Montag, 27. Juni
Am Montag morgen um halb neun versammelten sich Christian und seine Leute im als Konferenzraum genutzten größten Zimmer der Einsatzzentrale. Karen war als einzige einigermaßen ausgeruht, denn sie war schon Samstag nachmittag nach Hamburg zurückgeflogen. Christian, Eberhard und Volker hingegen waren erst vor einer Stunde gelandet und direkt vom Flughafen ins Büro gefahren. Sie hatten das Wochenende bei den Kollegen im Landeskriminalamt Saarbrücken mit Verhören aktenkundiger saarländischer Pädophiler verbracht. Doch angeblich wußte keiner etwas, niemand kannte irgend jemanden, noch hatte man mit der Szene überhaupt etwas zu tun. Sie hatten mögliche nationale und internationale Verbindungen der saarländischen Kinderschänderkreise überprüft, sie hatten das restliche am Fundort gesammelte Material ein ums andere Mal und dann noch mal gesichtet, kategorisiert und, so weit es in diesem Stadium ging, interpretiert. Sie hatten kaum geschlafen und sahen entsprechend aus. Unrasiert, übermüdet und überarbeitet. Inzwischen waren sämtliche alten Papiertaschentücher, Kippen, Kondome, Bierdosen und was sie sonst noch alles in dem Waldstück gefunden hatten, ohne daß es vermutlich auch nur irgendeinen Hinweis auf den Mord ergab, in zwei Kisten verpackt, welche hier nun in Hamburg erneut gesichtet und ausgewertet oder in die Asservatenkammer gebracht werden würden. Seit kurzem besaß Christian das Privileg, ohne Rücksicht auf lokale Zuständigkeiten landesweit Beweismaterial einsammeln und mitnehmen zu dürfen, statt sich mit schlechten Kopien oder unvollständigen Berichten begnügen zu müssen.
Christians Team war die erste länderübergreifende SOKO Deutschlands und vom Innenministerium eingerichtet worden. Christian hatte sich um diese Neuerung mehr als bemüht, und man schien tatsächlich aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt zu haben: Der »Pfadfindermörder« trieb über einige Jahre hinweg ungestört sein blutiges Geschäft in Deutschland und im angrenzenden Frankreich. Fünf Kinder fielen ihm zum Opfer. Als er durch einen Zufall gefaßt wurde und die Morde aufgeklärt werden konnten, war erschütternd schnell klar, daß er nur aufgrund von Kommunikations- und Verfahrensfehlern, Reibungsverlusten durch Kompetenzgerangel und Schlampereien und unmotivierter und schlecht ausgebildeter Beamter so lange auf freiem Fuß geblieben war.
Nun waren in Deutschland seit Beginn des Jahres drei Kinder ermordet worden. Die Medien machten Druck. Sie stürzten sich gierig auf die Fälle, tauften den mutmaßlichen Serienkiller in bedrohlicher Diktion »Bestatter« und erinnerten an den Fall Dutroux, der ganz Belgien über Jahre hinweg gesellschaftlich und politisch erschüttert hatte. Ein ähnliches Desaster galt es in Deutschland zu vermeiden, befand der Innenminister und entschloß sich, vom BKA-Präsidenten eine Sonderkommission einrichten zu lassen. Diese SOKO sollte eine kleine, kreative, aber schlagkräftige Einheit mit bundesweiten Vollmachten sein und absolut unabhängig ermitteln. Und ein Hauptverantwortlicher mußte her als Beweis für die Presse, daß man aus den Fehlern gelernt hatte. Im Falle eines Scheiterns stand damit auch der Sündenbock schon bereit und konnte der Öffentlichkeit zum Fraß vorgeworfen werden.
Diese Rolle wurde nach langem Überlegen auf oberster behördlicher Ebene dem Hamburger Kriminalhauptkommissar Christian Beyer zugedacht. Sein alter Kumpel Fred Thelen hatte sich für den 46jährigen eingesetzt, obwohl Kurt Michaely, der BKA-Präsident, zuerst vehement gegen Christian votierte. Fachlich besaß Christian zwar einen sehr guten Ruf, doch er war als Querkopf verschrien, der gern Alleingänge unternahm, ohne sich in Hierarchien einzufügen. Schon mehrfach war Christian im Laufe seiner Karriere mit diversen Vorgesetzten aneinandergeraten, und mit Michaely verband ihn eine besonders intensive gegenseitige Abneigung, die allerdings von privaten Zwistigkeiten herrührte. Vor Jahren war Christian bei einer Faschingsfeier auf dem Kommissariat mit Michaelys Frau in dessen Büro überrascht worden, in einer eindeutigen Situation. Michaely war monatelang dem Spott der Kollegen ausgesetzt gewesen und hatte Christian diesen Zwischenfall nie verziehen.
Dennoch gab Michaely in der Diskussion um den SOKO-Leiter schließlich nach, denn ihm war in offenen Gesprächen mit dem Innenminister klargeworden, daß Christian doppelt funktionierte: Seine bisherigen Resultate – Christian hatte schon sieben von acht ihm übertragene Mordfälle scheinbar mühelos aufgeklärt – befähigten ihn für das Gelingen des heiklen Auftrags, seine unangepaßte Widerspenstigkeit würde ihn, im Falle des Versagens, zum Bauernopfer prädestinieren, dem seine Dienstherren nicht allzu viele Tränen nachweinen würden.
Christian war sich dessen wohl bewußt, doch es scherte ihn wenig. Er wollte seine Arbeit machen. Er wollte den Bestatter. Schon bei der ersten Kinderleiche, die im Norden von Hamburg gefunden worden war, hatte er geahnt, daß weitere folgen würden. Bei der zweiten Leiche in Berlin regte er über seinen Dienstherrn, den Polizeipräsidenten von Hamburg, die überregionale Zusammenarbeit an, doch erst bei der dritten Leiche in Augsburg kam der Behördenapparat in Bewegung. Christian erhielt freie Hand bei der Auswahl seines Teams und der täglichen Ermittlungsarbeit, natürlich streng im gesetzlichen Rahmen, die Landespolizeiämter wurden auf reibungslose Zusammenarbeit eingeschworen. Doch er verzichtete darauf, sich aus ganz Deutschland die Spezialisten zusammenzusuchen. Er griff lieber auf die Leute zurück, mit denen er seit Jahren vertrauensvoll reden und schweigen konnte. Den Profiler, den ihm Michaely zur Seite stellen wollte, um damit ein Mindestmaß an Kontrolle über die SOKO auszuüben, plante Christian schlicht zu ignorieren.
