4. Das Herabsteigen des Geistes

 

 

 

 

 

Den Geist sehen

Gleich nach einem späten Lunch, während wir noch am Tisch saßen, verkündete Don Juan, wir beide würden die Nacht in jener Höhle der Zauberer verbringen und müßten sofort aufbrechen. Es sei für mich unumgänglich, dort in völliger Dunkelheit zu sitzen und meinen Montagepunkt durch die dortige Felsformation sowie durch die Absicht der Zauberer bewegen zu lassen.

Ich wollte aufstehen, aber er hielt mich auf meinem Stuhl zurück. Es gebe noch etwas, sagte er, das er mir vorher erklären müsse. Er streckte sich, legte die Füße auf einen Stuhl und nahm eine bequeme Haltung ein.

»Je deutlicher ich dich sehe«, sagte Don Juan, »desto mehr erkenne ich, wie ähnlich du meinem Wohltäter bist.«

Ich fühlte mich so bedroht, daß ich ihn nicht fortfahren ließ. Ich sagte ihm, ich könne mir nicht vorstellen, worin diese Ähnlichkeiten bestehen sollten. Falls es welche gäbe - eine Möglichkeit, die ich kaum beruhigend fand -, wäre ich ihm dankbar, wenn er mich darauf aufmerksam machte, um mir Gelegenheit zu geben, diese Verhaltensweisen zu korrigieren oder zu meiden.

Don Juan lachte, bis ihm die Tränen über die Wangen flössen. »Eine der Ähnlichkeiten ist, daß du, wenn du handelst, sehr gut handelst«, sagte er. »Aber wenn du denkst, stolperst du stets über deine eigenen Füße. Mein Wohltäter war ganz ähnlich. Er war kein sehr guter Denker.«

Ich wollte mich rechtfertigen und behaupten, daß an meinem Denken nichts auszusetzen sei, als ich ein boshaftes Glitzern in seinen Augen entdeckte. Ich erstarrte. Don Juan bemerkte meinen Stimmungswandel und lachte mit einer Spur von Überraschung. Vielleicht hatte er das Gegenteil erwartet.

»Ich finde zum Beispiel, daß du nur dann Schwierigkeiten hast, den Geist zu verstehen, wenn du über ihn nachdenkst«, fuhr er mit mißbilligendem Lächeln fort. »Aber wenn du handelst, offenbart der Geist sich dir. Mein Wohltäter war genauso.

Bevor wir zu der Höhle aufbrechen, erzähle ich dir eine Geschichte über meinen Wohltäter und den vierten abstrakten Kern.

Bis zu dem Augenblick, da der Geist herabsteigt, so glauben die Zauberer, können wir vor dem Geist weglaufen. Danach nicht mehr.« Don Juan machte eine effektvolle Pause und forderte mich mit einem Kopfnicken auf, nachzudenken über das, was er gesagt hatte.

»Der vierte abstrakte Kern erzählt, wie der Geist mit voller Wucht herabsteigt«, fuhr er fort. »Der vierte abstrakte Kern ist ein Akt der Offenbarung. Der Geist offenbart sich uns. Die Zauberer sagen, der Geist liegt in einem Hinterhalt und stößt herab auf uns, seine Beute. Das Herabstoßen des Geistes, so sagen die Zauberer, geschieht immer in verhüllter Form. Es geschieht, und doch scheint es überhaupt nicht zu geschehen.«

Ich wurde ziemlich nervös. Don Juans Tonfall machte mir den Eindruck, als wolle er mich jeden Moment mit etwas überfallen. Er fragte mich, ob ich mich an den Augenblick erinnern könne, als der Geist auf mich herabstieß und meine ewige Bindung an das Abstrakte besiegelte.

Ich hatte keine Ahnung, wovon er sprach.

»Es gibt eine Schwelle, die, wenn sie einmal überschritten ist, keine Rückkehr erlaubt«, sagte er. »Von dem Augenblick, da der Geist anklopft, dauert es normalerweise Jahre, bis ein Lehrling diese Schwelle erreicht. Doch manchmal erreicht man diese Schwelle beinah sofort. Ein Beispiel ist der Fall meines Wohltäters.«

Jeder Zauberer, sagte Don Juan, müsse eine klare Erinnerung an das Überschreiten dieser Schwelle haben, um sich stets seine neuen Möglichkeiten der Wahrnehmung zu vergegenwärtigen. Man müsse kein Schüler der Zauberei sein, sagte er, um diese Schwelle zu erreichen; ein Durchschnittsmensch und ein Zauberer unterschieden sich einzig darin, was sie aus dieser Situation machten. Ein Zauberer überschreite die Schwelle und nutze die Erinnerung daran als Bezugspunkt. Ein Durchschnittsmensch überschreite die Schwelle nicht und gebe sich alle Mühe, die ganze Sache zu vergessen.

Ich sagte, ich könne ihm nicht beipflichten; denn ich wollte nicht akzeptieren, daß es nur eine einzige Schwelle zu überschreiten gelte.

Don Juan schaute bestürzt zum Himmel und schüttelte in gespielter Verzweiflung den Kopf. Ich erklärte ihm meinen Einwand - nicht weil ich ihm widersprechen wollte, sondern weil ich die Dinge für mich selbst klären mußte. Doch bald erlahmte mein Schwung. Ich hatte plötzlich das Gefühl, durch einen Tunnel zu gleiten.

»Die Zauberer sagen, daß der vierte abstrakte Kern sich ereignet, sobald der Geist die Ketten unserer Selbstbetrachtung zerbricht«, sagte er. »Das Brechen unserer Ketten ist herrlich, aber oft sehr unerwünscht, denn niemand will frei sein.«

Das Gefühl, durch einen Tunnel zu gleiten, hielt noch eine Weile an, und dann wurde mir alles klar. Und ich fing an zu lachen. Sonderbare Einsichten, die in mir angestaut waren, explodierten in Gelächter.

