II
1
Als erstes ging sie zum Friseur und ließ ihre Haare wieder raspelkurz schneiden. Sie nahm den Ring mit dem verschnörkelten R vom Finger, verzichtete jedoch darauf, irgend etwas Theatralisches damit zu tun, ihn etwa in den Main zu werfen. Sie packte ihn zuunterst in ihre Schmuck-schatulle und dachte kurz daran, wie sie eines Tages – sollte es ihr wider Erwarten noch gelingen, eine Familie zu gründen – ihren Enkeln von Robert erzählen würde.
»Er war kein schlechter Mensch«, würde sie sagen, »und damals war er für eine gewisse Zeit wohl auch wichtig für mich. Aber irgendwo war er einfach ein wenig verrückt. Er erzählte eigenartige Geschichten, und irgendwann wußte ich gar nicht mehr, was ich ihm glauben konnte und was nicht.«
Robert hatte es ihr überraschend leichtgemacht. Von dem Spaziergang nach der Auseinandersetzung war er ziemlich ruhig zurückgekommen, hatte sich ins Bad begeben, noch einmal geduscht. »Zur Entspannung«, wie er sagte. Leona, mit Packen beschäftigt, war überzeugt gewesen, er werde nun zu diskutieren anfangen, werde versuchen, sie von der Notwendigkeit, die Beziehung fortzusetzen, zu überzeugen. Sie hatte sich innerlich bereits gegen all seine Argumente gewappnet und war nun erleichtert, als diese ausblieben. Robert begann ebenfalls seine Sachen zu packen, das Notwendigste, was er für zwei oder drei Tage brauchte.
»Ich kann doch mit dir nach Frankfurt fahren?« fragte er. »Und die Dinge abholen, die ich in deinem Haus habe?«
»Selbstverständlich. Das ist gar kein Problem.«
Es wurde auch kein Problem. Auf der ganzen Fahrt sprach er kaum, und was er sagte, hatte nichts mit ihnen und ihrer Beziehung zu tun. Zwei- oder dreimal lag es Leona auf der Zunge, ihn noch einmal zu fragen, weshalb er sie angelogen hatte und weshalb er auf eine so grausige Lüge verfallen war. Aber jedesmal schluckte sie die Frage wieder hinunter. Sosehr sie das Warum interessierte, sowenig wollte sie ihm andererseits eine Möglichkeit für Erklärungen und Rechtfertigungen geben. Selbst wenn sie ihn hätte verstehen können, es hätte nichts geändert. Es war zuviel passiert. Es war vorbei.
Unter der Oberfläche blieb sie die ganze Zeit über nervös. Es irritierte sie, daß das Drama ausblieb. Sie kannte ihn inzwischen gut genug, um zu wissen, wie er sich verhielt, wenn die Dinge nicht nach seinen Wünschen abliefen. Es paßte nicht zu ihm, daß er die Geschehnisse so ruhig hinnahm. Er schien nicht einmal wütend zu sein. Sie musterte ihn immer wieder unauffällig von der Seite. Sein Gesicht wirkte entspannt, seine Lippen lagen ruhig aufeinander. Kein Flackern in den Augen, kein mürrischer Zug um den Mund verrieten Ärger oder Zorn. Er war blasser als sonst, aber das war Leona selbst auch. Angesichts der Umstände erschien ihr das normal.
Dauernd wartete sie auf einen Ausbruch, wünschte ihn fast herbei, um ihn hinter sich bringen zu können.
Aber nichts geschah.
Er packte daheim in Frankfurt seine Habseligkeiten zusammen, kochte für sie beide ein Abendessen, verbrachte die Nacht im Gästezimmer. Am nächsten Morgen fragte Leona ihn, ob sie ihn zum Bahnhof bringen solle.
Er lehnte ab. »Ich nehme ein Taxi. Es ist einfacher so. Abschiedsszenen auf Bahnhöfen sind mir unerträglich.«
»Es tut mir leid, daß alles so gekommen ist«, sagte Leona unbeholfen. »Ich wünschte …«
Sie brachte den Satz nicht zu Ende. Er schien jedoch zu wissen, was sie meinte, denn er nickte verständnisvoll.
»Ja. Ich hätte mir das auch gewünscht.«
Er drückte ihr die Hausschlüssel in die Hand, die sie ihm gegeben hatte. Sie sah ihm nach, wie er den Gartenweg entlangging, in jeder Hand eine Reisetasche, den Kragen seiner abgetragenen Jacke hochgeschlagen. Die langen Beine steckten in verwaschenen Jeans. Ihr war nie aufgefallen, wie geschmeidig sein Gang war, wie ausgreifend seine Schritte. Im Schein einer blassen Märzsonne glänzten seine dunklen Haare.
Er kann jede Frau haben, dachte sie, ohne Probleme. Die tauchen erst später auf. Ob er mich bei meinen Nachfolgerinnen erwähnt? Ob er von mir auch behauptet, ich sei ertrunken?
Da war wieder der nervöse Schauer, der neuerdings ständig auf der Lauer zu liegen und ihr nur allzu bereitwillig über den Rücken zu laufen schien. Sie wartete immer noch auf eine Eskalation. Sie wartete sogar noch, als Robert ins Taxi stieg und davonfuhr. Sie wartete den ganzen Abend über und während der nächsten Tage. Bei jedem Telefonklingeln zuckte sie zusammen. Aber es war nie Robert am Apparat. Er schien so plötzlich aus ihrem Leben verschwunden zu sein, wie er darin aufgetaucht war.
In einer eigenartigen, diffusen Stimmung vergingen die nächsten Tage, in einer Mischung aus Traurigkeit und Erleichterung, aber im Wettlauf der Gefühle gewann schließlich die Erleichterung einen winzigen Vorsprung und baute ihn von Tag zu Tag aus. Leona merkte erst jetzt, daß sie sich wie in einer Klammer gefühlt hatte. Roberts Präsenz hatte sie bedrückt. Immer war er dagewesen, wenn sie heimkam, hatte bereitgestanden mit einem Drink, einem Essen, zu einem Gespräch. Sie hatte das genossen, aber er war immer eine Spur zu intensiv gewesen, als daß sie sich wirklich hätte entspannen können. Er war für sie dagewesen, war aber seinerseits angerückt mit einem Ausmaß an Erwartungen, das sich manchmal wie ein Ring um ihr Gemüt gelegt hatte. Warum hatte sie das nur nie realisiert?
Weil ich es nicht realisieren wollte. Weil es perfekt sein sollte.
Sie fuhr nach Lauberg, um Dolly und Linda wieder abzuholen. Sie stellte dabei fest, daß Olivia und Paul kaum mehr ein Wort miteinander wechselten und es angestrengt vermieden, einander mit Blicken zu begegnen. Carolins Freund Ben hatte sich die Haare abschneiden lassen, was ihn etwas seriöser wirken ließ, aber offensichtlich hatte er noch immer keinen Job und schien auch nicht sonderlich eifrig bemüht, sich nach etwas Geeignetem umzusehen. Immerhin spielte er mit seinem Sohn Felix im Garten und schien tatsächlich mit einer gewissen Liebe an dem Kind zu hängen.
Leona eröffnete ihren Eltern, daß sie sich von Robert getrennt hatte. Beide waren sehr bekümmert.
»Nun bist du ganz allein, Kind«, sagte Julius traurig, »das ist nicht gut. Allein sein ist nicht gut.«
Leona unterdrückte den Drang nach einer aggressiven Erwiderung. Was du nicht sagst, Vater! Von allein wäre ich nie darauf gekommen. Interessiert es dich zu erfahren, daß ich mir den Single-Zustand keineswegs ausgesucht habe? Sie sagte es nicht. Er hatte es nicht böse gemeint, wäre bestürzt gewesen über ihren Ärger.
»Ach, Vater«, sagte sie nur, »vielleicht werden die Zeiten ja auch wieder besser.«
»Ich hoffe, deine Entscheidung , dich zu trennen, hat nichts mit Wolfgang zu tun«, sagte Elisabeth.
Zum erstenmal fand Leona, daß ihre Mutter anfing, alt und erschöpft auszusehen.
»Er konnte Robert nicht leiden und wollte dich in Ascona anrufen, um dir etwas Wichtiges über ihn zu sagen.«
»Ach ja? Nun, er hat nicht angerufen. Und meine Entscheidung hängt bestimmt nicht mit ihm zusammen. Er wäre der letzte, von dem ich mich in dieser Frage beeinflussen ließe.«
Von Carolin erhielt sie natürlich uneingeschränkte Zustimmung.
»Ich wußte, du würdest irgendwann Vernunft annehmen. Gott sei Dank, daß du jetzt auch gemerkt hast, daß der Typ ein Rad ab hat!«
»Also, am Anfang fandest du ihn zumindest ziemlich attraktiv …«
»Attraktiv ist er, keine Frage. Trotzdem tickt er nicht richtig. Sei froh, daß du ihn los bist.«
Leona sammelte ihre Katzen ein, stellte den Tragekorb mit den zwei schnurrenden Pelzkugeln darin auf den Rücksitz ihres Autos und machte sich auf den Heimweg.
Sie war fest entschlossen, ihr Alleinleben so gut wie möglich zu organisieren.
2
Wolfgang fühlte sich zutiefst erleichtert, als er Leona durch die Glastür des Restaurants hereinkommen sah. Draußen herrschten heute zum erstenmal in diesem Jahr milde Frühlingstemperaturen. Leona trug einen leichten Mantel, um den Hals einen bunten Seidenschal. Als einer der Kellner ihr den Mantel abnahm, stellte Wolfgang fest, daß sie sich in Schale geworfen hatte. Für gewöhnlich zog sie immer nur Hosen an. Heute aber trug sie einen schmalen, ziemlich kurzen schwarzen Rock, darüber einen leichten Pullover aus blaßgrüner Seide. Falls nicht im Verlag irgendein besonderes Ereignis stattgefunden hatte, dann war er, Wolfgang, der Grund für kurzen Rock und hochhackige Schuhe. Er wertete dies als gutes Zeichen. Dies – und die Tatsache, daß sie überhaupt gekommen war, sich auf eine Verabredung mit ihm eingelassen hatte. Noch dazu in diesem Restaurant! Früher war es ihr Stammlokal gewesen.
Er stand auf und ging ihr entgegen.
»Leona! Wie schön, daß du da bist!«
Sie erwiderte seinen freundschaftlichen Kuß.
»Tut mir leid, daß ich zu spät bin. Ich bin einfach nicht eher weggekommen. Der Chef wird fünfzig heute und hat im Palmengarten einen kleinen Empfang gegeben.«
Aha. Deshalb die feinen Klamotten. Wolfgang war ein wenig enttäuscht, überspielte diese Regung jedoch.
»Das macht nichts. Daß du zu spät bist, meine ich. Ich fürchtete nur schon, er ließe dich nicht weg …«
Sie setzten sich an ihren Tisch. Ein Kellner bot einen Aperitif an. Leona winkte ab.
»Danke. Ich hatte gerade schon zwei Gläser Sekt.« Sie wartete einen Moment, dann sagte sie: »Ihn gibt es nicht mehr. Jedenfalls nicht in meinem Leben.«
»Was?«
»Schockiert?«
»Überrascht«, sagte Wolfgang, »sehr überrascht.«
In der Tat, er war mehr als überrascht, er war aus dem Konzept geworfen. Er hatte geglaubt, es mit einer heftig verliebten Frau zu tun zu haben, die blind war für alle Fehler des neuen Partners. Sie war doch so versessen gewesen auf ihn. Wolfgang überlegte, was vorgefallen sein mochte. Da es zum Ende der Beziehung geführt hatte, konnte es nicht ganz harmlos gewesen sein.
»Das … tut mir leid«, sagte er und hatte selten so gelogen. »Ich hoffe, du bist trotzdem okay?«
»Eigentlich schon, danke.«
Er lächelte ihr über den Tisch hinweg zu. »Es ist schön, wieder einmal einen Abend mit dir zu verbringen.«
Sie schlug die Speisekarte auf, sagte sehr sachlich: »Komm, laß uns etwas aussuchen. Du wirst ja auch nicht allzuviel Zeit haben.«
Wolfgang schwieg einen Moment.
»Ich habe alle Zeit der Welt«, sagte er dann, »mich zieht heute abend nicht viel in mein Hotelzimmer zurück.«
Leona hob ruckartig den Kopf. »Hotelzimmer?«
»Ich habe mich von Nicole getrennt.«
»Warum?«
Er zuckte mit den Schultern. »Es hatte keine Zukunft. Die Geschichte mit ihr, meine ich. Mir war auf einmal klar, daß dort nicht mein Weg liegt.«
»Ich dachte, es sei etwas unheimlich Ernstes. Eine Art Welle, die dich mitgerissen hat. Irgendwie unaufhaltsam und unabwendbar.«
Nachdenklich meinte er: »Vielleicht war es das auch. Eine Welle. Ein Ausbruch. Etwas, das mich aus der Bahn geworfen und mein ganzes bisheriges Leben in Frage gestellt hat. Im nachhinein ist mir klar, es hatte gar nicht so viel mit Nicole zu tun. Sie war der Auslöser, aber nicht die Ursache. In mir war das Gefühl übermächtig geworden, raus zu müssen aus allem.«
»Und jetzt?«
Jetzt, dachte er, hätte ich gern ein Happy – End mit dir. Ich möchte dich um Verzeihung bitten, ich möchte, daß du mir vergibst. Im Grunde möchte ich, daß wir dort weitermachen, wo wir aufgehört haben. Genau an dem Punkt. Als ob nichts geschehen wäre.
Aber das war nicht möglich, und das wußte er. Er betrachtete Leona und bemerkte die Veränderung, die mit ihr im letzten halben Jahr vorgegangen war. Sie sah anders aus, und das lag nicht nur an den kurzen Haaren. Ihr Gesicht war schmaler geworden, die Züge klarer und härter. Sie lächelte seltener, und wenn sie es tat, wirkte es manchmal kalkuliert. Man sah ihr an, daß sie durch eine harte Zeit gegangen war, daß sie nie mehr dieselbe sein würde wie vorher. An ihrem leisen Stirnrunzeln bemerkte Wolfgang, daß seine Antwort noch ausstand.
»Und jetzt?« griff er ihre Frage auf.
Er versuchte, ehrlich in sich hineinzuhorchen und ihr aufrichtig zu sagen, was er fühlte.
»Die Empfindung, ausbrechen zu müssen, ist vorbei«, sagte er langsam. »Das Bedürfnis ist gestillt, und es hat sich zudem als Schein-Bedürfnis entpuppt. Ich weiß wieder, was das Leben mit dir wert war. Ich weiß auch, daß es das einzige Leben ist, das ich führen möchte.«
Ein langes Schweigen breitete sich aus zwischen ihnen. Der Ober, der sich wieder genähert hatte, um die Essensbestellung aufzunehmen, entfernte sich diskret. Er hatte gemerkt, daß er im Augenblick stören würde.
»So einfach ist das jetzt alles nicht mehr«, sagte Leona schließlich.
»Ich weiß. Ich habe dich sehr verletzt.«
»Du hast mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Völlig überraschend, von einem Moment zum anderen. Ich hatte keine Gelegenheit, mich darauf vorzubereiten. Ich hatte das Gefühl, als bräche alles zusammen, worauf ich mich je im Leben verlassen habe.«
»Leona …«
»Es lag aber auch an mir«, fuhr sie fort, als habe sie seinen flehentlichen Einwurf – bloß keine grundsätzliche Analyse jetzt! – gar nicht gehört. »Ich war wirklich in einen Dornröschenschlaf gefallen. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, daß mir so etwas passieren könnte – verlassen zu werden, einen Scheidungsanwalt aufsuchen zu müssen … Das stieß anderen zu, nicht mir. Ich hatte mein Leben zwischen ganz bestimmten, unverrückbaren Eckpfeilern eingerichtet. Einer davon war die Ehe als einzige für mich vorstellbare Form der Lebensgemeinschaft. Und die wiederum unter dem Aspekt lebenslanger Treue, Liebe – und all den anderen wichtigen Dingen«, setzte sie ironisch hinzu.
»Daran ist nichts falsch, Leona«, sagte Wolfgang.
»Nein. Aber man sollte auch die anderen Möglichkeiten im Auge behalten. Man darf sich nicht aus der Realität wegträumen. Meist endet das sonst in einem ziemlich harten Erwachen.«
»Also kein Glaube mehr an einen Prinzen?« fragte Wolfgang leise.
Sie schüttelte den Kopf. »Nein.«
»Auch kein Glaube an Neuanfänge?«
Sie sah ihn an. »Das weiß ich nicht. Vielleicht kann ich dir das irgendwann einmal beantworten. Jetzt nicht.«
Der Ober näherte sich erneut, hoffend, daß die beiden Gäste endlich bestellen würden. Leona nickte ihm zu.
»Ich habe riesigen Hunger«, sagte sie.
Am Ende des Abends bot Wolfgang Leona an, sie nach Hause zu fahren, und Leona willigte ein. Sie hatten während des Essens nicht mehr über sich gesprochen, nur über ihrer beider Arbeit, über Probleme mit Kollegen, über kleine Erfolge und jede Menge Ärger.
Es war einfach mit ihm, stellte Leona fest. Er fixierte sie nicht unablässig, und selbst wenn er sie ab und zu forschend betrachtete, hatte Leona nicht das Gefühl, dabei aufgesogen, verschlungen und absorbiert zu werden. Sie hatte nicht den Eindruck gehabt, ihn mit jedem Satz, den sie sagte, ihrer Liebe versichern zu müssen. Obwohl die Atmosphäre aufgrund der Umstände keineswegs unverkrampft gewesen war, hatte doch nicht die Angespanntheit vorgeherrscht, die Robert stets um sich herum verbreitet hatte. Auf einmal fiel das Atmen leichter.
Als sie im Auto saßen und durch die dunkle Stadt fuhren, sagte Leona: »Meine Mutter erzählte mir, du habest mich in Ascona anrufen wollen. Irgend etwas wegen Robert.«
»Ich habe angerufen«, sagte Wolfgang, »aber niemand ging an den Apparat.«
»Was war denn los?«
»Ach – im nachhinein kommt es mir albern vor. Es hat sich ja ohnehin alles erledigt. Aber die Nachbarin von dieser Selbstmörderin, diese Lydia Sowieso, hat mich angerufen. « Er berichtete, was er von Lydia erfahren hatte. »Das kam mir komisch vor, und ich wollte es dir sagen.«
»Wie kam Lydia darauf, dich anzurufen?«
Er zögerte. »Ich hatte sie gebeten, sich bei mir zu melden, wenn ihr wegen Jablonski etwas Eigentümliches einfällt«, gestand er dann. »Ich weiß, das war unmöglich von mir. Aber ich hatte so ein dummes Gefühl. Ich konnte es mir nicht ausreden, sosehr ich es versuchte.«
»Über genau diese Sache«, sagte Leona, »ist unsere Beziehung letztlich zerbrochen. Über der Sache mit der Freundin, meine ich.«
Sie erzählte kurz von Millie in Ascona und den Auskünften, die sie ihr gegeben hatte.
»Das brachte das Faß zum Überlaufen«, schloß sie, »aber es war auch vorher schon einiges passiert. Ich fühlte mich nur noch unsicher und verwirrt. Ich wußte, daß die ganze Geschichte keinen Sinn mehr hat.«
»Hast du dir schon mal überlegt, daß dieser Mann vielleicht wirklich nicht ganz normal ist?« fragte Wolfgang. »Daß er – in einem medizinischen Sinn – krank ist?«
Sie lachte etwas mühsam. »Du übertreibst. Ich glaube nicht, daß er krank ist. Er hat nur einfach eine sehr schwierige Persönlichkeitsstruktur. Er ist wahnsinnig eifersüchtig und übermäßig besitzergreifend. Zutiefst unsicher wahrscheinlich. Von schrecklichen Verlustängsten geplagt. Er will sich den Menschen, den er liebt, mit Haut und Haaren zu eigen machen.«
»Das klingt wie die Beschreibung eines klassischen Psychopathen«, sagte Wolfgang , rollte an den Straßenrand und bremste. »Wir sind da!«
Dankbar, einer Antwort enthoben zu sein, stieg Leona aus.
»Danke, Wolfgang. Es war ein sehr netter Abend.«
Er hatte das Auto ebenfalls verlassen.
»Ich bringe dich noch zur Haustür. Man weiß nie …«
Sie überlegte, ob er damit auf Robert anspielte. Das Wort Psychopath dröhnte in ihrem Kopf.
Sei nicht albern, befahl sie sich, wenn du nicht aufpaßt, steigerst du dich ganz schnell in etwas hinein.
Sie ging vor ihm her den Gartenweg entlang. Die Büsche rechts und links verströmten den Geruch von Frühling. Nicht mehr lange, und alles würde blühen – wild und bunt wie am Lago Maggiore.
Auf den Stufen vor der Haustür lag etwas. Leona konnte nicht sofort identifizieren, was es war. Es sah aus wie ein weggeworfenes Kleidungsstück oder ein Schuh. Im Näherkommen erkannte sie graues Fell und hörte ein leises Wimmern.
»O Gott, Dolly! Das ist Dolly!«
Sie ließ ihre Handtasche fallen, kniete neben der Katze nieder.
»Wer ist Dolly?« fragte Wolfgang verwirrt.
»Eine meiner Katzen. Wolfgang, um Himmels willen, wir müssen ihr helfen! Sie ist krank. Ich glaube …«
»Ganz ruhig. Wir bringen sie erst einmal ins Haus. Ist der Schlüssel in deiner Handtasche?«
»Ja.«
Leona hob Dolly vorsichtig hoch. Der zarte Körper war völlig verkrümmt und verkrampft. Dolly maunzte, versuchte ihr Köpfchen zu heben. Ihre Augen brachen.
Ihr Körper wurde schlaff, der Kopf fiel zurück.
Leona schossen die Tränen in die Augen.
»Sie ist tot! Sie ist tot!«
Mit der toten Katze im Arm folgte sie Wolfgang ins Haus. Linda kam ihnen mit hocherhobenem Schwanz entgegen.
Wolfgang neigte sich über Dolly. »Ich kenne mich da nicht besonders gut aus«, sagte er, »aber ich meine, das war Gift.«
Leona sank auf einen Stuhl.
»Wie furchtbar«, flüsterte sie.
»Leona, du mußt jetzt vernünftig bleiben«, sagte Wolfgang. »Es gibt überhaupt keinen Hinweis darauf, daß Jablonski deine Dolly vergiftet hat.«
Eine Stunde war vergangen. Sie hatten Dolly in einen mit einem Seidentuch ausgeschlagenen Karton gebettet. Leona wollte sie am nächsten Morgen im Garten begraben. Der Anblick des noch im Tode gequält wirkenden Katzengesichts zerriß ihr fast das Herz.
»Sie war so ein liebes Tier«, schluchzte sie, »sie hat nicht einmal Mäuse gefangen. Ich hätte sie nie rauslassen dürfen. Sie war zu arglos. Zu gutgläubig.«
Sie hielt sich an dem Schnaps fest, den Wolfgang ihr eingeschenkt hatte.
»Ich werde mir das nie verzeihen!«
»Warum war die andere Katze nicht draußen?« fragte Wolfgang.
»Sie hatten ein offenes Kellerfenster. Sie konnten kommen und gehen, wie es ihnen gefiel.«
»Du hast das Beste für die beiden gewollt. Es gibt keinen Grund, daß du dir jetzt Vorwürfe machst. Katzen sind nicht gern im Haus eingesperrt. Bestimmt hat Dolly ihre Freiheit sehr genossen.«
»Sie hatte einen schweren Tod. Wer weiß, wie lange sie schon vor der Haustür gelegen hat! Sie muß schreckliche Krämpfe und Schmerzen gehabt haben. Wenn ich doch nur heute ganz normal nach Hause gekommen wäre! Vielleicht hätte ich sie noch zum Tierarzt bringen und retten können!«
»Du machst dich doch nur verrückt, Leona. Du konntest die Katze nicht rund um die Uhr bewachen. Niemanden trifft die Schuld – nur die gewissenlosen Leute, die Gift in ihren Gärten verstreuen und nicht darüber nachdenken, was sie den Tieren damit antun.«
Wolfgang betonte absichtlich die Wahrscheinlichkeit, daß es sich um einen solchen Fall handelte. Leona hatte bereits zweimal einen Verdacht gegen Robert ausgesprochen, und den wollte er zerstreuen. Ironischerweise hatten sie beide plötzlich ihre ursprünglichen Positionen vertauscht. Bis vor kurzem hatte Wolfgang an Robert kein gutes Haar gelassen, während Leona ihn verteidigt hatte, und nun war es umgekehrt. Auch wenn er zuvor das Wort Psychopath ins Gespräch gebracht hatte, war er doch zu sehr Realist, um Jablonski für etwas anderes als einen Spinner zu halten, dessen Gefährlichkeit nun, da die Beziehung zu Leona nicht mehr bestand, gebannt war.
»Und wenn es doch Robert war?« fragte Leona.
»Er ist längst in Ascona«, sagte Wolfgang.
