in den ersten achtundvierzig Stunden faßt, wartet man einfach ab, lehnt sich zurück, denkt nach und schwitzt ein bißchen. Bis zum nächsten Opfer. Und dann bis zum übernächsten«, fügte Volker scheinbar ungerührt hinzu.
Alle schwiegen bedrückt.
Pete räusperte sich und fuhr fort: »Kommen wir nun zu den Spezifika der Morde.«
Er kramte in seinen Unterlagen. Im Konferenzraum herrschte Stille. Pete spürte, wie alle sich auf ihn konzentrierten. Kein Hohn, kein Spott. Er war nicht so naiv anzunehmen, daß sie ihn plötzlich als einen der ihren akzeptierten. Aber sie nahmen die gemeinsame Arbeit ernst.
»Wie sucht er seine Opfer aus?« Pete blickte fragend in die Runde.
»Die Jungs sind alle schon häufig mißbraucht worden, der zweite und der dritte waren mit Drogen vollgepumpt, sie sind aus der Szene«, begann Eberhard.
»Wir können also davon ausgehen, daß er sich in Pädophilenkreisen auskennt. Er bekommt die Kinder von einer Organisation zugeschanzt oder schnappt sich Stricher, die auf der Straße leben«, fügte Volker hinzu.
»Vielleicht sind ein oder zwei, vielleicht sogar alle drei ersten Opfer Ausländer gewesen.«
»Der erste war eindeutig Asiate. Und die Zahnbefunde bei der ersten und dritten Leiche würden diese Theorie unterstützen, nicht wahr?« wandte sich Pete an Karen.
Sie nickte: »Die hatten Amalgam-Füllungen im Mund, wie sie bei uns kaum noch gemacht werden. Dennoch sind diese Kinder doch viel zu jung für den Straßenstrich.« Es hörte sich an, als bitte sie die anderen um Bestätigung.
Daniel mischte sich ein: »Ich will dir nicht deine Illusionen rauben, Karen, aber Hilfsorganisationen wie der Rote Halbmond und das Rote Kreuz prangern immer wieder an, daß aus Krisengebieten systematisch Kinder entführt und nicht selten an Pädophile verkauft werden. So war es im Bürgerkrieg in Ex-Jugoslawien, und ähnlich lief es nach der Todesflut in Asien.«
Daniel öffnete ein Dokument in seinem Computer und las vor: »Vom 5. Januar 2005: Ein UNO-Mitarbeiter in Kuala Lumpur erhielt eine SMS, in der die Beschaffung von Kindern angeboten wurde, berichtete die Organisation. In dem Text heißt es nach Angaben von UNICEF-Sprecher John Budd: ›300 Waisenkinder zwischen drei und zehn Jahren aus Aceh zur Adoption. Papiere werden erledigt. Keine Gebühr. Bitte machen Sie Angaben über Alter und Geschlecht der benötigten Kinder.‹ Zwar werde in der Nachricht ausdrücklich keine Gebühr verlangt, sagte Budd. Aber wenn Sie die Nachricht lesen, und wenn sie wahr ist, dann haben sie entweder 300 Waisenkinder zu verkaufen, oder sie haben die Möglichkeiten, Kinder entsprechend der Zahl der Bestellungen zu entführen.« Daniel schloß das Dokument: »Zitat Ende.«
Karen blieb stumm, während Christian sich eine Zigarette aus Daniels Schachtel fingerte.
»Seit wann rauchst du wieder?« fragte Volker überrascht.
»Seit jetzt«, knurrte Christian.
Anna stand im unteren Badezimmer, das neben ihrem Sprechzimmer lag, befeuchtete ein kleines Gästehandtuch und wischte damit den Schweiß ab – im Nacken, unter den Achseln und dem Busen. Kurz entschlossen zog sie den BH aus. In dieser Hitze war ein Bügel-BH die Pest. Sie sah auf die Uhr. Noch ein paar Minuten bis zur nächsten Sitzung. Hoffentlich war ihr neuer Patient etwas amüsanter als die depressive Singlefrau, die ihr die letzte Stunde die Ohren über emotional impotente Männer vollgejammert hatte. Sie ging in ihr Büro rüber, als es klingelte.
Ein recht gutaussehender, dunkelhaariger Mittdreißiger betrat die Praxis, mittelgroß, unauffällig, aber gut gekleidet, mit betont selbstsicherem Auftritt, und stellte sich als Carlos Dante vor. Carlos Dante, um Himmels willen, dachte Anna belustigt.