Don Juan las anscheinend meine Gedanken wie ein Buch. »Es ist schon ein komisches Gefühl, wenn wir erkennen, daß alles, was wir denken, und alles, was wir sagen, von der Position unseres Montagepunkts abhängig ist«, sagte er.

Genau dies hatte ich eben gedacht, und darüber hatte ich eben gelacht.

»Ich weiß, daß dein Montagepunkt sich in diesem Moment verschoben hat«, fuhr er fort. »Du hast das Rätsel unserer Ketten verstanden. Sie halten uns zwar gefangen; aber indem sie uns auf dem angenehmen Platz unserer Selbstbetrachtung festhalten, schützen sie uns vor den Angriffen des Unbekannten.«

Ich erlebte einen jener ungewöhnlichen Augenblicke, da mir alles, was mit der Welt der Zauberer zusammenhing, kristallklar wurde. Ich verstand alles.

»Sobald unsere Ketten zerrissen sind«, fuhr Don Juan fort, »sind wir nicht mehr an die Sorgen der Alltagswelt gefesselt. Wir sind noch immer in der Alltagswelt, aber wir gehören nicht mehr dazu. Um dazu zu gehören, müßten wir die Sorgen der Leute teilen, und ohne Ketten können wir es nicht.«

Don Juan sagte, der Nagual Elias habe ihm erklärt, daß wir als Durchschnittsmenschen ein gemeinsames Merkmal haben - einen symbolischen Dolch, nämlich die Sorgen unserer Selbstbetrachtung. Mit diesem Dolch schneiden wir uns blutig. Die Ketten unserer Selbstbetrachtung geben uns das Gefühl, als bluteten wir gemeinsam, als teilten wir mit anderen Menschen etwas Wunderbares: unsere Menschlichkeit. Bei genauerer Prüfung aber entdecken wir, daß wir allein bluten und daß wir überhaupt nichts gemeinsam haben; daß wir uns nur in unserem manipulierbaren, unwirklichen und von Menschen gemachten Selbstbild spiegeln.

»Die Zauberer leben nicht mehr in der Welt der alltäglichen Sorgen«, fuhr Don Juan fort, »denn sie sind nicht mehr Opfer ihrer Selbstbetrachtung.«

Und nun erzählte mir Don Juan die Geschichte über seinen Wohltäter und das Herabsteigen des Geistes. Die Geschichte begann, sagte er, gleich nachdem der Geist an die Tür des jungen Schauspielers geklopft hatte.

Ich unterbrach Don Juan und fragte, warum er den Nagual Julian dauernd mit Ausdrücken wie »junger Mann« oder »junger Schauspieler« bezeichne.

»Zu der Zeit, in der diese Geschichte spielt, war er nicht der Nagual«, antwortete Don Juan. »Er war ein junger Schauspieler. Ich kann ihn in meiner Geschichte nicht einfach Julian nennen, weil er für mich immer der Nagual Julian war. Als Zeichen der Ehrerbietung für seine lebenslange Makellosigkeit heften wir immer das Präfix Nagual an den Namen eines Nagual.«

Don Juan fuhr fort mit seiner Geschichte. Der Nagual Elias, sagte er, hatte den Tod des jungen Schauspielers abgewehrt, indem er ihn in den Zustand gesteigerter Bewußtheit überwechseln ließ; und nach stundenlangem Bemühen erlangte der junge Schauspieler sein Bewußtsein wieder. Der Nagual Elias nannte nicht seinen Namen, vielmehr stellte er sich vor als professionellen Heiler, der zufällig am Schauplatz einer Tragödie erschienen sei, wo zwei Menschen beinah den Tod gefunden hätten. Er deutete auf Talia, die junge Frau, die ausgestreckt am Boden lag. Der junge Mann war verwundert, sie bewußtlos neben sich liegen zu sehen. Er erinnerte sich, gesehen zu haben, wie sie fortgelaufen war. Er erschrak, als er den alten Heiler erklären hörte, Gott habe zweifellos Talia für ihre Sünden bestraft, indem er sie mit dem Blitz schlug und ihres Verstandes beraubte.

»Wie konnte ein Blitz einschlagen, wenn es nicht einmal regnet?« fragte der junge Schauspieler mit kaum hörbarer Stimme. Er war sichtlich beeindruckt, als der Alte ihm entgegnete, daß Gottes Wege nicht erforschbar wären.

Wieder unterbrach ich Don Juan. Ich war neugierig zu erfahren, ob die junge Frau wirklich den Verstand verloren hatte. Er erinnerte mich daran, daß der Nagual Elias ihrem Montagepunkt einen vernichtenden Streich versetzt hatte. Sie habe nicht den Verstand verloren, sagte er, sondern infolge dieses Streichs wechselte sie dauernd in den Zustand gesteigerter Bewußtheit hinein und wieder hinaus. Nach einem gewaltigen Kampf aber habe der Nagual Elias ihr geholfen, ihren Montagepunkt zu stabilisieren, und sie sei für immer in die gesteigerte Bewußtheit eingegangen. Frauen, meinte Don Juan, sind fähig, solch einen Meister-Streich zu verkraften: sie können eine neue Lage ihres Montagepunkts für immer beibehalten. Und Talia war unübertroffen. Kaum waren ihre Ketten zerrissen, da verstand sie alles und fügte sich in die Pläne des Nagual.

