Vertrauen
In den nächsten Tagen herrschte zwischen Florian und mir totale Funkstille. Er war sauer auf mich, dass ich nicht mit zum »Hot Tomatoes«-Konzert ging, und ich war sauer auf ihn, dass er kein Verständnis dafür hatte, dass ich wegen Nico zur Schulaufführung wollte.
Am Freitagnachmittag saß ich mit Katha in meinem Zimmer und überlegte bereits seit einer Stunde, was ich am Abend anziehen sollte. Katharina zog mich deswegen schon die ganze Zeit auf, doch das war mir egal.
»Hast du dich inzwischen wieder mit Floh versöhnt?«, wollte sie plötzlich wissen.
Ich schüttelte den Kopf und holte meine Leggins mit dem langen T-Shirt heraus. Dazu der breite Gürtel und die hohen Stiefel - das würde sicherlich toll aussehen.
»Was meinst du dazu?«, fragte ich Katha und hielt ihr die Sachen vor die Nase.
»Hm, weiß nicht. Ich finde es schick, aber ich weiß nicht, ob das Nico gefällt.«
»Was ziehst du denn an?«
»Ich wollte meinen neuen Rock und die helle Bluse anziehen. Zieh doch auch einen Rock an!«
Ich verzog das Gesicht. Im Gegensatz zu Katha war ich nicht scharf auf Kleider, Röcke oder gar Blusen. Ich besaß zwar ein, zwei Röcke und ein Kleid, zog sie aber nur widerwillig an. Seufzend legte ich die Sachen wieder in den Schrank und kramte nach meinem Wickelrock.
»Den und dazu das bordeauxrote T-Shirt?«
»Klar, warum nicht! Ist doch letztendlich egal. Hauptsache, du fühlst dich darin wohl!«
»Dann würde ich am liebsten in meinen Jeans und dem karierten Hemd kommen«, sagte ich.
»Dann mach’s doch!«, forderte Katha mich auf.
Ich schüttelte den Kopf: »Nee, da hätten meine Eltern was dagegen und Nico fände es sicherlich auch nicht so toll. Ich glaube, er legt viel Wert auf ein gepflegtes Äußeres. Er ist doch auch immer so schick gekleidet.«
»Möglich. Ist mir noch gar nicht aufgefallen.« Katha hatte es sich auf meinem Bett gemütlich gemacht und studierte die Rückseite einer Klassik-CD, die ich mir von Sofia ausgeliehen hatte. Ich musste mich doch wenigstens ein bisschen reinhören, damit ich Nico gegenüber mitreden konnte.
»Ich finde das ziemlich kindisch von euch«, meinte Katha plötzlich.
»Was?«
»Na, euren Streit. Deinen und Flohs!«, fing Katha schon wieder an.
»Ist doch nicht meine Schuld, dass er so einen Stress macht! Was kann ich dafür, dass er schon die Karten gekauft hat? Hätte er mich vorher gefragt, wäre ich natürlich nicht mit zu dem Schulkonzert!«, erwiderte ich gereizt. Es ärgerte mich ehrlich gesagt schon, dass Floh zu den »Hot Tomatoes« konnte und ich nicht. Ich hatte die Wahl gehabt, doch um nichts in der Welt wollte ich nun auf das Schulkonzert verzichten, auch wenn ich es aus tiefstem Herzen bedauerte, nicht mit zu den »Tomatoes« gehen zu können. Ich befand mich in einem echten inneren Zwiespalt und das regte mich am meisten auf. Katharina, die mich lange genug kannte, schwieg dazu. War auch besser so, sonst hätte sie sich eine weitere patzige Antwort von mir geholt.
Wir verbrachten den kompletten Nachmittag mit der Auswahl des richtigen Outfits und der passenden Frisur.
Gerade als Katharina mir die Haare hochsteckte, kam Sofia ins Zimmer.
»Ich soll euch sagen, dass wir in zehn Minuten fahren!«, teilte sie uns mit. »Nanu, für wen brezelst du dich denn so auf?«
»Für niemanden! Aber man muss sich doch dem Anlass entsprechend kleiden«, antwortete ich bissig. Es fehlte noch, dass Sofia jetzt einen dummen Kommentar abließ.
