Ein Weihnachtslied in Prosa

Eine Geistergeschichte zum Weihnachtsfest

Erste Strophe

Marleys Geist

Marley war tot, das gleich zu Anfang. Darüber besteht nicht der geringste Zweifel. Die Bestattungsurkunde war vom Geistlichen, vom Standesbeamten, vom Leichenbestatter und dem Hauptleidtragenden unterschrieben. Scrooge hatte sie unterzeichnet. Und Scrooges Name war auf der Börse für jede Sache gut, unter die er seine Unterschrift setzte.

Der alte Marley war tot wie ein Türnagel.

Wohlgemerkt, ich will nicht behaupten, daß ich genau wüßte, was man unter tot wie ein Türnagel versteht. Ich wäre eher geneigt, einen Sargnagel als den unbelebtesten Gegenstand aller Eisenwaren anzusehen. Aber die Weisheit unserer Vorfahren steckt in diesem Vergleich; und ich möchte ihn nicht mit meinen ungeweihten Händen zerstören, sonst geht unser Land zugrunde. Gestatten Sie mir deshalb, mit allem Nachdruck zu wiederholen, daß Marley tot wie ein Türnagel war.

Wußte Scrooge, daß er tot war? Selbstverständlich. Wie sollte er nicht? Scrooge und er waren ich weiß nicht wie viele Jahre Partner gewesen. Scrooge war sein einziger Testamentsvollstrecker, sein einziger Nachlaßverwalter, sein einziger Rechtsnachfolger, sein einziger Nachvermächtnisnehmer, sein einziger Freund und der einzige um ihn Trauernde. Doch nicht einmal Scrooge war über das traurige Ereignis so tief betrübt, daß er nicht sogar am Tag der Beerdigung ein tüchtiger Geschäftsmann gewesen wäre und ihn mit einem wirklich guten Geschäft feierlich begangen hätte.

Die Erwähnung von Marleys Begräbnis führt mich auf meinen Ausgangspunkt zurück. Es besteht kein Zweifel, daß Marley tot war. Das muß als sicher angenommen werden, ansonsten kann aus der Geschichte, die ich jetzt erzählen möchte, nichts Wunderbares hervorgehen. Wenn wir nicht vollkommen überzeugt wären, daß Hamlets Vater gestorben war, bevor das Stück begann, wäre sein nächtlicher Bummel, den er bei Wind von Osten her über seinen Festungswall macht, nicht bemerkenswerter, als wenn irgendein Herr in mittleren Jahren nach Einbruch der Dunkelheit hastig zu einem luftigen Ort hinauszieht – sagen wir zum Beispiel, auf den St.-Pauls-Friedhof –, um das schwache Gemüt seines Sohnes buchstäblich in Furcht zu versetzen.

Scrooge ließ niemals den Namen des alten Marley übermalen. Noch Jahre später stand über der Geschäftstür: Scrooge & Marley. Die Firma war als Scrooge & Marley bekannt. Manchmal nannten Leute, denen das Geschäft vorher unbekannt war, Scrooge Scrooge und manchmal Marley, aber er reagierte auf beide Namen. Für ihn war es dasselbe.

Oh, was war er doch für ein Geizkragen! Scrooge, dieser habsüchtige alte Sünder, der das Geld aus anderen herauspreßte und an sich riß, der es zusammenkratzte und krampfhaft festhielt. Er war hart und scharf wie ein Feuerstein, aus dem kein Stahl jemals auch nur einen Funken Großzügigkeit herausgeschlagen hatte. Er war so verschwiegen, verschlossen und einsiedlerisch wie eine Auster. Die innere Kälte ließ seine alten Gesichtszüge erstarren und die Wangen runzlig werden, zwickte ihm in die spitze Nase und machte ihn steifbeinig. Sie ließ seine Augen rot und die dünnen Lippen blau werden und kam deutlich in seiner krächzenden Stimme zum Ausdruck. Rauhreif überzog Kopf und Augenbrauen sowie sein kantiges Kinn. Er trug seine niedrige Temperatur ständig mit sich herum; er kühlte während der Hundstage sein Büro und erwärmte es auch nicht um ein Grad in der Weihnachtszeit.

Äußere Hitze oder Kälte hatten auf Scrooge wenig Einfluß. Weder Wärme konnte ihm das Herz erwärmen noch winterliches Wetter ihn entmutigen. Kein Wind war rauher als er, kein Schneeschauer mehr auf seine Absicht bedacht, kein Regenguß einer dringenden Bitte gegenüber weniger aufgeschlossen. Schlechtes Wetter konnte ihm nie etwas anhaben. Der heftigste Regen, Schnee, Hagel oder Graupel konnte sich nur in einer Hinsicht rühmen, überlegen zu sein. Sie gingen oft verschwenderisch hernieder, er zeigte sich niemals so.

Niemand hielt ihn auf der Straße an und fragte mit freundlichem Blick: „Lieber Mr. Scrooge, wie geht es Ihnen? Wann kommen Sie mich besuchen?“ Kein Bettler flehte ihn an, ihm eine Kleinigkeit zu schenken. Kein Kind fragte ihn, wie spät es sei. Nicht ein einziges Mal wurde Scrooge von einem Mann oder einer Frau gefragt, wie man zu diesem oder jenem Ort gelange. Selbst die Blindenhunde schienen ihn zu kennen. Wenn sie ihn herankommen sahen, zerrten sie ihre Besitzer in Hauseingänge hinein oder die Gasse hinauf. Dann wedelten sie mit dem Schwanz, als wollten sie sagen: „Es ist besser, gar keine Augen zu haben als böse, blindes Herrchen!“

Aber was kümmerte das Scrooge! Das war es gerade, was ihm gefiel. Weil er sich seinen Weg durchs Leben bahnte, indem er menschliches Mitgefühl nicht zu nahe an sich heranließ, wurde er von den Eingeweihten ein verrückter Kerl genannt.

Einst saß der alte Scrooge an einem der schönsten Tage des Jahres, einem Heiligabend, geschäftig in seinem Büro. Das Wetter war rauh, bitter kalt und obendrein neblig. Er konnte hören, wie die Leute draußen auf dem Hof keuchend auf und ab gingen, sich mit den Händen gegen die Brust schlugen und mit den Füßen auf das Pflaster stampften, um sie zu erwärmen. Die Uhren in der Stadt hatten gerade erst drei geschlagen, aber es war schon ziemlich dunkel – es war den ganzen Tag über nicht hell geworden –, und in den Fenstern der umliegenden Büros flackerten Kerzen wie rötliche Fettflecke in der dicken, braunen Luft. Der Nebel drang zu jedem Ritz und Schlüsselloch herein und war draußen so dicht, daß die gegenüberliegenden Häuser nur schemenhaft zu sehen waren, obwohl der Hof zu einem der engsten gehörte. Wenn man sah, wie sich die schmutzige Wolke herabsenkte und alles verdunkelte, konnte man denken, Mutter Natur lebe ganz in der Nähe und braue in großem Umfang.

Die Tür von Scrooges Büro stand offen, damit er ein Auge auf seinen Angestellten werfen konnte, der in einer traurigen kleinen Zelle nebenan, einer Art Kasten, saß und Briefe abschrieb. Bei Scrooge brannte ein sehr kleines Feuer, bei dem Angestellten aber ein noch viel kleineres, daß es wie eine einzige Kohle aussah. Er konnte jedoch nichts nachlegen, weil Scrooge die Kohlenkiste in seinem Raum aufbewahrte. Sobald der Angestellte mit der Schaufel hereinkam, gab ihm sein Herr zu verstehen, daß sich ihre Wege trennen müßten. Daraufhin legte sich der Angestellte sein weißes Wolltuch um den Hals und versuchte, sich an der Kerze aufzuwärmen. Da er aber keine große Phantasie besaß, gelang ihm das nicht.

„Frohe Weihnachten, Onkel! Gott segne dich!“ rief eine vergnügte Stimme. Es handelte sich um die Stimme von Scrooges Neffen, der so schnell auf ihn zukam, daß sie das erste Anzeichen seines Kommens war.

„Pah!“ sagte Scrooge, „Unsinn!“

Scrooges Neffe hatte sich beim raschen Laufen im Nebel und Frost dermaßen erhitzt, daß er nur so glühte. Sein hübsches Gesicht war gerötet, die Augen funkelten, und beim Atmen stieß er Dampfwolken aus.

„Weihnachten ein Unsinn, Onkel?“ sagte Scrooges Neffe. „Das meinst du sicher nicht so.“

„Doch“, sagte Scrooge. „Frohe Weihnachten! Welches Recht hast du, froh zu sein? Welchen Grund hast du, froh zu sein? Du bist arm genug.“

„Aber geh“, erwiderte der Neffe fröhlich. „Welches Recht hast du, traurig zu sein? Welchen Grund hast du, verdrießlich zu sein? Du bist doch reich genug.“

Da Scrooge im Moment keine bessere Antwort zur Hand hatte, sagte er wieder „Pah!“ und fügte noch „Unsinn!“ hinzu.

„Sei nicht ärgerlich, Onkel!“ sagte der Neffe.

„Was kann ich sonst sein“, erwiderte der Onkel, „wo ich in einer Welt voller Narren lebe? Frohe Weihnachten! Pfui über ‚Frohe Weihnachten‘. Was bedeutet die Weihnachtszeit schon anderes für dich als eine Zeit, in der man Rechnungen ohne Geld bezahlt; in der man ein Jahr älter, aber keinen Deut reicher geworden ist; in der man die Bücher abschließt und sich jeder Posten darin ein Dutzend Monate hindurch als gewinnlos erweist? Wenn es nach mir ginge“, sagte Scrooge aufgebracht, „müßte jeder Idiot, der mit einem ‚Frohe Weihnachten‘ auf den Lippen herumläuft, in seinem eigenen Plumpudding gekocht und mit einem Stechpalmenzweig durchs Herz begraben werden. Das sollte er!“

„Onkel!“ flehte der Junge.

„Neffe“, erwiderte der Onkel ernst, „feiere Weihnachten auf deine Weise und laß es mich auf meine feiern.“

„Feiern!“ wiederholte Scrooges Neffe. „Aber du feierst es ja gar nicht.“

„Überlaß das nur mir“, sagte Scrooge. „Möge es dir viel Gutes bringen! Dir hat es ja immer viel Gutes gebracht!“

„Es gibt viele Dinge, von denen ich Gutes hätte gewinnen können, aus denen ich allerdings keinen Nutzen gezogen habe“, erwiderte der Neffe. „Weihnachten gehört dazu. Aber ganz bestimmt habe ich die Weihnachtszeit, wenn sie herankam – abgesehen von der Ehrfurcht vor ihrem heiligen Namen und Ursprung, falls man überhaupt von dem, was damit verbunden ist, absehen kann –, als eine gute Zeit angesehen, die Zeit der Güte, der Vergebung, der Barmherzigkeit und Freude, die einzige Zeit im Laufe des Jahres, die ich kenne, in der Männer und Frauen einmütig ihre verschlossenen Herzen weit zu öffnen scheinen und an die Menschen unter sich denken, als ob sie wirklich Wandergefährten zum Grabe wären und nicht eine andere Art von Geschöpfen auf anderen Wegen. Und deshalb, Onkel, glaube ich, obwohl sie mir niemals auch nur ein Gramm Gold oder Silber eingetragen hat, daß sie mir Gutes gebracht hat und auch weiterhin bringen wird, und deshalb sage ich: ‚Gott segne sie!‘“

Der Angestellte in seinem Kasten spendete unwillkürlich Beifall. Da er sich sofort der Ungehörigkeit seines Verhaltens bewußt wurde, stocherte er im Feuer und löschte damit den letzten schwachen Funken aus.

„Lassen Sie mich noch einen Ton von Ihnen hören“, sagte Scrooge, „und Sie werden Weihnachten feiern; indem Sie Ihre Stellung loswerden! Sie sind ein recht gewaltiger Redner, Sir“, fügte er, zu seinem Neffen gewandt, hinzu. „Ich wundere mich, warum du nicht ins Parlament gehst.“

„Sei nicht ärgerlich, Onkel. Bitte, komm morgen zu uns zum Essen.“

Scrooge sagte, daß er ihn … ja, wahrhaftig. Er sprach den ganzen Satz aus und sagte, daß er ihn erst an der Schwelle des Todes Wiedersehen wolle.

„Aber warum?“ rief Scrooges Neffe. „Warum?“

„Warum hast du geheiratet?“ fragte Scrooge.

„Weil ich mich verliebt habe.“

„Weil du dich verliebt hast!“ knurrte Scrooge, als ob dies das einzige auf der Welt sei, was noch lächerlicher als eine frohe Weihnacht ist. „Guten Tag!“

„Onkel, du hast mich aber auch nie besucht, bevor das geschah. Warum gibst du es als Grund dafür an, jetzt nicht zu kommen?“

„Guten Tag!“ sagte Scrooge.

„Ich brauche nichts von dir, ich verlange nichts von dir. Warum können wir nicht Freunde sein?“

„Guten Tag!“ sagte Scrooge.

„Es tut mir von ganzem Herzen leid, daß du so unnachgiebig bist. Wir haben doch nie miteinander Streit gehabt. Aber ich habe Weihnachten zu Ehren den Versuch gemacht und lasse mich auch nicht aus meiner Weihnachtsstimmung bringen. Darum: Frohe Weihnachten, Onkel!“

„Guten Tag!“ sagte Scrooge.

„Und ein glückliches neues Jahr!“

„Guten Tag!“ sagte Scrooge.

Trotzdem verließ sein Neffe das Zimmer ohne ein böses Wort. An der äußeren Tür blieb er stehen, um dem Angestellten alles Gute zum Weihnachtsfest zu wünschen, der, so kalt ihm war, mehr Wärme hatte als Scrooge, denn er erwiderte die Wünsche herzlich.

„Das ist auch so ein Bursche“, murmelte Scrooge, der dessen Worte mitgehört hatte, „mein Angestellter, mit fünfzehn Schilling pro Woche und Frau und Kindern, und redet von frohen Weihnachten. Ich werde wohl nach Bethlehem ziehen.“

Dieser Verrückte hatte, als er Scrooges Neffen hinausließ, zwei andere Personen eingelassen. Es waren zwei stattliche Herren von angenehmem Äußeren, die nun – den Hut hatten sie abgenommen – in Scrooges Büro standen. Sie hielten Bücher und Papiere in der Hand und machten eine Verbeugung.

„Scrooge & Marley, nicht wahr?“ sagte einer der Herren und bezog sich auf seine Liste. „Habe ich das Vergnügen, mit Mr. Scrooge oder Mr. Marley zu sprechen?“

„Mr. Marley ist seit sieben Jahren tot“, erwiderte Scrooge. „Er starb auf den Tag genau vor sieben Jahren.“

„Wir zweifeln nicht daran, daß seine Großzügigkeit von seinem überlebenden Partner fortgesetzt wird“, sagte der Herr und zeigte seine Papiere vor.

Das wurde sie; denn sie waren verwandten Geistes gewesen. Bei dem unheilvollen Wort „Großzügigkeit“ runzelte Scrooge die Stirn, schüttelte den Kopf und reichte die Papiere zurück.

„In dieser Festzeit, Mr. Scrooge“, sagte der Herr und nahm eine Feder zur Hand, „ist es mehr denn je wünschenswert, daß man für die Armen und Bedürftigen (die jetzt schwer zu leiden haben) eine Kleinigkeit zur Verfügung stellt. Vielen Tausenden fehlt es am Allernötigsten, Hunderttausende entbehren die bescheidensten Annehmlichkeiten des Lebens, Sir.“

„Gibt es keine Gefängnisse?“ fragte Scrooge.

„Eine Menge Gefängnisse“, sagte der Herr und legte die Feder wieder hin.

„Und die Armenhäuser?“ fragte Scrooge weiter. „Sind sie noch in Betrieb?“

„Ja“, erwiderte der Herr, „allerdings wünschte ich mir, ich könnte nein sagen.“

„Die Tretmühle und das Armengesetz sind auch noch voll wirksam?“ fragte Scrooge.

„Beide nur zu sehr, Sir.“

„Oh, ich fürchtete schon, nach dem, was Sie zuerst sagten, es wäre etwas geschehen, was ihre nützliche Tätigkeit beendet hätte“, sagte Scrooge. „Ich freue mich, das zu hören.“

„Unter dem Eindruck, daß sie der Mehrheit kaum christlichen Trost an Leib und Seele bieten“, erwiderte der Herr, „bemühen sich einige von uns, Geld zu sammeln, damit wir den Armen etwas zu essen und zu trinken sowie warme Kleidung kaufen können. Wir haben diese Zeit gewählt, weil gerade jetzt die Not am stärksten empfunden wird und der Überfluß Freude bereitet. Was darf ich für Sie einsetzen?“

„Nichts!“ erwiderte Scrooge.

„Sie möchten ungenannt bleiben?“

„Ich möchte allein gelassen werden“, sagte Scrooge. „Da Sie mich fragen, was ich wünsche, meine Herren, ist das meine Antwort. Ich bereite mir selbst keine frohen Weihnachten und kann es mir nicht leisten, Faulenzer fröhlich zu machen. Ich unterstütze die Einrichtungen, die ich erwähnt habe. Sie kosten schon genug. Diejenigen, denen es schlecht geht, müssen eben dorthin gehen.“

„Viele können nicht dorthin gehen, und viele würden lieber sterben.“

„Wenn sie lieber sterben würden“, sagte Scrooge, „sollten sie es tun und dadurch den Bevölkerungsüberschuß vermindern. Übrigens – entschuldigen Sie – weiß ich das nicht.“

„Sie sollten es aber wissen“, bemerkte der Herr.

„Das ist nicht meine Angelegenheit“, entgegnete Scrooge. „Es genügt, wenn ein Mann etwas von seinen eigenen Angelegenheiten versteht und sich nicht in die anderer einmischt. Meine beschäftigen mich vollends. Guten Tag, meine Herren!“

Da die Herren einsahen, daß es sinnlos war, ihr Ziel weiterzuverfolgen, zogen sie sich zurück. Scrooge nahm seine Arbeit mit einer besseren Meinung von sich wieder auf und befand sich in einer gehobeneren Stimmung, als das sonst der Fall war.

Inzwischen hatte sich der Nebel so verdichtet und die Dunkelheit so zugenommen, daß die Menschen mit flackernden Kerzen umherliefen und sich anboten, vor den Pferdekutschen her zu laufen und ihnen den Weg zu zeigen. Der ehrwürdige Kirchturm, dessen heisere, alte Glocke durch ein Spitzbogenfenster im Mauerwerk sonst verstohlen auf Scrooge heruntersah, wurde unsichtbar und zeigte die Stunden und Viertelstunden in den Wolken an, wobei hinterher ein Zittern in der Luft hing, als ob dort oben in seinem verfrorenen Kopf die Zähne klapperten. Es wurde immer kälter. In der Hauptstraße, an der Ecke des Hofes, besserten einige Arbeiter die Gasleitung aus. Sie hatten in einer Kohlenpfanne ein großes Feuer angezündet, um das sich eine Gruppe zerlumpter Männer und Jungen scharte, die sich die Hände wärmten und verzückt in die Glut blinzelten. Da der Wasserhahn unbeachtet gelassen worden war, erstarrte das langsam überfließende Wasser und gefror zu menschenfeindlichem Eis. Der Lichtschein aus den Geschäften, wo Stechpalmenzweige mit Beeren in der Hitze der Schaufensterlampen knisterten, warf auf die blassen Gesichter der Passanten einen rötlichen Schimmer. Geflügel- und Feinkosthandel wurden ein großes Vergnügen: ein prächtiges Zurschaustellen, daß es kaum möglich war, zu glauben, derartig öde Prinzipien wie Einkauf und Verkauf hätten irgend etwas damit zu tun. Der Bürgermeister in der Festung seines mächtigen Herrenhaus erteilte seinen fünfzig Köchen und Kellermeistern den Befehl, Weihnachten so zu feiern, wie es dem Haushalt eines Bürgermeisters zukommt, und sogar der kleine Schneider, dem er am vergangenen Montag noch fünf Schilling Geldstrafe wegen Trunkenheit und Rauflust auf der Straße auferlegt hatte, rührte in seinem Dachstübchen den Pudding für den morgigen Tag, während sich seine magere Frau mit dem Baby auf den Weg machte, um den Rinderbraten einzukaufen. Es wurde noch nebliger und noch kälter. Eine durchdringende, schneidende, beißende Kälte. Wenn der gute heilige Dunstan dem bösen Geist mit einem Hauch dieses Wetters um die Nase gefahren wäre, statt die ihm sonst vertrauten Waffen zu gebrauchen, hätte er wahrhaftig ein kräftiges Gebrüll erhoben. Der Besitzer einer kleinen, jungen Nase, die von der hungrigen Kälte angenagt und angeknabbert war wie Knochen von Hunden, bückte sich zu Scrooges Schlüsselloch herab, um ihn mit einem Weihnachtslied zu erfreuen, doch beim ersten Ton von

„Gott segne dich, lieber Herr,

Nichts möge dich erschrecken!“

langte Scrooge mit solchem Schwung nach dem Lineal, daß der Sänger entsetzt die Flucht ergriff und das Schlüsselloch dem Nebel und dem noch verwandteren Frost überließ.

Endlich war die Stunde gekommen, das Büro zu schließen. Unwillig kletterte Scrooge von seinem Stuhl herab und bedeutete diese Tatsache stillschweigend dem wartenden Angestellten, der sofort die Kerze ausblies und den Hut aufsetzte.

„Sie möchten morgen freihaben, nehme ich an“, sagte Scrooge.

„Wenn es Ihnen paßt, Sir.“

„Es paßt mir nicht“, sagte Scrooge, „und es ist nicht gerecht. Wenn ich Ihnen dafür eine halbe Krone abzöge, kämen Sie sich schlecht behandelt vor, möchte ich wetten.“

Der Angestellte lächelte vage.

„Doch Sie finden nicht“, sagte Scrooge, „daß ich schlecht behandelt bin, wenn ich Ihnen für einen Tag, an dem Sie nicht arbeiten, Lohn zahle.“

Der Angestellte wandte ein, daß es doch nur einmal im Jahr sei.

„Eine armselige Entschuldigung dafür, einem Mann an jedem fünfundzwanzigsten Dezember das Geld aus der Tasche zu locken!“ sagte Scrooge und knöpfte den Mantel bis zum Kinn zu. „Aber vermutlich brauchen Sie den ganzen Tag. Seien Sie am nächsten Morgen um so zeitiger hier.“

Der Angestellte versprach es, und Scrooge ging knurrend hinaus. Das Büro war im Nu geschlossen, und der Angestellte, dem die langen Enden seines weißen Schals bis zur Taille herabbaumelten (einen Mantel besaß er nicht), schlitterte zu Ehren des Weihnachtsabends zwanzigmal am Ende einer Schlange von Jungen die Cornhill entlang, und dann rannte er, so schnell er nur konnte, nach Camden Town heim, um Blindekuh zu spielen.

Scrooge nahm sein trauriges Abendessen wie gewöhnlich in seinem traurigen Gasthaus ein, und nachdem er sämtliche Zeitungen gelesen und den Rest des Abends mit seinem Kontobuch verbracht hatte, machte er sich auf den Heimweg, um schlafen zu gehen. Er bewohnte die Zimmer, die früher seinem verstorbenen Partner gehört hatten. Es war eine düstere Flucht von Räumen in einem zusammenfallenden Gebäude neben dem Hof, wo es so wenig hinpaßte, daß man kaum umhinkonnte, sich vorzustellen, es müsse, als es noch ein junges Haus war, beim Versteckspielen mit anderen Häusern dorthin gelaufen sein und nicht mehr zurückgefunden haben. Jetzt war es allerdings alt und trostlos, denn außer Scrooge wohnte niemand mehr darin. Die anderen Räume waren als Büros vermietet. Der Hof war so dunkel, daß sich selbst Scrooge, der dort jeden Stein kannte, mit den Händen vorwärts tastete. Nebel und Frost hingen so schwarz in dem alten Eingang des Hauses, daß es schien, als ob der Wettergott in trauerndem Grübeln auf der Schwelle säße.

Nun ist es eine Tatsache, daß an dem Türklopfer nichts Besonderes war, nur seine Größe. Es ist auch eine Tatsache, daß Scrooge ihn morgens und abends gesehen hatte, seit er dort wohnte; ebenso daß Scrooge von dem, was man Phantasie nennt, genausowenig besaß wie jedermann in London, einschließlich – und das ist eine kühne Feststellung – der Stadtbehörde, Ratsherren und Dienerschaft. Wollen wir uns ferner daran erinnern, daß Scrooge nicht einen einzigen Gedanken an Marley verschwendet hatte, seit er an diesem Nachmittag erwähnt hatte, daß sein Partner vor sieben Jahren verstorben war. Und dann möge mir jemand erklären – falls er das kann –, wie es kam, daß Scrooge, als er den Schlüssel ins Schloß steckte, in dem Klopfer – ohne daß dieser zwischendurch einen Wandel durchmachte –, nicht einen Klopfer, sondern Marleys Gesicht sah.

Marleys Gesicht. Es lag nicht wie die anderen Gegenstände im Hof in undurchdringlichem Schatten, sondern von ihm ging ein unheilvolles Leuchten aus wie von einem verdorbenen Hummer in einem dunklen Keller. Es war nicht böse oder grimmig, sondern sah Scrooge an, wie Marley es zu tun pflegte: die gespenstische Brille auf die gespenstische Stirn hochgeschoben. Das Haar war merkwürdig durcheinandergewühlt, wie von einem Luftzug oder heißer Luft; und obwohl die Augen weit offenstanden, waren sie völlig bewegungslos. Dies und die Leichenblässe waren schreckenerregend, doch dieser Schrecken schien weder in der Absicht des Gesichts noch in seiner Macht zu liegen, sondern vielmehr zu seinem Ausdruck zu gehören.

Als Scrooge die Erscheinung fest ansah, war es wieder ein Türklopfer.