Don Juan nahm seine Geschichte wieder auf und sagte, der Nagual Elias - der nicht nur ein großartiger Träumer, sondern auch ein großartiger Pirscher war - habe gesehen, daß der junge Schauspieler verwöhnt und eitel war, daß er aber nur scheinbar so hart und abgebrüht war. Der Nagual wußte, er brauchte nur auf Vorstellungen wie Gott, Sünde und Vergeltung anzuspielen, und schon würden die religiösen Überzeugungen des Schauspielers seine zynische Haltung hinwegfegen.

Als der junge Schauspieler von der Strafe Gottes erfuhr, brach seine Fassade zusammen. Er begann von Reue zu sprechen, aber der Nagual fiel ihm ins Wort und erklärte mit Nachdruck, daß Schuldgefühle nichts mehr bedeuteten, wenn der Tod so nah war.

Der junge Schauspieler lauschte aufmerksam, aber obwohl es ihm schlecht ging, glaubte er nicht, daß er in Todesgefahr schwebte. Er dachte, seine Schwäche und Ohnmacht wären nur auf den Blutverlust zurückzuführen. Der Nagual, als hätte er die Gedanken des jungen Schauspielers gelesen, erklärte ihm, daß solche optimistischen Gedanken fehl am Platz seien; sein Blutsturz wäre tödlich gewesen ohne den Pfropfen, den er als Heiler bewirkt habe. »Als ich dir einen Schlag auf den Rücken versetzte, da fügte ich dir einen Pfropfen ein, um das Versickern deiner Lebenskraft anzuhalten«, sagte der Nagual zu dem skeptischen jungen Schauspieler.

»Ohne dieses Hemmnis würde der unvermeidliche Prozeß deines Sterbens weitergehen. Falls du mir nicht glaubst, werde ich es dir beweisen, indem ich den Pfropfen mit einem Schlag entferne.« Noch während er sprach, schlug der Nagual Elias den jungen Schauspieler leicht auf den unteren Rippenbogen. Im nächsten Augenblick fing der junge Mann an zu keuchen und zu würgen. Blut schoß ihm aus dem Mund, während er unbeherrscht hustete. Ein erneuter Schlag auf den Rücken beendete den quälenden Schmerz und das Würgen. Doch es beendete nicht seine Furcht, und er wurde ohnmächtig.

»Ich kann im Augenblick deinen Tod kontrollieren«, sagte der Nagual, als der junge Schauspieler wieder zu Bewußtsein gelangt war. »Wie lange ich ihn kontrollieren kann, hängt von dir selbst ab. Es hängt davon ab, wie getreulich du alles befolgst, was ich dir befehlen werde.«

Als erstes verlangte der Nagual von dem jungen Mann absolute Reglosigkeit und Schweigen. Wenn er nicht wollte, daß der Pfropfen sich löse, fügte der Nagual hinzu, mußte er sich verhalten, als habe er die Sprache und die Fähigkeit verloren, sich zu bewegen. Ein einziges Wort, ein Zucken mit dem Finger, konnten genügen, um sein Sterben wieder beginnen zu lassen.

Der junge Schauspieler war es nicht gewöhnt, Ratschläge oder Befehle zu befolgen. Er fühlte Zorn in sich aufsteigen. Als er seinen Protest äußern wollte, setzte wieder ein stechender Schmerz ein, begleitet von Krämpfen.

»Befolge meinen Rat, und ich werde dich heilen«, sagte der Nagual. »Oder handele als der schwache, verkommene Idiot, der du bist, und du wirst sterben.«

Der Schauspieler, ein stolzer junger Mann, war wie betäubt von dieser Kränkung. Niemals hatte jemand gewagt, ihn einen schwachen, verkommenen Idioten zu nennen. Wütend wollte er aufbrausen, aber der Schmerz wurde so stark, daß er nicht auf die Kränkung reagieren konnte.

»Wenn du willst, daß ich deine Schmerzen lindere, mußt du mir blind gehorchen«, sagte der Nagual mit beängstigender Kälte. »Aber dies sollst du wissen: Im selben Moment, da du es dir anders überlegst und dich benimmst wie der erbärmliche Schwachkopf, der du bist, werde ich den Pfropfen herausziehen und dich sterbend zurücklassen.«

Mit letzter Kraft nickte der Schauspieler zustimmend. Der Nagual klopfte ihm den Rücken, und der Schmerz verschwand. Aber zusammen mit dem stechenden Schmerz verschwand noch etwas anderes: der Nebel in seinem Kopf. Und dann wußte der junge Schauspieler alles, ohne irgend etwas zu verstehen. Der Nagual stellte sich noch einmal vor. Er sagte, daß er Elias heiße, und daß er der Nagual sei. Der Schauspieler wußte, was dies alles bedeutete.

Dann wandte der Nagual Elias seine Aufmerksamkeit der halbbewußtlosen Talia zu. Er brachte seinen Mund an ihr linkes Ohr und flüsterte ihre Befehle zu, um das ziellose Umherschweifen ihres Montagepunkts anzuhalten. Er beschwichtigte ihre Angst, indem er ihr flüsternd Geschichten von Zauberern erzählte, die das gleiche durchgemacht hätten, was sie erlebte. Als sie einigermaßen beruhigt war, stellte er sich als Nagual Elias vor, als Zauberer; und dann tat er für sie das Schwerste, was man tun kann in der Zauberei: die Bewegung des Montagepunktes über das Reich dieser Welt hinaus, die wir kennen.

Don Juan bemerkte, daß erfahrene Zauberer über die Welt, die wir kennen, hinausgehen können - etwas, das unerfahrene Menschen nicht können. Der Nagual Elias habe immer behauptet, daß es ihm normalerweise nicht im Traum eingefallen wäre, solch ein Unternehmen zu wagen; aber an diesem Tag war sein Handeln durch etwas anderes bestimmt als sein Wissen oder seinen freien Willen. Aber das Manöver hatte Erfolg. Talia ging über die Welt hinaus, die wir kennen, und kehrte sicher zurück.

