Der Sommer kam, kein Zweifel, und Abschaffel bemerkte die Wärme. Klein gebliebene Stadtwespen summten an den Hauswänden auf und ab, und auf den Gehwegen trocknete der Kot von Hunden und bröckelte auseinander, wenn er ganz hart geworden war. Es war Juni. Abschaffel fühlte sich wegen des Sommers beunruhigt. In den Straßen bepackten Familienväter ihre Autos mit einer endlosen Anzahl von Campingartikeln. Er beobachtete sie heimlich, und wenn er sie lange genug beobachtet hatte, wußte er nicht mehr genau, ob er nicht auf dem Boden seiner tiefen Verachtung, die er für Campingleute hegte, zu niemandem sonst gehören wollte als zu ebendiesen Leuten. Sie fuhren im Sommer einfach in Urlaub, kamen zurück und arbeiteten weiter. Sie erzählten eine Weile vom Urlaub, und wenn die Bilder schwach wurden, erörterten sie ihren nächsten Urlaub, und immer so weiter. Abschaffel war seit Jahren nicht mehr in Urlaub gewesen. Er fühlte sich zu stolz dazu, mit irgendwelchen Personen an irgendwelchen Stränden zu liegen, aber er wurde seiner Distanz nicht froh. Am stärksten beunruhigte ihn, daß er, was das Urlaubsproblem betraf, immer mehr seinem Vater ähnelte, der in den letzten zwanzig Jahren auch nicht mehr in Ferien gewesen war. Aus Ängstlichkeit und Verstocktheit hatte es der Vater nicht mehr gewagt, in einen fremden Ort zu gehen, und Abschaffel hatte den Vater deswegen verspottet. Er hatte nur nicht rechtzeitig bemerkt, daß er, während er vor Jahren den Vater verhöhnt hatte, selbst schon begonnen hatte, nicht mehr in Urlaub zu fahren. Außerdem kränkte ihn, daß er gar nicht sicher war, ob es denn wirklich sein Stolz und seine Scham waren, die ihn am Urlaubmachen hinderten. Aber was war es sonst? Er glaubte, daß zwischen ihm und den anderen ein grundsätzlicher Unterschied war. Die anderen machten einfach alles, was ein Mensch machen konnte; sie heirateten, machten Kinder, fuhren in Urlaub, feierten Weihnachten und besuchten mit ihrer neuen Familie ihre alte Familie, ihre Eltern. Und wie schäbig, künstlich und erbarmungswürdig auch alles sein mochte, es gefiel ihnen. Es gefiel ihnen sogar so sehr, daß es zum Programm ihres Lebens wurde. In diesem Jahr wurde für ihn wahrscheinlich alles noch komplizierter, weil er Margot kannte, nun schon seit mehr als einem halben Jahr. Sie hatten noch nicht über das Thema Urlaub gesprochen, aber er war sicher, daß sie ihn bald darauf ansprach. Oder sie wartete schon seit Wochen darauf, daß er davon anfing. Irgend etwas hinderte ihn daran, sich vorzustellen, wie er mit Margot im Meer badete, sie im Bikini, er in der Badehose, und wie sie zu ihrer Decke zurückkehrten und sich abtrockneten und zu anderen Urlaubern sagten: Heute ist das Wasser warm. Und wie die anderen Urlauber antworteten. Gestern war es nicht so warm.

Darüber geriet er schon wieder in Panik. Es war kurz vor achtzehn Uhr geworden, und er wollte noch etwas einkaufen. Die Urlaubspanik hatte ihn leer und ratlos gemacht. Am liebsten hätte er sich drei Monate vom Leben zurückgezogen und sich im September zurückgemeldet. Aber wer einmal lebte, mußte es ununterbrochen tun. Er war froh, daß heute wenigstens Donnerstag war. Das bedeutete, daß sowohl Margot als auch er am folgenden Tag arbeiten mußten, und das bedeutete, daß Margot nicht bei ihm übernachtete. Sie hatte die Angewohnheit, einen Arbeitstag von ihrer Wohnung aus zu beginnen. Nur wenn sie am nächsten Tag frei hatte, wollte sie bei ihm übernachten und am folgenden Morgen mit ihm ausführlich frühstücken. Er schätzte es nicht, wenn sie gleich ein ganzes Wochenende lang bei ihm blieb. Wenn er Samstag und Sonntag mit ihr zusammen gewesen war, hatte er sich bis jetzt noch jedesmal überfordert gefühlt. Margot redete zuviel, und dann wußte er sich nicht mehr zu helfen. Er war sogar schon mit ihr spazierengegangen, um ihr Reden besser ertragen zu können. Im Freien war er nicht gezwungen, ihr ins Gesicht zu sehen; er ordnete ihr Sprechen dann ein als ein Element des allgemeinen Geräuschs, das immer um alle Menschen herum war. Wenn sie bei ihm zu Hause war, war er zu oft damit beschäftigt, den Eindruck zu erwecken, er höre ihr zu, während er es in Wirklichkeit nur aushielt, wenn sie am Reden war. Margot wählte nicht aus, was sie sagen wollte, sondern sie schien alles gleich von sich wegzureden, was ihr in den Kopf kam. Häufig hörte sie auch mitten in einer Erzählung auf, etwas zu Ende zu erzählen, weil sie doch noch erkannt hatte, daß eine Mitteilung den Aufwand des Sprechens nicht lohnte. Aber es schien ihr nichts auszumachen, daß eine nur halb erzählte Mitteilung wie eine Art Müll zwischen ihr und ihm übrigblieb. Einmal morgens, als sie sich in seinem Badezimmer die Zähne putzte, sah sie zwei Zahnpastatuben zugleich auf dem Badebord liegen, eine nahezu leer gedrückte und eine vollkommen neue, eben erst gekaufte Tube. Der Anblick der beiden Tuben veranlaßte sie, aus dem Bad herauszurufen: Bist du ein Zahnpastatubenfetischist? Er antwortete nicht. Er war kein Zahnpastatubenfetischist. Er hatte sich eine neue Tube Zahnpasta gekauft und die alte nicht sofort weggeworfen, weil sie für einmal Zähneputzen vielleicht noch ausreichte, das war alles. Er schwieg einfach und wartete, bis es vorüber war. Dauerte es lang, wenn sie am Reden war, dann hatte er sich schon manchmal gewünscht, Margot nicht mehr zu sehen und nicht mehr zu hören. Er wußte von den Dingen der Welt nicht mehr als Margot, im Gegenteil, vielleicht sogar noch weniger als sie. Aber er plauderte seinen Notstand nicht aus. Ängstlich behielt er für sich, daß er kaum etwas wußte und sich nicht auskannte in der Welt. Und er erwartete im stillen, daß Margot sich auch so verhielt, und jedesmal war er von neuem enttäuscht, wenn alles anders kam. Er verließ sie nicht, er machte ihr noch nicht einmal Vorwürfe. Er schlief gerne mit ihr. Immer wieder freute er sich darauf, wenn sie sich, nach einer oder zwei Stunden dürrer Unterhaltung, ins Bett legten. Fast jedesmal saugte sie lange an seinem Geschlecht. Das war nicht sehr ungewöhnlich, aber es war auch nicht selbstverständlich. Er hatte es im Zusammensein mit Frauen, zuletzt mit Frau Schönböck vor fast einem Jahr, schon oft erlebt. Aber neu war bei Margot, und das hatte er zuvor niemals erlebt, daß sie mit dem Mund so lange an seinem Glied blieb, bis es ihm kam. Als es zum erstenmal geschah, hatte er lange gar nicht verstanden, daß sie es so weit kommen lassen wollte. Mundverkehr war bis dahin in seiner Vorstellung etwas Undurchführbares gewesen. Er hatte sich kein Bild davon machen können, was eine Frau tun sollte, wenn ihr Samen in den Mund floß. Margot verschluckte ihn. Als es zum erstenmal geschehen war, war er aus Verwunderung sogar eine Weile niedergeschlagen, weil er nicht mehr damit gerechnet hatte, daß es noch etwas geben könnte, was er sich immer wieder wünschen würde. Er hatte genug damit zu tun, sich seiner gewöhnlichen Wünsche zu erwehren, und nun auch das noch. Leider verschaffte ihm das, was ihm gefiel, auch ein schlechtes Gewissen. Tief im Innern empfand er sein Verhältnis zu Margot als flau, manchmal sogar niederträchtig. Wenn es so weiterging, konnte es passieren, daß der Mundverkehr der einzige Grund wurde, weshalb er weiter mit Margot zusammenblieb. Er glaubte manchmal, er hätte noch andere Gründe, Margot zu mögen. Es gefiel ihm ihre Erscheinung, ihre Art, sich zu kleiden. Sie war hübsch. Er freute sich an ihrem Bild. Aber jedesmal, wenn er sich dies beruhigend sagte, empfand er zugleich, daß es nicht wahr sein konnte. Vielleicht war er nur erschüttert darüber, daß er einmal nicht enttäuscht worden war. In seiner Phantasie hatte er Margot schon oft so weit abgewertet, daß nichts mehr von ihr übriggeblieben war und es leicht gewesen wäre, sich von ihr zu trennen. Aber dann kam von ganz weit her die Erinnerung an den Mundverkehr und machte wieder alles rückgängig. Üblicherweise erhielt Abschaffel sein Gleichgewicht durch das Auf und Ab zwischen Wunschentfaltung und Wunschenttäuschung. Abschaffel züchtete seine Wünsche in die Höhe, und das war seine Stärke. Er war überzeugt davon, daß der Hauptvorgang des Lebens die permanente Desillusionierung war. Deswegen mußte er glücklich sein, wenn die großen Wünsche immer wieder unerfüllt blieben: Das stärkte die Sehnsucht. Immer dann, wenn Margot mit einer rätselhaften Anteilnahme über sein Geschlecht gebeugt war, dann hatte er etwas, was weder besser zu wünschen noch besser zu haben war. Es war ihm vergönnt, im Zustand einer Wunscherfüllung verharren zu können. Auf keinem anderen Gebiet seines Lebens hatte sich etwas Ähnliches bisher ereignet. Die Unbegreiflichkeit dieser Ausnahme erfüllte ihn mit Rührung und Unglauben.

Es fiel ihm auf, daß er heute, während er nach Hause ging, zweimal vor etwas geflüchtet war, einmal vor dem Autogespräch in der Firma, zum anderen vor seiner eigenen Urlaubspanik, und daß er soeben dabei war, zum drittenmal vor etwas zu flüchten, was noch gar nicht angefangen hatte: vor dem Abend mit Margot. Und weil sein Heimweg aus Fluchten bestand, fühlte er sich leer und fließend, es war, als würde sein Körper auslaufen, unten an den Füßen vielleicht, und er selbst würde dabei zuschauen. Er blieb sogar ein paar Augenblicke stehen, weil er die Hoffnung hatte, dadurch das Gefühl der Festigkeit wiederzuerlangen. Er erlangte nichts wieder, und da kam er auf die Idee, im Supermarkt, wo er ohnehin noch einkaufen wollte, etwas mitgehen zu lassen. Er klaute nur, wenn er sich selbst als nicht mehr richtig vorhanden fühlte, wenn nichts in ihm vorging und er den Anschluß an irgendein Gefühl erreichen wollte. In diesen Zuständen war das Stehlen eine Hilfe. Es war, als würde man mit einem Stock auf einen völlig verstaubten Teppich schlagen. Dann war wiederzuerkennen, daß es sich um einen Teppich handelte. Weil nichts geschah, ließ er einen kleinen Diebstahl geschehen, dann war alles nicht mehr so leer. Die Annehmlichkeit eines Diebstahls war nicht sofort zu spüren. Noch jedesmal, wenn er etwas eingesteckt hatte, begann er zu zittern, und dies sogar dann, wenn er vollkommen sicher war, daß er nicht beobachtet worden war. Dies war die Phase unmittelbar nach der Tat; sie lief nicht auf eine Stärkung, sondern, im Gegenteil, auf eine weitere Schwächung seiner Person hinaus. In diesen Minuten nach der Tat stellte er sich sowohl das sichere Entkommen als auch die ebenso sichere Entdeckung vor. Diese Spannung war kaum auszuhalten. Einmal mußte er sogar auf der Straße in ein Weinen ausbrechen, weil sich die Spannung nicht mehr anders lösen konnte. Die Spannung brachte es auch mit sich, daß er sich selbst, in seinem Verhalten, als Dieb kennzeichnete. Dieses nervöse Umherflackern des Blicks, die Neigung, in allen Leuten geheime Mitwisser zu vermuten, die nur den richtigen Augenblick zum Verrat abwarteten, und die reuige Lust, den gestohlenen Gegenstand wieder in das Regal zurückzustellen. Die Anstrengung, nicht als Dieb zu erscheinen, lief groteskerweise gerade auf eine Betonung der diebischen Erkennungszeichen hinaus. In diesem Durcheinander zwischen Verhalten und Sein war er schon so geschwächt worden, daß er vorübergehend überzeugt war, bei nächster Gelegenheit hinzufallen. Aber am Grunde der Schwächung meldete sich dann der Genuß des Gefühls, sich selbst wiederzuhaben, sich selbst wieder als vorhanden zu fühlen.

An diesem Feierabend war es kurz vor Ladenschluß, als er den Supermarkt betrat. Es war seine Lieblingsstunde für das Stehlen. Die Verkäuferinnen waren müde und kaum noch richtig da. Sie waren genau in der Verfassung, die bei Abschaffel manchmal zu Diebstählen führte. Der Filialleiter lief aufräumend mit leeren Pappkartons durch die Gänge. Er war so abwesend, daß Abschaffel auf die Idee kam, einmal unmittelbar vor seinen Augen etwas einzustecken. Es war nicht sicher, ob er es bemerkte. Abschaffel wollte sich einen neuen Rasierapparat mitnehmen. Zweimal hintereinander hatte er sich Rasierapparate gekauft, und beide waren in kurzer Zeit kaputt. Er brauchte wieder einen Rasierapparat aus Stahl (die beiden anderen waren aus Kunststoff). Tatsächlich fand er in der Kosmetikabteilung sehr gut aussehende Metallapparate. Er nahm einen davon in die Hand, und er erschrak, als er sah, daß diese unauffälligen gewöhnlichen Rasierapparate zwölf Mark das Stück kosteten. Es war leicht, den Apparat in der Tasche verschwinden zu lassen. Die Kosmetikabteilung lag etwas abgewinkelt und konnte von anderen Gängen nicht eingesehen werden. Er begann zu zittern und ging auf den Ausgang zu, vielleicht ein wenig zu eilig, aber es fiel nicht auf, weil seine Eile auf den bevorstehenden Ladenschluß bezogen werden konnte. Trotzdem strengte er sich an, langsamer zu gehen. Dies und das kaufte er noch ein für den Abend mit Margot. Eine Frau stieß mit ihrem Einkaufswagen an den Einkaufswagen einer anderen Frau. Beim Klang des leichten Aufpralls zuckten die Frauen zusammen. Oh, Entschuldigung, sagte eine der beiden Frauen und streichelte den angerempelten Einkaufswagen mit leicht zusammengekrümmter Hand. Aus Langeweile und Neugierde kaufte Abschaffel ein Reinigungsmittel mit Zitronengeschmack. Daß es ihm möglich war, über dieses Reinigungsmittel nachzudenken, nahm er als gutes Zeichen. Herrschte in den Häusern ein tiefes, verschwiegenes Wissen über die allgemeine Langeweile und waren Zitronen in den Putzmitteln eine Maßnahme gegen diese Langeweile? Abschaffel war nicht mehr weit weg von der Kassiererin. Es zitterten seine Beine und seine Hände, aber er war sicher, nicht gesehen worden zu sein. Die Kassiererin bewunderte gerade das Baby einer Kundin, er sah es und war beruhigt. Wenn er gesehen worden war, mußte sein Beschatter auf jeden Fall warten, bis Abschaffel an der Kasse vorbei war. Die Kassiererin hatte seine paar Sachen rasch eingetippt. Er zahlte, und es fehlten ihm noch drei Schritte zum Ausgang. Wenn in diesen Augenblicken jemand seinen Arm ergriff, war er erwischt. Aber es hielt ihn niemand fest, und Abschaffel war draußen.

Er trug seine Sachen in einer Plastiktüte nach Hause. Schon nach dreißig Metern spürte er die Erleichterung. Das Zittern hörte auf, die Aufregung wich, und dieses Entweichen der Erregung war der Genuß des Diebstahls. Er lief ganz weich und geriet in eine freundliche Stimmung. Er glaubte, getragen zu werden. Langsam ging er die Treppen zu seiner Wohnung hoch, und er brauchte länger als sonst, bis er mit dem Schlüssel das Schlüsselloch seiner Wohnungstür gefunden hatte. Die allgemeine Verlangsamung war die letzte Phase des Diebstahlgefühls. Sie dauerte nur kurz, höchstens drei oder vier Minuten. Abschaffel spürte schon, als er seine Wohnung betrat, das baldige Ende der vorübergehenden Erleichterung. Genaugenommen empfand er Furcht vor dem Betreten seiner Wohnung. Vielleicht gab es nichts Seltsameres als eine Wohnung, die den ganzen Tag leer stand und am Abend von einem zurückkehrenden Menschen wiederbelebt werden mußte. Manchmal hatte er schon von der Firma aus in seine eigene, leere Wohnung hinein telefoniert. Natürlich nahm niemand ab, es war ganz sicher, daß niemand den Hörer abnehmen konnte, und trotzdem hatte er manchmal die Vorstellung, es müßte selbstverständlich jemand abnehmen. Hinterher war er über sich selbst verwirrt. Erst hielt er sich für verrückt, dann sagte er sich: Ich mache das aus Spaß und Langeweile. Es war auch schon vorgekommen, daß er, an seiner Haustür stehend, bei sich selbst klingelte und wartete, ob ihm nicht von innen geöffnet werde. Er stand dann wie ein Besucher an der Haustür, die Hand am Türknauf, und wartete einige Augenblicke. Dann, als ihm nicht geöffnet wurde, holte er seine Hausschlüssel aus der Tasche und ging in das Haus. Ein anderes Experiment war das Vorbeifahren in der Straßenbahn an der eigenen Haustür. Es war die Linie 18, die an seiner Haustür vorbeifuhr, und er stieg drei Stationen vorher ein, und während des Vorbeifahrens blickte er auf die geschlossene Haustür. Er wollte an der Tür vorüberkommen, in die er sonst immer hineinging. Zwei Stationen weiter stieg er gewöhnlich aus und lief zu der Haustür zurück. Gewöhnlich schämte er sich ein wenig nach diesen Experimenten, und fast jedesmal dachte er: Wie entsetzlich wäre es, wenn ich diese Verhaltensweisen jemand erklären müßte.

Sofort schoben sich, als er die Tür hinter sich geschlossen hatte, die bekannten Gegenstände in seinen Blick. Zum Beispiel das Kissen auf der Bettcouch. Seit Jahren drückte er es sich unter den Kopf, wenn er sich ein wenig hinlegte, und seine leicht und schnell fettenden Haare hatten in der Mitte des Kissens schon lange einen grauen Fleck hinterlassen. Der Bezug des Kissens war rätselhafterweise nicht abnehmbar. Das Kissen hatte keinen Reißverschluß und keine Knöpfe. Konnte man denn ein ganzes Kissen in die Reinigung geben? Das hatte Abschaffel noch nie gesehen und noch nie gehört. Aber andererseits war der Bezug vom Kissen nicht zu trennen. Fast jeden Abend, wenn er die Wohnung betreten hatte, fragte er diesen toten Gegenstand mit stummen Blicken, was er mit ihm machen sollte, damit er wieder sauber wurde. Das Kissen einfach wegzuwerfen, traute er sich nicht. Es blieb alles, wie es immer war. Abschaffel bewegte sich von einem ungeklärten Vorgang zum nächsten, ohne etwas erledigen zu können. Dazu gehörte auch der Blick auf den Balkon und die abermalige Entdeckung eines Pappkartons, der seit Wochen draußen lag. In dem Pappkarton hatte er einmal Lebensmittel nach Hause getragen, weil dem Supermarkt die Plastiktüten ausgegangen waren. Der Karton war schon öfter vom Regen aufgeweicht, wieder getrocknet und durch neuen Regen wieder aufgeweicht worden. Er hatte seine Form als Karton weitgehend verloren und lag als deformiertes Stück in einer Außenecke des Balkons. Manchmal stieß ein Windstoß in das Balkonrechteck und blies ihn in eine andere Ecke. Seit Wochen konnte sich Abschaffel nicht dazu durchringen, den Pappkarton in den Mülleimer zu werfen. So präzise wollte er sich mit dem Alltag nicht einlassen. Das hätte ja ausgesehen, als wäre er ein Mann, der an seinem Feierabend einen leeren Karton in einen Mülleimer wirft.

Er ging in die Küche zurück, um die eingekauften Sachen auszupacken und etwas zu essen. Sorgfältig entfernte er die Preisschildchen an den Lebensmitteln: Das machte die Dinge heimisch. Während er die Lebensmittel auf einem Hochbord und im Eisschrank unterbrachte, begann er zu essen. Er überlegte nicht mehr, was er am liebsten essen wollte, sondern er aß so, daß angebrochene Packungen möglichst ganz leer wurden. Er aß einen Rest Wurst, der schon tagelang im Eisschrank gelegen hatte, dazu etwas Käse und Brot. Die Kruste des Brots schnitt er weg und warf sie in den Mülleimer. Er wollte heute nur den weichen Innenteil des Brots essen. Er trank eine halbe Flasche Bier dazu, und während er sich die Flasche an den Mund hielt, fiel ihm auf, daß er sich wieder ganz eilig benahm. Warum nur mußte er auspacken und zugleich essen. Er ärgerte sich, und er nahm sich vor, nun ganz langsam und ohne etwas anderes nebenher zu tun, eine Zigarette zu rauchen. Er rückte einen Stuhl an den Tisch, holte Aschenbecher und Zündhölzer und suchte seine Zigaretten. Es war unglaublich, aber er hatte vergessen, Zigaretten zu kaufen. Im Büro hatte er die letzte geraucht, daran erinnerte er sich. Sofort war er wieder in der Eile verfangen. Er stürzte sich in die Jacke und verließ die Wohnung, ganz so, als könne er zu spät zu einem Zigarettenautomaten kommen. Glücklicherweise hatte er drei Markstücke. Er warf sie in den Automaten, der seiner Wohnung am nächsten war, aber die Geldstücke fielen durch und landeten unten im Rückgabeschlitz. Er warf sie noch einmal hinein, und sie fielen wieder durch. Seit Abschaffel hier wohnte, kannte er diesen Automaten als einen funktionierenden Automaten, aber nun war es mit ihm offenbar zu Ende. Aus voreiliger Sentimentalität war ihm der Automat deswegen sogar sympathisch. Das Beruhigende war, daß der Automat wahrscheinlich nicht abmontiert wurde, jedenfalls nicht sofort. Es konnte noch nicht lange her sein, daß der Automat kaputtgegangen war. In den Warenschächten sah Abschaffel noch Zigarettenpackungen lagern. Nun würden einige Wochen, vielleicht sogar Monate lang viele Personen ihre Markstücke hineinwerfen und dieselbe Erfahrung machen. Und irgendwann würde der Besitzer des Automaten auch dahinterkommen. Abschaffel hatte noch nie mit einem Automatenbesitzer gesprochen. Es waren flinke, kleine und immer eilige Menschen, die aus kleinen Lieferwagen heraussprangen, die Automaten abkassierten und sie neu auffüllten und rasch weiterfuhren. Es war jedoch ganz ungewiß, welche Automaten von Besitzern betreut wurden und welche nicht. Es wimmelte in der Stadt von verrotteten und leeren Automaten, die weder abmontiert noch repariert wurden. Sie blieben einfach, wo sie immer waren, ob kaputt oder nicht, und das schien niemand etwas auszumachen.

Abschaffel brauchte dennoch Zigaretten, und er überlegte, wo sich der nächste Automat befand. Weil er es nicht wußte, ging er ohne Plan einige Straßen weiter und suchte Hauswände und Eisengitter ab. Bald hatte er einen neuen entdeckt. Ein riesiger Schäferhund lag genau vor dem Automaten. Er streckte die Läufe tief in den Bereich des Gehwegs hinein, und seine rosa Zunge hing weit aus dem Maul und zuckte. Diese ungeheure Zunge! Er vergaß für ein paar Augenblicke, daß er eigentlich Zigaretten holen wollte, und starrte auf die Zunge, die wie ein alter Schuhlöffel unten breiter war als in der Mitte. Vielleicht war der Hund gereizt wegen der Hitze und des Betons, auf dem er lag. Abschaffel fürchtete sich vor Hunden. Als er Kind war, hatte er sich nie vor Hunden gefürchtet, aber heute fürchtete er sich vor ihnen. Es war ein ganz neuer Automat, unter dem der Schäferhund lag, das hatte Abschaffel schon von weitem gesehen. Er konnte neben den Münzeinwurfschlitzen sogar ein aufgelötetes Metallschildchen entdecken, auf dem Name und Anschrift des Besitzers angegeben waren, und das gab es nur bei neuen Automaten. Erst wenn die Automaten in die Jahre kamen und Rost ansetzten, verschwand, wahrscheinlich im gleichen Tempo, die Leserlichkeit des Namens des Besitzers, so daß sich mit zunehmendem Alter Automat und Besitzer immer weniger einander erinnern mußten.

Abschaffel wandte sich verdrossen ab. Das Mißverständnis, daß der Hund vielleicht glaubte, er, Abschaffel, wolle etwas gegen ihn unternehmen, indem er auf den Automaten zuging, wollte er nicht riskieren. Er suchte weiter und kam beträchtlich von seiner Wohnung ab, als er zum drittenmal einen neuen Zigarettenautomaten suchte. Er ärgerte sich, weil er vor dem Hund Angst gehabt hatte; das war ihm unerklärlich. Er war nie von einem Hund gebissen worden. Was diese Tiere in den Städten eigentlich wollten, wußte niemand. Plötzlich sah er an einem eisernen Vorgartenzaun einen Zigarettenautomaten hängen. Er ging gleich zu ihm hin, da spritzte plötzlich ein Wasserstrahl zwischen den Eisenstäben des Vorgartenzauns heraus auf den Gehweg. Abschaffel verzögerte seinen Schritt, und im langsamen Hingehen erkannte er, daß im dahinter liegenden Garten ein halbnacktes Kind mit einem Schlauch den Garten wässerte. Er wollte nicht von einem Hund gebissen, aber er wollte auch nicht von einem Wasserschlauch angespritzt werden. Und das Kind spritzte oft daneben, beziehungsweise es machte ihm wahrscheinlich Spaß, von hinten genau neben dem Automaten auf den Gehweg herauszuspritzen. Tatsächlich war der Platz vor dem Automaten ganz naß. Abschaffel war trotzdem sicher, daß er nicht einen neuen Automaten suchte. Das Kind war sicher leicht auszuschalten. Es war nicht vorher auszumachen, wohin es spritzen würde; es spritzte sich sogar selbst aus Versehen. Abschaffel ging auf die andere Seite der Straße. Er wollte von vorne und direkt auf den Automaten zugehen. Zunächst aber wollte er warten, bis das Kind ihn gesehen hatte. Er hatte sich überlegt, daß er das Kind, sobald es ihn zufällig mit dem Blick streifte, scharf anblicken und zugleich mit energischen Schritten über die Straße gehen würde, so daß das Kind glauben mußte, es sei bedroht. In dieser Handlungslücke, in der das Kind den Schlauch wahrscheinlich sinken ließ, wollte er sich eine Schachtel ziehen. Als es soweit war, ging Abschaffel mit festen Schritten über die Straße, und aus Ängstlichkeit und Überraschung ließ das Kind tatsächlich den Schlauch nach unten sinken und sah auf Abschaffel. Er tat dem Kind nichts, sondern zog nur eine Schachtel Zigaretten und ging nach Hause.

 

Einige Tage später wurde in der Firma über den Angestellten Hornung gelacht. Bei einigen war in das Lachen ein wenig Verachtung beigemischt, die ihnen um so besser von den Lippen ging, weil sie ihre Verachtung für Hornung schon lange hatten ausdrücken wollen. Hornung hatte eine Flasche Wein mitgebracht, die er gegen zehn Uhr entkorkte. Er hatte allgemein zu erkennen gegeben, daß er während der Arbeitszeit trinken wolle. Die Spannung darüber, ob er es wagte, die Flasche auf den Schreibtisch zu stellen, war groß und bänglich. Fräulein Schindler sah für Hornung nach den Chefs, ob sie schon etwas von Hornungs Umtrieben bemerkt hatten oder nicht. Einige redeten ihm schon zu, es lieber nicht zu tun. Dann aber stellte Hornung die Weinflasche in seinen Papierkorb und verdeckte sie mit zerknitterten Papierbogen. Zuvor hatte er sich ein kleines Glas eingeschenkt und das Glas auf den Schreibtisch gestellt. Wenn ein Vorgesetzter erschiene und fragen sollte, wollte er sagen, es handle sich um Kamillentee. Dies streute er unter den Kollegen aus, und ein paar hielten seine Idee für eine tolle Fixigkeit. Zeitweilig gelang es Hornung, sich von dem Mann mit dem niedrigsten Ansehen in den Mann der größten Beachtung umzuwandeln. Und die anderen, die bei ihrer Verachtung blieben (ein Mann mit solchen Schulden hat den Mund zu halten: Er hat keine Haut mehr und lebt auf dem rohen Fleisch), riskierten für einige Momente, als Trottel betrachtet zu werden, weil sie nicht erkannten, daß hier ein Mensch mit Witz und Mut gegen den Trott ankämpfte und die allgemeine Öde durch ein Glas Wein auflockerte. Schon kündigte Schobert an, es ihm morgen gleichzutun. Abschaffel sah zu Hornung hinüber, und dieser prostete ihm kurz zu, als er wieder das Glas hob. Wie kam er dazu, ausgerechnet ihm zuzuprosten? Abschaffels Empfindungen für Hornung waren gespalten. Es war zu offensichtlich, daß Hornung nicht an dem Wein gelegen war, sondern an der Aufmerksamkeit, die er nun für sich hergestellt hatte. Weil Hornung zugab, daß er die schleppende Stille des Büros nicht so ohne weiteres Woche um Woche ertrug, verspürte Abschaffel eine ferne Neigung, Hornung zu bewundern. Aber Hornung verdarb sich Abschaffels mögliche Bewunderung wieder, weil er es zu sehr darauf anlegte, immer wieder im Interesse der anderen zu stehen, und das war auch für Abschaffel zu unseriös. Manchmal war es nur ein Witz, den Hornung der Stille entgegensetzte, etwa dann, wenn er schon am Montag ein frohes Wochenende wünschte. Als in der Kantine ein automatischer Pflaumenentkerner angeschafft wurde, erklärte er, daß nun, seit in der Küche die Pflaumen schneller entkernt wurden, das Stück Pflaumenkuchen auch billiger sein müsse. Das war von ihm halb witzig und halb ernst gemeint, aber immerhin lieferte sein Einfall den Gesprächsstoff für zwei oder drei Tischrunden in der Mittagspause. Aber Hornung machte nicht nur unsinnige oder halbunsinnige Bemerkungen. Eines Tages stellte er fest, daß alle Rollstühle in der Firma nicht den Sicherheitsvorschriften entsprachen. Die Rollstühle in der Firma hatten nur vier Rollen, und Hornung erklärte, daß ein unfallsicherer Rollstuhl auf fünf Rollen rollen müßte, weil sie dann weniger umkippten. Mörst, der Betriebsratsvorsitzende, mußte der Sache nachgehen und feststellen, daß Hornung tatsächlich recht hatte. Mörst war verpflichtet, die Firmenleitung auf diesen Mangel hinzuweisen. Für alle gab es wieder etwas, worauf sie warten konnten. Dank Hornung gab es das Rollstuhlthema. Heute, in seiner Weinlaune, hatte Hornung bereits auf ein anderes wichtiges Problem aufmerksam gemacht. Für alle Mitarbeiter gab es nur einen einzigen Fotokopierautomaten. Weil Ajax Angst hatte, das Gerät werde zuviel für die Vervielfältigung privater Schriftstücke verwendet, hatte er bei Fräulein Schindler den Schlüssel für das Gerät deponiert. Jeder, der etwas fotokopieren wollte, mußte sich bei ihr den Schlüssel holen, und außerdem mußte er in eine Liste, die ebenfalls Fräulein Schindler verwaltete, eintragen, wieviel Kopien für welche Abteilung gemacht worden waren. Die Liste war angeblich notwendig zur späteren Aufschlüsselung der Betriebskosten, aber ihr wichtigerer Zweck war die Abschreckung vor der privaten Nutzung des Geräts. Ajax glaubte, allein die Existenz der Liste werde den Gebrauch für Privatzwecke ausschließen, aber das war natürlich ein Irrtum. Jeder trug die offizielle Anzahl seiner Kopien ein und hatte dennoch Privatkopien abgezogen. Das ahnte auch Ajax, weil am Ende jedes Monats erheblich mehr Papier verbraucht als Kopien gemacht worden waren. Über den Fotokopierautomaten wickelten viele Angestellten das Gefühl ab, letzten Endes doch schlauer zu sein als der ganze Betrieb. Und dieses Gefühl mußte den Angestellten gelassen werden. Zum Glück einer Bürokraft gehörte die Überzeugung, den Betrieb jederzeit übers Ohr hauen zu können. Manchmal kam dieses Glück nur durch den Diebstahl von zehn Büroklammern zustande. Aber der alternde Ajax war über den lächerlichen Betrug seiner Angestellten verärgert. Ohne Einsicht in die kläglichen Freuden der Abhängigen sann er nach besseren Kontrollmöglichkeiten. In dieser Lage kritisierte Hornung, daß das ganze Kontrollsystem betriebswirtschaftlich gesehen ohnehin nicht effektiv sei. Durch die Deponierung des Schlüssels bei Fräulein Schindler entstanden viele Umwege und Wartezeiten; wenn Fräulein Schindler auf der Toilette oder einmal nicht an ihrem Platz war, konnte es geschehen, daß ein Kollege an ihrem Schreibtisch stand und auf die Übergabe des Schlüssels wartete. Oder es geschah, daß ein Kollege absichtlich den Schlüssel mit in die Toilette nahm. Dann gab es ein allgemeines Gezeter nach dem Schlüssel, und wenn der Kollege nach zehn Minuten aus der Toilette kam, tat er, als sei alles nur ein Versehen gewesen. Wenn also schon, erklärte Hornung, durch die Kontrolle die Betriebskosten sowohl festgehalten als auch aufgeschlüsselt werden, dann müssen in die Kostenrechnung auch diese Wartezeiten aufgenommen werden, denn Wartezeiten verkürzten zum einen die Arbeitszeit, zum anderen aber schädigten sie die Arbeit selbst; wäre es da nicht sinnvoller, sagte Hornung, die Kontrolle ganz fallenzulassen, denn dann, wenn niemand mehr warten müsse, würde auch keine Arbeitszeit mehr eingeschränkt. Das war ein betriebswirtschaftlich stichhaltiges Argument, und Hornung spürte wohl, wie sehr seine Kollegen, bis hin zu den Referenten des Chefs, beeindruckt waren. Hornungs Kritik war außerdem so angelegt, daß sie, obwohl sie einen Vorwurf an die Kollegen enthielt, sich in der Hauptsache gegen Ajax richtete. Denn immerhin hatte Hornung den Kollegen, wenn auch indirekt, Trödelei und Schlamperei vorgeworfen; dieser Teil der Kritik ging aber unter in der lautlosen Begeisterung für Hornungs Mut, für die Abschaffung der Kontrolle gesprochen zu haben. Die Kritik an den eigenen Kollegen schützte Hornung wiederum vor Ajax’ Argwohn, es handle sich nur um ein weiteres Kapitel trauriger Oppositionssucht gegen die Firmenleitung. Aus Respekt vor Hornung breitete sich für eine Weile eine achtunggebietende Atmosphäre aus. Es galt als sicher, daß einer der Referenten diesen Vorschlag demnächst Ajax unterbreiten mußte. Hornungs konstruktive, ja kostensparende Mitarbeit schützte ihn vielleicht sogar dann, wenn er anderer Dinge wegen unangenehm auffiel.

