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Freitag, 16. Dezember 1836
An diesem Freitag wurde Charmaine neunzehn Jahre alt, aber niemand im Haus wusste davon.
Sobald sie angekleidet war, ging sie ins Schlafzimmer der Kinder. Die Mädchen schliefen noch, doch Pierre schien ihr Kommen gespürt zu haben. Er setzte sich auf, rieb sich die Augen und streckte die Ärmchen nach ihr aus. Und sie liebkoste ihn, wie sie das jeden Morgen tat. Inzwischen war ihr Pierre wie ein eigenes Kind ans Herz gewachsen, und er erwiderte ihre Gefühle und ertrug durch dieses feste Band die häufige Abwesenheit seiner Mutter ein wenig besser.
Mit Colettes Gesundheit ging es bergab. Robert Blackford hatte seine Bücher und Fachzeitschriften zu Rate gezogen und Colette eine stärkere Arznei verschrieben. Im Lauf des Oktober hatte sich das Befinden seiner Patientin ständig gebessert, und nach Dr. Blackfords samstäglichen Besuchen hatte sie sich sehr stark gefühlt. Im letzten Monat hatte sich jedoch die Müdigkeit des letzten Sommers wieder eingestellt. Charmaine beobachtete, dass Colettes Wangen gegen das Wochenende hin immer bleicher wurden und ihre Kräfte merklich nachließen. Außerdem klagte sie häufig über Kopfschmerzen und Schwindel, sodass sie den Samstag und eine weitere Dosis ihrer Arznei kaum erwarten konnte. Oft musste sie sogar die Freitage mit den Kindern ausfallen lassen, weil sie zu krank war.
Umso überraschter war Charmaine, als Colette an diesem Freitagmorgen ins Kinderzimmer kam und versicherte, dass sie sich stark wie ein Baum fühle. »Ich denke, dass mir der gestrige Besuch des Arztes gutgetan hat. So ungern ich es zugebe, aber vielleicht sollte ich wirklich einem zweiten Besuch pro Woche zustimmen.«
Wenn die Erfolge doch nur anhielten, dachte Charmaine und lächelte der Freundin aufmunternd zu. Während der letzten beiden Monte waren sie einander so na-he gekommen, dass sie sich ein Leben ohne Colette gar nicht mehr vorstellen konnte. Das ähnliche Alter hatte sicher großen Anteil daran, aber darüber hinaus verband die beiden Frauen eine unausgesprochene tiefe Sympathie.
»Guten Morgen, mein kleiner Pierre.«
Der Kleine streckte seiner Mutter die Ärmchen entgegen, und als sie sich auf dem Bett niedergelassen hatte, setzte Charmaine ihr den Jungen auf den Schoß. »Mama, ich hatte Sehnsucht nach dir!«
Colette lachte leise. »Aber wann denn? Du hast doch geschlafen, mon caillou.«
»Ich habe geträumt. Du warst weit weg, und ich habe gerufen«, antwortete er ernst. »Ich hatte Angst.«
»Du lieber Himmel«, sagte Colette und tat besorgt. »Was ist dann passiert?«
»Ich konnte dich zwischen den vielen Leuten nicht finden. Jemand hat mich gerufen, aber ich hatte Angst und bin weggerannt.« Plötzlich glättete sich seine sorgenvolle Miene, und er strahlte. »Aber ich habe dich gefunden.«
»Und wo war ich?«
»Im Himmel«, verkündete er glücklich. »Dort war es schön.«
Charmaine überlief eine Gänsehaut, aber Colette ließ das unberührt. Sie drückte den Kleinen an sich und lachte. »Oh, Pierre! Irgendwann sind wir alle im Himmel. Zusammen mit all denen, die wir lieben. Der Himmel ist ein wunderbarer Ort.«
Als die Kinder angezogen waren, gingen sie zum Frühstück hinunter. Paul saß noch am Tisch, was sehr ungewöhnlich war. Normalerweise war er längst unterwegs, bevor sie die Augen öffneten, und er kam für gewöhnlich nicht vor dem Abend zurück.
Auf Colettes Bitte hin setzte sich Charmaine direkt neben Paul. Vor zwei Monaten hatte sie sich zum ersten Mal zögernd auf den neuen Platz gesetzt. Doch sie hatte den ersten Tag heil überstanden und ebenso den nächsten. Heute konnte sie sagen, dass es eine Freude war, neben Paul zu sitzen. Seit ihrer gemeinsamen Fahrt in die Stadt benahm er sich wie ein Gentleman. Und auch wenn sie ab und zu seinen abschätzenden Blick bemerkte, so hatte er sie doch kein einziges Mal mehr in Verlegenheit gebracht. Sie fühlte sich so geborgen, wie er es versprochen hatte. Seine Annäherungsversuche waren Vergangenheit, und inzwischen konnte Charmaine sogar, ohne zu erröten, einen ganzen Abend in Pauls Gesellschaft verbringen. Colette freute sich über die wachsende »Freundschaft« zwischen den beiden, und Charmaine fragte sich zuweilen, ob ihre Freundin die Kupplerin spielen wollte.
»Was hat dich denn so lange aufgehalten?«, fragte Colette, während sie Pierre in sein Stühlchen half.
»Ich war zeitig in der Stadt und bin schon wieder zurück. Ich muss etwas Wichtiges mit Vater besprechen.«
Seine Stimme klang hart. Er schien wütend zu sein. Seine Finger trommelten auf einen Stapel Briefe, die neben seinem Teller lagen. Charmaine fragte sich, ob diese für seinen Ärger verantwortlich waren.
»Ist etwas passiert?«, fragte Colette besorgt.
»Es geht um meinen Bruder.«
Yvette spitzte die Ohren. »Um Johnny? Hat er dir geschrieben?«
»Das kann man wohl sagen.« Paul blätterte durch den Stapel und zog zwei Umschläge hervor. »Hier, für Yvette und für Jeannette. Wenigstens ihr sollt heute eure Freude haben.«
»Von Johnny?«, fragte Jeannette und strahlte von einem Ohr zum anderen, als sie die Post entgegennahm.
»Weshalb bekommt sie auch einen Brief?«, schmollte Yvette. »Schließlich habe ich ihm geschrieben!«
»Aber, aber, Yvette. Nur kein Neid«, mahnte Colette. »Das ist nicht gut. Außerdem hast du ja auch einen Brief bekommen. Liest du ihn uns vor?«
Das Mädchen rümpfte die Nase. »Ein Brief ist Privatsache. Deshalb wollte ich ja lesen und schreiben lernen. Erinnerst du dich? Damit Johnny mir schreiben kann.«
»Also gut«, erwiderte Colette. »Vielleicht ist Jeannette ja so nett?«
Die Kleine überlegte eine ganze Weile. »Nein, Mama«, flüsterte sie, »mein Brief ist auch geheim.«
Da Colette bei den Zwillingen nicht weiterkam, wandte sie sich an Paul. »Was hat John dieses Mal angestellt?«
Paul schwieg. Wenn Charmaine es nicht besser gewusst hätte, hätte sie annehmen können, dass das Thema damit ausgestanden sei. Doch sie hatte gelernt, in seiner Miene zu lesen. Er war noch genauso wütend wie zuvor und sah so finster drein wie damals, als er mit Jessie Rowlan, dem Hafenarbeiter, gestritten hatte.
Colette butterte einen Toast und gab ihn ihrem Sohn. »Langsam, langsam, mon caillou«, flüsterte sie, als er ihn gierig verschlang. »Mach nicht so große Bissen, damit du dich nicht verschluckst.« Pierre wollte etwas sagen, aber sein Mund war so voll, dass man ihn nicht verstehen konnte. Lächelnd schüttelte Colette den Kopf.
Dann sah sie wieder zu Paul hinüber. Offenbar konnte sie das Thema nicht auf sich beruhen lassen. »Nun?«
»John hat die Schiffsrouten geändert«, antwortete er knapp. Mit diesen Worten schob er den Stapel wieder auseinander und zog einen Brief hervor, der an Charmaine adressiert war. »Deswegen ist so lange keine Post gekommen.« Er klopfte auf den Umschlag, bevor er ihn ihr hinschob. »Früher kamen die Schiffe aus Virginia auf direktem Weg nach Charmantes. Doch nach Johns Plänen segeln sie in Zukunft zuerst nach Europa und kommen erst auf dem langen Rückweg nach Virginia hier vorbei. In Zukunft müssen wir also entsprechend lange auf Post und Versorgungsgüter warten.«
»Und warum?«, fragte Charmaine.
»John stiftet gern Unruhe.«
»Das ist nicht wahr«, widersprach Colette.
»Ach ja?«, fuhr Paul sie unbeherrscht an.
Charmaine war verblüfft. So hatte Paul noch nie mit Colette gesprochen.
Aber Colette blieb ruhig. »Wenn John diese Änderungen vorgenommen hat, so hatte er sicher Gründe.«
»Warum verteidigst du ihn immer?«, brummte Paul, was Charmaine verblüffend an Frederics Frage beim Geburtstag der Mädchen erinnerte.
»Ich verteidige ihn nicht«, wandte Colette diplomatisch ein. »Ich stelle nur etwas fest. John ist der Erbe des Familienvermögens. Warum sollte er genau das aufs Spiel setzen und Routen einführen, die den Unternehmungen der Duvoisins schaden?«
Ihre Logik ärgerte Paul. »Für seine Winkelzüge bist du offenbar blind. Damit erübrigt sich jede weitere Diskussion.«
»Aber Paul. John und du – ihr wart euch immer so nah.« Sie ließ sich auch durch seine wütenden Blicke nicht einschüchtern. »Warum entzweit ihr euch wegen organisatorischer Probleme? Wenn ich an euch drei, George eingeschlossen, denke, dann kann ich nicht glauben, was ich sehe und höre.«
»Ich sagte bereits, dass ich das nicht diskutieren möchte!«
Colette seufzte, verfolgte die Sache aber nicht weiter.
