I

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Als sie erwachte, herrschte noch Dunkelheit jenseits des Fensters. Ein sanfter Nachtwind strich ins Zimmer, vermochte aber nicht die dumpfe Schwüle zu vertreiben, die noch vom Tag darin lastete. Frankfurt ächzte unter einer Hitzewelle. Über dreißig Grad im Schatten, Tag für Tag, seit fast drei Wochen. Die asphaltierten Straßen, die Häuser sogen die Hitze auf und gaben sie unerbittlich zurück. Die Menschen hatten über den kalten Winter gestöhnt und über den nassen Frühling. Nun beklagten sie den heißen Sommer. Waren die Menschen undankbar? Oder hatte das Klima der verschiedenen Jahreszeiten tatsächlich jegliche Ausgewogenheit verloren, präsentierte es sich nur noch in schwer erträglichen Extremen?

Sie hatte nicht in das allgemeine Gejammere einstimmen wollen, aber nun dachte Leona doch: Es ist zu heiß, um zu schlafen. Und wußte gleichzeitig, daß es nicht die Hitze gewesen war, was sie geweckt hatte.

Vergeblich versuchte sie, auf ihrer Armbanduhr, die sie auch nachts am Handgelenk trug, die Zeit zu erkennen. Schließlich knipste sie die Nachttischlampe an. Drei Uhr. Obwohl sie das Licht sofort wieder ausschaltete, hatte das sekundenlange Aufflammen von Helligkeit ausgereicht, Wolfgang zu wecken.

»Kannst du schon wieder nicht schlafen?« fragte er mit jenem Anflug von Gereiztheit, der sich erst seit kurzem in seine Stimme eingeschlichen hatte und sich immer auf Leona bezog.

»Es ist so heiß.«

»Das hat dir doch noch nie etwas ausgemacht«, sagte er müde. Er wußte auch, daß es nicht an der Hitze lag.

»Ich glaube, ich habe wieder geträumt«, gestand Leona. Sie hatte längst begriffen, daß sie Wolfgang inzwischen auf die Nerven ging.

Er schien hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, einfach weiterzuschlafen und Leonas Psychose – wie er ihre Probleme insgeheim nannte – zu ignorieren, und dem Gefühl, zum Zuhören und Trösten verpflichtet zu sein. Sein Pflichtbewußtsein siegte, auch wenn er sich selbst im stillen dafür verfluchte. Er hatte einen harten Tag hinter sich, einen ebenso harten vor sich. Die drückende Schwüle machte ihm zu schaffen, und zudem hatte er eine Menge Sorgen, von denen niemand etwas ahnte. Er hätte seinen Schlaf gebraucht.

Er seufzte. »Leona, meinst du nicht, du steigerst dich da in etwas hinein? Ich habe den Eindruck, du kreist ständig um diese … Sache. Du grübelst zuviel, und diese Grübelei setzt sich natürlich nachts in Träume um. Du mußt dagegen angehen.«

»Denkst du, das versuche ich nicht? Ich bemühe mich ständig, mich abzulenken. Mit Arbeit, mit Sport, mit Gesprächen über Gott und die Welt. Ich setze mich bestimmt nicht hin und überlasse mich meinen trüben Gedanken.«

»Dann dürftest du nicht ständig diese Träume haben.«

Sie spürte Vorboten jener heftigen Wut, die stets in ihr emporkroch, wenn Wolfgang mit seinen Standardrichtlinien zur Bewältigung von Problemen anrückte. Wolfgang hatte unverrückbare Prinzipien, was Sorgen, Ängste, psychische Konfusionen anging. »Wenn du dieses oder jenes tust, dürfte dieses oder jenes nicht geschehen!« – »Wenn du dieses oder jenes nicht tust, müßte dieses oder jenes passieren.«

Wolfgang würde nie den Gedanken akzeptieren, daß sich das Leben einmal nicht nach den von ihm entwickelten Regeln richten könnte. Wenn die Dinge nicht so funktionierten, wie von ihm postuliert, dann lag die Schuld bei der Person, die eben irgend etwas falsch machte.

»Verdammt, Wolfgang, mach es dir doch nicht immer so leicht! Ich versuche, dagegen anzugehen, aber es gelingt nicht. Vielleicht brauche ich mehr Zeit.«

»Das alles ist einfach eine Frage des Willens«, sagte Wolfgang und unterdrückte ein Gähnen. Bei ihm war alles immer eine Frage des Willens. Er hätte die Vorstellung nicht ertragen, daß es Bereiche im Leben geben könnte, die nicht durch bloße Willensanstrengung beeinflußbar waren. Für Wolfgang gab es die Begriffe Schicksal und Fügung nicht, ebensowenig wie Zufall oder Vorsehung. Vielleicht hatte er recht. Leona war weit davon entfernt, sich in esoterischem Gedankengut zu verstricken; sie war Rationalistin, wenngleich sie sich neben Wolfgang stets wie eine weltfremde Träumerin vorkam. Aber die Vorstellung von einer Macht jenseits dessen, was die Menschen begreifen und beherrschen konnten, existierte durchaus in ihrem Leben. Anders hätte sie es nicht ertragen. Wolfgang warf ihr immer vor, dies habe mit einem Mangel an Verantwortungsbereitschaft zu tun.

»Das Schicksal bemühen nur die Menschen, die einen Teil der Verantwortung, die sie für ihr Tun und Lassen tragen, an eine andere, irgendwo jenseits weltlicher Begriffe angesiedelte Instanz abgeben wollen. Es ist der Versuch einer schlichten Lastenumverteilung, läuft aber letzten Endes darauf hinaus, daß man sich gründlich in die eigene Tasche lügt.«

Leona fand es schwierig, dagegen zu argumentieren, zumal sie durchaus bereit war zu akzeptieren, daß er recht hatte, was die Motive der Menschen hinsichtlich ihrer Schicksalsgläubigkeit anging. Nach ihrem Verständnis schloß dies jedoch das tatsächliche Vorhandensein einer aus der Ferne regierenden Macht nicht aus.

Sie starrte in die Dunkelheit und fragte sich, ob es einen tieferen Sinn hatte, daß gerade sie hatte vorbeikommen müssen, als die junge Frau ihrem Leben ein Ende hatte setzen wollen und aus dem Fenster gesprungen war. Normalerweise wäre sie um die betreffende Uhrzeit – um halb zwölf am Mittag – gar nicht durch die Straßen gegangen, hätte längst an ihrem Schreibtisch im Verlag gesessen. Ein Zahnarzttermin hatte sie jedoch an jenem Vormittag aufgehalten, und auch der hatte sich noch verzögert, weil ein akuter Notfall den Praxisbetrieb durcheinandergebracht hatte. Nur so hatte es geschehen können, daß sie genau zum Zeitpunkt des Unglücks die Straße entlanggehastet kam, entnervt vom langen Warten, die linke Gesichtshälfte noch betäubt von der Spritze, um die sie vorsorglich gebeten hatte. Es war sehr warm gewesen, und sie hatte sich klebrig und verschwitzt gefühlt und den dringenden Wunsch verspürt, nach Hause zu gehen, zu duschen und sich dann mit einem eiskalten Orangensaft und einem Buch in den Garten zu setzen. Sie hatte sich elend gefühlt und ein bißchen weinerlich.

 

Sie begriff zuerst nicht, was vor sich ging. Später versuchte die Polizei vergeblich, aus ihr herauszubekommen, wie das gewesen war, als die Frau sprang. War unter Umständen eine zweite Person hinter ihr erkennbar gewesen – oder der Schatten einer Person? Hatte es ausgesehen, als springe sie von selbst, oder als werde sie gestoßen? Aber Leona konnte darauf nicht antworten, denn sie hatte es nicht gesehen. Sie war in Gedanken versunken gewesen, mit ihrem Zahn beschäftigt, mit dem ekelhaften, wattigen Betäubungsgefühl. Und mit bestimmten Sorgen, die sie seit einiger Zeit quälten, über die sie aber mit niemandem sprechen wollte.

Sie hatte erst etwas bemerkt, als die Frau bereits fiel. Genaugenommen hatte sie sie gar nicht sofort als Menschen identifiziert. Ein großer Gegenstand fiel aus dem im wahrsten Sinne des Wortes heiteren, nämlich wolkenlos sonnigen Himmel und kam mit einem häßlichen Klatschen nur wenige Meter vor Leona auf dem Bürgersteig auf.

Sie stand da, geschockt, ungläubig , denn nach zwei oder drei Sekunden hatte sie begriffen, daß es ein Mensch war. Eine Frau. Sie trug ein grüngeblümtes Sommerkleid aus Baumwolle und an den Füßen weiße Sandalen. Sie hatte schulterlange, dunkelblonde Haare. Sie lag auf dem heißen Asphalt in der Sonne wie irgendein achtlos weggeworfener Gegenstand, ein unförmiges Stück Müll, das jemand im Vorbeifahren aus dem Auto gekippt hatte. Ihre Arme und Beine standen in eigenartigen Winkeln vom Rumpf ab.

Leona hätte später nicht zu sagen gewußt, wie lange sie einfach nur angewurzelt dastand und das Szenario betrachtete. Ihr kam es vor, als vergehe eine Ewigkeit, in der alles um sie herum – die im leisen Wind schaukelnden Blätter, eine Katze, die die Straße überquerte, ein Vogel, der von einem Zaunpfosten zum nächsten hüpfte – Zeitlupentempo annahm, und in der die Geräusche des jenseits des Wohnviertels dahinflutenden Großstadtverkehrs hinter einer lärmschluckenden Glaswand verschwanden.

Erst als sie die Frau leise stöhnen hörte, erwachte sie aus ihrer Betäubung, lief zu ihr hin und kniete neben ihr nieder.

»Mein Gott, was ist denn passiert?« hörte sie sich rufen. »Kann ich Ihnen helfen?«

Was für eine idiotische Frage, dachte sie gleich darauf.

Die Frau hatte die Augen geöffnet. Sie hatte ein schönes Gesicht; selbst in dieser Situation fiel das noch auf. Nirgendwo war Blut zu sehen, aber nach Lage ihrer Gliedmaßen mußte sie sich nahezu jeden Knochen im Körper gebrochen haben. Sie war blasser, als es Leona je bei irgendeinem Menschen gesehen hatte.

»Nun hat er es endlich geschafft«, sagte sie, und ihre Stimme klang zwar leise, war aber deutlich und klar zu verstehen. Sie wiederholte: »Nun hat er es geschafft.« Und sah Leona an.

»Wer hat es geschafft? Von wem sprechen Sie?«

Die Frau erwiderte nichts mehr. Ihre Augen verdrehten sich plötzlich. Im nächsten Moment verlor sie das Bewußtsein.

Leona kam zum erstenmal auf die Idee, nach oben zu blicken und herauszufinden, von wo die Fremde überhaupt gefallen war. Sie befanden sich direkt vor einem Neubau, einem sechsstöckigen Appartementhaus, hineingebaut in einen alten, schattigen Garten, in dem früher eine Sandsteinvilla gestanden hatte, die abgerissen worden war, um eine Vielzahl von Menschen auf möglichst kleinem Raum zusammenzupferchen und dabei eine Menge Geld herauszuschlagen. Sie machten das jetzt überall im Viertel so und beraubten es auf diese Weise nach und nach seines ursprünglichen Charmes.

Das Haus war dicht an die Straße herangebaut, zwei Schritte trennten die Haustür vom Gehsteig. Im obersten Stockwerk stand ein Fenster sperrangelweit offen. Leona zweifelte nicht daran, daß die Frau von dort herausgesprungen war.

»Bewegen Sie sich nicht«, sagte sie, überflüssigerweise, denn die Frau war noch ohnmächtig. »Ich werde Hilfe holen. «

In einiger Entfernung entdeckte sie einen Rentner, der seinen Cockerspaniel spazierenführte. Er war stehengeblieben und starrte herüber, aber seine Miene verriet, daß er entweder nicht richtig sah oder nicht begriff, was geschehen war.

Sie winkte ihm hektisch zu, er solle herkommen, aber er blieb stehen und glotzte. Sie sprang auf und lief zu ihm hinüber.

»Die Frau dort ist aus dem Fenster gesprungen!« rief sie. »Wohnen Sie hier? Können Sie den Rettungsdienst anrufen? «

Er starrte sie an. »Aus dem Fenster gesprungen?«

»Ja! Wir brauchen sofort einen Notarzt.«

»Sie können bei mir telefonieren«, bot er an, »ich wohne gleich dort.« Er wies auf eine behäbige Villa, nur wenige Meter entfernt, aber es schien Leona eine Ewigkeit zu dauern, bis er sich auch nur umgedreht hatte, und die schwerfälligen Schritte, mit denen er lostappte, ließen sie beinahe die Nerven verlieren. Aber so panisch sie auch ihre Augen umherschweifen ließ, nirgends konnte sie eine Telefonzelle entdecken. Immer wieder sah sie zu der Frau hinüber. Sie rührte sich nicht.

Der alte Mann kramte in seinen Hosentaschen nach dem Haustürschlüssel, ohne fündig zu werden, und der Hund fiepte. Leona vibrierte vor Ungeduld. Sie sah eine ältere Frau im Jogginganzug auf die Straße laufen. »Ich habe alles gesehen!« rief sie. »Ich habe den Notarzt angerufen!«

»Gott sei Dank«, sagte Leona und ließ den Alten stehen.

Die nächsten zwei Stunden waren ein Chaos aus Ärzten und Polizisten, aus Menschenauflauf und Straßensperre, aus Fragen, Mutmaßungen, neugierigen Blicken und gewisperten Geschichten. Leona stand im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses, denn auf geheimnisvolle Weise hatte es sich sofort allseits herumgesprochen, daß sie Zeugin des Geschehens, erste Person am Unglücksort gewesen war. Aus allen Häusern waren inzwischen die Menschen herbeigeströmt, und auch Schulkinder, die sich jetzt auf dem Heimweg befanden, blieben stehen. Die Verunglückte war längst abtransportiert worden. Leona saß auf den Stufen vor dem Haus. Irgend jemand hatte ihr einen Becher Kaffee gebracht, an dem sie sich dankbar festhielt. Sie hatte einem Polizisten erzählt, was geschehen war, soweit sie es mitbekommen hatte, und er hatte sie gebeten, sich noch zur Verfügung zu halten. Der Arzt hatte sie gefragt, ob sie etwas brauche, doch sie hatte den Kopf geschüttelt und gesagt, sie sei in Ordnung.

Vielleicht war sie das aber gar nicht. Irgend etwas in ihr weigerte sich noch immer, wirklich zu begreifen, was sie gesehen hatte. Jedesmal, wenn das Bild der auf der Straße liegenden Frau in ihr aufsteigen wollte, wenn der Gedanke an die grotesk verrenkten Gliedmaßen in ihr erwachte, sandte ihr Gehirn den Befehl aus, augenblicklich etwas anderes zu sehen, etwas anderes zu denken. Es war ihr nicht bewußt, daß sie selbst an diesem Vorgang des Verdrängens beteiligt sein könnte. Etwas arbeitete in ihr, das sich ihrem Einfluß entzog. Irgendwann, während sie so dasaß und intensiv registrierte, wie ihre betäubte Gesichtshälfte wieder erwachte, kam ihr der Gedanke, sie könne einen Schock haben. Vielleicht hätte sie mit ins Krankenhaus fahren sollen. Es schien ihr jedoch jetzt zu spät dafür, und so blieb sie einfach sitzen und blinzelte in die Sonne.

»Möchten Sie noch etwas Kaffee?« fragte eine freundliche Stimme hinter ihr.

Leona wandte sich um und sah eine ältere Frau, die eine Thermoskanne in der Hand hielt. Offensichtlich war sie es gewesen, die ihr vorhin den Becher in die Hand gedrückt hatte. Sie sah elend und geschockt aus.

»Das wäre nett«, sagte Leona dankbar.

Die Frau schenkte ihr Kaffee nach. »Sie sehen ja furchtbar blaß aus! Es muß schlimm für Sie gewesen sein. Die arme, arme Eva! Ich kann es überhaupt nicht fassen!« In ihrer Stimme klangen Tränen.

»Eva?« fragte Leona. »Hieß sie so?« Sie verbesserte sich sofort: »Heißt sie so?«

»Eva Fabiani. Wir sind eng befreundet, wissen Sie. Ich wohne in der Wohnung direkt unter ihr. Aber ich habe nichts mitbekommen. Ich war auf meinem Balkon draußen, und der geht nach der anderen Seite hinaus.«

Der Kaffee war heiß und stark. Wahrscheinlich nicht unbedingt das Richtige für ihren frisch behandelten Zahn, aber angesichts der jüngsten Ereignisse erschien Leona ihr Zahn unbedeutend.

»Ich mache mir entsetzliche Vorwürfe«, sagte die Frau. »Ich hätte wissen müssen, daß so etwas irgendwann passiert. Ich glaube, ich konnte mir nicht vorstellen, daß sie es wirklich tut. Ich hätte nie den Mut.«

»Sie war wohl sehr verzweifelt«, meinte Leona. Das Bild drängte sich wieder auf. Die Frau auf dem Gehsteig. Die Arme und Beine, die wie zufällig hingegossen dalagen, als hingen sie gar nicht mehr mit dem Körper zusammen. Was etwa auch den Tatsachen entsprochen haben mußte. Als sie Eva auf die Tragbahre luden, hatte einer der Sanitäter gesagt: »Die ist ja buchstäblich in Stücke zerbrochen!«

»Ja, sie war verzweifelt«, sagte die Frau mit dem Kaffee, »aber ich hatte in der letzten Zeit das Gefühl, es ginge ihr besser. Sie ist vor vier Jahren geschieden worden. Damals zog sie hier ins Haus. Sie und ihr Exmann hatten das gemeinsame Haus in Kronberg verkauft, und von ihrem Anteil hat sie sich die oberste Wohnung gekauft. Eine besonders schöne Wohnung. Wunderbare Terrasse nach hinten hinaus. Die Scheidung hatte sie furchtbar mitgenommen. Sie suchte unmißverständlich Anschluß, und ich habe mich um sie gekümmert. Ich bin auch sehr viel allein. Es schien ihr langsam besserzugehen. Aber vor einem dreiviertel Jahr hat ihr geschiedener Mann …«

Ein Polizist trat heran. »Frau Dorn?«

»Ja«, sagte Leona.

»Sie können jetzt erst einmal nach Hause gehen. Ich brauche nur Ihre Personalien, damit wir uns noch einmal an Sie wenden können. Es kann sein, wir brauchen noch einmal eine detaillierte Aussage von Ihnen.«

»Ich habe wirklich nichts gesehen. Erst als sie aufschlug …«

»Vielleicht fällt Ihnen ja doch noch etwas ein. Wir melden uns bei Ihnen.«

Sie nannte ihm Adresse und Telefonnummer, die private und die ihres Büros, und er notierte sich alles auf einem dicken Block. Leona gab ihre Telefonnummer auch an Eva Fabianis Freundin weiter mit der Bitte, sie zu benachrichtigen, wenn sie etwas über den Zustand der Frau erführe.

Der Kaffee hatte sie gestärkt. Sie fühlte sich etwas besser. Sie ging in den Verlag, setzte sich hinter ihren Schreibtisch und schaffte es tatsächlich noch, einen ganzen Berg Arbeit abzutragen.

Um fünf Uhr rief die Nachbarin an. Eva Fabiani war trotz intensiver Bemühungen der Ärzte im Krankenhaus ihren schweren Verletzungen erlegen.

Wie oft hatte sie seither jenen Traum gehabt? Nicht jede Nacht, aber fast jede zweite. Die Frau, die durch die Luft flog. Das häßliche Geräusch, mit dem der Körper auf den Asphalt klatschte. Der Ausdruck des Gesichts, die Augen, die plötzlich wegzuschwimmen schienen. In beinahe jedem Traum tauchte auch ein Polizist auf, überlebensgroß, der sich zu ihr hinunterbeugte. Er kam ihr so nahe, daß sie meinte, zurückweichen zu müssen, und es doch nicht konnte.

»Haben Sie etwas beobachtet?« fragte er. »Haben Sie etwas beobachtet? Haben Sie etwas beobachtet? Haben Sie …?« Er wiederholte die Frage in immer schnellerem Tempo, in zackigem Stakkato. Sie kam nicht dazu, ihm zu sagen, daß sie nichts gesehen hatte. Er schien es auch gar nicht hören zu wollen. Er schoß nur seine Fragen ab und schien ihre verzweifelten Anstrengungen, ihm zu antworten, gar nicht zu bemerken.

»Vielleicht solltest du doch einmal einen Psychotherapeuten aufsuchen«, sagte Wolfgang, »du weißt ja, daß ich von diesen Leuten nichts halte, aber du bräuchtest vielleicht nur ein paar Stunden, in denen du einer neutralen Person dein Herz ausschütten kannst. Ich scheine dir ja nicht helfen zu können.«

Er klang ein wenig gekränkt. Leona fragte sich, wann und wie er ihr überhaupt zu helfen versucht hatte. Natürlich hatte er zugehört, als sie alles erzählt hatte, am Abend jenes Tages. Er war betroffen gewesen, und es schien ihm aufrichtig leid zu tun, daß ausgerechnet ihr so etwas hatte passieren müssen. Er hatte ihr einen Cognac eingeschenkt, und dann hatte er sich um das Essen gekümmert, während sie im Wohnzimmer saß und heulte. Er ließ den Reis anbrennen und versalzte die Pilze in Rahmsoße, aber der gute Wille zählte, und Leona hatte sich tatsächlich besser gefühlt. Allerdings hatte Wolfgang wohl gemeint, daß es damit nun gut sein müsse. Er reagierte zunehmend gereizt, als Leona in den folgenden Tagen immer wieder von der Geschichte anfing. Eines Morgens hatte er während des Frühstücks seine Serviette neben den Teller geknallt und Leona zornig angesehen.

»Ehrlich gesagt, Leona, ich kann den Namen Eva Fabiani nicht mehr hören! Herrgott noch mal, ich verstehe ja, daß das ein gräßliches Erlebnis für dich war, aber andererseits kanntest du diese Frau doch gar nicht! Außer ihrem Namen weißt du nichts von ihr, du weißt nicht einmal genau, warum sie sich da überhaupt hinuntergestürzt hat. Du mußt den ganzen Vorfall jetzt endlich vergessen!«

Er hatte recht, das wußte sie. Sie mußte aufhören, über eine Frau nachzudenken, die etwa so alt gewesen war wie sie selber und die keinen anderen Ausweg als Selbstmord gesehen hatte. Ein Verbrechen erschien Leona unwahrscheinlich, obwohl sie manchmal den Eindruck hatte, ein Mord hätte sie nicht so erschüttert wie dieser Freitod.

Sie versuchte, vor Wolfgang nicht mehr von alldem zu sprechen – außer, wenn es sich nicht vermeiden ließ, so wie jetzt, wenn er nachts von ihren Alpträumen wach wurde.

»Ich halte auch nichts von Psychotherapeuten«, sagte sie nun. Sie wußte, daß sie zu pauschal urteilte, aber eine ihrer Kolleginnen war aus einer jahrelangen Therapie kranker hervorgegangen, als sie zuvor gewesen war.

»Ich brauche auch keinen Therapeuten«, fügte sie fast trotzig hinzu, »ich brauche nur ein bißchen Zeit.«

Wolfgang unterdrückte ein weiteres Gähnen. »Und ein bißchen guten Willen«, sagte er und kehrte damit an den Anfang des Gesprächs zurück. »Du darfst nichts tun, was unweigerlich alles wieder aufwühlt. Es war zum Beispiel völlig falsch, zu der Beerdigung zu gehen.«

Natürlich war es falsch gewesen. Sie wußte das, und Wolfgang hatte es auch inzwischen oft genug betont. Aber irgend etwas hatte sie gedrängt, auf den Friedhof zu gehen. Sie war der letzte Mensch, mit dem Eva gesprochen hatte. Sie war ihr dieses letzte Geleit schuldig.

Die Nachbarin hatte bei ihr angerufen. »Hier ist Behrenburg. «

Ihr war der Name entfallen. »Ja?«

»Die Nachbarin von Eva Fabiani. Ich wollte nur sagen, daß sie morgen um elf Uhr bestattet wird. Vielleicht möchten Sie ja auch kommen?«

Wolfgang hatte später behauptet, sie habe sich von jener »gänzlich unbedeutenden Frau Behrenburg« zur Teilnahme an der Beerdigung »nötigen« lassen. Er war wütend gewesen und hatte nicht verstanden, daß sie selbst das Bedürfnis verspürte, zum Friedhof zu gehen.

Überraschenderweise waren kaum Menschen dagewesen. Leona hatte eine ansehnliche Trauergemeinde erwartet, bei einer vergleichsweise so jungen Frau. Wenn Leute sehr alt starben, waren ihnen oft alle Freunde schon vorausgegangen; wenn sie weder Kinder noch Enkel hatten, mochte sich kaum jemand um ihr Grab scharen. Eva Fabiani war achtunddreißig Jahre alt gewesen! Da hatte man doch Freunde, Kollegen, Familie. Aber außer Frau Behrenburg und Leona war nur noch ein einziger Mensch anwesend, ein Mann, der sich als Evas Bruder vorstellte. Er mochte nur wenige Jahre älter sein als seine verstorbene Schwester. Er weinte nicht, wirkte aber wie versteinert vor Schmerz und schien zeitweise fast betäubt zu sein.

Als die Friedhofsarbeiter das Grab zuzuschaufeln begannen und der Pfarrer gegangen war, trat er auf Frau Behrenburg und Leona zu. Er schüttelte Frau Behrenburg die Hand.

»Danke, daß Sie gekommen sind, Lydia«, sagte er, »und danke für alles, was Sie für meine Schwester getan haben. Ich weiß, daß Sie ein großer Halt für Sie waren.«

Lydia Behrenburg wurde rot vor Stolz. »Es hat mir immer großen Spaß gemacht, mit Ihrer Schwester zusammenzusein. Ich habe ja niemanden auf der Welt. Ich werde sie so schrecklich vermissen.« Ihre Traurigkeit schien echt und tief. Sie stand am Grab wie ein Mensch, der seinen letzten Strohhalm fortschwimmen sieht und es noch kaum fassen kann.

Wie viele einsame Menschen es doch gibt, dachte Leona betroffen.

Evas Bruder wandte sich ihr zu. Er musterte sie aus kühlen, graugrünen Augen. »Robert Jablonski«, stellte er sich vor. »Ich bin Eva Fabianis Bruder.«

»Leona Dorn«, sagte Leona. Zögernd fuhr sie fort: »Ich bin die Frau, die …«

»Leona war als erste am Unfallort«, erklärte Lydia, »sie hat sich sofort um Eva gekümmert.«

»Ich konnte im Grunde nichts tun«, korrigierte Leona und hatte den Eindruck, es hörte sich wie eine Entschuldigung an.

Robert betrachtete sie prüfend. »Das hat Sie ziemlich mitgenommen, nicht?«

Leona nickte. »Ich werde nicht richtig damit fertig.«

Robert setzte seine Sonnenbrille auf, die er zur Begrüßung der beiden Frauen abgenommen hatte. Die dunklen Gläser machten ihn noch attraktiver.

»Kommen Sie«, sagte er, »ich lade Sie irgendwo in ein Café ein. Lydia und Leona. Ich darf Sie so nennen? Wissen Sie, wo man hier hübsch sitzen kann?«

 

Sie landeten, der Hitze des Julitages angemessen, in einem Straßencafé, saßen um einen kleinen Bistrotisch herum, zwischen lauter Menschen in Shorts und bunten T-Shirts, ein Mann im dunklen Anzug und zwei Frauen in schwarzen Kleidern, schwarzen Strümpfen und schwarzen Schuhen. Leona, die immer sehr auf ihre Figur achtete, bestellte nur Kaffee und Mineralwasser, Robert wählte einen Salat und Lydia einen gewaltigen Eisbecher. Sie bestritt den größten Teil der Unterhaltung, redete fast ohne Unterlaß, beschwor vergangene Zeiten mit Eva herauf. Lustige, traurige, eigenartige Episoden. Hier ein Erlebnis, dort eine Anekdote. Leona gewann den befremdlichen Eindruck, daß Eva Fabiani praktisch ihre gesamte Freizeit mit Lydia verbracht hatte. Zwar hatte sie Eva nicht gekannt, aber der kurze Blick in ihr Gesicht hatte ihr verraten, es mit einer kultivierten, komplizierten Frau zu tun zu haben. Lydia war nett, aber schlicht; eine biedere, betuliche Hausfrau, die etwas einfältig dreinblickte und über einen begrenzten Horizont verfügte. Leona, die sich schon nach zehn Minuten wie erschlagen fühlte von Lydias Geplapper, fragte sich, wie Eva das in dieser offensichtlichen Häufigkeit ausgehalten haben konnte. Sie hatte den Eindruck, daß Robert Jablonski Lydia nicht besonders mochte – obwohl er sie sehr höflich und zuvorkommend behandelte.

Lydia machte eine Pause und hielt nach dem Kellner Ausschau, um sich ein zweites Eis zu bestellen. Leona nutzte die Gelegenheit.

»Wohnen Sie auch in Frankfurt?« wandte sie sich an Robert.

Er schüttelte den Kopf. »In Ascona. Am Lago Maggiore. «

»In Ascona! Stammen Sie von dort? Eva auch?«

»Wir sind Deutsche, sind aber in Ascona aufgewachsen. Unsere Eltern hatten ein sehr schönes Haus dort. Eva heiratete dann und zog mit ihrem Mann hierher nach Frankfurt. Er ist Professor für Rechtsgeschichte an der Universität. «

»Eigenartig, daß er nicht zu ihrer Beerdigung gekommen ist.«

Lydia gab einen verächtlichen Laut von sich. »Das wundert mich gar nicht. Dieser Windhund! Als sie noch lebte, hat er sich auch nicht um Eva gekümmert. Warum sollte er es jetzt, wo sie tot ist?«

»Ich vermute, er weiß noch gar nicht, daß Eva nicht mehr lebt«, meinte Robert, »die Zeitungen haben ihren Namen nicht gedruckt, und ich habe ihm nichts gesagt.«

»Er wird es früh genug erfahren«, setzte Lydia hinzu, »und es wird ihn ohnehin nicht interessieren.«

Evas Exmann schien allgemein verhaßt. Es hätte Leona interessiert, mehr zu erfahren, aber sie mochte nicht indiskret erscheinen. So sagte sie nur: »Mich hat es gewundert, daß nur wir drei bei der Beerdigung waren. Es wird doch wohl eine Menge mehr Menschen in Evas Leben gegeben haben?«

»Eben nicht«, sagte Lydia. Ihr zweiter Eisbecher, ein Berg aus Vanilleeis, heißen Himbeeren und Sahne, wurde gerade gebracht. »Sie war unglaublich einsam.«

»Unsere Eltern leben nicht mehr«, erklärte Robert, »und sonst gibt es auch keine Verwandten. Ich war Evas letzter lebender Angehöriger.«

»Es muß doch Freunde gegeben haben«, bohrte Leona nach, »Kollegen …«

»Sie hatte ja keinen festen Arbeitsplatz«, sagte Lydia. »Nach ihrer Scheidung war sie zwei Jahre lang arbeitsunfähig wegen ihrer Depressionen. Dann hat sie nur so herumgejobbt. Mal hier, mal da. Aushilfstätigkeiten der verschiedensten Art. Um Freunde zu gewinnen, blieb sie eigentlich nirgendwo lang genug.«

»Konnte sie davon leben?«

»Ganz gut. Die Wohnung gehörte ihr, und es blieb sogar noch ein Überschuß, den sie angelegt hatte. Die Möbel hatte sie alle mitgebracht. Ihr Mann hat ihr praktisch alles überlassen – vom Bügeleisen über den Herd bis zur Waschmaschine. Hoffte wohl, damit sein schlechtes Gewissen beruhigen zu können.«

Leona fragte nicht weiter, aber sie überlegte, wie das sein konnte. Eine attraktive und noch keineswegs alte Frau wie Eva Fabiani, so völlig allein, so ohne jeden Bezugspunkt außer einer geschwätzigen, ältlichen Nachbarin. Kein fester Job. Keine Freunde. Kein Mann. Es mußte die Einsamkeit gewesen sein, die sie zu dem tödlichen Sprung aus dem Fenster getrieben hatte. Mit achtunddreißig Jahren.

Robert lehnte sich etwas vor. Er nahm die Sonnenbrille ab. Er hat einen ausgesprochen durchdringenden Blick, dachte Leona.

»Ich habe gehört, daß meine Schwester noch etwas gesagt hat, ehe sie starb. Irgend etwas wie ›Jetzt ist es ihm gelungen‹ oder so ähnlich.«

»›Nun hat er es endlich geschafft‹«, sagte Leona. »Das waren ihre genauen Worte.« Robert verzog das Gesicht. »Ja«, sagte er bitter, »nun hat er es endlich geschafft.«

»Wer?« fragte Leona.

»Ihr Exmann.« Lydia schien unweigerlich immer wieder auf diesen Schuft zu kommen, den sie offenbar für jede Misere in Evas Leben verantwortlich machte. »Den hat sie natürlich gemeint.«

»Aber Lydia, Sie haben doch gesagt, die beiden waren seit vier Jahren geschieden! Sie können doch gar nicht mehr soviel Kontakt gehabt haben!«

»Sie hat gelitten«, erklärte Robert. Seine Stimme klang jetzt wieder emotionslos, gleichmütig. »Sie hat unter dieser Trennung gelitten wie ein Hund. Sie hatte schlimmste Depressionen. Manchmal schien sie halb verrückt vor Schmerz. Sie schaffte es nicht, ihr Leben wieder in den Griff zu kriegen. Ihr Selbstmord war die logische Konsequenz aus den letzten Jahren.«

»Dann hat er die Scheidung gewollt, nicht sie«, folgerte Leona.

Robert zündete sich eine Zigarette an, nachdem er den beiden Frauen die Schachtel hingehalten hatte, aber negativ beschieden worden war. Seine Finger zitterten ganz leicht. Traurigkeit? Erregtheit? Haß? Seine Stimme blieb monoton.

»Er hat sie betrogen«, sagte er. »Er hat sie so häufig, so skrupellos, so offensichtlich für jedermann betrogen, daß ihr schließlich keine Wahl mehr blieb, als die Scheidung einzureichen. Und damit begann dann ihr Sterben auf Raten.«

 

»Eigenartig«, sagte sie in die Dunkelheit des Zimmers hinein, »wenn am Ende eines jungen Lebens ganze drei Menschen bleiben, die das letzte Geleit geben: der Bruder, eine Nachbarin, von der man nicht weiß, ob sich die Tote an ihr festgeklammert hat oder ob sie von ihr bedrängt wurde, und eine ganz fremde Frau, die zufällig vorbeikam in jenem endgültigen Moment, da das Leben nicht mehr erträglich schien. Welch eine Zusammenstellung!«

Wolfgang unterdrückte sein Gähnen nicht mehr. »Hättest du nur an diesem Tag nicht zum Zahnarzt gemußt!« sagte er inbrünstig. »Uns wäre eine Menge erspart geblieben! «

»Ihr Mann hat sie ständig betrogen. Robert ist überzeugt, daß er sie damit zu ihrem Selbstmord getrieben hat.«

»Das ist doch Unsinn!« entgegnete Wolfgang scharf. »Wie du mir erzählt hast, war sie eine immer noch junge, attraktive Frau!«

»Was hat denn jetzt das eine mit dem anderen zu tun?«

»Wenn ihr Mann sie wirklich betrogen hat, muß das für eine solche Frau doch kein Weltuntergang sein. Ich bitte dich! Achtunddreißig Jahre alt, gutaussehend. Sie hätte sich leicht neu orientieren können. Sie mußte nicht in einem Tränenmeer versinken!«

»Vielleicht hat sie ihn auf eine Art und Weise geliebt, die es ihr nicht möglich machte, mit einem anderen Mann etwas anzufangen. Das kann doch sein.«

»Sentimentaler Blödsinn! Wenn man dreißig Jahre oder länger mit einem Menschen zusammen war, hat man es womöglich sehr schwer, sich einen anderen vorzustellen. Aber so lange können die beiden gar nicht verheiratet gewesen sein. Und, wie gesagt, für Torschlußpanik war sie dann doch noch zu jung!«

Er war jetzt zornig und heftig, und Leona fragte sich, weshalb er sich so erregte. Bisher hatte er auf das Thema Eva gelangweilt oder genervt reagiert. Auf einmal schien er ernsthaft wütend.