Dann hatte der Nagual Elias eine weitere Einsicht. Da saß er zwischen diesen beiden am Boden liegenden Menschen - der Schauspieler war nackt, nur mit dem Reitmantel des Nagual bedeckt - und überprüfte ihre Situation. Er sagte ihnen, daß sie beide durch die Macht der Umstände in eine Falle getappt waren, die der Geist selbst ihnen gestellt habe. Er, der Nagual, sei der aktive Teil der Falle, denn nachdem er ihnen unter solchen Umständen begegnet war, sei er gezwungen gewesen, ihr zeitweiliger Beschützer zu werden und sein Wissen der Zauberei anzuwenden, um ihnen zu helfen. Und als zeitweiliger Beschützer sei es seine Pflicht, sie zu warnen, daß sie sich anschickten, eine einzigartige Schwelle zu erreichen. Und daß es nur auf sie selbst ankäme - auf jeden einzelnen, und beide gemeinsam -, ob sie diese Schwelle erreichten, indem sie sich in eine Stimmung der Gelöstheit, nicht aber der Rücksichtslosigkeit versetzten; in eine Stimmung der Anteilnahme, nicht aber der Selbstaufgabe. Mehr wollte er nicht sagen, um sie nicht zu verwirren oder ihre Entscheidung zu beeinflussen. Wenn sie diese Schwelle überschreiten sollten, so behauptete er, müsse es mit einem Minimum an Hilfe seinerseits geschehen.

Und dann ließ der Nagual sie in der Einsamkeit zurück und ging in die Stadt, um Heilpflanzen, Matten und Decken zu besorgen, die ihnen gebracht werden sollten. Er stellte sich vor, daß sie in der Einsamkeit jene Schwelle erreichen und überschreiten würden. Lange lagen die zwei jungen Menschen nebeneinander, ihren eigenen Gedanken nachhängend. Die Tatsache, daß ihre Montagepunkte sich verschoben hatten, bedeutete, daß sie tiefer denken konnten als sonst. Es bedeutete aber auch, daß sie von tieferer Sorge und Furcht erfaßt waren.

Weil Talia sprechen durfte und etwas kräftiger war, brach sie das Schweigen; sie fragte den jungen Schauspieler, ob er sich fürchte. Er nickte zustimmend. Sie empfand großes Mitleid mit ihm und nahm einen Schal, den sie trug, und bedeckte damit seine Schultern. Sie hielt sogar seine Hand.

Der junge Mann wagte nicht auszusprechen, was er empfand. Allzu stark und zu lebhaft war seine Furcht, der Schmerz könnte wiederkehren, falls er spräche. Er wollte sich bei ihr entschuldigen und ihr sagen, daß er einzig bedauere, sie verletzt zu haben; daß es ihm gleichgültig sei, wenn er bald sterben müsse - denn er wußte mit Sicherheit, daß er den Tag nicht überleben würde.

Talias Gedanken gingen in die gleiche Richtung. Auch sie sagte, daß sie nur eines bedauere: ihn so heftig abgewehrt zu haben, daß sie seinen Tod herbeiführte. Sie war ganz ruhig jetzt - ein Gefühl, daß ihr, immer erregt und getrieben durch ihre große Kraft, ganz unbekannt war. Sie sagte ihm, auch ihr Tod sei nahe und sie wäre froh, wenn alles an diesem Tag zu Ende ginge.

Der junge Schauspieler schauderte, als er seine eigenen Gedanken von Talia ausgesprochen hörte. Dann überkam ihn eine Woge der Energie, und er richtete sich auf. Er litt keine Schmerzen, auch hustete er nicht. Er atmete mit tiefen Zügen - etwas, woran er sich kaum noch erinnern konnte. Er nahm die Hand des Mädchens, und sie begannen ein Gespräch, ohne die Worte auszusprechen. In diesem Moment, so sagte Don Juan, kam der Geist zu ihnen.

Und sie sahen. Sie waren tief religiöse Katholiken, und was sie sahen, war eine Vision des Himmels, wo alles lebendig und in Licht gebadet war. Sie sahen eine Welt von wunderbaren Bildern.

Als der Nagual zurückkehrte, waren sie erschöpft, wenn auch nicht verletzt. Talia war bewußtlos, aber dem jungen Mann war es unter Aufbietung äußerster Selbstbeherrschung gelungen, bei Bewußtsein zu bleiben. Er bestand darauf, dem Nagual etwas ins Ohr zu flüstern.

»Wir haben den Himmel gesehen«, flüsterte er, und Tränen flössen ihm über die Wangen.

»Ihr habt mehr gesehen als das«, erwiderte der Nagual Elias. »Ihr habt den Geist gesehen.«

Weil das Herabsteigen des Geistes immer in verhüllter Form geschieht, sagte Don Juan, konnten Talia und der junge Schauspieler ihre Vision natürlich nicht festhalten. Sie vergaßen sie bald, wie jeder sie vergessen hätte. Das Besondere an ihrem Erlebnis war, daß sie, ohne Schulung und ohne sich dessen bewußt zu sein, zusammen geträumt und den Geist gesehen hatten. Daß sie dies mit solcher Leichtigkeit geschafft hatten, war ganz außergewöhnlich.

»Die beiden waren wirklich die bemerkenswertesten Menschen, denen ich je begegnet bin«, fügte Don Juan hinzu.

Ich wollte natürlich mehr über sie erfahren. Aber Don Juan gab mir nicht nach. Dies, sagte er, sei alles, was es über seinen Wohltäter und den vierten abstrakten Kern zu erfahren gebe.