»So? Ich finde das Ganze schon sehr merkwürdig. Du gehst freiwillig zu unserem Konzert und verzichtest dafür auf die ›Hot Tomatoes‹.« Argwöhnisch musterte Sofia mich. »Weißt du eigentlich schon, dass Floh jetzt mit Jenny hingeht?«
Erstaunt drehte ich mich zu Sofia um. »Wie? Mit Jenny?«
»Hm, hat sie mir gestern in der Pause erzählt. Sie war ganz aus dem Häuschen, dass Floh sie gefragt hat. Wer weiß, vielleicht wird aus denen noch ein Paar. Ich glaube, Jenny kann ihn gut leiden.« Vielsagend blickte mich meine Schwester an.
Eigentlich hätte es mir absolut egal sein können, mit wem Florian zu dem Konzert ging. Aber es war mir überhaupt nicht egal! Als Sofia wieder rausgegangen war, platzte ich vor Entrüstung.
»Wie kann er nur? Geht einfach mit Jenny zu den ›Tomatoes‹!«
»Also, jetzt reiß dich mal zusammen!«, fuhr mich Katha ungewohnt heftig an. »Du wolltest doch nicht mit! Soll er deswegen darauf verzichten?«
»Er hätte ja seinen Bruder fragen können«, brummte ich ungehalten.
Floh hatte einen fünf Jahre älteren Bruder, der in Hamburg studierte.
»Vielleicht geht der ja auch mit? Weiß man’s? Wahrscheinlich übernachten sie auch bei ihm.«
In mir kochte es! Auch das noch! Jenny hatte kein Recht darauf, mit Floh zu unserer Lieblingsband zu gehen, und schon gleich gar nicht, mit ihm bei seinem Bruder zu übernachten.
Grummelnd machte ich mich fertig und schielte dabei immer wieder aus dem Fenster, um eventuell einen Blick auf Florian oder Jenny zu erhaschen. Doch vergebens.
Auf der Fahrt zur Schule - Philipp war nun doch drüben bei Florians Mutter - versuchte ich mich dann wieder auf Nico zu konzentrieren, aber es gelang mir nicht ganz.
Vor der Aufführung gab es keine Möglichkeit, mit den Mitwirkenden zu sprechen, also setzten wir uns auf unsere Plätze in der Aula und warteten, bis das Konzert begann. Während Katharina mit Begeisterung das Programmheft las, schweiften meine Gedanken immer wieder zu Floh und den »Hot Tomatoes« ab. Eigentlich wäre ich schon sehr viel lieber zu ihnen gegangen, als nun in der Aula des Gymnasiums zu sitzen und mir ein eineinhalbstündiges Klassikprogramm anzutun. Aber was tat man nicht alles für seine große Liebe. Mit diesem Gedanken versuchte ich mich zu trösten und hoffte auf die Pause, um dort eine Gelegenheit zu erhaschen, mit Nico zu sprechen.
Die Zeit bis zur Pause zog sich wie Kaugummi. Sicherlich spielten alle Schüler hervorragend, und sogar meine Schwester beeindruckte mich, aber irgendwie riss es mich dennoch nicht vom Hocker. Ich wurde immer unruhiger auf meinem Stuhl. Erst als Nico mit seinem Klavierstück auftrat, wandte ich mich wieder dem Geschehen auf der Bühne zu.
»Er spielt toll, oder?«, flüsterte Katharina mir begeistert zu.
»Ja, super!«, flüsterte ich zurück, wobei ich zugeben musste, dass ich keinen großen Unterschied zu den vorherigen Auftritten heraushörte.
Am Ende klatschte ich begeistert Beifall und strömte dann mit den anderen Zuschauern zum Aulaausgang. In der großen Pausenhalle hatten Schüler kleine Snacks vorbereitet und man konnte Getränke kaufen.
Suchend blickte ich mich nach Nico um. Endlich erschien er! O mein Gott, ausgerechnet in Begleitung von Sofia. Wie konnte sie mir das nur antun?