Zu behaupten, daß er nicht bestürzt gewesen wäre und daß er in seinem Blut keine furchtbare Erregung gespürt hätte, wie sie ihm seit seiner Kindheit fremd war, hätte nicht der Wahrheit entsprochen. Doch er nahm den Schlüssel, den er losgelassen hatte, zur Hand, drehte ihn entschlossen herum, ging hinein und zündete seine Kerze an.

Er blieb einen Augenblick unschlüssig stehen, ehe er die Tür schloß, und blickte zuerst vorsichtig dahinter, als ob er fast erwartete, durch den Anblick von Marleys Zopf erschreckt zu werden, der in den Hausflur hineinragte. Aber an der Rückseite der Tür war weiter nichts als die Schrauben und Muttern, die den Klopfer hielten. Deshalb sagte er „Ach was!“ und schlug die Tür krachend zu.

Der Schall hallte durch das Haus wie Donner. Jedes Zimmer oben und jedes Faß unten im Keller des Weinhändlers schien sein eignes Echo zu haben. Scrooge war nicht der Mensch, der sich durch Echos erschrecken ließ. Er verschloß die Tür, durchquerte den Hausflur und stieg die Treppe hinauf, allerdings langsam, denn im Gehen putzte er die Kerze.

Es läßt sich kaum sagen, daß man mit einem Sechsspänner eine gute alte Treppe hinauffahren oder ein schlechtes neues Gesetz durchbringen könne; ich behaupte aber, daß man in diesem Treppenhaus sogar einen Leichenwagen hochbekommen hätte, und zwar quer, mit der Deichsel zur Wand und der Tür zum Geländer hin, und das mit Leichtigkeit. Die Breite dafür war vorhanden, überhaupt genügend Platz. Das ist vielleicht der Grund, warum Scrooge glaubte, vor sich in der Dunkelheit eine sich bewegende Bahre zu sehen. Ein halbes Dutzend Gaslampen auf der Straße hätten den Flur nicht ausreichend erleuchtet, und so kann man sich vorstellen, daß es mit Scrooges Kerze recht finster war.

Scrooge stieg hinauf und scherte sich den Teufel darum. Dunkelheit ist billig, und das liebte Scrooge. Bevor er aber seine schwere Tür schloß, ging er durch alle Zimmer, um nachzusehen, ob alles in Ordnung sei. Die Erinnerung an das Gesicht war noch stark genug, um dies für angebracht zu halten.

Wohnzimmer, Schlafzimmer, Rumpelkammer. Alles, wie es sein sollte. Keiner unter dem Tisch, keiner unter dem Sofa, ein kleines Feuer im Kamin, Löffel und Schüssel standen bereit, das kleine Töpfchen mit der Haferschleimsuppe (Scrooge hatte eine Erkältung) auf dem Kamineinsatz. Niemand unter dem Bett, niemand im Schrank, niemand in seinem Schlafrock, der in verdächtiger Weise an der Wand hing. Die Rumpelkammer wie üblich: ein altes Kamingitter, alte Schuhe, zwei Fischkörbe, der Waschständer mit drei Beinen und ein Schürhaken.

Ganz beruhigt machte er die Tür zu und schloß sich ein; er schloß sogar zweimal herum, was sonst nicht seine Gewohnheit war. Somit gegen Überraschungen gefeit, legte er die Krawatte ab, zog Schlafrock und Pantoffeln an und setzte die Nachtmütze auf. Dann nahm er vor dem Kamin Platz und aß seine Haferschleimsuppe.

Es war wirklich ein kleines Feuerchen, lächerlich für einen so bitterkalten Abend. Er mußte dicht dabeisitzen und sich herüberbeugen, um von solch einer Handvoll Kohle wenigstens ein geringes Gefühl der Wärme zu spüren. Der Kamin war alt, vor langer Zeit von einem holländischen Kaufmann gebaut und rundherum mit altmodischen holländischen Kacheln besetzt, die die Bibel veranschaulichen sollten. Da waren Kain und Abel, die Töchter Pharaos, die Königin von Saba, Engelsboten, die auf Wolken wie auf Federbetten durch die Luft herabschwebten, Abraham, Belsazar und Apostel, die in Saucieren in See stachen; Hunderte von Figuren, die Scrooges Gedanken auf sich lenken konnten, und trotzdem tauchte das Gesicht von Marley, der schon seit sieben Jahren tot war, wie der Stab des Propheten vor ihm auf und verschlang alle anderen. Wenn jede glatte Kachel zunächst unbemalt gewesen wäre und die Kraft gehabt hätte, irgendein Bild aus den zusammenhanglosen Bruchstücken seiner Gedanken zu gestalten, wäre auf jeder ein Abbild von Marleys Gesicht erschienen.

„Unsinn!“ sagte Scrooge und schritt durchs Zimmer.

Nach mehrmaligem Auf und Ab setzte er sich wieder hin. Als er den Kopf auf dem Stuhl nach hinten warf, blieb sein Blick zufällig an einer nicht mehr benutzten Glocke hängen, die im Zimmer hing und zu einem längst vergessenen Zweck mit einem Zimmer im obersten Stockwerk des Gebäudes in Verbindung stand. Zu seiner großen Verwunderung und mit einer seltsamen, unerklärlichen Furcht sah er, als er dorthin blickte, daß die Glocke zu schwingen begann. Anfangs schwang sie so sacht, daß sie kaum einen Ton von sich gab, doch bald klang sie ganz laut, und alle Glocken im Haus stimmten ein.

Das mochte eine halbe oder ganze Minute gedauert haben, aber es schien eine Stunde gewesen zu sein. Die Glocken hörten, wie sie begonnen hatten, gleichzeitig auf. Es folgte ein rasselndes Geräusch tief unten, als ob jemand eine schwere Kette über die Fässer im Keller des Weinhändlers schleppte. Scrooge erinnerte sich, gehört zu haben, daß Geister in Spukhäusern immer Ketten hinter sich herzögen.

Die Kellertür flog dröhnend auf, und dann hörte er das Geräusch viel lauter, auf den Fluren unten, dann die Treppe herauf- und schließlich direkt auf seine Tür zukommen.

„Ist doch Unsinn!“ sagte Scrooge. „Ich glaube nicht daran.“

Trotzdem verfärbte er sich, als „es“, ohne innezuhalten, durch die schwere Tür kam und vor seinen Augen ins Zimmer trat. Bei seinem Eintreten loderte die schwache Flamme auf, als wollte sie rufen: „Ich erkenne Marleys Geist!“, und fiel dann in sich zusammen.

Dasselbe Gesicht, genau dasselbe. Marley mit seinem Zopf, der gewohnten Weste, den engen Hosen und Stiefeln, deren Quasten ebenso abstanden wie sein Zopf, die Rockschöße und die Haare auf dem Kopf. Die Kette, die er trug, war um seine Taille gewunden. Sie war lang und schlang sich um ihn wie eine Schleppe; sie bestand (Scrooge bemerkte das genau) aus Geldkassetten, Schlüsseln, Vorhängeschlössern, Hauptbüchern, Urkunden und schweren, aus Stahl gearbeiteten Geldbörsen. Sein Körper war durchsichtig, so daß Scrooge, als er ihn betrachtete und durch die Taille hindurchschaute, die beiden Knöpfe hinten am Mantel sehen konnte.

Scrooge hatte oft die Bemerkung gehört, Marley hätte kein Herz, aber er hatte das bis jetzt nie geglaubt.

Nein, auch jetzt glaubte er das nicht. Obwohl er durch die Erscheinung hindurchblicken konnte und sie vor sich stehen sah; obwohl er die durchdringende Wirkung seiner todkalten Augen spürte und genau das Gewebe des zusammengelegten Tuches, das um Kopf und Kinn gebunden war, erkennen konnte – diesen Schal hatte er früher nie bemerkt –, war er noch skeptisch und kämpfte gegen seine Sinne an.

„Was soll das heißen?“ fragte Scrooge, bissig und kalt wie immer. „Was willst du bei mir?“

„Viel!“ – Marleys Stimme, kein Zweifel.

„Wer bist du?“

„Frage mich, wer ich war.

„Wer warst du also?“ fragte Scrooge mit lauter werdender Stimme. „Du nimmst es sehr genau für einen Geist.“ Er wollte eigentlich sagen „als Geist“, ersetzte dies aber durch den passenderen Ausdruck.

„Zu Lebzeiten war ich dein Partner – Jacob Marley.“

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„Kannst du – kannst du dich setzen?“ fragte Scrooge und sah ihn zweifelnd an.

„Ja.“

„Dann setz dich.“

Scrooge stellte diese Frage, weil er nicht wußte, ob ein so durchsichtiger Geist überhaupt in der Lage wäre, sich auf einen Stuhl zu setzen, und fühlte, daß seine mögliche Unfähigkeit eine etwas peinliche Erklärung nötig machen könnte. Doch der Geist nahm auf der gegenüberliegenden Seite des Kamins Platz, als ob er das so gewohnt sei.

„Du glaubst nicht an mich“, bemerkte der Geist.

„Nein“, sagte Scrooge.

„Welchen Beweis für meine Existenz möchtest du haben außer dem, den dir deine Sinne liefern?“

„Ich weiß nicht“, sagte Scrooge.

„Warum zweifelst du an deinen Sinnen?“

„Weil eine Kleinigkeit sie schon beeinträchtigt“, sagte Scrooge. „Eine leichte Magenverstimmung macht sie zu Betrügern. Du kannst ein unverdauter Bissen Rindfleisch, ein Klecks Senf, ein Käsekrümel oder ein Stück nicht gargekochte Kartoffel sein. Dir haftet mehr der Geruch von Speisen als der des Grabes an, was auch immer du bist!“

Es war nicht Scrooges Gewohnheit, Witze zu reißen, und er fühlte sich auch durchaus nicht zum Scherzen aufgelegt. Die Wahrheit ist, daß er versuchte, forsch zu sein, um seine Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu lenken und seine Angst zu unterdrücken, denn die Stimme des Gespenstes ging ihm durch Mark und Bein.

Dazusitzen, in diese starren, glasigen Augen zu sehen und einen Augenblick zu schweigen würde ihm, das spürte Scrooge, den Rest geben. Es lag auch etwas Furchtbares darin, daß das Gespenst von einer unterirdischen Atmosphäre umgeben war. Scrooge konnte sie nicht selbst wahrnehmen, aber es war eindeutig der Fall, denn obwohl der Geist völlig reglos dasaß, wurden seine Haare, seine Rockschöße und seine Stiefelquasten wie von einem Dunst, der aus einem Ofen steigt, hin und her bewegt.

„Siehst du diesen Zahnstocher?“ sagte Scrooge, indem er aus dem eben erwähnten Grunde schnell zum Angriff überging, in dem Wunsch – und wenn es auch nur für eine Sekunde wäre –, den starren Blick des Geistes von sich abzulenken.

„Ja“, erwiderte der Geist.

„Du blickst gar nicht zu ihm her“, sagte Scrooge.

„Ich sehe ihn aber trotzdem“, sagte der Geist.

„Nun“, erwiderte Scrooge, „ich brauche ihn bloß hinunterzuschlucken, um für den Rest meiner Tage von einer Schar Kobolde verfolgt zu werden, die ich mir selbst geschaffen habe. Unsinn, sage ich dir, alles Unsinn!“

Dabei erhob der Geist ein schreckeneinflößendes Geschrei und schüttelte seine Kette mit solch einem gräßlichen und schrecklichen Getöse, daß sich Scrooge an seinem Stuhl festklammerte, um nicht in Ohnmacht zu fallen. Doch wieviel größer war erst sein Entsetzen, als das Gespenst die um den Kopf gewickelte Binde abnahm, als ob es zu warm wäre, sie im Zimmer zu tragen, und ihm der Unterkiefer auf die Brust herunterklappte.

Scrooge fiel auf die Knie und schlug die Hände vors Gesicht.

„Gnade“, sagte er. „Furchtbare Erscheinung, warum quälst du mich?“

„Mann weltlicher Gedanken!“ entgegnete der Geist. „Glaubst du mir oder nicht?“

„Ja“, sagte Scrooge. „Ich muß es ja. Aber warum erscheinen Geister auf der Erde, und warum kommen sie zu mir?“

„Von jedem Menschen wird verlangt“, erwiderte der Geist, „daß seine Seele unter seinen Mitmenschen wandelt und weit herumreist. Und wenn sie nicht im Leben umhergeht, ist sie dazu verdammt, es nach dem Tode zu tun.

Sie ist dazu verurteilt, durch die Welt zu ziehen – oh, weh mir! – und Zeuge dessen zu sein, an dem sie nicht mehr teilhaben kann, aber auf Erden hätte teilhaben und es in Glück verwandeln können.“

Wieder erhob das Gespenst ein Geschrei, schüttelte seine Kette und rang die schattenhaften Hände.

„Du bist gefesselt“, sagte Scrooge zitternd. „Sage mir, warum.“

„Ich trage die Kette, die ich im Leben geschmiedet habe“, antwortete der Geist. „Ich stellte sie Glied um Glied und Elle um Elle her. Ich legte sie freiwillig an, und aus freiem Willen trug ich sie. Ist ihr Muster dir so fremd?“

Scrooge zitterte immer mehr.

„Oder willst du“, fuhr der Geist fort, „das Gewicht und die Länge der starken Rolle wissen, die du selber trägst? Sie war ebenso schwer und lang, wie dieses Weihnachten vor sieben Jahren war. Du hast seitdem weiter daran gearbeitet. Es ist eine schwere Kette!“

Scrooge blickte auf dem Boden umher, in der Erwartung, sich von einer hundertzwanzig oder hundertdreißig Meter langen Eisenkette umgeben zu finden; aber er konnte nichts sehen.

„Jacob“, flehte er. „Guter alter Jacob Marley, erzähl mir mehr. Sprich mir Trost zu, Jacob!“

„Ich habe keinen zu spenden“, antwortete der Geist. „Er kommt aus anderen Bezirken, Ebenezer Scrooge, und wird durch andere Boten gesandt und zu anderen Menschen als dir. Auch kann ich dir nicht sagen, was ich möchte. Nur weniges ist mir erlaubt. Ich darf nicht ruhen, ich darf nicht stehenbleiben, ich darf nirgends verweilen. Mein Geist ist niemals über unser Büro hinausgekommen – wohlgemerkt! –, nie im Leben ist mein Geist über die engen Grenzen unserer Wechslerhöhle hinausgezogen, und beschwerliche Wanderungen liegen vor mir!“

Scrooge hatte die Angewohnheit, die Hände in die Hosentaschen zu stecken, sobald er nachdenklich wurde. Während er darüber grübelte, was der Geist gesagt hatte, tat er es auch jetzt, aber ohne die Augen zu heben oder aufzustehen.

„Du scheinst dir dabei viel Zeit gelassen zu haben, Jacob“, bemerkte Scrooge in geschäftsmäßigem Ton, wenn auch demütig und ehrerbietig.

„Zeit gelassen!“ wiederholte der Geist.

„Seit sieben Jahren tot“, wunderte sich Scrooge, „und die ganze Zeit unterwegs.“

„Die ganze Zeit“, sagte der Geist. „Keine Ruhe, kein Frieden. Unablässig die Qual der Gewissensbisse.“

„Wanderst du schnell?“

„Auf den Flügeln des Windes“, antwortete der Geist.

„Du mußt eine weite Strecke in sieben Jahren zurückgelegt haben“, sagte Scrooge.

Als der Geist das hörte, stieß er noch einen Schrei aus und rasselte mit seiner Kette so gräßlich in der Totenstille der Nacht, daß die Wache berechtigt gewesen wäre, ihn wegen öffentlichen Ärgernisses zu verklagen.

„Oh! Gefangen, gefesselt und in doppelten Ketten“, rief das Gespenst, „wußte ich nicht, daß Jahrhunderte vergehen müssen, in denen sich unsterbliche Wesen unaufhörlich für diese Erde mühen, ehe sich das Gute, für das sie empfänglich ist, entwickelt. Ich wußte nicht, daß jeglichem christlich Gesinnten, der in seinem kleinen Kreis gütig wirkt, was immer es auch sein mag, sein Leben zu kurz ist für seine großartigen Möglichkeiten, nützlich zu sein. Ich wußte nicht, daß keine noch so große Reue die im Leben verpaßten Gelegenheiten wiedergutmachen kann! Doch so war ich! Oh, so war ich!“

„Aber du warst doch immer ein guter Geschäftsmann, Jacob“, stammelte Scrooge, der nun anfing, alles auf sich zu beziehen.

„Geschäft!“ schrie der Geist und rang erneut die Hände.

„Die Menschheit war mein Geschäft. Die allgemeine Wohlfahrt war mein Geschäft. Barmherzigkeit, Mitleid, Nachsicht und Nächstenliebe waren mein Geschäft. Mein berufliches Gebaren war nur ein Tropfen Wasser in dem weiten Ozean meines Geschäfts!“

Er hob die Kette, so hoch sein Arm reichte, als ob sie die Ursache seines unnützen Kummers wäre, und warf sie wieder heftig zu Boden.

„Um diese Zeit des Jahres“, sagte das Gespenst, „leide ich am meisten. Warum nur bin ich mit geschlossenen Augen an meinen Mitmenschen vorbeigegangen und habe meine Blicke niemals zu dem gesegneten Stern erhoben, der die Weisen aus dem Morgenland zu einer armseligen Herberge geführt hat! Gab es keine armseligen Wohnungen, in die sein Licht mich hätte führen können?“

Scrooge war furchtbar verzweifelt, als er das Gespenst in dieser Weise fortfahren hörte, und begann am ganzen Leibe zu zittern.

„Hör zu!“ rief der Geist. „Meine Zeit ist bald abgelaufen.“

„Ich will zuhören“, sagte Scrooge. „Aber sei nicht so hart zu mir! Rede ohne Umschweife, Jacob, bitte!“

„Wie es dazu kommt, daß ich vor dir in einer Gestalt erscheine, die du sehen kannst, darf ich nicht sagen. Ich habe an so manchem Tag unsichtbar neben dir gesessen.“

Das war kein angenehmer Gedanke. Scrooge erschauerte und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

„Es ist kein leichter Teil meiner Buße“, fuhr der Geist fort. „Ich bin heute abend hier, um dich zu warnen, damit du noch Gelegenheit und Hoffnung hast, meinem Schicksal zu entgehen. Gelegenheit und Hoffnung, zu der ich dir verhelfe, Ebenezer.“

„Du bist mir immer ein guter Freund gewesen“, sagte Scrooge. „Ich danke dir!“

„Du wirst von drei Geistern heimgesucht werden“, begann der Geist von neuem.

Scrooges Gesicht wurde fast ebenso lang wie das des Geistes.

„Ist das die Gelegenheit und Hoffnung, von der du sprachst, Jacob?“ fragte er stammelnd.

„Ja.“

„Ich – ich glaube, ich möchte sie lieber nicht haben“, sagte Scrooge.

„Ohne ihre Besuche“, sagte der Geist, „kannst du nicht darauf hoffen, dem Weg auszuweichen, den ich zu gehen habe. Erwarte den ersten morgen, wenn es ein Uhr schlägt.“

„Könnte ich sie nicht alle auf einmal empfangen und die Sache hinter mir haben, Jacob?“ schlug Scrooge vor.

„Erwarte den zweiten in der nächsten Nacht zur selben Stunde. Den dritten in der darauffolgenden Nacht, wenn der letzte Schlag der zwölften Stunde verklungen ist. Hüte dich, mich wiederzusehen, und denk daran – um deinetwillen –, was zwischen uns vorgefallen ist!“

Nach diesen Worten nahm das Gespenst sein Tuch vom Tisch und band es wie zuvor um den Kopf. Scrooge merkte es an dem hellen Geräusch, das seine Zähne machten, als die Kiefer von der Binde zusammengefügt wurden. Er wagte die Augen wieder zu erheben und sah seinen übernatürlichen Besucher in aufrechter Haltung vor sich stehen, die Kette um den Arm geschlungen.

Die Erscheinung entfernte sich rückwärts gehend von ihm, und bei jedem Schritt öffnete sich das Fenster ein wenig mehr, so daß es weit offenstand, als das Gespenst es erreichte.

Es machte Scrooge Zeichen, näher zu kommen, was er auch tat. Als sie zwei Schritt voneinander entfernt standen, hob Marleys Geist die Hand und warnte ihn, noch näher zu kommen. Scrooge blieb stehen.

Weniger aus Gehorsam als aus Überraschung und Furcht, denn beim Heben der Hand nahm er verworrene Geräusche in der Luft wahr, unzusammenhängende Töne der Klage und Reue, unsagbar sorgenvolles und selbstanklagendes Jammern. Nachdem das Gespenst einen Augenblick gelauscht hatte, stimmte es in das Klagelied mit ein und schwebte in die kalte, dunkle Nacht hinaus.

Scrooge ging ihm bis zum Fenster nach, verwegen in seiner Neugier. Er schaute hinaus.

Die Luft war von Gespenstern angefüllt, die in rastloser Eile hin und her wanderten und dabei stöhnten. Jedes von ihnen trug Ketten wie Marleys Geist; einige (es mochten schuldbeladene Regierungsvertreter gewesen sein) waren zusammengeschmiedet; niemand war frei. Scrooge hatte viele zu ihren Lebzeiten persönlich gekannt. Mit einem alten Geist in weißer Weste, der einen riesigen Geldschrank am Knöchel trug, war er ganz vertraut gewesen; dieser schrie kläglich, weil er einer unglücklichen Frau mit einem Kind nicht helfen konnte, die er unten auf einer Türschwelle sitzen sah. Bei allen bestand das Elend offenbar darin, daß sie sich, um Gutes zu tun, in menschliche Angelegenheiten zu mischen versuchten, aber die Macht dazu für immer verloren hatten.

Ob sich diese Geschöpfe in Nebel auflösten oder der Nebel sie einhüllte, konnte er nicht sagen. Aber sie verschwanden mitsamt ihren geisterhaften Stimmen, und die Nacht wurde wieder so wie vor seinem Heimweg.

Scrooge schloß das Fenster und untersuchte die Tür, durch die der Geist hereingekommen war. Es war zweimal herumgeschlossen, wie er es mit eigner Hand getan hatte, und die Riegel waren in Ordnung. Er versuchte, „Unsinn!“ zu sagen, hielt aber bei der ersten Silbe inne. Und da er dringend der Ruhe bedurfte – sei es wegen der Aufregung, die er gehabt, oder wegen der Strapazen des Tages oder wegen seines Einblicks in die unsichtbare Welt oder wegen der betrüblichen Unterhaltung mit dem Geist oder wegen der vorgerückten Stunde –, ging er, ohne sich auszuziehen, ins Bett und schlief sofort ein.

Zweite Strophe

Der erste der drei Geister

Als Scrooge erwachte, war es so dunkel, daß er vom Bett aus kaum das lichtdurchlässige Fenster von den undurchsichtigen Wänden seines Zimmers unterscheiden konnte. Er versuchte, die Dunkelheit mit seinen Frettchenaugen zu durchdringen, als die Glocke einer Kirche in der Nachbarschaft vier Viertel schlug. Lauschend erwartete er den Schlag der vollen Stunde.

Zu seinem großen Erstaunen ging die schwere Glocke immer weiter: von sechs auf sieben, von sieben auf acht und so fort bis zwölf; dann blieb sie stehen. Zwölf! Nach zwei Uhr hatte er sich zu Bett gelegt. Die Uhr ging falsch. Ein Eiszapfen mußte ins Werk geraten sein. Zwölf!

Er berührte die Feder der Repetieruhr, um diese völlig falsch gehende Uhr zu berichtigen. Ihr rascher kleiner Puls schlug zwölf und stand dann still.

„Aber das ist doch nicht möglich“, sagte Scrooge, „daß ich einen ganzen Tag hindurch und bis in die nächste Nacht hinein geschlafen habe. Es ist unmöglich, daß mit der Sonne etwas nicht in Ordnung und es schon zwölf Uhr mittags ist!“ Bei diesem beunruhigenden Gedanken kletterte er aus dem Bett und tastete sich seinen Weg zum Fenster. Mit dem Ärmel seines Morgenrockes mußte er die Eisblumen von den Scheiben wischen, ehe er etwas sehen konnte. Und auch dann war es nur sehr wenig. Alles, was er ausmachen konnte, war, daß es noch sehr neblig und außergewöhnlich kalt war und man keinen Lärm von hin und her laufenden Leuten, die Unruhe verbreiteten, hörte, was zweifellos der Fall gewesen wäre, wenn die Nacht den hellen Tag besiegt und von der Welt Besitz ergriffen hätte. Das war eine große Erleichterung, weil eine Formulierung wie „drei Tage nach Sicht dieses Primawechsels an Ebenezer Scrooge oder auf dessen Anordnung zu zahlen“ nur noch den Wert eines zweifelhaften Papiers gehabt hätte, wenn es keine Tage mehr gäbe, nach denen man zählen könnte.

Scrooge ging wieder zu Bett, überlegte und grübelte, konnte aber nichts daraus machen. Je länger er nachdachte, desto verwirrter wurde er, und je krampfhafter er versuchte, nicht zu denken, desto mehr tat er es.

Marleys Geist beunruhigte ihn außerordentlich. Jedesmal wenn er nach reiflicher Überlegung zu dem Schluß kam, daß alles ein Traum war, kehrten seine Gedanken zum Ausgangspunkt zurück – wie eine starke Feder, die man losläßt – und stellten ihn vor dieselbe Frage, die es zu klären galt: „War es ein Traum oder nicht?“

Scrooge lag in dieser Verfassung, bis die Uhr drei Viertel weitergerückt war, als ihm plötzlich einfiel, daß ihm der Geist einen Besuch angekündigt hatte, sobald es eins schlüge. Er beschloß, bis zur vollen Stunde wach zu bleiben, und da er ebensowenig würde schlafen können wie gen Himmel fahren, war das wahrscheinlich das Klügste, was er tun konnte.

Die Viertelstunde war so lang, daß er mehr als einmal überzeugt war, er müsse unfreiwillig eingenickt sein und die Glocke überhört haben. Endlich drang sie an sein lauschendes Ohr.

„Bim, bam!“

„Viertel“, sagte Scrooge und zählte mit.

„Bim, bam!“

„Halb!“ sagte Scrooge.