Auch um den Hamburger Polizeipräsidenten scherte er sich wenig. Der betrachtete die rein hamburgische Zusammensetzung der nun offiziell »SOKO Bund« genannten Truppe zwar als seinen ganz persönlichen Erfolg, war aber mehr als ungehalten darüber, daß die Leitung nicht seinem Protegé Martin Ganske übertragen worden war und daß Christian zudem auch nur Oberstaatsanwalt Waller würde Rede und Antwort stehen müssen. Der Polizeipräsident fühlte sich übergangen und reagierte kleinlich: Christian und seine »SOKO Bund«, von mißgünstigen Kollegen bald in »SOKO Schund« umgetauft, wurden aus dem modernen, perfekt ausgestatteten Polizeipräsidium ausgelagert in eine marode Sechs-Zimmer-Altbauwohnung in der Schanzenstraße, die vor Jahren angemietet worden war, um den Drogenumschlagplatz am S-Bahnhof gegenüber zu beobachten. Die offizielle Begründung lautete: »Damit ihr in Ruhe arbeiten könnt.« Christian war das nur recht. Er wollte den Bestatter. Und je weniger ihn dabei von Neid zerfressene Kollegen oder beleidigte Vorgesetzte störten, um so besser.
Es war heiß und stickig im Besprechungszimmer, da sich der Sommer am Wochenende mit glühender Intensität über der Stadt ausgebreitet hatte. Von einer Klimaanlage wie im Polizeipräsidium konnten Christian und seine Leute in ihrer kleinen Bruchbude nur träumen. Alle waren pünktlich da, legten die Unterlagen vor sich auf den Tisch und breiteten die Beweisstücke aus. Eberhard heftete die Fundort- und Leichenfotos und den in Saarbrücken vorgefundenen Psalm an die Pinnwand, die schon reichlich bestückt war mit dem Material der vorhergegangenen Morde. Daniel steckte einen kleinen Ventilator in die Steckdose, plazierte ihn neben sich, da er aufgrund seines leichten Übergewichts schnell ins Schwitzen geriet, und installierte sein Laptop, bereit, bei plötzlich auftauchenden Fragen sofort zu recherchieren. Yvonne, die kleine, 22jährige Assistentin mit dem blondierten Wuschelkopf, brachte ein Tablett mit mehreren Flaschen Wasser, zwei Kannen Kaffee und ein paar Tassen herein und setzte sich dazu.
Christian eröffnete die Sitzung mit stahlhartem Blick und deutlichen Worten: »Vergeßt eure Familien, eure Liebschaften, Freunde, Hobbys, vergeßt eure Wochenenden, euer Privatleben. Dies ist seit Februar in Hamburg die erste Leiche, bei der wir vor Ort sind. Wir holen uns den Bestatter. Wir werden ihn jagen, bis er …«
Christian wurde unterbrochen, denn die Tür zum Konferenzraum ging auf, und Pete trat ein.
»Guten Morgen, ich hoffe, ich bin nicht zu spät«, lächelte er in die Runde. Er war frisch geduscht, frisch gekämmt, frisch rasiert – ganz im Gegensatz zu den anderen, deren Hemden schon dunkle Flecken aufwiesen. Karen vermutete, daß der erste Schweißtropfen, der bald unweigerlich auch auf der Stirn dieses Mannes hervorträte, bei ihm wirken würde wie kühles Kondenswasser. Sie verspürte spontan Lust, ihn anzufassen, um sich an seiner Haut zu erfrischen.
Christian blickte den Neuankömmling irritiert an. Nur Yvonne erhob sich und reichte Pete die Hand. »Hallo, ich bin Yvonne Abel, die Assistentin.« Sie wandte sich an Christian und die anderen, sah sie eindringlich an und erklärte: »Das ist Pete Altmann, der neue Kollege!«
»Sie haben vergessen, daß ich heute anfange, oder?« mutmaßte Pete, nach wie vor sein gewinnendes Lächeln auf dem Gesicht. Christian erhob sich und gab Pete unwillig die Hand. »Vermutlich verdrängt. Ich bin Christian Beyer. Setzen Sie sich einfach dazu.«
Pete wurde betont reserviert begrüßt, denn allen war klar, daß er der »Spitzel« des BKA-Präsidenten war, der ihnen auf die Finger sehen sollte. Weder Christian noch die anderen hatten die Notwendigkeit gesehen, sich einen in den USA ausgebildeten Profiler an die Seite stellen zu lassen, und sie verspürten auch keine große Lust, jetzt noch einen Fremden in den Fall und in die eingespielten Abläufe ihrer Truppe einzuarbeiten. Nur Karen hieß ihn verhalten freundlich willkommen, was Daniel und Volker wiederum mißbilligend zur Kenntnis nahmen.
»Inwieweit sind Sie über die Ermittlungen auf dem laufenden?« wollte Christian knapp wissen.
»Ich habe die bisherigen Berichte gelesen, bin aber auf Unterfütterung dieser Fakten angewiesen«, gab Pete sachlich zurück.
»Dann hören Sie am besten erst mal zu«, befand Christian. Er nahm eine Tasse vom Tablett. »Wir waren am Wochenende im Saarland, wo eine weitere Kinderleiche gefunden wurde«, erklärte er Pete, während er sich Kaffee einschenkte.
Dann wandte er sich an Karen: »Fängst du an?«
Karen nickte und begann, ihren Sektionsbericht zusammenzufassen.
Joe parkte seinen Mietwagen am Waldrand und betrachtete den Lageplan. Sein aktueller Auftrag wohnte wirklich sehr abgeschieden. Das Risiko, unliebsamen Zeugen zu begegnen, war also gering. Joe setzte seine Baseballmütze, die sportliche Sonnenbrille und den Walkman auf. Die Musik ließ er ausgeschaltet, um seine Wachsamkeit nicht einzuschränken. Dennoch sah er mit diesen Accessoires und dem Jogginganzug wie ein gewöhnlicher Läufer aus, der seine Runden durch die Natur trabte. Das kleine schwarze Ledertäschchen, das er sich um die Hüfte schlang, war ebenfalls unauffällig. Er schloß den Wagen ab und lief in gelassenem Tempo zu seinem Ziel, wobei er sich die Gegend ansah. Routiniert speicherte er die notwendigen Informationen: zugeklappte Fensterläden, abgeschlossene Gartentürchen, keine Wachhunde, keine Geräusche. Es war ruhig, sehr ruhig. Kein Mensch unterwegs. Nachdem Joe sich in konzentrischen Kreisen dem Haus seines Kunden genähert und sich vergewissert hatte, im Umkreis von zumindest einigen hundert Metern allein zu sein, hielt er an und nahm ein Paar Chirurgenhandschuhe aus dem schwarzen Täschchen. Das Fenster hatte er in drei Sekunden geräuschlos aus den Angeln gehoben. Angewidert vom abgestandenen Geruch gebratener Zwiebeln in altem Fett, bewegte er sich langsam in die Stube hinein, die Küche und Wohnzimmer in einem zu sein schien. Es war nichts zu hören außer einem leisen Schnarchen. Sein Kunde, ein abgemagerter Kerl Mitte Vierzig mit ungewaschenen, halblangen grauen Haaren, schlief auf dem Sofa mit nichts an als einer ausgeleierten Unterhose, die ihre Ursprungsfarbe kaum noch erahnen ließ. Joe war froh, daß er bei seiner Arbeit immer Handschuhe trug. Als er dem Mann das Klebeband großflächig auf den Mund preßte, aus dem im Schlaf seitlich etwas Speichel herausgetropft und wieder getrocknet war, wurde der Typ wach. Ohne zu begreifen, was geschah, wollte er panisch um sich schlagen, doch Joe kam ihm zuvor und knockte ihn mit seinem Schlagring aus.