»Er hat gesagt, er fährt nach Ascona zurück«, berichtigte Leona. »Gesehen habe ich nur, wie er in ein Taxi stieg. Wohin ihn das brachte, weiß ich nicht.«
»Zum Bahnhof. Leona, du weißt, ich konnte ihn nie leiden und hatte immer ein ungutes Gefühl, was ihn betraf, aber ich finde, wir sollten die Kirche im Dorf lassen. Die Giftmörder-Version erscheint mir zu dramatisch. Sicher ist er wütend auf dich, weil du die Beziehung beendet hast, aber …«
»Das ist es doch gerade!« Leona starrte ins Zimmer, wobei sie es angestrengt vermied, mit ihrem Blick den Karton zu streifen, in dem Dolly lag. »Er war nicht wütend. Überhaupt nicht. Das hat mich ja so irritiert. Er ist sonst bei jeder Gelegenheit ausgerastet, am schlimmsten in Ascona.« Sie berichtete von dem Vorfall, als sie seinen Ring abgezogen und im Bad liegengelassen hatte. »Das hat ihn wild gemacht. Ich bekam wirklich Angst vor ihm. Verstehst du, er drehte durch, wenn er das Gefühl hatte, ich könnte ihm irgendwie entgleiten. Deshalb war ich erstaunt, wie gelassen er es hinnahm, als ich ihm erklärte, es ginge nicht mehr zwischen uns. Er sah etwas elend aus … aber auch so, als habe er es erwartet. Als habe er von Anfang an gewußt, daß es so endet.«
»Seine letzte Freundin ist ihm auch weggelaufen«, erinnerte Wolfgang, »und die davor vielleicht auch. Womöglich ist er diesen Gang der Dinge seit langem gewöhnt.«
»Aber an so etwas gewöhnt man sich nicht. So etwas ist schlimm. Und es wird immer schlimmer, je öfter es passiert. «
»Vielleicht ist er ein Mensch, der lange Zeit kämpft, fast übermäßig heftig kämpft, der aber genau spürt, wann er geschlagen ist, und der dann von einem Moment zum anderen alle Waffen fallen läßt. Es gibt solche Leute.«
»Warum hat er erzählt, seine Freundin sei ertrunken?«
Wolfgang rieb sich die Augen. Er war müde – aber zugleich spürte er in sich eine sehr wache Furcht lauern, die er keineswegs hochkommen lassen wollte.
»Ich weiß es nicht. Er ist nicht ganz normal. Das habe ich ja immer gesagt. Aber ich halte ihn nicht für gefährlich.«
Letztlich stimmte es nicht, was er sagte, und das wußte er auch. Hätte er Robert nur für »nicht ganz normal« gehalten – eigentümlich, aber harmlos –, dann hätte er nicht versucht, Leona sogar noch in Ascona anzurufen. Etwas hatte ihn beunruhigt, die ganze Zeit über, etwas, das nichts mit seiner Eifersucht zu tun gehabt hatte.
»Letzte Woche am Lago Maggiore«, sagte Leona leise, »da hatten wir ein Gespräch … ich weiß nicht mehr genau, wie es anfing … irgendwie kam er wieder auf meine Haare. Er wollte unbedingt, daß ich sie wieder lang wachsen lasse. Ständig lag er mir damit in den Ohren.«
»Was sagte er?«
Sie sah sich wieder in Locarno in dem Straßencafé sitzen, unter der warmen Sonne, den See zu ihren Füßen. Robert hatte sehr gut ausgesehen, erinnerte sie sich. Er paßte in diese schon ganz und gar italienische Landschaft. Er war lockerer und entspannter gewesen als je zuvor in Frankfurt.
»Er sagte, er freue sich, wenn meine Haare wieder lang wären.«
»Du wolltest das also ihm zuliebe tun? Deine Haare wieder wachsen lassen?«
»Ja«, sagte Leona, »das wollte ich für ihn tun.«
Er betrachtete sie besorgt. »Du warst ziemlich vernarrt in ihn.«
»Ein paar Monate lang hätte ich mir womöglich einen Ring durch die Nase ziehen lassen, wenn er nur dafür bei mir geblieben wäre. Ich dachte, das Schlimmste, was mir passieren könnte, wäre, zu meinen Eltern gehen und ihnen sagen zu müssen, daß mir schon der zweite Mann weggelaufen ist.«
»Ich verstehe«, sagte Wolfgang.
»Jedenfalls«, fuhr Leona fort, »sagte Robert etwas von Rapunzel … es würde ihm gefallen, wenn ich wieder wie Rapunzel aussähe, oder etwas Ähnliches. Ich lachte darauf und erwiderte, er solle sich in acht nehmen, Rapunzel habe einen fremden Mann an ihren Haaren in ihr Zimmer klettern lassen, und vielleicht könnte mir so etwas auch in den Sinn kommen. Es war einfach Geplänkel, weißt du, nichts Ernstes.«
»Und er nahm es ernst?«
»Ich weiß nicht. Er lachte ebenfalls, und …«
»Und?«
»Und er sagte, in diesem Fall würde er mich umbringen.«
3
Am Tag, an dem sie ihren Vater beerdigten, erfuhr Lisa, daß sich ein Zeuge gemeldet hatte, der nun als der – außer dem Mörder – möglicherweise letzte Mensch galt, dem Anna in ihrem Leben begegnet war.
Es war Mittag, als Lisa vom Friedhof zurückkam. Sie hatte geweint am Grab, und sie wollte sich daheim nur wieder kurz zurechtmachen, ehe sie hinüber zum Dorfgasthof gehen und ein Mittagessen für die Trauergäste geben würde. Das Geld dafür tat ihr in der Seele leid, aber ein Essen gehörte zu einer Beerdigung , sie würde sich nicht darum drücken können. Glücklicherweise waren ohnehin nicht viele Leute erschienen; Verwandte gab es nicht mehr, und es hatten sich neben dem Pfarrer nur ein paar Nachbarn und ehemalige Skatbrüder des Verstorbenen eingefunden. Das würde alles in allem nicht zu teuer werden, wenn auch die Männer eine Menge trinken würden – unter dem Vorwand, sich aufwärmen zu müssen, denn es wehte ein kühler Wind in dieser letzten Märzwoche, und alle hatten auf dem Friedhof gefroren.
Lisa war froh, eine Viertelstunde für sich zu haben. Sie wünschte, sie hätte sich ganz allein von ihrem Vater am Grab verabschieden dürfen. Die letzten Monate waren so qualvoll gewesen, für ihn und für sie, daß ihr sein Tod zunächst in erster Linie Erleichterung verschafft hatte. Jetzt muß er nicht mehr leiden, hatte sie als erstes gedacht, und dann: Nun bin ich frei.
Sie war frei, aber sie war auch sehr einsam.
Das Telefon klingelte, als sie gerade ihren Mantel auszog. Mit ihren schmutzigen Schuhen lief sie rasch zum Apparat, lehmige Fußabdrücke hinterlassend.
»Ja?« meldete sie sich.
Es war Kommissar Hülsch. Er fragte, ob er störe, und sie erwiderte, sie habe gerade ihren Vater beerdigt.
Er war betroffen. »Oh – mein Beileid. Ich werde später noch einmal anrufen.«
»Nein, nein. Ich habe ein paar Augenblicke Zeit. Worum geht es?«
»Es hat sich ein Mann bei uns gemeldet, der Ihre Schwester im Juni des vergangenen Jahres, vermutlich an ihrem Todestag, im Auto von Augsburg mitgenommen und etwa zwei Kilometer entfernt von Ihrem Dorf an der Landstraße abgesetzt hat. Er hatte sie an der Augsburger Ausfahrt Richtung Landsberg aufgegriffen. Sie stand dort und trampte.«
»Ach!« Lisa merkte, wie ihr Herz schneller schlug. »Wirklich? Wer ist dieser Mann?«
»Ein Versicherungskaufmann aus Augsburg. Er wollte an jenem Tag zu einem Kunden, der am Starnberger See wohnt.«
»Warum meldet er sich erst jetzt?«
»Er hatte von dem Mord an Ihrer Schwester natürlich damals schon in der Zeitung gelesen. Und er hat sie auch auf dem Foto erkannt. Er hatte Angst, sich zu melden. Das erscheint mir verständlich: Sie ist in sein Auto eingestiegen, und später lag sie ermordet im Wald. Er fürchtete, man werde ihn verdächtigen, und er würde nicht beweisen können, daß er nicht der Täter war. Also beschloß er, vorsichtshalber den Mund zu halten.«
»Bis jetzt …«
»Bis jetzt. Vor zwei Wochen hat er alles seiner Frau erzählt. Diese war der Meinung, er müsse sich unbedingt bei der Polizei melden. Sie redete wohl so lange auf ihn ein, bis er wirklich bei uns auftauchte.«
»Kann es sein … er ist der Täter?«
Der Kommissar zögerte. »Ich habe das natürlich auch überlegt«, sagte er dann, »aber ich halte es für sehr unwahrscheinlich. Warum sollte er sich nach einem dreiviertel Jahr, in dem ihm niemand auf die Spur gekommen ist, plötzlich melden und in Verdacht bringen? Das wäre außerordentlich töricht von ihm. Niemand, der auch nur ein bißchen Verstand hat, würde das tun.«
»Außer, er ist ein Psychopath. Der es gar nicht erträgt, daß er abseits des von ihm angezettelten Geschehens steht, und der daher versucht, sich selbst wieder irgendwie ins Spiel zu bringen.«
Der Kommissar lächelte, was Lisa nicht sehen, aber irgendwie spüren konnte.
»Sie denken ja richtig kriminalistisch! Tatsächlich gibt es das häufiger: ein Täter, der zwar nicht gefaßt werden will, der aber zugleich darunter leidet, daß wegen des Nichtentdecktwerdens sein Geltungstrieb unbefriedigt bleibt. Ohne daß sie das wirklich vorhaben, tun solche Leute mitunter alles, um am Ende doch noch gefaßt zu werden – und haben dann endlich die Aufmerksamkeit, nach der es sie verlangt.«
»Eben«, sagte Lisa.
Diesmal ahnte sie sein Kopfschütteln. »Der Typ ist er nicht. Der Mensch, der Ihre Schwester ermordet hat, muß einen Defekt haben, der an Geistesgestörtheit grenzt. So, wie er sie verstüm … wie er sie zugerichtet hat, meine ich. Unser Mann hier ist ein harmloser Mensch. Er verkauft den Leuten Versicherungen und will ansonsten seine Ruhe haben.«
»Hm«, machte Lisa.
»Interessant ist jedoch«, fuhr Hülsch fort, »was er uns erzählt hat. Die beiden saßen ja eine Weile zusammen im Auto, und er hat sie gefragt, woher sie kommt. Sie sagte, sie komme aus Südspanien. Sie habe Weihnachten Ferien an der Costa del Sol gemacht und anschließend dort im Hotel gejobbt, um Geld zu verdienen. Was die Weihnachtsferien angeht, so deckt sich diese Aussage mit den Angaben dieses Callgirls, das sich bei Ihnen gemeldet hat.«
»Ja, aber es ist nichts Neues.«
Lisa war enttäuscht. Die Auskunft dieses Zeugen brachte die Ermittlungen sicher nicht voran.
»Warten Sie. Sie hat ihm des weiteren erzählt, wo sie die letzten Jahre verbracht hat. Und nun raten Sie mal, wo das war!«
»Ich weiß es nicht. Ich dachte, in Südamerika.«
»Von wegen. Sie war viel näher bei Ihnen, als Sie ahnen. Sie hat in Ascona gelebt. In der Schweiz.«
Lisa wußte, daß sie längst zum Gasthof hätte hinübergehen müssen. Es war unmöglich, wie sie ihre Gäste warten ließ. Aber sie hatte das Gefühl, das Gebrabbel der Leute nicht ertragen zu können. Ihr zog sich der Magen zusammen, wenn sie an Leberknödelsuppe in goldgerandeten Tellern dachte, an Schweinebraten und Klöße, an das gedämpfte Klappern des Bestecks und an die ganze miefige Tristesse eines Dorfgasthofs an einem kühlen Vorfrühlingstag.
Sie war in ihr Zimmer gegangen – vorbei an dem nun verwaisten Zimmer ihres Vaters – und hatte sich ihren alten Schulatlas aus dem Regal genommen. Dann hatte sie nachgeschlagen, wo Ascona lag. Vor dem Kommissar hatte sie nicht zugeben mögen, daß sie keine Ahnung hatte, wo sie sich diesen Ort geographisch vorzustellen hatte. Nun hatte sie ihn gefunden, in der italienischen Schweiz, und festgestellt, daß es stimmte: Anna war gar nicht so weit weg gewesen in all den Jahren.
»Der Fahrer, der sie mitgenommen hat«, hatte Hülsch berichtet, »fragte sie, weshalb sie denn einen paradiesischen Ort wie Ascona verlassen habe, um in das unwirtliche Deutschland zurückzukehren. Weshalb sie denn nicht wenigstens an der Costa del Sol geblieben sei. Sie wissen, es war ein Junitag, aber es war kalt, sagt der Zeuge, es nieselte. Soweit er sich erinnert, hat ihm Anna irgend etwas in der Art geantwortet, sie sei nirgendwo sicher. Nur daheim, weil sie dort nicht allein sei. Sie habe ihre Schwester und ihren Vater um sich.«
Lisa hatte nach Luft geschnappt. »Anna hatte Angst. Sie war auf der Flucht. Dann ist sie nicht zufällig einem Irren in die Hände gefallen! Er hat sie verfolgt und kurz vor ihrem Ziel eingeholt.«
»Langsam. Das können wir nicht mit Sicherheit sagen. Sie kann trotzdem einem Kriminellen begegnet sein. Wir wissen nicht, wovor sie sich in Sicherheit bringen wollte. Vielleicht vor einer Tragödie, die sie in Gedanken verfolgte. «
»Nein, das glaube ich nicht. Eine Frau erklärt, sie sei nirgendwo sicher, nur daheim, weil dort andere Menschen um sie sind. Kurz darauf wird sie in ein Waldstück geschleppt und niedergemetzelt. Da liegt doch die Vermutung äußerst nahe, daß sie dem Menschen begegnet ist, vor dem sie solche Angst hatte.«
Hülsch hatte eingeräumt, daß manches für die Richtigkeit dieser Theorie spreche.
»Eine Reihe von Fragen bleibt allerdings offen«, hatte er hinzugefügt. »Der Mensch, vor dem sie solche Angst hatte, wer auch immer das war – wie kam er genau im richtigen Moment an den richtigen Ort? Wie hat er ihr folgen können? Der Fahrer, der Anna mitgenommen hat, hat sie nach eigenen Angaben an der Abzweigung der Straße zu ihrem Heimatdorf abgesetzt. Die letzten zwei Kilometer wolle sie zu Fuß gehen, hat sie gesagt. Er war knapp in der Zeit, bot ihr daher nicht an, sie rasch noch hinüberzufahren. Weit und breit war kein anderes Auto zu sehen. Unmittelbar ist ihr niemand gefolgt.«
»Dann ist er vielleicht kurz danach aufgetaucht. Das letzte Stück Landstraße bis zum Dorf ist sehr einsam. Da kann sie leicht jemand ins Auto gezerrt haben.«
»Das war dann aber perfektes Timing.«
»Vielleicht war er ihr seit Südspanien auf den Fersen.«
»Und bringt sie hier um? Hier, wo jeder sie kennt, wo ihre Leiche sofort identifiziert werden kann? Warum hat er sie nicht irgendwo an der Costa del Sol getötet und verscharrt? Es hätte sie nie jemand gesucht!«
Ja, dachte Lisa nun, es hätte sie nie jemand gesucht. Welch ein Armutszeugnis für unsere Familie.
Sie lauschte in die Stille des Hauses hinein. Ein Haus ohne Stimmen. Ohne die Erinnerung an Stimmen sogar. Von Mamas Stimme wußte Lisa schon lange nicht mehr, wie sie geklungen hatte. Auch von Anna war nichts mehr zu hören, kein Lachen, kein Weinen. Kein Flüstern, kein Schreien. Kein Echo ihrer Stimme schwang mehr zwischen den Wänden.
Und selbst die Erinnerung an die Stimme des Vaters verklang bereits. Am Morgen hatte Lisa noch sein Stöhnen im Ohr gehabt, seine zittrigen Rufe nach ihr. Jetzt hörte sie kaum noch etwas davon. Als könne das Haus nichts festhalten von den Menschen, die in ihm gelebt hatten.
Fröstelnd schlang Lisa beide Arme um ihren Körper. Der Atlas, in dem sie nach Ascona gesucht hatte, rutschte von ihren Knien. Sie bemerkte es kaum. Sie hatte nicht gewußt, daß Einsamkeit so weh tun, einen so stechenden körperlichen Schmerz erzeugen konnte.
Ich werde das Haus verkaufen, dachte sie, so schnell wie möglich. Und werde das Dorf verlassen. So schnell wie möglich.
Sie stand auf und trat ans Fenster. Wie an jedem Tag ihres Lebens fiel ihr Blick auf den Wald jenseits der Kirche. Der Wald, in dem Anna ermordet worden war. Auch aus seinen Bäumen klang kein Schrei.
4
Seit dem Tod der Katze war nichts mehr wie vorher. Ein Hauch von Angst lag über jedem Tag, über jeder Nacht. Leona hatte Dolly, entgegen ihrer ursprünglichen Absicht, nicht gleich am nächsten Tag begraben, sondern zu einem Tierarzt gebracht, der die Todesursache feststellen sollte. Nach seiner Diagnose war Dolly an Rattengift gestorben.
»Genug, um sie umzubringen«, sagte er, »aber doch nur so viel, daß sie nicht sofort gestorben ist, sondern sich noch nach Hause schleppen konnte.«
»Glauben Sie, jemand hat ihr ganz gezielt diese entsprechende Dosis zugeführt?« fragte Leona. »Um sie zu töten, sie aber bis nach Hause gelangen zu lassen, damit ich es auch mitbekomme?«
Der Tierarzt zog die Augenbrauen hoch. »Haben Sie da einen bestimmten Verdacht?«
»Es bestünde die Möglichkeit«, sagte Leona vorsichtig.
»Hm. Auszuschließen wäre es nicht. Aber Rattengift liegt leider in vielen Gärten oder Parkanlagen herum. Ihre Katze kann sehr gut zufällig daran geraten sein.«
Leona ging mit der toten Dolly heim und begrub sie unter einer Tanne im Garten. Überall blühten jetzt die Forsythien, und das Gras war bunt von Krokussen. Wie hätte Dolly den Frühling geliebt, dachte Leona, ihren ersten Frühling! Sie war noch so jung gewesen.
Sie wagte es nicht mehr, Linda nach draußen zu lassen. Nur wenn sie selbst an den Wochenenden im Garten arbeitete, nahm sie die Katze mit hinaus, behielt sie aber immer scharf im Auge. Linda hatte sich nach dem Tod ihres Geschwisterchens sehr eng an Leona angeschlossen. Sie schlief nachts an sie gekuschelt bei ihr im Bett, lag sofort auf ihrem Schoß, wann immer sich Leona irgendwo hinsetzte. Sie maunzte kläglich vor dem Kellerfenster, durch das sie früher immer hinausgedurft hatte.
»Es geht nicht, Linda« sagte Leona, »es ist zu gefährlich. «
War es das? Oder sah sie nur Gespenster? Wenn sie abends weg mußte und erst nachts nach Hause kam, jagte sie eine unheimliche Furcht, die sie früher nicht gekannt hatte, den Gartenweg entlang. Vor allem dann, wenn sie so spät dran war, daß in den umliegenden Häusern keine Lichter mehr brannten.
Keiner würde es merken, wenn mich jetzt jemand aus den Büschen anspränge, dachte sie dann. Sie dachte immer »jemand«, aber die innere Stimme, die sie warnte, meinte »Robert«.
Es kam kein Lebenszeichen von ihm, nicht das geringste. Kein Brief, kein Anruf. Einmal wählte sie seine Nummer in Ascona, aber es meldete sich nur der Anrufbeantworter. Das mußte nichts bedeuten; Robert hatte auch hier, selbst wenn er daheim war, fast immer das Band laufen lassen.
Er ist in Ascona, sagte sie fast trotzig zu sich, oder sonst irgendwo. Jedenfalls nicht in Frankfurt.
Wäre er noch in der Nähe, so redete sie sich ein, dann würde er sie ständig belagern. Er würde vor ihrem Haus auftauchen, sich um Verabredungen bemühen, er würde ständig auf sie einreden. Er würde sich nicht ruhig verhalten.
Würde er ihre Katze vergiften?
Sie versuchte, ihr ganz normales Leben wiederaufzunehmen, dort, wo es geendet hatte, ehe sie Robert traf, ehe Wolfgang sie verlassen hatte. Sie fand nichts von dem Frieden und dem Gleichmaß wieder, die damals ihre Tage bestimmt hatten.
Es war Lydia, die sie auf die Idee brachte, Bernhard, den Exehemann der toten Eva, aufzusuchen und mit ihm zu reden. Lydia hatte wieder Tag für Tag über den Anrufbeantworter um ein Treffen gebettelt, und Leona hatte sich schließlich erweichen lassen. Sie gingen zusammen essen, und Lydia brannte auf Details über Leonas Liaison mit Robert. Sie schien frustriert, als sie hörte, daß die Beziehung nicht mehr existierte.
»Nein?« fragte sie mit weit aufgerissenen Augen.
»Wir paßten nicht recht zueinander. Es gab zu viele Meinungsverschiedenheiten«, sagte Leona ausweichend.
»Hat Ihr Mann Ihnen gesagt, daß Robert Ihnen etwas Falsches erzählt haben muß über den Zeitpunkt, als seine Freundin gestorben ist?«
»Ja, aber das hatte ich selbst auch schon herausgefunden«, entgegnete Leona und unterschlug Lydia die Tatsache, daß Roberts Freundin überhaupt nicht gestorben war, sondern das Weite gesucht hatte.
Irgendwann kam Lydia wieder auf Eva zu sprechen und natürlich auf Bernhard Fabiani und seine Schandtaten, und plötzlich dachte Leona, daß Bernhard Fabiani sicher manches über seinen Schwager wußte. Er war viele Jahre mit Eva verheiratet gewesen. Er mußte daher auch immer wieder Kontakt zu Robert gehabt haben.
Sie mochte Lydia nicht nach Bernhards Telefonnummer fragen. Sie entsann sich, daß er sie im vergangenen Jahr einmal angerufen und ihr eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen hatte. Er hatte um Rückruf gebeten und ihr seine Nummer genannt, aber sie hatte sich nie bei ihm gemeldet, und er war ebenfalls nicht mehr in Erscheinung getreten.
Wieder zu Hause, blätterte sie in dem dicken Block, der immer neben ihrem Telefon lag, und fand tatsächlich die Notiz, die sie sich damals nach dem Abhören des Bandes gemacht hatte: Bernhard Fabiani. Dahinter die Telefonnummer.
Sie wählte sie, ohne zu zögern.
»Seit meiner Scheidung von Eva habe ich Robert nicht mehr gesehen oder gesprochen«, sagte Bernhard. »Erst wieder nach Evas Tod in ihrer Wohnung. Aber auch da haben wir ja nur wenige Worte gewechselt.«
»Aber vorher haben Sie ihn doch recht gut gekannt?« fragte Leona.
Sie hatten sich im Mövenpick getroffen. Es war fünf Uhr am Nachmittag, ein faszinierendes goldenes Licht lag über der Stadt, und schwarze Wolkenbänke jagten pfeilschnell über den strahlendblauen Himmel. Am Mittag waren ein paar Schneeschauer niedergegangen, und nun lag die Welt wieder in Frühlingsglanz getaucht. Der Aprilwind fegte durch die Straßen. Die Menschen draußen mußten sich anstemmen gegen den Sturm. Ihre Mäntel und Schals flatterten, ihre Haare standen zu Berge. Es war lustig, fand Leona, ihnen aus dem Schutz des warmen Raumes heraus, abgetrennt durch dicke Glasscheiben, zuzusehen. Sie hätte sich wohlig und zufrieden fühlen können. Der Geruch des Kaffees vor ihr belebte sie, die gedämpften Stimmen, das Geklapper von Löffeln ringsum besänftigte sie zugleich. Sie mochte diese Stunde, wenn der Tag ganz langsam seinen Abschied zu nehmen begann. Für gewöhnlich entspannte sie sich um diese Zeit. Sie tat es nicht mehr seit Dollys Tod.
Bernhard war ihrem Blick nach draußen gefolgt, und anstatt auf ihre Frage zu antworten, sagte er: »Ein phantastisches Licht, finden Sie nicht auch?«
»Es ist überwältigend. An einem solchen Tag möchte ich immer die Stadt hinter mir lassen und wieder auf dem Land leben. Ich möchte in Anorak und Gummistiefeln über die Wiesen stapfen, die Frühlingserde riechen und den Wind an meinen Haaren zerren lassen.«
»Haben Sie früher auf dem Land gelebt?«
»Ich bin auf dem Land aufgewachsen. Wirklich auf dem Land. In einem Dorf mit dreihundert Einwohnern. Und mit nichts als Feldern und Wäldern ringsum.«
»Ich bin auch auf dem Land aufgewachsen«, sagte Bernhard, »und manchmal vermisse ich diese Art zu leben.«
Er hat ein nettes Lächeln, dachte sie, eine nette Art.
Sie konnte sich vorstellen, daß er stark auf Frauen wirkte. Er schien einfühlsam, freundlich und herzlich. Er lud dazu ein, ihm auch sehr private Dinge anzuvertrauen, und versprach zugleich, sein Wissen niemals zu mißbrauchen.
»Um auf Robert zurückzukommen …«, sagte sie.
»Sie hatten … Sie waren liiert mit ihm?« fragte Bernhard vorsichtig.
