16. Juni

»Anrufbeantworter von Alfred Firneis. Bitte hinterlassen Sie keine Nachricht. Ich rufe nicht zurück

»Firneis! Ich grüße Sie. Hier spricht Beckmann, falls Sie noch wissen, wer ich bin. Hören Sie, Firneis, wär doch mal wieder Zeit, was zu machen. Ein schönes Bändchen auf die Reihe bringen. Muss nicht viel sein. Ein paar Texte werden Sie bestimmt in der Pipeline haben, Herr Firneis. Seien Sie doch so freundlich und rufen Sie mich zurück. Im Übrigen sind Sie per Mail nicht zu erreichen. Hat Ihr Computer ein Problem

18. Juni

»Anrufbeantworter von Alfred Firneis. Bitte hinterlassen Sie keine Nachricht. Ich rufe nicht zurück

»Firneis, ich bin’s noch mal. Beckmann. Hören Sie, es wäre doch echt an der Zeit, wieder was nachzuschieben. Die Vertreter machen Druck! Firneis, der Markt lechzt nach Ihnen! Von Im Schein der Wolkenkratzer haben wir jetzt Hundertfünfzigtausend verkauft. Jenseits von Mitte ist vergriffen, wir drucken gerade nach. Mensch, Sie sind der einzige Lyriker im deutschen Sprachraum, der Kasse macht. Sie müssen jetzt nachlegen, Firneis, der Markt vergisst schnell! Rufen Sie umgehend zurück. Oder schalten Sie Ihr Handy ein

19. Juni

»Anrufbeantworter von Alfred Firneis. Bitte hinterlassen Sie keine Nachricht. Ich rufe nicht zurück

»Ich hätte da auch schon ’nen Titel für Sie, Firneis. Irgendwas mit Kreuzberg. So wie Liebling Kreuzberg, nur anders. Griffiger. Poetischer. Sie wissen, was ich meine, Firneis. Wir sollten keine Zeit mehr verlieren

19. Juni

sms: »Lieber Firneis! Ihr Anrufbeantworter kotzt mich an. Bitte dringend um Rückruf

20. Juni

Nachricht, Mobilbox: »Lieber Herr Firneis, ich weiß, dass Sie in Berlin sind. Ihr Spiel ist albern. Ich sag Ihnen die Wahrheit, Fred, ich hab Ihren neuen Lyrikband bereits angekündigt. Es fehlen eigentlich nur noch die Texte. Und der Titel! Ich … ich erhöhe Ihre Tantiemen auf elf Prozent. Bitte dringend um Rückruf! Susanne Beckmann. Ihre Verlegerin, falls Sie sich daran noch erinnern können

21. Juni

Na gut, dachte Susanne, dann müssen wir es eben auf die harte Tour machen. Das störte sie nicht. So kam sie zumindest einmal aus dem Büro heraus, und das war an diesem sonnigen Nachmittag nicht das Schlechteste. Die Fahrt nach Kreuzberg zögerte sie ein wenig hinaus. Als überzeugte »Schnitte von Mitte«, wie sie sich selbst titulierte, genoss sie zunächst den gut halbstündigen Spaziergang von ihrem Verlagsbüro in der Tucholskystraße zu ihrer Wohnung in der Kollwitzstraße. Zwar hatten die iPhones und iPads, die mit ihren Menschen durch die Straßen liefen, für ihren Geschmack ein wenig überhand genommen, aber immerhin konnte sie sich unter all diesen jungen und elitären Leuten selbst auch ein wenig jugendlich und mondän fühlen.

Susanne hatte das Glück gehabt, noch vor dem Boom eine erschwingliche Mietwohnung in der Gegend um den Prenzlauer Berg zu finden. Noch dazu mit einer Dachterrasse, auf der sie nun Kaffee trank. Sie liebte dieses kleine Refugium mit dem Bretterboden und dem Holztisch, an dem sie auch abends gerne saß, mit Freunden bei Wein und Kerzenschein. Besser ging es gar nicht. Nun ja, ein Mann fehlte vielleicht für die perfekte Idylle, gestand sich Susanne manchmal ein, wenn sie ehrlich zu sich selbst war. Männer gab es in ihrem Leben. Aber der Mann war nicht dabei. Schließlich werden die Ansprüche an einen Partner im Lauf eines Lebens nicht geringer. Susannes Ansprüche waren hoch und ihr Wille, lieber allein als mit einem Kompromiss zu leben, ungebrochen.

Susanne goss ihre Rosmarinsträucher und Lorbeerbäumchen und duschte kalt, bevor sie sich auf die Reise nach Kreuzberg machte. Eine Reise, die sie nicht nur wegen der Aufgabe, die ihr bevorstand, nicht gerne antrat, sondern auch, weil sie Kreuzberg nicht sonderlich mochte. Überhaupt den Bergmannkiez, wo Fred wohnte, ein ihrer Meinung nach vollkommen überschätztes Viertel, das sie ein wenig schmuddelig fand.

Susanne Beckmann blieb vor einem Haus stehen. Sie sah an der Fassade hinauf. Die Fenster im zweiten Stockwerk waren geschlossen und von einer dicken Schmutzschicht bedeckt. Susanne atmete durch und drückte die schwere Eingangstür auf.

Die Glocke läutete schrill. Susanne drückte den Klingelknopf, immer wieder. An der Wohnungstür hing ein kleines Messingschild: Alfred Firneis. Daneben vier kleine Löcher. Offensichtlich war hier ein anderes Schild abmontiert worden. Vor Firneis’ Wohnung sah es aus wie bei der Altpapiersammlung. Briefe, Werbeprospekte, Pakete stapelten sich auf dem Flur. Susanne hielt inne. Lauschte. Sie hörte jemanden in der Wohnung herumschleichen. Sie beschloss, weiter zu klingeln, wobei sie sich bemühte, den Rhythmus so nervenaufreibend wie möglich zu gestalten.

Endlich ging die Tür auf. Fred Firneis stand seiner Verlegerin leicht gekrümmt, aber keineswegs überrascht gegenüber. Er trug Shorts und ein ärmelloses Unterhemd, das mit seinen vielen Flecken als Menükarte der Nahrungsaufnahme der letzten Tage dienen konnte.

»Wusste ich’s doch«, sagte Fred.

»Wenn Sie es wussten, hätten Sie ruhig früher aufmachen können«, sagte Susanne, »darf ich reinkommen

Fred gab zögernd den Weg frei. »Es ist nicht besonders aufgeräumt

Susanne drängte sich an ihrem Autor vorbei. Die Tür fiel zu. Es war ziemlich düster in Alfreds Altbauwohnung, weil der Schmutz auf den Fensterscheiben das Licht nicht so richtig durchließ. Susanne Beckmann sah sich um. Nicht besonders aufgeräumt, dachte sie, ist eine Untertreibung. Eine gewaltige Untertreibung. Es gab, genau genommen, nicht einmal einen freien Sitzplatz, den Fred seiner Verlegerin hätte anbieten können. Leere und halbleere Flaschen standen überall herum. Aschenbecher quollen über, Kartons mit Pizzaresten und Papiertassen vom Take-away-Chinesen blockierten Sofa und Stühle, Zeitungen und Zeitschriften stapelten sich auf dem Tisch.

»Wollen Sie was trinken, fragte Fred, »Jack Daniels … Smirnoff? Bordeaux hab ich auch noch irgendwo … Montepulciano

»Was ohne Alkohol

»Leitungswasser

»Dann lieber ein Glas Wein

Susanne nahm einige der herumstehenden Gläser und beförderte sie in die Küche. Dort sah es noch schlimmer aus als im Wohnzimmer. Etwas verlegen lief Fred hinterher.

»Lassen Sie, ich wasch es selbst«, sagte Susanne, die bei ihrem Glas auf Nummer sicher gehen wollte.

»Warum kommen Sie zu mir, fragte Fred.

»In Ihrer Spüle wachsen Pilze

»Die brauche ich für meine Pizza funghi

Da Susanne kein vertrauenswürdiges Geschirrtuch fand, hielt sie Fred das tropfende Glas vor die Nase.

»Wo ist der Wein

Fred begann, zunächst in einem Küchenschrank, dann im Kühlschrank, danach im Wohnzimmer nach Wein zu suchen. Er fand nur leere Flaschen. Immerhin stieß er zufällig auf Jack Daniels und nahm einen tiefen Schluck aus der Flasche. Denn Whisky half bei Aufregungen wie einem unerwarteten Besuch.

»Ich ruf im Laden unten an«, sagte Fred. »Özer bringt mir Wein rauf, wenn er Zeit hat. Obwohl er Moslem ist. Kann aber ein, zwei Stunden dauern

»Warum gehen Sie nicht in den Laden runter und kaufen eine Flasche

»Nein

Susanne sah Fred fragend an. Fred nahm noch einen Schluck aus der Flasche und seufzte: »Ich war schon seit Wochen nicht mehr draußen

»Warum nicht

»Interessiert mich einfach nicht

»Wir gehen jetzt gemeinsam raus und kaufen eine Flasche Wein

»Nein, das machen wir nicht Fred bemerkte, dass er ungebührlich laut geworden war, deshalb setzte er hinzu: »Wissen Sie, draußen, da bekomme ich so … Schwindelgefühle. Aber das haben viele. Als würde sich alles drehen

»Wenn ich Sie an der Hand nehme, Fred, dann sind Sie in Sicherheit

»Ist wirklich nicht nötig. Mir ist da unten einfach zu viel los. Und wenn so viele Leute da sind, zum Beispiel im Supermarkt, kennen Sie das? Wenn das Herz so pocht? So schnell? Und total unregelmäßig? Mir wird davon schwindlig und dann lauf ich schnell heim, da kann mir nichts passieren. Ich ruf jetzt Özer an. Ist einer unserer letzten Türken hier im Kiez. Die werden alle verdrängt von Ihren Wessis aus Mitte mit den Luxuskinderwagen

»Erstens sind es nicht meine Wessis und zweitens sind Sie hier der Zuwanderer

»Warum sind Sie gekommen

Susanne ging zu einem der Fenster im Wohnzimmer und riss es auf.

»Sie brauchen Hilfe«, sagte sie.

Frische Luft strömte herein und mit ihr Straßenlärm, Gelächter und Vogelgezwitscher.

Fred verschränkte die Arme: »Man soll keinem helfen, der nicht darum gebeten hat

»Alfred, Sie brauchen professionelle Hilfe

»Sie meinen einen Psychiater

»Ich meine zunächst mal eine Putzfrau

22. Juni

sms: Lieber Alfred! Bitte werfen Sie Ihren Computer an! Gruß Susanne

sms: danke für die reinigungskraft. ich fürchte, jetzt braucht sie professionelle hilfe. in dem fall psychologische

sms: Rufen Sie Ihre Mails ab, damit ich Ihnen wieder schreiben kann. Das Getippse ist mühsam.

sms: ich kann keine mails abrufen.

sms: ?

sms: ich hab meinen laptop weggeworfen.

sms: Da waren doch sicher neue Gedichte drauf?!

sms: keine sorge. ich habe ihn mit einem hammer zertrümmert und erst dann in die mülltonne getan.

Gespräch, Mobiltelefon

Susanne: Das war ein Scherz.

Fred: Nein, wieso?

Susanne: Sie haben Ihren Computer nicht wirklich zerstört?!

Fred: Schon.

Susanne: Wir müssen miteinander reden.

Fred: Ich brauche keine Hilfe.

Susanne: Ich brauche Hilfe!

Fred: Putze oder Psycho?

Susanne: Ich brauche ein erfolgreiches Buch. Und zwar ziemlich dringend.

Fred: Dann müssen Sie sich einen guten Autor suchen. Versuchen Sie es mal mit einem Krimi. Die sollen gut gehen.

Susanne: Jetzt weiß ich’s. Sie haben den Verlag gewechselt.

Fred: Was?

Susanne: Sie sind jetzt bei Suhrkamp.

Fred: Nein.

Susanne: Bei Hanser!

Fred: Nein!

Susanne: Können wir miteinander essen gehen?

Fred: Nein.

Susanne: Bitte! Alfred! Seien Sie ein bisschen kooperativ. Sie brauchen doch auch Geld!

Fred: Ich schaff das nicht. Ich schaff das nicht, da draußen unter Leuten zu sitzen.

Susanne: Ich komme zu Ihnen.

Fred: Ich weiß nicht.

Susanne: In zwei Stunden. 19 Uhr.

Fred: Heute war schon die Putzfrau da. Ich schaff das nicht. Ich bin müde.

Susanne: Morgen.

Fred: Rufen Sie morgen an.

Susanne: Sie gehen dann wieder nicht ran!

Fred: Ich weiß nicht.

Susanne: Ich bin morgen um 19 Uhr bei Ihnen. Tschüss!

23. Juni

Fred Firneis und Susanne Beckmann saßen an Freds Esstisch, der seit kurzem wieder als solcher erkennbar war. Die Reinigungskraft hatte ganze Arbeit geleistet.

Während Fred ein Glas Wein nach dem anderen in sich hineinschüttete, aß Susanne sämtliche Papierboxen des Take-away-Asiaten leer. Drei Gerichte für zwei, das sollte reichen, hatte sie gedacht, aber jetzt futterte sie ganz alleine, knusprige Ente, Garnelen mit Ingwer, Rindfleisch mit Koriander.

»Sie sollten auch etwas essen«, sagte sie vorwurfsvoll.

»Ich habe keinen Hunger«, antwortete Fred. »Aber das Zeug ist nicht schlecht. Obwohl es natürlich kein Vietnamese ist, sondern ein Chinese. Er behauptet nur, er wäre Vietnamese, um sich interessant zu machen

Susannes iPhone meldete sich. Während sie mit der rechten Hand Garnelen fing, checkte sie mit links die neuen Mails und Postings. Da Fred ohnehin nur trank und vor sich hin starrte, nahm Susanne sich die Zeit, auf ihre elektronische Post zu antworten. Sie schaffte es aber, gleichzeitig zu reden: »Sie sollten sich einen Computer kaufen. Zumindest einen Tablet

»Ich will nicht

»Sie müssen wieder Anschluss finden. Anschluss an die Welt! Sie müssen kommunizieren! Warten Sie mal. Ich zeig Ihnen was

Susanne warf die Garnelenschale in eine leere Papierbox und wischte sich den Mund ab. Sie nahm ihr iPhone, tippte etwas ein, setzte sich neben Fred.

»Sehen Sie mal. Die Facebook-Fanseite, die wir für Sie eingerichtet haben: Sie haben 2768 Freunde! Stellen Sie sich das mal vor! Die liken Sie alle! Hier, lesen Sie: Jenseits von Mitte ist der beste, ironischste, witzigste, hintergründigste Gedichtband, den ich je gelesen habe. Bitte mehr davon!‹ Das schreibt diese Petra. Gucken Sie mal! Die sieht richtig gut aus. Und hier: ›Felicidades a Fred!‹ Mercedes aus Barcelona. Wir haben in Spanien 3000 verkauft. Und erst die Franzosen, die lieben ja Gedichte. Im Schein der Wolkenkratzer hat dort über 11.000 verkauft! Hier, eines der vielen Postings: ›Bonjour, je dévore A la lueur des gratte-ciels. Je ris, je pleure! Merci! Isabelle, Paris.‹«

»Lauter Frauen«, seufzte Fred missmutig.

»Nein, auch Männer. Hier, ein Uni-Professor aus den USA. Germanist: ›I loved your books (Jenseits von Mitte and Im Schein der Wolkenkratzer). Will there be more poems?‹ Sie machen die Menschen da draußen glücklich, Fred. Die wollen Sie. Die lechzen nach Neuem

»Wer hat Ihnen überhaupt erlaubt, diese Facebook-Seite zu machen

»Alfred, die Werbung mit neuen Medien ist Teil des Vertrags. Es wäre höchst unprofessionell von uns, keine Facebook-Fanseite für unseren erfolgreichsten Schriftsteller einzurichten Susanne ließ drei Stück Ente gleichzeitig in ihrem Mund verschwinden, was Fred mit dem Leeren seines Glases beantwortete.

»Ich wette, die meisten haben die Gedichte gar nicht gelesen«, rief er aus, »und wenn, dann nicht verstanden. Das ist doch alles Selbstdarstellungs-Scheiße. Wissen Sie, was Facebook für mich ist? Das ist so wie Die große Chance oder Germanys next Top-Irgendwas. Eine riesige Castingshow! Und alle sind gleichzeitig Kandidaten und Jurymitglieder und müssen rund um die Uhr beweisen, wie toll sie sind und wie gut es ihnen geht und dass sie es wert sind, geliebt zu werden. Dabei wissen die nicht mal, wer sie sind und was an ihnen liebenswert sein soll, weil sie sich selbst am allerwenigsten lieben

»Das ist doch Intellektuellen-Quatsch, was Sie da reden

»Außerdem ist Facebook von vorgestern«, fügte Fred trotzig hinzu. »Glauben Sie, ich habe meinen Computer zum Spaß zerstört? Ich verachte dieses jämmerliche Ersatzleben! Und während ich diesen Satz ausspreche, hat es auf Ihrem Ding da schon wieder fünfmal düdeldü gemacht und Sie haben drei Anrufe oder Postings oder sms oder Mails oder was versäumt! Ständig ist man dabei, irgendwas zu versäumen

Fred schenkte sich ein weiteres Glas ein und zündete sich eine Zigarette an, an der er zornig saugte. Susanne seufzte. Sie hatte mit ihrem Autor schon mehr Spaß gehabt.

»Alfred, Sie betrinken sich jeden Tag, arbeiten keinen Strich und gehen nicht mehr aus Ihrer Wohnung. Finden Sie das toll? Oder ein richtiges Leben im Gegensatz zum Ersatzleben? Sie trauen sich ja nicht einmal mehr auf die Straße. Sie haben Angst

»Was

»Angstzustände. Panikattacken. Burnout. Und Sie sind gerade dabei, in eine hartnäckige Depression zu schlittern, wenn Sie mich fragen

»Haben Sie studiert

»Ich habe Erfahrung

»Mich hat dieser Psychokram noch nie interessiert. Ich helf mir selber. Wenn ich will

»Könnte ich vielleicht auch mal ein Glas Wein haben? Die zweite Flasche haben Sie fast alleine gesoffen

»Tschuldigung«, sagte Fred und leerte den Rest der Flasche gleichmäßig in beide Gläser.

»Sie sind doch der Meister der Überraschungen! Des Neuen, Frischen Susanne versuchte, mitreißend zu wirken. »Noch nie musste man von Ihnen eine Zeile lesen, die auch nur das geringste Klischee beinhaltete! Und jetzt das? Schriftsteller in der Schreibkrise in der unaufgeräumten Wohnung! Ist Ihnen so viel Klischee nicht peinlich Ein Versuch, dachte Susanne. Eine kleine Charmeoffensive. Zuckerbrot. Doch Alfred Firneis zeigte nicht einmal den Anflug eines Lächelns. Stattdessen stellte er mit der größten Überzeugtheit fest: »Klischee hin oder her – was ich schreibe, ist Müll, das ist eine Tatsache

Susanne stöhnte und schob die Sojasprossen entnervt aus ihrer Reichweite: »Was soll’s. Mich geht’s nichts an

»Da haben Sie recht«, sagte Fred schnell. »Ich brauche Ihr Mitleid nicht

»Ich habe kein Mitleid mit Ihnen. Ich bin Ihre Verlegerin und möchte ein neues Buch

»Sie reden so viel! Und so laut! Ich weiß schon, Sie wohnen am Prenzlauer Berg, da sind die Leute alle ein bisschen laut und ein bisschen oberflächlich, aber übertreiben Sie es nicht ein wenig

»Ich finde, Sie übertreiben, Alfred. Zumal Sie in einer Gegend wohnen, die längst von Latte Macchiato überschwemmt ist

Das saß. Zumal Fred schon länger überlegt hatte, doch nach Neukölln zu ziehen, wovon ihn in erster Linie die Anstrengungen einer Übersiedlung abgehalten hatten.

»Diese Mitte-Leute haben auf Sie abgefärbt«, sagte er, um wieder in die Offensive zu gehen. »Kohle. Sie wollen Kohle mit mir machen

»Ja. Auch! Und wissen Sie, warum? Ihr Erfolg hätte uns beinahe umgebracht. Klingt jetzt vielleicht doof, aber wir haben gleichzeitig Steuervorauszahlungen und Nachzahlungen zu leisten! Da kennen die keine Gnade. Dieses Schicksal wird Sie im Übrigen auch treffen

»Ich bin Österreicher

»Das wird Ihnen nichts helfen. Sie werden Geld brauchen

»Ich werde was anderes machen. Etwas, was sicher nichts mit Schreiben zu tun hat

»Oh Gott, jetzt fangen Sie wieder damit an

»Nein. Ich höre damit auf. Endgültig. Düdldidum. Sie haben schon wieder was versäumt. In Ihrem Ersatzleben

Susanne verstaute ihr Telefon in der Tasche. Am liebsten wäre sie jetzt gegangen, doch erstens war sie zäh, und zweitens entsprach es leider der Wahrheit: Sie brauchte tatsächlich einen Bestseller, um den S. Beckmann Verlag zu sanieren. Und der einzige Bestseller-Autor in ihrem Stall war nun mal Alfred Firneis. Ausgerechnet ein Lyriker. Es war zum Heulen.

»Alfred. Was uns gemeinsam passiert ist, war ein Wunder. Das wissen Sie. Es ist praktisch unmöglich, von einem Gedichtband mehr als fünfhundert Stück zu verkaufen. Sie haben zwei Bände mit jeweils mehr als Hundertfünfzigtausend verkauft, mit den Taschenbuch-Ausgaben und den Übersetzungen ist das fast eine halbe Million. Herr Firneis! Das ist ein Gottesgeschenk! Ein Wunder! Werfen Sie das nicht weg

»Wunder kann man nicht wiederholen

»Sie haben es bereits wiederholt. Und ich bin überzeugt davon, es geht noch einmal

»Ich nicht

»Wollen Sie es nicht versuchen

»Es ist verdammt hart, nach einem Erfolg einen Misserfolg einzustecken

»Sie werden doch kein Feigling sein

Fred trank, rauchte und dachte nach. Susanne spürte, dass er nun etwas weicher wurde, und setzte nach: »Fred, wovor laufen Sie davon

Fred sagte nichts.