Als Karen ihren Bericht beendet hatte, herrschte kurz Schweigen. Yvonne senkte den Blick und griff in die Plätzchenschale, die sie vor Beginn der Konferenz auf den Tisch gestellt hatte. Verstört betrachtete sie den Keks in Tierform, murmelte »Oh, ein Schaf« und legte ihn wieder zurück in die Schale. Yvonne tat gerne hartgesotten, um sich vor den von ihr so bewunderten Profis keine Blöße zu geben, doch in solchen Momenten verlor sie schlagartig ihr fröhliches Naturell und sank in sich zusammen. Den anderen erging es kaum besser. So erfahren sie alle hier am Tisch auch waren, auf ihnen lastete nicht nur die drückende Hitze im Raum, sondern die jedesmal und immer wieder neu verspürte Erschütterung über die notwendige Kluft zwischen der wissenschaftlich distanzierten Sprache der Rechtsmedizin, die über ein komplex zusammengesetztes chemikalisch-biologisches Gebilde befand, und der Tatsache, daß es sich dabei um ein Kind handelte, das vor kurzem noch gelebt, gespielt, gelacht und eine Zukunft gehabt hatte. Vor allem Eberhard, der selbst zwei kleine Kinder hatte, konnte sich nur schwer zur Sachlichkeit zwingen.
Christian erhob sich schleppend und ging zur Pinnwand. Obwohl er bemüht war, sich nicht anmerken zu lassen, wie persönlich er die Sache nahm, war seine Stimme rauh, als er zusammenfaßte: »Vier Jungs, im Alter von circa sieben bis elf Jahren. Der erste ermordet am 9. Februar, Aschermittwoch. Aufgefunden drei Tage später hier bei Norderstedt im Wald. Geschätzte elf Jahre alt. Erdrosselt. Eine weiße Lilie auf der von Wetter und Wald verschmutzten Leiche, aufgebahrt auf einem Schneehaufen. Kein Leichentuch. Kein Psalm. Keine verwertbaren Spuren, keine Zeugen. Das Kind asiatischer Herkunft mit der auf der Innenseite des linken Oberschenkels eintätowierten Nummer 573 konnte bis heute nicht identifiziert werden. Tatort und Fundort ganz offensichtlich nicht identisch.
Zweite Leiche am 27. März, Ostersonntag. Mahlsdorf, bei Berlin. Geschätztes Alter sieben Jahre. Gefunden auf einem kleinen Hügel mit Seeblick. Keine Blume, aber in ein weißes Tuch gewickelt, in dem sich folgender, auf einem Computer getippter Text, Schrift Harrington, befand: Gift ist in ihnen wie Schlangengift, wie Gift einer tauben Otter, die verschließt ihre Ohren.«
Christian sah Daniel an. Der blickte auf ein geöffnetes Dokument in seinem Laptop: »Bibel. Das Buch der Psalmen. Psalm 58, 5.«
Christian fuhr fort: »Keine verwertbaren Spuren, keine Zeugen. Das Kind konnte ebenfalls noch nicht identifiziert werden.
Dritte Leiche am 26. Mai, Fronleichnam. Fundort bei Augsburg. Tatort und Fundort offensichtlich nicht identisch. Der Junge, geschätzte zehn Jahre alt, lag auf einer Wiese vor einem alten Holzkreuz. Rundherum von der Wiese gepflückte Blumen. Im Leichentuch folgender Text: Ihre Kehle ist ein offenes Grab, ob auch von Schmeichelreden trieft ihre Zunge.«
Daniel ergänzte: »Psalm 5, Vers 10.«
Christian wandte sich an Pete: »Wir sind seit dem 13. Juni mit den Ermittlungen in allen Fällen betraut. Die Entscheidung des Innenministers hat gedauert, bis sogar die dritte Leiche schon kalt war. Und es tut mir leid, wenn ich mich wiederhole, aber: auch hier bislang keine verwertbaren Spuren, keine Zeugen. Hinweise ja, Hunderte von Anrufen, falsche Geständnisse, Denunzierungen von Nachbarn, das Übliche. Die zuständigen Landespolizeidienststellen sind am Rotieren, gehen Tausenden von Hinweisen nach, doch bis jetzt kam in keinem einzigen der Fälle irgendwas Brauchbares heraus. Gar nichts. Auch das dritte Kind konnte noch nicht identifiziert werden. Und nun Saarbrücken. 24. Juni. Kein Feiertag. Ein ganz normaler Freitag. Tatort: Fragezeichen. Fundort: Wald. Hänsel und Gretel, ein keltoromanischer Kultstein. Aufgebahrt auf Zweigen und Blättern. Tuch, Kerzen, Psalm: O Gott, zerbrich ihnen die Zähne im Mund! Zerschlage, Herr, das Gebiß der Löwen! Sie sollen vergehen wie verrinnendes Wasser, wie Gras, das verwelkt auf dem Weg, wie die Schnecke, die sich auflöst in Schleim, wie eine Fehlgeburt sollen sie die Sonne nicht schauen!«
»Psalm 58, 7–9«, kam von Daniel.
»Die Psalmen sind in den Berichten bislang nicht erwähnt worden«, warf Pete ein. Volker deutete auf das Telefon: »Wollen Sie dem BKA-Chef Bescheid geben?«
Pete ignorierte die Provokation und wandte sich an Christian: »Ich nehme an, Sie möchten durch diese Maßnahme eventuelle Sicherheitslücken schließen und falsche Geständnisse erkennen?« Christian nickte: »Manche Leute im Präsidium und auch anderswo haben zu gute Kontakte zur Presse. Wir wollen nichts riskieren.« Christian blickte schweigend aus dem Fenster, als habe er den Faden verloren. Alle außer Pete wußten, daß Christian sich an einen länger zurückliegenden Fall erinnerte, bei dem eine Indiskretion an die Presse die Rettung einer entführten Frau verhindert hatte. Christian hatte damals in einem schrecklichen Wutanfall den schuldigen Kollegen derart verprügelt, daß er nur knapp einer Suspendierung entging.
»Und jetzt der Hammer«, ergriff Eberhard das Wort, »zum ersten Mal eine verwertbare Spur. Sperma. Wir wissen zwar nicht, ob es uns weiterbringen wird, aber wir wissen, daß der Mörder einen Fehler gemacht hat. Endlich.«
Volker rührte in seiner Kaffeetasse und räusperte sich skeptisch.
»Volker, was hältst du davon?« fragte Christian.