»Ja. Für einige Monate. Ich weiß selber nicht, weshalb ich …«
»Sie müssen mir doch keine Erklärung abgeben.«
»Es ist mir nur selbst so unbegreiflich. Ich kannte ihn ja kaum. Ein wildfremder Mann … na ja, wie auch immer, es ist passiert, und nun ist es vorbei, und eigentlich müßte ich mir gar keine Gedanken mehr machen … Aber es kamen einige Merkwürdigkeiten vor, die mir nicht mehr aus dem Kopf gehen. Ich hatte einfach das Bedürfnis, mit jemandem zu sprechen, der Robert kennt.«
»Er fing an, Sie mit Haut und Haaren besitzen zu wollen? « fragte Bernhard.
Leona nickte. »Ja. Und er verlor die Nerven, wenn ich mich zu entziehen versuchte. Wenn er meinte, ich versuchte mich zu entziehen«, verbesserte sie sich, »denn eigentlich tat ich nie etwas, was ein … normaler Mann so hätte interpretieren können.«
»Das deckt sich ziemlich genau mit den Erfahrungen, die ich mit ihm gemacht habe. Oder vielmehr: mit den Erfahrungen, die andere Frauen mit ihm gemacht haben. Da habe ich über Eva natürlich manches mitbekommen.«
»Kannten Sie seine letzte Freundin?«
»Nein. Wahrscheinlich nicht mal die vorletzte. Seit unserer Scheidung, aber eigentlich auch schon zwei oder drei Jahre davor, gab es keinen Kontakt mehr. Wenn ich mit Eva sprach, redeten wir nie über ihren Bruder.«
»Er hat mir erzählt, seine letzte Freundin sei im Lago Maggiore ertrunken. Wie sich aber herausstellte, war sie ihm einfach nur davongelaufen.«
»Wie alle«, sagte Bernhard, »früher oder später. Die eine hielt es länger aus, die andere nur für kurze Zeit. Aber irgendwann hatte jede genug und sah zu, daß sie wegkam.«
»Und immer aus dem gleichen Grund?«
Bernhard rührte nachdenklich in seiner Kaffeetasse.
»Er erstickte die Frau an seiner Seite. Langsam, wie eine Schlange, die sich immer enger um ihr Opfer schlingt. Ich glaube, zu Anfang wurde das für die meisten Frauen gar nicht spürbar. Er war fürsorglich, begluckte sie von morgens bis abends, wollte immer ganz genau wissen, was sie den Tag über getan hatten … Viele Frauen hatten wohl in vorhergehenden Beziehungen unter dem gegenteiligen Verhalten ihrer Partner gelitten. Unter Interesselosigkeit und mangelndem Eingehen auf sie und ihre Belange.« Er lächelte. »Ich denke jedenfalls, daß es das ist, was die meisten Frauen den meisten Männern vorwerfen.«
»Und umgekehrt«, sagte Leona.
»Seine Freundinnen genossen die Aufmerksamkeit, die er ihnen schenkte. Es waren auch immer irgendwie labile Frauen, die er bevorzugte«, meinte Bernhard sinnend. »Frauen mit geringem Selbstwertgefühl, wie mir schien, oder Frauen, die aus irgendwelchen Gründen lange Phasen der Einsamkeit hinter sich hatten, die emotional zermürbt und frustriert waren. Unter seiner Fürsorge blühten sie auf wie Blumen unter einem sanften, warmen Regen. Daß der Regen mit der Zeit immer heftiger wurde, sich schließlich in einen Hagelsturm verwandelte, begriffen sie erst spät.« Er musterte Leona aufmerksam. »Sie passen nicht recht in diese Reihe«, sagte er, »Sie erscheinen mir weder labil noch frustriert. Und keineswegs komplex-behaftet. «
Sein Kompliment freute sie. In den letzten Wochen hatte sie sich manchmal nur noch schwach und verängstigt gefühlt. Sie war dankbar, daß man ihr das offenbar nicht anmerkte.
»Damals paßte ich sehr wohl in die Reihe«, sagte sie. »Er hat mich an einem Tiefpunkt meines Lebens getroffen. Ich … ach, egal, Sie können es ruhig wissen: Mein Mann hatte mich gerade wegen einer anderen Frau verlassen. Ich war verzweifelt und schockiert. Ich fühlte mich gedemütigt, und mein Selbstwertgefühl war ziemlich angeschlagen. Robert erschien mir wie ein wunderbarer Rettungsanker.«
»Dann war tatsächlich das Grundmuster erfüllt. Er hatte ein neues Opfer gefunden. Sehen Sie, ich glaube wirklich, daß dieser Punkt von Bedeutung ist. Eine seelisch völlig ausgeglichene Frau würde sehr rasch, schon nach kürzester Zeit, merken, daß mit diesem geangelten Goldfisch etwas nicht stimmt, und sie würde nicht lange fackeln, ihn wieder loszuwerden. Eine in irgendeiner Weise angeknackste Frau merkt es vielleicht auch, aber sie wird sehr lange nicht die Kraft finden, einen Schlußstrich zu ziehen. « Bernhard schwieg einen Moment, dann fügte er leise hinzu: »Ich hoffe, diese Analysen kränken Sie nicht. Es geht schließlich auch um Ihre Gefühle, die ich keineswegs verletzen möchte.«
»Das tun Sie nicht. Mir geht es nur noch um Klarheit. Manchmal habe ich mich gefragt, ob ich mich in meiner Einschätzung der Dinge geirrt habe. Gespenster gesehen habe. Überempfindlich war.«
»Da kann ich Sie beruhigen«, sagte Bernhard. »Was Robert Jablonski angeht, waren Sie mit Sicherheit nicht überempfindlich. Und haben auch keine Gespenster gesehen. «
Mit seinen Worten half er ihr mehr, als er ahnte. Trotz allem hatte in ihr noch immer die Unsicherheit genagt, ob sie sich nicht doch in der Beurteilung Roberts und seines Verhaltens irrte.
»Sie sagten, es war immer so, daß die Frauen ihn verließen«, sagte sie. »Es war nie andersherum? Daß er mit einer Schluß machte?«
»Meines Wissens nicht. Wobei ich natürlich sagen muß, daß ich sicher nicht alles mitbekommen habe. Sein Leben spielt sich in der Schweiz ab, also weit weg. Trotzdem kann ich mir nicht vorstellen, daß er jemals eine Beziehung von sich aus beendet haben soll.«
»Wissen Sie zufällig, wie er es hingenommen hat, wenn ihn wieder eine Frau verließ? Ich meine, wie hat er reagiert? «
Bernhard überlegte. »Ich fürchte, da kann ich Ihnen nicht allzuviel sagen. Ich sah ihn zu selten, um Details zu kennen. Ich erinnere mich nur, wie er Eva und mich vor ungefähr neun Jahren zusammen mit seiner damaligen Lebensgefährtin hier in Frankfurt besuchte. Das Mädchen hieß Jenny, stammte aus einer Alkoholikerfamilie, hatte eine von Gewalt geprägte Jugend hinter sich. Sie war damals zwanzig und seit zwei Jahren mit Robert zusammen. Ich hatte sie am Anfang mit ihm erlebt: Sie klammerte sich förmlich an ihn, er war ihr ein und alles. Bei dem Besuch in Frankfurt wurde dann aber deutlich, daß die Beziehung am Ende war. Jenny antwortete ihm kaum noch, wenn er mit ihr sprach, sie wirkte unglücklich und entnervt. Wir gingen abends zum Essen in ein Restaurant, und irgendwann ging Jenny zur Toilette. Die Zeit verstrich, und sie kam einfach nicht wieder.«
Bernhard schüttelte den Kopf, noch im nachhinein irritiert von der Situation.
»Mir fiel schließlich auf, daß Robert immer nervöser wurde – auf eine wirklich drastische Art. Er hatte Schweißperlen auf der Stirn, war aschfahl im Gesicht, atmete stoßweise. Ich dachte, er hätte plötzlich Kreislaufprobleme, aber dann stellte sich heraus, daß es um Jenny ging. Er drehte fast durch, weil sie so lange nicht wiederkam. Ich wollte die Atmosphäre entspannen und tat genau das Falsche: Ich machte eine scherzhafte Bemerkung in der Art, Jenny sei wohl durch eines der rückwärtigen Fenster entflohen. Ich lachte dabei und dachte, er werde nun auch lachen.«
»Aber er lachte keineswegs«, vermutete Leona, von düsteren Erfahrungen geprägt.
»Er lachte keineswegs«, bestätigte Bernhard. »Er sprang auf und wollte sofort losstürmen, nach ihr zu suchen. Ich sagte, er könne unmöglich in die Damentoilette gehen, und er ließ sich überreden, statt dessen Eva loszuschicken. Sie kam kurz darauf mit Jenny zurück. Robert machte ihr vor allen Gästen eine furchtbare Szene, er schrie und tobte. Es war sicher der peinlichste Abend, den ich je erlebt habe.«
»Das paßt zu ihm«, sagte Leona. »So wie ich ihn erlebt habe, wundert mich diese Geschichte überhaupt nicht.«
Sie merkte selbst, wie nervös und ängstlich ihre Stimme klang.
Bernhard lehnte sich vor und sah sie an.
»Leona, Sie haben sich von ihm getrennt. Er spielt keine Rolle mehr in Ihrem Leben. Trotzdem scheinen Sie vor irgend etwas große Angst zu haben. Was ist es?«
Sie lachte ein wenig verlegen. »Sie werden mich für hysterisch halten, aber ich … ich werde das Gefühl nicht los, daß er noch immer in meiner Nähe ist.«
»Ist es nur ein Gefühl?« fragte Bernhard, ohne in ihr Lachen einzustimmen, »oder gibt es auch irgendeinen Anhaltspunkt? «
»Nun, ich weiß nicht, ob ich mich da in etwas hineinsteigere …«
Sie erzählte ihm die Geschichte von Dolly. Ihre Augen wurden dabei schon wieder feucht, und sie mußte einige Male krampfhaft schlucken.
»Alle sagen mir, sie sei zufällig in einem Park oder Garten an das Gift geraten«, schloß sie, »und ich hoffe von ganzem Herzen, daß das stimmt – auch wenn es ihren Tod natürlich nicht weniger schrecklich und traurig macht. Aber da ist eine Stimme, die mir ständig sagt …« Sie sprach den Satz nicht zu Ende.
Bernhard hatte ihr sehr aufmerksam zugehört.
»Ich verstehe, daß solche Gedanken Sie jetzt quälen«, sagte er. »Dieser Robert ist wirklich nicht normal, und es erfüllt uns mit Angst, wenn wir einem Menschen begegnen, dessen abseitiges Verhalten ihn völlig unberechenbar erscheinen läßt. Aber in diesem Fall … Nach allem, was ich von ihm weiß, kann ich mir nicht vorstellen, daß er noch in Frankfurt herumgeistert und seine Energie darauf verwendet, Rachefeldzüge gegen Sie auszuhecken. Dieser Mann kann meiner Ansicht nach absolut nicht leben ohne eine Frau an seiner Seite. Anstatt Ihre Katzen zu vergiften, ist er vermutlich längst auf der Jagd nach einer neuen Partnerin, und damit dürfte er vollauf beschäftigt sein.«
»Sie haben nie etwas davon gehört, daß er Frauen terrorisiert hat, nachdem sie ihn verlassen haben?«
»Nein. Auffallend war nur, daß er immer sofort die Nächste hatte. Darum glaube ich ja auch, daß er eine neue Frau sucht und nichts mit dem Tod Ihrer Katze zu tun hat.«
Leona begann zu glauben, daß er recht haben mochte. Dollys Tod war ein schrecklicher Unfall, kein Mordanschlag. Robert saß längst wieder an seinem See und umgarnte ein hübsches Mädchen. Letzten Endes hatten die Dinge ihre Ordnung.
Bernhard bestand darauf, daß sie noch einen Sekt zusammen tranken, und Leona verstand schließlich ihre Sorgen schon nicht mehr, als sie wieder hinaus auf die Straße traten. Die Schatten waren länger geworden, aber noch immer fiel dieses strahlende Licht vom Himmel und brachte der Wind einen würzigen Duft mit sich. Leona hob die Nase, schnupperte die Luft wie ein Tier.
»Der April riecht so gut, finden Sie nicht auch?« fragte sie.
Er nickte. »Ja. Aber noch besser finde ich, daß Sie wieder lächeln. Ich hoffe, ich habe ein paar Ihrer Sorgen zerstreuen können?«
»Das haben Sie. Vielen Dank.«
Sie wollte ihm die Hand zum Abschied reichen, da fiel ihr noch etwas ein.
»Letztes Jahr im Herbst«, sagte sie, »da haben Sie bei mir angerufen. Sie baten um Rückruf. Worum ging es dabei?«
»Um nichts Besonderes«, entgegnete er wegwerfend, korrigierte sich dann aber: »Nein, das stimmt nicht. Ich wollte etwas richtigstellen, und diese Richtigstellung lag mir durchaus am Herzen.«
»Dann sagen Sie es jetzt!«
Bernhard hob abwehrend beide Hände. »Nein. Nicht jetzt. Es ist ein bißchen kompliziert und braucht Ruhe und Zeit. Ein anderes Mal.«
»Jetzt machen Sie mich wirklich neugierig.«
»Gut. Wenn Sie neugierig genug sind, dann rufen Sie mich vielleicht wieder einmal an, und wir können uns treffen«, sagte er.
Während ihres ganzen Heimwegs beflügelte Leona der besondere Klang, der bei diesen Worten in seiner Stimme gelegen hatte.
Es war wie ein Déjà-vu-Erlebnis: Ein Mann stand vor Leonas Haustür, wartend, umgeben von Koffern und Taschen. Nervös trat er von einem Fuß auf den anderen. Genau wie Robert, im Dezember des vergangenen Jahres. Einen Moment lang dachte Leona sogar, es sei Robert, der sich dort eingefunden hatte, und sie spürte Erleichterung; nicht, weil sie sich gewünscht hätte, wieder mit ihm von vorn anzufangen, sondern weil er damit aus der Versenkung (aus dem Hinterhalt?) aufgetaucht wäre und sie hätte in Erfahrung bringen können, was in ihm vorging. Der Mann, der dort stand, war groß und dunkelhaarig wie Robert, aber es war nicht Robert, das erkannte Leona auf den zweiten Blick. Es war ihr Schwager Paul.
»Wie gut, daß du kommst«, begrüßte er sie mit nahezu dem gleichen Wortlaut wie seinerzeit Robert. »Ich hoffte, freitags würdest du früher zu arbeiten aufhören.«
»Tu’ ich auch. Aber ich hatte noch eine Verabredung.« Sie wies auf seinen Koffer und die Reisetasche. »Du kommst nicht bloß auf einen Sprung vorbei, oder?«
»Nein. Ich bin daheim ausgezogen.«
»Ach, du lieber Gott«, sagte Leona.
Es hatte so kommen müssen, aber trotzdem war sie tief erschrocken. Sie schloß die Haustür auf.
»Komm erst einmal rein.«
Er stellte sein Gepäck im Eingang ab und folgte ihr ins Wohnzimmer, wo Linda am Fenster saß und sehnsüchtig in den Frühlingstag hinausstarrte. Leona ließ ihre Tasche auf einen Stuhl fallen, ging an den Schrank, nahm zwei Gläser heraus und schenkte Cognac ein.
»Hier!« Sie reichte Paul ein Glas. »Das kannst du wahrscheinlich brauchen.«
»Danke.« Er trank das Glas in einem Zug leer. »Das war wirklich genau das Richtige.«
Er stellte das Glas auf den Tisch und kam ohne Umschweife zur Sache.
»Leona, ich weiß, das wirkt jetzt ziemlich überfallartig. Aber hättest du etwas dagegen, wenn ich eine Weile bei dir wohnte? Ich will absolut nicht auf deine Kosten leben, ich werde selbstverständlich für alles aufkommen, was ich hier verbrauche. Ich könnte natürlich auch in ein Hotelzimmer gehen, aber …« Er machte eine hilflose Handbewegung. »Ich fürchte, einsame Abende in einem Hotel deprimieren mich so, daß ich in drei Tagen zurückgehe nach Lauberg.«
Leona fühlte sich unbehaglich. Sie mochte Paul, und es hätte sie normalerweise nie gestört, ihn in ihrem Haus zu beherbergen. Aber schlug sie sich damit nicht auf seine Seite, gegen ihre Schwester?
»Paul …«, sagte sie zögernd.
Er wußte sofort, was in ihr vorging.
»Olivia weiß, daß ich dich frage, ob ich hier wohnen kann. Sie ist einverstanden. Sie sieht es genauso wie ich: Wir brauchen eine Zeit der Trennung, um herauszufinden, wie es weitergehen soll.«
»Schön. Von mir aus kannst du natürlich bleiben.« Sie breitete die Arme aus, als wolle sie das Zimmer, das Haus umfangen. »Fühle dich wie daheim!«
Er lachte gequält. »Lieber nicht. Es soll wirklich nur für kurze Zeit sein.«
»Willst du reden?« fragte sie.
»Später. Ich würde gerne auspacken, duschen. Danach gehen wir essen, okay? Ich lade dich ein.«
»Gerne. Komm, ich zeig’ dir dein Zimmer.« Sie ging vor ihm her die Treppe hinauf, öffnete die Tür zum Gästezimmer. »Hier. Das ist dein Reich. Du hast ein eigenes kleines Bad nebenan. Ich hoffe, du fühlst dich wohl.«
»Ganz sicher.« Er hielt ihren Arm fest, als sie an ihm vorbei wieder hinauswollte. »Danke, Leona. Ich weiß, es ist unmöglich, hier mit gepackten Koffern aufzutauchen und dich um Unterkunft zu bitten. Es ist alles so schnell gegangen … Ich werde bestimmt versuchen, daß sich die Dinge rasch klären – so oder so.«
»Laß dir Zeit. Du kannst hierbleiben, solange du möchtest. Ich bin froh, wenn ich euch beiden helfen kann.«
Leona ging in ihr eigenes Zimmer hinüber. Aufatmend streifte sie die Schuhe ab. Es war ein langer Tag gewesen, aber trotzdem freute sie sich auf das Essen mit Paul. Sie dachte an das Treffen mit Bernhard Fabiani und mußte lächeln. Er war ihr sympathisch gewesen, und er hatte offensichtlich auch Gefallen an ihr gefunden. Sie mußte vorsichtig sein. Zu viele Frauen liebten ihn, zu viele Frauen liebte er. Seine tiefen Blicke waren vielfach erprobt. Er war sich seiner Wirkung wohl bewußt und spielte mit ihr, wann immer sich eine lohnende Gelegenheit bot.
Die Geschichte mit Robert reicht erst einmal, dachte sie, für einige Zeit werde ich die Finger von den Männern lassen.
Sie beschloß, ebenfalls zu duschen. Sie zog sich aus, schaltete währenddessen den Fernseher im Schlafzimmer ein. Es lief irgendeine Musiksendung. Leise summte sie das Lied mit, das gerade gespielt wurde.
Ihr Bad grenzte direkt an das Schlafzimmer, erreichbar durch eine Tapetentür. Sie ging hinüber und zog den Duschvorhang zurück, und dann fing sie an zu schreien, schrie, bis sich ihre Stimme zum Kreischen steigerte und überschlug und bis ein fast zu Tode erschrockener Paul neben ihr erschien und fassungslos auf das blutige, glitschige Auge starrte, das auf dem weißen Keramikboden der Dusche lag.
Erst eine halbe Stunde später hatte sich das Zittern in Leonas Händen so weit beruhigt, daß sie das zweite Glas Cognac an den Mund führen und daraus trinken konnte. Der Alkohol rann ihr heiß die Kehle hinunter, ließ sie sich ein klein wenig besser fühlen. Auf ihrem Gesicht lag ein feuchtkalter Schweißfilm. Ihr Herzschlag schien von den Füßen bis in den Kopf hinauf zu hämmern. Ihr war sehr übel, und sie fürchtete, sich irgendwann im Laufe des Abends übergeben zu müssen.
Sie fror erbärmlich, obwohl sie ihren flauschigen Winterbademantel trug, direkt an der Heizung im Wohnzimmer kauerte und Linda als wärmendes Fellbündel auf dem Schoß liegen hatte.
Alles wird gut werden, sagte sie zu sich, aber sie glaubte nicht wirklich daran.
Sie hatte erst aufgehört zu schreien, als Paul sie an den Schultern gepackt und geschüttelt und schließlich aus dem Bad zurück ins Schlafzimmer geschoben hatte.
»Sei jetzt still!« herrschte er sie an. »Sei still!«
Sie klappte den Mund zu und verstummte.
Für den Moment war sie nicht in der Lage, in irgendeiner Hinsicht die Regie zu übernehmen, und so ging Paul in die Küche hinunter und stöberte auf eigene Faust in den Schubladen herum. Schließlich kehrte er mit einer Plastikdose zurück.
»Was willst du tun?« fragte Leona.
Sie stand noch immer mitten im Schlafzimmer, hielt ein Handtuch vor ihren nackten Körper und zitterte bereits unkontrolliert.
»Ich tue das … es da hinein«, sagte Paul.
»Weißt du … was es … ich meine, wem hat es …«
»Es ist das Auge von einem großen Tier«, sagte Paul, »ich vermute, von einem Rind.«
Um ein Haar wäre sie erneut hysterisch geworden. »Ich will es nicht im Haus haben! Ich will es – hörst du – auf gar keinen Fall im …«
»Ich verschließe es in dieser Dose und werfe alles zusammen in die Mülltonne, in Ordnung?«
In ihrer Kehle würgte es. »Du … willst es doch nicht anfassen? «
Rauher, als es sonst seine Art war, erwiderte er: »Irgend jemand muß es ja tun, oder? Du willst doch wohl nicht, daß es da in der Dusche verschimmelt!«
Damit verschwand er im Bad, und als er mit der verschlossenen Dose in der Hand wieder durchs Zimmer ging, sagte Leona kein Wort mehr.
Unten im Wohnzimmer, nach dem ersten Schluck Cognac, konnte sie schließlich wieder sprechen.
»Ich muß die Polizei anrufen.«
Paul stand am Fenster, sah in die einfallende Dunkelheit hinaus. Nun drehte er sich zu ihr um.
»Weswegen? Es ist nichts geschehen, weshalb die Polizei herkommen würde.«
»Vor einer Woche wurde Dolly vergiftet. Und jetzt das. Reicht das nicht?«
Paul wußte von Dollys Tod, da Leona Elisabeth angerufen und ihr davon berichtet hatte. Nicht erwähnt hatte sie allerdings ihren Verdacht gegen Robert. In der Familie hielt man Dollys Tod für einen tragischen Unfall.
»Ja, und?« fragte Paul. »Was meinst du mit ›Reicht das nicht‹?«
»Jemand hat Dolly vergiftet. Jemand hat mir ein … ein Rinderauge in die Dusche gelegt. Jemand versucht, mich fertigzumachen.«
»Hast du eine Idee, wer ›jemand‹ ist?« wollte Paul wissen, in einem Ton, der besagte, daß er an das Vorhandensein eines unbekannten Feindes draußen in den dunklen Tiefen der Nacht nicht glaubte.
»Robert«, sagte Leona.
Paul brauchte eine Sekunde, um zu erfassen, von wem sie sprach. Er hatte Robert nie kennengelernt, da er über Weihnachten ja mit Olivia verreist gewesen war, aber er hatte natürlich von dem neuen Mann in Leonas Leben erfahren und auch davon, daß die Geschichte bereits wieder beendet war. Er entsann sich, daß Carolin bei einem Abendessen verkündet hatte, dieser Robert sei ein »erstklassiger Spinner«, aber er hatte nichts darauf gegeben, weil er nie etwas auf das gab, was Carolin sagte.
»Robert?« fragte er.
Sie stützte den Kopf in die Hände.
»Niemand glaubt mir das. Lustigerweise nicht einmal Wolfgang, obwohl er mich immer vor Robert gewarnt und alles mögliche Unheil gewittert hat. Aber jetzt, wo wirklich schreckliche Dinge passieren, scheint es niemand für möglich zu halten, daß Robert dahinterstecken könnte.«
»Hast du die Beziehung beendet? Und glaubst nun, er könnte sich deswegen rächen wollen?«
»Ich weiß, daß das absurd klingt. Ich habe auch immer gedacht, solche Dinge passieren nur in Filmen. Aber wieso eigentlich? Das wirkliche Leben ist voll davon. Du mußt nur die Zeitung aufschlagen, und du wirst mit kranken Gehirnen und perversen Veranlagungen aller Art konfrontiert.«
»Hattest du denn bei diesem Robert den Eindruck, daß etwas nicht stimmte?«
»Ja. Deswegen habe ich mich getrennt. Und«, fügte sie trotzig hinzu, »ich habe heute mit einem Mann gesprochen, der Robert schon seit vielen Jahren kennt. Er hat mir bestätigt, daß ich mir das nicht alles einbilde. Irgend etwas ist faul bei ihm. Und das hat speziell etwas mit seinen Beziehungen zu Frauen zu tun.«
»Gehen wir doch sachlich vor«, sagte Paul, und Leona würgte eine zornige Bemerkung hinunter. Natürlich war sie unsachlich. Hysterisch vermutlich in seinen Augen. Warf mit obskuren Verdächtigungen um sich und steigerte sich in einen Verfolgungswahn hinein.