Sie schwang die Beine aus dem Bett, angelte sich ihre Hausschuhe.

»Ich gehe ins Wohnzimmer«, sagte sie, »ich will ein bißchen fernsehen. Ich glaube, ich kann jetzt einfach nicht mehr einschlafen.«

Er machte keinen Versuch, sie zurückzuhalten.

2

Wie schön sie eine Leiche herrichten können, dachte Lisa.

Sie betrachtete das ruhige, sanfte Gesicht ihrer Schwester. Oft schon hatte sie die Leute den Frieden in den Gesichtern von Toten beschreiben hören, aber sie hatte das für ein Klischee gehalten, für eine Behauptung, der, da sie nun einmal aufgestellt war, jeder bereitwillig folgte. Der Friede in den Gesichtern der Toten und der damit verbundene Gedanke an ihre Erlösung von allem irdischen Leid stellte einen wertvollen Trost dar, den einzigen Trost oftmals, den man finden konnte. An irgend etwas mußte man sich festhalten.

Aber Anna sah wirklich friedlich aus, fand Lisa. Als schliefe sie und habe dabei einen schönen Traum. Man hatte Dreck und Blut von ihrem Gesicht gewaschen, Gras und Äste aus ihren Haaren gekämmt. Wer sie so sah, hätte nicht vermutet, daß sie eines gewaltsamen Todes gestorben war.

Ihr Körper, dachte Lisa, sieht vermutlich weniger schön aus. Die vielen Stichwunden ließen sich wohl kaum verbergen. Der Mörder hatte sie wie ein Wahnsinniger mit dem Messer traktiert.

Sie hatte es gesehen. Sie hatte ihre Schwester identifizieren müssen. Sie hörte ihren Vater hinter sich leise schluchzen und wandte sich zu ihm um. Während der letzten zwei Wochen schien er um wenigstens zehn Jahre gealtert. In seinem zerfurchten Gesicht standen Ratlosigkeit und Entsetzen.

Sanft berührte sie seinen Arm. »Ich habe dir doch gesagt, du sollst nicht mitkommen, Vater. Die Beerdigung wird schwer genug werden für dich. Warum mußtest du sie dir noch einmal ansehen?«

»Weil ich Abschied nehmen wollte«, murmelte Johann.

Ihm war deutlich anzusehen, daß er sich unwohl fühlte in dem dunklen Anzug, der an manchen Stellen schon grünlich schimmerte vor Alter. Sein Hochzeitsanzug, fast dreißig Jahre alt. Er hing wie ein Sack an ihm. Lisa dachte daran, wie stattlich ihr Vater noch bis vor zwei Jahren gewesen war. Ehe der Krebs zugeschlagen hatte. Zuerst in der Lunge; sie hatten ihm daraufhin einen Lungenflügel entfernt. Aber dann waren Metastasen im Darm und im Magen aufgetreten. Neuerdings sprach er oft von Schmerzen in den Knochen, konnte sich an vielen Tagen kaum bewegen. Lisa war mit seiner Pflege vollauf beschäftigt. Da sie es an seinen schlimmen Tagen nicht schaffte, ihn aus dem Bett zu heben und ins Bad zu bringen oder ein paar Schritte im Garten mit ihm spazierenzugehen, hatte sie bei einem privaten Pflegedienst im Nachbarort angerufen und um Hilfe gebeten. Seitdem kam Benno jeden zweiten Tag vorbei, ein netter, nicht mehr ganz junger Mann, der zwar kein ausgebildeter Pfleger war und weder Medikamente verabreichen noch Spritzen geben durfte, aber über die nötige Kraft verfügte, den Schwerkranken zu stützen oder sogar zu tragen. Seine Hilfe stellte eine große Erleichterung für Lisa dar.

Benno war dagewesen an jenem warmen Tag vor zwei Wochen, als die Polizei geklingelt hatte. Es war später Nachmittag gewesen, Lisa hatte gerade zum Einkaufen gehen wollen und hatte Benno gebeten, so lange bei ihrem Vater zu bleiben. Es ging ihm schlecht, man konnte ihn nicht allein lassen.

Benno hatte die Tür geöffnet, war dann heraufgekommen, wo Lisa im Bad stand und sich die Lippen nachzog. »Polizei«, hatte er gewispert, »zwei Beamte. Sie wollen zu Ihrem Vater!«

»Das geht jetzt nicht. Was wollen die?«

»Ich weiß nicht. Sie sehen furchtbar ernst aus.«

Sie war die Treppe hinuntergegangen, und die Tragödie hatte ihren Anfang genommen. An einem warmen Tag, ohne Vorwarnung.

Leute aus dem Dorf hatten Anna im Wald gefunden, an einen Baum gefesselt, von Messerstichen übersät. Die Frau hatte einen Schock erlitten, befand sich in ärztlicher Behandlung. Der Mann hatte die Leiche als Anna Heldauer identifiziert, »die Tochter vom Heldauer Johann«. Nun müsse jemand aus der Familie mitkommen – jemand müsse sie offiziell identifizieren, der Anblick sei nicht schön, aber …

»Nehmen Sie sich alle Zeit, die Sie brauchen«, hatte Benno gesagt, »ich bleibe bei Ihrem Vater.«

Sie war mit den Beamten gegangen und hatte bestätigt, daß es sich bei der Toten aus dem Wald um ihre Schwester handelte.

Nun beugte sie sich noch einmal über Anna, schlug ein Kreuz über ihrer hohen, blassen Stirn. Sechzehn Tage nachdem man sie gefunden hatte, war sie erst zur Beisetzung freigegeben worden, ewig lange hatte man sie untersucht. Lisa hatte Anna so lange nicht gesehen, sie hatten einander schon als Kinder so wenig nahegestanden, daß es ihr nun vorkam, als nehme sie Abschied von einer Fremden. Aber dennoch zog sich etwas in ihrem Innern zusammen und verursachte einen bohrenden Schmerz: Es war ihre Schwester! Neben Vater der einzige Mensch, den sie noch gehabt hatte. Ihr Vater würde sie bald verlassen. Dann blieb sie allein zurück.

»Es konnte kein gutes Ende nehmen mit ihr«, murmelte Johann, als sie sich nun zum Gehen wandten. »lch habe es immer gesagt … So, wie sie gelebt hat, das mußte bös’ ausgehen mit ihr!«

Immerhin hat sie besser gelebt als ich, dachte Lisa bitter, sie hat sich rechtzeitig abgeseilt. Mir hat sie den Vater überlassen, mitsamt seinem Krebs und seinem endlosen, jammervollen Sterben.

Sie hatte Anna so sehr dafür gehaßt in den letzten Jahren, daß es ihr nun schwerfiel, diesen Haß in ein Gefühl von Milde und Mitgefühl umzuwandeln – Gefühle, die man zweifellos hegen mußte für eine Schwester, die auf so furchtbare Weise ums Leben gekommen war. Anna hatte ein schlimmes Schicksal erlitten; vor allem anderen verdiente sie Mitleid.

Ich bin ein schlechter Mensch, dachte Lisa, wenn ich dieses Mitleid nicht aufbringen kann. Wenn ich es nicht einmal jetzt aufbringen kann.

»Komm, Vater«, sagte sie, »wir müssen jetzt in die Aussegnungshalle hinüber. Die anderen warten schon.«

»Die anderen« – das war das ganze Dorf. Der Mord an Anna hatte hohe Wellen geschlagen. Keiner ließ es sich nehmen, zur Beerdigung zu kommen. Sie standen da in ihren schwarzen Anzügen und schwarzen Kostümen, Blumen in der Hand, starrten Lisa und ihren Vater an. Seit jenem Tag war der Strom der Beileidsbezeugungen nicht abgerissen.

Echtes Mitleid? fragte sich Lisa. Oder Sensationsgier? Jetzt ist doch endlich einmal etwas los in diesem gottverlassenen Ort! Etwas, worüber sie an jeder Straßenecke tratschen können, was Reporter angelockt und diesen gänzlich unwichtigen Flecken Erde in die Zeitung gebracht hat. So etwas hat sich doch jeder von denen schon immer gewünscht. Und nun werden sie mit betroffenen Mienen am Grab stehen und innerlich schon vibrieren vor Ungeduld, daß sie endlich nach Hause gehen und sich mit den Nachbarn austauschen können. Wie schlecht der Johann ausgesehen hat, und wie schamlos kurz der Rock von Lisa gewesen ist … Und keiner von denen hat wirklich etwas mit Anna zu tun. Nicht einer.

Aber wer hatte schon etwas zu tun gehabt mit Anna in den letzten Jahren? Falls es Freunde und Bekannte gab, so hatte Lisa sie nicht unterrichten können. Niemand wußte, wo sich Anna während der letzten sechs Jahre herumgetrieben hatte. Als sie damals mit ihren knapp achtzehn Jahren von daheim aufgebrochen war, kurz nach dem Tod der Mutter, weil sie »diese spießige Kleinbürgerwelt« einfach nicht mehr aushielt, hatte sie Südamerika im Sinn gehabt.

»Herumtrampen, heute hier, morgen da, nicht wissen, was kommt, ohne Gestern und Morgen, nur den Augenblick zählen lassen«, so hatte sie ihr Vorhaben beschrieben. Lisa, die Jüngere, hatte neidisch und mit riesigen Augen zugehört, aber der Vater, damals noch gesund und stark, hatte Bedenken geäußert.

»Das ist viel zu gefährlich für eine Frau allein. Was glaubst du, was da alles passieren kann? In diesen südamerikanischen Staaten gibt es andauernd Revolutionen und Aufstände, und ständig putscht das Militär. Da schert sich kein Mensch darum, was mit einer Ausländerin passiert, die in der Gegend herumreist. Da kann es dir passieren, daß du abgemurkst und irgendwo verscharrt wirst, und kein Mensch erfährt etwas davon!«

Anna hatte gelacht und die Unkenrufe ihres Vaters in den Wind geschlagen. Lisa sah sie noch vor sich am Tag ihrer Abreise: strahlend und gut gelaunt, braungebrannt von unzähligen Sonnenbädern in den Lechauen, die honigfarbenen Haare fielen ihr lang und lockig den Rücken herab, und um Hals und Handgelenke klimperte billiger Türkisschmuck aus dem Alternativladen. Es erschien Lisa tragisch, daß sich die düsteren Prophezeiungen ihres Vaters bewahrheitet hatten, wenn auch letztlich anders als gedacht: Nicht in Südamerika hatte Anna ihr Leben verloren, sondern ganz in der Nähe ihres Zuhauses, gleich bei dem kleinen Dorf nahe Augsburg, in dem sie aufgewachsen war, in einem der Wälder, in denen sie als Kind gespielt hatte. Sie hatte offenbar nach Hause gewollt, und kurz vor dem Ziel war sie ihrem Mörder begegnet.

Nach sechs Jahren, dachte Lisa, warum kam sie heim? Nach all der Zeit, in der sie uns nicht ein einziges Lebenszeichen hat zukommen lassen, wollte sie plötzlich zurück. Warum?

Sie versuchte die Blicke der Leute und ihr Getuschel zu ignorieren, als sie durch die Stuhlreihen der Aussegnungshalle nach vorn ging. Schwer stützte sich ihr Vater auf sie.

3

Warum regnet es auf einmal so viel? fragte er sich. Er betrachtete die Fensterscheibe, gegen die der Regen platschte. Es schüttete wie aus tausend Eimern. Die Bäume bogen sich im Sturm. Von fern grollte der Donner. Ein heftiges, lautes Sommergewitter. Seit einer Woche gab es das fast jeden Abend. Mit literweise Regen und Windböen, die nicht selten Bäume entwurzelten und Blumenkästen von den Balkonen herunterschlugen. Keine langen, lauen Gartennächte mehr in diesen letzten Augusttagen. Der Sommer nahm mit Getöse Abschied. Der September werde regnerisch und kühl beginnen, prophezeiten die Meteorologen.

Wolfgang fühlte eine schwere Mattigkeit in allen Knochen, die es ihm schwermachte, sich zu erheben, zu duschen, sich anzuziehen. In einen dunkelgrünen Bademantel gehüllt, war er auf einen Küchenstuhl gesunken, hatte sich Kaffee eingeschenkt, der noch vom Nachmittag dort stand. Er war inzwischen kalt, aber Wolfgang hätte jetzt nicht einmal die Energie aufgebracht, sich frischen zu kochen. Er mußte dringend nach Hause, es wartete noch genügend Arbeit auf ihn. Warum fühlte er sich so matt, so zerschlagen?

Nicole kam in die Küche. Im Unterschied zu Wolfgang schien sie förmlich überzusprudeln vor Energie. »Warum schaust du denn so mürrisch drein? Bist du meiner etwa überdrüssig?« Sie trat hinter ihn und legte beide Arme um ihn. Sie drückte ihr Gesicht an seine Wange. Ihre langen Haare fielen bis auf den Tisch.

»Sag bloß, du trinkst den kalten Kaffee? Kein Wunder, daß du schlechte Laune hast!«

»Ich habe keine schlechte Laune.«

»Natürlich! Schau dich doch mal an. Komm, ich mach’ dir frischen Kaffee.« In der für sie charakteristischen quirligen Geschäftigkeit wollte sie sogleich anfangen, in der Küche herumzuwirtschaften, aber Wolfgang hielt sie am Arm fest.

»Nein. Ich muß sowieso gleich gehen. Ich weiß auch nicht, warum ich hier so lethargisch herumsitze.«

Sie wurde ernst, betrachtete ihn prüfend, setzte sich dann ihm gegenüber an den Tisch. »Ich weiß schon, warum es dir nicht so gutgeht im Moment«, sagte sie bedächtig. Sie spielte mit ihrer leeren Kaffeetasse herum, die hier seit dem Mittag stand, seitdem Wolfgang gekommen war und sie zusammen Kaffee getrunken hatten, ehe sie ins Bett gegangen waren. »Heute ist der 31. August.«

Er seufzte. »Ja. Heute ist der 31. August.« Das Datum schien wie ein Bleigewicht auf ihm zu lasten. Seine Schultern sanken ein wenig nach vorne

»Was hast du Leona gesagt, wohin du gehst?«

»In den Sender. Es hätten sich da ein paar Probleme ergeben …«

»Sie ahnt überhaupt nichts?«

»Gestern hat sie gemeint, ich hätte mich verändert. Ich sei so … unausgeglichen und gereizt. Ich habe gesagt, ich sei überarbeitet.«

Nicole starrte auf ihre Tasse, sah Wolfgang nicht an.

»Um deinetwillen«, sagte sie, »mußt du diese Situation bald klären. Deine Nerven schleifen ziemlich am Boden.«

»Ich hab’ dir gesagt, bis Ende August weiß sie es. Dazu stehe ich.«

»Dann bleibt dir nur noch der heutige Abend.«

»Ich weiß.«

Sie streckte ihren Arm über den Tisch, berührte sanft seine Hand. »Wenn du es erst morgen oder übermorgen in Angriff nimmst, bin ich dir bestimmt nicht böse. Du brauchst dir und ihr nicht den Sonntagabend zu verderben. «

»Es wird nicht leichter, indem ich es vor mir herschiebe«, sagte er gereizt.

Draußen krachte ein Donner. Gleich darauf tauchte ein Blitz die Küche in gleißende Helligkeit. »Ich wollte es ihr im Juli sagen. Ich war wirklich felsenfest entschlossen. Aber dann ist diese verdammte Geschichte passiert mit der Frau, die aus dem Fenster gesprungen ist. Leona war so durcheinander danach. Ich konnte ihr nicht mit der Eröffnung kommen, daß ich eine andere Frau liebe und mich scheiden lassen möchte.«

»Hat sie sich inzwischen erholt?«

»Nicht wirklich. Die Geschichte geht ihr eigenartig nahe. Aber darauf kann ich natürlich nicht ewig Rücksicht nehmen.«

Nicole stellte ihre leere Tasse mit einem lauten Klirren ab. »Vielleicht ist sie raffinierter, als du denkst. Sie ahnt, daß etwas nicht stimmt. Nun macht sie auf arme, geschockte Frau, der man nicht noch mit anderen Unannehmlichkeiten das Leben schwermachen darf.«

Wolfgang fühlte sich ein wenig verärgert. Er liebte Nicole, aber er hatte durchaus auch noch Gefühle für Leona.

»Ich habe nicht den Eindruck, daß sie mir etwas vorspielt«, sagte er scharf. »Es ist ganz sicher nicht besonders lustig mit anzusehen, wie eine Frau aus dem Fenster springt und direkt vor einem auf dem Asphalt aufschlägt. Es war wirklich Pech, daß sie gerade vorbeikommen mußte.«

Er stand auf. Es hatte keinen Sinn zu warten, daß sich die Dinge von allein erledigten. Leona hatte das Recht auf Wahrheit. Nicole hatte das Recht auf eine geklärte Situation. Er hatte das Recht, endlich wieder ohne schlechtes Gewissen herumzulaufen. Er hatte sich selten in seinem Leben so elend gefühlt.

 

Er hatte gedacht, es würde ihm bessergehen, sobald es erst gesagt wäre. Irgendwo, in einem kindischen, idiotischen Winkel seines Gehirns, hatte er die vage Hoffnung genährt, alles würde ganz problemlos verlaufen, sobald nur erst die Wahrheit das Tageslicht erblickt hatte. Leona würde kooperativ und vernünftig sein und Dinge sagen wie: »Du hast ganz recht, zwischen uns ist nichts mehr, wie es war. Ich denke, es ist gut, wenn wir einen Schlußstrich ziehen. Laß uns Freunde bleiben!«

Oder sie würde sofort aggressiv werden, ihn beschimpfen, ihm die Tür weisen. Es hätte ihm geholfen, von ihr hinausgeworfen zu werden. Sie als tobende Furie zu erleben.

Sie tobte nicht, und sie sagte zunächst auch nichts. Sie war blaß geworden und saß nun stumm da – völlig geschockt, wie ihm schien. Er sagte sich, daß er ein Trottel gewesen war zu hoffen, dies alles könne glimpflich ablaufen. Er hatte ihr dreizehn Jahre Ehe vor die Füße geworfen, darüber hinaus dreizehn weitere Jahre romantischer, naiver Jugendliebe. Naiv war das Wort, das er heute für die Gefühle von damals fand. Wenn man mit fünfzehn Jahren beschließt, einander zu heiraten, wenn man es mit achtundzwanzig Jahren schließlich tut und dabei der Überzeugung ist, niemals etwas zu vermissen, niemals insgeheim andere versäumte Gelegenheiten zu betrauern – dann war man ein Tor. Dann hatte man eine falsche Vorstellung vom Leben und mußte zwangsläufig irgendwann Schiffbruch erleiden.

Er betrachtete Leona; in seinem Blick lag eine Zärtlichkeit, die er schon lange nicht mehr für sie empfunden hatte. Es war die Zärtlichkeit, die man für einen Menschen hegt, mit dem man so viele Jahre verbracht hat, daß die Liebe zu ihm längst gleichbedeutend mit der Liebe zu einem wichtigen Teil des eigenen Lebens geworden ist.

Mit Leona, das wurde Wolfgang in diesem Moment bewußt, würde er stets die Erinnerung an gute Jahre verbinden – an die Discoausflüge als Teenager, das Ende der Schulzeit, das Studentenleben, an seine Anfänge als Volontär bei einem Fernsehsender, seinen Aufstieg zum leitenden Redakteur. Mit ihr hatte er die Freude über den ersten Gehaltsscheck geteilt, und mit ihr hatte er Sekt getrunken, als er befördert wurde. Auf Studentenfesten hatten sie ganze Nächte durchgetanzt, und wann immer ihre Vorlesungen gleichzeitig begannen, waren sie Hand in Hand zur Uni gelaufen. Ihm fiel plötzlich der Tag ihrer Hochzeit ein, aber sofort verdrängte er jeden Gedanken daran. Wenn er etwas verabscheute, dann war es Sentimentalität.

Das Schweigen dauerte an, verdichtete sich. Das Essen vor ihnen auf dem Tisch war kalt geworden. Der Rotwein in den Gläsern hatte die Farbe von altem Granatschmuck. Draußen rauschte der Regen. Das Gewitter hatte sich verzogen.

Als Leona das Schweigen endlich brach, hätte Wolfgang sie dafür am liebsten umarmt. Selbst die bittersten Vorwürfe schienen ihm erträglicher als diese unheilschwere Stille.

Überraschend sachlich fragte Leona: »Wie lange geht das schon?«

Er hatte sich vorgenommen, ihr keine Antwort schuldig zu bleiben und ehrlich zu sein.

»Ein knappes halbes Jahr.«

»Also seit Februar.«

»Seit Mitte März.«

»Wer ist sie?«

»Eine Kollegin.«

»Kenne ich sie?«

Er zögerte. »Ich weiß nicht. Sie gehört nicht zu den Kollegen, die ich ab und zu einlade. Es kann aber sein, daß du ihr schon im Sender begegnet bist, wenn du mich dorthin begleitet hast.«

»Tritt sie im Fernsehen auf?«

»Sie macht Dokumentarfilme. Frauenprobleme, hauptsächlich. Im nächsten Jahr soll sie eine eigene Talkshow bekommen. «

Leona hatte einen angestrengten Ausdruck in den Augen.

Es muß sie eine Menge Kraft kosten, mir diese Fragen so ruhig zu stellen, dachte Wolfgang. Sie sagte ihm später, was sie so angestrengt habe, sei das Bemühen gewesen, durch ihre Betäubung zu dringen. Es sei schwierig für sie gewesen, ihre eigenen Gedanken zu ordnen und in Worte zu fassen.

»Du warst heute nachmittag nicht im Sender«, sagte sie.

»Nein.«

Sie war weiß wie eine Wand. »Hast du mit ihr geschlafen?«

Man muß die Ehrlichkeit nicht auf die Spitze treiben, dachte Wolfgang.

»Nein«, sagte er und sah, daß sie ihm nicht glaubte.

»Für ein halbes Jahr«, sagte sie leise, »für ein halbes Jahr mit ihr willst du unsere vielen Jahre einfach wegschmeißen! «

»Nicht für ein halbes Jahr mit ihr. Für eine Zukunft mit ihr.«

»Und da bist du dir ganz sicher?«

»Lieber Himmel, Leona, was heißt schon sicher?«

Er hatte sich das Rauchen abgewöhnt, aber nun verlangte es ihn plötzlich nach einer Zigarette. Zum Glück war keine im Haus. Er befand sich noch immer in dem Stadium, in dem eine einzige Zigarette ihn hätte rückfällig werden lassen.

»Wie sicher kann man sich überhaupt jemals sein? Aber ich sehe eine gute Chance für uns beide, für sie und mich, und ich möchte die Möglichkeiten nutzen, die sich für uns daraus ergeben.«

Er merkte, wie geschraubt das klang. Aber hätte er sagen sollen: »Ich habe mich in diese Frau verliebt. Es geschah ganz plötzlich, und ich konnte nichts dagegen tun. Es ist ein Gefühl, wie ich es noch nie gekannt habe. Oder vielleicht habe ich es auch schon gekannt, aber das ist lange her, wie aus einem anderen Leben.«

Er hätte ihr damit nur noch mehr weh getan. Also nahm er Zuflucht zu Floskeln, die so wenig wie möglich von seinen Gefühlen verraten sollten.

Sie lachte kurz auf. »Wie schön! Und du siehst bei ihr Möglichkeiten für dich, die du bei mir nicht findest?«

Es war die alte Frage: Was hat sie, was ich nicht habe? Er hätte sie gerne gebeten, ihm dieses Verhör zu ersparen, aber er fühlte sich als der Schuft in dieser Geschichte und sah es als eine Art gerechte Strafe an, diese Situation nun durchstehen zu müssen.

»Das hat alles gar nicht so viel mit dir zu tun, Leona«, sagte er und kam sich dabei völlig klischeehaft vor. Alles an dieser Situation war so abgegriffen. Es war, als folge man einem vorgeschriebenen Ritual: die gleichen Fragen, die gleichen Antworten, millionenfach durchgespielt auf der Welt. Die Opfer stellten immer die gleichen Fragen. Die Täter gaben immer die gleichen Antworten.

»Wir sind schon so furchtbar lange zusammen, Leona, daran liegt es vielleicht. Wir waren ja fast noch Kinder, als wir einander kennenlernten. Seither kleben wir aneinander wie siamesische Zwillinge. Keiner von uns hatte je die Gelegenheit, etwas anderes auszuprobieren. Keiner von uns hatte die Chance herauszufinden, wie es ist, mit einem anderen Menschen zu leben, zu streiten, zu lachen, sich zusammenzuraufen, mit ihm…«

»… mit ihm zu schlafen«, vollendete Leona den abgebrochenen Satz. Sie klang bitter.

»Ja«, sagte Wolfgang, »zu schlafen. Das natürlich auch.«

Leona spürte, wie die Betäubung langsam von ihr wich. Von den vielen schützenden Schleiern, die sich um sie gewunden hatten, zerriß einer nach dem anderen. Nicht alle, zum Glück. Noch konnte der Schmerz sie nicht anspringen und seine Krallen in sie schlagen.

»Du tust jetzt so«, sagte sie, »als sei es das Schlimmste auf der Welt, für das ganze Leben mit immer demselben Menschen zusammenzusein. Dabei war das unser gemeinsamer Traum. Wir haben immer…«

»Nein«, unterbrach er. Seine Stimme klang jetzt hart und schroff. »Wir hatten keinen gemeinsamen Traum. Du hattest einen Traum. Einen verdammten romantischen Traum von der perfekten Beziehung. Vom lebenslangen Glück. Vom Zusammen-alt-Werden und im Laufe langer, langer Lebensjahre zur unverbrüchlichen Gemeinschaft zusammenwachsen. Der Begriff Scheitern kam in deiner Lebensplanung nie vor.«

»In wessen Lebensplanung kommt schon der Begriff Scheitern vor?« fragte Leona mit trockenem Mund.

»Vielleicht kommt nicht der Begriff vor. Aber die Möglichkeit. Man hat nicht das Gefühl, in einem Korsett zu sitzen, aus dem man schon deshalb nicht herausdarf, weil man sonst einen anderen Menschen der Illusionen berauben würde, ohne die er nicht leben kann.«

»Und ich bin in deinen Augen ein Mensch voller Illusionen? «

»Du kannst vielleicht gar nicht anders sein. Mit dieser Familie im Hintergrund, in der sich alle umklammern, lieben, zusammenhalten … aber deine Schwestern haben zumindest, jede auf ihre Art, rebelliert. Du nicht. Du hast die Wünsche deiner Eltern übernommen und erfüllst sie. Mit deinen einundvierzig Jahren, Leona, bist du heute genau so, wie du mit fünfzehn gewesen bist.«

Kaum hatte er diese Worte gesagt, wußte er, daß er damit zu hart gewesen war. Obwohl überzeugt, recht zu haben, hätte er das Gesagte gern zurückgenommen. Er hatte plötzlich den fast brutalen Wunsch verspürt, ihre Traumwelt, in der er sich über so viele Jahre eingesperrt gefühlt hatte, zu zerschlagen, und nun schämte er sich für dieses primitive Bedürfnis.

Sie war zusammengezuckt, und ihre Blässe hatte sich, wenn überhaupt möglich, noch vertieft.

»Ich meine«, versuchte er zu relativieren, »es hat sich einfach nichts geändert, was deine Vorstellung vom Leben angeht. Darin scheinst du irgendwie … ein kleines Mädchen zu bleiben. «

Sie sahen einander an, ratlos, hilflos, er fast überwältigt von dem Bedürfnis, ihr alles an den Kopf zu werfen, was ihm an ihr und am gemeinsamen Leben nicht paßte, nie gepaßt hatte; sie hingegen kämpfte noch immer darum, seinen Vorsprung einzuholen, sie war überrascht worden und dadurch ins Hintertreffen geraten, sie fand sich in der Situation nicht zurecht.

Das Telefon läutete genau im richtigen Moment.

Wolfgang nahm ab, erleichtert, daß etwas geschah, das die Spannung löste. Es war Lydia Behrenburg, die Leona sprechen wollte.

 

»Hallo, Leona, wie geht es Ihnen?« Lydia klang recht munter und aufgekratzt. Evas Tod hatte eine tiefe Lücke in ihr Leben gerissen, und irgendwann würde die Einsamkeit wieder eine katastrophale Bedeutung für sie gewinnen, aber zunächst war einige Abwechslung in ihr eintöniges Dasein getreten. Sie war von der Polizei und von Journalisten befragt worden, hatte sich wichtig machen können. Insgesamt hatte sie einen unerwartet interessanten Sommer gehabt.

»Leona, Robert Jablonski ist für einige Tage hier. Er muß Evas Wohnung auflösen. Es ist eine Heidenarbeit, wirklich!«

Lydia mischte offenbar eifrig mit. Sicher auch unter dem Gesichtspunkt, sich das eine oder andere hübsche Stück aneignen zu können, dachte Leona etwas gehässig.

»Robert kam nun auf die Idee, Sie zu fragen, ob Sie nicht auch herüberkommen und sehen wollen, ob Sie etwas brauchen können«, fuhr Lydia fort. »Er kann unmöglich alles behalten, aber es tut ihm auch leid, Dinge wegzuwerfen oder in fremde Hände zu verkaufen.«

»Ich weiß nicht…«

»Kommen Sie doch gleich! Sie haben es ja nur ein paar Straßen weit.«

Heute abend, in ihrer Verfassung … Das war ausgeschlossen.

»Lydia, heute abend ist es schlecht, ich … mein …« Sie brach ab.

»Mein Mann«, hatte sie sagen wollen und konnte das Wort plötzlich nicht aussprechen. Ihr Mann, der bald ihr Exmann sein würde. Eva hatte sich umgebracht, weil sie den Verlust nicht hatte ertragen können.

»Oh, kommen Sie, geben Sie sich einen Ruck!« rief Lydia. Es hörte sich an, als lade sie zu einer fröhlichen Party ein, nicht zur Haushaltsauflösung einer Selbstmörderin.

Roberts tiefe, ruhige Stimme drang an Leonas Ohr, offenbar hatte er Lydia den Hörer aus der Hand genommen. »Leona? Hier ist Robert. Sie müssen natürlich nicht kommen, wenn Sie nicht mögen. Ich dachte nur, vielleicht finden Sie das eine oder andere Stück, das Sie gern behalten würden. Bücher vielleicht.«

Sie hatte tausend andere Dinge im Kopf. Wie sollte sie sich jetzt auf die Hinterlassenschaft von Eva Fabiani konzentrieren?

»Ich gehöre doch gar nicht dazu«, sagte sie schließlich. Ein erster, leiser Schmerz begann sich von ihrem Nacken in den Kopf hinaufzuschrauben. Noch eine Stunde, und er würde grausam hinter ihrer Stirn wüten.

»Sie sind der letzte Mensch, mit dem meine Schwester gesprochen hat«, sagte Robert ernst, »der letzte Mensch, der sich um sie gekümmert hat, ehe sie das Bewußtsein verlor. Sie gehören durchaus dazu.«

»Das ist nett von Ihnen, Robert, danke. Nur heute abend…«

Im Unterschied zu Lydia hatte Robert feine Antennen. »Ist alles in Ordnung? Sie klingen etwas eigenartig.«

» Ich … ich fürchte, ich bekomme eine Erkältung. Hören Sie, Robert, falls ich nicht krank werde, komme ich morgen nach der Arbeit vorbei.« Das ließ ihr jede Möglichkeit offen, nicht zu erscheinen. »So um sechs Uhr.«

»Ich würde mich freuen«, sagte Robert. »Es kann allerdings sein, daß Evas Exmann morgen da ist. Er soll die Sachen abholen, die Eva von ihm bekommen hat. Mit denen möchte ich nämlich nichts zu tun haben.«

Leona versicherte, daß Evas Exmann sie nicht störe, und beendete das Gespräch. Schneller als sonst begann der Schmerz im Kopf sie zu attackieren.

Sie wandte sich zu Wolfgang um, der sich gerade ein Glas Whisky eingeschenkt hatte.

Sie begann zu schreien.

4

Sie ging tatsächlich zu Evas Wohnung am nächsten Tag, aber nur, weil sie nicht nach Hause wollte. Sie hatte sich durch die Arbeitsstunden geschleppt mit der verbissenen Anstrengung eines verwundeten Tieres, das nicht zusammenbrechen will, weil es weiß, daß es dann nicht mehr aufstehen wird. Mittags in der Kantine hatte sie keinen Bissen heruntergebracht, und zwei Kolleginnen hatten sie gehänselt, weil sie annahmen, sie mache schon wieder eine Diät.

Was soll nur werden? dachte sie ratlos, als sie sich um kurz nach sechs Uhr auf den Heimweg machte. Zu Fuß dauerte es etwa eine halbe Stunde, bis sie vom Verlag aus daheim ankam. Meistens nutzte sie diese – einzige – Gelegenheit des Tages, sich körperlich zu betätigen, wenn es nicht gerade in Strömen regnete oder sie allzusehr in Eile war. Heute, an diesem ersten September, nieselte es zwar, aber das war ihr egal, und eilig hatte sie es schon gar nicht.

Sie ging durch die stillen Straßen des Villenviertels, sah heute nicht die vertrauten alten Häuser rechts und links, die in spätsommerlich bunten, üppig blühenden Gärten im Regen vor sich hin träumten. Die Wassertropfen pladderten auf das Dach aus Blättern, das die gewaltigen Bäume entlang den Bordsteinen bildeten.

Wird er zu Hause sein, wenn ich komme? Wie lange wird dieses Zuhause überhaupt noch meines sein?

Dieser letzte Gedanke war ihr bisher noch nicht gekommen, und er erschreckte sie zutiefst. Das Haus gehörte ihnen beiden zusammen, das Haus, das im Grunde nur ein Häuschen war. Es war noch lange nicht abbezahlt, aber das Abstottern des Bankkredits hatte sich als billiger erwiesen, als es Mietzahlungen gewesen wären.