Pete beugte sich zu Daniel und fragte ihn flüsternd, was es mit dem Kultstein namens Hänsel und Gretel auf sich habe. Daniel erklärte es ihm knapp. Demonstrativ wartete Volker das Ende des Getuschels ab. Als Pete es bemerkte, entschuldigte er sich: »Ich habe deswegen nicht unterbrechen wollen, sorry.«
Ungerührt blickte Volker ihn an: »Das haben Sie aber. Sie können Ihre Fragen gerne offen stellen. Und vielleicht möchten Sie uns ja Ihren Eindruck vermitteln, den Sie aus dem Lesen der Berichte und Ihrem bisherigen Studium des Beweismaterials haben. Was ich denke, wissen meine Kollegen zur Genüge. Wir fassen es nur jeden Montag morgen aufs neue zusammen, damit wir nichts übersehen und uns nicht von unseren Gefühlen in die Irre führen lassen.«
Auch Eberhard wandte sich nun direkt an Pete: »Uns beschäftigen vor allem folgende Fragen: Wie sucht der Täter die Kinder aus? Was sind das für Kinder, die anscheinend keiner vermißt? Gibt es eine vordeliktische Täter-Opfer-Beziehung, und wenn ja, welche? Inwieweit sind die Morde sexuell motiviert? Das Thema ist nun durch den Spermafund vorerst geklärt. Bislang war es schwierig zu beurteilen, weil die ersten drei Morde nicht direkt und nachweisbar mit sexuellem Mißbrauch einhergingen. Der Mißbrauch der ersten drei Opfer lag mehrere Tage zurück. Wir wissen bislang nicht, wie lange der Täter die Opfer in seiner Gewalt behält, bevor er sie tötet. Außerdem: Welche Bedeutung haben diese sogenannten Rachepsalmen? Warum bahrt der Täter die Leichen auf und schmückt sie? Ist unser Killer total durchgeknallt oder einfach nur ein kranker Pädophiler?«
Nach einer Kunstpause sah Eberhard Pete ruhig an: »Super Fragen für einen super FBI-Profiler, oder? Haben Sie ein paar Antworten für uns, die über das Serienkiller-Klischee hinausgehen?«
»Dazu müßten Sie mir erst Ihr Serienkiller-Klischee definieren«, gab Pete zurück.
»Weiß, zwischen Zwanzig und Mitte Dreißig. Signifikante Fehlentwicklung in primären Sozialisationsprozessen«, entgegnete Eberhard.
Daniel nickte: »Wurde als Kind von Mama und Papa geschlagen und in den Keller gesperrt.«
Volker fuhr fort: »Bindungsschwach, kontaktarm, fehlende Konfliktbereitschaft. Lebt unauffällig, hört auf unauffällige Namen wie Peter Kürten oder Fritz Haarmann und geht vermutlich einem unauffälligen Beruf nach. In den USA sind die Serienkiller angeblich überdurchschnittlich intelligent. Bei uns nicht.«
»Das kann natürlich daran liegen, daß in den USA einer mit einem IQ von achtzig schon überdurchschnittlich intelligent ist. Der wird dann Präsident«, feixte Eberhard.
»Oder was Tolles beim FBI«, fügte Volker süffisant hinzu.
Pete wandte sich leicht gereizt an Christian: »Hören Sie, ich weiß, daß Sie mich nicht angefordert haben. Das heißt aber nicht, daß ich nichts beizutragen habe. Also wäre es schön, wenn Sie mich in die Arbeit integrieren würden.«
»Das müssen Sie schon selbst tun«, gab Christian gleichmütig zurück, »ich weiß, was diese Leute hier können. Ich kenne sie seit Jahren, ich vertraue ihnen und ihrer Arbeit. Sie sind ein Fremder. Warum sollte ich Ihnen vertrauen?«
»Weil wir zum gleichen Verein gehören?«
Christian fixierte ihn kühl: »Arbeiten Sie mit, zeigen Sie uns, was Sie draufhaben. Wir werden sehen. Wenn Sie beim Oberboß Bericht erstatten müssen, sollen oder wollen, tun Sie das. Aber wir sind hier nicht im Streichelzoo. Wenn Sie emotionale Zuwendung brauchen, sind Sie bei uns an der falschen Adresse. Und erwarten Sie nicht, daß wir in Ehrfurcht erstarren, bloß weil Sie ein paar Jahre in Quantico Statistiken studiert haben.«
Pete verschränkte abwehrend die Arme vor der Brust. Ihm war jetzt klar, daß er als Eindringling, als Aufpasser betrachtet wurde. Er hatte zwar schon gehört, daß Beyer ein harter Hund war, aber mit derart offener Ablehnung hatte er nicht gerechnet. Dennoch versuchte er, cool zu bleiben: »Gut, daß wir das geklärt haben. Können wir jetzt arbeiten? Ich bin auch nicht zum Schmusen hier.«
Christian nickte bedächtig: »Dann legen Sie mal los. Was wissen Sie, was wollen Sie wissen, was denken Sie über das, was Sie bisher erfahren haben? Entwickeln Sie schon ein Profil oder was Ähnliches?«
Pete schüttelte ernst den Kopf: »Ich weiß noch viel zu wenig, die Berichte, die ich bislang gelesen habe, sind zu …«, er suchte nach dem richtigen Wort, »… Es sind kalte Spuren. Ich muß dichter ran. Geben Sie mir einen Tag, damit ich das Originalmaterial studieren kann.« Bei den letzten Worten wies er mit einer knappen Handbewegung auf die Pinnwand, die auf dem Tisch ausgebreiteten Unterlagen und die halbgeleerten Kisten mit Protokollen der Tatortarbeit und Zeugenaussagen.
»Sie brauchen mehr als einen Tag. Wir haben inzwischen fast zwei Zentner Papier«, meinte Volker lapidar.
Christians Handy klingelte. Das Gespräch mit Kommissar Philipp aus Saarbrücken war kurz, aber offensichtlich erfreulich. Als Christian auflegte, schlug er vor angespannter Erregung mit der flachen Hand auf die Tischplatte.
»Sie haben das Kind identifiziert. Die Mutter hat den Jungen heute als vermißt gemeldet. Wir sind endlich an ihm dran!«
Volker und Eberhard klatschten ab. Nur Karen wunderte sich: »Wieso vermißt die Mutter ihren Sohn erst nach drei Tagen?«
Christian zuckte mit den Schultern und sah zu Yvonne: »Auf ins Saarland. Den nächsten Flug für Volker und mich.«
Pete erhob sich: »Ich komme mit. Könnten Sie den Saarbrückern sagen, daß wir mit der Mutter nicht auf dem Kommissariat, sondern in ihrem Haus reden wollen?«
Christian warf Pete einen kurzen Blick zu, dann nickte er. »Drei Tickets«, sagte er zu Yvonne. Dann ging er hinaus.