Denn Hornung hatte immer noch die etwa halb ausgetrunkene Flasche Wein gut verborgen in seinem Papierkorb stehen. Von Zeit zu Zeit schenkte er nach und versteckte die Flasche wieder. Dieses Verhalten schmälerte Hornungs Ansehen nun doch stark. Die Kollegen waren es schon müde geworden, diejenigen zu sein, die Hornung bewundern sollten. Denn bald galt wieder, daß von einem Angestellten, der so sinnvolle Vorschläge machen konnte wie Hornung, eine Art Gesamtseriosität verlangt wurde. Und weil Hornung diese Seriosität nicht anbot, war es schwer, eine Haltung zu ihm zu finden.

Er war erst seit drei Monaten in der Firma. Er war achtundzwanzig Jahre alt und röchelte beim Atmen, weil er täglich zwischen sechzig und siebzig Zigaretten rauchte. Hornungs Leben bestand aus sich jagenden Katastrophen, und alle wußten es. Sein Leben war so verworren, daß niemand in der Lage war, den Hauptkonflikt dieser Existenz überhaupt noch ausfindig zu machen. Er war gerade einen Monat in der Firma gewesen, da erschien ein Gerichtsvollzieher und pfändete zweihundertzwanzig Mark von seinem ersten Gehalt. Ajax hatte Hornung zu sich rufen lassen. Die anderen glaubten, da er noch in der Probezeit war, nun würde er fristlos gekündigt. Der Gerichtsvollzieher erhielt das Geld und ging. Genau einen Tag später erschien ein anderer Gerichtsvollzieher und pfändete von Hornungs Gehalt noch einmal hundertunddreißig Mark. Ajax ließ Hornung wieder zu sich kommen, und die Aussprache dauerte länger. Alle rechneten diesmal mit der fristlosen Kündigung. Aber Ajax war klug. Er erkannte in Hornung einen durch Unglück weich gewordenen Angestellten. Ajax lieferte ihm zwar einen Auftritt, der draußen im Großraum teilweise noch zu hören war. Die Sekretärinnen und Schreibkräfte hielten ihre Maschinen an, damit sie Ajax besser verstehen konnten. Aber Hornung kam lächelnd aus dem Chefzimmer. Ajax hatte ihn nicht entlassen, und Hornung gab sich, als hätte er einen Kampf gewonnen.

Was wirklich geschehen war, drang erst später in die Köpfe der anderen. Ausgelöst wurde das Getuschel von Fräulein Zittel aus der Lohn- und Gehaltsbuchhaltung. Jeder wußte, daß sie zur Schweigsamkeit über die Ereignisse ihrer Abteilung verpflichtet war, aber jeder wußte auch, daß sie überhaupt nicht schweigen konnte, im Gegenteil; das Reden über ihre Arbeit war die Bedingung dafür, daß sie arbeiten konnte. Hornung hatte sich bereit erklären müssen, daß ihm für die kommenden drei Jahre jeden Monat zweihundertsiebzig Mark von seinem Gehalt automatisch weggepfändet wurden. Bei tausendneunhundert brutto, und mehr verdiente Hornung sicher nicht, abzüglich fünfhundert Mark Miete (rund gerechnet: und alle Kollegen rechneten diese Rechnung), blieben Hornung für das Leben zwischen sechs- und siebenhundert Mark. Er war verheiratet und hatte zwei Kinder. Wie er in dieser Lage mit seinem Gehaltsrest über die Runden kam, wußte niemand. Und Hornung hielt durch, Woche für Woche. Er pumpte sich kleine Beträge, auch Abschaffel hatte ihm schon öfter zehn oder zwanzig Mark gegeben. Den meisten war klar, daß sie das Geld nicht mehr zurückerhielten. Hornung wurde immer wieder auf seine kleinen Schulden angesprochen, und es geschah, daß er jemanden, dem er fünfzehn Mark schuldete, fünf Mark Abzahlung leistete von einem neuen Pump, den er erst vor zwei Stunden hinter sich gebracht hatte. Hornung lebte in großer Scham, aber es machte ihm scheinbar nichts aus. Mittags aß er in der Kantine Riesenportionen und verbreitete Stille um sich. Abschaffel beobachtete ihn oft, und er kam sich schon menschlich vor, wenn er seine Beobachtungen nicht weitererzählte. Überhaupt sorgte Hornung dafür, daß sich viele Kollegen edel vorkommen konnten. Es gab nur wenige, die ihn schroff mieden oder mit der Redensart abwiesen: Ich bin kein Kreditinstitut, und Hornungs Stolz bestand darin, daß er niemanden, der ihn einmal abgewiesen hatte, noch einmal anging. Abschaffel konnte sehen, daß sich Hornung den Hosenbund öffnete, wenn er am Schreibtisch saß, weil ihn der Bauch zu sehr drückte. Und er hatte Routine darin entwickelt, den Hosenbund rasch zu schließen, wenn er aufstehen mußte. Auch dieses Detail behielt Abschaffel für sich, weil ihn manchmal, was Hornung anging, Mitleid anfiel; dann glaubte er, er müsse Hornung schützen, und er wollte damit anfangen, indem er keine diskriminierenden Einzelheiten mehr über ihn erzählte.

Aber Hornung sorgte selbst dafür, daß er im Gespräch blieb. Immerzu war er in neue Klebrigkeiten verwickelt, die die Aufmerksamkeit für ihn neu entfachten. In den letzten beiden Wochen war es öfter vorgekommen, daß Hornung nach siebzehn Uhr im Büro geblieben war. Es wurde angenommen, daß er Überstunden machte, um seine ständigen finanziellen Engpässe erträglicher zu machen. Eines Nachmittags, nachdem er seit zwei Wochen manchen Abend bis spät im Büro geblieben war, erschien plötzlich Hornungs Frau mit beiden Kindern im Büro. An ihrem suchenden und erschreckten Verhalten war zu sehen, daß sie sich hintergangen fühlte und etwas herausfinden wollte. Hornung war das Erscheinen seiner Familie im Betrieb so peinlich, daß er sie rasch mit ausgebreiteten Armen durch die Tür hinausschob, draußen auf dem Flur mit seiner Frau verhandelte und die ganze Familie nach zehn Minuten wegschickte. Niemand hatte die Bedeutung dieses Vorfalls enträtseln können. Der Besuch der Ehefrau an der Arbeitsstelle des Mannes war ungewöhnlich und für die meisten Angestellten kränkend. Die Männer waren nicht bereit, sich in die Art der Kontakte, die sie zu Arbeitskollegen unterhielten, hineinsehen zu lassen. In der Regel mußte ein Angestellter seiner Familie zu Hause mehr vorspielen als seinem Betrieb, und die beiden Sorten dieser Täuschungen durften weder durcheinandergebracht noch überhaupt gestört werden. Eine solche Störung, eine erhebliche sogar, war der Besuch einer Ehefrau am Arbeitsplatz des Mannes. Die Ehefrauen durften gar nicht bemerken, daß es überhaupt zwei Sorten von Täuschungen gab. Sie sollten glauben, ihr Mann sei im Betrieb derselbe wie zu Hause und umgekehrt.

Hornung sah sich, obwohl ihn niemand danach gefragt hatte, durch den Besuch seiner Frau unter Druck gesetzt. Er glaubte, eine Erklärung abgeben zu müssen, weil seine Bürohoheit verletzt worden war. Seine Frau hatte ihn an seinem Schreibtisch gesehen, und er fühlte sich nicht mehr souverän. Als er sich wieder an seinen Platz setzte, rief er halblaut in seine Umgebung: Sie war eifersüchtig! Sie war eifersüchtig, das dumme Ding, und hat es nicht mehr ausgehalten! Alle hörten seine Erklärung, aber niemand verstand sie. Wieso eifersüchtig? Wenn er nur Überstunden gemacht hatte, wie konnte seine Frau dann eifersüchtig sein? Tagelang war nichts Näheres herauszufinden gewesen. Aber das Büro war kein Ort für Geheimnisse. Schon nach einer Woche hatte jemand die Pein der Wahrheit entdeckt. Hornung hatte zwar wirklich Überstunden gemacht, aber er hatte Interesse daran gehabt, seine Frau in die Falle eines Mißverständnisses zu locken; sie sollte glauben, daß ganz andere Geschichten im Spiel gewesen seien. Alle Telefonleitungen aus der Firma hinaus und in sie hinein, mit Ausnahme der Telefone aus den Verkehrsabteilungen, waren nach siebzehn Uhr gesperrt. Und Hornung hatte seiner Frau nicht gesagt, wo er an den langen Büroabenden gewesen war. Wenn sie ihn nach siebzehn Uhr in der Firma erreichen wollte, nahm niemand mehr ab. Und Hornung hatte, wenn er gegen zehn Uhr abends zu Hause erschien, bedeutsam offengelassen, wo er gewesen sei. Blöde enthüllte er ihr, daß er doch lediglich Überstunden gemacht hatte, und vor den Kollegen brüstete er sich mit den ängstlichen Gefühlen seiner Frau, die sie bis an seinen Arbeitsplatz getrieben hatten. Vielleicht hatte Hornung nur zeigen wollen, daß die Abhängigkeit nach unten keine Grenzen hatte, daß es eine Person gab, deren Unglück oder Glück sogar noch von seinen Entscheidungen beeinflußt wurde. Vielleicht aber hatte die Aktion gar nicht seiner Frau, sondern den Kollegen gegolten; vielleicht hatte er den anderen zeigen wollen, daß er zwar sicher weniger Geld hatte als sie, aber im Bestand seiner Lebenschancen nicht eingeschränkt war: Seine Frau sah ihn auf Anhieb in der Rolle des Fremdgehers. Vielleicht hatte er aber auch gar nichts zeigen wollen und nur sein unseliges Hineinragen in die Welt vorführen müssen.

Abschaffel war sich nicht darüber klar, ob die Ereignisse um Hornung die Tage im Büro unterhaltender und spannender machten oder, im Gegenteil, noch öder und noch sinnloser. Manchmal schon hatte er sich auf die neueste Fortsetzung von Hornungs Katastrophen gefreut. Das Aufregende war, daß jedermann sehen konnte, wie weit ein Angestellter herunterkommen konnte, ohne wirklich unterzugehen. Abschaffel glaubte, von Hornung himmelweit entfernt zu sein und sich auf sicherem Boden zu bewegen. Er hielt Distanz zu Hornung, ohne zu wissen warum. Manchmal nahm er es ihm im stillen übel, daß er unglücklich und hilflos war. Abschaffel wünschte, wenn ein Mensch schon unglücklich und zerstört war, dann sollte er wenigstens intelligent sein, so daß echtes Leiden entstand: ein Pechvogel, und dabei so gescheit. Aber Hornung hampelte nur so von Zahlungsbefehl zu Zahlungsbefehl, und wenn es keine Gerichtsvollzieher gegeben hätte, dann hätte er vielleicht selbst nicht gewußt, wieviel Schulden er hatte. In der Mittagspause besänftigte er seine Wunden, indem er sich den Bauch vollaß. Der Boden konnte ihm unter den Füßen wanken, aber wenn er kurz zuvor jemand gefunden hatte, der ihm zwanzig Mark pumpte, war er wieder guter Laune. Abschaffel hatte sich das wirkliche Unglück edler vorgestellt.

Er hätte sich nur seines Vaters erinnern müssen, um wieder genauer zu wissen, was mit Hornung und all diesen Angestellten los war. Auch Abschaffels Vater war Angestellter gewesen, und es hatte eine Zeit gegeben, in der der Vater behauptet hatte, er werde bald der Leiter der Abteilung sein, in der er arbeitete. Die Mutter war es von ihm seit zwei Jahrzehnten gewohnt, daß er die Lage rosiger darstellte; sie glaubte ihm deshalb auch die Abteilungsleitergeschichte nicht. Jedoch traute sie sich nicht, ihm ihren Unglauben vorzutragen, aber sie fand eine andere Möglichkeit, ihm auf ihre schweigsame Art das Mißtrauen auszusprechen. Und zwar ging sie immer dann, wenn der Vater bei Besuchern und Verwandten die Geschichte von seiner baldigen Ernennung zum Abteilungsleiter erzählte, aus dem Zimmer. Er bemerkte wohl, daß diese Reaktion ihm und seiner verlogenen Art galt, aber er war insgesamt mit der Art der Veröffentlichung ihres Mißtrauens einverstanden. Hauptsache, die Besucher und Verwandten ahnten nicht, daß die Mutter durch ihr Verschwinden bestimmte Phasen seiner Mitteilungen mißbilligte. Die Demütigung, wenn sie intern blieb, wurde von ihm hingenommen. Schwieriger wurde es, als nach drei Jahren ein Abteilungsleiter ganz neu eingestellt wurde. Die Mutter bemerkte, daß der Vater diesen Mann verabscheute, ja verachtete, ohne daß er genauere Gründe für diese Haltung angegeben hätte. Er verschwieg sogar, daß dieser Mann der neue Abteilungsleiter geworden war. Nur aus dem Maß der Abqualifizierung durch den Vater konnte die Mutter ahnen, daß der Vater keine Chance hatte. Der neue Mann sei ein Angeber, ein Nichtskönner, ein Schwätzer, sagte der Vater. In Wirklichkeit war der neue Mann der neue Abteilungsleiter. Nur konnte es der Vater niemals zu Hause sagen. Hätte sich Abschaffel vorstellen können, wie sein Vater reagiert hätte, wenn ihn die Mutter in seinem Büro besucht hätte, um in all den unklaren Ankündigungen und Halbrichtigkeiten des Vaters einmal die Wahrheit herauszufinden, dann hätte er eine Ahnung davon bekommen können, daß die ereignislosen Arbeitsplätze von Angestellten für ihre Frauen Tabus bleiben mußten. Das Büro war der Raum der Erwartungen, die die Angestellten den Personen, Gegenständen und Vorgängen mühsam abphantasieren mußten, und sie hatten ein tiefes Gefühl davon, daß außerhalb des Büros ihre Erwartungen von niemand geteilt wurden.

Aber Abschaffel lebte allein, und er wußte kaum etwas Lebendiges von den Täuschungen und Verschleierungen, die sich daraus ergaben, wenn ein verheirateter Mann Angestellter war und seiner Frau über Jahre hinweg die Idee vermitteln mußte, auch mit ihm gehe etwas vor. Vor einigen Jahren, als er, wenn auch aus der Ferne, seine Eltern noch beobachtete, hatte er davon mehr gewußt als heute. Die Mutter hatte ihm auch schon manchmal, wenn der Vater schlief, die eine oder andere Enttäuschungsgeschichte über die Laufbahn des Vaters erzählt. Inzwischen hatte er die Eltern fast vergessen. Die Zeit, als er sie aus Rache beobachtete, war endgültig vorbei. Damals befriedigte er sich noch an den Lächerlichkeiten ihres Alters. Er machte ein- oder zweimal im Jahr Anständigkeitsbesuche, und er achtete darauf, daß sie nicht länger als zwei Stunden dauerten. Er tat, als gebe es für seine Eltern eine offizielle Besuchszeit. Sein Vater hatte das merkwürdige Bedürfnis, ihn zu küssen. Aus der zurückhaltenden, ja abweisenden Art, wie sich Abschaffel dabei verhielt, zog der Vater keine Rückschlüsse. Der Sohn berührte scheinhaft mit der Wange die Wange des Vaters, spitzte die Lippen wie zu einem Kuß, und dann, Wange an Wange, küßten beide die Luft, sie ahmten sogar das schmatzende Geräusch mit den Lippen nach, und dann gingen sie auseinander, lachend und irgendwie beglückt, als hätten sie sich wirklich geküßt.

Hornung arbeitete in der Lagerabteilung. Diese Abteilung rangierte, zusammen mit der Stückgutabteilung und der Registratur, ohnehin als minderwertig, und wer in diesen Abteilungen arbeitete, galt als ebenso minderwertig. Deswegen war es in sich schon widersprüchlich, daß aus einer unbedeutenden Abteilung ein wichtiger Vorschlag kam. Ajax vermietete an mehrere Firmen festen Lagerraum und ließ von seinen Angestellten, nach Ordern der Auftraggeber, den Versand der in seinen Hallen gelagerten Waren abwickeln. Hornung verwaltete die Lagerung und den Versand von Kühlschränken und Papiertaschentüchern. Er hatte nichts anderes zu tun, als an seinem Schreibtisch zu sitzen und die Versandaufträge der Kühlschrank- und Papiertaschentuchfabriken per Telefon anzunehmen und auszuführen. Er notierte sich die Anschrift des neuen Kühlschrankbestellers, stellte einen Frachtbrief mit den entsprechenden Angaben aus und gab den Versandauftrag in Halle B, wo Arbeiter die im Frachtbrief bezeichneten Waren in die richtigen Waggons oder Lkw verluden. Am Monatsende errechnete Hornung den Auftraggebern die entstandenen Lagergebühren, zusätzlich Fracht-, Abfertigungs- und Versicherungskosten.

Hornung litt offenbar kaum darunter, daß er in einer niedrig bewerteten Abteilung arbeitete. Es gab genug Angestellte aus ebenfalls niedrig bewerteten Abteilungen, die den Drang hatten, in die Export- oder Importabteilung zu gelangen. Diese beiden Abteilungen galten als das Höchste, was einem Angestellten bei Ajax möglich war. Wer im Export oder Import war, mußte die Mittlere Reife haben oder doch mindestens ein abgebrochener Gymnasiast sein, damit er ein einigermaßen sicheres Englisch vorweisen konnte. Es gab junge Mädchen und Angestellte mit Volksschulbildung, die das Wort City heute noch wie Kitty aussprachen. So etwas passierte in der Exportabteilung nicht, in der Lagerabteilung schon eher. Abschaffel war zwar ein abgebrochener Gymnasiast und hatte ansehnliche Englischkenntnisse, aber dennoch arbeitete er nicht in den favorisierten Abteilungen. Er wußte selbst nicht warum, und er überlegte auch nicht. Über Schulbildung und Schulerlebnisse wurde unter den Angestellten nicht gesprochen. Zu viele verdankten ihr Leben als Angestellte einem Unglück in der Schule. Sie waren von ihren Eltern mit überschwenglichen Hoffnungen auf das Gymnasium geschickt worden, und irgendwann zwischen Obertertia und Obersekunda versagten ihre Leistungen; einige hatten eine Klasse wiederholt, andere wurden von ihren beleidigten Eltern gleich von der Schule geholt und, wie zur Strafe, zu den anderen in eine Lehre gesteckt wie in einen muffigen Sack, aus dem es kein Entkommen mehr gab. Es gab bei Ajax nur zwei Angestellte mit Abitur und Studium, das waren seine beiden Referenten; sie gehörten zu den wenigen, die in ihrer Jugend zum richtigen Zeitpunkt Angst gehabt hatten und deswegen zum richtigen Zeitpunkt ihre Lektionen büffelten. Die vielen anderen, Abschaffel eingeschlossen, waren vorher von ihrer Angst verlassen worden, sie verhedderten sich in Phantasien über ihr Leben, die sich immer weiter von der Schule entfernten, bis sie eines Tages von der Schule, die doch eine ganz eng abgesteckte Leistung von ihnen verlangt hatte, ganz abgestoßen wurden. Tausende und Abertausende von Bürokräften hinter Schreibtischen, Schaltern und Theken lebten an ihrem eigenen, langsam verwesenden Schulunglück entlang, von dem sie einst heimgesucht wurden. Ohne die ewig nachrückenden Schulversager ließe sich nirgendwo eine Bürokratie errichten. Sie waren demütig, weil sie die bizarre Tragweite ihres Unglücks noch immer fürchteten, und sie waren schweigsam, weil sie wußten, eine wirkliche Verbesserung ihres Lebens hätte eine Austilgung ihres frühen Schulversagens zur Voraussetzung, und ebendiese Austilgung war für immer unmöglich.

Abschaffel arbeitete in der Abteilung Sammelausgang; dieser Abteilung wurde, ähnlich wie der Buchhaltung, eine mittlere Achtung entgegengebracht. Ihr Personal bestand aus Ronselt, der sich Abteilungsleiter nennen durfte, aus ihm, Abschaffel, der sich stellvertretender Abteilungsleiter oder zweiter Mann nennen durfte, und zwei Lehrlingen. Sie brachten jede Woche damit hin, Bahnsammelverkehre zusammenzustellen, die die Firma nach rund zwei Dutzend großen inländischen Städten unterhielt. Diese Verkehre waren bei der verladenden Wirtschaft gut bekannt. Die Versandleiter der Industrie riefen bei Ronselt und Abschaffel an, wenn sie eine Maschine nach München oder Hamburg zu transportieren hatten. Die Maschine wurde per Lkw von der auftraggebenden Fabrik abgeholt und in den nächsten Bahnsammeltransport nach München oder Hamburg verladen. Durch die Sammlung vieler Güter mit dem gleichen Bestimmungsbahnhof war es möglich, der Wirtschaft günstige Frachttarife anzubieten. Wenn die Maschine als einzelnes Frachtgut der Bundesbahn übergeben wurde, mußte der Auftraggeber erheblich höhere Frachtkosten zahlen. Hinzu kam, daß die Speditionen schneller arbeiteten als die Bundesbahn. Wer bei Ajax eine Kiste nach München oder Hamburg aufgab, konnte davon ausgehen, daß sie wie ein Brief einen Tag später beim Empfänger war. Die Bundesbahn brauchte dazu mindestens drei Tage, manchmal sogar eine Woche. Die Verkehre nach den großen Städten verließen täglich die Ajaxschen Verladerampen, die nach den mittleren Städten wie Augsburg, Osnabrück oder Saarbrücken hatten einen zwei- bis dreitägigen Abfertigungsrhythmus. Es war Ronselts und Abschaffels Aufgabe, das Gütervolumen der einzelnen Sammelwaggons ständig im Auge zu behalten und die Waggons dann, wenn sie hinreichend Tonnage hatten, verplomben zu lassen, mit der Bundesbahn den Abzugstermin zu vereinbaren und die Versandunterlagen an den Empfangsspediteur am Bestimmungsbahnhof zu verschicken.

Dieser Beschäftigung ging Abschaffel seit dreizehn Jahren nach, und er war noch immer erst einunddreißig Jahre alt. Manchmal glaubte er, den größten Teil seines Lebens schon hinter sich zu haben. Aber dann wurde er von anderen Kollegen wieder als junger Mann bezeichnet! Die Arbeit selbst war ihm so geläufig, daß er mit seinen Gedanken fast ständig abwesend war. Wenn das Betriebsgeschehen seine Aufmerksamkeit erforderte, konnte er sofort umschalten. Er hatte eine Technik entwickelt, die es ihm erlaubte, zweispurig zu leben. Seine Augen sahen nach innen, aber jedermann glaubte, sein Blick sei nach draußen gerichtet. Nur manchmal, wenn seine Augen allzulange absolut still standen, weil er zu lange in seine Kindheit zurückgeblickt hatte, kam es ihm vor, als erblinde er bald. Er sah nichts mehr von dem, was um ihn herum vorging. Alles, was um ihn herum war, erstarrte zu einer Szene, zu einer Fotografie, die ihm ein Fremder auf den Schreibtisch legte und ihn dann fragte: Können Sie mir erklären, warum das Ihre Welt ist? Diese Erklärung blieb Abschaffel ewig schuldig. Immer wieder sah er seine Umgebung wie eine Fotografie, auf der er rätselhafterweise mitabgebildet war. Kannte er diese Leute, seine Kollegen? Er kannte sie nicht. Aber warum war er dann Tag für Tag bei ihnen? Wollte er denn hier sein? Nein, das wollte er nicht. Aber warum war er dann hier? Das war die Frage. Es war gewöhnlich die erste Frage am Beginn einer Leiter, die ihn tief nach unten in sich selbst führte. Es war ein Weg in die Scham der frühen Fehler und Unglücke. Gewöhnlich fing es damit an, daß ihm einfiel, was er sich als Jugendlicher gewünscht hatte. Als Elfjähriger glaubte er, später wie Tarzan leben zu können. Sich von Liane zu Liane schwingen, von Baum zu Baum schweben und sich, wenn er nicht mehr fliegen und schweben wollte, in einer Laubhütte ausruhen, die auf dem Gipfel des höchsten Baums in Form eines Verstecks eingebaut war. Noch bis zu seiner Konfirmation war er überzeugt, Tarzan sei eine Art Beruf, den man übernehmen könne, wenn man das Abitur abgelegt hatte und ein körperlicher Test erfolgreich verlaufen war. In seiner Vorstellung war er einer der ganz wenigen, die diesen phantastischen Beruf ergreifen wollten. Er hatte nicht bemerken können, daß hunderttausende Jungen so sein wollten wie Tarzan. Zu dieser Zeit geschah etwas Phantastisches. Ein Bewohner des Mietshauses, in dem Abschaffel mit seinen Eltern lebte, wanderte nach Australien aus, und für das Kind Abschaffel war der Auswanderer ein Mann, der den Beruf Tarzan ergriff. Der Auswanderer bereitete fast ein Jahr lang seine Abreise vor. Er erhielt Briefe mit unglaublichen Briefmarken. Er schaffte sich besondere Kleidung an, und, das Wichtigste, er bereitete sorgfältig die restlose Auflösung seines kleinen Haushalts vor. Er war entschlossen, nie mehr zurückzukehren. Er verschwand in der Welt, um irgendwo in der Wildnis zu leben. Jawohl, so wurde man Tarzan. Weil es diesen Mann gab und weil er eines Tages wirklich abreiste und nie wiederkam, hatte das Kind Abschaffel Grund, an den Beruf Tarzan zu glauben. Und das Kind bemerkte nicht, daß ihm in der Schule allmählich der Boden unter den Füßen wegsank. Seine Leistungen wurden schlechter und schlechter, und Abschaffels Mutter begann, ihm Glutaminpillen zu verabreichen, die seine Intelligenz fördern sollten. Abschaffel schluckte alle Pillen und zeigte eine gleichgültige Haltung: Es war nicht nötig, daß ein späterer Tarzan über den österreichischen Erbfolgekrieg Bescheid wissen mußte.

Wie es ihm gelang, dem Tarzanwunsch zu entwachsen und ihn zu vergessen und an seine Stelle einen neuen Wunsch zu setzen, auf dessen Erfüllung ebenso inbrünstig gewartet wurde wie auf die des alten, war nicht zu klären, auch an diesem Büronachmittag wieder nicht. Abschaffel überlegte und überlegte, und seine Augen wuchsen langsam nach innen in seinen Kopf. Wie war es möglich, daß ich eines Tages nicht mehr Tarzan sein wollte? Und wäre ich vielleicht nie Angestellter geworden, wenn ich zwischen elf und vierzehn nicht Tarzan hätte werden wollen? Ist ein harmloser Auswanderer der Grund dafür, daß ich den Anschluß an die richtige Welt verpaßt habe? Abschaffel bemerkte als Kind gar nicht, daß er Tarzan eines Tages vergessen hatte. Vermutlich war es während der morgendlichen Schulwege geschehen, während dieses tief unbewußten, jahrelangen Gehens, das ohne Wunschentfaltung gar nicht zu bewältigen war. Jedenfalls wünschte er sich eines Morgens ein Rennrad. Auf dem Schulweg kam er an einem Fahrradgeschäft vorbei, und dieses Geschäft hatte eines Tages ein Rennrad in voller Größe im Schaufenster stehen. Abschaffel fand sich in monströse Überlegungen vertieft, wie er das Geld für das Rennrad auftreiben sollte. Dann würde er internationale Rennen fahren und gewinnen. Er würde immer nur kurz nach Hause zurückkehren, um seinen armen Eltern zu sagen, wie gut es doch gewesen sei, daß er sich damals das Rennrad gekauft hatte. Er bekam das Rennrad nie. Statt dessen kaufte er einem schon älteren Lehrling, der unter unbekannten Umständen das Gymnasium hatte verlassen müssen und sich ein Moped gekauft hatte, dessen gebrauchtes Fahrrad für ein paar Mark ab. Es hatte nicht die entfernteste Ähnlichkeit mit dem Rennrad, sondern es war eines der schwarzen unscheinbaren Räder der Nachkriegszeit, mit dem gewöhnlich die stummen Väter zur Arbeit fuhren. Es hatte noch nicht einmal ein Schutzblech. Er hatte ein Rennrad haben wollen, aber nun mußte er den Umgang mit Hosenspangen lernen. Trotzdem gab Abschaffel noch nicht auf. Er wollte das gewöhnliche Fahrrad allmählich in ein Rennrad umwandeln. An das Vorder- und Hinterrad wollte er je eine Felgenbremse montieren, den breiten Gummisattel wollte er einwechseln gegen einen schmalen Lederrennsattel, und vorne wollte er einen tiefen Rennlenker haben, der den Körper beim Fahren in eine vornübergebeugte Haltung brachte. Der Gepäckträger mußte natürlich weg, und, als Krönung, der gesamte Antrieb mit Rücktritt mußte verschwinden und durch eine italienische Fünf-Gang-Schaltung ersetzt werden. Nichts von alldem bekam Abschaffel je in die Hände. Grämlich fuhr er auf dem alten Fahrrad umher. Er hatte es nicht fertiggebracht, so viel Geld zu sparen, um sich all diese Dinge kaufen zu können. Wenn er von einer Tante eine Mark bekommen hatte, trug er sie sofort zum nächsten Kiosk. Ein Rennrad war zwar schön und gut und etwas für die Zukunft, aber für den Alltag wurden dringend Schokolade, Kaugummi und Waffelbruch benötigt.