Das Haus war aus hellem Sandstein gebaut, es hatte zwei Zimmer im Erdgeschoß und drei Zimmer im ersten Stock. Die Küche hatte einen Fußboden aus Steinplatten und eine weißlackierte Tür, die nach hinten zum Garten hinaus führte und im Sommer fast verschwand hinter den Jasminbüschen, die rechts und links von ihr gepflanzt waren. Im Wohnzimmer gab es einen Erker, in dem man Tee trinken und auf die Straße hinausblicken konnte, und das Eßzimmer hatte einen bezaubernden alten Kamin und Sprossenfenster, die von Efeu umrankt wurden. Wolfgang und Leona hatten das Haus an einem sonnigen Apriltag vor sieben Jahren zum erstenmal gesehen und sich beide sofort verliebt. Wolfgang hatte Leona eingeschärft, gegenüber der alten Frau, die das Haus verkaufen und zu ihrer Tochter nach Kalifornien ziehen wollte, nur keine Begeisterung zu zeigen, da dies eine schlechte Ausgangsbasis wäre, den Kaufpreis zu drücken. Aber dann hatten sie beide ihr Entzücken nicht verhehlen können. Den Garten schirmten hochgewachsene Hecken gegen neugierige Blicke ab, und in der Mitte lud eine weiße Bank unter einem Apfelbaum zum Träumen an stillen, heißen Sommertagen ein.

»Wissen Sie«, hatte die alte Frau gesagt, »wenn ich nicht so allein wäre, ich würde mich nie von dem Haus trennen. Die Urgroßeltern meines Mannes haben es gebaut. Ich möchte, daß es jemand bekommt, der es liebt. Nicht irgendeine Baugesellschaft, die es sofort abreißt und einen großen Klotz mit fünfzehn Eigentumswohnungen statt dessen hinstellt.«

»Wir würden es lieben«, hatten Leona und Wolfgang wie aus einem Mund gesagt.

Allein kann ich es nur schwer halten, dachte Leona nun, und überhaupt nicht, wenn ich Wolfgang auszahlen muß.

Sie dachte an ihren Garten, den sie gehegt und gepflegt und liebevoll bepflanzt hatte, und die Tränen stiegen ihr in die Augen. Bisher hatte sie nicht geweint, sie war immer noch zu betäubt. Sie würgte und schluckte. Es fehlte noch, daß sie auf offener Straße losheulte.

Sie hatte nicht die Kraft, jetzt nach Hause zu gehen. Gestern nacht, oder besser: heute in den allerfrühesten Morgenstunden, am Ende ewigwährender, aufreibender, zermürbender Gespräche mit Wolfgang, hatte sie ihm gesagt, er möge so schnell wie möglich ausziehen, und er hatte versprochen, ihrem Wunsch nachzukommen. Vielleicht stand er jetzt daheim im Schlafzimmer und packte seine Koffer. Dann würde sie weinen.

Kurzentschlossen lenkte sie ihre Schritte in Richtung von Evas Haus.

Sie war nie mehr dagewesen seit jenem Tag vor sechs Wochen. Und auch jetzt, als sie das Haus sah und die Straße davor, schauderte sie unwillkürlich und mußte sofort wieder das Bild der todgeweihten Frau verdrängen, die dort verdreht und verkrümmt vor ihr gelegen hatte.

Sie hastete auf den Eingang zu und musterte die Klingelschilder. Fabiani stand noch dort, so als sei nichts geschehen, als sei die Wohnungseigentümerin noch am Leben.

Mit einem Summton öffnete sich die Tür. Kühl und dämmrig empfing Leona das Treppenhaus. Ihr wurde nun erst bewußt, wie naß sie im Nieselregen geworden war. Sie fror, und der Kopfschmerz, der sie die halbe Nacht lang gepeinigt hatte, kündigte sich wieder an.

Ich muß zum Wegwerfen aussehen, dachte sie, während sie die Treppen hinaufstieg , hoffentlich fragen sie mich nicht, ob ich krank bin oder Kummer habe.

Lydia erwartete sie oben in Evas Wohnungstür und fragte sofort: »Ist etwas mit Ihnen? Sie sehen aber schlecht aus! Haben Sie Ärger in Ihrem Verlag, oder ist Ihre Erkältung schlimmer geworden?«

»Ich bin einfach nur naß«, entgegnete Leona etwas unwirsch, »es regnet draußen.«

»Mein Gott, dann kommen Sie nur schnell rein!« Sie zog Leona in den Flur, nahm ihr den Mantel ab. »Möchten Sie trockene Sachen von mir haben?«

»Nein, danke. Ist Evas geschiedener Mann schon da?« erkundigte sich Leona.

Im Garderobenspiegel erhaschte sie einen flüchtigen Blick auf ihr Gesicht. Sie sah bleich und elend aus, so elend, wie sie sich fühlte. Die langen, blonden Haare klebten pitschnaß an ihrem Kopf.

»Der ist noch nicht da. Aber er wollte heute abend noch kommen. Sicher wird er an sich raffen, was er nur kann.«

»Ich möchte im Grunde gar nichts haben von Evas Sachen, Lydia. Mir ist es richtig peinlich, hier aufzukreuzen. «

»Aber das muß Ihnen nicht peinlich sein. Robert hat keine Ahnung, wohin mit all den Sachen. Er hat nur eine kleine Wohnung in Ascona, und die ist komplett eingerichtet. Es war seine Idee, wie ich schon sagte, daß wir Sie anrufen und bitten, vorbeizukommen.«

Leona sagte sich, daß Lydia wohl recht hatte. Sie wußte aber auch, sie wäre nie hierhergekommen, wenn sich in ihrem privaten Leben nicht eine Katastrophe ereignet hätte und der Himmel über ihr eingestürzt wäre.

»Gehen Sie doch schon mal ins Wohnzimmer«, sagte Lydia und wies auf eine halboffene Flügeltür am Ende des Flurs. »Ich sortiere in der Küche gerade das Porzellan aus, das ich behalten möchte.«

Leona trat ins Wohnzimmer. Hier sah es bereits nach einer Wohnungsräumung aus: Die Möbel waren kreuz und quer gerückt, der Teppich zusammengerollt. Grauverfärbte Rechtecke an den Wänden wiesen darauf hin, daß dort bis vor kurzem noch Bilder gehangen hatten. Bücherstapel türmten sich auf dem Boden. Durch die geöffnete Terrassentür strömte kühle Regenluft herein.

Inmitten des Durcheinanders kniete Robert. Er hatte Leona den Rücken zugewandt, und sie konnte nicht genau erkennen, was er tat; er schien in einem Buch zu blättern. Er war so vertieft, daß er wohl nicht einmal die Klingel wahrgenommen hatte.

Sie räusperte sich und sagte: »Guten Abend!«

Er schrak zusammen und drehte sich um.

Seine warmen graugrünen Augen waren wie verschleiert von Traurigkeit, blickten schmerzerfüllter drein als bei der Beerdigung. Er sah Leona an, dann stand er auf und kam auf sie zu. In der Hand hielt er ein altes, verstaubtes Buch.

»Guten Abend, Leona«, sagte er. Er streckte ihr die Hand hin. »Ich freue mich, daß Sie gekommen sind.«

Er sah wirklich gut aus, das stellte sie erneut fest, und unter normalen Umständen hätte sie sich jetzt über ihre nassen Haare und ihr graues, abgespanntes Gesicht geärgert. Aber wie die Dinge lagen, hatte sie ganz andere Sorgen, und es konnte ihr gleich sein, wie sie auf ihn wirkte.

Sie standen einander etwas verlegen gegenüber, dann machte Robert eine hilflose Handbewegung , mit der er das ganze chaotische Zimmer umfaßte.

»Ich hätte nicht gedacht, daß es mir so schwerfallen würde, hier in ihren Sachen herumzukramen. Ständig stoße ich auf persönliche Dinge, die tausend Erinnerungen in mir heraufbeschwören. Ich sitze da und grübele, und wahrscheinlich bin ich in einem halben Jahr noch nicht mit allem durch.«

»Ich kann mir vorstellen, daß das alles sehr schlimm ist für Sie.«

»Wissen Sie, ich fange jetzt erst an, es langsam zu begreifen. Mir geht es jetzt viel schlechter als an dem Tag, an dem ich von ihrem Tod erfahren habe. Es ist so unfaßbar«, er schüttelte den Kopf, »es ist so unfaßbar, wie sie sich hat töten können! Sie war eine schöne Frau, sie hätte jeden Mann haben können! Warum mußte sie sich wegen diesem umbringen?«

»Vielleicht wollte sie nur ihn«, sagte Leona gepreßt.

Er warf ihr einen raschen Blick zu. »Ja. Sie wollte wohl nur ihn.«

Er zeigte ihr das Buch. Ein altes Gedichtbändchen, in Leinen gebunden.

»Rilke. Das habe ich ihr zu ihrem sechzehnten Geburtstag geschenkt. Im Grunde ist es das einzige, was ich von ihr haben möchte.«

»Sie haben Ihrer Schwester sehr nahegestanden?«

»Wir waren ein Herz und eine Seele, früher, als Kinder. Wir wuchsen in einem wunderschönen Haus in Ronco auf, hoch über dem Lago Maggiore. Es gab nichts, was wir nicht gemeinsam taten. Das änderte sich erst, als sie … als sie sich in diesen Fabiani verliebte. Sie war wie besessen von ihm. Ich habe sie gewarnt und gewarnt – vergeblich.« Er betrachtete nachdenklich das schmale Buch in seinen Händen. »Und doch blieben wir innerlich sehr verbunden. Wir sind die letzten, die übrig sind von der Familie, Eva und ich. Das heißt: Jetzt bin es nur noch ich.« Der Schmerz in seiner Stimme, in seinen Worten klang echt und bestürzend.

Eine Familie, die ausstirbt, dachte Leona. Die Eltern sind tot. Und nun steht er hier an einem verregneten Septembertag in einer Wohnung in Frankfurt und sichtet den Nachlaß seiner achtunddreißigjährigen Schwester, die sich aus dem Fenster in den Tod gestürzt hat. Und es zerreißt ihm fast das Herz.

»Ich wollte eigentlich gar nicht herkommen«, sagte sie. Mehr noch als zuvor bei Lydia hatte sie das Bedürfnis, sich zu entschuldigen. » Ich … mir steht hier eigentlich nichts zu.«

»Das sehe ich anders«, erwiderte Robert. »Es bedeutet mir sehr viel zu wissen, daß sofort jemand bei Eva war, nachdem es passiert ist. Daß jemand mit ihr gesprochen hat. Sie war nicht allein.«

»Das war aber nicht mein Verdienst. Es war Zufall, daß ich vorbeikam.«

»Es gibt keinen Zufall«, sagte Robert und lächelte. Sein Lächeln war so warm wie seine Augen.

Lydia streckte den Kopf ins Zimmer. »Das chinesische Teeservice – kann ich das haben?«

Robert zündete sich eine Zigarette an. »Natürlich. Ich habe Ihnen doch gesagt, Sie können nehmen, was Sie möchten.«

»Und das englische…«

»Alles«, sagte Robert genervt. Lydia verschwand.

Robert nahm einen tiefen Zug aus seiner Zigarette. »Irgendwie geht mir diese Frau schrecklich auf die Nerven. Ich muß mir wirklich Mühe geben, nett zu ihr zu sein. Ich frage mich, was Eva so zu ihr hingezogen hat!«

»Vielleicht brauchte sie einfach jemanden zum Reden«, meinte Leona, »und Lydia war eben da. «

Mit wem würde sie reden, wirklich reden, wenn Wolfgang gegangen war? Die Angst vor einer leeren, dunklen Zukunft griff kalt an ihr Herz. Sie konnte etwas erahnen von der Verzweiflung, die Eva umgetrieben, die ihr Handeln bestimmt hatte.

Robert betrachtete sie nachdenklich. »Ist wirklich alles in Ordnung, Leona? Sie klangen schon gestern am Telefon so eigenartig.«

»Es ist wirklich alles in Ordnung. Ich bin zur Zeit nur etwas überarbeitet, das ist alles.«

Sie hatte nicht den Eindruck, daß Robert ihr glaubte, aber er war taktvoll genug, nicht weiter zu forschen.

»Lydia rafft, was sie nur kriegen kann«, sagte er, »aber sie hat dabei durchaus einen Blick für das, was wertvoll ist. Sie hat sich schon Evas Schlafzimmer gesichert, weißer Schleiflack, und alles vom Feinsten.«

»Warum behalten Sie das nicht?«

»Ich kann es nicht mit nach Ascona nehmen. Ich habe dort überhaupt keinen Platz. Na ja, soll die Alte es haben. Offensichtlich hat sie Eva ja etwas bedeutet.« Er wies auf die Büchertürme. »Nehmen Sie doch ein paar Bücher, Leona. Irgendwie muß ich die Wohnung leer bekommen, ehe ich sie verkaufe.«

Er setzte sich auf einen Stuhl, strich sich die dunklen Haare aus der Stirn.

»Entschuldigen Sie, ich bin völlig kaputt. Das alles geht über meine Nerven. Eine verdammte Geschichte.«

»Wann haben Sie zuletzt etwas gegessen?« fragte Leona sachlich.

Robert stutzte, dann lachte er. »Gute Frage. Gestern abend, glaube ich.«

»Dann könnte es nicht schaden, jetzt mal wieder etwas zu sich zu nehmen. «

»Ich würde nichts hinunterbringen.«

Leona beugte sich über einen der Bücherstapel. Vorwiegend Gedichtbände. Hesse, Hölderlin, Lasker – Schüler, Benn, Trakl. Eva hatte Gedichte geliebt.

»Sie wissen nicht vielleicht jemanden, der diese Wohnung hier kaufen möchte?« fragte Robert.

Leona verneinte. Sie verbiß sich das bittere Lächeln, das sich bei dem Gedanken auf ihr Gesicht stehlen wollte, daß sie selbst eine geeignete Interessentin sein könnte. Nach dem Verkauf des Hauses bliebe ihr wohl gerade genug Geld dafür.

Wie Eva hatte auch sie ihren Mann verloren. Wenn sie nun ihre Wohnung nahm, konnte sie Evas Weg bis zur letzten Konsequenz gehen und irgendwann dort unten auf der Straße ihr Leben aushauchen. Der alte Mann mit dem Cockerspaniel würde ihr aus verständnislosen Augen dabei zusehen. Wie hatte Robert Jablonski gesagt: Es gibt keinen Zufall.

»Ein paar von den Gedichtbänden nehme ich gerne mit«, erklärte sie.

Lydia streckte schon wieder den Kopf herein. »Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich sterbe vor Hunger! Ich könnte für uns alle etwas Leckeres kochen, oder wir gehen zum Italiener um die Ecke und essen da etwas!«

Letztere Idee schien ihr am meisten zuzusagen. Doch Robert schüttelte den Kopf.

»Machen Sie sich keine Mühe, Lydia. Und zum Italiener können wir nicht gehen, wir müssen hier auf Bernhard Fabiani warten. Er steht sonst vor verschlossenen Türen, was ich ihm zwar gönnen würde, was aber insgesamt das Problem nicht löst. Irgendwann muß ich mit ihm hier die Sachen durchgehen.«

»Er könnte jetzt wirklich bald mal kommen«, meinte Lydia unzufrieden.

»Sicher trifft er jeden Moment ein.«

Sie warteten schweigend. Der Regen rauschte stärker, und Dämmerung senkte sich über das Zimmer.

 

Der allseits so verhaßte Bernhard Fabiani erschien kurz nach acht Uhr, ziemlich abgehetzt und irgendwie zerknautscht aussehend. Die wenigen Schritte vom Auto bis zur Haustür hatten ausgereicht, ihn völlig naß werden zu lassen.

Lydia öffnete, als es klingelte, und führte ihn ins Wohnzimmer, wo die beiden anderen dabei waren, Bücher zu sortieren und in Kartons zu verpacken. Robert würde die meisten an Antiquariate verkaufen.

Bernhard Fabiani trat ein, ein großer, sehr schlanker Mann mit grauen Haaren und einem intelligenten Gesicht. Auf den ersten Blick fand Leona, daß er nichts von einem notorischen Fremdgeher und Verführer hatte, dann aber dachte sie, daß man auch Wolfgang seine Untreue nicht ansah. Wolfgang wirkte außerordentlich seriös, und doch hatte er sie ein halbes Jahr lang belogen und betrogen.

»Guten Abend«, sagte Fabiani. Er ging auf Robert zu. » Robert…«

Robert wich einen Schritt zurück, reichte seinem Schwager nach kurzem Zögern jedoch die Hand. Die beiden Männer begrüßten einander außerordentlich kühl. Bernhard Fabiani realisierte wohl in diesem Moment erst das ganze Ausmaß der Feindseligkeit, die ihm entgegenschlug.

Schließlich schälte er sich aus seinem Mantel, wartete kurz, aber da sich niemand anschickte, ihm das Kleidungsstück abzunehmen, legte er es resigniert über einen Stuhl. Dann streckte er Leona zögernd die Hand hin.

»Bernhard Fabiani«, stellte er sich vor.

Leona ergriff seine Hand und gewahrte einen Anflug von Erleichterung in seinen Zügen.

»Leona Dorn«, sagte sie.

»Es tut mir leid, daß ich so spät komme«, sagte Bernhard an Robert gewandt, »aber ich hatte noch ein Seminar, und danach wollte jeder mir noch Fragen stellen, und zu guter Letzt habe ich mich hier in den Straßen verfahren.«

»Allzuoft warst du ja auch nicht hier«, entgegnete Robert kurz.

Er schien hin- und hergerissen zwischen seinem Haß auf den Mann, der seine Schwester in den Tod getrieben hatte, und einem gewissen Stilgefühl, das es ihm gebot, auch einen Feind höflich zu behandeln.

»Möchtest du vielleicht einen Kaffee, Bernhard?« fragte er schließlich.

»Das wäre sehr nett«, sagte Bernhard.

Er sah bleich und abgespannt aus. Leona hatte ihn sich völlig anders vorgestellt: als silberhaarigen Lebemann, als eitlen Professor, als großschnäuzigen Angeber.

Wie sehr wir doch alle immer an Klischees festhalten, dachte sie nun.

»Um gleich zur Sache zu kommen, Bernhard«, sagte Robert, nachdem er Lydia mit einer Handbewegung in die Küche gewiesen hatte, den Kaffee zu holen, »es gibt hier noch eine Menge Sachen, die dir und Eva gehört haben, die du ihr nach der Scheidung aber allein überlassen hast. Sie gehören also dir. Zum Beispiel praktisch alle Möbel.«

Bernhard nickte und sah sich um. »Wenn jemand Verwendung dafür hätte …«

»Niemand«, sagte Robert sofort, und sein Tonfall ließ keinen Zweifel daran, daß er eigentlich meinte: Niemand will deine Möbel!

»Ich habe keinen Platz für all das«, sagte Bernhard, »das eine oder andere vielleicht, aber …«Er zuckte hilflos die Schultern. »Gibt es eine Einrichtung, der man Möbel spenden kann?« fragte er. Ein wenig wirkte er in diesem Moment wie das landläufige Bild eines zerstreuten Professors: unpraktisch und ziemlich überfordert.

»Ich weiß es nicht«, sagte Robert, nicht im mindesten gewillt, ihm zu helfen.

Lydia erschien mit der Kaffeetasse. Der Professor bedankte sich, trank im Stehen.

Lydia ging wieder in die Küche zurück, um das Geschirr weiter zu sichten, und Robert folgte ihr, um sich auch noch einen Kaffee zu holen. »Für Sie auch, Leona?« fragte er.

»Danke. Ich gehe sowieso gleich.«

Sie blieb mit Bernhard allein zurück. Sie wünschte, sie würde nicht so ein albernes Mitleid für diesen Mann empfinden.

Er sah unglücklich aus, mitgenommen von den Ereignissen.

Er hat Eva gequält, rief sie sich ins Gedächtnis. Er hat sie vielleicht sogar geliebt, aber er konnte vermutlich an keiner Studentin vorbeigehen. Damit hat er sie fertiggemacht, ob er das wollte oder nicht. Und er ist alt genug, verantwortlich gemacht zu werden.

»Sie sind eine Freundin von Eva gewesen?« unterbrach er die bedrückende Stille.

»Nein. Ich kannte sie eigentlich gar nicht.«

Sie erzählte, wie sie an jenem Mittag vorbeigekommen war. Sicher hielt er sie nun für besonders raffgierig. Erschien zufällig am Ort des Geschehens und nutzte dies sofort, sich in die Reihe derer, die etwas aus Evas Hinterlassenschaft abstauben konnten, einzureihen. Aber sie war es leid, schon wieder zu erklären, weshalb sie hier war, und den wahren Grund konnte sie ohnehin nicht nennen.

Aber Bernhard schien nichts Schlechtes über sie zu denken. Er betrachtete sie mitfühlend.

»Was für ein furchtbares Erlebnis für Sie! Sicher belastet Sie das alles sehr.«

»Ich träume manchmal davon. Es ist … es ist so eine Tragödie.«

Sie fand, daß ihre Worte banal klangen, aber er nickte zustimmend, so als habe sie genau das Richtige gesagt.

»Ja«, meinte er, »das ist es. Eine wirkliche Tragödie.«

Robert kam mit seinem Kaffee ins Zimmer zurück. »Am besten, du nimmst jetzt einfach mit, was du magst und kannst«, sagte er zu Bernhard. »Bücher oder Bilder vielleicht. Möglicherweise gehört dir auch etwas von dem Porzellan in der Küche, aber da mußt du dich beeilen. Lydia reißt sich unter den Nagel, was sie nur kriegen kann.«

»Ich werde sicherlich nicht in einen Wettstreit mit ihr treten«, erklärte Bernhard. Er klang schroff. »Ich will mich bestimmt nicht an Evas Tod bereichern.«

»Das will keiner von uns«, entgegnete Robert scharf. »Aber wir können das alles hier schließlich nicht einfach stehenlassen und die Tür hinter uns zuziehen.«

Nun schwang offene Aggression im Raum. Auf der einen Seite der Mann, der seine kleine Schwester geliebt hatte, auf der anderen Seite der Mann, dem unterstellt wurde, sie durch sein Verhalten in den Tod getrieben zu haben.

Da ist noch viel mehr Haß, als ich ahnte, dachte Leona beklommen.

»Ich muß jetzt wirklich gehen«, sagte sie rasch. Sollten die beiden an diesem Abend noch aufeinander losgehen, zumindest verbal, wollte sie keineswegs mit von der Partie sein. »Es ist fast neun Uhr.«

»Bleiben Sie doch noch«, sagte Robert, »Lydia meint, wir sollten unbedingt etwas essen. Ich habe gerade gedacht, wir könnten Pizza bestellen für uns alle. Sicher haben Sie auch Hunger, Leona.«

Allein der Gedanke an Essen erzeugte Übelkeit in ihr. Und auf einmal erwachte auch ein fast panisches Gefühl: Ich sitze hier und vertrödele meine Zeit. Zeit, in der ich mit Wolfgang reden könnte. Vielleicht …

Eine irrwitzige Hoffnung keimte in ihr: Vielleicht war es noch nicht zu spät. Vielleicht brauchten sie nur ein vernünftiges Gespräch. Kein Geschrei wie in der letzten Nacht. Ruhige, sachliche Überlegungen, wie sie ihre gemeinsame Zukunft retten konnten.

»Danke, aber ich muß wirklich gehen.«

Sie hatte den Eindruck, daß sie plötzlich schrill und hektisch klang.

»Sind Sie mit dem Auto da?« fragte Robert.

»Nein. Aber ich wohne nur ein paar Straßen entfernt.«

Robert stellte seine Kaffeetasse ab. »Ich begleite Sie. Es ist schon stockdunkel draußen, und Frankfurt ist nicht gerade ein idyllisches Dorf.«

Sie lächelte. »In den idyllischen Dörfern geschehen immer die schlimmsten Dinge.«

»Ich weiß. Aber ganz harmlos sind die großen Städte auch nicht.«

»Auf jeden Fall brauchen Sie nicht auch noch naß zu werden. Bleiben Sie hier. Ich habe es wirklich nicht weit.«

Er bestand darauf mitzukommen, und schließlich willigte sie ein. Sie verabschiedete sich von Bernhard und Lydia. Diese schleppte gerade eine große Kiste mit Porzellan in ihre Wohnung.

»Ich rufe Sie in den nächsten Tagen einmal an, Leona«, sagte sie, und resigniert erkannte Leona, daß sie diese neue Bekanntschaft kaum so schnell würde loswerden können.

Es hatte aufgehört zu regnen, als sie auf die Straße traten, aber die Luft war sehr kühl geworden, und beide erschauerten sie unwillkürlich.

»Es ist schon richtig herbstlich«, sagte Leona, und der Gedanke tat ihr weh, obwohl sie den Herbst immer geliebt hatte. Wer würde sie jetzt in kalten Nächten wärmen? Mit wem würde sie abends vor dem Kamin sitzen, lesen, plaudern, Wein trinken? Mit wem würde sie an den Wochenenden in den Taunus hinausfahren und stundenlang durch neblige Wälder streifen?

Alles vorbei, dachte sie, alles vorbei.

Der Anflug von Optimismus, der sie vorhin auf die Beine und aus der Wohnung getrieben hatte, löste sich bereits wieder in nichts auf. Vor der regenschweren, feuchtkalten Düsternis des Abends vermochte er nicht zu bestehen.

»Wissen Sie, ich will keinesfalls indiskret sein«, sagte Robert, nachdem sie eine Weile schweigend nebeneinander hergegangen waren. »Aber schon den ganzen Abend frage ich mich, weshalb eine so schöne Frau so traurig aussieht. So … schrecklich verletzt.«

»Finden Sie, ich sehe so aus?«

Er nickte. »Ja. Tieftraurig. Selbst wenn Sie lächeln. Das war noch nicht so bei Evas Beerdigung. Aber heute abend fiel es mir sofort auf.«

Irgendwie fehlte ihr die Kraft, alles abzustreiten, sich auf Müdigkeit, Streß, Ärger im Verlag zu berufen. Er hätte es ohnehin nicht geglaubt. Sie sah traurig aus, nicht abgehetzt.

»Es ist eine sehr persönliche Angelegenheit«, wehrte sie ab.

Eine Weile erwiderte er nichts. Schließlich sagte er: »Ich glaube, ich bin vor eineinhalb Jahren auch für lange Zeit mit diesem Ausdruck in den Augen herumgelaufen. Das war, als meine Verlobte gestorben ist. Ich konnte den Verlust nicht verkraften.« Ein paar Sekunden lang hing er eigenen Gedanken nach. »Das ist es immer, was uns am schlimmsten trifft, nicht? Der Verlust eines Menschen, der uns nahesteht. Es ist schlimmer als Krankheit. Es macht krank. Letztlich ist ja auch Eva mit genau diesem Problem nicht fertig geworden.«

Sie wandte sich ihm zu, betroffen über seine Worte. »Ihre Verlobte ist gestorben?«

»Ja. Sie ist ertrunken im Lago Maggiore.«

 

Das Haus lag leer und dunkel, als sie eintrat, aber die Hitze der vergangenen Wochen hing noch zwischen den Mauern, und es war angenehm warm in allen Räumen. Sie stellte ihre Tasche gleich im Flur ab und ging ins Wohnzimmer, ins Eßzimmer, in die Küche. Überall herrschte Stille.

»Wolfgang?« rief sie halblaut, obwohl sie wußte, er war nicht da. Sein Auto hatte weder in der Garage noch auf der Straße gestanden. Es war halb zehn. Montags kam er normalerweise nicht nach halb acht heim. Andernfalls hinterließ er eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter. Das Gerät blinkte. Sechs Anrufe waren im Lauf des Tages eingegangen, aber keiner stammte von Wolfgang. Der letzte kam von Leonas Mutter.

»Hallo, mein Schatz, es ist gleich halb neun. Wo steckst du? Ich wollte mit dir plaudern, aber offensichtlich habe ich Pech! Du hast das ganze Wochenende nichts von dir hören lassen. Melde dich doch mal!«

Die vertraute Stimme tat Leona gut, vermochte aber nicht ihre Unruhe zu vertreiben. Sie lief die Treppe hinauf. Dieselbe völlige Ruhe wie unten empfing sie. Sie schaute ins Schlafzimmer, knipste das Licht an. Auf den ersten Blick erschien alles wie immer. Sie öffnete die Türen der Kleiderschränke. Sofort sah sie, daß eine ganze Reihe seiner Anzüge fehlte, außerdem Wäsche, Hemden, Pullover, Strümpfe. Sie rannte in sein Arbeitszimmer hinüber. Die katastrophale Unordnung auf Schreibtisch und Beistelltischen hatte sich gelichtet. Zwar hatte er natürlich nicht alles wegräumen können. Aber eine Menge Bücher, Papier-stapel, Akten waren verschwunden.

Zumindest teilweise war Wolfgang ausgezogen. Eindeutig. Leona lief wieder hinunter. Im Eßzimmer schenkte sie sich einen doppelten Whisky ein und kippte ihn in einem Zug hinunter. Sie nahm gleich noch einen zweiten, und da sie fast nichts gegessen hatte den ganzen Tag über, wurde ihr sogleich schwindelig, und der schön gemauerte Kamin an der Längsseite des Raumes schwankte ein wenig.

Sie sank auf einen der Stühle und stützte den Kopf in die Hände. Sie bemühte sich, einen klaren Gedanken zu fassen, aber der Alkohol und all das Unfaßbare der letzten vierundzwanzig Stunden vermengten sich zu einem Chaos, in dem sie nirgendwo einen roten Faden zu finden vermochte. In ihr hämmerte nur immerzu der Gedanke, daß sie Wolfgang unwiederbringlich verloren hatte, und dazu die Frage, wie sie über so lange Zeit nichts davon hatte bemerken können. Ihre Welt war von einem Moment zum anderen in sich zusammengestürzt. Wenn es Vorbeben gegeben hatte, so hatte sie diese nicht gespürt. Wie satt, wie zufrieden, wie schläfrig mußte sie gewesen sein. Schwerfällig und gutgläubig. Eine ausgemachte Idiotin.

Sie merkte, daß sie im Augenblick zu nichts weiter fähig war als zu einer endlosen Kette von Selbstvorwürfen und daß sie bald halb betrunken und in Tränen aufgelöst am Tisch sitzen würde. Ihre Großmutter Eleonore (von der sie ihren Namen hatte, aber wehe, jemand nannte sie so!) hatte als Heilmittel für jede Gelegenheit immer heiße Milch mit Honig bereitgehalten, für Tränen wegen eines aufgeschlagenen Knies ebenso wie wegen einer schlechten Schulnote. Plötzlich von Sehnsucht gepackt nach der Großmutter und nach einer Zeit, in der sie sich umsorgt und beschützt gefühlt hatte, stand Leona auf. Sie ging in die Küche hinüber, nahm Milch aus dem Kühlschrank, setzte einen Topf auf den Herd, nahm ihren dicken Keramikbecher vom Regal. »Leona« stand darauf in blauer Schnörkelschrift. Wolfgang hatte den gleichen Becher. Irgend jemand hatte sie ihnen einmal geschenkt.

Man hatte ihnen überhaupt oft Dinge geschenkt, dachte Leona, die in irgendeiner Weise Zusammengehörigkeit symbolisierten. Silberkettchen mit den Anfangsbuchstaben des jeweils anderen als Anhänger, Serviettenringe, in die » L&W « eingraviert war. Im Freundeskreis galten sie als Traumpaar. Ausgeschlossen, daß gerade sie sich trennen könnten.

Für eine ganze Menge Leute wird jetzt eine Welt einbrechen, dachte Leona. Während sie darauf wartete, daß die Milch warm wurde, fiel ihr Robert wieder ein. Es hatte sie erschüttert zu hören, daß er die Frau, die er hatte heiraten wollen, auf so schreckliche Weise verloren hatte.

»Was?« hatte sie gefragt und war stehengeblieben. »Ertrunken? «

»Sie war eine leidenschaftliche Seglerin. Und Schwimmerin. Sie war verrückt nach allem, was mit Wasser zu tun hatte. An jenem Tag zog sie allein mit ihrem Boot los. Sie fragte mich noch, ob ich sie begleiten wolle, aber ich hatte zu viel zu tun. Also ging sie allein.«

Seine Stimme klang gleichmütig. Aber das kannte Leona schon. Auch von Eva hatte er in diesem Tonfall gesprochen. Nur seine Augen verrieten, was in ihm vorging.

Sie waren weitergegangen durch die dunklen Straßen. Nässe hing in der Luft.

»Ein Sturm kam auf. Die Frühjahrsstürme können heftig sein da unten. Ich war so vertieft in meine Arbeit, ich merkte es kaum. Erst spät realisierte ich, daß draußen ein Unwetter tobte. Ines erschien und erschien nicht. Irgendwann lief ich zum See. Dann informierte ich Polizei und Wasserwacht.« Er starrte an Leona vorbei. »Sie haben sie erst am nächsten Tag gefunden. Ihr Boot war gekentert. Sie war ertrunken.«

»Robert, das ist schrecklich. Es tut mir sehr leid, daß das passiert ist«, sagte Leona. »Solche Dinge … man wird sie nie ganz los, glaube ich.«

Sie waren schweigend weitergegangen, jeder in eigene Gedanken versunken, und dann waren sie vor Leonas Haus angekommen. Kein Lichtschein hinter einem der Fenster. Kein Auto. Sie spürte einen leisen, krampfartigen Schmerz im Magen. Allein und verlassen. Das Wort »verlassen« fuhr wie ein kaltes Messer durch sie hindurch.

»Ich wohne hier«, sagte sie, und ratlos fügte sie hinzu: »Ich weiß gar nicht, was ich noch sagen soll. Es ist furchtbar, was Sie mir erzählt haben.«

Er nahm ihre Hand, hielt sie einen Moment lang fest. »Entschuldigen Sie. Ich wollte Sie nicht in solche Bestürzung versetzen. Ich wollte nur …« Er ließ ihre Hand los. »Ich weiß gar nicht, was ich wollte. Es war wirklich der Blick in Ihren Augen. Er erinnerte mich an mich selbst in jener Zeit … ach, vergessen Sie das alles. Es hat nichts mit Ihnen zu tun.«

Er hatte gewartet, bis sie ihren Schlüssel nach langem Suchen in der Tasche gefunden hatte, bis sie ins Haus getreten war. Er hob noch kurz die Hand zum Gruß, als sie die Tür wieder schloß. Als sie kurz darauf noch einmal aus dem Wohnzimmerfenster sah, war er verschwunden.

Die Milch kochte über, das zischende Geräusch auf der Herdplatte riß sie aus ihren Gedanken. Der Geruch von Angebranntem erfüllte die Küche. Leise fluchend zog Leona den Topf vom Herd, kippte den Inhalt ins Spülbecken. Es würde nichts werden mit ihrer Honigmilch. Sie mußte sich doch wieder an den Whisky halten. Vielleicht würde sich der in ihrer augenblicklichen Situation sowieso als hilfreicher erweisen.

5

Es gelang Lisa nicht, ihre Gedanken von der toten Schwester zu lösen, auch dreieinhalb Monate nach der Beerdigung nicht. Sie wunderte sich darüber, denn Annas Tod hatte nichts an ihrem Leben verändert, hatte keine Lücke hinterlassen. Eine verschollene Schwester oder eine tote Schwester – wo war da der Unterschied?

Während der vergangenen sechs Jahre, die dahingegangen waren ohne ein Lebenszeichen von Anna, hatte Lisa ohnehin oft gedacht, die Schwester sei vermutlich längst gestorben, irgendwo auf dem südamerikanischen Kontinent. Sie hatte kaum noch damit gerechnet, sie jemals wiederzusehen. Insofern war es nicht anders gekommen, als sie vermutet hatte. Und doch …

Anna war nicht irgendwo jenseits des Ozeans verscharrt worden. Lisa hatte ihre Leiche identifizieren müssen. Sie war mit den zwei Polizeibeamten nach Augsburg gefahren. Im Keller des Polizeipräsidiums hatte man ihr Anna präsentiert. Durch ihr starres Gesicht war ein häßlicher Schnitt verlaufen, später, bei der Beerdigung, hatte man den kaum noch gesehen. Ein Tuch bedeckte ihren Körper bis zum Hals, und als Lisa eine Handbewegung machte, von der der Gerichtsmediziner offenbar annahm, sie habe damit das Tuch zurückschlagen wollen, hielt er sie am Arm fest.