»Schreiben Sie überhaupt irgendwas

»Klar«, sagte Fred. »Aber das ist alles Müll

»Sagten Sie bereits. Vielleicht stimmt es nicht. Zeigen Sie es mir

»Ich kann das schon beurteilen. Wissen Sie – bei meinen guten Gedichten war es so – sie wussten mehr als ich. Sie haben Türen geöffnet, hinter denen Räume lagen, von denen ich selbst nichts wusste. Aber die Türen sind zu. Oder die Räume weg …«

»Schreiben Sie darüber

»Nein

»Was machen Sie eigentlich den ganzen Tag

»Dies und das. Ehrlich gesagt, nicht viel

»Sie haben nicht mal einen Fernseher

»Den hab ich verschenkt. Ich bin mal über eine Werbung gestolpert, da sah man eine Kuh auf der Weide, auf so einer schönen grünen österreichischen Almwiese, und das Herz ging mir auf. Danach sah man ein verpacktes Stück Fleisch. Der Sprecher sagte: Knallhart kalkuliert. Rinderfilet, jetzt um 12,99. Da musste ich weinen

»Früher hätten Sie ein Gedicht draus gemacht

»Sie kalkulieren auch knallhart

»Und Sie haben also geheult wie ein Mädchen und dann Ihren Fernseher verschenkt?

»Ja. Seitdem ess ich nur noch Veggie-Pizza und dieses chinesische Garnelenzeug

Der ist leider richtig durchgeknallt, dachte Susanne.

»Wissen Sie was? Gehen Sie den Jakobsweg! Das hat schon viele auf andere Ideen gebracht

Alfred lachte höhnisch: »Allein wenn ich Jakobsweg höre, bekomme ich die Krise

»Die haben Sie schon

»Sie denken, ich bin dann mal weg und komme als Hape Kerkeling der Lyrik mit einem Rucksack voller Gedichte zurück

»Eine Veränderung würde Ihnen gut tun. Das ist alles, was ich denke

Fred sagte nichts. In der sich ausbreitenden Stille öffnete er die dritte Flasche Rotwein, schenkte allerdings nur sich selbst nach.

»Nun ja«, sagte er kühl, »schön, dass Sie da waren. Danke für den Wein

»Mein Vater ist vor drei Wochen gestorben«, sagte Susanne.

»Das tut mir leid

»Muss es nicht. Er war ein verbitterter alter Mann. Seit meine Mutter gestorben ist, wollte er nichts als abtreten von dieser Welt. Schade um die gute Zeit, die er noch hätte haben können. Ich hab ihn nicht mehr viel gesehen. Er hat in München gewohnt. Bis vor zwei Jahren verbrachte er noch jeden Sommer in unserer Hütte am Elbsee, aber das hat er dann nicht mehr gewollt. Trotz der slowakischen Pflegerin. Sieht aus wie ’ne Striptease-Tänzerin, hat er immer gesagt, und sie kocht auch so

»Wollen Sie mir etwas damit sagen

»Die Hütte ist frei. Sie können sich gerne kreativ dorthin zurückziehen

Da Fred nicht antwortete, begann Susanne, die Reste des Essens zusammenzuräumen, wobei sie sich nicht daran hindern konnte, noch den einen oder anderen Bissen in ihrem Mund zu entsorgen. Jetzt wollte sie Fred noch ein bisschen quälen, das hatte er verdient.

»Und Charlotte? Wann ist sie ausgezogen

»Vor drei Monaten. Ich möchte nicht darüber reden

»Haben Sie einen Freund? Einen guten Freund

»Ich möchte mit niemandem darüber reden

»Ihnen fehlt eine Muse

»Geben Sie’s auf

»Sie brauchen eine Frau

»So dringend wie einen Schuss ins Knie

Fred sprang plötzlich auf. Er wankte. Sein Gesicht war rot, knallrot, und er schwitzte, der Schweiß rann in feinen Strömen aus seinen zottigen Haaren.

»Was ist denn das für ein Rotwein? Kalifornisch oder was? Ich vertrag nämlich keine Kalifornier

»Sie sind ganz rot! Setzen Sie sich hin

»Das sind diese Tannine

Fred schleppte sich zu einem Ladenschrank und holte ein Blutdruckmessgerät heraus.

»Das ist ein Südfranzose aus biologisch-dynamischem Anbau«, sagte Susanne. »Nicht bewegen beim Messen Sie wusste, wie man korrekt den Blutdruck misst, sie hatte es bei ihren spärlichen Besuchen bei ihrem Vater zur Genüge geübt. Ein Pfeifsignal ertönte. »Sehen Sie, Error, schimpfte Susanne.

Fred begann mit einer neuen Messung. Susanne stand auf, um das kleine Display zu sehen. »Das kann nicht stimmen. Winkeln Sie den Arm an

Fred wiederholte den Vorgang. Beide starrten auf das Display.

Fred stöhnte: »180 Blutdruck, das hatte ich schon. Aber 195 Puls

Susannes Unruhe steigerte sich zu einer leichten Panik. Hektisch nahm sie Freds Arm und hielt ihre Finger an sein Handgelenk.

»Ihr Herz rast

»Ich weiß

Fred stand auf, er torkelte Richtung Sofa, ließ sich stöhnend darauf nieder.

»Das wird wieder … Bitte gehen Sie jetzt …«, brachte er gerade noch heraus.

Susanne hatte ihr Telefon aus der Tasche geholt. »Fred! Atmen Sie! Atmen Sie weiter! Ich rufe jetzt den Notarzt

24. Juni

Zu dritt standen sie um das Bett des Patienten Firneis, Alfred: eine ältere Ärztin, eine junge Ärztin und ein Arzt. Lag es am Mundschutz, dass ihre Blicke so finster wirkten? Mit einem Mundschutz sehen Menschen selten freundlich aus, das verbindet Bankräuber, Western-Bösewichte und Ärzte.

Die Ärzte starrten auf verschiedene Monitore, die über Freds Kopf zu schweben schienen und äußerst unharmonische Linien zeigten. Hektisch und unrhythmisch piepste dazu der Ton, der die Herzfrequenz wiedergab. Der Arzt kontrollierte die Elektroden an Alfreds Armen. Er sah auf seine Uhr. Es war fünf Minuten nach Mitternacht.

Die Ärztinnen sahen einander an. Das Piepsen klang plötzlich wie ein Kreischen, dann wie das Schreien einer Auto-Alarmanlage. Mit einem Mal – Stille. Und danach – ein summender Dauerton.

Keine lebendigen Zacken mehr auf den Bildschirmen.

Eine gleichmäßige Linie.

25. Juni

Trotz ihrer langen Berufserfahrung erschrak die ältere Ärztin, als sie das sonnendurchflutete Zimmer betrat. Auf dem Krankenhausbett lag ein Körper. Und auf dem Körper lag ein Leintuch, das auch Gesicht und Kopf bedeckte.

Mit drei schnellen Schritten erreichte die Ärztin das Bett und riss das Leintuch von dem Körper. Fred Firneis setzte sich mit einem Ruck auf.

»Sie erschrecken mich zu Tode«, rief er aus.

»Und was glaubt er was er macht, antwortete die Ärztin, die freundliche Augen und einen ausgeprägten Berliner Dialekt hatte. »Spielt Leiche, was

»Es war so grell, ich konnte nicht schlafen

»Fühlen Sie sich müde? Erschöpft, fragte die Ärztin.

»Nach diesem Belastungs-EKG wären Sie auch erschöpft

Die Ärztin lachte. Sie setzte sich auf einen Stuhl neben Freds Krankenbett und sah ihn an. Fred mochte sie auf Anhieb. Ihr Zigarettenatem und ihr braungebranntes Gesicht mit den markanten Falten beruhigten ihn. Deshalb traute er sich, die alles entscheidende Frage zu stellen: »Wie lange habe ich noch zu leben

»Ja, deswegen bin ich gekommen«, sagte die Ärztin.

Fred spürte regelrecht, wie er erblasste. Er legte sich wieder hin.

»Sie werden heute Nachmittag entlassen«, sagte die Ärztin.

»Ich bin unheilbar? Sie geben mich auf

»Herr Firneis: Sie sind vollkommen gesund! Auch wenn Sie letzte Nacht kurz tot waren

»Was

»Wie haben Sie das erlebt? Manche Patienten beschreiben die Erfahrung als sehr unangenehm

»Ich hab gar nichts gespürt! Ich war tot?

»Wir terminieren Tachykardien wie die Ihre mit Adenosin, wenn es indiziert ist

»Was bedeutet das auf Deutsch, wollte Fred wissen.

»Wir haben ein gutes Mittel, um solches Herzrasen zu stoppen. Wir haben Ihnen Adenosin gespritzt, ein Medikament, das zu einem kurzen Herzstillstand führt. Adenosin ist ein todsicheres Mittel, keine Sorge! Die Halbwertszeit beträgt ein paar Sekunden. Dann beginnt das Herz wieder zu schlagen, und zwar in einem normalen Rhythmus. Verstehen Sie? Die Reset-Taste. Das Ganze ist wie ein Neustart. Ihr Puls sank von 220 auf 75, in wenigen Sekunden. Alle anderen Untersuchungen gestern und heute haben Sie ja mitbekommen. Das EKG ist unauffällig, die Ergometrie zeigt keinerlei Hinweis auf eine belastungsinduzierte Minderperfusion, der Sinusrhythmus ist durchgehend, auch unter Belastung keine Endstreckenkinetik. Die Echokardiographie zeigt eine gute systolische Pumpfunktion und keine Klappendysfunktion. Von der Stoffwechselfunktion her besteht eine Euthyreose

»Eiterrose«, murmelte Fred erschrocken. »Kann man daran sterben

Wieder musste die Ärztin lachen. »Euthyreose bedeutet, dass Ihre Schilddrüse vollkommen normal funktioniert. Herr Firneis, Sie sind gesund

»Das hat sich aber nicht so angefühlt

»Sollten Sie in nächster Zeit noch mal dieses Herzrasen bekommen: Es ist ungefährlich, machen Sie sich das klar. Es kann Ihnen nichts passieren. Ich geb Ihnen ’nen Tipp – halten Sie Ihren Kopf unter kaltes Wasser, das hilft oft. Und rauchen Sie nicht so viel, Mann

»Bekomme ich gar keine Medikamente, fragte Fred enttäuscht.

»Ich kann Ihnen ein Rezept für ’nen Betablocker ausstellen, das sorgt mal für Ruhe Mit leiser Stimme fügte sie hinzu: »Es gibt Kollegen, die würden Ihnen das Zeug vorsorglich lebenslang verschreiben. Ich rate Ihnen, nehmen Sie die Tabletten eine Woche lang, und dann werfen Sie die Packung weg. Das haben Sie aber nich’ von mir

»Ich versteh nicht ganz …«

»Ich bin ein Fan von Ihnen, Herr Firneis. Nicht jeder bekommt hier ein Einzelzimmer, wissen Sie? Ich dachte, nach Hölderlin und Klopstock in der Schule würde ich nie wieder Lyrik lesen. Ich … ich liebe Ihre Gedichte. Vor allem die Liebesgedichte

»Und deshalb soll ich die Mittel nicht nehmen

»Sie sind ein junger Mann …«

Fred setzte sich im Bett auf: »Das hat schon lange niemand mehr zu mir gesagt. Schwester! Champagner für die Dame, bitte

»Im Ernst, Herr Firneis. Betablocker haben Nebenwirkungen, was die erektile Funktion betrifft. Das wäre doch schade, nicht

Fred zuckte mit den Schultern. Momentan war ihm das egal, aber er brachte es doch nicht übers Herz, das zu sagen.

»Außerdem sind Sie nicht krank«, insistierte die Ärztin.

»Das sagen Sie

»Das sagen unsere Geräte …«

»… Aber …«

»Reden Sie mir nicht drein, wenn ich Sie unterbreche! Ich weiß, Ihr persönliches Empfinden mag ein anderes sein als die beschränkte Weisheit unserer Computer. Ich kann Sie allerdings beruhigen, Sie sind hier nicht in irgendeiner Klinik, Sie sind in der Charité

»Ich bin wahnsinnig stolz drauf«, ächzte Fred.

»Wenn Sie diese Rhythmusstörungen endgültig loswerden wollen, kann ich Ihnen aus meiner Erfahrung nur drei mögliche Therapien empfehlen: Erstens, eine Psychotherapie

»Abgelehnt

»Zweitens: Meditation

»Das ist noch schlimmer. Meditation treibt mich in den Wahnsinn

»Drittens – ziehen Sie sich eine Zeitlang zurück, in die Ruhe. Gehen Sie in die Stille. In eine Berghütte zum Beispiel

Fred sprang mit einem Satz auf, lief zum Fenster und drehte sich theatralisch um: »Das ist ein Komplott! Geben Sie es zu, Sie stecken unter einer Decke Die Sache mit der Berghütte konnte kein Zufall sein. Seien Sie in meiner Hütte kreativ oder so ähnlich hatte Susanne gesagt. Hütte – Berghütte – das war zu viel des Guten!

»Was genau meinen Sie mit Komplott, Herr Firneis

»Hütte – Hütte! Das ist das Hüttenkomplott

Fred ging zum Schrank und begann, sich hastig anzukleiden.

Die Ärztin schien nun doch ein wenig irritiert: »Ich weiß nicht, wovon Sie reden. Aber gewisse zwanghafte Vorstellungen passen absolut zu Ihrem Störungsbild. Wollen Sie nicht noch zu Mittag essen

»Nein, danke

»Na dann. Tschüss, Herr Firneis. Auf Wiedersehen sag ich mal lieber nich’

In der Tür drehte sich die Ärztin noch einmal um. Sanftmütig sagte sie: »Meine Enkeltochter hat gerade die Schule gewechselt. Sie hatte große Ängste vor der neuen Schule, aber sie hat mir verraten, wie sie diese Ängste in den Griff bekommt: Oma, immer, wenn ich nicht weiß, was ich tun soll, rede ich mit der kleinen Fee, die in meinem Herzen wohnt. Da bekomme ich eine Antwort

Fred hatte nicht wirklich zugehört und sah die Ärztin ratlos an – gehörte diese Fee auch zum Komplott?

»Denken Sie dran, Herr Firneis«, sagte die Ärztin, ging hinaus und schloss die Tür.

27. Juni

Seit Fred Firneis bei Passau über die Donau gefahren war, regnete es. Das Wasser floss sturzbachartig über die Windschutzscheibe, obwohl der Scheibenwischer auf der höchsten Stufe lief. Immerhin konnte Fred nun fahren, nachdem er auf der Autobahn A9 kurz vor der rettenden Abzweigung bei Hof in einem 25 Kilometer langen Stau gestanden war. Hätte er das gewusst, Fred wäre über Gera oder Chemnitz gefahren, ganz egal, ob das länger dauerte, Hauptsache: fahren.

Fred fuhr langsam, denn auf der Straße stand Wasser, und sein Auto verfügte weder über ABS noch ESP noch all die anderen Dinge, von denen er nicht genau wusste, wozu sie dienten, weil ihn das nicht interessierte. Sich für Technik und Autos zu begeistern, fand er peinlich. Jedenfalls tat er so. Ganz stimmte es ja nicht, denn sein eigenes Auto liebte er geradezu, einen uralten Mercedes, Benzin, Automatik, einer von denen mit senkrechten Scheinwerfern vorne, so alt.

Fred genoss die sagenhafte Heizung, die seine Füße wärmte, und die glatte Geschmeidigkeit der Ledersitze. Als er das sternumkränzte Schild mit der Aufschrift »Republik Österreich« sah, überkamen ihn keinerlei heimatliche Gefühle. Er mochte Österreich, aber er mochte auch seine Wahlheimat Deutschland. Dabei war Fred – wie alle österreichischen Kinder seiner Zeit – sehr antideutsch erzogen worden. Bei ihm zu Hause sagte man statt »Deutscher« prinzipiell »Piefke«. Die Verwendung des Grußes »Tschüss« wurde mit Hausarrest bestraft. Der Piefke galt als laut, geschmacklos und spießig, während der Österreicher sich selbst als charmant, stilvoll und fesch erlebte.

»Tschüss« sagte Fred noch immer nicht gerne, aber gelegentlich gebrauchte er es, um nicht durch ein allzu distanziertes »Auf Wiedersehen« unhöflich zu erscheinen. Ehemalige Tabu-Worte wie »Schorle« musste er einfach verwenden, um nicht zu verdursten. Und im Laufe der Zeit mischten sich ganz schön viele berlinerische und deutsche Redewendungen in sein österreichisches Idiom. Fred hatte seine piefkefeindliche Erziehung erfolgreich überwunden. Bei großen Turnieren beispielsweise hielt er im Fußball zu den Deutschen, wenn die Österreicher ausgeschieden waren.

Er hielt oft zu den Deutschen.

Warum um alles in der Welt hatte er sich tatsächlich auf den Weg zu dieser Hütte gemacht? Es war eine Kurzschlusshandlung gewesen. Wie vieles in seinem Leben. Als Susanne alle Schwüre getan hatte, die Ärztin der Charité-Klinik nicht zu kennen, hatte Fred sich zögernd für den Hüttenplan interessiert. Seit er aus dem Krankenhaus zurück war, fühlte er sich in seiner Wohnung noch weniger wohl als zuvor. Er wollte raus. Instinktiv wusste er, wenn er jetzt in Berlin in seinen eigenen vier Wänden blieb, dann würde alles wieder seinen trostlosen Lauf nehmen, diese seltsame Panik, die Verzweiflung über die Panik, die Hysterie wegen der Verzweiflung. Er musste die Energie nützen, mit der ihn die Diagnose »organisch völlig gesund« aufgeladen hatte, um dem Kerker seiner schlechten Gewohnheiten − saufen, zweifeln, fürchten, verzweifeln − zu entkommen. Er musste raus. Aber irgendwo hin, wo er sich schützen konnte. Wo er allein sein konnte. Er zog in Erwägung, ein Haus am Meer zu mieten. An der Ostsee. Die Sekretärin des Verlags durchsuchte das Internet nach verfügbaren Feriendomizilen. Erwartungsgemäß war es unmöglich, Ende Juni ein erschwingliches Sommerquartier am Meer zu finden.

Susanne Beckmann hatte ihm auf einer Landkarte gezeigt, wo die Hütte stand. Grünbach am Elbsee. Fred hatte von der Gegend schon gehört. Das Elbtal befand sich am Nordrand der Alpen. Es gab den Großen Elbsee, Ursprung des Elbflusses, und dahinter, weiter in den Bergen, noch den Kleinen Elbsee. An dessen Ufer stand die aus Lärchenholz gebaute Hütte.

»Es ist wirklich sehr idyllisch dort«, hatte Susanne gesagt.

»Es gibt keine Idylle«, hatte Fred geantwortet. »Idylle ist dort, wo man nicht genau genug hinsieht

»Sie können mir auch einen Band mit Aphorismen mitbringen«, hatte Susanne gemeint. Um sich gleich darauf zu korrigieren: »Sie müssen gar nichts, Fred. Fühlen Sie sich zu nichts verpflichtet. Genießen Sie einfach die Zeit. Denken Sie nicht ans Schreiben. Machen Sie Urlaub. Atmen Sie mal durch Als erfahrene Verlegerin wusste sie: Am besten ist es, bei den Autoren den Druck rauszunehmen. Das ist das Einzige, was sie wirklich unter Druck setzt.

Susanne hatte ihm erklärt, wo er Wasser und Holz finden würde. »Der Schlüssel liegt beim Alois im Gasthof zur Gams. Dort, wo die Straße zum Kleinen Elbsee abbiegt. Sagen Sie dem Lois einen schönen Gruß. Viel Spaß! Tschüss

Fred spürte die Müdigkeit in seinem Kopf, als er sich den Voralpen näherte. Es schüttete noch immer, und Tempo 80 bot nicht den geringsten Nervenkitzel. Fred blieb nicht gerne stehen. Überhaupt mied er Autobahnraststätten. Die machten ihn immer schwindlig. Im Benz fühlte er sich sicher.

Die Sache mit der Waschanlage hätte er sich angesichts des Wetters vielleicht sparen können. Doch sein seit über einem halben Jahr in einer Nebenstraße abgestelltes Auto war von einer dicken, klebrigen Schmutzschicht überzogen gewesen. Er hatte mit dem Eisschaber ein Guckloch in die Scheibe kratzen müssen, um überhaupt bis zur Waschanlage zu kommen. Dafür war der Wagen sofort angesprungen. Nur ein Mercedes ist ein Mercedes. Ein Werbespruch, der Fred in seiner Schlichtheit so berührte wie eine gute Zeile von Rilke.

Fred hatte für das gewaschene Auto einen Parkplatz direkt vor seinem Haus gefunden. Er war in den kleinen Laden im Erdgeschoss gegangen. Özer hatte sich aufrichtig gefreut. Fred hatte ein paar Vorräte eingekauft: Schafkäse, Brot, Oliven, Tomaten. Halva als Notvorrat, da reichte ein Bissen, um tagelang satt zu sein. Und natürlich Wein. Zwölf Flaschen, das sollte für die ersten Tage genügen. Sonst würde er in dieser seltsamen Hütte nicht viel brauchen. Ein wenig Kleidung, eine Zahnbürste.