»Das Gift«, fuhr Paul fort, »kann die Katze überall erwischt haben.«
Leona seufzte. Diesen Satz sagte ihr jeder. Ob sie alle glaubten, eine ganz neue Erkenntnis vor ihr auszubreiten?
»Dieses Rinderauge – könnte das nicht die andere Katze hereingebracht haben?« Er sah, wie sie den Mund öffnete, und hob beschwichtigend die Hände.
»Moment! Katzen schleppen die eigenartigsten Dinge ins Haus, weil sie meinen, man freut sich über diese Geschenke. Ich weiß, du willst sagen, wie soll sie an ein Rinderauge kommen, aber …«
»Ich wollte etwas anderes sagen«, unterbrach Leona. »Deine Theorie ist abwegig, weil Linda – die Katze – gar nicht hinaus kann. Seit Dollys Tod lasse ich sie eisern eingesperrt. Und noch dazu war meine Badezimmertür geschlossen. Eine Katze kann eine Tür notfalls öffnen, indem sie auf die Klinke springt, aber niemals kann sie sie wieder schließen.«
»Okay. Linda scheidet aus. Also – wer hat alles einen Schlüssel zu diesem Haus?«
»Wolfgang. Aber …«
»Könnte das ein geschmackloser Scherz gegenüber seiner Nochehefrau sein?«
»Nie im Leben. So etwas würde Wolfgang nicht tun. Außerdem versucht er gerade, sich wieder mit mir zu versöhnen. «
»Hm. Wer noch?«
»Meine Mutter.«
»Die können wir wohl auch ausklammern. Und sonst?«
»Sonst hat niemand einen Schlüssel.«
»Robert hat keinen?«
»Er hat ihn mir zurückgegeben, als er ging. Allerdings«, ihr wurde noch kälter bei dem Gedanken, »hatte er monatelang Zeit, sich einen Nachschlüssel machen zu lassen. Du lieber Himmel!« Sie starrte Paul entsetzt an. »Er hat mit Sicherheit einen Nachschlüssel! Die ganze Zeit! Oh Gott, die ganze Zeit schon konnte er hier aus und ein gehen, nachts, wenn ich geschlafen habe … vielleicht ist er im Haus herumgegeistert …« Sie preßte die Hand auf den Mund. »Ich muß mich gleich übergeben«, flüsterte sie, während die Panik in Wellen über sie floß und ihr fast den Atem nahm.
Paul war mit zwei Schritten neben ihr. Er nahm ihr Gesicht zwischen seine Hände – die sehr kühl waren, wie Leona dankbar feststellte – und zwang sie, ihn anzublicken.
»Ganz ruhig, Leona«, sagte er mit fester Stimme, »atme tief durch und versuche dich zu beruhigen. Du darfst jetzt nicht die Nerven verlieren.«
Sie tat, was er gesagt hatte, atmete tief durch, ein ums andere Mal, und tatsächlich ließ die Übelkeit nach, verebbte die Panik.
»Geht schon wieder«, sagte sie und rang sich ein Lächeln ab.
»Gleich morgen läßt du die Schlösser austauschen«, sagte Paul. »Wie viele Türen nach draußen gibt es?«
»Die Haustür, die Küchentür und die Kellertür. Zur Kellertür hatte Robert aber, glaube ich, nie einen Schlüssel in den Händen.«
»Trotzdem. Sicher ist sicher. Laß auch dieses Schloß auswechseln. «
»Und du meinst nicht, wir sollten die Polizei rufen?«
»Ich glaube einfach nicht, daß wir genug in der Hand haben. Eine vergiftete Katze, die sich überall in der Nachbarschaft vergiftet haben kann. Ein Rinderauge in der Dusche – das ist geschmacklos und widerlich, aber es stellt ja keinen direkten Angriff auf Leib und Leben dar.«
»Ein Mann betritt in meiner Abwesenheit mein Haus!
Er …«
»Das weißt du nicht. Leona, das ist doch das Problem. Du hast einen Verdacht, aber du hast nicht den mindesten Beweis. Glaubst du, die Polizei könnte irgend etwas gegen diesen Robert unternehmen, nur weil du glaubst, er steckt hinter all dem?«
»Nein.« Sie nahm den nächsten Schluck Cognac. Sie fühlte sich elend und mutlos. »Ich werde keine Sekunde schlafen können heute nacht. Wenn ich mir vorstelle, daß er jeden Moment wieder hier hereinkommen kann …«
»Du schließt deine Zimmertür ab. Die müßte man dann erst aufbrechen, und das geht nicht ohne eine Menge Lärm. Ich bin dann ja schließlich auch noch da.«
»Gott sei Dank!« Sie überlegte, wie schrecklich ihr erst zumute wäre, müßte sie allein sein. »Sosehr ich wünschte, zwischen dir und Olivia gäbe es keine Probleme – es ist jedenfalls ein Segen, daß du heute hier bist.«
»Wenigstens komme ich mir jetzt nicht mehr ganz so lästig vor.« Er nahm ihr das leere Glas aus der Hand, stellte es zur Seite. »Komm, geh jetzt ins Bett. Du siehst ganz schön mitgenommen aus. Oder möchtest du erst noch etwas essen? Es ist ja noch nicht spät.«
Aber der bloße Gedanke an Essen verursachte ihr schon wieder Übelkeit.
»Nein. Ich lege mich hin. Und du?«
»Ich sehe noch etwas fern. Wenn etwas ist, rufst du, ja?«
»Ja. Gute Nacht.« Sie nahm Linda mit hinauf in ihr Zimmer, verschloß sorgfältig von innen die Tür. Mit einem Ruck zog sie die Vorhänge vor dem Fenster zu, plötzlich von dem Gedanken bedrängt, Robert könne in einen der Bäume im Garten klettern und versuchen, zu ihr herein zu spähen. Sie war fest davon überzeugt, daß Robert das Auge in ihrer Dusche plaziert hatte und daß er sie damit nicht nur hatte erschrecken wollen. Das Auge war eine Botschaft: Ich beobachte dich. Ich weiß immer, wo du bist. Ich bin nahe genug, dich zu sehen.
Die ganze Nacht lag sie wach, dachte an Robert, lauschte auf jedes Geräusch im Haus. Linda hatte sich neben ihr auf dem Kopfkissen zusammengerollt. Wenn sie das Gesicht wandte, konnte Leona das weiche Fell an ihrer Wange spüren. Es tröstete sie ein wenig, vermochte jedoch kaum das Grauen zu lindern, das sich in ihr ausgebreitet hatte. Die ganze Zeit über hatte Robert ungehindert im Haus ein und aus gehen können. Wie oft mochte er nachts in ihrer immer weit offenen Zimmertür gestanden und auf ihre Atemzüge gelauscht haben?
Morgen würde sie die Schlösser auswechseln lassen.
Sie hatte das sichere Gefühl, daß dies den Alptraum nicht beenden konnte.
5
Eine Woche später brachte Leona Linda zu ihren Eltern nach Lauberg. Trotz der neuen Türschlösser wurde sie die Angst um die kleine Katze, die jeden Tag allein im Haus war, nicht los. Paul sagte zwar, er sehe nicht, wie jetzt noch irgend jemand eindringen könnte, aber Paul vermochte sich ohnehin nicht recht mit ihrer Theorie vom obsessiven Exlover und seinen Untaten anzufreunden. Natürlich wußte er keine Erklärung dafür, wie das Auge in die Dusche gekommen sein sollte, aber er war zu sehr Rationalist, um sich letzten Endes irrationales Verhalten dieser Art bei anderen Menschen vorstellen zu können. Ein abgewiesener Liebhaber mochte toben, fluchen und Drohungen ausstoßen, aber er ging nicht hin und tat so eigenartige Dinge, wie Tieraugen in Duschen zu plazieren. Oder doch?
Manchmal schwante es Paul, daß es solche Dinge gab, daß sie täglich stattfanden, daß erschreckend viele kranke und perverse Menschen frei herumliefen. Aber nicht in diesem Fall. Er weigerte sich zu glauben, daß sein Leben in irgendeiner Weise von »solchen Dingen« berührt werden könnte.
Leona hatte Linda zunächst samt Katzenklo und Futterschüssel mit in den Verlag genommen, was hochgezogene Augenbrauen und indigniertes Stirnrunzeln bei ihrem Chef hervorgerufen hatte. Sie hatte erklärt, Linda sei einsam seit dem Tod ihrer Schwester, aber der Chef hatte nicht allzuviel Verständnis dafür gezeigt. Linda fing an, Papierkörbe in den Büros auszuleeren und den Inhalt pfeilschnell vor sich her über die Korridore zu kicken, sie scharrte den Kies aus ihrem Katzenklo und verteilte ihn im Zimmer, und sie maunzte jämmerlich am Fenster, weil sie hinauswollte. Leona sah ein, daß es so nicht ging, und rief Elisabeth an, um sie zu fragen, ob sie ihr Linda für einige Wochen bringen könne.
»Natürlich«, sagte Elisabeth, »aber warum?«
»Sie dreht durch, weil sie so viel allein ist. Bei euch ist wenigstens immer jemand daheim.«
Sie fuhr am Samstag los, wollte daheim übernachten und am Sonntag abend zurückkommen. Sie hatte Paul gefragt, ob er sie begleiten und mit Olivia reden wolle, aber er hatte abgelehnt.
»Zu früh. Ich bin mir über vieles noch nicht im klaren.«
Der Frühsommer war plötzlich ausgebrochen, es war heiß draußen, an allen Bäumen sprangen die Knospen auf. Je weiter sich Leona von der Stadt entfernte und aufs Land hinauskam, um so schöner wurde es. Sie merkte, wie ihr freier und leichter zumute wurde. Manchmal blickte sie durch den Rückspiegel nach hinten, argwöhnisch, ob Robert ihr vielleicht folgte.
Blödsinn, dachte sie gleichzeitig, er liegt ja wohl nicht den ganzen Tag vor meinem Haus auf der Lauer, und außerdem hat er gar kein Auto!
Der helle, blühende Tag ließ ihre Furcht merklich kleiner werden. Die nächtlichen Gespenster hatten sich verzogen.
Im übrigen folgte ihr tatsächlich niemand. Schon bald konnte sie da ganz sicher sein, denn schließlich war sie ganz allein auf der sonnigen Landstraße. Niemand hielt sich hinter oder vor ihr auf.
In Lauberg war alles wie immer. Elisabeth stand im Garten und hängte zum ersten Mal in diesem Jahr die Wäsche im Freien auf.
»Wie schön, daß du da bist, Leona«, sagte sie, nachdem sie ihre Tochter umarmt hatte. Sie musterte sie aufmerksam. »Du siehst aus, als ob du nicht genug schläfst«, stellte sie fest.
»Ach, mach dir nicht immer so viele Gedanken, Mami. Ich bin schon in Ordnung.«
»Hast du mal wieder von Wolfgang gehört?«
Sie hatte das alles für sich behalten wollen, aber plötzlich fand sie, sie könne ein paar Sorgen ihrer Mutter zerstreuen.
»Er hat sich von seiner Freundin getrennt. Er würde sich gern wieder mit mir versöhnen.«
»Wirklich?« Elisabeths Miene erhellte sich sofort. »Und wie stehst du dazu?«
»Ich brauche Zeit. Ich muß erst einmal wieder zu mir selbst kommen.«
»Natürlich, Kind. Wolfgang muß auch nicht denken, du springst, wenn er pfeift«, sagte Elisabeth, und das war für sie eine so eigenartige Bemerkung, daß Leona auflachte. Den Katzenkorb in der einen, ihre Reisetasche in der anderen Hand, ging sie zum Haus. Ben lag auf der Veranda in der Hängematte; er trug nichts als eine Badehose, und neben ihm stand sein Sohn Felix und ließ Spielzeugautos mit lautem Gebrumm auf dem nackten Bauch des Vaters kreisen. Ben hob die Hand zu einem lässigen Gruß.
»Tag, Leona. Ist das nicht ein herrliches Wetter heute?«
Für gewöhnlich hatte Leona mit Aggression zu kämpfen, wenn sie Ben in seiner ganzen unbekümmerten, schmarotzenden Faulheit sah, aber diesmal empfand sie seinen Anblick eher als rührend. Es ging eine unendliche Friedfertigkeit von ihm aus, wie er so dalag und sich von seinem Kind malträtieren ließ. Ben war ein Nichtsnutz, aber er war ein guter Kerl, der keiner Fliege etwas zuleide tat. Sollte Carolin eines Tages genug von ihm haben und ihn vor die Tür setzen, dann würde er weder ihre Tiere vergiften noch gräßliche Dinge in ihr Badezimmer schmuggeln, um sie einzuschüchtern. Er würde seine wenigen Habseligkeiten zusammenpacken und losziehen, um eine andere Frau zu finden, bei der er sich für eine Weile durchschnorren konnte, und wahrscheinlich würde kein einziges böses Wort fallen.
»Hallo, Ben«, erwiderte sie seinen Gruß, »das Wetter ist wirklich toll. Ist Carolin da?«
Er schüttelte träge den Kopf. »Die ist in Bonn. Bei ’ner Demo.«
»Ach so. Wofür oder wogegen demonstriert sie?«
»Keine Ahnung. Das weiß sie wahrscheinlich selber nicht. Wenn sie hört, irgendwo ist ’ne Demo, dann muß sie hin. Ich verstehe zwar nicht, wie man sich so viel Streß machen kann – aber bitte! Ist ihr Leben.«
Felix ließ einen Hubschrauber im Bauchnabel seines Vaters landen und fabrizierte höllische Motorengeräusche dazu. Leona lächelte den beiden noch einmal zu, dann trat sie ins Haus. Aus dem Arbeitszimmer ihres Vaters vernahm sie gedämpft klassische Musik. Beethoven. Julius legte sich gern mittags hin und hörte Musik. Das war eine Art heilige Stunde für ihn.
Leona bemühte sich, leise zu sein, als sie die Treppe hinaufging. Oben traf sie Olivia, die gerade mit Dany aus dem Bad kam. Dany war in ein riesiges Handtuch eingehüllt, hatte nasse Haare, roch nach Kamillenseife und schien überraschend friedlich. Sie strahlte über das ganze Gesicht und gab zufriedene Brummlaute von sich.
»Ach, Leona«, sagte Olivia zerstreut, »läßt du dich auch mal wieder blicken?«
»Ich soll dich von Paul grüßen«, sagte Leona.
»Danke«, erwiderte Olivia nur.
Leona fragte sich, ob ihre Schwester wirklich so gleichgültig war oder ob sie ihre wahren Gefühle mit Desinteresse tarnte. Sie folgte ihr in Danys Zimmer.
»Willst du nicht wissen, wie es ihm geht?«
»Wie geht es ihm?« fragte Olivia, und Leona unterdrückte einen Seufzer.
»Er ist soweit in Ordnung. Aber er macht sich eine Menge Gedanken.«
»Die mache ich mir auch.«
Olivia tupfte Dany sorgfältig mit dem Handtuch trocken. Dany griff in die Haare ihrer Mutter und zog ruckartig daran, ließ dann jedoch sogleich wieder von diesem Spiel ab und brummte erneut vor sich hin. Wahrscheinlich versuchte sie ein Lied zu singen. Sie hatte offenbar einen selten guten Tag. Olivia nahm einen Schlafanzug aus dem Schrank und zog ihn ihrer Tochter an. Sie wirkte in sich gekehrt, abwesend.
»Olivia, ich will mich nicht einmischen, aber ich mache mir Sorgen«, sagte Leona. »Ich kenne Paul schon so lange, und in der einen Woche, die er jetzt bei mir lebt, habe ich ihn noch besser kennengelernt. Er ist ein Mann, den du nicht einfach gehen lassen darfst. Er liebt dich, aber er ist verzweifelt, und irgendwann wird er sich vielleicht für ein anderes Leben, ein Leben ohne dich entscheiden.«
»Das tun sie alle früher oder später«, sagte Olivia, »du mußt doch nur dich anschauen.«
Leona zuckte zusammen. Mit mühsamer Beherrschung entgegnete sie: »Ja, man muß mich nur anschauen. Ganz sicher habe ich eine Reihe von Fehlern gemacht. Im Unterschied zu dir hatte ich aber keine Chance, etwas zu verändern. Bis zu dem Tag , an dem er mir eröffnete, er habe eine Geliebte, hat Wolfgang mich in dem Glauben gelassen, es sei alles in Ordnung. Das tut Paul nicht. Du weißt ganz genau, woran du bist.«
»Das nützt mir nichts.«
»Himmel, Olivia, reiß dich doch zusammen! Du hast einen großartigen Mann, und tust alles, ihn zu vergraulen! Er betrügt dich nicht. Er trinkt nicht. Er hat einen sicheren Beruf und verdient genug, um dir ein schönes Leben zu ermöglichen. Er ist verständnisvoll, intelligent und mitfühlend. Du hast mit ihm einen Hauptgewinn gezogen, Olivia, und ich glaube, du merkst es nicht einmal!«
»Dany muß jetzt ihren Mittagsschlaf halten«, sagte Olivia.
Dany krabbelte ins Bett, ließ sich zudecken. Olivia zog die mit Teddybären und Schaukelpferden bedruckten Vorhänge vor den Fenstern zu.
»Eine Stunde, Dany, okay? Mami kommt dich dann wecken.«
Die beiden Frauen verließen das Zimmer. Draußen auf dem Gang wurde Leona bewußt, daß sie noch immer den Korb mit der Katze darin herumschleppte. Sie stellte ihn ab und befreite Linda aus ihrem Gefängnis. Mit steil aufgerichtetem Schwanz schoß sie sofort davon.
»Bleibt sie hier?« fragte Olivia.
»Ja. Du weißt doch, Dolly hat irgendwo Gift erwischt, und nun fürchte ich …«
»Ich verstehe«, sagte Olivia. Ihr Blick folgte der Katze, die gerade die Treppe hinunter verschwand. »Hier ist sie sicher, da hast du recht. Hier wird ihr nichts geschehen.«
Leona nahm vorsichtig die Hand ihrer Schwester. »Die Welt da draußen«, sagte sie behutsam, »ist nicht so gefährlich, wie du denkst. Für Dany nicht, und für dich auch nicht.«
Sie sah das Rinderauge vor sich und die sterbende Dolly.
Ein Klischee, dachte sie. Die Welt ist gefährlich. Sie ist lebensgefährlich, jeden Tag für jeden von uns von neuem.
Olivias Hand zitterte in ihrer.
»Das ist nicht wahr«, sagte sie leise.
»Du hast recht, es ist nicht wahr«, gab Leona zu, »die Welt ist gefährlich. Aber indem du vor ihr wegläufst und auch Dany vor ihr abschirmst, bringst du euch beide nur scheinbar in Sicherheit. Du denkst, du kannst Dany beschützen vor allen Gefahren. Das geht nicht. Die Gefahren werden auch Dany einholen, und du sorgst dafür, daß sie ihnen dann nicht gewachsen ist. Du machst sie schwach, unselbständig, zu einem völlig hilflosen Wesen. Und darin liegt die eigentliche Gefahr, Olivia.«
Olivia wandte sich ab. »Das Leben, das Paul führen will, kann ich nicht führen.«
»Was verlangt er denn schon? Er will doch nur …«
»Daß ich mein Kind hergebe. Ich soll Dany abschieben wie irgendeinen Gegenstand, der lästig geworden ist. Das kann ich nicht. Ich würde sterben daran. Und wenn es bedeutet, daß ich mein eigenes Leben verpfusche, so werde ich doch zu jeder Sekunde für Dany dasein. Das ist das mindeste. Der mindeste Ausgleich für das, was ich ihr angetan habe.«
In ihrem schönen Gesicht mit den hohen Wangenknochen und dem fein gezeichneten Mund standen Verzweiflung und Resignation. In die Verzweiflung mischten sich noch Aufbegehren und Zorn. Die Resignation war jedoch bereits drauf und dran, sich wie ein Krebsgeschwür in ihr auszubreiten und alles Leben zu ersticken.
Paul legte den Pinsel zur Seite und betrachtete sein Werk. Die hölzernen Küchenschränke strahlten in einem frischen Blau. Leona hatte die Farbe einige Tage zuvor aus dem Keller geholt und verkündet, sie werde irgendwann in den nächsten Wochen die Schränke damit verschönern.
»Wolfgang und ich wollten das während unseres Urlaubs im letzten September machen. Aber dann zog er aus, und alles blieb liegen. Und ich kann diesen abgeblätterten Lack nicht mehr sehen.«
Als sie ihm gesagt hatte, sie werde die Katze zu ihren Eltern bringen und dort gleich über das Wochenende bleiben, war sofort der Gedanke in ihm erwacht, sie bei ihrer Rückkehr mit der fertigen Arbeit zu überraschen. Die ganze Zeit schon hatte er überlegt, wie er etwas Nützliches tun könnte, etwas, das sie wirklich freute oder entlastete. Es war großzügig gewesen, ihn hier in ihrem Haus aufzunehmen, ihm die Nüchternheit und Unpersönlichkeit eines Hotelzimmers zu ersparen. Er hatte Hotels nie gemocht; in seiner derzeitigen Situation hätte er sie nicht einmal ertragen.
Immerhin, dachte er, während er die Pinsel über der Spüle sorgfältig mit Terpentin reinigte, war dadurch jemand hier, als sie dieses scheußliche Auge in ihrer Dusche fand. Kein Wunder, daß sie die Nerven verloren hat.
Nach wie vor hielt Paul die Angelegenheit für einen geschmacklosen Scherz. Inzwischen war er zu der Auffassung gelangt, daß Leona recht hatte mit ihrer Vermutung, bei dem Eindringling handele es sich um den ominösen Robert. Er kam mit dem Ende der Beziehung nicht zurecht und konnte es nicht lassen, seine Expartnerin auf makabere Weise zu erschrecken. Aber während Leona in ihm einen Kriminellen, eine wirkliche Gefahr witterte, hielt Paul ihn lediglich für einen harmlosen Spinner, der irgendwie versuchte, mit seiner verletzten Eitelkeit fertig zu werden.
Kriminell würde ich nicht nennen, was er tut, überlegte Paul, aber gleich darauf kam ihm der Gedanke, ob es nicht doch als kriminell zu bezeichnen war, wenn sich jemand heimlich einen Nachschlüssel zu einem Haus machen ließ und später darin herumgeisterte, obwohl er dort längst nichts mehr zu suchen hatte. Müßig. Die Schlösser waren ausgetauscht. Das Phantom Robert würde wieder in jenem Nichts verschwinden, aus dem es gekommen war.
Paul wusch sich die Hände, trat durch die weit offene Küchentür in den Garten, atmete tief durch. Auch Biofarbe stank, auch sie verursachte Kopfschmerzen, jedenfalls bei ihm. Die frische Luft tat gut. Der Tag war heiß gewesen, aber der Abend brachte Kühle und Frische. Wie würzig und feucht Gras und Erde rochen! Ein Magnolienzweig streifte seine Wange.
Das Leben konnte so schön sein. Wenn man es nur ließ. Schon lange hatte er den Frühling nicht mehr so intensiv gespürt, erwachenden Lebenshunger, neue Lebenslust. Die Hoffnungslosigkeit, die so viele Jahre lang auf ihm gelastet hatte, schien schwächer zu werden. Darunter blitzte eine Freude hervor, deren Vorhandensein er lange nicht mehr bemerkt hatte. Eine Freude an allen möglichen Kleinigkeiten des Lebens, eine Vorfreude zudem auf das, was sein würde. Er freute sich auf den Sommer, auf Erdbeeren, Rosen, zirpende Grillen, auf Wiesen voller Blumen und auf das Gefühl sonnenwarmer Steine unter nackten Füßen.
Nachdem allzu viele Jahre lang alles nur grau um ihn herum gewesen war, stellten diese vielen kleinen Anzeichen von immer noch vorhandenem Glücksempfinden eine frappierende Erkenntnis für ihn dar: Er war innerlich noch nicht tot. Er war ein Mann in den besten Jahren. In ihm schlummerten noch immer Kraft, Energie, Hoffnung und eine unerwartet große Portion Entschlossenheit.
Er ging in die Küche zurück, ließ die Tür zum Garten offen. Der aufkommende Abendwind würde, so hoffte er, den Farbgeruch mildern und die gestrichenen Flächen rasch trocknen lassen. Voller Stolz betrachtete er sein Werk. Leona konnte zufrieden mit ihm sein.
Er schaltete den Backofen ein, nahm eine Pizza aus dem Tiefkühlfach des Eisschrankes, verzichtete auf die empfohlene Auftauzeit und schob sie gleich in den Herd.
Er ging ins Eßzimmer, machte sich einen Martini, setzte sich damit vor den Kamin. Die Stille um ihn herum tat ihm gut. Der Begriff Stille war auch zum Fremdwort geworden, wie so vieles in den letzten Jahren. Da draußen in der gnadenlosen Familienidylle gab es keine Stille. Dafür wuselten viel zu viele Menschen auf zu engem Raum herum. Wenn er sich dort mit einem Drink irgendwo hinsetzte, tauchte sofort jemand auf, der ihm Gesellschaft leisten wollte. Manchmal hätte er brüllen mögen.
Und jetzt, sagte er sich, fühlst du dich besser. Und seit wann? Seit einer Woche, seit du von der Frau getrennt lebst, die du liebst.
Ausgerechnet ihm mußte das passieren. Ihm, der er immer den Kopf geschüttelt hatte, wenn andere Menschen um ihn herum, Freunde oder Kollegen, ihre Beziehungen zum Lebenspartner nicht in den Griff bekamen.