»Hallo Mama, Papa! Das ist Nico, der gerade dieses tolle Klaviersolo gespielt hat!«, stellte Sofia ihn vor.
»Hallo Nico! Schön, dich mal persönlich kennenzulernen«, freute sich meine Mutter. »Du spielst also nicht nur hervorragend Klavier, sondern kannst auch noch reiten und meiner Tochter Nachhilfe in Mathe geben.«
»Guten Abend, Frau und Herr Nyholm. Na ja, man tut, was man kann«, gab Nico sich bescheiden.
O mein Gott, wie war mir das peinlich! Ich warf Sofia einen wütenden Blick zu, doch sie lächelte nur zuckersüß.
»Das Klaviersolo war absolut klasse! Ich hätte das nie so hinbekommen«, strahlte Katharina ihn jetzt an.
»Ja, echt super!«, beteuerte ich sofort ebenfalls.
Sofia warf mir einen spöttischen Blick zu. Inzwischen hatte sie mein Spiel wohl durchschaut und wusste, dass ich diejenige war, die etwas von Nico wollte, und nicht Katharina.
»Danke! Aber es war gar nicht so einfach. Vor allem bei...« Nico fing nun an, mit Sofia und Katharina über klassische Musik im Allgemeinen und Klavierstücke im Besonderen zu fachsimpeln, was mich ziemlich langweilte. So kam es, dass ich wie das fünfte Rad am Wagen danebenstand und kaum Gelegenheit hatte, mit Nico ein persönliches Wort zu wechseln. Schon bald war die Pause vorbei, und der zweite Teil des Konzerts begann, der jedoch noch langweiliger war als der erste.
Im Ganzen gesehen, war der Abend für mich mehr oder weniger ein Reinfall gewesen, und als ich im Bett lag, konnte ich nicht verhindern, an das »Hot Tomatoes«-Konzert zu denken und daran, was Floh und Jenny jetzt dort machten. Mit diesen Gedanken schlief ich irgendwann ein.
Am nächsten Morgen war ich mit Stalldienst dran, und so blieb mir nichts anderes übrig, als mich in aller Frühe aus dem Bett zu quälen und zum Stall zu fahren. Unsere drei Rösser blickten mir schon sehnsüchtig entgegen, und ich beeilte mich, sie zu füttern. Während sie fraßen, beseitigte ich die Pferdeäpfel und streute frisches Stroh in den Unterstand.
»Moin Rike! Schon so früh hier?«, rief Marie mir zu.
»Moin Marie! Ich habe Stalldienst. Bleibt mir ja nichts anderes übrig«, seufzte ich.
»Da bin ich froh, dass unsere Pferde gut versorgt werden«, meinte Marie lächelnd. »Hast du vielleicht Lust auszureiten? Dann bist du wenigstens nicht umsonst so früh aufgestanden!«
»Klar, in einer halben Stunde?«
»Okay, bis dahin habe ich Caruso auch fertig«, nickte Marie und ging zu den Pferdeboxen.
Ich sah zu, dass ich mit meiner Stallarbeit fertig wurde, und sattelte dann Painted Diamond. Zu so früher Stunde war noch kaum jemand unterwegs und Marie und ich genossen den Ritt in vollen Zügen.
»Stimmt es, dass Jenny gestern mit Florian in Hamburg auf dem ›Hot Tomatoes‹-Konzert war?«, fragte Marie mich.
»Ja, warum?«
»Finde ich nur komisch, dass du nicht mitgegangen bist. Du bist doch so ein Fan von denen und wenn Florian schon mal Karten hat«, meinte Marie erstaunt.
»Meine Schwester hatte ein Schulkonzert, und meine Eltern haben darauf bestanden, dass ich mitgehe. Da hatte ich keine Chance«, schwindelte ich. Meine Güte! Jetzt sprach sich das schon herum.