Als Fred an den Wein in seinem Kofferraum dachte, fiel ihm der Spruch eines weisen Kollegen ein: »Ein Tag ohne Bier ist wie ein Tag ohne Wein Die Aussicht auf ein österreichisches Märzen, womöglich Gösser vom Fass, ließ ihn doch an einer Autobahnraststätte halten. Gebückt, als ob das vor dem Regen schützen würde, lief Fred hinein. Drinnen bekam er augenblicklich Beklemmungen. Hier war alles falsch. Die Gestalter dieses Gastraumes hatten versucht, das idyllische Leben in einem alten Bauerngasthaus nachzustellen. Doch der Holzboden war kein echter Holzboden, sondern ein Plastikboden im Bretterlook. Kastenfenster mit Blumenschmuck waren als Trennwände unmotiviert und gänzlich zweckentfremdet mitten im Raum platziert worden. Der übliche Rustikalmüll wie hölzerne Mistgabeln, Rechen und Wagenräder hing oder stand überall herum. Fred stellte sich an die Theke. Die Kellnerin trug Landhausmode. Also ein Dirndl, das keine Tracht war, sondern nur so tat. So wie dieses ganze Lokal nur so tat, als ob.

Fred musste sich festhalten. Ihm schwindelte, vom langen Fahren oder von so viel Kitsch. Immerhin, eines passte: Gut, besser, Gösser. Noch so ein Werbespruch, der es in seinem Bauch warm werden ließ. Mit dem goldfarbenen Bier schluckte er eine seiner Tabletten hinunter. Er vertrug die Pillen gut. Die Sache mit dem erektilen Dings interessierte ihn derzeit nicht besonders.

Nach sich selbst gönnte Fred auch seinem Benz einen Schluck. Das war zugegebenermaßen ein kleines Problem, der Verbrauch. Er tankte voll. Auf keinen Fall durfte ihm dort bei dieser Hütte der Sprit ausgehen. Dann wäre er nämlich gefangen, und irgendwo gefangen zu sein, wie im Stau oder in einer Gondelbahn, gehörte neben Theaterbesuchen und Brokkoli zu den schlimmsten Vorstellungen in Freds Horror-Katalog.

Noch auf der Autobahn hatte Fred gedacht, der Regen könne gar nicht mehr zulegen. Nun, da er sich im Elbtal befand und auf die Berge zufuhr, merkte er, dass er sich getäuscht hatte. Wie hieß es im Wetterbericht immer so schön – die Wolken stauen sich an der Alpennordseite. Fred fuhr durch Wolken. Durch eine Wand aus Wasser. Von Bergen nichts zu sehen. Irgendwann, linker Hand, schemenhaft, ein altes Haus, ein sehr altes Haus: Gasthof zur Gams stand in Fraktur-Schrift darauf.

Fred parkte seinen Wagen vor der Tür und lief hinein. Die wenigen Meter genügten, um einigermaßen nass zu werden. Hinter der Theke stand niemand. Auch sonst unheimliche Leere, bis auf drei Gestalten in einer Ecke. Über ihrem Tisch baumelte ein rustikales Holzschild mit der Aufschrift »Stammtisch«. Zunächst sah Fred nur Hüte. Dann blickten die drei Männer auf. Ihr Gespräch verstummte nicht, denn sie hatten schon vorher nichts geredet. Aus glasigen, leicht geröteten Augen sahen sie Fred an, als hätten sie gerade den ersten homo sapiens ihres Lebens erblickt.

»Tach«, sagte Fred. Das Wort hallte fremdländisch durch den leeren Raum und Fred überlegte, ein »Grüß Gott« oder »Servus« nachzuwerfen, aber das hätte ihn nur noch mehr als Piefke gebrandmarkt. Alle seine während der Fahrt angestellten Überlegungen zu den geringen Unterschieden zwischen Deutschen und Österreichern verpufften in den Gesichtern dieser Eingeborenen. Das tiefe Österreich lag auf einem anderen Kontinent als Berlin.

»D’Ehre«, murmelte schließlich der Jüngste der Runde, der als einziger einen Gamsbart am Hut trug. Der Gamsbart kontrastierte auf merkwürdige Art mit dem Tattoo auf seinem rechten Unterarm, einer Nixe mit elegant geschwungenem Fischschwanz und Brüsten, die sich voll Neugier der Welt entgegenstreckten. Wie auf ein geheimes Kommando zündeten sich alle drei eine Zigarette an. Österreich ist das einzige Land der Welt, in dem man immer noch überall rauchen kann, dachte Fred, und obwohl er selbst rauchte – und nicht zu knapp – erfüllte ihn diese Tatsache mit Missmut.

Fred setzte sich an einen Tisch. Auf diesem stand – wie einst in seiner Kindheit – die kulinarische heilige Dreifaltigkeit: Salz (mit Reiskörnern), Pfeffer (jedenfalls ein graues, fein gemahlenes Pulver) sowie eine Flasche Maggi-Würze (mit Geschmacksverstärker).

Die drei Männer sahen ihn immer noch an. Man musste kein Hellseher sein, um ihre Gedanken lesen zu können: Kenn ich nicht. Hab ich hier im Tal noch nie gesehen. Wird hoffentlich keine Schwierigkeiten machen.

Aus der Küche kam ein Mann, der eine Lederhose trug und wohl der Wirt war. Er kaute an einem kalten Schnitzel, das er in der Hand hielt. Er schlenderte zu Freds Tisch, sah ihn an und hob auffordernd das Kinn. Fred identifizierte das als lokale Art, »schönen guten Abend, was darf es denn sein« in einer minimalen Geste zu vereinen. Fred riss sich zusammen, er bestellte kein Berliner Pilsner und auch kein »Krügerl«, wie man das in Wien gemacht hätte, sondern »eine Halbe«. »A Hoibe« genau genommen. Das kam aber genau so schlecht an wie »Tach«.

»Ein großes Bier«, fragte der Wirt in poliertem Hochdeutsch nach.

Fred nickte ertappt.

»Und was zum Essen bitte. Etwas ohne Fleisch

Der Wirt blieb auf seinem Weg zur Theke abrupt stehen und drehte sich langsam um.

»Ohne Fleisch, flüsterte er ungläubig.

Fred nickte, noch ertappter.

Der Wirt zapfte das Bier, stellte es vor Fred auf einen Bierdeckel und sagte, diesmal wirklich bemüht: »Fleischlose Sachen hab i net so vü. Speck mit Ei könnt i machen, oder Hascheeknödel, is fast ohne Fleisch, oder Würschteln hätt i a

»Speck mit Ei ohne Speck, geht das, fragte Fred.

Der Wirt dachte lange nach. Angestrengt, aber erfolgreich: »A Spiegelei wüllst

»Zwei

»Zwoa

»Ja. Und ein Butterbrot

Die drei Männer am Nebentisch tranken aus und erhoben sich.

»D’Ehre«, sagte der Junge mit dem Tattoo und dem Gamsbart, als sie hinausgingen. Fred war nun der einzige Gast. Die Spiegeleier schmeckten gut und so ein Butterbrot – so ein Butterbrot gehörte überhaupt zu den besten Dingen des Lebens. Dazu ein Glas Weißwein und dann noch eins und noch eins – Fred fühlte sich fast wohl.

»Einen schönen Gruß von Frau Beckmann soll ich Ihnen sagen. Es ist wegen dem Schlüssel

»Beckmann kenne ich nicht. Welcher Schlüssel, brummte der Wirt.

»Susanne Beckmann. Der Schlüssel zu der Hütte am Kleinen Elbsee

»Die Susanne! Die Tochter vom Prinz? Ich hab sie ewig nicht gesehen Fast erhellte eine Art Lächeln das unrasierte Gesicht des Wirtes.

»Ich bleibe ein paar Tage oben. Firneis mein Name. Fred Firneis. Ich arbeite mit Susanne zusammen

Der Wirt begann, in einer Lade zu kramen.

»Schlüssel … wo hab ich denn den Schlüssel gehabt? I tat ja an deiner … also an Ihrer Stelle täte ich da jetzt nicht mehr hinauffahren. Es ist fast finster und die Straße ist nicht so gut. Seit Tagen der Regen … es ist eine Schotterstraße. Und überhaupt. Nix für ungut. Du schaust net aus wie einer, der da oben zurechtkommt. Da ist er ja

Er zog einen großen, sehr altmodisch aussehenden Schlüssel aus einem Briefumschlag und überreichte ihn Fred.

»Hast an Allrad

»Nicht direkt. Aber wird schon klappen

»Ich hab dich gewarnt. Beim großen Schranken links hinauffahren. Wenn du zum Parkplatz mit den Holzstößen kommst, bist du zu weit. Hier ist der Schlüssel für die Forststraße. Immer schön zusperren

»Danke

Fred bezahlte und ging durch den Regen zu seinem Auto. Diesmal ohne Hast. Der Wein hatte ihn ruhig gemacht. Und er war froh, der muffigen Gaststube entkommen zu sein. Er startete den Benz. Es dämmerte wirklich schon, was auch am Regen lag, der nicht nachgelassen hatte. Im Lichtkegel seiner Scheinwerfer sah er, wie der Wirt vor der Tür stand und ihm nachsah.

Fred fuhr in den Wald. Nur ein kleines gelbes Schild für Wanderer wies den Weg: »Kleiner Elbsee, 16,4 km«.

Schon nach kurzer Zeit musste Fred wieder aussteigen: Ein Schranken versperrte die Straße. Fred öffnete ihn, fuhr hindurch, schloss dann wieder sorgfältig ab. Es gefiel ihm, einen so exklusiven Zutritt zu diesem Wald zu haben. Hinter sich sperrte er die restliche motorisierte Welt aus. Wäre Fred im Besitz eines Navigationsgerätes gewesen, es hätte ihm an dieser Stelle geraten, so schnell wie möglich zu wenden.

Nach etwa fünf Kilometern führte die Schotterstraße aus dem Wald und folgte einem Wildbach. Schlammig-braune Wassermassen stürzten ins Tal. Nach einer ersten Steigung folgte finsterer Wald, danach eine kleine Hochebene, dann wieder Wald, und dann nichts mehr. Fred erkannte den Holzlagerplatz. Das Ende der Straße. Das Ende der Welt.

Er musste die Abzweigung übersehen haben. Er drehte um und erkannte rechter Hand eine Art Forststraße. Sie war steil und glich abschnittweise einem Bach. Die Hinterreifen seines schweren Autos drehten durch und gruben sich sofort im Schotter ein. Fred ließ den Wagen zurückrollen. Er musste versuchen, die Steigung mit Schwung zu nehmen. Er fuhr so nah wie möglich am Hang, denn links klaffte ein Abgrund, dessen Ende in der Dunkelheit nicht zu erahnen war.

Der Mercedes rumpelte über die Straße, manchmal rutschte ein Rad und drehte durch, doch irgendwo fanden die Reifen immer wieder Halt. Hundert Meter noch, dann war die Steigung geschafft. Von rechts ergoss sich ein Sturzbach auf die Straße, und Fred konnte nicht sehen, ob da noch eine Straße sicheren Boden bot unter dem vielen Wasser. Aber umdrehen konnte er nicht, und diesen Weg im Rückwärtsgang zu fahren kam ebenfalls nicht in Frage. Da muss ich jetzt durch, dachte Fred und gab Gas. Er tauchte in den Bach ein, hörte einen metallischen Schlag auf der Bodenplatte und spürte, wie der Wagen in einen Graben sank. Fred sah nichts mehr. Von den Fenstern rann der Schlamm. Doch die Scheibenwischer schafften es schließlich, ein kleines Sichtfeld freizuschaufeln, und gleichzeitig tauchte der Wagen wieder auf, Phönix aus der Scheiße, dachte Fred und lachte hysterisch auf. Die Steigung war überwunden. Wenige hundert Meter später schwenkte das Licht der Scheinwerfer über eine kleine Holzhütte. Kurz darauf endete die Straße. Fred stieg aus und atmete durch. Dunkelheit umschloss ihn.

Die Holzhütte bestand aus zwei Räumen: Im ersten, deutlich größeren, befanden sich eine Küchenzeile sowie eine altmodische, hübsche Kommode; vorne rechts, im Eck bei den beiden Fenstern, stand ein Holztisch mit einer Eckbank und zwei Stühlen. Im Hintergrund führte eine Tür in einen zweiten, kleinen Raum mit einem winzigen Fenster.

Die Maus, die drei Stunden nach Freds Ankunft nach dem Rechten sah, beschnüffelte den Mann, der auf der Holzpritsche in der Kammer schlief. Neben dem Bett lagen, denkbar unordentlich, Freds Schuhe. Sonst hatte er nichts ausgezogen, wie unter der löchrigen, verfilzten Wolldecke zu erkennen war, mit der er sich notdürftig zugedeckt hatte.

Auf dem Tisch standen eine leere und eine halbleere Weinflasche, ein Glas sowie ein Aschenbecher mit einem merkwürdigen Griff aus Hirschgeweih. Das Glas war umgefallen und rotes Wachs von einer Kerze über den Tisch geflossen. Immerhin, die Käserinden boten für die Maus einen erfreulichen Anblick.

Der Mann atmete schwer und wimmerte im Schlaf. Ein Streifen Mondlicht fiel auf sein Gesicht. Die kleine Maus lief über die Decke, blieb vor Freds Gesicht stehen und beobachtete den Hauch seines Atems, der in dem kalten Licht gut zu sehen war. Die Maus erklomm unerschrocken Freds Gesicht und schnüffelte an seiner Nase. Fred grunzte und drehte sich zur Seite. Die Maus flüchtete.

28. Juni

Als Fred vor die Hütte trat, stand die Sonne bereits hoch über dem Gebirge, das den Talkessel begrenzte. Dem in der Nacht gefallenen Neuschnee auf den Gipfeln konnte man beim Schmelzen regelrecht zusehen. Aus den Wäldern, die sich an den Hang der Berge schmiegten, stiegen Nebelfetzen auf und lösten sich gleich darauf in der klaren, warmen Luft auf. »Schön«, dachte Fred kurz. Doch eigentlich hatte er beschlossen, missmutig zu sein, also schlug er sich mit den flachen Händen den Staub aus der Kleidung und sagte laut: »Scheiße

Vor ihm lag der Elbsee, die Wasseroberfläche leicht gekräuselt vom Mittagswind, der von den Bergflanken herabfiel. Am Ufer wogte Schilf. Fred ging auf den Steg, der fast direkt von der Hüttentür etwa zwanzig Meter auf das Wasser hinausführte. Er legte sich bäuchlings auf die Lärchenbretter und spritzte sich das Gesicht ab. Das Wasser fühlte sich weniger kalt an, als er befürchtet hatte.

Fred ging zurück zur Hütte und durchsuchte die Kommode nach Tee, Kaffee, egal, irgendetwas, was ihm beim Erwachen helfen würde. Er hatte nicht nur vergessen, sein Bettzeug mitzunehmen, obwohl Susanne ihm das eingeschärft hatte, sondern auch jegliches Frühstücksgetränk. Vor dem ersten Glas Wein trank er ja doch meistens Kaffee. Fred verspürte schreckliches Heimweh nach Berlin. Dort würde er jetzt einfach eine dieser Alukapseln in seine Espresso-Maschine werfen, den Knopf drücken und fertig.

Von Alu-Kapseln und Espresso-Maschinen war er freilich denkbar weit entfernt. In dieser verdammten Hütte gab es nicht einmal Strom. Natürlich hatte Susanne ihn darauf hingewiesen. Er hatte genickt, aber im Grunde nicht verstanden, was das bedeutete: kein elektrischer Strom!

Immerhin, Fred fand ein Glas mit Löskaffee. Das Ablaufdatum lag etwa zehn Jahre zurück, aber was sollte schon schlecht werden an Löskaffee?

Um Wasser zu erwärmen, musste Fred allerdings zunächst den Tischherd in der Hütte befeuern. Und dazu musste er zuerst Holz suchen. Das fand er hinter der Hütte, in rauen Mengen. Er nahm drei Scheite mit. Neben dem Ofen lag Papier zum Unterzünden, ein Kurier aus dem Jahr 1985: »Erste Verhaftung im Weinskandal« lautete eine Schlagzeile, und der politische Leitartikel befasste sich mit der Frage: »Wer ist dieser Michail Gorbatschow«?

Der Kommunismus ist tot, dachte Fred, als er das Papier anzündete, dafür ist der Wein besser geworden. Er legte die Holzscheite auf das Papier und schloss die Ofentür. Dann ging er zum Brunnen, füllte einen halb verrosteten Topf mit Wasser und stellte ihn auf die gänzlich verrostete Metallfläche des Herdes. Ungefähr gleichzeitig begann es aus sämtlichen Ritzen des altertümlichen Ofens zu rauchen. Zuerst ein bisschen, dann immer stärker. Fred riss die Fenster auf. Er drehte an allen möglichen Griffen und Hebeln des Herdes, öffnete und schloss Klappen, was die Rauchentwicklung stark zu unterstützen schien. Seine Augen brannten, er bekam keine Luft mehr. Er lief vor die Tür und sah verzagt in die vollends mit dunklen Rauchschwaden gefüllte Hütte.

Fred geriet in Panik. Er war gerade dabei, die Ferienhütte seiner Verlegerin abzubrennen! Er schnappte eine Gießkanne, füllte sie im See an, lief todesmutig in die Hütte und goss den Inhalt der Kanne ohne zu zögern über die glosenden Holzscheite. Es zischte, es rauchte noch einmal, doch die Intervention erwies sich als erfolgreich: Brand aus. Auf dem Holzboden der Hütte schwamm eine schwarzgraue Mischung aus Wasser und Asche. Fred setzte sich an den Tisch und nahm einen tiefen Schluck aus der Weinflasche. Schmeckte überhaupt nicht! Verzweifelt sah er sich um. Schmutz, Staub, Spinnweben, Mäusekot, und jetzt noch die Katastrophe mit dem Fußboden. Diese Hütte war ein Horror, der reinste Horror. Er würde sicher keine weitere Nacht hier verbringen. Und nicht einmal einen Tag. Berlin war zwar weit, aber so weit wieder nicht. Zur Not könnte er irgendwo übernachten. In Passau. In Nürnberg. In Bayreuth. Ja, lieber eine ganze Wagner-Oper in Bayreuth durchstehen, als noch einmal in diesem vergammelten Bett zu liegen. Auch Regensburg war angeblich sehr schön. Verglichen mit dieser vom Wasser und von verschneiten Bergen umschlossenen Gammel-Bude war alles großartig!

Fred brach mithilfe eines Messers einen Brocken Löskaffee aus dem Glas. Den Brocken legte er in eine Tasse und ging damit zum Brunnen. Warum nicht mal kalten Kaffee zum Frühstück? Sein Herzrasen erinnerte ihn daran, seinen Betablocker zu nehmen. Jetzt war es wichtig, klaren Kopf zu behalten, um die Abreise so schnell wie möglich über die Bühne zu bringen.

Fred fühlte sich nahezu euphorisch, als er in seinem Mercedes saß. Er hatte in Rekordzeit den Boden notdürftig geputzt, seine paar Sachen zusammengepackt und die Hütte versperrt. In der Gams unten würde er sich einen Espresso genehmigen und noch mal Speck mit Ei ohne Speck. Er würde den Schlüssel zurückgeben und Kraft dieser befreienden Tat – endlich! – wieder Teil der menschlichen Zivilisation werden.

Der Benz sah zwar aus wie ein Rallye-Auto nach einer Schlamm-Sonderprüfung, aber bis auf ein kleines metallisches Klingeln in Auspuffnähe schien ihm nichts zu fehlen.

Tschüüüss, rief Fred, um den Ösis noch zusätzlich eins auszuwischen, und dann fuhr er gemächlich über die Schotterstraße. Kurz, nachdem er über die Kuppe in das steile Stück der Straße gefahren war, bremste Fred abrupt ab. Legte in Sekundenschnelle den Rückwärtsgang ein und brachte seinen Wagen und sich in Sicherheit: Da gab es kein Steilstück mehr. Da gab, es, genau genommen, keine Straße mehr. Dort, wo gestern der Sturzbach die Straße geflutet hatte, klaffte heute ein breiter Krater. Ein Abgrund, der ihn von den anderen Menschen trennte.

Freds Herz zog sich krampfartig zusammen: Jetzt hatte er die Freiheit verloren. Zumindest das, was er unter Freiheit verstand, nämlich die Möglichkeit zur Flucht. Nun drohten ihm die Gefangenschaft in einer Hütte mit frühmittelalterlicher Ausstattung – und totale Einsamkeit.

Jetzt nur ganz ruhig bleiben und die Nerven nicht verlieren. Fred fuhr im Rückwärtsgang zur Hütte. Er setzte sich auf die Bank neben der Eingangstür, rauchte eine und drehte sein Handy auf. Er musste irgendwie Hilfe rufen. Oder zumindest melden, dass die Straße hier kaputt war. Was heißt kaputt. Weg war sie.

Das Display seines altmodischen Mobiltelefons zeigte keinen Empfang. Keinen einzigen Strich.

Hinter der Hütte führte ein schmaler Trampelpfad in die Höhe. Fred lief den Weg hinauf, zuerst zwischen Büschen, dann unter hohen Bäumen. Er hielt sein Handy panisch vor sich und beobachtete das Display. Kein Empfang. Null. Er lief weiter hinauf. Der Wald lichtete sich ein wenig. Fred hörte ein Rauschen. Er hielt sich das Telefon ans Ohr, in der verzweifelten Hoffnung, es würde etwas zu ihm sagen. Er wählte »Abrufen«, die erste seiner gespeicherten Nummern. Das Handy überlegte lange. Dann schrieb es: Kein Netz.

Fred sah sich um. Vor ihm fiel ein mindestens zwanzig Meter hoher Wasserfall über eine Felskuppe. Hier gab es kein Weiterkommen. »Scheiße«, wimmerte er.