Yvette beeilte sich mit dem Frühstück und lief los, um sofort einen neuen Brief zu schreiben.
»Aber du hast Unterricht«, rief ihre Mutter ihr nach.
Im Lauf der Zeit hatte sich eine gewisse Routine eingestellt. Nach dem Frühstück kehrten die Kinder ins Spielzimmer zurück, wo zwei Stunden lang gelesen und gerechnet wurde. Oder sie beschäftigten sich mit Erdkunde oder der Weltgeschichte. Wenn Paul oder Frederic da waren, wurden sie über die neuesten Schiffe, die im Hafen ankerten, und ihre Routen befragt. Nach dem Mittagessen hatten die Mädchen Klavierstunden, während Pierre sein Schläfchen hielt. Meistens hörte Colette ihren Töchtern zu und freute sich über ihre Fortschritte, oder sie zog sich in ihre Räume zurück, um ein wenig zu ruhen. Der späte Nachmittag wurde für gewöhnlich im Freien verbracht. Inzwischen war der regnerische Herbst vorüber und das Wetter wunderschön. Die Luft war zwar kühler als im Sommer, doch mit den Wintern in Virginia ließ sich dieser Winter nicht vergleichen. Da die Kinder in der Obhut ihrer Gouvernante bestens aufgehoben waren, hatte Nana Rose mehr Zeit für sich selbst. Auch wenn Charmaine mit den Mädchen in die Stadt fuhr oder ein Picknick plante und Pierre zu Hause blieb, war auf die alte Kinderfrau Verlass. Und das erst recht, wenn Colette einmal unpässlich war.
Charmaine erhob sich. Paul hatte kein Wort mehr gesagt und blätterte in einer Zeitschrift, die zusammen mit den Briefen gekommen war. »Vielen Dank«, sagte sie leise.
Es dauerte einen Moment, bevor er den Kopf hob und begriff, dass sie etwas gesagt hatte. »Verzeihung?« Er war ernst, aber die Wut schien verraucht.
»Ich habe mich für den Brief meiner Freunde bedankt.«
»Gern geschehen, Charmaine. Ich hoffe, es geht allen gut?«
»Das werde ich in wenigen Minuten wissen. Wie viel schulde ich Ihnen für das Porto?«
»Nichts.« Er lächelte. »Das wird vom Inselkonto bezahlt.«
»Sicher?«
»Aber ja.«
Sie bekräftigte ihren Dank mit einem Nicken und rief mit klopfendem Herzen nach Jeannette. »Komm, meine Süße, es ist Zeit für den Unterricht.«
Jeannette nahm ihren Brief und folgte Charmaine. Hinter Colettes Stuhl blieb sie stehen, als ob sie etwas vergessen hätte. Dann schlang sie ihrer Mutter die Arme um den Hals und krönte die Geste mit einem Kuss.
Überrascht lachte Colette. »Und womit habe ich das verdient.«
»Das ist auch ein Geheimnis«, flüsterte Jeannette und stürzte auf ihren kleinen Bruder.
Der wehrte sich, bis Colette ihn mit tränenerstickter Stimme ermahnte: »Deine Schwester will dir doch nur einen Kuss geben.« Als sie Pierre aus dem Stühlchen half, war der Moment schnell vorüber. »Bitte, sprich mit deinem Vater nicht über John. Es regt ihn zu sehr auf.«
Paul runzelte die Stirn. »Aber das alles hängt mit ihm zusammen! Ich kann doch nicht so tun, als ob er nicht existiert – jedenfalls nicht, solange er von Richmond aus unsere Geschäfte kontrolliert.«
Jedes weitere Wort war umsonst. Colette nahm Pierre an der Hand und folgte Charmaine und Jeannette.
Später, als die Mädchen arbeiteten und Pierre mit den Klötzchen spielte, fand Charmaine Zeit zum Nachdenken. John Duvoisin. Sobald sein Name fiel, gerieten die Gefühle in Wallung. Die Männer der Familie sprachen von ihm wie von einem Gegner, aber die Frauen schienen in ihm nur den Erben des Hauses zu sehen. Ob sie ihn wohl einmal kennenlernen würde, um sich eine eigene Meinung bilden zu können?
»Mademoiselle Charmaine?«, fragte Jeannette mitten in ihre Gedanken hinein. »Sie haben Ihren Brief noch gar nicht gelesen. Sehen Sie, er liegt hier unter meinen Sachen.«
Charmaine war beschämt. Fast einen Monat lang hatte sie sich über die verspätete Post beklagt – doch nun, da sie den Brief in Händen hielt, träumte sie von jemandem, den sie nicht einmal kannte! Leise lachend öffnete sie das Siegel, und dann erfuhr sie zu ihrer Freude, dass es dem Clan der Harringtons bestens ging. Der Brief war ein Geschenk zu ihrem Geburtstag, und sie nahm sich vor, ihn gleich heute Abend zu beantworten.
Als Paul die Räume seines Vaters betrat, nickte er Travis zu, damit
er sie allein ließ. Frederic Duvoisin saß in dem Sessel und starrte
durch die französischen Türen über die Wiese hinweg bis zu dem
kleinen Kiefernwald, der den Privatsee der Familie umgab. Dahinter
folgte der Ozean und noch weiter entfernt lagen die Vereinigten
Staaten – und Virgina. »Du musst mit mir sprechen?«, sagte er, ohne
seinen Blick abzuwenden.
»Ja, Sir«, antwortete Paul und setzte sich zwischen Frederic und die Terrassentür. Als sein Vater aufsah, reichte er ihm die Schriftstücke, die er mitgebracht hatte. »John hat den größten Teil unserer Schiffsrouten geändert.«
»Und weshalb?«
Seltsame Frage … Eigentlich hatte Paul eine wütende Reaktion erwartet. »Seinem Brief zufolge wegen veränderter Handelsgewohnheiten. Bisher war das niemals Grund genug gewesen – vor allem wegen unseres Güterbedarfs nicht.«
Frederic sah die Schriftstücke gar nicht an. »Und worin bestehen die Veränderungen?«
»Er hat zwei neue Routen eingerichtet: Die erste von Richmond über Europa und Charmantes zurück nach Virginia, und eine zweite von Richmond über New York und Europa direkt nach Virginia. In Zukunft wird also nur noch die Hälfte unserer Flotte Charmantes anlaufen, und auch das erst auf dem Rückweg von Europa nach Virginia. Die wichtigen Güter für die Inseln werden also immer zuerst nach Europa transportiert. Das ist lächerlich. Obendrein muss jede Zuckerlieferung, die nach New York gehen soll, in Richmond umgeladen werden.«
»Ist die Entscheidung in jedem Fall unklug?«
»Auf jeden Fall ist sie ärgerlich, Vater«, schimpfte Paul. »John sucht nur nach einer Ausrede, um den Karren in den Dreck zu fahren. Das ist seine Art, sich zu rächen.«
Frederic rieb sich die Brauen. »Das sind harte Worte.«
»Jetzt fehlt nur noch, dass ausgerechnet du ihn verteidigst!« Als Frederic unwillig die Brauen runzelte, lenkte Paul ein. »Es ist nicht meine Absicht, Unfrieden zu stiften, Vater. Aber ich habe es satt, dass John alles bestimmt – und zwar allein nach seinem Gutdünken, möchte ich noch hinzufügen.«
Die Stille dehnte sich, und Paul konnte beobachten, wie es hinter Frederics Stirn arbeitete. Seinem Intellekt hatte der Schlaganfall nichts anhaben können, auch wenn er seinen Körper zerstört hatte. In Gedanken an Colettes Bitte bemühte sich Paul um Aufrichtigkeit. »Um ehrlich zu sein, könnte John die Routen auch aus einem anderen Grund geändert haben.«
Frederic war überrascht. »Ach ja? Und aus welchem?«
»In den beiden letzten Jahren war der Ertrag der Zuckerernte jammervoll gering. Oft genug musste ich die Schiffe halbleer nach Richmond zurückschicken. Um der wachsenden Nachfrage gerecht zu werden, haben wir Felder bepflanzt, die eigentlich hätten brachliegen sollen. Trotzdem hatten wir in diesem Jahr nur zwei Drittel des Ernteertrags von vor drei Jahren. Und das trotz vergrößerter Anbaufläche. Das Land ist fruchtbar, doch es verlangt eine weniger intensive Bewirtschaftung, damit es sich erholen kann. Entweder setzen wir ein oder zwei Jahre lang aus, oder wir stellen mehr Flächen auf Tabak um.«
Frederic protestierte unwillig. »Tabak laugt das Land genauso aus. Außerdem zieht das größere Umstellungen nach sich, was Arbeitskräfte, Gerätschaften und Lagerräume angeht. Selbst wenn wir damit Erfolg hätten, würden wir das Vermögen der Duvoisins auf eine einzige Karte setzen. Ich will mich nicht von einer einzigen Ernte abhängig machen. Virginia behält seinen Tabak, und Charmantes produziert weiterhin hauptsächlich Zucker.«
Verzweifelt hob Paul die Hände. »Der Tabak war doch nur ein Vorschlag, weil wir auf diesem Gebiet Erfahrung besitzen. Ohne tiefgreifende Änderungen stehen Charmantes große Schwierigkeiten bevor. Im Augenblick gehen die Ernteerträge jedenfalls zurück.«
»Ich sehe genau, dass du noch an anderes denkst. Was ist es?«
Paul musste tief durchatmen. »Du solltest auf die kleinere Insel zurückkehren und vollenden, was du vor vier Jahren dort begonnen hast.«
Frederics Miene verfinsterte sich. »Dieses Land ist verflucht.«
»Das ist doch lächerlich, Vater. Was auf Charmantes geschehen ist, hat doch nichts mit Espoir zu tun.«
»Wenn ich hier gewesen wäre …«
Paul wurde wütend. »Wir werden das nicht noch einmal diskutieren, Vater! Was vergangen ist, ist vorbei! Aber dieses Land ist da. Und es ist fruchtbar und zum Teil schon gerodet. Du hast bereits eine Unterkunft für die Arbeiter errichtet – und einen Anleger. Das Land wartet nur darauf, endlich genutzt zu werden!«
»Dann mach du es«, unterbrach Frederic seinen Sohn.