Er schien sich an etwas zu erinnern, was er mir nicht sagen wollte, und lachte schallend. Dann klopfte er mir den Rücken und meinte, es sei an der Zeit, aufzubrechen zu jener Höhle.

Als wir das Felsband erreichten, war es beinah dunkel. Don Juan setzte sich rasch - in der gleichen Haltung wie beim erstenmal. Er saß rechts von mir und berührte mich mit seiner Schulter. Er schien sofort in einen Zustand tiefer Entspannung zu versinken, was auch mich in völlige Reglosigkeit und Schweigen versetzte. Ich hörte nicht einmal seinen Atem. Ich schloß die Augen, und er ermahnte mich mit einem Rippenstoß, sie offenzuhalten.

Als es ganz dunkel geworden war, überkam mich eine ungeheure Müdigkeit, die meine Augen jucken und schmerzen ließ. Endlich gab ich meinen Widerstand auf und sank in den tiefsten, finstersten

Schlaf, den ich jemals erlebt hatte. Und doch war es kein vollständiger Schlaf, denn ich spürte die dichte Finsternis um mich her. Ich hatte die durchaus körperliche Empfindung, durch diese Finsternis zu waten. Diese färbte sich plötzlich rötlich, dann orange, dann strahlend weiß - wie ein furchtbar starkes Neonlicht. Allmählich blickten meine Augen schärfer, bis ich sah, daß ich noch immer in derselben Haltung neben Don Juan saß - jedoch nicht mehr in dieser Höhle. Wir befanden uns auf einem Berggipfel und blickten auf herrliche Ebenen hinaus, auf Berge in der Feme. Diese schöne Prärie war von einem Leuchten übergossen, das wie Lichtstrahlen vom Erdboden selbst auszugehen schien. Wohin ich auch schaute, sah ich vertraute Formen: Felsen, Hügel, Flüsse, Wälder, Schluchten, erhöht und verwandelt durch ihr inneres Vibrieren, ihr inneres Leuchten. Dieses Leuchten, das meinen Augen so angenehm war, vibrierte auch aus meinem Innersten hervor.

»Dein Montagepunkt hat sich bewegt«, schien Don Juan zu mir zu sagen.

Seine Worte hatten keinen Klang; trotzdem wußte ich, was er eben zu mir gesagt hatte. Rational versuchte ich mir zu erklären, daß ich ihn zweifellos gehört hatte, wie ich ihn hören würde, wenn er in einem Vakuum zu mir spräche - wahrscheinlich weil meine Ohren vorübergehend in Mitleidenschaft gezogen waren durch das, was hier vor sich ging.

»Deine Ohren sind in Ordnung. Wir befinden uns in einer anderen Sphäre des Bewußtseins«, schien Don Juan mir abermals zu sagen.

Ich konnte nicht sprechen. Das Phlegma eines tiefen Schlafes hinderte mich, auch nur ein Wort zu sagen, und doch war ich so wach, wie ich nur sein konnte.

»Was ist hier los?« dachte ich.

»Die Höhle hat deinen Montagepunkt in Bewegung versetzt«, dachte Don Juan, und ich hörte seine Gedanken, als wären es meine eigenen, vor mich hingesprochenen Worte.

Ich spürte einen Befehl, der nicht in Gedanken ausgedrückt war. Irgend etwas befahl mir, wieder diese Prärie anzuschauen. Während ich den erstaunlichen Anblick unverwandt anstarrte, begannen Lichtfasern von allem abzustrahlen, was sich auf dieser Prärie befand. Zuerst war es wie das Hervorbersten einer unendlichen Zahl kurzer Fasern, dann wuchsen die Fasern zu langen, fadenförmigen Strängen eines hellen Leuchtens, gebündelt zu Strahlen vibrierenden Lichts, die bis in das All reichten. Es war mir ganz unmöglich, einen Sinn zu erkennen in dem, was ich sah, oder es zu beschreiben - es sei denn, als Fasern vibrierenden Lichts. Die Fasern waren nicht vermischt oder verflochten. Obwohl sie ununterbrochen in alle Richtungen explodierten und immer weiter explodierten, war jede gesondert, und doch waren sie alle unauflöslich zusammengebündelt.

»Du siehst die Emanationen des Adlers sowie die Kraft, die sie getrennt hält und zusammenbündelt«, dachte Don Juan.

In dem Augenblick, als ich seinen Gedanken auffing, schienen die Lichtfasern all meine Energie zu verzehren. Müdigkeit überwältigte mich. Sie löschte meine Vision und stürzte mich in Finsternis.

Als ich das Bewußtsein wiedererlangte, war ich von etwas so Vertrautem umgeben, daß ich - auch wenn ich nicht zu sagen vermochte, was es war - mich wieder in einem normalen Bewußtseinszustand glaubte. Don Juan schlief neben mir, seine Schulter an meine gelehnt.

Dann erkannte ich, daß die Dunkelheit um uns so dicht war, daß ich nicht mal meine Hände sehen konnte. Wahrscheinlich, so spekulierte ich, hatte Nebel das Felsband verhüllt und die Höhle gefüllt. Oder vielleicht waren es die zerfransten Wolken, die sich jede Regennacht wie eine lautlose Lawine von den höheren Bergen herabwälzten. Aber trotz der absoluten Finsternis sah ich, daß Don Juan, gleich nachdem ich wieder zu Bewußtsein gekommen war, seine Augen aufgeschlagen hatte, auch wenn er mich nicht anschaute. Die Tatsache, daß ich ihn sah - das wußte ich gleich -, war nicht durch den Einfall von Licht auf meine Retina bedingt. Es war vielmehr eine körperliche Empfindung.

Ich war so in Anspruch genommen davon, Don Juan ohne Mitwirkung meiner Augen zu beobachten, daß ich nicht aufpaßte, was er mir sagte. Endlich machte er eine Pause und wandte mir sein Gesicht zu, als wollte er mir in die Augen schauen.