Er lief zurück zur Hütte. Kein Netz. Er lief auf den Steg hinaus. Kein Netz. Er lief in beiden Richtungen am Seeufer entlang. Kein Netz. Er schwitzte heftig und seine Hände zitterten, als er sein Handy nach irgendwelchen rettenden Anwendungen durchsuchte. Das erste Mal in seinem Leben bereute Fred, sich so gar nicht mit diesem Ding auszukennen. Bis jetzt war er immer stolz darauf gewesen, in der Pose des technischen Ignoranten Originalität zu behaupten.

»Das ist nicht originell, schmetterte Fred dem See entgegen, und fügte »Trottel! hinzu, womit er aber nicht den See meinte, sondern sich selbst.

Es gab doch einen internationalen Notruf, den man überall verwenden konnte? Doch wie lautete die Nummer? Plötzlich kam ihm die rettende Idee! Das war’s! Er musste nur Susanne anrufen, die würde ihm die Nummer sagen. Die Hoffnung währte sehr kurz, dann erkannte Fred seinen Denkfehler. Er lief in die Hütte, dort hatte er auf einem Krug den Aufkleber der Bergrettung gesehen, das fiel ihm jetzt wieder ein. Hier stand alles! »Förderer der Bergrettung, Notruf 140«.

Fred wählte 140. Die Antwort lautete: kein Netz. Ein paar Enten stoben in Panik auseinander, als Fred lautstark seinen Handybetreiber verfluchte. Gleichzeitig erwachte in Fred die Idee, einen anderen Netzbetreiber zu wählen. Diese Funktion gab es doch irgendwo! Dann würde er einen Notruf absenden können!

In den nächsten Minuten rief Fred sehr oft und sehr laut das Wort »Trottel«. Er verlor viel Zeit damit, sich Klingeltöne anzuhören und änderte unabsichtlich das Erscheinungsbild seines Displays, bevor er die vielversprechende Zeile »Netzbetreiber auswählen« entdeckte. Er schaffte es, die vorgeschlagenen Netzbetreiber auszuwählen. Doch auch die anderen Netzbetreiber hatten: kein Netz.

Er versuchte dennoch, Susanne anzurufen. Dann 140. 133. 122. 144. Alle Not-Nummern, die er aus seiner Kindheit kannte.

Kein Netz.

Fred stieß einen Schrei aus, dessen Echo ihn selbst beeindruckte. Er schrie gleich noch einmal, erfüllt von einer unversöhnlichen Wut auf das gesamte Universum. Dann warf er sein Handy so weit wie möglich in den See.

Alfred Firneis fühlte sich ein klein wenig leichter.

Er setzte sich auf den Steg und atmete durch. Die Sonne verschwand gerade hinter einem Berg zu seiner Rechten. Als Fred seinen Kopf nach links wandte, sah er die kahlen Felsen des Gebirges im Abendsonnenschein leuchten. Über allen Gipfeln ist Ruh, dachte er, doch die Vöglein schwiegen nicht im Walde. Und auch er dachte nicht daran, zu schweigen. Am nächsten Tag würde er sich irgendwie in die Zivilisation durchschlagen. Jetzt war es dafür zu spät. Er zündete sich die letzte Zigarette an und warf die Packung in den See. Im Nachhinein tat es ihm leid, die Packung mit der Zellophanschicht achtlos ins Wasser geworfen zu haben. Jeder Mensch verrottete schneller als Plastik, hatte er mal gelesen. Am schlimmsten war Silikon. Historiker künftiger Zivilisationen werden dereinst staunen, was sie als Grabbeigaben des ausgestorbenen homo sapiens finden würden: glibberige Plastikkugeln.

Fred beobachtete, wie ein Schwarm kleiner Fische von seiner davontreibenden Zigarettenpackung angezogen wurde. Die Fischchen versuchten, das seltsame Ding anzuknabbern, scheiterten aber offensichtlich an der dünnen Verpackungsschicht.

Fred ging in die Hütte und inspizierte den Ofen. Zwar hatte der Sonnenschein die Holzwände angenehm erwärmt, doch in der klaren Luft drohte die Nacht kalt zu werden. Bei aufmerksamer Betrachtung des sehr einfach gebauten Tischherdes bemerkte Fred, dass er in seiner morgendlichen Verstörung die Klappe für den Rauchabzug komplett geschlossen hatte. Er machte das rückgängig, ging hinter die Hütte, hackte sich ein paar Späne zurecht und holte einen Korb voll Holz.

Das Feuer brannte wunderbar an diesem Abend. Fred lauschte dessen Knistern, während er Ziegenkäse, Fladenbrot und Oliven verspeiste und dazu eine Flasche Wein trank.

Nach dem Essen machte er eine schreckliche Entdeckung.

29. Juni

Sehr geehrte Verlegerin,

ich schreibe Ihnen auf einem vergilbten Papierblock, den ich in der Baracke gefunden habe, in welche mich zu verbannen Ihnen aus Gründen, die zu erforschen ich nicht in der Lage bin, gefallen hat. Ich weiß nicht, ob Sie diesen Brief jemals erhalten werden, denn ich weiß nicht, ob ich diesen ungastlichen Ort lebend verlassen werde. Jetzt werden Sie sich wahrscheinlich mit der Ihnen eigenen unbestechlichen Logik fragen, warum ich Ihnen überhaupt schreibe. Die Antwort ist einfach: Schreiben ist meine Art zu denken. Ich kann keinen klaren Gedanken fassen, es sei denn, auf Papier. Wobei ich festhalten will: Schlagen Sie sich die Hoffnung auf Gedichte gleich aus dem Kopf. Was ich hier vorbringe, ist keine Geschichte, sind keine Gedichte, das ist – allenfalls – ein Beschwerdebrief.

Schwere Regenfälle haben die Straße, die zur Hütte führt, weggespült. Mein Handy liegt am Grund des Sees, wo es wahrscheinlich auch keinen Empfang gibt. Ein unpassierbarer Abgrund und 16,4 Kilometer trennen mich von der »Zivilisation«. Ich fühle mich bemüßigt, nein, verpflichtet, das Wort unter Anführungszeichen zu setzen, denn der Gasthof zur Gams weist außer fließend Wasser und Strom kein anderes Kennzeichen jener Standards auf, die wir in der freien westlichen Welt unter dem Sammelbegriff »Zivilisation« zu subsumieren übereingekommen sind. Wie auch immer, im Gasthof zur Gams könnte ich auf humanoide Wesen treffen, die, wenn auch in einer fremdartig klingenden Sprache, mit mir zu kommunizieren in der Lage wären. Auf Wesen, die mir eventuell sogar ein Telefon zur Verfügung stellen würden, mit dessen Hilfe ich ein Taxi rufen könnte, das mich wieder nach Berlin bringt. Keine Sorge, die Rechnung würde ich Ihnen schicken. Auch jene für die Bergung meines Mercedes Benz 200 Automatik Baujahr 1976 aus akuter Bergnot. Das Fahrzeug befindet sich in einem tadellosen Zustand. Ich habe es heute übrigens geputzt. Ja, geputzt. Sie werden sich vielleicht denken, es passt nicht zu mir, es passt vielleicht überhaupt nicht zu einem Dichter, ein Auto zu putzen. Ich kann Ihnen nur zustimmen. Die Tatsache, dass ich heute mit einem Eimer zwischen See und Auto hin- und hergelaufen bin, um die dicke Schlammkruste vom ansonsten noch makellosen Lack zu waschen, vermittelt Ihnen vielleicht eine Ahnung vom Ausmaß meiner Verzweiflung.

Wenn dieser Brief in Ihre Hände gelangt, liege ich höchstwahrscheinlich zerschmettert auf einem Felsen, die Arme weit ausgebreitet, die Augen starr in die Unendlichkeit gerichtet. Das Blut aus meinem Schädel wird eingetrocknet und schwarz an einem Stein kleben. Möglicherweise werden Tiere meinen Leichnam angeknabbert haben. Es soll niemand sagen, meine Existenz wäre für nichts gut gewesen, nein, aus meiner Hand oder vielmehr mit meiner Hand könnte sich ein Marder den Bauch voll schlagen. Meine Waden hat sich vielleicht ein Fuchs geholt, um seine Jungen zu ernähren und weiß der Geier, wenn es hier Geier gibt, dann findet man mich vielleicht nie. Ich schreibe ganz bewusst: »mich« und nicht »meine sterblichen Überreste« oder so, denn ich trenne nicht zwischen den Überresten und mir. Es gibt keine Seele und daher auch nichts, was weiterleben kann, es sei denn, als Fuchskacke oder Geierhäufchen, aber ich fürchte, ich schweife ab.

Was mit meiner Leiche geschieht, ist mir egal. Sie können sie gerne dort liegen und verrotten lassen. Für den Fall, dass ich aus irgendeinem Grund überleben sollte und ergo noch zu retten wäre, verrate ich Ihnen aber meinen Plan: Da ich mich in dieser unwirtlichen, ja geradezu feindseligen Gegend nicht auskenne, und da in der Baracke keinerlei Kartenmaterial zu finden ist, scheint die einzige sinnvolle Fluchtroute an der ehemaligen Straße entlang zu führen, welche von den Sturzfluten hinfort getragen wurde. Akkurat dieser Weg führt freilich über grauenhafte Steilwände, Felsklippen, die Hunderte Meter über den Abgründen klaffen. Da ich weder trittsicher noch schwindelfrei bin, wird meine Flucht wahrscheinlich nicht gelingen. Dennoch, ich muss es wagen. Mir bleibt, nach der Entdeckung, die ich gestern machen musste, keine Wahl.

Jetzt werden Sie möglicherweise rätseln, welches Grauen diese Entdeckung bergen könne, ob es ein Wolf sei, der um die Hütte schleicht. Oder ein riesiger Braunbär, der mir mit weit aufgerissenem Maul nachläuft. Oder ein Gespenst. Untote vielleicht, Zombies mit blassen, starren Gesichtern, die nachts aus dem See steigen und mich mit Äxten zerhacken oder mit Messern aufschlitzen wollen. Aber nein. SIE werden erleichtert sein. SIE vielleicht. Mir wären die Zombies lieber als das. Also: Gestern, nachdem ich meinen Ziegenkäse mit Oliven gegessen und dazu ein Glas Wein oder zwei getrunken hatte, spazierte ich (fast frohgemut!) zu meinem mittlerweile wieder in altem Glanz erstrahlenden Benz, um mir aus dem Kofferraum die Stange Zigaretten zu holen, die ich vorsorglich (!) mitgenommen hatte. Und was musste ich entdecken: Da war keine Stange Zigaretten. Ich suchte im Fond, unter den Sitzen, beim Reservereifen, unter jeder Abdeckung – nichts.

Und wissen Sie, liebe Susanne, was das Schlimmste an dieser grauenvollen Entdeckung ist? Dass ich Sie lachen sehe, wenn ich mir vorstelle, wie Sie diese Zeilen lesen. Egal, ob ich nun zerschmettert in einer Schlucht liege oder ganz einfach nur hier verhungert bin – Sie werden zumindest schmunzeln. »Hypochonder und Raucher, das passt nicht zusammen«, haben Sie mir einmal an den Kopf geworfen. Ich finde, es passt sehr wohl zusammen.

Nachdem ich die ganze Hütte durchsucht hatte, jede Lade, jeden versteckten Winkel, auf der verzweifelten Suche nach Tabak, wobei mir an Nennenswertem nur ein Playboy aus den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts in die Hände gefallen war (Ihr Vater, der Schlingel!), in welchem die Models noch Schambehaarung trugen, schwarz und gekräuselt wie Pudelfell, kauerte ich mich in einen Winkel und dachte darüber nach, wer mir diese Stange Zigaretten gestohlen haben könnte. Dabei überkam mich die Erkenntnis: Ich habe die Stange nie gekauft. Ich hatte vorgehabt, sie zu kaufen, so fest vorgehabt, dass ich es offensichtlich in weiterer Folge gar nicht mehr für notwendig erachtet habe, dem Entschluss auch eine Tat folgen zu lassen.

Ich will Ihnen die peinlichen Einzelheiten meiner Verzweiflung ersparen. Nachdem ich gestern Abend die gesamten Weinvorräte für eine ganze Woche ausgetrunken hatte, fand ich zumindest Schlaf. Umso schlimmer die Entzugserscheinungen des heutigen Tages. Nun gut, ich will Ihnen den Tiefpunkt schildern: Nachdem ich zunächst die Kippen aus dem Aschenbecher meines Autos geraucht hatte, rollte ich mir eine Art Zigarre aus Schilf, Lianenfasern und modrigen Blättern. Auch hier will ich Ihnen die Details ersparen. Nachdem ich die Restbestände meines Medikaments eingenommen hatte (ich schlucke Betablocker, von wegen Hypochonder!), fühlte ich mich zu schwach, um den Husarenritt über die Felswand zu wagen, da mich der Schwindel auch ganz ohne Abgrund quälte. Ich habe mit dem Leben abgeschlossen. Doch ich will dem Schicksal morgen eine Chance geben. Ich werde entweder überleben, ins Tal schreiten und mir in der Gams ein Bier und eine Schachtel Zigaretten kaufen. Oder ich werde als Nichtraucher sterben.

Mit freundlichen Grüßen

Fred Firneis

30. Juni

ps:

Die Sonne lacht, hat meine Omi immer gesagt.

Ein guter Tag, um wie ein Mann seinen Weg zu gehen.

Meine Essensvorräte sind nun aus (Maus).

Nach einer grauenvollen Nacht hat sich an meinem Entschluss nicht das Geringste geändert. Ich muss es wagen!

pps:

Bin noch einmal zurückgekehrt. Wichtige Anmerkungen:

1) Meinen Mercedes soll mein Freund Benno R. bekommen, ob er ihn will oder nicht.

2) Keine Nachrufe auf Facebook, unter Klagsdrohung!

3) Ich verpflichte Sie, zur Buße für Ihre Untaten in memoriam Fred Firneis eine Gesamtausgabe meiner Werke zu drucken.

4) Gerd T. von der Neuen Presse darf kein Rezensionsexemplar bekommen.

5) Sagen Sie Charlotte, dass ich sie immer noch liebe.

6) In meinem Gedicht »Lorbeervorhangfalte« muss es in Zeile drei heißen: »liegt in seinem Blut« statt »liebt nur seine Brut«. Das ist stärker. Das soll in der Neuauflage berücksichtigt werden.

Dies ist mein letzter Wille.

Alfred Firneis

ppps:

Bin noch einmal zurückgekehrt. Sagen Sie Charlotte nichts.

Es stimmt nicht, dass ich sie immer noch liebe.

Ich habe sie vielleicht nie geliebt.

pppps: Letzteres brauchen Sie ihr aber nicht zu sagen.

Wenig später kauerte Fred auf einem schmalen Vorsprung in einer Felswand. Unter ihm klaffte eine Schlucht, zwar nicht Hunderte Meter tief, aber tief genug, um bei einem Sturz zumindest ernsthaft verletzt zu werden. Fred sah sich ängstlich um. Er versuchte, auf einen Stein nach links auszuweichen. Der Stein brach aus der Wand und stürzte in die Tiefe.

Fred hielt sich an einer kleinen Föhre fest, die auf dem Felsvorsprung wuchs. Die ist mutig, dachte Fred, ich werde es auch schaffen! Er sah nach oben. Versuchte, wieder auf den schmalen Pfad hinaufzuklettern, von dem er zuvor abgestiegen war. Die Föhre bog sich gefährlich. Fred tastete verzweifelt nach einem Halt auf der rettenden Ebene über ihm. Seine suchende Hand fühlte Tannenreisig, Steinchen, und dann fand sie plötzlich eine Wurzel, die als Haltegriff dienen konnte.

Freds Hand zitterte vor Anstrengung, er sah die Adern aus seinem Arm heraustreten, doch er schaffte es nicht, sich nach oben zu ziehen, denn plötzlich gab die Wurzel nach, er spürte, wie sie sich vom Boden löste, und er konnte es unmöglich riskieren, sein ganzes Gewicht daran zu hängen. Fred schwitzte vor Anstrengung und Angst. Als er sich wieder auf den winzigen Vorsprung zurückfallen ließ, brachen einige Steine heraus und fielen in die Tiefe.

Fred klammerte sich an der Föhre fest. Er sah nach rechts, nach links. Nur nicht nach unten sehen! Was für ein Scheiß-Brief, dachte er. Immer so kokett und ironisch, und jetzt bin ich gleich wirklich hin! Verzweifelt kauerte er auf dem Vorsprung und noch nie zuvor in seinem Leben war ihm so klar geworden, dass er noch nicht sterben wollte. Ich muss hier weg! Ich muss es schaffen! Er fasste noch einmal die Wurzel auf dem Pfad über ihm, zog sich kurz daran hoch, erwischte mit der anderen Hand eine andere Wurzel, an der er sich festkrallte. Plötzlich hörte er einen Krach, seine Beine schlugen ins Leere – sein Felsvorsprung war mitsamt der kleinen Föhre aus der Wand gebrochen und in die Tiefe gestürzt.

Fred Firneis gab nun kleine Entsetzenslaute von sich. Er konnte nichts mehr denken, sich nur weiter an die Wurzel klammern, doch er spürte genau, wie er Zentimeter um Zentimeter tiefer sank, die Wurzel gab nach, gleich würde sie ihre Verbindung mit der Erde verlieren, unmöglich konnte sie dem Gewicht seines Körpers standhalten und dann – nahm eine himmlische Macht Besitz von Fred. Ein Engel kam, packte ihn mit starker Hand, hob ihn, er schien zu fliegen, ist das schon der Himmel, bin ich schon tot? Ja, tot, schwebend, auf einer Wolke schwebend, adieu, adieu …

Nun küsste ihn der Engel.

Den Kuss eines Engels hatte sich Fred eigentlich ein bisschen himmlischer vorgestellt. Es handelte sich genau genommen um einen ziemlich heftigen Zungenkuss quer über sein Gesicht, nicht besonders zaghaft und sehr feucht.

Als Fred die Augen öffnete, sah er einen schwarzen Hund über sich stehen. Aha, der Totenhund, wie heißt er gleich, Cerberus, der Wächter der Anderswelt. Hinter dem Hund stand ein Hüne, Charon wohl, der Lenker des Totenkahns, der ihn nun über den Styx führen würde, in das dunkle Reich des Hades. Fährmann, Charon, hier liege ich …

»Ich bin der August«, sagte Charon.

Fred schaute auf. August, der Führer ins Totenreich? August schien ziemlich jung für diese Aufgabe. Und bildeten eine kurze Lederhose, feste Bergschuhe und aufgekrempelte Hemdsärmel wirklich das passende Outfit für die letzte Überfahrt? Das Fernglas, das um Augusts breiten Hals baumelte, konnte nützlich sein, um das andere Ufer, jenes des Totenreichs, zu erspähen – aber wozu der Hut mit dem Gamsbart?

Auf dem Unterarm des Mannes sah Fred ein Tattoo – eine Nixe mit elegantem Fischschwanz und strammen Brüsten. Fred ließ sich zurückfallen.

Der junge Mann aus dem Gasthof zur Gams hatte ihn gerettet.

Fred sagte nichts. Er keuchte nur.

»Spinner«, sagte August.

Bald darauf saßen Fred und August auf der Holzbank vor der Hütte am See. Auf die dunkle Holzwand hinter ihnen zauberte die Wasseroberfläche flirrende Lichtspiele. August blickte still und zufrieden auf den See. Freds Hemd war zerrissen, sein Gesicht schmutzig, doch er fühlte sich großartig.

August holte ein Päckchen Tabak sowie Papers aus seiner Hemdtasche und drehte sich eine Zigarette. Er legte den Tabak auf den Tisch vor Fred.

»Wüst oane raka, fragte August.

»Du sprichst doch auch Deutsch

»Willst du oder nicht

»Ich rauche nicht«, sagte Fred.

August zündete sich die Zigarette an und zog den Rauch genüsslich ein.

»Schau, eine Ringelnatter August zeigte auf den See. Die Schlange zog mühelos-geschmeidige Spuren auf der Wasseroberfläche und bewegte sich schnell voran.

»Die Kaulquappen verwandeln sich gerade in Frösche und gehen an Land. Der Tisch für die Schlangen ist festlich gedeckt«, erklärte er.

»Du kannst ja richtig schön sprechen«, bemerkte Fred.

»Wenn es sein muss«, gab August zurück.

Fred und August sahen der Schlange nach, die am anderen Ufer landete und unter einem Busch verschwand.

»Du kennst dich aus, mit Tieren, fragte Fred.

»Wäre blöd, wenn’s anders wär

»Warum

»Als Revierförster

»Revierförster stell ich mir anders vor

»Mit weißem Rauschebart, lachte August.

»Jedenfalls ohne Tattoo

Augusts Handy läutete. Er führte ein kurzes Gespräch, in dem es um den Zustand der Straßen und Wege ging.

»Warum funktioniert dein Handy, fragte Fred, fast empört. August hielt nicht ohne Stolz sein Telefon in die Höhe: »Dieses geht sogar hier am See. Aber auch nicht immer

»Ein Förster mit Tattoo und Smartphone«, stellte Fred fest.

»Eine halbe Stunde hab ich dir schon zugeschaut. Von unten, mit dem Fernglas. Zuerst hab ich geglaubt, du bist ein Wildschütz. Aber für einen Wilderer bist du zu tollpatschig. Weißt du eigentlich, dass du so gut wie tot warst, fragte August.

»Darf ich mir doch eine drehen, fragte Fred zurück.

»Ich habe geglaubt, du rauchst nicht

»Ich würde gerne anfangen

»Dafür ist es nie zu spät

August schob Fred den Tabak hinüber. Fred drehte sich geübt eine Zigarette. Wartete einen Augenblick. Zündete sie an, nahm einen Zug und sah die Zigarette an, als wäre es seine erste. August ließ einen lauten Pfiff erschallen. Aisha, seine schwarze Labradorhündin, lief vom See zur Hütte hinauf. Sie sprang zwischen den beiden Männern auf die Bank und setzte sich hechelnd. Ein Bild des Glücks.