»Wie bitte?«
»Du hast mich genau verstanden. Ich schenke dir die Insel. Sie gehört dir, Paul. Mach damit, was immer du möchtest.«
Ungläubig runzelte Paul die Stirn. »Ist das dein Ernst, Vater? Du lässt mir wirklich freie Hand?«
»Ich tue noch mehr als das. Ich gebe dir außerdem genügend Geld, um drei Schiffe in Auftrag zu geben – deine eigenen Schiffe, die deinen Zucker transportieren. Für die Fahrten zwischen Espoir und Charmantes wirst du noch ein viertes Schiff brauchen. Eventuell kannst du ja ein kleineres Lastboot kaufen. Vielleicht ein altes. Außerdem stelle ich dir Mittel zur Verfügung, um eine erfahrene Mannschaft anzuwerben. Wie viele Männer wirst du brauchen? Zwanzig, dreißig?«
»Zwanzig sind mehr als genug«, stieß Paul hervor, dem vor Staunen der Mund offen stand.
»Also gut, dann zehn«, fuhr Frederic fort. »Sorge für ein Treffen mit Stephen Westphal. Wir müssen Vermögenswerte auflösen und Papiere verkaufen. Unser Banksiegel und der Name Duvoisin haben in den Staaten und auch in Europa einiges Gewicht, also schlage ich vor, die Schiffe in Newport’s News oder in Baltimore in Auftrag zu geben. Du solltest auch mit Werften in New York sprechen. Wenn die Kosten im Süden zu hoch ausfallen, kannst du ihnen die New Yorker Schätzungen vorlegen.«
»Amerikanische Schiffe? Aber die britischen Tarife …«
»Die Baukosten in den Staaten liegen auf jeden Fall zwanzig Prozent unter den britischen. Nach allem, was ich gelesen habe, können die europäischen Werften nicht mit dem amerikanischen Holzreichtum mithalten. Außerdem kannst du einen beträchtlichen Nachlass aushandeln, wenn du gleich drei Schiffe in Auftrag gibst. Das allein dürfte bereits die britischen Zölle aufwiegen. Die neuesten Schnellsegler haben ihre Bewährungsprobe längst bestanden, und die Werften in den Staaten arbeiten ständig an ihrer Weiterentwicklung. In Zukunft wird allein die Schnelligkeit der entscheidende Faktor sein.«
»Was hältst du vom Dampfantrieb im Vergleich zur vollen Takelage?«, fragte Paul, der immer aufgeregter wurde. »Er vermindert die Überfahrtszeiten um die Hälfte. Ich hätte gern deine Erlaubnis, mich auch auf diesem Gebiet umzusehen.«
Frederic nickte. »Auf jeden Fall. Du musst ja wegen der Arbeitskräfte ohnehin nach England. In der Zeit könntest du mit der Harrison-Werft sprechen. Sie sind Vorreiter, was den Schaufelradantrieb angeht. Vielleicht kannst du von ihnen Informationen über ihre Erfahrungen mit ihrer Dampferflotte erhalten. Wenn du so begeistert bist, wie es mir scheint, solltest du die Sache nicht auf die lange Bank schieben. Ich schlage vor, dass du aufbrichst, sobald Stephen die Gelder bereitgestellt hat.«
Pauls Gedanken überschlugen sich. Das alles war nicht zu fassen! Wie viele Jahre hatte er davon geträumt, ein kleines Stück des Duvoisin-Vermögens zu besitzen. Für John war dieser Wunsch bedeutungslos. Er war der legitime Erbe, und sein Leben war vorgezeichnet. Doch Paul hatte lange Jahre hart für seinen Vater gearbeitet und war jetzt, nach zehn Jahren, noch immer nicht mehr als der getreue Sohn. Heute endlich war dieser Weg zu Ende. Irgendwann musste er sich bewährt haben, denn heute wurde sein größter Wunsch erfüllt, da sein Vater ihm einen Teil des Familienvermögens übereignete. Er strahlte über das ganze Gesicht – und Frederic Duvoisin war froh, heute wenigstens einen seiner Söhne glücklich gemacht zu haben.
»Und das soll mir alles ganz allein gehören? Ich muss es nicht mit John teilen?«
»Dieser Anteil gehört dir ganz allein, Paul«, sagte sein Vater. »Dir ganz allein. Es gibt keine Einmischung von John, keine Abstimmung mit ihm und keine Abhängigkeit von ihm. Ich hätte das schon vor langer Zeit machen sollen. Du warst mir immer ein guter Sohn, Paul, und verdienst sehr viel mehr als nur Anerkennung.«
»Ich danke dir, Sir«, sagte Paul mit größtem Respekt. »Ich werde mich umgehend mit Stephen Westphal in Verbindung setzen.«
Beim Abendessen war Paul wie ausgewechselt.
Auch die Kinder waren fröhlich und ausgelassen, und
George, Colette und Rose schienen ebenfalls Teil dieser übermütigen
Verschwörung zu sein. Zutiefst verunsichert bat Charmaine
schließlich Jeannette um Aufklärung. »Warum sind denn alle so
fröhlich?«
»Das werden Sie gleich sehen.« Mehr sagte sie nicht. Charmaine sah, wie Colette ihr zuzwinkerte, aber der kleine Pierre konnte den Mund nicht halten. »Mainie hat …«
»Ruhig, Pierre«, schimpfte Yvette. »Du sollst die Überraschung doch nicht verderben!«
»Welche Überraschung?« Charmaines Blick wanderte von einem zum anderen, bis er schließlich bei Paul hängenblieb. Doch der zog nur in gespielter Überraschung die Brauen in die Höhe.
Als der kleine Pierre wieder losplappern wollte, flog plötzlich die Küchentür auf, und Fatima stürzte mit einem großen Kuchen herein. »Happy Birthday!«, brüllten die Kinder.
Überrascht schlug Charmaine die Hand vor den Mund. »Und woher wisst ihr das?« Dabei entging ihr Agathas verächtlich gerunzelte Stirn.
Colette lächelte. »Beim ersten Picknick haben Sie Ihr Geburtstagsdatum erwähnt, und Jeannette hat es mir sofort berichtet. Ich habe gehofft, dass sie sich nicht verhört hat, denn ich konnte Sie ja schlecht fragen, ohne Verdacht zu erregen.«
»Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll«, murmelte Charmaine und spürte mit einem Mal, wie sehr ihr die Familie inzwischen ans Herz gewachsen war.
»Sie müssen nichts sagen«, piepste Jeannette.
»Oh, doch«, widersprach Yvette. »Sie muss sagen, wie alt sie ist.«
»Ich bin neunzehn, und ich hoffe, dass ich noch viele Geburtstage mit euch feiern darf.«
Zufrieden verlangten die Kinder, dass sie den Kuchen anschnitt.
Colette half Pierre aus dem Stühlchen, und er rannte mit einem Päckchen zu Charmaine hinüber. »Happy Birthday«, sagte er und gab ihr einen Kuss.
»Was ist denn das?«
»Ein Geschenk.«
Charmaine öffnete das Kästchen und erblickte zwei wunderschöne, kunstvoll geschnitzte und sicher sündteure Kämme aus Elfenbein. Begeistert sah sie Colette an. »Wo haben Sie denn nur solche Kostbarkeiten aufgetrieben?«
»In Maddys Laden.« Colette deutete auf ihren Komplizen. »Ich habe Paul gebeten, sie auszusuchen.«
»Sie müssen sie jetzt öfter tragen«, drohte er ihr im Spaß. »Es hat mich fast einen ganzen Vormittag gekostet, um sie auszusuchen.«
»Vielen Dank«, sagte Charmaine und wusste nicht recht, wie sie solche Großzügigkeit jemals entgelten sollte. »Jetzt will ich aber auch alle anderen Geburtstage wissen. Colette?«
»Mama und Pierre haben am selben Tag, am einunddreißigsten März«, verriet Yvette.
»Ist das wahr?«
Colette nickte, und Charmaine sah Paul an.
»Schluss damit, Charmaine.« Er durchschaute ihre Beweggründe genau. »Fatima kennt unsere Geburtstage alle auswendig.«
In ihrem Glück blieb Charmaine nichts anderes übrig, als endlich den Kuchen zu verteilen.
Mittwoch, 21. Dezember 1836
Paul traf seine letzten Reisevorbereitungen. Am Tag nach Weihnachten würde er Charmantes verlassen, und zwar an Bord der Black Star, die gestern im Hafen festgemacht hatte. Das erste Ziel waren verschiedene Häfen im Süden wie Newport’s News, Richmond und Baltimore, dann war New York an der Reihe und schließlich England. Er hatte insgesamt drei Monate vorgesehen, um den Bau von drei Schiffen in Auftrag zu geben, ein viertes Schiff zu kaufen und eine erfahrene Crew anzuwerben, um die Insel Sacré Espoir, was Heilige Hoffnung bedeutete, zu roden und die Pflanzungen anzulegen und zu kultivieren. Anschließend wollte er nach Hause zurückkehren und sofort mit der Arbeit beginnen. Er war sehr glücklich.