Karen erhob sich und ging zu Pete, der vor der Pinnwand die Fotos betrachtete: »Sprechen Sie Chris ab sofort nicht mehr an. Nicht vor dem Flug, schon gar nicht im Flugzeug, und auch nicht die erste halbe Stunde nach dem Flug. Ich meine es gut mit Ihnen.«
Pete lächelte dankbar: »Wenigstens eine.«
Nach getaner Arbeit lief Joe in gemütlichem Trab die vier Kilometer zu seinem Mietwagen zurück. Er war zufrieden, auch mit seiner körperlichen Verfassung. Obwohl es sehr heiß war, spürte er keine Anstrengung. Kurz bevor er wieder beim Waldparkplatz zurück war, begegnete er einem anderen Jogger. Sie liefen achtlos aneinander vorbei. Als Joe in seinen Wagen einstieg, parkte gerade ein Ford neben ihm ein. Joe schob seine Baseballmütze tiefer ins Gesicht, doch das alte Ehepaar, das mühsam aus dem Wagen kletterte, hatte nur Augen für seinen verfetteten Terrier, der, kaum war er aus dem Ford geplumpst, schon sein Bein an der nächsten Birke hob. Joe startete und fuhr langsam an. Heute abend würde er in Berlin sein und sich zur Feier des Tages eine Nase Koks gönnen. Es war alles glatt gelaufen. Wie immer.
Zweieinhalb Stunden später landeten Christian, Volker und Pete auf dem Flughafen Ensheim, von dem sie erst am selben Tag in aller Herrgottsfrühe gestartet waren. Es war heiß, mindestens dreißig Grad im Schatten. Innerhalb von wenigen Minuten rannen den Männern Schweißbäche die Schläfen herab. Christian sehnte sich nach einer Dusche, denn am Morgen, noch im Hotel in Saarbrücken, hatte er verschlafen und auf die Dusche verzichten müssen.
Diesmal holte Kommissar Philipp sie persönlich ab. Er stürzte auf die drei zu, sparte sich die Begrüßung und platzte heraus: »Wir haben ihn!«
Das Team aus Hamburg sah ihn verblüfft an, doch Philipp hatte offensichtlich keine Zeit zu verlieren und hastete voraus zu seinem Wagen. Sein Hemd klebte komplett durchgeschwitzt an seinem Rücken. Die Autotüren waren kaum geschlossen, als er Gas gab. Vorbei am Ensheimer Gelösch und am Grumbachtal, wo vor wenigen Tagen die Leiche des Kindes gelegen hatte. Der Fahrtwind, der durch die offenen Fenster hereinpfiff, trocknete ihnen den Schweiß. Unterwegs erklärte Philipp angespannt die neuesten Entwicklungen. Die Mutter des Jungen hatte das Kind identifiziert und ihnen gesagt, daß ihr Sohn, Klaus, am Mittwoch von seinem Freund Herbert abgeholt worden sei. Die beiden verbrachten oft das gesamte Wochenende gemeinsam, in den Ferien kam es auf einen Tag mehr oder weniger auch nicht an, deswegen habe sie den Jungen bislang auch noch nicht vermißt. Erst als Klaus am Sonntag abend nicht zurückgekommen und auch Herbert nicht erreichbar gewesen sei, sei sie nervös geworden.
»Wir fahren jetzt zu Herbert, nehme ich an?« fragte Volker dazwischen.
Philipp nickte: »Herbert ist nicht der klassische Spielkamerad eines Neunjährigen. Herbert Perlmann ist 46 und ein aktenkundiger Pädophiler. Ich dachte mir, Sie wollen sicher bei dem Einsatz dabei sein. Die Eingreiftruppe ist in Stellung und wartet auf uns. Mit der Mutter können Sie nachher reden. Sie ist bei sich zu Hause, wie Sie es wollten.« Philipp fuhr wie ein Verrückter, ohne jedoch das Martinshorn einzuschalten. Nach etwa zwanzig Minuten waren sie am bewaldeten Rand eines Kaffs namens Elversberg angelangt. Drei Beamte in Zivil und zwei Streifenwagen mit je zwei Uniformierten standen unauffällig am Eingang einer Schrebergartenkolonie bereit und warteten auf Philipps Kommando. Es war wenig los bei den Laubenpiepern, vermutlich zu früh und doch schon zu heiß. Nur ein einsames Pärchen kniete in seinen Beeten und entlauste die Rosen. Einer der Zivilbeamten schickte sie vorsichtshalber in ihr Häuschen, eine Aufforderung, der sie nur murrend nachkamen.
Perlmanns Laube stand ein wenig abseits von den anderen, blickgeschützt. Sie wurde umstellt, Philipp und ein weiterer Beamter entsicherten ihre Waffen und klopften an. Christian, Volker und Pete hielten sich diskret im Hintergrund, jedoch jederzeit bereit einzugreifen. Als niemand öffnete, brachen Philipp und sein Kollege die Tür auf. Die Formel »Gefahr im Verzug« deckte dieses Vorgehen ab. Schließlich war es möglich, daß sich ein weiteres Kind im Haus befand.
Christian und Volker beobachteten die Szene, und es fiel ihnen sichtlich schwer, den Einsatz nicht selbst kontrollieren zu können. Doch lange mußten sie ihre Ungeduld nicht zügeln. Wenige Augenblicke, nachdem Philipp die morsche Haustür aus den Angeln getreten hatte, kam er wieder vor die Tür und winkte die Hamburger heran. Seine Miene verhieß nichts Gutes.
»In der Küche. Geradeaus und dann rechts«, sagte er müde.
Christian ging voran. Schon im Flur nahm er den typisch metallischen Geruch wahr. Als sein Blick in die Küche fiel, knurrte er nur: »Scheiße.« Es war sein erstes Wort seit dem Start in Hamburg.
Auf dem Boden in halb sitzender Stellung lehnte an einem Bein des Küchentischs ein verlebt aussehender Mann Mitte Vierzig. Zur Zeit sah er sogar sehr verlebt aus. Ein sauberer Schnitt hatte ihm die Kehle von einer Seite zur anderen durchtrennt. Der Kopf war nach hinten gekippt, die Wunde klaffte dem Betrachter breit entgegen. Die Leiche schwamm in ihrem Blut. Es war unmöglich, die kleine Küche zu betreten, ohne in Blut zu waten. Auf dem Küchentisch lagen, ordentlich aufgereiht, drei Finger und ein Ohr.
Christian unterdrückte genau wie Philipp die Enttäuschung. Keine der drängenden Fragen würde beantwortet werden, sondern nur noch neue hinzukommen. Frustriert sah er sich den Tatort an, er bemerkte ein aus den Angeln gehobenes Fenster, zu dem blutige Fußabdrücke führten, doch er wollte mit seinen Leuten nicht Philipps sicher schnell anrückender Spurensicherung in die Quere kommen. Außerdem hatte er durch die bisherige Zusammenarbeit hinreichendes Vertrauen in die Fähigkeiten der zuständigen Kollegen entwickelt, er konnte schließlich nicht alles selbst machen – auch wenn das eigentlich seinem Charakter entsprochen hätte.
Also bat er Philipp um einen Wagen und einen ortskundigen Fahrer, der sie zur Mutter des ermordeten Jungen bringen sollte. Der uniformierte Beamte, den Philipp den Hamburgern als Chauffeur überließ, war noch sehr jung und wirkte recht angeschlagen. Er fuhr den Weg zurück nach St. Ingbert unkonzentriert und zittrig.