Nach der Rennradphase war er in das Gitarrenalter eingetreten. Mit sechzehn wollte er sein wie Elvis Presley. Er wollte nie arbeiten, immer glücklich sein und immer viel Geld haben, und Elvis Presley schien dieses Ziel glänzend erreicht zu haben. Der halbwüchsige Abschaffel stand in Musik- und Instrumentengeschäften herum und erkundigte sich bei der Volkshochschule nach dem Beginn neuer Gitarrenkurse. Er buchte sogar einmal einen Gitarrenkurs, besuchte aber rätselhafterweise keinen einzigen der Kursabende, und er kaufte sich auch nie eine Gitarre. Er saß nachmittags im stillen und kalten Schlafzimmer der Eltern auf dem Rand der Ehebetten. Er hielt seine Arme so, als müßten sie eine Gitarre an den Leib klammern, und betrachtete sich im hohen Frisierspiegel der Kommode. Er tat, als singe und spiele er, und er fühlte sich, als sei er glücklich und reich, und wenn er später am Radio den ›Jailhouse Rock‹ oder ›Love me tender‹ hörte, dachte er wohlwollend: Ah ja, Kollege Elvis ist wieder dran.

Der eigentümlichste von Abschaffels nie erfüllten Wünschen trat nach der Gitarrenphase in Erscheinung. Er war immer noch sechzehn, da wünschte er sich ein Aquarium. Er wollte den kleinen Fischen zusehen, wie sie ruhig und vollkommen geräuschlos in einem schönen grünschimmernden Kasten umherschwammen. Er stellte sich vor, lediglich auf der anderen Seite der Scheibe zu sein, genauso ruhig und wortlos wie die Fische. Heute sah es so aus, als seien in dem Wunsch nach einem Aquarium schon alle späteren Enttäuschungen mit weiteren nicht erfüllten Wünschen enthalten gewesen. Denn ein Aquarium war ein Beruhigungsinstrument für einen ewig Enttäuschten, der sich abends zu seinen kleinen Fischen setzte und deren Anspruchslosigkeit bewunderte. Der Gedanke, daß er schon mit sechzehn seinen bis heute anhaltenden Rückzug einzuleiten begann, beunruhigte Abschaffel und machte ihn tief niedergeschlagen. Der Wunsch nach dem Aquarium war auch deswegen beunruhigend, weil er ihn noch heute manchmal wünschte. Mit dem Bild der ruhigen Fische, die für ihn vollkommene Zufriedenheit und also Wunschlosigkeit ausstrahlten, wollte er sich noch heute manchmal trösten. Später, mit siebzehn oder achtzehn, wünschte er sich einen Fotoapparat. Er wollte fotografieren, sich ein eigenes Labor einrichten, damit er selbst entwickeln und vergrößern konnte. Gerade fiel Abschaffel ein – auf der Fotografie des Büros war es gerade friedlich und still: Fräulein Schindler aß ein kleines Stück Wassermelone, Frau Schönböck putzte ihr Telefon –, es fiel ihm ein, daß alle seine Jugendwünsche (das Aquarium ausgenommen) darauf hinausliefen, sein ganzes Leben mit einer einzigen Maßnahme richtig zu regeln. Offenbar hatte er als Kind geglaubt, man müsse unter einer Vielzahl von falschen nur den richtigen Wunsch haben, dann sei man gerettet. In der Reihe der lebensregelnden Jugendwünsche war der Fotoapparat die letzte Station. Er las Fotozeitschriften und suchte in der Zeitung nach Kaufangeboten, in denen vielleicht ein gebrauchter Apparat günstig angeboten wurde. In dieser Zeit erfuhr ein Onkel von seinem Wunsch, und der Onkel sagte, er hätte einen gebrauchten Fotoapparat, und er würde ihm den Apparat schenken. Es sei nur eine kleine Reparatur nötig, dann sei der Apparat wie neu. So dicht war eine Wunscherfüllung niemals zuvor an ihn herangekommen. Er gab alle Versuche, selbst zu einem Apparat zu kommen, sofort auf, und wartete auf das Geschenk des Onkels. Und wirklich, der Onkel hatte nicht geschwindelt. Abschaffel brachte den Apparat schon einen Tag später zur Reparatur. In zehn bis vierzehn Tagen sollte er fertig sein. Nach Ablauf dieser Frist sagte der Händler, die Reparatur sei ungewöhnlich schwierig. Es sei ein Ersatzteil nötig, das er nicht vorrätig habe, er müsse es erst beim Werk bestellen. Es entstanden dadurch drei bis vier Wochen neue Wartezeit. Und als Abschaffel danach erneut bei dem Fotohändler erschien, mußte er hören, daß das Herstellerwerk das gewünschte Ersatzteil nicht mehr liefern könne, weil dieser Fotoapparat nicht mehr gebaut werde.

So erhielt Abschaffel nach mehreren Wochen, in denen er sich bereits beschenkt und erfüllt geglaubt hatte, den Apparat als wertloses Ding zurück. Nach dieser Versagung hatte er nicht mehr die Kraft, sich noch einmal einem neuen Wunsch zuzuwenden. Er war so beeindruckt von dieser Niederlage, daß er sie sogar dem Onkel verheimlichte. Er sagte ihm ein- oder zweimal, der Apparat werde noch immer repariert, bis der Onkel selbst nicht mehr daran glaubte. Er nahm wahrscheinlich an, Abschaffel hätte den Apparat vielleicht verloren oder verkauft, und aus Taktgefühl kam der Onkel nicht mehr auf sein Geschenk zurück.

Er konnte sich nicht erinnern, nach dem Fotoapparat noch einmal etwas gewünscht zu haben, was er auf ähnliche Weise mit der Fügung seines Lebens in Verbindung gebracht hätte. Ob er, wenn er damals einen Fotoapparat gekriegt hätte, heute ein selbständiger, vielbeschäftigter, vielleicht sogar berühmter Fotograf geworden wäre? Wie kranke Gespenster tauchten solche Fragen auf. Oder sollte er sich gar heute einen Fotoapparat kaufen und es noch einmal versuchen? Nein, das ging auch nicht. Zu späte Wunscherfüllung war eben keine Wunscherfüllung mehr. Die Erfüllung wäre nur eine Erinnerung an einen alten Wunsch gewesen, der verletzt worden war, weil er so lange unerfüllt blieb. Deswegen wandelte sich zu späte Wunscherfüllung in Enttäuschung um.

Oder vielleicht doch nicht? Er wollte gerade anfangen, diese ihn innerlich schmerzenden Vorgänge von einem anderen Ende her noch einmal durchzudenken, da klingelte das Telefon auf seinem Schreibtisch. Sofort richtete sich sein Gesicht auf, seine Augen kamen nach vorne, sein Oberkörper reckte sich. Er war wieder da. Am Telefon war Margot. Er bemerkte, daß sie von einer Telefonzelle aus anrief; darüber war er erleichtert, weil dies bedeutete, daß sie nicht allzulange reden würde. Alles, was sie sagte, entgeisterte ihn; er glaubte, so einfach könne gar nichts sein. Bist du heute abend zu Hause? sagte sie. Ja, sagte er. Ich will zu dir kommen, sagte sie. Ja, gut, komm nur, sagte er. Soll ich Wein mitbringen? fragte sie ihn mit fast unbegreiflicher Munterkeit. Nein, sagte er, ich kaufe selbst Wein ein. Aber nicht den billigen, sagte sie, dann krieg ich morgens mein Kopfweh nicht weg. Nein, sagte er, ich kauf guten Wein. Gut, ja, sagte sie. Er überlegte, was er ihr noch sagen könnte. Sollte er ihr die Geschichte vom Kopiergerät der Firma erzählen? Oder die Sache mit den Rollstühlen? Margot war schon längst wieder am Reden, aber sie streute in ihr Sprechen schon ein, daß sie gleich auflegen werde. Ich komm gegen acht, sagte sie. Du kannst auch früher kommen, sagte er. Also gut, rief sie, bis später.

Er war leicht benommen von diesem kurzen, heftigen Gespräch. War Margot nicht erst vor Tagen bei ihm gewesen? Er wußte nicht, ob er sie eigentlich heute abend sehen wollte oder nicht. Er schämte sich, weil er so wenig zu sagen gewußt hatte, und er kam auf den Gedanken, sich für künftige, überraschende Anrufe von Margot ein Zettelchen mit zwei oder drei Stichworten vorzubereiten, von dem er jederzeit ein Gesprächsthema ablesen konnte. Kaum hatte er aufgelegt, versuchte er sofort wieder, in seinen vorigen Erinnerungszusammenhang zurückzukehren. Er hatte doch nachgedacht über seine Jugendwünsche und ihre Nichterfüllung, aber wie war das genau? Und er bemerkte, daß er sich jetzt nicht mehr mit der gleichen Genauigkeit erinnern konnte wie vorher. Der ganze Wunschkomplex war zurückgetreten nach irgendwohin. Zerstreut blickte Abschaffel in die Gesichter der Kollegen und zupfte sich an den Augenbrauen.

Durch das Verschwinden seiner eigenen Gedanken hörte er plötzlich wieder, was im Büro geredet wurde. Fräulein Zittel sagte, daß sie Fertigpuddings nicht leiden konnte, weil man sie immer aus ihren Plastikbechern herausessen müsse. Dieses Detail drang mit einer nicht geahnten Kraft in seinen Kopf und veranlaßte ihn wieder, sofort an etwas zu denken, was nichts mit dem Büro zu tun hatte. Heute sehnte er sich mehr nach dem Feierabend als sonst. Im Augenblick war er sogar froh darüber, daß Margot ihn heute abend besuchte. Dieses Glück blieb ihm eine Weile erhalten, und er ging dazu über, an Margot zu denken. In Margot kannte er jemanden, dessen Anwesenheit ein Angebot war, den Alltag langsam akzeptieren zu lernen. Margot war das Normale; sie war etwas, womit man das Leben hinbringen konnte, ohne es besonders zu spüren, und das wäre vielleicht auch für Abschaffel das Erreichbare gewesen. Sie hatte ihm schon vieles beigebracht, ohne daß er es im einzelnen bemerkt hatte. Morgens, wenn sie zusammen frühstückten, kochte sie zwei weiche Eier, die, wenn sie auf den Frühstückstisch kamen, auch wirklich weich und warm waren. Denn Margot war es gewesen, die eines Tages eine Eieruhr für seinen Haushalt mitgebracht hatte, die pünktlich nach fünfeinhalb Minuten Kochzeit läutete. Und Margot war es gewesen, die, bevor sie die Eier mit einem Suppenlöffel ins kochende Wasser einlegte, sie mit einer Stecknadel anstach, so daß die Schalen während des Kochens nicht aufplatzten. Und Margot war es gewesen, die die Eier, nachdem sie genau fünfeinhalb Minuten gekocht hatten, ganz kurz in kaltes Wasser eintauchte, was Margot »abschrecken« nannte. Er lachte über dieses Wort und fand es seltsam, daß man Eier abschrecken konnte. Er vergaß im übrigen, daß er all diese Fertigkeiten schon längst nachahmte, und darin war immerhin eine Art von Dankbarkeit erkennbar.

Wenig später, nach Feierabend, beschloß er, heute nicht mit dem Bus zu fahren, sondern zu laufen und weiterhin an Margot zu denken. Er fand selbst, daß er selten so gut von ihr dachte wie an diesem Feierabend, und er wollte sich diese Gelegenheit noch eine Weile erhalten.

Darin ging er heute sogar so weit, daß er sich plötzlich beschuldigte, Margot gegenüber vielleicht zu versagen. Sie half ihm, das Unausweichliche erträglicher zu machen, und sein Versagen konnte darin bestehen, daß er sie nicht fester an sich band. Alles, was sie in sein Leben einbrachte, nahm er zwar äußerlich an, aber zugleich wies er Margot innerlich ab. Er war davon überzeugt, daß sein Leben unter dem Zeichen einer grundsätzlichen und unaufhebbaren Benachteiligung stand, und in dieser Lage waren kleine Verbesserungen von der Art, wie Margot sie einführte, vielleicht angenehm, aber unannehmbar. Und Margot war in der Lage, ganze Serien von häuslichen Annehmlichkeiten zustande zu bringen, die über Stunden hin haltbar waren. Er bemerkte dann nicht mehr, daß ihm sein Leben an der Seite von Margot eigentlich gefiel. Und solange Margot bei ihm war, gelang ihm auch die Distanzierung von ihr nicht. Erst wenn sie seine Wohnung verlassen hatte, schoß ihm die Ablehnung mit enormer Kraft in den Kopf. Dann verstand er selbst nicht, warum er das, was ihm eben noch gefallen hatte, so sehr ablehnte. Und weil er nicht darin geübt war, solche Widersprüche zu erkennen noch sie zu verstehen, noch weniger sie zu akzeptieren, dachte er dann, um sich zu erleichtern, in ganz einfachen Gegenüberstellungen. Margot war dann eine gutmütige Person, er ein hinterhältiger Feigling. Das war oft das erbärmliche Ergebnis, das ihm sein Kopf von all den Überforderungen übrigließ.

Diesmal kam es nicht soweit mit ihm. Er war in der Innenstadt angekommen, und rechtzeitig, bevor ihn sein Kopf in eine elende Figur umphantasierte, wurde er abgelenkt. Mit anderen Personen beobachtete er die Flucht eines älteren Mannes vor zwei Verkäufern in weißen Kutten. Abschaffel war dankbar, etwas Fremdes beobachten zu können. Er genierte sich nicht, stehenzubleiben und durch das Stehenbleiben zu einem bloß bornierten Zuschauer von anderen Menschen zu werden. Der alte Mann wurde nach kurzer Flucht von den beiden Verkäufern gestellt. Sie rissen an seinem Popelinemantel und hielten ihn an den Armen fest; der alte Mann wehrte sich, aber seine Lage war aussichtslos. Vermutlich hatte er etwas gestohlen. Die beiden Verkäufer redeten in schlechtem Deutsch auf den Mann ein, der aus Scham die Augen zusammenkniff. Die Verkäufer waren klein und dunkel, wahrscheinlich Ausländer. Der alte Mann wehrte sich immer noch, aber es war wie das Zucken eines Fischs, den man bereits in der Hand hält. Die beiden Verkäufer führten ihn ab in ein nahes Geschäft, und Abschaffel gehörte zu den Zuschauern, die sich draußen an der Schaufensterscheibe aufstellten und noch immer nicht von der Beobachtung des alten Mannes ablassen wollten. Im Geschäft wurde er von einem riesigen Deutschen empfangen, der ihn auf einen Stuhl drückte. Der Deutsche, vermutlich der Inhaber oder Geschäftsführer, ließ sich den Personalausweis geben und beauftragte einen der Ausländer, die Polizei zu holen. Die Scham des Mannes, in seinem Alter noch bei einem Diebstahl erwischt worden zu sein, vergrößerte sich noch durch das Lob, das der deutsche Geschäftsführer dem zurückgebliebenen Ausländer für seine Tüchtigkeit spendierte. Der alte Mann öffnete sein Gesicht nicht mehr. Er sah jetzt aus wie ein Indianer. Da erschien der zweite Ausländer mit einem Polizisten. Gemeinsam standen sie um ihn herum und verurteilten ihn.

Abschaffel empfand nicht, daß es nicht menschlich sei, die Scham eines anderen Menschen anzusehen. Nach einer Weile ging er einfach weg. Er überlegte, wie er sich benehmen würde, wenn er erwischt würde. Sonderbarerweise interessierte ihn diese Möglichkeit auch nicht. Wenn er in einem Geschäft etwas mitnahm, geriet er in dieses weiche Selbstgefühl hinein, das nach einiger Zeit wieder nachließ, und mehr interessierte ihn nicht. Er würde, stellte er sich vor, gespielt apathisch auf einem Stuhl sitzen, alle Fragen beantworten und nach Hause gehen. Er bemerkte nicht, daß ihn die Beobachtung dieses Vorfalls selbst dazu gebracht hatte, nicht mehr stehlen zu wollen. Jedenfalls sagten alle seine Stimmungen, die er nun hatte, jeden neuen Diebstahl kategorisch ab. Als er in der U-Bahn saß, erschrak er. Zwei Kontrolleure kämmten die Bahn durch. Sie waren eingestiegen wie gewöhnliche Fahrgäste, wie sie es immer machten, einer vorne und einer hinten, und als die Wagentüren zugeschnappt waren, verlangten sie laut nach den Fahrscheinen. Zum Glück wurde niemand beim Schwarzfahren erwischt, und schon zwei Stationen weiter stiegen die Kontrolleure wieder aus. Trotzdem war Abschaffel erschrocken. Das Gesetz war geheimnisvoll. Wer seinen Zugriff bei anderen beobachtet hatte, fühlte sich schon selbst schuldig. Und wer nichts begangen hatte, mußte hinterher das Gefühl ertragen, dennoch bei etwas erwischt worden zu sein. Schon der Anblick eines Polizisten war eine Anspielung auf eigene Schuldbereitschaft. Wie leicht ist es, alle und sich selbst immerzu schuldig zu halten, dachte er ganz weich und aufgelöst im Kopf.

Er wollte, als er aus der U-Bahn stieg, rasch nach Hause. Vorher noch zwei Flaschen Rotwein kaufen, das war alles. Aber der Supermarkt an der Ecke, der gewöhnliche, seit Jahren unauffällige Supermarkt, war geschlossen. Abschaffel ging näher heran an die Schaufenster, die von hinten mit grauem Papier abgedeckt waren. An zwei Stellen der Schaufensterfront stand groß geschrieben: HIER ERÖFFNET SCHUSSLER & ROTT DEMNÄCHST EINE NEUE FILIALE! Der Supermarkt war verkauft worden, und die neuen Besitzer bauten den Laden zur Zeit um. Innen war Licht, und Abschaffel ging mit dem Gesicht nahe an die Schaufenster heran. Und er sah durch einen freien Spalt eine ganze Mannschaft von Umgestaltern bei der Arbeit. Offenbar wollten Schussler & Rott alles anders machen. Unerklärlicherweise fühlte sich Abschaffel dadurch ein wenig niedergeschlagen. Er ging weiter, weil er den Rotwein woanders kaufen mußte, und beim Weitergehen bildete er sich ein, mitschuldig am Verkauf des Supermarktes zu sein. Es war ihm eingefallen, daß er in dem alten Supermarkt öfter gestohlen hatte, und er glaubte für ein paar Minuten, der vorige Besitzerkonzern habe den Supermarkt nur deswegen verkauft, weil sie gegen die Diebstähle keine Handhabe mehr gewußt hatten. Er stellte sich tatsächlich vor, wie der Filialleiter vor den Konzern zitiert worden war und wegen der laufenden Diebstähle zurechtgewiesen wurde. Abschaffel brauchte drei Minuten, bis er diesen Gedanken wieder zersetzt hatte, und er brauchte weitere drei Minuten, bis er seine Zersetzung glaubwürdig fand. Das bißchen Kaffee, die eine oder andere Flasche Cognac oder die Zahnpasta, die er in großen Abständen hatte mitgehen lassen, konnten doch einen Supermarkt nicht ruinieren. Lächerlich, sagte Abschaffel laut auf der Straße, wie lächerlich. Oder vielleicht doch nicht? Immerhin mußte er annehmen, daß viele Kunden klauten, und wenn nur die Hälfte von ihnen so geschickt war wie er selber, fehlten jeden Tag sicher hundert Mark, vielleicht sogar mehr. Über diesen Gedanken zog das Schuldgefühl wieder zur Hälfte in ihn ein. Es war sehr unangenehm, zur einen Hälfte etwas zu glauben, zur anderen Hälfte auch wieder nicht.

In einem kleinen Geschäft hatte er zwei Flaschen Rotwein gekauft und war sein Schuldgefühl immer noch nicht los. Er sah Hauswände hoch und wieder herunter, und kurz bevor er nach Hause kam, sah er einen kleinen, wohl kranken, offenbar nur heute zu Hause gebliebenen Schuljungen im Schlafanzug auf einem Fensterbrett sitzen. Er saß dicht hinter der Scheibe und sah auf die Straße herunter. Das gefiel ihm gut. Um auf andere Gedanken zu kommen, nahm er sich vor, sich demnächst selbst auf ein Fensterbrett seiner Wohnung zu setzen und auf die Straße zu schauen. Allerdings müßte es dann in der Wohnung gut warm sein. Und hatte er denn einen solchen Schlafanzug, wie der Junge einen gehabt hatte? Abschaffel schlief gewöhnlich in seiner Unterwäsche. Sollte er sich einen Schlafanzug kaufen oder nicht? Tatsächlich gelang es Abschaffel, sich mit solchen Überlegungen aus seinem eigenen Schuldvorwurf herauszuhalten.

Margot kam kurz vor acht. Er hatte ein paar Oliven auf den Tisch gestellt, einen Kanten weichen Käse, etwas Weißbrot und eine brennende Kerze. All das hatte er von ihr gelernt, und als sie das Arrangement auf dem Tisch sah, freute sie sich. Für eine halbe Stunde gelang es ihm sogar, Freude an der Unterhaltung mit ihr zu haben. Sie erzählte von ihren Eltern und Geschwistern. Während es ihm noch gefiel, was sie erzählte, fürchtete er bereits, daß es ihm gleich nicht mehr gefallen könnte. Er spielte in der Hosentasche mit einer Büroklammer, er bog sie auseinander und wollte das nun gerade gebogene Stück Draht um seinen Zeigefinger wickeln, und an der Intensität, mit der er sich diesem Vorgang widmete, konnte er leicht bemerken, daß sein Interesse an der Unterhaltung bereits am Verschwinden war. Dabei war es erst halb zehn, und die Vorstellung, daß Margot vielleicht noch eine Stunde weiterredete, erfüllte ihn wieder mit einer tiefen Überzeugung: daß er Margot nicht sagen konnte, wer er sei. Es war unmöglich. Die Fenster waren geöffnet, draußen war sommerlich warmes Wetter, und an den Wänden in Abschaffels Zimmer flogen Schnaken und Nachtfalter entlang, und es dauerte ganz lange, bis Abschaffel denken konnte: Aha, es ist Sommer, das Ungeziefer fliegt herein. Seine Unfähigkeit, an der Unterhaltung ein haltbares Interesse zu finden, machte ihn außen und innen ganz trocken. Er wollte ununterbrochen sagen, es müsse endlich von den wirklich wichtigen Dingen geredet werden, aber er konnte selbst nicht sagen, was denn wichtig sei. Darum glaubte er wieder, er wolle lediglich vor sich selbst verschleiern, daß er mit Margot nur noch ins Bett wollte und sonst nichts mehr. Die Idee, daß es den Menschen besser geht, wenn sie einander ihre Probleme mitteilen, gehörte nicht mehr zu seinen Überzeugungen. Jeder Mensch war durch sich selbst genug gehindert, und es hatte keinen Sinn, in einem Kopf auch noch die Leiden einer zweiten Person auszubreiten. Abschaffel bemerkte, daß er Margot Verhaltensweisen anlastete, die ihr nicht anzulasten waren. Sie war niemals davon ausgegangen, daß es den Menschen bessergeht, wenn sie Paare bilden. Aber warum war er dann tief innen so ergrimmt und wütend und außen so erschöpft und gelangweilt? Er sah Margot direkt an, weil er glaubte, dadurch am ehesten seine verschwundene Teilnahme kaschieren zu können. Sie trug ein leichtes Trägerhemdchen, das die Schultern und Arme frei ließ. Er betrachtete Margots Busen, der unter dem Trägerhemd nur oberflächlich versteckt schien. Margot redete weiter. Nie bemerkte sie, wenn er sich in sich selbst zurückzog. Er stand auf und holte die zweite Flasche Rotwein, und als er an Margot vorüberging, faßte er ihr an den Busen. Margot reagierte sofort; sie zog Abschaffel zu sich herunter, und für ein paar Augenblicke lehnte sein Kopf an ihrem Oberkörper.

Ich habe meine Tage, aber ich möchte trotzdem gestreichelt werden, sagte sie. Dann leg dich aufs Bett, sagte er, ich komme gleich.

Als er zurückkam mit der Flasche, lag Margot auf dem Bett. Sie hatte eine Lampe ausgeschaltet, so daß nur noch die Kerze brannte. Abschaffel legte sich neben Margot und streichelte sie. Sie zog sich das Hemd aus und den leichten Büstenhalter, und Abschaffel fuhr mit der Hand über ihren Körper. Ich habe zuviel Wein getrunken, sagte sie. Das macht nichts, sagte er, der Wein ist gut. Und wirklich wurde Margot ruhig, als er dazu überging, ihr mit regelmäßigen Bewegungen den Rücken zu streicheln.

Abschaffel dachte an das Büro. In der Kantine hatte es heute, wie immer, zwei Gerichte gegeben, ein billiges und ein teures. Das billige war heiße Lyoner mit Bratkartoffeln und Senf, es kostete drei Mark. Das teure war ein Pastetchen mit Reis und Salat, das fünf Mark kostete. Auf dem Gang zur Kantine hatte Hornung der Gruppe, in der er sich befand, spaßhaft gesagt, daß er heute nur zwei Mark in der Tasche hätte. Frau Schönböck und Fräulein Schindler griffen fast gleichzeitig zu ihrem Geldbeutel. Schließlich erhielt er von Frau Schönböck die fehlende Mark. Am Tisch herrschte Schweigen. Hornung aß Lyoner mit Bratkartoffeln, und alle am Tisch dachten darüber nach, wie es möglich sein konnte, daß ein erwachsener Mann nur zwei Mark in der Tasche hatte. Hornung war als erster mit Essen fertig gewesen, und wie ein Kind, das von der Idee nicht loskommen kann, durch die Anmeldung von Hunger auf sich hinzuweisen, sah er auf die Teller der anderen. Fräulein Schindler hatte sich die Pastete mit Reis und Salat genommen, und Hornung hatte mit Blicken schon herausgefunden, daß Fräulein Schindler nur ein wenig Reis und Salat aß, die Pastete aber kaum anrührte. Und sie spürte, daß Hornung ihre Pastete haben wollte. Und alle anderen spürten, wie gern Fräulein Schindler Hornung die Pastete überlassen hätte, wenn sie nur gewußt hätte, wie sie die Übergabe anstellen sollte. Hornung hatte es wieder fertiggebracht, daß sich alle für ihn schämten. Die Pastete sieht heute gar nicht so verkommen aus wie der Fraß sonst, sagte er. Ich esse meine Pastete sowieso nicht, sagte Fräulein Schindler sofort. Deswegen habe ich es nicht gesagt, sagte Hornung auch noch. Aber wirklich, es macht mir gar nichts aus, hatte Fräulein Schindler gesagt und ihren Teller hochgehoben, und im nächsten Augenblick ließ sich Hornung die Pastete in den Teller kippen. Am Tisch breitete sich Niedergeschlagenheit aus. Jeder aß still vor sich hin. Hornung spürte, wie sehr sich die Traurigkeit auf ihn bezog, und er versuchte, ein paar peinliche Witzchen zu machen. Wer weiß, wie das Geschlechtsteil des Papstes heißt? fragte er. Niemand sagte etwas. Es war, als sei jeder am Tisch von Hornung in einen eiskalten Keller gestellt worden, bis zum Hals versunken in einem Dreck, der aus Scham bestand. Ist doch ganz einfach: Bimbam, sagte Hornung und blickte auf.

Die Niedergeschlagenheit war so nachwirkend, daß sie auf Abschaffel jetzt noch Einfluß hatte. Er führte seine Hand deswegen so gleichmäßig über Margots Leib, weil er mit seinem Kopf bei dieser rastlosen Trauerwiederholung war, aus der Hornungs Leben bestand. Margot bemerkte von alldem nichts, und sie fragte auch nicht, woran er gerade dachte. Vermutlich hätte er es ihr auch nicht gesagt. Bis sie sich plötzlich bewegte und sich in eine Stellung brachte, in der sie ihn streicheln konnte. Sie zog ihm das Hemd aus und fuhr mit ihren scharfen Fingernägeln über seinen Rücken. Es gefiel ihm, obwohl es ihn in Spannung versetzte. Er dachte schon wieder an Hornung. Was er jetzt machte? Wahrscheinlich mußte er wieder dummes Zeug machen, das war sein Schicksal. Margot zog Abschaffel die Hose aus und drängte ihn, sich auf den Rücken zu legen. Sie faßte ihm an das Geschlecht und begann, es ihm mit der Hand zu machen. Darauf war er nicht gefaßt; er hatte geglaubt, langsam neben Margot einschlafen zu können. Deswegen war er zuvor, ohne es sich bewußt gemacht zu haben, zu dieser Art von schläfriger Zärtlichkeit übergegangen, die nicht erregte, sondern eher angenehm müde machte. Statt dessen saß ihm Margot auf dem Unterleib und hatte die Hand an seinem Geschlecht. Offenbar war sie der Meinung, von ihm zuvor gut behandelt worden zu sein, und nun wollte sie sich revanchieren. Abschaffel legte sich den Arm über das Gesicht wie immer, wenn ihm das Geschlechtsleben zu naheging. Margot bewegte ihre Hand wie ein Mann. Er konnte kaum abwarten, bis es ihm kam, weil er unruhig darüber war, was mit dem Samen geschehen würde. Vorsichtshalber legte er die andere Hand in die Nähe des Geschlechts. Mit dieser Hand wollte er den Samen abfangen, wenn es soweit war. So geschah es auch wenig später. Margot stieg von ihm herunter, und Abschaffel erhob sich, um sich abzuwaschen. Laß es doch eintrocknen, sagte Margot, als er hinausging. Margot konnte mit dem männlichen Geschlecht fast besser umgehen als er selbst. Vollkommen stumm kam er aus der Toilette zurück. Er hatte sich gefragt, ob sein Gefallen an dieser Befriedigung wichtiger war als die einschränkenden Wirkungen der Scham, die dabei frei geworden waren. Diese ewigen Fragen an seinen Körper machten seinen Leib ganz dumm. Er legte sich neben Margot. Sie begann, ihm einen Film zu erzählen, den sie im Fernsehen gesehen hatte; sie erzählte ausführlich und setzte sich dabei im Bett auf, um einzelne Gesten der Darsteller besser nachahmen zu können. Wie immer, wenn der Same weg war, ermüdete Abschaffels Körper total. Die Müdigkeit nach dem Erguß war die größte, die er überhaupt kannte. Es war eine Folter, danach noch an irgend etwas teilnehmen zu müssen. Trotzdem strengte er sich ganz unsinnig an, nicht vor ihr einzuschlafen. Sie saß im Schneidersitz neben seinem liegenden Oberkörper und redete in sein schläfriges Gesicht. Auch seine fast ganz zugekniffenen Augen hielten sie nicht vom Reden ab.

In dieser Woche hatte Abschaffel Spätdienst. Er mußte ein bis eineinhalb Stunden über den Feierabend hinaus in der Firma bleiben, bis alle Waggons ordentlich verplombt und von der Bundesbahn abgezogen waren. Er lief in der Halle umher und kontrollierte die Verladearbeiten. Eigentlich sollte er die Arbeit nicht nur kontrollieren, sondern vielmehr beschleunigen, die Arbeiter antreiben und Verladefehler verhindern. Immer wieder kam es vor, daß eine Kiste, die nach München sollte, am nächsten Tag in Hamburg oder in Stuttgart ausgeladen wurde. Die einzelnen Verladezüge setzten sich aus vier oder fünf meist ausländischen Arbeitern zusammen, die von einem deutschen Vorarbeiter angeführt wurden. Der Vorarbeiter führte die Ladeliste, und er war verantwortlich für jedes falsch verladene Stück. Verladefehler entschuldigten die deutschen Vorarbeiter gewöhnlich damit, daß sie mit Ausländern arbeiteten. Die Fluktuation unter den Ausländern war stark. Oft waren sie nur einige Tage da und verschwanden dann wieder, als sie merkten, wie hart die Arbeit war. Es gab nur wenige, die länger blieben, zum Beispiel Sergio, der es sogar zum Vorarbeiter gebracht hatte. Ronselt gefiel es, die Arbeiter laut anzusprechen, wenn er Spätdienst hatte, obwohl es offensichtlich war, daß den Ausländern die Arbeit gleichgültig war. Wenn es Auseinandersetzungen gab, redeten sie sich gewöhnlich damit heraus, daß sie nichts von dem verstünden, was man ihnen sagte. Ronselt hatte den Verdacht, daß sie viel mehr verstanden, als sie zugaben. Wieviel sie wirklich verstanden, war ein beliebtes Thema im Büro. Abschaffel glaubte, daß sie nur wenig verstanden. Er meinte, daß sie deswegen so wenig lernten, weil die deutschen Arbeiter selbst kaum richtig miteinander sprachen. Unter den deutschen Arbeitern herrschte eine Art Brutalsprache, die sowohl knapp als auch klar war, wenn man davon ausging, daß kaum etwas im Leben der Rede wert war. Die beiden häufigsten Ausdrücke in dieser Brutalsprache hießen SCHEISSE und ALLES KLAR. Und tatsächlich wurden diese beiden Ausdrücke, weil sie so oft wiederholt wurden, von den ausländischen Arbeitern korrekt weiterverwendet. Aber Abschaffels Auffassung verbreitete sich nicht unter den Angestellten. Allgemein geläufig war die Vorstellung, daß die Ausländer aus Faulheit und Boshaftigkeit sich der deutschen Sprache verweigerten. Als Ausnahme galten die Italiener; tatsächlich nahmen sie viele deutsche Worte an, wenn auch in veränderter Form. Aus dem Wort Steuerkarte machten sie das Wort STEUERCARTA, und in schwierigeren Fällen, wie etwa bei Krankenkasse, übernahmen sie aus dem Deutschen die erste Hälfte KRANK, aus dem Italienischen behielten sie das Wort CASSA bei, so daß aus dem deutschen Wort Krankenkasse bei den Italienern Krankassa wurde. Das Wort KRANKASSA war eine Zeitlang so beliebt gewesen, daß sogar die Angestellten es übernahmen und jedesmal gelacht wurde, wenn es jemand aussprach.

