19
Heute
Mehrere der menschlichen Gäste haben sich um uns versammelt und fragen sich, was vorgeht. Ihr Verhalten ist nicht sehr klug, vor allem wenn Vampire miteinander kämpfen. Menschen sind jedoch neugierig bis zur Dummheit, und sie verschwenden keinen Gedanken an ihre Sicherheit, falls der Kampf ausarten sollte.
Ich stehe aus dem Nebel auf; ich lache zwar nicht mehr, aber das Lachen ist immer noch in unser beider Gedanken.
»Du bist wie ein kleines Kind, Aubrey«, sage ich. »Der Rabauke, den es wahrscheinlich in jeder Nachbarschaft gibt. Du kannst Menschen und Kinder terrorisieren, aber was würde passieren, wenn einmal jemand mit dir kämpfen würde, der etwas davon versteht?«
»Verschwinde, Risika. Ich will nicht wieder gegen dich kämpfen. Das hatten wir doch schon.« Seine Stimme ist kalt und soll mir Angst einjagen, aber ich beachte die Drohung nicht.
»Das hatten wir schon, ja? Wo ist denn heute dein tolles Messer, Aubrey? Du hast es mir angeboten, damit ich dich damit töten sollte, wenn ich es könnte. Ich finde, ich verdiene eine zweite Chance.«
»Warum hast du das Gefühl, mich noch einmal herausfordern zu müssen, Risika? Du trägst immer noch die Narbe, die ich dir beim letzten Mal zugefügt habe. Bist du so wild auf eine neue?«
»Ich trage diese Narbe als Zeichen dafür, daß ich sie eines Tages zurückzahlen werde. ›Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andren zu‹, Aubrey. Ich werde diese Narbe rächen ebenso wie jede andere, die du meinem Herzen zugefügt hast.«
»Wirklich? Wie denn, Risika?« Er lehnt sich lässig über den Tisch. »Ich bin viel älter als du...«
»Ist das denn von Bedeutung, Aubrey?« entgegne ich und fange an, um ihn herumzugehen. Er dreht sich erst nach mir um, als ich direkt hinter ihm stehe, aber er dreht sich um. Es gefällt ihm nicht, wenn er mich nicht sehen kann.
»Vielleicht nicht, aber ich bin gemeiner, Risika, und tödlicher. Eine Viper, die sich im Gras versteckt. «
Eine Viper – wie passend. Ob er wohl weiß, wie oft ich ihn mit genau dieser Kreatur verglichen habe?
»Eine Gartenschlange, die sich im Gras versteckt. Ich bin nicht mehr schwach. Aber ich glaube, du bist es.« Ich lehne mich nach vorn und lege die Hände auf den Tisch zwischen uns.
Ich lüge natürlich. Ich weiß, daß er stärker ist als ich, aber ich werde es ihm gegenüber nicht zugeben.
»Das wird sich noch zeigen, meinst du nicht?« Er dreht sich von mir weg, als interessierte es ihn nicht, wo ich bin.
Noch ein tödliches Spiel. Wir umkreisen uns. ›Ich habe keine Angst, wenn du hinter mir stehst – ich fürchte dich nicht so sehr‹, sagen wir uns gegenseitig. Doch wir passen auf, weil wir beide Vipern sind, die bereit sind zu töten und nur auf ihre Chance warten.
»Sollen wir es herausfinden?« schlage ich kühl vor. Ich gebe mir keine Mühe, meine Aura zu verbergen, und ich kann fühlen, wie sie sich ausbreitet und knisternd gegen seine schlägt. Ich suche in seiner Aura nach Anzeichen von Schwäche, genauso wie er in meiner.
»Warum willst du unbedingt verlieren, Risika?«
Da begreife ich, daß er tatsächlich Angst vor mir hat. Er spielt auf Zeit – versucht, mich dazu zu bringen, daß ich die Nerven verliere. Warum? Weil er doch Angst hat, daß er verlieren könnte? Einfach unmöglich, daß Aubrey tatsächlich glaubt, ich könnte gewinnen.
Ich gehe um den Tisch herum, bis ich nahe genug bin, daß er sich mißtrauisch herumdreht.
»Warum weichst du mir aus, Aubrey?« Meine mentale Kraft stößt nach vorne und schlägt ihn wie ein Peitschenhieb. Er schwankt ein wenig – ich bin stark, und ich bin rücksichtslos, und ich kann ihn wirklich nicht ausstehen.
Er schlägt mit voller Kraft zurück. Ich spüre ein Brennen in meinen Adern. Für einen Moment habe ich Nebelschleier vor den Augen, der Moment, in dem Aubrey sein Messer zieht.
»Du brauchst immer dein Messer, nicht wahr, Aubrey? Denn ohne würdest du verlieren.« Ich umkreise ihn, und er dreht sich, um mich im Auge zu behalten. Genau wie das Spiel der Beleidigungen kann ich auch dieses gewinnen: Folge mir, beobachte mich, aber lasse mich nicht hinter dich kommen, denn du weißt, daß ich dich hasse und dich töten werde, wenn ich auch nur die kleinste Chance dazu bekomme. Ich habe nur bei dem richtigen Kampf Angst, daß ich verlieren könnte.