Sie bot ihm einen Stuhl an, setzte sich ihm gegenüber und wartete darauf, daß er zu sprechen begann. Er schwieg. Nach fünf Minuten sah sie auf die Uhr: »Glücklicherweise sehen Sie aus, als könnten Sie sich das Schweigen leisten. Dennoch. Woanders ist das billiger.«
Er blieb ernst: »Ich bin zum ersten Mal in einer solchen Situation.«
Anna wartete ab.
»Bei einem Therapeuten, meine ich.«
Anna mußte unwillkürlich lächeln: »Ich habe nicht angenommen, daß Sie zum ersten Mal mit einer Frau in einem Zimmer sitzen.«
Carlos schwieg.
»Was glauben Sie denn, was ich für Sie tun kann?«
»Ich brauche jemanden, der zuhört.«
»Haben Sie keine Freunde?«, fragte Anna bewußt teilnahmslos.
Carlos verneinte: »Keine, die zuhören können.«
»Was haben Sie denn zu erzählen?«
»Das wird sich zeigen.« Carlos verfiel wieder in Schweigen.
»Warum kommen Sie zu mir?« bohrte Anna, inzwischen betont gelangweilt, nach. Sie wollte wissen, wie Herr Dante mit Mißbilligung zurechtkam.
Carlos sah ihr zum ersten Mal in die Augen. Etwas Fremdes, Forschendes lag darin, und Annas Aufmerksamkeitspegel stieg schlagartig wieder an.
»Ich habe Ihr Buch gelesen. Sie interessieren sich für die Abgründe der menschlichen Seele.«
Anna lehnte sich zurück: »Das tun alle Psychologen.«
»Sie glauben, daß die Kindheit einen Menschen zerstören kann.«
Anna blickte ihn unwissentlich mißtrauisch an: »So allgemein habe ich das nie formuliert.«
Carlos machte wieder eine längere Pause.
»Ich bin sehr viel unterwegs und kann nicht regelmäßig zu Ihnen in die Sitzung kommen. Wäre es zwischendurch möglich, mit Ihnen auch per Mail zu kommunizieren?«
Anna sah ihn sich genauer an. Schöne, kräftige Hände. Gute Figur, sportlich, schmale Hüften. Sein Gesicht war sehr symmetrisch, ein wenig zu grob geschnitten, dafür aber um so ausdrucksstärker. Die Augen, dunkel, fast schwarz, wirkten abwesend, wenn er zu Boden sah oder im Raum umherblickte. Sah er sie jedoch an, schien seine komplette Konzentration in den Pupillen gebündelt wie ein schwarzer Laserstrahl. Der Blick ging tief, verstörte sie.
»Das ist nicht üblich und erlaubt keine direkte und spontane Interaktion, die sehr wichtig ist für das Verhältnis zwischen Therapeut und Klient«, antwortete sie.
Er schwieg.
Es wäre nun an Anna gewesen, ebenfalls wieder zu schweigen, doch etwas an diesem Mann machte sie neugierig.
»Wollen Sie über Ihre Kindheit reden?«
»Vielleicht. Vielleicht auch nicht.«
Sie schwieg.
»Ich will nur erzählen, was mir so durch den Kopf geht. Ich will nicht, daß Sie mir Fragen stellen.«
Anna lächelte: »Dann fragen Sie.«
Carlos lächelte ebenfalls ein wenig: »Aus den Fragen, die ich Ihnen stelle, können Sie Rückschlüsse auf meinen Charakter ziehen.«
»Soll ich das nicht?«
»Auch auf meine Kindheit?«
Sie sah ihm in die Augen: »Vielleicht. Vielleicht auch nicht.«
Er lächelte. »Ich habe viele Fragen. Ich weiß nur noch nicht, welche. Sie sind noch nicht ausformuliert. Aber ich will sie stellen … Und ich habe Bilder im Kopf. Geschichten. Ich will sie erzählen.«
»Tun Sie das«, meinte Anna.
Carlos erhob sich: »Das nächste Mal. Ich melde mich … Danke.«
Damit ging er.
Anna wollte den seltsamen Eindruck, den ihr Besucher hinterlassen hatte, möglichst bald wieder abschütteln. Sie machte sich schnell, aber diszipliniert einige handschriftliche Notizen über Dantes Kurzauftritt auf der Bühne ihrer Praxis. Was trieb ihn wohl zu ihr? Anna klappte die neuangelegte Akte entschlossen zu. Sie verschwendete keinen weiteren Gedanken an Dante, denn sie war überzeugt, nie wieder von ihm zu hören.