Er hüstelte ein paarmal und räusperte sich, und dann begann er mit sehr leiser Stimme zu sprechen. Sein Wohltäter, sagte er, sei oft zu dieser Höhle gekommen, sowohl mit ihm selbst als auch mit seinen anderen Schülern, meistens aber allein. In dieser Höhle habe sein Wohltäter die gleiche Prärie gesehen, die ich eben gesehen hatte. Und diese Vision habe ihn auf die Idee gebracht, den Geist als den Fluß der Dinge zu bezeichnen.

Don Juan wiederholte, daß sein Wohltäter kein starker Denker gewesen sei. Wäre er es gewesen, so hätte er augenblicklich erkannt , daß das, was er gesehen und als den Fluß der Dinge bezeichnet hatte, die Absicht war, jene Kraft, die alles durchdringt. Don Juan meinte, daß sein Wohltäter, falls er sich jemals über die Art seines Sehens klar wurde, dies jedenfalls nicht zu erkennen gab. Er selbst glaube, daß sein Wohltäter es nie erfahren habe. Vielmehr dachte sein Wohltäter, er habe den Fluß der Dinge gesehen, was auch ganz richtig sei - nicht aber in der Art, wie er es meinte.

Auf diesen Punkt legte Don Juan solchen Nachdruck, daß ich ihn schon fragen wollte, was denn der Unterschied sei; aber ich konnte nicht sprechen. Meine Kehle schien wie erstarrt. So saßen wir stundenlang dort, in völligem Schweigen und völliger Reglosigkeit. Dennoch empfand ich keinerlei Unbehagen. Meine Muskeln ermüdeten nicht, meine Beine schliefen nicht ein, mein Rücken schmerzte nicht.

Als er wieder zu sprechen anfing, bemerkte ich nicht einmal den Übergang, und ich überließ mich bereitwillig dem Klang seiner Stimme. Es war ein melodisches und rhythmisches Geräusch, hervorgehend aus der absoluten Finsternis, die mich umgab.

Er sagte, daß ich mich in diesem Moment nicht in meinem normalen Bewußtseinszustand befände, aber auch nicht in gesteigerter Bewußtheit. Ich hinge fest in einer Flaute, in der Finsternis der Nicht-Wahrnehmung. Mein Montagepunkt habe sich bewegt - fort von der Wahrnehmung der Alltagswelt, aber nicht weit genug, um ein gänzlich neues Bündel von Energiefeldern zu erreichen und zu erhellen. Genaugenommen sei ich gefangen zwischen zwei Möglichkeiten der Wahrnehmung. In diesem Zwischenstadium sei die Flaute der Wahrnehmung durch den Einfluß der Höhle bewirkt worden; diese selbst sei geleitet durch die Absicht der Zauberer, die sie einst in den Fels schlugen.

Don Juan bat mich, gut aufzupassen auf das, was er mir jetzt sagen wollte. Vor Jahrtausenden, so erzählte er, hätten die Zauberer mit Hilfe ihres Sehens gemerkt, daß die Erde ein fühlendes Wesen sei und das Bewußtsein der Menschen beeinflussen könne. Sie wollten ein Mittel finden, den Einfluß der Erde zu nutzen, und dabei entdeckten sie, daß gewisse Höhlen am wirksamsten wären. Die

Suche nach solchen Höhlen wurde alsbald zur beinah ausschließlichen Beschäftigung dieser Zauberer, und durch ihre Anstrengungen entdeckten sie eine Vielzahl von Höhlenformationen für eine Vielzahl von Zwecken. Das einzige, für uns brauchbare Resultat, so sagte er, sei diese eine Höhle mit ihrer Fähigkeit, den Montagepunkt zu bewegen, bis er eine Flaute der Wahrnehmung erreiche.

Während Don Juan sprach, hatte ich das beunruhigende Gefühl, daß irgend etwas in meinem Kopf klarer wurde. Irgend etwas trichterte mein Bewußtsein durch einen langen, engen Kanal. All die überflüssigen Halbgedanken und Gefühle meines normalen Bewußtseinszustands wurden ausgelöscht.

Don Juan war sich durchaus bewußt, was in mir vorging. Ich hörte sein leises, befriedigtes Kichern. Erst jetzt, meinte er, könnten wir leichter miteinander sprechen, und unser Gespräch würde mehr Tiefe haben.

In diesem Augenblick erinnerte ich mich an unzählige Dinge, die er mir früher erklärt hatte. Zum Beispiel wußte ich, daß ich träumte. Tatsächlich schlief ich tief, und doch war ich meiner selbst völlig bewußt, und zwar mittels meiner zweiten Aufmerksamkeit - dem Gegenstück zu meiner normalen Aufmerksamkeit. Daß ich schlief, wußte ich aufgrund der entsprechenden körperlichen Empfindung und einer rationalen Schlußfolgerung, beruhend auf Äußerungen, die Don Juan in der Vergangenheit getan hatte. Ich hatte soeben die Emanationen des Adlers gesehen, und Don Juan hatte gesagt, daß es Zauberern ganz unmöglich sei, den Anblick der Emanationen des Adlers länger zu ertragen - außer beim Träumen, und folglich mußte ich träumen.