»Nicht! Sie ist ziemlich schlimm zugerichtet. Sie sollten sich den Anblick ersparen.«

Der ermittelnde Beamte, dem sie später gegenübersaß, Kommissar Hülsch, hatte ihr mitgeteilt, Anna habe keinerlei Papiere bei sich gehabt, nichts, was über ihre Identität hätte Auskunft geben können.

Er hatte schwach gelächelt, als er sagte: »Ein Vorteil, wenn man auf dem Land lebt. Hier kennt jeder jeden. Das Paar, das Ihre Schwester gefunden hat, wußte sofort, um wen es sich handelte. Das heißt, er wußte es. Sie war nicht vernehmungsfähig. Sie hätte ihren eigenen Namen nicht mehr gewußt.«

Er war überrascht gewesen zu hören, daß die Familie – der klägliche Rest der Familie – seit sechs Jahren keinen Kontakt zu Anna gehabt hatte, völlig im unklaren über ihren Aufenthaltsort gewesen war.

»Seit sechs Jahren! Haben Sie keinerlei Nachforschungen angestellt? Sich keine Sorgen gemacht?«

Lisa seufzte. Ihm die spezielle Familiensituation Heldauer zu erklären würde schwierig sein. Auf seinem Schreibtisch hatte sie ein gerahmtes Foto entdeckt, das eine junge, recht hübsche Frau und drei kleine Kinder zeigte. Der Kommissar hatte eine intakte Familie und hing vermutlich an ihr. Er hätte wahrscheinlich Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, wenn eines seiner Kinder plötzlich über Jahre verschollen gewesen wäre.

»Meine Mutter lebt nicht mehr«, erklärte Lisa, »und mein Vater ist schwer krank. Krebs. Wir …«

Sie brach hilflos ab und zuckte mit den Schultern, überzeugt, daß er niemals eine so vage Erklärung akzeptieren würde. Aber offenbar begriff er, denn er nickte sehr nachdenklich.

»Ich verstehe«, sagte er. Er überlegte eine Weile, dann fragte er: »Haben Sie irgendeine Idee, wo Ihre Schwester all die Jahre gewesen sein könnte?«

»In Südamerika. «

»In Südamerika? Wie kommen Sie darauf?«

»Dorthin wollte sie damals«, erklärte Lisa, »als sie fortging. «

»Und Sie nehmen an, sie hat diesen Plan durchgezogen?«

»Sie war entschlossen. Sie hatte schon lange von Südamerika geträumt.«

»Aber sie hat von dort nie eine Karte oder etwas Ähnliches geschickt?«

»Nein.«

»Sie kann von Südamerika nicht ohne Papiere hierhergekommen sein.«

»Bestimmt hatte sie ihre Papiere noch, ehe sie … nun, ehe sie dem Mörder begegnete«, meinte Lisa. »Er hat sie ihr dann abgenommen.«

»Warum?«

»Wie?«

»Na ja – warum sollte er ihr die Papiere abnehmen?«

»Er hat ihr wahrscheinlich die ganze Brieftasche geklaut. Weil er ihr Geld wollte. Und da war dann eben auch ihr Ausweis dabei.«

»Die Dinge passen hier alle nicht so recht zusammen, Frau Heldauer«, sagte Hülsch, »ein Raubüberfall war das nicht. So wie der Kerl Ihre Schwester zugerichtet hat, sie an einen Baum gefesselt hat … das weist auf einen Psychopathen hin. Einen Irren, der entweder Frauen haßt oder eine perverse Art von Triebbefriedigung empfindet, wenn er wehrlose Menschen quält.«

Lisa lief ein Schauer über den Rücken.

»Für gewöhnlich«, fuhr Hülsch fort, »klauen diese Typen kein Geld. Daran sind sie gar nicht interessiert.«

Lisa war der Ansicht, daß jeder Mensch, irr oder nicht, immer und vor allem an Geld interessiert war, aber sie mochte dem Kommissar nicht widersprechen.

Der schien bekümmert; er hatte von der Schwester des Mordopfers noch weniger Auskünfte erhalten, als er befürchtet hatte. Die ganze Sache war verworren und undurchdringlich. Er hatte keine Ahnung, wie er Licht in das Dunkel bringen sollte.

»Es ist zu dumm, daß wir keinen Anhaltspunkt haben, woher sie gekommen ist«, sagte er, »dadurch wird sie gewissermaßen zu einer Frau ohne Vergangenheit. Nichts, wo man einhaken könnte.«

»Aber der Mord hat bestimmt nichts mit ihrer Vergangenheit zu tun«, widersprach Lisa, »sie ist doch hier umgebracht worden! Im Wald gleich beim Dorf! Das war jemand aus dieser Gegend, nicht jemand von dort, wo sie hergekommen ist.«

»Da war kein Gepäck«, sagte der Kommissar, mehr zu sich selbst als zu Lisa. »Man kommt doch nicht nach sechs Jahren nach Hause zurück ohne Gepäck! Man geht aber mit dem ganzen Gepäck auch nicht durch den Wald.« Er machte sich eine Notiz auf einem Zettel. »Schließfächer in den Bahnhöfen Augsburg und München überprüfen.«

»Sie wird getrampt sein«, meinte Lisa, »und der Mörder hat sie mitgenommen. Ihr Gepäck ist noch in seinem Auto. Sie ist schon früher immer getrampt. Sie ist nie anders gereist. «

»Das ist möglich. Natürlich. Aber ebensogut ist es möglich, daß der Täter etwas mit ihrer Vergangenheit zu tun hat. Daß er ihr gefolgt ist – oder sie selber hierhergebracht hat.«

»Das ist kaum herauszufinden.«

»Ja.« Er klopfte mit seinem Kugelschreiber nervös auf dem Schreibtisch herum. » Südamerika «, murmelte er. »Sie war sehr braungebrannt, am ganzen Körper. Sie muß sich irgendwo aufgehalten haben, wo viel Sonne ist. Sie hatte diese sehr tiefe Bräune, die über Jahre entsteht. Sie war nicht in Deutschland!«

Tolle Schlußfolgerung, hatte Lisa gedacht und war enttäuscht gewesen von dem Mann. Natürlich war Anna nicht in Deutschland gewesen! In dem verregneten, kalten Land, in dem der Sommer höchstens als schlechter Scherz durchgehen konnte. Nein, Anna hatte sich irgendwo eine phantastische Zeit gemacht!

Und nun mußte sie immer wieder an dieses Gespräch denken und viel zu oft an Anna. Obwohl es gerade erst September war, dachte sie ständig an den Herbst, den bevorstehenden Winter, an Weihnachten. Mehr als im Sommer wünschte sie sich, die Dinge rundherum wären in Ordnung. Die Familie wäre intakt. Zum erstenmal hegte Lisa die Vorstellung, wie schön es hätte sein können, wenn Anna ihr Ziel erreicht hätte, wenn sie zu Hause angekommen wäre. Sie hätten an langen Herbstabenden zusammensitzen und plaudern können, sie hätten einander in der Pflege des Vaters abwechseln, hätten sich trösten können, wenn es ihm schlechter ging und sein Leid kaum noch mit anzusehen war. Sie hätte jemanden gehabt in der Eintönigkeit und Tristesse des täglichen Lebens.

Sie hatte Benno gekündigt, nicht lange nach Annas Tod. Sie hatte das schon längere Zeit vorgehabt, denn seine Hilfe kostete natürlich Geld, und sie mußte sparen für die Zeit, wenn ihr Vater tot war und seine Rente ausblieb. Sie hatte die Entscheidung vor sich hergeschoben, aber Annas Tod stellte die Zäsur dar, an der sie endlich die Dinge zu regeln beschloß.

»Tut mir leid, Benno. Ich war immer sehr zufrieden mit Ihnen. Es geht wirklich nur ums Geld, glauben Sie mir.«

»Klar, weiß ich. Ich würde Ihnen gern auch so helfen, aber …«

»… von irgend etwas müssen Sie leben. Natürlich.«

Benno fehlte ihr, seine zupackende Art, seine ausgeglichene Freundlichkeit. Das Gejammere und Geschimpfe ihres Vaters mußte sie nun ganz allein aushalten, sich mit ihm abquälen bei Verrichtungen, die im Grunde über ihre Kräfte gingen. Sie war überzeugt, Anna hätte ihn aufmuntern können. Sie war immer die Lieblingstochter gewesen, so fröhlich und lebhaft, manchmal ein wenig egoistisch, dabei aber stets so liebenswürdig, daß viele Leute dieses Zuges an ihr gar nicht gewahr wurden.

Vielleicht hätte ich ihr sogar verzeihen können, daß sie sich aus dem Staub gemacht hat, dachte Lisa. Vielleicht hätte sie mir erklärt, warum sie es getan hat, und vielleicht hätte sie verstanden, was sie mir damit angetan hat. So hat sie mich ein zweites Mal zurückgelassen – mit diesem Dorf, mit diesem sterbenden Mann.

Lisa trat ans Fenster und starrte hinaus. Von hier aus konnte sie den Wald sehen, den Wald, in dem Anna gestorben war. Ein stürmischer Wind zerrte an den Blättern der Bäume, und goldener Herbstsonnenglanz lag über dem Land.

Lisa begann zu weinen.

6

Am 15. September begann Leonas Urlaub. Sie und Wolfgang hatten sich zwei Wochen freigenommen. Sie hatten vorgehabt, für eine Woche zu Leonas Familie in die Rhön zu fahren und in der zweiten Woche die Küche zu streichen und ein paar andere notwendig gewordene Reparaturen am Haus vorzunehmen. Geplant hatten sie dies alles Ende Mai.

Zu diesem Zeitpunkt, dachte Leona nun bitter, war Wolfgang schon mit der anderen zusammen und wußte vermutlich ziemlich genau, daß er diese Ferien nicht mit mir verbringen würde.

Sie schwankte ständig zwischen Trauer und Wut. Noch immer hatte sie niemandem erzählt, was geschehen war. Sie wußte selber nicht, weshalb sie es nicht fertigbrachte, darüber zu reden. Sie hatte eine Ahnung, daß sie von dem unbewußten Gedanken geleitet wurde, die Geschichte könne noch gut ausgehen, solange sie sie in gewisser Weise nicht akzeptierte. Faßte sie sie erst in Worte, dann wurden die Geschehnisse Realität.

Wolfgang hatte noch eine Menge Sachen abgeholt. Taktvollerweise – oder war es Feigheit? – kam er immer dann, wenn sie im Verlag war. Sie mußten einander auf diese Weise nicht begegnen, und sie mußte nicht zusehen, wie er seine Habseligkeiten Stück für Stück aus dem Haus und aus ihrem Leben trug. Wenn sie abends heimkam, merkte sie immer sofort, daß er dagewesen war. Sie wußte zu gut Bescheid in seinen Sachen, jedes Fehlen eines Gegenstandes fiel ihr auf.

Eines Morgens, kurz vor dem Urlaub, faßte sie sich ein Herz und rief ihn vom Verlag aus in seinem Büro an. Erstaunlicherweise stellte die Sekretärin sie sofort zu ihm durch; für gewöhnlich war es äußerst schwierig, ihn tagsüber zu sprechen. Er schien erleichtert, daß sie den ersten Schritt getan hatte.

»Leona! Wie geht es dir?«

Leona überlegte, ob diese Frage höhnisch oder ernst gemeint war, oder ob sie lediglich als Floskel diente, um die Verlegenheit des Augenblicks zu überspielen. Sie hielt die letzte Variante für die wahrscheinlichste.

»Es geht mir recht gut, danke«, sagte sie kühl. Zum Glück konnte er von ihrem Herzrasen nichts spüren. »Wolfgang, ich wollte dich fragen, wie du dir das nun alles weiterhin vorstellst.«

»Müssen wir das am Telefon besprechen?«

»Ja. An einem persönlichen Treffen bin ich bis auf weiteres nicht interessiert.«

Er seufzte. Er hätte das alles so gerne freundschaftlich gelöst. Statt dessen hatte er es mit einer verletzten, verbitterten Frau zu tun, die ihm die Angelegenheit nicht durch Verständnis oder Freundlichkeit erleichterte. Leonas Stimme klang, als klirrten Eiswürfel in einem Glas aneinander.

»Leona, ich muß in zehn Minuten in einer Konferenz sein…«

»Gut. Zehn Minuten reichen mir. Also?«

»Was willst du wissen?«

»Wie es weitergehen soll.«

»Himmel, Leona, das weiß ich im Moment auch nicht ganz genau. Ich habe mir erst einmal alles geholt aus dem Haus, was ich brauche an Kleidungsstücken, Büchern und Akten. Vorläufig werde ich dich dort also nicht mehr behelligen. «

»Ich werde sowieso die nächste Woche nicht dasein.«

»Wohin fährst du?«

»Zu meinen Eltern. Wir hatten das schließlich langfristig geplant. Sie freuen sich auf uns. Ich kann das jetzt nicht plötzlich absagen.«

Er klang etwas unsicher. »Wissen sie, daß wir …«

»Nein. Ich wollte es ihnen nicht telefonisch sagen. Es wird sie sehr treffen.«

»Sie werden es letztendlich verstehen.«

Verstehen, dachte Leona, wie denn? Ich verstehe es ja selbst nicht!

»Wolfgang, ich muß wissen, was aus dem Haus werden soll«, sagte sie ohne Übergang. »Es gehört uns beiden. Ich kann dich nicht auszahlen. Wenn du deinen Anteil haben möchtest, müssen wir es verkaufen.«

Er schwieg einen Moment. »Wir sollten nichts überstürzen«, meinte er dann. »Bleib doch einfach vorläufig dort wohnen.«

»Was wird aus Tilgung und Zinsen?«

»Solange wir nicht wissen, was werden soll, zahle ich meinen Teil selbstverständlich weiter.«

»Ich will aber wissen, was werden soll«, beharrte Leona, »ich will nicht in dem Haus sitzen und auf den Tag warten, an dem du mich hinausschmeißt.«

»Du weißt ganz genau, daß ich dich nie hinausschmeißen würde«, sagte Wolfgang ärgerlich. »Ich könnte es außerdem gar nicht, da das Haus ja zur Hälfte dir gehört. Hör zu, ich rufe dich am Wochenende an. Ich muß jetzt unbedingt zu dieser Konferenz!«

Leona grübelte den halben Tag über das Gespräch nach. Sie fragte sich, weshalb Wolfgang nicht sofort einem Verkauf des Hauses zugestimmt hatte. Wo lag für ihn der Sinn, wenn sie das Haus behielten, sie darin wohnen blieb und er sich auch noch an den Abzahlungen beteiligte? War er sich am Ende seiner Geschichte mit der anderen Frau gar nicht so sicher? Wollte er sich den Rückweg offenhalten?

Zu ihrem eigenen Ärger weckte dieser Gedanke Hoffnung in ihr. Sie wollte nicht dasitzen und hoffen, daß er gnädig zu ihr zurückkehrte. Sie wollte ihn nicht mehr wollen . Sie wollte, daß er ihr gleichgültig wurde.

»Zu früh, Leona«, sagte sie sich, »zu früh. Du kommst an diesen Punkt, aber es wird seine Zeit dauern.«

Dann kam ihr ein anderer Gedanke, und der erschien ihr als der plausibelste Grund für Wolfgangs Verhalten: Er hätte das Haus gern. Er hätte es gern für sich, seine Fernsehmieze mit der eigenen Talkshow und am Ende noch für eine ganze Schar hoffnungsvollen Nachwuchses. Unter Garantie würde er noch vor Weihnachten mit diesem Ansinnen herausrücken.

 

Den ganzen Samstag über versuchte er, Leona anzurufen, aber sie ließ den Anrufbeantworter laufen und nahm kein Gespräch an. Sie hatte plötzlich keine Lust mehr, mit Wolfgang wegen des Hauses, wegen der Zukunft zu reden. Sie mußte ihren Koffer packen und sich überlegen, wie sie ihren Eltern die Hiobsbotschaft vom Scheitern ihrer Ehe überbringen sollte.

Wolfgangs Stimme klang von Mal zu Mal ärgerlicher. »Ich weiß, daß du da bist, Leona! Warum gehst du nicht an den Apparat? Du wolltest doch ein Gespräch mit mir!«

»Gestern hattest du keine Zeit, heute habe ich keine«, murmelte Leona. Keine fünf Minuten später klingelte das Telefon erneut, aber diesmal war es Leonas Schwester Olivia, die anrief. Leona nahm sofort den Hörer ab.

»Olivia! Wie schön, dich zu hören!«

»Ich weiß, du kommst morgen«, sagte Olivia, »aber dann ist ja ständig die ganze Familie um uns. Deshalb wollte ich mich vorher noch einmal melden.«

»Ich hätte dich auch schon lange anrufen sollen, ich weiß. Aber bei mir geht zur Zeit alles etwas durcheinander.«

Olivia registrierte sofort, daß Leonas Stimme bedrückt klang. Die beiden hatten von Kindheit an sehr aneinander gehangen, und Olivia wußte genau, wie sich Leona für gewöhnlich anhörte.

»Was ist denn passiert? Du klingst gar nicht gut!«

Es war unerwartet befreiend, endlich einem Menschen gegenüber die Maske fallen lassen zu dürfen.

»Olivia, es ist eine Katastrophe für mich. Wolfgang hat mich verlassen. Er hat eine andere Frau kennengelernt und möchte sich scheiden lassen.«

Vom anderen Ende der Leitung kam ein fast einminütiges Schweigen. »Das gibt’s doch gar nicht«, sagte Olivia schließlich leise. Wie alle Menschen, die Leona und Wolfgang kannten, hätte sie jede Wette gehalten, daß eher die Welt einstürzte, als daß dieses Traumpaar sich trennte.

»Ich möchte dich bitten, unseren Eltern nichts zu sagen«, sagte Leona, »ich fühle mich idiotischerweise wie ein Schulmädchen, das mit einer schlechten Note nach Hause gehen muß. Ich habe keine Ahnung, wie ich ihnen dieses Fiasko beibringen soll.«

»Es ist doch nicht deine Schuld.«

»Ich komme mir vor wie jemand, der auf der ganzen Linie gescheitert ist«, sagte Leona verzagt.

Sie redeten noch eine Weile, und Leona fühlte sich nach diesem Gespräch tatsächlich besser. Sie war nicht so allein, wie sie es zunächst empfunden hatte. Sie hatte noch ihre Familie. Die Welt brach nicht zusammen.

Als das Telefon wieder klingelte, dachte sie, daß sie diesmal den Hörer abnehmen würde, wenn es wieder Wolfgang wäre. Statt dessen klang Lydias Stimme durch den Raum.

»Leona? Sind Sie wirklich nicht da? Eben war doch ganz lange besetzt! Ich wollte Sie zum Abendessen bei mir einladen. Na ja, falls Sie bis sieben Uhr zurück sind, melden Sie sich bitte! Wissen Sie was? Robert Jablonski, Evas Bruder, hat mich gefragt, ob Sie verheiratet sind! Der Herr, den ich neulich am Telefon hatte, war doch Ihr Mann, oder? Also, ich glaube, Sie haben jedenfalls einen Verehrer gefunden. Rufen Sie mich zurück, ja?«

Leona war froh, daß sie den Anrufbeantworter eingeschaltet hatte. Ein Abendessen mit Lydia, die weder vor indiskreten Fragen noch lauthals geäußerten Allgemeinplätzen zurückschreckte, hätte ihr noch gefehlt. Ihr schwante, daß Lydia sie als Ersatzfreundin für Eva gewinnen wollte. Es würde schwierig sein, sie auf Distanz zu halten.

Sie hatte schließlich ihren Koffer gepackt, ging ins Bad, ließ heißes Wasser in die Wanne laufen und legte sich in den duftenden Schaum. Sie starrte zur Decke hinauf, lauschte dem Pladdern der Regentropfen draußen. Es regnete ständig in diesem September. Manchmal hatte sie den Eindruck, es werde nie wieder aufhören.

Unten klingelte schon wieder das Telefon. Sie konnte nicht verstehen, wer auf den Anrufbeantworter sprach, hatte aber den Eindruck, es handele sich um eine Männerstimme. Wahrscheinlich wieder Wolfgang. Es schien ihn nervös zu machen, daß er sie nicht erreichen konnte. Diese Vorstellung gab Leonas angeschlagenem Selbstwertgefühl eine Spur von Auftrieb.

Später ging sie, in ein dickes Handtuch gewickelt, nach unten. Sie badete oft am späten Samstagnachmittag; es war der einzige Zeitpunkt in der Woche, an dem sie die innere Ruhe dazu fand. Früher hatte Wolfgang dann immer mit einem Drink unten auf sie gewartet, entspannt, lächelnd, bereit und erwartungsvoll, stundenlang alles mit ihr zu besprechen, was die Woche für sie beide gebracht hatte.

Es sind diese Dinge, dachte sie nun, die so schrecklich fehlen. Diese Dinge, die man gar nicht so richtig bemerkt hat, als man sie noch hatte, von denen man aber weiß, daß sie es waren, die dem Leben seine Wärme verliehen haben.

Sie kam am Garderobenspiegel im Flur vorbei, blieb stehen, sah sich an. Sie hatte den Eindruck, daß sie spitzer geworden war im Gesicht während der vergangenen zwei Wochen. Es wunderte sie nicht; sie hatte keine Lust und war viel zu deprimiert, um für sich zu kochen. In der Verlagskantine hatte sie noch nie gern gegessen, und so ernährte sie sich im wesentlichen von im Stehen gelöffelten Joghurts und Vitaminpillen.

Ihre Haare waren noch naß vom Bad. Ihre Lorelei – Haare, taillenlang, hellblond. Wolfgang und ihre Mutter hatten ihr immer gesagt, sie dürfe nur ja nie ihre Haare abschneiden.

Manchmal hatte sie dann lachend erwidert: »Aber als alte Oma, da gestattet ihr es dann schon!«

Und Wolfgang hatte ein paar Strähnen durch seine Finger gleiten lassen und sehr ernst gesagt: »Nein. Nie. Auch als alte Oma nicht!«

Ich sollte sie abschneiden lassen, dachte sie nun, was hat es mir denn genützt, seine Wünsche zu erfüllen?

Das war ein neuer Gedanke, und während sie sich im Eßzimmer einen Drink zubereitete, beschäftigte sie sich mit ihm. Neigte sie dazu, allzusehr den Erwartungen ihrer Umgebung zu entsprechen? Verbrauchte sie ihre Kräfte darin, es jedem recht machen zu wollen? Die perfekte Tochter zu sein, die perfekte Schwester, die perfekte Ehefrau? Hätte sie ein Kind, sie hätte auch noch die perfekte Mutter abgegeben.

Und was ist Perfektion am Ende? fragte sie sich. Sie ist langweilig. Sie stellt keine Herausforderung mehr dar!

Wahrscheinlich war Wolfgangs Neue alles andere als perfekt. Vielleicht hatte sie kurze Haare, zickte häufig herum, rauchte wie ein Schlot, war keinesfalls immer zur Stelle, wenn Wolfgang sie brauchte.

Mit ihrem Glas in der Hand und sehr nachdenklich ging Leona ins Wohnzimmer hinüber. Sie spulte den Anrufbeantworter zurück, um den letzten eingegangenen Anruf abzuhören. Überraschenderweise hörte sie nicht Wolfgangs Stimme.

»Hier ist Bernhard Fabiani. Sie erinnern sich vielleicht noch: der geschiedene Mann von Eva Fabiani. Frau Dorn, ich würde mich sehr gern mit Ihnen treffen. Glauben Sie, das wäre möglich? Rufen Sie mich doch bitte zurück.« Er nannte seine Telefonnummer und verabschiedete sich sehr höflich.

Leona notierte die Nummer, beschloß aber, ihn erst nach dem Urlaub zurückzurufen. Sie fragte sich, was er wohl von ihr wollte. Hoffentlich nicht eine genaue Schilderung von Evas letzten Minuten. Er konnte doch nicht am Ende an ihr als Frau interessiert sein? Man hatte ihn ihr als unersättlichen Schürzenjäger beschrieben. Womöglich war er wirklich ein Mann, der keine Gelegenheit ausließ.

Nicht einmal bei der Frau, die Zeugin des Selbstmordes gewesen war, den seine Frau wegen seiner ständigen Eskapaden begangen hatte.

7

Es war ein Kampf mit ungleichen Mitteln, ein verbissener, harter Kampf, bei dem niemand aufgeben konnte, aufgeben wollte. Das Kind kämpfte schreiend, die Frau schweigend. Das Kind schlug um sich, trat, boxte, kratzte und spuckte. Die Frau versuchte, die Arme des Kindes festzuhalten und an seinen Körper zu pressen. Sie war größer als das Kind, aber wesentlich zarter gebaut. Das Kind schien über weit ausgeprägtere Kräfte zu verfügen, vor allem schreckte es vor keinem Mittel des Kampfes zurück. Die Frau war unterlegen, weil sie dem Kind ganz offensichtlich keinen Schmerz zufügen wollte. Als das Kind ihr sein Knie in den Unterleib rammte, stieß sie einen unterdrückten Schrei aus und wich zurück. Die Tränen schossen ihr unwillkürlich in die Augen, und sie krümmte sich für einen Moment nach vorn.

Leona, die das Schauspiel atemlos und entsetzt verfolgt hatte, sprang auf.

»Jetzt laß dir doch endlich helfen, Olivia! Du schaffst es doch einfach nicht allein!«

Ihre Schwester richtete sich sofort zu voller Größe auf, obwohl sie sichtlich Schmerzen hatte und nur mühsam aufrecht stehen konnte.

»Nein! Ich will das nicht! Dany soll nicht das Gefühl bekommen, daß wir gegen sie gemeinsame Sache machen. Sie ist mein Kind. Ich muß mit ihr zurechtkommen.«

Unverständliche Laute ausstoßend, hatte sich Dany in eine Zimmerecke zurückgezogen, wo sie mit geballten Fäusten auf der Erde kauerte. Ihr auffallend großer Kopf schwankte unkontrolliert hin und her, Zornestränen liefen aus ihren Augen.

»Du kommst aber nicht mit ihr zurecht«, sagte Olivias Mutter sanft.

Sie saß auf dem Sofa und strickte einen Pullover für den Sohn ihrer jüngsten Tochter. Sie hatte dem Zweikampf zwischen Olivia und Dany mit der müden Resignation eines Menschen zugesehen, der allzuoft schon Zeuge der immer gleichen Szene geworden war. Die Zeiten, da sie Olivia angeboten hatte zu helfen, waren vorbei. Sie wußte längst, daß ihre Tochter jedes Eingreifen von außen ablehnte.

»Die letzten Wochen waren viel besser«, sagte Olivia in einer Art wütendem Trotz.« »Ich habe keine Ahnung, was heute los ist. Vielleicht ist sie durcheinander, weil Leona da ist.«

»Mein Gott, Olivia, versuche doch nicht immer neue Erklärungen zu finden! Du hättest Dany längst…«

» Was hätte ich längst?« fragte Olivia kampfbereit.

Die beiden Schwestern sahen einander an. So sehr sie einander liebten, beim Thema Dany gerieten sie immer wieder aneinander. Jeder geriet an diesem Punkt mit Olivia aneinander. Olivia wußte, daß Leona das Heim gemeint hatte, in dem man die schwerstbehinderte Dany längst hätte unterbringen müssen, und sie war bereit, ihrer Schwester die Augen auszukratzen, wenn sie es wagen sollte, dies wirklich auszusprechen. Olivia wußte außerdem, daß sie mit ihrer Entschlossenheit, Dany daheim in der Familie aufwachsen zu lassen, völlig allein stand, und sie hatte schon lange das Gefühl, mit dem Rücken zur Wand gegen eine Übermacht von Feinden zu kämpfen. Sie hatte die chronische Gereiztheit eines bedrängten Tieres in einer Falle entwickelt. Sie hatte sich in zahllosen Diskussionen um das Thema völlig verausgabt und erschöpft; nun ließ sie Diskussionen von vornherein nicht mehr zu.

Leona kapitulierte. Die meisten Leute taten das. Sie kapitulierten nicht aus Angst vor Olivias fauchender Stimme, sondern aus Mitleid mit ihrem müden, ausgezehrten Gesicht und ihrem viel zu dünnen Körper. Olivia vermittelte so deutlich den Eindruck, am Rande ihrer Kräfte zu stehen, daß jeder sich schäbig vorkam, der ihr zusätzliche Probleme bereitete.

»Okay«, sagte Leona, »vergiß es. Du mußt allein wissen, was du tust.« Olivia atmete tief durch, dann trat sie auf Dany zu, die sofort zu schreien begann. »Dany, ich möchte, daß du jetzt ins Bett gehst«, sagte sie. Dany spuckte ihr ins Gesicht. Leona fragte sich, wie ihre Schwester dieses Kind noch lieben konnte.

Innerhalb weniger Sekunden hatte sich der gleiche Zweikampf wie schon zuvor entwickelt, aber diesmal wurde er abrupt von dritter Seite beendet: Ein hochgewachsener Mann trat ins Zimmer, schob Olivia zur Seite, packte Dany und drehte ihr mit geübtem Griff beide Arme auf den Rücken. Dany schlug nach hinten aus, bombardierte seine Schienbeine mit Tritten. Er packte die Arme etwas fester. Dany fauchte, hörte aber auf zu treten.

»Wohin mit ihr?« fragte er keuchend und stieß sie vor sich her in Richtung Tür.

»In ihr Zimmer«, sagte Olivia, »und tu ihr nicht weh!«

»Nicht, wenn sie mir nicht weh tut «, entgegnete ihr Mann und bugsierte die nun recht willige Dany auf den Flur hinaus. Olivia folgte den beiden. Danys Vater kehrte nach fünf Minuten ins Wohnzimmer zurück. Er schob seine verrutschte Krawatte zurecht und strich sich über die Haare. Wer ihn nicht kannte, hätte ihn als erstaunlich ruhig empfunden, aber Leona konnte die verhaltene Wut in seinem Gesicht erkennen, den Zorn, den er mühsam zurückdrängte. Er atmete schwer.

»Guten Abend übrigens«, sagte er.

»Guten Abend, Paul«, erwiderte seine Schwiegermutter unter völliger Nichtbeachtung dessen, was gerade geschehen war. »Jetzt, wo alle da sind, werde ich mich um das Abendessen kümmern.«

Sie lächelte. Sie liebte es, die Familie versammelt unter einem Dach zu wissen. Sie ignorierte Spannungen so perfekt, daß Leona manchmal mutmaßte, sie glaube selbst daran, daß um sie herum alles in Ordnung war.

Leona und Paul blieben allein im Zimmer. Paul gab den Versuch, seine Krawatte zu richten, auf, zerrte sie vom Hals und schleuderte sie in einen Sessel.

»Gott im Himmel«, sagte er wütend, »ich weiß schon gar nicht mehr, wie sich das anfühlt, wenn man nach einem harten Arbeitstag heimkommt und von Ruhe und Frieden statt von Geschrei und Ringkämpfen empfangen wird. Es muß das Paradies sein.«

»Olivia sagte, es sei besser gewesen mit Dany in der letzten Zeit.«

Paul lachte. Es klang müde und unfroh. »Wenn Dany einen Tag friedlich ist, wird Olivia schon euphorisch. Die Wahrheit ist, daß es an acht von zehn Tagen zu Szenen der Art kommt, wie du sie gerade erlebt hast. Es wird schlimmer. Und zwar einfach deshalb, weil Dany immer stärker wird. Sie hat Bärenkräfte entwickelt. Du siehst ja, daß Olivia schon überhaupt nicht mehr mit ihr fertig wird. Und ich werde es auch nicht mehr lange schaffen.«

»Olivia muß das doch auch sehen.«

»Ich glaube, bei Olivia schlagen die Gene eurer Mutter durch«, sagte Paul bitter. »Sie will nicht wahrhaben, daß wir in einer katastrophalen Situation leben, also darf diese Tatsache mit keiner Silbe erwähnt werden. Wenn ich das Wort ›Heim‹ ausspreche, springt sie mir fast ins Gesicht.«

Leona wußte, daß er mit der »katastrophalen Situation« nicht nur die täglichen Zweikämpfe mit Dany meinte. Er haßte es vor allem, wegen des Kindes im Haus seiner Schwiegereltern leben zu müssen. Für kurze Zeit hatten sie es mit einer eigenen Wohnung versucht, aber Olivia war völlig überfordert gewesen; sie hatte sich keinen Schritt aus dem Haus rühren können, um wenigstens die nötigsten Einkäufe zu tätigen.

Dany war natürlich schulpflichtig, aber sowohl sie als auch ihre Mutter taten alles, um regelmäßige Besuche der einzig erreichbaren Behindertenschule zu boykottieren. Dany entwickelte die verrücktesten Krankheiten und fieberte häufig erschreckend hoch, sobald sie länger als drei Tage hintereinander an dem ihr verhaßten Unterricht teilnehmen mußte. Olivia verlor darüber vollends die Nerven und war oft noch kranker als ihre Tochter. Das Ergebnis war, daß sich Dany viel zu oft daheim aufhielt, als daß die äußerst sporadischen Schulbesuche noch irgendeinen Sinn haben konnten.

Dany durfte keine Sekunde allein bleiben. Eine ausgebildete Pflegerin als Hilfe hatten sich ihre Eltern nicht leisten können. Sie hatten es mit wechselnden Haushälterinnen oder Putzfrauen probiert, die für ein Extrahonorar hin und wieder auf Dany hatten aufpassen sollen, damit Olivia wenigstens zum Zahnarzt oder zum Friseur gehen konnte. Aber die Putzfrauen hatten entweder nach kurzer Zeit empört gekündigt, oder sie waren von Olivia gefeuert worden, weil sie Dany zu hart anpackten. Irgendwann war Olivia dann zu ihren Eltern übergesiedelt, den einzigen Menschen, die sie verstanden, denen sie vertraute. Paul hatte schließlich die Wohnung gekündigt und war der Frau, die er einmal zu sehr geliebt hatte, um ihr nun mit Härte entgegentreten zu können, gefolgt. Für ihn, der in einer Frankfurter Bank arbeitete, bedeutete dies, daß er mehr als vier Stunden täglich im Auto verbrachte und daß er, wenn er morgens ins Bad wollte, eine komplizierte Reihenfolge mit Olivias Eltern, ihrer jüngeren Schwester, deren Freund und dem kleinen Sohn der beiden einhalten mußte. Meist klappte die Organisation nicht, und Paul konnte das Haus nur mit Verspätung verlassen. Jedesmal wenn er dann mit gefährlich überhöhter Geschwindigkeit die Autobahn entlangbrauste und Stiche in seiner Herzgegend ihm sagten, daß er in das Alter kam, in dem sein Körper den Tribut für zuviel Streß und Frustration fordern würde, nahm er sich vor, Olivia vor die endgültige Entscheidung zu stellen: die Entscheidung für sie beide oder für das Kind.

Wenn er dann aber abends heimkam und in ihr überanstrengtes Gesicht blickte, ging es ihm wie allen anderen: Er brachte es nicht fertig, sie unter Druck zu setzen.