Yvonne brachte Nachschub an Mineralwasser, was als winzige Pause genutzt wurde. Alle füllten ihre leeren Gläser neu und tranken, um den Flüssigkeitsverlust durch das Schwitzen wieder auszugleichen. Pete fiel auf, daß Yvonne sich von hinten über Daniel beugte und unauffällig an seinem wie immer zum gepflegten Pferdeschwanz zusammengebundenen Haar schnupperte, während sie ihm eine neue Flasche hinstellte. Lächelnd beugte sich Pete zu Karen und fragte sie leise, ob die beiden was miteinander hätten.
»Yvonne ist seit ewigen Zeiten heimlich in Daniel verliebt. Alle wissen es, nur er nicht. Und Yvonne weiß natürlich nicht, daß alle es wissen. Das ist unsere ganz private Telenovela hier. Herd und ich haben eine Wette laufen: Merkt Daniel es zuerst, oder geht Yvonne in die Offensive? Ich habe auf Yvonne gesetzt«, tuschelte Karen amüsiert zurück.
Christian warf den beiden einen ungeduldigen Blick zu. Ohne auf die erschöpften Mienen seiner Kollegen Rücksicht zu nehmen, bat er Pete: »Machen Sie weiter. Wir haben keine Zeit zu verlieren.«
Pete nickte und konzentrierte sich wieder aufs Thema: »Hat der Bestatter bei Klaus Backes seinen ersten Fehler gemacht? Das erste Kind, das jemand vermißt! Hat er nicht sorgfältig genug recherchiert? Dazu später. Bleiben wir bei den Gemeinsamkeiten der ersten drei Morde. Kannten sich Täter und Opfer? Möglich. Jedenfalls wurden die Opfer vermutlich mit Bedacht ausgewählt. Wie hat sich der Täter den Opfern genähert? Wenn wir von Straßenstrichern ausgehen, stellt diese Frage keine Schwierigkeiten für den Mörder dar. Die steigen in jedes Auto. Wenn es sich aber nicht um Stricher handelt, wie hat er die Kinder in seine Gewalt gebracht? Leider auch kein Problem. Unbeobachtet ansprechen und dann ohne Risiko überwältigen geht bei den meisten Kids, egal wie gut ihre Eltern sie behüten. Dann allerdings hätten wir Vermißtenanzeigen. Weiter: Lassen sich Personifizierungsaspekte feststellen? Ja. Die Kinder werden erdrosselt. Keine sichtbaren Spuren von Mißbrauch. Tatort und Fundort sind definitiv in zwei Fällen nicht identisch. Der Täter muß gerade bei seiner hohen Frequenz besondere Vorsicht walten lassen. Er handelt nicht im Affekt, sondern planvoll. Den Fundort hat er schon vor der Tatausführung ausgesucht, denn der ist Bestandteil seines Rituals, der Bestattung. Was er mit den Jungen anstellt, wissen wir nicht. Wie lange läßt er sie am Leben, bevor er sie tötet? Nur bei der vierten Leiche wissen wir, daß er das Kind maximal vier Tage in seiner Gewalt hatte. Was tut er mit seinen Opfern? Es gibt keine Anzeichen äußerer Gewalteinwirkung. Quält er sie psychisch? Nimmt er sexuelle Handlungen vor, die wir nicht nachweisen können? Wie tickt er? Welches Ritual vollführt er am noch lebenden Opfer? Das einzige, was ich bislang mit Sicherheit sagen kann, ist, daß es ihm hinterher leid tut.«
Pete trank einen Schluck Wasser. Karens Handy klingelte. Sie erhob sich schnell und ging hinaus.
»Wegen der inszenierten Bestattungen?« warf Eberhard ein.
Pete nickte und wies auf das Foto der ersten Kinderleiche an der Pinnwand: »Kein Leichentuch. Das Kind ist schmutzig im Gesicht, vom feuchten Waldboden. Die Würgemale am Hals sind deutlich zu sehen. Zweites und drittes Kind: Waschungen, das Leichentuch kommt dazu. Abdecken der Würgemale, die Rachepsalmen werden sorgsam getippt und in einen sauberen Umschlag gesteckt, die Ablageorte werden zunehmend ästhetischer, das Ganze macht einen friedlichen Eindruck. Wir nennen das ›undoing‹. Er versucht, die Tat im Nachhinein ungeschehen zu machen. Ganz so, als wäre nichts Schlimmes passiert.«
»Wie passen die Psalmen ins Bild?« fragte Christian.