»Ach so, na, das ist ja echt blöd gelaufen. Jenny war zumindest völlig aus dem Häuschen. Sie hat mir erzählt, dass sie bei Flohs Bruder übernachten werden und erst heute Nachmittag zurückkommen.«
Super! Das war genau das, was ich nicht hatte hören wollen. Leicht verstimmt wechselte ich das Thema und wir ritten zurück zum Hof. Dort waren inzwischen weitere Pferdebesitzer eingetroffen und kümmerten sich um ihre Vierbeiner. Da ich noch keine Lust hatte, nach Hause zu radeln, ritt ich mit Painted Diamond zu unserem Reitplatz und machte mit ihm noch ein bisschen Stangenarbeit.
Auf dem Rückweg fuhr ich kurz bei Katharina vorbei.
»Reiten wir heute Nachmittag zum Reitstall?«, erkundigte sie sich.
»Ach, ich weiß nicht. Habe irgendwie keine Lust auf Stunde«, murmelte ich.
Selbst die Aussicht, dort Nico zu treffen, konnte im Moment nicht dazu beitragen, meine Stimmung zu heben.
»Na, dann reite ich allein rüber und schau mal, wer so da ist!«, sagte Katha.
»Hm, mach das.«
Am Nachmittag saß ich bei uns im Garten, schaute hin und wieder in ein Buch, doch in Wirklichkeit wartete ich nur darauf, dass Floh endlich auftauchte. Gegen fünf Uhr hörte ich endlich ein Auto in die Einfahrt fahren. Ich spähte über die Hecke und da war tatsächlich Floh. Hm, sollte ich ihn auf mich aufmerksam machen oder abwarten, bis er von sich aus kam? Während ich noch vor mich hingrübelte, hörte ich, wie er sich auf sein Rad schwang und seiner Mutter zurief, er wolle zum Stall fahren. Das war für mich die Gelegenheit. Immerhin musste ich den Pferden noch die Abendration füttern.
Ich wartete noch ein paar Minuten ab, bis ich mich selbst auf den Drahtesel setzte und ebenfalls zum Stall radelte. Als ich an unseren Offenstall kam, waren Floh und Katha dabei, ihre Pferde zu striegeln. Anscheinend war Katha von ihrem Besuch im Reitstall zurück. Zögernd ging ich näher. Ich wusste auch nicht, warum ich so befangen war. Letztendlich hatte ich ja nichts verbrochen.
»Hi Rike! Na, du kommst ja doch vorbei?«, begrüßte Katha mich.
»Muss schließlich die Pferde noch versorgen«, antwortete ich und vermied es, Floh anzuschauen.
»Ach ja, hatte ich ganz vergessen! Ich muss mich beeilen. Wir sind heute Abend zum Grillen eingeladen, und Mama hat mich gebeten, pünktlich zu sein. Wir sehen uns morgen! Tschau Floh, tschau Rike!«
»Tschüss!«, rief Floh ihr nach, und ich winkte ihr zu.
Demonstrativ drehte ich Floh den Rücken zu und holte das Heu aus unserem Anbau. Ohne mich zu beachten, striegelte Floh seinen Fuchsschecken weiter. Ich war gerade mit dem Verteilen des Heus fertig, als Floh Red Pepper sattelte. Schließlich konnte ich dieses Schweigen nicht mehr ertragen. Wir kannten uns immerhin schon seit dem Kindergarten und er war mein bester Freund. Eigentlich verstand ich mich mit ihm sogar noch besser als mit Katha. Deswegen tat es mir schon sehr weh, dass wir Streit miteinander hatten.
»Reitest du noch aus?«, fragte ich ihn beiläufig.
»Ja«, antwortete Floh knapp.
Oje, er war immer noch sauer.
»Wie war es gestern?«, fragte ich weiter, auch wenn ich das eigentlich gar nicht so genau wissen wollte. Im Nachhinein ärgerte ich mich nämlich grün und blau, dass ich nicht mitgegangen war. Wie hatte ich mir diese Gelegenheit nur entgehen lassen können?
»Super! Absolut klasse!«, antwortete Floh in kühlem Tonfall.
Mann! Wie lange wollte er noch sauer auf mich sein? Jetzt reichte es mir!
»Okay, es tut mir leid, dass ich dich versetzt habe, aber deswegen brauchst du doch nicht sauer auf mich zu sein. Immerhin ist es ja mein Pech, dass ich nicht dabei war, und das kann dir völlig egal sein!«, platzte ich heraus und funkelte ihn wütend an.