Charmaine dagegen war etwas melancholisch. Paul hatte zwar versprochen, vor Ostern zurückzukommen, doch die Wochen bis dahin würden lange und einsam sein. Sie war auf dem besten Weg, sich in ihn zu verlieben – und das, obwohl er sich ihr seit drei Monaten höchstens auf Armeslänge näherte. Sie würde ihn sehr vermissen. Allein schon seine Anwesenheit im Haus, seine fröhliche Art, die kleinen Höflichkeiten, wenn er den Stuhl für sie zurechtrückte oder ihr die Tür aufhielt, und nicht zuletzt sein mitreißendes Lächeln, das ihr Herz immer heftig schlagen ließ. Wenn er sie doch wenigstens ein einziges Mal geküsst hätte.
An diesem Tag wurde Mr. Westphal zu seinem zweiten Besuch erwartet, um mit Paul und Frederic die letzten Vorbereitungen zu besprechen. Frederic Duvoisin musste noch Belege unterzeichnen, damit sein Sohn mit den nötigen Mitteln für die Reise ausgestattet werden konnte, und im Anschluss daran würde er zum Dinner bleiben.
Agatha Ward schlenderte den ganzen Tag über so vergnügt im Haus umher, dass Colette und Charmaine sich bereits über ihr ungewohntes Benehmen wunderten. Kurz nach Ankunft des Bankiers saßen sie am Nachmittag draußen unter den Säulen und tranken ein Glas Eistee. Das Wetter war wunderschön, und die Kinder tobten auf der großen Wiese vor dem Haus herum. Yvette kümmerte sich um ihren kleinen Bruder, und alle amüsierten sich über ihr Spiel.
In einem geeigneten Moment zog Charmaine zwei Briefe aus ihrer Schürzentasche, die Yvette und Jeannette an ihren Bruder geschrieben hatten. »Glauben Sie, dass Paul es als Zumutung empfinden würde, seinem Bruder diese Briefe zu überbringen? Er hat erwähnt, dass er in Richmond Station macht.«
»Aber nein«, antwortete Colette in entschiedenem Ton, um Charmaine alle Zweifel zu nehmen. »Bei aller Gegnerschaft sind die beiden doch Brüder und stehen einander auch nahe.«
»Für mich sieht das aber nicht so aus.«
»Sie sind Brüder«, beharrte Colette, »und Brüder streiten hin und wieder. Ich habe das mit Pierre nicht anders gemacht.«
»Mit Pierre?«
Colette lachte. »Mein Bruder hieß ebenfalls Pierre. Er und meine Mutter sind kurz nach der Geburt der Zwillinge gestorben.«
»Oh, das tut mir leid«, hauchte Charmaine.
Colette drängte die schmerzliche Erinnerung zurück. »Er wurde verkrüppelt geboren und konnte nicht laufen. Jetzt hat er seinen Frieden … im Himmel.«
»Und Ihr Vater?«, fragte Charmaine vorsichtig.
»Er starb, als ich noch sehr jung war.« Diesmal antwortete sie ohne Traurigkeit. »Ich erinnere mich kaum an ihn. Meiner Mutter ist es nicht leichtgefallen, uns großzuziehen. Unsere Familie gehörte zum Adel, doch als Folge der französischen Revolution hat mein Vater einen Großteil seines Vermögens verloren. Da ich eine Schule für junge Damen in Paris besuchte, waren die Mittel meiner Mutter fast völlig erschöpft.«
»Warum gingen Sie denn in Paris zur Schule?«
Mit einem Mal wirkte Colette etwas abweisend. »Die Schule lag in der Nähe der Universität und bot Gelegenheit, einen reichen Gentleman kennenzulernen … oder wenigsten den Sohn eines reichen Gentleman. Mein Bruder war ständig krank, und die ärztliche Behandlung kostete ein Vermögen. Ein reicher Ehemann wäre in der Lage, die finanziellen Verpflichtungen meiner Mutter zu erleichtern und vielleicht sogar für meinen Bruder zu sorgen oder seine Heilung zu erwirken. So jedenfalls hat man es mir erklärt.«
»Und deshalb haben Sie Mr. Duvoisin geheiratet?«
Colette wusste, dass diese Frage kommen würde. Sie hatte sie ja förmlich herbeigeredet. »Das war nur einer der Gründe, aber es gab auch andere. Die Situation wurde immer schwieriger.«
»Mr. Duvoisin muss damals sehr gut ausgesehen haben«, meinte Charmaine.
»So wie heute.« Colette lächelte. »Ich war vom ersten Augenblick an fasziniert. Aber er hat mir auch Angst gemacht.«
Die Minuten verstrichen. »Frederic ist ein guter Mann, Charmaine. Er hat seinen Söhnen Tugenden vererbt, für die sie ihm nicht einmal dankbar sind. Und er ist mir ein guter Ehemann. Manchmal wirkt er sehr schroff, und dieser Anfall hat ihn gezeichnet.«
»Das ist mir bewusst.«
»Nach unserer Hochzeit hat Frederic meiner Mutter ermöglicht, ihren Lebensstil wieder aufzunehmen. Außerdem hat er sich rührend um meinen Bruder gekümmert und ihm die beste Pflege und Behandlung angedeihen lassen, die für das Geld der Duvoisins zu haben war. Und natürlich hat er mir meine beiden wunderbaren Töchter geschenkt … und meinen hübschen kleinen Sohn.«
Charmaine seufzte. »Haben Sie Ihren Mann jemals geliebt?« Sie fand es überaus traurig, wie diese Frau sich für das Wohlergehen ihrer Familie geopfert hatte.
»Ich liebe ihn noch immer.« Ihre Stimme versagte. Nach einer Weile fuhr sie fort: »Nach der Geburt der Mädchen war es für Frederic nicht immer leicht, weil ich keine weiteren Kinder mehr bekommen durfte.«
»Genauso schwierig war es doch auch für Sie«, gab Charmaine zu bedenken.
»Ja und nein«, antwortete sie und wandte sich ab. »Wie ich schon sagte, es wurde immer komplizierter.« Damit war das Thema beendet, und sie schwiegen eine ganze Weile.
Nachdenklich fragte sich Colette, wann Charmaine einmal über ihre Vergangenheit sprechen würde. Sie spürte, dass Charmaine ebenfalls schmerzliche Erinnerungen mit sich herumtrug. Vielleicht nicht heute, aber bald. Ihre Überlegungen wurden abrupt unterbrochen.
»Was für ein Mensch ist John eigentlich?«
Colette überlegte lange, um möglichst unparteiisch zu antworten. »Er ist ein Rätsel – so kann man es wohl am besten ausdrücken.«
»Von der guten oder der schlechten Sorte?«
Colette lächelte. »Das hängt ganz von demjenigen ab, der ihn beschreibt. Einige verabscheuen ihn zutiefst, und andere lieben ihn, bis es wehtut. Bei John gibt es keinen Mittelweg. Entweder hasst man ihn, oder man liebt ihn. Für gewöhnlich in dieser Reihenfolge.«
»Die Männer dieser Familie lieben ihn ganz bestimmt nicht.«
Wieder zögerte Colette, als ob sie nach den richtigen Worten suchte, um das Dilemma zu beschreiben. »Seit dem Schlaganfall meines Mannes glauben Paul und Frederic, dass sie John hassen. Und er wiederum denkt, dass er sie hasst. Sicher sind Ihnen inzwischen allerlei Gerüchte zu Ohren gekommen. Die meisten sind wahr. John und sein Vater hatten einen entsetzlichen Streit, und danach war Frederic so, wie er noch heute ist! Paul war dabei, und er macht John für das Geschehene verantwortlich. Leider ist diese Wunde noch immer nicht verheilt.«
»Und warum machen Sie John keinen Vorwurf?«
Colette seufzte. »Dazu gibt es keinen wirklichen Grund, außerdem ist er selbst genauso betroffen. Alle waren auf Frederics Seite, ich eingeschlossen, und ich kann mir denken, dass John mich deswegen hasst. John ist genauso stur wie sein Vater. Die beiden sind sich sehr ähnlich, obwohl natürlich beide jede Ähnlichkeit abstreiten würden.«
»Ähnlichkeit?«, fragte Charmaine. »In welcher Beziehung?«
»Ihre Ausstrahlung, die Selbstsicherheit, die Art, wie sie mit Menschen umgehen. Wenn John sich ein Urteil bildet, muss er es nur selten revidieren. Meistens hat er recht. Der Himmel stehe demjenigen bei, von dem er keine gute Meinung hat. John ist berühmt für seine scharfe Zunge, und die kann vernichtende Folgen haben. Frederic ist ebenso kompromisslos – auch er verzeiht Fehler nicht.«
»Mögen Sie ihn denn?«
»Wen? John?« Colette lachte. »Sehen Sie sich meine Töchter an. Sie würden meinen Kopf fordern, wenn ich etwas anderes sagte. Als ich John kennenlernte, habe ich ihn anfangs verachtet.« Nachdenklich sah sie in die Ferne, als ob sie über die Zeit hinwegblicken könnte. »Irgendwann«, sagte sie leise, »werden Sie ihn kennenlernen, und dann werden Sie verstehen, was ich meine … Aber denken Sie daran, Charmaine, zu Anfang werden Sie ihn hassen.«
In diesem Moment öffnete sich die Haustür, und Stephen und Paul erschienen, Agatha zwischen sich, unter den Säulen. Angesichts des Trios runzelte Colette die Stirn, doch im selben Augenblick wurde sie abgelenkt, weil die Kinder quer über die Wiese zur Veranda gerannt kamen. Yvette schrie schon von weitem vor Begeisterung und erreichte als Erste ihr Ziel. »Mama«, keuchte sie völlig außer Atem, »Chastity bekommt ein Fohlen!«
Jeannette und Pierre holten ihre Schwester ein. Sie waren bei der Koppel gewesen und hatten zugesehen, wie der Stallmeister die braune Stute in den Hof gebracht hatte. »Das stimmt, Mama«, sagte Jeannette. »Gerald hat gesagt, dass es irgendwann im August auf die Welt kommt. Ist das nicht wunderbar?«
»Das ist es, fürwahr!« Colette lächelte. »Ich weiß schon jetzt, was passiert, wenn das Fohlen geboren ist! Mademoiselle Charmaine und ich werden euch nicht mehr aus dem Stall herausbekommen.«
Yvette nickte begeistert. »Muss Martin zur Geburt kommen?«
»Das werden wir sehen … wenn es Schwierigkeiten gibt, auf jeden Fall«, antwortete Colette. »Warum fragst du?«
»Beim letzten Mal hat er mir das Spucken beigebracht«, verkündete Yvette mit gewissem Stolz. »Aber so gut kann ich es noch nicht.«
»Yvette«, rief ihre Mutter tadelnd und murmelte, dass Martin ein abscheulicher Mensch sei.