»Ich verstehe das ganze Hin und Her nicht«, pflegte er zu sagen, »da gibt es doch nur ein Entweder – Oder. Man liebt sich, oder man liebt sich nicht. In einem Fall kommt man klar miteinander, im anderen nicht.«
Wenn es irgendwo eine Macht gab, die Gerechtigkeit übte, so zahlte sie ihm seine selbstgefällige Überheblichkeit nun heim. Am eigenen Leib und sehr bitter mußte er erfahren, daß er Blödsinn geredet und Blödsinn gedacht hatte und daß die Dinge bei weitem nicht so einfach waren, wie er sie für sich gerne hingedreht hätte. Er mußte feststellen, daß man einen Menschen lieben und dennoch unfähig sein konnte, mit ihm zu leben, und diese Konstellation lief hinaus auf quälendes Sich-Aufreiben, auf zermürbendes Verharren in einem Patt, bis man so ausgeblutet war, daß man sich für das eine oder andere entschied – und dabei auch keine Erleichterung mehr fand.
Nicht grübeln, nicht grübeln, befahl er sich, während er in die Küche ging, seine Pizza aus dem Backofen nahm und auf einen Teller legte.
Aber deshalb bist du hier, sagte er sich gleich darauf: um zu grübeln. Zu denken. Eine Lösung zu finden.
Mit Pizza und Bier begab er sich ins Wohnzimmer, setzte sich vor den Fernseher. Er wollte nachdenken über alles, aber nicht jetzt. Er war zu müde. Morgen blieb genug Zeit. Und morgen abend würde Leona zurückkehren, und vielleicht wußte sie etwas zu berichten von Olivia – irgend etwas, das ihm weiterhalf.
Nach dem Essen mußte er irgendwann eingeschlafen sein. Es lief ein ziemlich langweiliger Film – ein lahmes Beziehungsdrama – , aber Paul hatte nicht einmal mehr die Energie aufgebracht, per Fernbedienung einen anderen Sender zu suchen. Er wußte nicht, was ihn schließlich weckte, er merkte nur sofort, daß sein Hals steif war und schmerzte von der unangenehmen Lage, in der sich sein Kopf befunden hatte.
Leise stöhnend richtete er sich auf. Dunkelheit lag jenseits der Fenster, auch das Zimmer war dunkel, nur die Fernsehbilder warfen zuckende Lichter. Es mußte inzwischen ein anderer Film laufen, jedenfalls konnte sich Paul an die soeben agierenden Personen nicht erinnern. Zwei junge Frauen stritten erbost miteinander, wobei es offenbar um einen Mann namens Mike ging, der mit der einen verlobt, mit der anderen nichtsdestoweniger intim verbandelt war, was die Verlobte heftig aufbrachte. Aber trotz der Vehemenz ihrer Auseinandersetzung schwiegen beide plötzlich, taxierten einander wie zwei lauernde Katzen, und Paul dachte gerade, nun würden sie gleich mit den Fäusten aufeinander losgehen, da vernahm er in der entstandenen Stille ein Geräusch, und das Geräusch gehörte eindeutig nicht zum Film.
Es kam von der Haustür her. Jemand machte sich mit einigem Eifer am Schloß zu schaffen.
Pauls erster Gedanke war: Leona!
Er stand auf, stöhnte erneut, denn inzwischen bekam er Muskelkater von der ungewohnten körperlichen Anstrengung des Tages. Er wollte Leona entgegengehen, sie willkommen heißen – da verharrte er auf einmal. Die Geräusche wurden lauter, rücksichtsloser. Jemand kratzte und stocherte im Schloß herum, und zwar jemand, der offensichtlich den falschen, das hieß: den alten Schlüssel hatte. Und das konnte nicht Leona sein.
Er glaubte nicht an den ominösen Psychopathen, aber ein bißchen komisch war ihm trotzdem zumute. Er trat an das große Erkerfenster, das nach vorn hinausging, zog mit einem Ruck die Vorhänge zu. Falls dieser Wer-auch-Immer ums Haus herumschlich, würde es ihm wenigstens nichts nützen, wenn er sich die Nase an der Scheibe plattdrückte. Alle Schlösser waren ausgewechselt, er konnte mit seinem Schlüssel herumprobieren, bis er schwarz wurde. Es war noch etwas Bier in der Flasche. Paul schenkte sich ein, setzte sich wieder in seinen Sessel.
In diesem Moment fiel ihm die Küchentür ein.
Er erstarrte, setzte sein Glas mit einem Klirren auf den Tisch. Verdammt, er hatte ja diese Tür nicht mehr zugemacht! Er hatte sie offenstehen lassen, um den Farbgestank loszuwerden, und nun hatte er völlig vergessen, sie wieder zu schließen.
Aber wer immer sich da draußen zu schaffen machte, er würde nicht sofort um das Haus herum laufen und nach dem Hintereingang sehen. Zeit genug, in die Küche zu gehen und die Tür zu schließen.
Und selbst, wenn du ihm plötzlich gegenüberstehst, sagte Paul spöttisch zu sich, was sollte dann wohl geschehen? Daß er dich anfällt wie ein wütendes Tier?
Er fiel ihn an wie ein wütendes Tier, kaum daß er die Küche betrat. Er war schon dort gewesen, er mußte schnell wie ein Blitz in den hinteren Garten gehuscht sein. Er tauchte aus dem Dunkel auf wie ein Schatten und schlug auf Pauls Hand, die dieser ausgestreckt hatte, um das Licht anzuknipsen. Der Schmerz war überraschend heftig, und Paul brüllte auf. Er kam nicht dazu, sich zu wehren, sich zu orientieren, überhaupt richtig zu begreifen, was mit ihm geschah. Der Schmerz in seiner Hand schoß in Wellen den Arm hinauf und machte ihn unfähig, sich zu rühren. Der Schatten verkrallte sich in ihn, ohne zu zögern, riß ihn zu Boden, trat nach ihm, boxte, schlug mit der geballten Faust, wohin er auch traf, in die Rippen, auf den Brustkorb, in den Unterleib, gegen den Hals, daß ihm die Luft wegblieb, ins Gesicht, und irgend etwas splitterte, die Nase vielleicht oder der Kieferknochen.
Irgendwann – es mochten Sekunden oder auch eine Minute vergangen sein – konnte Paul wieder denken, und in jähem Schrecken wurde ihm klar, daß der Schatten ihn nicht einfach niederschlagen und liegenlassen wollte.
Er wollte ihn töten.
Er konnte in der Dunkelheit nichts als die Umrisse von ihm erkennen. Er hörte nur sein Keuchen, sein wütendes, angestrengtes Atmen, das wie das Fauchen eines aufs äußerste gereizten Tieres klang. Ein Mann, natürlich handelte es sich um einen Mann; keine Frau hätte mit solch gnadenloser Kraft zuschlagen können. Er hatte Fäuste wie Eisen, und er setzte sie mit menschenverachtender Rücksichtslosigkeit ein. Paul wollte etwas sagen oder schreien, aber nur ein gurgelnder Laut drang aus seinem Mund. Blut füllte seinen Rachen, stieg nach oben, strömte zwischen seinen Lippen hervor. Jeden Moment, das spürte er, würde er das Bewußtsein verlieren. Bis zu diesem Augenblick hatte er noch nicht eine Bewegung der Abwehr gemacht, geschweige denn seinem Gegner auch nur einen Kratzer zugefügt. Er lag auf der Erde wie ein gestrandeter Fisch und ließ sich totschlagen, und er vermochte nicht einmal einen Finger zu seiner Verteidigung zu rühren.
Die Bewegungen des anderen wurden langsamer und schwächer, seine Kräfte ließen nach, aber auch dieser Umstand bedeutete keine Chance mehr für Paul. Ihm schwanden die Sinne, er dachte – eher erstaunt als entsetzt: So ist es also, wenn man stirbt …
Der andere richtete sich auf, keuchend wie nach einem Tausendmetersprint, er angelte nach etwas, das seitlich neben ihm lag, hob den Arm und ließ den Gegenstand, den er ergriffen hatte, auf Pauls Kopf niedersausen. Paul gab noch einen Laut von sich, ein leises Seufzen, dann verlor er das Bewußtsein.
6
Am Sonntag nachmittag brach Leona auf, um nach Frankfurt zurückzufahren. Sie kam nur langsam voran; den warmen Frühlingssonntag hatten viele Städter genutzt, hinaus in die Wälder zu fahren, und Leona geriet mitten in die Heimfahrerwelle hinein. Obwohl sie fast ständig im Stau stand, blieb sie gelassen. Das Wochenende daheim hatte ihre Nerven beruhigt. Sie dachte zwar noch an Robert, aber nicht mehr in solch einer Panik wie zuvor. Eine Nervensäge, ein Spinner. Kein Gewalttäter.
Sie summte leise vor sich hin, als sie endlich, gegen sieben Uhr, in ihre Straße einbog.
Vor ihrer Haustür stand Wolfgang und schien ziemlich erbost, und es erheiterte Leona festzustellen, wie häufig sie in der letzten Zeit Männer vor ihrer Tür antraf. Immer wirkten sie wie bestellt und nicht abgeholt und waren verärgert, weil die Hausherrin so lange auf sich warten ließ.
Wolfgang war fast zornig diesmal.
»Mißtrauen ist ja gut und schön«, sagte er anstelle einer Begrüßung, »auch gegenüber dem eigenen Ehemann. Aber du hättest mich wenigstens informieren können, daß du die Schlösser austauschen läßt, wenn du das schon überhaupt für nötig hältst!«
Leona stellte die vielen Körbe voller Lebensmittel, die Elisabeth ihr fürsorglich eingepackt hatte, auf den Gartenweg und kramte in ihrer Tasche nach dem Schlüssel.
»Wolltest du mich besuchen?« fragte sie.
»Nein, keine Sorge«, antwortete er gereizt, »ich hatte keineswegs die Absicht, dir zur Last zu fallen. Ich brauche lediglich dringend ein paar Unterlagen für die Steuer, die ich immer noch in meinem Arbeitszimmer habe. Ich habe geklingelt und gewartet, ich bin mehrfach ums Haus herumgegangen, um zu sehen, ob du vielleicht im Garten bist. Schließlich habe ich mir gedacht, du könntest unter den Umständen eigentlich nichts dagegen haben, wenn ich mir rasch selber aufschließe und meine Sachen hole. Aber offenbar hast du genau einem solch ungehörigen Verhalten vorbeugen wollen!« Er war die Gekränktheit in Person. »Herrgott, Leona, was sollte das denn? Hast du geglaubt, ich klaue in deiner Abwesenheit das Silber oder deinen Schmuck?«
»Ich habe doch nicht wegen dir die Schlösser auswechseln lassen«, erklärte Leona. Hektisch fuhrwerkte sie in ihrer Tasche herum. »Wo ist denn nur der verdammte Schlüssel? Du hast geklingelt, sagst du? Mich wundert, daß Paul dir nicht aufgemacht hat.«
»Paul? Hast du schon den nächsten männlichen Logierbesuch? «
»Unser Paul. Olivias Paul. Mein Schwager. Er wohnt hier für eine Weile, weil er Abstand von Olivia braucht.«
»Aha«, sagte Wolfgang, und ihm war anzusehen, daß ihm auch diese Konstellation nicht sonderlich gut gefiel.
»Sein Auto steht draußen«, fuhr Leona fort, »deshalb dachte ich, er sei da.«
»Mir ist gar kein Auto aufgefallen. Leona, kannst du mir jetzt mal erklären, was die Geschichte mit den Schlössern zu bedeuten hat?«
»Gleich. Komm erst mal rein.« Leona hatte ihren Schlüssel endlich gefunden und schloß die Tür auf. Wolfgang nahm die Körbe, die sie abgestellt hatte, und folgte ihr ins Haus.
Intensiver Farbgeruch schlug ihnen sofort entgegen.
»Eigenartig«, sagte Leona.
»Hast du irgendwo frisch gestrichen?« fragte Wolfgang.
»Nein. Ich wollte nächste Woche die Küchenschränke streichen, aber …« Sie unterbrach sich, als sie ins Wohnzimmer trat. »Paul muß dasein! Schau mal, der Fernseher läuft. Und hier steht ein Bierglas.«
»Auf mein Klingeln hat er jedenfalls nicht reagiert«, sagte Wolfgang. Er schaute zum Fenster hin. »Das hat mich vorhin von draußen schon gewundert. Wieso sind um diese Tageszeit die Vorhänge zugezogen?«
Ein seltsames, beunruhigendes Gefühl beschlich Leona.
»Ich sehe oben nach«, sagte sie, verließ das Wohnzimmer und lief die Treppe hinauf.
»Paul!« rief sie. »Ich bin’s, Leona! Wo steckst du denn?«
Niemand antwortete. Gerade, als sie die Tür zum Gästezimmer aufriß, vernahm sie Wolfgang von unten. Seine Stimme klang entsetzt.
»Um Gottes willen! Komm schnell, Leona!«
Sie stürzte die Treppe hinunter.
»Wo bist du?«
»In der Küche! Beeil dich!«
Den Anblick, der sich ihr bot, würde sie nie im Leben vergessen.
Wolfgang kauerte auf dem Boden; um ihn herum verteilt standen all die Körbe und Taschen, die er ins Haus getragen und dann in die Küche gebracht hatte. Vor ihm lag Paul. Er war zusammengekrümmt wie ein Embryo, lag halb auf der Seite, so daß man nur die eine Hälfte seines leichenblassen Gesichtes sehen konnte. Ein feiner Blutfaden verlief vom Ohr den Hals hinunter bis zur Schulter. Unmittelbar vor ihm auf den Fliesen lag eine eiserne Hantel. Wolfgang tastete gerade nach Pauls Arm und versuchte, den Puls zu fühlen. Leona brachte im ersten Moment kein Wort heraus. Sie starrte auf die Szene vor ihren Augen, als habe sie Schwierigkeiten zu begreifen, was sie da sah. Als sie schließlich zu reden vermochte, klang ihre Stimme krächzend.
»Was ist passiert?« fragte sie und dachte im nächsten Moment: Wie dumm! Als ob Wolfgang das wüßte!
»Ich kann den Puls nicht fühlen«, sagte Wolfgang, leise und schockiert. »Ich kann, verdammt noch mal, den Puls nicht fühlen!«
»Glaubst du, er ist tot?«
Wolfgang sprang auf. »Wir müssen sofort den Notarzt rufen. Er muß furchtbar unglücklich gestürzt sein!«
Er rannte ins Wohnzimmer zum Telefon. Leona starrte die Hantel an. Sie gehörte ihr nicht. Sie besaß so etwas überhaupt nicht. Paul, soweit sie wußte, auch nicht. Wo kam dieses Ding her?
Es gelang ihr endlich, sich zu bewegen. Sie kniete neben Paul nieder. Nun erst sah sie, wie verwüstet sein Gesicht war. Das rechte Auge völlig zugeschwollen, grün und violett schimmernd. Die Nase zertrümmert, voll verschorftem, verkrustetem Blut. Die Lippen aufgeplatzt, blutig. Und nicht nur das Gesicht hatte sich in eine Kraterlandschaft der Zerstörung verwandelt: Die Arme zierten Blutergüsse in allen Formen, Farben und Größen. Die Finger standen so eigenartig weit ab, als seien sie gebrochen. An mehreren Stellen zeigten sich Blutflecken auf Pauls Kleidungsstücken.
Leona hielt entsetzt den Atem an. Paul war nicht gestürzt und dabei unglücklich mit dem Kopf aufgeschlagen. Paul war zusammengeschlagen worden. Auf die denkbar brutalste und erbarmungsloseste Weise. Und mit der eisernen Hantel, die ihn vermutlich hinter dem Ohr getroffen hatte, hatte ihm sein Gegner den Rest gegeben. Er hatte gründliche Arbeit geleistet. Er mußte wie in einem Rausch gewesen sein, in einem Rausch des Hasses, der Wut, des hemmungslosen Dranges, zu töten. Sonst konnte man einen Menschen nicht so zurichten.
»O Gott«, flüsterte sie, den Tränen nahe, »o Gott, Paul! Atme doch! Bewege dich doch!«
Ganz vorsichtig berührte sie seine Stirn. Keine Reaktion. Aber täuschte sie sich, oder war da eine Atembewegung an seiner Brust zu sehen?
»Er lebt«, sagte sie, als Wolfgang in die Küche zurückkam. »Er atmet nur ganz schwach, aber er lebt!«
»Der Notarztwagen ist gleich hier«, sagte Wolfgang. Kopfschüttelnd betrachtete er den malträtierten Körper. »Wie hat er das bloß …«
»Er hat gar nichts«, sagte Leona.
Sie kniete noch immer neben dem Schwerstverletzten und betrachtete ihn voller Grauen.
»Er ist nicht gestürzt, Wolfgang. Jemand hat ihn fast totgeschlagen. Jemand hat versucht, ihn umzubringen.«
»Also, und Sie meinen, dieser Herr … Robert Jablonski ist hier eingebrochen und hat Ihren Schwager zusammengeschlagen? « fragte Kommissar Weissenburger müde.
Er saß auf dem Sofa in Leonas Wohnzimmer, ein Glas Wasser und einen Kaffee vor sich, und mußte sich bemühen, seinen Unwillen über den verpfuschten Sonntagabend hinter einem Mindestmaß an Höflichkeit zu verbergen. Er machte gerade eine Diät und war ohnehin schlechter Laune, und er hatte sich in seiner allgemeinen Frustration nur mit der Aussicht auf einen gemütlichen Fernsehabend getröstet. Aber dann hatte man einen halbtoten Mann in einer Küche gefunden, die Umstände legten den Verdacht auf ein Verbrechen nahe, und schon war es vorbei mit der Gemütlichkeit. Nun saß er hier und mußte eine ziemlich aufgeregte Frau und den von ihr getrennt lebenden Ehemann befragen, während die Beamten der Spurensicherung die notwendigen Untersuchungen am Tatort vornahmen. Er trank noch einen Schluck Kaffee und sagte sich, daß das Leben zum Kotzen war.
Leona und Wolfgang saßen ihm gegenüber, ebenfalls jeder eine Kaffeetasse vor sich, wobei Leona die ihre noch nicht angerührt hatte. Ihr Hals war wie zugeschnürt. Sie hatte das Gefühl, nicht einmal mehr Flüssiges schlucken zu können.
Paul war tatsächlich noch am Leben, wie der Notarzt sofort festgestellt hatte, aber er hatte auch gesagt, es sehe schlimm aus, und im Krankenhaus müsse sofort alles für eine Notoperation vorbereitet werden. Wie in Trance hatte Leona den Sanitätern zugesehen, als sie Paul auf einer Bahre aus dem Haus in das bereitstehende Rettungsfahrzeug trugen. Die Leute aus den umliegenden Häusern hatten sich draußen versammelt und zu einer schweigenden Zuschauermenge zusammengeschlossen.
Nichts als glotzen können sie, dachte Leona voller Wut, aber sie haben nicht bemerkt, daß hier wer weiß wie lange ein Schwerstverletzter herumlag! Sie tat den Leuten Unrecht, das wußte sie, wie hätten sie merken sollen, was im Haus geschehen war? Aber ihre überreizten Nerven suchten ein Ventil, und sie hatte keine Lust, fair zu sein. Und vor allem nicht die Kraft.
Der dürre Kommissar, der dauernd von der Diät faselte, der er sich aus unerfindlichen Gründen unterzog, wirkte alles andere als beruhigend auf sie. Wer hatte eigentlich die Polizei gerufen? Wolfgang , die Sanitäter, der Arzt? Egal, Hauptsache, sie waren da.
Ach Paul, dachte sie voller Traurigkeit, hätten wir doch schon vor einer Woche die Polizei verständigt! Du hast mich damals davon abgehalten, und ich kann nur beten, daß du das jetzt nicht mit deinem Leben bezahlst!
»Ich glaube nicht, daß Jablonski eingebrochen ist«, antwortete Wolfgang nun auf Weissenburgers Frage. »Denn wie Ihre Leute ja auch schon festgestellt haben, gibt es keinerlei Anzeichen eines gewaltsamen Eindringens.«
»Hm.« Weissenburger blickte auf einen Zettel, auf dem er sich ein paar Notizen gemacht hatte. »Sie haben ausgesagt, Frau Dorn, daß Sie mit Jablonski einige Monate lang liiert gewesen sind. Demnach hatte er vermutlich einen Schlüssel zum Haus?«
»Den hatte er mir zurückgegeben. Aber dann geschah etwas, das in mir den Verdacht erweckte, daß er sich insgeheim einen Nachschlüssel hatte anfertigen lassen. Inzwischen wurden alle Schlösser ausgetauscht.«
»Was erweckte den Verdacht in Ihnen?« fragte Weissenburger.
Leona berichtete kurz von dem Tierauge, das sie eine Woche zuvor in ihrer Dusche gefunden hatte. Sie erzählte, wie sie damals bereits die Polizei habe verständigen wollen, daß Paul ihr dies aber ausgeredet habe.
»Und einige Zeit davor wurde eine meiner Katzen vergiftet«, schloß sie, »schon damals war ich – und bin es bis heute – überzeugt, daß Robert Jablonski seine Finger im Spiel hatte.«
»Warum hast du mir denn von dem Auge nichts erzählt? « fragte Wolfgang entsetzt.
Leona zuckte mit den Schultern. »Ich glaube, ich fürchtete, mich lächerlich zu machen. Ich hatte schon so viel Lärm um die vergiftete Katze veranstaltet, und niemand hat meine Vermutung wegen Robert so richtig geteilt. Ich wollte nicht dastehen als Frau mit Verfolgungswahn.«
»Woher kannten Sie Jablonski?« fragte Weissenburger.
In kurzen Worten erzählte sie ihm die Geschichte einer Affäre – bis zu ihrem Ende.
»Er stieg in ein Taxi, das ihn zum Bahnhof bringen sollte«, schloß sie. »Er wollte zurück nach Ascona. Aber die ganze Zeit hatte ich ein merkwürdiges Gefühl.«
»Inwiefern?«
»Es war zu glatt gegangen. Ich machte Schluß mit ihm, und er nahm es ziemlich gelassen hin. Er kämpfte nicht,
versuchte nicht, mich umzustimmen.«
»Nicht alle Männer werden zu reißenden Wölfen, wenn ihnen eine Beute entgeht«, meinte Weissenburger. »Manche können durchaus mit einer Zurückweisung fertig werden. «
In seiner Stimme, in seinen Worten schwang Ironie. Er mochte Frauen nicht besonders, und er fand, daß sie herumzickten, was auch immer geschah: Kämpfte ein Mann um sie, schrien sie in Windeseile etwas von sexueller Belästigung. Kämpfte er nicht, unterstellten sie ihm, ein Psychopath oder schwul zu sein. Weissenburger hatte sich vor sechs Jahren scheiden lassen, und er beglückwünschte sich noch heute jeden Tag von neuem dazu.
»Sehen Sie, der Grund, weshalb ich mich von Robert trennte, lag in seinem extrem besitzergreifenden Verhalten mir gegenüber«, entgegnete Leona ruhig, entschlossen, sich nicht provozieren zu lassen. »Er verlor völlig die Nerven, wenn ich irgend etwas sagte oder tat, was er als Abkehr von sich oder von meinen Gefühlen für ihn interpretieren konnte. Er ging dabei über jedes normale Maß hinaus. Daher schien mir die Ruhe, mit der er das Ende hinnahm, unheimlich. Aber natürlich dachte ich zugleich, daß ich mich da in etwas hineinsteigerte. Daß ich hysterisch sei. Es war eine Situation, die mich nervlich ziemlich überforderte.«
»Hm«, machte Weissenburger wieder. Er kritzelte etwas auf seinen Zettel, dann fragte er: »Der Täter – ich möchte mich jetzt noch nicht in der Person festlegen – muß ja irgendwie ins Haus gekommen sein, nicht wahr?«
»Sie meinen, der Täter, der Paul niedergeschlagen hat?« wollte Leona wissen. »Oder der, der damals das Tierauge in meine Dusche legte?«
Weissenburger lächelte. Es war das erste Mal, daß er im Laufe dieses Gespräches die Lippen verzog, aber er sah dadurch keineswegs sympathischer aus. Sein Lächeln war dünn und freudlos.
»Interessant, wie Sie das formulieren, Frau Dorn. Es könnte sich also Ihrer Meinung nach um zwei Täter handeln? «
»Eigentlich nicht. Es war eine ungeschickte Formulierung von mir, aber …«
Er hob die Hand und unterbrach sie damit. »Nein, nein. Ich sehe es nämlich auch so. Zwei Täter. Ich halte es durchaus für möglich, daß sich Ihr abgewiesener Verehrer …«
Komisch, er nennt ihn auch Verehrer, dachte Leona. So, wie ihn auch Wolfgang am Anfang immer genannt hat. Verehrer. Ein altmodisches Wort, mit dem man Blumensträuße, Pralinengeschenke und anbetende Briefe in Verbindung bringt. Das Wort hatte in ihrer Vorstellung nichts mit Robert zu tun, aber aus einem unerfindlichen Grund schienen es die Leute gern für Robert zu benutzen.