Abschaffel kam aus der Halle zurück und setzte sich an seinen Schreibtisch. Bis zum Feierabend fehlte noch wenig mehr als eine Dreiviertelstunde. Der ganze Tag war sommerlich heiß gewesen. Wenn die nackten Unterarme von den Schreibtischen hochgenommen wurden, gab es jedesmal ein klebrig ziehendes Geräusch. Ronselt war in der Mittagspause in der Stadt gewesen und hatte sich einen Bademantel gekauft. Für neununddreißig Mark, sagte er. Der niedrige Preis war der Grund für die plötzliche Anschaffung gewesen. Seine Frau hatte die billigen Bademäntel am Tag zuvor in der Stadt entdeckt und es ihrem Mann gesagt. In einer großen Plastiktüte verpackt, lehnte der Bademantel an seinem Schreibtisch. Zum erstenmal in meinem Leben besitze ich einen Bademantel, hatte er gesagt. Er hatte seine Jacke ausgezogen und den Bademantel im Büro vorgeführt. Für neununddreißig Mark! rief er und lief ein paar Schritte auf und ab. Ronselt im blau-weiß gestreiften Bademantel. Die Lehrlinge hatten gekichert und einige Frauen vertraulich-freundlich gelacht. Der Abteilungsleiter Sammelausgang war zu Späßen aufgelegt. Ronselt, der Frühstückschampion, hieß es plötzlich hinten links im Büro, und Ronselt zog den neuen Bademantel wieder aus. Er hatte sich schnaufend gesetzt und sagte: Ich verstehe nicht, daß diese Dinge so billig sind. Die Bademäntel waren herabgesetzt, von fünfundneunzig auf neununddreißig. Diese Preise stehen in keinem Verhältnis mehr zu den Preisen, die man für die wirklich notwendigen Dinge im Leben bezahlen muß, oder? Wenn ein Bademantel neununddreißig Mark kostet, dann ist es unmöglich, daß ein Viertel Butter eine Mark achtzig kostet oder, noch unmöglicher, eine einzige U-Bahn-Fahrt eine Mark dreißig. Meine U-Bahn-Monatskarte kostet mich jetzt vierundsechzig Mark, erklärte er, das ist so teuer, daß ich gar nicht verstehen kann, daß man für hundertachtzig nach London fliegen kann und wieder zurück. Das muß man sich einmal vorstellen! hatte er ausgerufen. Den Flug, drei Tage Hotel mit Frühstück für hundertachtzig Mark, das gibt es. Aber so ist das eben in diesem Staat, sagte Ronselt. Alle, die mehr haben als das unbedingt Notwendige, leben relativ gut und billig, aber die, die gerade so eben auskommen, für die wird ein Viertel Butter fast zu einer Anschaffung. Das Einfachste ist das Teuerste bei uns, sagte er; im Ostblock ist es genau umgekehrt. Die lebensnotwendigen Dinge sind dort sehr billig, also Essen und Wohnen, und jeder Luxus ist teuer, fast unerschwinglich. Ein Eisschrank oder ein Auto ist eigentlich kaum zu bezahlen bei denen, sagte Ronselt, aber die Leute drüben können wenigstens die Reihenfolge verstehen, weil sie richtig ist. Aber bei uns? Es ist nicht zu verstehen, daß drei Tage London so billig sind, ein halber Liter Milch aber ein halbes Vermögen kostet.

An diesem Punkt hatte Ronselt aufgehört zu reden. Er zog sein Taschentuch, putzte sich die Nase und sah sich danach von allen Seiten den Rotz an, den er sich ins Taschentuch geschneuzt hatte. Abschaffel ekelte sich und wollte zuerst sogar aufstehen und kurz in der Toilette verschwinden. Er blieb, aber es war ihm nicht möglich, mit Ronselt eine Bademantelunterhaltung zu beginnen, obwohl er tiefes Verständnis dafür hatte, wenn Menschen die rätselhaften Absonderungen ihres Körpers betrachteten. Aber vielleicht war es auch so gewesen, daß Ronselt auf seine Komplimente für den Ostblock gar nicht genauer angesprochen werden wollte. Ronselt liebte es, gelegentlich etwas Ungewöhnliches zu sagen. Abschaffel glaubte, Ronselt wollte sich nur bitter vorkommen und darin auch nicht gestört werden. Ronselt hatte die Angelegenheit auch so dargestellt, daß nicht klargeworden war, ob er sich selbst zu denjenigen zählte, die sich nur das eben Notwendige leisten konnten, oder schon zu den anderen, die gut und billig lebten. Vermutlich wußte Ronselt das selbst nicht und schwankte von dieser zu jener Meinung und wieder zurück. Es war sogar möglich gewesen, daß er beide Meinungen von sich zugleich hatte und daß er sich gerade deswegen bitter vorkommen wollte. Immerhin handelte es sich um den ersten Bademantel seines Lebens. Und er hatte ihn sich nur gekauft, weil der geheimnisvolle Überflußkapitalismus ein launisches Sonderangebot hergerichtet hatte. Diese merkwürdigen Sonderangebote führten vielleicht überhaupt dazu, daß die Menschen nicht mehr wußten, woran sie sich halten sollten, ob sie arm waren oder reich oder mal dieses und dann wieder jenes.

Weil Abschaffel am Nachmittag nicht auf Ronselts Bademantelrede eingegangen war, hatte Ronselt offenbar beschlossen, für den Rest dieses Nachmittags zu schweigen. Überhaupt hatte niemand so richtig seinen Bademantel würdigen wollen. Tatsächlich war diese Zurückhaltung kaum zu verstehen. Wenn Fräulein Schindler eine neue Handtasche hatte, dann redete Frau Schönböck eine Dreiviertelstunde über Handtaschen. Wenn Hornung sich ein billiges Sommerhemd gekauft hatte, dann zwang er die Kollegen, an einer Sommerhemdunterhaltung teilzunehmen. Nur wer, wie Ronselt, das Pech hatte, ihm, Abschaffel, gegenüberzusitzen, ging leer aus. Genaugenommen war es Abschaffel nicht möglich, über Bademäntel zu sprechen. Tief innen war er sogar der Meinung, jemand, der ihn veranlassen wollte, über Bademäntel zu sprechen, müßte dafür bestraft werden. Und tatsächlich, als sich Abschaffel, was er selten machte, eine Coca-Cola aus dem Automaten holte und mit frisch geöffneter Flasche an seinen Platz zurückkehrte, fiel ihm ein, daß Ronselt viel öfter Coca-Cola trank als er. Abschaffel hätte ihm eine Flasche mitbringen können. Damit hatte er immerhin eine kleine Strafe für die wirre Bademantelrede zustande gebracht. Dieser Ronselt bildete sich doch tatsächlich ein, am Beispiel eines Bademantels zugleich über Butter und Kommunismus und Flugreisen reden zu können. Ein großer Zauberer hätte erscheinen und diesen Ronselt in einen Regenwurm verwandeln müssen.

Ronselt hielt durch, bis zum Feierabend kein Wort mehr mit Abschaffel zu sprechen. In wenigen Minuten war der Bürotag zu Ende. Abschaffel spürte, seine Colaflasche austrinkend, daß Ronselt ihn für einen Mistkäfer hielt. Ronselt hatte schon seinen Schreibtisch aufgeräumt und seine Arbeitsutensilien in die für ihn richtige Reihenfolge nebeneinander geordnet; ganz links der Locher, daneben die Schere und die Leimflasche, dann der Büroklammerbehälter und der Notizblock und ganz rechts das Glasgefäß mit den Kugelschreibern und Bleistiften. Die Handrechenmaschine schloß er in den linken Seitenteil des Schreibtischs ein. Ronselt saß da und wartete die letzten drei Minuten ab. Er zeigte, daß es nicht die Firma war, die er so dringend zu verlassen wünschte, sondern den Kollegen von gegenüber. Ronselt war sonst nicht der Typ, der auf den Feierabend wartete. Für ihn war das Büro das Leben. Punkt siebzehn Uhr deckte er seine Schreibmaschine mit dem Plastiküberzug ab, nahm die Aktentasche und die Plastiktüte mit dem neuen Bademantel und verließ wortlos das Büro.

In weniger als einer Minute war der Großraum leer. Nur Abschaffel und ein anderer Angestellter aus der Lagerabteilung, der die Ankunft einer Lkw-Ladung mit Fernsehgeräten aus Stuttgart überwachen mußte, blieben zurück. Der Spätdienst würde Abschaffel heute nicht allzulange im Büro festhalten. Heute wurden nur die Sammelverkehre Düsseldorf und Aachen abgefertigt, und diese beiden Waggons waren schon zu zwei Dritteln geladen. Sergio war der Vorarbeiter des Düsseldorfer Waggons, und Sergio war zuverlässig und flink. Hartmann, der Vorarbeiter des Aachener Waggons, arbeitete nicht ganz so rasch, aber auch zuverlässig.

Im Büro war es still geworden. Ein junger Gärtner fuhr mit einem Stahlwagen umher und stutzte die Büropflanzen. Abschaffel sah ihm eine Weile zu, wie er welk gewordene Blätter und Stengel in den Wagen warf. Ajax plante schon lange, die echten Büropflanzen gegen falsche auszutauschen, weil ihm die Betreuung der echten Pflanzen inzwischen zu teuer geworden war. Alle zehn bis vierzehn Tage schickte die beauftragte Gärtnerei einen Gärtner zur Wartung des Bürogrüns. Viele der Pflanzen gingen laufend ein und mußten durch neue ersetzt werden. Außerdem benutzten viele Angestellte die großen Erdkübel als Aschenbecher; und als Ajax in einer scharf formulierten Aktennotiz die Verwendung der Erdkübel als Aschenbecher untersagte, gingen die Angestellten dazu über, ihre Kippen mit ausgestrecktem Zeigefinger tief in der Erde zu versenken. Natürlich blieben auch die versenkten Kippen der Gärtnerei nicht verborgen; wieder traf bei Ajax ein Beschwerdebrief ein, wonach es kein Wunder sei, daß die hochempfindlichen Pflanzen bei dieser dauerhaften Vergiftung der Erde immer wieder eingingen. Daraufhin drohte Ajax den Angestellten an, die echten Pflanzen bald gegen Plastikblumen auszutauschen. Das war der letzte Stand des Pflanzenstreits. Den Männern war die Angelegenheit gleichgültig, aber die Frauen kämpften für die Erhaltung der echten Pflanzen. Ajax und seine Referenten redeten immer wieder werbend davon, daß man die echten von den falschen Pflanzen sowieso nicht unterscheiden könne, noch nicht einmal aus fünf Zentimeter Entfernung. Die Frauen stießen kleine Schreie aus, wenn sie diese Meinung hörten, einige drohten sogar mit der Kündigung. Es war eine gespielte Drohung, die niemand ernst nahm. Überhaupt nahm niemand den Streit um die Pflanzen wirklich ernst; er war nur eine Gelegenheit, auf eine gespielte Weise gegensätzlicher Meinung sein zu können.

Außer dem jungen Gärtner liefen die Putzfrauen im Büro umher. Als Abschaffel beobachtete, wie sie die vollen Aschenbecher in einen kleinen Eimer schütteten, hatte er den Einfall, den Inhalt von ein oder zwei vollen Aschenbechern komplett etwa eine Handbreit tief in einem der Pflanzenkübel zu versenken. Er mußte leise kichern, als er sich das wochenlange Hin und Her mit Auftritten, Besprechungen und Briefwechseln vorstellte, das sich nach der Entdeckung der Kippen sicher entwickelte. Aber wessen Aschenbecher sollte er dazu nehmen? Genaugenommen mußte er, überlegte er, Kippen von draußen mitbringen, noch dazu Kippen einer Marke, die niemand rauchte, so daß niemand im Büro in Verdacht geraten konnte. Wenn so viele Kippen auf einmal entdeckt würden, dann hieß das, daß Ajax endgültig die Pflanzen entfernen ließ. Abschaffel dachte noch eine Weile über seinen Plan nach, aber er spürte bereits, daß die Lust an der Ausführung rasch nachließ, und darüber ärgerte er sich. Warum hatte er so oft Einfälle, die sich nach kurzer Überlegung als töricht und unvernünftig herausstellten? Er wollte, indem er einen Aschenbecher voll mit Kippen versenkte, ein Geheimnis schaffen, über das alle Kollegen rätseln mußten. Nur er, als einziger, sollte von der Harmlosigkeit des Geheimnisses wissen. Nein, es war alles ein großer Quatsch und kein Geheimnis. Abschaffel spürte, daß er bald aus diesem Büro herausmußte, wenn er nicht noch mehr Quatsch denken wollte; aber so war es manchmal, wenn die Tage zu lange dauerten.

Da kam schon Sergio und kurz nach ihm Hartmann, und beide meldeten den Abschluß der Ladearbeiten an ihren Waggons. Abschaffel ließ sich von beiden Waggons die Tonnage geben. Er tippte die Frachtbriefe zu Ende und rief die Bundesbahn an, damit die fertigen Waggons abgezogen wurden. Es war siebzehn Uhr fünfundvierzig, und damit war Abschaffels Dienst beendet. Eigentlich sollte er warten, bis er den Abzug der Waggons mit eigenen Augen gesehen hatte, aber darauf wollte er heute verzichten. Die Schlußtonnage beider Waggons mußte er auf einen Zettel schreiben und den Zettel auf den Schreibtisch des Verkehrsreferenten legen, weil der Verkehrsreferent über die Entwicklung aller Sammelverkehre eine Statistik führte. Abschaffel legte den Zettel beim Referenten ab, und dabei entdeckte er die maschinengeschriebene Umschlagseite eines Ordners. GESTALTUNG DES ARBEITSPLATZES lautete die in Versalien gesetzte Überschrift. Abschaffel blieb noch einige Augenblicke stehen und las auf der unteren Hälfte der Umschlagseite:

DIESER BERICHT WURDE IN INSGESAMT FÜNF EXEMPLAREN HERGESTELLT. DREI EXEMPLARE BEHÄLT DER AUFTRAGGEBER, ZWEI EXEMPLARE BLEIBEN IM ARCHIV DES INSTITUTS. DIESER BERICHT TRÄGT DIE NUMMER 1.

Sofort war Abschaffel erregt. Obwohl er wußte, um was es sich bei diesem Ordner handelte, tat er vor sich selbst so, als hätte er soeben die Firma dabei überrascht, wie sie das Personal hinterging. Es war entsetzlich. Wenn sich Abschaffel erinnert hätte, daß er noch vor knapp einer Viertelstunde, im Zusammenhang mit der Versenkung von Kippen, aus Übermüdung und Überdruß eine Menge Quatsch gedacht hatte, dann hätte er sich vielleicht sofort vernünftiger verhalten können. Aber weil die Angestellten den großen und wirklichen und einzigen Grund für ihre Existenz nicht finden konnten, stürzten sie sich oft auf kleine und kleinste Gründe, und wenn es nur ein Ordner war, hinter dem sie das Geheimnis ihrer Benachteiligung vermuteten.

Vor ein paar Wochen waren zwei ganz junge, unerträglich herausgeputzte Interviewerinnen eines Marktforschungsinstituts in der Firma erschienen und hatten jeden Angestellten nach der von ihm gewünschten Gestaltung seines Arbeitsplatzes gefragt. Auch Abschaffel war befragt worden. Jedes Interview, das während der Arbeitszeit gewährt wurde, dauerte etwa eine Viertelstunde bis zwanzig Minuten. Abschaffel hatte längst vergessen, was er geantwortet hatte. Er hatte sich darüber geärgert, überhaupt interviewt zu werden. Er hatte es beleidigend gefunden, weil er sich als Material mißbraucht fühlte. Noch mehr gestört hatte ihn aber der Anblick der Interviewerin, die er eine Viertelstunde neben sich hatte ertragen müssen. Ihr Gesicht war rosa eingepudert gewesen, die Haare fast glitzernd blond, der Mund schimmernd rot, und Abschaffels Antworten notierte sie mit Händen, an deren Enden sich tiefrote Fingernägel befanden, die weit über die Fingerenden hinausragten. Sie trug einen eng über die Brust gespannten weißen Pulli, und unter dem Pulli bildete sich ein trägerloser Büstenhalter ab. Eine Frau wie ein Lutscher. Es hätte gut zu ihr gepaßt, wenn man sie mit einem Zaubertrick auf die Größe eines Eis-am-Stiel hätte verkleinern können, um sie dann durch Lutschen restlos aufzulösen. Abschaffel hatte wieder nicht gewußt, ob er diese Frau begehren oder verachten sollte, und aus abwehrender Ratlosigkeit hatte er ihre Fragen nur nachlässig und unernst beantwortet.

Nun lag offenbar das Ergebnis der Befragung vor, und der Referent hatte vergessen, den Ordner mit nach Hause zu nehmen. Abschaffel nahm die Studie an sich und trug sie an seinen Arbeitsplatz. Er spürte, daß ihn die Studie nicht interessierte, aber er begann darin zu lesen, und er wußte sofort, daß er die rund vierzig Seiten hier nicht zu Ende lesen konnte. Er würde die Studie heute mit nach Hause nehmen. Der Referent kam sowieso immer später, und wenn er, Abschaffel, morgen etwas früher kam, konnte er den Ordner wieder unbemerkt an dieselbe Stelle zurücklegen. Er beschloß, sofort nach Hause zu gehen. Er kam sich raffiniert vor, sogar fast kühn. So etwas hatte er noch nie gemacht. Die Befriedigung über seine Kühnheit verschleierte nur, daß seine Neugierde auf die Studie schon erheblich nachgelassen hatte. Was sollte schon darin stehen? Die einen wünschten sich bequemere Stühle, die anderen größere Schreibtische. Als er das Büro verließ, hatte er sich vorgenommen, mit der Studie zu Hornung zu gehen und ihn zum Mitwisser zu machen. Hornung war der richtige Mann dafür. Etwas zu wissen, was die anderen nicht wußten, wirkte auf Hornung noch stärker als auf Abschaffel. Wann immer es ging, verschaffte sich Hornung Einblick in die Korrespondenz von anderen Kollegen. Offenbar kam er sich dadurch gesicherter vor. Manchmal erging er sich dann in Andeutungen, die einen Berg geheimen Wissens vermuten lassen sollten. Eine halbe Stunde später pumpte er einen achtzehnjährigen Lehrling wieder um zehn Mark an.

Zuerst wollte Abschaffel nach Hause gehen und Hornung von dort aus anrufen. Weil er schnell zu Hause sein wollte, fuhr er mit Bus und U-Bahn. Es war ein gewöhnlicher Dienstag, und Hornung würde sicher zu Hause sein. Abschaffel hatte ohnehin eine Art von Annäherung an Hornung geplant. Er schätzte Hornung seit einiger Zeit anders ein. Zu Anfang war Hornung für ihn ein armseliger Schwachkopf gewesen, ein Sozialkrüppel, von dem man sich am besten fernhielt. Das war er in den Augen von Abschaffel zwar immer noch, aber er war zugleich auch etwas anderes geworden, und dies fast nur durch die Redensarten und Sprüche, von denen Hornung offenbar einen endlosen Vorrat hatte. Besonders morgens hatte er seine beste Zeit. Gestern hatte er gesagt, als er am Morgen seine Aktentasche auf den Schreibtisch schlug: Was sind wir doch für blöde Hunde; jeden Tag, an dem wir neu in die Firma gehen, gehört uns frisch ins Kreuz getreten, aber es findet sich noch nicht einmal jemand, der uns jeden Tag ins Kreuz tritt. So etwas würde von Ronselt oder Schobert niemals kommen, von Abschaffel auch nicht. Ronselt sah sich sogar mißbilligend um und murmelte: Der hat’s grad nötig. Fräulein Schindler, die eine Abmagerungskur nach der anderen machte, was auf den dicklichen Hornung allein schon lächerlich wirkte, glaubte tatsächlich, durch ihre schlanke Figur die Welt jeden Morgen neu für sich begeistern zu können. Aber Hornung sagte zu ihr: Haben Sie gut geruht, Euer Merkwürden? Schönen Stuhlgang gehabt heute morgen? Hornung lachte laut, und Abschaffel freute sich im stillen. Heute, zur Mittagszeit, nannte sich Hornung überraschend Marquis de pommes frites. Alle mußten lachen, und Abschaffel hielt diesen Spruch für das Beste, was er je von Hornung gehört hatte. Einige lachten sogar so laut und lang, daß Abschaffel fürchtete, soeben sei der Spitzname für Hornung gemacht worden. Am Nachmittag hatte Abschaffel noch einmal über den Ausdruck nachgedacht. Etwas Hohes, gesellschaftlich Bedeutsames, die Bezeichnung Marquis, war mit etwas Niedrigem und Banalem, den Pommes frites, gekoppelt worden. Vielleicht sollte der Ausdruck bedeuten, überlegte Abschaffel, daß die niedrigen Personen, die Angestellten, Handlanger und Diensthabenden, eines Tages vielleicht die bedeutsamen Personen sind. Hatte Hornung das ausdrücken wollen? Vielleicht überlegte Abschaffel zuviel; möglicherweise hatte Hornung gar nichts ausdrücken wollen, aber wie kam dieser verschuldete Hornung dazu, mit dem Mund manchmal so lebendig zu sein?

Hornung freute sich, als Abschaffel anrief. Ja, gut, kommen Sie, sagte er; wann sind Sie da? In einer Stunde etwa, sagte Abschaffel, vielleicht auch etwas später. Hornung erklärte Abschaffel den Fahrtweg. Hornung wohnte in Frankfurt-Höchst. An der Hauptwache mußte er einmal umsteigen, dann konnte er durchfahren bis Höchst. Eine gute Dreiviertelstunde brauchen Sie, bis Sie hier sind, sagte Hornung, das zieht sich lang hin. Bringen Sie jemand mit? Nein, sagte Abschaffel, ich komme allein.

Abschaffel trank einen Rest Milch aus einer Papptüte und aß zwei Wurstbrote dazu. Dann nahm er den Ordner und ging. Er lief die Straße hinunter, in der er wohnte. In der Höhe der chemischen Reinigung konnte ein Autofahrer nur ganz dicht vor einem Kind halten, das auf die Straße gesprungen war. Das Kind war hingefallen, war aber nicht verletzt. Der Fahrer, ein junger Mann, stieg aus dem Wagen, blaß im Gesicht. Eine ältere Frau, die vielleicht die Mutter des Fahrers war, stieg ebenfalls aus dem Wagen. Sie ging sofort vor das Auto, hob das Kind auf und sagte: Das war nicht schlimm. Der Fahrer lehnte am Wagen und sagte nichts. Offenbar war das Kind ein Gastarbeiterkind. Einige ausländische Frauen waren aus den Häusern gekommen und erregten sich vor dem Auto. Alle redeten aufeinander ein, und die Begleiterin des Fahrers sprach am lautesten. Das Kind ist auf die Straße gesprungen, dazu können wir nichts, rief sie, und außerdem ist ja gar nichts passiert, was wollt ihr denn. Abschaffel sah auf den blassen Fahrer, und er wünschte sich, auch einmal einen solchen Schreck zu kriegen wie dieser Fahrer. Wahrscheinlich ist ein solcher Schreck die einzige Möglichkeit, mit gutem Gewissen eine Weile nichts tun zu müssen. Blutleer darf man irgendwo herumstehen. Aber ein solcher Schreck hielt auch nicht lange an, dann ging alles wieder weiter. Die Beifahrerin verachtete er; sie gehörte zu den vielen, die Unglücke durch Geschwätz bereinigen wollen. Endlich erschien die Mutter des Kindes, wahrscheinlich eine Griechin. Das Kind stürzte sich in die dunklen Tücher und Röcke der Mutter. Das Kind war schon vor dem Auto gewesen, ganz dicht sogar, es hatte schon die Gewalt des Metalls gespürt und den Geruch des Reifengummis eingeatmet, und aus all den fremden Drohungen war es mit einer schmerzenden Schulter und ein paar Schrammen ins Leben zurückgekehrt. Abschaffel beschloß, zur Feier der Harmlosigkeit des Geschehens in einer Bäckerei eine Marzipanrolle zu kaufen und sie auf der Stelle aufzuessen.

Die Bäckerei war in der Nähe; er ging nicht gerne in diese Bäckerei, weil ihn dort der Anblick eines vierzehn oder fünfzehn Jahre alten Mädchens niedergeschlagen machte. Das Mädchen saß gewöhnlich in einem Nebenraum, der vom Verkaufsraum aus einsehbar war, und schrieb an Schularbeiten. Sie saß mit einem Buckel an einem kleinen Holztisch, und sie sah jedesmal auf, wenn jemand den Laden betrat. Abschaffel war überzeugt davon, daß sie nicht gerne die Tochter des Bäckers war, und infolgedessen sah er den Bäcker, wenn er seiner ansichtig wurde, auch geringschätzig an. Aber als er diesmal die Bäckerei betrat, konnte er vor Verblüffung kaum seine Bestellung aussprechen. Das Mädchen saß nicht mehr mit krummem Buckel im Nebenraum, sondern es stand hergerichtet und aufgeputzt als Verkäuferin hinter der Theke. Sie hatte sich eine schimmernde Verkäuferinnenfrisur machen lassen, und sie trug eine frisch gebügelte gelbe Verkaufskutte mit braunen Ärmel- und Krageneinfassungen. Sie hatte sich die Lippen rot angemalt und war munter und freundlich. Geben Sie mir bitte eine Marzipanrolle, sagte Abschaffel tonlos, weil er immer noch darüber überrascht war, wie plötzlich sich etwas verändern konnte. Ganz langsam wurde ihm klar, daß die Einschätzung des Mädchens, die er monatelang gehabt hatte, falsch gewesen war. Sie hatte offenbar nie darunter gelitten, wie er geglaubt hatte, die Tochter eines Bäckers zu sein; im Gegenteil, sie hatte darunter gelitten, daß der Vater sie so lange gehindert hatte, sich als Tochter eines Bäckers zu zeigen. Das durfte sie jetzt erst, und Abschaffel ärgerte sich ein wenig, daß er den Augenblick ihrer Umwandlung vom Schulmädchen zur Verkäuferin verpaßt hatte. Es mußte einen bestimmten Tag gegeben haben, an dem ihr der Vater den Durchbruch zur Selbstdarstellung als Bäckerstochter endlich gestattet hatte. Sie wickelte sorgsam Abschaffels Marzipanrolle ein, die einsfünfzig kostete. Auf Wiedersehen, rief sie ihm nach, und draußen auf der Straße war Abschaffel gerührt über die Richtigstellung seiner Phantasien über die Bäckerstochter. Er hatte sich geirrt, sogar zweimal, und in beiden Fällen war die Wahrheit viel harmloser gewesen als seine Ängste! Einmal war ein gestürztes Kind vor einem Auto wiederauferstanden, zum anderen hatte sich eine bedrückte Schülerin in eine strahlende Bäckerstochter verwandelt. Er wickelte die Marzipanrolle aus der Verpackung, und mit vollen Backen biß er den kinderfaustgroßen Marzipanklumpen nieder. Er blieb sogar auf der Straße stehen und glaubte, sein kauendes, zufriedenes Gesicht nach allen Seiten zeigen zu müssen.

 

Hornung bewohnte mit seiner Frau und zwei Kindern eine Drei-Zimmer-Wohnung in Frankfurt-Höchst. Hornung war selbst an der Tür, als Abschaffel eintrat. Die Türen zu allen Räumen waren halb offen, und Abschaffel konnte sehen, daß es ein Schlafzimmer, ein Wohnzimmer und ein Kinderzimmer gab. Außerdem eine kleine Küche, ein Bad und eine Toilette. Das ist aber nett, sagte Hornung und führte Abschaffel ins Wohnzimmer. Er stellte seine Frau vor, die Abschaffel von ihrem Besuch im Büro schon kurz gesehen hatte. Um Hornung nicht zu kränken, tat er, als hätte er sie nie zuvor gesehen. Die Kinder, zwei Jungen von etwa sieben und neun Jahren, saßen vor dem Farbfernsehgerät und kauten, einen Tierfilm verfolgend, an ihren Fingernägeln. Es schien, als bemerkten sie den Besuch nicht. Frau Hornung trug eine Art Hauskleid. Sie saß in einem Sessel, aß ein Joghurt und sah ebenfalls in den Fernsehapparat. Außer der Polstermöbelgruppe mit zwei Sesseln und einer Couch gab es im Wohnzimmer noch einen kleinen Tisch mit drei Stühlen. Hornung bat, an dem kleinen Tisch Platz zu nehmen. Hornung stellte eine Flasche Wein und drei Gläser auf den Tisch. Abschaffel bemerkte, daß Hornung sich nicht recht traute, seine Frau an den Tisch zu bitten. Das dritte Glas war eine stumme Einladung. Frau Hornung erkundigte sich nach nichts. Wenn Hornung nicht gesagt hätte, daß er ein Kollege von ihm war, dann hätte sie die Ungeklärtheit des Besuchers auch nicht gestört. Ihre Haltung schien immer zu fragen: Was konnte mit ihm, Abschaffel, schon los sein, wenn er einen solchen Versager wie ihren Mann besuchte? Abschaffel wunderte sich, daß weder Hornung noch seine Frau den Kindern sagten, daß sie den Fernsehapparat ausschalten sollten. Erst nach einiger Zeit erkannte er, daß die vier Mitglieder der Familie Hornung darin trainiert waren, in ein und demselben Raum sowohl paarweise fernzusehen als auch paarweise miteinander zu sprechen. Je eindeutiger sich Frau Hornung dem Fernsehen widmete, desto rascher legte sich die anfängliche Unruhe der Unterhaltung zwischen Abschaffel und Hornung. Sie sprachen leise über die bevorstehende Einführung der Gleitzeit im Betrieb. Abschaffel selbst war es gleichgültig, ob die Gleitzeit eingeführt wurde oder nicht. Daß Mörst das durchsetzt, hätte ich ihm nicht zugetraut, sagte Hornung mit Lob in der Stimme. Ich auch nicht, sagte Abschaffel. Und wie hat sich Ajax gesträubt, sagte Hornung etwas lauter; ist ja klar, sagte er, die ganze Geschichte bringt ihm nur Kosten, er muß Steckapparate anschaffen und sie installieren lassen, er muß jedem einen Fotoausweis machen lassen, und er muß jemand einstellen für die laufende Überwachung und Bearbeitung. Das wird Ajax nicht tun, sagte Abschaffel, er wird die Arbeit einfach jemandem aufhalsen. Und wer soll das sein? fragte Hornung. Weiß ich nicht, antwortete Abschaffel, ich verspreche mir sowieso nichts davon. Ja, Sie, sagte Hornung, Sie sind allein, Sie haben kein Kind und kein Rind. Darauf kommt es in diesem Zusammenhang auch nicht an, antwortete Abschaffel; ich meine, die Arbeitszeit wird ja nur ein bißchen hin- und hergeschoben, aber an der Dauer selbst ändert die Gleitzeit ja nichts. Sicher, sagte Hornung, aber trotzdem sind Vorteile dabei; wenn Sie Familie haben wie ich und einmal über das Wochenende mit den Kindern und der Frau wegwollen, dann ist es ein Unterschied, ob ich samstags losfahre wie alle, oder ob ich die Woche über einen halben Tag vorschaffen und dann schon am Freitagmittag abhauen kann, sagte Hornung. Das stimmt, sagte Abschaffel. Eben, sagte Hornung, Prost. Und beide hoben sie die Gläser.