Das Dinner wurde um sieben Uhr serviert. Charmaine bürstete ihr
Haar, bis es glänzte, und entschied sich, es an diesem Abend lang
zu tragen. Sie strich es aus dem Gesicht zurück und steckte es mit
den Kämmen, die sie zum Geburtstag bekommen hatte, so an den
Schläfen fest, dass sich die Lockenpracht über ihren Rücken ergoss.
Sie sah hinreißend aus, als sie ins Speisezimmer kam, sodass Paul
unwillkürlich nach Luft schnappte. Die Freude über sein Geschenk
war ihm deutlich anzusehen.
Stephen Westphal staunte nicht schlecht, als Paul der Gouvernante den Stuhl anbot, auf dem Agatha bei seinem letzten Besuch gesessen hatte. Offenbar hatte die hübsche Gouvernante Pauls Aufmerksamkeit errungen. Demnach waren Agathas Befürchtungen nicht aus der Luft gegriffen.
Das fünfgängige Menü begann mit einer köstlichen Erbsensuppe. Im Gegensatz zu den trägen Bewegungen der beiden Hausmädchen lief Fatima Henderson mit schwingenden Hüften zwischen Küche und Speisezimmer hin und her. Seit Felicia von Colette ermahnt worden war und nicht mehr mit Paul flirten durfte, reizte sie die Arbeit an der Tafel sehr viel weniger. Warum man sie trotz allem noch beschäftigte, war Charmaine ein Rätsel.
Einige Minuten später erschien auch George. Offenbar war er über den Besuch des Bankiers unterrichtet, denn er begrüßte den Mann ausgesprochen herzlich und setzte sich nicht weit von Charmaine an den Tisch. Da nur Jeannette zwischen ihnen saß, beugte er sich zu beiden hinüber, und es dauerte nicht lange, bis Jeannette und Charmaine das erste Mal kicherten.
Paul hätte es lieber gesehen, wenn George einen Platz gegenüber der Gouvernante ausgesucht hätte, um die Vorgänge zwischen den beiden besser kontrollieren zu können. Doch nun, da die drei bereits die Köpfe zusammensteckten, war es zu spät. Plötzlich wurde er von heftiger Eifersucht gepackt. Es wird Zeit, dass ich ein Wörtchen mit George rede, dachte er.
Dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder seinem Gast zu. »Ich will sofort Kontakt zu Thomas und James Harrison aufnehmen, sobald ich in Liverpool eintreffe. Beim Bau der Vagabond hatte Vater häufig mit der Werft zu tun. Zwar habe ich die Absicht, die Schiffe in den Staaten bauen zu lassen, doch die Harrisons sind erfahrene Schiffsbauer, die mir in Bezug auf den Dampfantrieb sicher Ratschläge und Empfehlungen geben können.«
»Sehr gut«, antwortete Stephen Westphal, und in diesem Stil ging es fast das ganze Essen über weiter.
Agatha haderte mit der neuen Sitzordnung, weil sie von ihrem entfernten Platz an der Tafel aus kaum Einfluss auf die geschäftlichen Themen nehmen konnte und sie der Diskussion wegen der Unruhe am Tisch leider auch nicht in der gewünschten Weise folgen konnte.
Beim Dessert wandte sich die Unterhaltung persönlichen Dingen zu. »Ich brauche eine von der Bank unterzeichnete Bestätigung für die Bank von Virginia«, sagte Paul. »Ich will dort Vermögenswerte hinterlegen, die Hälfte zu Bargeld machen und alle Zahlungen aus einer Quelle verfügen.« Er hielt einen Augenblick lang inne und fuhr dann umso energischer fort: »John hat mit dieser Sache nichts zu schaffen, Stephen. Ich würde es also begrüßen, wenn Sie mit Ihrer Tochter nicht darüber sprechen würden.«
Mr. Westphal war überrascht. »Mit Anne?«
»Sie haben vor einiger Zeit angedeutet, dass John ihr den Hof macht.«
»Ja, das stimmt. Was das angeht, so habe ich gerade einen Brief von ihr erhalten. Darin deutet sie an, dass in Kürze eine Verlobung bevorstehen könnte. Eine großartige Verbindung, finden Sie nicht auch?«
»Wahrlich großartig«, murmelte Paul und dachte an das viele Geld, das seinem Bruder mit einer solchen Heirat in den Schoß fallen würde. John waren solche Dinge nie wichtig gewesen, doch wie sonst hatte die Witwe seine Zuneigung gewonnen? Anne war zwar hübsch, was mit Ende zwanzig nicht verwunderlich war, aber Paul hatte nicht den Eindruck, dass sie Johns Typ sei.
Als ob Yvette seine Gedanken gelesen hätte, fügte sie hinzu: »Ich glaube nicht, dass Johnny sie heiratet.«
George lachte leise. »Und warum nicht, Yvette?«
»Er hat mir gesagt, dass die Frau, die er liebt, schon verheiratet ist und dass er nie eine andere heiraten wird.«
»Da haben Sie es«, rief der Bankier. »Seit Jahren hat er die Hoffnung gehegt, dass Anne eines Tages frei sein würde! Als ich vor ein paar Jahren zu Besuch in Richmond war, wusste ich bereits, dass er in sie verliebt war.«
Paul schnaubte nur.
»Sie glauben mir nicht?«, fragte der Banker und machte eine beleidigte Miene. »Nun gut, die Zeit wird es zeigen.«
Pauls Blick schweifte zu Colette hinüber, doch die flüsterte gerade mit Pierre. »Sie haben völlig recht, Stephen«, sagte er. »Doch noch einmal zu unserer Sache: Anne hat Kontakt zu meinem Bruder, deshalb bitte ich Sie um Stillschweigen. Ich möchte verhindern, dass diese Unternehmung vorzeitig bekannt wird.«
Westphal stieß ein höhnisches Lachen aus. »Und wie wollen Sie die Sache auf Dauer geheim halten, wenn Sie die Bank von Virginia für Ihre Transaktionen benötigen?«
»Das ist nicht meine Absicht«, antwortete Paul elegant. Der Gedanke, dass John ein einziges Mal nicht über alles informiert war, behagte ihm sichtlich. »Bis mein Bruder alles herausgefunden hat, werden die Verträge ausgehandelt und unterschrieben und die Gelder abgezogen sein, sodass ich keine Unannehmlichkeiten mehr befürchten muss.«
»Unannehmlichkeiten?«
»Aber, aber, Stephen, Sie kennen doch meinen Bruder. Muss ich Ihnen das wirklich noch erklären?«
»Und was ist mit der rechtlichen Seite? Richecourt und Larabee werden sicherlich Kontakt zu John aufnehmen.«
»Der Besuch ihrer Kanzlei steht ganz oben auf meiner Liste, sobald ich in Richmond ankomme. John hat sich Edward Richecourt zum Feind gemacht. Also dürfte Mr. Richecourt mit dieser Sache geschickt und vertrauensvoll umgehen. Und das umso mehr, als die Geschäfte meines Vaters seine Kanzlei am Leben erhalten. Ich gehe davon aus, dass er Stillschweigen über Espoir bewahren wird.«
Colette hielt nichts von derartigen Heimlichkeiten. Nicht dass sie Paul Vorwürfe machte, denn Johns Nadelstiche waren unerbittlich. Aber das waren genau die Unannehmlichkeiten, die Paul eigentlich vermeiden wollte. Mit Sicherheit würde die Heimlichtuerei auf ihn zurückfallen. John erfuhr alles, und sei es, weil er skrupelloser war als sein Bruder. Er war dafür bekannt, alle Regeln zu brechen.
»Nachdem das geklärt ist, wüsste ich gern, ob ich mit Ihrem Stillschweigen rechnen kann, Stephen?«
»Wenn Sie darauf bestehen, wird Anne nichts davon erfahren.«
Paul lehnte sich zufrieden zurück. »Und was schreibt Ihre Tochter sonst noch? Irgendwelche Begebenheiten in Richmond, die ich wissen sollte, bevor ich dorthin fahre?«
»Nun …« Der Banker räusperte sich, während sein Blick über den Tisch irrte und schließlich bei Agatha innehielt. »Sie erwähnt auch Ihre Gouvernante.«
Überrascht über die unerwartete Wendung beugte sich Paul nach vorn und fixierte Mr. Westphal. »Ach wirklich? Und was schreibt sie?«
»Nun …« Wieder räusperte sich der Bankier und rutschte unbehaglich auf seinem Stuhl hin und her, weil aller Augen auf ihn gerichtet waren. »Ich weiß nicht recht, ob ich das sagen kann … Zumindest nicht in Gegenwart der Kinder.«
Charmaines Herz schlug schneller. Das Verhängnis nahm seinen Lauf, und sie konnte es nicht aufhalten.