1. Juli

Liebe Susanne!

Zunächst einmal: Ich lebe. Sie werden jetzt wahrscheinlich denken: Typisch Fred Firneis – nicht einmal sterben kann er anständig. Ich kann Ihnen nur recht geben. Und ich sage Ihnen noch etwas: Ich bin froh darüber. Ja. Ich bin froh darüber, dass ich noch lebe.

Diese Aussage wird Sie wahrscheinlich in Anbetracht des eher trostlosen Bildes, das ich in den letzten Monaten abgegeben habe, verwundern. Aber angesichts des Todes, des ganz realen, echten Todes, in einer Felswand, deren Brüchigkeit selbst die übelsten Berliner Plattenbauten in den Rang von Marmorpalästen erhebt, und nach meiner Rettung durch einen mir vom Himmel gesandten Förster mit den Kräften eines Herkules, habe ich umgedacht. Nein, umgedacht ist falsch. Ich habe umgefühlt. Das erste Mal seit Wochen, vielleicht seit Jahren verspürte ich in meinem Herzen so etwas wie Freude und Dankbarkeit. Dankbarkeit, auf der Welt zu sein. Und noch dazu an einem so schönen Platz wie hier.

Ich habe August dennoch meinen gestrigen Brief an Sie mitgegeben. Vielleicht können Sie dann besser verstehen, welche Wandlung in mir vorgegangen ist. August ist übrigens der an Herkules gemahnende Förster. Ich bin ein wenig durcheinander. Sie dürfen sich August nicht wie den Alpöhi oder so vorstellen. Er ist jung, und statt einem Bart im Gesicht trägt er eine Tätowierung auf dem Arm, mit einer äußerst gelungenen Nixe, ein Fabelwesen, zu dem er sich seit frühesten Kindheitstagen in unerklärlicher Weise hingezogen fühlt. Er ist freilich, wie es den Menschen in dieser abgelegenen Gegend eigen zu sein scheint, ein wenig grobschlächtig. Dafür aber abgefuckter als so manche Großstadttype aus dem Berliner Untergrund. Dieser Hüne hat doch tatsächlich an einem sonnigen Plätzchen im Hang hinter der Hütte eine Hanfplantage angelegt! Schon jetzt hängen fette Blütendolden an den Pflanzen und verströmen einen betörenden Duft.

Ich sehe Sie jetzt förmlich vor mir, höre, wie Sie höhnisch auflachen, na klar, jetzt ist er bekifft, der Herr Firneis, aber darum geht es gar nicht. Ich rühre die Pflanzen nicht an, es sind ja nur ein paar wenige, und noch warten sie, um zur Vollendung hin zu drängen, auf ein paar südlichere Tage.

Aber gut, ich gestehe, August und ich haben gestern im Abendsonnenschein vor der Hütte noch ein klein wenig von seinen höchst aromatischen »Elbtaler Gewürzkräutern«, wie er zu sagen pflegt, gekostet. Danach haben wir sehr großen Hunger bekommen und eine ganze Seite Speck sowie ein halbes Brot vertilgt, Vorräte, die August zum Glück stets in seinem Rucksack parat hält. Und wieder sehe ich Sie schmunzeln – oh, der Herr Vegetarier isst Speck, musste er danach nicht vielleicht weinen? Aber diesen Speck, liebe Susanne, hat August selbst gemacht, mit Rosmarin und Knoblauch gewürzt und wochenlang geräuchert, und zusammen mit dem frischen, dunklen Brot schmeckte das einfach himmlisch! Den Vogelbeerschnaps hätte ich gar nicht mehr gebraucht, um glücklich zu sein, aber natürlich wollte ich nicht unhöflich sein und habe Augusts Angebot angenommen, mir die Flasche dazulassen. Ihn zu seinem Auto zu begleiten war ich nach unserem kleinen Imbiss zugegebenermaßen nicht mehr in der Lage. Außerdem – und das erstaunt mich heute fast selbst – wollte ich gar nicht mitgehen, sondern hier in der Hütte bleiben.

Als August sich verabschiedet hatte, stand ich auf dem Steg. Vom Berg her wehte ein warmer Wind, und der Mond spiegelte sich in der gekräuselten Wasseroberfläche des Elbsees. Ich stand da und wie aus dem Nichts kamen die schrecklichen Augenblicke in der Felswand wieder in mir hoch und plötzlich wurde mein Brustkorb durchgeschüttelt. Als ob jemand drinnen säße und wild gegen die Rippen klopfte. Ich begann heftig am ganzen Körper zu zittern. Ich schluchzte, ich heulte, die Tränen spritzten buchstäblich aus meinen Augen. Als es vorbei war, holte ich ganz tief Luft. Als ich diesen Atemzug machte, der meinen ganzen Brustkorb auszufüllen schien, den ich als Wärme in den Füßen und als Klarheit im Kopf spürte, fiel mir plötzlich auf: Ich hatte in den letzten Jahren das Atmen verlernt.

Liebe Susanne! Es ist so wunderbar, das Atmen wieder entdeckt zu haben! Das wollte ich Ihnen sagen.

Das Wetter heute ist nicht so schön. Wolken schweben träge über den Himmel, in regenschwangerer Luft. August hat versprochen, heute vorbeizukommen. Er hat gemeint, er bringt mich ins Dorf, damit ich Vorräte einkaufen kann. Wer weiß, vielleicht nütze ich die Gelegenheit, um abzureisen. Den Mercedes muss ich ohnehin hier zurücklassen, bis die Straße wieder gebaut ist. Das kann drei Tage, aber auch ein paar Wochen dauern, hat August gemeint. Es gibt wichtigere Straßen in diesem Land.

Wie auch immer – selbst wenn ich morgen fahre, die Reise war nicht vergebens, denn ich atme wieder. Ich danke Ihnen von Herzen dafür.

Ihr Fred Firneis

PS: Ich habe überlegt, warum ich Ihnen schreibe. Das ist doch eigentlich bizarr, nicht? Wir sagen »Sie« zueinander, aber die vielen Menschen, mit denen ich per »Du« bin, sind mir in den letzten Jahren abhanden gekommen. Natürlich habe ich Freunde, Freundinnen, das wissen Sie ja. Aber nach dem Erfolg der beiden Bücher haben die alle so einen Supertypen in mir gesehen, sensibel, geistreich, weltgewandt, und diese Sicht auf mich hat sich verwandelt in ein Bild von mir selbst. Ein Supertyp hat keine Probleme. Ein Erfolgsmensch erzählt nicht bei einem kleinen Bier von seinen Sorgen und Nöten. Ein Bestsellerautor mit Ängsten – das wäre doch lächerlich! Lächerlich zum Beispiel die Angst, nichts Gutes mehr schreiben zu können. Mit dem nächsten Buch die totale Pleite einzufahren. Ausgeschrieben zu sein, für immer. Ich habe es mir eine Zeitlang sehr bequem in dem Glauben eingerichtet, tatsächlich keine Sorgen, keinen Groll, keine Ängste zu haben. Bis ich in dem Glauben vertrocknet oder verhungert bin. Und dann konnte ich auch nicht mehr schreiben! Aber da war es zu spät, aus eigener Kraft wieder rauszukommen. Da draußen gab es für mich keinen mehr. Den Schönwetterfreunden will man keine trüben Gedanken aufbürden. Selbst Charlotte wollte ich keine trüben Gedanken aufbürden. Aber andere als trübe hatte ich nicht. Als sie ging, fühlte ich mich einerseits erleichtert, weil ich ihr mich nicht mehr zumuten musste. Andererseits fiel das Verlassensein über mich wie eine Decke aus Blei.

Liebe Susanne, Sie als Freundin zu bezeichnen, kommt mir vermessen vor. Aber Sie haben mich nicht vergessen. Und Sie haben auch keine Angst vor den dunklen Seiten des Lebens. Weniger jedenfalls als die meisten Menschen, die ich kenne, mich eingeschlossen. Sie wissen um die Distanz, die ich zu allen hege, auch oder vor allem zu mir selbst. Das hat sicher auch mit meiner Vergangenheit zu tun, mein Vater und so, Sie kennen das ja. Ich lebe in einem Raumanzug, gefertigt aus Ironie, genäht mit Zynismus, beschichtet mit Fremdheit. Ich komme da nur raus, wenn ich trinke oder wenn ich schreibe. Zuletzt war nur noch das Trinken geblieben.

2. Juli

Liebe Susanne!

August ist nicht gekommen. Es regnet. Ich habe den gestrigen Tag damit verbracht, die Hütte aufzuräumen und gründlich zu putzen. Es ist ein Jammer, dass wir Großstadtmenschen das Vergnügen des Putzens den sogenannten Reinigungskräften überlassen. Es gibt kaum etwas Schöneres als ein großes Reinemachen! Vor allem, wenn man wie ich nichts anderes zu tun weiß und Zeit hat, sich in Details zu verlieren. Etwa Rußflecken aus dem Boden zu bürsten oder jede einzelne Lade auszuräumen, zu waschen, neu zu sortieren. Oder die Metallteile der Spüle so zu polieren, bis man sich darin spiegeln kann. Selbst das Plumpsklo hinter dem Haus wirkt nun geradezu appetitlich. Ich habe zuletzt sogar die Vorhänge gewaschen und feucht gleich wieder aufgehängt. Auch die Wolldecken sind frisch gespült. Sie trocknen hier über dem Herd, in welchem ein gemütliches Feuer vor sich hinknistert. Mit Putzmitteln ist die Hütte Ihres Vaters übrigens recht gut ausgestattet, auch wenn die meisten davon sehr altmodisch wirken. Seit Kindheitstagen habe ich keine Hirsch-Terpentinseife und kein Reinigungssoda mehr gesehen, keine Schmierseife, keine Leinöl-Politur!

Die Hütte erstrahlt förmlich in einem neuen Licht. Die Mäuse haben die Flucht ergriffen. Alles Klein-Ungeziefer sammelte ich in einem Eimer und warf es in den See, wo Schwärme von winzigen Fischen sich gütlich daran taten. Die Hütte gehört jetzt mir. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, die Hütte gehört natürlich Ihnen. Doch putzend habe ich sie mir angeeignet. Sie bereitgemacht für Neues, was immer da nun kommen mag. Und wissen Sie, was das Beste ist: Ich selbst fühle mich gereinigt. Obwohl ich von dem vielen Staub graue Haare und eine belegte Zunge bekommen habe, fühle ich mich befreit vom Chaos, und auch von dem ewigen Lärm in meinem Kopf. Die mich umgebenden Dinge sind auf das Wesentliche reduziert. Das bringt eine ungeahnte Freiheit mit sich, und mir wird erst jetzt bewusst: Wir leben in einer Zeit der materiellen Sicherheiten, die wir allerdings permanent verteidigen müssen. Und das macht uns zu Sklaven.

Je weniger die Dinge um mich werden, umso mehr werde ich. Wir leben doch wahrlich in einer Diktatur der Dinge! Zum Beispiel mit sprechenden Autos, die uns bevormunden. Oder mit Kühlschränken, die uns auspfeifen, wenn wir mal länger überlegen, was wir rausnehmen sollen. Alle Dinge schreien uns den ganzen Tag an! Das Radio: Dreh mich auf und hör dir was an über Finanzkrisen! Die Zeitung: Lies endlich die Mordsgeschichten, die ich dir biete. Der Fernseher: Sieh dir doch die Erdbebenopfer an, live! Der Computer: Ruf ab! Schreib! Twittere! Poste! Der Teppich: Putz mich! Das Zimmerfahrrad: Nutz mich!

Ich habe seit drei Tagen keine Nachrichten mehr gehört. Mir scheint, die Erde steht immer noch. Hier jedenfalls tut sie das, besser denn je.

Wenn ich in Berlin zurück bin, werde ich möglicherweise beginnen, geführte Putz-Meditationen anzubieten. Das scheint mir erstens eine Marktlücke zu sein und zweitens bin ich überzeugt, damit vielen Menschen helfen zu können.

Um den Bericht zu vervollständigen, möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass ich mich selbst einer gründlichen Reinigung unterzogen habe. Da es, wie Sie wissen, im Haus selbst nur ein Waschbecken gibt und keine Dusche, habe ich mich im Regen nackt auf den Steg gestellt, mich mit der Hirsch-Seife abgeschrubbt und, falls Sie es genau wissen wollen, rasiert habe ich mich auch. Der Niederschlag war jedoch nicht stark genug, mich vom Seifenschaum zu befreien, und so bin ich in den See gestiegen, was, wie ich glaube, kein großes ökologisches Problem darstellen kann, besteht doch Hirsch-Seife meines Wissens nach nur aus natürlichen Zutaten. Nächstes Mal, so viel ist klar, gehe ich zur Naturdusche hinauf, zu dem prächtigen Wasserfall oberhalb der Hütte.

Ihr kleines Holzhaus ist mit Putzmitteln deutlich besser ausgerüstet als mit Lebensmitteln. Von Augusts köstlichem Brot war nichts mehr übrig, und so habe ich mir erlaubt, eine halbe Packung Spiralnudeln, Ablaufdatum 11/1989, zu kochen. Der erlesene Jahrgang der Nudeln konnte freilich eine gewisse Fadheit des Geschmacks nicht verbergen. Immerhin, ich bin satt, und das ist ein schönes Gefühl. Ein noch schöneres Gefühl war es, vor dem Essen echten Hunger gehabt zu haben. Ich werde die Nudeln selbstverständlich ersetzen, kann aber nicht versprechen, ob ich 1989er auftreiben kann.

Mit meinen Vorräten ist es jetzt vorbei. Doch das frische Wasser aus dem Brunnen rinnt Tag und Nacht, und ich habe noch etwas Tabak. August ist sehr nett, aber ich frage mich, ob ich ihn je wieder sehen werde. Er hat mir jedenfalls gesagt, wo der Weg liegt, der sicher zur kleinen Straße im Tal führt. Heute regnet es mir aber zu stark, und so werde ich zu Hause bleiben bei meinem lauschigen Feuer. Und auf den See blicken, in dem jede Sekunde tausende Tropfen landen und solcherart die Verbindung von irdischem und himmlischem Wasser vollenden. Ich könnte stundenlang zusehen, wie Wasser sich mit Wasser paart. Was ich jetzt tun werde. Ich danke Ihnen, dass Sie als briefliche Gesprächspartnerin für ein wenig Abwechslung in meinem Leben gesorgt haben. Ich bin mir sicher, dass ich Sie langweile, aber ich kann Ihnen versichern: Mir ist nicht langweilig. Der Stille zu lauschen, das ist das größte Erlebnis, das wir Menschen uns vorstellen können. Glauben Sie mir. Sie müssen das einmal versuchen! Und plötzlich höre ich mich und ich verschwinde. Verstehen Sie?

Schönen Gruß

Fred

3. Juli

Werte Susanne!

Gerade geht die Sonne auf. Ich fühle mich so ausgeschlafen wie zuletzt als Teenager. Mit bescheiden gefülltem Magen und ohne Rausch ins Bett zu gehen ist wirklich großartig. Ich werde jetzt im See schwimmen und dann in den Ort hinunterwandern, weil ich sonst verhungern muss. Hätte ich mir nicht gedacht, dass August mich einfach im Stich lassen würde. Ich fand ihn eigentlich sympathisch.

Mir ist gestern irgendwann doch langweilig geworden, und deshalb habe ich aus der reichhaltigen Hütten-Bibliothek eine der neuesten Zeitschriften gelesen, den Stern aus dem Herbst 1977, eine tolle Reportage über die Befreiung der Lufthansa-Maschine Landshut in Mogadischu. Dann habe ich wieder auf den See gesehen. Seltsamerweise standen da plötzlich ein paar Worte auf einem Papier. Ist das ein Haiku?

Ein Wasserspiegel.

Tropfenspiele.

Regen, Regen fällt.

Auf Wiedersehen, ich grüße Sie recht herzlich, A.F.

PS: Glauben Sie aber nicht, dass ich wieder schreibe!

PPS: Noch was – ich habe Ihnen von meiner Distanz zu allen Dingen und zu mir selbst geschrieben. Von meiner zwanghaften Ironie, die mir selbst am meisten auf die Nerven gegangen ist. Ich bin jetzt draufgekommen (durch Nachdenken!), dass diese Ironie im Grunde eine raffinierte Art ist, sich selbst über Gebühr ernst zu nehmen. Das heißt, ich nahm meine Sorgen ernst, meinen Pessimismus, meine Ängste und machte mich dann darüber lustig, was aber an Sorgen, Pessimismus, Ängsten nichts änderte. Ich habe den Eindruck, ich nehme mich erst richtig ernst, seit ich mich nicht mehr so ernst nehme.

Fred faltete die verschiedenen Zettel, auf denen er seine Nachrichten an Susanne geschrieben hatte, fein säuberlich zusammen. Kuvert hatte er keines mehr gefunden, das musste er im Ort besorgen.

Fred überlegte, ob er packen sollte, um seine paar Sachen dabei zu haben, falls er doch Lust bekommen sollte, einen Zug nach Berlin zu nehmen. Aber erstens hatte er mindestens vier Stunden zu gehen, und so eine Abreise musste doch irgendwie geplant werden. Vielleicht gab es ja in Grünbach nicht einmal einen Bahnhof? Vielleicht war der einzige Postbus bereits in der Früh abgefahren? Also wozu den Koffer mitnehmen? Hinter all den Gedanken lag ein anderer versteckt, den sich Fred selbst nicht in solcher Deutlichkeit eingestehen wollte: Er hatte gar keine Lust, nach Berlin zu fahren. Allein bei dem Gedanken daran verspürte Fred Heimweh nach seiner Hütte.

August hatte den Weg wunderbar beschrieben, und Fred fand den kleinen Pfad mühelos. Eigentlich, so dachte er, gehörte einiges an Verwirrtheit dazu, den Weg nicht zu finden, denn er führte ganz selbstverständlich an der Bergflanke entlang in das kleine Tal hinunter. Es dauerte nicht lange, bis Fred auf der »Hauptstraße« angelangt war. Er sah zurück und erkannte die Felswand wieder, die er fast hinabgestürzt war. Heute musste er darüber lachen. Nur ein Irrer konnte auf die Idee kommen, da hinunterklettern zu wollen.

Entschlossenen Schrittes machte sich Fred auf den Weg Richtung Grünbach. Er trug seine normalen Berliner Straßenschuhe, denn andere hatte er nicht mitgenommen, und Wanderschuhe besaß er gar nicht. Doch das war kein Problem: Die Schotterstraße befand sich in tadellosem Zustand. Nur dort, wo sie in Senken nahe dem Bach verlief, konnte man Spuren einer Überschwemmung erkennen.

»Ich gehe in die Stadt«, dachte Fred lächelnd, und er musste sich eingestehen, eine gewisse Feierlichkeit zu verspüren, so wie vielleicht früher die Holzknechte und Sennerinnen, wenn sie sich sonntags auf den Weg ins Dorf machten. Der Gedanke erschreckte ihn kurz – was, wenn Sonntag war und er gar nichts einkaufen konnte? Er versuchte, zu rekonstruieren, was für ein Wochentag war, musste aber erkennen, dass er zwar dank seiner Briefe das Datum kannte, aber das Gefühl für die Zeit verloren hatte. Er kontrollierte die Taschen seiner leichten, sehr urbanen Jacke – ein Tick von ihm. Geld da. Tabak da. Brief da. Handy nicht da.

Natürlich, das Handy lag am Grund des Sees.

Fred ging Richtung Ort, und nebenbei in sich. Er dachte an Charlotte. Das erste Mal, seit sie ihn verlassen hatte, dachte er ohne Bitterkeit an sie. Charlotte hatte recht gehabt, ihn zu verlassen. »Nicht, dass ich sie schlecht behandelt hätte«, sagte Fred leise. »Ich hab sie gar nicht behandelt

Fred hatte Charlotte gleich am ersten Abend – um einen Begriff seiner Mutter zu gebrauchen – »entzückend« gefunden. Das allein hätte ihm schon zu denken geben sollen. Wenn er eine Frau mit einem Eigenschaftswort aus dem Repertoire seiner Mutter bedachte, konnte das nichts Gutes bedeuten. Aber entzückend war sie. Ein richtiges Berliner Gör, mit frechem Kurzhaarschnitt, und einer ganz eigenen Kunstsprache. Charlotte hätte zum Beispiel gesagt: »Kuns-sprache«. Sie verschluckte gerne ganze Silben, wie es Betrunkene tun, doch sie tat das mit derselben Gewandtheit und Schnelligkeit, mit welcher sie an anderer Stelle Buchstaben hinzufügte. »Du hast vergess, Weins zu kaufen«. (Ein gutes, allerdings unrealistisches Beispiel.)

Charlotte konnte wunderbar kindisch sein. Ihre Arbeit als Moderatorin bei einem großen Fernsehsender für Kinder passte perfekt zu ihr und machte ihr viel Spaß. Eigentlich hätte er selbst einen Haufen Kinder mit ihr bekommen sollen und dann glücklich sein bis zum Ende seiner Tage, Amen. Fred kickte einen Stein von der Straße.

Er dachte daran, wie er Charlotte kennengelernt hatte, bei einer Vernissage ihres gemeinsamen Freundes Benno. Zufällig hatten sie gemeinsam die Galerie verlassen, ein paar Worte gewechselt, Interesse aneinander gefunden und sich dann noch auf eine Bank an das Ufer der Spree gesetzt. Nun ja, und wenn ein Mann und eine Frau nachts auf einer Bank am Ufer eines Flusses sitzen und ein wenig Sympathie für einander verspüren, dann muss es schon mit dem Teufel hergehen, wenn sie sich nicht näher kommen. Fred hatte damals eine sehr ausgeprägte Schmuse-Phase. Er mochte die Zärtlichkeit daran fast ebenso sehr wie die Unverbindlichkeit. Manche Frauen machte das rasend, sie wollten mehr, aber die meisten waren glücklich, ebenfalls unverbindlich zu bleiben. Das war Fred am liebsten. Herzensfaulheit? Feigheit? Oder einfach der Wille, unverbindlich und dadurch ungebunden zu bleiben?