Abschaffel hatte keine Lust, weiter über dieses Thema zu reden, aber Hornung kam noch einmal darauf zurück. Seine Frau war gerade aus dem Zimmer gegangen, und Hornung beugte sich zu ihm herüber. Und wenn die Gleitzeit nur dazu gut ist, sagte er, daß man morgens, wenn die Kinder in der Schule sind, endlich mal wieder in aller Ruhe seine Frau stoßen kann. Hornung lachte still, und Abschaffel lachte mit und verachtete sich dafür. Frau Hornung kam zurück und setzte sich in den Sessel. Ich hab hier was mitgebracht, sagte Abschaffel und legte die Hand auf den DIN-A 4-Umschlag, in den er die Studie gesteckt hatte. So, machte Hornung. Eben noch wollte Abschaffel wahrheitsgemäß mitteilen, daß er die Studie vom Schreibtisch des Verkehrsreferenten mitgenommen hatte, um sie heimlich mit Hornung zu lesen. Aber dann log er eine Geschichte zusammen, von der er selbst vor fünf Minuten noch nichts gewußt hatte. Ajax hat eine Umfrage veranstaltet, aber ich bin nicht gefragt worden, sagte er. Was? fragte Hornung. Ja, sagte Abschaffel. Das ist ja ein Ding, sagte Hornung. Find ich auch, sind Sie denn befragt worden? Ja, sagte Hornung, zwei Mädchen waren im Büro, vor etwa drei Wochen oder so. Aber mich haben sie nicht befragt, sagte Abschaffel. Hatten Sie an diesem Nachmittag Hallendienst oder was? Vielleicht, aber irgendwann ist man ja wieder an seinem Schreibtisch. Meinen Sie, Ajax hat Sie absichtlich nicht fragen lassen? Nein, das glaube ich nicht, sagte Abschaffel, mein Gott, es ist mir auch nicht so wichtig. Beschweren Sie sich doch bei Mörst, sagte Hornung. Um Gottes willen, machte Abschaffel.

Er schämte sich und redete weiter. In jedem Augenblick wußte er, daß er log, und in keinem Augenblick wußte er, warum er log, auch noch so sinnlos und peinigend. Hornung schien sich nicht besonders für die Studie zu interessieren. Abschaffel sprach plausibel klingende, aus dem Nichts gegriffene Vermutungen über das Zustandekommen der Studie aus. Es war wie ein Zwang. Hatte ihn irgend etwas deprimiert? Schämte er sich, weil er sich überflüssig vorkam in dieser Familie? Wollte er sich hier wichtig machen? Endlich fragte Hornung, was denn bei der Studie herausgekommen war, und Abschaffel war froh, daß er mit dem Lügen aufhören konnte. Er zog den Text aus dem Umschlag und blätterte in den Seiten. Auf der Fahrt nach Höchst hatte er schon die wichtigsten Ergebnisse durchgelesen, und schon in der Bahn hatte er die Ergebnisse langweilig und nichtssagend gefunden. Auf der vorletzten Seite sind die Ergebnisse zusammengefaßt, sagte Abschaffel; hier, überraschend rangierte der Wunsch nach einer Uhr mit 64 Prozent vor Pflanzen mit 62,3 Prozent und Blumenvasen mit 50,8 Prozent, las er vor. Tatsächlich, sagte Hornung, die meisten wünschen sich eine Uhr? Ja, und je jünger sie sind, desto stärker wünschen sie sich eine. Aber es hat doch jeder eine Armbanduhr, sagte Hornung. Trotzdem, sagte Abschaffel, aber sie wollen auch eine große Uhr im Büro sehen. Dann fehlt nur noch die Feierabendsirene wie bei den Arbeitern, sagte Hornung, und Abschaffel lachte kurz. Am wenigsten gewünscht sind Abziehbilder, sagte Abschaffel, in Klammern 3,2 Prozent, dann Plüschtiere, in Klammern 3,0 Prozent, Jagdtrophäen, in Klammern 3,7 Prozent, Nippesfiguren, in Klammern 3,0 Prozent.

Na ja, sagte Hornung. Abschaffel klappte die Studie zu und steckte sie in den Umschlag zurück. Er hatte nicht mehr das Gefühl, etwas Kühnes vollbracht zu haben. Die Studie war langweilig und überflüssig. Der Tierfilm im Fernsehen war zu Ende, und eine Ansagerin kündigte den nächsten Beitrag an. Hornung und Abschaffel sahen nun auch auf den Bildschirm. Zweimal nacheinander ertönte ein Pausenzeichen, niemand rührte sich. Abschaffel fragte nach der Toilette, Hornung erhob sich und begleitete ihn zur Wohnzimmertür und zeigte ihm die Toilette. Für einige Augenblicke war Abschaffel allein auf dem Flur. Durch die Wohnzimmertür hörte er wieder das Geräusch von Fernsehstimmen. Zwei Bierkästen mit leeren Flaschen standen übereinander im Flur. Auf einer kleinen Kommode stand das Telefon, und es war eingenäht in eine Brokat-Imitation. Im Bad hingen, über der Wanne aufgereiht auf einer blauen Plastikkordel, ausgewaschene Brotplastikbeutel. Es waren die Beutel, in denen Hornungs Frühstücksbrote eingepackt waren. Wusch Frau Hornung tatsächlich Brotbeutel aus? Das Bad war so eng, daß sein Gesicht, als er auf der Toilettenschüssel saß, fast an die Tür heranreichte. An der Tür hingen aus Illustrierten ausgeschnittene, halb gelöste Kreuzworträtsel und Witze. Abschaffel sah auf den Boden. Er band sich die Armbanduhr ab, betrachtete sie eine Weile und band sie wieder an. Daran erkannte er endlich, daß er enttäuscht war. Er beschloß, nach Hause zu gehen. Er machte sich fertig und wusch sich die Hände. Auf dem Bord über dem Waschbecken standen zwei elektrische Zahnbürsten. Als Abschaffel sie sah, wandelte sich seine Enttäuschung in Hohn um. Diese Fernsehkrüppel, diese elenden, diese Wohnbüffel, schimpfte er still vor sich hin, als er sich die Hände abtrocknete. Sie sind kurz vorm Ersticken, aber sie nähen ihr Telefon ein und halten sich eine elektrische Zahnbürste in den Mund. Unwillkürlich gab er Hornung die Schuld an den Zuständen dieser Wohnung. Er bereute, Hornung besucht zu haben, und er ärgerte sich, daß er sich in ihm getäuscht hatte. Er hatte geglaubt, bei ihm zu Hause noch mehr von der Distanz zu spüren, die Hornung manchmal im Büro zeigte. Aber in der Wohnung gab es diese Distanz nicht, im Gegenteil, sie war eingehüllt in das Allgemeinste, in Bierkästen und Fernsehen, und zwei stumme Kinder saßen herum, die ihre Eltern vergessen zu haben schienen.

Abschaffel ging in das Wohnzimmer zurück. Es war kurz nach halb zehn. Hornung spielte mit einem elektrischen Taschenrechner. Im Fernsehen redeten drei Männer. Frau Hornung hatte den Platz gewechselt. Die beiden Kinder saßen halb im Sessel ihrer Mutter, halb auf der Mutter drauf. Eigentlich hatte sich Abschaffel sofort beim Eintritt in das Wohnzimmer verabschieden wollen, aber im Augenblick, als er die Familie Hornung sah, sank ihm der Mut, und er war gehemmt. Und er fürchtete, Hornung könnte bemerken, daß er im Bad den Entschluß zum Weggehen gefaßt hatte. Den hab ich mir vor drei Wochen gekauft, ein ausgezeichneter Rechner, sagte Hornung und zeigte seinen Taschenrechner. Und ganz billig, sagte er. Er gab Abschaffel den Rechner in die Hand, und Abschaffel tippte tatsächlich, um Hornung nicht zu kränken, eine leichte Addition in die Maschine. Hat nur neunundzwanzig Mark neunzig gekostet, sagte Hornung, im Kaufhof. Offenbar glaubte er, Abschaffel werde sich ebenfalls einen Taschenrechner anschaffen. Abschaffel überlegte, ob er vor sich selbst so weit gehen konnte, den Preis der Anschaffung ebenfalls zu loben, obwohl er den Taschenrechner und Hornung inzwischen verachtete. Hornung und der Taschenrechner waren zwei Dinge, die in ihrer langsam gemein werdenden Hilflosigkeit unbedingt zueinander paßten. Die teuren Taschenrechner sind gar nicht gut, hab ich gelesen, sagte Hornung; sie rechnen oft falsch, weil die eingebauten Winkelfunktionen nicht ganz genau abrufbar sind. Die billigen tun’s auch, sagte Hornung. Abschaffel gab Hornung das Gerät zurück und sagte: Ich werde mal langsam gehen. Er zog den Umschlag mit der Studie an sich und erhob sich. Jeden Samstag, wenn ich einkaufe, sagte Hornung, nehme ich den Taschenrechner mit in den Supermarkt. Ich tippe den Preis jedes Stücks, das ich in den Korb lege, in den Rechner, und vergleiche dann später meinen Endbetrag mit dem Kassenbeleg. Abschaffel nickte mehrfach verabschiedend zu Frau Hornung hin, und sie nickte zurück. Das hab ich jetzt zweimal gemacht, sagte Hornung, und beide Male hatte ich denselben Endbetrag wie die Kassiererin. Aber ich erwische sie schon noch, diese jugoslawischen Schicksen, wenn sie mich bescheißen wollen. Abschaffel sagte nichts mehr. Er lachte nur noch dünn und bewegte sich auf die Tür zu. Wenig später war er draußen.

Er ging zum Bahnhof Höchst, und während des Gehens vergaß er Hornung. Er saß im Gehäuse der überdachten Haltestelle und nahm sich mehrfach vor, Hornung nie wieder zu besuchen. Noch immer hatte er Lust, auf diese unfaßbar abwesende Frau Hornung einzuschlagen und ihre Kinder aus einem Fenster zu werfen. Er mußte nicht lange auf die Bahn warten. Und zum Glück kam nicht einer dieser alten Personeneilzüge, die manchmal noch im Vorortverkehr eingesetzt wurden. Sie stanken nach Moder und eingefressenem Nikotin; wer in einem solchen Zug saß, glaubte nach kurzer Zeit, während der Fahrt krank zu werden. Eine neue S-Bahn hielt im Bahnhof Höchst. Der Zug war fast leer, hell erleuchtet und weiß wie ein Krankenzimmer. Die Sitze waren mit einer dunkelroten Lederimitation bezogen. Abschaffel fühlte sich augenblicklich wohl und sauber. Nach mißglückten Besuchen müßte man immer in solchen Zügen nach Hause fahren dürfen, dachte er. Der Zug rutschte fast lautlos über die Schienen, und er wunderte sich, wie das möglich war. Er sah aus dem Fenster, und er sah einen unendlichen Raum, der mit kleinen, erleuchteten Fensterrechtecken ausgefüllt war. Hinter all diesen Fenstern diskutieren drei Männer im Fernsehen, dachte er. An den Haltestellen genügte ein leichter Druck gegen die Türgriffe und die Türen schoben sich, von kleinen Schüben Preßluft getrieben, auf und wieder zu. Die letzte Station vor dem Hauptbahnhof hieß Griesheim. Er las auf einem Emailschild das Wort GRIESHEIM, und endlich mußte er still kichern. Griesheim! Er mußte sofort an Griesbrei denken, und er stellte sich vor, wie in all diesen Abertausenden von hellen Fensterrechtecken der kalte Griesbrei bis hoch an die Deckenleuchten stand und nicht mehr herausgeräumt werden konnte. Dann fiel ihm das Wort Griesgram ein, und er stellte sich vor, wie es wäre, wenn der Vorort Frankfurt-Griesgram hieße. Ob sich jemand daran störte? Bitte einmal Griesgram hin und zurück. Schon hörte es sich normal an. Wieder fuhr die S-Bahn weich und leicht an, so daß Abschaffel sogar die Bahn bewunderte. Auf der anderen Seite, schräg gegenüber von ihm, hatten sich eine Frau und ein etwa elf Jahre alter Junge hingesetzt. Der Junge holte ein Quartettspiel aus der Manteltasche und forderte die Mutter zum Spiel auf. Sie wollte nicht, aber der Junge gab nicht nach. Das Thema des Quartetts waren moderne Flugzeugtypen, und schon beim ersten Spielzug wurde klar, daß sich die Frau nicht in modernen Flugzeugtypen auskannte. Sie mußte den Jungen fragen, was ein Turbo-Prop sei, und das Kind geriet in höhnende Begeisterung über die Unwissenheit der Frau. Das Kind lachte, nahm der Frau die Karten ab und sagte: Mutter, du lernst es nie.

 

Das Büro wurde jeden Morgen um sieben Uhr geöffnet. Kurz nach sieben erschien Abschaffel. Er machte einen kleinen Umweg, damit er am Schreibtisch des Verkehrsreferenten vorbeikam, und legte den Ordner genau an dieselbe Stelle zurück, wo er ihn am Abend weggenommen hatte. Es war gut, daß er so früh gekommen war. Schon zwei Minuten später betrat Fräulein Schindler das Büro. Sie grüßte kurz und setzte sich an ihren Schreibtisch. Abschaffel wunderte sich. Hatte sie, wie er, auch etwas zu verbergen oder etwas zurechtzubiegen? Er hatte zu Fräulein Schindler so gut wie keinen Kontakt. Sie beachtete ihn nicht, und sie begann mit ihm keine Gespräche. Sie war neunzehn oder zwanzig Jahre alt, und Abschaffel war für sie ein Mensch ohne Bedeutung, weil sich seine Zukunft niemals mit ihrer Zukunft kreuzen konnte. Offenbar hatte sie instinktiv erkannt, daß er alle ihre Selbstüberschätzungen, die einen großen Teil ihres Verhaltens ausmachten, nicht stützen konnte und daß er deshalb nicht in den Kreis derer gehörte, mit denen sie gerne redete. Sie füßelte und trippelte mit ihren kleinen Füßen um ihren Schreibtisch herum. Wenn sie redete, redete sie meistens vom Schlankwerden. Wegen Hungerns war sie schon zweimal zusammengebrochen, einmal in ihrer Küche und einmal im Bad. Als sie zum erstenmal umkippte, hatte sie sechsundvierzig Kilo gewogen. Inzwischen wog sie fünfzig Kilo, und fünfzig Kilo hatte sie schon öfter ihr Idealgewicht genannt. Morgens aß sie im Büro ein Stück Knäckebrot, mittags einen Becher Buttermilch, abends zwei Stückchen Knäckebrot und einen Joghurt. Nachmittags jammerte sie manchmal leise vor Hunger. Den Zusammenbruch im Bad hatte sie damals im Büro erzählt; sie riß ein Wandbord, an dem sie sich festhalten wollte, mit sich, und eine Menge Zeug fiel in die Badewanne, so daß sie gleich erschrak und nicht ohnmächtig werden konnte. Um noch besser abnehmen zu können, trank sie jeden Morgen gegen zehn Uhr eine Tasse Blasentangtee, ein furchtbares Getränk, das stank wie fauler Fisch, aber angeblich regte dieser Tee die Tätigkeit der Schilddrüse an, und nach Auskunft von Fräulein Schindler verbrannte die Schilddrüse unter dem Einfluß des Blasentangtees die Speisen noch schneller als sonst. Einmal hatte sie Frau Schönböck überredet, ebenfalls eine Tasse Blasentangtee zu trinken. Frau Schönböck hatte den Tee sofort erbrochen und trank nie mehr etwas davon.

So, sagte sie plötzlich, und Abschaffel hörte es. Diese Geschichte habe ich hinter mir. Er gab ihr zu verstehen, daß er zuzuhören bereit war. Heute morgen habe ich meinem Freund den Laufpaß gegeben, sagte sie über mehrere Schreibtische hinweg in seine Richtung. Abschaffel schwieg. Er hat noch eine andere gehabt, sagte sie, und das kann man mit mir nicht machen. Sie wußte nicht, daß ihr Körper zu klein und zu mager war für den Ausdruck von Zorn. Weil sie trotzdem versuchte, zornig zu sein, war ihr Körper über die Maßen gerührt. Heute morgen habe ich ihm den Staubsauger zurückgebracht in sein Appartement, sagte sie; ich habe mich auf der Straße versteckt und habe gewartet, bis er das Haus verlassen hatte, dann bin ich in sein Appartement, habe den Staubsauger in die Mitte des Zimmers gestellt und habe mit Tesa einen kleinen Zettel drangehängt, auf dem stand: Wie man in den Wald hineinruft, so ruft es auch wieder heraus. Fräulein Schindler lachte kurz und legte sich die flache Hand auf den hinteren Teil ihrer Frisur, damit die Haare durch die leichten Erschütterungen des bewegten Umhergehens nicht durcheinandergerieten. Dann habe ich den Schlüssel zu seinem Appartement in seinen Briefkasten geworfen, sagte sie, und einen zweiten Zettel hinterher, auf dem draufstand, daß auch ich den Schlüssel zu meinem Appartement wiederhaben will. Denn man muß sich morgens in sein eigenes Gesicht sehen können; wenn ich das einmal nicht mehr kann, dann bin ich zu weit gegangen, sagte sie und setzte sich. Offenbar war sie mit ihren Erklärungen am Ende. Sind Sie deswegen heute so früh im Büro, fragte Abschaffel. Ja, sagte sie und lachte.

Abschaffel war erleichtert. Er hatte schon geglaubt, Fräulein Schindler hätte ihm nachspioniert, weil die Sache mit der Studie vielleicht doch schon ruchbar geworden war. Es war halb acht geworden, und Fräulein Schindler schwieg. Sie ordnete mit heftigen Bewegungen ihren Schreibtisch. Abschaffel fühlte die Verpflichtung, etwas zu ihrer Geschichte zu sagen, aber schon an den Einzelheiten ihrer Geschichte hatte er erkannt, daß er nichts werde sagen können. Offenbar hatte sie sich zum erstenmal in ihrem Leben von einem Menschen getrennt. Und Abschaffel fühlte, daß sie in ihm einen schon älteren, erfahrenen Menschen sah, dem sie ein wichtiges Jugenderlebnis mitteilen konnte, und sicher erwartete sie, daß er sie und ihr Verhalten billigte.

Er aber sagte gar nichts und stellte sich mit einigen Frachtbriefen in der Hand an die Fensterfront der Südseite und sah in den Lkw-Ladehof hinunter. Auf dem Eisenrost einer Kellerluke sah er einen älteren Mann liegen, der offenbar schlief. An den Sachen, die er um sich herumliegen hatte, erkannte Abschaffel, daß es ein Stadtstreicher war. Zwei oder drei vollgestopfte Plastiktüten lagen in der Nähe des Kopfes, dazu eine halbleere Flasche Wein und ein Stück Zeitung. Aus der Kellerluke, über deren Rost der Mann ausgebreitet lag, strömte die Nacht über verbrauchte Warmluft heraus. Vielleicht ist ihm schlecht geworden in dieser Luft, dachte Abschaffel. Die Warmluftluke lag in einer Innenausbuchtung des Ladehofs, so daß sie von den Arbeitern im Hof nicht einzusehen war. Abschaffel überlegte, daß der Stadtstreicher vielleicht schon öfter hier übernachtet haben konnte und bisher immer rechtzeitig aufgewacht war. Oder hatte er einen Freund, der ihn gewöhnlich weckte, der aber heute nicht erschienen war? Es war kurz vor acht. Mörst, der Betriebsrat, Frau Schönböck und Hornung betraten gemeinsam das Büro, gefolgt von den Kollegen aus der Buchhaltung. Abschaffel wollte etwas sagen, und vor allem wollte er bei Fräulein Schindler den Eindruck erwecken, er hätte zu ihrer Geschichte nur deswegen geschwiegen, weil er bereits mit einer anderen Geschichte beschäftigt gewesen war. Er rief alle, die im Büro waren, an die Südseite und zeigte ihnen den Penner. Seht euch das an, sagte er und wußte, wie falsch er sich verhielt. Obwohl er den Stadtstreicher nicht hatte verraten wollen, hörten sich seine Sätze an, als hätte er schon gegen ihn Partei ergriffen. Ich glaub, ich steh im Wald, sagte Mörst, so etwas hat es hier noch nie gegeben. Den verladen wir nach Hamburg und werfen ihn ins Meer, sagte Hornung und lachte. Wann haben Sie den entdeckt? fragte Mörst. Eben erst, vor einer Viertelstunde, sagte Abschaffel.

Mörst verließ das Büro, Hornung folgte ihm. Abschaffel stand am Fenster und schämte sich. Er sah Mörst und Hornung den Innenhof betreten und auf den Penner zugehen. Frau Schönböck, Fräulein Schindler und drei Kollegen aus der Buchhaltung standen bei Abschaffel am Fenster. Mörst scheute vor dem liegenden Mann zurück. Hornung schob eine Schuhspitze unter einen Arm des Mannes, hob den Arm leicht hoch und ließ ihn fallen. Und diesen Idioten habe ich gestern abend besucht, dachte Abschaffel, und ich werde ihm nie sagen können, daß ich ihn für einen Idioten halte, weil er immer kurz vorher mein Mitleid entzündet, so daß ich ihm nichts sagen kann. Unheimlich langsam bewegte sich der Mann auf dem Eisenrost. Hornung kickte leicht an einen der Plastikbeutel. Der Mann erhob sich schwer und umständlich. Mörst und Hornung sahen zu, wie er seine Sachen an sich nahm und aus dem Hof schlurfte. Jetzt sahen ihn auch die Ladearbeiter, und sie hielten inne.

Im Büro tippte Mörst eine Aktennotiz an Ajax. Er schlug vor, die Warmluftluken (es gab zwei von ihnen) mit einem Stacheldrahtverhau abzudecken. Abschaffel war noch einmal voller Reue. Wir sind ja kein Übernachtungsheim, rief Mörst und tippte. Mörst konnte nur im Rahmen der Vorschriften menschlich sein. Außerdem wollte er bei Ajax dokumentieren, daß er nicht nur gegen den Betrieb, sondern auch für den Betrieb handeln konnte, indem er ihm alle betriebsfremden Probleme vom Halse hielt. Seit gestern war Gersthoff wieder im Büro, und Mörst trug indirekt die Verantwortung für sein Wiedererscheinen. Nach seinem Schlaganfall mit Herzinfarkt war Gersthoff wochenlang im Krankenhaus gelegen. Wenn Mörst nicht gewesen wäre und die Kündigung nicht angefochten hätte, hätte Gersthoff dieses Büro nicht wieder betreten. So aber war er nach dem Krankenhausaufenthalt auch noch vier Wochen in Kur gefahren. Die Fürsorge hatte die Kosten übernommen, und für die Dauer seiner Krankheit hatte er eine Überbrückungsrente bekommen. Seine frühere Arbeit in der Lagerabteilung konnte Gersthoff nicht mehr ausführen. Ajax versetzte ihn in die Registratur, aber auch dort konnte er seinen Aufgaben kaum nachkommen. Er lebte zwar noch, aber sein Kopf war schon tot. Mörst sah öfter zu ihm hin und half ihm sogar, wenn er konnte. Mörst war fast der einzige, der mit ihm noch etwas zu tun hatte. Die anderen trauten sich nicht, ihm nahe zu kommen, weil Gersthoff im Grunde jeden Augenblick vom Stuhl kippen konnte. Und niemand wollte derjenige sein, der ihn aufheben mußte. Gersthoff erzählte selbst in der Firma herum, daß er überhaupt nichts mehr wußte. Wenn er etwas erzählte, dann waren es Kurerlebnisse. Vier Wochen lang hatte er nur Diätkost bekommen, aber im Dorf hatte es Busunternehmen gegeben, die die geschwächten Kurgäste abholten und in nahe Gastwirtschaften transportierten. Dort aßen sie Sauerbraten und Knödel und tranken Bier dazu. Ich habe zwar einen Herzinfarkt, aber blöd bin ich nicht, sagte Gersthoff mit wackelndem Kopf.

Mein lieber Mann, sagte Ronselt bedenklich und leise. Abschaffel war ganz in sich versunken. Er verachtete sich, weil er den Stadtstreicher verraten hatte, und er meinte, noch die Schuld für den Stacheldraht übernehmen zu müssen. Er verachtete Hornung, und er verachtete Gersthoffs Kurgeschwätz. Seine Verachtung drehte ganz kleine Kreise in ihm; es war wie eine allgemeine Zusammenrottung des Unglücksgefühls. Die Vorstellung, es hier nicht mehr aushalten zu können, war wie eine Bohrung im Kopf. Und er hielt freiwillig den Kopf still, damit die Bohrung gut gelang. Er bemühte sich, nichts mehr hören zu müssen, und es gelang ihm nicht. Der Anblick des Stadtstreichers hatte das allgemeine Bürogespräch an einen beliebten Punkt hingetrieben: wie leicht man sich aller Sorgen entledigen könne, wenn man sich durch eine einmalige, gut durchdachte und erfolgreiche kriminelle Handlung ein für allemal ein ganz anderes Leben verschaffte. Es gab Kollegen, die bestimmte Betrugsgeschichten, von denen sie einmal in der Zeitung gelesen hatten, immer wieder nacherzählten. Und sie erzählten diese Geschichten so, daß eine Art von persönlicher Aneignung deutlich wurde; als sei von ihnen selbst eines Tages vielleicht auch ein intelligenter, feiner, gelungener Betrug zu erwarten. Ronselt redete mit Hochachtung von einem Mann, der im Bahnhofsviertel eine Kneipe eröffnet hatte. Vier Wochen nach Eröffnung der Kneipe wurde der Besitzer plötzlich von der Polizei abgeholt und verschwand in Untersuchungshaft. Die Kneipe wurde geschlossen. Nach weiteren fünf Wochen stellte sich heraus, daß der Kneipenbesitzer vor der Eröffnung seiner Bar eine Bank überfallen hatte und mit dem erbeuteten Geld bald danach seine Kneipe eröffnete. In der Untersuchungshaft gab er alles zu und unterschrieb eine Erklärung, daß er den von ihm angerichteten Schaden wiedergutmachen und das erbeutete Geld zurückerstatten wolle, und daraufhin kam er auf freien Fuß. Er durfte seine Kneipe wiedereröffnen und zahlte, wie er es versprochen hatte, in monatlichen Raten sein erbeutetes Anfangskapital zurück. Das war Ronselts Geschichte, und er erzählte sie mit Behagen. Aber da hätte er ja gleich zur Bank gehen und sich einen Kredit geben lassen können, sagte der Lehrling Hobler. Ha, rief Ronselt, das ist typisch Lehrling; vorher war der Mann ein stinknormaler Kellner gewesen, und als solcher kriegt er von seiner Bank genau das, was wir kriegen, nämlich einen Dispositionskredit, also zweitausend Mark, wenn es hochkommt, und dafür kann er sich vielleicht gerade zwei Barhocker und einen Garderobenhaken kaufen, und wissen Sie, rief Ronselt dem Lehrling Hobler zu, was heutzutage die Einrichtung einer großen Bar kostet? Es ist besser, wenn Sie es nicht erfahren, sonst brechen Sie vielleicht in Tränen aus.

Abschaffel war durch das allgemeine Betrugsgespräch an seine eigene Abschweifungsphantasie erinnert worden, über die er allerdings niemals redete, noch nicht einmal mit Margot. Er stellte sich vor, daß er sich eines Tages mit einer jungen hübschen Nutte anfreunden und ihr fester Zuhälter werden könnte. Er würde zu Hause sein oder in der Stadt herumlaufen, das Mädchen ging anschaffen. Abends würden sie sich treffen, essen gehen und über alles sprechen. Nein, so weit trug ihn seine Vorstellung nicht, weil er sich in den Alltag einer solchen Geschichte gar nicht einfühlen konnte. In seiner Vorstellung kam noch nicht einmal das Wort Zuhälter vor. Seine Phantasie war so ungenau und schwärmend, daß sie ihm gar keine Einsichten in erwartbare Ereignisse gestattete. Es kam ihm immer nur auf einen Punkt an: daß er nicht mehr arbeiten mußte. Deswegen war er im Grunde schon zufrieden, wenn seine Vorstellung diesen einen, den wichtigsten Punkt einmal gedacht hatte. Eines Tages würde er in ein Bordell gehen, mit einem Mädchen schlafen und sie anschließend zum Essen einladen. Er glaubte, das Mädchen würde die Einladung sofort annehmen, und von diesem Augenblick an sei sie seine treue Versorgerin. An diesem Punkt brach seine Vorstellung ab. Er machte sich keine Gedanken darüber, was er mit der Nutte jeden Tag reden sollte. Schwierigere Fragen, ob er mit ihr zum Beispiel in einer Wohnung oder in zwei getrennten Wohnungen leben sollte, tauchten erst recht nicht auf. Der Grund für die mangelhafte Entfaltung seiner Phantasie lag sicher darin, daß sie ihm nur selten in den Kopf kam. Er nahm diese Ausschweifungen auch nicht ernst, weil er wohl ahnte, daß ein solches Leben seine Möglichkeiten deutlich überschritt. Viel heftiger und öfter setzte er sich mit dem Problem auseinander, wie er eines Tages den Eltern und Arbeitskollegen sein neues Leben als Zuhälter erklären konnte. Tatsächlich entwarf er im stillen weitschweifige Argumentationen, mit deren Hilfe er ein solches Leben rechtfertigen konnte. Und erst später, wenn er wieder bemerkte, wie sehr er im Kopf etwas verteidigte, was nicht für ihn galt und wahrscheinlich nie gelten würde, wich er erschöpft von seiner Zuhälterphantasie zurück, weil sie ihn wieder einmal genarrt hatte. Aber so ist es immer, räsonierte er still für sich, man kommt vorher schon um mit der Rechtfertigung dessen, was dann gar nicht passiert. Ein Seufzer war das letzte, was er der schon wieder entschwundenen Phantasie vom ganz anderen Leben nachschickte.

Gegen neun Uhr wurde es wieder still im Büro. So war es fast jeden Morgen. Zwischen acht und neun gab es einen ersten allgemeinen Mitteilungsstoß. Dann verebbten die Gespräche, und ein jeder verrichtete die Arbeit in seinem Umkreis. Abschaffel stand an einem der beiden Fernschreiber und nahm die Ladedifferenz-Meldungen der Empfangsspediteure entgegen. Mit den Fernschreiben in der Hand lief er in die Halle und suchte die Vorarbeiter der gestern verladenen Waggons. Er zögerte die Kontrollen hinaus, weil es schön war, morgens in der Halle herumzulaufen.

Kurz vor der Mittagspause, zwischen zwölf und halb ein Uhr, setzte ein zweiter, schwächerer Mitteilungsstoß ein. Die Angestellten schoben und drückten ihre Körper auf den Drehstühlen ein wenig zurück von den Schreibtischen. Die Männer wickelten die Hemdsärmel herunter, die Frauen legten ihre Essenmarken bereit. Während dieser Verrichtungen erzählten sie gern kleine Geschichten aus ihrem Leben. Fräulein Schindler sagte, die nächtlichen Anrufe ihrer Mutter würden in letzter Zeit das Maß des Erträglichen übersteigen. Fast jeden zweiten Abend um elf ruft sie an, um mir ganz lächerliches Zeug zu sagen, rief sie. Die Kirschen sind jetzt reif, ich könnte nach Hause kommen und sogar jemand mitbringen! rief Fräulein Schindler und lachte. Ich kenne ja meine Mutter! Sie will nur feststellen, ob ich einen Mann bei mir habe. Frau Schönböck fühlte sich ermuntert, auch eine Telefongeschichte mitzuteilen. Ich bin in der letzten Woche zweimal angerufen worden, sagte sie, und beide Male, als ich den Hörer abgenommen hatte, wurde am anderen Ende aufgelegt. Das ist doch ein sicheres Zeichen für einen bevorstehenden Einbruch, oder? Der Dieb erkundigt sich, ob jemand zu Hause ist, beziehungsweise er will herausfinden, wann jemand zu Hause ist und wann nicht, sagte Frau Schönböck. Dabei gibt’s bei mir absolut nichts zum Klauen, absolut nichts! Sagen Sie das nicht, sagte Hornung, es gibt sehr viele Leute, die riskieren sogar wegen eines Kofferradios einen Einbruch.