»Das sah verdammt nach einem Profi aus«, bemerkte Volker. Christian nickte nur resigniert. Mit brüchiger Stimme meldete sich der Fahrer zu Wort: »Ich habe noch nie eine solche Sauerei …« Er konnte den Satz nicht beenden, bog abrupt in einen Waldweg ein, stürzte aus dem Wagen und übergab sich lautstark. Volker stieg aus und ging zu dem Beamten. Beruhigend legte er ihm die Hand auf den Rücken, sprach auf ihn ein und nahm ihm die Scham.
»Der kann ja richtig nett sein«, sagte Pete mit sarkastischem Unterton. Christian schwieg.
Heidi Backes, die Mutter des toten Jungen, wohnte in einer wenig ansehnlichen Straße von St. Ingbert. Die graue, reichlich verwitterte Häuserzeile verbarg den Blick auf einen gepflasterten Hinterhof, der vor Dreck starrte. Es stank nach Fäkalien, was die Hitze noch unerträglicher machte. Zwei alte, halbverfaulte Holzschuppen dienten als Außenklos, und in den von Rattenpisse feuchten Ecken spielten zwei kleine Kinder mit Plastikrobotern. Zwischen der Häuserwand und den Schuppen waren kreuz und quer Leinen gespannt, auf denen frische Wäsche hing. Das fröhliche Flattern der weißen Wäsche im Wind wirkte seltsam unpassend in dieser Mischung aus Tristesse und Hoffnungslosigkeit. Die Häuser waren nur von hinten zugänglich. Es gab vier Türen, zu denen jeweils ein paar schiefgetretene Stufen hinaufführten. Vor dem ersten Aufgang saß eine dicke alte Frau in einer Kittelschürze und schälte mit ungelenken Gichtfingern Kartoffeln. Der junge Polizist fragte sie nach Heidi Backes. Mit dem Kartoffelschäler wies die alte Frau auf den nächsten Eingang. Christian bat den Fahrer, der immer noch ziemlich blaß um die Nase war, im Wagen zu warten.
Als Christian auf sein Klopfen hin keine Antwort erhielt, drückte er auf die Klinke zu Frau Backes Wohnung. Es war nicht abgeschlossen, was er als Einladung interpretierte. Volker und Pete folgten ihm. Sie standen direkt in einer kleinen Küche, zum zweiten Mal für heute. Das Fenster war mit einem groben, schmutzigen Stoff behangen, der das Sonnenlicht weitgehend ausschloß. In der Mitte des Raumes stand ein Tisch mit drei wacklig aussehenden Plastikstühlen, die dahinter liegende Kochnische war angefüllt mit schmutzigem Geschirr und leeren Flaschen.
»Frau Backes?« rief Christian fragend ins muffige Dunkel hinein. Aus einem hinteren Zimmer kam leise Antwort.
»Wir sind von der Polizei und würden Sie gern einiges fragen«, fügte Christian hinzu.
Ein Bett quietschte, Frau Backes schlurfte heran. In der Tür blieb sie stehen und lehnte sich an den Rahmen. Christian war überrascht, wie jung sie noch war, höchstens Ende Zwanzig. Sie trug schwarze Leggings und ein Sweatshirt mit lieblos abgeschnittenen Ärmeln. Darunter schaute ein himmelblauer BH hervor. Sie sah völlig verquollen aus vom Weinen, fertig, müde, kaputt. Am Ende.
»Setzen Sie sich«, forderte sie die Besucher auf, mit einer Stimme so stumpf wie ihr Blick. Christian, Volker und Pete stellten sich vor. Heidi Backes schien sich wenig für sie zu interessieren. Sie nahm ein Bier aus dem Kühlschrank und öffnete es geschickt an der Tischkante, die an allen vier Seiten schon reichlich Gebrauchsspuren aufwies.
»Ich tät Ihnen ja auch eins geben, aber das ist das letzte. Und der ganze Kummer, wissen Sie …«, erklärte Heidi Backes gleichgültig.
Volker übernahm die Befragung. Zuerst versicherte er Frau Backes ihrer aller Mitgefühl. Dann fragte er sie nach Herbert Perlmann.
Heidi bemühte sich, in korrekten Sätzen zu sprechen, doch es fiel ihr schwer. Sie war betrunken, verfing sich in ihrem Dialekt und hatte erhebliche Schwierigkeiten mit logischen Zusammenhängen.
»Der Herbert, der ist ein guter Freund, nicht nur für den Klaus, auch für mich. Seit der Alex mich hat sitzenlassen wegen der Schlampe aus der Bodega, das ist grad mal vier Jahre her, der Klausi war noch ganz klein, und dann hab ich’s ja schwer gehabt mit dem Kind, konnt ja net arbeiten gehen den lieben langen Tag, denn wenn man so ’n Balg hat, sag ich immer, dann muß man sich auch drum kümmern.«
Volker bestärkte sie mit anerkennenden Blicken in ihrer Moral.
»Wie ist denn der Klausi so gewesen?« fragte Pete behutsam dazwischen.
»Ach, ein anstrengendes Kind«, seufzte Heidi und nahm einen Schluck aus der Flasche, »immer am Heulen und nie stillsitzen kann er. Und frech. Kein Wunder, daß nach dem Alex kein Mann sich auf Dauer mehr mit mir eingelassen hat. Das hat mir der Klausi versaut. So lieb ich ihn hab, aber das hat er mir versaut.«
»Aber der Herbert«, Volker verfiel in Heidis seltsame Diktion, »der war dann da für euch?«
Pete bemerkte anerkennend, wie Volker zum Duzen wechselte und über die gemeinsame Sprache eine Verbindung zu Heidi aufbaute.
»Eyo, der Herbert ist ein guter Kerl. Ich war ganz verliebt in ihn, aber das hat halt nicht geklappt mit uns. Aber immerhin hat er uns nicht fallengelassen. Der hat sich immer noch um den Klausi gekümmert, nachdem das mit uns schon längst vorbei war. Hat ja eh nicht lang gehalten.«
Heidi nahm noch einen kräftigen Schluck aus der Pulle.
»Verreist der Herbert viel?«
Heidi Backes schüttelte den Kopf und trank weiter. Zwischendurch rotzte sie lautstark in ein Taschentuch. »Nö, nicht, daß ich wüßt. Nur im Mai, oder war das April, da ist er mal nach Holland. Da hat er den Klausi sogar mitgenommen. Zu entfernten Verwandten.«
»Hat’s dem Klausi denn da gefallen?« fragte Volker.
»Bestimmt. Hat mir sogar ’ne Karte geschickt«, fiel ihr plötzlich ein. Sie erhob sich schleppend und kramte in einer Küchenschublade. »Hier, die hat er mir geschickt, der Klausi.« Sie reichte Volker stolz eine Ansichtskarte mit einer jungen Frau in Hollandtracht und einem riesigen Käserad in den Händen. Volker sah kurz auf den nichtssagenden Text und bat, die Karte ausleihen zu dürfen. Heidi schenkte sie ihm.