Florian schwieg für einen kurzen Moment und seine blauen Augen schauten fast traurig aus. »Richtig, es ist dein Pech und sauer bin ich schon gleich gar nicht auf dich«, sagte er nun.
»Ja, und warum redest du dann nicht mit mir? Floh, was ist denn los? Nur weil ich nicht mit auf dem Konzert war, brauchen wir doch keinen Streit haben.«
»Haben wir denn Streit?«
»Mensch! Das ist genau, was ich meine! Was redest du dauernd so doof daher? Können wir uns nicht mehr normal unterhalten?«
»Doch. Ich weiß gar nicht, was du hast.« Sprach’s, setzte seinen Cowboyhut auf, stieg auf Red Pepper und ritt ohne ein weiteres Wort davon.
»Idiot«, brummte ich wütend und hing mich zum Trost an Painted Diamonds Hals. Was war nur mit Floh los? Ich hasste diesen Zustand zwischen uns. Natürlich hatten wir Streit oder zumindest eine Meinungsverschiedenheit. Ich schmuste noch eine Weile mit meinem Wallach, bevor ich nach Hause fuhr.
Was für ein Samstagabend! Katha war mit ihren Eltern weg und Floh war sauer auf mich. In einem Anflug von Grö ßenwahn rief ich Nico auf seinem Handy an.
»Hi Nico! Ich bin’s, Rike!«, meldete ich mich.
»Oh, hi Rike! Was gibt’s?«
»Ach, ähm... ich wollte dich fragen, ob du vielleicht Lust hättest, morgen mit mir auszureiten?«
»Morgen? Oh, tut mir leid. Da bin ich bereits schon mit jemandem zum Ausreiten verabredet.«
»Ach so, ja, nun, schade«, murmelte ich.
Schweigen. Warum schlug er nicht einen anderen Tag vor?
»Wie wär’s mit nächstem Wochenende?«, machte ich einen weiteren Versuch.
»Hm, weiß ich noch nicht«, antwortete Nico ausweichend. »Wir können das ja am Donnerstag noch besprechen, okay?«
»Okay, gut. Bis Donnerstag«, sagte ich seufzend und legte auf.
Irgendwie hatte ich mir das mit Nico einfacher vorgestellt. Aber wie hatte ich es mir eigentlich vorgestellt?
Bisher war ich noch nie so richtig verliebt gewesen. Klar, bei mir hatte es gefunkt! Doch wie machte ich das Nico klar? Ich konnte ihm ja schlecht sagen: »Hey Nico! Ich bin in dich verliebt! Du auch in mich?« Aber so langsam sollte er es doch schnallen, dass ich was von ihm wollte. Wenn er nun aber tatsächlich nichts von mir wollte? O mein Gott, daran mochte ich gar nicht denken! In dem Fall würde ich das lieber für mich behalten, dass ich in ihn verliebt war. Wie peinlich, wenn er nichts von mir wollte und ich wie der größte Depp aller Zeiten dastand. Um Gottes willen, diese Blöße durfte ich mir nicht geben. Aber wie merkte man, dass der andere auch in einen verliebt war? Herrje, war das kompliziert mit der Liebe!
Grübelnd legte ich mich auf mein Bett, nahm ein Buch in die Hand und fing an zu lesen. Plötzlich hörte ich ein Rascheln unter meinem Fenster. Erschrocken setzte ich mich auf und in dem Moment lugte Florians Kopf hervor.
»Darf ich reinkommen?«
»Klar!«, sagte ich überrascht, und Floh kletterte ins Zimmer.
Er setzte sich zu mir auf mein Bett und sah mich schweigend an.
»Und?«, fragte ich ihn schließlich.
»Tut mir leid, dass ich dich vorhin im Stall so angemeckert habe«, kam es aus ihm heraus.
»Schon vergessen«, winkte ich erleichtert ab.
»Ich war wirklich sauer auf dich, dass du nicht mitgekommen bist«, gestand er. »Ich konnte es einfach nicht verstehen, dass du wegen so’nem Quatsch auf ein ›Hot Tomatoes‹-Konzert verzichtest!«
»Das war kein Quatsch!«, begehrte ich auf, aber es klang nicht gerade überzeugend. Ich hatte mich noch nie so gelangweilt wie am Freitagabend.