Pünktlich zur Mittagspause erhoben sich die Kollegen. Abschaffel wollte nicht mit Hornung an einen Tisch kommen; er mußte darauf achten, nach ihm in die Kantine zu gehen. Da kündigte Hornung an, daß er in die Stadt fuhr, und Abschaffel war erleichtert. Als Menu II gab es heute Schnitzel mit Rotkohl und Kartoffeln. Abschaffel setzte sich zu drei Kollegen aus der Buchhaltung. Kaum hatte er seine Essenschale auf dem Tisch abgestellt, da entdeckte der junge Buchhalter Holzmann, daß er sich seine Hose an einem Kaugummi, das an der Unterseite der Tischkante klebte, verschmiert hatte. Mit seinem noch unbenutzten Messer und einer angefeuchteten Tischdecke versuchte er, den Fleck zu entfernen. Holzmann äußerte den Verdacht, es sei ein weiblicher Lehrling gewesen, der den Kaugummi unter den Tisch geklebt hatte. Frau Hannemann, eine am Tisch sitzende Buchhalterin, widersprach Holzmann. Frauen kleben ihr Kaugummi immer an den Innensaum ihres Rocks, sagte sie, haben Sie das noch nicht gesehen? Sie scheinen noch nicht einmal bemerkt zu haben, daß die Frauen überhaupt keine Röcke mehr anhaben, sagte Holzmann scharf. Minutenlang stritten sich Frau Hannemann und der junge Buchhalter Holzmann darüber, welche Frauen wann Hosen trugen und wann nicht und wenn nein, ob sie ihr Kaugummi dann an den Innensaum der Röcke klebten oder nicht. Das Gerede der Kollegen machte Abschaffel wieder ganz fertig. Er hatte sich absichtlich zu den Buchhaltern gesetzt, weil er geglaubt hatte, bei ihnen mehr Zurückhaltung und Niveau zu finden. Das Gegenteil war der Fall, zumindest heute. Er glaubte, er müsse diese Leute eines Tages so weit bringen, daß sie ihre Schuld an seiner Niedergeschlagenheit einsahen, und er überlegte tatsächlich, wie er dies anstellen konnte. Vielleicht sollte ich plötzlich ganz mager und traurig werden, so klapperdürr und ständig tränenüberströmt, daß ihnen der Einfall kommen mußte, sie selbst seien die Ursache für diese schrecklichen Veränderungen. Aber vielleicht waren diese Leute überhaupt nicht mehr schuldfähig, überlegte er; sie handelten und redeten, und vermutlich hatten sie keine Einsicht in ihr Handeln und Reden. In seiner verletzten Mutlosigkeit spürte er eine starke Lust, den Tisch umzuwerfen und die großen Rotkohlkübel aus der Küche über den Kollegen aus der Buchhaltung auszugießen. Die Kollegen begriffen nicht, daß sie es nur einer so rätselhaften wie duldsamen Schamhaftigkeit zu verdanken hatten, daß sie sich von Abschaffel nicht bedroht fühlen mußten. Auf jedem Kantinentisch stand eine Plastikflasche mit Senf, und die Kollegen aus der Buchhaltung drückten sich, an den Rand der Kartoffeln, Senf in die Teller. Sie lachten über das Geräusch, wenn ein Flutsch Senf auf den Teller gespritzt wurde, und sie vergnügten sich schon wieder darüber, daß sie anläßlich des Geräuschs offenbar alle dasselbe dachten. Und weil das alles für sie ein Vergnügen war, wiederholte Holzmann noch einmal das Flutschgeräusch. Abschaffel senkte den Kopf tief über den Teller. Angespannt hielt er Gabel und Messer und beobachtete, wie die rote Rotkohlsauce und die braune Fleischsauce ineinanderflossen.

 

Weil er am Abend mit Margot essen gehen wollte und Geld brauchte, ging Abschaffel nach Feierabend auf die Bank. In der Straße, in der die Bank war, waren seit Wochen Bauarbeiten im Gange. Teile des Gehwegs waren auf beiden Seiten aufgerissen und mit Sand wieder zugeschüttet worden. Das Gehen auf dem weichen gelben Sand gefiel ihm, und er lief langsam, um sich bei jedem Schritt einsinken zu lassen. In der Straße lagen überall Rohre herum, lange schwarze Rohre, die offenbar mit veralteten Rohren in der Tiefe der Baugräben ausgewechselt werden mußten. Langsam fuhren die Autos auf dem verbliebenen Fahrstreifen die Stadt hinaus, immer eng an den Fußgängern vorbei, für die ebenfalls nur ein schmaler Gehstreifen übriggelassen worden war. Die Bank, die sein Konto führte, war nicht mehr weit. Obwohl er schon seit vielen Jahren auf die Bank ging, wußte er noch immer nicht, wie er diesen Vorgang ausdrücken sollte, ohne jedes Mal eine Art von Scham zu empfinden. »Auf die Bank gehen« wollte er nicht sagen; das hörte sich zu großartig an für die lächerlichen Beträge, die er jeden Monat ein paarmal dort abhob von seinem Gehaltskonto. Der Satz: »Ich muß noch etwas Geld holen«, den viele seiner Kollegen verwendeten, gefiel ihm auch nicht, weil er so klang, als hätten sie alle immer viel Geld, von dem sie glücklicherweise immer nur wenig brauchten. Weil er den richtigen, ihm und seinen Verhältnissen angemessenen Satz bisher nicht hatte finden können, ging ein Besuch bei der Bank nicht ohne Peinlichkeiten ab. Er genierte sich, hundertfünfzig oder, was schon seltener war, zweihundert Mark abzuholen. Es kam ihm vor, als entblößte er sich jedesmal, indem er öffentlich zeigte, daß er zu den vielen Leuten gehörte, die eben nicht mehr abheben konnten als hundertfünfzig oder zweihundert Mark. Er hatte sich schon oft vorgestellt, wie die Bankangestellten, wenn er die gläsernen Türen der Filiale geöffnet hatte, einander zuflüsterten: Da kommt schon wieder dieser poplige Hundertfünfzig-Mark-Mann und macht uns Arbeit wegen nichts und wieder nichts. Besonders unangenehm war es ihm, wenn er als einziger Kunde im Schalterraum stand; dann war er noch mehr davon überzeugt, den Verdruß der vier oder fünf Filialangestellten hervorzurufen. Es war deswegen sogar schon vorgekommen, daß er draußen vor der Bank gewartet hatte, bis mindestens zwei oder drei Personen vor ihm die Bank betreten hatten. Dann erst war er nachgefolgt und fühlte sich im Strom des Allgemeinen gut untergebracht. Und wie betroffen war er schon oft gewesen, wenn er dann feststellte, daß es viele Personen gab, die nur fünfzig Mark oder vielleicht sogar nur dreißig von einem Sparbuch abhoben und von den Angestellten mit geringschätziger Schnelligkeit abgefertigt wurden.

Im Schalterraum brannte heute kein Licht. Alle Neonröhren waren dunkel, und von draußen drang nur das durch einen besonderen Vorhang stark getrübte Tageslicht herein. Eben kam eine ältere Angestellte aus den hinteren Räumen der Filiale mit zwei brennenden Kerzen nach vorne und stellte sie auf den Kundentresen. Rasch ging aus den Bemerkungen der Bankangestellten hervor, daß die Arbeiter draußen in den Baugruben offenbar elektrische Leitungen, die zur Versorgung der Filiale notwendig waren, beschädigt oder gar zerschlagen hatten. Abschaffel freute sich augenblicklich. Die hochmütige Stadtsparkasse hatte jahrelang mit vornehm gespanntem Stoff an ihren Schaufenstern auf Tageslicht verzichtet, und ein falscher Hieb eines Bauarbeiters genügte, und sie mußten zu den Kerzen greifen. Das geschah diesem übertriebenen Institut ganz recht. Abschaffel war voller Genugtuung. Endlich fand er die Bank einmal selbst mit Mängeln behaftet. Endlich fühlte er sich hier einmal nicht beobachtet. Die Bank, sonst immer mit der Entblößung der Verhältnisse der kleinen und mittleren Leute beschäftigt, war selbst entblößt. Die Kunden tauschten allgemeine, technikfeindliche Bemerkungen aus und schimpften über die Bauarbeiten. Ein älterer Mann sorgte sich sogar um das Ansehen der Bank. Er trug eine Jacke, die so ausgebeult und abgewetzt war, daß er in dieser Bank noch nicht einmal den Posten eines Boten bekommen könnte, aber er machte Vorschläge zur Wiederherstellung der Ehre der Bank. Wenn Ihnen Kosten entstehen, rief er den Bankangestellten zu, dann müssen sie von der Stadt bezahlt werden. An das Bauamt müssen Sie sich wenden, rief er, das Bauamt ist es. Kunden und Bankangestellte scharten sich grummelig um die beiden stillstehenden Flammen. Das Ausschreiben der Kassenbelege dauerte länger als sonst. Es war gräßlich und schön. Am liebsten wäre Abschaffel noch eine Weile hiergeblieben und hätte seine Eindrücke von der Demütigung der Bank weiter vertieft. Schon immer hatte er sich gewünscht, daß das protzige Getue der Bank mit ihren Teppichen, ihren Holztäfelungen und ihrem ekelhaften indirekten Licht einmal einen Dämpfer erhielt. Jetzt war es soweit. Aber er hatte sein Geld schon bekommen. Er ließ sich viel Zeit mit dem Einstecken der Scheine und verließ vergnügt das Halbdunkel der Schalterhalle.

Seine Stimmung war locker und leicht, und er entschloß sich, noch einmal stadteinwärts zu gehen. Er wollte zwei Flaschen Wein einkaufen, dazu etwas Käse, Wurst und Weißbrot, Schokolade und Obst. Zufrieden stellte er sich den Ablauf des Abends vor: Gegen acht oder halb neun holte Margot ihn ab, dann wollten sie zusammen essen gehen. Gegen zehn oder halb elf würden sie zu ihm gehen, satt und faul zusammen schlafen, und er würde ein Gefühl haben, daß er sich am liebsten dauernd den Mund abwischte, so gut so gut. Er würde auf den Balkon gehen und die Balkontür hinter sich schließen, um im Freien kurz, leise und freudig zu rülpsen, dann wieder ins Zimmer zurückgehen, die erschöpfte und schon halb schlafende Margot betrachten und merkwürdig unbewegt denken: Wie schön, es macht mir nichts mehr aus, wenn sie auch dann noch bei mir ist, wenn ich schon lange nichts mehr mit ihr zu tun habe.

Er war so in seine Vorstellung vertieft, daß er nicht bemerkt hatte, wie weit er wieder in die Stadt hineingelaufen war. Er war auf die Kaiserstraße geraten und lief in einem Schallplattengeschäft herum. Sollte er sich zur Feier des Abends eine neue Schallplatte kaufen? Lieber nicht, beschloß er, Schallplatten hatten ihn schon so oft enttäuscht. Links und rechts der Kaiserstraße reihte sich Bordell an Bordell. Seit Abschaffel Margot kannte, war er in keinem Bordell mehr gewesen. Manchmal hatte er schon geglaubt, er müßte wieder in diese Welt zurückkehren, nicht im Ernst, nur im Spiel. Aber es war nie mehr dazu gekommen, weil schon der Gedanke daran bereits ein Spiel war. Auch jetzt, als er nach rechts in die Elbestraße einbog, tat er es nur aus Lust an der Erinnerung. Überheblich ging er an den Mädchen vorbei und wußte in jedem Augenblick, wie sehr er sich selbst spielte, wie künstlich sein Gesichtsausdruck war, wie falsch seine spähende, abschätzende Haltung. Er erinnerte sich an Stimmungen, die er als Siebzehnjähriger gehabt hatte, als er im Kino gewesen war und hinterher noch eine Weile versucht hatte, sich zu fühlen wie der edelste Mensch des Films, den er gerade gesehen hatte. Das ging immer eine Weile gut, etwa eine halbe Stunde lang, plötzlich klappte es nicht mehr, da schob sich die Person nach vorne, die er selbst war, da dachte und ging er wieder wie er selber, und der Film war vergessen. So war es jetzt mit den Bordellen und den Mädchen, die auf der Straße umherliefen. Er ging an ihnen vorbei, und es war, als vergesse er gerade einen Film über Bordelle und Frauen, den er vor einiger Zeit gesehen haben mußte. Er erlebte mehrfach die Rückkehr in die eigene Person, das Abstreifen von falschen Einzelheiten, die ihn nicht mehr beschäftigten. Plötzlich stand er vor den Schaufenstern eines Haushaltswarengeschäfts. Dutzende von Bügeleisen, Plastikeimern, Toilettenbürsten und Badeartikeln waren vor ihm ausgebreitet, hell angestrahlt und mit sauber gemalten Preisschildern versehen. Wie merkwürdig und unbegreiflich es war, daß sich inmitten des Bordellgebiets ein so ordentliches Haushaltswarengeschäft befand! Und es fiel ihm ein, daß er schon lange einen neuen Wasserkessel brauchte. In seinem alten Wasserkessel rollten eine Menge kleiner Kalksteine jedesmal hin und her, wenn er den Kessel schräg hielt. Und wirklich betrat er das Haushaltswarengeschäft und kaufte für neunundvierzig Mark einen chromblinkenden Wasserkessel aus reinem Stahl. Es war fast die Summe, die er früher, gerade um die Ecke, als Eröffnungsangebot den Mädchen gegeben hatte. Die Verkäuferin steckte den neuen Wasserkessel in eine große Plastiktüte, und Abschaffel verließ den Laden. Draußen sah er wieder die Mädchen, und er wünschte sich, stehenbleiben und ihnen zurufen zu können: Hier, einen neuen Wasserkessel habe ich gekauft, es tut mir leid, daß ihr das Geld nicht gekriegt habt, seht her!

Stehenbleiben konnte er, rufen nicht. Er stand blöde da, er stand genauso da wie einer der angereisten Bahnhofstouristen, die sich in der Gegend herumtrieben, um an Dutzenden von Frauen verächtlich vorbeilaufen zu können. Die Mädchen kannten diese Sorte von Bordellspießern, und sie konnten sie nicht ertragen. Sie wandten sich von ihnen ab, weil sie genau spürten, wenn Männer sich trocken, kalt und gratis an ihnen befriedigen wollten. Sie wandten sich auch von Abschaffel ab, und er ärgerte sich, daß sie ihn so verwechselten. Er wollte das Mißverständnis unbedingt sofort aufklären und ihnen sagen, daß er sie nicht bloß anglotzen wollte, sondern sie eigentlich um Verständnis dafür bitten mochte, daß er nicht mehr zu ihnen kam. Bis er endlich bemerkte, wie überflüssig all seine Erwägungen waren. Guter Gott, dachte er, ich habe mir ja nur einen Wasserkessel gekauft, weiter nichts.

Beschämt und erschöpft fuhr er mit der U-Bahn nach Hause. Weil er sich zu sehr mit der Klärung von Mißverständnissen beschäftigt hatte, die gar nicht geklärt zu werden brauchten, hatte er vergessen, warum er überhaupt noch einmal in die Stadt hineingelaufen war: Er wollte einkaufen. Er schlüpfte kurz vor der Schließung in einen Supermarkt bei ihm in der Nähe. An der Metzgereitheke räumten die Verkäuferinnen schon die Würste aus den Auslagen, um sie über Nacht in Kühlschränken zu verstauen; im hinteren Teil wurde bereits der Boden gewischt. Margot wollte nicht mehr den billigen italienischen Chianti trinken; nach Chiantiabenden klagte sie am nächsten Tag fast immer über starke Kopfschmerzen. Deswegen trank sie seit einiger Zeit naturreinen französischen Rotwein, der allerdings teuer war. Die Flasche kostete gewöhnlich acht bis neun Mark. Abschaffel beschloß, eine Flasche davon zu kaufen, und eine zweite in seiner Plastiktüte, in der er den Wasserkessel trug, verschwinden zu lassen. Die Stimmung im Supermarkt war gut. Die Verkäuferinnen waren fast ausschließlich mit Aufräumen beschäftigt. Der Wasserkessel war mit viel Papier eingepackt, so daß es keine Geräusche gab, wenn die Flasche erst in der Plastiktüte war. Er hatte schon fast alles, was für den Abend mit Margot nötig war, eingekauft. Nur Wurst und Wein fehlten noch. Den Wein wollte er ganz zuletzt, kurz bevor er den Supermarkt verließ, an sich nehmen. An der Metzgereitheke verlangte er ein halbes Pfund Fleischwurst. Die Verkäuferin fragte: Die aus dem Sonderangebot oder die gute? Er verstand die Verkäuferin sofort, aber er ärgerte sich, daß er sie sofort verstanden hatte. Die gute, sagte er. Offenbar mußte der Supermarkt jeden Kunden, wenn auch indirekt, kurz davor warnen, die schlechte Fleischwurst aus dem Sonderangebot wirklich zu kaufen. Aus Verärgerung darüber überlegte er, ob er nicht zwei Flaschen Wein stehlen sollte. Aber die technischen Voraussetzungen dafür waren nicht gut. Zwei Flaschen würden in der Plastiktüte aneinanderschlagen, und außerdem waren zwei volle Flaschen zu schwer für eine Tüte. An der Flaschenwand der Spirituosenabteilung ging alles ganz schnell. Es war kurz vor halb sieben. Die Kassiererin war schon mit der Feststellung des Kassenbestands beschäftigt. Müde und schnaufend fertigte sie Abschaffel ab.

Zu Hause packte er rasch die Sachen auf den Tisch und zog seine alten Kleider aus. Er wollte sich ganz frisch machen für Margot. Und als er das Unterhemd über den Kopf zog und einige Augenblicke lang nichts sah, stieß er mit einem Arm eine der beiden Weinflaschen vom Küchentisch herunter. Sie krachte auf die Steinfließen, und der ganze Küchenboden war mit einer großen Rotweinlache überzogen. Der Wein drang sogar in die Filzsohlen von Abschaffels Hausschuhen ein. Er war so erschrocken, daß er eine halbe Minute ganz still in der Mitte der Rotweinlache stand. Wie eine wilde, bellende Meute zog das schlechte Gewissen in ihn ein und lähmte ihn. Was er gleich denken und empfinden würde, wußte er schon im voraus. Er hatte gelernt, die heruntergestoßene Flasche als Zeichen für eine Warnung zu nehmen. Du hast eine Flasche Wein gestohlen. Du hast schon viel mehr gestohlen, und du sollst gewarnt werden. Sieh dich vor. Wenn dir die Warnung nichts bedeutet, folgt beim nächstenmal unmittelbar die Strafe. Von der Warnung weißt nur du, sie geschieht in der Stille deiner Wohnung. Die Strafe aber wird öffentlich sein. Wenn du erst bestraft bist, wird jeder wissen, daß du ein Dieb bist, kein großer Dieb, aber ein Dieb. Das ist der Sinn der Warnung. Nun reinige deine Wohnung von den Spuren der Warnung. Der Schaden ist gering: Deine Hausschuhe mußt du wegwerfen, ebenso deine Strümpfe. Du mußt zugeben, das ist ein niedriger Preis für eine so wichtige Warnung.

Er verabscheute diese Sätze. Es waren die automatischen Sätze des schlechten Gewissens. Die Sätze stammten von ihm selbst, und er ließ sich von ihnen demütigen. Solche Sätze waren immer zur Stelle gewesen, wenn er sich, wie kleinmütig auch immer, unrechtmäßig bereichert hatte. Alle diese Drohsätze rührten aus der Straflehre seiner Kindheit her, und sie bewegten sich gemeinsam auf ein fernes Ereignis hin, das man sich als große allgemeine Bestrafung denken mußte. Abschaffel stand in der Rotweinlache und kam sich vor wie damals, als er als Elfjähriger einen schönen weißen Radiergummi aus einem Schreibwarengeschäft gestohlen hatte. Wo hast du den her? hatte die Mutter gefragt und die Schleusen für ihre Sätze geöffnet, und das Kind Abschaffel schwieg und schluckte, weil es im Meer des schlechten Gewissens ganz rasch unterging.

Zitternd stand er in der Küche. Mit beiden Händen hielt er sich die Hosenbeine ein wenig in die Höhe, damit sie nicht auch noch beschmutzt wurden. Mit zwei großen Schritten stieg er über den Rand der Lache hinaus. Er war so eingeschüchtert, daß er ins Bad ging und sein Gesicht eine Weile betrachtete. Es war das Gesicht von jemand, der daran gewohnt war, eine Strafpredigt für eine normale Anrede zu halten. Es war sein Kindergesicht, das ihm entgegenblickte. Der Schreck hatte fast alle älteren Züge darin abgeschwächt. Was er sah, war ein alter Entwurf seines Gesichts, das wieder frisch dafür war, mit Regeln neu gezeichnet zu werden. Niemals hätte er geglaubt, daß ihn ein blöder kleiner Diebstahl so beeindrucken konnte. Ein kalter Schweißring stand ihm über der Stirn. Guter Gott, sagte er halblaut in der Wohnung. Er ging aus dem Bad und bewegte sich so weich, als sei ihm bereits alles verboten.

Er mußte sich beeilen. Margot sollte die Rotweingeschichte nicht bemerken. Aus der Spüle holte er einen Eimer und Putzlumpen, und er begann die Lache aufzuwischen. Er mußte vorsichtig wischen, weil auch die Splitter der Flasche verstreut auf dem Boden lagen. Mit gespreizten Fingern suchte er den Boden vorsichtig nach Glasscherben ab, ehe er mit dem Lumpen darüberwischte. Später wollte er alle Splitter, den Putzlumpen, die Hausschuhe und die Strümpfe in den Mülleimer werfen. Die kleine Wohnung roch nach Wein. Er öffnete das Küchen- und das Badfenster, und der durchziehende Wind nahm den Geruch mit. Er putzte den Küchenboden ein zweites Mal. Er schüttete besonders viel Reinigungsmittel in das heiße Putzwasser, weil er hoffte, das Reinigungsmittel werde den Weingeruch endgültig überdecken. Wenig später trug er in einer Plastiktüte Hausschuhe, Strümpfe und Glassplitter nach unten und warf alles in den Mülleimer. Er bemerkte, daß sein Körper noch immer von seinem schlechten Gewissen beherrscht wurde. Er glaubte, dünner und leichter geworden zu sein, und er fühlte sich angenehm. Eine Warnung, wenn sie langsam veraltet, schlägt um in die Freude darüber, daß noch einmal alles gutgegangen ist. Er hatte das Gefühl eines bestraften Kindes, das in seinem Bett im dunklen Zimmer liegt und mit der Überzeugung, daß morgen die Verhältnisse wieder normal sein werden, freudig die Rückkehr seiner Kräfte erlebt.

 

Es gab in der Nähe zwei jugoslawische Restaurants, von denen eines schlecht und teuer, das andere billiger und besser war. Abschaffel schlug Margot den billigen Jugoslawen vor, aber sie fragte, ob sie nicht zum Griechen wollten. Gut, sagte er, gehen wir zum Griechen. Das griechische Lokal, das sie meinte, war auch nicht weit entfernt. Abschaffel ging nicht gern in dieses Lokal; das Essen dort war ihm zu fett und zu ölig, der Wein zu bitter, die Sitze zu eng und die Musik zu schrill. Fast die ganze Nacht spielte der Wirt von einem Tonband griechische Folkloremusik in das Lokal ein. Nur wenn er die Tonbänder wechselte, gab es ein paar Augenblicke Ruhe. Aber Abschaffel wollte heute abend keine besonderen Wünsche anmelden; er war froh, sich Margots Wunsch anschließen zu können.

Das Lokal war halbleer. In einer Ecke saß eine Frau von etwa vierzig Jahren mit zwei Jungen, die wahrscheinlich ihre Söhne waren. Sie sahen kurz auf, als Abschaffel und Margot eintraten, und lasen dann gemeinsam in ihren Zeitschriften weiter, die sie ausgebreitet vor sich liegen hatten. Die Frau las eine Illustrierte, die beiden etwa zehn und zwölf Jahre alten Kinder Comic-Hefte. Die Kinder kamen mit dem Lesen schneller voran als die Mutter. An einem anderen Tisch saß ein Arbeiterliebespaar. Er war ein Mann um die Vierzig; an der Grobheit, mit der er Abschaffel und Margot betrachtete, war zu sehen, daß es ihm nichts ausmachte, wenn die anderen zeigten, daß sie nicht beobachtet werden wollten. Er trug eine grüne Weste, die Frau neben ihm trug auch eine grüne Weste. Ihre hilflose Freude an künstlichen Übereinstimmungen rührte Abschaffel, und er sah noch einmal zu den beiden hin. Die Frau drückte sich eng an ihn heran und entfernte ihm einige Fusseln von seiner grünen Weste. Als sie damit fertig war, schob sie ihm eine Hand zwischen seine eng zusammengedrückten Schenkel. Offenbar überkam den Mann dadurch ein durchdringendes Gefühl der Dankbarkeit. Er nahm seine Geliebte in den Arm, schob ihr ein Fleischstück, das er vom Teller hochnahm, mit der Hand in den Mund und schüttelte ihren Oberkörper freundschaftlich hin und her. Sie war dankbar dafür und lachte den Mann an. An einem dritten Tisch saßen drei junge Männer, nicht älter als zwanzig, und rauchten und sahen vor sich hin. An ihren eingeschmutzten Fingernägeln sah Abschaffel, daß es Arbeiter waren. Einer hatte ein dickes schmutziges Pflaster um die Daumenspitze. Mit tief hängenden Köpfen sahen die drei herüber zu ihnen. Eine junge dicke Bedienung mit weißer Bluse und schwarzem Rock erschien im Lokal und trug drei gefüllte Teller an den Tisch der Frau mit den beiden Söhnen. Alle drei sahen stumm auf ihre Teller. Die Frau legte ihre Illustrierte weg, die beiden Kinder schoben ihre Hefte unter ihre Teller. Die beiden Kinder sahen sich kurz an, wenn sie sich aus ihren Colaflaschen nachschenkten. Von den drei jungen Arbeitern war einer aufgestanden und in der Toilette verschwunden, und einer der beiden anderen schlug sich mit der Faust in die linke flache Hand und sagte: Überall, wo der hingeht, muß er sofort schiffen.

Abschaffel und Margot bestellten zweimal Riganato mit Schafskäse. Dazu einen halben Liter Wein, eine Portion Oliven und Weißbrot. Margot trug eine frische Bluse und enge Hosen. Er wußte, daß ihr die Hose zu eng war und daß sie noch heute abend darüber klagen würde. Sie riß die Weißbrotscheiben in kleine Stücke auseinander und steckte sich eines nach dem anderen in den Mund. Sie hob das Weinglas und trank es zur Hälfte aus. In vierzehn Tagen fang ich einen neuen Job an, sagte sie. Was? Du hast gekündigt? fragte er. Schon lange, sagte sie, ich hab’s satt. Die Goldschmiede hast du satt? Ja, unheimlich sogar, sagte sie. Und? Was willst du machen? Ich fang bei einer Autovermietung an, bei einer amerikanischen, sagte sie. Was? fragte er. Hast du es nicht verstanden? fragte sie. Doch, sagte er, ich habe alles verstanden, ich wundere mich nur über den Wechsel; in der Goldschmiede warst du selbständig, sagte er; bei dieser Autovermietung hockst du nur in irgendeinem Büro. Erstens war ich in der Goldschmiede keineswegs selbständig, sondern ich war verlassen, und zweitens hocke ich bei der Autovermietung nicht in einem Büro, jedenfalls nicht ununterbrochen, sondern ich komme draußen herum, sagte sie; ich hab’s mir auch lange überlegt. Ich sitz den ganzen Tag an meiner Werkbank und feile an irgendwelchen Ringen herum, und abends klopf ich mir den Goldstaub von der Hose. Mein Chef ist ein guter alter Witwer, der zufrieden ist, wenn er mit seinem feinen Handbesen den Staub aus seinem Schaufenster herausfegen kann.

Abschaffel lachte. So ist es, sagte Margot, mehr braucht der nicht mehr. Am liebsten ist ihm, wenn er überhaupt nichts zu reden braucht. Und ich sitz mit ihm in einem Laden und sag nichts, weil ich weiß, er will gar nicht, daß etwas gesagt wird. Wenn ich dich nicht schon manchmal angerufen hätte, dann wären schon viele Tage buchstäblich ohne ein gesprochenes Wort vergangen, sagte sie; manchmal fällt es meinem Chef selbst auf, daß es so still ist, und dann sagt er so ein paar richtige Konversationssätze, nach denen es erst recht wieder ganz still sein muß. Mein Gott, sagte Margot, ich mach dem Mann ja keine Vorwürfe; er ist von allem, was heute mit den Menschen passiert, ozeanweit entfernt, wirklich, sagte sie, es ist unglaublich, daß es so etwas gibt, aber zwischen meinem und seinem Leben ist wirklich ein Meer. Er ist Mitglied in einem Aquarienclub, aber er redet nicht davon, weil er sich geniert, glaube ich, oder weil er vielleicht ahnt, daß er selbst ein Fisch in einem Glaskasten ist. Er rückt jeden Tag seine Schmucketuis zurecht, montags bringt die Wäscherei zwei frisch gebügelte weiße Kutten, die zieht er an und fühlt sich wohl. Er hat das glückliche Schicksal eines älteren Zierfischs, der schon in seiner Jugend den segensreichen Beruf eines Goldschmieds ergriffen hat, sagte sie.

Abschaffel und Margot lachten. Die Bedienung brachte beide Portionen Riganato. Margot redete und redete. Sie bestellten noch einen halben Liter Wein, einen weiteren Korb mit Brot und zwei Schnäpse. Und deswegen hör ich dort auf, sagte Margot; ich hab’s satt; na ja, Goldschmiedin war eben vor fünfzehn Jahren ein typischer Beruf für ein katholisches Landmädchen, das anständig bleiben wollte. Fünfzehn Jahre! rief sie aus. Ich will nicht mehr den ganzen Tag in einem Raum rackern und rackern, ich will raus, ich will Leute sehen, sagte sie; obwohl längst alles perfekt ist mit der City Car, so heißt die Autovermietung, sagte sie, und obwohl der Zierfisch weiß, daß alles perfekt ist, gibt es noch fast alle zwei oder drei Tage einen zärtlichen Fight zwischen ihm und mir. Er will unbedingt, daß ich alles rückgängig mache mit der City Car und bei ihm weitermache. Er hat eine riesige Angst, einen neuen Goldschmied zu suchen und ihn dann erst kennenzulernen beziehungsweise nicht kennenzulernen. Dann erzählt er den üblichen Schmonzes, ich könnte meinen Beruf doch nicht einfach so wegwerfen, wegwerfen sagt er, einen richtigen Beruf gegen so was! Und das Schlimme ist, ich kann ihm nicht antworten, was ich eigentlich antworten will, weil er das nicht verstehen würde. Mein lieber Zierfisch, müßte ich ihm sagen, ich bin jetzt sechsunddreißig Jahre alt, und nach allem, wie es aussieht, werde ich mich damit abfinden müssen, daß ich bis zu meiner Pensionierung immer nur ein Gehalt kriege, das Monat für Monat zu wenig sein wird, aber ob ich das Gehalt von Ihnen kriege oder von sonstjemand, ist völlig gleichgültig. Eben das begreift er nicht. Er glaubt an seinen Meisterbrief, den er vor vierzig Jahren von der Handwerkskammer gekriegt hat. Ich sag ihm nicht, was ich denke, denn warum sollte ich einen alten Zierfisch erschrecken? Da beginnt das Meer zwischen uns, sagte sie; ich seh ihn nur an mit einem Blick, mit dem ich mich durch meine ganze katholische Landjugend geschlagen habe, es ist ein unvergleichlicher Blick, der auf ältere Herren heute noch wirkt. Daß er wirkt, erkenne ich daran, daß der Zierfisch dann plötzlich Mein liebes Fräulein Margot zu mir sagt. Da falle ich fast um, wenn ich das höre. Ehrlich, ich muß fast heulen, wenn ich das höre, sagte sie. Das ist die Anrede der Landvikare und Kolpingpfarrer. Wenn ein Vikar Mein liebes Fräulein sagt, dann weiß ein katholisches Landmädchen, daß der Vikar soeben das Äußerste geleistet hat, das Menschenmögliche. Aber das war das letzte Spielchen, das ich mit meiner Landjugendvergangenheit gespielt habe. Und der Zierfisch segelt um mich herum und will das alte Leben noch einmal aufwärmen. Manchmal gehe ich aufs Klo und kichere lautlos, sagte sie, aber ich muß aufpassen, daß das Kichern nicht in ein Heulen übergeht, das ist mir schon einmal passiert. Es ist Wahnsinn, sagte Margot, ich weiß, daß es Wahnsinn ist, was ich in solchen Minuten aushalte.