Karen kam wieder herein und setzte sich. Sie schob Christian einen Zettel zu.
»Damit überantwortet er vermutlich seine eigene sündige Seele Gottes Jüngstem Gericht. Er weiß, daß er für seine Taten büßen muß, aber die einzige Strafinstanz, die er anerkennt, ist Gott. Wir, die Gesetze, die Gesellschaft scheren ihn einen Dreck.«
Pete blickte einen nach dem anderen ernst an: »Wir suchen einen zwanzig bis achtunddreißig Jahre alten Mann, weiß, Deutscher. Einzelgänger, unauffällig, aber kontaktarm, emotional und sozial verpuppt. Vermutlich mit Kontakten in die Pädophilenszene. Eventuell schon früh aktenkundig geworden wegen sexueller Vergehen ohne Gewalteinwirkung, vielleicht Exhibitionismus. Er ist nicht verheiratet, hat keinerlei sexuelle Kontakte zu Frauen. Er ist Katholik. Wahrscheinlich ist er nicht arbeitslos, denn viel Reisen kostet Geld. Eventuell reist er beruflich. Allein. Er hat genügend Freizeit, die er mit der Planung seines nächsten Mordes verbringt. Sein nächster Mord wird bald geschehen. Sehr bald.«
»Es sei denn, Perlmann war doch unser Bestatter«, gab Volker wenig überzeugt zu bedenken.
»Seine Alibis für die ersten beiden Morde waren wasserdicht«, warf Pete ein.
»Man hat schon Pferde kotzen sehen«, erwiderte Volker und wandte sich an Daniel und Christian, »und wenn ihr noch eine einzige Kippe raucht in dieser stickigen Luft, dann kotze ich auch.«
Daniel warf einen bedauernden Blick auf seine frisch angezündete Zigarette, erhob sich leise brummelnd und stellte sich ans geöffnete Fenster. Natürlich zog der Qualm nach innen.
Christian ergriff das Wort: »Wir alle glauben nicht, daß Perlmann es war.« Er sah auf den Zettel, den Karen ihm zugeschoben hatte: »Neues aus Saarbrücken. Das Sperma im Körper des toten Jungen war von Perlmann. Wer hat Perlmann umgebracht und warum? Daniel?«
Daniel schnippte seine Kippe aus dem Fenster, setzte sich an den Tisch und klickte in seinem Laptop herum: »Ich habe mich heute intensiv mit durchgeschnittenen Kehlen und abgetrennten Fingern beschäftigt. Ein schmutziger Job, aber einer muß ihn tun.«
Daniel Meyer-Grüne, 31 Jahre alt und ehemaliger Kleinkrimineller aus der Hacker-Szene, war erst seit acht Monaten bei Christians Truppe, wo er offiziell als Berater fungierte. Seiner eigenen Aussage nach war er nur bei Christian, weil er dort straffrei hacken konnte. Aber inzwischen fand er, obwohl er es nicht zugab, eine gewisse Befriedigung darin, seine Kenntnisse nicht mehr nur zum Spaß einzusetzen, sondern etwas zu bewirken, auch wenn er dabei keinerlei reale Berührung mit der Welt der Verbrechen wünschte. Er blieb stets in Hamburg, fokussiert auf seinen Zwanzig-Zoll-Bildschirm, zurückgezogen in seine virtuellen Landschaften. Zwischen ihm und dem Verbrechen mußten jede Menge Gigabyte liegen, sonst bekam er es nicht auf die Reihe und reagierte mit übermäßigem Rotweingenuß.
Wie immer auf einen möglichst coolen Auftritt achtend, lehnte er sich zurück und erzählte. Bei seinen Recherchen auf mehrfach verschlüsselten Internet-Seiten, die nur Insidern zugänglich waren und Maulwürfen wie Daniel, und mit Hilfe von Verbindungsmännern war er auf einen Namen gestoßen, der in gewissen Kreisen für den Verlust von Fingern zuständig war.