»… hier hereingeschlichen und dieses Auge in Ihrer Dusche plaziert hat«, fuhr Weissenburger unterdessen fort. »Ein solches Auge kann man in jedem Schlachthof bekommen. Ich würde dabei nicht einmal an Rache denken. Er wollte Sie ärgern, erschrecken. Ihnen eins auswischen. Auf eine geschmacklose, aber letztlich ungefährliche Weise.«
»Und die vergiftete Katze?«
»Zufall. Ein Unglück. Was glauben Sie, wie viele Katzen sich jeden Tag vergiften, weil sie irgend etwas fressen, das nicht für sie bestimmt ist.«
»Also haben wir ein Unglück«, sagte Leona, »einen gekränkten … Verehrer, der mich ärgern will, und einen … ja, was? Wer hat meinen Schwager halb tot geschlagen?«
»Ein Einbrecher. Ja, ich weiß …« Weissenburger hob erneut abwehrend die Hand, als er sah, daß Wolfgang den Mund öffnete. »Ein Einbrecher in Anführungszeichen. Offensichtlich wurde ja nicht eingebrochen. Aber vielleicht hat der Täter geklingelt, und Ihr Schwager hat ihm arglos geöffnet.«
»Und ihn dann durch das ganze Erdgeschoß hindurch bis in die Küche geführt?« fragte Wolfgang zweifelnd. »Wieso sollte er das tun?«
»Wir wissen ja nicht, was der Mann an der Tür ihm gesagt hat. Vielleicht, daß er irgend etwas ablesen will, oder…«
»Am Wochenende?« warf Leona ein. »Das alles muß ja am Samstag nachmittag oder heute, am Sonntag, stattgefunden haben.«
Weissenburger sagte ungeduldig: »Den genauen Verlauf wird uns das Opfer schildern können, wenn es wieder vernehmungsfähig ist. Insofern können wir im Moment nur spekulieren, und das bringt natürlich nicht viel. Es mag ja auch sein, daß der Täter um das Haus herumkam und an die Küchentür klopfte.«
»Aber es müßte doch irgendein Motiv geben«, meinte Leona, »offenbar hat kein Raub stattgefunden.«
»Haben Sie das schon so genau überprüft? All Ihren Schmuck durchgeschaut und so weiter?«
»Nein. Aber, ehrlich gesagt, ist in dieser Hinsicht ohnehin nicht viel bei mir zu holen.«
»Das wußte aber der Täter nicht. Das hier ist eine außerordentlich wohlhabende Gegend«, sagte Weissenburger, der in einer ziemlich schäbigen Wohnung lebte, mit einiger Mißgunst in der Stimme. »Der Täter konnte durchaus erwarten, hier fündig zu werden.«
Leona glaubte das nicht. Sie fand auch nicht, daß der verletzte Paul danach ausgesehen hatte, als habe ihn ein Räuber außer Gefecht gesetzt, um ungestört seiner Tätigkeit nachgehen zu können. Dafür hätte ein Schlag auf den Kopf mit der Hantel gereicht. Pauls grausame Verletzungen am ganzen Körper hatten von anderen Motiven gesprochen: von Haß, von Gewalt um der Gewalt willen.
»Nehmen wir einmal an«, sagte Weissenburger, »Ihre Theorie bezüglich Jablonski stimmte. Welchen Grund hätte er haben sollen, Ihren Schwager krankenhausreif zu schlagen?«
Genau diese Frage hatte sich auch Leona die ganze Zeit über gestellt, ohne eine Antwort zu finden, aber in diesem Moment fiel es ihr wie Schuppen von den Augen.
»Er kannte ihn nicht als meinen Schwager!« rief sie. »Er hatte ihn nie gesehen. Bei dem Familientreffen an Weihnachten war Paul nicht anwesend. Robert muß Paul für einen fremden Mann gehalten haben. Herr Hauptkommissar«, sie beförderte ihn unwillkürlich, ohne es zu bemerken, »er hielt Paul für meinen neuen Liebhaber! Ich bin ganz sicher. Für ihn muß es so ausgesehen haben.«
Sie neigte sich vor. Ihre Stimme wurde leise und rauh.
»Das bedeutet, er hat die ganze Zeit mein Haus beobachtet. Er hat gesehen, wie Paul hier einzog. Und dann ist er gekommen, ihn umzubringen.«
7
Polizeiwachtmeister Früngli von der Polizei Ascona war sehr guter Laune an diesem Tag. Nirgends auf der Welt, fand er, war der April so schön wie am Lago Maggiore. Zwar hatte er von der Welt noch nicht viel gesehen, genaugenommen war er noch nie über die Grenzen der Schweiz hinausgekommen. Aber aufgewachsen war er in der Nähe von Zürich, und er wußte, wie dort der April sein konnte. Nämlich kalt und oftmals noch naß. Hier unten hingegen kam er mit sommerlichen Temperaturen und mit einem fast rauschhaften Blühen ringsum. Schon der März war um Klassen besser als anderswo. Früngli hatte immer darauf hingestrebt, in die italienische Schweiz versetzt zu werden, und zwei Jahre zuvor war es ihm geglückt. Seitdem ging er wie auf Wolken, obwohl ihn natürlich längst der triste Polizeialltag eingeholt hatte. Manchmal befiel ihn auch das Heimweh nach seiner Familie. Aber das verdrängte er dann rasch, denn schließlich war er ein Glückskind, und Glückskinder haben kein Heimweh.
Er blieb vor einem ziemlich scheußlichen Bau in der Via Murragio stehen und verglich die Hausnummer mit der, die er sich auf einem Zettel notiert hatte. Genau richtig!
Er hatte den Auftrag, einen gewissen Robert Jablonski zu überprüfen, der unter dieser Adresse gemeldet war. Eine Anfrage aus Deutschland, von der Polizei Frankfurt. Soweit er informiert war, ging es um einen Fall von schwerer Körperverletzung, das Opfer schwebte noch immer in Lebensgefahr. Früngli sollte allerdings vorläufig nichts weiter tun, als Jablonskis Personalien aufnehmen und ihn »routinemäßig« befragen, wo er sich an dem Wochenende des fünfundzwanzigsten und sechsundzwanzigsten April aufgehalten hatte.
Er schob seine Mütze zurecht und beugte sich zu den Klingelschildern hinunter. Da war er ja schon: Jablonski. Früngli klingelte und wartete. Er klingelte noch einmal und wartete wieder. Während er nach dem dritten Klingeln wiederum wartete, obwohl ihm schon klar war, daß sich Jablonski offenbar gerade nicht in seiner Wohnung aufhielt, kam eine Putzfrau aus dem Haus. Sie schleppte einen Müllsack und zwei randvolle Papierkörbe und warf Früngli einen anklagenden Blick zu, als sei er verantwortlich, daß sie an diesem strahlenden Tag arbeiten mußte. Er lächelte unsicher und schob sich rasch durch die nur langsam zufallende Glastür ins Haus hinein.
Nun war er drin, aber das brachte ihn im Grunde nicht weiter. Jablonski war nicht daheim. Trotzdem konnte er es ja noch einmal direkt an der Wohnungstür versuchen. Der Anordnung der Klingeln zufolge mußte der Gesuchte im dritten Stock wohnen. Früngli stieg die Treppen hinauf.
Auch das mehrmalige Klingeln oben an der braungestrichenen Wohnungstür brachte nichts. Früngli wandte sich zum Gehen. Eine Treppe weiter unten kam er an einer Wohnung vorbei, deren Tür weit offenstand. Gleich dahinter versperrte ein querstehender Staubsauger den Weg, und es roch durchdringend nach Putzmitteln. Ob von hier die Putzfrau gekommen war, die er unten getroffen hatte? Eine andere Frau mit einem geblümten Tuch um den Kopf und einer grünen Kehrschaufel in der Hand tauchte plötzlich auf und fixierte Früngli aus kleinen Augen.
»Aha, die Polizei«, sagte sie. »Kommen Sie wegen Millie? «
»Wegen Millie?« fragte Früngli irritiert.
Die Frau kletterte über den Staubsauger und trat näher an ihn heran.
»Millie Faber. Die Frau, die unter mir wohnt.«
»Ich bin wegen Robert Jablonski hier«, sagte Früngli. »Haben Sie eine Ahnung, wo er sich aufhält?«
»Das ist eine gute Frage. Nein, keine Ahnung. Den hab’ ich schon seit Wochen nicht mehr gesehen. Komischer Kauz. Ich vermute, der ist nicht ganz richtig hier oben.« Sie tippte sich an die Stirn.
»Erinnern Sie sich, wann Sie ihn zuletzt gesehen haben? « fragte Früngli und zückte seinen Notizblock.
Die Frau überlegte. »Irgendwann im März, glaube ich. Da war er eine Woche lang hier. Hatte eine Maus dabei.«
»Eine Maus?«
»Eine Frau, meine ich. Eine Geliebte, nehme ich an.«
»Und dann haben Sie ihn nicht mehr gesehen?«
»Eines Morgens sind beide abgereist. Das muß so etwa Mitte des Monats gewesen sein. Ich hab’s vom Balkon aus gesehen.«
»Sind Sie sicher, daß die beiden abgereist sind? Sie können ja auch zu einem Ausflug aufgebrochen sein.«
Der Putzteufel musterte ihn verächtlich. »Dann hätten sie kaum eine solche Menge Koffer mitgeschleppt, nicht wahr? Die sind abgereist, darauf können Sie sich verlassen. «
»Weshalb nannten Sie Jablonski einen komischen Kauz?« wollte Früngli wissen.
»Der war eben komisch. Hatte mit niemandem hier im Haus richtig Kontakt. Ging immer seiner eigenen Wege. Manchmal hat er nicht mal gegrüßt. Und seit ich ihn kenne, war die Frau im März seine fünfte Freundin. Keine hat’s allzulange mit ihm ausgehalten.«
In Frünglis Augen stempelte dies alles einen Menschen noch nicht unbedingt zum Sonderling ab, aber er mochte mit dem Putzteufel jetzt nicht darüber diskutieren. Frauen dieser Art, das wußte er aus Erfahrung, war er nicht gewachsen.
»Schön. Danke«, sagte er und steckte sein Notizbuch wieder weg. Gefällig setzte er hinzu: »Und was war nun mit dieser … wie hieß sie? Millie …?«
»Millie Faber. Sie wohnt im ersten Stock. Sie habe ich auch seit Wochen nicht gesehen.«
»Vielleicht ist sie verreist.«
Die Frau setzte wieder eine verächtliche Miene auf, die Früngli nicht verstand. Wieso meinte sie immer, ihn verachten zu müssen, nur weil er nicht über alle Details dieses Hauses, das für sie offenbar den Erdmittelpunkt darstellte, unterrichtet war?
Dumme Zicke, dachte er.
»Wenn sie verreist wäre, hätte sie’s mir gesagt. Sie gibt mir dann nämlich immer den Schlüssel zu ihrer Wohnung, damit ich die Blumen gießen kann. Sie hat ja ein halbes Gewächshaus da drinnen.«
»Könnte es sein, daß sie diesmal jemand anderen beauftragt hat?«
»So ein Unsinn! Ich habe es immer gemacht, und sie war immer zufrieden. Außerdem sind gar nicht viele Leute zur Zeit hier im Haus. Größtenteils sind das ja Ferienwohnungen. Nein, außer mir wäre keiner in Frage gekommen. «
»Und Sie haben sie sonst regelmäßig gesehen?«
»Man sieht sich einfach in so einem Haus. Man begegnet sich auf dem Weg zum Briefkasten … apropos Briefkasten: Millies scheint mir schon lange nicht mehr geleert worden zu sein. Sie kriegt ja kaum Post, sie hat ja niemanden auf der Welt, deshalb könnte das gut ein halbes Jahr dauern, bis er wirklich überquillt, aber allmählich scheinen mir eine ganze Menge Reklamezettel darinzustecken.«
»Das ist befremdlich«, gab Früngli zu.
Die Putzfrau, die er unten getroffen hatte, kam lustlos die Treppe heraufgeschlichen und drückte sich, ohne ein Wort zu sagen, an Früngli und ihrer Arbeitgeberin vorbei in die Wohnung.
Der Frau mit dem geblümten Kopftuch schien noch etwas anderes einzufallen.
»Ihr Balkon, also Millies Balkon, liegt genau unter meinem. Bei dem schönen Wetter hätte ich sie dort einmal sitzen sehen müssen. Wir haben uns oft von unten nach oben unterhalten. Ihre Balkonblumen sehen ziemlich verdörrt aus. Es hat ein paar Mal geregnet, das hat sie gerettet, aber bald sind sie trotzdem hinüber. Und Millie würde nie ihre Blumen im Stich lassen.«
»Zeigen Sie mir doch mal die Wohnungstür«, bat Früngli.
Bereitwillig trottete sie vor ihm her den Gang entlang, die nächste Treppe hinunter, wiederum einen Gang entlang. Dann blieb sie vor einer Tür stehen, deren Klingelschild mit dem Namen Faber versehen war.
»Hier«, sagte sie, »hier wohnt Millie.«
Sie verströmte einen penetranten Schweißgestank, der Früngli erst richtig aufgefallen war, seit sie sich in Bewegung gesetzt hatte. Nun hing der schwere Dunst wie eine große Glocke zwischen ihnen. Früngli konnte sich vorstellen, wie vehement und aggressiv diese Frau ihre Fußböden bearbeitete, und die Heftigkeit ihrer Bewegungen hatte wohl ihre Schweißproduktion angeregt. Und trotzdem begann er dazwischen etwas anderes wahrzunehmen, andeutungsweise nur, so sacht, daß er das Vorhandensein eines zweiten Geruchs zunächst anzweifelte, sich zu irren glaubte.
Aber dann hatte er sich an die Schweißwolke genug gewöhnt, um andere Gerüche herauskristallisieren zu können, und er merkte, wie ihm kalt wurde am ganzen Körper und sich ein eigentümliches Kribbeln auf seiner Kopfhaut ausbreitete. Ihm fiel der Ausdruck ein: »Ihm standen die Haare zu Berge.« So mußte sich das anfühlen. Genau so.
Er roch Blut.
Nicht penetrant, bei weitem nicht so massiv wie der Schweiß des Putzteufels. Aber unverkennbar schwang etwas von süßlicher Verwesung zwischen den engen Wänden des Ganges, und Frünglis bemächtigte sich der dunkle Verdacht, daß es durch den hauchfeinen Spalt unter der Tür der vermißten Millie Faber hervorkroch.
»Die Nachbarn«, setzte er an, aber die Frau winkte ab.
»Hier unten ist Millie allein. Die Wohnungen werden nur als Ferienappartements genutzt, und zur Zeit ist niemand da.«
»Aha. Ich läute mal.«
Er klingelte bei Millie, obwohl er fast einen Eid darauf geleistet hätte, daß sie gar nicht mehr in der Lage war, ihm zu öffnen. Er nahm den eigentümlichen Geruch jetzt stärker wahr und merkte, wie ihm an beiden Handflächen der Schweiß ausbrach.
Ganz ruhig, mahnte er sich, du darfst jetzt nicht die Nerven verlieren. Du bist Polizeibeamter im Dienst. Du behältst einen kühlen Kopf!
»Wer hat einen Schlüssel zu der Wohnung?« erkundigte er sich.
»Soviel ich weiß, nur der Hausmeister«, sagte die Frau.
»Und wo finde ich den?«
»Der wohnt zwei Häuser weiter, auch ein Wohnblock, für den er zuständig ist. Er heißt Guiseppe Malini.« Sie hatte große, erregte Augen bekommen.
»Möchten Sie eindringen in die Wohnung?«
Die Bezeichnung »eindringen« hätte Früngli nicht gerade gewählt.
»Ich denke, wir sollten der Sache nachgehen und den Hausmeister bitten, uns die Wohnung aufzuschließen«, sagte er. »Ich werde hinübergehen und sehen, daß ich ihn finde. Sie warten bitte hier, Frau … wie war Ihr Name?«
»Ich habe ihn Ihnen noch nicht genannt. Ich heiße Zellmeyer. Sigrid Zellmeyer.«
Er versuchte sich ein wenig von der Nervosität abzulenken, die sich in ihm ausbreitete wie ein eiligst wucherndes Geschwür. Scheiße, dachte er, während er durch die spätvormittägliche Hitze zum übernächsten Wohnblock trottete, da geht man hin, um irgend jemandes Personalien zu überprüfen, und dann hat man eine solche Geschichte am Hals. Und man ist ganz allein damit.
Am liebsten hätte er über Funk einen Kollegen angefordert, aber er wußte, er hätte sich damit lächerlich gemacht. Er hatte einen Verdacht und mußte nun sehen, ob sich etwas davon bewahrheitete. Und das mußte er, verdammt noch mal, allein schaffen.
Guiseppe Malini, ein kleiner, drahtiger Italiener, der Deutsch fließend, aber mit einem harten Akzent sprach, hatte sich von Früngli dessen Dienstausweis zeigen lassen und war dann sofort bereitwillig mit hinübergekommen. Sigrid Zellmeyer stand wie ein Wachhund vor Millies Wohnungstür und hatte sich offenkundig seit Frünglis Fortgehen um nicht einen Millimeter bewegt. Es war sehr still im Haus, nur aus dem zweiten Stock konnte man das Brummen des Staubsaugers hören, mit dem Sigrids Putzfrau die Teppichböden bearbeitete. »Hier riecht es komisch«, sagte Malini, während er seine Schlüssel aus den ausgebeulten Hosentaschen hervorkramte.
»Ich rieche nichts«, sagte Sigrid.
Wahrscheinlich kannst du gar nicht riechen, dachte Früngli aggressiv, sonst wärst du an deinem eigenen Gestank längst zugrunde gegangen.
Malini drehte den Schlüssel um und stieß die Tür auf. Fast im gleichen Augenblick zuckte er zurück und wurde kreidebleich.
»Madonna!« ächzte er.
»Jetzt rieche ich es auch«, sagte Sigrid. »Lieber Himmel!«
»Sie bleiben draußen, alle beide«, befahl Früngli und bereute es zum ersten Mal in seinem Leben, daß er nicht dem Wunsch seiner Mutter gefolgt war und sich um eine Anstellung bei der Finanzbehörde bemüht hatte. »Ich gehe da allein hinein.«
Der süßliche Blutgeruch, den er schon draußen auf dem Gang wahrgenommen hatte, schlug ihm nun geballt und in vielfacher Intensität entgegen. Offenbar waren alle Fenster in der Wohnung geschlossen, nicht aber durch Jalousien beschattet, und die Hitze der letzten Tage hatte eine abgestandene Backofenwärme in allen Räumen entstehen lassen. Darin hing ein Leichengeruch, der jedem Lebewesen, ob Mensch oder Tier, den Atem nehmen mußte. Er war schauerlich, widerlich, ekelerregend und furchtbar. Nie würden Früngli genügend Attribute einfallen, um diesen Höllengestank zu beschreiben. Mit zitternden Fingern kramte er ein Taschentuch hervor, das er sich an die Nase preßte, und vergewisserte sich mit einem Blick über die Schulter, daß Malini und Sigrid Zellmeyer wirklich draußen stehenblieben. Dann tappte er zögernd vorwärts, in Millies Küche, in Millies Schlafzimmer und schließlich in Millies Wohnzimmer, in dem das Blut an Wänden, Schränken, Bildern, Bücherregalen, am Fernseher, an den Gardinen, an der Couchgarnitur und auf dem Fußboden klebte. Überdies fand er dort Millie vor, und ihr Anblick ließ Früngli nach Luft ringen.
Er atmete aber nur den mörderischen Gestank eines Schlachthofes, dann spurtete er ins Bad und erbrach sich ins Waschbecken, weil er die Toilette nicht mehr erreichte. Aus dem Spiegel starrte ihn sein Gesicht an, getaucht in eine seltsam grüne Farbe, die Augen von Grauen erfüllt.
Malini hatte die Madonna beschworen, Sigrid den Himmel angerufen.
Er selbst brachte nur noch ein leises, kraftloses »Jesus!« hervor.
8
Am dritten Tag nach dem Überfall lag Paul noch immer in tiefer Bewußtlosigkeit und war nicht vernehmungsfähig. Am Dienstag, wie schon am Montag, fuhr Leona gleich nach Büroschluß ins Krankenhaus und durfte ihren Schwager durch eine Glasscheibe hindurch auf der Intensivstation anschauen. Außer zahllosen Mullverbänden, die ihn in eine Art Mumie verwandelten, und einer Menge bedrohlicher Apparate und Schläuche sah sie kaum etwas von ihm. Er hatte schwerste innere Verletzungen davongetragen, Risse und Quetschungen in verschiedenen Organen, Knochenbrüche und – am schlimmsten – eine Hirnblutung, die die Ärzte zwar unter Kontrolle hatten, von der aber noch immer akute Lebensgefahr ausging. Bis zum Dienstag hatte sich daran nichts geändert.
»Glauben Sie, er schafft es?« fragte Leona den behandelnden Arzt.
Dieser war ein trockener, wortkarger Mann, der nicht im mindesten dazu neigte, Optimismus dort zu verbreiten, wo er ihn für unangebracht hielt. Er wiegte einen Moment den Kopf.
»Vierzig zu sechzig«, meinte er dann.
Leona krallte sich an einem flüchtigen Hoffnungsschimmer fest.
»Sie meinen, sechzig Prozent, daß er es schafft?« hakte sie nach.
Diesmal wiegte er nicht, diesmal schüttelte er den Kopf.
»Vierzig, daß er es schafft. Sechzig, daß er nicht durchkommt. «
Es trieb ihr die Tränen in die Augen, diesen stattlichen Mann dort liegen und einen einsamen, hilflosen Kampf gegen den Tod ausfechten zu sehen. Sie konnte nur hier draußen stehen, sich die Nase an der Glasscheibe plattdrücken und nicht das mindeste für ihn tun. Sie konnte beten, hoffen, warten, mehr nicht.
Die Spurensicherung hatte Fingerabdrücke auf der äußeren Klinke der in den Garten führenden Küchentür gefunden, die weder Leona noch Paul noch Wolfgang gehörten. Auf der inneren Klinke befanden sich nur Pauls Abdrücke. Weissenburger hatte Leona seine Theorie dargelegt, ohne zu wissen, daß er ziemlich genau ins Schwarze traf.
»Wir vermuten, daß die Küchentür offenstand. Schließlich hatte Ihr Schwager gerade sämtliche Küchenschränke gestrichen. Im allgemeinen verriegelt man einen solchen Raum anschließend nicht hermetisch, stimmt’s? Da das Fenster fest verschlossen war, hat er also vermutlich die Tür offengelassen. Es war ja ein sehr warmer Tag, ein milder Abend. Er hat dann im Wohnzimmer ferngesehen, etwas gegessen und ein Bier getrunken, wie der laufende Apparat, ein leerer Teller und das Bierglas belegen. Irgendwann hörte er ein Geräusch. Es schien ihm aus der Küche zu kommen, also ging er dorthin, um nachzusehen. Und traf auf den Einbrecher, der sofort zuschlug. Sodann verließ der Täter die Küche wieder in den Garten hinaus und zog die Tür hinter sich ins Schloß – daher seine Fingerabdrücke auf der Klinke.«
»Wenn es sich tatsächlich um einen Einbrecher handelte«, hatte Leona erwidert, »warum hat er dann nicht, nachdem Paul kampfunfähig war, das Haus ausgeräumt? Wenigstens irgend etwas mitgehen lassen?«
»Sie sind nach wie vor sicher, daß nichts fehlt?«
»Ich war mir während unseres ersten Gespräches nicht sicher. Jetzt bin ich es. Es wurde nichts gestohlen.«
»Nun, dann vermute ich, der Einbrecher hat die Nerven verloren. Er ist überrascht worden. Er hat einen Mann niedergeschlagen. Vielleicht hielt er ihn sogar für tot. Einbruch ist eine Sache, Mord eine andere. Er hat gemacht, daß er fortkam.«
»Sie überprüfen aber Robert Jablonski, ja? Seine Fingerabdrücke …«
»Wir wissen nicht, wessen Fingerabdrücke auf der Türklinke das sind. Sie sind nicht im Polizeicomputer gespeichert. Wir wissen nur, daß es nicht Ihre, die Ihres Mannes oder Ihres Schwagers sind.«
»Bestimmt sind noch irgendwo im Haus Fingerabdrücke von Robert«, sagte Leona, »schließlich hat er monatelang hier gewohnt. Aber seitdem ist dreimal die Putzfrau durch alle Räume gegangen. Es wäre schwierig, etwas zu finden.«
»Wir können nicht jeden Winkel des Hauses erkennungsdienstlich untersuchen. Auf einen bloßen Verdacht hin.«
Weissenburger gab deutlich zu erkennen, daß er Leonas Verdacht hinsichtlich Robert nach wie vor nicht teilte.
»Auf der Hantel befinden sich übrigens keine Fingerabdrücke«, fügte er hinzu. »Er muß Handschuhe getragen haben, die er aber auszog, ehe er das Haus wieder verließ. «
»Warum?«
»Was?«
»Warum zog er die Handschuhe aus? Ihm mußte klar sein, daß er dann Abdrücke auf der Türklinke hinterlassen würde.«
»Er war in Panik, wie ich schon sagte. Er …«
»Nein«, unterbrach Leona, »er war mit Sicherheit keinen Moment lang in Panik. An irgendeiner Stelle wollte er eine Spur hinterlassen. Letzten Endes möchte er, daß ich weiß, daß er es ist.«
Weissenburgers Miene hatte soviel Skepsis ausgedrückt, daß Leona rasch nachgehakt hatte: »Sie werden Robert aber überprüfen?«
»Wir werden die Schweizer Kollegen bitten, seine Papiere zu prüfen und ihn zu fragen, wo er sich zur Tatzeit aufgehalten hat. Ehrlich gesagt, verspreche ich mir davon nicht allzuviel, aber ich habe trotzdem die entsprechenden Schritte eingeleitet.«
Großartig, wenn jemand seinen Job so engagiert macht wie Weissenburger, hatte Leona zynisch gedacht. Der Mann hat wirklich einen echten Jagdhundinstinkt.