Sie aß eilig und gierig, und sie ließ nichts übrig. Sie griff auch in Abschaffels Teller. Es war Mode geworden, sogar unter Angestellten, auch vom Teller des anderen zu essen; jeder sollte von jedermann nehmen dürfen, und so geschah es an vielen Tischen. Er erschrak leicht darüber, wenn Margots Hand in seinen Teller griff. Er war gewohnt an die Finsternis des Alleinessens. Der eigene Teller war für ihn ein abgeschlossenes Territorium, und jemand, der aß, durfte nicht gestört werden, und niemand durfte ihm, auch nicht freundschaftlich, etwas vom Teller nehmen. So hatte er es in seiner Familie gelernt. Aber er sagte nichts. Er wollte Margot nicht stören, noch nicht einmal beim Reden. Obwohl er das Gefühl hatte, daß es wichtig war, was sie sagte, schwand ihm schon wieder die Aufmerksamkeit. Er ärgerte sich, und er schämte sich. Er spürte, daß Margot von der Aufgabe ihres Berufs erregt war, und er glaubte sogar, daß er die wichtigste Person war, der sie diese Geschichte mitteilte. Aber er spürte auch einen Argwohn gegen Margot. In vierzehn Tagen, hatte sie gesagt, fing sie schon bei der Autovermietung an, und das hieß, daß sie schon vor einigen Wochen gekündigt haben mußte. Warum hatte sie ihm nicht früher davon erzählt? War er vielleicht doch nicht die wichtigste Person? Oder hatte sie nur auf eine gute Gelegenheit gewartet? Und war der heutige Abend die gute Gelegenheit? Oder hatte sie sich mit der Mitteilung deswegen nicht beeilt, weil sie gewußt hatte, daß ihm schon bald das Interesse dafür ausging? Natürlich wollte er nicht dastehen als jemand, der eine längere Mitteilung gar nicht mehr aufnehmen konnte. Er traute sich nicht, sie nach dem Grund ihres langen Wartens zu fragen. Er hoffte, daß sie vielleicht selbst noch darauf zu sprechen kam.

Was mußt du denn bei der Autovermietung machen? fragte er. Das Wichtigste ist, sagte sie, daß ich zweihundert Mark mehr verdiene. Ich hoffe, daß ich damit endlich mal auskomme. Die Arbeit ist auf die Dauer wahrscheinlich ziemlich blöd. Das heißt, sagte sie, es ist ja eben keine richtige Arbeit mehr, es ist ja mehr ein Dienstbotenberuf, ein gut bezahlter Dienstbotenberuf ist es. Jeder Autofahrer, der unschuldig in einen Unfall verwickelt ist, hat das Recht, für die Dauer der Reparatur seines Wagens einen Mietwagen zu fahren, und die Versicherung des schuldigen Teils muß es bezahlen. Und ich sitze da in einem Büro und habe ein Telefon, und ich warte darauf, daß ich angerufen werde von jemand, der einen Unfall gehabt hat. Dann nehme ich ein Blanko-Vertragsformular und fahre an die Unfallstelle hin und übergebe das Mietauto. Und von einem Kollegen werde ich später abgeholt und ins Büro zurückgebracht. Das ist alles, sagte sie.

Er hoffte, daß sie bald aufbrachen. Er hörte Margot kaum noch zu, und sie bemerkte es nicht. Er sah ihr auf den fettigen Mund und trank den Rest Wein aus seinem Glas. Margot spitzte ein Streichholz und reinigte sich damit die Zähne. Als sie mit dem Holz an ihren Zähnen entlangfuhr, brachen kleine Stücke von der Spitze ab, die Margot während des Redens schnell auf den Tisch spuckte. Sie erzählte noch etwas über die Autovermietung, und es langweilte ihn. Gehn wir, fragte er. Hast du was? fragte sie. Nein, sagte er. Von mir aus, sagte sie.

Zu Hause bei ihm zog sie sich sofort die Hose aus. Der enge Bund hatte ihr kleine Muster auf den Leib gedrückt, die sie ihm zeigte. Er sagte nichts. Margot öffnete die Balkontür, schaltete das Licht aus und legte sich auf das Bett. Abschaffel war im Bad und putzte sich die Zähne. Es bedrückte ihn, daß soviel geredet worden war. Ich muß mich beruhigen, dachte er. Über die Goldschmiede hatten sie selten miteinander geredet, was er aber zukünftig mit Margot über die Autovermietung reden sollte, war ihm unklar. Er putzte sich die Zähne noch einmal, ganz langsam, und er beruhigte sich nur schwer. Er wollte über nichts nachdenken, sondern schön und ruhig mit Margot schlafen. Das lange Reden kam ihm wie ein Hindernislauf zu Margot vor.

Sie hatte sich ausgezogen und saß auf dem Bettrand. Sie hatte ihre Handtasche auf den Knien und suchte nach etwas, wahrscheinlich ihre Zigaretten. Sie holte eine Weinkaraffe aus der Handtasche und zeigte sie ihm. Hast du die mitgenommen beim Griechen? fragte er. Ja, sagte sie; hast du es nicht bemerkt? Nein, sagte er. So eine Karaffe ist einfach zu teuer, wenn man sie kaufen will, sagte sie. Er stellte das Radio an. Sie verstaute die Karaffe wieder in der Handtasche und steckte sich ein Kaugummi in den Mund. Sie begann zu kauen und legte sich auf den Rücken, und er suchte irgendeine Musik im Radio. Er legte sich neben Margot, und er spürte in seinem Gesicht die Kaubewegungen in Margots Mund. Er verfiel in ein inneres Schweigen, das schlimmer war als sein normales Schweigen, weil es noch tiefer saß und ihm keine Wahl mehr ließ. Es bedeutete, daß er sich beleidigt fühlte. Er überlegte, ob er Margot bitten sollte, das Kaugummi aus dem Mund zu nehmen, aber wie immer, wenn er sich beleidigt fühlte, konnte er nicht richtig überlegen. Er lag nur still neben ihr, bemerkte ihr Kauen und dachte: Wenn ich es noch einmal spüre, werfe ich sie aus dem Bett. Dann spürte er es wieder und sagte nichts. Er stützte sich auf und sah auf Margots Gesicht. Er war überhaupt nicht auf irgendwelche Mißstimmungen vorbereitet gewesen. Er betrachtete die winzigen Löcher in ihren Ohrläppchen, Einstiche aus der Zeit, als sie als Kind Ohrringe getragen hatte. Sie bemerkte, daß er auf ihre Ohrläppchen sah, und wie immer deckte sie sich schnell ein paar Haarbündel über die Ohren. Endlich wußte er, was er sagen konnte. Warum verdeckst du immer deine Ohrläppchen, wenn ich sie betrachte? fragte er. Es geniert mich, sagte sie; es erinnert mich immer wieder an meine katholische Kindheit, und ich habe das Gefühl, ich müßte jedesmal alles erklären, und das will ich nicht mehr. Wie sind denn die Löcher in die Ohrläppchen gekommen? fragte er. Beim Juwelier, sagte sie, kurz vor der Kommunion. Als kleines katholisches Dorfmädchen kriegt man eines Tages zierliche Ohrringe, so kleine Herzchen sind das meistens, sagte sie. Abschaffel streichelte sie, während sie redete. Eines Tages wird man von der Mutter zum Juwelier gebracht, und der sticht die Löcher in die Ohrläppchen. Was, sagte er, tut denn das nicht weh? Nein, sagte sie, in diesem Gewebe ist überhaupt kein Leben drin, du kannst dich pfetzen und spürst kaum etwas. Er pfetzte sich sofort in sein eigenes Ohrläppchen. Das ist bei mir aber anders, sagte er, bei mir tut es weh. Ein bißchen natürlich schon, sagte sie. Der Juwelier vereist die Ohrläppchen, so daß man nichts mehr spürt, und sticht durch. Aber das Schlimme ist nicht, daß man dann zwei Löcher da drin hat, sagte sie, das Schlimme ist, daß du dauernd Angst hast, eines Tages wird dich jemand an den Ohrringen ziehen und wird dir das halbe Ohr aufreißen. Ich habe Schulfreundinnen gehabt, sagte Margot, die sich überhaupt nicht mehr in die Nähe von Jungs getraut haben. Margot nahm das Kaugummi aus dem Mund und wickelte es in ein Papiertaschentuch ein. Sie schwieg. Abschaffel zog ihren Unterleib zu sich heran. Du bist zu grob zu mir, sagte sie. Augenblicklich ließ er von ihr ab und legte sich zurück. Daß nicht nur er mit ihr, sondern auch sie mit ihm unzufrieden war, schuf eine riesige Entfernung zwischen ihm und ihr. Er glaubte, in ein Flugzeug gestiegen zu sein und von Margot wegzufliegen. Zu grob? fragte er leise aus der Entfernung zurück; wo? wie? wobei? Überhaupt, sagte sie, du bist in letzter Zeit allgemein zu grob. Das verstehe ich so nicht, sagte er. Sie schwieg. Abschaffel bildete sich auf seine Zartheit viel ein. Vor Aufregung über diesen Vorwurf konnte er kaum richtig nachdenken. Tatsächlich hatte er nicht bemerkt, daß er in der Eile der allgemeinen Enttäuschungen schon manchmal dazu übergegangen war, nur noch zu sich selbst zart zu sein. Mit sich selbst war er genauso zart wie früher, vielleicht sogar noch mehr als früher, weil es immer mehr darauf ankam, sich selbst zart nachzugeben, sich selbst weich zu verstehen. Nur hatte er diese teilweise Umwandlung, diese fortschreitende Beschlagnahmung seiner Zartheit für seine eigenen, inneren Zwecke nicht bemerkt. Er glaubte, zu jeder Frau, wenn er es nur wollte, zart sein zu können, und er war der Meinung, daß er zu Margot zart war. Verdutzt lag er da. Soll ich dir einmal sagen, wie du in letzter Zeit mit mir umgehst? fragte sie. Ja, sagte er. Du hast zum Beispiel drei Arten, mir an die Brust zu greifen. Die erste geht so, sagte sie, daß du eine Brust in deiner Hand liegen haben willst. Wenn du das möchtest, greifst du einfach hin und umschließt eine Brust mit deiner Hand und drückst daran herum. Die zweite Art geht so, daß du mit Zeigefinger und Daumen an meiner Brustwarze zupfst. Ich weiß nicht, ob das für dich schön ist, wahrscheinlich denkst du, es sei für mich schön. Es ist aber nicht schön für mich, es tut mir manchmal sogar ein bißchen weh, sagte sie. Und die dritte Art ist die blödsinnigste von allen; dann legst du deine Hand flach auf meine Brust und machst kreisförmige Bewegungen, immer im Kreis herum drehst du deine Hand mit meiner Brust darunter, ein richtiges Herumrühren ist das. Ich weiß nicht, wie das gekommen ist bei dir, sagte sie; vor einem halben Jahr war es nämlich noch ganz anders.

Er war vollkommen stumm geworden. Er wußte überhaupt nicht, was er Margot sagen sollte. Es war wie damals, als er von der Mutter ausgeschimpft wurde. Auch damals hatte es für ihn keine Möglichkeit der Entgegnung gegeben. Er schwieg und drehte Margot den Rücken zu. Er erinnerte sich an seine Überzeugung, daß er in seiner Kindheit und Jugend so oft ausgeschimpft worden war, daß heute niemand mehr das Recht hatte, es noch einmal zu tun. Schon längst hatte er an jedermann ein stilles Verbot ausgesprochen, ihm irgend etwas vorzuwerfen. Tatsächlich saß er nun in einem Flugzeug und flog hoch in den Wolken, und unten lag die arme Margot, die nicht wußte, daß sie sein Beanstandungsverbot gebrochen hatte. Er war der einzige Gast in seinem Privatflugzeug, und niemand begegnete ihm bei seinem weiten, unangefochtenen Flug.

Margot schwieg. Abschaffel drehte sich wieder um. So schön sein Flug war, er mußte wieder herunterkommen auf das Bett, auf dem er neben Margot lag, und natürlich wurde aus dem leichten Flugzeug seiner Verletztheit, als es landete, eine dicke schwere Maschine. Er war in das tiefste Beleidigtsein zurückgefallen, das ihm überhaupt möglich war. Margot wartete darauf, daß er etwas sagte. Er sagte nichts, sondern grub sich weiter ein. Er versuchte, etwas zu denken, aber er dachte nicht wirklich, sondern ließ sich nur etwas durch den Kopf ziehen. So glitten ihm drittklassige Beschwerden durch den Kopf, an denen er sich befriedigte. Kein Mensch wird irgendwo erwartet, phantasierte er und hörte gleich wieder damit auf, weil er bemerkte, daß er sich nicht wirklich beschweren wollte, aber was wollte er denn? Er konnte nicht mehr aus seiner Lähmung herausfinden, die anhielt, seit Margot sich bei ihm beschwert hatte. Er hatte das Gefühl, schon inmitten eines Unglücks zu sein, und er mußte auf jeden Fall der erste sein, der sich aus dem Unglück zurückzog. Er drückte sich hoch und setzte sich auf den Bettrand. Er holte sich seine Zigaretten und den Aschenbecher, der auf dem Boden in Reichweite des Betts stand. Das Streichholz, das er anzündete, zischte nur kurz auf und verlöschte. Als beim zweiten Streichholz dasselbe geschah, wollte er schon gegen die heutige Streichholzfabrikation Stellung nehmen. Sie verwenden zuwenig Phosphor, überlegte er. Er legte die Zigarettenschachtel, Streichhölzer und Aschenbecher weg und schlug die Beine übereinander. An den Außenrändern seiner Fußsohlen hatten sich wieder Hornhautringe gebildet, und er begann sofort, mit den Fingernägeln daran herumzukrubben. Er riß sich kleine Hautfetzen herunter und steckte sie sich in den Mund. Wenn er sie lange genug im Mund behielt, wurden sie ganz weich. Aber er behielt sie nicht lange im Mund, sondern biß sie in kleine Stücke, von denen er einige ausspuckte und einige andere verschluckte. Mußt du das jetzt machen, sagte Margot. Mein Gott, warum denn nicht, fragte er; du hast doch vorhin, als wir beim Griechen waren, auf Streichhölzer gebissen und hast kleine Holzsplitter ausgespuckt, und hab ich mich da vielleicht beschwert?

Margot erhob sich und zog sich an. Er sah zu, wie sie rasch ihre Unterwäsche anlegte und in die Schuhe schlüpfte. Die plötzlichen Vorbereitungen zum Weggehen regten ihn auf und beruhigten ihn zugleich. Margot kämmte sich im Flur. Er erinnerte sich schon wieder an seine Kindheit. Das überstürzte Verlassen von Zimmern und Wohnungen war in seiner Familie üblich gewesen. Margot sah ihn nicht an, während sie sich fertig machte. Er hatte die ganze Zeit das Gefühl, im Recht zu sein. Er beschloß, sich nicht von der Stelle zu rühren, solange sie bei ihm in der Wohnung war. Es war die Haltung eines Kindes, das Nichtverstehen bloß spielt. Für einige Augenblicke glaubte er es sich sogar selbst, daß er nichts verstand. Das war ganz herrlich. Er hatte für sich selbst schon lange ein System des abgestuften Verstehens erfunden, das er jetzt wieder anwandte. Es bestand darin, immer nur so viel zu verstehen, daß er vor sich selbst die Idee der Verletztheit nicht aufgeben mußte. Er glaubte, sogar eine Körperhaltung gefunden zu haben, um diesen Eindruck zu verstärken; er saß zusammengedrückt auf dem Bettrand, und sein krummer Rücken gehörte zum Bild eines Verurteilten, der noch nicht einmal die Anklage begreift. All seine Bemühungen machten auf Margot keinen Eindruck. Als sie fertig war, verließ sie wortlos die Wohnung. Nicht einmal die Türen schlug sie zu.

Abgeschwächt drangen die Geräusche von Margots Schritten noch zu ihm, dann war es vollkommen still. Abschaffel stand auf und fühlte sich gut. Er räumte die Gläser und die Flaschen weg, machte das Bett frisch und zog Unterhemd und Unterhose an. Er ging ins Bad und sah in den Spiegel. Margot hatte ihm vor einer Woche in die Schulter gebissen, und der Bißfleck war in seinem letzten Stadium angekommen. Abschaffel beugte sich über das Waschbecken und betrachtete den violett-bräunlichen Fleck, und er gefiel ihm. Er rechnete Margot den Fleck dankbar an. Noch einmal schob er den Halsausschnitt des Unterhemds zur Seite und betrachtete anerkennend den Fleck.

In der Küche strich er, weil ihn die Brotkrümel störten, mit der flachen Hand über den Tisch. Er klatschte die Hände zusammen, aber die Brotkrümel, die nun in seinem Handinneren klebten, fielen nicht restlos ab. Er ging noch einmal ins Bad zurück und wusch sich die Hände. Dabei drückte er die Brotkrümel in die Seife hinein. Er beschloß, sich ein Wurstbrot zu machen und ein Glas Bier zu trinken. Beim Öffnen des Eisschranks merkte er, daß er bald furzen mußte. Er glaubte, es werde ein leiser Kinderfurz, aber er war laut und knarrend. Abschaffel sah in der Küche umher, weil er einige Augenblicke lang dachte, jemand hätte seine Verfehlung gehört und würde ihn nun verurteilen. Dann lachte er, weil ihm der Einfall gekommen war, nur wenn man allein ist wie ich, darf man ein Wurstbrot essen und zugleich furzen. Er ging wieder ins Bad, stellte sich vor den Spiegel und sah sich beim Kauen zu. Es fiel ihm auf, daß er immer noch in Unterwäsche war. Er erinnerte sich an den Vater, der ganze Sonntagvormittage lang in Unterwäsche in der Wohnung herumgelaufen war. Als Kind hatte Abschaffel den Vater deswegen verachtet und sich gelobt, im Alter gegen den Vater vorzugehen. Die Mutter hatte ihn und die Geschwister sonntäglich hergerichtet, aber die Sonntagskluft der Kinder konnte gegen einen in Unterhose und Unterhemd umherschlurfenden Vater niemals zur Geltung kommen. Nach dem Frühstück verließen die Kinder die Wohnung, aber wenn sie zur Mittagszeit zurückkehrten, war der Vater noch immer nicht angezogen. Er setzte sich sogar im Unterhemd an den Mittagstisch. Abschaffel blickte auf seine nackten Beine und überlegte. Auf keinen Fall wollte er so werden wie sein Vater. Und doch glich er ihm in diesen Augenblicken, als hätte er die letzten zehn Jahre an seiner Nachahmung gearbeitet: In Unterwäsche stand er spätabends in der Wohnung herum und drückte sich ein schweres Wurstbrot in den Körper. Der einzige Unterschied bestand darin, daß der Sohn sein Verhalten noch bemerkte. Und, ein zweiter Unterschied, es war keine Familie da, die von Abschaffels Aufzug hätte beleidigt sein können. Waren diese Unterschiede ausreichend, den Vater hinter sich zurückzulassen, oder waren sie belanglos? Er überlegte und überlegte, aber seine Fragen wandelten sich nur in Qualen um. Er bekam Angst, in großen Mengen stürzte sie in seinen Körper, und er verspürte den Drang, die Angstströme im Körper anzuhalten. Aber wie war das zu machen? Statt dessen ging die Angst dicht hinter ihm her. Sie ging sogar mit ins Bett, und als Abschaffel neben sich die Bettdecke niederschlug, glaubte er, ihr einen Platz gemacht zu haben.

 

Frau Schönböck grüßte ihn wieder im Büro, nachdem sie ihn wochenlang nicht besonders beachtet hatte. Hatte sie etwas Positives über Abschaffel gehört? Oder hatte sie erfahren, daß er etwas Gutes über sie gesagt hatte? Hatte er sich denn überhaupt jemals über Frau Schönböck ausgelassen? Er überlegte, aber er konnte sich an nichts dergleichen erinnern. Es kam vor, daß er über Kollegen redete, meistens abfällig wie alle anderen, aber über Frau Schönböck hatte er nie ein Wort gesagt. Er wollte unter allen Umständen vermeiden, daß in der Firma über sein kurzes Abenteuer mit Frau Schönböck geredet wurde. Die Regel war, daß nach Ablauf einer gewissen Ehrfurchtszeit bald jeder wußte, wer an wen sexuell einmal herangetreten war. Aber offenbar hielt auch Frau Schönböck dicht, bisher jedenfalls. Warum grüßte sie ihn plötzlich wieder? Er fühlte sich beunruhigt. Er achtete Frau Schönböck nicht, und wenn ihm einfiel, daß er einmal mit jemandem zusammengewesen war, den er nicht achtete, dann blieb ihm nichts anderes übrig, als sich selbst ebenfalls nicht zu achten. Dann betrachtete er sein Geschlecht als gierigen und blöden Herrn, der das Niveau seiner übrigen Person leider nicht immer halten konnte. Schon wieder redete Frau Schönböck darüber, daß sie in einigen Tagen in Urlaub fuhr, nach Jugoslawien. Er zwang sich, ihren Schwärmereien nicht zuzuhören, und dachte statt dessen an Margot. Vierzehn Tage waren vergangen, seit sie wortlos seine Wohnung verlassen hatte. Er hatte sie seither nicht wieder gesehen und nicht wieder gesprochen. Er bemühte sich, diese Pause nicht außergewöhnlich zu finden und sich einzureden, daß sie jeden Augenblick wieder anrufen konnte. Zwischen neun und zehn Uhr wurde es endlich still im Büro. Manchmal war es so, als hätten alle Angestellten gleichzeitig tiefe Einsichten in ihr Leben, und es sei deswegen so still. Nur ein wenig Arbeit war zur Tarnung nötig. Kommt Zeit, kommt Mittag, sagte jemand aus der Buchhaltung. Um elf telefonierte Frau Schönböck mit einem Kunden und setzte an den Schluß des Gesprächs erneut einen Hinweis auf ihre baldige Urlaubsabwesenheit. Abschaffel wollte verhindern, daß er in der Mittagspause mit ihr an einen Tisch geriet. Seit die Gleitzeit eingeführt war, überlegten sich die Kollegen sorgfältiger, ob sie das Haus verlassen sollten. Jeder hatte einen Ausweis mit Foto bekommen, der jedesmal beim Betreten oder Verlassen des Hauses in einen Steckapparat eingeführt werden mußte. Abschaffel gehörte nicht zu den Kollegen, die in der Mittagspause das Büro verließen. Wer aus dem Haus ging, überzog fast regelmäßig die Mittagszeit; früher waren das erschlichene Verlängerungen der Mittagszeit, um die sich niemand besonders kümmerte, aber heute gab es die Stechuhr, die jede Minute Abwesenheit aufzeichnete und anrechnete. Abschaffel sah aus dem Fenster hinaus und dachte wieder an Margot, und das wollte er auch in der Mittagspause tun. Ungestört wollte er eine Mittagspause lang hoffnungsvoll an Margot denken und am Ende ganz sicher sein, daß sie ihn am Abend besuchte. Statt dessen überlegte er, wie er verhindern konnte, daß Frau Schönböck sich ihm anschloß. Es bedeutete etwas, wenn man plötzlich wieder gegrüßt wurde, ebenso wie es etwas bedeutete, wenn man plötzlich nicht mehr gegrüßt wurde. Das heißt, manchmal bedeuteten beide Vorgänge auch nichts, wenn sie nur Launen und unbestimmten Haltungen von Kollegen entsprangen. Aber wie sollte man beurteilen, ob man nur einmal aus Launenhaftigkeit nicht gegrüßt wurde oder ob man aus bestimmten, das heißt feindlichen Absichten heraus gegrüßt wurde? Immer gab es eine Anzahl von Kollegen, die eine andere Anzahl von Kollegen zur Zeit nicht grüßte. Und es konnte geschehen, wie es Abschaffel auch schon geschehen war, daß er plötzlich einen Kollegen grüßte, von dem er seinerseits lange nicht mehr gegrüßt worden war. Plötzlich wieder gegrüßte Kollegen stürzten sich in Überlegungen über die Bedeutung derartiger Vorkommnisse. Die naheliegende Erklärung eines kurz bevorstehenden feindlichen Akts war oft, aber nicht immer zutreffend. Manchmal schlug die Stimmung zwischen zwei Kollegen aus bloßem Überdruß an der Feindseligkeit in Freundlichkeit um, ohne Grund, es sei denn, daß der Überdruß an der Feindseligkeit auch ein Grund war. Ronselt füllte seinen Lottoschein aus. Das bedeutete, daß er in der Mittagszeit in die Stadt fuhr, um den Schein abzugeben. Für den Lottoschein benutzte er seinen Privatkugelschreiber aus der linken Anzuginnentasche. Vorher machte er drei Probestriche auf einem Blatt Papier. Wegen der Sturheit, mit der Ronselt Woche für Woche an seine plötzliche Bereicherung glaubte, hatte Abschaffel wieder Lust, ihn zu verachten. Und er glaubte, seine Verachtung schon ausgedrückt zu haben, als er sich erhob und auf die Toilette ging. Abschaffel hatte schon oft bemerkt, wie sehr Ronselt Lust hatte, seine Lottogeschichten auszubreiten. Er hatte die Zahlenkombinationen im Kopf, mit denen er vor zwölf oder sechzehn Wochen neun Mark achtzig gewonnen hatte. Abschaffel hörte diese Geschichten manchmal im Vorbeigehen, wenn Ronselt sie anderen Kollegen erzählte. Immerhin hatte Abschaffel es fertiggebracht, daß Ronselt ihn damit in Ruhe ließ. Ronselt war ein so kleiner Angestellter geworden, daß er wieder an das große Glück glaubte. Und Abschaffel verachtete nicht nur die, die noch immer an irgendein Glück glaubten; er war inzwischen sogar so weit, daß er das Glück selbst, seines ewigen Ausbleibens wegen, verachtete. Er wusch sich in der mit Neonröhren überhell erleuchteten Toilette zum viertenmal an diesem Morgen die Hände, und dabei erinnerte er sich, daß er im Alter von zwölf oder dreizehn Jahren zum letztenmal davon ausgegangen war, daß es so etwas wie das Glück gebe. In diesen Jahren hatte sich sein Leben langsam umgewandelt. In der Schule ging es ihm von Jahr zu Jahr schlechter, und seine Eltern machten sich langsam darauf gefaßt, aus der Schulzeit ihres Sohnes eine peinigende Erzählung machen zu müssen. In diesen Jahren hatte er das erlösende Glück gesucht, und er suchte es dort, wo es Kinder vermuten. Er beteiligte sich an Malwettbewerben von Nudelfabriken, Margarinekontoren und Dosenmilchfirmen und hoffte auf einen der Preise. Hinzu kamen Preisausschreiben und Rätselturniere, die manchmal von der Lokalzeitung veranstaltet wurden. Abschaffel schickte als Kind seine Zeichnungen und Lösungskarten ein, wie es verlangt war, er wartete Monat um Monat, und er glaubte jede Woche neu, daß das Glück, wenn man es so inständig hofierte, sich nicht versagen konnte. Aber er gewann nie etwas, nicht ein einziges Mal. Noch nicht einmal ein sogenannter Trostpreis fiel für ihn ab. Es war unbegreiflich.

Abschaffel trocknete sich am automatischen Handtuchspender die Hände ab. Eine der Neonröhren an der Decke flackerte seit Wochen und summte dazu. Abschaffel dachte über das Wort Trostpreis nach; er überlegte, warum er das Wort, als er Kind war, so gut verstanden hatte. Es bedeutete, daß alle, die nichts gewonnen hatten, das Gefühl haben sollten, sie hätten doch etwas gewonnen. Alle, die leer ausgingen, sollten sich täuschen können. Und zugleich war ein Trostpreis auch noch eine Erfindung, um die anderen verstehen zu können, die wirklich etwas gewonnen hatten. Es gefiel ihm, was er in der Toilette dachte. Er glaubte plötzlich, ein Meister des Lebens zu sein, weil er, zum Beispiel, das Glück schon ganz früh als Gespenst leerer Kindernachmittage entlarvt hatte. Wenn es nur wahr gewesen wäre. Wenn er nur dieser Meister des Lebens geworden wäre. Wenn er nur der unerschrocken Lebende hätte sein können, der nicht mehr zu täuschen war. Zwischen vier weißen Kachelwänden stehend, gestand Abschaffel sich ein, daß er sich soeben belogen hatte wie schon lange nicht mehr. Er hatte sich als Kind nicht ein einziges Mal an einem Malwettbewerb beteiligt, nicht ein einziges Mal an einem Preisausschreiben oder einem Rätselturnier. Er hatte nie etwas gewonnen, weil er niemals an einem solchen Wettbewerb teilgenommen hatte. Er glaubte nur manchmal gern, an allem beteiligt gewesen zu sein. Dann war er überzeugt, alles ausprobiert zu haben, das Leben schon wie ein Held herausgefordert zu haben und nach bestandenen Kämpfen ein Recht auf Verachtung zu haben. Tatsächlich hatte er nicht einmal einen kleinen Finger in die Kälte der Welt gehalten. Er war schon vor zwanzig Jahren zurückgeschreckt, und er schreckte noch immer zurück. Erlebte nur in geträumten Auseinandersetzungen, denn er war ein gräßliches altes Kind, das in den Kleidern eines Erwachsenen in einem Kinderbettchen lag und darüber jammerte, daß es seine Beinchen nicht ausstrecken konnte.

Total erledigt ging er aus der Toilette. So weit hätte es nicht kommen dürfen. Warum war es so weit gekommen, daß er sich seine eigenen Täuschungen nicht mehr glaubte? Ich habe keinen Mut zum Leben, dachte er, als er die Toilette verließ. Ich habe keinen Mut zum Leben, dachte er noch einmal. Ich will alle Schmerzen schon gehabt haben, ich will tot sein. Immer wenn er als Kind das Haus verließ, hatte ihm die Mutter nachgerufen: Paß auf, damit dir nichts geschieht. Und genau das hatte er bis heute immer getan: aufgepaßt, damit ihm nichts geschah. Und weil er trotzdem ein Gefühl davon bekommen hatte, daß niemand leben konnte, ohne daß ihm etwas geschah, phantasierte er sich nachträglich in Auseinandersetzungen hinein, die niemals stattgefunden hatten. Und während er und seine Mutter wirklich geglaubt hatten, daß ihm nichts Schlimmes geschah, trennte ihn die Schule ab von den anderen. Er blieb auf der Leiter stehen und fand die nächste Sprosse nicht mehr. Aber die Mutter hörte auf zu reden und begann zu schimpfen: Du mußt auch besser aufpassen, damit dir nichts geschieht.

Unglücklicherweise begegnete er dem bleichen Gersthoff. Offenbar wollte er ebenfalls in die Toilette. Gersthoff ging unkonzentriert, manchmal schwankte er sogar. Abschaffel trat noch einmal zurück zur Toilette und hielt Gersthoff die Tür auf. Gersthoff fiel leicht auf Abschaffel drauf. Es war zwar nur ein leichter Aufprall gewesen, aber Abschaffel fürchtete, für den zitternden Gersthoff könne er zuviel gewesen sein. Die Berührung mit Gersthoff war ihm unangenehm. Gersthoffs Tage waren gezählt. Er konnte den Kugelschreiber nicht mehr richtig halten, und Ajax hatte ihm vor zehn Tagen gekündigt. Damit es besser aussah, hatte ihm Ajax als Abfindung sechs Monatsgehälter versprochen. Aber Gersthoff hatte sich auf diesen nur schwach verzuckerten Angestelltentod nicht eingelassen. Ich will mein Recht, hatte er mehrfach im Büro gesagt, ich will mein Recht. Welches Recht wollte er? Gersthoff tat, als sei der Tod ein Teil eines Tarifvertrags, über den noch etwas auszuhandeln sei. Er hängte sich an Mörst, den Betriebsratsvorsitzenden, und Mörst rief noch einmal die Rechtsabteilung der Gewerkschaft an. Mörst wollte Gersthoff tatsächlich helfen, aber die Gewerkschaft machte endgültig nicht mit. Damit hätte auch für Mörst die Geschichte zu Ende sein können, aber Mörst gab sich immer noch nicht zufrieden. Er half Gersthoff auf eigene Faust. Er war für Gersthoff zum Arbeitsgericht gegangen und focht die Kündigung von Ajax privat an. Mörst riskierte viel. Er war als Betriebsrat nur so lange unkündbar, solange er Betriebsrat war. Und Ajax hatte rasch erfahren, daß die Gewerkschaft den Fall Gersthoff endgültig fallengelassen hatte. Und weil Mörst dennoch nicht aufgab, verschob sich die Auseinandersetzung um Gersthoff in einen stillen Kampf Ajax gegen Mörst. Das Arbeitsgericht hatte schon einen Termin bekanntgegeben. Ajax hatte Mörst, zum letztenmal vor der Verhandlung, zu sich kommen lassen. Mörst sollte endlich aufgeben. Es sieht doch jeder, daß Gersthoff eine Null ist, hatte Ajax gesagt, und Mörst hatte es weitererzählt. Wir sind eine Firma und kein Krankenhaus, seien Sie vernünftig und nehmen Sie die Klage zurück. Aber Mörst hatte nichts zurückgenommen. Er ließ es auf die Verhandlung ankommen.