Florian warf mir nur einen schiefen Blick zu, sagte aber nichts weiter. Eine Weile saßen wir schweigend da und lauschten den Geräuschen, die aus dem Garten hereindrangen. Draußen war es fast schon dunkel, und irgendwie erinnerte mich die ganze Situation an das letzte Mal, als ich bei Floh war. Insgeheim war mir ein Stein vom Herzen gefallen, dass Floh gekommen war. Ich sah das eindeutig als Versöhnungsangebot an.
»Wie war es denn nun?«, fragte ich ihn vorsichtig.
»Super! Wie ich schon gesagt habe!«
Ich konnte Flohs Grinsen in der Dunkelheit fast sehen. Dann erzählte er in aller Ausführlichkeit von dem Konzert und ich lauschte neidisch.
»Warum seid ihr eigentlich erst so spät nach Hause gekommen?«, wollte ich wissen.
»Mein Bruder hat Jenny und mir noch ein bisschen Hamburg gezeigt. Jenny wollte die Gelegenheit nutzen, um ein bisschen zu shoppen«, grinste Floh.
Irgendwie versetzte es mir einen Stich, das zu hören. Im Grunde konnte es mir egal sein, aber irgendwie war es mir das ganz und gar nicht.
»Wir könnten doch auch mal nach Hamburg zum Shoppen fahren«, schlug ich vor.
»Du und shoppen? Seit wann interessiert dich so was denn?«, fragte Floh erstaunt.
»War ja nur ein Vorschlag«, gab ich patzig zurück.
»Was ist jetzt mit deinem Nico? War der Abend wenigstens erfolgreich?«, wechselte Floh abrupt das Thema. Hm, was sollte ich ihm erzählen? Eigentlich hatte ich vorgehabt, überhaupt nicht mit ihm darüber zu reden. Aber vielleicht war es gar nicht so eine schlechte Idee? Immerhin war Floh ein Junge, und vielleicht konnte er mir den einen oder anderen Tipp geben, wie Jungs so tickten.
»War sehr interessant. Er spielt super Klavier!«, versuchte ich, Begeisterung in meine Stimme zu legen.
»Hm, und du bist ja auch so musikalisch, dass du das beurteilen kannst«, spottete Floh.
»Sag mal, soll ich dir nun davon erzählen oder nicht?«, meckerte ich ihn an.
»Das musst du selbst wissen. Ich wollte nur wissen, ob du Fortschritte gemacht hast!« Ich konnte den Spott aus seiner Stimme heraushören, und es ärgerte mich gewaltig, dass er sich so über mich lustig machte.
»Dich interessiert es doch gar nicht«, maulte ich beleidigt.
»Stimmt!«
»Warum fragst du dann?«
»Einfach so«, sagte Floh zufrieden.
Misstrauisch sah ich ihn an. »Hör mal, du tust ja gerade so, als ob du es mir gönnen würdest, wenn aus Nico und mir nichts wird!«
»Das stimmt nicht! Ich finde es einfach nur albern, wie du dich wegen ihm aufführst!«, entgegnete Floh ungewohnt heftig.
»Ich führe mich gar nicht albern auf!«
»Doch, das tust du! Du merkst es nur schon gar nicht mehr! Du und Nico, ihr habt absolut nichts gemeinsam! Absolut gar nichts!«
»Doch! Wir lieben beide Pferde und Reiten!«
»Ja, aber selbst da seid ihr komplett verschieden! Nico hat völlig andere Ansichten vom Reiten als du, und mir kommt es so vor, als ob du dich wegen ihm komplett verstellst! Das bist nicht du, Rike, wenn du mit Nico sprichst! Du gibst vor, jemand anders zu sein. Denkst du, Nico merkt das nicht?«
»Ich verstelle mich gar nicht!«
»Mein Gott! Man kann mit dir über dieses Thema einfach nicht vernünftig reden!«
»Dann rede einfach nicht mit mir darüber!«
»Das werde ich auch nicht mehr!« Genervt erhob sich Floh.