»Ich habe Olivia im Sommer vorgeschlagen, daß wir doch eine kleine Wohnung ganz in der Nähe mieten könnten«, fuhr er nun fort, »dann könnte sie tagsüber, während ich arbeite, mit Dany hierher zu euren Eltern gehen. Ich hätte zwar immer noch den weiten Weg, aber wir hätten doch abends etwas mehr Zeit für uns.«

»Und darauf ist sie nicht eingegangen?« fragte Leona.

Er machte eine wegwerfende Handbewegung. »Nein. Es war überhaupt nicht mit ihr zu reden. Je schlimmer es mit Dany wird, desto heftiger krallt sie sich an eure Mutter. Sie ist der einzige Mensch, bei dem Olivia unbedingten Rückhalt findet. Ich glaube, sie hat inzwischen Angst, mit mir allein zu sein. Sie denkt, daß ich ihr so lange zusetzen werde, bis sie nachgibt und Dany in ein Heim bringt. Vermutlich fühlt sie sich schon so kraftlos inzwischen, daß sie fürchtet, ihr Widerstand könnte erlahmen.«

Er kramte eine Zigarettenschachtel aus der Tasche, hielt sie Leona hin. »Ich weiß gar nicht mehr, ob du rauchst. Möchtest du?«

Sie hatte vor Jahren damit aufgehört, jedoch wieder begonnen, als Wolfgang sie verlassen hatte. Mit jedem ersten Zug, den sie tat, löste sich etwas von der Anspannung, in der sie seit zwei Wochen lebte. Psychisch tat ihr das Rauchen gut. Mit den Folgen für ihre körperliche Gesundheit würde sie sich auseinandersetzen, wenn sie seelisch wieder etwas stabiler wäre. Er gab ihr Feuer, und sie sah, daß seine Hand dabei ganz leise zitterte. Sie hätte gern irgend etwas Tröstendes gesagt, aber ihr fiel nichts ein, was überzeugend geklungen hätte. Sie betrachtete den gutaussehenden Mann mit dem intelligenten Gesicht. Ganz sicher hatte er Angebote von anderen Frauen. Wie lange würde er die Dinge, wie sie waren, ertragen und bei Olivia und Dany bleiben?

»Das schlimmste ist«, sagte er leise, »daß ich anfange, Dany zu hassen. Mein eigenes Kind, von dem ich doch weiß, daß es für seine Behinderung und all die Probleme überhaupt nichts kann. Aber manchmal kann ich kaum gegen dieses Gefühl von … Zorn an. Ich hasse die Art von Leben, zu der sie uns zwingt. Ihren dauernden Kampf gegen uns, als wären wir ihre schlimmsten Feinde. Vor allem das, was sie aus Olivia macht. Bereits aus ihr gemacht hat.«

Leona dachte an die junge Olivia zurück. Sie war die attraktivste der drei Schwestern gewesen. Nicht blond, wie die beiden anderen, sondern rothaarig. Grünäugig und grazil wie eine Katze. Selbstbewußt, klug, ehrgeizig und energisch. Eine Frau, der sich die meisten Türen von selbst zu öffnen schienen, auch wegen ihres Wesens, das jeden für sie einnahm.

Paul schien ebenfalls mit seinen Gedanken in die Vergangenheit geschweift zu sein, und die Erinnerung tat ihm weh, denn er wechselte abrupt das Thema.

»Wie geht es Wolfgang?« fragte er. »Es ist ganz ungewohnt, dich ohne ihn hier zu sehen!«

Offenbar hatte Olivia wirklich dicht gehalten, auch ihrem Mann gegenüber. Aber Leona hatte keine Lust mehr, ihn anzulügen. Sie hatte allen etwas von Wolfgangs Arbeitsüberlastung erzählt, die den Urlaub unmöglich gemacht habe, aber irgendwann würde sie der Familie reinen Wein einschenken müssen. Sie konnte nach Olivia gleich bei Paul weitermachen.

»Wolfgang und ich haben uns getrennt«, sagte sie mit spröder Stimme, »genauer gesagt: er hat mich wegen einer anderen Frau verlassen. Er ist Anfang September daheim ausgezogen.«

Paul schien ziemlich schockiert. »Das tut mir entsetzlich leid, Leona. Ich habe mich schon gefragt, warum du so dünn geworden bist und so traurig wirkst, selbst wenn du lachst.«

Sie hatte keine Ahnung gehabt, daß man es ihr so sehr anmerkte. »Paul, ich möchte dich bitten, meinen Eltern noch nichts zu erzählen«, sagte sie sachlich, »vor allem nicht meiner Mutter. Irgendwann wird sie es natürlich erfahren, aber … na ja, du weißt ja, wie sie ist.«

»Ich weiß, wie sie ist«, sagte Paul, und sie lächelten einander etwas hilflos an.

Olivia erschien nicht zum Abendessen. Paul, der hinaufging, um nach ihr zu sehen, kam allein wieder zurück.

»Sie will nichts essen«, berichtete er, »und sie will nicht herunterkommen. Sie ist ziemlich fertig mit den Nerven.«

»Sie wird immer dünner«, sagte Elisabeth, ihre Mutter, vorwurfsvoll, ohne daß ganz klar wurde, an wen sich der Vorwurf richtete. »Ich werde ihr etwas Suppe hinaufbringen. «

Sie wollte mit Olivias unberührtem Teller zum Herd eilen, aber Paul hielt sie am Arm fest.

»Nicht. Das hat keinen Sinn. Laß sie in Ruhe.«

»Olivia schafft es, ständig ein Drama um sich zu inszenieren«, meinte Carolin, die mit gutem Appetit aß. »Und ihr alle spielt das Spiel bereitwillig mit.«

»Das geht dich nichts an, Carolin«, sagte Paul scharf.

Er haßte diese Schwägerin unverhohlen, und sie erwiderte das Gefühl aus tiefstem Herzen. Sie war die jüngste der drei Schwestern, fünfundzwanzig Jahre alt, und noch immer ohne Beruf oder Ausbildung. Gelegentlich jobbte sie im Dorfgasthof als Serviererin oder trug Zeitungen aus. Für Paul war sie der Prototyp des nutzlosen, ewigen Schmarotzers, während er in ihren Augen einen angepaßten Karrierestreber darstellte. Sie hatte einen fünfjährigen Sohn, dessen Vater, ein arbeitsloser Schauspieler, mit ihr im Haus der Eltern wohnte und sich ein angenehmes Leben auf Kosten der Familie machte. Er wurde von Paul und Leona gleichermaßen verabscheut, wobei beide allerdings damit rechneten, daß er eine vorübergehende Rolle in Carolins Leben spielte. Vor der Geburt des Kindes hatte sie ihre Liebhaber wochenweise gewechselt.

»Wenn Olivia nicht bald Dany in ein Heim gibt, wird es hier unerträglich«, sagte Carolin. »Diese andauernde Schreierei müssen wir schließlich alle aushalten.«

»Du könntest ausziehen, wenn du es nicht mehr erträgst«, schlug Leona vor, die zwar fand, daß Carolin in der Sache recht hatte, daß es ihr aber von allen am wenigsten zustand, sich zu beklagen.

»Warum ich?« fragte Carolin sofort empört. »Warum nicht Olivia, Paul und Dany?«

Pauls Lippen preßten sich zu einem Strich zusammen. Die Eskalation der Auseinandersetzung stand unmittelbar bevor.

»Bitte, streitet euch nicht«, bat Julius.

Er saß mit gestreßtem Gesichtsausdruck am Kopfende des Tisches und war deutlich nur an einem interessiert: an Ruhe. Julius war Lehrer für Geschichte und Latein gewesen und arbeitete seit seiner Pensionierung an einem Buch über die Caesaren. Er hatte den ganzen Tag über komplizierten, uralten Textquellen gebrütet, die zu übersetzen selbst ihm Probleme bereitet hatte. Er war nicht richtig vorangekommen, hatte Kopfschmerzen und war frustriert. Er hatte den Eindruck, daß das Landhaus, in dem er mit Elisabeth drei eigenwillige Mädchen großgezogen hatte, von immer mehr Menschen und immer brisanteren Spannungen heimgesucht wurde. Die ständig schreiende Dany zerrte auch an seinen Nerven, aber er hätte sich eher die Zunge abgebissen, als das laut zu äußern. Und wie lange mußte er wohl noch den verlotterten Typen mit der Zottelmähne an seinem Tisch dulden, den Carolin vor Jahren als ihren Lover eingeführt hatte?

Wie gut, daß wenigstens Leona keine Sorgen machte. Aber ein wenig blaß und dünn sah sie aus. Er betrachtete sie liebevoll, und sie sah ebenfalls in diesem Moment zu ihm hin und erwiderte sein kaum merkliches Lächeln. Doch sie wirkte gequält. Bedrückt stellte er fest, daß er sich geirrt hatte. Auch um Leona mußte man sich sorgen.

Und Leona begriff in diesem Moment, weshalb sie es nicht wagte, das Scheitern ihrer Ehe zu gestehen. Es war die Müdigkeit in den Augen ihres Vaters. Es war der tapfere Optimismus, mit dem ihre Mutter zwischen Olivia und Carolin vermittelte, sich um Dany bemühte, Carolins schmarotzenden Freund entgegenkommend behandelte. Es war die eiserne Entschlossenheit, mit der ihre Eltern an ihrer Vorstellung von einer intakten Familie festhielten – und es damit tatsächlich schafften, das brüchige Gefüge weiterbestehen zu lassen. Sie wußte, daß Elisabeth und Julius einen nicht unerheblichen Teil ihrer Kraft aus der Tatsache schöpften, daß wenigstens Leona in einer stabilen Beziehung lebte, daß sie glücklich war und sich mit vergleichsweise unbedeutenden Problemen herumschlagen mußte. Sie brauchten diese Gewißheit, um glauben zu können, daß sie das waren, was sie unter allen Umständen sein wollten: eine große, glückliche Familie, in der es zwar dann und wann ein paar Schwierigkeiten gab, in der aber nicht ernsthaft jemals etwas in Unordnung geriet.

Sie brachte es nicht fertig, sie zu enttäuschen, so absurd diese Komödie auch war, die sie spielte. Irgendwann würden sie es erfahren und nicht im mindesten verstehen, warum sie so lange geschwiegen hatte.

Die gute Tochter, dachte sie sarkastisch, die gute Tochter, bei der nichts schiefläuft. Irgend etwas muß ich einmal tun, was niemand von mir erwartet.

 

Am nächsten Tag ging sie zum Friseur im Dorf und ließ sich ihre Lorelei-Haare raspelkurz abschneiden. Sie fand sich nicht schöner danach, aber erstaunlicherweise fühlte sie sich trotzdem besser.

8

Sie sah ihn wieder im November, am Totensonntag. Ein nasser, windiger, grauer Tag. Ein Sturm hatte in der Nacht zuvor die letzten Blätter von den Bäumen gezerrt, und nun trieb er seit dem frühen Morgen immer neue schwarze Wolken von Westen heran. Es regnete ohne Unterlaß. Bis zum Abend, so hatten die Meteorologen prophezeit, werde der Regen in Schnee übergehen. Seit der Beerdigung war Leona nicht mehr an Evas Grab gewesen, aber an diesem Tag verspürte sie plötzlich ein unerklärliches Bedürfnis danach. Ein dankbarer Autor, für dessen Werk sie sich eingesetzt hatte, hatte ihr am Freitag einen Rosenstrauß in den Verlag geschickt. Am Samstag, während ihres einsamen Frühstücks, war ihr der Gedanke gekommen, die Rosen zu Eva zu bringen.

Sie ging am Mittag auf den Friedhof. Die meisten Leute schienen zu essen um diese Zeit, denn kaum jemand war zwischen den Gräbern zu sehen. Eine alte Frau schleppte eine gefüllte Gießkanne die Wege entlang; sie tat sich schwer damit, schien aber einer Routine zu folgen, von der es kein Abweichen gab: Trotz des strömenden Regens mußte sie ein Grab – wahrscheinlich das ihres Mannes – begießen.

Evas Grab sah ziemlich verwildert aus. Hatte Robert vergessen, den Auftrag für die Grabpflege zu erteilen? Oder hatte Lydia diese Verpflichtung an sich gerissen und war nun zu bequem, ihr wirklich nachzukommen?

Sie kauerte sich nieder, entfernte welke Blätter und einiges Unkraut. Evas Name auf dem schlichten Grabstein rief eine tiefe Traurigkeit in ihr hervor, und erst nach einer Weile merkte sie, daß alles zusammen ihr Schmerz verursachte: der Herbst, der Regen, die kahlen Bäume, der Friedhof, ihre Einsamkeit. Die Hoffnungslosigkeit, daß Wolfgang zu ihr zurückkommen würde. Die Gewißheit, daß, selbst wenn er es täte, nichts mehr je so sein konnte, wie es gewesen war.

Sie schrak zusammen, als sie angesprochen wurde.

»Leona? Sind Sie das?«

Sie sprang auf und drehte sich um. Hinter ihr stand Robert Jablonski, noch nasser als sie, wenn das überhaupt möglich war. Sie starrte ihn an.

»Mein Gott, ich habe Sie überhaupt nicht kommen hören! Ich hätte Sie hier gar nicht vermutet. Ich dachte, Sie sind in Ascona!«

»Tut mir leid, daß ich Sie erschreckt habe«, sagte er entschuldigend. »Ich dachte, Sie hätten meine Schritte gehört.«

»Der Regen. Er rauscht so laut.«

»Ich habe einen Spaziergang über den Friedhof gemacht, weil es schon gar nicht mehr darauf ankam, wie naß ich noch werde. Jetzt wollte ich zum Schluß noch einmal an Evas Grab.« Er wies auf die Rosen, die Leona direkt unter den Stein gelegt hatte. »Ihre Blumen? Sie sind wunderschön! «

»Ich habe sie geschenkt bekommen, aber ich dachte, Eva sollte sie haben.«

Er nickte. »Ich denke viel an Eva«, sagte er, »sie … ist noch lebendig für mich.«

Sein bekümmertes Gesicht verriet einen Schmerz, den Leona nur zu gut nachempfinden konnte.

Sie wiederholte die Frage, die sie ihm gleich zu Anfang gestellt hatte: »Warum sind Sie nicht in Ascona? Sie leben doch noch dort, oder?«

Er nickte. »Ich habe wegen des Wohnungsverkaufs hier noch ein paar Dinge zu regeln. Ich werde für etwa zehn Tage hiersein. Ich habe mir etwas zum Arbeiten mitgebracht. Ab und zu komme ich gerne her. Ascona ist wunderschön, aber hin und wieder muß ich einfach zurück nach Deutschland.«

»Das kann ich verstehen.«

»Ich hätte Sie fast nicht erkannt«, fuhr er fort, »Sie sehen verändert aus. Hatten Sie nicht noch im Sommer lange Haare?«

Sie strich sich über ihre kurzen Stoppeln. »Ich hatte das Bedürfnis, etwas zu verändern.«

»Ach so.«

Sein Gesichtsausdruck verriet nichts davon, ob er sie vorher attraktiver gefunden hatte. Unschlüssig standen sie einander im Regen gegenüber, und der Wind zerrte an ihren Mänteln.

»Wollen wir irgendwo einen Kaffee zusammen trinken? « fragte Robert.

Leona dachte an ihr leeres, stilles Haus, an den leeren, stillen Sonntagnachmittag, der vor ihr lag.

»Gehen wir«, sagte sie.

 

Mit dem Besitzer des italienischen Restaurants, in dem sie jeder eine Kleinigkeit aßen, unterhielt er sich in fließendem Italienisch, und sie erfuhr, daß er als Übersetzer für verschiedene italienische und deutsche Verlage tätig war.

»Welche Sprachen sprechen Sie noch?« fragte sie.

Er zählte auf: »Englisch natürlich, Französisch, Spanisch. Und ein bißchen Russisch, aber das reicht bei weitem nicht für Übersetzungen.«

»Sie müssen sehr sprachbegabt sein.«

Er nickte stolz. »Es fiel mir immer leicht, Sprachen zu lernen. Ich habe mich nie sehr darum bemühen müssen.«

»Ich bewundere das. Man kriegt so viel mehr mit von der Welt, wenn man auch in anderen Ländern versteht, was um einen herum gesprochen wird.«

Er lächelte. »Das erleichtert vieles, ja.«

Der Kellner brachte ihren Cappuccino. Während er in seiner Tasse rührte, fuhr Robert fort: »Sie arbeiten in einem Verlag, nicht?«

»Ich bin Lektorin. Woher wissen Sie das?«

»Lydia hat es mir erzählt. Sie wissen schon, Evas Nachbarin. «

Leona mußte grinsen. »Sie hat es Ihnen nicht erzählt, Sie haben sie ausgefragt. Sie haben sie gefragt, ob ich verheiratet bin.«

»Ich habe mir doch gleich gedacht, daß man ihr nicht trauen kann«, sagte Robert resigniert. »Sie ist ein entsetzliches Plappermaul.«

»Sie scheint Bernhard Fabiani meine Telefonnummer gegeben zu haben.« Leona berichtete von Bernhards Anruf im September. »Ich habe ihn nicht zurückgerufen, und er hat sich dann auch nicht mehr gemeldet.«

»Wahrscheinlich hoffte er, bei Ihnen landen zu können«, meinte Robert. Er rührte heftig in seiner Tasse, der Kaffee schwappte auf den Unterteller. »Das soll Sie nicht diskreditieren, Leona, aber er versucht es wirklich bei jeder! «

» Er wirkte auf mich gar nicht so.«

»Darauf ist Eva ja auch hereingefallen. Auf seine ruhige, seriöse Ausstrahlung. ›Ein Mann zum Festhalten‹, sagte sie vor der Hochzeit. Nach der Hochzeit redete sie meist ganz anders.«

»Kennen Sie ihn gut?«

»Nicht besonders. Wir hatten nicht allzuviel Kontakt in den Jahren ihrer Ehe. Ich erinnere mich, als sie das erstemal zu mir nach Ascona kamen. Bernhard flirtete mit einer Hotelangestellten, und Eva verlor völlig die Nerven. Sie stand mitten in der Nacht in Tränen aufgelöst vor meiner Wohnungstür. Ich hielt das damals noch für ein einmaliges Vorkommnis. Aber die Fälle häuften sich.«

»Sie sagten einmal, Sie hätten Eva vor ihm gewarnt?«

»Ich hatte ein dummes Gefühl bei ihm. Unglücklicherweise konnte ich es nicht genau definieren, und damit waren all meine Warnungen natürlich wenig überzeugend. «

»Was mich wundert«, sagte Leona, »ist, daß die beiden doch seit vier Jahren geschieden sind. Hat sie denn nach der Trennung immer noch unter seinen Affären gelitten?«

Robert zuckte die Schultern. »Laut Lydia: ja. Eva hat wohl nie aufgehört zu hoffen, es werde wieder alles gut zwischen ihr und Bernhard. Sie hatte schlimme Depressionen. «

»Lydia sagte, die seien besser geworden.« Sie erinnerte sich an den Tag des Unglücks. Lydia hatte damals noch etwas hinzufügen wollen, aber sie waren unterbrochen worden. »Sie deutete an, daß sich seit einem dreiviertel Jahr aber wieder etwas geändert habe.«

»Ich habe das auch nicht so genau mitbekommen, ich war ja zu weit weg. Lydia behauptet, daß sich Bernhard seit einem dreiviertel Jahr wieder verstärkt um Eva bemüht habe. Er hat sie ein paarmal besucht, sie öfter angerufen. Eva war natürlich sofort wieder voller Hoffnung. Aber dann muß es erneut Affären seinerseits gegeben haben, Lügen und Heimlichkeiten und all das Theater, das sie vom ersten Tag an mit ihm durchgemacht hatte. Sie meinte wohl, es nicht noch einmal durchstehen zu können.«

Leona fröstelte unwillkürlich, und das kam nicht von ihren klammen, kalten Kleidern. Vier Jahre Trennung, und Eva hatte sich noch immer nach Bernhard verzehrt.

Hoffentlich geht das viel, viel schneller bei mir, dachte sie.

Robert bestand darauf, für sie beide zu zahlen. Leona fragte ihn, wo er wohne in Frankfurt, und er nannte ihr ein Hotel, das sie nicht kannte.

»Ich begleite Sie nach Hause«, sagte er. »Schließlich regnet es, und im Regen begleite ich Sie immer.«

Sie mußte lachen, und als sie vor die Tür traten, meinte er plötzlich: »Lydia konnte mir meine Frage nicht mit letzter Sicherheit beantworten. Sind Sie nun eigentlich verheiratet? «

 

Wolfgang starrte auf die Windschutzscheibe seines Autos, an der das Wasser in breiten Bächen hinunterlief und jede Sicht hinaus unmöglich machte. Ab und zu drehte er den Zündschlüssel um und betätigte die Scheibenwischer, dann tauchte, wie aus einer verschwommenen Wasserwelt, die Straße vor ihm auf, die Häuser, die Zäune, die kahlen Bäume. Der Regen gurgelte die Rinnsteine entlang. Die Dämmerung schlich schon heran, in den Häusern ringsum flammten die Lichter auf. Nur in Leonas Haus nicht. Es lag leer, verlassen und dunkel im novembertoten Garten.

Er fragte sich, wo sie sein mochte an diesem Sonntag, bei diesem Wetter. Vielleicht besuchte sie jemanden. Aber wen? Er wußte, daß er nicht das mindeste Recht hatte, ärgerlich wegen ihrer Abwesenheit zu sein, und doch war er es – auf eine kindische, unvernünftige Weise. Vielleicht, dachte er, war er aber in Wahrheit ärgerlich auf sich selbst. Warum hatte er nur nicht angerufen, ehe er hierherfuhr? Und dann war er auch noch so blöd gewesen, seinen Schlüssel daheim liegenzulassen. Den ganzen Schlüsselbund, so daß er auch bei Nicole nicht mehr in die Wohnung kam. Nicole war mit einem Fernsehteam unterwegs und würde erst am Abend zurückkehren. Eine idiotische Situation für ihn: ausgesperrt von beiden Frauen, buchstäblich im Regen stehengelassen. Und das alles, weil er dringend ein paar Akten brauchte, von denen er annahm und hoffte, daß sie sich in seinem alten Arbeitszimmer befanden.

Fröstelnd kuschelte er sich tiefer in seinen Mantel. Noch zehn Minuten, dann würde er aufgeben, sich irgendwo eine Zeitung kaufen und die Zeit bis zum Abend in einem Café verbringen.

Ein Scheißsonntag, dachte er.

Er ließ erneut die Scheibenwischer anspringen und sah Leona, die die Straße entlangkam. Sie war nicht allein. Ein Mann begleitete sie, ein großer, gutaussehender Mann, soweit Wolfgang dies in der Eile und aus der Entfernung von etwa fünfzig Schritten beurteilen konnte. Beide hatten sie keinen Schirm und waren patschnaß. Offensichtlich tat dies der guten Stimmung aber keinen Abbruch. Der Mann erzählte irgend etwas, und Leona lachte. Sie wirkte gelöst und unbeschwert.

Sie hatte ihre Haare abgeschnitten!

Stoppelkurz. Die schönen, taillenlangen Haare, die er so an ihr geliebt hatte. Plötzlich kam es ihm vor, als habe sie Abschied von ihm genommen, die Trennung akzeptiert und ein neues Leben angefangen. Die verschlossene Tür, vor der er seit über einer Stunde wartete, erschien ihm nun wie ein Symbol: Der Rückweg war versperrt. Leona hatte den Bruch ebenfalls vollzogen und verwandelte sich in eine Fremde.

Warum tat ihm das so weh?

Nicht der Moment, darüber nachzudenken, entschied er.

Am liebsten hätte er sich davongemacht, hätte die Begegnung mit dem Kerl, der Leona begleitete und sie mit heiteren Erzählungen zum Lachen brachte, vermieden. Aber er hätte an ihnen vorbeifahren müssen, und Leona hätte den Wagen sofort erkannt. Wie hätte er ihr erklären sollen, warum er davonbretterte, sobald er ihrer ansichtig wurde? Es half nichts: Er mußte aussteigen und sich den Dingen stellen.

Er öffnete etwas heftig und abrupt die Wagentür und hätte sie Leonas Begleiter, der gerade die Höhe des Autos erreicht hatte, fast gegen den Bauch geschlagen.

»Passen Sie doch auf«, schimpfte der Fremde.

»Wolfgang, was tust du denn hier?« fragte Leona überrascht.

»Ich brauche ein paar Akten.« Er ignorierte den Fremden, gab Leona einen flüchtigen Kuß auf die Wange. »Und ich habe leider meinen Schlüssel vergessen.«

»Dann kommt erst einmal beide mit rein«, sagte Leona und suchte in ihrer Handtasche nach dem Schlüssel. »Ach, übrigens«, fügte sie rasch hinzu, »dies ist Robert Jablonski. Wolfgang Dorn, mein Exmann.«

Das Wort Exmann hämmerte schmerzhaft in seinem Kopf, als er ihr und dem Schönling – wie er ihn insgeheim titulierte – ins Haus folgte.

 

»Ist er ein Autor von dir?« fragte er, als er endlich mit ihr allein war.

Er hatte die Akten gefunden, die er brauchte und die dennoch diesen verdorbenen Sonntag nicht wert waren. In der Zwischenzeit hatte sich Leona ihrer nassen Kleider entledigt, kurz geduscht, und stand nun im Bademantel im Wohnzimmer. Robert, an dem nach eigenem Bekunden kein trockener Faden mehr war, hatte sich nun ebenfalls unter die Dusche begeben, von Leona fürsorglich gedrängt, um sich »bloß nicht zu erkälten.« Wolfgang überlegte, ob er nun gleich mit einem Handtuch um die Hüften erscheinen und Leona seine kräftige Brust präsentieren würde. Eine außerordentlich intime Situation, fand er.

»Nein, er ist kein Autor«, antwortete Leona nun auf seine Frage, fühlte sich aber offenbar nicht bemüßigt, ihm zu erklären, wer er denn war.

Sie hatte Wolfgang einen Whisky angeboten, den dieser dankbar akzeptiert hatte, und nun standen sie einander mit ihren Gläsern gegenüber. Fremd. Distanziert.

»Wer ist er denn dann?« fragte Wolfgang nach ein paar Momenten des Schweigens, in denen er überlegt hatte, ob er es riskieren konnte, diese Frage zu stellen. Leona hatte jedes Recht, ihn abblitzen zu lassen, und wahrscheinlich würde sie das auch tun.

»Ein Bekannter«, antwortete sie.

»Aha. Mich geht es ja nichts an – aber kennst du ihn gut genug, um ihn mit ins Haus zu nehmen und dann auch

noch … na ja, im Bademantel herumzulaufen?«

Ihre Augen waren voller Spott. »Nanu? So tugendsam und konventionell plötzlich?«

»Das hat weder etwas mit Tugend noch mit Konvention zu tun. Ich weiß ja nicht, wer er ist … aber man muß vorsichtig sein.«

»Ich kann durchaus auf mich aufpassen, Wolfgang.«

»Natürlich.«

Das hatte so abweisend geklungen, daß er wußte, er konnte das Gespräch nicht fortführen. Sie würde ärgerlich werden, wenn er weiterfragte.

»Du hast deine Haare abgeschnitten«, sagte er unvermittelt. »Es steht dir gut.«

Damit zumindest hatte er sie überrascht.

»Du warst doch immer dagegen«, meinte sie.

Er lächelte. »Trotzdem muß ich zugeben, daß es dir steht. Du siehst sehr erwachsen aus.«

»Nicht mehr wie ein kleines Mädchen jedenfalls, zum Glück.«

»Wie ein kleines Mädchen hast du auch vorher nicht ausgesehen. Aber mädchenhaft. Das ist nun völlig verschwunden. «

»Danke.«

»Ja«, sagte Wolfgang und nahm den letzten Schluck aus seinem Glas, »ich werde dann jetzt gehen.«

Wäre sie allein gewesen, er hätte ihr vielleicht gesagt, daß er sich daheim ausgesperrt hatte. Aber so mochte er ihr die Schadenfreude nicht gönnen, und genützt hätte es sowieso nichts: Sie hätte ihm bestimmt nicht angeboten zu bleiben. Sie wollte mit ihrem Verehrer allein sein, wahrscheinlich den Kamin anzünden, ein Abendessen zubereiten.

»Wir müssen endlich wegen des Hauses miteinander reden«, sagte Leona, »und wegen der Scheidung.«

Wolfgang zog die Augenbrauen hoch. »Willst du das jetzt besprechen?«

Robert trat ins Zimmer. Er trug, wie Wolfgang empört feststellte, einen alten Bademantel von ihm, allerdings einen, den er schon vor langer Zeit ausgemustert und von dem er nicht geahnt hatte, daß es ihn noch gab.

»Jetzt fühle ich mich wieder wie ein Mensch«, sagte er.

»Jetzt möchte ich natürlich nicht darüber reden«, sagte Leona hastig, »irgendwann in den nächsten Tagen, okay?«

»Okay. Ich rufe dich an, ja?«

»Ja, ist gut. Robert, nehmen Sie sich doch einen Whisky. Ich begleite Wolfgang nur rasch zur Tür. Er wollte gerade gehen.«

Draußen rauschte noch immer der Regen. Die Straßenlaternen schalteten sich gerade an. Es war schon fast dunkel geworden.

»Erst fünf Uhr«, sagte Wolfgang, »und schon so düster.«

»Jetzt beginnt ein langer, kalter Winter«, meinte Leona.

»Wo hast du ihn kennengelernt?« fragte Wolfgang. Er konnte sich nicht zurückhalten. Er mußte es wissen.

»Über Lydia«, sagte Leona.

Lydia? Der Name sagte ihm nichts. Er runzelte die Stirn. » Wer … «, begann er, aber nun hatte er die Grenze ihrer Geduld überschritten. Sie unterbrach ihn mit scharfer Stimme.

»Wolfgang, hör bitte auf, mir Fragen zu stellen. Das geht dich alles nichts an. Du hast dich aus meinem Leben entfernt. Aus Gründen, die ich nicht verstehen kann, die ich aber akzeptieren muß. Versuche jetzt nicht, hintenherum noch irgendeinen Zugriff auf mich zu behalten. Geh konsequent deinen Weg. Ich gehe meinen.« Sie schloß mit Nachdruck die Tür.

Er stand im Regen, in der einfallenden Dunkelheit und dachte an den Kerl, der seinen Bademantel trug. An Leona, die so erwachsen ausgesehen hatte mit ihren kurzen, nassen Haaren, und zugleich so verletzbar.

Er ging langsam zu seinem Auto.

 

»Alles in Ordnung?« fragte Robert, als sie ins Zimmer zurückkam.

Er hatte sich einen Whisky genommen und stand am Fenster. Wolfgangs alter Bademantel spannte ein wenig an seinen Schultern. Wolfgang hatte diesen Bademantel jahrelang getragen, bis der Stoff ganz dünn geworden war und Leona ihm einen neuen geschenkt hatte. Nun berührte es sie auf eigenartige Weise, das alte Stück wiederzusehen – mit einem anderen Mann darin.

Plötzlich verlegen geworden, sagte sie: »Ich gehe nur rasch nach oben und ziehe mir etwas an.«

Er sah sie an, trat dann auf sie zu und berührte kurz ihren Arm.

»Wäre es Ihnen lieber, wenn ich ginge?«

»Ach was!« Sie lachte unmotiviert, es klang künstlich. »Wir wollten uns doch etwas zu essen bestellen. Außerdem sind Ihre Kleider viel zu naß. Wissen Sie, wie man ein Kaminfeuer anzündet? Dann könnten Sie das im Eßzimmer tun, während ich mich anziehe, und wir werden Ihre Sachen davor zum Trocknen aufhängen.«

Ihr war bewußt, daß sie zu hastig redete, aber es gelang ihr nicht, die Nervosität unter Kontrolle zu bringen. Irgendwie hatte sich mit Wolfgangs Erscheinen alles verändert. Ihre Unbefangenheit war verschwunden. Sie sah die Situation, wie er sie gesehen hatte: ein verregneter Novembernachmittag, sie beide hier im Haus, beide im Bademantel. Er hatte das unmöglich gefunden, das hatte sie gespürt. Und obwohl sie fand, daß er nicht das geringste Recht hatte, sich moralisch zu entrüsten, vermochte sie sich doch nicht gegen das Gefühl von Bedrückung zu wehren.

Robert trat noch näher an sie heran. »Was ist los?« Seine Stimme klang ruhig und mitfühlend.

Sie seufzte. »Nichts. Es ist alles in Ordnung.«

Er neigte sich vor, gab ihr einen raschen, freundschaftlichen Kuß. »Ich ziehe mich jetzt an und gehe in mein Hotel zurück. Es ist besser, wenn Sie ein wenig Zeit für sich selbst haben. Ich werde Sie anrufen.«

Sie war erleichterter, als sie es jemals zugegeben hätte. »Sind Sie denn noch eine Weile hier?«

»Bis Ende des Monats auf jeden Fall. Wir sehen uns bestimmt wieder.«

»Es tut mir leid«, sagte sie leise.

Mit den Fingern strich er ihre kurzen Haarsträhnen hinter die Ohren. »Es muß dir nicht leid tun«, sagte er, ohne Aufhebens vom Sie zum Du wechselnd. »Ich verstehe dich. Nur, weißt du, ich mag dich zu sehr, als daß ich einen Abend mit dir verbringen könnte, während du ständig an einen anderen Mann denkst. Das geht mir zu nahe. Verstehst du das auch?«

Sie nickte. Er lächelte wieder – nie habe ich ein wärmeres Lächeln bei einem Mann gesehen, dachte sie – und verschwand dann die Treppe hinauf, um sich seine nassen Kleider wieder anzuziehen.

Zehn Minuten später verließ er das Haus.

»Du brauchst deine schlechte Laune wirklich nicht an mir auszulassen«, rief Nicole wütend, »ich konnte ja nicht wissen, daß du dich ausgesperrt hattest!«

»Du hast gesagt, du bist um acht daheim. Jetzt ist es zehn«, sagte Wolfgang ebenso wütend.

Er wußte, daß er im Unrecht war, daß er sich wie ein Pascha aufführte, der seiner Frau die Minuten vorrechnete, die sie zu spät nach Hause kam. Aber er brauchte ein Ventil für all die widersprüchlichen, zornigen, aufgeregten Gefühle, die dieser frustrierende Tag in ihm ausgelöst hatte. Nachdem er von Leona fortgegangen war, hatte er sich in ein Café gesetzt und Zeitung gelesen, aber er hatte sich kaum konzentrieren können, und die Minuten waren quälend langsam dahingeschlichen. Um Viertel vor acht hatte er sich auf den Heimweg gemacht – um dann noch geschlagene zwei Stunden im Auto vor dem Haus auf Nicole zu warten, die erst gegen zehn Uhr müde, aber aufreizend gut gelaunt, eintrudelte.

»Nicht einmal dein Handy hattest du eingeschaltet«, murrte er. »Ich habe immer wieder versucht, dich zu erreichen. «

»Also, auch wenn du mich erreicht hättest – ich hätte nichts für dich tun können. Ich kann doch nicht die Dreharbeiten abbrechen und nach Hause fahren, nur weil mein Lebensgefährte den Hausschlüssel vergessen und sich ausgesperrt hat.«

»Natürlich nicht! Dein Beruf geht vor, das ist ja klar! Vor allem am Sonntag! Da soll dein Lebensgefährte doch sehen, wo er bleibt!«

Sie betrachtete ihn kopfschüttelnd und ging in die Küche, öffnete den Kühlschrank, spähte hinein.