»Wissen Sie die Namen der Verwandten in Holland?« fragte Christian, nachdem er einen Blick auf die Karte geworfen hatte. Sie war in Eindhoven abgestempelt. Heidi schüttelte wiederum den Kopf.
»Ist der Herbert eigentlich ein guter Katholik? Viel Nächstenliebe hat er ja, wenn er mit einem armen Kind in Urlaub fährt«, setzte Christian hinzu.
Heidi sah ihn irritiert an: »Das schon. Aber auf die Kirche scheißt der. Aber deswegen ist er doch noch kein schlechter Mensch, gell?«
»Nein, natürlich nicht«, pflichtete Volker ihr bei.
Volker, der Petes Zurückhaltung durchaus bemerkt hatte, nickte Pete zu, um ihm den Zeitpunkt für seine Fragen zu signalisieren.
»Und Ihr Klaus hat den Herbert auch gemocht?« begann Pete mit deutlich distanzierterem Tonfall als Volker.
»Ja, logisch, der hat doch mit ihm Fußball gespielt. Und Geschenke hat er ihm auch gemacht. Kann ich ja nicht mit meiner Sozialhilfe.«
»Und Ihnen ist nie in den Sinn gekommen, daß der Herbert vielleicht ein Pädophiler ist?« fragte Pete ganz sanft.
»Ein was?«
Christian beugte sich über den Tisch, ganz dicht vor Heidis Gesicht: »Sie waren doch immer ganz froh, wenn der Herbert ihren anstrengenden Klausi ein paar Tage mitgenommen hat, damit Sie in aller Ruhe die Sozialhilfe in der Kneipe versaufen konnten. Und da war es Ihnen auch egal, daß der charmante Herbert«, nun schrie Christian, »ihren Klausi gefickt hat!«
Heidis tränenverschleierter Blick weitete sich geschockt, sie hob die Hände, als wäre sie geschlagen worden. Aus ihrem Mund quoll ein geradezu unmenschliches Röcheln.
Christian erhob sich und ging Türen knallend hinaus. Sein Ausbruch war zwar kalkuliert gewesen, aber nicht kontrolliert. Zumindest Volker würde es bemerkt haben, das wußte Christian.
Heidi sah ihm entsetzt hinterher. Tränen schossen ihr in die Augen. Verzweifelt wandte sie sich an Volker: »Das ist doch nicht wahr, was der gemeine Kerl da gesagt hat, das ist doch einfach nicht wahr!«
Pete legte ihr sanft die Hand auf den Unterarm. »Doch, es tut uns ja auch leid, aber das ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nur allzu wahr.«
Heidi achtete überhaupt nicht auf Pete, sie war ganz fixiert auf Volker. Der nickte ernst.
Nun schien das Wrack Heidi vollends in seine Einzelteile zu zerbrechen: »Das hab ich doch nicht gewußt, ehrlich. Um Himmels willen!«
»Natürlich nicht, sonst hätten Sie dem Herbert doch Ihren Klausi nie und nimmer anvertraut«, sagte Volker.
Heidi Backes nickte so vehement, daß ihr die blondierten Locken in die Augen fielen. Sie strich sie wieder nach hinten und lächelte Volker entrückt an. Pete wandte den Blick angewidert von ihr ab.
Etwa zwanzig Minuten später verließen auch Volker und Pete das Haus. Christian lehnte am Streifenwagen und ließ nervös einen Euro durch seine Finger gleiten. Pete und Volker stiegen ein, Christian steckte den Euro in die Hosentasche und folgte ihnen. Er bat den Beamten, sie nach Saarbrücken zu fahren, wo sie sich mit Kommissar Philipp treffen wollten.
»Und?« fragte Christian, als der Beamte losgefahren war, »hat sie noch was erzählt?«
Volker verneinte: »Deine Schocktherapie hat sie kalt erwischt. Aber da war leider nichts. Sie kennt keine Kumpels von Herbert, weiß kaum etwas über ihn, außer daß er wegen eines Autounfalls eine kleine Versehrtenrente bekommt. Steifes Bein. Das mit Klaus ging seit einem knappen Jahr so.«
»Von wegen Schock. Sie hat es mit Sicherheit gewußt. Oder zumindest geahnt und die Augen zugemacht«, meinte Pete bitter.
Christian sagte nichts, obwohl er der gleichen Meinung war. Er fragte sich nur, wie und warum so etwas möglich war. Wie konnte eine Mutter das Kind, das sie selbst geboren hatte, den widerlichen Schmutzgriffeln der Päderasten ausliefern? Das Schlimme war, daß Christian die Antwort wußte. Doch die war so einfach, so billig, daß er davor verstummte.
Pete aber mußte reden, es schien, als wolle er das Elend mit seinem Wissen darüber in den Griff kriegen: »Pädophile suchen sich die Kinder sehr genau aus. Alleinstehende Mütter aus unteren Schichten sind ein beliebtes Ziel. Armut. Brüchige soziale Netzwerke. Diesen Kindern fehlt Zuneigung, Aufmerksamkeit, Anerkennung. Sie haben meist wenig Selbstvertrauen und wenige Freunde. Perfekte Opfer, leicht zu manipulieren. Genau wie ihre naiven Mütter, die froh sind, wenn sich einer kümmert, oder wenn sie nicht ganz so naiv sind, zumindest bewußt oder unbewußt wegsehen, um einen kleinen Vorteil für sich zu erwirtschaften. Wetten, daß der charmante Herbert die Heidi nur gepimpert hat, um an ihren Sohn ranzukommen?«
»Eine beschissene Welt«, stimmte Volker zu, »Heidi tut mir leid. So mies wie die sich jetzt fühlt, soviel kann sie gar nicht saufen.«
Mit der letzten Maschine landeten sie wieder in Hamburg. Die Tatortarbeit in Elversberg und die Zeugenbefragungen konnten sie ihren Saarbrücker Kollegen überlassen, die sich schon am Wochenende als engagiert und zuverlässig erwiesen hatten. Und die DNS-Analyse würde noch dauern.
Pete lehnte das halbherzige Angebot von Christian, ihn mit dem Dienstwagen zu seinem Hotel zu bringen, dankend ab. Er nahm sich ein Taxi und war froh, in die gepflegte Anonymität seiner Übergangsbleibe eintauchen zu können. Er duschte, zog ein frisches Hemd an, warf sich aufs Bett und zappte durch die Programme. Doch er konnte sich auf nichts konzentrieren, die Nachrichten langweilten ihn ebenso wie die im Privatfernsehen detailliert beschriebene Brustvergrößerung einer 16jährigen Pfälzerin. Er schloß seinen Laptop an und recherchierte Annas Adresse. Zwar fühlte er sich völlig erschlagen von seinem ersten Arbeitstag, doch er verspürte plötzlich das dringende Bedürfnis nach etwas menschlicher Wärme. Oder einer guten Nummer zum Abreagieren. Bei Anna hatte er Chancen auf beides. Er nahm eine Flasche Champagner aus der Minibar und fuhr zu ihr.