Himmel! Was war der in letzter Zeit empfindlich! Wenn er ein Mädchen wäre, würde ich sagen, er hat seine Tage!
»Mensch, Floh! Jetzt bleib doch da! Dann reden wir eben über was anderes!«, flehte ich ihn an, doch Floh saß bereits auf dem Fenstersims.
»Sorry, Rike! Aber heute Abend nicht mehr. Ich bin müde. Wollen wir morgen ein bisschen für das Turnier trainieren?«
Ich nickte enttäuscht. »Klar! Ich war heute auch nicht in der Stunde. Können wir machen.«
»Gut, bis morgen! Gute Nacht!«
»Nacht, Floh!«, murmelte ich und sah ihm traurig nach. Auch wenn wir unsere Unstimmigkeiten nun bereinigt hatten, stimmte trotzdem was nicht mit ihm. Irgendwie war er komisch. Aber woran mochte das liegen? Das Thema Nico brauchte ich bei ihm gar nicht mehr anschneiden. Da redete ich wohl doch besser nur mit Katharina darüber. Die hatte dafür mehr Verständnis.
Am nächsten Tag fuhren Floh und ich nach dem Mittagessen zum Stall. Ich war bereits am Morgen zum Füttern und Ausmisten dort gewesen.
»Nanu, wo ist denn Amazing Grace?«, wunderte ich mich.
»Wahrscheinlich ist Katha mit ihr unterwegs. Im Gegensatz zu deinem Pferd macht sich Gracie nicht selbstständig«, grinste Floh.
»Ha, ha, ha! Und warum hat Katha nichts gesagt? Wir wären doch mitgeritten«, wunderte ich mich.
»Super! Nur damit wir wieder stundenlang im Schritt vor uns hin bummeln müssen? Nichts da! Ihr Fohlen soll jetzt endlich kommen, damit Katha wieder normal wird! Die macht vielleicht einen Aufstand deswegen!«
»Hm«, machte ich. Im Grunde hatte er recht, doch ich konnte schlecht meine Freundin verraten.
Wir holten unsere Wallache, putzten und sattelten sie und ritten zu unserem Übungsplatz. Dort trainierten wir eine gute Stunde für die Trail-Prüfung und ich war mit Painted Diamond sehr zufrieden. Wenn es auf dem Turnier genauso gut lief, hatte ich gute Chancen.
»Wollen wir noch kurz ins Gelände? Wir könnten zum Bach reiten und dort unsere Pferde ins Wasser lassen«, schlug Florian vor.
»Prima Idee!«
Wir verließen den Hof und ritten in den nahe gelegenen Wald, wo nicht weit entfernt der flache Bach floss, in den man hineinreiten konnte. Unsere Pferde liebten Wasser und waren über die Abkühlung immer total begeistert. Auch jetzt planschten sie mit den Hufen in dem kühlen Nass herum und bespritzten sich gegenseitig mit Wasser.
»Wenn das Wetter so bleibt, können wir bald mal zu einem der Badeseen reiten«, meinte Floh.
»Stimmt! Vielleicht schon nächstes Wochenende!«
Das wäre echt schön! Endlich wieder baden. So langsam könnte der Sommer nämlich kommen. Wir ließen Red Pepper und Painted Diamond noch eine Weile in dem kühlen Nass, bis wir wieder zum Hof zurückritten. Dort angekommen erwartete uns bereits Katharina.
»Hallo ihr zwei. Wart ihr auch ausreiten?«
»Nur kurz zum Bach. Vorher haben wir trainiert. Wo warst du denn?«
»Ach, ich bin einfach nur so über die Felder geritten. Schön gemütlich im Bummelschritt«, erzählte Katha.
»Dachten wir uns schon, dass du wieder bummelst«, grinste Floh.
»Warte es nur ab! Bald kann ich mit eurer wilden Raserei wieder Schritt halten!«, drohte sie uns lachend.
»Von wegen wilde Raserei! Aber ich nehme dich beim Wort!«, erklärte Floh lachend.