An all dies dachte sie, während sie an diesem regnerischen Dienstagabend auf der Intensivstation stand und den leblosen Körper betrachtete, der einmal der vitale, kräftige Paul gewesen war.
Bitte, stirb nicht, bat sie ihn lautlos, gib nicht auf!
Eine Schwester, die gerade vorbeikam, lächelte ihr zu.
»Sie sehen ja ganz schön elend aus«, meinte sie. »Möchten Sie einen Kaffee?«
»Nein, vielen Dank. Ich kann dann nicht schlafen.« Sie starrte wieder durch die Scheibe.
Die Schwester folgte ihrem Blick. »Sie dürfen den Mut nicht verlieren«, sagte sie, »er hat durchaus Chancen, es zu schaffen.«
»Meinen Sie?«
»Er ist sehr, sehr schwer verletzt, aber grundsätzlich hat er eine stabile Konstitution. Sein Körper ist kräftig und sportlich. Verstehen Sie, die Voraussetzungen könnten schlechter sein.«
»Ja, sicher«, murmelte Leona.
Die Schwester nahm ihren Arm. »Gehen Sie nach Hause. Sie scheinen hundemüde zu sein. Hier können Sie im Moment doch nichts tun. Nehmen Sie ein schönes, warmes Bad und legen Sie sich dann hin!«
Leona verabschiedete sich und verließ das Krankenhaus. Es regnete noch immer. Sie eilte zu ihrem Auto, dessen Dach und Kühlerhaube bedeckt waren mit weißen Kirschblüten, die der Regen von einem Baum herabpeitschte. Morgen wollten Olivia und die Eltern kommen, um Paul zu besuchen. Sie waren entsetzt und erschüttert gewesen, als sie von dem Unglück hörten. Leona hatte sie nicht noch mehr aufregen wollen und ihnen daher verschwiegen, daß sie Robert für den Täter hielt. Vorläufig sollten sie ruhig an die Einbrecher – Version Weissenburgers glauben.
Während Leona ihren Wagen durch den Regen und den noch immer dichten Abendverkehr heimwärts steuerte, versuchte sie, sich an den Worten der Schwester festzuhalten. Er hat eine stabile Konstitution. Er ist kräftig und sportlich. Die Voraussetzungen könnten schlechter sein.
Als sie daheim ankam, sah sie schon Wolfgangs Auto vor dem Grundstück parken. Er war also wieder da, und sie merkte, wie sie unwillkürlich erleichtert durchatmete.
Am Sonntag, spät abends, als endlich alle Polizisten verschwunden waren, hatte er wie selbstverständlich gesagt: »Ich bleibe besser hier heute nacht«, und hatte das Gästezimmer mit Beschlag belegt. Am Montag abend war er ebenfalls aufgetaucht und hatte wiederum die Nacht in ihrem gemeinsamen Haus verbracht. Wie es aussah, hatte er vor, dies weiterhin zu tun, und zum erstenmal kam Leona der Gedanke, daß er ihr damit nicht nur seelischen Beistand leisten wollte: Er hatte Angst, sie allein zu lassen. Er hielt sie für ebenfalls gefährdet.
Und wahrscheinlich hat er recht, dachte sie, um im nächsten Moment auf einen weiteren beunruhigenden Aspekt aufmerksam zu werden: Wie groß war die Gefahr, in der er schwebte, wenn Robert mitbekam, daß er bei Leona im Haus aus und ein ging?
Wolfgang mußte sie gehört haben, denn er riß die Haustür auf, noch ehe Leona ihren Schlüssel ins Schloß gesteckt hatte.
»Leona, gut, daß du kommst!« Er zog sie herein, schloß sorgfältig die Tür. Während er ihr aus dem nassen Mantel half, sagte er: »Weissenburger hat mich im Sender angerufen. Daraufhin bin ich gleich hierhergefahren.«
»Gibt es etwas Neues?«
»Und ob. Komm mit ins Wohnzimmer. Wie geht es Paul?«
»Unverändert. Er sieht schrecklich aus, Wolfgang. So hilflos und krank.« Sie folgte ihrem Mann ins Wohnzimmer. »Also – was ist?«
Sie setzte sich in einen Sessel. Wolfgang blieb stehen, er schien zu angespannt, um sich hinzusetzen.
»Die Polizei Ascona hat heute früh einen Beamten abgestellt, deinen Robert Jablonski unter der von dir genannten Adresse zu überprüfen«, sagte er. »Er hat ihn nicht angetroffen. Laut Aussage einer Hausbewohnerin wurde er dort nicht mehr gesehen seit dem Tag im März, an dem er mit dir zusammen abreiste. Du hast wohl recht gehabt. Er ist nicht nach Ascona zurückgekehrt.«
Sie setzte sich aufrechter hin. »Es stimmt also. Er ist noch hier. Er …«
Wolfgang unterbrach sie: »Moment. Es kommt noch besser. Im selben Haus, in dem sich seine Wohnung befindet, fand die Polizei eine ermordete Frau.«
»Was?«
»Eine Hausbewohnerin machte den Polizisten darauf aufmerksam, daß eine ihrer Nachbarinnen offenbar seit Wochen nicht mehr gesehen wurde. Sie machte sich Sorgen deshalb, und der Beamte ging der Sache nach, zunächst wohl vor allem deshalb, um ihr Lamentieren zu beenden. Er fand die Vermißte in ihrem Wohnzimmer. Grausam hingeschlachtet.«
Leona wollte aufstehen, aber sie merkte, daß ihre Beine weich wie Pudding geworden waren und sie nicht tragen würden. Sie blieb sitzen, und ein Zittern breitete sich langsam in ihrem ganzen Körper aus.
»Wer … wie heißt die Frau? Vielleicht kenne ich sie.«
»Warte … Emilie Faber oder so ähnlich.«
»O Gott«, flüsterte Leona.
»Du kennst sie tatsächlich?«
»Ich habe mich ein paarmal mit ihr unterhalten, als ich in Ascona war.«
Das Bild Millie Fabers entstand in ihrer Erinnerung. Die freundliche, etwas biedere ältere Frau in ihrer gepflegten Wohnung mit den Rüschengardinen und den vielen Zimmerpflanzen. Unmöglich, sie sich tot vorzustellen – hingeschlachtet, wie Wolfgang gesagt hatte.
»Sie … war eigentlich der Auslöser, weshalb ich mich von Robert endgültig getrennt habe«, fuhr sie stockend fort. »Sie sagte mir, daß seine letzte Freundin keineswegs im See ertrunken, sondern ihm weggelaufen sei. Sie …«
Plötzlich wurden ihre Augen groß und ihr Atem flach, als ihr aufging, was sie da gerade gesagt hatte.
»Wolfgang , sie war der Auslöser! Verstehst du? Das wußte Robert auch. Ich habe es ihm ja gesagt. Er hat wie verrückt auf Millie geschimpft … Meinst du, daß er …?«
Wolfgang vermied es, sie anzusehen.
»Er war es, Leona, soviel steht schon fest. Seine Fingerabdrücke befanden sich an verschiedenen Stellen in der Wohnung des Opfers, zudem auf dem Messer, mit dem die Tat ausgeführt wurde. Sie haben sie verglichen mit Abdrücken in seiner Wohnung. Sie sind übrigens auch identisch mit den Fingerabdrücken auf unserer Küchentür.«
Leona hatte das sichere Gefühl, daß ihr jeden Moment schwarz vor den Augen werden würde, und offenbar konnte man ihr das ansehen, denn Wolfgang war sofort neben ihr, kauerte sich nieder und nahm ihre eiskalten Hände in seine.
»Ganz tief durchatmen«, sagte er eindringlich, »ganz tief und ganz ruhig, Leona. So ist es gut.«
Tatsächlich verebbte der Schwindel, und das Flimmern vor den Augen verschwand. Sie konnte Wolfgangs besorgtes Gesicht dicht vor sich sehen.
»Meine Güte«, sagte er, »du bist eben grau bis in die Lippen geworden. Ich dachte, du bist jede Sekunde weg.«
Sie strich sich über die Stirn, auf die sich ein kalter Schweißfilm gelegt hatte.
»Das war wohl eben einfach zuviel.«
»Du trinkst jetzt erst einmal einen Schnaps«, bestimmte Wolfgang und stand auf. »Und danach gehen wir irgendwohin zum Essen. Du bist sehr dünn geworden, Leona. Jemand muß dich endlich aufpäppeln.«
Aber nicht du, dachte sie, selbst erstaunt über die Aggressivität, die sich in ihr breitmachte. Sie beobachtete ihren Mann, wie er ein Glas aus dem Schrank nahm, eine Schnapsflasche aus dem Eßzimmer brachte, öffnete. Rasche, geübte Handgriffe. Es waren sein Haus, seine Gläser, seine Flaschen. Und hätte er nicht im vergangenen Jahr plötzlich geglaubt, seine ungebrochene Potenz und seinen maskulinen Charme im Bett einer anderen Frau zur Schau stellen zu müssen, dann hätte alles bleiben können, wie es gewesen war: das behagliche Haus, das gute Leben. Wäre er nicht ausgebrochen, dann hätte das Grauen dieses Alptraums nie von ihnen allen Besitz nehmen können. Dann würde Dolly noch leben und die arme Millie Faber, und Paul würde nicht auf der Intensivstation eines Krankenhauses mit dem Tod kämpfen. Sie müßten nicht zittern vor Angst, wer der Nächste sein würde.
Warum konnte nicht alles bleiben, wie es war, dachte sie, gleichermaßen verzweifelt und wütend, warum hat er alles kaputtmachen müssen?
Sie stand auf. Zu ihrem eigenen Erstaunen trugen ihre Beine sie besser, als sie erwartet hatte. Als Wolfgang an sie herantrat, um ihr das Glas zu reichen, hob sie die Hand und schlug ihm ins Gesicht.
»Du Schwein!« sagte sie. »Du verdammtes Schwein mit diesem verdammten Flittchen, das du unbedingt beglücken mußtest! Ist dir eigentlich klar, was du angerichtet hast?«
Er sah sie völlig perplex an. Auf seiner Wange zeichneten sich alle fünf Finger ihrer rechten Hand ab. Der Schnaps war übergeschwappt, lief den äußeren Rand des Glases hinunter.
»Bist du verrückt geworden?« fragte er schließlich.
»Ob ich verrückt geworden bin? Das ist eine wirklich gute Frage! Vielleicht werde ich noch verrückt, wenn das so weitergeht.« Ihre Stimme hatte einen unschönen, schrillen Klang angenommen. »Bisher haben wir ja auch nur eine tote Katze, eine tote Frau und einen halbtoten Mann. Das ist ja noch gar nichts, aber vielleicht wird es noch besser, nicht? Robert hat bestimmt noch eine ganze Reihe guter Einfälle auf Lager, wir dürfen richtig gespannt sein!«
Wolfgang stellte das Glas auf dem Tisch ab. »Leona, es ist kein Wunder, daß dir die Nerven versagen. Aber du mußt versuchen, jetzt …«
»Ach, ich muß versuchen? Ich?« Sie wich seiner Hand aus, die er ihr beruhigend auf den Arm legen wollte. »Hast du mal darüber nachgedacht, inwieweit du für das alles hier verantwortlich bist? Für den ganzen Schlamassel, in dem wir jetzt bis zum Hals stecken? Du mit deinem …«
»Jetzt hör aber auf!« Er war nun auch wütend. »Bin ich mit Jablonski ins Bett gegangen oder du? Wer von uns beiden hat denn diesen Perversen an Land gezogen?«
»Na, großartig! Jetzt bin ich schuld an allem. Jetzt …«
»Das habe ich nicht gesagt.«
»Du bist ausgebrochen! Du hast mich verlassen! Du hast von einem Tag zum anderen unsere Welt in Trümmer gelegt. Du hast mich weggeworfen wie einen ausgelatschten Schuh, weil du meintest, etwas Besseres gefunden zu haben. Hast du dir einmal überlegt, wie es mir dabei ging? Was du in mir angerichtet hast?«
»Ich habe mehrfach gesagt, daß es mir leid tut. Ich weiß, daß ich dich sehr verletzt habe.«
»Verletzt!«
Sie wunderte sich, daß sie nicht weinte. Es war eine Situation, in der Losheulen fast obligatorisch war. Aber sie heulte nicht. Ihre Stimme hatte den schrillen Klang verloren. Sie war jetzt kalt und klar wie Eis.
»Du hast mein Selbstwertgefühl in Scherben geworfen. Du hast alle Werte zerstört, an die ich geglaubt habe. Du hast etwas getötet in mir, das nie wieder zum Leben zu erwecken sein wird. Und mit all dem hast du mich zu einer leichten Beute für einen Typen wie Jablonski gemacht. Du wußtest, daß ich völlig verstört war wegen Eva Fabianis Selbstmord. Du hast mich in einem Moment meines Lebens verlassen, in dem ich dich wirklich gebraucht hätte. Du hast mich so locker abserviert, als sei ich nur eine Zufallsbekanntschaft von dir gewesen. Und erzähle mir nicht, auf der anderen Seite habe die große Liebe deines Lebens gewartet. Denn das sieht man ja jetzt! Du hast von ihr ja auch schon wieder genug. Sie diente offenbar nur als warme Dusche für dein Ego. Und dafür, für einen lächerlichen, kindischen, idiotischen Beweis deiner Super – Männlichkeit mußtest du alles zerstören. Alles!«
»Über all das können wir reden, Leona.« Sein Zorn war schon wieder verschwunden, er wollte beruhigen und ausgleichen. »Über all das müssen wir auch reden, das ist mir klar. Aber zuerst müssen wir diese Geschichte hier durchstehen. Wir haben es mit einem wirklich gefährlichen Geisteskranken zu tun.«
»Ich«, sagte Leona, »ich muß diese Geschichte durchstehen. «
Er sah jetzt wieder so besorgt aus, als habe er ein kleines, unvernünftiges Kind vor sich, dem ein leichtfertiger Plan ausgeredet werden mußte.
»Das schaffst du nicht allein. Und ich lasse das auch nicht zu. Nachher, wenn alles vorbei ist, kannst du mich meinetwegen zum Teufel jagen. Aber vorher wirst du mich nicht los.«
»Ich war dich doch schon los. Du brauchst jetzt nicht herzukommen, den Wohltäter spielen und mich beschützen. «
»Ich habe mich wieder mit dir getroffen, bevor sich die Ereignisse überschlugen, vergiß das nicht. Und ich bin hier weder als Wohltäter noch als Beschützer. Wir sind beide in einer brenzligen Lage, und ich denke, wir haben die besseren Karten, wenn wir zusammenhalten.«
»Deine Lage ist nur brenzlig, solange du in meiner Nähe bist. Du bist sofort aus dem Schneider, wenn du dich abseilst. «
Er seufzte tief, sie konnte seine Angst spüren, daß sie darauf beharren würde, allein gelassen zu werden.
»Du solltest jemanden bei dir haben«, meinte er schließlich. »Wenn nicht mich, dann jemand anderen. Jablonski ist weit gefährlicher, als wir je angenommen haben. Du bist ihm nicht gewachsen, Leona. Einem Irren ist niemand gewachsen, weil er sich nicht im mindesten berechnen läßt.«
Sie wußte, daß er recht hatte, und auf einmal hatte sie nicht mehr die Kraft und nicht mehr den Wunsch, zu streiten, zu debattieren, ihn von sich zu weisen.
»Tu, was du für richtig hältst«, sagte sie müde.
Wolfgang mühte sich um ein aufmunterndes Lächeln, das etwas schief ausfiel.
»Wir werden heil aus der Sache herauskommen. Hier«, er reichte ihr erneut das Glas, »willst du das jetzt? Oder mich lieber wieder ohrfeigen?«
»Tut mir leid, daß das passiert ist.« Sie nahm das Glas. Der Schnaps zog seine glühende Spur durch ihren Mund die Kehle hinunter. »Tut mir ehrlich leid.«
»Schon gut.«
Sehr sachlich fragte sie: »Wie geht es nun weiter? Hat Weissenburger etwas gesagt?«
Wolfgang registrierte ihre gefaßte Sachlichkeit mit Erleichterung. »Weissenburger ist ziemlich ins Rotieren geraten. Das ganze ist jetzt ein Fall von Mord geworden und von versuchtem Totschlag, was Paul angeht, und er muß sich von seiner Einbrecher-Theorie verabschieden. Ich hatte den Eindruck, ihm ist das alles etwas peinlich, weil er dich ja immer wie eine Hysterikerin behandelt hat, wenn du von Jablonski als dem Täter anfingst.«
»Es sollte ihm auch peinlich sein«, sagte Leona, »hoffentlich schämt er sich in Grund und Boden.«
Wolfgang fuhr fort: »Gegen Jablonski ist Haftbefehl erlassen. Es läuft eine Fahndung nach ihm.«
Leona leerte ihr Glas.
»Wieso habe ich bloß das Gefühl, daß sie ihn nicht schnappen werden? Daß sie sich ihre ganze Fahndung an den Hut stecken können?«
»Es wird eng werden für ihn. Irgendwo muß er ja wohnen. Da gibt es Nachbarn, Vermieter. Sein Bild wird in den Zeitungen erscheinen. Er kann nicht mehr in aller Ruhe versuchen, dir das Leben schwerzumachen. Er muß sich jetzt vorwiegend darum kümmern, der Fahndung zu entgehen, und das schafft ihm sicher ein paar Probleme.« Er sah, wie bedrückt Leona dreinblickte, und strich ihr aufmunternd über die Wange. »Komm. Du mußt etwas essen. Laß uns irgendwo hingehen und dort dann beratschlagen, wie wir uns jetzt weiter verhalten.«
Sie nickte. Sie hatte nicht den geringsten Hunger, aber sie hatte seit dem Frühstück nichts mehr zu sich genommen, und sie wußte, daß sie sich die Nerven vollends ruinierte, wenn sie nie richtig aß.
Dann fiel ihr noch etwas ein. »Wie wurde Millie getötet? Du sprachst von einem Messer …«
»Willst du das wirklich wissen?«
»Ja.«
»Er hat sie mit einem schweren Gegenstand niedergeschlagen – mit einer Gipsskulptur, die auf ihrem Garderobentisch stand. Haare und Blut der Toten klebten daran. Dann hat er sie ins Wohnzimmer geschleift und dort mit einem ihrer Küchenmesser an die hundertmal auf sie eingestochen. Er muß in einen wahren Blutrausch gefallen sein.«
Leona bemühte sich, nicht an die Bilder hinter den Worten zu denken.
»Dann war er vor einigen Tagen also in Ascona. Wahrscheinlich kurz bevor er hierherkam und Paul zusammenschlug. «
»Nein. Er war nicht wieder in Ascona.«
Wolfgang mußte zu einem Punkt der Geschichte kommen, den er gerne ausgelassen hätte, aber da Leona nun gefragt hatte, ging das nicht mehr.
»Emilie Faber ist seit etwas über sechs Wochen tot, wie der Gerichtsmediziner festgestellt hat. Es muß also …«
Er schwieg, aber Leona wußte, was er hatte sagen wollen. Übelkeit stieg in ihr auf. Robert hatte Millie umgebracht, als sie beide noch in Ascona gewesen waren. Sie dachte an den »Spaziergang«, den er noch hatte machen wollen, nachdem sie ihm von ihrem Gespräch mit Millie berichtet hatte. Während sie ihre Sachen packte, hatte er zwei Stockwerke unter ihr eine Frau regelrecht abgeschlachtet. Danach hatte er in seiner Wohnung ohne Probleme noch im Bad verschwinden, sich waschen, seine blutbefleckte Kleidung im Wäschekorb verschwinden lassen können. Seelenruhig hatte er in der Nacht im selben Zimmer wie sie auf dem Sofa geschlafen.
Er hatte, soweit sie sich erinnerte, nicht einmal unruhig geatmet.
9
»Sie hätten mir mitteilen müssen, daß Sie umziehen«, sagte Kommissar Hülsch mit sanftem Vorwurf in der Stimme. »Wir ermitteln immer noch im Mordfall Ihrer Schwester, und da ist es doch klar, daß wir Sie brauchen.« Lisa nickte. »Es ging alles so schnell«, sagte sie.
»Ich möchte Ihnen nochmals sagen, wie leid es mir tut, daß Ihr Vater gestorben ist«, sagte Hülsch. »Das alles ist natürlich sehr schwer für Sie.«
»Ach, für meinen Vater war es eine Erlösung«, erklärte Lisa, und im stillen fügte sie hinzu: Und für mich auch!
»Ich wollte das Haus nicht behalten, wissen Sie, in diesem Dorf kann man wirklich nicht leben. Ich wollte schon immer in München wohnen, und jetzt habe ich es endlich geschafft!«
Lisa sagte es mit einer Zufriedenheit, die Hülsch an ihr noch nie erlebt hatte. Er sah sich um in dem kleinen Appartement im Münchner Vorort Neu-Aubing , in dem er sie endlich aufgetrieben hatte. Beigefarbener Teppichboden, weiße Schleiflackmöbel, ein gläserner Eßtisch, ein passender Couchtisch. Nirgends ein Stäubchen, Lisa schien penibel auf Ordnung zu achten in ihrem Reich. Hülsch dachte an das verwohnte, heruntergekommene Haus ihrer Familie bei Augsburg, an die schiefen Fußböden, die miefige Luft, die zwischen den Wänden hing, die von Essensdünsten und Zigaretten verfärbten, ausgeleierten Vorhänge an den Fenstern. Auch wenn sich dieses Appartement in einem scheußlichen Wohnblock in einer der unattraktivsten Gegenden Münchens befand, so hatte sich Lisa doch verbessert.
Auch sie selber sah verändert aus: Daß sie hübsch war, hatte er auch früher schon bemerkt, aber sie hatte manchmal abgerissen, ungepflegt und erschöpft gewirkt. Nun war sie so sorgfältig herausgeputzt wie ihre Wohnung. Auffällig gekleidet in hautenge schwarze Jeans, kniehohe Lackstiefel, einen leuchtend roten Pullover. Die blonden Haare hatte sie aufhellen und in große Locken legen lassen. An den Ohren glitzerte Straß. Ihre Aufmachung entsprach nicht Hülschs Geschmack, er fand sie etwas billig, aber er konnte sich vorstellen, daß Lisa auf viele Männer sehr anziehend wirkte.
»Es freut mich, daß es Ihnen gutgeht«, sagte er, und er meinte es auch so.
Durch seine Ermittlungen im Fall Anna Heldauer hatte er genügend Einblicke in die Familienverhältnisse bekommen, um zu der Ansicht zu gelangen, daß Lisa in jungen Jahren schon allzuviel Schweres vom Schicksal zugemutet worden war.
»Sie arbeiten wieder?« erkundigte er sich.
Nun lächelte sie. »Ja. Frederica – das ist die Frau, die Anna in Spanien kennengelernt hatte, wie Sie ja wissen – hat mir einen Job in der Agentur verschafft, in der sie auch arbeitet. Moonlight.«
»Moonlight?«
»Ein Escort-Service. Für Männer. Wir begleiten sie, wenn sie alleine sind.«
Er bemühte sich, nicht resigniert zu seufzen. Prostitution. Irgendwie hatte er so etwas geahnt.
»Nun, schön, wenn Ihnen das Spaß macht«, sagte er. Und insgeheim fügte er hinzu: Das geht dich nichts an. Du hast einen Mord aufzuklären. Nichts weiter.
»Lisa – ich darf Sie doch Lisa nennen? –, ich will endlich zum Zweck meines Besuches kommen«, fuhr er fort. »Wir sind da auf eine Spur gestoßen, an der etwas dran sein könnte. Vielleicht führt sie auch ins Leere, aber …«
»Ja?« fragte Lisa.
»Sagt Ihnen der Name Robert Jablonski etwas?«
»Nein. Ich glaube nicht. Sogar sicher nicht. Warum?«
»Die Polizei Frankfurt ermittelt gegen ihn. Er wird mit Haftbefehl gesucht. Mutmaßlich hat er in Ascona eine Frau in ihrer Wohnung ermordet, und …«
»Ascona!« sagte Lisa und machte große Augen.
Hülsch nickte. »Daß das Verbrechen ausgerechnet in Ascona geschah, hat mich alarmiert. Und auch die Art, wie die Tote zugerichtet war. Der Bericht las sich praktisch genauso wie unserer, Ihre Schwester betreffend. Sonst hätte ich nie eine Verbindung hergestellt.« Er sah, wie aufgeregt Lisa geworden war, und winkte ab. »Es kann sein, die beiden Geschichten haben nicht das geringste miteinander zu tun. Wir sollten uns nicht gleich zuviel Hoffnung machen, hier auf eine Spur gestoßen zu sein.«
»Ich wünschte so sehr, wir könnten den Kerl fassen«, sagte Lisa inbrünstig, und es klang, als sei sie selbst eine Polizeibeamtin und an den Ermittlungsarbeiten unmittelbar beteiligt. »So ein Mensch gehört für sein ganzes Leben hinter Gitter, finden Sie nicht?«
»Der Mann, der den Mord an Ihrer Schwester begangen hat, gehört nach meiner festen Überzeugung in eine geschlossene psychiatrische Klinik«, entgegnete Hülsch ernst. »Das Verbrechen trägt eindeutig die Handschrift eines Psychopathen.«
Lisa atmete tief durch; er konnte nicht genau ausmachen, ob es Verzweiflung war, was aus diesem Seufzer klang, oder auch eine Spur von Lust an der Sensation, an der Schaurigkeit. Er kramte in seiner Jackentasche.