„Bim, bam!“

„Drei Viertel“, sagte Scrooge.

„Bim, bam!“

„Voll“, sagte Scrooge triumphierend, „und nichts passiert!“

Das sagte er, bevor die Glocke die volle Stunde geschlagen hatte, was sie jetzt mit einem tiefen, dumpfen, hohlen, melancholischen Ton tat. In diesem Augenblick flammte Licht im Zimmer auf, und die Vorhänge an seinem Bett wurden beiseite gezogen.

Die Vorhänge wurden – man stelle sich vor – von einer Hand beiseite gezogen. Nicht die Vorhänge am Fußende und nicht die hinter seinem Rücken, sondern die, denen sein Gesicht zugewandt war. Die Vorhänge an seinem Bett wurden beiseite gezogen, und Scrooge, der sich halb zum Sitzen aufrichtete, sah sich dem unirdischen Besucher gegenüber, der sie zurückzog. Er war ihm so nahe, wie ich Ihnen jetzt bin, und im Geiste stehe ich neben Ihrem Ellenbogen.

Es war eine seltsame Gestalt – wie ein Kind, doch wiederum weniger einem Kind als einem durch ein übernatürliches Medium gesehenen alten Mann ähnlich, wodurch dieser wie dem Blick entzogen und auf die Größe eines Kindes zusammengeschrumpft wirkte. Sein Haar, das über Hals und Rücken herabhing, war weiß wie bei einem Greis, doch das Gesicht zeigte nicht eine Falte, und auf der Haut lag ein jugendlich frischer Hauch. Die Arme waren ziemlich lang und muskulös, ebenso die Hände, als ob ihr Griff von ungewöhnlicher Kraft wäre. Die feingeformten Beine und Füße waren wie die oberen Gliedmaßen nackt. Er trug eine Tunika von reinstem Weiß und um die Taille einen leuchtenden Gürtel, von dem ein wunderbarer Glanz ausging. Er hielt einen frischen, grünen Stechpalmenzweig in der Hand, und in seltsamem Gegensatz zu diesem winterlichen Symbol war sein Gewand mit Sommerblumen besetzt. Doch das Sonderbarste an ihm war, daß von der Krone auf seinem Kopf ein klarer, greller Lichtstrahl ausging, durch den dies alles sichtbar wurde und der zweifellos der Grund dafür war, daß er, wenn er dunklere Augenblicke vorzog, auf seinen Kopfschmuck ein Lichthütchen setzte, das er jetzt unter dem Arm trug.

Doch selbst dies war nicht seine seltsamste Eigenschaft, als Scrooge ihn mit wachsender Standhaftigkeit betrachtete. Denn wie der Gürtel bald an dem einen Teil, bald an einem anderen funkelte und glitzerte – und was eben noch leuchtete, war im nächsten Moment dunkel –, so veränderte sich die Deutlichkeit der Gestalt. Jetzt war sie ein Ding mit einem Arm, nun mit einem Bein, dann mit zwanzig Beinen, jetzt ein Paar Beine ohne Kopf, nun ein Kopf ohne Körper; von seinen sich auflösenden Teilen waren in der undurchdringlichen Finsternis, in die sie dahinschmolzen, nicht einmal die Umrisse sichtbar. Und während er darüber staunte, war sie schon wieder sie selbst, klar und deutlich wie zuvor.

„Sind Sie der Geist, Sir, dessen Kommen mir vorhergesagt wurde?“ fragte Scrooge.

„Der bin ich.“

Die Stimme war sanft und freundlich und ungewöhnlich leise, als ob sie nicht neben ihm, sondern von ihm entfernt wäre.

„Wer und was sind Sie?“ forschte Scrooge.

„Ich bin der Geist vergangener Weihnachten.“

„Aller vergangenen?“ fragte Scrooge weiter und beobachtete seine zwergenhafte Gestalt.

„Nein, deiner vergangenen.“

Vielleicht hätte Scrooge niemandem sagen können, warum – falls ihn jemand hätte fragen können –, aber er hatte den besonderen Wunsch, den Geist mit der Mütze zu sehen, und bat ihn, sie sich aufzusetzen.

„Was!“ rief der Geist aus. „Möchtest du das Licht, das ich spende, so rasch mit deinen irdischen Händen auslöschen? Ist es nicht genug, daß du zu denen gehörst, deren Leidenschaften diese Mütze schufen und mich viele, viele Jahre zwangen, sie tief ins Gesicht gezogen zu tragen!“

Scrooge wies ehrfurchtsvoll jegliche Absicht von sich, daß er ihn beleidigen wolle oder daß er sich bewußt sei, zu irgendeiner Zeit seines Lebens dem Geist absichtlich die Mütze aufgesetzt zu haben. Dann nahm er allen Mut zusammen und fragte den Geist, welches Geschäft ihn hierhergeführt habe.

„Dein Wohlergehen!“ sagte der Geist.

Scrooge brachte seine Dankbarkeit zum Ausdruck, konnte sich aber des Gedankens nicht erwehren, daß eine ungestörte Nachtruhe diesem Zweck dienlicher gewesen wäre. Der Geist muß seine Gedanken gelesen haben, denn er sagte sofort: „Dann eben deine Besserung. Gib acht!“

Er streckte, als er das sagte, seine starke Hand aus und packte ihn leicht am Arm.

„Steh auf und komm mit!“

Es hätte Scrooge nichts genutzt einzuwenden, daß das Wetter und der Zeitpunkt nicht zu einem Spaziergang geeignet seien, daß das Bett warm und das Thermometer weit unter dem Gefrierpunkt war, daß er mit Pantoffeln, Schlafrock und Nachtmütze nur leicht bekleidet war und daß er gerade eine Erkältung hatte. Obwohl der Griff sanft wie eine Frauenhand war, konnte man sich ihm nicht entziehen. Er erhob sich, doch als er merkte, daß der Geist dem Fenster zustrebte, klammerte er sich an dessen Gewand.

„Ich bin ein Mensch“, protestierte Scrooge, „und kann fallen.“

„Dulde hier nur eine Berührung durch meine Hand“, sagte der Geist und legte sie ihm aufs Herz, „und du wirst mehr als nur in dieser Hinsicht gestützt werden!“

Während diese Worte gesprochen wurden, durchschritten sie die Wand und standen auf einer offenen Landstraße mit Feldern zu beiden Seiten. Die Stadt war völlig verschwunden. Keine Spur war mehr zu sehen. Die Dunkelheit und der Nebel waren gleichzeitig gewichen, denn es war ein klarer, kalter Wintertag, und Schnee bedeckte den Boden.

„Großer Gott!“ sagte Scrooge und faltete die Hände, als er um sich blickte. „An diesem Ort bin ich aufgewachsen. Hier war ich als Junge.“

Der Geist schaute ihn freundlich an. Seine sanfte Berührung, obwohl sie nur leicht und kurz gewesen, war dem alten Mann noch immer gegenwärtig. Er nahm tausend Düfte in der Luft wahr, und jeder war mit tausend längst vergessenen Gedanken und Hoffnungen, Freuden und Sorgen verknüpft!

„Deine Lippen beben“, sagte der Geist. „Und was ist das auf deiner Wange?“

Scrooge murmelte mit einem ungewöhnlichen Zaudern in der Stimme, daß es ein Pickel sei, und bat den Geist, ihn zu führen, wohin er wolle.

„Erinnerst du dich an den Weg?“ fragte der Geist.

„Und ob ich mich erinnere!“ rief Scrooge leidenschaftlich aus. „Ich könnte ihn mit geschlossenen Augen gehen.“

„Seltsam, daß du ihn so viele Jahre vergessen hattest!“ bemerkte der Geist. „Gehen wir weiter.“

Sie liefen die Straße entlang. Scrooge erkannte jedes Tor, jeden Pfahl und jeden Baum wieder. Schließlich tauchte in der Ferne ein kleiner Marktflecken mit seiner Brücke, seiner Kirche und dem sich schlängelnden Fluß auf. Dann sahen sie ein paar zottige Ponys auf sich zutraben, auf deren Rücken Jungen saßen, die anderen Jungen in zweirädrigen, von Farmern gelenkten Einspännern etwas zuriefen. All diese Burschen waren in bester Stimmung und jauchzten einander zu, bis die weiten Felder von dieser fröhlichen Musik erfüllt waren, daß die frische Luft darüber zu lachen schien.

„Das sind nur die Schatten einstiger Dinge“, sagte der Geist. „Sie sind sich unserer Anwesenheit nicht bewußt.“ Die lustige Gesellschaft kam näher, und als sie heran war, kannte Scrooge jeden einzelnen und nannte ihn mit Namen. Wie unbändig freute er sich, sie zu sehen! Wie leuchteten seine kalten Augen und wie hüpfte sein Herz, als sie vorüberzogen! Wie wurde er mit Glück erfüllt, als er hörte, daß sie sich frohe Weihnachten wünschten, ehe sie sich an den Straßenkreuzungen und Seitenwegen trennten, um nach Hause zu gehen! Was bedeuteten Scrooge schon frohe Weihnachten? Was hatte es ihm je Gutes gebracht?

„Die Schule ist noch nicht ganz leer“, sagte der Geist. „Ein einsames Kind, das von seinen Freunden gemieden wird, ist noch dort.“

Scrooge sagte, er kenne es, und schluchzte.

Sie verließen die Hauptstraße an einem Feldweg, dessen er sich gut erinnerte, und näherten sich bald einem dunkelroten Backsteingebäude, das auf seinem Dach eine Kuppel hatte, die mit einem Wetterhahn versehen war und in der eine Glocke hing. Es war ein großes, aber verwahrlostes Haus, denn die weitläufigen Wirtschaftsräume hatte man selten benutzt; die Wände waren feucht und moosbewachsen, die Fenster zerbrochen und die Tore eingefallen. Hühner gluckten und stolzierten in den Pferdeställen einher; die Wagenschuppen und Remisen waren vom Gras überwuchert. Auch im Inneren war nichts mehr von dem alten Zustand übriggeblieben. Als sie die trostlose Vorhalle betraten und durch die offenen Türen in viele Zimmer sahen, fanden sie sie dürftig eingerichtet, kalt und öde. Es lag ein Geruch nach Erde in der Luft und eine frostige Schmucklosigkeit über diesem Ort, wodurch sich irgendwie der Gedanke an zeitiges Aufstehen bei Kerzenlicht und zuwenig Essen aufdrängte.

Der Geist und Scrooge schritten durch die Diele auf eine Tür an der Rückseite des Hauses zu. Sie öffnete sich vor ihnen und zeigte einen langen, kahlen und trübseligen Raum, der durch Reihen von Holzbänken und -tischen noch kahler wirkte. An dem einen saß ein verlassener Junge vor einem schwachen Feuer und las. Scrooge setzte sich auf eine Bank und weinte, als er sein armes, vergessenes Ich sah, das er meistens gewesen war.

Es gab kein verhaltenes Echo im Haus, kein Pfeifen und Scharren der Mäuse hinter der Holztäfelung, kein Tropfen aus der halbgetauten Dachrinne hinten im düsteren Garten, kein Seufzen in den entlaubten Zweigen einer verzagten Pappel, kein träges Hinundherschwingen der Tür eines leeren Speichers, nein, nicht einmal das Knistern des Feuers, das besänftigend auf Scrooges Herz gewirkt und seinen Tränen einen freieren Lauf gelassen hätte.

Der Geist berührte seinen Arm und zeigte auf sein jüngeres Ich, das ins Lesen vertieft war. Plötzlich stand ein Mann in fremdländischem Gewand – wunderbar natürlich und deutlich zu sehen – draußen vor dem Fenster. Er trug eine Axt in seinem Gürtel und führte einen mit Holz beladenen Esel am Zaum.

„Oh, das ist Ali Baba!“ rief Scrooge aufgeregt. „Das ist der liebe, alte, ehrliche Ali Baba! Ja, ja, ich weiß. Zu einem Weihnachten, als dieses einsame Kind hier ganz allein gesessen hatte, kam er zum erstenmal hierher, genau wie jetzt. Armer Junge! Und Valentine“, sagte Scrooge, „und sein stürmischer Bruder Orson, da gehen sie! Und wie hieß denn der, der schlafend in Unterhosen vor das Tor von Damaskus gelegt wurde; sehen Sie ihn nicht? Und der Diener des Sultans, der von den Dämonen auf den Kopf gestellt wurde; dort steht er noch so da! Geschieht ihm recht. Ich bin froh darüber. Was hatte er sich auch in die Prinzessin zu verlieben!“

Zu hören, wie Scrooge mit der ganzen Ernsthaftigkeit seines Wesens und einer höchst ungewöhnlichen Stimme, die zwischen Lachen und Weinen schwankte, über diese Dinge sprach, und sein übertriebenes und erregtes Gesicht zu sehen wäre für seine Geschäftsfreunde in der Stadt gewiß eine Überraschung gewesen.

„Da ist der Papagei!“ schrie Scrooge. „Mit grünem Körper und gelbem Schwanz und etwas auf dem Kopf, das wie eine Salatstaude aussieht. Dort ist er! ‚Armer Robinson Crusoe‘, rief er ihm zu, als dieser nach der Umseglung der Insel nach Hause kam. ‚Armer Robinson Crusoe, wo bist du gewesen, Robinson Crusoe?‘ Der Mann glaubte zu träumen, er träumte aber nicht. Es war der Papagei, verstehen Sie? Dort geht auch Freitag. Er läuft um sein Leben zu der kleinen Bucht hin. Hallo, he!“

Dann wechselte er mit einer Geschwindigkeit, die seinem sonstigen Charakter fremd war, den Gegenstand und sagte mitleidig zu seinem früheren Ich: „Armer Junge!“ und weinte wieder.

„Ich wünschte …“, murmelte Scrooge, wobei er die Hand in die Hosentasche steckte und um sich blickte, nachdem er sich die Augen am Ärmelaufschlag getrocknet hatte, „aber nun ist es zu spät.“

„Was ist denn?“ fragte der Geist.

„Ach, nichts“, sagte Scrooge. „Nichts. Gestern abend sang ein Junge ein Weihnachtslied vor meiner Tür. Ich hätte ihm etwas geben sollen. Das ist alles.“

Der Geist lächelte nachdenklich und machte eine Handbewegung, als wollte er sagen: „Wir wollen uns nun ein anderes Weihnachtsfest ansehen!“

Bei diesen Worten wuchs Scrooges früheres Ich, und der Raum wurde dunkler und schmutziger. Die Täfelung schrumpfte, die Fensterscheiben zerbrachen, Putzflatschen fielen von der Decke herab, und die nackten Balken waren zu sehen. Aber wie dies alles geschah, wußte Scrooge ebensowenig wie Sie. Er wußte nur, daß es stimmte, daß sich alles genauso zugetragen hatte und daß er wieder allein dort war, während all die anderen Jungen zu fröhlichen Weihnachten nach Hause gegangen waren.

Er las jetzt nicht, sondern ging verzweifelt auf und ab. Scrooge sah den Geist an und starrte, traurig den Kopf schüttelnd, gespannt zur Tür.

Sie öffnete sich, und ein kleines Mädchen, viel jünger als der Junge, kam hereingestürzt, schlang die Arme um seinen Hals, küßte ihn immer wieder und nannte ihn ihren „lieben, lieben Bruder“.

„Ich bin gekommen, um dich nach Hause zu holen, lieber Bruder!“ sagte das Kind, klatschte in die Hände und bog sich vor Lachen.

„Um dich nach Hause zu holen, nach Hause!“

„Nach Hause, kleine Fan?“ fragte der Junge.

„Ja!“ sagte das Mädchen, vor Freude überschäumend. „Ein für allemal nach Hause. Für immer und ewig nach Hause. Vater ist viel freundlicher, als er es sonst war. Dadurch ist es zu Hause wie im Himmel. Eines schönen Abends, als ich zu Bett gehen wollte, sprach er so freundlich zu mir, daß ich noch einmal zu fragen wagte, ob du heimkommen dürftest, und er sagte, du könntest es. Er schickte mich in einer Kutsche her, dich zu holen. Und du sollst ein Mann sein“, sagte das Kind, die Augen aufreißend, „und niemals hierher zurückkehren. Zuerst aber wollen wir das ganze Weihnachtsfest zusammenbleiben und die schönste Zeit auf der ganzen Welt verleben.“

„Du bist ja eine Frau geworden, Fan!“ rief der Junge.

Sie klatschte in die Hände und lachte und versuchte, ihn am Kopf zu fassen. Da sie aber zu klein war, lachte sie wieder und stellte sich auf Zehenspitzen, um ihn zu umarmen. Dann begann sie mit kindlichem Eifer, ihn zur Tür zu zerren, und er, durchaus nicht abgeneigt, schloß sich ihr an.

Eine schreckliche Stimme rief im Flur: „Bringt den Reisekoffer von Master Scrooge her!“, und im Flur erschien der Schuldirektor höchst persönlich. Er starrte Master Scrooge mit grimmiger Herablassung an und brachte ihn in furchtbare Verlegenheit, indem er ihm die Hand schüttelte. Dann brachte er ihn und seine Schwester in das älteste und kälteste Loch von einem Empfangszimmer, das man je gesehen hatte und in dem die Karten an den Wänden und die Himmels- und Erdgloben in den Fenstern wie mit Wachs überzogen aussahen. Hier holte er eine Karaffe seltsam leichten Weines und ein großes Stück seltsam schweren Kuchens hervor und reichte den jungen Leuten diese Köstlichkeiten ratenweise. Gleichzeitig schickte er einen dürren Hausdiener hinaus, um dem Postboten „ein Gläschen“ anzubieten, der antworten ließ, er danke dem Herrn und verzichte besser darauf, falls es dieselbe Sorte sei, die er bereits gekostet habe. Nachdem Master Scrooges Koffer auf dem Dach der Kutsche verstaut worden war, verabschiedeten sich die Kinder von dem Schuldirektor nur allzugern, stiegen ein und fuhren fröhlich auf dem Gartenweg davon, wobei die schnellen Räder den Rauhreif und Schnee von den dunklen Blättern der Immergrüngewächse schleuderten, daß es nur so sprühte.

„Sie war immer ein zartes Geschöpf, das ein Hauch hätte zugrunde richten können“, sagte der Geist. „Aber sie hatte ein großes Herz!“

„Das hatte sie“, rief Scrooge. „Sie haben recht. Ich will es nicht bestreiten, Geist. Gottbewahre!“

„Sie starb als verheiratete Frau“, sagte der Geist, „und hatte, glaube ich, auch Kinder.“

„Ein Kind“, erwiderte Scrooge.

„Richtig“, sagte der Geist, „deinen Neffen!“

Scrooge schien sich unbehaglich zu fühlen und antwortete nur kurz: „Ja.“

Obwohl sie gerade erst die Schule hinter sich gelassen hatten, befanden sie sich nun in den Hauptverkehrsstraßen einer Stadt, wo schattenhafte Fußgänger hin und her liefen, wo sich schattenhafte Wagen und Kutschen ihren Weg bahnten und wo der Streit und Lärm einer richtigen Stadt herrschten. Aus der Ausstattung der Geschäfte ging klar hervor, daß auch hier wieder Weihnachtszeit war, doch war es Abend, und die Straßen waren erleuchtet.

Der Geist blieb an der Tür zu einem bestimmten Geschäft stehen und fragte Scrooge, ob er sie kenne.

„Ob ich sie kenne?“ sagte Scrooge. „Ich war doch als Lehrling hier!“

Sie gingen hinein. Beim Anblick eines alten Herrn mit einer gestrickten Wollmütze, der hinter einem so hohen Pult saß, daß er mit dem Kopf an der Decke angestoßen hätte, wäre er nur zwei Zoll größer gewesen, schrie Scrooge in großer Erregung: „Das ist ja der alte Fezziwig! Gott segne ihn! Es ist Fezziwig, wie er leibt und lebt!“

Der alte Fezziwig legte seine Feder hin und schaute auf die Uhr, die auf sieben zeigte. Er rieb sich die Hände, strich seine weite Weste glatt, schüttelte sich vor Lachen und rief mit seiner vergnügten, öligen, vollen und heiteren Stimme:

„Heda! Ebenezer! Dick!“

Scrooges früheres Ich, das inzwischen zu einem jungen Mann herangewachsen war, eilte, von seinem Mitlehrling begleitet, herbei.

„Dick Wilkins, wahrhaftig!“ sagte Scrooge zum Geist. „Mein Gott, ja. Das ist er. Er war mir sehr zugetan, der Dick. Armer Dick! Ach du lieber Himmel!“

„He, Jungs!“ sagte Fezziwig. „Heute abend wird nicht mehr gearbeitet. Es ist Weihnachten, Dick. Weihnachten, Ebenezer! Macht den Laden in Windeseile dicht!“ rief der alte Fezziwig und klatschte kräftig in die Hände.

Man will es kaum glauben, wie sich die beiden Burschen daranmachten! Sie stürmten mit den Fensterladen auf die Straße – eins, zwei, drei – brachten sie an – vier, fünf, sechs –, verriegelten sie und schoben die Bolzen vor – sieben, acht, neun – und kamen zurück, keuchend wie Rennpferde, bevor man hätte bis zwölf zählen können.

„Hopp-hopp!“ rief der alte Fezziwig und hüpfte mit bewundernswerter Behendigkeit von dem hohen Pult herunter. „Räumt weg, Burschen, damit wir hier viel Platz haben! Hopp-hopp, Dick! Frischen Mutes, Ebenezer!“

Wegräumen! Es gab nichts, was sie nicht hätten beiseite räumen wollen oder können, wenn der alte Fezziwig zusah. Es war im Nu getan. Alles, was sich bewegen ließ, wurde weggeschafft, als ob es für immer verbannt werden sollte. Der Fußboden wurde gefegt und gesprengt, die Lampen wurden geputzt, das Brennmaterial wurde im Kamin nachgelegt, und das Geschäft war bald ein so gemütlicher, warmer, trockener und heller Ballsaal, wie man ihn sich nur an einem Winterabend wünschen konnte.

Herein kam ein Geiger mit einem Notenheft; er kletterte auf das hohe Pult, baute sein „Orchester“ auf und stimmte, daß man Bauchschmerzen bekam. Herein kam Mrs. Fezziwig, ein einziges breites Lächeln. Herein kamen die drei Misses Fezziwig, strahlend und liebenswert. Herein kamen die sechs jungen Verehrer, deren Herzen sie gebrochen hatten. Herein kamen alle jungen Männer und Frauen, die im Geschäft angestellt waren. Herein kam das Dienstmädchen mit ihrem Cousin, dem Bäcker. Herein kam die Köchin mit dem besten Freund ihres Bruders, dem Milchmann. Herein kam der Junge von gegenüber, von dem man annahm, daß er bei seinem Herrn nicht gut genug beköstigt wurde; er versuchte, sich hinter dem Mädchen aus dem übernächsten Haus zu verstecken, der erwiesenermaßen von ihrer Herrin die Ohren langgezogen worden waren. Herein kamen sie alle, einer nach dem anderen: die einen schüchtern, die anderen keck; die einen anmutig, die anderen linkisch; die einen schiebend, die anderen zerrend. Herein kamen sie alle, irgendwie, so gut es ging. Dann fingen sie an, zwanzig Paare auf einmal: Hände gereicht, halbe Drehung und entgegengesetzt zurück; durch die Reihen hin und wieder zurück; rundherum in verschiedenen Anordnungen; das frühere erste Paar erschien stets am verkehrten Platz, das neue erste Paar setzte wieder ein, sobald es dort anlangte; schließlich waren alle erste Paare und nicht ein einziger am Schluß. Als sich dieses Ergebnis herausstellte, klatschte der alte Fezziwig in die Hände, um den Tanz abzubrechen, und rief: „Gut gemacht!“ Der Geiger ließ sein erhitztes Gesicht hinter einem Krug Porter verschwinden, der eigens zu diesem Zweck bereitgestellt worden war. Da er aber nach seinem Wiederauftauchen jegliche Pause verschmähte, begann er sofort wieder zu spielen – obwohl noch keine Tänzer da waren –, als ob man den anderen, erschöpften Geiger auf einem Fensterladen nach Hause getragen hätte und er der ganz neue Mann wäre, entschlossen, den anderen aus dem Tempel zu jagen oder selbst zu sterben.

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Es wurden weitere Tänze getanzt, dann folgten Pfänderspiele und wieder Tanz; es gab Kuchen und Glühwein, ein großes Stück kalten Braten und ein großes Stück kaltes, gekochtes Fleisch, und es gab gefüllte Pasteten und eine Menge Bier. Doch der Höhepunkt des Abends kam nach dem Braten und Gekochten, als der Geiger (ein schlauer Fuchs, wohlgemerkt! Diese Art Mann, der sein Geschäft besser versteht, als Sie oder ich ihm hätten beibringen können) „Sir Roger de Coverley“ anstimmte. Da trat der alte Fezziwig vor, um mit Mrs. Fezziwig zu tanzen. Noch dazu als erstes Paar; das war ein hartes Stück Arbeit für sie, bei drei- oder vierundzwanzig Paaren; und alles Leute, die nicht mit sich spaßen ließen, sondern tanzen und nicht gemächlich laufen wollten.

Aber selbst wenn es doppelt, ach viermal soviel gewesen wären, der alte Fezziwig hätte es mit ihnen aufnehmen können und auch seine Frau. Was sie betraf, so war sie in jedem Sinne des Wortes eine würdige Partnerin. Wenn das kein hohes Lob ist, nennen Sie mir ein höheres, und ich werde es anwenden. Von Fezziwigs Waden schien ein Licht auszustrahlen. Sie leuchteten bei jeder Phase des Tanzes wie Monde. Man hätte zu keiner Zeit Voraussagen können, was aus ihnen im nächsten Moment werden würde. Und als der alte Fezziwig und seine Frau mit dem Tanz ganz durch waren – vor und zurück, beide Hände dem Partner, Verbeugung und Knicks, Drehung, Brücke und an den Platz zurück –, machte Fezziwig einen so geschickten Kreuzsprung, daß er mit den Beinen zu blinken schien, und kam, ohne zu taumeln, wieder auf die Füße.