»Der Kerl nennt sich Joe. Angeblich ist er Russe und heißt Fjodor. Soll noch ziemlich jung sein, aber schon hoch bezahlt. Ein Profi, dem seine Arbeit Spaß macht. Besonders viel Spaß macht es ihm, Finger abzutrennen, vor allem, wenn er einen seiner Kunden befragt, der nicht bereitwillig Auskunft gibt. Er hat das Foltern zwar nicht mehr beim KGB gelernt, aber Anregungen offensichtlich aufgenommen. Joe arbeitet gerne mit dem Skalpell. Angeblich ist sein Vater Chirurg und hat ihn als Kind das Sezieren an kleinen Tieren üben lassen, Vögel, Frösche, Hasen und so. Es gibt ’ne Menge Geschichten über Joe. Lustig ist nur, daß keiner ihn je getroffen hat. Es gibt keine Fotos, keiner weiß, wie er aussieht. Er wird über das Web kontaktet und regelt den Rest telefonisch. Seine Auftraggeber kommen ausschließlich aus dem organisierten Verbrechen. Naja, vielleicht würde er auch mal dem ein oder anderen Freund einen Gefallen tun. Ich fürchte nur, ein Mann wie Joe hat keine Freunde.«
Daniel erhob sich ohne ein weiteres Wort, nahm eine seiner filterlosen Gitanes aus der Schachtel und ging zurück zum Fenster.
»Kannst du uns Joe auftreiben, Daniel?« fragte Eberhard mit spöttischem Unterton.
»Süßer, es gibt im Web Welten und Unterwelten, die selbst mir verschlossen bleiben. Aber wenn’s dich freut, versuche ich es natürlich.«
Eberhard pfiff gekonnt die ersten Takte von Jimi Hendrix’ »Hey Joe«, Volker begann Luftgitarre zu spielen.
Christian wandte sich, die beiden ignorierend, an Pete: »Ich glaube, daß es einen Zusammenhang zwischen den Morden an den Kindern und Perlmann gibt. Vielleicht hat Joe im Auftrag eines Pädophilenrings gehandelt, weil die sauer waren, daß einer ihre Ware abmurkst.«
»Dann gehen sie wahrscheinlich davon aus, daß Perlmann der Bestatter ist«, sinnierte Pete.
Christian nickte: »Und sie denken, daß das Thema damit durch sei. Erst beim nächsten Kindermord werden sie sehen, daß sie sich geirrt haben. Ich schätze nur, daß unser Bestatter, vorausgesetzt, Perlmann war es wirklich nicht, sich die gleichen Gedanken macht wie wir. Kann also sein, daß er erst mal aufhört.«
»Unwahrscheinlich«, widersprach Pete. »Die hohe Frequenz, die er bei den Morden bislang an den Tag gelegt hat, zeigt, wie dringend er seine Bedürfnisse befriedigen muß, was immer das für welche sein mögen.«
Christian sah nachdenklich aus dem Fenster: »Wie dem auch sei, wir werden nicht darauf warten. Daniel, du versuchst, an diesen Joe ranzukommen. Ansonsten recherchieren wir weiter in der Pädophilenszene.« Christians Stimme kippte vom Sachlichen ins Aggressive. Er schlug mit der flachen Hand auf den Tisch: »Es muß doch eine Verbindung zwischen den Fundorten und den Kindern herzustellen sein, verdammt noch mal!«
»Die meisten Serienmörder töten in einem Umkreis von dreißig Kilometern zu ihrem Wohnort. Unserer reist, was sehr ungewöhnlich ist. Was ist mit der Art des Reisens?« fragte Pete. »Welche Fortbewegungsmittel nutzt er?«
»Auto, Bus, Bahn«, vermutete Volker.
»Oder Flugzeug«, wandte Pete ein.
»Wenn der Bestatter so strukturiert und organisiert ist, wie Sie annehmen, wird er nicht das Flugzeug nehmen und seine Wege über Tickets verfolgen lassen«, winkte Eberhard ab, »Joe jedenfalls wird so blöd nicht sein.«
Pete runzelte die Stirn. »Es ist doch möglich, daß der Bestatter beruflich reist und seine Morde an den Dienstreiseplan anpaßt. Leute, die beruflich unterwegs sind, lassen ihre Reisen häufig von der Firma buchen. Flüge.«
Christian nickte. Er stand auf und ging zur an die Wand gepinnten Deutschlandkarte, auf der die Fundorte der Leichen markiert waren: »Kein Fundort liegt mehr als dreißig Kilometer von einem Flughafen entfernt.«
Karen nickte Pete anerkennend zu. Die anderen sahen Christian an. Allen war klar, wie aufwendig diese Arbeit werden würde und wie wenig Erfolg sie versprach. Doch Christian brachte die Sache auf den Punkt: »Es ist eine Chance. Eine kleine. Scheiße, ja.«