Abschaffel saß an seinem Schreibtisch und wartete, daß Gersthoff aus der Toilette kam. Immer noch hatte er Angst, Gersthoff liege vielleicht auf dem Steinboden der Toilette und röchelte seiner letzten Stunde entgegen. Aber es öffnete sich die Tür, und Gersthoff schwebte heraus. Seine immer etwas ungenauen Bewegungen verschafften ihm den Ausdruck des Schwebens. Er ging zurück zu seinem Schreibtisch, und Abschaffel sah, daß ihm der Kugelschreiber schon wieder auf den Boden fiel. Er bückte sich nicht, sondern nahm einen anderen Kugelschreiber. Abschaffel zwang sich, in eine andere Richtung zu sehen. Er sah aus dem Fenster hinaus und sah rundliche Stacheldrahtballen über den Luftschächten im Ladehof. Es war entsetzlich. Heute konnte er hinsehen, wohin er nur wollte, überall wurde er geschwächt und gedemütigt. Er selbst war es gewesen, der vorlaut den Stadtstreicher verraten hatte, aber das hatte er fast schon wieder vergessen. Statt dessen hielt sich sein Schuldgefühl an den Stacheldrahtballen fest, und für die war eindeutig Mörst verantwortlich. Wie war es möglich, daß ein und dieselbe Person, dieser stinkende Betriebsrat Mörst, einerseits einen todkranken Angestellten vor dem Arbeitsgericht vertrat, andererseits aber einem Penner den Schlafplatz mit Stacheldraht verspannte? Abschaffel überlegte, ob Mörst Ajax bewußt positiv beeindrucken wollte, indem er Stacheldraht über die Luken spannen ließ, damit er in der Sache Gersthoff um so besser gegen ihn kämpfen konnte. Vielleicht war es so, vielleicht nicht. Vielleicht waren die beiden Ereignisse auch nur zufällig zeitlich miteinander verbunden. Mörst war ein guter Betriebsrat, aber er war genauso eng und beschränkt wie alle anderen. Er half Personen nur dann, wenn sie, wie Gersthoff, auf ordentliche Weise in Not geraten waren. Wer aber unordentlich in Not war, wie der Penner im Ladehof, rief sofort Mörsts Argwohn hervor. Mörst hatte feste Vorstellungen über das Elend. Nur wer eine langjährige Praxis in der Ordentlichkeit hinter sich hatte und dann scheiterte, war auf sanktionierte Weise ins Unglück geraten. Gegen alle anderen Unglücklichen ging Mörst entschieden vor; er verfolgte sie, bis sie außer Sichtweite waren.

Abschaffel tippte auf einen Zettel den Text eines Fernschreibens. Er tippte mit zwei Fingern und wurde deswegen wieder von Fräulein Schindler belächelt. Wieder sagte er, was er schon so oft gesagt hatte: Ich tippe so wenig, daß ich mir das erlauben kann. Fräulein Schindler lachte und sagte: Sie wollen bloß verhindern, daß Ajax eine Tippse aus Ihnen macht. Sie lachte noch einmal, und einige andere lachten mit. Abschaffel wunderte sich über diese fremdartige Äußerung. Vielleicht hatte er schon den Ruf eines schwächlichen, weibischen Angestellten, und er wußte gar nichts davon. Aber er kam nicht dazu, diesen Dingen nachzusinnen, weil soeben ein Lehrling Fräulein Schindler eine Büroklammer in den Ausschnitt geworfen hatte. Es war die erste Büroklammer in diesem Sommer, die in einen Ausschnitt geworfen wurde. Jetzt geht das wieder los, seufzte Abschaffel innerlich auf. Er sah Fräulein Schindler zu, wie sie mit der rechten Hand in ihrer Bluse umherstreifte. Das Werfen mit Büroklammern war ein erotisches Spiel unter ganz jungen Angestellten und Lehrlingen. Fräulein Schindler war zwar kein Lehrling mehr, und sie bemühte sich auch, nicht zu den Lehrlingen gezählt zu werden. Die Lehrlinge jedoch behandelten sie so, als gehörte sie zu ihnen. Sie fand die Büroklammer und warf sie auf den Lehrling zurück, verfehlte ihn allerdings weit. Die Schar der blassen und verpickelten Lehrlinge brach darüber in ein dröhnendes Lachen aus. Das Lachen war für sie die einzige Art, mit Fräulein Schindler einen intimeren Kontakt zu haben. Ihre Erscheinung entsprach den Vorstellungen der Begierde, und es gab sicher keinen Lehrling, dessen Phantasie sich nicht wenigstens einmal täglich mit ihr beschäftigt hätte. Fräulein Schindler gab zwar immer wieder einzelne Bemerkungen über ihren neuen Freund von sich, und ihr Gehabe verriet ihre Überzeugung, daß nicht ein einziger Angestellter von Ajax an die Qualitäten ihres neuen Freundes heranreichte. Die Lehrlinge ihrerseits hatten die tiefe Überzeugung, daß sich alle jüngeren Leute ihre Freunde und Freundinnen in der Firma suchen sollten. Wer, wie Fräulein Schindler, sich außerhalb der Firma versorgte, diffamierte die erotische Repräsentanz von fünfzehn jungen Leuten. Fräulein Schindler straffte ihre Bluse. Sie war selbstbewußt und entschlossen, sich erotisch nicht an die Firma binden zu lassen.

Seit Stunden war Abschaffel wieder den Nichtigkeiten des Büros ausgesetzt. Die offene Weite des Großraumbüros versetzte alle Angestellten in einen allgemeinen Zusammenhang. Alle kleinen Nichtigkeiten sammelten sich zu einem großen Nichts, an dem alle teilhatten. Er hatte noch nicht einmal Gelegenheit, seine eigenen Nichtigkeiten zu bedenken und nach Möglichkeit auszuräumen, weil er gezwungen war, am allgemeinen Strom der Ereignisse teilzunehmen. Die einzig mögliche Absonderung bestand darin, die fehlenden Trennwände im eigenen Körper hochzuziehen. Abschaffel hockte an seinem Schreibtisch und sah auf die angefangenen Mauern in seinem Körper herab. Er sehnte sich den Feierabend herbei, und er sehnte sich nach Margot, aber sie hatte auch heute wieder nicht angerufen. Er wußte nicht, was er heute abend machen sollte, und er fürchtete sich vor dem Alleinsein. Er strich sich mit dem Handrücken über die untere Gesichtshälfte, und er bemerkte, daß er sich rasieren mußte. Es kam ihm wie eine Hoffnung vor, daß er noch Barthaare hatte. Soeben hatte er sich dringend vorgenommen, keiner Bürogeschichte mehr zuzuhören, aber schon wieder war er in eine Aufmerksamkeit verwickelt. Er mußte eine neue Armbanduhr betrachten, die ein Lehrling umherzeigte. Die Uhr hatte keine Zeiger und kein Zifferblatt und keine Ziffern. Wenn der Lehrling die Zeit wissen wollte, mußte er mit der anderen Hand einen kleinen Schieber am Uhrgehäuse eindrücken, dann leuchtete auf dem schwarzen Rund des Zifferblatts in elektronischer Schrift die Zeit auf. Je mehr diese kranke Uhr bewundert wurde, desto stärker wurde in Abschaffel die Verachtung. Er sah mehrfach auf seine eigene Uhr und war mit ihr zufrieden. Sie hatte einen kleinen und einen großen Zeiger, und beide Zeiger zeigten auf Ziffern. Er empörte sich über eine fremde Uhr, die ihn nichts anging. Prompt war ein Uhrengespräch im Gange, an dem etwa sechs Kollegen teilnahmen. Jeder erzählte, wann er seine eigene Uhr gekauft hatte. Wie Uhren verlorengingen, wie Uhren wiedergefunden wurden, wie Uhren kaputtgingen und wie lange Uhren hielten. Abschaffel sah aus dem Fenster. Er öffnete halb den Mund und sog Luft ein. In seinem Abscheu für die Uhr des Lehrlings bemerkte er glücklicherweise nicht, daß die Art, wie er neue Erscheinungen verurteilte, ein Zeichen seiner eigenen Veralterung war. Eine Uhr konnte für ihn nur ein Gegenstand mit zwei Zeigern und einem Zifferblatt sein. Und die Erwartung, daß ein Ding sich selber immer ähnlich blieb, war ein Grundrecht aller alt werdenden Personen. Ich werde diesen Lehrling niemals nach der Zeit fragen, und wenn ich den Feierabend versäume, dachte er mehrfach. Niemals niemals, dachte er. Er vertiefte sich weiter in die Verurteilung der Uhr und beklagte, daß aus den simpelsten Gegenständen heutzutage immer gleich Geräte der Unterhaltung gemacht werden mußten, damit jeder einzelne, der im Imperium der Langeweile gefangen war, ach, Quatsch, er wollte überhaupt nicht denken. Mein Gott, dachte er endlich, das kann mir doch alles gleichgültig sein. Er blickte auf, und ganz langsam leerte sich sein Kopf.

Am Feierabend bot ihm ein Kollege an, ihn im Auto mit in die Stadt zu nehmen. Abschaffel lehnte freundlich ab; er wollte sich heute auf nichts und niemanden mehr einlassen. Er wollte die ganze Strecke bis in die Stadt zu Fuß zurücklegen. Das Gehen tat ihm gut. Wirklich hatte er das Gefühl, durch Gehen alles vergessen zu können. Er fühlte sich wie eine große weite Fläche, über die man endlos hinwegsehen konnte. Was sollte er tun? Er dachte an Margot. Er wollte sie treffen, aber er genierte sich. Bald war er in der Stadt. Wahrscheinlich erwartete Margot, daß er sich entschuldigte. Gelangweilt betrachtete er die Auslagen der Geschäfte. Es fielen ihm die Eltern ein. Wenn sie sich langweilten, sahen sie gemeinsam aus dem Fenster. Sie holten sich zwei dünne Kissen, meistens zwei Stuhlkissen, legten sie auf das Fenstersims und stützten die Arme drauf. Die Mutter stellte sich manchmal einen Stuhl an das Fenster, und zwar mit der Lehne zur Wand, so daß sie ihren Körper mit den Knien auf der Sitzfläche des Stuhls aufbocken konnte. Der Vater sah ohne Stuhl aus dem Fenster, weil er sich mit Stuhl nicht mehr so gut zwischen den Beinen hätte kratzen können. Die Eltern flüsterten leise über alles, was sie auf der Straße sahen, und es war doch so wenig, was es in dieser Straße zu sehen gab. Schon als Halbwüchsiger fand es Abschaffel unglaublich, wie die Eltern es fertigbrachten, ihre Langeweile nicht aus den Wohnungen hinauszutragen, sondern sie bloß an den Fenstern zu lüften, um wieder gut mit ihr weiterleben zu können. Niemals hatte er sich getraut, die Eltern zu fragen, was es denn auf der Straße zu sehen gab. Ganze Sommerabende lang hingen sie zusammen in einem Fenster, und wenn sie es spätabends wieder schlossen, dann ächzten und stöhnten sie glücklich auf, als wären sie soeben von einer Atlantikrundfahrt zurückgekehrt.

Auf dem Platz vor der Paulskirche sah Abschaffel einen langen Sattelschlepper stehen. HERKULES DER RIESENWAL AUF EUROPATOURNEE stand mit weißen Buchstaben auf der blauen Plane des Sattelschleppers. Einige Leute standen darum herum, und Abschaffel überlegte, ob er sich den Wal anschauen sollte. Oder war es nicht besser, einfach zu Margot zu gehen? Sie war jetzt sicher zu Hause. Er spielte mit seiner Langeweile und seiner Unentschlossenheit. Er wollte seine Beziehung zu Margot wieder geordnet haben, aber es sollte nicht so aussehen, daß beide hinterher glaubten, er sei der Grund für die Zerwürfnisse gewesen. Er stand vor dem Sattelschlepper und mühte sich ab, sein Verhalten zu entlarven. Was war er wirklich? Augenblicklich sah er in Margot seine Mutter, die er lieben müßte. Die Liebe zur Mutter war ein Automat aus der Kindheit, der zu spät in die Brüche ging. Und wenn Margot eine Verlängerung seiner Mutter war, dann würde es ihm niemals möglich sein, sie offen zu bemängeln. Er würde sich immer so verhalten, daß Margot aus seinem Verhalten mühsam eine Rüge erschließen mußte. Und wenn sie die Rüge endlich entdeckte, würde sie ihn beschimpfen, und dann endlich würde er sich trauen zurückzuschimpfen. Dann erst nämlich hatte er den Schutz, aus einem vermeintlichen Angriff heraus agieren zu können. Und das alles nur, weil er sich nicht traute, die Liebe zur Mutter endlich zu kündigen. Sollte das heißen, daß er sich überhaupt nicht richtig vorhanden fühlte, wenn er sich nicht über das Medium der Mutter mit sich selbst verständigen konnte? Und mußte er Margot als Mutterverlängerung deswegen beschimpfen, weil sie als Schmarotzer seiner eigenen Selbstverständigung immer dazwischensein würde? O Gott, diese Fragen hoben ihn fast in die Höhe, und die Unfähigkeit, sie verbindlich zu beantworten, erzeugte Druck im Kopf. Fast war er dankbar, sich mit HERKULES zerstreuen zu können. Er hatte sich schon einen Handzettel geben lassen und spielte vor der Kasse eine Weile einen Mann, der sich nicht sofort entscheiden konnte. Angeblich war HERKULES dreizehn Meter lang, zwei Meter zwanzig hoch und fünfzig Tonnen schwer. Noch vor der Kasse tat er so, als sei er an dem Wal überhaupt nicht interessiert, sondern wolle nur fahrenden Schaustellern die Tageseinnahme verbessern. Erst als er in dem knappen Zelt war, das an einer Seite des Sattelschleppers ausgefaltet war, bemerkte er, daß er nicht nur die anderen, sondern auch sich selbst wieder getäuscht hatte. Auf der Ladefläche des Sattelschleppers lag ein riesiges grauschwarzes Ding. Das sollte der Wal sein? dachte er und war enttäuscht. Offenbar hatte er erwartet, einen lebenden Wal schwimmend auf dem Sattelschlepper zu sehen. Er beschimpfte seine kindische Erwartung mit richtigen Sätzen. Wie soll denn ein dreizehn Meter langes Tier, das noch dazu nur im Wasser leben konnte, auf einem Sattelschlepper lebend umhergefahren werden können? Abschaffel überlegte, ob er der einzige war, der nicht ganz ausgeschlossen hatte, einen lebenden Wal zu sehen. Es waren ein paar Mütter mit ihren Kindern im Zelt. Die Frauen standen schweigend im Hintergrund und hielten Kleidungsstücke ihrer Kinder in Händen. Die Kinder sprangen umher und redeten mit dem Wal, als lebte er wirklich, und Abschaffel bemerkte, daß außer ihm niemand in diesem Zelt war, der seine Selbsttäuschung überhaupt hätte begreifen können. Es erschien ein Mann und nahm ein Mikrofon und stellte sich vor den Besuchern auf und sagte, das ist ein Blauwal, und es ist eine Sensation, daß Sie diesen Wahl besichtigen können. Der Wal ist am 14. Dezember 1975 in Dänemark gestrandet, erzählte der Mann, wahrscheinlich ist er von Grönland zu weit weggeschwommen und hat sich verirrt. Das Auge ist eine Attrappe, sagte der Mann, denn Augen kann man nicht mumifizieren, und der Wal ist innen leer und wird von einem Stahlgerüst gehalten. Das war der Augenblick, in dem Abschaffel zu glauben begann, einem Schwindler zuzuhören. Was an diesem sogenannten Wal war eigentlich echt? Abschaffel sah konzentriert auf die Haut des Tiers, und er war überzeugt, daß sie aus Pappe war, eine Theaterkulisse für eine Märchenvorstellung war das, natürlich. Er warf sich und allen Leuten vor, daß die Welt nur noch ein allgemeines Betrugsgefühl war, in dem das Auftauchen eines Pappwals nur zu den Beiläufigkeiten zählte, über die sich niemand mehr erregte. Wie unbegreiflich offen der Mann mit dem Mikrofon log! Der Wal ist in Dänemark gestrandet, GESTRANDET hatte er gesagt und sagte es wieder, wie konnte ein Wal stranden, der schwamm doch weiter, ein Wal ist doch kein Holzkahn, der irgendwo hängenbleibt. Abschaffel drückte sich aus dem Zelt heraus und versuchte, das Schaustellerpersonal finster anzusehen. Eine kleine Niedergeschlagenheit stieß ihn endgültig hinaus. Draußen mischte sich in die Finsternis seines Gesichts wieder die Erinnerung an Margot, und wieder empfand er die Schwierigkeit, daß er nicht wußte, wie er Margot begegnen sollte. Wahrscheinlich würde es wenigstens eine Aussprache geben, eine Abklärung von Vorwürfen und Schuldanteilen. Er tat, als hätte er schon Dutzende solcher Aussprachen hinter sich und als hätte er jedesmal hinterher festgestellt, daß sie nichts taugten. Und tief innen meldete sich seine Überzeugung, daß er die wirklich wichtigen Auseinandersetzungen sowieso nur mit sich selbst führen konnte. Warum war es denn nur so schwer, sich wieder zurückzumelden? Er bemerkte, daß er den Entschluß zum Besuch von Margot schon gefaßt hatte, weil er aber noch nicht wußte, wie er das praktische Aufeinandertreffen gestalten sollte, tat er eine Weile so, als hätte er sich noch nicht entschlossen. Sein Körper war weich und müde geworden. Er begann zu überlegen, was er Margot sagen könnte. Er ging über den Eisernen Steg nach Sachsenhausen, dort wohnte Margot. Sie wohnte in einem Ein-Zimmer-Appartement mit Küche und Bad. Er war nicht sehr oft bei ihr gewesen. Ihre Wohnung war genauso nachlässig eingerichtet wie seine, aber ertragen konnte er nur seine eigene Nachlässigkeit. Ihre Wohnung war wie eine Nichtanerkennung des Lebens, und diese Nichtanerkennung steckte in so vielen Details, in so vielen Unterlassungen und Unordentlichkeiten, daß er jedesmal Schwierigkeiten hatte, sich in ihrem Zimmer auf einen Stuhl zu setzen.

Sein Mund war trocken und sein Kopf weit und flimmernd, als er vor Margots Tür stand. Sie war sofort freundlich und bat ihn einzutreten. Er war verblüfft. Es fiel kein Wort darüber, daß sie sich eine Weile nicht gesehen hatten. Aber als er in das Zimmer trat, sah er eine blonde Frau in einem Sessel sitzen. Margot stellte ihn und die Frau vor. Das ist Barbara, eine Arbeitskollegin, sagte Margot. Abschaffel und die blonde Frau, die in Margots Alter war, gaben sich die Hand. Er setzte sich ein wenig abseits und bereute schon, daß er gekommen war. Es machte ihm Schwierigkeiten, mit Barbara umzugehen. Die beiden Frauen duzten sich, und sie redeten über Frisuren und Kleider, und Abschaffel hörte nicht hin. Er blätterte in einer Illustrierten herum und sah im Zimmer umher. Dadurch bemerkte er nicht, daß die Unterhaltung der Frauen schnell zu anderen, auch für ihn wichtigen Themen überging. Das heißt, er bemerkte den Wechsel, aber weil er zuvor so lange still in sich gekehrt gewesen war, fand er nicht so schnell in ein anderes Verhalten. Man hätte das Gespräch wie einen Zug anhalten und ihn bitten müssen, an einer für ihn passenden Stelle einzusteigen. Sie redeten darüber, ob sie für immer in Ein-Zimmer-Appartements bleiben sollten oder ob sie nicht in ein Alter gekommen waren, wo sie sich mehr wünschten als das, was sie unmittelbar zum Leben brauchten, eine größere Wohnung zum Beispiel. Ich bin immer noch zufrieden mit dem, was ich habe, sagte Margot; mehr als die Sachen, die in diesem Zimmer sind, brauche ich nicht. Mir geht es eigentlich auch so, sagte Barbara, obwohl ich mir das immer wieder sagen muß, damit ich es auch glaube, und das ist verdächtig. Margot lachte. Es gefällt mir immer mehr, daß ich aus zerrütteten Verhältnissen stamme, sagte Margot; dadurch ist heute gewährleistet, daß ich ganz wenig brauche. Das geht aber nur, antwortete Barbara, wenn man das, was einem während der Zerrüttung gefehlt hat, sich nicht als Sehnsucht für später aufgebaut hat. Wenn man sich danach heute sehnt, dann geht es einem ganz schlecht, weil man in ein unersättliches Wünschen hineinkommt, sagte Barbara. Gott sei Dank geht es mir nicht so, sagte Margot. Das heißt aber doch, sagte Barbara, daß du als Kind, während man dich zerrüttet hat, eigentlich schon zufrieden warst. Deine Eltern haben dich zerstört, aber du warst gar nicht unglücklich darüber, sagte Barbara. Margot lachte zustimmend. Es könnte gut wahr sein, obwohl ich das fast nicht begreife, sagte sie. Ich habe die Erinnerung, daß ich als Kind unablässig gegen meine Zerstörung angekämpft habe. Aber vielleicht stimmt deine Erinnerung nicht, sagte Barbara; vielleicht haben dich deine Eltern zerrüttet, und du hast immer nur gedacht: Macht nur weiter so, besser jetzt als später. Margot lachte hell aus dem Badezimmer heraus. Sogar Abschaffel lachte leicht; so etwas hatte er noch nie gehört. Trotzdem war es ihm nicht möglich, sich in die Spur dieses Gesprächs zu setzen. Er überlegte, was er sagen könnte, und das Nachdenken stärkte seine Befangenheit. Auch hatte er das Gefühl, Barbaras Gesprächsführung nicht standhalten zu können. Und während er in seinem eigenen Kopf versank, redeten Margot und Barbara bereits wieder über Frisuren und Kleider. Er konnte kaum begreifen, wie sie es fertigbringen konnten, nun wieder über Haare und Stoffe zu sprechen. Barbara erklärte Margot eine neue Frisur. Du nimmst eine kleine Rundbürste und rollst die nassen Haare in kleinen Büscheln darüber und fönst sie in Form. Dazu sind meine Haare zu lang, sagte Margot. Vielleicht sind sie eine Idee zu lang. Außerdem sind meine Haare hart und störrisch, sagte Margot. Das macht nichts, sagte Barbara. Ich werd’s mal versuchen, sagte Margot. Bist du fertig? fragte Barbara. Wir müssen noch einmal ins Büro und ein paar Check-ins machen, sagte Margot zu Abschaffel, gehst du mit? Anschließend wollen wir ins Kino, sagte Barbara. Ich bin eine Stunde lang in der Stadt herumgelaufen, sagte er, ich bin müde. Warum läufst du so lange in der Stadt herum? fragte Margot. Ich muß mich soweit bringen, sagte er, bis mein Kopf wieder wirklich mir gehört, und das gelingt mir am besten dadurch, wenn ich mich zerstreue. Er fand, das hatte er gut gesagt. Also du gehst nicht mit, fragte Margot noch einmal. Lieber nicht, sagte er. Barbara stand schon an der Tür und öffnete sie. Abschaffel verließ an der Seite von Margot die Wohnung. Auf der Straße setzten sich Barbara und Margot in einen Mietwagen. Abschaffel stand auf dem Gehweg und sah in den Wagen. Margot legte sich den Sicherheitsgurt quer über die Brust. Barbara fuhr vorsichtig aus der Parklücke heraus.

Es war noch Zeit, und Abschaffel betrat in Sachsenhausen ein kleines Kaufhaus und kaufte sich ein Hemd. Er stellte es sich als hilfreich vor, das Hemd zu Hause auszupacken, all die Nadeln herauszuziehen, dazu die Pappstreifen und Kragenverstärkungen zu entfernen und das Hemd am Ende vielleicht anzuziehen. Rasch verließ er das Kaufhaus und ging über die Mainbrücke zurück in die Innenstadt. Er wollte nach Hause und sich beruhigen. Er ahnte, daß er sich bei Margot nicht richtig verhalten hatte. In seinem Hals spürte er einen unzufriedenen Reiz, eine kehlige Behinderung, die ihm anzeigte, daß er verspätet reagierte. Er beschloß, zu Hause viel zu essen, damit sein Körper in eine leichte Betäubung verfiel und bald einschlief. In einer Metzgerei mit Mikrowellenerhitzer kaufte er sich ein paniertes Schnitzel. Es dauerte nur fünf oder sechs Minuten, bis der Mikrowellenerhitzer das Schnitzel fertig hatte. Die Verkäuferin wickelte es in Folienpapier ein, in dem es sich etwa zwanzig Minuten lang warm hielt. Bis dahin war er längst zu Hause. Kaum aber hatte er die Metzgerei verlassen, verspürte er Lust, das Schnitzel sofort zu essen. Aber das Essen auf der Straße war noch immer ein Angriff auf das, was er einst von den Eltern gelernt hatte: Gegessen wird zu Hause. Das Essen bei ihm in der Küche war ein letzter, manchmal noch heute wirksamer Rest des alten Lebens bei den Eltern, und gerade solchen Resten ergab er sich mit unklarer Hingabe. Er ließ das Schnitzel in der Folie und beeilte sich statt dessen, noch in die Bäckerei zu kommen. Wenn er nach dem Schnitzel noch immer Hunger hätte oder noch nicht richtig betäubt war, würde er außerdem noch ein Brötchen und ein Stück Torte nachschieben. Außerdem wollte er die Bäckerstochter wieder einmal sehen. Der Anblick ihrer weißen und schläfrigen Haut würde ihn vielleicht trösten.

Statt dessen versetzte ihn der Anblick der ganzen Bäckerei in Erstaunen. Der Inhaber hatte seine alte Inneneinrichtung gegen eine neue eingewechselt. Alles war anders geworden. Die alten Brotregale mit den Holzstäben gab es nicht mehr. Dafür hatte sich der Bäcker Regale aus orangeroten Preßplatten hinstellen lassen, deren oberste Abschlußkante eine indirekte Beleuchtung verbarg. Die alte Kundentheke aus Holz war ebenfalls verschwunden. An ihrer Stelle stand eine große Glastheke, die wie ein Schiffsbug in den Verkaufsraum hineinragte. Auch in die Glastheke war eine indirekte Beleuchtung eingebaut. Abschaffel verlangsamte seine Bewegungen, um alle Neuerungen richtig wahrnehmen zu können. In einer Ecke stand, auch das hatte es zuvor nicht gegeben, eine Softeis-Maschine, ein riesiger Metallkasten mit einem kleinen Hebel und einer Öffnung. Passend zu den Farben der Regale und der Theke war der Raum neu gestrichen. Abschaffel wurde von der Bäckerstochter bedient, und er verlangte zwei Brötchen und ein Stück Schokoladentorte. Das Mädchen war freundlich und weich zu ihm, und er freute sich, daß wenigstens sie nicht ausgewechselt worden war. Er nahm von der neuen Glastheke seine Sachen herunter, und dabei bemerkte er, daß das Stück Schokoladentorte ohne den üblichen und notwendigen Pappdeckeluntersatz verpackt war. Und weil ein Stück Torte seinen äußeren Halt nur durch diesen Pappdeckeluntersatz erhielt, mußte er den Kuchen, der nur in dünnes Papier eingewickelt war, vorsichtig auf die flache Hand heben. So lief er auch nach Hause, und er überlegte, daß sich der Bäcker durch die neue Inneneinrichtung wahrscheinlich übernommen hatte und jetzt nicht einmal davor zurückschreckte, an den Pappdeckeluntersätzen zu sparen. Er beschloß, diese Bäckerei nicht mehr zu betreten. Ohnehin war er vom ersten Augenblick an gegen die ganze Erneuerung der Bäckerei eingestellt gewesen; sie richtete sich gegen alle Personen, die die alte Einrichtung jahrelang wiedererkannt hatten. Und wer sich diesen keksigen Plunder in den Laden stellte, so glaubte Abschaffel, der stellte sich gegen einen Teil der Kundschaft.

Zu Hause schob er das Stück Torte in den Kühlschrank, packte das Schnitzel aus der Folie und legte es auf einen Teller. Die Panierung fiel gleich wie eine Hülle herunter, so daß er das an einigen Stellen noch halbrohe, nur schnell durchgeglühte Fleisch vor sich sah. Da saß er, biß von seinem Schnellschnitzel herunter und wußte nicht, warum er niedergeschlagen war. Aber so war es oft mit ihm; er reagierte mit alten Formen (unbedingt zu Hause essen) auf neue Umstände (Schnellschnitzel für Alleinstehende), und folgerichtig verwirrte sich alles in ihm, ohne daß er das eine richtig auf das andere zurückführen konnte. In diesem Fall wurde er böse, weil er doch vor zwanzig Minuten noch geglaubt hatte, es sei gut für ihn, wenn er das Schnitzel zu Hause aß. Aber er hatte nicht bemerkt, daß er, als er sich das Schnitzel kaufte, voller gefühlsmäßiger Erinnerungen war, die zurück in seine Kindheit führten, aber für sein heutiges Leben wertlos waren; erwartet hatte er aber, durch den ruhigen Verzehr des Schnitzels auch an alte Essensgefühle anschließen zu können. Lustlos und eilig verschlang er etwa die Hälfte des Schnitzels. Er aß im Stehen und aus der Hand. Die zweite Hälfte warf er weg, weil sie nicht richtig durchgekocht war. Er wusch sich die Hände und machte sich sofort daran, das neue Hemd auszupacken. Die beiden Beschäftigungen folgten so dicht aufeinander, daß er plötzlich denken mußte: Das Hemd ist nichts zum Essen. Er wurde ruhiger. Rasch hatte er alle Nadeln und Pappstücke entfernt, und er zog das neue Hemd an. Es gab seinem Oberkörper ein flächiges Aussehen, und das gefiel ihm. Im neuen Hemd setzte er sich vor den Fernsehapparat und schaltete ihn ein. Er erwischte eine Nachrichtensendung, und er verspürte sofort Unlust, Nachrichten zu hören. Natürlich kämpften in irgendwelchen Hügeln wieder irgendwelche Soldaten wegen irgendwas gegeneinander. Und seit Jahren wurde in den Nachrichten geschossen, aber aus den Schüssen wurden keine richtigen Nachrichten mehr. Im anderen Programm war Werbung; gezeigt wurde ein fröhliches Frühstück, an dem ein junger Ehemann, eine junge Ehefrau, eine junge Margarine und ein schönes Kind teilnahmen. Der junge Ehemann war frisch rasiert und gut gelaunt, die junge Ehefrau war frisch frisiert und gut geschminkt und küßte gerade ihren Ehemann. Das schöne Kind griff in einen Brezelkorb. Fasziniert sah Abschaffel hin. Dieses Frühstück war ihm so fern wie der Wüstenkrieg im anderen Programm, aber immerhin konnte er sich in diesem Programm eine Weile mit den Frühstücksmenschen verwechseln. Sie bissen vergnügt in knusprige Brötchen und beschmutzten das Tischtuch nicht. Ihre Augen blinkten einander zu, und die junge Frau wies mit gestrecktem Finger auf die Margarine. Abschaffel hätte noch gern eine Weile Werbefernsehen gesehen, aber es erschien eine herausgeputzte Ansagerin und kündigte eine neue Folge einer Feierabendserie an. Er fragte sich, ob es eines Tages möglich sei, diesen schimmernden Glitzerfrauen mitten in ihrer Ansage den Schwanz in den Mund zu stecken. Es müßte möglich sein, sich vor den Apparat zu knien, den Schwanz herauszuholen und die Ansagerin zum Schweigen zu bringen. Sie würde ihre Papiere auf den Tisch sinken lassen und ruhig das Geschlecht des Zuschauers annehmen. Das stellte er sich zwei Minuten lang vor, dann schaltete er den Apparat ab. Er ging in die Küche und fand einen Apfel, den er sofort anbiß. Er ging ins Zimmer zurück und setzte sich auf das Bett. Der Apfel schmeckte ihm nicht, und er warf ihn vom Bett aus flach über den Boden. Der angebissene Apfel holperte über den staubigen Teppich und nahm unterwegs ein paar Staubflusen mit, die an ihm hängenblieben. Knapp vor dem Tisch blieb er liegen, und als Abschaffel hinsah, bemerkte er die schwarz gewordene Banane auf dem Tisch. Sie war weiter geschrumpft, und sie roch ein wenig süßlich und faulig wie stehengebliebener Alkohol. Aber Abschaffel warf sie nicht weg.