Seine wilden Jahre hatte Fred unter dem Motto gelebt: Besser man bereut, was man getan hat, als man bereut, was man nicht getan hat. Mittlerweile wusste er, es gibt nichts zu bereuen, und, besser noch, es gibt nicht mal was zu versäumen. Wir glauben immer, etwas zu versäumen, dachte er, und es zerreißt uns fast wegen der vielen Möglichkeiten, die uns verlocken. Aber man kann nicht in der Möglichkeitsform leben. Wir können nicht überall sein. Wir können nicht das Glück des Nachbarn auch noch haben. Der Gedanke daran, es nicht zu haben, macht uns allerdings verrückt.

Fred war in letzter Zeit immer weniger gern auf Partys gegangen. Das lag unter anderem daran, dass er dort oft auf Frauen traf, mit denen er etwas gehabt hatte. Zumindest ein bisschen was. In jungen Jahren hatte ihn dieser Nervenkitzel noch beflügelt: Die verschämten und gleichzeitig schamlosen Blicke, die er den Verflossenen zuwarf und diese zurück (oder umgekehrt); die zaghaften und ebenso flirtiven Gespräche, in denen es auszutesten galt, ob eine Wiederholung denkbar oder erwünscht wäre. Jetzt fand Fred diese zufälligen Begegnungen eher peinlich und anstrengend. Es störte ihn auch zunehmend, den Gedanken nicht loszuwerden, dass von allen Menschen, mit denen du dich vermischst, irgendetwas an dir kleben bleibt. Er wollte weder an alte Vermischungen erinnert, noch zu Wiederholungen oder gar zu Neuem verleitet werden.

Charlotte jedenfalls hatte sie gewollt. Die Vermischung. Und gewehrt im Sinne von aktivem Widerstand hatte sich Fred dagegen noch nie.

Plötzlich Bremsgeräusche auf Schotter, Hupen, wegspritzende Steinchen. Ein merkwürdiges Fahrzeug, das Fred wegen des rauschenden Gebirgsbachs überhört und wegen der Kurve nicht gesehen hatte, schlitterte ihm entgegen. Als es zum Stillstand gekommen war, identifizierte Fred das Fahrzeug als alten Puch Haflinger, ein kleines, äußerst wendiges Auto, das ursprünglich für die Armee gebaut worden war, und das sich nun unter Jägern großer Beliebtheit erfreute, weil man sich damit praktisch in jedem Gelände fortbewegen konnte. Das abmontierte Stoffdach lag neben einem Haselnussstock und einem Jagdgewehr auf der Ladefläche. Auf dem Beifahrersitz saß Aisha, die Labradorhündin, am Steuer August. Der schien viel weniger erschrocken als Fred.

»He, der Dichter! Servus! Steig ein

Fred ging zur Beifahrerseite, Aisha schleckte ihm über das Gesicht.

»Wo warst du, fragte Fred streng. Er hatte wohl ein bisschen zu oft an Charlotte gedacht.

»Weg«, antwortete August.

»Hab ich gemerkt. Ich wäre fast verhungert

»Du schaust aber gesund aus. Steig ein, ich fahr dich heim

»Hast du meine Sachen

»Sicher

Fred stieg zu. Aisha setzte sich auf den Boden.

»Ich hab mir Sorgen um dich gemacht«, sagte Fred vorwurfsvoll.

August lachte und fuhr los: »Machst du mir jetzt eine Szene

»Wo warst du

»Bei der Andrea

»Ich hab’s mir gedacht. Bei einer Sennerin. Oben auf der Alm

»Sie ist Büroangestellte. Draußen in der Stadt. Ändert aber nichts an den Umständen: lange Anreise, eigene Welt, viel Schöntun

»Was

»Schöntun. Du musst der Frau immer vermitteln, sie ist die Einzige, die Wahre, die Beste … die hören das gern

»Sehr romantisch«, sagte Fred spitz.

»Man tut was man kann

»Und wo bleibt dann die Liebe

»Die Liebe ist immer, oder ist nicht

»So einfach ist das

»Einfacher geht’s nicht«, behauptete August.

Dröhnend holperte der Haflinger über die Straße. Fred wurde durchgeschüttelt. Das betraf auch seine Gefühle.

»Bei mir war sie nicht. Die Liebe. Mit Charlotte«, sagte er.

»Charlotte

»Kennst du Aikido

»Ich kenn beide nicht. Du hattest was mit Charlotte UND Aikido

»Aikido ist eine defensive Kampfkunst aus Japan. Man nützt die Kraft des Gegners, um ihn ins Leere laufen zu lassen. Ich habe mit Charlotte Aikido gemacht. Ich ließ sie ins Leere laufen. Zum Beispiel, wenn sie reden wollte. Ich hab einfach geschwiegen. Gar nichts gesagt. Versucht, Schüttelreime aus ihren Vorwürfen zu machen. Wenn ich nichts tue, kann ich es am schnellsten hinter mich bringen. Hab ich gedacht

»Und

»Ich hab es gründlich hinter mich gebracht. Sie hat mich verlassen. Ist ausgezogen. Nach drei Jahren – einfach weg. Hat mich sitzen lassen in der Wohnung, einfach so

»Willst du jetzt Mitleid

»Nein. Ich hab’s vergeigt. Ich verstehe nur nicht, warum. Ich bin eigentlich ein liebenswerter Mensch

»Man muss es sich halt manchmal dazudenken

Die beiden waren mittlerweile auf dem Parkplatz am Ende der Straße angekommen.

August stellte den Motor ab, drehte sich eine Zigarette, bot Fred den Tabak an. Fred nahm an. Die beiden rauchten und schwiegen.

»Ich war verletzt. Waidwund! Würde der Förster vielleicht sagen«, sagte Fred.

August blies den Rauch bedächtig aus.

»Es ist, wie es ist«, sagte er.

»Eine tiefe Weisheit, spottete Fred.

»Ist so«, beharrte August.

Er startete den Haflinger und fuhr in den Wald, obwohl dort kein Weg zu erkennen war. Auf Freds fragenden Blick meinte er nur: »Halt dich fest, jetzt wird’s ein bisschen rustikal

4. Juli

Liebe Susanne,

gestern habe ich Jodeln gelernt. Was heißt gelernt: Ich habe angefangen, es zu lernen zu beginnen. Jodeln ist glaube ich das Schönste auf der Welt. Sex muss schon sehr gut sein, um mit Jodeln einigermaßen mithalten zu können. Verzeihen Sie bitte.

Wie konnte das nur passieren, werden Sie sich möglicherweise fragen. Ich werde es Ihnen erzählen: Gestern, als ich mich auf dem Weg in den Ort befand, kam mir August entgegen, in einem kleinen Geländewagen, für den Hindernisse im herkömmlichen Sinn nicht existieren. Wir konnten damit bis zur Hütte fahren, wobei »fahren« ganz sicher kein geeigneter Begriff ist. Der brave Haflinger (so heißt dieses Gefährt) schnaubte und kletterte und überwand Hänge in einer derartigen Schräglage, als würden die Gesetze der Schwerkraft für ihn nicht gelten. Normalerweise hätte ich bei so einem Husarenritt panische Angst gehabt. August lenkte locker mit einer Hand. Die andere brauchte er zum Rauchen. Aber August ist einer jener Menschen, in deren Nähe man sich sicher fühlt. Kennen Sie das, diese Gewissheit: Nichts kann passieren! Zum letzten Mal hatte ich dieses Gefühl als kleiner Junge, als mein Papa noch zu Hause war.

Zur Hütte mussten wir deshalb fahren, weil der gute August mir Lebensmittel für etwa eine Woche gekauft hat, die zu Fuß zur Hütte zu schleppen ziemlich beschwerlich gewesen wäre. August hat übrigens den ersten Brief aufgegeben und wird den nächsten aufgeben und wohl auch diesen hier, denn er hat versprochen, wiederzukommen. Sie können mir also jederzeit zurückschreiben, wenn Sie wollen. Und wenn es überhaupt eine Adresse gibt. »Kleine Hütte am Kleinen Elbsee, vorletzter Weg links, Gemeinde Grünbach Sie werden ja selbst am besten wissen, wie es geht. Falls Sie mir wirklich schreiben, dann wohl an die Gams. Poste restante. Sind das nicht herrliche Wörter: Poste restante. Wörter aus einer anderen Zeit. Hierher, nach Grünbach, passen sie.

Als wir gelandet waren, trugen wir die Vorräte zur Hütte. In jeder Nische, hinter jeder Klappe des Fahrzeugs hatte August irgendetwas verstaut, ein Päckchen Reis, ein Kilo Mehl, einen Bund Karotten. Der Salat hat ein wenig unter Schmieröl gelitten. Meine Hauptnahrungsmittel sind ein zwei Kilogramm schwerer Laib Brot, ein ganzer Laib Käse und eine gewaltige Seite Speck aus Augusts Manufaktur. Das Fleisch, hat mir August erklärt, liegt zwei Wochen in Salz und Kräutern, danach wird es bei niedriger Temperatur weitere zwei Wochen lang geräuchert. Das, liebe Susanne, nenne ich Alchemie, und solcherart kommt das Schwein zum zweiten Mal in den Himmel.

Nachdem wir uns ein wenig gestärkt hatten, sagte August: »Komm, Dichter, ich zeig dir was August sagt neuerdings immer »Dichter« zu mir. Solange er nicht »Poet« sagt, soll es mir recht sein.

Wir liefen den Berg hinter der Hütte hinauf. Das scheint Augusts normale Fortbewegungsart im Gebirge zu sein. Je steiler der Berg, desto schneller rennt er. Ich hatte große Mühe, ihm zu folgen, an den Wasserfällen vorbei, durch den Fichtenwald wild bergauf. Im Windschatten seiner Energie surfte ich mit, immer höher hinauf. Die Bäume werden immer kleiner, je höher man steigt, knorrig und verwittert trotzen sie den Winden, die Lärchen und Zirben. In ihren Ästen hängen grünlich-weiße Flechten, die aussehen wie die Barthaare eines Bergriesen, der sie vielleicht, durch die Wälder streifend, hier verloren hat. Die Bäume wichen allmählich den Latschen, die Latschen den Moosen, die Moose den Felsen. Durch einen Hang voll Geröll bahnten wir uns einen Weg bis zum Gipfel, den Sie sich freilich ohne Gipfelkreuz vorstellen müssen, denn Gipfel reiht sich hier an Gipfel, und würde man jeden einzelnen mit einem Kreuz versehen, sähe es aus wie auf einem Friedhof.

Es musste früher Nachmittag sein, die Sonne stand hoch am Himmel, und dennoch brannte sie in dieser Höhe nicht. Frische, fast kühle Luft umspielte uns. Ich erreichte den Gipfel kurz nach August, sah zuerst seine kantigen Waden, seine Lederhose, schließlich den ganzen, prächtigen Menschen, wie er aufrecht über allem stand, während ich leicht gebeugt und vollkommen durchgeschwitzt nach Atem rang. August sagte nichts. Als ich mich ebenfalls aufrichtete, sah ich die ganze Welt vor mir. Oder zumindest die ganzen Alpen. Berge und Täler, Wälder und Felder, Flüsse und Seen, und Gipfel, Gipfel, Gipfel, vom ewigen Eise bedeckt, runde, breite, spitze. Berge! Berge, so weit das Auge reichte, und es reichte weit, so weit, dass ich die Krümmung der Erde wahrzunehmen vermeinte.

August stieß plötzlich einen Juchitzer aus. Verstehen Sie »Juchitzer«? Eine Art Urschrei, Almschrei, Ausdruck der Freude, ein Laut, der den Körper von der Sohle bis über den Kopf hinaus vibrieren lässt, ein Ton, der sich über die ganze Welt ausbreitet, dessen Schwingungen noch im fernen Indien zu vernehmen sind, wenn jemand nur still genug zuhört. Und die Farbe des Juchitzers – die innere Farbe – sie ist erst rot, dann orange, gesprenkelt, ineinander verschwimmend, wie eine herrliche Rose, so fühlt sich das an.

Ju-hu-hu-hu – hu.

Okay, ich gebe zu, aufgeschrieben wirkt es albern.

Mir jedenfalls, mir lief die Gänsehaut über den Rücken, sie hörte gar nicht mehr auf, ein Schauer nach dem anderen ließ mich erzittern.

Entschuldigen Sie bitte, ich werde schwülstig wie einer, der im 19. Jahrhundert lebt. Über meine eigenen Versuche möchte ich den Mantel des Schweigens breiten. »Das kann jeder. Fang einmal an, Dichter. Ju-hu-hu, hat August gesagt, aber so leicht war es dann doch nicht. Als ich meine krächzenden Laute aus der Kehle ließ, tauchten plötzlich ein paar Bergdohlen auf, wahrscheinlich, um nachzusehen, ob irgendwo ein verletzter Artgenosse herumlag.

Doch das Juchzen stellte nur die Vorbereitung dar. August wollte mir einen echten Jodler beibringen, den wir zusammen singen konnten. »Wichtig ist mir vor allem die Texttreue, verstanden, Dichter, sagte er, um mir dann in größter Ernsthaftigkeit vorzusprechen: »Hul-jo-i-diri-di-ri, hol-la-rai-ho-i-ri«, und ich sprach ihm zunächst nach und dann sang ich ihm nach und am Ende sangen wir zu zweit. Ich musste aufrecht und gleichzeitig locker stehen, das allein ist für mich schon so schwer wie ein doppelter Salto, zumal ich nebenbei noch atmen und die Zunge entspannen sollte. Ich glaube, ich sah so richtig bescheuert aus. Aber es machte Freude, solche Freude, die ersten eigenen Jodeltöne in die Welt zu schicken. Die Wirbelsäule vibriert dabei, hat August erklärt: »Wenn du’s hier schwingen spürst, dann ist es recht. Da, genau zwischen den Schulterblättern. Dort, wo bei den Engerln die Flügel angewachsen sind. Der Jodler kommt aus der Mitte. Es ist ein Ruf aus der Tiefe des Herzens August zeigte eine unglaubliche Virtuosität darin, die Oberstimme zu singen, eine Terz oder eine Quint höher, wie er mir erklärte, und wenn er mit mir gemeinsam sang, dann klang es auch einigermaßen schön. Eigentlich herzzerreißend schön. »Hul-jo-i-diri-di-ri, hol-la-rai-ho-i-ri

Ich will mich nun ein wenig an den See setzen, zu lauschen, ob ich in der Erinnerung noch ein fernes Echo des Tons vernehmen kann. Wissen Sie, wie man hier dazu sagt? »Zulosn«. Hinhören. Ich glaube, das Wort zulassen kommt daher. Zulassen bedeutet nicht, etwas geschlossen zu lassen (einen Sack zum Beispiel), das widerspricht dem Wortsinn. Zulassen kommt von zulosn. Zulauschen. HÖREN.

August kommt zurück, ich werde ihm den Brief mitgeben. Er hatte im Wald zu tun. Er baut eine Wildfütterung für den Winter. Ich freue mich, wenn Sie mir ein paar Zeilen schreiben. Sie wissen ja, wo ich bin.

Ich grüße Sie

Fred

7. Juli

Liebe Susanne,

nach drei Tagen in der Stille und Einsamkeit wäre ich nun um ein Haar bitter geworden, weil Sie mir nie geantwortet haben. Nun weiß ich ja weder, ob August die Briefe aufgegeben hat, noch, ob es so etwas wie eine international tätige Post nach wie vor existiert, noch, ob Sie mir überhaupt antworten wollen. Und auch rein theoretisch wäre eine Antwort Ihrerseits wohl zeitlich nicht möglich. So habe ich meinen Anflug von Groll sofort wieder vergessen und will stattdessen den natürlichen Vorgang des Briefeschreibens mit Bleistift auf Papier lobpreisen, welcher sich in dem organisch gewachsenen Rhythmus der postalischen Dienste abspielt. Und wenn Sie einen Brief von mir bekommen oder ich von Ihnen, dann halten wir ja tatsächlich ein Stück des anderen in der Hand. Zunächst einmal inhaltlich, durch die Worte. Dann formal, durch die Auswahl des Papiers, welche bei mir freilich wenig Variation zulässt, und durch das Schriftbild! Man muss kein Graphologe sein, um aus den Schriftzügen eines anderen eine ganze Menge herauslesen zu können. Außerdem glaube ich, Spuren von DNA oder so kleine Duftpartikel des anderen finden sich auf den Briefen. Wenn es für die Spurensicherung der Polizei wichtig ist, warum sollte es für unsere Verbindung nicht wichtig sein? Nur weil wir die Spuren nicht sehen? Denken Sie an einen der Größten, denken Sie an Matthias Claudius und sein Abendlied – »Seht ihr den Mond dort stehen? Er ist nur halb zu sehen, und ist doch rund und schön

Mein Gott, liebe Susanne, wie armselig ist doch unsere elektronische Welt geworden! Sie werden sagen, jaja, ist schon gut, schwärme nur weiter, Dichter, und ich gebe zu, ich selbst hätte nie geglaubt, wie fundamental anders das Leben ist – das Leben nach ein paar Tagen ohne Strom, ohne Geräte, ohne Fernseher, Radio, Handy, Computer. Sie kennen das sicher, es ist ja Ihre Hütte! Der ganze Lärm ist plötzlich weg, das permanente Gequatsche, der sich in den Vordergrund drängende Unsinn, mit dem wir unsere Tage einlullen, anfüllen, zumüllen. Wenn das alles verschwindet, ist es plötzlich still! Ich fühle mich in Kontakt. Verstehen Sie? In Kontakt mit allem. Sogar mit mir!!

8. Juli

Die Sonne sinkt hinter den Berg.

Wasser gekräuselt.

Bäume, bewegt von Wind.

9. Juli

Es ist heiß. Wann kommt August wieder?

Ich weiß es nicht.

Sitze am Steg und schaue. Manchmal mit geschlossenen Augen.

War viel schwimmen, unter den Fischen.

11. Juli

Vielleicht hören Sie das als meine Verlegerin nicht gerne, aber ich habe immer mehr folgendes Gefühl: Das, was mich am meisten daran hindert, in der Glückseligkeit des Seins aufzugehen, sind Worte.

Als heute zum Beispiel die Sonne unterging, dachte ich, oh, wie schön das ist, und dann beginne ich, den heutigen Sonnenuntergang mit dem gestrigen zu vergleichen, welcher zauberte mehr Rot auf die Bergspitzen, und dann denke ich, wie wird das Wetter wohl morgen werden, und der Sonnenuntergang morgen, überhaupt, Sonnenuntergänge erinnern mich so an die Zeit mit Sibylle in der Toskana, wäre auch nicht schlecht, wenn Sibylle jetzt hier wäre, oder Anna, und wie war das mit Charlotte … Und ist ein Gedanke weg, kommt schon der nächste. Ein ewiges Rad, an das wir uns selbst schlagen! Ist doch Wahnsinn, womit einen Worte die ganze Zeit quälen! Wir dürfen keine Namen geben. Damit beginnt der Irrweg. Schon mit der Benennung. Es geht nicht um die Benennung, nicht um die Bezeichnung. Nicht einmal um das Bezeichnete!!!

12. Juli

Ich bin. Hier. Ich kann keine Worte mehr verwenden. Ich muss keine Worte mehr verwenden. Das, was ich erlebe, kann ich mit Worten nicht beschreiben. Es ist die vollkommene Präsenz. Oder, als Schriftsteller zu reden: der perfekte Präsens. Ich sehe Wolken, aber ich denke nicht Wolken. Sie sind nicht außerhalb von mir. Sie sind nicht getrennt von mir. Die einzige Wirklichkeit ist mystisch. Diese Erkenntnis stand plötzlich in kristalliner Klarheit vor mir.

August kommt! Er hat einen Brief!

Berlin, am 8. Juli

Lieber Herr Firneis!

Da ich durch einen postalischen Zufall oder wegen der Verzögerung durch das Wochenende Ihre Briefe alle auf einmal erhalten habe, werde ich Ihnen sozusagen gesammelt antworten. Wie Sie wissen, bin ich nicht wahnsinnig systematisch, was ich durch systematisch aussehende Listen zu vertuschen versuche. Ich schreibe Ihnen außerdem mit der Maschine, also dem apple, damit Sie bei der Schrift-Entzifferung nicht dieselbe Mühe haben wie ich.

Also:

1) Ich erkenne Sie nicht wieder.

2) Ich bin froh, dass Sie noch oder wieder leben. Die Gesamtausgabe werde ich dennoch erst in Druck geben, wenn Ihr Gesamtwerk in meinem Verlag den Umfang von drei Bänden überschreitet. Also schicken Sie mir bitte bald den nächsten.

3) Charlotte habe ich natürlich kein Sterbenswörtchen gesagt. Ich sehe sie auch bloß im Fernsehen, in den Kinder-Nachrichten. Sie hat eine neue Kurzhaarfrisur und sieht sehr sehr niedlich aus.

4) Benno habe ich gestern in der Burger-Bar getroffen. Er zeigte sich bewegt, den Mercedes nach Ihrem Ableben zu bekommen, und wird sich diesbezüglich bei Ihnen melden.

5) Was haben Sie mit August gekostet (geraucht?) und danach solchen Hunger bekommen? »Elbtaler«, das konnte ich lesen, aber was heißt das andere Wort? Gewerkschaften? Gewürzgurken? Gewerbekranke? Glühwürmchen?

6) Fein, dass Ihnen der Speck wieder schmeckt. Moralisch überlegene Menschen sind eine Zumutung, weil sie einen immerzu daran erinnern, dass man besser sein könnte, als man ist, aber leider meistens darauf vergisst.

7) Soll ich Ihnen Betablocker schicken?