»Komm schon, Aubrey – wie in alten Zeiten. Du wirfst das Messer auf den Boden und forderst mich dann heraus, es zu nehmen, oder hast du jetzt zuviel Angst davor?«
Ich peitsche meine Kraft um sein Handgelenk. Seine Muskeln verkrampfen, aber er hält das Messer fest. »›Obwohl ich durch das Tal des Todes wandere, fürchte ich nichts Böses.‹ Ich habe nichts zu befürchten, Aubrey – was ist mit dir?«
Seine Kraft bricht mit all seiner Wut hervor, und ich höre Holz splittern. Einer der Tische ist in der Mitte gespalten, ein Mensch konnte gerade noch rechtzeitig zur Seite springen.
»Beeindruckend«, sage ich verächtlich und schlage mit meiner vollen Kraft zu.
Die verspiegelten Wände zersplittern wie Spinnweben, kein Zentimeter bleibt heil. Haarfeine Risse laufen über jede der Flächen, aber nicht ein einziges Stück fällt heraus. Aubrey tritt einen Schritt zurück.
»Feigling«, sage ich. »Du weichst mir aus?« Ich mache einen Schritt nach vorne, mir immer des Messers in seiner Hand bewußt, und er geht wieder rückwärts, wobei er beinahe gegen einen der Menschen stößt, der rasch ausweicht.
Aubrey wirft einen Blick über die Schulter und bemerkt zum ersten Mal die Menge hinter sich. Sie besteht vor allem aus Menschen, aber es sind auch ein paar von uns dabei. Ich sehe Jager, der sich gegen die Wand lehnt, und Fala, Jagers Schützling, die im Schneidersitz auf dem Tisch sitzt.
»Machst du nur große Worte, Aubrey? Hast du zu viel Angst, um zu kämpfen?« Ich husche nach links, als er hinter mich zu treten versucht, so daß am Ende ich hinter ihm stehe. Wieder muß er sich umdrehen, um mich im Auge zu behalten.
»Wovor sollte ich Angst haben?« fragt er in spöttischem Tonfall. »Es würde mich nicht verletzen, dich zu zerstören.«
»Das glaube ich zwar sofort, aber wir werden nie eine Chance bekommen, diese Theorie wirklich zu testen.«
»Sie noch einmal zu testen, meinst du«, sagt er. »Wir haben sie bereits getestet.« Ich ignoriere seine Worte und werfe ihm meine Kraft entgegen, die sich in ihm festkrallt. Die Menschen sehen nichts, und die Vampire sehen nur eine schimmernde Fläche zwischen uns, aber Aubrey fühlt es, und ich fühle es auch.
Er stolpert wieder, während er seine Schutzschilde hochfährt und meine Kraft auf mich zurückschleudert. Ich halte mit meinem Geist dagegen, obwohl ich auf einen Tisch stürze und hören kann, wie die Kräfte beim Aufeinanderprallen knistern.
Menschen können nur mit ihrem Körper kämpfen. Bei uns kämpfen die Gegner mit ihrem Körper, aber auch mit ihrem Geist. Ich kann deutlich spüren, wie Aubreys Kraft gegen meine Schutzschilde schlägt, weil er versucht, in meinen Geist einzudringen und sich dort festzubeißen. Ich stoße ihn wieder heraus und versuche, in seinen zu gelangen, während ich ihn die ganze Zeit umkreise, ihm näher komme, dem Messer ausweiche, zurückweiche.
Ich habe wieder kurz Nebelschleier vor den Augen, und meine Adern brennen, als Aubrey erneut zuschlägt. Ich stolpere, und er sticht mit seinem Messer nach mir. Ich weiche ihm knapp aus, falle und kann mich gerade noch auffangen, bevor ich den Boden erreiche. Aubrey ist in Sekundenbruchteilen dort, aber ich nicht.
Seine Kraft, die sich an meine Aura geheftet hat, verhindert, daß ich mich über meinen Geist bewegen kann. Aber ich stoße ihn lange genug zurück, um mich in einen Falken zu verwandeln und wegzufliegen. Es ist fast unmöglich, die Form des Falken beizubehalten und gleichzeitig Aubrey zu bekämpfen, daher kehre ich gleich wieder in meine menschliche Gestalt zurück. Aubreys Geist ist stärker als meiner, aber ich erkenne zum ersten Mal, daß der Unterschied nicht besonders groß ist. Wenn er wirklich so stark wäre, wie ich immer geglaubt hatte, hätte er nicht zugelassen, daß ich mich überhaupt verwandle.
Ich kam zwar in der Erwartung einer Niederlage hierher, aber ich wollte auf keinen Fall vor ihm flüchten. Jetzt begreife ich zum ersten Mal, daß ich tatsächlich gewinnen könnte.
Aubreys Kraft schwankt einen Moment, als meine Angst abnimmt, und ich schlage mit aller Macht zu. Aubrey fällt ein paar Schritte zurück, ich folge ihm und schlage noch einmal zu. Er verschwindet für einen Augenblick, dann ist er plötzlich wieder da und hält das Messer an meine Kehle.
Ich weiß, daß ich die Schutzwälle, die meinen Geist vor ihm schützen, nicht aufrechterhalten kann, wenn ich den Rest meiner Kraft dazu benutze, um mich zu bewegen.