Um elf Uhr ging der Hausball zu Ende. Mr. und Mrs. Fezziwig nahmen zu beiden Seiten der Tür Aufstellung, reichten jedem beim Hinausgehen persönlich die Hand und wünschten frohe Weihnachten. Als sich alle, bis auf die beiden Lehrlinge, zurückgezogen hatten, behandelten sie diese ebenso. Die fröhlichen Stimmen verstummten, und die Burschen durften in ihre Betten gehen, die sich unter einem Ladentisch im hinteren Raum des Geschäfts befanden.

Die ganze Zeit über hatte sich Scrooge wie einer benommen, der den Verstand verloren hat. Mit Herz und Seele hatte er sich in alles und in sein früheres Ich zurückversetzt. Er bestätigte alles, erinnerte sich an alles, freute sich über alles und machte die seltsamste Gemütsbewegung durch. Erst jetzt, als sich die strahlenden Gesichter seines früheren Ichs und Dicks abwandten, fiel ihm wieder der Geist ein, und er bemerkte, wie dieser ihn groß anschaute, während das Licht auf seinem Kopf hell brannte.

„Es ist ein leichtes“, sagte der Geist, „die Dankbarkeit dieser einfachen Leute zu entfachen.“

„Ein leichtes“, echote Scrooge.

Der Geist bedeutete ihm, den beiden Lehrlingen zuzuhören, die ihrem Herzen zum Lobe Fezziwigs Luft machten, und sagte dann:

„Nun, ist es nicht so? Er hat nicht mehr als ein paar Pfund eures irdischen Geldes ausgegeben, drei oder vier vielleicht. Ist das so viel, daß er Lob verdient?“

„Das ist es nicht“, sagte Scrooge, durch diese Bemerkung erregt, und sprach unbewußt wie sein früheres, nicht wie sein späteres Ich.

„Das ist es nicht, Geist. Er hat die Macht, uns glücklich oder unglücklich zu machen, uns den Dienst leicht oder beschwerlich, zu einem Vergnügen oder einer Last zu machen. Angenommen, seine Macht liegt in Worten und Blicken, in geringfügigen und belanglosen Dingen, die man unmöglich zusammenzählen und aufrechnen kann, was dann? Das Glück, das er hervorruft, ist ebensogroß, als wenn es ihn ein Vermögen gekostet hätte.“

Er spürte den Blick des Geistes und hielt inne.

„Was ist los?“ fragte der Geist.

„Nichts Besonderes“, sagte Scrooge.

„Etwas doch, glaube ich“, beharrte der Geist.

„Nein“, sagte Scrooge. „Nein. Ich würde jetzt nur gern meinem Angestellten ein paar Worte sagen können. Weiter nichts.“

Sein früheres Ich drehte die Lampe klein, als er diesem Wunsch Ausdruck verlieh, und Scrooge und der Geist standen wieder Seite an Seite im Freien.

„Meine Zeit läuft ab“, bemerkte der Geist. „Schnell!“

Das war nicht an Scrooge oder irgendeinen Sichtbaren gerichtet, tat aber unverzüglich seine Wirkung. Dann wieder sah Scrooge sich selbst. Er war jetzt älter, ein Mann in der Blüte seines Lebens. Sein Gesicht hatte noch nicht die harten, strengen Züge der späteren Jahre, aber es begann schon die Spuren von Sorge und Habsucht zu tragen. In seinem Blick lag Ungeduld, Gier und Ruhelosigkeit, was verriet, welche Leidenschaft in ihm Wurzel geschlagen hatte und wohin der Schatten des wachsenden Baumes fallen würde.

Er war nicht allein. An seiner Seite saß ein hübsches junges Mädchen in Trauerkleidung. In ihren Augen standen Tränen, die in dem Licht funkelten, das von dem Geist der vergangenen Weihnachten ausging.

„Es macht dir wenig aus“, sagte sie sanft. „Dir sehr wenig. Ein anderes Götzenbild hat mich verdrängt. Wenn es dich in Zukunft ebenso aufheitern und trösten kann, wie ich es tun wollte, habe ich keinen Grund, mich zu grämen.“

„Was für ein Götzenbild hat dich verdrängt?“ entgegnete er.

„Ein goldenes.“

„So ist es nun einmal im Leben“, sagte er. „Gegen nichts ist die Welt so hart wie gegen Armut, und nichts scheint sie so scharf zu verurteilen wie die Jagd nach Reichtum!“

„Du fürchtest die Welt zu sehr“, antwortete sie sanft. „All deine anderen Hoffnungen sind in der einen aufgegangen, außer Reichweite ihrer gemeinen Vorwürfe zu sein. Ich sehe, wie deine edleren Bestrebungen eine nach der anderen verschwinden, bis du von der Hauptleidenschaft, Gewinnsucht, ganz erfaßt bist. Ist es nicht so?“

„Und was weiter?“ erwiderte er. „Selbst wenn ich so viel klüger geworden bin, was soll’s. Dir gegenüber habe ich mich nicht verändert.“

Sie schüttelte den Kopf.

„Habe ich das?“

„Unser Bund ist alt. Er wurde geschlossen, als wir beide arm und genügsam waren, bis wir zu einer günstigen Zeit durch geduldigen Fleiß unser irdisches Glück verbessert haben würden. Du bist verändert. Als der Bund geschlossen wurde, warst du ein anderer Mensch.“

„Ich war ein Junge“, sagte er ungeduldig.

„Dein eignes Gefühl sagt dir, daß du nicht so warst, wie du jetzt bist“, erwiderte sie. „Ich bin noch dieselbe. Das, was Glück verhieß, als wir noch eines Sinnes waren, bringt jetzt, da wir nicht mehr eins sind, seelischen Schmerz mit sich. Ich will nicht darüber sprechen, wie oft und eingehend ich darüber nachgedacht habe. Es genügt, daß ich nachgedacht habe und ich dich freigeben kann.“

„Habe ich je darum gebeten, freigegeben zu werden?“

„Mit Worten? Nein, nie.“

„Womit sonst?“

„Durch ein verändertes Wesen, durch eine veränderte innere Einstellung, durch eine andere Lebensführung, durch ein anderes großes Ziel. Durch alles, was meine Liebe aus deiner Sicht nützlich und wertvoll machte. Wenn sie niemals zwischen uns gewesen wäre“, sagte das Mädchen und sah ihn freundlich, aber fest dabei an, „sag, würdest du mich jetzt noch wählen und versuchen, mich zu gewinnen? O nein!“ Er schien die Richtigkeit dieser Vermutung widerstrebend einzuräumen. Aber mit sich ringend, sagte er nur: „Das glaubst du, nicht?“

„Ich würde gern anders denken, wenn ich könnte“, antwortete sie. „Weiß Gott! Wenn ich einmal eine Wahrheit wie diese erkannt habe, weiß ich auch, wie mächtig und unerbittlich sie ist. Wenn du aber heute frei wärest oder morgen frei würdest oder gestern frei gewesen wärest, kann ich denn glauben, daß du ein Mädchen ohne Mitgift nehmen würdest, du, der du im vertraulichen Gespräch mit ihr alles nach dem Gewinn beurteilst. Oder wenn du einen Augenblick lang deinem wichtigsten Grundsatz untreu werden und sie wählen würdest, wüßte ich dann, ob nicht Reue und Bedauern folgten? Ich weiß es, und ich gebe dich frei. Mit ganzem Herzen, um der Liebe willen zu dem, der du einst warst.“

Er wollte sprechen, sie aber, den Kopf von ihm gewandt, fuhr fort:

„Vielleicht – die Erinnerung an Vergangenes läßt es mich beinahe hoffen – wird es dich schmerzen. Nach sehr, sehr kurzer Zeit wirst du die Erinnerung daran mit Freuden als einen unvorteilhaften Traum wegschieben, aus dem du rechtzeitig erwacht bist. Mögest du in dem Leben, das du gewählt hast, glücklich werden!“

Sie verließ ihn, und so trennten sie sich.

„Geist!“ sagte Scrooge. „Zeige mir nichts weiter. Bringe mich nach Hause. Warum machst du dir einen Spaß daraus, mich zu quälen?“

„Noch ein Schatten!“ rief der Geist.

„Keinen mehr!“ schrie Scrooge. „Ich möchte ihn nicht sehen. Zeige mir nichts mehr!“

Aber der erbarmungslose Geist hielt ihn mit beiden Armen fest und zwang ihn, zu beobachten, was nun folgte.

Sie erlebten eine andere Szene und einen anderen Ort, in einem Zimmer, das nicht sehr groß und schön, aber sehr gemütlich war. Am winterlichen Feuer saß ein hübsches junges Mädchen, das letzterem so ähnlich sah, daß Scrooge glaubte, es sei dasselbe, bis er sie, inzwischen eine anmutige ältere Frau, ihrer Tochter gegenübersitzen sah. Der Lärm in diesem Zimmer war fast tumultartig, denn es waren mehr Kinder da, als Scrooge in seiner aufgewühlten Gemütsverfassung zählen konnte; und anders als die berühmte Herde im Gedicht waren es nicht vierzig Kinder, die sich wie eins benahmen, sondern jedes Kind benahm sich wie vierzig. Das Ergebnis war ein unvorstellbarer Krach, doch niemand schien sich darum zu kümmern. Im Gegenteil, Mutter und Tochter lachten herzlich und hatten ihre Freude daran, und letztere, die sich bald an den Spielen beteiligte, wurde von den kleinen Räubern rücksichtslos überfallen. Was hätte ich darum gegeben, einer von ihnen zu sein! Obwohl ich niemals hätte so grob sein können, o nein! Nicht um alles in der Welt hätte ich an den geflochtenen Haaren gezerrt und sie aufgelöst, und den kostbaren kleinen Schuh hätte ich ihr nicht ausgezogen, gottbewahre, und wenn es um mein Leben gegangen wäre. Was das Abmessen der Taille – aus Spaß – betrifft, wie das die freche junge Brut tat, hätte ich das nicht fertiggebracht. Ich hätte erwartet, daß mein Arm zur Strafe krumm und nie wieder gerade geworden wäre. Doch hätte ich, das muß ich zugeben, sehr gern ihre Lippen berührt; sie etwas gefragt, damit sie sie öffnete; die Wimpern ihrer niedergeschlagenen Augen betrachtet und nie ein Erröten hervorgerufen; die Wellen ihres Haares gelöst, von denen schon eine Locke ein Geschenk von unschätzbarem Wert wäre; kurz, ich hätte gern, das gestehe ich, die geringsten Freiheiten eines Kindes besessen und wäre doch Manns genug gewesen, ihren Wert richtig einzuschätzen.

Aber jetzt war ein Klopfen an der Tür zu hören, und sofort setzte so ein Ansturm ein, daß sie inmitten der erhitzten und tobenden Schar mit lachendem Gesicht und zerfetztem Kleid dorthin mitgerissen wurde, um gerade noch den Vater begrüßen zu können, der nach Hause kam und von einem mit Weihnachtsgeschenken und Spielzeug beladenen Mann begleitet wurde. Das gab ein Geschrei und einen Kampf und Ansturm auf den wehrlosen Gepäckträger. Sie kletterten an ihm hoch, mit Stühlen als Leitern, um in seine Taschen zu langen, raubten ihm die in braunes Papier eingewickelten Päckchen, hielten sich an seiner Krawatte fest, fielen ihm um den Hals, pufften ihn in den Rücken und stießen ihn mit Füßen gegen die Beine – alles aus lauter Liebe! Diese Ausrufe der Verwunderung und Freude beim Auswickeln eines jeden Päckchens! Die schreckliche Mitteilung, daß das Baby dabei ertappt worden war, wie es sich eine Puppenbratpfanne in den Mund steckte, und daß es im Verdacht stand, einen auf einen Holzteller geleimten, imitierten Truthahn verschluckt zu haben! Welch große Erleichterung, als sich herausstellte, daß es blinder Alarm gewesen war! Diese Freude und Dankbarkeit und Aufregung! Alles gleichermaßen unbeschreiblich. Genug, nach und nach verschwanden die Kinder – und damit auch der Tumult – aus dem Wohnzimmer. Langsam gingen sie ins obere Stockwerk des Hauses, wo sie ins Bett sanken und sich beruhigten.

Und jetzt schaute Scrooge aufmerksamer denn je hin, als sich der Hausherr, die Tochter zärtlich an sich drückend, mit ihr und ihrer Mutter am eigenen Kamin niederließ; und als er überlegte, daß solch ein Geschöpf, ebenso anmutig und vielversprechend, ihn hätte Vater nennen und der Frühling in dem rauhen Winter seines Lebens sein können, verdüsterte sich wahrhaftig sein Blick.

„Belle“, sagte der Mann und wandte sich lächelnd an seine Frau, „heute nachmittag habe ich einen alten Freund von dir gesehen.“

„Wen denn?“

„Rate!“

„Wie kann ich das? Ha, ich weiß“, fügte sie im gleichen Atemzug hinzu und lachte mit. „Mr. Scrooge.“

„Ja, Mr. Scrooge. Ich ging an seinem Bürofenster vorbei, und da der Fensterladen nicht geschlossen war und er Licht hatte, konnte ich kaum umhin, ihn zu sehen. Wie ich gehört habe, liegt sein Partner im Sterben, und so saß er ganz allein. Ich glaube, er ist wirklich mutterseelenallein auf der Welt.“

„Geist“, sagte Scrooge mit gebrochener Stimme, „führe mich von diesem Ort weg!“

„Ich habe dir gesagt, daß es sich um Schatten der Vergangenheit handelt“, sagte der Geist. „Daß sie sind, wie sie sind, dafür gib nicht mir die Schuld.“

„Führe mich weg!“ rief Scrooge. „Ich kann es nicht ertragen.“

Er wandte sich dem Geist zu, und als er sah, daß er ihn mit einem Gesicht betrachtete, in dem sich auf seltsame Weise Spuren all der gezeigten Gesichter widerspiegelten, rang er mit ihm.

„Laß mich! Bring mich zurück! Quäle mich nicht länger!“

In dem Kampf – falls man das überhaupt einen Kampf nennen kann, in dem sich der Geist ohne sichtbaren Widerstand seinerseits durch keine Anstrengung seines Gegners erschüttern ließ – bemerkte Scrooge, daß das Licht hell und hoch brannte, und da er dies irgendwie mit dem Einfluß, den es auf ihn hatte, in Verbindung brachte, ergriff er den Lichthut und drückte ihn mit einer raschen Bewegung auf dessen Kopf.

Der Geist sank unter ihm zusammen, so daß der Lichthut seine ganze Gestalt bedeckte. Doch obwohl ihn Scrooge mit aller Kraft niederdrückte, konnte er das Licht nicht verbergen, das darunter in ungehindertem Strom den Boden überflutete.

Er spürte, daß er erschöpft war und von einer unwiderstehlichen Schläfrigkeit übermannt wurde, und außerdem, daß er sich in seinem Schlafzimmer befand. Er drückte zum Schluß noch einmal auf den Lichthut, wobei seine Hand schlaff wurde, und hatte kaum noch Zeit, ins Bett zu taumeln, ehe er in einen tiefen Schlaf versank.

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Dritte Strophe

Der zweite der drei Geister

Als Scrooge aus einem erstaunlich zähen Schnarchen erwachte und sich im Bett aufsetzte, um seine Gedanken zu ordnen, mußte ihm nicht erst gesagt werden, daß es bald wieder eins schlagen würde. Er spürte, daß er gerade im rechten Augenblick zum Bewußtsein gelangt war, eigens zu dem Zweck, mit dem zweiten von Jacob Marley geschickten Boten zusammenzutreffen. Bei der Überlegung, welchen Vorhang das neue Gespenst beiseite ziehen würde, merkte er, wie es ihn unangenehm kalt überrieselte; deshalb schob er alle selbst zur Seite, legte sich wieder hin und hielt ringsum scharf Ausschau. Er wollte nämlich den Geist im Augenblick seines Erscheinens anrufen und nicht von ihm überrascht und nervös gemacht werden.

Männer unbeschwerter Natur, die sich rühmen, alle Schliche zu kennen und gewöhnlich jeder Lebenslage gewachsen zu sein, drücken den Umfang ihrer Abenteuerlust dahingehend aus, daß sie vom Glücksspiel bis zum Totschlag zu allem fähig sind; zwischen diesen Gegensätzen liegt zweifellos ein ziemlich weiter und umfassender Spielraum. Ohne bei Scrooge so weit gehen zu wollen, habe ich keine Hemmungen, Sie glauben zu lassen, daß er auf eine breite Skala seltsamer Erscheinungen gefaßt war und ihn nichts vom Baby bis zum Rhinozeros sonderlich in Erstaunen versetzt hätte.

Nun, da er auf fast alles vorbereitet war, war er es keineswegs darauf, daß gar nichts geschah; deshalb befiel ihn ein heftiges Zittern, als es ein Uhr schlug und niemand erschien. Fünf Minuten, zehn Minuten, eine Viertelstunde vergingen, doch keiner kam. Die ganze Zeit lag er auf seinem Bett und war der Kern und Mittelpunkt eines rötlichen Lichtstrahls, der sich darüber ausbreitete, als die Glocke die Stunde anzeigte, und der ihn, gerade weil es nur Licht war, mehr beunruhigte als ein Dutzend Geister, da er nicht herausbekommen konnte, was er bedeutete oder was daraus werden könnte. Manchmal fürchtete er, daß er im selben Augenblick einen interessanten Fall von Selbstverbrennung abgebe, ohne den Trost zu haben, sich dessen bewußt zu sein. Endlich jedoch begann er nachzudenken – wie Sie oder ich gleich nachgedacht hätten; denn es befindet sich immer derjenige in einer vorteilhaften Lage, der weiß, was man zu tun hat, und es zweifellos auch getan hätte –; endlich also begann er zu erwägen, daß die Quelle und das Geheimnis dieses gespenstischen Lichtes im Nebenzimmer sein könnte, woher es bei näherem Hinsehen auch zu kommen schien. Als dieser Gedanke völlig von ihm Besitz ergriffen hatte, stand er leise auf und schlurfte in seinen Pantoffeln zur Tür.

In dem Moment, da Scrooges Hand auf der Klinke lag, rief ihn eine seltsame Stimme beim Namen und bat ihn einzutreten. Er gehorchte.

Es war sein eignes Zimmer. Darüber bestand kein Zweifel. Aber es hatte eine überraschende Veränderung erfahren. Wände und Decke waren so mit lebendem Grün behängen, daß sie wie ein richtiger Hain aussahen, in dem überall hell glänzende Beeren funkelten. Die frischen Blätter von Stechpalmen, Mistelzweigen und Efeu reflektierten das Licht, als ob dort viele kleine Spiegel verstreut wären; und eine so mächtige Flamme stieg lodernd in den Schornstein hinauf, wie ihn dieser Herd aus grauer Vorzeit zu Scrooges oder Marleys Zeiten seit unzähligen Wintern nicht mehr erlebt hatte. Auf dem Fußboden waren Truthähne, Gänse, Wild, Geflügel, Eberfleisch, riesige Keulen, Spanferkel, lange Ketten von Würsten, Pasteten, Plumpuddings, Fässer mit Austern, rotglühende Kastanien, rotbäckige Äpfel, saftige Orangen, süße Birnen und ungeheure Dreikönigskuchen zu einer Art Thron aufgebaut, und brodelnde Punschgefäße vernebelten das Zimmer mit ihren köstlichen Dampfschwaden. Auf diesem Ruhelager saß behaglich ein lustiger, wunderbar anzusehender Riese, der eine brennende Fackel in der Form eines Füllhorns trug und sie hoch, ganz hoch hielt, um ihren Schein auf Scrooge zu werfen, als er um die Tür äugte.

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„Komm herein!“ rief der Geist. „Komm herein und lerne mich besser kennen, Mann!“

Scrooge trat zaghaft ein und ließ vor diesem Geist den Kopf hängen. Er war nicht mehr der verbissene Scrooge, der er gewesen, und obwohl der Geist einen klaren, freundlichen Blick hatte, mochte er ihm nicht begegnen.

„Ich bin der Geist der diesjährigen Weihnacht“, sagte der Geist. „Sieh mich an!“

Scrooge tat es voller Ehrfurcht. Der Geist war mit einem schlichten grünen Gewand, einer Art Umhang, bekleidet, der mit weißem Pelz abgesetzt war. Dieses Kleidungsstück hing so lose um den Körper, daß die mächtige Brust bloß war, als ob sie es verschmähte, durch irgend etwas eingezwängt oder verdeckt zu werden. Seine Füße, die unter den weiten Falten des Gewandes hervorschauten, waren ebenfalls bloß, und auf dem Kopf trug er weiter nichts als einen Stechpalmenkranz, in dem hier und da Eiszapfen glitzerten. Seine dunkelbraunen Locken hingen lang und frei herab, frei wie sein freundliches Gesicht, seine sprühenden Augen, seine offene Hand, seine fröhliche Stimme, sein ungezwungenes Verhalten und seine frohe Miene. Um die Taille hatte er eine altertümliche Schwertscheide gegürtet, doch steckte kein Schwert darin, und die alte Scheide war vom Rost zerfressen.

„So etwas wie mich hast du noch nie gesehen!“ rief der Geist.

„Nie!“ gab Scrooge zur Antwort.

„Bist nie mit den jüngeren Mitgliedern meiner Familie mitgegangen, ich meine (denn ich bin sehr jung) mit den älteren Brüdern, die in den letzten Jahren geboren wurden?“ fuhr das Gespenst fort.

„Ich glaube nicht“, sagte Scrooge. „Ich fürchte, nein. Hast du viele Brüder, Geist?“

„Mehr als eintausendachthundert“, sagte der Geist.

„Eine schrecklich große Familie, für die zu sorgen ist!“ murmelte Scrooge. Der Geist der diesjährigen Weihnacht erhob sich.

„Geist“, sagte Scrooge unterwürfig, „führe mich, wohin du willst. Gestern nacht ging ich gezwungenermaßen mit und bekam eine Lehre, die jetzt nachwirkt. Wenn du mich etwas lehren sollst, laß mich heute den Nutzen daraus ziehen.“

„Faß meinen Umhang an!“

Scrooge tat wie ihm geheißen und hielt sich fest.

Stechpalme, Mistel, rote Beeren, Efeu, Truthähner, Gänse, Wild, Geflügel, Eberfleisch, Fleischkeulen, Schweine, Würste, Austern, Pasteten, Puddings, Obst und Punsch, alles verschwand sofort. Auch das Zimmer, das Feuer, die rötliche Glut, die nächtliche Stunde, und sie standen am Weihnachtsmorgen auf den Straßen der Stadt, wo die Menschen (denn es war bitterkalt) eine rauhe, aber flotte und nicht unangenehme Art von Musik machten, indem sie vom Pflaster vor ihren Wohnungen und von den Dächern ihrer Häuser den Schnee zusammenkratzten, was den Jungen eine tolle Freude machte, wenn sie ihn auf die Straße herunterplauzen und zu einem künstlichen kleinen Schneesturm zerstieben sahen.

Die Häuserfronten sahen ziemlich schwarz aus und die Fenster noch schwärzer; sie stachen gegen die glatte, weiße Schneedecke auf den Dächern und den etwas schmutzigeren Schnee auf dem Boden ab, in dessen jüngste Schicht die schweren Räder der Karren und Wagen tiefe Furchen gegraben hatten, Furchen, die sich zu Hunderten von Malen überschnitten, wo die großen Straßen abzweigten und verschlungene Kanäle bildeten, die man in dem dicken, gelben Schlamm und dem Eiswasser schwer verfolgen konnte. Der Himmel war düster, und selbst die kleinsten Straßen waren von einem schmuddeligen, halb getauten, halb gefrorenen Nebel erfüllt, dessen schwerere Bestandteile in einem Regen rußiger Teilchen niedergingen, als ob alle Schornsteine Großbritanniens wie auf Verabredung Feuer gefangen hätten und nun nach Herzenslust qualmten. Weder die Witterung noch die Stadt waren sonderlich freundlich, dennoch lag eine gewisse Heiterkeit über allem, die sich die klarste Sommerluft und strahlendste Sommersonne vergeblich bemüht hätten zu verbreiten.

Denn die Leute, die den Schnee von den Dächern schaufelten, waren ausgelassen und fröhlich. Von den Fensterbrüstungen riefen sie sich allerlei zu, und hin und wieder tauschten sie aus Spaß einen Schneeball – ein harmloseres Geschoß als manch spöttisches Wort – und lachten herzlich, wenn er traf, und nicht weniger herzlich, wenn er danebenging.

Die Geschäfte der Geflügelhändler waren noch halb offen, und die Obstgeschäfte strahlten in vollem Glanz. Da standen große, runde, dickbäuchige Körbe mit Nüssen, prall wie die Westen fröhlicher alter Herren, die an den Türen lehnen und in ihrer zum Schlagfluß neigenden Fülle hin und her taumeln. Da gab es rosige, bräunliche, umfangreiche spanische Zwiebeln, die in ihrer Beleibtheit wie spanische Mönche strahlten und von ihren Regalen herab wollüstig und schelmisch den jungen Mädchen zublinzelten, wenn sie vorübergingen und geziert zu dem dort hängenden Mistelzweig blickten. Birnen und Äpfel waren zu bunten Pyramiden aufgebaut; Bündel von Weintrauben hatte der wohlmeinende Ladenbesitzer so angebracht, daß sie gut sichtbar am Haken hingen und den Passanten das Wasser umsonst im Munde zusammenlaufen ließen. Es gab Haufen von Haselnüssen, moosig und braun, die mit ihrem Duft an frühere Spaziergänge durch die Wälder und an vergnügtes Schlurfen durch knöcheltiefes welkes Laub erinnerten. Saftige Norfolk-Äpfel, dick und braun, die sich vom Gelb der Apfelsinen und Zitronen absetzten, schrien bei ihrem Reifegrad förmlich danach, in Tüten nach Hause getragen und nach dem Essen verzehrt zu werden. Selbst die Gold- und Silberfische, die in einem Glas zwischen den erlesenen Früchten gezeigt wurden, schienen zu wissen, obwohl sie einer stumpfsinnigen und trägen Rasse angehörten, daß etwas vor sich ging; und einer der Fische schwamm, nach Luft schnappend, in langsamer und leidenschaftsloser Aufregung in ihrer kleinen Welt umher.