Don Juan hatte erklärt, daß das Universum aus Energiefeldern bestehe, die sich jeder Beschreibung oder Erforschung entziehen. Diese Energiefelder, hatte er gesagt, gleichen den Fasern gewöhnlichen Lichts, nur daß das Licht leblos ist im Vergleich zu den Emanationen des Adlers, die Bewußtheit ausstrahlen. Niemals bis zu dieser Nacht war ich fähig gewesen, sie längere Zeit ungehindert zu sehen, und tatsächlich bestanden sie aus einem Licht, das lebendig war. Don Juan hatte früher behauptet, mein Wissen und meine Beherrschung der Absicht würden nicht ausreichen, um der Wucht dieses Anblicks standzuhalten. Er hatte gesagt, daß die normale Wahrnehmung stattfinde, sobald die Absicht, bestehend aus reinem Licht, einen Teil der leuchtenden Fasern im Innern unseres Kokon entzünde, und gleichzeitig einen langen Ausläufer dieser selben Fasern erhelle, der sich außerhalb unseres Kokons bis ins Unendliche erstrecke. Außerordentliche Wahrnehmung, also das Sehen, findet statt, wenn durch die Kraft der Absicht ein anderes Bündel von Energiefeldern aktiviert und erhellt wird. Wenn eine kritische Menge von Energiefeldern in dem leuchtenden Kokon erhellt werden, so hatte er gesagt, vermag ein Zauberer die Energiefelder selbst zu sehen.

Bei anderer Gelegenheit hatte Don Juan mir vom rationalen Denken der frühen Zauberer berichtet. Er erzählte mir, sie hätten durch ihr Sehen erkannt, daß Bewußtheit eintrete, sobald die Energiefelder im Innern unseres leuchtenden Kokons sich an den gleichen Energiefeldern draußen ausrichteten. Und sie glaubten, diese Ausrichtung als Ursache des Bewußtseins entdeckt zu haben.

Bei genauerer Prüfung aber zeigte sich, daß das, was sie als Ausrichtung der Emanationen des Adlers bezeichnet hatten, nicht gänzlich erklärte, was sie sahen. Sie hatten bemerkt, daß nur ein sehr kleiner Teil der Gesamtmenge leuchtender Fasern im Innern des Kokons aktiviert wurde, während der Rest unverändert blieb. Diese wenigen Fasern aktiviert zu sehen, hatte zu einer falschen Entdeckung geführt. Die Fasern brauchten nicht ausgerichtet zu sein, um entzündet zu werden, weil jene im Innern unseres Kokons dieselben waren wie jene außerhalb. Was immer sie aktivierte, war also eindeutig eine unabhängige Kraft. Diese glaubten die Zauberer nicht weiterhin als Bewußtheit bezeichnen zu können, wie sie es getan hatten; denn Bewußtheit war ja das Leuchten der entzündeten Energiefelder. Folglich wurde die Kraft, die die Felder erhellte, als Wille bezeichnet.

Als ihr Sehen dann noch komplizierter und tüchtiger wurde, erkannten sie, wie Don Juan sagte, daß der Wille eine Kraft sei, die die Emanationen des Adlers getrennt hielt; sie war nicht nur verantwortlich für unsere Bewußtheit, sondern für alles im Universum. Sie sahen, daß diese Kraft das absolute Bewußtsein hatte und daß sie aus eben denselben Energiefeldern entsprang, die das Universum bildeten. So beschlossen sie, daß Absicht eine passendere Bezeichnung dafür sei als Wille. Auf lange Sicht aber erwies dieser Name sich als nachteilig, denn er vermochte nicht die überwältigende Bedeutung dieser Kraft zu bezeichnen noch die lebendige Verbindung, die sie mit allen Dingen im Universum hat.

Don Juan hatte damals behauptet, daß wir den gewaltigen kollektiven Fehler begingen, unser Leben lang in völliger Unkenntnis dieser Verbindung zu bleiben. Die Alltagsgeschäfte unseres Lebens, unsere unbarmherzig verfolgten Interessen, unsere Sorgen und Hoffnungen, unsere Niederlagen und Ängste träten jeden Tag in den Vordergrund, während wir uns nicht bewußt wären, mit allem anderen verbunden zu sein.

Und Don Juan hatte seine Überzeugung bekräftigt, daß die christliche Vorstellung von einer Vertreibung aus dem Paradies ihn wie eine Allegorie auf den Verlust unseres stillen Wissens anmute, unseres Wissens von der Absicht. Die Zauberei sei also eine Rückkehr zum Anfang, eine Rückkehr ins Paradies.

Stundenlang hatten wir in absoluter Stille in dieser Höhle gesessen - oder vielleicht waren es auch nur wenige Augenblicke. Plötzlich fing Don Juan an zu sprechen, und der unerwartete Klang seiner Stimme rüttelte mich auf. Ich begriff nicht, was er sagte. Ich räusperte mich, um zu fragen, was er gesagt habe, und diese Handlung warf mich völlig aus meiner nachdenklichen Stimmung. Alsbald erkannte ich, daß die Dunkelheit um mich her nicht mehr undurchdringlich war. Ich konnte jetzt sprechen. Ich spürte, daß ich wieder in meinem normalen Bewußtseinszustand war.

Mit ruhiger Stimme erzählte mir Don Juan, ich hätte zum erstenmal im Leben den Geist gesehen, jene Kraft, die das Universum erhalte. Er betonte, die Absicht sei nichts, was man nutzen oder befehligen oder bewegen könne - und dennoch könne man sie nach Belieben nutzen oder befehligen. Dieser Widerspruch, sagte er, sei die Quintessenz der Zauberei. Die Unfähigkeit, dies zu begreifen, habe Generationen von Zauberern unvorstellbares Leid und großen Schmerz eingetragen. Um zu vermeiden, einen so übermäßigen Preis an Leiden zu zahlen, hätten die modernen Naguals einen Verhaltenskodex entwickelt - genannt: der Pfad der Krieger oder das makellose Tun -, der die Zauberer vorbereite, indem er ihre Besonnenheit und Nachdenklichkeit mehre. Irgendwann in ferner Vergangenheit, erklärte Don Juan, hätten die Zauberer ein starkes Interesse gehabt an jenem Bindeglied, das die Absicht mit allem verbindet. Und indem sie ihre zweite Aufmerksamkeit auf dieses Bindeglied konzentrierten, gewannen sie nicht nur direktes Wissen, sondern auch die Fähigkeit, dieses Wissen zu manipulieren und erstaunliche Taten zu vollbringen. Sie gewannen jedoch nicht die Geistesklarheit, die notwendig ist, um all jene Macht zu handhaben.