8) Die Sache mit dem Putzen finde ich echt klasse. So, wie es in Ihrer Wohnung aussah, hätte ich niemals gedacht, dass Sie so schnell Gefallen daran finden. Wenn Sie kein neues Buch liefern, können Sie gerne bei mir beginnen. Meine Ivanka bekommt zwölf Euro, Sie können mit zehn anfangen.

9) Bitte schicken Sie mir keine Haikus mehr. Bitte schreiben Sie keine Haikus mehr. Ich hasse Haikus. Haikus sind der absolute Ladenhüter. Umsatzkiller. Selbst Harry-Potter-Haikus würden sich nicht verkaufen. Darf ich Sie an dieser Stelle an Ihre eigene Brandrede erinnern? Sie sagten so was Ähnliches wie Haikus wären »weithin überschätzte asiatische Pseudolyrik, die in einer kunstlosen Anhäufung von Gemeinplätzen besteht

10) Bitte schreiben Sie auch keine Jodler. Ich kann nicht einschätzen, wie der internationale Markt darauf reagieren würde.

11) Für Ihre Theorien hinsichtlich der Herkunft des Wortes »zulassen« konnte ich in Kluges etymologischem Wörterbuch der deutschen Sprache keine Hinweise auf die Richtigkeit Ihrer offensichtlich laienhaften Ansätze finden. Für die Falschheit freilich auch nicht.

12) In diesen August scheinen Sie ja regelrecht verliebt zu sein. Werden Sie jetzt schwul? Ich habe natürlich nichts dagegen. Auch Shakespeares Sonette richten sich an einen Mann. Ich bin mir sicher, dass es hier in Berlin einen schönen Absatzmarkt für homosexuelle Liebesgedichte gibt. In diesem Sinne: Nur zu!

13) Bitte übertreiben Sie es trotz aller Leidenschaft nicht, vor allem nicht mit den Metaphern. Fred, ein Bild wie »im Windschatten seiner Energie surfte ich mit« ist einfach unzumutbar. Dafür haut Ihnen unsere Lektorin den Duden dreimal auf den Schädel. Eine Energie hat keinen Schatten, und schon gar keinen Windschatten! Und surfen kann man im Wind, aber eben nicht im Windschatten!

14) Schreibe ich nur, weil ich abergläubisch bin. Leben Sie wohl. Und schreiben Sie! Schreiben Sie mir! Schreiben Sie mir Gedichte! Ich spüre, Sie nähern sich einer glänzenden Form an. Es gibt so viele Menschen, die Sie mit Ihren Gedichten glücklich machen können. Denken Sie daran. Man hat als Künstler auch eine Verpflichtung.

15) Schade um die Teigwaren aus dem Wende-Jahr. Hätte ich eine Rechtsabteilung, Sie würden von ihr hören . Allerdings kann ich Sie beruhigen, ich komme sehr selten in die Hütte.

Ich grüße Sie recht herzlich!

Susanne Beckmann

»Jetzt hörst aber auf«, schimpfte August.

»Ich hab ja nichts gemacht«, sagte Fred.

»Du glaubst, ich merk nichts

»Sie ist ja so lieb

»Wenn du sie liebst, dann gib ihr keine Speckschwarten

Auf dem Tisch vor der Hütte standen zwei Flaschen Bier und Reste einer Jause – Brot, Speck, Käse, Butter. Neben dem Tisch saß ein schwarzer Hund und wartete auf milde Gaben, die Fred in Form von Fettstücken unter den Tisch fallen ließ.

»Muss man das jetzt irgendwie symbolisch verstehen, wollte Fred wissen. »Ich meine, kann man das auf Frauen im Allgemeinen auch anwenden

»Na sicher, Dichter

»Und zwar

»Ist ja ganz klar: Wenn du eine liebst, dann gib ihr keine Speckschwarten

»Aber was bedeutet das?

August klopfte Fred auf die Schulter und lachte: »Dichter! Ist doch Schwachsinn. Warum glaubst du eigentlich alles, was man dir erzählt

»Ah eh

»Und gehen dir die Frauen nicht ab, wollte August wissen.

»Nein

»Was ist, und rauchen tust du auch nicht mehr

»Rauchen, fragte Fred verwundert.

August holte seinen Tabak und seine Papers aus der Brusttasche, legte sie auf den Tisch.

»Ich hab komplett auf’s Rauchen vergessen«, rief Fred aus. »Vergessen! Dass es so etwas gibt

»Du bist überhaupt ein bisschen wunderlich geworden in den letzten Tagen. Aber ich kenn das. Wenn man länger allein ist, wird man so

August zündete sich die soeben gedrehte Zigarette an. Auch Fred drehte sich eine.

»Ist ja herrlich«, sagte er, als er den ersten Zug nahm. »Wie hab ich das vergessen können

»Und meine Kräuterplantage hast du auch vergessen

»Komplett

»Es soll jetzt einige Tage trocken und heiß werden. Du musst manchmal gießen. Bitte vergiss das nicht. Übrigens wird die Straße repariert. In drei, vier Tagen kannst du weg

»Ich kann weg

»Ja

»Nach Berlin

»Was fragst du das mich? Wenn du erst in Grünbach unten bist, kannst du überall hin. Von mir aus nach Rom oder nach Honolulu

»Ich will nicht nach Berlin

»Musst ja nicht. Oder musst du

»Muss nicht«, sagte Fred, und dann rauchten sie schweigend weiter.

»Dichter, warum bist du eigentlich hier

Fred dachte nach. Warum war er eigentlich hier? Zunächst einmal, weil er es in seiner Wohnung nicht mehr ausgehalten hatte. In seiner Wohnung hatte er es nicht mehr ausgehalten, weil er sich darin wie ein Gefangener gefühlt hatte. Wie ein Gefangener hatte er sich gefühlt, weil er es tatsächlich nicht mehr geschafft hatte, hinauszugehen. Das hatte er nicht mehr geschafft, weil an öffentlichen Plätzen Panikattacken über ihn gekommen waren. Die Panikattacken hatte er bekommen, weil er vereinsamt war, und vereinsamt war er endgültig, als Charlotte ihn verlassen hatte. Charlotte hatte ihn verlassen, weil er den Kontakt zu ihr verloren und nicht mehr gesucht hatte. Und warum wollte er den Kontakt zu ihr nicht mehr finden? Spätestens an dieser Stelle fehlten Fred die Antworten. Suchte er insgeheim, was er am meisten fürchtete, nämlich das Verlassensein? Hatte er zu viel gesoffen? War das Saufen ein Symptom oder eine Ursache? Litt er daran, dass er nicht schrieb? Hatte er nicht geschrieben, weil er zu viel gesoffen hatte, oder hatte er zu viel gesoffen, weil er nicht geschrieben hatte? Das alles hatte sich vermischt, zu einem unerträglich lähmenden Gefühl der Ausweglosigkeit, und gleichzeitig war die sonst so hilfreiche Selbstironie in Selbsthass umgeschlagen.

»Ich hatte ein Burnout«, versuchte es Fred mit einem Modewort, und gleichzeitig wurde ihm bewusst, dass er mithilfe dieses Modeworts verhinderte, mit August über seine Gefühle zu sprechen.

»Ein was

»Burnout. Ausgebrannt

»Ach so, das«, sagte August enttäuscht.

»Haben jetzt alle«, gab Fred zu.

»Wobei ich ja glaube« – und hier machte August eine lange Nachdenkpause – »ausgebrannt fühlen sich meistens Leute, die für nichts brennen. Wenn man für etwas brennt, hat man Energie ohne Ende

»Das sagt sich so leicht

»Für etwas Feuer und Flamme sein, das kennst du doch? Dichter! Die Welt riechen und schmecken und spüren, ohne Glasscheibe dazwischen! Brennen

»Sicher kenne ich das. Kannte ich das

»Na und brennst du dann aus, wenn du Feuer und Flamme bist

Jetzt war es Fred, der nachdachte: »Nein. Stimmt

»Eben. Es gibt kein Burnout. Es gibt nur ein Noburn. Verstanden

»Bei dir ist immer alles so einfach, dass es schon fast ärgerlich ist

August lachte.

13. Juli

Ein starkes Erdbeben weckte Fred früh am Morgen. Mit pochendem Herzen und großen Augen lag er in seinem Bett und sah zu, wie das gerahmte Foto an der Holzwand zu Füßen seines Bettes zitterte. Das Schwarzweißbild zeigte Susannes Vater vor dem Rohbau der Hütte, mit nacktem Oberkörper. Über der Schulter trug er lässig eine Axt. Hätte Fred nicht gewusst, dass es sich um eine Axt handelte, er hätte es jetzt nicht erkennen können, weil das Bild vor seinen Augen verschwamm. Aus der Küche hörte er die Tassen in der Kommode klimpern und klappern.

Nachdem das Erdbeben mehrere Minuten lang die Hütte durchgerüttelt hatte, wurde Fred klar, dass die Ursache für die Erschütterung eine andere sein musste. Er sprang auf, zog sich schnell an und ging vor die Tür.

Der Lärm erinnerte ihn an Berlin. Recht schnell wurde ihm klar: Das waren die Maschinen für die Wiederherstellung des Fortswegs. Fred ging das kurze Stück bis zu der Stelle, an der die Straße den Abhang hinuntergerutscht war. Er sah große Baufahrzeuge, die er nicht benennen konnte. Vermutlich alles Bagger. Ausgenommen natürlich die Lastwagen.

Ein Mann kam über einen provisorisch angelegten Schotterweg auf ihn zu. Offensichtlich war er der Bauleiter, denn er arbeitete als einziger nicht.

Er schüttelte Fred die Hand und wollte wissen, ob er der Kauz sei, der in der Hütte des alten Prinz wohne.

Prinz, das war der Mädchenname von Susanne. Beckmann hieß der hauptberufliche Anarchist und Pleitier, den sie auf der Uni kennengelernt und nach einer durchzechten Nacht in Hamburg geheiratet hatte, nur zum Spaß und natürlich, um die Eltern zu ärgern. Als sie nach Berlin gezogen war und den Verlag gegründet hatte, war ihr die Scheidung vernünftig erschienen, sicherheitshalber. Beckmann interessierte sich inzwischen ohnehin nur noch für Männer. Bei der Scheidung samt anschließender Party hatten sie genauso viel Spaß wie bei der Hochzeit. Susanne stammte ursprünglich aus Landshut in Niederbayern. Ihre Mutter war die Tochter eines großen, in der Wahrnehmung des kleinen Mädchens weltberühmten Zwiebackfabrikanten. Susannes Vater, Hellmuth Prinz, ein fleißiger Stuttgarter, hatte in die Industriellenfamilie eingeheiratet. Obwohl man dort lieber einen echten Prinzen gesehen hätte, hatte sich Prinz als ungeheuer geschäftstüchtig erwiesen. Er übernahm die Backwarenfabrik und baute sie aus.

Susanne (das »Susi« hatte sie sich schon als Kind verbeten) und ihr Bruder Hellmuth (genannt Helli oder Hellmuth der Zweite) waren praktisch ohne Vater aufgewachsen. Entweder er war im Büro, oder auf Geschäftsreise, oder in der Hütte. Er hatte damals die gesamte Jagd gepachtet, so etwas findet man in ganz Bayern nicht, hatte er immer gesagt. Geblieben war eine Sammlung makabrer Trophäen an den Wänden des Anwesens in Landshut – und die Hütte.

»Und wie geht’s dem Helli? Dem jungen Prinz, wollte der Bauleiter von Alfred wissen. Fred erzählte, was er wusste: Dass Susannes Bruder die Firma übernommen hatte, dass er nach einer Krankheit Buddhist geworden war, dass er nun hauptsächlich meditierte und nur mehr nebenbei arbeitete. Also ganz wie der Vater, nur eben Yoga statt Jagd. Leider ginge die Firma nicht mehr sehr gut, was man so höre.

»Eine Tragödie«, befand der Bauleiter. Auch, dass die Hütte so wenig genutzt wurde, obwohl Hellmuth Prinz senior für die Erlaubnis zu deren Errichtung und noch mehr für die Bewilligung des Straßenbaus nach österreichischer Sitte einige Politiker und Beamte bestochen hatte. »Bis hinein ins Ministerium nach Wien«, fügte der Bauleiter anerkennend hinzu. »Und das als Deutscher! Aber ich hab nichts gesagt Bis vor kurzem sei alle Jahre wieder die Ministerin aus der Hauptstadt gekommen, um ihr Gamserl oder einen Hirsch zu schießen. Der alte Prinz habe sich rührend um sie gekümmert. Die Ministerin sei … »Na ja, ich weiß nicht, ob sie sehr gescheit ist … also wenn man jemanden sieht, der versucht, den Klettverschluss auf seinem Schuh zu einer Masche zu binden, dann ist das die Ministerin. Aber ich hab nichts gesagt

Fred wollte gerne wieder zur Hütte zurück, weil ihn das alles gar nicht so sehr interessierte. Aber der gesprächige Mann wurde nicht müde zu beteuern, wie schade es wäre, dass der alte Prinz nun nicht mehr sei. Er habe aber immer noch Freunde, Freunde bis ganz oben, denn anders wäre es gar nicht zu erklären, dass nun mit fünf Maschinen und zwanzig Mann auf Kosten des Wildwasserschutzprogramms eine Straße wieder errichtet würde, die im Prinzip kein Mensch brauche. »Aber ich hab nichts gesagt

Bevor der Bauleiter noch öfter nichts sagen würde, verabschiedete sich Fred schnell. »Wir sind noch heute fertig, rief ihm der Mann nach, »dann können Sie hier weg. Wenn Sie wollen Fred wandte sich um und antwortete: »Ich hab nichts gesagt

Als er zur Hütte zurückkehrte, suchte er als erstes seinen Autoschlüssel. Er musste jetzt wissen, ob der Benz startklar war. Der Motor sprang sofort an. In ein paar Stunden konnte Fred weg.

Er setzte sich auf den Steg. Die Sonne wärmte ihn gnädig. Ruhig lag der See vor ihm. Das Schilf wiegte leise hin und her, auch Fred wiegte sich leise hin und her, Wärme strömte durch sein Herz und süße Wehmut stieg in ihm auf. Es war hier so schön gewesen!

Plötzlich fiel ihm wieder ein: Er musste ja nicht wegfahren. Er bildete sich gerne irgendwelche Gefühle ein, vor allem schmerzhafte. Warum bloß? Wann hatte er die Trennwand zwischen sich, der Welt und seinen Gefühlen aufgestellt? Damals, als sich der Vater verabschiedet hatte?

Solange er zurückdenken konnte, hatte Fred sich als »Scheidungskind« empfunden.

Während er jene Mitschüler beneidete, deren Väter sich Autos leisten konnten, wurde er von seinen pubertären Kameraden beneidet, weil er keinen Vater hatte, mit dem er streiten musste. Das musste er tatsächlich nicht, denn sein Vater war in Berlin, machte dort irgendwelche Geschäfte mit Kugellagern und kam nur zu Weihnachten in Wien vorbei.

Immerhin zahlte er brav seine Alimente, sodass seine Mutter nur halbtags als Bürokraft bei Fiat arbeiten musste. Sie sprach ausgezeichnet Italienisch und immer, wenn Fred Anlass zu Ärger gab, und das war häufig, sagte sie – »wenn du mir nicht passiert wärst, dann wäre ich jetzt in Rom Doch auch als Fred erwachsen war und ohne Eifer und ohne Ziel studierte (Philosophie, Psychologie, Theaterwissenschaft), und ohne Eifer und Ziel jobbte (Zeitungsartikel, Kellner, Gartengehilfe), ging seine Mutter nicht nach Rom, sondern in den Ruhestand, und bald darauf in ein städtisches Rentner-Wohnheim, wo Fred sie zweimal im Jahr besuchte. Öfter wollte er sich nicht anhören, dass sie längst in Rom wäre, wenn er ihr nicht passiert wäre. Immerhin, seine Mutter war für ihn dagewesen, als er sie gebraucht hatte, als Kind. Sein Vater hatte sich entzogen. Erst als der alte Herr erkrankte, kurz nach der Wende, besuchte Fred ihn öfter in Berlin. Ihr Verhältnis erwärmte sich nie bis zur Herzlichkeit, aber zumindest gelang es Fred, den Groll, den er gegen seinen Vater hegte, zu überwinden. Als sein Vater starb, erbte Fred die riesige Wohnung, die in einem langweiligen Villenviertel im ehemaligen Westen lag. Fred verkaufte sie und kaufte dafür das Apartment in Kreuzberg. Von dem Gewinn konnte er zwei Jahre leben.

Aber das alles war Vergangenheit. Geschichte.

Eine von vielen Milliarden Geschichten, sagte Fred halblaut. Dann zog er sich aus und sprang in den See. Das Wasser umarmte ihn. Er legte sich auf die warmen Lärchenbretter des Stegs und trocknete in der Sonne. Ja, ein paar Tage wollte er noch bleiben.

Später aß er eine Kleinigkeit und noch später stattete er der Gras-Plantage einen kleinen Besuch ab. In erster Linie, um zu gießen.

14. Juli

Fred erwachte, als die Sonne bereits hoch am Himmel stand. Noch immer leicht benommen von seinem ohnmachtsähnlich tiefen Schlaf wankte er über den Steg und sprang, da er noch nicht nachdenken konnte, ohne zu zögern ins frische Wasser. Augenblicklich erwachte sein Körper, und wenig später auch sein Geist. Er schwamm eine Runde, begrüßte die Enten, das Schilfrohr und die Gipfel des Gebirges, zog sich auf den Steg hinauf und ließ sich von der Sonne trocknen.

Er ging in die Hütte, und als er wenig später mit seinem Kaffee wieder herauskam, erschrak er.

Da trieb eine Frau an der Wasseroberfläche. Sie lag ganz still, das Gesicht unter Wasser. Ihr kastanienbraunes Haar mäanderte im Wasser, wie die feinen Tentakel einer Seeanemone. Eine Tote, dachte Fred, und Panik machte sich in ihm breit. Warum trieb hier eine Frauenleiche im Wasser?! Freds Herz begann zu rasen und sein Magen verknotete sich. Vielleicht lebte sie noch? Vielleicht konnte er ihr helfen? Fred wollte gerade ins Wasser springen, als ein Ruck durch den Körper der Frau ging. Prustend richtete sie sich auf. Sie trug eine Taucherbrille und sah lustig aus damit. Sie sah sich um, erblickte Fred und winkte zögernd. In wenigen Schwimmzügen erreichte sie den Steg.

»Das Wazzer ist kalt. Darf ich mich bei Ihnen aufwärmen

»Aber gern Als Fred diese Frau neben sich auf den Holzbrettern sitzen sah, überkam ihn eine ungemeine Erleichterung, dass sie so lebendig war.

»Ich heize Mara«, sagte sie mit einem charmanten, aber undefinierbaren Akzent, streckte ihm die Hand hin und lächelte.

Ein wenig verwirrt schüttelte Fred Maras Hand. Für ihn war sie gerade auferstanden. Außerdem erinnerte sie ihn an jemanden.

»Ich heiße Fred. Sie können die Luft ganz schön lange anhalten«, sagte Fred. Er hatte beschlossen, die Frau auch zu siezen, um nur ja nicht aufdringlich zu wirken.

»Das gehört zu meiner Arbeit

»Sind Sie Taucherin? Oder Artistin

»Limnologin

»Ist das dieser Tanz

Die Frau lachte von Herzen.

»Aber nein, der Tanz geht so« – sie bewegte ihren Oberkörper geschmeidig hin und her – »und heizt Limbo

Mara schien völlig unbefangen und natürlich zu sein, was Fred ein bisschen irritierte, weil er da nicht mithalten konnte.

»Und Sie sind also Limbologin«, sagte er mit etwas belegter Stimme.

»Limnologin«, lachte Mara. »Gewäzzerwizzenschaft. Also, um es genau zu sagen, die Wizzenschaft von allen biologischen Prozezzen, die sich im Ökosystem eines Binnengewäzzers abspielen

»Binnengewässers«, versuchte Fred, mehr als Vorschlag, denn aus Bezzerwizzerei.

»Genau. Binnengewäzzers«, bestätigte Mara ohne zu zögern. »Ich bin genau genommen Studentin. Fortgeschrittene Studentin. Gehört Ihnen diese Hütte

»Ja«, sagte Fred etwas verwirrt. Dann dachte er kurz nach: »Also genau genommen gehört sie mir nicht. Sie gehört meiner Freundin. Also einer Freundin. Genau genommen einer Bekannten. Beruf und so

»Klazze

»Klazze

»Die Hütte ist klazze

»Ach so. Ja

»Wäre unfazzbar praktisch so eine Hütte für mich. Direkt beim See, perfekt für das Forschen. Mit dem Moped fährt man lange

»Ja, klar«, sagte Fred. »Also, kommt immer drauf an, von wo man wegfährt

»Ja«, seufzte Mara.

Fred gab sich einen Ruck: »Sie kommen von weit

»Von Grünbach

»Sie wohnen in Grünbach

»Nur jetzt für die Studie. In private Zimmer. Sooo neugierig sind Sie

»Tut mir leid Nun fiel Fred nicht mehr ein, was er sagen sollte. Er fühlte sich blockiert. Doch die kleine Stille, die zwischen Alfred und Mara entstand, war keineswegs unangenehm. Schließlich stand Mara auf. »Ich habe Durst«, sagte Mara. »Haben Sie vielleicht ein Glas Wazzer

»Wazzer? Aber natürlich. Tut mir wirklich leid, dass ich nicht daran gedacht habe. Kommen Sie

Fred ging zur Hütte, die Forscherin folgte ihm. Fred deutete auf die Bank vor der Tür. »Bitte, nehmen Sie Platz

Er holte zwei Gläser und ging zum Brunnen hinter der Hütte. Als er die Gläser mit dem Wasser gefüllt hatte und zurückkam, las Mara etwas auf einem Blatt Papier. Sie legte es schnell auf den Tisch.