Und die Lebensmittelgeschäfte, o diese Lebensmittelgeschäfte! Sie waren schon fast geschlossen, vielleicht fehlten nur noch ein oder zwei Fensterläden, doch was bot sich durch diese Spalten für ein Anblick! Es war nicht nur, daß die Waagschalen, wenn sie auf den Ladentisch stießen, einen fröhlichen Ton von sich gaben oder daß der Bindfaden so flink von seiner Rolle ablief oder daß die Blechbüchsen wie bei einem Zauberkunststück auf und ab bewegt wurden oder daß die vermischten Düfte von Tee und Kaffee angenehm in die Nase stiegen oder daß die Rosinen so reichlich und ausgezeichnet, die Mandeln so außergewöhnlich weiß, die Zimtstangen so lang und gerade, die anderen Gewürze so köstlich, die kandierten Früchte dermaßen von geschmolzenem Zucker verkrustet und befleckt waren, daß sie den kühlsten Betrachter schwach und damit ärgerlich machten. Auch lag es nicht daran, daß die Feigen feucht und fleischig waren oder daß die französischen Pflaumen mit ihrer milden Säure aus reichverzierten Büchsen herableuchteten oder daß dies alles gut zu essen und weihnachtlich verpackt war, sondern die Kunden hatten es alle so eilig und waren so eifrig in der Hoffnung auf das, was ihnen dieser Tag verhieß, daß sie an der Tür gegeneinanderrannten, mit ihren Weidenkörben zusammenstießen, ihre Einkäufe auf dem Ladentisch liegenließen, zurückgerannt kamen, um sie zu holen, und in der denkbar besten Stimmung Hunderte ähnlicher Fehler begingen, während der Lebensmittelhändler und seine Angestellten so lustig und munter waren, daß die blankpolierten Herzen, mit denen sie hinten die Schürzen zubanden, ihre eigenen gewesen sein könnten, die sie zur allgemeinen Besichtigung und extra für die Weihnachtsdohlen trugen, damit diese daran picken könnten.

Aber bald riefen die Kirchenglocken alle guten Menschen in die Kirchen und Kapellen, und sie kamen herbei und zogen in ihrer besten Kleidung und mit ihren fröhlichsten Gesichtern scharenweise durch die Straßen. Zur gleichen Zeit tauchten aus vielen Nebenstraßen, Gassen und namenlosen Querstraßen unzählige Menschen auf und brachten ihre Festbraten zum Bäcker. Der Anblick dieser armen Nachtschwärmer schien den Geist sehr zu interessieren, denn er stand mit Scrooge im Torweg eines Bäckers, hob die Deckel, wenn ihre Träger vorbeigingen, und bespritzte das Essen mit Weihrauch aus seiner Fackel. Es handelte sich um eine besondere Fackel, denn ein- oder zweimal, als zwischen einigen Essenträgern, die sich angerempelt hatten, böse Worte fielen, schüttete er daraus ein paar Tropfen Wasser auf sie, und sofort war die gute Laune wiederhergestellt. Denn sie sagten, es sei eine Schande, sich am Weihnachtstag zu streiten. Und das war es auch! Bei Gott, das war es!

Allmählich verstummten die Glocken, und die Bäckereien wurden geschlossen; dennoch deuteten die aufgetauten Flecken auf den Backöfen, deren Steine dampften, als würden sie selbst gebacken, diese Mahlzeiten und das Fortschreiten ihrer Zubereitung geheimnisvoll an.

„Ist eine bestimmte Würze in dem, was du aus deiner Fackel verspritzt?“ fragte Scrooge.

„Ja, meine eigene.“

„Paßt sie denn heute zu irgendeiner Mahlzeit?“ fragte Scrooge.

„Zu jeder freundlich gereichten. Am besten zu einer ärmlichen.“

„Wieso am besten zu einer ärmlichen?“

„Weil sie sie am dringendsten braucht.“

„Geist“, sagte Scrooge nach kurzer Überlegung, „ich wundere mich, daß gerade du von allen Wesen auf den vielen Welten um uns diesen Leuten die Gelegenheit zu einer unschuldigen Freude einschränken möchtest.“

„Ich?“ schrie der Geist.

„Du würdest ihnen die Möglichkeit rauben, an jedem siebenten Tag Mittag zu essen, oft dem einzigen Tag, an dem man überhaupt von einem Mittagbrot sprechen kann“, sagte Scrooge. „Nicht wahr?“

„Ich?“ schrie der Geist.

„Du möchtest doch diese Orte am siebenten Tag schließen“, sagte Scrooge. „Und das läuft auf dasselbe hinaus.“

„Möchte ich das?“ rief der Geist.

„Verzeih, wenn ich unrecht habe. Es ist in deinem Namen oder zumindest in dem deiner Familie geschehen“, sagte Scrooge.

„Es gibt einige Menschen auf eurer Erde“, erwiderte der Geist, „die uns zu kennen vorgeben und die ihre Taten, die der Leidenschaft, dem Stolz, der Bosheit, dem Haß, dem Neid, der Frömmelei und der Selbstsucht entspringen, in unserem Namen begehen und die uns und allen Freunden und Verwandten so fremd sind, als ob sie nie gelebt hätten. Denke daran und laste ihr Tun ihnen selbst, nicht uns an.“

Scrooge versprach es, und sie gingen, unsichtbar wie zuvor, in die Vororte der Stadt. Es war eine bemerkenswerte Eigenschaft des Geistes (die Scrooge beim Bäcker erkannt hatte), daß er sich trotz seines Riesenwuchses mit Leichtigkeit jedem Ort anpassen konnte und daß er unter einem niedrigen Dach ebenso anmutig und als übernatürliches Wesen dastand, wie er es in einer hohen Halle auch gekonnt hätte.

Vielleicht war es das Vergnügen, das der gute Geist daran hatte, seine Macht zu beweisen, oder aber sein freundliches, großzügiges und herzliches Wesen sowie sein Mitgefühl mit allen Armen, das ihn direkt zu Scrooges Angestellten führte, denn dorthin ging er und nahm Scrooge mit, der sich an seinem Umhang festhielt. Auf der Türschwelle blieb der Geist lächelnd stehen, um Bob Cratchits Wohnung mit den Tropfen seiner Fackel zu segnen. Man bedenke! Bob bekam nur fünfzehn „Bob“ die Woche; an jedem Sonnabend steckte er nur fünfzehn Kopien seines Vornamens ein. Und trotzdem segnete der Geist der diesjährigen Weihnacht sein Vierzimmerhaus!

Dann erschien Mrs. Cratchit, Cratchits Frau, herausgeputzt in einem schon zweimal gewendeten Kleid, das aber reich mit Borten verziert war, die billig sind und für sechs Pence viel hermachen. Sie deckte den Tisch, unterstützt von Belinda Cratchit, der zweitältesten Tochter, die ebenfalls reich mit Borten geschmückt war. Inzwischen stach Master Peter Cratchit mit einer Gabel in den Kartoffeltopf, und als er die Ecken seines riesigen Kragens (Bobs persönliches Eigentum, das er zu Ehren dieses Tages seinem Sohn und Erben überlassen hatte) in den Mund bekam, freute er sich darüber, so prächtig herausgeputzt zu sein, und sehnte sich danach, sein Hemd in den vornehmen Parks zu zeigen. Und nun kamen zwei jüngere Cratchits, ein Junge und ein Mädchen, hereingestürmt und schrien, sie hätten vor dem Bäckerladen die Gans gerochen und als ihre erkannt. Sie schwelgten in dem Gedanken an Salbeiblätter mit Zwiebeln, tanzten um den Tisch herum und himmelten Master Peter Cratchit an, während dieser (gar nicht stolz, obwohl ihn der Kragen fast erwürgte) das Feuer anfachte, bis die trägen Kartoffeln brodelten und laut an den Topfdeckel klopften, um herausgenommen und gepellt zu werden.

„Wo bleibt nur euer lieber Vater?“ sagte Mrs. Cratchit. „Und euer Bruder, Klein Tim! Und kam Martha letztes Jahr zu Weihnachten nicht auch eine halbe Stunde zu spät?“

„Hier ist Martha, Mutter!“ sagte ein Mädchen, das bei diesen Worten eintrat.

„Hier ist Martha, Mutter“, riefen die beiden jüngeren Cratchits. „Hurra, wir haben so eine Gans, Martha!“

„Warum in Gottes Namen kommst du nur so spät, mein liebes Kind?“ sagte Mrs. Cratchit, küßte sie ein dutzendmal und nahm ihr mit geschäftigem Eifer Schal und Häubchen ab.

„Wir hatten gestern abend noch so viel fertigzumachen“, erwiderte das Mädchen, „und mußten heute früh aufräumen, Mutter!“

„Na, das macht nichts, nun bist du ja da“, sagte Mrs. Cratchit. „Setz dich ans Feuer, mein Liebes, und wärm dich auf. Gott sei mit dir!“

„Nein, nein. Vater kommt“, riefen die beiden jüngeren Cratchits, die immer überall waren. „Versteck dich, Martha, versteck dich!“

Martha versteckte sich auch, und herein kam der kleine Bob, der Vater, dem mindestens drei Fuß seines Wollschals, die Fransen nicht gerechnet, vom Hals herabhingen. Seine fadenscheinige Kleidung war gestopft und gebürstet worden, damit sie feiertäglich aussähe. Auf seinen Schultern saß der kleine Tim. Armer kleiner Tim! Er trug eine winzige Krücke, und seine Gliedmaßen wurden von Eisenschienen gestützt.

„Nun, wo ist denn unsere Martha?“ rief Bob Cratchit und schaute sich um.

„Kommt nicht!“ sagte Mrs. Cratchit.

„Kommt nicht?“ sagte Bob, und seine gehobene Stimmung sank plötzlich, denn er war den ganzen Weg von der Kirche her Tims Vollblutpferd gewesen und nach Hause getrabt. „Kommt nicht zu Weihnachten?“

Martha mochte ihn nicht so enttäuscht sehen, auch wenn es nur ein Scherz war. Darum kam sie vorzeitig hinter der Kammertür hervor und rannte in seine Arme, während die beiden jüngeren Cratchits den kleinen Tim drängten und ihn ins Waschhaus trugen, damit er den Pudding im Kessel singen hörte.

„Und wie hat sich Tim benommen?“ fragte Mrs. Cratchit, nachdem sie Bob wegen seiner Leichtgläubigkeit aufgezogen und Bob seine Tochter nach Herzenslust liebkost hatte.

„Sehr brav und besser“, sagte Bob. „Irgendwie wird er nachdenklich, weil er so viel allein sitzt, und denkt sich die seltsamsten Sachen aus, die man je gehört hat. Auf dem Heimweg sagte er zu mir, er hoffe, daß ihn die Leute in der Kirche gesehen haben, weil er ein Krüppel ist und es für sie gut sei, sich am Weihnachtstag an den zu erinnern, der Lahme gehen und Blinde sehen gemacht hat.“

Bobs Stimme zitterte, als er ihnen das erzählte, und zitterte noch mehr, als er sagte, daß der kleine Tim allmählich stark und kräftig werde.

Seine kleine Krücke war auf dem Flur zu hören, und noch ehe ein weiteres Wort gesprochen wurde, kam Tim zurück und wurde von den Geschwistern zu seinem Schemel vor dem Fenster geleitet, und während Bob sich die Ärmel hochkrempelte – als ob sie, armer Kerl!, noch schäbiger werden könnten – und in einem Krug ein heißes Getränk aus Gin und Zitronen zusammenbraute, es eifrig umrührte und zum Aufkochen auf den Kaminsatz stellte, gingen Master Peter und die beiden überall zu findenden Cratchits die Gans holen, mit der sie bald in feierlichem Zug zurückkehrten.

Es entstand ein solcher Tumult, daß man hätte meinen können, eine Gans sei der seltenste aller Vögel, ein gefiedertes Wunder, gegen das ein schwarzer Schwan eine Selbstverständlichkeit sei – und in Wirklichkeit war sie auch so etwas in diesem Haus. Mrs. Cratchit machte die Bratensoße (die in einem Töpfchen vorher zubereitet worden war) kochend heiß; Master Peter stampfte die Kartoffeln mit unglaublicher Kraft; Miss Belinda süßte die Apfelsoße; Martha wischte die angewärmten Teller ab; Bob setzte den kleinen Tim neben sich an ein Eckchen des Tisches; die beiden jüngeren Cratchits stellten für jeden einen Stuhl hin, wobei sie sich selbst nicht vergaßen und auf ihren Posten Wache bezogen; sie stopften sich Löffel in den Mund, damit sie nicht nach der Gans schreien konnten, bevor sie beim Austeilen an die Reihe kamen. Endlich wurde aufgetragen und das Tischgebet gesprochen. Ihm folgte eine atemlose Pause, als Mrs. Cratchit bedächtig am Tranchiermesser entlangsah und sich anschickte, es in die Gänsebrust zu stoßen. Aber als sie es tat und die lang erwartete Füllung hervorquoll, entstand rings um die Tafel ein Gemurmel des Entzückens, und selbst der kleine Tim hieb, von den beiden jüngeren Cratchits angesteckt, mit dem Griff seines Messers auf den Tisch und rief ein schwaches Hurra.

Noch nie hatte es solch eine Gans gegeben! Bob sagte, er glaube nicht, daß jemals so eine Gans gebraten worden sei. Ihre Zartheit und Schmackhaftigkeit, ihre Größe und Preiswertigkeit waren der Gegenstand allgemeiner Bewunderung. Durch Apfelsoße und Stampfkartoffeln ergänzt, ergab sie eine ausreichende Mahlzeit für die ganze Familie; sie hatten sie, wie Mrs. Cratchit entzückt feststellte (als sie die Andeutung eines Knochens auf der Platte liegen sah), noch nicht einmal vollständig aufgegessen! Doch jeder hatte genug bekommen, und besonders die beiden jüngeren Cratchits steckten bis über die Ohren in Salbeiblättern und Zwiebeln. Doch nun, während Miss Belinda die Teller auswechselte, verließ Mrs. Cratchit allein das Zimmer – zu aufgeregt, Zeugen zu ertragen –, um den Pudding hereinzuholen.

Angenommen, er wäre noch nicht gar! Angenommen, er zerbräche beim Herausnehmen. Angenommen, jemand wäre über die Mauer des hinteren Gartens geklettert und hätte ihn gestohlen, während sie fröhlich beim Gänsebraten saßen – eine Vorstellung, bei der die beiden jüngeren Cratchits aschfahl wurden! Alles mögliche Schreckliche wurde angenommen.

Hallo! Eine Menge Dampf! Der Pudding war aus dem Kessel heraus. Es roch wie an einem Waschtag! Das war das Tuch. Ein Geruch wie in einem Speisehaus mit danebenliegender Pastetenbäckerei und Wäscherei. Das war der Pudding! Eine halbe Minute später kam Mrs. Cratchit – vor Erregung rot, doch stolz lächelnd – mit dem Pudding herein, der gesprenkelt wie eine Kanonenkugel aussah, hart und fest war, von den Flammen eines zweiunddreißigstel Liters Brandy umzüngelt und oben mit einem weihnachtlichen Stechpalmenzweig geschmückt.

Oh, ein herrlicher Pudding! Bob sagte gelassen, daß er ihn als Mrs. Cratchits größten Erfolg seit ihrer Heirat ansähe. Mrs. Cratchit sagte, daß ihr ein Stein vom Herzen fiele, denn sie müsse zugeben, daß sie ihre Zweifel wegen der Menge des Mehls gehabt habe. Jeder hatte etwas dazu zu sagen, niemand aber sagte oder dachte, daß der Pudding für eine große Familie zu klein war. Das wäre glatte Ketzerei gewesen. Jeder Cratchit wäre vor Scham rot geworden, wenn er so etwas auch nur angedeutet hätte.

Endlich war die Mahlzeit beendet, der Tisch abgeräumt, der Herd gefegt und das Feuer geschürt. Als man das Gebräu im Krug gekostet und für vollendet befunden hatte, wurden Äpfel und Apfelsinen auf den Tisch gestellt und eine Schaufel voll Kastanien ins Feuer geschüttet. Dann setzte sich die ganze Familie Cratchit um den Herd – im Kreis, wie es Bob Cratchit nannte und womit er einen Halbkreis meinte –, und an Bob Cratchits Seite stand der Gläserreichtum der Familie: zwei Wassergläser und ein Soßenkännchen ohne Henkel.

Diese jedoch faßten den Trunk aus dem Krug ebensogut, wie es goldene Becher getan hätten, und Bob schenkte ihn mit strahlenden Augen ein, während die Kastanien im Feuer sprühten und laut krachten. Dann brachte Bob den Trinkspruch aus:

„Frohe Weihnachten uns allen, meine Lieben. Gott segne uns!“ Was die ganze Familie wiederholte.

„Gott segne einen jeden von uns!“ sagte der kleine Tim als letzter von allen.

Er saß ganz dicht neben dem Vater auf seinem Stühlchen. Bob hielt Tims welke, kleine Hand in seiner, als ob er dieses Kind liebte und es an seiner Seite halten wollte und Angst hätte, daß es ihm weggenommen werden könnte.

„Geist“, sagte Scrooge mit einem Interesse, das er früher nie verspürt hatte, „sage mir, ob der kleine Tim am Leben bleibt.“

„Ich sehe einen freien Platz in der bescheidenen Kaminecke“, antwortete der Geist, „und eine Krücke ohne Besitzer, die man sorgfältig aufhebt. Wenn die Zukunft diese Schatten nicht ändert, wird das Kind sterben.“

„Nein, nein“, sagte Scrooge. „O nein, lieber Geist. Sage, daß es verschont bleibt.“

„Wenn die Zukunft diese Schatten nicht verändert“, erwiderte der Geist, „wird keiner meines Geschlechts es hier finden. Was macht das schon? Wenn es eben sterben muß, sollte es das auch tun und damit den Bevölkerungsüberschuß vermindern.“

Scrooge ließ den Kopf hängen, als er seine eigenen Worte vom Geist zitiert hörte, und wurde von Reue und Kummer überwältigt.

„Mensch“, sagte der Geist, „wenn du ein menschliches Herz und keins aus Stein hast, laß von dieser niederträchtigen Heuchelei ab, bis du herausgefunden hast, was Überschuß bedeutet und wo er ist. Willst du entscheiden, welcher Mensch leben und welcher sterben soll? Es kann sein, daß du in Gottes Augen wertloser und weniger lebenstüchtig bist als Millionen, die dem Kind dieses armen Mannes gleichen. O Gott, hören zu müssen, wie das Insekt auf dem Blatt von der Überzahl seiner hungrigen Brüder im Staub spricht!“ Scrooge krümmte sich unter dem Vorwurf des Geistes und richtete zitternd seine Blicke zu Boden. Schnell hob er sie wieder, als er seinen Namen hörte.

„Mr. Scrooge!“ sagte Bob. „Ich trinke auf das Wohl von Mr. Scrooge, dem Spender dieses Festes!“

„Dem Spender dieses Festes, wahrhaftig!“ rief Mrs. Cratchit und wurde rot. „Ich wünschte, ich hätte ihn hier.

Ich würde ihm meine Meinung sagen, an der er sich laben könnte; hoffentlich fände er Geschmack daran.“

„Meine Liebe“, sagte Bob, „die Kinder! Es ist Weihnachten.“

„Wirklich, es muß schon Weihnachten sein“, sagte sie, „wenn man auf die Gesundheit eines so abscheulichen, geizigen, harten und herzlosen Mannes wie Mr. Scrooge trinken soll. Du weißt, daß er es ist, Robert! Niemand weiß das besser als du, armer Kerl!“

„Meine Liebe“, war Bobs besänftigende Antwort, „es ist Weihnachten.“

„Ich will um deinet- und des Festes willen auf sein Wohl anstoßen“, sagte Mrs. Cratchit, „nicht um seinetwillen. Auf ein langes Leben! Frohe Weihnachten und ein glückliches neues Jahr. Er wird sehr fröhlich und sehr glücklich sein, daran zweifle ich nicht!“

Die Kinder tranken nach ihr auf sein Wohl. Es war ihre erste Handlung, die nichts Herzliches an sich hatte. Der kleine Tim trank als letzter, aber das kümmerte ihn nicht. Scrooge war ein Scheusal für die Familie. Seinen Namen zu erwähnen warf einen dunklen Schatten auf die Gesellschaft, der volle fünf Minuten nicht zu vertreiben war.

Nach seinem Verschwinden fühlten sie sich zehnmal fröhlicher als vorher, aus der bloßen Erleichterung heraus, daß Scrooge, der Elende, abgetan war. Bob Cratchit erzählte ihnen, daß er für Master Peter eine Stellung im Auge habe, die, falls er sie erhielte, fünf Schilling und sechs Pence wöchentlich einbrächte. Die beiden jüngeren Cratchits lachten schallend bei dem Gedanken, daß Peter ein Geschäftsmann werden solle, und Peter selbst blickte nachdenklich aus seinem Hemdkragen heraus ins Feuer, als ob er überlegte, wie er sein Geld am besten anlegen sollte, wenn er in den Besitz dieses schwindelerregenden Einkommens gelangte. Martha, die ein kleines Lehrmädchen bei einer Putzmacherin war, erzählte ihnen dann, was für eine Art von Arbeit sie zu verrichten hatte, wieviel Stunden sie hintereinander arbeitete und daß sie morgen früh lange im Bett bleiben wollte, da morgen ein Feiertag war, den sie zu Hause verbrachte. Weiterhin erzählte sie, daß sie vor ein paar Tagen eine Gräfin und einen Lord gesehen hätte und daß der Lord „fast ebenso groß wie Peter“ gewesen wäre, woraufhin Peter seinen Kragen so hoch zog, daß Sie seinen Kopf nicht gesehen hätten, wenn Sie dagewesen wären. Die ganze Zeit über gingen die Kastanien und der Krug herum, und später sang ihnen der kleine Tim mit seiner wehmütigen, zarten Stimme ein Lied von einem Kind vor, das sich im Schnee verlaufen hatte; und er sang es wirklich recht hübsch.

In alledem lag nichts Außergewöhnliches. Sie waren keine besonders ansehnliche Familie; sie waren nicht gut gekleidet; ihre Schuhe waren alles andere als wasserdicht; ihre Kleidung war dürftig, und Peter mochte sehr wahrscheinlich das Innere einer Pfandleihe kennengelernt haben. Doch sie waren glücklich, dankbar, einander zugetan und zufrieden mit dem Fest. Und als sie entschwanden und dabei unter dem hellen Sprühen der Fackel des Geistes noch glücklicher aussahen, wandte Scrooge bis zum Schluß kein Auge von ihnen, vor allem nicht vom kleinen Tim.

Inzwischen wurde es dunkel; es schneite ziemlich stark, und als Scrooge und der Geist die Straßen entlanggingen, war das Leuchten der in den Küchen, Wohnzimmern und anderen Räumen prasselnden Feuer wunderbar. Hier zeigten die flackernden Flammen Vorbereitungen auf eine gemütliche Mahlzeit, für die am Feuer die Teller vorgewärmt wurden, und dunkelrote Vorhänge warteten darauf, zugezogen zu werden, um Kälte und Finsternis abzuhalten. Dort liefen alle Kinder des Hauses hinaus in den Schnee, um ihre verheirateten Geschwister, Cousins, Onkel und Tanten als erste zu begrüßen. Hier wieder konnte man auf den Jalousien Schatten sich versammelnder Gäste sehen; dort trippelte leichtfüßig eine Gruppe hübscher Mädchen, alle mit Kapuzen und Pelzstiefeln und durcheinanderschwatzend, zum Haus in der Nähe wohnender Freunde; wehe dem Junggesellen, der sie glühenden Gesichtes eintreten sah – diese listigen Hexen, wie sie es verstanden!

Nach der Zahl der Leute zu urteilen, die sich auf dem Weg zu freundschaftlichen Zusammenkünften befanden, hätte man annehmen können, daß niemand zu Hause war und sie begrüßen konnte; statt dessen erwartete man in jedem Haus Gäste und füllte den halben Kamin mit Feuerung. Welch ein Segen, triumphierte der Geist. Er entblößte seine breite Brust, öffnete die riesige Hand und übertrug großzügig beim Dahinschweben seine strahlende und unschuldige Heiterkeit auf alles in seiner Reichweite. Sogar der Laternenanzünder, der vor ihnen rannte und in die düsteren Straßen Lichtflecken tupfte und so angezogen war, daß er den Abend irgendwo verbringen konnte, lachte laut auf, als der Geist vorbeiging, obwohl er nicht im geringsten wußte, daß er außer der Weihnachtsstimmung noch eine andere Begleitung hatte.

Und jetzt, ohne ein warnendes Wort vom Geist, standen sie auf einem kahlen, öden Moor, wo ungeheure Massen grober Steine herumlagen, als ob es die Begräbnisstätte für Riesen wäre; überall – wo immer es ihm beliebte – breitete sich Wasser aus oder hätte es gern getan, wenn der Frost es nicht gefangengehalten hätte, und es wuchs nichts außer Moos und Ginster und grobem, wucherndem Gras. Im Westen hatte die untergehende Sonne einen feuerroten Streifen hinterlassen, der einen Augenblick lang wie ein unheilvolles Auge auf die Einöde hinabstarrte, immer tiefer sank, mürrisch dreinblickte und sich schließlich in der undurchdringlichen Dunkelheit der schwärzesten Nacht verlor.

„Was für ein Ort ist das?“ fragte Scrooge.

„Ein Ort, an dem Bergleute wohnen, die in den Eingeweiden der Erde arbeiten“, erwiderte der Geist. „Aber sie kennen mich. Schau!“

Aus dem Fenster einer Hütte schien ein Licht, und schnell bewegten sie sich darauf zu. Als sie durch die Wand aus Schlamm und Stein glitten, fanden sie eine fröhliche Gesellschaft um ein leuchtendes Feuer versammelt vor. Ein uralter Mann und eine uralte Frau mit ihren Kindern und Enkelkindern und noch einer weiteren Generation, alle festlich herausgeputzt. Der alte Mann sang ihnen mit einer Stimme, die selten das Heulen des Windes in der Einöde übertönte, ein Weihnachtslied vor – es war schon in seiner Kindheit ein sehr altes Lied gewesen –, und von Zeit zu Zeit stimmten alle in den Kehrreim mit ein. Sobald sie ihre Stimmen erhoben, sang der alte Mann recht munter und laut, und sobald sie innehielten, ließ seine Lebhaftigkeit nach.