Paul kratzte sich am Kopf. Ganz offensichtlich hatte der Mann etwas Verfängliches herausgefunden, das nicht für Kinderohren bestimmt war. »Woher weiß Ihre Tochter von unserer Gouvernante? Ist ihr etwa zufällig eine Information in den Schoß gefallen?«
»Streng genommen hat Mrs. Ward vor einigen Monaten ihre Bedenken geäußert«, antwortete er. »Aus Sorge um Miss Ryans Herkunft kam sie in die Bank und fragte, ob Anne in dieser Sache vielleicht nähere Erkundigungen einziehen könne.«
»Agatha?«, fragte Paul verärgert. Er sah die Genannte direkt an. »Und in wessen Auftrag, wenn ich fragen darf?«
»In meinem eigenen Auftrag«, antwortete Agatha hochfahrend. »Ich habe es auf meine Kappe genommen, mich an Stephen Westphal zu wenden. Ich hatte berechtigte Einwände gegen Miss Ryan, die niemand hören wollte. Und da es außer Mrs. Harringtons Versicherungen keinerlei Referenzen gab, fühlte ich mich aus Sorge um die Kinder verpflichtet, eigene Nachforschungen anzustellen.« Sie holte tief Luft. »Ich danke Gott, dass Stephens Tochter mir behilflich war. Meiner Ansicht nach sind die Kinder in ernster Gefahr. Nicht einmal in meinen kühnsten Träumen habe ich mir ausgemalt, was sie aufdecken würde. Es ist noch weit schlimmer, als wir uns das vorstellen können.«
Colette beherrschte ihre Empörung nur mühsam. »Ich bin der Meinung, dass Mr. Westphal einen geeigneteren Augenblick für seine Mitteilungen hätte wählen können, ohne auch noch meine Kinder in die Sache hineinzuziehen.«
»Colette hat recht«, kam ihr Paul zu Hilfe. »Rose, wären Sie bitte so freundlich, die Kinder in ihr Zimmer zu bringen?«
Charmaines Erleichterung dauerte nur einen kurzen Augenblick, bis Rose aufsprang und die Kinder ohne Rücksicht auf Yvettes Proteste aus dem Speisezimmer scheuchte.
Nervös sah Colette Paul und George an. Nur Paul behielt die Nerven. »Also gut, Stephen«, sagte er schließlich. »Sie haben das Wort. Was genau hat Ihre Tochter herausgefunden?«
Gekränkt wollte Charmaine ihren Stuhl zurückschieben, doch Paul verhinderte die Flucht, indem er ihren Arm packte und sie festhielt. Sie war gezwungen, sich die makabre Geschichte anzuhören, während alle Menschen, die sie liebte, über die Wahrheiten zu Gericht saßen, die sie ihnen verschwiegen hatte. Von nun an war sie als Tochter eines Wahnsinnigen, eines Mörders, gebrandmarkt, und sie hatte keine Möglichkeit, sich gegen diese schreckliche Wahrheit zu verteidigen. Scham bemächtigte sich ihrer, und sie ließ den Kopf sinken.
Paul verstärkte seinen Griff, und der Schmerz steigerte ihren Zorn. Wütend starrte sie ihn an. Doch er schien sie gar nicht wahrzunehmen, sondern fixierte den Bankier mit eisernem Blick. »Heraus damit, Mann«, schnarrte er, als Mr. Westphal noch immer zögerte.
»Wenn ich das früher erfahren hätte …« Westphal wusste nicht recht, ob Paul wirklich die Wahrheit erfahren wollte. »… wäre ich natürlich eher zu Ihnen gekommen. Aber wie Sie ja wissen, hatten die Schiffe große Verspätung. Anne hat den Brief schon vor Wochen geschrieben.«
»Ja, ja, und weiter?«
Kleine Schweißtropfen bildeten sich auf Westphals Oberlippe. »Ich bedauere, dass es ausgerechnet mir zufällt, Sie über die Fakten aufzuklären.« Er blickte auf. Colette schien ebenso wütend zu sein wie Paul. Nur Agatha lächelte selbstgefällig.
»Na los, Stephen, sagen Sie endlich, was Sie wissen«, sagte Mrs. Ward aufmunternd, während ihr Blick auf Charmaine ruhte. »Colette soll endlich erfahren, welche Person sie da eingestellt hat und in ihrem Heim beherbergt.«
»Na los, Stephen«, sagte Paul. »Sie haben uns neugierig gemacht. Also heraus mit der Sprache! Was hat Miss Ryan verbrochen, das unseren Kindern schaden könnte?«
»Es geht nicht darum, was sie getan hat. Es geht um ihren Vater.«
»Und?«
»Ihr Vater ist … ein Mörder.«
Tödliche Stille breitete sich aus, und Charmaines größte Ängste wurden wahr. Selbst die Geräusche in der Küche waren verstummt, als ob jeder das Ohr an die Tür presste. Die Wahrheit war heraus. Jetzt konnte Paul triumphieren, dass er von Beginn an recht gehabt hätte.
Sie weigerte sich, in seine Richtung zu schauen, und versuchte, sich der eisenharten Faust zu entwinden. »Bitte«, wimmerte sie, doch ohne Erfolg.
»Was genau wollen Sie damit sagen, Stephen?«
»Miss Ryans Vater ist ein Mörder«, wiederholte der Bankier. »Er hat ihre Mutter ermordet.«
»Haben Sie dafür Beweise?«
»Aber sicher«, bekräftigte Mr. Westphal und schöpfte neuen Mut, da Paul sehr interessiert schien. »Anne hat mit einem Hausmädchen der Harringtons gesprochen. Demnach hat sich John Ryan eines Abends Zugang zum Haus der Harringtons verschafft. Als Joshua Harrington ihm die Tür wies, kehrte er nach Hause zurück und ließ seine Wut an seiner Frau aus. Um Gewissheit zu erlangen, dass die Geschichte nicht erfunden war, wandte sich Anne an den Sheriff und erfuhr zu ihrem Entsetzen, dass John Ryan nicht nur ein Mörder war, sondern sich auch seit Wochen auf der Flucht befindet. Da die Ryans zum weißen Abschaum der Stadt zählten, war der Sheriff erleichtert, dass er die Sache nach der ersten Aufregung auf sich beruhen lassen konnte.«
»Und wie hat Mr. Ryan seine Frau getötet?«
»Er hat sie zu Tode geprügelt. Nach Angaben des Sheriffs waren solche Misshandlungen an der Tagesordnung. Diesmal jedoch war die Sache aus dem Ruder gelaufen. Miss Ryan« – er deutete quer über den Tisch auf Charmaine – »hat das Opfer im Todeskampf gefunden. Als die Leiche kalt war, hat sie sich bei den Harringtons ausgeweint, und diese haben den Sheriff verständigt. Sheriff Biggs hat Anne gegenüber ausdrücklich bedauert, dass er mit dieser traurigen Geschichte befasst wurde.«
In diesem Augenblick hatte Charmaine endgültig genug. Sie hatte sich von diesem Mann erniedrigen lassen, doch ihre Mutter durfte er nicht in den Schmutz ziehen. Mit blitzenden Augen sprang sie auf. »Diese ›Leiche‹, wie Sie sie bezeichnen, war meine Mutter! Sie war eine gütige, liebevolle Frau, die ich geliebt und durch die Hand meines verfluchten Vaters verloren habe!« Trotz der Wut stiegen ihr die Tränen in die Augen, und ihr Schmerz war so übermächtig, dass sie die Worte nur mit Mühe herausbrachte. »Und ja«, zischte sie, »er hat sie geprügelt, hat sie immer wieder geprügelt. Und es war keiner da, der eingegriffen, der sich ihrer erbarmt und den Wahnsinnigen aufgehalten hätte! Nicht einmal, als sie sterbend am Boden lag! Wenn Joshua und Loretta Harrington nicht gewesen wären, hätte sich niemand darum geschert! Mr. Harrington musste den Sheriff förmlich anflehen, aber nichts ist geschehen! Inzwischen ist fast ein Jahr vergangen, und mein Vater läuft noch immer frei herum. Er wird niemals für seine heimtückische Tat bezahlen müssen. Verachten Sie mich, solange Sie wollen, ich sage Ihnen nur eines: Keiner hasst John Ryan mehr als ich, und keiner sehnt sich mehr nach Gerechtigkeit als ich. Aber Gerechtigkeit wird es niemals geben, nicht wahr?« Die rhetorische Frage hallte durch den Raum.
Paul empfand große Sympathie für Charmaine. Deshalb also war sie stets auf der Hut. Ihr Vater hatte ihr nie einen Grund gegeben, Männer zu lieben. Paul hätte sie am liebsten in den Arm genommen und getröstet. Und sie vor dem bewahrt, was sie erlitten hatte.
»Nein, Gerechtigkeit gibt es nicht«, beantwortete sie ihre eigene Frage. »Aber es gibt einen Grund dafür, dass mein Vater noch immer frei herumläuft. Und das sind Menschen wie Sie, Mr. Westphal, die lieber Unschuldige verleumden, als die Schuldigen zu verfolgen.« Sie wandte sich an Paul. »Na los, bestrafen Sie das arme Opfer. Ich bin hier. Worauf warten Sie?«, fuhr sie ihn an und versuchte, ihre Hand aus seinem Griff zu befreien. »Wenn Sie mich losließen, könnte ich endlich gehen. Ich lasse mich nicht weiter demütigen!«
Wütend stand George auf, weil die Inquisition lange genug gedauert hatte. »Sie sind viel zu höflich, Charmaine«, rief er mit Blick auf ihr Handgelenk. »Hier stinkt es so gewaltig, dass mir der Appetit vergangen ist.« Er schob seinen Stuhl zurück, legte den Arm tröstend um Charmaines Schultern und sah Paul finster an, falls er sie auch noch einen Augenblick länger festhalten wollte.