»Tut mir leid. Habe ich unter dem Tisch gefunden Fred sah den Zettel an. Es war einer der Papierschnipsel, die er in den letzten Tagen bekritzelt hatte. Fred fürchtete sich ein bisschen, was Mara wohl bereits gelesen hatte. Er beschloss, zur Schadensbegrenzung den Text selbst noch einmal laut vorzutragen. Dabei stotterte er allerdings ein wenig, weil er seine Schrift nicht gut lesen konnte.

»Ich bin Teil dieser Welt. Ich gehe auf in der Welt

Weiter unten stand, in noch krakeligerer Schrift: »Ich kann nicht schreiben über das Leben wie ein Forscher einen Frosch seziert Und noch weiter unten und noch krakeliger: »Es geht um Realität. Wirklichkeit

»Hier ist noch ein Papier«, sagte Mara und reichte es Fred, der mühevoll entzifferte: »Ich hab mich an den Rand gesitzt, und etwas in den Sand geritzt

»Schlechtes Deutsch«, bemerkte Mara.

Fred nickte verlegen. Danach entzifferte er noch einen Vierzeiler:

»Vorbei ist der Sommer, reif das Obst.

Du kostest die Frucht, zum Gesunden.

Selbst wenn du zu genießen gelobst

sitzt du da und leckst deine Wunden

»Sie dichten, rief Mara bewundernd aus.

Fred lächelte gepeinigt: »Nein, nein, ich dichte nicht

»Das ist unfazzbar schön

»Finde ich nicht

Mara stand auf. »Danke für das Wazzer. Wunderbares Wazzer

Sie war so anmutig, fand Fred. Und jetzt wusste er plötzlich, an wen sie ihn erinnerte! An die Nixe! An die Nixe, die August auf seinen Arm tätowiert hatte. Fred lächelte versonnen. Eine Nixe …

Mara winkte. Ja, anmutig, dachte Fred, das ist das richtige Wort. »Wiedersehen«, sagte die Nixe in ihrem süßen Akzent. Sie sammelte ihre Taucherbrille ein, stieg ins Wasser, setzte die Brille auf und schwamm langsam Richtung Talschluss. Fred folgte ihr mit den Augen, bis er sie am Rand der nächsten Bucht aus dem Blick verlor.

Mara wandte sich kein einziges Mal um.

15. Juli

Fred wachte in der Dämmerung auf. Er drehte sich hin und her, doch er konnte nicht mehr einschlafen. Er ging zum Auto, um nachzusehen, wie spät es war. Eine andere Uhr hatte er nicht. Knapp vor halb fünf. Idiotisch eigentlich, dachte Fred. Und wenn es vier gewesen wäre? Oder sechs? Hätte das irgendwas geändert? Die Vögel sangen sehr laut. Fast brüllten sie. Und die Fische schmatzten, schnappten an der Wasseroberfläche nach Insekten. Ihre Mahlzeiten zogen weite Kreise. Im Wald knackte und raschelte es. Da schlichen Tiere durchs Unterholz, Hirsche, Füchse, Bären, wer weiß.

In der köstlichen Schwere der Mittagshitze war es stiller am See.

Fred heizte den Holzherd an, um sich einen Kaffee zu machen. Er genoss die Wärme und die Geborgenheit der Hütte. Um acht hatte die Sonne ihren grandiosen Auftritt hinter den Mauern des Gebirges. Um halb neun hatte Fred bereits den halben See durchschwommen. Vielleicht forschte Mara heute am anderen Ufer? Er sah sie nicht und war im Grunde nicht unglücklich darüber. Sie würde seine Einsamkeit nicht stören.

Gegen elf aß Fred das letzte Stück Brot und das letzte Stück Käse. Von August keine Spur. Auch von Mara nicht. Vielleicht war sie eine Touristin, die ihn auf den Arm genommen hatte. Wie eine Forscherin sah sie ja nicht gerade aus. Andererseits, auch Konrad Lorenz oder Hans Hass sahen in der Badehose nicht wie Forscher aus.

Am Nachmittag beschloss Fred, nach Grünbach zu fahren. Er war ja nun nicht mehr auf Augusts Lieferungen angewiesen. Er wäre auch gar nicht mehr in der Lage gewesen, ihm das Geld für die Einkäufe zu ersetzen. Er brauchte einen Bankomat und ein Geschäft.

Fred packte sein Schnipseltagebuch zusammen, um es Susanne zu schicken. Wenn sie das las, würde sie endlich verstehen, dass er nicht mehr schreiben wollte. Nicht mehr schreiben konnte.

Fred genoss es, in seinem eigenen Auto zu sitzen und hinfahren zu können, wohin er wollte. Er bewunderte, wie solide die Straße in dieser kurzen Zeit wieder aufgebaut worden war. Bei Forststraßen konnte man den Österreichern nichts vormachen.

Grünbach wirkte ganz anders als an dem Tag, an dem Fred angekommen war. Im Garten des Gasthofs zur Gams saßen Gäste, aßen und tranken und wirkten zufrieden. Dem Wirt entging keines der vorbeifahrenden Autos. Er nickte Fred freundlich zu.

Auf dem Grünbacher Hauptplatz parkte Fred ein. Er hob Geld ab, ging zur Post, kaufte Kuverts, Marken, Papier und eine Postkarte.

Im einzigen Geschäft des Ortes bestaunte er die Waren, die teilweise noch aus der Zeit seiner Kindheit zu stammen schienen. Fred erstand eine Dose Ravioli und eine mit gefüllten Paprika. Jugenderinnerungen. Riesige, runde Brotlaibe lagen in den Regalen; von einem Dachbalken hingen Würste, Speck und geräucherter Käse. Die Chefin, begeistert von ihrem eigenen Sortiment, beriet ihn mit Herz. Ihr Mann tippte die Preise händisch in eine Kasse ein. Das hatte Fred schon lange nicht mehr gesehen.

Er verstaute seine Vorräte im Kofferraum. Aus dem Lager brachte der Besitzer noch eine Kiste Bier und zwei Kartons Wein. Diesbezüglich war die Auswahl selbst bei Berliner Moslems reichhaltiger. Immerhin, es gab Weiß und Rot.

Fred drehte eine Runde über den Platz, besuchte die Dorfkirche, las die Kundmachungen im Schaukasten des Gemeindeamtes (»Erhöhung der Hundeabgabe«, »Information über Wildbach- und Lawinenverbauung«) und landete schließlich fast ohne es zu wollen im Tourismusbüro. Eine attraktive, wenngleich etwas streng wirkende Dame im Dirndl begrüßte ihn.

»Haben Sie viele Privatzimmer, fragte Fred.

»Wir haben sicher noch etwas Freies«, sagte die Dame und tippte in die Tastatur ihres Computers. »Suchen Sie etwas mit Urlaub am Bauernhof oder lieber Wellness oder Familienanschluss

»Ich suche eigentlich eine relativ junge Frau«, rutschte es Fred heraus.

Die Tourismus-Dame schaute streng hinter ihrem Bildschirm hervor.

»Ich weiß schon«, sagte Fred beschwichtigend, »die meisten Männer in meinem Alter suchen eine relativ junge Frau. Aber in meinem Fall geht es um Wissenschaft. Ich muss mit der Dame etwas besprechen. Etwas Limbologisches

»Ich weiß nicht, wie ich Ihnen helfen kann

»Die Wissenschaftlerin wohnt in einem Privatzimmer. Sie heißt Mara

»Wir haben 118 Privatzimmer-Betten. Ich verfüge über keine Gästeliste und wenn, dürfte ich sie Ihnen nicht weitergeben. Tut mir leid

»Ist schon klar. Mir tut es leid. War wirklich eine blöde Idee. Nichts für ungut. Ist auch nicht so wichtig! Auf Wiedersehen

»Auf Wiedersehen. Und noch einen schönen Aufenthalt in Österreich

Mit diesem guten Wunsch verletzte die Fremdenverkehrs-Dame zwar Alfreds Gefühle, aber nach diesem idiotischen Auftritt war das auch schon egal. Er setzte sich in den Gastgarten des fast schon mondän zu nennenden Kaffeehauses neben dem Gemeindeamt und bestellte einen Cappuccino, der seine Erwartungen weit übertraf.

Postkarte, Motiv Grünbach am Elbsee

Liebe Susanne!

Das Wetter ist sehr gut und vielleicht bleibe ich noch ein bisschen. In getrennter Post schicke ich ein paar Gedanken-Fetzen (im Wortsinn). Grünbach ist ein schöner Ort und die Menschen sind sehr nett. Liebe Grüße, Alfred

Als Alfred Firneis bei der Hütte am Kleinen Elbsee ankam, saß Mara bereits auf dem Steg. Sie schaute angestrengt ins Wasser und hatte Fred nicht bemerkt. Oder, dachte Fred, sie tut angestrengt so, als habe sie mich nicht bemerkt. Aber warum sollte sie sich verstellen? Mara war die natürlichste Frau, die man sich denken konnte.

»Hallo! Hallo Fred rief und winkte, bis Mara sich umdrehte.

»Guten Tag, rief Mara. Dann blickte sie wieder in den See. Vielleicht diese Limbo-Sache?

Fred beschloss, zuerst einmal den Wagen auszuräumen und Mara ihren Studien zu überlassen. Vom Parkplatz bis zu dem kleinen Erdkeller hinter der Hütte, der für die meisten Lebensmittel als Lagerraum diente, musste Fred ein Stück zurücklegen. Sein T-Shirt klebte an seinem Rücken, als er endlich alles verstaut hatte. Er sehnte sich nach einem ausgiebigen Bad im klaren Wasser des Kleinen Elbsees.

Fred schlüpfte in die Badehose und ging auf den Steg. Er brachte die zwei Handtücher mit, die er in der Hütte gefunden hatte. Ein blaues für sich, ein weißes für Mara, denn offensichtlich war sie wieder vom anderen Ufer des Sees bis an seinen Steg geschwommen.

Mara starrte konzentriert ins Wasser und bedeutete Fred mit der Hand, sich vorsichtig zu bewegen. Fred beugte sich zu ihr und folgte ihrem Fingerzeig.

»Sehen Sie, die Fische

»Die sind immer da«, sagte Fred. »Sie fressen alles, was ins Wasser fällt. Ich habe sie Elbtaler Mini-Piranhas genannt

In diesem Augenblick fiel Fred auf, dass er nach seinem Ausflug und dem vielen Tragen nicht gerade frisch roch. Also sprang er schnell und grußlos ins Wasser.

»Alfred! Sie Schlimmer! Die Fische«, hörte er Mara rufen.

»Die werden mich schon nicht fressen

»Aber sie sind wegverscheucht

»Die kommen schon wieder

Nun sprang Mara auch ins Wasser und kraulte mit sanften, aber zügigen Bewegungen zu Fred. Sie tauchte vor ihm auf und spuckte eine kleine Wasserfontäne aus.

»Ist es nicht herrlich, stellte Fred ziemlich unoriginell fest. Mara strich sich die nassen Haare aus dem Gesicht und blinzelte ihn an.

Sie schwammen zurück. Fred reichte Mara ihr Handtuch, sie trockneten sich ab und beobachteten einander dabei. Sie saßen auf dem Steg und ließen wie Kinder die Füße über dem Wasser baumeln. Und wie Kinder hatten sie ihre Handtücher einfach auf den Boden geworfen, unordentlich zerknäult, blau, weiß.

»Sehen Sie«, sagte Alfred, »da sind die Fische wieder

»Zum Glück«, antwortete Mara. »Ich arbeite wizzenschaftlich über sie

Ȇber was

Ȇber phoxinus phoxinus

»Und was ist das, wollte Fred wissen.

»Die Elritze

»Ich weiß auch nicht, was eine Elritze ist

Mara zeigte ins Wasser: »Na diese kleinen Fische! Die Sie Piranhas nennen!! Diese Fischchen, lang wie Finger, mit dem dunklen Streifen auf dem Rücken. Bei uns in Slowakei izzt man sie, in Ezzig eingelegt. Sehen Sie? Sie laichen gerade, und die Männchen haben einen grünen Streifen auf der Seite

Fred wusste nicht, was er sagen sollte, und hatte plötzlich Lust, ein Bier zu trinken, um ein wenig lockerer zu werden.

»Wollen Sie ein Glas Bier

»Danke. Ich trinke kein Bier

Das hätte sich Fred gleich denken können. Schlanke Menschen trinken eben kein Bier. Über dem Gebirge zogen schwarze Wolken auf. Eine kleine Stille entstand. Ein Entenpärchen kam, um ihnen Gesellschaft zu leisten und ein wenig mit ihnen zu plaudern.

»Für Gewäzzerbiologie ist phoxinus sehr wichtig«, nahm die Studentin den Faden wieder auf. »Ich schreibe meine Doktorarbeit über sie

»Sind Sie an der Universität in Wien

»Nein, Slowakei«, sagte Mara, etwas ungeduldig.

»Bratislava

»Zvolen. Niemand kennt Zvolen. Eine kleine Stadt in der Mittelslowakei

»Sie sind von dort

»Sie sind unfazzbar neugierig

Ein Donner grollte, steinern, wie ein Felssturz im Gebirge.

Maras rechte Hand und Freds linke Hand lagen auf dem Steg, berührten einander fast. Mara lächelte Fred an. Fred lächelte, etwas verlegen, zurück. Maras Hand glitt wie zufällig näher an Freds Hand heran. Die kleinen Finger berührten sich, und Freds Herz begann aufgeregt zu pochen, obwohl er sich überhaupt nicht aufregen wollte.

»Wollen Sie ein Glas Wein

»Es ist noch hell«, meinte Mara, fast empört.

»Natürlich«, nickte Fred. Muss ja nicht sein. Bald würde Mara ins Wasser springen und wie ein Fisch entgleiten.

Doch der Himmel wollte es anders. Dicke Regentropfen klatschten auf die Wasseroberfläche, vereinzelt, ohne erkennbaren Rhythmus, aber mit deutlichem Accelerando.

Der nächste krachende Donnerschlag ließ die Luft erbeben. Mara zog erschrocken ihre Hand zurück. Ein Platzregen verwandelte den gerade noch so stillen See in brodelndes Wasser.

Mit einem kleinen Aufschrei sprang Mara auf und nahm ihr Handtuch. Sie wickelte sich darin ein, was bei dem Regen allerdings keinen Sinn hatte. Sie bemerkte es und musste lachen. Auch Fred lachte, packte das blaue Handtuch, und gemeinsam liefen sie zur Hütte. Unter dem Vordach der Hütte blieben sie keuchend stehen und sahen auf den See. Der Wind peitschte wehende Regenvorhänge durch das Tal. Ein Blitz zuckte durch den Himmel, ein gewaltiger Donner folgte.

Im Schutz der Hütte fühlten sich Mara und Fred geborgen, auch wenn sie tropfnass und etwas ratlos herumstanden. Zu ihren Füßen bildeten sich zwei kleine Pfützen. Ein Donner ließ beide zusammenzucken. Der Regen prasselte auf das Hüttendach. »Ich muzz zurückschwimmen. Zu meinem Moped«, sagte Mara.

»Sie können jetzt nicht schwimmen. Das ist viel zu gefährlich«, sagte Fred bestimmt.

»Dann geben Sie mir bitte etwas zum Anziehen

Fred ging in den Schlafraum und kam mit einem weißen T-Shirt und mit einer Boxer-Short, Karomuster, zurück. »Ich habe leider nichts anderes. Ich fürchte, meine Jeans passen Ihnen noch weniger als diese Sachen

Mara nahm die Kleidungsstücke entgegen und sagte artig danke.

»Können wir uns nicht du sagen, fragte Fred, und das wirkte an dieser Stelle etwas aus dem Zusammenhang gerissen.

»Wenn du mir einen Platz zeigst, wo ich mich umziehen kann, gerne«, sagte Mara etwas schüchtern, und fügte sicherheitshalber hinzu: »Alleine umziehen

Fred zeigte auf die Schlafkammer: »Dort

»Du darfst nicht schauen«, sagte Mara errötend.

»Ich mache inzwischen Feuer

Mara verschwand in der Kammer. Fred wandte sich dem Ofen zu, nahm Zeitungspapier und ein paar kleine Holzspäne, entfachte ein Feuer. Mara kam zurück. Das T-Shirt und die Shorts flatterten an ihrem Körper.

»Ich habe kalte Füze. Hast du vielleicht …«

Fred verschwand in der Kammer und kam mit einem Paar Socken aus dicker Wolle zurück.

»Danke«, sagte Mara und lächelte wie ein Mädchen. Sie setzte sich auf einen Stuhl und zog die Socken an. Dann stand sie auf und sah an sich herunter.

»Ich sehe entsetzlich aus

»Aber nein. Ist gar nicht so schlimm

»Weizt du, wir Frauen im Osten, wir sind anders erzogen. Es ist eine Schande, ohne geschminkt und gute Kleidung aus dem Haus zu gehen

Ein Blitz erhellte die Hütte. Es donnerte.

»Du musst jetzt eh nicht aus dem Haus gehen«, sagte Fred. »Ich ziehe mich auch um Eine kleine Pause entstand.

»Okay«, sagte Mara.

Fred ging zur Kammer. In der Türöffnung drehte er sich noch einmal um.

»Du darfst nicht schauen

»Mach ich nicht, lachte Mara.

Mara wärmte sich die Hände über der Metallplatte des Tischherds. Das Feuer knisterte angenehm. Fred kam in Jeans und mit halb geöffnetem Hemd zurück. In der Hand hielt er zwei nasse Handtücher, seine Badehose und Maras Bikini.

»Im Westen sind wir anders erzogen, wir lassen unsere nassen Sachen nicht auf dem Boden liegen

»Oh – entschuldige

»Ist doch kein Problem«, beruhigte sie Fred und hängte alles mit gespielter Sorgfalt über die Holzstangen, die zu diesem Zweck über dem Tischherd montiert waren.

»Ist mir wirklich peinlich«, sagte Mara und nahm Fred ihren Bikini ab, um ihn selbst aufzuhängen.

»Hast du Hunger, wollte Fred wissen.

»Ja. Grozen Hunger

Fred stellte Wasser zu und Mara half ihm, Kartoffeln zu schälen. Fred schnitt die rohen Kartoffeln in dünne Scheiben und ließ sie einige Minuten köcheln. So geht es schneller, als wenn man die Kartoffeln im Ganzen kocht, erklärte er. Mara bewunderte seine Routine am Herd.

»Früher habe ich gerne gekocht«, erklärte Fred. Und während er gekonnt eine Zwiebel schnitt und im ausgelassenen Fett einiger Speckwürfel anröstete, erzählte er von seinem Leben in Berlin, von Charlotte, von der Zeit ohne Charlotte, von seiner zunehmenden Abkapselung.

»Entschuldige«, sagte er, während er die gekochten Kartoffelscheiben in die heiße Pfanne warf, »ich rede eigentlich nie über das alles. Und jetzt muss ich es ausgerechnet dir erzählen, obwohl wir uns doch gar nicht kennen

»Ich finde Menschen und ihre Geschichten interezzant«, entgegnete Mara.

Fred verquirlte vier Eier mit etwas Milch. Es gelang ihm, ein auch ästhetisch gelungenes Omelett zu servieren. Er beobachtete voll Freude, mit welchem Appetit Mara aß. Nach dem Essen streckte sie sich und seufzte: »Das war richtig gut

Sie half ihm beim Abwasch, den Fred gleich erledigen wollte, das gebot sein wiedergefundener Ordnungssinn.

Das Gewitter hatte nachgelassen, doch man hörte den Regen noch auf das Dach prasseln. Es war dunkel geworden.

»Ich fürchte, ich werde nicht mehr wegkommen«, meinte Mara, die darüber allerdings nicht sehr sorgenvoll wirkte.

»Du kannst hier bleiben«, sagte Fred. »Ich werde auf der Bank schlafen

»Kann ich vielleicht doch ein Glas Wein haben, fragte Mara, die gerade die Teller in den Geschirrschrank geordnet hatte.

Sie setzten sich an den Tisch und Fred öffnete eine Flasche Rotwein. Eine Kerze brannte und im Herd knisterte das Feuer. Mara erzählte von ihrer Familie und von ihrer Heimat. Fred versuchte, ihr die seltsame Wandlung zu erklären, die in den letzten Tagen in ihm vorgegangen war. Vom Druck der Einsamkeit, der sich merkwürdigerweise in der Einsamkeit aufgelöst hatte.

Das Feuer und der Wein hatten ihre Wangen gerötet, ihre Augen glänzten. Mara hatte ihre Füße auf die Bank gelegt, sie umklammerte ihre Beine, als wollte sie mit sich selbst kuscheln. Fred vermied es, ihr zu lange in die Augen zu sehen. Die Hüttenromantik begann ihm ein wenig unheimlich zu werden.

»Mara, was bedeutet Mara, fragte er, um etwas zu sagen.

»Was bedeutet Fred

»Alfred

»Und was bedeutet Alfred

»Keine Ahnung

»Eben. Egal! Und überhaupt, Fred! Die Bedeutungen! Hast du nicht erklärt, Namen und Bedeutungen stellen sich zwischen die Welt und uns? Hast du nicht gesagt, wir sollten mehr bewuzzt sein

»Bewuzzt, ja«, seufzte Fred. »Wenn man denn kann

Mara lachte und setzte sich auf. In der Bewegung brachte sie ihr Gesicht ganz nah an jenes von Fred. Fred konnte den Duft ihres Haars riechen, die winzigen Sommersprossen auf ihrer Nase sehen, ihre freundlichen Wimpern …

»Bewuzzt sein«, hauchte sie, »das kannst du …«

Es war ganz still geworden in der Hütte. Nur das Feuer sirrte sacht.

Plötzlich ging mit einem lauten Poltern die Tür auf.

August stolperte herein, durchnässt und völlig erschöpft.

In den Armen trug er seine Hündin Aisha.