»Haben wir irgend etwas zu essen?« rief sie. »Ich sterbe gleich vor Hunger!«

Er folgte ihr, plötzlich erschöpft und beschämt.

»Tut mir leid«, sagte er, »ich wollte dich nicht anfahren. Ich weiß auch nicht, was mit mir los ist!«

Sie drehte sich um und betrachtete ihn prüfend.

»Du hast zum erstenmal seit fast drei Monaten deine Frau wiedergesehen« sagte sie, »das ist wahrscheinlich los!«

»Unsinn!«

»Meine Nachbarin hat einen Wohnungsschlüssel. Extra für solche Fälle. Du hättest ihn dir holen können.«

»Ich wußte das nicht.«

Sie schlug die Kühlschranktür zu und richtete sich auf.

»Was hat dich so aus der Fassung gebracht? Doch nicht die Tatsache, daß du dich ein paar Stunden außerhalb der Wohnung herumtreiben mußtest – auch wenn ich zugeben muß, daß das Wetter heute wirklich ungemütlich ist.«

Einen Moment lang überlegte er, ob er seine Gereiztheit tatsächlich darauf schieben sollte – auf sein langes Warten im schlechten Wetter. Nicole eignete sich kaum als Zuhörerin, was seine Sorgen um Leona betraf. Aber im Augenblick gab es niemanden sonst, bei dem er sich hätte aussprechen können.

»Leona hatte einen Mann bei sich«, sagte er.

Es hörte sich dramatisch und lächerlich an. Er bemerkte das ironische Lächeln, das sich auf Nicoles Züge stahl, und das machte ihn wütend.

»Ich bin nicht eifersüchtig, falls es das ist, was du denkst«, sagte er heftig. »Aber ich mache mir Sorgen. Mir gefiel dieser Mann nicht.«

»Kennst du ihn?«

»Nein. Und ich hatte den Eindruck, daß auch Leona ihn erst kürzlich kennengelernt hatte. Sie redeten einander mit ›Sie‹ an.«

»Vielleicht ist es jemand, mit dem sie einfach beruflich zu tun hat.«

»Nein!« Er schüttelte den Kopf. »Da war etwas … ich kann es nicht beschreiben, aber ich fühle es. Der Kerl ist scharf auf sie. Er gibt sich sehr höflich, sehr zurückhaltend, aber das ist Teil einer Strategie. Er will sie haben. Egal, auf welchem Weg und wie lange es dauert.«

Nicole sah ihn sehr eindringlich an. »Wolfgang, weißt du, daß du dich sehr eigenartig anhörst? Als hättest du den Eindruck, Leona würde von einem Unhold verfolgt, vor dem du sie retten mußt. Du steigerst dich da eindeutig in etwas hinein. Vielleicht will dieser Mann sie haben. Ja, und? Leona ist knapp über vierzig, sie sieht gut aus und ist neuerdings wieder Single. Was erwartest du? Daß alle Männer einen großen Bogen um sie machen, damit sie nur ja ihrem längst daheim ausgezogenen Noch – Ehemann nicht ins Gehege kommen? Und was erwartest du von ihr? Daß sie bis ans Ende aller Zeiten dort in eurem Haus sitzt und sich die Augen ausweint nach dir?«

»Ich will sie nur vor einem Fehler bewahren«, entgegnete er bockig.

Nicole wirkte sehr ernst. »Leona ist kein Kind. Sie ist eine erwachsene Frau, die sehr genau weiß, was sie tut. Sie kann sich einlassen, mit wem sie will und wie weit sie will. Du hast damit nichts mehr zu schaffen.«

»Dieser Typ …«

»… sieht wahrscheinlich ziemlich gut aus und hat echte Chancen bei deiner Frau, und genau das paßt dir nicht. Du hast geglaubt, du fährst an einem Sonntagnachmittag zu ihr, um deine Akten abzuholen, und findest sie einsam daheim beim Lektorieren eines Manuskripts vor oder im kahlen, herbstlichen Garten, wo sie mit ein paar Tränen in den Augen das Laub zusammenrecht. Statt dessen hat sie einen Kerl bei sich und ist guter Dinge. Das hat dich natürlich ziemlich umgehauen, mein Lieber.«

»Das ist nicht wahr. Ich möchte doch, daß Leona wieder glücklich wird. Daß sie nicht allein bleibt.«

Nicole musterte ihn aus klugen Augen. »Wirklich? Möchtest du wirklich, daß sie wieder glücklich wird? Daß sie ohne dich wieder glücklich wird?«

Er wurde ungeduldig. »Natürlich möchte ich das!«

»Im tiefsten Innern«, sagte Nicole, »möchtest du es nicht.«

»O Gott, Nicole, bitte hör auf mit dieser Amateurpsychologie! Leona ist Vergangenheit für mich. Sie kann tun und lassen, was sie will. Wenn sie dabei ihr Glück findet – um so besser! Aber der, den sie da heute bei sich hatte, bringt ihr kein Glück. Eher das Gegenteil!«

Nicole lachte. Sie nahm zwei Gläser und eine Cognacflasche vom Regal, schenkte ein, reichte Wolfgang ein Glas.

»Trink das erst mal. Es ist gut für die Nerven. Und dann entspanne dich. Du kannst im Moment sowieso nichts tun.«

Dankbar trank Wolfgang den Cognac, dankbar registrierte er auch Nicoles unvermindert anhaltende Freundlichkeit. Ihre Gelassenheit war die Eigenschaft gewesen, die ihn von Anfang an zu ihr hingezogen hatte. Er wußte, daß sie auch gereizt hätte reagieren können, nachdem er sie zuerst angeblafft und dann ständig wegen Leona lamentiert hatte. Sie hatte eine großzügige Art, mit derlei Situationen umzugehen, was nicht zuletzt mit ihrem ausgeprägten Selbstbewußtsein zusammenhing.

»Lydia«, murmelte er, »wenn ich nur wüßte, wer das ist!«

Nicole sah ihn fragend an.

»Leona sagte, sie hat diesen Mann über eine gewisse Lydia kennengelernt«, erläuterte er, »und ich überlege nun dauernd … ich habe den Namen schon bei ihr gehört, aber ich kann ihn einfach nicht einordnen.«

»Es wird dir schon noch einfallen«, sagte Nicole etwas kühl. »Ich bin jedenfalls überzeugt, du wirst so lange darüber nachdenken, bis du es weißt.«

Da hast du vermutlich recht, dachte er.

9

Nach dem frühzeitig abgebrochenen Sonntagnachmittag rief Robert einige Male bei Leona an, und diese stellte fest, daß sie sich auf die Gespräche mit ihm freute. Sie erzählte ihm von ihrer Arbeit, und an den Fragen, die er ihr stellte, merkte sie, daß er sich für ihre Berichte interessierte. Seine Kommentare waren klug, witzig oder verständnisvoll, je nach ihrer Stimmungslage. Er traf immer den richtigen Ton, hatte sensible Antennen für ihr Befinden und ihre jeweilige seelische Situation. Leona ging es nicht allzu gut, die Adventszeit begann, machte sie empfindsam und traurig. Nur noch wenige Wochen bis Weihnachten, das wie immer gemeinsam im Haus ihrer Eltern gefeiert werden sollte. Diesmal würde sie nichts von Wolfgangs Arbeitsüberlastung erzählen können, um sein Fernbleiben zu erklären, nicht an Weihnachten. Diesmal mußte sie Farbe bekennen.

Am Abend des zweiten Dezember lud Robert sie ins Kino ein, danach bummelten sie durch die verschneite Stadt, und Robert sagte, daß er nach Ascona zurück müsse, er sei fertig mit der Übersetzung des Buches, das er mit nach Frankfurt gebracht habe. Auf einmal spürte Leona ein überwältigendes Gefühl von Einsamkeit und Verlust und dachte, daß sie ihn nicht fortgehen lassen konnte, nicht jetzt, in dieser furchtbaren, sentimentalen Weihnachtszeit, in der alle Wunden noch mehr schmerzten als sonst. Sie nahm ihn mit nach Hause auf einen Drink, und irgendwann nach Mitternacht war klar, daß sie miteinander schlafen würden.

»Willst du das wirklich?« fragte er zweifelnd, so als fürchte er, sie könne einfach nur vom Alkohol benebelt sein oder einen raschen Ersatz für den Mann suchen, den sie nicht mehr haben konnte. Sie nickte, und selbst wenn ihr Nicken in diesem Moment nicht ganz aufrichtig war, weil es zumindest teilweise ihr Katzenjammer war, was sie in seine Arme trieb, so wußte sie doch wenigstens hinterher, daß es nichts zu bereuen gab und daß von nun an jedes Gefühl, das sie für ihn hegte, aufrichtig sein würde.

 

Er hielt sie im Arm und atmete so gleichmäßig, daß sie schon meinte, er sei eingeschlafen, aber als sie leise seinen Namen sagte, antwortete er sofort und mit klarer Stimme.

»Ja?«

»Mußt du wirklich nach Ascona zurück?«

Er spielte an ihren kurzen Nackenhaaren. »Eigentlich schon. Ich habe ja nichts zum Arbeiten dabei. Und es hat sich bestimmt viel Post angesammelt, vielleicht auch wichtige Sachen.«

Sie drehte sich um und sah ihn an. »Du könntest hinfahren, nach dem Rechten sehen, dir einen Packen Arbeit holen und wieder hierherkommen.«

»Hier ist es aber so kalt im Dezember!«

»Wirklich?« Sie berührte ihn sacht mit den Fingerspitzen. »Findest du es wirklich so kalt?«

»Nein, nicht wirklich«, sagte er leise, und sie fingen wieder da an, wo sie aufgehört hatten.

Später standen sie auf, hungrig und durstig plötzlich, und gingen hinunter in die Küche, wo Leona Rühreier briet und Robert eine Flasche Prosecco öffnete. Es war fast zwei Uhr in der Nacht, und jenseits des Küchenfensters glitten pudrige Schneeflocken zur Erde. Leona zündete alle vier Kerzen des Adventskranzes an, obwohl das natürlich viel zu früh war. In der Küche war es warm, und es roch nach Kerzenwachs und nach getrocknetem Thymian, der, zu kleinen Büscheln gebunden, über dem Herd hing.

»Du hast es wirklich schön hier«, sagte Robert und sah sich um, »ein entzückendes Haus. Es paßt so gut zu dir.«

Er saß ihr mit nacktem Oberkörper gegenüber. Sie konnte den Blick nicht abwenden von seinen Schultern, von seinen Armen. Sein Körper war wesentlich muskulöser als der von Wolfgang, und er war der weit bessere Liebhaber. Leona hätte nicht definieren können, worin genau seine besondere Qualität bestand, aber Tatsache war, daß sie nie zuvor gewußt hatte, wie sich sexuelle Gier anfühlte. Jetzt wußte sie es. Sie hätte auf der Stelle schon wieder mit ihm ins Bett gehen können.

»Wenn dir das Haus so gut gefällt, warum wohnst du dann nicht hier?« fragte sie. »Wenigstens für eine Weile.«

»Weil ich in Ascona wohne, Leona. Weil …«

»Dort ist es jetzt bestimmt auch nicht allzu gemütlich.«

»Nein«, gab er zu, »um Weihnachten kann es ziemlich naßkalt sein.«

»Weihnachten …«, sagte sie, und als sie stockte, vollendete er den Satz: »… sollten wir zusammen verbringen.«

»Ich muß bis zum dreiundzwanzigsten arbeiten«, sagte Leona.

»Du könntest am vierundzwanzigsten nach Ascona kommen.«

Über den Tisch hinweg griff sie nach seiner Hand. »Kannst du das aushalten?« flüsterte sie. »Das wären zweiundzwanzig Tage, bis wir uns wiedersehen.«

Er fiel in ihr Flüstern ein. »Nur noch einundzwanzig! Inzwischen ist der Dritte. Aber es ist trotzdem unmenschlich. «

Sie sah ihn an. Sie wollte ihre Bitte, er solle vorübergehend bei ihr einziehen, nicht wiederholen. Er sollte nicht wissen, wieviel für sie von seiner Entscheidung abhing.

»Ich fahre nach Ascona«, sagte er, »ich hole meine Sachen, sehe meine Post durch und komme dann zurück. Einverstanden?«

»Okay«, antwortete sie leichthin.

Er musterte sie nachdenklich.

»Weißt du«, sagte er, »du hast mir, ehrlich gesagt, mit deinen langen Haaren besser gefallen. Warum nur hast du sie abschneiden lassen?«

Unsicher fuhr sie sich mit allen zehn Fingern über ihre Stoppeln.

»Es mußte einfach sein. Ich … es hing so vieles an diesen langen Haaren. So vieles, was ich loswerden mußte.«

»Ich verstehe das«, sagte er sanft.

Das war das verführerischste an ihm, mehr noch als sein schöner Körper und seine einfühlsame Sexualität: sein unaufdringliches, liebenswürdiges Verständnis, das ohne lange, komplizierte Erklärungen auskam.

»Haare wachsen ja wieder«, meinte Leona.

 

Er reiste ab, und sie hörte fast drei Wochen lang nichts von ihm. Zuerst dachte sie, er werde sie anrufen, wenn er in Ascona angekommen wäre, aber einen endlosen, dunklen Abend lang blieb das Telefon still. Auch am zweiten Abend. Am dritten Abend hielt es Leona nicht mehr aus und rief unter der Nummer an, die er ihr hinterlassen hatte. Sie hörte seine Stimme vom Anrufbeantworter: »Bitte hinterlassen Sie mir eine Nachricht …«

Sie legte den Hörer wortlos auf, zu verärgert, um ihm auch noch einen Beweis zu liefern, daß sie hinter ihm hertelefoniert hatte. Aber als er sich zwei Abende später noch immer nicht gemeldet hatte, sprach sie dann doch auf das Band, dessen unvermeidliche, immer gleiche Ansage sie bereits entsetzlich nervte.

»Hallo, hier ist Leona!« Sie bemühte sich, ihre Stimme kühl und geschäftig klingen zu lassen. »Bist du immer noch nicht angekommen? Melde dich doch bitte kurz, sonst muß ich noch annehmen, es ist etwas passiert!«

Auch darauf kam keinerlei Lebenszeichen.

Am fünfzehnten Dezember mußte Leona für zwei Tage nach London fliegen, um dort einen englischen Literaturagenten wegen verschiedener Lizenzen zu treffen. Robert war jetzt bald zwei Wochen fort, ohne sich gemeldet zu haben, und sie versuchte sich mit dem Gedanken vertraut zu machen, daß sie ihn nie wiedersehen würde. Sie war eine Episode für ihn gewesen, ein flüchtiges Abenteuer, ein Zeitvertreib für den tristen Aufenthalt im novembergrauen Frankfurt. Nun ja, etwas anderes war er für mich auch nicht, versuchte sie sich einzureden, ich brauchte jemanden, um über Wolfgang hinwegzukommen, und da war er gerade recht. Ein paar nette Gespräche, ein lohnender »One-night-stand«. Jeder hat seinen Zweck für den anderen erfüllt.

Aber es stimmte nicht, und im Innern wußte sie das auch. Robert hatte ihr mehr bedeutet, viel mehr. Im nachhinein begriff sie auch, daß das von dem Augenblick an, da sie ihn zum erstenmal gesehen hatte, so gewesen war. Der Funke war übergesprungen zu einem Zeitpunkt, da sie noch nichts davon geahnt hatte.

Aber nun hing sie am Haken, ganz anders als in ihrer langjährigen Ehe mit Wolfgang natürlich, aber verletzbar und angreifbar wie nie zuvor in ihrem Leben. Sie wehrte sich verbissen gegen die Gefühle, die Robert in ihr ausgelöst hatte – und hatte zugleich den beängstigenden Eindruck, daß sie darüber immer heftiger wurden.

Sie war mit William, dem Londoner Literaturagenten, seit Jahren befreundet. William hatte nie einen Hehl daraus gemacht, daß sie ihm gefiel, aber er hatte die Tatsache, daß sie mit Wolfgang verheiratet war, stets respektiert. Er konnte sein Erschrecken nicht verbergen, als er Leona sah.

»Du siehst aber wirklich schlecht aus, Leona«, sagte er, »ich darf dir das so offen sagen, oder? Du hast mindestens zehn Pfund abgenommen und bist richtig grau im Gesicht. «

Es tat Leona gut, sich aussprechen zu können. Sie kannte William lange genug, um offen reden zu können. Sie erzählte vom Desaster ihrer Ehe, von Evas Selbstmord, von der Affäre mit Robert.

»Ich komme mir wie eine Idiotin vor«, sagte sie. »Ich habe mir wirklich eingebildet, Robert sei verliebt in mich. Ich gehöre bestimmt nicht zu den Frauen, die das von jedem Mann glauben, der ihnen auch nur einen zweiten Blick zuwirft. Ich habe mich in dieser Hinsicht eigentlich immer als recht realistisch eingeschätzt.«

William überlegte einen Moment. »Du befindest dich in einer Ausnahmesituation, Leona. Die Trennung von deinem Mann macht dir schwer zu schaffen, was nur zu verständlich ist. Du suchst nach einem Rettungsanker. Das ist keine Schwäche, das würde jeder in deiner Lage tun. Bei dieser krampfhaften Suche nach einem Strohhalm verlierst du deinen klaren Blick. Vielleicht hast du bestimmte Signale von diesem Robert falsch interpretiert.«

»Ich kann mir nicht vorstellen, daß ich mich so täusche«, sagte Leona. »Ich bin doch keine siebzehn mehr! Es ging etwas von ihm aus … ach, es war einfach alles so intensiv zwischen uns!«

»Du hältst es für ausgeschlossen, daß ihm irgend etwas passiert ist, oder?« fragte William nachdenklich. »Ich meine, vielleicht kann er sich nicht melden!«

»Von einem Zugunglück hätte man doch gehört! Ich habe trotzdem bei der Bahn angerufen, aber auf der ganzen Strecke ist seit endlosen Zeiten schon nichts mehr passiert. Wie sollte ihm da etwas zugestoßen sein?«

»Vielleicht erst in Ascona?«

»Zwischen Bahnhof und Wohnung? Ich kann mir das nicht vorstellen!«

»Gibt es irgendwelche Verwandte, Bekannte von ihm, die du anrufen könntest?«

Leona schüttelte den Kopf. »Seine letzte noch lebende Verwandte war seine Schwester, und die ist nun auch tot. Und sonst kenne ich niemanden. Weder Bekannte noch Freunde, noch Arbeitskollegen, keine Verlage, für die er arbeitet … nichts. Ich habe ja noch nicht einmal seine Adresse in Ascona!«

»Du weißt sehr wenig von dem Mann, in den du dich so heftig verliebt hast«, meinte William.

»Ich weiß, das muß alles eigenartig klingen. Aber du mußt die Umstände bedenken. Wir wohnen ja Hunderte von Kilometern voneinander entfernt. Normalerweise wären wir einander nie begegnet. Wir haben uns bei Evas Beerdigung gesehen, beim Ausräumen ihrer Wohnung , und dann wieder, als er für zehn Tage in Frankfurt war. Wie sollte ich viel von ihm wissen? Es ist ja nicht so, daß wir in derselben Stadt leben, uns jeden Tag sehen und miteinander plaudern können!«

»Ihr konntet aber immerhin zusammen ins Bett gehen«, sagte William, und er klang ein wenig vorwurfsvoll und ein wenig verletzt.

Leona sah ihn an. »Ach, William …«

Er hob beide Hände. »Schon gut. Ich will weiß Gott nicht deine Gouvernante spielen, Leona. Laß uns doch mal überlegen: Gibt es wirklich überhaupt keinen Menschen, den du kennst und der auch ihn kennt?«

»Nein. Das heißt …« Leona dachte nach. »Vielleicht doch. Lydia. Sie kennt ihn.«

»Lydia?«

»Ich habe es ja neulich noch zu Wolfgang gesagt. Daß ich Robert über Lydia kennengelernt habe. In gewisser Weise zumindest. Lydia war die Nachbarin von Roberts Schwester. Sie kennt ihn von seinen Besuchen bei Eva.«

»Dann wäre sie ein Anhaltspunkt für dich. Vielleicht kannst du über sie etwas in Erfahrung bringen. Allerdings«, William seufzte, »wenn du wissen willst, was ich wirklich denke: Vergiß diesen Robert! Hake ihn ab! Nimm dir drei Wochen Urlaub und komm über Weihnachten und die erste Januarhälfte zu mir nach England. Ich lade dich in mein Cottage ein. Lange Spaziergänge am Meer und Gespräche mit einem Menschen, der dich kennt und sehr mag und eine Engelsgeduld hat, sind genau das, was du brauchst!«

Leona kannte das Cottage, ein zauberhaftes Haus in Devon, nahe am Meer gelegen. Es müßte Spaß machen, die kleinen Zimmer mit den niedrigen, dicken Deckenbalken weihnachtlich zu schmücken und die Festtage dort mit William und seinen zwei großen Hunden zu verbringen.

»Ich werde mir das überlegen«, versprach sie.

William lächelte resigniert. Er war absolut sicher, daß sie nicht kommen würde.

Als sie wieder daheim war, rief sie Lydia an – nachdem sie monatelang auf deren Botschaften auf dem Anrufbeantworter nicht reagiert und Essenseinladungen, die sie dann und wann direkt erreichten, immer unter dem Vorwand des Zeitmangels abgewimmelt hatte. Wie zu erwarten gewesen war, gab sich Lydia ziemlich verschnupft und war zunächst sehr kurz angebunden, aber letzten Endes war sie zu scharf auf den Kontakt zu Leona, als daß sie ihre abweisende Haltung hätte durchstehen können. Nach zehn Minuten taute sie auf und plauderte schon wieder munter drauflos.

»Sie müssen jetzt wirklich einmal zum Abendessen zu mir kommen, Leona«, verlangte sie. »Ich bin böse, wenn Sie sich wieder herausreden.«

Sie verabredeten sich für Freitag abend. Es war der neunzehnte Dezember, und seit dem Nachmittag schneite es. Als sich Leona abends auf den Weg machte, blieb der Schnee bereits liegen, verlieh dem Stadtviertel den ersten Anstrich von Zuckerbäckermärchen. Er verschluckte die Schritte auf dem Asphalt, dämpfte alle Geräusche. Unter anderen Umständen, in einer anderen Situation hätte Leona die Atmosphäre geliebt.

Lydia hatte ihre kleine Wohnung geschmückt wie einen Weihnachtsmarkt, es gab fast keinen Fleck mehr, an dem nicht eine Kerze oder ein Tannenzweig , ein Engel oder eine Krippenfigur standen. An den Fenstern klebten Sterne aus Stroh und Buntpapier. Vom Plattenspieler dudelten Weihnachtslieder.

Leona fühlte sich ein wenig schuldbewußt, als sie merkte, wieviel Mühe sich Lydia mit dem Essen gemacht hatte; sie mußte fast den ganzen Tag in der Küche gestanden haben. Sie war außer sich vor Freude, weil Leona sie endlich besuchte. Erneut erkannte Leona, wie einsam diese Frau war, wie tragisch Evas Selbstmord für sie gewesen sein mußte. Leona war vor allem gekommen, um etwas über Robert zu erfahren, und nun schämte sie sich dieser Absicht so sehr, daß sie zunächst überhaupt nicht wußte, wie sie davon anfangen sollte.

Glücklicherweise kam Lydia von selbst darauf zu sprechen. Beim dritten Gang – Zanderfilet auf Linsengemüse mit Kartoffeln – kicherte sie plötzlich und neigte sich vertraulich über den Tisch.

»Hat sich eigentlich Robert Jablonski mal bei Ihnen gemeldet? Er hat mich doch gefragt, ob Sie verheiratet sind. Und er wollte Ihre Telefonnummer haben!«

Von der Telefonnummer hat er gar nichts gesagt, dachte Leona. Laut sagte sie:

»Ich habe ihn im November mal getroffen. An Evas Grab.«

»An Evas Grab? Er war hier in Frankfurt?«

»Für zehn Tage ungefähr.«

»Hm.« Lydias Augen verrieten, daß es sie kränkte, nichts davon gewußt zu haben. »Bei mir hat er sich überhaupt nicht blicken lassen. Dabei war ich die beste Freundin seiner Schwester!«

Zu Leonas Leidwesen schwenkte sie in ihrer Verletztheit schon wieder weg von Robert.

»Und Bernhard Fabiani? Der wollte auch Ihre Telefonnummer! «

»Der hat angerufen, ist aber nur ans Band geraten. Ich habe ihn nicht zurückgerufen.«

»Das tun Sie nie«, stellte Lydia, aus eigener Erfahrung schöpfend, bekümmert fest. Dann nahm ihr Gesicht einen verächtlichen Ausdruck an. »Er wollte mit Sicherheit mit Ihnen anbändeln. Das ist wie eine Krankheit bei ihm. Ich glaube, wenn ihm irgendeine Frau entgeht, dann empfindet er das als persönliche Niederlage. Ich habe ihn ja ganz rigoros abblitzen lassen.«

»Bei Ihnen hat er es auch versucht?« fragte Leona überrascht.

»Natürlich. Aber Eva war meine Freundin, verstehen Sie? Für mich kam ein Verhältnis mit Bernhard nicht in Frage.«

Leona betrachtete die dickliche, biedere Frau mit den gelben Locken und dem teigigen Gesicht und überlegte, ob in diesem Fall nicht wohl eher der Wunsch der Vater des Gedankens gewesen war. Lydia hatte nichts an sich, was einen Mann wie Bernhard Fabiani hätte reizen können.

Sie stellte ihr die gleiche Frage, die sie auch Robert schon gestellt hatte.

»Warum hat sich Eva vier Jahre nach der Scheidung so viel aus seinen Affären gemacht?«

»Er hat sie nicht in Ruhe gelassen, daher konnte sie ihn nicht vergessen. Im letzten Dreivierteljahr rief er immer wieder an, tauchte auch öfter hier auf. Damit hat er Eva natürlich Hoffnungen gemacht.«

»Wie oft kam er her?«

Lydia überlegte. »Ein- oder zweimal im Monat. Eva war ganz aufgedreht, wenn sein Besuch bevorstand, ganz euphorisch. Ich habe häufig das Essen gekocht und ihr dann rübergebracht, so daß sie es nur noch warm machen mußte. Eva konnte ja überhaupt nicht kochen, aber ihn wollte sie unbedingt beeindrucken, und es mußte alles vom Feinsten sein.«

»Sie kochen aber auch wirklich hervorragend, Lydia«, sagte Leona pflichtschuldig und dennoch aufrichtig.

Lydia strahlte. »Das hat Eva auch immer gesagt. Wissen Sie, ich bin vor fünf Jahren vorzeitig in Rente gegangen. Wegen meines Bluthochdrucks. Ich hatte nichts mehr zu tun, und das Kochen ist mein Hobby geworden. Es macht mir wirklich Spaß. Bernhard Fabiani soll auch stets sehr angetan gewesen sein. Ich sage immer: Liebe geht durch den Magen.«

»Bei Professor Fabiani hat das wohl dennoch nicht richtig gewirkt.«

»Der kann gar nicht lieben«, behauptete Lydia, »der weiß nicht mal, was Liebe ist. Der wollte Eva auch gar nicht zurückhaben, der wollte nur seinen Einfluß auf sie behalten. Sie war ja eine sehr attraktive Frau. Ich glaube, ihn hat’s gewaltig gewurmt, daß sie sich von ihm hat scheiden lassen. Das hätte er ihr nie zugetraut. Er mußte unbedingt sehen, wieviel Macht er noch über sie hat.« Leona hielt diese Theorie für nicht unplausibel. Psychologisch konnte sie diese Überlegung durchaus nachvollziehen, vermochte sich allerdings nicht vorzustellen, daß sie Lydias Gehirn entsprungen sein sollte.

»Hat Eva das so gesehen?« erkundigte sie sich.

Lydia nickte. »Sie hat sich irgendwann keine Illusionen mehr gemacht. Es war wieder so schlimm, als sei nicht ein Tag seit der Scheidung vergangen. Nächtelang hat sie geweint, das arme Ding!«

»Sie lebten ja nun jeder in einem anderen Stadtteil«, sagte Leona. »Hat sie denn noch so viel mitbekommen von seinen amourösen Aktivitäten?«

Lydia zögerte, aber natürlich konnte sie keine Information für sich behalten.

»Es wäre Eva sehr peinlich, aber Ihnen kann ich’s ja sagen. Sie hat ziemlich hinter ihm herspioniert. Sie ist oft zur Uni gefahren oder zu seiner Wohnung, hat ihn gewissermaßen beschattet. Zwischen ihren verschiedenen Jobs hat sie ja genug Zeit dafür gefunden. Da hat sie ihn immer wieder mit anderen Frauen beobachtet. Es hatte sich nichts geändert.«

»Und sie war immer sicher, daß er mit den jeweiligen Frauen auch ein Verhältnis hatte?«

»Die Situationen waren wohl meist recht eindeutig.«

»Hatte sie eigentlich viel Kontakt mit ihrem Bruder?« fragte Leona gleichmütig. Sie mußte das Gespräch unbedingt wieder auf Robert lenken. »Er hätte ihr doch helfen können.«

»Der wohnte zu weit weg. Er hat sie natürlich immer mal wieder besucht, aber dazwischen lagen lange Phasen, in denen sie einander nicht sahen. Er versuchte sie zu überreden, nach Ascona zu ziehen, aber sie mochte nicht. Ich weiß nicht genau, warum. Sie verstand sich wohl mit seiner Freundin nicht so gut.«

»Kannten Sie die Freundin?«

»Flüchtig. Sie war einmal mit ihm hier. Vor etwa einem Jahr.«

»Sie ist seit eineinhalb Jahren tot«, korrigierte Leona.

»Es kann auch länger hersein, daß sie mit ihm hier war«, meinte Lydia. Sie machte große Augen. »Sie ist tot? Das wußte ich nicht. Wie entsetzlich!«

»Sie ist im See ertrunken. Bei einem Sturm.«

»Warum weiß ich das nicht?« fragte Lydia verletzt. »Ich meine, er hat es doch ganz bestimmt Eva erzählt! Warum hat sie es mir nicht gesagt?«

Leona fand das auch merkwürdig, aber sie dachte sich ihren Teil. Lydia mochte sich als Evas beste Freundin bezeichnen, aber es blieb fraglich, ob Eva das auch so gesehen hatte. Vielleicht hatte sie Lydia vieles nicht erzählt – um sich vor ihren aufgeregten Kommentaren, ihren indiskreten Fragen zu schützen.

»Die Familie zieht offenbar das Unglück an wie ein Magnet, nicht? Ich bringe jetzt den Nachtisch, Leona. Sie müssen mehr essen, Sie sind viel zu dünn!«

Nach Glühwein und Weihnachtsgebäck machte sich Leona auf den Heimweg. Ihr Körper fühlte sich schwer und unbeweglich an, so satt war sie. Es schneite unablässig. Im Schein der Straßenlaternen sah die Welt verzaubert aus. Sie hatte nichts Neues herausgebracht, aber trotzdem war es ein netter Abend gewesen, unterhaltsamer zumindest, als daheim zu sitzen. Sie hatte genug Alkohol getrunken, um die dunklen Fenster ihres Hauses, die leeren Zimmer, das kalte Bett ertragen zu können.

Sie stieß die schwer mit Schnee beladene Gartenpforte auf.

Vor der Haustür stand Robert inmitten eines Berges von Gepäck. Er hatte sich seinen Schal vor das Gesicht gezogen, trampelte von einem Fuß auf den anderen, rieb seine Hände gegeneinander.

»Guter Gott!« Seine Stimme klang dumpf unter der Wolle hervor. »Wo warst du? Ich dachte schon, du kommst überhaupt nicht mehr! Schließ bloß schnell die Tür auf, ich bin schon fast erfroren. O bitte, Leona, schau nicht drein, als sei dir ein Geist erschienen. Schließ die Tür auf!«

 

Erst nach einer Weile begriff Robert, daß Leona wirklich böse auf ihn war. Er hatte seine zwei Koffer und seine Tasche im Flur stehengelassen und fünf prallvolle Plastiktüten in die Küche geschleppt, sie auf den Tisch gewuchtet und mit dem Auspacken begonnen.

»Spaghetti. Olivenöl. Pesto. Rotwein«, zählte er auf. »Alles direkt aus Italien. Für dich! Weißt du was? Ich sterbe vor Hunger! Wie wäre es, wenn ich für uns beide eine gigantische Spaghettimahlzeit kochte?«

Leona war ihm gefolgt, lehnte in der Tür. Sie betrachtete ihn: Er sah gesund aus, fröhlich. Auf seinen dunklen Haaren schmolz der Schnee.

»Ich komme gerade von einem mehrgängigen Menü« sagte sie. »Du mußt schon für dich allein kochen.«

»Schade. Wo warst du denn?«

Er sah sie unbefangen an. Sie hatte sich noch immer nicht von ihrer Überraschung erholt, aber langsam kam sie zu sich.

»Wo ich war?« Ihre Stimme bebte vor Empörung. »Vielleicht könntest du mir erst einmal erklären, wo du warst?«

»In Italien. Da habe ich ja all die Sachen gekauft.«

»In Italien? Du wolltest nach Ascona! Du hattest mir gesagt, daß …«

»Schatz, ich war ja auch in Ascona. Ich habe mir Wäsche, Kleider, Arbeitsunterlagen geholt. Aber dann mußte ich noch nach Mailand zu einem Verlag , für den ich öfter Übersetzungen anfertige. Es gab viel zu besprechen, eine Menge Arbeit … und dann habe ich noch kurz einen Freund in Rom besucht … Himmel, Leona, was ist denn los? Du siehst ziemlich wütend aus.«

Sie explodierte. Schlimm genug, daß er sich drei Wochen lang nicht bei ihr gemeldet hatte, aber nun setzte er all dem noch die Krone auf, indem er gar nicht kapierte, was los war, hier hereinspaziert kam, als sei nichts gewesen, und auch noch anerkennungheischend seine Nudeln und sein Olivenöl auspackte.

»Ziemlich wütend? Ich sehe ziemlich wütend aus? Ich bin sauwütend, Robert, das kann ich dir nur sagen. Was hast du dir eigentlich gedacht? Fährst für ein oder zwei Tage nach Ascona, um nach dem Rechten zu sehen und deine Sachen zu holen, und tauchst dann für zwei Wochen unter! Zwei Wochen! Kein Lebenszeichen von dir, nichts! Gab es keine Telefone in Italien? Keine Möglichkeit für dich, mich anzurufen? Es hätte dich eine Minute gekostet, mir zu erklären, daß dir ein paar Dinge dazwischengekommen sind und daß sich deine Rückkehr verzögert. Kein Problem. Aber du kannst doch nicht einfach nichts sagen!«

Sie war laut geworden in ihrem Zorn. Robert stand mit hängenden Armen vor ihr. Er schien nicht zu wissen, was er erwidern sollte.

Sie ging zum Tisch, fegte mit einer heftigen Bewegung all die Nudelpackungen hinunter auf den Boden. »Kommst hier mitten in der Nacht einfach reingeschneit und meinst, alles ist in Ordnung! Was glaubst du, was mit mir war in den letzten Wochen? Hast du dir das schon einmal überlegt?«

Er sagte immer noch nichts.

»Ich habe mir Sorgen gemacht um dich! Dir hätte ja auch etwas zugestoßen sein können. Mich würde doch kein Mensch benachrichtigen. Ich würde es nie erfahren.«

Er hatte auf den Boden gestarrt, auf die schönen, alten Steinfliesen, die Leonas ganzer Stolz waren. Jetzt hob er den Kopf.