Paul gab nach und löste seinen Griff. Charmaine ließ sich von George aus dem Zimmer führen, doch als sie das Foyer erreichten, brach sie zusammen und weinte. »Sie sollten wieder hineingehen«, schluchzte sie. »Sonst sind die anderen genauso wütend auf Sie wie auf mich.«
George schnaubte verächtlich. »Das ist mir völlig gleichgültig.«
»Ich war so glücklich in diesem Haus. Jetzt weiß ich nicht, wohin ich gehen soll.«
»Was soll denn das heißen? Sie glauben doch wohl nicht, dass Colette Sie auf solchen Tratsch hin entlässt! Da verkennen Sie ihre Aufrichtigkeit aber gewaltig.«
Charmaine sah ihn an, und allmählich versiegten ihre Tränen.
»Colette liebt Sie, Charmaine. Und die Kinder lieben Sie auch! Selbst Paul … Wetten, dass er denen gerade sagt, wohin sie sich verziehen sollen, wenn Sie wissen, was ich meine?«
»Aber warum hat er mich dann gezwungen, mir das alles anzuhören? Wie ein Tier in der Falle?«
»Er wollte, dass Sie den Leuten gegenübertreten, und zwar mit hoch erhobenem Kopf! Paul hat sich Zeit seines Lebens auf Grund seiner illegitimen Geburt solches Gerede anhören müssen. Dabei hat er gelernt, dass man dem Gegner nie den Rücken zudrehen darf. Weglaufen bekräftigt jedes Gerücht – ganz gleich, ob es wahr ist oder nicht.«
Charmaine begriff, dass George damit recht hatte. So gesehen, hatte sie Paul Unrecht getan.
»Wir alle haben unsere kleinen Geheimnisse, die wir am liebsten verstecken. Dinge, auf die wir nicht unbedingt stolz sind. Meine Mutter ist zum Beispiel mit einem Matrosen durchgebrannt, als ich ein Jahr alt war, und hat meinem Vater das Herz gebrochen. Zum Glück hatte ich meine Großmutter Rose.«
Mit zärtlichem Blick sah Charmaine den Mann an, der ihr zum Trost sogar die eigene schmerzvolle Vergangenheit offenbarte. »Vielen Dank, George«, flüsterte sie.
»Verraten Sie mich bloß nicht.« Er lächelte und dachte, wie hübsch sie doch aussah. Wenn Paul nicht so verdammt besitzergreifend wäre, würde er Charmaine sofort den Hof machen.
Sie seufzte tief. »Ich muss unbedingt nach den Kindern sehen.«
George nickte, und sie lief zur Treppe und hinauf ins Kinderzimmer.
Die Unterstellungen wurden immer abenteuerlicher – bis hin zu John
Ryans Blut, das auch in Charmaines Adern kreiste und sich eines
Tages mit tödlicher Konsequenz in Erinnerung bringen
würde.
»Ich habe genug gehört«, zischte Paul drohend.
»Ich auch.« Colette warf ihre Serviette auf den Tisch und stand auf. »Ich möchte meinen Kindern wenigstens noch einen Gutenachtkuss geben, bevor sie einschlafen.« Sie wandte sich ab, aber gleich darauf hielt sie noch einmal inne. »Außerdem muss ich mit Miss Ryan sprechen. Trotz aller Unterstellungen bleibt sie auch weiterhin die Gouvernante meiner Kinder.«
Stephen Westphal, der sich gleichzeitig mit Colette erhoben hatte, setzte zu einer Entschuldigung an. »Ich hatte doch nur das Wohl der Kinder im Auge, Madame …«
»Mr. Westphal«, begann Colette, die diese Ausrede nicht mehr hören konnte, »wenn Sie irgendjemandes Interesse im Auge gehabt hätten, so hätten Sie die Sache unter vier Augen mit mir besprochen und sie nicht während des Essens breitgetreten. Was Sie Miss Ryan zugemutet haben, war mehr als abstoßend.« Ohne sich noch einmal umzusehen, verließ sie den Raum.
Hilfesuchend sah Stephen zu Paul hinüber, doch der zuckte nur die Schultern. »Ich fürchte, in diesem Punkt sind Colette und ich einer Meinung. Charmaine Ryan ist ein Teil unserer Familie und wird im Dienst meines Vaters verbleiben, solange seine Frau das für richtig hält. Ich halte nichts von der Ansicht, dass die Sünden der Väter auf die Kinder übergehen. Wenn das so wäre, wären die meisten von uns verdammt. Solche Ansichten sind ein Relikt der europäischen Aristokratie.« Er hielt einen Augenblick inne, um seine Worte gegen das Klassen- und Etikettedenken der Blaublüter und ihrer zahllosen Imitatoren wirken zu lassen. »Ich habe morgen viel zu tun«, schloss er. »Ich will kein schlechter Gastgeber sein, Stephen, aber es scheint mir an der Zeit, Ihren Wagen zu rufen.« Ohne die Antwort abzuwarten, ging er ins Foyer hinaus und war sehr zufrieden, als der Bankier ihm nachgelaufen kam.
Charmaine betupfte ihre Wangen und betrat das
Kinderzimmer.
»Mademoiselle!« Jeannette stürmte auf sie zu. »Ist alles in Ordnung?«
Yvette kam ihr nach, und zusammen zogen sie Charmaine ins Zimmer. »Sie haben geweint«, sagte Yvette zaghaft.
»Das ist vorbei«, versicherte Charmaine und setzte sich auf das Bett der Mädchen. Dann sah sie Rose an, die ebenfalls beunruhigt schien.
»Sie sind aber noch unsere Gouvernante, oder?«, fragte Jeannette.
Wieder stiegen Charmaine die Tränen in die Augen. »Ich weiß es nicht«, flüsterte sie.
»Wir erlauben nicht, dass man sie fortschickt!«, rief Yvette und umschlang sie. »Wir lieben Sie doch.«
Gerührt erwiderte Charmaine die Geste.
Jeannette entdeckte Colette, als sie unter der Tür stand. »Mama! Du schickst Mademoiselle Charmaine nicht weg, oder?«
»Aber ganz bestimmt nicht.« Ihre ernste Miene wandelte sich zu einem Lächeln, und kurz darauf kicherten und lachten sie alle zusammen.
Einige Zeit später schlenderten Colette und Charmaine in der abendlichen Brise über den Balkon bis zu Colettes Salon, wo Charmaine der Freundin weitere Einzelheiten aus ihrer traurigen Vergangenheit offenbarte. Colette war eine mitfühlende Zuhörerin, und als Charmaine schließlich in ihr Zimmer zurückkehrte, war ihr eine schwere Last von den Schultern genommen.
Paul wollte mit Charmaine sprechen, doch er fand sie weder bei den Kindern noch in ihrem eigenen Zimmer. Nun gut, dann eben morgen, dachte er … Gleich morgen wollte er mit ihr sprechen.
Samstag, 24. Dezember 1836
Fatima summte leise vor sich hin, während sie in der Küche arbeitete und auf Colettes Geheiß hin letzte Hand an zwölf Körbe mit Lebensmitteln legte. Zwei Tage lang hatte sie gekocht, und nun trat sie einen Schritt zurück und betrachtete zufrieden lächelnd die weihnachtlichen Köstlichkeiten, die am Nachmittag in das Lager der Arbeiter gebracht werden würden. Colette hatte diese Tradition vor neun Jahren begründet. Fatima war von der Großherzigkeit ihrer Herrin begeistert, aber sie war besorgt, als die Herrin des Hauses lange vor Mittag die Küche betrat.
»Miss Colette, was haben Sie denn vor?«
»Sie wissen sehr genau, was ich vorhabe.«
»Aber Master Paul hat doch gesagt, dass er in diesem Jahr die Körbe verteilen wird.«
»Das hat er gesagt, nicht ich«, erwiderte Colette und rückte einige Laibe Brot in einem Korb zurecht. »Ich bin sehr wohl in der Lage, eine Fahrt im Wagen zu überstehen.«
Fatima saugte an ihren Wangen. »Das halte ich nicht für eine gute Idee.«
»Und warum nicht? Warum sollte es in diesem Jahr anders sein?«
»Weil Sie sich nicht wohlfühlen. Nur deshalb«, sagte Fatima mit ernster Miene, und als sie merkte, dass Colette ihr nicht zuhörte, fügte sie hinzu. »Master Frederic wird das nicht gutheißen.«
Colette lachte. »Das war schon beim ersten Mal so.«
»Das stimmt nicht. Er …«
»Er hat sich angepasst, nicht wahr?«, fiel ihr Colette ins Wort.
»Damals war damals, aber heute ist heute. Er sorgt sich mehr um Ihre Gesundheit als darum, ob die Männer etwas zu beißen haben.«
»Er wird nicht einmal merken, dass ich fort bin. Außer Sie verraten mich.«
Fatima schüttelte nur den Kopf. Ihr war klar, dass jedes weitere Wort umsonst war. Wenn Colette sich in Zorn redete, konnte nichts sie aufhalten. Es war lange her, seit Fatima zuletzt eine Spur dieses Zorns, ein Stück der alten Colette, gesehen hatte. Beim Dinner mit dem Bankier war wieder ein erster Funke aufgeflammt, und Fatima hegte die leise Hoffnung, das Feuer bald wieder mit großer Flamme brennen zu sehen. »Aber die Körbe tragen Sie nicht. Joseph wird Sie begleiten und Ihnen helfen.«
»Einverstanden, aber ich nehme auch die Mädchen mit, damit sie mir beim Verteilen helfen.«
Fatima hielt mitten in der Bewegung inne. »Und warum das?«
»Es ist wird Zeit, dass meine Kinder lernen, dass Vermögen auch Verpflichtung bedeutet. Ich möchte nicht, dass sie zu Schönheiten mit warmem Lächeln, aber kaltem Herzen heranwachsen.«
Selbst nach neun Jahren war Fatima noch von Colettes Großherzigkeit beeindruckt. Mit einem Nicken wandte sie sich wieder ihrer Arbeit zu.