Der Geist hielt sich hier nicht lange auf, sondern bat Scrooge, sich an seinem Umhang festzuhalten, und eilte, über das Meer gleitend – wohin? Doch nicht etwa aufs Meer hinaus? Aufs Meer. Als er zurückblickte, sah Scrooge zu seinem Entsetzen das letzte Stück Land, eine schreckliche Felskette, hinter ihnen liegen, und seine Ohren wurden taub von dem Donnern des Wassers, das rollend und brüllend in den furchtbaren Höhlen tobte, die es ausgewaschen hatte, und wütend versuchte, die Erde zu unterwühlen.

Auf einem trostlosen Riff versunkener Felsen erbaut, etwa eine Meile vom Ufer entfernt, wo das Meer das ganze Jahr hindurch brandete, stand ein einsamer Leuchtturm. Große Haufen Seetang klebten an seinem Fundament, und Sturmvögel – vom Wind geboren, könnte man annehmen, wie der Tang vom Wasser – stiegen empor und stürzten darauf nieder wie die Wogen, über die sie hinwegglitten.

Doch sogar hier hatten die beiden Leuchtturmwärter ein Feuer angezündet, das durch den Schlitz in der dicken Steinmauer einen hellen Strahl auf die furchterregende See warf. Über den rohen Tisch hinweg, an dem sie saßen, reichten sie sich die schwieligen Hände und wünschten sich bei einem Glase Grog frohe Weihnachten, und einer von ihnen, noch dazu der ältere, mit einem Gesicht, das von den harten Wettern wie die Galionsfigur auf einem alten Schiff Furchen und Risse trug, stimmte ein derbes Lied an, das wie ein Sturmwind klang.

Wieder eilte der Geist weiter über die schwarze, brodelnde See, immer weiter, bis sie, fernab von jeder Küste, wie er Scrooge sagte, auf einem Schiff niedergingen. Sie standen neben dem Steuermann am Rad, neben dem Ausguck am Bug, neben den wachhabenden Offizieren; dunkle, gespenstische Figuren auf ihren unterschiedlichen Posten, doch ein jeder von ihnen summte eine weihnachtliche Melodie oder hatte weihnachtliche Gedanken oder erzählte seinem Kameraden im Flüsterton von vergangenen Weihnachtsfesten, wobei Gedanken an zu Hause mitschwangen. Und jeder Mann an Bord, ob wachend oder schlafend, gut oder böse, hatte für den anderen ein freundlicheres Wort bereit als an den übrigen Tagen des Jahres, hatte bis zu einem gewissen Grade an den Festlichkeiten teilgenommen und hatte an die gedacht, um die er sich in der Ferne sorgte, und hatte gewußt, daß diese wiederum gern an ihn dachten.

Es war eine große Überraschung für Scrooge, während er dem Ächzen des Windes lauschte und nachsann, was für eine feierliche Sache es war, sich durch die einsame Finsternis über einen unbekannten Abgrund hinwegzubewegen, dessen Tiefen so geheimnisvoll und unergründlich wie der Tod waren; es bedeutete für Scrooge, als er auf diese Weise beschäftigt war, eine große Überraschung, ein herzliches Lachen zu hören, und es war eine noch größere Überraschung für ihn, es als das Lachen seines Neffen zu erkennen und sich in einem hellen, trockenen, strahlenden Raum wiederzufinden, den Geist lächelnd neben sich stehen und diesen Neffen wohlwollend und freundlich betrachten zu sehen!

„Haha!“ lachte Scrooges Neffe. „Hahaha!“

Wenn Sie durch einen unwahrscheinlichen Zufall Gelegenheit hätten, einem Menschen zu begegnen, der mit einem herzlicheren Lachen gesegnet ist als Scrooges Neffe, kann ich nur sagen, daß ich ihn auch gern kennenlernen würde. Stellen Sie ihn mir vor, und ich werde die Bekanntschaft mit ihm pflegen.

Es ist eine schöne, gerechte und edle Einrichtung, daß, wie es eine Ansteckung bei Krankheiten und Sorgen gibt, auf der Welt nichts so unwiderstehlich ansteckend ist wie Lachen und gute Laune. Als Scrooges Neffe lachte, indem er sich die Seiten hielt, mit dem Kopf wackelte und die sonderbarsten Grimassen schnitt, lachte Scrooges angeheiratete Nichte genauso herzlich wie er. Und die versammelten Freunde standen ihnen keineswegs nach und brüllten vor Lachen.

„Haha! Hahahaha!“

„Er sagte, Weihnachten wäre Unsinn, so wahr ich lebe!“ schrie Scrooges Neffe. „Er glaubte es auch!“

„Er sollte sich schämen, Fred!“ sagte Scrooges Nichte empört. Nein, diese Frauen. Sie tun nichts halb. Sie nehmen alles ernst.

Sie war sehr hübsch, ausnehmend hübsch. In dem erstaunt in die Welt blickenden, niedlichen Gesicht hatte sie Grübchen, einen kleinen roten Mund, der zum Küssen geschaffen schien – und es auch zweifellos war –, und allerlei kleine Tüpfelchen am Kinn, die beim Lachen ineinanderflossen, und das strahlendste Paar Augen, das man je im Kopf eines kleinen Geschöpfes gesehen hatte. Alles in allem war sie, was man aufreizend nennt, andererseits auch beruhigend. O ja, völlig beruhigend.

„Er ist ein komischer alter Kauz“, sagte Scrooges Neffe, „das stimmt, und nicht so angenehm, wie er sein könnte. Doch seine Kränkungen bestrafen ihn selbst, und ich habe nichts gegen ihn vorzubringen.“

„Sicherlich ist er sehr reich, Fred“, gab Scrooges Nichte zu verstehen. „Zumindest sagst du das mir immer.“

„Was hat er davon, Liebste!“ sagte Scrooges Neffe. „Sein Reichtum nützt ihm nichts. Gutes tut er damit nicht. Sein Leben macht er dadurch nicht angenehmer. Er hat auch nicht das befriedigende Gefühl – hahaha! –, daß er uns einmal etwas vermacht.“

„Ich kann ihn nicht ausstehen“, bemerkte Scrooges Nichte. Die Schwestern von Scrooges Nichte und all die anderen Damen brachten dieselbe Meinung zum Ausdruck.

„Oh, ich ja!“ sagte Scrooges Neffe. „Mir tut er leid. Ich könnte ihm nicht böse sein, selbst wenn ich wollte. Wer leidet denn unter seinen Grillen? Immer nur er selbst. Zum Beispiel hat er sich in den Kopf gesetzt, daß er uns nicht leiden kann, und kommt nicht zu uns zum Essen. Was ist das Ergebnis? Er verpaßt nicht viel bei dem Essen.“

„Ich denke doch, er hat ein sehr gutes Essen verpaßt“, unterbrach ihn Scrooges Nichte. Alle sagten dasselbe, und man mußte sie als sachverständige Richter anerkennen, weil sie die Mahlzeit bereits hinter sich hatten und mit dem Nachtisch bei Lampenlicht um den Kamin herum saßen.

„Nun, ich freue mich, das zu hören“, sagte Scrooges Neffe, „weil ich kein großes Vertrauen in diese jungen Hausfrauen setze. Was sagst du dazu, Topper?“

Topper hatte offensichtlich ein Auge auf eine der Schwestern von Scrooges Nichte geworfen, denn er antwortete, ein Junggeselle sei ein elender Ausgestoßener, der kein Recht habe, zu diesem Thema seine Meinung zu äußern. Woraufhin die Schwester von Scrooges Nichte – die Dralle mit dem Spitzentuch, nicht die mit den Rosen – errötete.

„Sprich doch weiter, Fred“, sagte Scrooges Nichte und klatschte in die Hände. „Er sagt nie zu Ende, was er angefangen hat. Er ist so ein komischer Bursche!“

Scrooges Neffe brach erneut in Gelächter aus, und da es unmöglich war, sich dieser Ansteckung zu entziehen, obwohl es die dicke Schwester ernstlich mit aromatischem Essig versuchte, folgte man einmütig seinem Beispiel.

„Ich wollte nur sagen“, fuhr Scrooges Neffe fort, „die Folge davon, daß er uns nicht leiden mag und nicht fröhlich mit uns sein will, ist, wie ich glaube, daß er ein paar vergnügte Augenblicke verpaßt, die ihm nichts schaden würden. Ich bin auch sicher, daß er angenehmere Gesellschaft einbüßt, als er sie in seinen Gedanken finden kann, sowohl in seinem muffigen, alten Büro als in seinen verstaubten Zimmern. Ich möchte ihm jedes Jahr dieselbe Gelegenheit bieten, ob er will oder nicht, denn ich bedaure ihn. Soll er über Weihnachten schimpfen, bis er stirbt, aber er kann nicht umhin, besser darüber zu denken – ich fordere ihn heraus –, wenn ich Jahr für Jahr gutgelaunt zu ihm komme und sage: ,Onkel Scrooge, wie geht’s dir?‘ Und sollte ich ihn nur dazu bewegen, seinem armen Angestellten fünfzig Pfund dazulassen, ist das schon etwas. Und ich glaube, gestern habe ich ihn aufgerüttelt.“

Nun waren sie an der Reihe, über die Vorstellung zu lachen, daß er Scrooge aufgerüttelt habe. Da er aber von Grund auf gutmütig war und sich wenig darum kümmerte, worüber sie lachten, wenn sie nur überhaupt lachten, ermutigte er sie noch in ihrer Heiterkeit und reichte fröhlich die Flasche herum.

Nach dem Tee machten sie Musik, denn sie waren eine musikalische Familie und wußten, was sie taten, wenn sie einen Rundgesang oder ein mehrstimmiges Lied anstimmten, das kann ich Ihnen versichern. Besonders Topper, der im Baß brummen konnte wie nur einer, ohne daß ihm die großen Adern auf der Stirn schwollen oder sein Gesicht rot wurde. Scrooges Nichte spielte gut Harfe und spielte neben anderen Melodien auch ein einfaches kleines Liedchen, das man in zwei Minuten pfeifen lernen könnte; es war dem Kind vertraut gewesen, das Scrooge aus dem Internat abholte, als er vom Geist vergangener Weihnachten erinnert worden war. Bei dieser Weise kamen ihm all die Dinge, die ihm der Geist gezeigt hatte, ins Gedächtnis zurück. Er wurde immer weicher gestimmt und dachte, daß er, wenn er sie vor Jahren öfter gehört hätte, die Annehmlichkeiten des Lebens zu seinem eigenen Glück mit seinen eigenen Händen mehr gehegt hätte, ohne erst zum Totengräberspaten greifen zu müssen, der Jacob Marley begrub.

Aber sie widmeten sich nicht den ganzen Abend der Musik. Nach einer Weile machten sie Pfänderspiele, denn es ist gut, manchmal ein Kind zu sein, und es gibt keinen geeigneteren Zeitpunkt als Weihnachten, an dem sein allmächtiger Begründer selbst ein Kind war. Halt! Da war zuerst das Blindekuhspiel. Natürlich. Und ich glaube ebensowenig, daß Topper wirklich blind war, wie ich glaube, daß er Augen in den Stiefeln hatte. Meines Erachtens war es ein abgekartetes Spiel zwischen ihm und Scrooges Neffen, und der Geist der diesjährigen Weihnacht wußte es. Die Art und Weise, in der er hinter der drallen Schwester mit dem Spitzentuch herlief, war ein Hohn auf die Leichtgläubigkeit der menschlichen Natur. Er warf die Feuerhaken um, stürzte über Stühle, stieß gegen das Klavier und verfing sich in den Gardinen, doch wohin sie ging, da ging auch er hin! Er wußte stets, wo sich die dralle Schwester befand. Nie fing er einen anderen. Er wollte gar keinen anderen fangen. Wenn Sie ihm absichtlich in den Weg gelaufen wären (wie es einige taten), hätte er vorgetäuscht, Sie fassen zu wollen, was eine Beleidigung bezüglich Ihres Verstandes gewesen wäre, und hätte sich sofort in die Richtung der drallen Schwester geschlängelt. Sie rief oftmals, es ginge nicht ehrlich zu, und das ging es auch nicht. Aber als er sie endlich erwischt und sie trotz ihrer rauschenden Seide und des schnellen Vorbeihuschens in eine Ecke gedrängt hatte, aus der es kein Entrinnen gab, war sein Betragen abscheulich. Denn vorzugeben, er kenne sie nicht und müsse ihren Kopfputz befühlen und, um sie zu erkennen, einen bestimmten Ring am Finger und eine bestimmte Kette an ihrem Hals drücken, war widerwärtig und ungeheuerlich! Zweifellos sagte sie ihm auch ihre Meinung, als ein anderer „Blinder“ an der Reihe war und sie in vertraulichem Gespräch hinter den Gardinen standen.

Scrooges Nichte nahm nicht am Blindekuhspiel teil, sondern hatte es sich in einem Sessel und mit einer Fußbank in einer gemütlichen Ecke bequem gemacht, wo der Geist und Scrooge dicht hinter ihr standen. An den Pfänderspielen aber beteiligte sie sich und schilderte den Gegenstand ihrer Bewunderung in allen Farben. Auch bei dem Spiel „Wie, wann, wo“ war sie großartig und besiegte zur heimlichen Freude von Scrooges Neffen ihre Schwestern mit Leichtigkeit, obwohl diese ebenfalls raffinierte Mädchen waren, wie Topper Ihnen bestätigen könnte. Es mögen zwanzig Leute gewesen sein, junge und alte, aber alle spielten mit – sogar Scrooge, denn da er bei dem Interesse, das er für alles aufbrachte, was um ihn herum geschah, völlig vergaß, daß seine Stimme in ihren Ohren nicht zu hören war, platzte er manchmal mit seiner Vermutung laut heraus und riet oft auch das Richtige, denn die spitzeste Nadel aus Whitechapel mit einem garantiert sichtbaren Öhr war nicht stechender als Scrooges Verstand, obwohl er sich für dumm hielt.

Der Geist war hocherfreut, ihn in dieser Stimmung zu sehen, und betrachtete ihn mit solchem Wohlwollen, daß er wie ein Schuljunge bettelte, noch so lange bleiben zu dürfen, bis sich die Gäste verabschiedeten. Aber das, sagte der Geist, sei nicht möglich.

„Jetzt kommt ein neues Spiel dran“, sagte Scrooge. „Eine halbe Stunde, Geist, nur ein halbes Stündchen!“

Es war das Spiel „Ja und nein“, bei dem sich Scrooges Neffe etwas auszudenken hatte und die übrigen herausfinden mußten, was es war, wobei er nur mit Ja oder Nein auf ihre Fragen antworten konnte, je nachdem, wie der Fall lag. Das Kreuzfeuer von Fragen, dem er ausgesetzt war, brachte zutage, daß er an ein Tier dachte, ein lebendiges Tier, ein ziemlich widerliches Tier, ein wildes Tier, das manchmal knurrte und brummte, das manchmal sprach und in London lebte, das durch die Straßen lief, aber nicht herumgezeigt oder von jemandem geführt wurde noch in einer Menagerie lebte, das nie geschlachtet wurde; es war kein Pferd, kein Esel, keine Kuh, kein Bulle, kein Tiger, kein Hund, kein Schwein, keine Katze und kein Bär. Bei jeder weiteren Frage, die ihm gestellt wurde, brach dieser Neffe erneut in schallendes Gelächter aus und amüsierte sich so köstlich, daß er vom Sofa aufstehen und mit den Füßen aufstampfen mußte. Endlich rief die dralle Schwester, die in einen ähnlichen Zustand geriet, aus:

„Ich hab’s! Ich weiß, was es ist, Fred! Ich weiß, was es ist!“

„Was ist es denn?“ rief Fred.

„Es ist dein Onkel Scrooge!“

Das war es auch wirklich. Man empfand allgemeine Bewunderung, obwohl einige einwandten, daß die Antwort auf die Frage „Ist es ein Bär?“ hätte ja lauten müssen, weil eine verneinende Antwort ihre Gedanken von Mr. Scrooge abgelenkt hätte, angenommen, sie hätten in dieser Richtung gedacht.

„Er hat uns viel Spaß gemacht, finde ich“, sagte Fred, „und es wäre undankbar, nicht auf sein Wohl zu trinken. Hier steht gerade ein Glas Glühwein bereit, und so sage ich: Auf Onkel Scrooge!“

„Also, auf Onkel Scrooge!“ riefen sie.

„Frohe Weihnachten und ein glückliches neues Jahr dem alten Mann, wie auch immer er sein möge!“ sagte Scrooges Neffe. „Von mir würde er die Wünsche nicht annehmen, aber er soll sie trotzdem haben. Auf Onkel Scrooge!“

Onkel Scrooge war unmerklich so froh und leicht ums Herz geworden, daß er der Gesellschaft, die ihn nicht wahrnahm, gern auch zugetrunken und in einer unhörbaren Rede gedankt hätte, wenn ihm der Geist dazu Zeit gelassen hätte. Doch die ganze Szene verschwand mit dem Hauch des letzten Wortes seines Neffen, und er und der Geist befanden sich schon wieder auf Reisen.

Sie sahen viel und gingen weit und besuchten viele Häuser, aber alle mit einem glücklichen Ausklang. Der Geist stand neben Krankenbetten, und die Menschen waren fröhlich; bei Leuten, die in fremden Ländern lebten, und sie waren der Heimat nahe; neben hart Ringenden, und sie waren durch die große Hoffnung geduldig; neben Armen, und sie waren reich. Im Armenhaus, Krankenhaus und Gefängnis, an jeder Zufluchtsstätte des Elends, wo der eitle Mensch mit seinem bißchen Macht die Tür nicht fest verschlossen und den Geist ausgesperrt hatte, hinterließ er seinen Segen und unterwies Scrooge in seiner Lehre.

Es war eine lange Nacht, wenn es überhaupt nur eine Nacht war; Scrooge hatte aber darüber seine Zweifel, weil die Weihnachtstage in den Zeitraum zusammengedrängt zu sein schienen, den sie gemeinsam verbrachten. Es war auch seltsam, daß der Geist, während Scrooge äußerlich unverändert blieb, allmählich sichtbar älter wurde. Scrooge hatte diesen Wandel bemerkt, sich aber nie dazu geäußert, bis sie ein Kinderfest zum Dreikönigsabend verließen und er den Geist betrachtete, als sie auf einem freien Platz nebeneinander standen, und feststellte, daß dessen Haar grau geworden war.

„Ist das Leben eines Geistes so kurz?“ fragte Scrooge.

„Mein Leben auf dieser Erde ist sehr kurz“, erwiderte der Geist. „Es geht heute nacht zu Ende.“

„Heute nacht?“ schrie Scrooge.

„Heute um Mitternacht. Horch! Die Zeit rückt näher.“

In diesem Augenblick schlugen die Glocken drei Viertel zwölf.

„Verzeih mir, wenn ich nicht das Recht habe, folgendes zu fragen“, sagte Scrooge und betrachtete unverwandt den Umhang des Geistes, „aber ich sehe etwas Seltsames, was nicht zu dir gehört und unter deinem Saum hervorlugt. Ist es ein Fuß oder eine Klaue?“

„Es könnte eine Klaue sein, nach dem Fleisch darauf zu urteilen“, war des Geistes bekümmerte Antwort. „Sieh her.“

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Aus den Falten seines Umhanges holte er zwei Kinder hervor; erbärmliche, niedergeschlagene, entsetzliche, häßliche, elende Wesen. Sie knieten zu seinen Füßen und klammerten sich außen an sein Gewand.

„O Mensch, sieh her! Sieh hier herab!“ rief der Geist.

Es waren ein Junge und ein Mädchen. Gelb, mager, zerlumpt, finster und wild, doch auch unterwürfig in ihrer Demut. Wo die Anmut der Jugend ihre Gestalten hätte formen und ihnen einen Anflug von Frische verleihen sollen, da hatte eine verarbeitete, runzlige Hand, wie die des Alters, sie gezwickt, gezerrt und in Stücke gerissen. Wo Engel hätten thronen können, lagen Teufel auf der Lauer und warfen drohende Blicke um sich. Keine Verwandlung, keine Entartung, keine noch so große Umkehrung der menschlichen Natur unter allen Geheimnissen der wunderbaren Schöpfung hat halb so furchtbare und schreckliche Ungeheuer hervorgebracht.

Scrooge fuhr entsetzt zurück. Nachdem sie ihm in dieser Weise gezeigt worden waren, versuchte er zu sagen, sie wären hübsche Kinder, aber die Worte würgten sich lieber selbst ab, als daß sie an einer derart groben Lüge Anteil hätten.

„Geist, sind das deine?“ Mehr konnte Scrooge nicht sagen.

„Es sind Kinder der Menschen“, sagte der Geist, auf sie herabblickend. „Sie klammern sich an mich und flehen ihre Väter um Hilfe an. Dieser Junge heißt ‚Unwissenheit‘. Dieses Mädchen heißt ‚Not‘. Hüte dich vor beiden und ihresgleichen, doch am meisten nimm dich vor dem Jungen in acht, denn auf seiner Stirn steht ‚Jüngstes Gericht‘, wenn die Schrift nicht gestrichen wird. Leugne es!“ rief der Geist und streckte die Hand zur Stadt hin aus. “Schmäh nur die, welche es dir sagen! Verwende es für deine Parteizwecke und mach es noch schlimmer. Und warte das Ende ab!“

„Haben sie keine Zuflucht und Hilfe?“ rief Scrooge.

„Gibt es keine Gefängnisse?“ sagte der Geist und wandte sich mit Scrooges eigenen Worten das letzte Mal an ihn. „Gibt es keine Arbeitshäuser?“

Die Uhr schlug zwölf.

Scrooge drehte sich nach dem Geist um – und erblickte ihn nicht mehr. Als der letzte Schlag verklungen war, erinnerte er sich an die Vorhersage des alten Jacob Marley, und als er die Augen auf schlug, sah er eine feierliche Gestalt, in Falten gehüllt und mit einer Kapuze auf, wie Nebel über den Boden auf sich zukommen.

Vierte Strophe

Der letzte der Geister

Die Erscheinung näherte sich langsam, würdevoll, schweigend. Als sie fast bei ihm war, fiel Scrooge auf die Knie, denn in der Luft, durch die sich dieser Geist bewegte, schien er ein geheimnisvolles Dunkel zu verbreiten.

Er war in ein tiefschwarzes Gewand gehüllt, das seinen Kopf, sein Gesicht und seine Umrisse verbarg und nichts sichtbar ließ außer einer ausgestreckten Hand. Ohne diese wäre es schwer gewesen, seinen Körper von der nächtlichen Dunkelheit abzuheben und ihn von der ihn umgebenden Finsternis zu trennen.

Er fühlte, als der Geist neben ihn trat, daß er groß und stattlich war und daß seine geheimnisvolle Gegenwart ihn mit einer feierlichen Ehrfurcht erfüllte. Mehr wußte er nicht, denn der Geist sprach weder, noch bewegte er sich.

„Stehe ich vor dem Geist der zukünftigen Weihnachten?“ fragte Scrooge.

Der Geist gab keine Antwort, wies aber mit der Hand nach vorn.

„Du willst mir die Schatten von Dingen zeigen, die nicht geschehen sind, sich aber in der vor uns liegenden Zeit zutragen werden“, fuhr Scrooge fort. „Ist das so, Geist?“

Der obere Teil des Gewandes wurde einen Augenblick lang in seinen Falten zusammengezogen, als ob der Geist das Haupt geneigt hätte. Das war die einzige Antwort, die er erhielt.

Obwohl er inzwischen schon an die Gesellschaft von Geistern gewöhnt war, fürchtete sich Scrooge vor der schweigenden Gestalt dermaßen, daß ihm die Beine schlotterten, und als er sich anschickte zu folgen, spürte er, daß er kaum stehen konnte. Der Geist wartete einen Moment, als er seinen Zustand bemerkte, und gab ihm Zeit, sich zu erholen.

Aber Scrooge ging es nur um so schlimmer. Ein unbestimmtes Grausen packte ihn bei dem Bewußtsein, daß hinter der dunklen Hülle ein gespenstisches Augenpaar gespannt auf ihn gerichtet war, während er, obwohl er sich aufs äußerste anstrengte, außer einer Geisterhand und einer großen schwarzen Masse nichts sehen konnte.

„Geist der Zukunft!“ rief er aus, „ich fürchte dich mehr als jedes Gespenst, das ich bisher gesehen habe. Da ich aber weiß, daß es deine Absicht ist, mir Gutes zu tun, und da ich hoffe, weiterzuleben, um ein anderer Mensch zu werden, als der ich war, bin ich bereit, dir mit dankbarem Herzen Gesellschaft zu leisten. Willst du mir nichts sagen?“

Er gab ihm keine Antwort. Die Hand zeigte geradeaus.

„Geh weiter!“ sagte Scrooge. „Geh weiter! Die Nacht geht schnell zu Ende, und ich weiß, daß die Zeit kostbar für mich ist. Geh weiter, Geist!“

Die Erscheinung bewegte sich weg, wie sie auf ihn zugekommen war. Scrooge folgte im Schatten ihres Gewandes, das ihn hochhob, wie er glaubte, und mit sich forttrug.

Sie schienen nicht die Stadt zu betreten, denn die Stadt schien sich vielmehr um sie herum zu erheben und sie zu umfassen. Aber sie befanden sich in deren Herzen, auf der Börse unter den Kaufleuten, die auf und ab eilten und mit dem Geld in der Tasche klimperten, sich in Gruppen unterhielten, auf die Uhr schauten und nachdenklich mit ihren großen goldenen Amtssiegeln spielten, wie Scrooge es oft gesehen hatte.