»Es tut mir leid«, sagte er leise.

Leona ließ sich auf einen der Stühle fallen. Plötzlich fühlte sie sich sehr erschöpft. »So geht das nicht«, murmelte sie.

Erschrecken malte sich auf seine Miene.

»Was meinst du? Mit uns geht es so nicht? Du willst Schluß machen?«

»Ich weiß nicht. Auf jeden Fall kannst du nicht einfach sagen, es tut dir leid, und damit ist alles in Ordnung. Du mußt mir erklären, was in dir vorgegangen ist. Was du dir gedacht hast!«

»Nichts«, sagte er schlicht, »ich glaube, ich habe gar nichts gedacht.«

Sie merkte, wie schon wieder die Wut in ihr hochkochte.

»Und das ist in deinen Augen eine Entschuldigung? Du hast eben gar nichts gedacht, und damit ist es in Ordnung? «

»Ich habe mich entschuldigt.«

»Du hast mir nichts erklärt

Er machte eine hilflose Handbewegung.

»Vielleicht … hatte ich irgendwie eine andere Vorstellung. Nicht so von Telefonieren, Anmelden, Abmelden …«

Er brachte es fertig, daß sie sich auf einmal elend fühlte. Spießig. Kleinkariert. Klammerte sie schon zu sehr? Verfiel sie genau in das Fehlverhalten, in das Menschen gerieten, wenn ihr Tun und Lassen nicht mehr von Vernunft und Selbstbewußtsein bestimmt wurde, sondern von Angst und Verletztheit? Der sicherste Weg, einen anderen Menschen zu verlieren …

»Ich habe mir Sorgen gemacht«, sagte sie schwach. Sie hatte vorgehabt, ihn hinauszuwerfen. Aus diesem Haus, aus ihrem Leben. Sie fühlte, daß sie die Kraft dazu nicht finden würde.

Er war sofort neben ihr, ihre Schwäche und seine daraus resultierende Chance witternd, und nahm ihre Hände. Er zog sie vom Stuhl hoch, so daß sie dicht vor ihm zu stehen kam.

»Es passiert nicht mehr, Liebste«, flüsterte er, »ich schwöre, es passiert nicht mehr. Gott, wie habe ich dir das antun können! Natürlich hast du dir Sorgen gemacht. Ich bin ein Egoist, daß ich daran nicht gedacht habe …«

Seine Worte tropften wie Balsam auf ihre wunde Seele. Seine Küsse lösten die Starre, in der sie ihre Wut aufrechtzuerhalten gesucht hatte. Die Erinnerung an die Einsamkeit der letzten Wochen überschwemmte sie. Sie wollte ihn nicht verlieren.

»Ich mach’ dir was zu essen«, flüsterte sie.

Er schüttelte den Kopf, lächelte.

»Ich habe eine viel bessere Idee.«

Sie schloß die Augen.

 

Am vierundzwanzigsten Dezember fuhren sie in Leonas Auto nach Lauberg, in das Heimatdorf Leonas, und dort wurde die überraschte Familie mit zwei Neuigkeiten konfrontiert: mit der Tatsache, daß Leona seit drei Monaten von Wolfgang getrennt lebte, und mit der frohen Botschaft, daß es bereits einen neuen Mann an ihrer Seite gab, Robert, den sie nun auch gleich allen vorstellte. Sie konnte sehen, daß ihre Eltern entsetzt waren über die Trennung von Wolfgang, aber aus Gründen des Taktes mußten sie ihre Kommentare zurückhalten, da sie ihre Verstörtheit natürlich nicht vor Robert zeigen durften.

Erst am Abend, kurz vor der Bescherung , erwischte Elisabeth ihre Tochter allein.

»Warum hast du denn nie etwas gesagt? Seit drei Monaten …«

»Seit dem einundreißigsten August.«

»Ihr wart schon getrennt, als du im September hier warst? Deshalb kam er also nicht mit. Warum hast du uns da belogen?«

»Ich habe euch nicht belogen. Ich konnte nur damals noch nicht darüber sprechen.«

Leona merkte, daß ihre Mutter verletzt war. Sie legte den Arm um ihre Schultern.

»Mami, versteh das doch bitte! Ihr hättet mich alle bemitleidet und euch Sorgen gemacht. Das wäre alles noch viel schlimmer für mich gewesen.«

»Ich hätte nie gedacht, daß es so weit kommen könnte«, murmelte Elisabeth, »du und Wolfgang auseinander … es ist so unfaßbar!«

Glaubst du, für mich nicht? hätte Leona gern gefragt, aber sie schluckte die Bemerkung hinunter. Keine Gereiztheit, ermahnte sie sich, sie ist verstört genug.

»Woher kennst du deinen neuen Verehrer?« fragte Elisabeth, und das altmodische Wort klang eigenartig, wenn man die Intensität bedachte, die ihrer beider Beziehung inzwischen erlangt hatte. Leona hatte beschlossen, nicht zu erwähnen, daß ihre Begegnung mit Robert in Zusammenhang mit dem Selbstmord seiner Schwester stand.

So sagte sie nur: »Ich habe ihn bei einer gemeinsamen Bekannten kennengelernt.«

»Dann ging das ja alles offenbar recht schnell …«

»Ich habe großes Glück gehabt«, sagte Leona.

Ihre Mutter seufzte.

»Hast du was gegen Robert?« fragte Leona sofort.

»Er gefällt mir«, antwortete Elisabeth, »er ist nett und höflich und sieht sehr gut aus. Es ist nur … ich bin noch völlig durcheinander, das mußt du verstehen. Wolfgang war jahrelang mein Schwiegersohn. Ein Teil unserer Familie. Nun ist er plötzlich weg. Mich macht das sehr traurig.«

Leona sah sich in der etwas absurden Situation, ihre Mutter für einen Verlust trösten zu müssen, den in erster Linie sie selbst erlitten hatte. Die Mustertochter hatte dem Lebensgefüge der Eltern einen empfindlichen Schlag versetzt. In Leonas Augen wurde dies jedoch dadurch gemildert, daß sie wenigstens sofort einen Ersatz hatte präsentieren können.

 

Es war alles perfekt: das alte, verwinkelte Haus, geschmückt mit Kerzen und Tannenzweigen; ein großer, glitzernder Baum im Wohnzimmer; Feuer im Kamin; der Geruch nach gutem Essen; Schneeflocken vor den Fenstern. Felix, Carolins Sohn, spielte hingerissen mit seinen neuen Spielsachen. Dany saß behäbig und friedlich in einer Ecke, wiegte leise summend den Oberkörper vor und zurück und schmierte sich Schokoladenlebkuchen ins Gesicht. Carolins Freund Ben hatte zur Feier des Tages ein weißes Hemd angezogen, trank reichlich von dem alten Portwein, den Julius freigiebig ausschenkte, und nervte niemanden mit seinen Theorien zum Verbessern der Welt. Paul und Olivia fehlten im Familienkreis; sie waren in ein Skihotel nach Österreich gefahren. Paul hatte seiner Frau die Reise zu Weihnachten geschenkt, und alle wußten, daß dies sein verzweifelter Versuch war, die marode Ehe zu retten. Elisabeth hatte Leona anvertraut, daß es wegen der Reise heftige Auseinandersetzungen zwischen den beiden gegeben hatte, weil Olivia natürlich nicht ohne Dany hatte fahren wollen.

»Ich habe dann sehr lange mit ihr gesprochen«, sagte Elisabeth, »und ihr erklärt, daß sie diesmal nachgeben müsse. Sie verliert Paul sonst. Ich spüre, daß er das nicht mehr lange mitmacht.«

»Niemand könnte auf Dauer ertragen, was Olivia wegen Dany aufführt«, meinte Leona. »Ich finde, daß Paul ohnehin eine Engelsgeduld bewiesen hat.«

Es herrschte eine angenehmere Atmosphäre im Haus ohne Paul und Olivia. Die Spannungen zwischen den beiden waren stets greifbar und präsent. Jede Sekunde hatte man eine Eskalation zu befürchten.

Carolin schoß mit ihrem Geschenk für Leona den Vogel ab: In einem Korb überreichte sie ihr zwei junge Katzen. Die eine war grau getigert, die andere hatte schwarzes Fell und ein weißes Ohr.

»Für dich«, sagte sie, »du brauchst ein bißchen Leben im Haus. Ich habe sie gerettet. Der Bauer wollte sie umbringen. «

Die beiden Katzen sorgten bei allen Anwesenden für Begeisterungsstürme. Jeder wollte sie streicheln, halten, mit ihnen spielen. Schließlich saß beinahe die ganze Familie einträchtig am Boden, kugelte Tischtennisbälle herum und ließ Bindfäden im Zickzack über den Teppich tanzen. Leona sah einmal auf, zu ihren Eltern hin, die nebeneinander vor dem Kamin saßen. Elisabeth und Julius hatten jeder ein Weinglas in der Hand und beobachteten lächelnd das muntere Treiben zu ihren Füßen, aber es lag auch eine Traurigkeit auf ihren Gesichtern, die Leona einen Stich versetzte. Elisabeth und Julius begannen, an ihrer mühsam errichteten, so lange beharrlich verteidigten Idylle zu zweifeln.

Und ich, dachte Leona, fühle mich schuldig daran.

Sie spürte, daß jemand ihren Arm drückte, und wandte sich um. Robert lächelte ihr aufmunternd zu. Er hatte bemerkt, daß sie für Sekunden in düstere Gedanken abge-taucht war. Dankbar erwiderte sie sein Lächeln. Nie hatte sie einen Mann mit so feinen Antennen erlebt. Wolfgang hätte ihre Stimmungsschwankung nicht bemerkt.

Dafür wäre Wolfgang aber auch nie drei Wochen lang verschwunden geblieben, ohne ihr eine Nachricht zukommen zu lassen. Wolfgang war immer die Zuverlässigkeit in Person gewesen – was ihn schließlich aber nicht gehindert hatte, seine Frau ein halbes Jahr lang zu hintergehen und zu betrügen.

Man durfte einfach nicht vergleichen. Wolfgang und Robert waren zwei völlig verschiedene Männer. Robert, entschied Leona, war ein Künstler. Ein wenig undiszipliniert, leichtfertig, schwer in ein System einzuordnen. Es hatte nichts zu bedeuten, wenn er drei Wochen lang vergaß anzurufen. Er war eben so. Leona spürte an diesem Heiligabend eine völlige Bereitschaft, ihm zu verzeihen und die Geschichte für immer abzuhaken.

Die Inszenierung des Weihnachtsmärchens bewahrte ihren Zauber für die nächsten Tage. Es wurde immer kälter, und immer wieder schneite es. Leona ging mit Robert in den silberweißen Wäldern spazieren und zeigte ihm all die Orte und Plätze, die ihr in der Kindheit etwas bedeutet hatten: den Weiher im Dorf, auf dem sie Schlittschuh gelaufen war; die Zwergschule, in die sie während der ersten vier Schuljahre gegangen war; den Baum im Wald, auf dem sie mit ihren Freunden ein Baumhaus gebaut hatte; die Kirche, die sie mit ihren Eltern und Schwestern jeden Sonntag besucht hatte.

Sie gingen zu dem Moorsee im Wald, in dem Leona schwimmen gelernt hatte. Er war jetzt mit einer dünnen Eisschicht bedeckt. Die Dämmerung kroch gerade über die verschneiten Baumwipfel. Ein letztes diffuses Licht erhellte die Lichtung. Schwere Wolken kündeten von neuem Schneefall.

»Jetzt kennst du meine Kindheit«, sagte Leona, und ihr war ganz eigenartig und feierlich zumute, »alles, was wichtig war. Alles, was mir für immer etwas bedeuten wird.«

Er sah sich um. »Eine Idylle«, bestätigte er, »eine vollkommene Idylle.«

»Meine Eltern haben lange nach diesem Ort, nach diesem Haus gesucht«, erklärte Leona, »obwohl die Ära noch gar nicht angebrochen war, waren sie so etwas wie die ersten Blumenkinder. Sie suchten die Natur, den Frieden. Meine Mutter war wie eine Katze, die ihre Jungen an einen Platz bringt, an dem ihnen keine Gefahr droht.«

Robert lächelte. »Diesen Platz gibt es nicht«, sagte er, »nicht auf dieser Erde jedenfalls.«

»Sie glaubten ihn hier gefunden zu haben.«

Es war typisch für Robert, daß er die Probleme bereits erkannt hatte.

»Aber manches holte sie auch hier ein, nicht? Sie konnten die Idylle nicht bewahren.«

»Es ging erstaunlich lange gut«, sagte Leona.

Sie blickte auf die Eisfläche zu ihren Füßen, auf der sich kreischend ein paar große, schwarze Krähen niedergelassen hatten. Ein Entenschwarm stob mit erschrecktem Flügelschlagen aus einem nahen Gebüsch.

»Die erste wirkliche Tragödie, die uns ereilte, war Danys Geburt. Als feststand, daß sie behindert war.«

»Das hätte keine Tragödie werden müssen.«

»Es ist eine geworden, so wie Olivia damit umgeht. Sie rennt vierundzwanzig Stunden am Tag um dieses Kind herum, läßt es über Wochen hinweg wegen aller möglichen psychosomatisch bedingten Krankheiten von der Schule beurlauben und zerstört sich bei all dem Stück um Stück selbst.«

»Sie liebt Dany sehr, nehme ich an.«

»Sie gibt sich vor allem die Schuld an allem, da liegt der springende Punkt. Damit wird sie nicht fertig.«

»Aber …«

»Das Schlimme ist, daß sie wohl wirklich nicht schuldlos ist«, sagte Leona. »Sie ist damals viel zu spät ins Krankenhaus gegangen, weil sie unbedingt einen Artikel für die Zeitung fertigschreiben wollte, für die sie arbeitete. Das war typisch für Olivia zu dieser Zeit. Sie brannte vor Ehrgeiz. Jedenfalls kam es dann zu Komplikationen, und das Kind war wohl für eine zu lange Zeitspanne ohne Sauerstoff. Jetzt ist Dany schwerstbehindert, und Olivia versucht zu büßen, indem sie für das Kind ihr Leben ruiniert.«

»Die Familie kann ihr da wohl nicht helfen.«

»Wir haben uns alle schon den Mund fusselig geredet. Olivia will nicht einsehen, daß sie mit ihrem Verhalten ja auch Dany schädigt. Unter der professionellen Anleitung ausgebildeter Pädagogen in einem Heim könnte Dany bestimmt manches lernen, was ihr das Leben erleichtert. Sie würde gefordert werden, anstatt abwechselnd stumpf oder aggressiv vor sich hin zu vegetieren. Was Olivia jetzt tut, indem sie sie völlig abgeschottet im Schoß der Familie aufwachsen läßt, ohne Disziplin und ohne Aufgaben, verhätschelt von ihr und Elisabeth – das ist das eigentliche Verbrechen an diesem Kind.«

»Wie alt ist Dany jetzt?«

»Dreizehn. Selbst wenn Olivia es sich jetzt noch anders überlegen würde, hätte sie die kostbarsten Jahre schon vertan. Aber sie wird es sich nicht anders überlegen.«

Er nickte nachdenklich. Die Dämmerung vertiefte sich rasch. Es wurde kälter, und ein paar Schneeflocken wirbelten schon durch die Luft.

»Und Carolin, unsere Jüngste, ist auch ein Problemkind«, fuhr Leona fort. »Sie bestand immer nur aus geballter Opposition, solange ich denken kann. Ich war der einzige Mensch, der überhaupt etwas Einfluß hatte, an den sie sich wandte mit all den krausen Ideen, die in ihrem Kopf herumspukten. Sie hat dieses Dorf gehaßt, die Menschen, die Idylle.«

»Aber sie ist hiergeblieben.«

Leona lachte. »Ironie des Schicksals. Über all dem Demonstrieren, Protestieren, Opponieren hat sie völlig vergessen, sich um so banale Dinge wie einen Schulabschluß zu kümmern. Jetzt kann sie nicht weg von daheim, weil sie keine Ahnung hat, wovon sie und ihr Kind leben sollen.«

»Und ihr Freund schmarotzt sich bei deinen Eltern durch.«

»Freund Nummer zweihundert. Sie liest die eigenartigsten Typen auf, schleppt sie ins Haus, läßt sie eine Weile durchfüttern und trennt sich wieder von ihnen. Ben hält sich schon erstaunlich lange. Letztlich wird er aber genauso in der Versenkung verschwinden wie alle seine Vorgänger. «

Robert wandte sich ihr zu und nahm ihre beiden Hände in seine.

»Dann bist du also die gute Tochter!«

Leona verzog das Gesicht. »Mehr oder weniger. Zur Zeit eher weniger. Die Trennung von Wolfgang hat meine Eltern ganz schön geschockt. Ich war doch das Vorzeige-Kind. Das Kind, bei dem ihre Saat aufgegangen ist.«

»Du bist eine attraktive, erfolgreiche Frau, Leona. Und die bleibst du auch – mit oder ohne Wolfgang. Dir ist da eine Sache im Leben schiefgegangen – na und? Jetzt hast du mich. Und ich werde dich nie verlassen. Hier«, er kramte in der Tasche seines Mantels und zog ein kleines Päckchen hervor, »hier habe ich noch ein Weihnachtsgeschenk für dich.«

»Das geht nicht«, protestierte Leona, »du hast mir schon so viel geschenkt!«

»Pack es aus!«

Sie mußte ihre Handschuhe ausziehen, um die Schleife zu lösen und das Papier zu entfernen. Eine kleine, dunkelblaue Schmuckschachtel kam zum Vorschein. Sie öffnete sie. Auf blauem Samt glänzte ein goldener Ring. Statt eines Steins trug er ein kleines geschwungenes R aus Weißgold.

»Wie schön«, flüsterte Leona.

Robert nahm den Ring aus der Schachtel, zog Leonas rechte Hand zu sich heran und steckte ihr vorsichtig den Ring an den Finger. Er paßte wie maßgefertigt.

»Ich möchte, daß du ihn immer trägst, Leona. Tag und Nacht. Er ist ein Pfand unserer Liebe. Er bindet uns für alle Zeiten unlösbar aneinander.«

»Natürlich werde ich ihn immer tragen! Wo hast du ihn nur her?«

»Aus Italien.« Er lächelte. »Ich habe ihn extra anfertigen lassen. Das hat einige Zeit gedauert, deshalb war ich so lange fort.«

Und sie hatte ihn mit Wut und Vorwürfen empfangen bei seiner Rückkehr! Auf einmal schämte sie sich. Kleinlich und engstirnig hatte sie sich benommen …

»Es tut mir leid«, murmelte sie.

Inzwischen war es schon so dunkel geworden, daß sie sein Gesicht nur noch schemenhaft erkennen konnte. Aber er schien wieder zu lächeln.

»Nichts«, sagte er, »gar nichts muß dir leid tun. Sei einfach glücklich, daß wir zusammen sind. Daß wir einander gefunden haben.«

Er nahm ihren Kopf in beide Hände. Seine Finger gruben sich in ihr Haar.

»Ich liebe dich«, flüsterte er.

»Ich liebe dich auch«, sagte Leona.

»Es ist so schön«, murmelte er, »deine Haare werden wieder länger.«

Er sagte das in dem gleichen Ton, in dem er »Ich liebe dich« gesagt hatte, und Leona brauchte einen Moment, um den Themenwechsel nachvollziehen zu können. Ihre Haare?

Sie wich etwas zurück. Weiße Atemwölkchen quollen zwischen ihren beiden Gesichtern.

»Meine Haare? Liegt dir so viel daran?«

Sein Nicken konnte sie nur ahnen.

»Sie waren so schön. Sie waren das, worin ich mich zuallererst verliebt habe. Golden und glänzend, über deinen ganzen Rücken flossen sie …«

»Weißt du, Robert«, sagte sie, auf sein Verständnis vertrauend, »ich bin mir nicht sicher, ob ich die Frau mit den langen Haaren jemals wieder sein kann. Es ist … irgendwie scheint es mir nicht mehr passend. Ich weiß gar nicht genau, ob ich sie wieder wachsen lassen will.«

»Du tust es für mich«, sagte Robert.

Er schien dies für einen ausreichenden Grund zu halten.

Und den ganzen Abend lang dachte Leona über diesen Satz nach.

10

Eigenartig, wie sehr sie ihre Schwester vermißte. Wenn Vater tot ist, dachte Lisa, bin ich die letzte Überlebende dieser Familie.

Diese Vorstellung hatte etwas Erschreckendes für sie, rief in ihr die Assoziation mit dem letzten Passagier auf einem sinkenden Schiff wach. Einsam, verlassen, völlig auf sich gestellt, den unberechenbaren Elementen ringsum preisgegeben.

Mein Leben ist kein untergehendes Schiff, sagte sie sich wieder und wieder, und um mich herum tobt nicht ein alles verschlingendes Meer!

Aber letzten Endes sahen genau so die düsteren Empfindungen in ihrer Seele aus, und es gelang ihr nicht, sie durch Vernunft und Sachlichkeit zu vertreiben.

Anna war nie da, wenn ich sie brauchte! Die ganzen letzten Jahre mußte ich mit allem allein fertig werden! Es macht für mich überhaupt keinen Unterschied, ob sie lebt oder tot ist.

Aber es machte einen Unterschied. Einen idiotischen, unvernünftigen, unerklärbaren Unterschied.

Weil eine Schwester in Südamerika etwas anderes ist als eine tote Schwester, dachte Lisa.

In den naßkalten, grauen Januartagen des neuen Jahres ging es ihrem Vater immer schlechter. Ohnehin nur noch ein Schatten seiner selbst, magerte er nun weiter ab. Hohlwangig und hohläugig lag er in seinem Bett. Meist fehlte ihm die Kraft, sich bis ins Bad zu schleppen, dann mußte ihn Lisa im Bett mit einem Lappen waschen und ihm sein Essen – warme Babynahrung aus Gläsern – mit einem Löffel füttern. Oft genug behielt er die klägliche Mahlzeit nicht bei sich. Manchmal kam Lisa nicht rechtzeitig, um ihm den Kopf zu halten, dann erbrach er sich über Kissen und Decken, und sie mußte ihn in den Sessel schaffen, um das Bett frisch beziehen zu können. In solchen Dingen war Benno eine segensreiche Hilfe gewesen, und oft genug sehnte sie ihn zurück, aber dann dachte sie an das Geld und wußte, daß es ohne ihn gehen mußte.

Früher hatte sie ihren Vater während all der Hilfeleistungen, die sie trotz Bennos Anwesenheit noch selbst hatte ausführen müssen, insgeheim und ohne schlechtes Gewissen gehaßt. Sie hatte es ihm persönlich übelgenommen, daß er krank geworden war, hatte sein Gejammer verachtet, sein Stöhnen und Seufzen, sein Sich-gehen-Lassen. Und hatte Pläne geschmiedet, ganz für sich, für die Zeit danach. Jeden Tag war ihr etwas eingefallen. Das Leben sollte sie entschädigen für die verlorenen, verdüsterten Jahre.

Lisa wußte, daß sie einen entscheidenden Trumpf besaß: ihr Aussehen. Die Dorfjungen hatten schon immer begehrlich hinter ihr hergeschaut, aber auch die »richtigen« Männer wandten die Köpfe nach ihr um, wenn sie, was selten genug geschah, nach München fuhr und in Minirock und Stöckelschuhen die Straße entlangging. Aber neben der Schönheit stellte natürlich auch ihre Jugend ihr Kapital dar, und diese war ein höchst vergänglicher Faktor. Deshalb hatte sie manchmal gedacht: Wenn er schon stirbt, dann dauert das hoffentlich nicht mehr so lange. Sonst bin ich ja alt und grau, und kein Mann sieht mich mehr an.

Alt und grau zu sein begann für Lisa spätestens mit dem dreißigsten Lebensjahr, und sie war nun immerhin schon zweiundzwanzig.

Doch das hatte sich mit Annas Tod verändert: Sie fieberte nicht mehr auf das Ende des Vaters hin, im Gegenteil, sie hatte Angst davor. Der Optimismus, mit dem sie in die Zukunft gesehen hatte, war Furcht und Beklemmung gewichen. Und einer harten, realistischen Einschätzung ihrer Situation: Sie hatte nichts, wenn Vater nicht mehr lebte. Keinen Menschen mehr. Kein Geld. Keinen Beruf. Ihr würde nur das Haus bleiben, aber auf dem lag eine Hypothek, von der sie keine Ahnung hatte, wie sie sie abbezahlen sollte. Sie würde verkaufen müssen, und nach Begleichung der Schulden würde ihr nur ein lächerlich geringer Betrag bleiben.

In den letzten Januartagen erhielt Lisa schließlich einen Anruf, der ihr unerwarteterweise ein paar Informationen über ihre Schwester zuspielte. Das Telefon klingelte, als sie ihrem im Bett sitzenden, vom Brechreiz geschüttelten Vater die Zähne putzte. Er konnte kaum das Wasserglas zum Mund führen, spuckte kraftlos in die Schüssel, die sie ihm hielt. Zahnpastaschaum und Blut durchsetzten das Wasser … Sein Zahnfleisch war überall entzündet, platzte auf unter den Borsten der Bürste.

»Du mußt eine weichere kaufen«, murmelte er.

»Das ist die weichste, die es gibt. Tut mir leid, wenn sie dir weh getan hat.«

Sie stellte die Schüssel weg und lief in den Flur, wo das Telefon schon zum achtenmal schrillte.

»Heldauer«, meldete sie sich.

»Frederica Hofer«, meldete sich eine fröhliche Frauenstimme. »Ist Anna zufällig zu sprechen?«

Lisa schluckte. »Nein.«

»Oder wissen Sie, wo ich sie erreichen kann?«

»Wer spricht denn da?«

»Ich bin eine Bekannte von Anna. Wir haben uns vor einem Jahr in Spanien im Urlaub kennengelernt. Ich wollte mich jetzt einfach wieder einmal bei ihr melden.«

In Spanien! Vor einem Jahr war Anna in Spanien gewesen. Nicht in Südamerika.

»Sie hat Ihnen diese Nummer hier gegeben?« wollte Lisa wissen.

Die Frau am anderen Ende der Leitung wirkte nun etwas irritiert.

»Ja. Stimmt etwas nicht? Ist das nicht die Nummer von Anna Heldauer?«

Lisa räusperte sich. »Anna … meine Schwester ist tot.«

Schweigen. Dann sagte die andere entsetzt: »O Gott!«

Lisa fuhr rasch fort: »Anna ist vor sechs Jahren von uns weggegangen. Sie wollte nach Südamerika. Wir haben keine Ahnung, wo sie die ganze Zeit über war.«

»Das ist ja furchtbar! Wie … ich meine, woran ist sie denn gestorben?«

»Sie wurde ermordet. Im Wald bei unserem Dorf.«

Die Anruferin mußte diese Information erst einmal verdauen und schwieg wiederum für einige Sekunden. Lisa überlegte unterdessen, weshalb ihre Schwester einer Urlaubsbekanntschaft, die sie offenbar gern einmal hatte wiedersehen wollen, die Telefonnummer ihrer Familie in Deutschland gegeben hatte, bei der sie zu dem damaligen Zeitpunkt schon längst nicht mehr gewohnt hatte.

»Hat meine Schwester Ihnen denn gesagt, wo sie wohnt?« fragte sie.

»In … ich weiß nicht mehr, wie das Dorf heißt, irgendwo bei Augsburg.«

Sie hatte nicht nur die Telefonnummer, sie hatte auch die Adresse von daheim angegeben. Sie mußte schon vor einem Jahr vorgehabt haben, wieder nach Hause zu kommen.

»Wo wohnen Sie denn?« fragte Lisa.

»In München. Deshalb dachte ich, man könnte sich doch einmal treffen. Ich hatte ja keine Ahnung , daß sie … das ist wirklich entsetzlich! Weiß man, wer es getan hat?«

»Die Polizei tappt im dunkeln.«

Genaugenommen wußte Lisa nicht, ob die Polizei überhaupt noch mit der Aufklärung des Verbrechens beschäftigt war oder den Fall längst zu den Akten gelegt hatte. Sie hatte lange nichts mehr gehört.

»Also, das tut mir alles wirklich sehr leid«, sagte Frederica, aber ehe sie sich verabschieden und den Hörer auflegen konnte, sagte Lisa schnell: »Hören Sie, Frau Hofer, ich würde mich gern mit Ihnen treffen. Für mich sind Sie im Augenblick der einzige Mensch, der mir etwas über meine Schwester erzählen kann. Hätten Sie irgendwann einmal ein oder zwei Stunden Zeit für mich?«

»Oh, ich weiß aber kaum etwas.«

Frederica klang äußerst unbehaglich. Nachdem sie sich von ihrem ersten Schrecken erholt hatte, schien sie bestrebt, sich in keinerlei Unannehmlichkeiten hineinziehen zu lassen.

»Wie gesagt, es war eine kurze Urlaubsbekanntschaft …«

Du weißt mehr, als du zugibst, dachte Lisa, eure Bekanntschaft war immerhin intensiv genug, daß du Anna ein Jahr später anzurufen versuchst.

»Ich bin wegen meines kranken Vaters ziemlich unbeweglich, aber ich könnte trotzdem versuchen, zu Ihnen nach München …«

Klick! Frederica hatte ohne ein weiteres Wort aufgelegt.

»Dumme Kuh!« sagte Lisa laut und inbrünstig und legte ebenfalls auf.

Sie starrte den Telefonapparat an, als könne er auf wundersame Weise mit weiteren Neuigkeiten herausrücken. Frederica Hofer.

Sie notierte den Namen auf einem Notizblock, malte nachdenklich ein paar Kringel darum. Über Auskunft oder Telefonbuch müßte herauszubekommen sein, wo diese Frau wohnte. Dann konnte man sie einfach aufsuchen. Wenn sie, Lisa, erst vor ihrer Tür stand, bliebe ihr nichts übrig, als sich den Fragen zu stellen.

Der letzte Mensch, den ich kenne, der mit Anna gesprochen hat, dachte Lisa, und ein Schauer lief über ihren Rücken.

Anna war vor einem Jahr in Spanien gewesen. Verglichen mit Südamerika erschien das Lisa ganz nah, fast um die Ecke. Wie war Anna gewesen? Fröhlich, glücklich, gesund? Hatte sie von ihrer Familie gesprochen?

Tausend Fragen brannten in Lisa. Kurz überlegte sie, ob sie Kommissar Hülsch anrufen sollte, doch verwarf sie diesen Gedanken gleich wieder. Die Polizei würde versuchen, Frederica aufzuspüren und zu befragen, und Lisa würde vermutlich keinerlei Informationen bekommen. Oberstes Anliegen der Polizei war es, Annas Mörder zu fassen. Auch Lisa wünschte, den Kerl hinter Schloß und Riegel zu wissen. Aber für sie ging es zudem um viel mehr: nämlich darum, eine sechs Jahre lang verschollene Schwester wiederzufinden. Sie neu kennenzulernen, sich ihr zu nähern. Die winzige Quelle, die sich ihr nun aufgetan hatte, würde sie nicht preisgeben. Nicht, bevor sie sie nicht ausgeschöpft hatte.

»Lisa!« rief ihr Vater mit zittriger Stimme aus seinem Zimmer.

Sie seufzte. »Ich komme schon.«

Ihm würde sie auch nichts sagen. Er würde es sowieso nicht begreifen. Und ihn beschäftigte ohnehin nur noch sein eigener Tod.

11

Ende Januar fiel es Wolfgang endlich ein, wer Lydia war. Nicht, daß er die ganze Zeit darüber nachgegrübelt hätte. Aber irgendwo in seinem Hinterkopf hatte das Rätsel immer herumgespukt.

Natürlich hatte er nicht gewagt, in Nicoles Anwesenheit noch einmal davon zu sprechen. Keinesfalls wollte er erneut in Verdacht geraten, eifersüchtig zu sein. Aber dann brachte ihn ausgerechnet Nicole auf die richtige Fährte, als sie ihm erzählte, sie wolle in der ersten Folge ihrer im März startenden Talkshow Menschen befragen, die bereits einmal versucht hatten, sich das Leben zu nehmen. Sie sollten Auskunft über ihre Motive geben, über ihre Gefühle vor und nach dem gescheiterten Versuch.

Als er ›Selbstmord‹ hörte, durchzuckte es ihn.

»Natürlich!« sagte er. »Das ist es. Lydia! Die Nachbarin von dieser Selbstmörderin!«

Nicole sah ihn ein paar Momente lang verständnislos an, dann begriff sie und begann zu grinsen.

»Du denkst ja immer noch darüber nach! Du kommst nicht darüber hinweg, daß deine verlassene Ehefrau einen anderen hat. Meine Güte, Wolfgang, du bist wirklich ein hartnäckiger Fall!«

Er antwortete nicht darauf. Hätte er sich verteidigt, es hätte sie nur in ihrer Vermutung bestärkt, daß er von Eifersucht umgetrieben wurde. Er war nicht eifersüchtig. Aber er hatte Leona verlassen, und in ihrem Kummer mochte sie nun Fehler machen. Es war seine Pflicht herauszufinden, ob mit ihrem ominösen Verehrer alles in Ordnung war.

 

Leona fing an, sich selbst wieder als Ganzes zu empfinden. Nach der Trennung von Wolfgang war es ihr vorgekommen, als sei sie nur noch ein halber Mensch. Leer und ausgebrannt war sie herumgelaufen, hungrig und frierend. Nun wurde ihr wieder warm, und die Leere begann sich zu füllen.

So düster und kalt der Januar zu Ende ging, so naß und neblig der Februar begann – es gab Leona Freude und Kraft zurück, wenn sie abends durch den Schneematsch nach Hause lief und schon von weitem die hellerleuchteten Fenster ihres Hauses sah. Warm und anheimelnd fiel der Schein in die spätwinterliche Dämmerung. Wenn sie die Tür aufschloß, konnte sie schon riechen, daß Robert beim Kochen war. Er kam ihr entgegen, nahm ihr den Mantel ab, küßte sie, strahlte, weil sie endlich zurück war. Im Wohnzimmer spielte Musik, im Eßzimmer brannte der Kamin, und der Tisch war sorgfältig gedeckt. Dolly und Linda, die beiden Katzen, lagen schlafend in irgendwelchen Sesseln, räkelten sich und schnurrten, wenn Leona zu ihnen kam und sie streichelte. Auf Leonas kleinem, altem Sekretär im Wohnzimmer stand Roberts Schreibmaschine, daneben türmten sich Papierberge. Robert übersetzte ein Mammut-Manuskript aus dem Italienischen ins Deutsche, für einen kleinen Verlag, von dem Leona noch nie gehört hatte und der sich noch aus DDR-Zeiten in den neuen Bundesländern gehalten hatte.

»Kann so ein Mini-Verlag denn eine so langwierige Übersetzung bezahlen?« hatte sie Robert einmal erstaunt gefragt. Robert war ein wenig verlegen geworden.

»Sie können fast nichts bezahlen«, sagte er schließlich, »aber ich konnte trotzdem nicht nein sagen. Dieses Buch wird nie ein Bestseller, aber es hat eine so wunderbare Sprache, eine solche Feinheit in der Erzählweise, daß ich verrückt danach war, es zu übersetzen. Nenne es hoffnungslos idealistisch … auf diese Weise wird aus mir natürlich nie ein wohlhabender Mann!«

Wie anders er doch war als Wolfgang, fand Leona. Wolfgang hätte nie einen Finger krumm gemacht für etwas, wofür er nicht angemessen bezahlt wurde. Sie sah sich wieder einmal in ihrer Überzeugung bestätigt, daß Robert ein Künstler war. Geld war für ihn eine Nebensächlichkeit. Er würde mindestens drei Monate an dem Buch arbeiten müssen – für den berühmten Apfel und das Ei. Leona liebte ihn dafür.