»Die Kollegen in Frankfurt haben uns eine Fotographie Jablonskis geschickt. Es ist unwahrscheinlich, daß Sie den Mann erkennen, aber ich wollte Ihnen das Bild trotzdem zeigen. Wo ist …«
Er fand es und reichte es ihr über den Tisch.
Sie nahm es, und er sah, daß sie die Augen aufriß und nach Luft schnappte.
»Das ist doch Benno!« rief sie überrascht.
Hülsch richtete sich auf. »Sie kennen den Mann?«
»Ja, natürlich. Er hat als Krankenpfleger im letzten Jahr ein paar Wochen lang für meinen Vater gesorgt. Er kam von so einem privaten Pflegedienst aus dem Nachbardorf.«
Die Farbe ihrer Augen schien sich zu verändern, als ihr langsam dämmerte, wie die Dinge zusammenhingen.
»So war es!« sagte sie, und nun war nur noch Entsetzen in ihrer Stimme, nicht der Hauch mehr von Sensationslust.
»Da hat er auf Anna gewartet. In ihrem eigenen Haus hat er auf sie gewartet. Und sie ist ihm direkt in die Arme gelaufen.«
10
Leona und Bernhard Fabiani trafen sich in einem Weinlokal in der Innenstadt, das Bernhard vorgeschlagen hatte. Leona hatte um das Gespräch gebeten, und Bernhard hatte sofort bereitwillig zugesagt.
»Nennen Sie einen Zeitpunkt«, hatte er gemeint. »Sie wissen, ich treffe Sie gern.«
Leona war vorher im Krankenhaus gewesen. Pauls Zustand hatte sich nicht verändert, er lag noch immer im Koma. Zwei seiner Kollegen waren dagewesen, der eine von ihnen hatte mit den Tränen gekämpft.
»Ihn so daliegen zu sehen … es ist entsetzlich. Ganz entsetzlich. Sind Sie seine Frau?«
Bezeichnenderweise hatten Pauls Kollegen Olivia noch nie zu Gesicht bekommen.
Leona sagte, sie sei die Schwägerin. Sie sandte ein stummes Gebet zum Himmel, ehe sie ging. Sie verspürte das kindische Bedürfnis, Gott einen Handel anzubieten für den Fall, er ließe Paul am Leben. Sie könnte Geld für Bedürftige spenden oder weniger an ihr Wohlergehen denken oder sonst etwas. Sie ließ es bleiben. Sie glaubte nicht, daß Gott so einfach zu bestechen war.
Bernhard wartete schon, als sie in dem Lokal eintraf. Sie war froh, ihn zu sehen. Ein Mensch, der Robert auch kannte. Wirklich kannte. Allen Menschen gegenüber, sogar ihren Eltern, fühlte sich Leona allein, was Robert anging. Sie stand hier, belastet mit der furchtbaren Beziehung, die sie eingegangen war und von der sie den Eindruck hatte, sie habe sie bereits gezeichnet fürs Leben. Die anderen standen jenseits einer unsichtbaren Grenze, die das Grauen von der Normalität trennte. In der Welt der anderen gab es Eheprobleme, Sorgen um Kinder und Beruf. Es gab keine geistesgestörten Mörder. Die gab es in ihrer, Leonas, Welt. Es war ihr, als sei sie dadurch lebenslänglich abgeschnitten von aller Alltäglichkeit.
Sie berichtete Bernhard, was geschehen war, erzählte von dem Überfall auf Paul und dem Mord an Millie und davon, daß Weissenburger geheimnisvoll angedeutet hatte, möglicherweise gehe ein weiteres Verbrechen auf Roberts Konto. Bernhard war schockiert. »Ich wußte, daß etwas nicht stimmt mit ihm. Aber so weit wäre ich in meinen schlimmsten Befürchtungen nicht gegangen.«
»Mein Mann und ich haben Polizeischutz bekommen«, sagte Leona, »was bedeutet, daß jede Stunde eine Streife bei uns vorbeifährt – ab halb sieben, wenn ich daheim bin. Am Wochenende auch tagsüber. Meiner Ansicht nach wissen die bei der Polizei genau, daß dies keine ausreichende Sicherheit gewährleistet, aber sie müssen ihre Pflicht tun. Wenn dann etwas passiert, kann ihnen niemand einen Vorwurf machen.«
»Sie sollten gar nicht mehr in diesem Haus bleiben, Leona. Ich halte das für zu gefährlich.«
»Wo soll ich denn hin?«
»Ihre Familie …«
»Nie!« Leona hob abwehrend beide Hände. »Meiner Familie hetze ich diesen Irren nicht auf den Hals! Er weiß genau, wo sie lebt, und wäre sofort da. Es reicht, daß Paul mehr tot als lebendig im Krankenhaus liegt. Das gleiche darf keinesfalls meinen Eltern und Schwestern passieren!«
»Ich glaube nicht, daß er sich an den Mitgliedern Ihrer Familie vergreifen würde«, meinte Bernhard. »Alles, was wir über ihn wissen, zeigt doch, daß sich sein Haß sehr unmittelbar gegen die Menschen richtet, von denen er glaubt, daß sie ihm etwas angetan haben. Die Frau in Ascona hat ihn bei Ihnen verpfiffen. Ihren Schwager hielt er für Ihren Liebhaber – für den Mann also, der ihm die Frau endgültig wegnimmt. Er ist geisteskrank, Leona, aber er geht nicht wirr, sondern gezielt vor. Ich nehme an, das muß er schon deshalb, um seine Taten vor sich rechtfertigen zu können. Auf seine Art, so absurd das klingt, hat er bestimmt einen Moralkodex, dem er folgt.«
»Trotzdem kann ich es nicht riskieren, zu meiner Familie zu gehen. Ich weiß ja nicht, was er sich in seinem kranken Hirn alles zurechtlegt. Plötzlich sind alle an irgend etwas schuld. Das wäre zu gefährlich.«
»Es muß doch einen Ort geben, wo Sie hinkönnen!«
Sie lachte, mühsam und hilflos. »Für wie lange, Bernhard? Für wie lange soll ich mich aus meinem Leben ausklinken und irgendwo verstecken? Urlaub nehmen, untertauchen … bis wann? Soll ich für vier Wochen verschwinden, für ein Jahr, für zwei Jahre?«
»Gegen ihn läuft ein Haftbefehl. Sie fahnden nach ihm. Sie werden ihn fassen.«
Genau das sagte Wolfgang auch immer. Abends, wenn sie zusammensaßen und versuchten, so zu tun, als sei alles ganz normal. Als sei es normal, kein Fenster gekippt, keine Tür offenstehen zu lassen. Wenn sie die Vorhänge zuzogen, kaum daß die Dunkelheit so weit fortgeschritten war, daß man das Licht einschalten mußte.
»Wir brauchen hier nicht bei voller Beleuchtung wie auf einem Präsentierteller zu sitzen«, sagte Leona dann, »vielleicht …«
Sie mußte den Satz nie beenden. Wolfgang wußte auch so, was sie meinte. Vielleicht stand Robert da draußen. Vielleicht war er schon wieder ganz nah.
»Er wird schwer zu fassen sein«, sagte sie nun auf Bernhards Worte hin. »Sie kennen ihn doch: Er ist hochintelligent. So schnell wird er ihnen nicht in die Falle laufen.«
»Ganz dumm ist die Polizei aber auch nicht. Schauen Sie, Leona«, über den Tisch griff er nach ihren Händen, hielt sie fest, »ich weiß, es ist leicht gesagt, wenn man Sie nun beschwört, Mut und Vertrauen zu bewahren. Aber es ist das einzige, was Sie tun können. Sie müssen darauf bauen, daß die Polizei ihn schnappen und daß er dann für alle Zeiten hinter den hohen Mauern einer Sicherheitsverwahrung verschwinden wird.«
»Für alle Zeiten sicher nicht«, meinte Leona mit einiger Bitterkeit. »Über kurz oder lang wird ihn ein verständnisvoller Psychiater wieder hinauslassen, als geheilten Mann, der angeblich keine Gefahr mehr für irgend jemanden darstellt. So ist das schließlich üblich in unserer Gesellschaft. Egal, wie pervers und gefährlich ein Mensch ist, es wird immer darauf geachtet werden, daß er nur ja nicht einen Tag zu lange einsitzen muß. Pech für diejenigen, die ihm dann später wieder in die Quere kommen.«
»Es ist nicht zu ändern.«
»Das, wovon Sie sagen, es sei nicht zu ändern, wird für mich eine ständige Quelle der Angst sein. Lebenslang. Ich werde nie aufhören, ihn zu fürchten.«
Er hielt noch immer ihre Hände fest. »Denken Sie jetzt nicht daran. Sie machen sich verrückt damit. Denken Sie an irgend etwas anderes, nicht an Robert Jablonski.«
»Das erscheint mir ziemlich schwierig«, sagte Leona, »aber ich werde es versuchen.«
Bernhard lächelte, ließ ihre Hände los. »Reden wir jetzt nicht von Robert«, schlug er vor, »reden wir von mir.«
Das kam so unverblümt, daß Leona lachen mußte. »Gern. Reden wir von Ihnen.«
Er schenkte ihr und sich neuen Wein ein. »Ich möchte Ihnen etwas von mir und Eva erzählen.«
»Roberts Schwester. Schon wieder Robert!«
»Aber nur am Rande. Ich muß Ihnen etwas sagen, was ich schon lange loswerden wollte. Sie erinnern sich ja, ich habe Sie damals im letzten Herbst angerufen und auf Ihr Band gesprochen, aber dann hatte ich keinen Mut, es ein zweites Mal zu versuchen. Was ich Ihnen erzählen wollte, hätte Ihnen so absurd vorkommen müssen.« Nervös spielte er mit seinem Weinglas herum. »Allerdings – nach Ihren Erlebnissen mit Robert …«
»… kann mir fast nichts mehr absurd vorkommen, meinen Sie?«
»So ungefähr. Leona, ich möchte, daß Sie etwas wissen.« Er wirkte jetzt sehr ernst. »Ich habe Eva nie betrogen. Nicht ein einziges Mal in all den Jahren unserer Ehe. Es liegt mir viel daran, daß Sie mir das glauben.«
Leona gelang es nicht, ihre Überraschung zu verbergen. »Nein? Ich dachte …«
»Sie dachten, dies sei doch der Grund für das ganze Drama? Ja, so hat es Eva dargestellt. Und sie hat ihre Umgebung auch überzeugt – was kein Wunder ist, denn sie hat ihre Anschuldigungen gegen mich sehr glaubhaft vorgebracht, zumal sie vermutlich selber überzeugt war, die Wahrheit zu sagen.«
»Ich verstehe nicht ganz …«
»Wie sollten Sie auch! Sie kannten Eva ja nicht. Eva war krankhaft eifersüchtig. Ich sage das nicht nur einfach so dahin, manchmal ist man allzu schnell mit dem Begriff krankhaft bei der Hand und tut einem Menschen unrecht damit. Aber bei Eva … es hat lange gedauert, bis ich begriff, daß mit ihr etwas nicht stimmte. Sie verdächtigte mich auf Schritt und Tritt der Untreue – vom ersten Tag unserer Beziehung an, während unserer Ehe, nach unserer Ehe. Verstehen Sie, ich konnte buchstäblich nicht einmal mit der Verkäuferin am Zeitungsstand mehr als drei Worte wechseln, ohne daß Eva meinte, ich hätte ein Verhältnis mit ihr. Es war unglaublich, was sie sich manchmal zusammenreimte. Oft war ich viel zu perplex, um überhaupt etwas zu meiner Verteidigung hervorbringen zu können.«
Er schwieg und sah Leona abwartend an.
Versucht er herauszufinden, ob ich ihm die Geschichte abnehme? fragte sie sich irritiert.
»Sie meinen«, sagte sie schließlich, »Eva war wie Robert?«
»Das ist nicht völlig von der Hand zu weisen, oder? Sie sind Geschwister, sind zusammen aufgewachsen. Ich habe keine Ahnung, was falsch gelaufen ist, aber wenn da etwas war, kann es durchaus beide betreffen. Robert hat eine schwere Störung, das steht ja nun fest. Eva war harmloser – aber vielleicht keineswegs normaler.«
Er schwieg erneut, sah Irritation und Zweifel in Leonas Gesicht.
»Sie glauben mir nicht?« fragte er schließlich, und das klang wie eine Feststellung.
Leona beschloß, ehrlich zu sein. »Ich weiß es nicht. Ich habe schon manchmal Geschichten dieser Art gehört. Nach meiner Erfahrung haben Männer, die fremdgehen, immer Erklärungen parat, die den Schwarzen Peter letztlich der Ehefrau zuschieben. Entweder waren es Unverständnis, Egoismus und Kälte der Gattin, die den Mann, arm und gebeutelt, förmlich in die Arme einer anderen Frau hineingetrieben haben, oder all die Geschichten haben sowieso nicht stattgefunden und sind nur Ausgeburt wilder Eifersuchtsphantasien einer neurotischen Ehefrau. Ich habe inzwischen ein gewisses Mißtrauen gegenüber all diesen Versionen entwickelt.«
»Frauen gehen auch fremd«, sagte Bernhard, »Frauen erzählen auch Geschichten, um sich zu rechtfertigen.«
»Okay. Das gebe ich zu. Ich war einseitig in meiner Darstellung. Aber das ändert nichts an meiner Meinung.«
Er sah sie lange und schweigend an, und schließlich sagte er sehr sanft: »Ich wünschte, Sie würden mir glauben. «
Leona fühlte sich unbehaglich. »Warum? Sie sind mir keine Rechenschaft schuldig. Es ist ganz unerheblich, was ich von all dem denke.«
»Für mich ist es nicht unerheblich. Ich wünschte, Sie hätten eine einigermaßen gute Meinung von mir.«
Es irritierte sie, was er sagte und wie er es sagte. Sie schaute auf ihre Armbanduhr und sagte hastig: »Es ist schon ziemlich spät. Ich sollte nach Hause gehen. Morgen muß ich früh raus.«
»Habe ich Sie irgendwie verärgert?« fragte Bernhard betroffen.
Sie schüttelte den Kopf. »Nein. Machen Sie sich keine Gedanken. Es war ein langer Tag, und ich bin ziemlich müde.«
Er begleitete sie noch zu ihrem Auto. »Sehen wir uns demnächst wieder?« fragte er.
Leona wollte irgend etwas Nettes, Unverbindliches antworten, aber im Schein der Straßenlaternen konnte sie einen Ernst in seinem Gesicht erkennen, der ihr das Gefühl gab, nicht ausweichen zu können.
»Ich weiß nicht«, sagte sie daher, »ich weiß gar nichts im Moment, verstehen Sie? Mein Leben ist aus den Fugen geraten, und ich sehe mich nicht in der Lage, Pläne zu machen oder mich auf irgend etwas einzulassen. Ich weiß nicht, ob Sie das nachvollziehen können, aber …«
»Doch«, sagte er, »das kann ich. Sie müssen sich vorkommen wie in einem Alptraum.«
Sie lächelte, dankbar für sein Verständnis. »Irgendwann«, sagte sie, »ist er vielleicht vorbei.«
»Ganz sicher. Jablonski wird eine Schauergeschichte aus Ihrer Vergangenheit sein – etwas zum Gruseln für Ihre Kinder und Enkel.« Er neigte sich vor und küßte sie kurz auf die Wange. »Gute Nacht, Leona. Kommen Sie gut heim. Passen Sie auf sich auf.«
Sie würde auf sich aufpassen. Sie würde hupen, wenn sie daheim ankam, Wolfgang würde herauskommen und sie vom Auto abholen. Sie machten das jetzt immer so, wechselseitig, wenn einer von ihnen nach Einbruch der Dunkelheit nach Hause kam. Sie hatten das nicht abgesprochen; in stillschweigender Übereinkunft geschahen solche Dinge jetzt, weil sie beide wußten, in welcher Gefahr sie schwebten, und daß sie sich nicht mehr normal verhalten konnten, weil ihr ganzes Leben jegliche Normalität verloren hatte.
11
Weissenburger sah noch dürrer und mürrischer aus als sonst. Er war diesmal nicht in Anzug und Krawatte, sondern trug Jeans, die ihm zu weit waren, und ein Polohemd, das nichts tat, seine abfallenden Schultern zu kaschieren. Es war ein Samstag, und er hatte Wolfgang und Leona im Garten angetroffen.
»Ganz schön heiß heute«, sagte er anstelle einer Begrüßung, »für Anfang Mai ganz erstaunlich.«
Leona legte die Gartenschere weg, streifte die Handschuhe ab. »Herr Weissenburger! Was führt Sie zu uns?«
Auch Wolfgang trat heran. »Ist etwas geschehen?« fragte er ahnungsvoll.
Neben einem leichten Schweißgeruch verströmte Weissenburger eine fühlbare Nervosität, die nicht zu seiner trocknen, stets etwas gelangweilten Art paßte.
»Nun … wie man es nimmt …«, deutete er an.
»Möchten Sie etwas trinken?« fragte Leona.
Als Weissenburger mit einem Glas Apfelsaft in der Hand auf einem der Gartenstühle im Schatten der Sonnenschirme saß, rückte er endlich mit der Sprache heraus.
»Ich deutete ja bereits an, daß es da noch etwas gibt … noch ein … nun, Ereignis in Jablonskis Leben …«
»Ich nehme an, Sie meinen noch einen Mord?« fragte Wolfgang.
»Ja«, sagte Weissenburger, »noch einen Mord. Es gibt jetzt keinen Zweifel mehr. Jablonski hat seine letzte Lebensgefährtin, nachdem sie sich von ihm getrennt und ihn verlassen hatte, aufgespürt und getötet. Das geschah bereits vor etwa einem Jahr und galt lange Zeit als ungeklärter Fall.«
Leona befeuchtete ihre plötzlich ausgetrockneten Lippen. »Wie …?«
»Wie er sie getötet hat? In Ihrem Interesse sollten Sie es mir ersparen, Einzelheiten zu schildern. Die Art der … ja, ich möchte fast sagen, Hinrichtung ähnelt stark dem Fall Emilie Faber. Dadurch sind die bayerischen Kollegen aufmerksam geworden und haben sich mit uns in Verbindung gesetzt. Inzwischen, wie gesagt, steht fest, daß Jablonski der Täter war.«
»Das ist natürlich eine weitere Hiobsbotschaft«, sagte Wolfgang , »obwohl die Dinge vermutlich ohnehin fast nicht mehr schlimmer werden konnten.«
»Gibt es schon irgendwelche Fahndungsergebnisse?« fragte Leona.
Weissenburger schüttelte bedauernd den Kopf. »Es sind eine Reihe von Hinweisen aus der Bevölkerung eingegangen. Aber nichts hat sich letzten Endes als tauglich erwiesen. Doch die Polizei läßt nicht nach in ihren Bemühungen. «
»Eine scheußliche Situation«, meinte Wolfgang bedrückt.
»Das können Sie laut sagen«, bestätigte Weissenburger.
»Könnte meine Frau nicht noch mehr Schutz bekommen? «
»Tut mir leid. So viele Leute haben wir nicht. Die stündlichen Kontrollen finden nach wie vor statt, mehr ist derzeit nicht möglich.«
»Aber das ist so gut wie nichts«, sagte Wolfgang, »und das wissen Sie auch. Wenn Jablonski das Haus beobachtet, ist ihm längst klar, in welchem Rhythmus die Polizei aufkreuzt. Dazwischen hat er jede Gelegenheit zuzuschlagen. «
»Tut mir leid«, wiederholte Weissenburger, »ich kann Ihnen nichts anderes anbieten. Wenn Sie meine Meinung wissen wollen …«
»Ja?« sagte Leona.
»Tauchen Sie unter. Verschwinden Sie von hier. Sie hatten ein Verhältnis mit ihm und haben ihn verlassen. Ich habe Fotos von der Leiche der Frau gesehen, die Ihre Vorgängerin war. An Ihrer Stelle würde ich mich im hintersten Winkel der Erde verstecken.«
Es war, als tauche die Sonne hinter eine Wolke. Kühle kam auf. Leona fröstelte, während eine Hitzewelle aus dem Innern ihres Körpers Schweiß über jeden Zentimeter ihrer Haut schwemmte.
»Ich kann doch nicht …«, flüsterte sie.
In Weissenburgers kalte, überdrüssige Augen trat ein Ausdruck, der einer Regung wie Mitleid ähnelte.
»Bis wir ihn gefaßt haben, dürfte Ihnen kaum eine Wahl bleiben.«
»Wann wird das sein?« fragte Wolfgang , obwohl er wußte, daß es darauf keine Antwort geben konnte.
Ausnahmsweise schien Weissenburger einmal Mut machen zu wollen. »Ganz sicher sehr bald. Die Fahndung läuft auf Hochtouren. Er muß uns ins Netz gehen, das ist gar keine Frage.«
»Und warum können Sie meine Frau bis dahin nicht angemessen schützen?«
»Da fehlen uns die Leute und die Mittel, ich sagte es bereits. «
»Aber …«, fuhr Wolfgang auf, doch Weissenburger unterbrach ihn sofort: »Niemand hat Ihrer Frau gesagt, daß sie sich mit diesem Mann einlassen soll. Die Schuld an all dem können Sie nicht der Polizei geben. Wenn Sie wüßten, wie viele Frauen mit perversen Gewalttätern ein Verhältnis beginnen! Es ist ein Phänomen!«
»Perversion«, sagte Wolfgang, »ist selten auf den ersten Blick zu erkennen.«
Weissenburger erwiderte nichts darauf, aber seine Miene spiegelte nur allzudeutlich seine Gedanken wider: Er verachtete Leona. Er verachtete sie weit mehr, als er Robert Jablonski verabscheute. Irgendwo in seinem Verständnis der Dinge, es mochte in einem dunklen, halb unbewußten Bereich sein, fand er, daß sie nun bekam, was sie verdiente. Jede Zeit hatte ihre Zeichen und ihre Strafen. Wahllos gingen die Frauen heutzutage mit Zufallsbekanntschaften ins Bett, lebten ihre sogenannte sexuelle Freiheit aus und meinten, sich dabei nicht mehr zu nehmen, als ihnen zustand. Weissenburger fand es widerlich, wie sie aufjaulten, wenn es später daranging, die Zeche zu zahlen. Entweder sie fanden sich plötzlich unter den HIV-Positiven wieder, oder sie hatten einen Irren am Hals, wie diese Leona Dorn. Seine Frau hatte den Scheidungsantrag zugestellt bekommen, nachdem sie es auf einer Skihütte mit einem braungebrannten Sportler getrieben hatte. Ihre Strafe. Sie hatte geheult und gejammert und ihn angefleht, bei ihr zu bleiben. Klar, sie war nicht mehr die Jüngste, und allzu viele braungebrannte Sportler, die sie flachlegten, würden sich nicht mehr finden. Weissenburger kräuselte leicht die Lippen. Ihr tränenüberströmtes Gesicht im Gerichtssaal erfüllte ihn bis heute mit Genugtuung.
Er bemerkte, daß Leona ihn eindringlich musterte, und er hatte dabei das ungute Gefühl, daß sie in seinen Gedanken las. Sie sah schlecht aus, fand er, aber das war natürlich kein Wunder. Er würde auch nicht gern auf der Abschußliste eines Robert Jablonski stehen.
Er stellte sein leeres Glas auf den Tisch zurück und erhob sich. »Ich muß gehen«, sagte er, »ich wollte Sie nur auf dem laufenden halten. Wenn sich irgend etwas Neues ergibt, erfahren Sie es selbstverständlich.«
Auch Wolfgang stand auf. »Ich bringe Sie zum Tor«, sagte er, ebenso höflich wie eisig.
Leona blieb sitzen, sah den beiden Männern nach, wie sie um die Hausecke verschwanden. Unweit von ihr sang eine Amsel in den höchsten Tönen. Der Kirschbaum mitten im Garten stand in voller Blüte. Es war ein vollkommener Tag. Er erfüllte Leona um so mehr mit Traurigkeit, als er so unverdrossen etwas vorgaukelte, was mit der Wirklichkeit nicht im mindesten im Einklang stand.
Als Wolfgang zurückkam, sagte er: »Ich weiß nicht warum, aber dieser Weissenburger ist ein Brechmittel für mich.«
Und Leona sagte: »Ich werde tun, was er vorgeschlagen hat. Ich werde untertauchen.«
Die Amsel verstummte. Wolfgang öffnete den Mund zum Protest, schloß ihn aber sofort wieder.
»Es ist meine einzige Chance, bis sie ihn gefaßt haben«, fuhr Leona fort. Sie lauschte in den plötzlich so still unter der Sonne liegenden Garten hinein. Das Frieren in ihrem Körper hatte sich verstärkt und die Hitzewogen, die irgendwo in ihrem Leib immer wieder geboren worden waren, ausgelöscht. Der Schweiß auf ihrer Haut war jetzt kalt.
Es klang sehr sachlich, als sie hinzufügte: »Ich glaube, ich habe sonst nicht mehr lange zu leben.«