In einem Moment der Einsicht beschlossen die Zauberer daher, ihre zweite Aufmerksamkeit ausschließlich auf das Bindeglied jener Geschöpfe zu konzentrieren, die Bewußtsein haben. Dazu zählte für sie das ganze Reich der organischen Lebewesen wie auch das gesamte Reich dessen, was die Zauberer als anorganische Wesen oder Verbündete bezeichnen; diese schildern sie als Lebewesen mit Bewußtsein, aber ohne Leben - wie wir Leben verstehen. Auch diese Lösung war nicht sehr erfolgreich, weil auch sie ihnen keine Weisheit zu bringen vermochte.

In einem weiteren Reduktionsschritt konzentrierten die Zauberer ihre Aufmerksamkeit ausschließlich auf das Bindeglied, das den Menschen mit der Absicht verbindet. Das Resultat war ähnlich wie zuvor.

Dann suchten die Zauberer nach einer endgültigen Reduktion. Jeder Zauberer beschäftigte sich ausschließlich mit seinem individuellen Bindeglied. Aber auch dies erwies sich als unwirksam. Obgleich bemerkenswerte Unterschiede zwischen diesen vier Interessenrichtungen bestanden, war eine so irreführend wie die andere, sagte Don Juan. Darum konzentrierten die Zauberer sich am Ende ausschließlich auf die Freiheit, die ihre individuelle Verbindung zur Absicht ihnen schenkte, um das Feuer von innen zu entzünden.

Alle modernen Zauberer, so sagte er, müßten sich heftig um Klarheit des Geistes bemühen. Besonders ein Nagual müsse sich anstrengen, denn er habe mehr Kraft und mehr Gewalt über die Energiefelder, welche die Wahrnehmung bestimmen, und er sei besser geschult und vertraut mit den Komplikationen des Wissens - und das heißt mit dem direkten Kontakt zur Absicht.

Auf diese Weise betrachtet, ist Zauberei ein Versuch, unser Wissen von der Absicht wiederherzustellen und deren Nutzung wiederzugewinnen, ohne vor ihr zu kapitulieren. Und die abstrakten Kerne der Zauberei-Geschichten sind Abstufungen der Erkenntnis, Grade unseres Bewußtseins von der Absicht.

Ich verstand Don Juans Erklärungen mit völliger Klarheit. Aber je mehr ich verstand und je klarer seine Aussagen mir wurden, desto größer war mein Gefühl der Verlassenheit und Verzweiflung. Irgendwann erwog ich ernstlich, meinem Leben gleich hier ein Ende zu setzen. Ich wußte, ich war verdammt. Fast unter Tränen sagte ich zu Don Juan, daß es sinnlos sei, wenn er seine Erklärung fortsetzte, denn ich wisse, daß ich im Begriff stünde, meine Geistesklarheit zu verlieren; und wenn ich in meinen normalen Bewußtseinszustand zurückkehrte, würde ich keinerlei Erinnerung haben an das, was ich hörte und sah. Mein alltägliches Bewußtsein würde mir seine lebenslange Gewohnheit der Wiederholung und auch die vernünftige Vorhersagbarkeit seiner Logik aufzwingen. Dies sei der Grund, warum ich mich verdammt fühlte. Ich sagte ihm, ich hasse mein Schicksal.

Don Juan erwiderte, daß ich sogar im Zustand gesteigerter Bewußtheit eine Vorliebe für Wiederholungen hätte; ich langweilte ihn immer wieder, wenn ich ihm meine Anfälle von Minderwertigkeitsgefühlen schilderte. Wenn ich schon untergehen mußte, sagte er, sollte ich es kämpfend tun, nicht unter Entschuldigungen und Selbstmitleid. Unser individuelles Schicksal sei belanglos, solange wir es mit äußerster Hingabe akzeptierten.

Seine Worte machten mich ganz glückselig. Mit tränenüberströmten Wangen wiederholte ich immer wieder, wie recht er hätte. Solch ein tiefes Glücksgefühl war in mir, daß ich argwöhnte, meine Nerven könnten entgleisen. Ich bot all meine Kräfte auf, um diesen Zustand zu beenden, und spürte den ernüchternden Effekt meiner geistigen Notbremse. Aber indem dies geschah, begann meine Geistesklarheit sich aufzulösen. Im stillen kämpfte ich und versuchte beides zu sein - weniger nüchtern und weniger nervös. Don Juan gab keinen Laut von sich und ließ mich in Ruhe.

Bis ich mein Gleichgewicht wiedergewonnen hatte, war beinah die Dämmerung angebrochen. Don Juan stand auf, reckte die Arme über den Kopf und spannte seine Muskeln, so daß seine Gelenke knackten. Er half mir auf und meinte, ich hätte doch eine höchst erleuchtende Nacht verbracht: Ich hätte erlebt, was der Geist sei, und hätte verborgene Kräfte aufzubieten vermocht, um etwas zu erreichen, was - oberflächlich betrachtet - nichts anderes zu sein schien als eine Beruhigung meiner Nervosität. Aber auf einer tieferen Ebene war es tatsächlich eine sehr erfolgreiche Bewegung meines Montagepunkts.

Dann bedeutete er mir, daß es Zeit war, den Rückweg anzutreten.