»Woher weißt du, wo ich wohne?« fragte sie verblüfft, als er im Türrahmen stand.
»Ich bin Polizist. Schon vergessen?« gab er zurück.
Anna fiel auf, wie müde Pete aussah. Sie öffnete die Tür und ließ ihn ein.
Der Mann, der Pete vom Hotel aus gefolgt war und nun gemächlich über die Straße schlenderte, um Annas Praxisschild am Eingang zu studieren, fiel ihnen nicht auf.
Als Christian an diesem Abend völlig erledigt von den Anstrengungen der letzten Tage nach Hause kam, sah er zuerst auf den Anrufbeantworter, der auf einer alten Weichholzkommode im Flur stand. Niemand hatte versucht, ihn zu erreichen. In allabendlicher Routine legte Christian seinen Schlüsselbund und den Inhalt seiner ausgebeulten Cordsakkotaschen auf die Kommode: Portemonnaie, Klappmesser, Kugelschreiber, eine Briefmarke, zwei Hustenbonbons, davon eins angelutscht, Streichhölzer, ein paar lose Münzen und die zerknitterte Fotografie einer Angelhütte in Island, wo er nach erfolgreichem Abschluß des Falls hinfahren wollte, um in der Einsamkeit ungestört Zeit und Mücken totzuschlagen.
Er ging ins Schlafzimmer und zog sich im Dämmerlicht aus. Die Vorhänge waren zugezogen, seit er am Freitag morgen die Wohnung verlassen hatte. Achtlos warf er seine Klamotten in die Ecke, begab sich ins Bad und duschte kalt, den Strahl auf hart gestellt. Die Wasserperlen ließ er auf der Haut trocknen, um den Kühlungseffekt zu verlängern, er schlenderte in die Küche, hinterließ dabei nasse Abdrücke auf dem Parkett und nahm eine Flasche Wodka aus dem Kühlschrank. Geübt goß er zwei Fingerbreit in ein großes Wasserglas und ließ zwei Eiswürfel hineinklingeln. Der erste Schluck rann ihm, ohne zu brennen, die Kehle hinunter und markierte den langersehnten Übergang in den Feierabend.
Christian lebte in einem Eckhaus im Eppendorfer Weg. Sein Wohnzimmer befand sich ganz oben, genau auf der Ecke, und war mit seiner großzügigen halbrunden Verglasung das Highlight des Drei-Zimmer-Apartments. Mit dem Glas in der Hand ging Christian zu seinem Ausguck. Das Licht ließ er aus. Er blickte auf die inzwischen relativ unbelebte Kreuzung. Manchmal, wenn er gute Laune hatte, dachte er bei diesem Anblick grinsend an zwei Wochen, in denen er wegen einer groben Respektlosigkeit seinem früheren Chef gegenüber zur Strafe den Verkehr hatte regeln müssen. Heute allerdings hatte er keine gute Laune. Überhaupt hatte er schon seit langem keine gute Laune mehr gehabt. Christian atmete hörbar ein und aus und versuchte, zur Ruhe zu kommen. Die Dusche hatte geholfen, der Wodka half besser. Nach dem ersten Glas genehmigte er sich noch ein zweites, das er halb liegend auf dem Sofa trank. Zwei Fingerbreit, zwei Eiswürfel. Langsam entspannte er sich.
Er geriet kurz in Versuchung, Jan anzurufen, ließ es aber. In den letzten Wochen hatte er ihm mehrfach aufs Band gesprochen, schon längst war Jan an der Reihe, sich zu melden. Anfangs, als Jan vor fast genau einem Jahr nach Los Angeles gezogen war, hatte er jeden Sonntag angerufen. Inzwischen kamen die Anrufe weitaus sporadischer, und Christian fürchtete, den Kontakt zu seinem Sohn ganz zu verlieren. Schleichend. Ohne ein klärendes Wort. Jan wollte unbedingt Schauspieler werden, eine Wahl, die Christian zwar nicht schätzte, die aber auch keinen ausgesprochenen Widerwillen hervorrief. Der Junge war schließlich alt genug. Als Christian sich von Inka hatte scheiden lassen, war Jan acht Jahre alt gewesen. Zuerst verhinderte Inka den Kontakt, und er bestand nicht auf seinem Besuchsrecht, um die Schlammschlacht, die in Gang war, nicht noch anzuheizen. Bei der schnellen Scheidung vor Gericht war von Schuld nicht die Rede gewesen, doch Inka hatte sie ihm uneingeschränkt zugewiesen. In endlosen Streitereien und Diskussionen, bevor sie sich trennten, und in schonungslosen Abrechnungen danach. Sie hatte recht gehabt. Immer wieder hatte er flüchtige Abenteuer mit anderen Frauen gesucht, deren einzige Bedeutung für ihn darin lag, daß er sich für wenige Stunden lebendig fühlte in der permanenten Anwesenheit des Todes, der ihm Tag für Tag begegnete. Inka konnte das nicht verstehen, wie auch. Er begriff es damals ja selbst nicht, fühlte sich schlicht männlich und sah sich zugleich als selbstloser Beschützer seiner Familie, wenn er abends nach Hause kam und in Sprachlosigkeit versank, um Tod und Elend nicht in sein Privatleben einzuladen. Inka jedoch hatte das Gefühl, daß er sie und Jan immer mehr aus seinem Leben ausschloß. Bis sie es nicht mehr ertrug und sich trennte und damit ihn aus ihrem und Jans Leben ausschloß. Christian war es recht, er war beleidigt und verletzt, und mit der Rolle des Arschlochs kannte er sich aus. Doch sein Sohn fehlte ihm mehr und mehr, und mit der langsamen Einsicht in seine Fehler fand eine ebenso langsame Annäherung an seine Ex-Frau statt, die ihm etwa drei Jahre später den Kontakt zu Jan wieder ohne Einschränkung ermöglichte. Immerhin konnte er nun ab und an seinen Kleinen mit zum Fußballplatz nehmen oder ihm mal eine Blaulichtrunde mit dem Einsatzfahrzeug spendieren. Ein paar Jahre lief es ganz gut so, doch dann zog sich Jan zurück und erübrigte immer weniger Zeit für seinen Vater. Christian glaubte es zu verstehen, der Junge wurde langsam erwachsen, da waren Frauen erst mal wichtiger als Fußball.
Inzwischen war Christian sich nicht mehr so sicher, ob er mit dieser Theorie richtiggelegen hatte. Er vermutete, daß sein inzwischen zwanzigjähriger Sohn schwul war. Gesprochen hatten sie nie darüber, das war immer noch nicht Christians Stil. Er fand die sexuelle Orientierung seines Sohnes zwar bestenfalls irritierend. Dennoch hätte er sich gefreut, mal wieder von ihm zu hören.
Christian nahm noch einen Schluck und stellte das leere Glas ab. Innerhalb weniger Minuten war er auf dem Sofa eingeschlafen.