Nachdem alle Vorbereitungen beendet und die Körbe auf dem Boden des Landauers verstaut waren, setzte sich der Wagen mit Colette, den beiden Mädchen und Joseph Thornfield in Bewegung. Charmaine und Pierre standen auf der obersten Stufe vor den Säulen und winkten ihnen nach. Aber keiner bemerkte, dass Frederic mit gerunzelter Stirn im Stockwerk darüber auf dem Balkon stand.
Später am Abend, als Colette sich bereits zurückgezogen hatte und Charmaine die Mädchen zu Bett brachte, sprachen die Zwillinge noch lange im Flüsterton über das große Gebäude und die komischen Männer, die sie besucht hatten. Jeannette schien der Besuch Spaß gemacht zu haben, doch Yvette rümpfte die Nase. »Ich verstehe nicht, warum wir dort hingehen mussten. Es war schrecklich. Es hat gestunken, und alles war schmutzig.«
»Mama sagt, dass wir nicht halb so reich wären, wenn diese Männer nicht für Papa arbeiteten«, erklärte Jeannette. »Sie sagt, wir müssten ihnen dankbar sein. Wenn wir den Männern ein Weihnachtsessen bringen, bedanken wir uns wenigstens ein bisschen.«
»Ich weiß, was sie gesagt hat«, erwiderte Yvette.
Jeannette zuckte die Schultern und kuschelte sich unter ihre Decke.
Charmaine gab den Mädchen einen Kuss, zog die Decke über Pierre zurecht, der tief und fest schlief, und schlich auf Zehenspitzen aus dem Zimmer. Ihr war klar, was Colette mit diesem Besuch bezweckt hatte, aber offenbar hatte nur Jeannette die Botschaft verstanden.
Colette bürstete gerade ihr Haar, als Frederic das Ankleidezimmer
betrat. Er hatte zwar geklopft, aber ihre Antwort nicht abgewartet.
Sie sah ihm im Spiegel entgegen und fühlte sich, als er immer näher
kam, unwohl, da sie bereits entkleidet war.
»Du bist heute im Lager gewesen«, sagte er.
»Morgen ist Weihnachten.«
»Zusammen mit den Zwillingen.«
»Ja.« Sie erhob sich und drehte sich zu ihm um. Dabei bewahrte sie nur mit Mühe ihre Fassung. »Sollte ich ihnen nicht zeigen, dass man auch für die weniger Glücklichen sorgen muss? Darum geht es doch an Weihnachten, oder etwa nicht? Das Christuskind lag auch nur in einer einfachen Futterkrippe.«
Seine Blicke musterten sie so eindringlich von Kopf bis Fuß, dass es ihr den Atem verschlug. »Aber diese Männer sind Verbrecher, Colette«, sagte er mit rauer Stimme. »Ich war um die Sicherheit der Mädchen besorgt – und um deine. Außerdem bist du noch nicht gesund. Ich möchte nicht, dass du unseren Besitz noch einmal verlässt, ohne es mir vorher zu sagen.«
Colette richtete sich auf. »Ich bin also eine Gefangene in meinem eigenen Haus? Das hast du schon einmal versucht. Aber ich sage dir hier und heute, dass ich das nicht akzeptieren werde. Ich werde weiterhin kommen und gehen, wie es mir beliebt!«
Frederic biss die Zähne aufeinander. »Und ich sagte dir, dass es mir gleichgültig sei, wenn du gehst. Doch meine Töchter sind allein meine Sache!«
Colette fühlte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen. Aber sie wollte ihm nicht zeigen, wie leicht er sie verletzen konnte. Hastig knotete sie den Gürtel ihres Morgenmantels zusammen. Dann drängte sie sich an ihm vorbei in ihr Schlafzimmer und warf die Tür hinter sich ins Schloss.
Lange stand Frederic bewegungslos da und starrte auf die Tür, plötzlich trat er einen Schritt nach vorn. Doch sein lahmes Bein verfing sich am Eck des Teppichs, und er stolperte. Seine rechte Hand schoss nach vorn, und er klammerte sich an einen Stuhl. Als sein Stock auf den Boden knallte, fluchte er leise. Sein Herz klopfte, und er zitterte am ganzen Leib. Als sein Atem wieder ruhiger ging, ließ er den Stuhl los, dann wischte er sich mit dem Ärmel die Schweißperlen von der Stirn. Als er sich bückte, um seinen Stock aufzuheben, begriff er wieder einmal, was aus ihm geworden war. Abgestoßen von sich selbst, kehrte er in seine Räume zurück.
Sonntag, 25. Dezember 1836
Der Weihnachtstag wurde mit einer Messe im Morgengrauen und einem ausgiebigen Frühstück begrüßt. Anschließend ging Colette mit den Kindern in die Räume von Frederic hinüber. Normalerweise fanden die Besuche einmal in der Woche in umgekehrter Richtung statt. Wofür Charmaine dankbar war, weil sie das Kinderzimmer als sicheres Terrain empfand. Gewissermaßen als eine neutrale Zone der Höflichkeit.
Die Zeit bis zur Rückkehr der Kinder wollte Charmaine im Wohnraum warten, wo Paul bereits saß. Seit Stephen Westphals Besuch hatten sie nicht mehr miteinander gesprochen. Seine Reisevorbereitungen hatten ihn sehr in Anspruch genommen, und er hatte lange über Dokumenten und Vertragsentwürfen gebrütet. Morgen sollte die Reise beginnen. Als sie eintrat, erhob er sich.
»Es tut mir leid«, entschuldigte sie sich hastig. »Ich wollte nicht stören.«
»Sie stören mich nicht. Ich wollte sowieso mit Ihnen sprechen. Wo sind die Kinder?«
»Bei Ihrem Vater.«
»Kommen Sie, setzen Sie sich.« Er deutete auf den Sessel ihm gegenüber.
Nachdem sie sich gesetzt hatten, schob er die Papiere zur Seite, dann sah er sie lange an. »Erst einmal möchte ich mich entschuldigen.«
»Wofür?«
»Dafür, dass Sie glauben mussten, dass ich nicht auf Ihrer Seite stünde. Als ich merkte, dass Sie weglaufen wollten, musste ich Sie einfach aufhalten. Man darf dem Feind nie den Rücken zudrehen.«
Charmaine war erstaunt. Genauso hatte George das erklärt.
»Wenn Sie mich nur angesehen hätten, hätte ich Ihnen meine Haltung erklären können. Aber Sie waren ja wild entschlossen, Mr. Westphal in die Schranken zu weisen. Es tut mir leid, dass ich Ihnen wehgetan habe.«
Unbewusst hatte sie ihr Handgelenk gerieben. »Das war nicht weiter schlimm«, flüsterte sie. »Vielen Dank, dass Sie mich verteidigt haben – und das bei dieser Wahrheit. Ich weiß, dass Sie zu Beginn nicht viel von mir gehalten haben.«
»Ich habe mich geirrt«, entgegnete er. »Die Kinder sind glücklich mit Ihnen.«
»Sie hätten mich auch an den Taten meines Vaters messen können.«
Lächelnd sah er sie an und beugte sich ihr entgegen. »Aber nein, das hätte ich niemals getan.«
Sie sah so reizend aus. Während der langen Reise würde er sie sehr vermissen. Und dann begriff er, dass auch Charmaine ihn vermissen würde. Vielleicht sogar noch mehr als er sie. Während der letzten Monate hatte er sich wie ein Gentleman betragen. Ganz wie versprochen. Und die Zeit hatte für ihn gearbeitet. Er wusste, dass Charmaine sich zu ihm hingezogen fühlte. Im Augenblick sehnte sie sich nach seinem Kuss. Inzwischen fühlte sie sich in seiner Gegenwart völlig sicher, und doch war sie beunruhigt, weil er keine weiteren Annäherungsversuche mehr unternahm. Arme Charmaine Ryan, sie war wirklich völlig durcheinander! Die Frau in ihr forderte Leidenschaft, das kleine Mädchen Sicherheit, und dann gab es noch das von seinem Vater gequälte Geschöpf, das Jeder Mann muss unbedingt gemieden werden! schrie. Wie gern hätte er ihre Ängste weggewischt und ihr die Wonnen der Weiblichkeit gezeigt.
Abwesenheit … Seine dreimonatige Abwesenheit würde ihr Herz weicher stimmen. Und wenn er zurückkam, würde er den Hunger in ihren Augen lesen. Sollte sie ruhig von ihm träumen, solange er fort war. Das würde seine Heimkehr nur versüßen. Er musste ihr nur etwas dalassen, das sie an ihn erinnerte.
»In der Morgendämmerung werden wir mit der Flut den Anker lichten«, murmelte er. »Sie werden mir fehlen.«
Mit einem Mal wurde es Charmaine schwindlig. Paul wollte sie küssen. Seine Hände hielten die Lehnen des Sessels, in dem sie saß, umfasst, und sie war gefangen. Sie schloss die Augen, blieb aber aufrecht sitzen. Seine Wange brannte heiß an der ihren, als er sich zu ihr vorbeugte und ihr etwas ins Ohr flüsterte. Ihr Herz hämmerte so laut, dass sie seine Worte nicht verstand. Um ihren wirbelnden Sinnen Einhalt zu gebieten, klammerte sie sich an seine Arme.
»Hier steckst du also!«
Der Augenblick war vorüber, als Agatha Ward den Wohnraum betrat. Paul richtete sich auf und erhob sich, und Charmaine drehte ihr gerötetes Gesicht zur Seite. Nachdem sie sich gefasst hatte, erhob sie sich und ging ohne einen Blick in Pauls Richtung ins Foyer hinaus.