Er war knapp bei Kasse, wie er sagte, bot aber trotzdem an, die Ausgaben für Essen, Trinken, Strom und Wasser mit ihr zu teilen. Sie wußte, daß ihm das schwerfiel, und lehnte sein Angebot ab.

»Das kommt nicht in Frage. Du kümmerst dich ja hier schon um alles, hältst das Haus sauber, kochst und kaufst ein. Da werde ich die paar Lebensmittel wohl noch bezahlen können.«

Sie verschwieg, daß sie das nur deshalb konnte, weil Wolfgang noch immer seinen Anteil an Zinsen und Tilgung für das Haus überwies. Sie akzeptierte dies, weil die Alternative der Verkauf gewesen wäre, und davor schreckte sie noch immer zurück.

Nur einen Sommer noch, dachte sie manchmal, nur einen Sommer noch in meinem wunderschönen Garten.

Robert arbeitete hart, wenn er nicht gerade Reparaturen im Haus durchführte, die Katzen zum Tierarzt brachte oder einkaufte. Während er übersetzte, ließ er den Anrufbeantworter laufen und ging nicht ans Telefon.

»Ich kann mich sonst nicht konzentrieren«, erklärte er.

Leona verstand und respektierte dies, aber manchmal rief sie doch an und sprach ihm ein paar liebevolle Worte aufs Band, für die er sich später stets freudig bedankte.

Eines Abends, Anfang Februar, wirkte er während des Essens etwas bedrückt, und als sie ihn darauf ansprach, sagte er zögernd: »Ich dachte nur heute darüber nach … ach, es ist wahrscheinlich dumm von mir, damit anzufangen …«

»Nein, sag doch, worüber dachtest du nach?«

Er sah sie an. »Über deine Scheidung. Deine Scheidung von Wolfgang. Es scheint mir, als geschehe gar nichts in dieser Richtung.«

»Oh …«, machte Leona überrascht.

Sie hatte nicht erwartet, daß sich Robert darüber Gedanken machte.

»Ich will mich natürlich nicht in deine Angelegenheiten einmischen«, fuhr Robert fort, »aber ich hatte gehofft, daß du jetzt … ich meine, jetzt, da wir zusammen sind … daß du entsprechende Schritte einleitest …«

Leona überlegte, weshalb sie das nicht längst getan hatte. Wolfgang lebte inzwischen seit fast einem halben Jahr von ihr getrennt. Es wurde Zeit, die Scheidung voranzutreiben, nachdem sie beide mit anderen Partnern liiert waren. Warum hatte Wolfgang in dieser Richtung nichts unternommen?

Eigentlich könnte ich diesmal die Nase vorn haben, dachte Leona.

»Ich habe irgendwie noch nicht richtig darüber nachgedacht«, sagte sie, »aber im Grunde ist Scheidung der einzig konsequente Weg, nicht? Ich werde mir einen Anwalt nehmen, der dann meinem Mann den Scheidungsantrag zustellt. Ein halbes Jahr sind wir schon auseinander. Ein weiteres halbes Jahr, und wir können geschieden werden.«

Sie redete schnell, sehr sachlich. Irgend etwas in ihr tat weh. Nicht beachten, nicht hinhören. Besser, sie stellte sich Wolfgangs Gesicht vor, wenn er den Brief ihres Anwalts las. Sicher rechnete er nicht damit, daß sie ihn aus der Ehe warf.

Er hatte ihr Mienenspiel sehr aufmerksam beobachtet. Nun griff er über den Tisch hinweg nach ihrer Hand. Seine Finger spielten mit dem Ring, den er ihr geschenkt hatte.

»Ich dachte nämlich«, sagte er, »je eher du geschieden bist, desto eher könnten wir heiraten!«

 

»Leona hat mir gar nicht erzählt, daß sie getrennt lebt von ihrem Mann«, sagte Lydia und machte ein bekümmertes Gesicht, »aber sie erzählt mir ohnehin nicht viel von sich. Ich habe sie schon so oft eingeladen zu mir, wissen Sie, aber nur ein einziges Mal ist sie gekommen. Kurz vor Weihnachten war das.«

Wolfgang saß auf der äußersten Kante des auf antik getrimmten Billig-Sofas in Lydias Wohnzimmer und verfluchte sich bereits dafür, daß er hergekommen war. Er fühlte sich wie ein Trottel. Versorgte eine wildfremde, ihm zudem höchst unsympathische Frau mit allerlei intimen Informationen über sein Privatleben und setzte sich ihren lüsternen, neugierigen Blicken aus, nur um etwas über den Kerl zu erfahren, mit dem sich Leona zu seinem Entsetzen so schnell und bereitwillig eingelassen hatte. Genaugenommen hoffte er etwas zu erfahren, was er gegen ihn verwenden, was er Leona hinknallen und womit er ihr Vertrauen in den Fremden erschüttern konnte. Am besten etwas, was jede Frau abstoßen mußte, irgend etwas Schlimmes mit anderen Frauen oder mit Kindern in seiner Vergangenheit. Inzwischen war ihm klar, daß er vermutlich nichts erfahren, sich dafür aber gründlich lächerlich machen würde.

Draußen herrschte naßkaltes Wetter, der Winter kehrte gerade noch einmal mit ganzer Kraft zurück, und nichts erinnerte an den nahenden Frühling. Lydias Wohnung war hoffnungslos überheizt. Wolfgang bedauerte, neben allem anderen, daß er einen dicken Rollkragenpullover trug. Er schwitzte so sehr, daß er sich am liebsten alles vom Leib gerissen hätte. Beim besten Willen konnte er den heißen Kaffee nicht anrühren, den Lydia vor ihn hingestellt hatte. Ein eiskaltes Bier wäre ihm weit willkommener gewesen.

Er hatte nicht gewußt, wie Lydia mit Nachnamen hieß, und sie daher nicht anrufen können; ohnedies fand er, ein Gespräch der Art, wie er es vorhatte, könne nur unter vier Augen geführt werden. Leona hatte ihm seinerzeit nach dem Unglück zweimal das Haus gezeigt, aus dessen oberstem Stockwerk Eva Fabiani in den Tod gesprungen war. Er fand es ohne Schwierigkeiten wieder. Glücklicherweise stand Lydias Vorname voll ausgeschrieben am entsprechenden Klingelschild. Als sie ihm öffnete, hatte er sich mehrmals für sein unangemeldetes Hereinplatzen entschuldigt, zugleich am erwartungsvollen Leuchten ihrer Augen jedoch erkannt, daß sein Besuch sie keineswegs störte. In dem pudelwarmen Wohnzimmer lagen ein halbausgefülltes Kreuzworträtsel, ein Stift und eine Brille auf dem Couchtisch. Mittags um halb drei saß sie da und löste Kreuzworträtsel … Er begriff sofort die Einsamkeit und Leere ihres Daseins und wußte, sie würde ihn festhalten, solange sie konnte. Er hatte sich mühsam freigeschaufelt, mußte um vier wieder im Sender sein. Er mußte schnell zum Kern der Sache kommen.

Sie machte es ihm leicht, sie fing nach ein paar Sekunden der Verlegenheit von selbst an wie ein Buch zu reden.

Von Eva, von ihrer beider engen Freundschaft, von langen, gemeinsamen Abenden bei Kerzenlicht und Wein, von Spaziergängen an den Wochenenden, gelegentlichen Ausflügen und Restaurantbesuchen, und daß sie, Lydia, manchmal für Eva in deren Wohnung saubergemacht habe, denn Eva sei ja manchmal etwas schlampig gewesen und habe nur schwer Ordnung halten können …

»Das alles fehlt mir jetzt so sehr, verstehen Sie?«

Er verstand, wußte aber nichts Tröstendes darauf zu sagen.

»Ich mußte meine Arbeit als Sekretärin frühzeitig aufgeben. Mein Bluthochdruck hat mir so zu schaffen gemacht. Und ich habe ja keinen Mann und keine Kinder. Es gab mal einen, der wollte mich heiraten, aber dann kam eine andere, für die hat er sich dann entschieden. Sie wußte, wie man sich richtig toll zurechtmacht und den Männern die Köpfe verdreht, wissen Sie? – Ihr Kaffee wird ja kalt! Trinken Sie doch!«

Er trank. Der Kaffee war zu stark, schmeckte bitter. Er trank sowieso nie Kaffee. Und er tat sonst auch solche Dinge nicht, wie er sie jetzt tat. Sich zu einer wildfremden Frau in die Wohnung setzen und für sie die Klagemauer spielen. Vor allem hätte er nie gedacht, daß er einmal seiner Frau hinterherspionieren würde, kleinkariert wie ein Vorstadtspießer, der Geheimnissen auf die Spur kommen will, die ihn nichts angehen. Zum erstenmal in seinem Leben empfand Wolfgang einen gewissen Ekel vor sich selbst.

Im Verlauf der nächsten halben Stunde erfuhr er nichts, was von Bedeutung hätte sein können. Lydia kam auf Robert Jablonski zu sprechen, aber sie sagte nichts Nachteiliges über ihn. Ein netter Mann, groß, gutaussehend. Er hatte seine Schwester Eva dann und wann besucht.

»Aber nicht allzuoft. Ist ja auch eine weite Reise von der Schweiz bis hierher.«

Wolfgang neigte sich vor. »Schweiz? Er ist Schweizer?«

»Er ist Deutscher, aber seine Eltern hatten ein traumhaftes Anwesen in Ascona, und dort sind er und Eva aufgewachsen. Er lebt heute noch dort.«

»Was arbeitet er?« fragte Wolfgang.

Lydia überlegte. »Ja … warten Sie … ach so, er übersetzt. Bücher. Für deutsche und italienische Verlage.«

»Damit verdient man mehr als schlecht.«

»Keine Ahnung. Aber er hat ja das Haus seiner Eltern verkauft. Das muß ihm eine Menge Geld gebracht haben.«

Hatte es das? Oder war Geld der wunde Punkt in Jablonskis Leben? Hatte er es auf Leona abgesehen, weil sie in seinen Augen wohlhabend sein mochte? Das schöne, alte Haus in einer der teuren Frankfurter Gegenden …

Nein. Wolfgang schüttelte den Kopf. Da gab es geeignetere Opfer als ausgerechnet Leona. Schließlich gehörte ihr das Haus nur zur Hälfte. Und war zudem noch lange nicht abbezahlt. Fakten, die Jablonski sicher längst herausgefunden hatte, wenn es ihm in dem ganzen Spiel um materiellen Gewinn ging.

Lydia schenkte ihm Kaffee nach, ehe er abwehrend die Hand über seine Tasse halten konnte.

»Roberts Freundin ist vor nicht allzu langer Zeit tödlich verunglückt«, sagte sie mit gedämpfter Stimme, der Tragik des Ereignisses angemessen, »ertrunken. Im Lago Maggiore.«

Wolfgang blickte überrascht auf. »Ja?«

»Ich wußte überhaupt nichts davon, stellen Sie sich das nur vor! Weder er noch Eva hatten mir davon erzählt. Ich habe es von Ihrer Frau erfahren, bei ihrem Besuch vor Weihnachten. Sie schien sich mit Robert getroffen zu haben. « Lydia kicherte. »Der war ganz fasziniert von ihr. Vom ersten Moment an. Er wollte gleich ihre Telefonnummer haben.«

Wolfgang sagte sich deprimiert, daß er auf eine völlig idiotische Weise in einem nicht vorhandenen Problem herumstocherte. Robert Jablonski war ein ganz normaler Mann, ohne böse Absichten. Durch einen Zufall – keineswegs durch ein von ihm herbeigeführtes Ereignis – hatte er Leona kennengelernt, und der berühmte Funke war zwischen ihnen übergesprungen. Eine Geschichte, wie sie täglich passierte. Wenn an Jablonski überhaupt etwas Ungewöhnliches zu vermerken war, dann die Tatsache, daß seine Freundin im Lago Maggiore ertrunken war. Aber auch so etwas konnte schließlich vorkommen. An dem Mann schien nichts wirklich Besorgniserregendes zu sein.

Wolfgang stand auf, blickte dabei auf seine Armbanduhr.

»Entschuldigen Sie«, sagte er höflich, »ich habe Ihre Zeit schon viel zu lange in Anspruch genommen. Ich muß wirklich gehen.«

Gleich wird sie fragen, weshalb ich überhaupt gekommen bin, dachte er, und was sage ich dann?

Ihr schien diese naheliegende Frage jedoch gar nicht einzufallen. Sie schaute ihn nur flehentlich an.

»Bleiben Sie doch noch! Ich habe nichts weiter vor.«

»Ich habe leider eine Konferenz in meinem Sender. Ich muß weg.« Er lächelte entschuldigend. »Tut mir leid. Vielen Dank für den Kaffee.«

Er sehnte sich so sehr nach frischer, kalter Luft, daß er am liebsten an ihr vorbei aus der Wohnung gestürzt wäre. Natürlich ging das nicht. Er mußte warten, bis sie sich endlich seufzend aus ihrem Sessel erhoben hatte und vor ihm her zur Tür schlich. Sie kämpfte um jede Sekunde. Sie tat ihm leid, aber er wollte nichts als weg. An der Wohnungstür sagte sie nachdenklich: »Irgendwie habe ich das Gefühl, daß ich bei dem letzten Besuch Ihrer Frau einen Blödsinn erzählt habe. Irgend etwas, was nicht stimmt. Aber glauben Sie, ich käme darauf? Manchmal ist das Gehirn doch wie ein großes Sieb. Meines jedenfalls.« Sie lachte unsicher.

»Wenn es Ihnen einfällt … Sie können mich jederzeit anrufen …«

Er bemühte sich, dies leichthin klingen zu lassen und ihr mit einer gleichmütigen Geste seine Karte zu überreichen. Er hatte riesiges Glück, sagte er sich, daß sie so naiv, so schwerfällig war. Sie hatte ihn, einen wildfremden Mann, in ihre Wohnung gelassen. Sie hatte sich nicht gewundert über seinen Besuch, wunderte sich auch jetzt nicht. Sie schien nicht zu bemerken, wie heiß er auf Informationen über Robert Jablonski war, und wenn sie es bemerkte, so irritierte es sie nicht weiter. Unerwartet war an diesem Tag ein Hauch von Leben in ihr eintöniges Dasein getreten, und sich davon einen Abglanz wenigstens für die nächsten Stunden zu bewahren war alles, was sie interessierte.

»Ich rufe Sie an«, versprach sie mit Augen, in denen ein Hunger stand, der Wolfgang erschütterte.

»Sie sollten einen Spaziergang machen«, schlug er vor. »Es ist kalt draußen, aber die Luft ist schön frisch.«

Geh nur nicht zurück in dieses überheizte Wohnzimmer zu dem scheußlichen Kaffee, dem Kreuzworträtsel, dem Ticken der Uhr. Das tötet!

Sie schüttelte den Kopf. »Ach, allein mag ich nicht spazierengehen. Das ist so traurig, wissen Sie? Aber es kommt jetzt bald eine Sendung im Fernsehen, die will ich mir anschauen. «

Unten auf der Straße schaute er noch einmal kurz hinauf zu den Fenstern von Lydias Wohnung. Der Vorhang bewegte sich. Sie stand dort und starrte ihm nach.

 

»Leona, darf ich dich stören?« Carolin schob den Kopf durch die Tür von Leonas Büro. »Komme ich ungelegen?«

»Carolin? Du?«

Leona, die sich gerade durch die Papierberge auf ihrem Schreibtisch kämpfte, blickte völlig perplex drein. Ihre jüngste Schwester war noch nie im Verlag aufgetaucht.

»Komm doch herein! Das ist aber eine Überraschung! Was machst du in Frankfurt?«

Carolin schlüpfte ins Zimmer. Ihre Haare hatten zur Zeit einen Stich ins Orangerote und standen ziemlich struppig vom Kopf ab. Sie trug pinkfarbene Samtleggins – bei der Kälte, dachte Leona, hoffentlich hat sie warme Strumpfhosen darunter an – und eine plüschige Jacke aus Pelzimitat. Sie wirkte ziemlich verfroren.

»Ich mußte einfach mal raus daheim«, erklärte sie, »und da dachte ich, ich fahre in die Stadt und schaue mich ein wenig um. Einkaufen kann ich ja nichts – es herrscht wieder mal akuter Mangel!« Sie rieb vielsagend Daumen und Mittelfinger aneinander.

»Es ist schön, dich zu sehen«, sagte Leona.

Sie freute sich wirklich, auch wenn sie eigentlich überhaupt keine Zeit für ihre Schwester hatte. Einladend wies sie auf den Sessel, der ihrem Schreibtisch gegenüber stand.

»Setz dich doch erst einmal!«

Carolin ließ sich in den Sessel fallen, die langen, dünnen Beine weit von sich gestreckt.

»Gott sei Dank, daß ich mal weg bin«, stöhnte sie, »daheim ist es nicht auszuhalten zur Zeit!«

»Hast du Ärger mit deinem Freund?«

»Mit Ben? Mit dem kann man gar keinen Ärger haben. Der hängt nur rum und labert, aber ich höre ihm nicht zu. Das Problem sind Olivia und Paul. Schlimmer als Hund und Katze. Zwischen denen wird es in allernächster Zeit ganz gewaltig scheppern, und dann ist wahrscheinlich endgültig Schluß!«

»So schlimm?«

»Mit Dany wird es immer übler. Und entsprechend schlecht geht es Olivia. Sie behandelt Paul wie einen Putzlappen. Wenn sie ihn überhaupt zur Kenntnis nimmt. Meistens ist er für sie überhaupt nicht vorhanden.«

»Sie ist verrückt«, sagte Leona kopfschüttelnd. »Paul ist ein so phantastischer Mensch. Sie macht den Fehler ihres Lebens, wenn sie ihn vergrault.«

»Er hätte schon längst jede andere haben können, so wie er aussieht«, meinte Carolin, »ich glaube, was ihn noch bei Olivia hält, ist das Gefühl, ein Schuft zu sein, wenn er sie mit einem behinderten Kind sitzen läßt. Aber irgendwann wird er einfach nicht mehr können. Dann wird er sich losreißen und gehen.«

»Ist Mami sich darüber im klaren? Hat sie mit Olivia deswegen gesprochen?«

Carolin machte eine wegwerfende Handbewegung.

»Mit Olivia ist nicht darüber zu sprechen. Sie blockt sofort alles ab. Es hat keinen Sinn. Aber«, mit gespreizten Fingern versuchte sie, ihre wirren Haare zu ordnen, verstrubbelte sie dabei aber nur noch mehr, »darüber will ich jetzt gar nicht reden. Ich will das alles ja wenigstens für einen Tag mal hinter mir lassen. Eigentlich hätte ich jetzt gerne mit dir zu Mittag gegessen, wobei du allerdings bezahlen müßtest, weil ich nur noch über knapp dreißig Mark verfüge, und die brauche ich für die Heimfahrt. Aber …«

»Nichts aber!« Leona stand auf, griff nach ihrer Handtasche. »Ich ersticke zwar in Arbeit, aber für meine kleine Schwester ist trotzdem Zeit!«

Carolin sah sie unsicher an. »Aber du möchtest doch sicher lieber mit deinem Lover allein sein, oder?«

»Mit meinem Lover

»Na, mit diesem … wie heißt er noch? Robert, oder?«

Leona blickte völlig verwirrt drein.

»Ich dachte, ihr seid verabredet«, sagte Carolin, »weil er in dem Café gegenüber sitzt.«

»Hier? In dem Café gegenüber dem Verlag?«

Carolin stand nun auch auf. »Ich bin mir fast sicher, daß er es war. Ich dachte, er wartet da auf dich.«

»Du hast dich bestimmt getäuscht«, meinte Leona. »Robert hat gar keine Zeit. Er sitzt bei mir daheim und übersetzt ein 800-Seiten-Manuskript vom Italienischen ins Deutsche.«

»Dann habe ich ihn wohl verwechselt«, meinte Carolin. »Komm, dann gehen wir jetzt rüber und essen eine Kleinigkeit miteinander, okay?«

 

Er saß an einem Tisch gleich am Fenster, drei leere Kaffeetassen und zwei ebenfalls leere Cognacgläser vor sich, und erschrak sichtlich, als die beiden Frauen plötzlich vor ihm standen. Er hatte gerade in einer Zeitung gelesen und ihr Kommen nicht bemerkt. Erst nach ein paar Sekunden faßte er sich und stand lächelnd auf.

»Leona! Und Carolin! Wie schön. Setzt euch doch zu mir!«

»Was tust du denn hier?« fragte Leona erstaunt. »Ich dachte, du bist daheim?«

»Ich wollte dich überraschen«, erklärte Robert. »In zehn Minuten wollte ich hinübergehen und dich zu einem Mittagessen abholen.«

»Das ist schon lustig«, sagte Leona. »Normalerweise holt mich niemand zum Mittagessen ab, und heute gleich zwei Leute!«

»Ich glaube, ich störe doch«, meinte Carolin unbehaglich.

»Ach was!« Leona drückte sie energisch auf einen Stuhl. »Robert und ich sind so oft allein miteinander. Du störst überhaupt nicht.«

Sie hatte den Eindruck, daß sich Robert doch gestört fühlte, aber er sagte nichts, sondern nahm ebenfalls Platz. Eine Kellnerin erschien, räumte seine Tassen und Gläser weg und nahm die Bestellungen auf. Mittags konnte man in dem Café kleine Gerichte bekommen, und sie entschieden sich alle drei für Spaghetti mit Lachs. Robert legte eine exaltierte Munterkeit an den Tag, plauderte und lachte, und die ganze Zeit über kam er Leona vor wie ein Kind, das bei irgendeinem Unrecht ertappt worden ist und nun versucht, die peinliche Situation zu überspielen. Sie verstand nicht, weshalb er das tat. Schließlich war es ein netter Einfall von ihm gewesen, sie mit einem gemeinsamen Mittagessen überraschen zu wollen.

»Warum bist du eigentlich schon so früh hierhergekommen und hast so lange im Café gesessen?« fragte sie. »Du hättest doch um ein Uhr direkt in mein Büro kommen können? «

Ein kurzes, unsicheres Flackern glomm in seinen Augen auf.

»Wieso? Wieso soll ich schon so früh gekommen sein?«

»Na ja, du hast drei Kaffee und zwei Cognac getrunken. Das schafft man nicht in einer Viertelstunde.«

»Und daraus machst du mir jetzt einen Vorwurf?«

Sein scharfer Ton verwirrte sie. »Nein – natürlich nicht. Ich wundere mich bloß.«

Er sah sie kalt an. »Du bist Lektorin in einem Verlag, Leona. Du arbeitest also mit Schriftstellern, nicht wahr? Du hast praktisch jeden Tag mit ihnen zu tun, stimmt’s? Weißt du, was mich wundert? Daß du trotz allem so wenig verstehst von Künstlern oder von Menschen, die künstlerisch tätig sind. Besitzt du nicht eine Spur von Einfühlungsvermögen? «

Leona starrte ihn an. Carolin ließ ihre Gabel sinken.

»Wie bitte?« fragte Leona.

»Ich bin natürlich nur ein kleiner Übersetzer«, fuhr Robert fort, »aber vielleicht könntest du mir trotzdem zugestehen, daß auch ich im weitesten Sinn künstlerisch tätig bin.«

»He, Robert, könntest du uns mal erklären, worauf du hinauswillst?« mischte sich Carolin ein.

Er musterte sie feindselig, ehe er sich wieder Leona zuwandte.

»Manchmal brauche ich einfach eine Pause. Manchmal halte ich es nicht mehr aus – immer in demselben Zimmer, immer über einen Papierberg gebeugt, immer nach Worten suchend, um Ausdrücke ringend … Dann muß ich raus. Durch die Stadt laufen, mir den Wind um die Nase wehen lassen, Menschen sehen, spielende Kinder oder schnuppernde Hunde beobachten …«

»Das verstehe ich vollkommen, Robert«, sagte Leona in besänftigendem Ton.

Er hatte sich jedoch in Rage geredet und mochte sich nicht beschwichtigen lassen.

»Und diesmal hatte ich das Bedürfnis, mich in ein Café zu setzen, Zeitung zu lesen, Kaffee zu trinken und ein wenig dem Leben und Treiben ringsum zuzusehen. Aber das ist natürlich unmöglich in deinen Augen! Am hellichten Vormittag zwei Stunden in einem Café zu sitzen. Nichts zu tun! Und vermutlich glaubst du sogar, ich spioniere dir nach, weil ich gerade dieses Café gewählt habe!«

»Also, Robert, du spinnst«, sagte Carolin in ihrer direkten Art.

»Vielleicht können wir das Gespräch heute abend fortsetzen«, meinte Leona, die Roberts Ausbruch peinlich fand, zudem erschrocken und durcheinander war.

»Gern«, erwiderte Robert kühl.

Schweigend beendeten sie ihre Mahlzeit. Mit der letzten Gabel Spaghetti erhob sich Robert und sagte, er werde nach Hause gehen und arbeiten. Die beiden Schwestern blieben sitzen und sahen ihm durch das Fenster nach, wie er die Straße überquerte und davonging. Er hielt die Schultern sehr gerade, den Kopf hoch erhoben. Selbst von hinten sah er aus wie die personifizierte Gekränktheit.

»Habe ich denn irgendwie angriffslustig gewirkt mit meiner Frage?« wollte Leona wissen und rührte dabei nachdenklich und unglücklich in ihrem Cappuccino.

Carolin schüttelte heftig den Kopf. »Absolut nicht. Es war eine normale Frage, und der Typ hat völlig überreagiert. Wenn du meine Meinung wissen willst«, sie tippte sich an die Stirn, »der spinnt komplett. Du weißt ja, daß ich deinen Wolfgang immer etwas spießig fand, und …«

»Nach deinen Maßstäben ist jeder spießig, der einer geregelten Arbeit nachgeht«, unterbrach Leona aggressiv.

Carolin sah sie mitleidig an. »Also, sowohl nach meinen als auch nach deinen Maßstäben ist dieser Robert jedenfalls ziemlich durchgeknallt. Den würde ich abhalftern – je eher, desto besser!«

12

Nach dem Vorfall im Café blieb die Atmosphäre zwischen Robert und Leona frostig. Am Abend jenes Tages war Robert zwar wieder wie immer gewesen, hatte so getan, als sei nichts vorgefallen, aber Leona hatte nicht die Absicht, ihn so rasch und leicht davonkommen zu lassen. Sie erwartete eine Erklärung für sein Verhalten, und als keine erfolgte, stellte sie Robert von sich aus zur Rede.

Er war tief erstaunt. »Mein Gott, das war doch kein Streit! Ich habe mich angegriffen gefühlt und habe darauf etwas schroff reagiert. Liebe Güte! Machst du aus jeder Mücke gleich einen Elefanten?«

»Das sollte ich dich fragen! Du hast aus einer harmlosen Frage von mir ein Drama gemacht. Du bist unangenehm und ungerecht geworden!«

»Ich sagte doch, ich habe mich angegriffen gefühlt.«

»Da liegt ja genau das Problem«, sagte Leona und spürte einen leisen Schmerz vom Nacken hinauf in den Kopf ziehen. Sie war plötzlich erschöpft; wußte bereits, wie nutzlos dieses Gespräch war.

»Ich habe dich nicht angegriffen. Ich habe nachher noch ständig überlegt, ob irgend etwas an meinem Verhalten oder an meinem Tonfall mißverständlich war. Aber das war es nicht. Das weiß ich genau.«

»Gut, dann habe ich mir etwas eingebildet. Ist das so schlimm? Wenn ich dich irgendwie verletzt habe, tut es mir leid. Das wollte ich nicht. Ist es nun in Ordnung?«

Eigentlich war es das nicht. Leona fühlte sich entwaffnet, noch ehe sie hatte loswerden können, was ihr auf der Seele brannte.

»Ich habe mich erschreckt«, sagte sie. »Du warst mir so fremd in jenen Momenten.« Sie hatte den Eindruck, daß sie quengelig klang.

»Ich hatte einen schlechten Tag, es tut mir leid«, sagte er geduldig. Was sollte sie nur erwidern? Für ihr Empfinden hatte Robert nicht einfach einen »schlechten Tag« gehabt. Es war eher so gewesen, als trete eine andere, unbekannte Seite von ihm ans Tageslicht, eine Seite, die ihr Furcht eingeflößt hatte. Aber wie würde es klingen, wenn sie das zum Ausdruck brachte? Es würde sich ziemlich neurotisch anhören, so als leide sie unter Verfolgungswahn.

»Ich wollte ja auch nur darüber reden«, meinte sie geschlagen und resigniert, »weil es mich dauernd beschäftigt. «

»Du hast ja auch absolut recht«, sagte Robert sofort. »Wir sollten immer über alles reden. Es ist nie gut, aus seinem Herzen eine Mördergrube zu machen. Wenn einem von uns am anderen etwas nicht gefällt, sollte er es gleich sagen. Wie du siehst, lassen sich Mißverständnisse dann ganz rasch aus dem Weg räumen.«

Es war genauso wie seinerzeit nach seiner verspäteten Rückkehr aus Italien: Am Schluß stand er großzügig, freundlich und unkompliziert da, während sich Leona zickig und kleinkrämerisch vorkam. Und gleichzeitig doch wußte, daß sie im Recht war. Hatte nicht auch Carolin Robert als Spinner bezeichnet?

Sie grübelte noch ein paar Tage über das Geschehnis nach und sagte sich dann, daß sie es endgültig zu den Akten legen mußte. Ständiges Nachhaken und Nachbohren würde ihre Beziehung zu Robert am Ende noch gefährden.

 

An dem Tag, an dem sie eine Anwältin aufsuchte und die Scheidung von Wolfgang einreichte, ging es ihr schlecht. Es war der sechsundzwanzigste Februar, ein kalter Wind jagte durch die Straßen, feiner Regen sprühte in der Luft. Leona hatte der Anwältin, die ihr von einer Kollegin empfohlen worden war, den genauen Sachverhalt geschildert und zwischendurch um eine Kopfschmerztablette bitten müssen, weil sie wieder jenen inzwischen wohlbekannten Zug vom Nacken herauf spürte. Die Anwältin, eine gepflegte, blonde Dame im imitierten Chanel-Kostüm, hatte sie mitleidig gemustert.

»Sie sehen wirklich schlecht aus! Es tut weh, wenn man verlassen wird. Ich hatte hier schon Frauen sitzen, die wollten danach kaum noch leben.«

»Oh - ich habe inzwischen auch eine neue Beziehung«, sagte Leona rasch.

Die schöne Blonde sollte sie bloß nicht für ein seelisches Wrack halten oder für eine Frau, die nun keinen Mann mehr zu reizen vermochte. »Mit mir ist alles in Ordnung.«

Sie konnte die Skepsis ihres Gegenübers spüren und wußte, sie würde der Anwältin nicht deren Vorurteile ausreden können.

Als sie später wieder auf die Straße hinaustrat und unter Wind und Regen erschauerte, schwirrte ihr der Kopf von Begriffen wie Trennungsjahr, Zerrüttung, Werteermittlung, Zugewinnausgleich, Versorgungsausgleich. Worte, die man oft gehört und gelesen, von denen man jedoch gehofft hatte, sie würden nie eine Bedeutung im eigenen Leben erlangen.

Sie merkte, wie sich ihre Augen mit Tränen füllten, und legte den Kopf zurück, damit sie nicht über die Wangen liefen. Dunkle Wolken jagten über den Himmel, vom Sturm getrieben und zerfranst.

Was für eine schreckliche Jahreszeit, dachte sie, was für ein schrecklicher Tag!

Die Tränen versiegten. Leona schaute sich um. Ein Gefühl sagte ihr, daß sie beobachtet wurde. Wahrscheinlich musterte irgendein Passant höchst interessiert die nicht mehr ganz junge Frau, die mitten auf der Straße mit den Tränen kämpfte.

Sie sah Robert, der sich von einer Hauswand löste und lächelnd auf sie zukam.

»Ich wollte dich abholen, Leona. Ich dachte mir, daß dich das Gespräch mit deiner Anwältin vielleicht etwas aufwühlen würde.«

Sie war restlos gerührt, dankbar, beschämt wegen der vielen bösen Gedanken, die sie während der letzten Tage gehegt hatte.

»Du bist wirklich ein Schatz, Robert. Ich weiß gar nicht, warum mich das eben so mitgenommen hat. Wahrscheinlich kommen in einem solchen Moment doch viele Erinnerungen hoch. Ach, ich bin einfach viel zu sentimental!«

Er drückte ihre Hand. »Das ist doch ganz natürlich. So eine Scheidung geht an niemandem spurlos vorüber. Du warst lange Jahre mit diesem Mann verheiratet.«

»Dreizehn Jahre …«

»Unsere Verbindung«, sagte Robert, »wird ein Leben lang halten.«

Der Wind heulte. Schneeflocken mischten sich in den Regen. Leona dachte, daß es an der Nässe und Kälte ringsum liegen mochte, weshalb ihr nicht warm wurde bei Roberts Worten.

Er legte den Arm um ihre Schultern.

»Du solltest dir Urlaub nehmen. Zehn Tage. Meinst du, das geht?«

»Jetzt?«

»Ich würde gern mit dir nach Ascona fahren. Ich finde, es wird Zeit, daß du meine Heimat kennenlernst.«

 

Das Telefon klingelte, kaum daß Leona am darauffolgenden Montagmorgen ihr Büro betreten hatte. Wolfgang war am Apparat.

»Meine Post ist gerade gekommen«, sagte er. »Ich habe gesehen, du hast die Scheidung eingereicht!«

»Ja. Letzte Woche.«

Leona klemmte den Hörer zwischen Kinn und Schulter und schälte sich aus ihrem Mantel. Ihre Haare waren naß und sicher völlig windzerzaust. Sie reichten jetzt gleichmäßig bis in Höhe der Mundwinkel und waren bei weitem nicht mehr so pflegeleicht wie zuvor als kurze Stoppeln.

»Und du meinst nicht, du hättest vorher mit mir darüber sprechen sollen?«

»Wieso? Daß wir uns scheiden lassen, stand doch schließlich fest!«

»Trotzdem hättest du mich nicht so überfahren müssen!«

Sie hatte ihn geschockt, das merkte sie, und das gab ihr ein gutes Gefühl von Überlegenheit.

»Du hast mich mit der Tatsache, daß du eine Geliebte hast und dich von mir trennen willst, auch ziemlich überraschend konfrontiert«, gab sie kühl zurück.

Wolfgang schwieg etliche Sekunden lang.

»Du klingst feindselig«, stellte er dann fest, »immer noch. Ich glaube, du wirst mir nie verzeihen.«

Sie hatte sich endlich ihres Mantels entledigt, ließ ihn auf den Boden gleiten und setzte sich auf ihren Schreibtischstuhl.

»Ach, Wolfgang, darauf kommt es doch gar nicht an! Ob ich dir verzeihe oder nicht – wen interessiert das? Du hast eine neue Partnerin, und ich habe einen neuen Partner. Die beiden haben einen Anspruch darauf, daß die Dinge zwischen uns geklärt werden.«

»Du sagst das so … kalt!«

»Ich sage das sachlich. Es ist wichtig, daß wir jetzt sachlich an die ganze Angelegenheit herangehen. Um so problemloser wird alles ablaufen. Meine Anwältin sieht jedenfalls keinerlei Schwierigkeiten.«