Der Geist blieb neben einem Grüppchen Geschäftsleuten stehen. Da Scrooge bemerkte, daß die Hand auf diese deutete, näherte er sich ihnen, um ihrem Gespräch zu lauschen.

„Nein“, sagte ein großer, dicker Mann mit einem ungeheuren Kinn, „ich weiß nicht viel darüber. Ich weiß nur, daß er tot ist.“

„Wann ist er gestorben?“ fragte ein anderer.

„Ich glaube, gestern abend.“

„Nanu, was war los mit ihm?“ fragte ein dritter und nahm eine mächtige Prise aus einer riesigen Schnupftabakdose. „Ich dachte, er würde nie sterben.“

„Weiß Gott“, sagte der erste gähnend.

„Was hat er mit seinem Geld angestellt?“ fragte ein Herr mit einem roten Gesicht und herabhängenden Auswuchs an der Nasenspitze, der wie der Kehllappen eines Truthahns hin und her pendelte.

„Davon habe ich nichts gehört“, sagte der Mann mit dem starken Kinn und gähnte wieder. Vielleicht hat er’s seiner Innung hinterlassen. Mir hat er’s jedenfalls nicht hinterlassen. Soviel weiß ich.“

Diese witzige Bemerkung wurde mit allgemeinem Gelächter aufgenommen.

„Es wird wahrscheinlich ein sehr billiges Begräbnis werden“, sagte derselbe Sprecher, „denn, so wahr ich lebe, ich kenne keinen, der mitgehen wollte. Wie wäre es, wenn wir uns zusammentäten und freiwillig gingen?“

„Ich habe nichts dagegen, sofern für ein Frühstück gesorgt ist“, bemerkte der Herr mit dem Auswuchs an der Nase. „Ich muß aber abgefüttert werden, wenn ich mitmache.“ Erneutes Gelächter.

„Na, da bin ich wohl der Uneigennützigste von Ihnen hier“, sagte der erste Sprecher, „denn ich trage nie schwarze Handschuhe und frühstücke nie. Aber ich erbiete mich zu gehen, falls noch jemand mitgeht. Wenn ich es mir so überlege, bin ich nicht ganz sicher, ob ich nicht sein besonderer Freund war, denn jedesmal wenn wir uns trafen, blieben wir stehen und sprachen miteinander. Wiedersehen!“

Sprecher und Zuhörer schlenderten weg und mischten sich unter andere Gruppen. Scrooge kannte die Männer und blickte den Geist, um eine Erklärung bittend, an.

Die Erscheinung schwebte auf die Straße hinaus. Ihr Finger zeigte auf zwei sich begegnende Personen. Scrooge lauschte wieder und glaubte, hier die Erklärung zu finden.

Auch diese Männer kannte er genau. Es waren Geschäftsleute, sehr reich und von großem Einfluß. Er hatte immer Wert darauf gelegt, hoch in ihrem Ansehen zu stehen, das heißt vom geschäftlichen Standpunkt aus, nur vom geschäftlichen Standpunkt aus.

„Wie geht es Ihnen?“ fragte der eine.

„Wie geht es Ihnen?“ fragte der andere.

„Na“, sagte der erste. „Endlich hat’s den alten Geizhals auch erwischt, was?“

„Ich habe es gehört“, erwiderte der zweite. „Kalt, was?“

„Es ist eben Weihnachten. Sie sind wohl kein Schlittschuhläufer?“

„Nein, nein. Habe an anderes zu denken. Guten Morgen!“ Kein Wort sonst. Das war ihre Begegnung, ihre Unterhaltung, ihr Abschied.

Scrooge war zunächst verwundert, daß der Geist so offenbar nebensächlichen Gesprächen Bedeutung beimessen sollte, da er aber als sicher annahm, daß ein verborgener Sinn in ihnen steckte, sann er darüber nach, was das wohl sein könnte. Es war kaum anzunehmen, daß sie in irgendeiner Beziehung zum Tode Jacobs, seines ehemaligen Partners, stünden, denn der lag in der Vergangenheit, und der Wirkungsbereich dieses Geistes war die Zukunft. Auch fiel ihm niemand ein, der eng mit ihm verknüpft war und auf den er sie beziehen könnte. Da aber kein Zweifel darüber bestand, daß die Gespräche, auf wen auch immer sie Bezug hatten, eine versteckte Lehre zu seiner Besserung enthielten, beschloß er, jedes Wort, das er hörte, und alles, was er sah, wie einen Schatz zu hüten und besonders seinen eigenen Schatten zu beobachten, wenn er erschiene. Denn er erwartete, daß das Verhalten seines künftigen Selbst ihm den fehlenden Schlüssel geben und die Lösung dieser Rätsel erleichtern würde.

Er sah sich an diesem Ort gleich nach seinem Ebenbild um, aber ein anderer Mann stand in seiner gewohnten Ecke, und obwohl die Uhr die Zeit anzeigte, zu der er gewöhnlich da war, entdeckte er unter der Menschenmenge, die durch das Portal hereinströmte, keinen, der ihm ähnlich sah. Er war ein wenig überrascht, denn er hatte sich schon einen Lebenswandel überlegt und glaubte und hoffte, seine neugeborenen Entschlüsse in die Tat umgesetzt zu sehen.

Still und düster, mit ausgestreckter Hand, stand die Erscheinung neben ihm. Als er sich von seinen Grübeleien aufraffte, bildete er sich ein, nach der Haltung der Hand und der Richtung auf ihn zu urteilen, daß ihn die unsichtbaren Augen scharf musterten. Er schauerte und fröstelte.

Sie verließen die geschäftige Szene und begaben sich in einen unbekannten Stadtteil, den Scrooge vorher nie betreten hatte, obgleich er dessen Lage und schlechten Ruf kannte. Die Wege waren schmutzig und eng, die Geschäfte und Häuser ärmlich, die Menschen halb nackt, betrunken, schlampig und häßlich. Die Gäßchen und Torwege, ähnlich den vielen Sickergruben, spien ihre widerlichen Gerüche, Schmutz und Menschen in die verzweigten Straßen aus, und das ganze Viertel roch nach Verbrechen, Unrat und Elend.

Weit drin in dieser Lasterhöhle gab es einen düsteren, vorspringenden Laden unter einem Schutzdach, wo Eisen, Lumpen, Flaschen, Knochen und schmierige Fleischabfälle angekauft wurden. Drinnen auf dem Fußboden lagen haufenweise rostige Schlüssel, Nägel, Ketten, Scharniere, Feilen, Waagen, Gewichte und Eisenabfälle aller Art. Geheimnisse, die nur wenige lüften möchten, wurden unter Bergen von häßlichen Lumpen, Mengen von verdorbenem Fett und in wahren Grabstätten von Knochen ausgebrütet und versteckt. Mitten unter den Waren, mit denen er handelte, saß an einem aus alten Ziegeln errichteten Holzkohlenofen ein grauhaariger, fast siebzigjähriger Schurke, der sich von der kalten, von draußen eindringenden Luft durch einen unordentlichen, aus Fetzen zusammengesetzten und über eine Leine geworfenen Vorhang abschirmte und, die stille Abgeschiedenheit genießend, seine Pfeife rauchte.

Scrooge und der Geist kamen gerade zu diesem Mann, als eine Frau mit einem schweren Bündel in den Laden schlich. Aber kaum hatte sie ihn betreten, als eine andere, ähnlich beladene Frau dazukam; ihr wiederum folgte ein Mann in einem verblichenen, schwarzen Anzug, der bei ihrem Anblick nicht weniger verdutzt war, als sie es beim gegenseitigen Erkennen gewesen waren. Nach einer Weile sprachlosen Erstaunens, das auch der alte Mann mit der Pfeife teilte, brachen sie alle drei in Lachen aus.

„Verlaß dich drauf, die Putzfrau war zuerst da!“ rief die Frau, die als erste gekommen war. „Und die Waschfrau war die zweite und der Gehilfe des Leichenbestatters der dritte. Sieh mal, alter Joe, das ist vielleicht ein Zufall! Treffen wir drei uns hier, ohne es zu ahnen.“

„Ihr hättet euch an keinem besseren Ort treffen können“, sagte der alte Joe und nahm die Pfeife aus dem Mund. „Kommt in die gute Stube. Du hast schon lange freien Zutritt, das weißt du, und die beiden andern sind auch keine Fremden. Wartet, ich will erst die Ladentür zumachen. Huch, wie die quietscht! Ich glaube, im ganzen Laden gibt es nicht so ’n rostiges Stück Metall wie die Türangel, und ich bin sicher, daß es hier keine so alten Knochen gibt wie meine. Haha! Wir passen alle zu unserem Geschäft, und wir passen gut zusammen. Kommt in die gute Stube! Herein in die gute Stube!“

Die gute Stube war der Raum hinter dem Fetzenvorhang. Der alte Mann scharrte die Glut mit einer alten Läuferstange zusammen, und als er seine rauchende Lampe (denn es war abends) mit dem Pfeifenstiel geputzt hatte, steckte er diesen wieder in den Mund.

Währenddessen warf die Frau, die schon gesprochen hatte, ihr Bündel auf den Fußboden und setzte sich prahlerisch auf einen Schemel, verschränkte die Ellbogen auf den Knien und sah die beiden anderen herausfordernd an.

„Was macht das schon? Was macht das, Mrs. Dilber?“ sagte die Frau. „Jeder Mensch hat das Recht, an sich zu denken. Er hat das immer getan.“

„Das stimmt wahrhaftig!“ sagte die Waschfrau. „Niemand mehr als er.“

„Na also, dann steh nicht da und glotze, als ob du Angst hättest. Wer weiß schon davon? Wir kratzen uns doch nicht gegenseitig die Augen aus, nehme ich an?“

„Nein, wahrhaftig nicht!“ sagten Mrs. Dilber und der Mann gleichzeitig. „Wir wollen’s nicht hoffen.“

„Also dann!“ rief die Frau. „Genug davon. Wer hat schon durch den Verlust von ein paar Sachen wie denen da Schaden erlitten? Ein Toter nicht, denke ich.“

„Nein, wahrhaftig nicht!“ sagte Mrs. Dilber lachend. „Wenn er sie nach dem Tode hätte behalten wollen, der garstige alte Geizkragen“, fuhr die Frau fort, „warum war er dann nicht zu Lebzeiten menschlicher? Wäre er das gewesen, hätte er jemanden gehabt, der bei ihm war, als ihn der Tod ereilte, und hätte nicht mutterseelenallein sein Leben aushauchen müssen.“

„Das ist das wahrste Wort, was je gesprochen wurde“, sagte Mrs. Dilber. „Das ist seine Strafe.“

„Ich wünschte, die Strafe wäre etwas härter“, antwortete die Frau, „und sie wäre härter ausgefallen, darauf könnt ihr euch verlassen, wenn ich noch mehr zu fassen bekommen hätte. Mach das Bündel auf, alter Joe, und sag mir, wieviel es wert ist. Sag es freiheraus. Ich habe keine Angst, die erste zu sein, und auch nicht, daß die es sehen. Wir wußten ganz genau, glaub ich, ehe wir uns hier trafen, daß sich jeder was genommen hatte. Das ist keine Sünde. Mach das Bündel auf, Joe.“

Aber die Höflichkeit ihrer Freunde wollte das nicht zulassen, und der Mann in dem verblichenen schwarzen Anzug sprang als erster in die Bresche und holte seine Beute hervor. Sie war nicht bedeutend. Ein oder zwei Siegel, ein Bleistiftkasten, ein Paar Manschettenknöpfe und eine Brosche von unerheblichem Wert waren alles. Sie wurden vom alten Joe einzeln geprüft und geschätzt. Er schrieb die Beträge, die er für jedes Stück geben wollte, mit Kreide an die Wand und addierte sie, als er feststellte, daß nichts mehr dazukam.

„Das ist deine Rechnung“, sagte Joe, „und ich würde dir keine sechs Pence mehr dafür geben, und wenn ich gargekocht werde, weil ich’s nicht tue. Wer ist der nächste?“

Mrs. Dilber war die nächste. Laken und Handtücher, etliche Kleidungsstücke, zwei altmodische silberne Teelöffel, eine Zuckerzange und einige Paar Stiefel. Ihre Rechnung wurde in derselben Weise an der Wand aufgestellt.

„Damen gebe ich immer zuviel. Das ist eine Schwäche von mir, und damit ruiniere ich mich selber“, sagte der alte Joe. „Das ist Ihre Rechnung. Wenn Sie mich um einen Penny mehr gebeten und geschwankt hätten, würde ich es bereuen, so großzügig zu sein, und eine halbe Krone abziehen.“

„Und jetzt pack mein Bündel aus, Joe“, sagte die erste Frau. Joe ließ sich auf die Knie nieder, um es beim öffnen bequemer zu haben, und als er eine Menge Knoten aufgelöst hatte, zog er eine große, schwere Rolle schwarzen Stoff heraus.

„Was ist denn das?“ fragte Joe. „Bettvorhänge?“

„Ha!“ erwiderte die Frau lachend und beugte sich auf ihren gekreuzten Armen nach vorn. „Bettvorhänge!“

„Du willst doch nicht sagen, daß du sie mit den Ringen und allem runtergenommen hast, während er noch dalag?“ fragte Joe.

„Doch“, gab die Frau zurück, „warum nicht?“

„Du bist dazu geboren, dein Glück zu machen“, sagte Joe, „und du wirst es gewiß schaffen.“

„Ich werd bestimmt nicht meine Hand stillhalten, wenn ich was ergattern kann und sie dazu nur auszustrecken brauch, und das wegen eines Mannes wie dem, das versprech ich dir, Joe“, erwiderte die Frau kaltblütig. „Laß das Öl nicht auf die Laken tropfen, Joe.“

„Seine Bettlaken?“ fragte Joe.

„Was glaubst du wohl, von wem sonst?“ erwiderte die Frau. „Er wird sich ohne sie schon nicht erkälten, glaub ich.“

„Hoffentlich ist er nicht an etwas Ansteckendem gestorben, oder?“ sagte der alte Joe, hielt in seiner Arbeit inne und blickte hoch.

„Und wennschon. So lieb war mir seine Gesellschaft auch wieder nicht, daß ich mich lange bei ihm aufgehalten hab. Ha, du kannst dir das Hemd ansehen, bis dir die Augen weh tun, aber du wirst weder ein Loch noch eine dünne Stelle darin finden. Es ist das beste, das er hatte, und wirklich schön. Sie hätten es verschwendet, wenn ich es nicht genommen hätte.“

„Was meinst du mit Verschwenden?“ fragte der alte Joe. „Selbstverständlich es ihm im Sarg anziehen“, antwortete die Frau lachend. „Jemand war so dumm, aber ich hab’s ihm wieder weggenommen. Wenn Kattun für diesen Zweck nicht gut genug ist, dann für überhaupt nichts. Er steht der Leiche genausogut. Er kann darin nicht häßlicher aussehen, als er in diesem aussah.“

Scrooge lauschte diesem Gespräch mit Entsetzen. Wie sie bei dem spärlichen Licht, das die Lampe des alten Mannes spendete, um ihre Beute geschart dasaßen, betrachtete er sie mit Verachtung und Abscheu, die kaum hätten größer sein können, wenn sie häßliche Dämonen gewesen wären, die um die Leiche selbst schacherten.

„Haha!“ lachte dieselbe Frau, als der alte Joe einen Flanellbeutel mit Geld herauszog und jedem die Münzen auf den Fußboden hinzählte. „Das ist das Ende vom Lied, seht ihr! Er hat jeden von sich gestoßen, als er noch lebte, um uns nach seinem Tod zu nutzen! Hahaha!“

„Geist!“ sagte Scrooge und erschauerte am ganzen Leibe. „Ich verstehe. Der Fall dieses unglücklichen Mannes könnte mein eigener sein. Mein jetziges Leben läuft in diese Richtung. Barmherziger Himmel, was ist das?“

Er prallte entsetzt zurück, denn der Schauplatz hatte sich verändert, und fast hätte er ein Bett berührt, ein kahles Bett ohne Vorhänge, auf dem unter einem zerfetzten Laken ein verdecktes Etwas lag, das sich, obwohl es stumm war, in einer furchtbaren Sprache äußerte.

Der Raum war sehr dunkel, zu dunkel, als daß man mit einiger Deutlichkeit hätte etwas wahrnehmen können, obwohl Scrooge, einem geheimen Drang folgend, um sich blickte, begierig zu wissen, um was für ein Zimmer es sich handelte. Ein schwaches Licht, das von draußen kam, fiel direkt auf das Bett, und darauf lag, bestohlen und ausgeraubt, unbewacht, unbeweint und unbeachtet, der Leichnam dieses Mannes.

Scrooge warf dem Geist einen Blick zu. Seine unbewegliche Hand wies auf den Kopf. Die Zudecke war so liederlich darüber gebreitet, daß das leichteste Anheben, ja die Bewegung eines Fingers von seiten Scrooges das Gesicht freigelegt hätte. Er dachte daran, es zu tun, und fühlte, wie einfach es wäre, und hatte das Verlangen danach, doch er besaß ebensowenig Kraft, den Schleier wegzuziehen, wie das Gespenst an seiner Seite fortzuschicken.

„O kalter, kalter, unerbittlicher, furchtbarer Tod. Errichte hier deinen Altar und umgib ihn mit allen Schrecken, die dir zu Gebote stehen, denn das ist dein Reich! Aber einem geliebten, verehrten und geschätzten Haupt kannst du zu deinen furchtbaren Zwecken kein Haar krümmen oder dessen Züge entstellen. Es kommt nicht darauf an, daß die Hand schwer ist und herabfällt, wenn man sie losläßt; nicht darauf, daß das Herz und der Puls stillstehen, sondern daß die Hand offen, freigebig und zuverlässig, das Herz tapfer, warm und zärtlich und der Puls der eines Menschen war. Schlag zu, Schatten, schlag zu! Und sieh, wie seine guten Taten aus der Wunde quellen, um unsterbliches Leben in die Welt zu säen!“

Niemand flüsterte Scrooge diese Worte in die Ohren, und dennoch hörte er sie, als er auf das Bett schaute. Er überlegte, welche Gedanken der Mann in erster Linie hätte, wenn er jetzt zum Leben erweckt würde: Habsucht, Härte, quälende Sorgen? Sie haben ihn wahrhaftig weit gebracht.

Er lag in dem düsteren, leeren Haus ohne einen Mann, eine Frau oder ein Kind, die gesagt hätten, daß er zu ihnen in dieser oder jener Hinsicht gut gewesen wäre und daß sie zur Erinnerung an ein freundliches Wort auch zu ihm gut sein wollten. Eine Katze kratzte an der Tür, und unter dem Herdstein hörte man das Nagen der Ratten. Was sie in dem Sterbezimmer wollten und warum sie so unruhig und aufgeregt waren, wagte Scrooge gar nicht auszudenken.

„Geist“, sagte er, „das ist ein furchtbarer Ort. Wenn ich ihn verlasse, werde ich die Lehre, die er mir erteilt, nicht vergessen, glaube mir. Laß uns gehen!“

Noch immer wies der Geist mit unbeweglichem Finger auf den Kopf.

„Ich verstehe dich“, gab Scrooge zurück, „und ich würde es auch tun, wenn ich könnte. Aber ich habe nicht die Kraft dazu, Geist. Ich habe nicht die Kraft.“

Wieder schien er ihn anzusehen.

„Wenn es irgendeinen Menschen in der Stadt gibt, der wegen dieses Mannes Tod ein Gefühl aufbringt“, sagte Scrooge gequält, „so zeige ihn mir, Geist. Ich flehe dich an!“

Die Erscheinung breitete für einen Augenblick ihren dunklen Umhang wie einen Flügel vor ihm aus und ließ, als sie ihn wegzog, ein Zimmer bei Tageslicht sichtbar werden, in dem eine Mutter mit ihren Kindern saß.

Sie erwartete irgendwen mit ängstlicher Spannung, denn sie lief im Zimmer auf und ab, fuhr bei jedem Geräusch zusammen, schaute aus dem Fenster, sah auf die Uhr und versuchte, allerdings vergeblich, eine Handarbeit zu machen, und konnte kaum den Lärm der spielenden Kinder ertragen.

Endlich war das lang erwartete Klopfen zu hören. Sie eilte an die Tür, ihrem Mann entgegen, dessen Gesicht abgehärmt und niedergeschlagen aussah, obwohl er noch jung war. Jetzt lag darin ein bemerkenswerter Ausdruck, eine Art ernster Freude, deren er sich schämte und die zu unterdrücken er sich bemühte.

Er setzte sich zum Essen hin, das am Feuer für ihn warm gehalten worden war, und als sie ihn zaghaft fragte (es geschah erst nach langem Schweigen), was für Neuigkeiten es gäbe, schien er in seiner Verwirrung nicht zu wissen, wie er antworten sollte.

„Steht es gut“, fragte sie, „oder schlecht?“, um ihm zu helfen.

„Schlecht“, antwortete er.

„Sind wir völlig ruiniert?“

„Nein. Es besteht noch Hoffnung, Caroline.“

„Wenn er sich erweichen läßt“, sagte sie erstaunt, „dann besteht welche! Nichts ist hoffnungslos, wenn solch ein Wunder geschehen ist.“

„Er läßt sich nicht mehr erweichen“, sagte ihr Mann. „Er ist tot.“

Sie war ein sanftes und geduldiges Geschöpf, sofern ihr Gesicht die Wahrheit sprach, aber als sie das hörte, war sie von Herzen dankbar und sagte es mit gefalteten Händen. Im nächsten Augenblick betete sie um Vergebung und bereute es, doch das erste war die Empfindung ihres Herzens gewesen.

„Was die halb betrunkene Frau, von der ich dir gestern abend erzählt habe, mir sagte, als ich versuchte, ihn zu sehen und eine Woche Aufschub zu erwirken, und was ich für eine glatte Ausrede hielt, um mich abzuweisen, stellt sich nun als volle Wahrheit heraus. Er war nicht nur sehr krank, sondern lag bereits im Sterben.“

„Auf wen werden unsere Schulden übertragen?“

„Ich weiß es nicht. Aber bis dahin werden wir das Geld zusammen haben, und selbst wenn wir es nicht hätten, wäre es wirklich großes Pech, wenn wir in seinem Nachfolger einen ebenso unbarmherzigen Gläubiger fänden. Heute nacht können wir leichten Herzens schlafen, Caroline!“

Ja. Sosehr sie es auch abschwächen mochten, ihre Herzen waren leichter. Die Gesichter der Kinder, die schweigend um die Eltern gedrängt waren, um zu hören, was sie kaum verstanden, hellten sich auf. Durch den Tod dieses Mannes war das Haus glücklicher geworden. Das einzige Gefühl, das ihm der Geist als durch dieses Ereignis verursacht zeigen konnte, war das der Freude.

„Laß mich etwas Mitgefühl sehen, das mit einem Tod verknüpft ist“, sagte Scrooge, „oder dieses düstere Zimmer, Geist, das wir eben verlassen haben, wird mir stets vor Augen stehen.“

Der Geist führte ihn durch etliche Straßen, die ihm vertraut waren, und während sie dahinliefen, blickte Scrooge hierhin und dorthin, um sich selbst zu entdecken, aber nirgends war er zu sehen. Sie betraten das Haus des armen Bob Cratchit, die Wohnung, die er schon einmal besucht hatte, und fanden die Mutter mit den Kindern um das Feuer geschart.

Still. Sehr still. Die geräuschvollen kleinen Cratchits waren so still wie Statuen in einer Ecke und sahen zu Peter auf, der ein Buch vor sich hatte. Die Mutter und ihre Töchter waren mit Nähen beschäftigt. Auch sie waren sehr still!

„Und er nahm ein Kind und stellte es mitten unter sie.“ Wo hatte Scrooge diese Worte gehört? Er hatte sie nicht geträumt. Der Junge mußte sie zu Ende gelesen haben, als er und der Geist die Schwelle betraten. Warum las er nicht weiter?

Die Mutter legte ihre Arbeit auf den Tisch und hob die Hand vors Gesicht.

„Die Farbe greift meine Augen an“, sagte sie.

Die Farbe? Ach, armer kleiner Tim!

„Jetzt geht es schon wieder besser“, sagte Cratchits Frau. „Das Kerzenlicht ist nicht gut für sie, und ich möchte auf keinen Fall eurem Vater schwache Augen zeigen, wenn er nach Hause kommt. Es muß bald soweit sein.“

„Beinahe später“, antwortete Peter und klappte sein Buch zu. „Aber ich glaube, Mutter, an den letzten Abenden ist er etwas langsamer als sonst gelaufen.“

Wieder waren sie sehr still. Endlich sagte sie mit fester, fröhlicher Stimme, die nur einmal schwankte:

„Ich weiß noch, wie er mit … ich weiß noch, wie er mit dem kleinen Tim auf den Schultern gelaufen ist, wirklich sehr schnell.“

„Ich auch!“ rief Peter. „Oft.“

„Ich auch!“ rief ein anderer. Alle wußten es.

„Aber er war sehr leicht zu tragen“, fuhr sie fort, mit ihrer Arbeit beschäftigt, „und sein Vater hat ihn so geliebt, daß es keine Mühe für ihn war, gar keine Mühe. – Da ist euer Vater an der Tür!“

Sie eilte ihm entgegen, und der kleine Bob mit seinem Wollschal – er brauchte ihn, der arme Kerl – kam herein. Sein Tee stand für ihn auf dem Kamineinsatz bereit, und alle bemühten sich, ihn am besten zu bedienen. Dann kletterten die beiden jungen Cratchits auf seine Knie und lehnten ihre kleinen Wangen an sein Gesicht, als wollten sie sagen: „Mach dir nichts draus, Vater. Gräme dich nicht so!“

Bob war fröhlich mit ihnen und sprach freundlich mit der ganzen Familie. Er betrachtete die Arbeit auf dem Tisch und lobte den Fleiß und die Geschwindigkeit von Mrs. Cratchit und den Mädchen. Sie würden lange vor Sonntag fertig sein, sagte er.

„Sonntag! Du warst also heute dort, Robert?“ fragte seine Frau.

„Ja, meine Liebe“, erwiderte Bob. „Ich wünschte, du hättest gehen können. Es hätte dir gutgetan zu sehen, wie grün die Stelle ist. Aber du wirst sie noch oft sehen. Ich habe ihm versprochen, sonntags dorthin zu gehen. Mein kleines, kleines Kind!“ weinte Bob. „Mein kleines Kind!“

Er brach auf einmal zusammen. Er konnte nicht anders, und wenn er es gekonnt hätte, wären er und sein Kind vielleicht einander ferner gewesen, als sie es jetzt waren.

Er verließ das Zimmer und ging die Treppe hinauf nach oben in den Raum, der freundlich erleuchtet und weihnachtlich geschmückt war. Dicht neben dem Kind stand ein Stuhl, und man merkte, daß erst vor kurzem jemand dagewesen war. Der arme Bob setzte sich, und als er ein wenig nachgedacht und sich gefaßt hatte, küßte er das kleine Gesicht. Er hatte sich abgefunden mit dem, was geschehen war, und ging wieder recht glücklich hinunter.

Sie setzten sich um das Feuer und unterhielten sich, wobei die Mutter und die Mädchen noch immer arbeiteten. Bob erzählte ihnen von der außerordentlichen Freundlichkeit des Neffen von Mr. Scrooge, den er erst einmal gesehen und der ihn, als er ihn heute auf der Straße traf und ihm ansah, daß er etwas – na eben etwas niedergeschlagen war, fragte, was denn Betrübliches geschehen sei. „Worauf ich“, sagte Bob, „denn er ist der liebenswürdigste Herr, den man sich denken kann, es ihm erzählte. ‚Das tut mir herzlich leid, Mr. Cratchit‘, sagte er, ‚und es tut mir auch herzlich leid für Ihre liebe Frau.‘ Übrigens, woher ihm das bekannt war, weiß ich nicht.“

„Was bekannt war, mein Lieber?“

„Nun, daß du eine liebe Frau bist“, erwiderte Bob.

„Das weiß doch jeder!“ sagte Peter.

„Sehr gut bemerkt, mein Junge!“ rief Bob. „Ich will es hoffen. ‚Es tut mir herzlich leid für Ihre liebe Frau. Wenn ich Ihnen in irgendeiner Weise behilflich sein kann‘, sagte er und gab mir seine Karte, ‚hier ist meine Adresse. Bitte kommen Sie zu mir.‘ Es ging weniger darum“, rief Bob, „daß er etwas für uns tun könnte, als um die freundliche Art, die einfach wunderbar war. Es schien wirklich so, als hätte er unseren kleinen Tim gekannt und fühlte mit uns.“

„Ich bin überzeugt, er ist eine gute Seele!“ sagte Mrs. Cratchit.

„Du wärst noch überzeugter, meine Liebe“, erwiderte Bob, „wenn du ihn sähest und sprächest. Ich wäre gar nicht überrascht – paß auf, was ich sage! –, wenn er Peter eine bessere Stellung besorgen würde.“

„Hör nur, Peter“, sagte Mrs. Cratchit.

„Und dann“, rief eins der Mädchen, „wird sich Peter ein Mädchen anschaffen und sich selbständig machen.“

„Unsinn!“ erwiderte Peter grinsend.

„Es wird wahrscheinlich nicht gleich in den nächsten Tagen sein. So bleibt noch viel Zeit bis dahin, mein liebes Kind? Doch wie und wann auch immer wir uns trennen, sicher wird keiner von uns den armen kleinen Tim vergessen – nicht wahr? – oder diese erste Trennung, die es zwischen uns gab.“

„Niemals, Vater!“ riefen alle.

„Und ich weiß auch“, sagte Bob, „ich weiß, meine Lieben, daß wir, wenn wir daran denken, wie geduldig und sanft er war, obwohl er ein ganz kleines Kind war, uns nicht so leicht zanken werden, denn wir würden den armen kleinen Tim vergessen, wenn wir es täten.“

„Nein, niemals, Vater!“ riefen wieder alle.

„Ich bin sehr glücklich“, sagte der kleine Bob, „ich bin sehr glücklich.“

Mrs. Cratchit küßte ihn, seine Töchter küßten ihn, die beiden jungen Cratchits küßten ihn, und Peter und er schüttelten sich die Hände. Seele des kleinen Tim, dein kindliches Wesen war ein Geschenk Gottes!

„Geist“, sagte Scrooge, „etwas teilt mir mit, daß unser Abschied bevorsteht. Ich weiß es, aber ich weiß nicht, wie. Sage mir, welcher Mann das war, den wir tot haben liegen sehen.“

Der Geist der zukünftigen Weihnachten brachte ihn, wie schon vorher – obgleich zu einer anderen Zeit, nahm Scrooge an, denn es schien überhaupt keine Ordnung in diesen letzten Visionen zu herrschen, nur daß sie in die Zukunft reichten –, in die Gegend der Geschäftsleute, zeigte aber nie ihn selbst. Auch hielt sich der Geist nirgends auf, sondern ging ununterbrochen weiter, wie zu dem jetzt gewünschten Ziel, bis Scrooge ihn anflehte, einen Augenblick zu verweilen.

„In diesem Hof“, sagte Scrooge, „den wir jetzt durcheilen, ist meine Arbeitsstätte und war es schon seit langer Zeit. Ich sehe das Haus. Laß mich erblicken, was künftig aus mir werden wird!“

Der Geist blieb stehen, die Hand zeigte woandershin.

„Das Haus da drüben“, rief Scrooge aus. „Warum zeigst du weg?“

Der unerbittliche Finger änderte nicht die Richtung.

Scrooge hastete an das Fenster seines Büros und schaute hinein. Es war noch ein Büro, aber nicht seins. Die Möbel waren nicht dieselben, und die Gestalt im Sessel war nicht er selbst. Die Erscheinung wies noch immer in dieselbe Richtung.

Er schloß sich ihr wieder an, sich fragend, warum er dort weggezogen war und wohin und begleitete sie, bis sie ein Eisentor erreichten. Er blieb stehen und schaute sich um, ehe er eintrat.

Ein Friedhof. Hier also lag der unglückliche Mann, dessen Namen er nun erfahren sollte, unter der Erde. Es war ein würdiger Platz. Von Häusern umgeben, von Gras und Unkraut überwuchert – was den Tod der Pflanzenwelt bedeutet, nicht ihr Leben –, verstopft von allzu vielen Gräbern, fett von übersättigter Gier. Ein würdiger Platz!

Der Geist stand zwischen den Gräbern und wies auf eines hin. Zitternd ging Scrooge darauf zu. Die Erscheinung sah genauso aus wie zuvor, aber er befürchtete, daß er aus ihrer feierlichen Haltung eine neue Bedeutung herausläse.

„Ehe ich näher an diesen Stein herantrete, auf den du zeigst“, sagte Scrooge, „beantworte mir eine Frage. Sind dies die Schatten von Dingen, die sein werden, oder nur von denen, die sein können?“

Noch immer wies der Geist auf das Grab, neben dem er stand.

„Die Wege der Menschen deuten ein bestimmtes Ende voraus, auf das sie hinführen, wenn man auf ihnen beharrt“, sagte Scrooge. „Aber wenn man von den Wegen abweicht, ändert sich auch das Ende. Sage, daß es auch bei dem so ist, was du mir zeigst!“

Der Geist stand regungslos wie immer.

Scrooge kroch zitternd darauf zu, und indem er dem Finger folgte, las er auf dem Stein des vernachlässigten Grabes seinen eigenen Namen, Ebenezer Scrooge.

„Bin ich der Mann, der auf dem Bett lag?“ rief er, sich auf die Knie werfend.

Der Finger zeigte vom Grab auf ihn und wieder zurück. „Nein, Geist! O nein!“

Der Finger war noch immer dort.

„Geist!“ rief er und klammerte sich fest an dessen Umhang. „Hör mich an! Ich bin nicht mehr der Mann, der ich einmal war. Ich will nicht der Mann sein, der ich ohne dieses Dazwischentreten sein mußte. Warum zeigst du mir das alles, wenn ich ohne jede Hoffnung bin?“

Zum ersten Mal schien die Hand zu schwanken.

„Guter Geist“, fuhr er fort und fiel ihm zu Füßen, „deine Natur verwendet sich für mich und hat Mitleid mit mir: Gib mir die Gewißheit, daß ich diese Schatten, die du mir gezeigt hast, noch durch einen anderen Lebenswandel ändern kann!“ Die gütige Hand zitterte.

„Ich will Weihnachten in Ehren halten und versuchen, es das ganze Jahr hindurch zu tun. Ich möchte in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft leben. Die Geister aller drei sollen in mir wetteifern. Ich will mich nicht vor den Lehren, die sie mir erteilen, verschließen. O sage mir, daß ich die Schrift auf diesem Stein ablöschen kann!“

In seiner Todesangst ergriff er die Geisterhand. Sie versuchte, sich zu befreien, er war aber stark in seiner Bitte und hielt sie fest. Der Geist zeigte sich jedoch noch stärker und stieß ihn zurück.

Während er die Hände zu einem letzten Gebet erhob, damit sich sein Schicksal wende, sah er eine Veränderung an der Kopfbedeckung und Bekleidung der Erscheinung vor sich gehen. Sie schrumpfte ein, fiel zusammen und verschwand in einem Bettpfosten.

Fünfte Strophe

Das Ende vom Lied

Ja! Es war sein eigener Bettpfosten. Das Bett war sein eigenes, das Zimmer war sein eigenes. Das beste und beglückendste war, daß die vor ihm liegende Zeit sein war, um Geschehenes gutzumachen.

„Ich will in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft leben!“ wiederholte Scrooge, als er aus dem Bett krabbelte. „Die Geister aller drei sollen in mir wetteifern. O Jacob Marley! Der Himmel und die Weihnachtszeit seien dafür gepriesen! Das sage ich auf meinen Knien, alter Jacob, auf meinen Knien!“

Er war so aufgeregt und glühte von seinen guten Vorsätzen, daß ihm seine gebrochene Stimme kaum noch gehorchte. Bei seinem Streit mit dem Geist hatte er heftig geschluchzt, und sein Gesicht war von Tränen naß.

„Sie sind nicht heruntergerissen“, rief Scrooge und nahm einen der Bettvorhänge in die Arme, „sie sind nicht heruntergerissen, mit den Ringen und allem Drum und Dran. Sie sind hier, ich bin hier, die Schatten der Dinge, die gewesen wären, können verbannt werden. Und sie werden es. Ich weiß, sie werden es!“

Die Hände waren die ganze Zeit mit seinen Kleidungsstücken beschäftigt; er drehte das Innere nach außen, zog sie verkehrt an, zerrte an ihnen, verlegte sie und trieb allerlei törichte Streiche mit ihnen.

„Ich weiß nicht, was ich tun soll!“ rief Scrooge, im selben Atemzug lachend und weinend, und machte mit den Strümpfen einen wahren Laokoon aus sich. „Ich bin leicht wie eine Feder, ich bin glücklich wie ein Engel, ich bin ausgelassen wie ein Schuljunge. Mir ist schwindelig wie einem Betrunkenen. Jedem frohe Weihnachten! Der ganzen Welt ein glückliches neues Jahr! Hallo! He! Hallo!“

Er war in das Wohnzimmer hinübergehüpft und stand nun da, völlig außer Atem.

„Da ist der Topf, in dem die Haferschleimsuppe drin war!“ rief Scrooge und begann wieder, um den Kamin zu laufen.

„Dort ist die Tür, zu der Jacob Marleys Geist hereinkam! Dort ist die Ecke, wo der Geist der diesjährigen Weihnacht saß! Dort ist das Fenster, von dem aus ich die wandernden Geister sah! Es ist alles richtig, es ist alles wahr, es hat sich alles so zugetragen. Hahaha!“

Wirklich, für einen Mann, der so viele Jahre lang keine Übung hatte, war das ein wunderbares Lachen, ein ganz ausgezeichnetes Lachen, der Vater einer langen, langen Reihe strahlender Lachen.

„Ich weiß nicht, welchen Tag des Monats wir haben!“ sagte Scrooge. „Ich weiß nicht, wie lange ich unter den Geistern geweilt habe. Ich weiß überhaupt nichts. Ich bin wie ein kleines Kind. Macht nichts. Ist mir egal. Ich möchte fast ein kleines Kind sein. Hallo, he, hallo!“

Seine heftige Erregung wurde durch die Kirchenglocken eingedämmt, die das fröhlichste Geläut erschallen ließen, das er je vernommen. Bim, bam, bum; ding, dang, dong. Dong, dang, ding; bum, bam, bim! O herrlich, herrlich!

Er rannte zum Fenster, öffnete es und steckte den Kopf hinaus. Kein Dunst, kein Nebel; klar, hell, heiter, aufregend und kalt. So kalt, daß einem das Blut zu tanzen begann. Goldenes Sonnenlicht, ein göttlicher Himmel, wohltuend frische Luft, lustige Glocken. O herrlich, herrlich!

„Was ist heute für ein Tag?“ rief Scrooge zu einem Jungen im Sonntagsstaat hinunter, der vielleicht herangeschlendert war, um sich ein wenig umzusehen.

„Wie?“ erwiderte der Junge, aufs höchste verwundert.

„Was heute für ein Tag ist, mein lieber Freund?“ fragte Scrooge.

„Heute?“ erwiderte der Junge. „Na, Weihnachten.“

„Weihnachten“, sagte Scrooge zu sich selbst. „Ich habe es nicht verpaßt. Die Geister haben alles in einer Nacht erledigt. Sie können alles, was sie wollen. Natürlich können sie das. Hallo, mein lieber Freund!“

„Hallo!“ erwiderte der Junge.

„Kennst du das Geflügelgeschäft in der übernächsten Straße an der Ecke?“ fragte Scrooge.

„Und ob ich das kenne“, antwortete der Bursche.

„Ein gescheiter Junge!“ sagte Scrooge. „Ein bemerkenswerter Junge! Weißt du, ob der preisgekrönte Truthahn schon verkauft ist, der dort hing? – Nicht der kleine preisgekrönte Truthahn, sondern der große?“

„Was, der so groß ist wie ich?“ fragte der Junge zurück.

„Was für ein entzückender Junge!“ sagte Scrooge. „Es ist ein Vergnügen, sich mit ihm zu unterhalten. Ja, mein Sohn, der.“

„Er hängt noch da“, erwiderte der Junge.

„Wirklich?“ fragte Scrooge, „dann geh und kauf ihn.“

„Unsinn!“ rief der Junge.

„Nein, nein“, sagte Scrooge. „Ich meine es ernst. Geh und kaufe ihn und laß ihn herbringen, damit ich die Anweisung geben kann, wohin er gebracht werden soll. Komm mit dem Mann zurück, und ich schenke dir einen Schilling. Kommst du mit ihm in weniger als fünf Minuten zurück, schenke ich dir eine halbe Krone.“

Der Junge schoß davon. Wer einen Schuß nur halb so schnell hätte abgeben wollen, der hätte eine sehr ruhige Hand am Abzug haben müssen.

„Ich werde ihn Bob Cratchits Familie schicken“, flüsterte Scrooge, rieb sich die Hände und wollte sich totlachen. „Er soll nicht wissen, wer ihn schickt. Er ist zweimal so groß wie der kleine Tim. Joe Miller hat nie so einen Witz gemacht, wie es meine Sendung an Bob sein wird!“

Seine Hand war nicht ruhig, als er die Adresse schrieb, aber irgendwie schrieb er sie doch und ging auf die Straße hinunter, um die Haustür zu öffnen und für den Geflügelhändler bereitzustehen. Als er dort auf dessen Erscheinen wartete, fiel sein Blick auf den Türklopfer.

„Ich werde ihn lieben, solange ich lebe!“ rief Scrooge und streichelte ihn. „Früher habe ich ihn kaum beachtet. Was für einen ehrlichen Gesichtsausdruck er hat! Es ist ein wunderbarer Türklopfer! – Da kommt ja der Truthahn. Hallo, he! Wie geht’s? Frohe Weihnachten!“

Das war vielleicht ein Truthahn! Er konnte nie auf seinen Beinen gestanden haben, dieser Vogel. Er hätte sie im Nu zerbrochen wie Siegellackstangen.

„Aber es ist unmöglich, ihn bis Camden Town zu tragen“, sagte Scrooge. „Sie brauchen eine Droschke.“

Das Kichern, mit dem er das sagte, und das Kichern, mit dem er den Truthahn bezahlte, und das Kichern, mit dem er die Droschke bezahlte, und das Kichern, mit dem er den Jungen belohnte, wurde nur noch von dem Kichern übertroffen, mit dem er sich atemlos auf seinen Sessel niederließ und kicherte, bis ihm die Tränen kamen.

Das Rasieren war keine leichte Aufgabe, denn seine Hand zitterte noch immer, und Rasieren erfordert Aufmerksamkeit, selbst wenn man nicht dabei tanzt. Doch auch wenn er sich die Nasenspitze abgeschnitten hätte, hätte er ein Stück Heftpflaster darüber geklebt und wäre ganz zufrieden gewesen.

Er zog seinen allerbesten Anzug an und ging auf die Straße. Um diese Zeit wimmelte es nur so von Menschen, wie er es mit dem Geist der diesjährigen Weihnacht gesehen hatte, und Scrooge, die Hände auf dem Rücken, betrachtete jeden mit freudigem Lächeln. Er sah so unwiderstehlich vergnügt aus, daß drei oder vier gutgelaunte Burschen sagten: „Guten Morgen, Sir! Ein frohes Weihnachtsfest!“ Und Scrooge sagte später noch oft, daß von allen fröhlichen Klängen, die er gehört, jene die fröhlichsten in seinen Ohren gewesen wären.

Er war noch nicht weit gegangen, als er den stattlichen Herrn auf sich zukommen sah, der am Vortage sein Büro besucht und gesagt hatte: „Scrooge & Marley, nicht wahr?“ Es gab ihm einen Stich ins Herz, wenn er daran dachte, wie ihn dieser alte Herr bei ihrer Begegnung ansehen würde. Er wußte aber, welcher Weg vor ihm lag, und er beschritt ihn.

„Mein lieber Herr“, sagte Scrooge, indem er seinen Gang beschleunigte und den alten Herrn bei beiden Händen nahm. „Wie geht es Ihnen? Hoffentlich hatten Sie gestern noch Erfolg. Es war sehr nett von Ihnen. Ich wünsche Ihnen frohe Weihnachten, Sir!“

„Mr. Scrooge?“

„Ja“, sagte Scrooge. „So ist mein Name, und ich fürchte, er ist Ihnen nicht angenehm. Darf ich Sie um Verzeihung bitten? Und wenn Sie die Güte hätten …“, hier flüsterte Scrooge ihm etwas ins Ohr.

„Großer Gott!“ rief der Herr, als bliebe ihm die Luft weg. „Mein lieber Mr. Scrooge, meinen Sie das im Ernst?“

„Wenn es recht ist“, sagte Scrooge. „Nicht einen Heller weniger. Es sind sehr viele Rückzahlungen dabei, das versichere ich Ihnen. Wollen Sie mir diesen Gefallen tun?“

„Mein lieber Herr“, sagte der andere und schüttelte ihm die Hand. „Ich weiß nicht, was ich zu soviel Großzügigkeit sagen soll …“

„Sagen Sie bitte überhaupt nichts“, warf Scrooge ein. „Kommen Sie mich mal besuchen. Wollen Sie mich besuchen?“

„Das will ich!“ rief der alte Herr, und es war offensichtlich, daß er es wirklich wollte.

„Danke sehr!“ sagte Scrooge. „Ich bin Ihnen sehr verbunden. Ich danke Ihnen tausendmal. Gott befohlen!“

Er ging zur Kirche, lief durch die Straßen, beobachtete die hin und her eilenden Menschen, strich Kindern zärtlich über den Kopf, erkundigte sich bei Bettlern, blickte in die Küchen der Häuser hinab und zu den Fenstern hinauf und stellte fest, daß ihm alles Freude machte. Er hätte sich nie träumen lassen, daß ihm ein Spaziergang – überhaupt irgend etwas – soviel Glück bescheren könnte. Am Nachmittag lenkte er seine Schritte zum Haus seines Neffen.

Ein dutzendmal ging er an der Tür vorüber, ehe er den Mut aufbrachte, hinaufzusteigen und zu klopfen. Aber er nahm Anlauf und tat es.

„Ist der Herr zu Hause, liebes Kind?“ fragte Scrooge das Mädchen. Ein nettes Mädchen, sehr nett!

„Ja, Sir.“

„Wo ist er denn, mein Liebes?“ fragte Scrooge.

„Er ist mit der gnädigen Frau im Eßzimmer, Sir. Wenn es Ihnen recht ist, werde ich Sie nach oben führen.“

„Danke sehr. Er kennt mich“, sagte Scrooge und hatte die Hand bereits auf der Klinke der Eßzimmertür. „Ich gehe hier hinein, liebes Kind.“

Er drückte die Klinke vorsichtig hinunter und schob sein Gesicht um die Tür. Sie betrachteten beide die Tafel, die festlich gedeckt war, denn diese jungen Ehepaare sind in der Hinsicht immer nervös und möchten darauf achten, daß alles in Ordnung ist.

„Fred!“ sagte Scrooge.

Du lieber Himmel, wie seine angeheiratete Nichte zusammenfuhr! Scrooge hatte in diesem Moment vergessen, daß sie auf einer Fußbank in der Ecke gesessen hatte, sonst hätte er es auf keinen Fall getan.

„Du meine Güte!“ rief Fred. „Wer ist denn das?“

„Ich bin’s. Dein Onkel Scrooge. Ich bin zum Essen gekommen. Läßt du mich herein, Fred?“

Ihn hereinlassen? Es war eine Gnade, daß er ihm nicht den Arm ausriß. In fünf Minuten fühlte er sich wie zu Hause. Keiner konnte herzlicher sein. Dasselbe galt für seine Nichte. Und für Topper, als er kam. Und für die dralle Schwester, als sie kam. Das galt für alle, die kamen. Eine wundervolle Gesellschaft, wundervolle Spiele, wundervolle Einmütigkeit, eine wundervolle Glückseligkeit!

Aber am nächsten Morgen war er zeitig im Büro. Oh, er war zeitig da. Wenn er nur als erster dort sein und Bob beim Zuspätkommen erwischen könnte. Das hatte er sich fest vorgenommen.

Und es gelang ihm wirklich. Die Uhr schlug neun. Kein Bob. Viertel zehn. Kein Bob. Er kam volle achtzehneinhalb Minuten zu spät. Scrooge saß bei weit geöffneter Tür, damit er ihn den Kasten betreten sehen konnte.

Bob hatte den Hut abgenommen, bevor er die Tür öffnete, und den Wollschal ebenfalls. Im Nu saß er auf seinem Stuhl und schrieb mit seiner Feder drauflos, als wollte er neun Uhr überholen.

„Hallo!“ knurrte Scrooge mit seiner üblichen Stimme, so gut er sich verstellen konnte. „Was denken Sie sich eigentlich, erst um diese Zeit herzukommen?“

„Es tut mir sehr leid, Sir“, sagte Bob. „Ich habe mich verspätet.“

„Wirklich?“ wiederholte Scrooge. „Ja, ich glaube auch. Kommen Sie einmal hierher, Sir, wenn ich bitten darf.“

„Es ist nur einmal im Jahr“, warf Bob ein und kam aus seinem Kasten heraus. „Es soll nicht wieder vorkommen. Ich war gestern ziemlich lustig, Sir.“

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„Nun will ich Ihnen etwas sagen, mein Freund“, sagte Scrooge. „Ich bin nicht gewillt, mir das noch länger mit anzusehen. Und deshalb“, fuhr er fort, wobei er vom Stuhl sprang und Bob so einen Stoß vor die Brust versetzte, daß dieser in seinen Kasten zurücktaumelte, „und deshalb möchte ich Ihr Gehalt erhöhen!“

Bob zitterte und näherte sich dem Lineal. Vorübergehend ging ihm durch den Sinn, ob er Scrooge damit niederschlagen, ihn festhalten und die Leute auf dem Hof um Hilfe und eine Zwangsjacke bitten sollte.

„Frohe Weihnachten, Bob!“ sagte Scrooge mit einer Ernsthaftigkeit, die nicht mißverstanden werden konnte, als er ihm auf den Rücken klopfte. „Ein fröhlicheres Weihnachtsfest, lieber Bob, als ich Ihnen so manches Jahr bereitet habe! Ich werde Ihr Gehalt erhöhen und mich bemühen, Ihrer hart ringenden Familie zu helfen, und wir wollen Ihre Angelegenheit heute nachmittag bei einer Weihnachtsbowle aus dampfendem Bischof besprechen, Bob! Heizen Sie tüchtig ein, und kaufen Sie noch einen Kohlenkasten, bevor Sie auch nur ein Tüpfelchen auf ein i setzen, Bob Cratchit!“

Scrooge zeigte sich noch besser, als seine Worte waren. Er tat alles und noch unendlich mehr, und dem kleinen Tim, der nicht starb, war er ein zweiter Vater. Er wurde ein so guter Freund, ein so guter Vorgesetzter und ein so guter Mensch, wie ihn nur die gute alte Stadt oder eine andere gute alte Stadt auf der guten alten Erde gekannt hat. Einige lachten, als sie die Veränderung an ihm bemerkten, aber er ließ sie lachen und beachtete sie kaum, denn er war klug genug, zu wissen, daß nichts Gutes auf dieser Welt geschah, was nicht zunächst von einigen Leuten belacht wurde. Und da er wußte, daß diese Menschen eben blind waren, hielt er es für ebensogut, daß sich Lachfältchen an den Augen bildeten, als wenn ihre Krankheit weniger anziehende Formen annähme. Sein eignes Herz lachte, und das genügte ihm voll und ganz.

Mit Geistern hatte er keinen weiteren Umgang mehr, lebte aber auch später nach dem Prinzip völliger Enthaltsamkeit. Es wurde ihm stets nachgesagt, daß er Weihnachten zu feiern verstünde, wenn überhaupt ein Lebender dies könnte. Möge dies auch von uns ehrlich gesagt werden, von uns allen! Und so – wie der kleine Tim bemerkte – segne Gott einen jeden von uns!