Während wir unsere Pferde versorgten, unterhielten wir uns zu dritt. Schon lange war es nicht mehr so schön mit Katha und Floh gewesen. Anschließend lud uns Katha noch auf ein Eis zu sich nach Hause ein. Florian verabschiedete sich bald, da er noch mit einigen Kumpels zum Fußballspielen verabredet war.
»Schön, dass ihr euch wieder versteht«, meinte Katha, als Floh gegangen war.
»Ja, darüber bin ich auch froh. Trotzdem ist er hin und wieder etwas komisch.« Und ich erzählte Katha von unserem gestrigen Gespräch.
»Hm, keine Ahnung. Lass ihn einfach«, riet Katha mir.
»Du Katha, ich habe mir was überlegt«, fing ich an. Diese Idee war mir heute Nachmittag gekommen und ich brauchte Katha dafür. »Könntest du mir Geigenunterricht geben?«
»Wie bitte? Wie kommst du denn auf die Schnapsidee?« Entgeistert sah sie mich an.
»Na ja, ich dachte mir, wenn ich Geige spielen würde, dann hätte ich mit Nico noch ein weiteres Gesprächsthema. Außerdem würde er das sicherlich toll finden, wenn ich auch ein Instrument spiele!«, erzählte ich begeistert.
Katharina schaute mich an, als ob ich nicht mehr alle Tassen im Schrank hätte.
»Ähm, Rike. Ich will dich ja nicht beleidigen, aber bist du dir sicher, dass das bei dir Sinn hätte? Ich meine, du kannst ja noch nicht mal Noten lesen, geschweige denn Mozart von Schubert unterscheiden. Vielleicht solltest du dir was anderes suchen, womit du Nico beeindrucken kannst.«
»Blödsinn! Jeder Mensch ist in der Lage, ein Instrument zu erlernen. Selbst ich!«, behauptete ich steif und fest. Ich hatte mir diese Idee in den Kopf gesetzt und keiner würde sie mir ausreden können.
»Bitte, Katha! Tu mir den Gefallen! Ich muss Nico doch irgendwie für mich gewinnen! Vielleicht klappt es ja über diese Schiene! Er scheint doch von klassischer Musik total begeistert zu sein. Bitte, hilf mir!«, flehte ich sie an.
Katharina schaute immer noch recht zweifelnd drein. »Und woher willst du eine Geige nehmen?«
»Kann ich nicht deine haben? Ich meine, nur zum Üben?«
»O nein, lass mal. Eigentlich gibt man sein Instrument nicht aus der Hand, da es sich stets dem Spieler angepasst hat.«
»Katha, bitte, bitte, bitte!«
»Also gut, aber nur zum Üben«, gab Katha endlich nach.
»Du bist ein Schatz!« Vor Freude fiel ich ihr um den Hals.
»Na, hoffentlich bringt’s was«, seufzte Katha. »Wann sollen wir denn anfangen?«
»Am besten so schnell wie möglich! Jetzt?«
»Spinnst du?« Katha zeigte mir einen Vogel. »Nichts da! Von mir aus am Dienstag. Da haben wir meistens nicht so viele Hausaufgaben auf.«
»Okay! Dann kann ich Nico am Donnerstag schon von meinen ersten Erfolgen erzählen«, strahlte ich.
Aber ganz so einfach, wie ich mir das vorgestellt hatte, war es dann doch nicht. Im Gegenteil! Es war weitaus schwieriger und komplizierter, als ich je gedacht hätte! Ich musste Katharina für ihre Geduld bewundern, denn irgendwie verstand ich rein gar nichts von dem, was sie mir beizubringen versuchte. Am Ende unserer Unterrichtsstunde hatte ich gerade mal kapiert, wie man dieses Ungetüm von Geige richtig hielt und wo ich meine Finger hinzulegen hatte. Wenn das so weiterging, würde es Jahre dauern, bis ich auch nur das einfachste Lied zustande brachte. Mit den bisherigen Kenntnissen konnte ich nicht wirklich vor Nico prahlen.
Als ich ihm am Donnerstag trotzdem davon erzählte, zeigte er sich nicht gerade beeindruckt. Er fragte nur aus höflichem Interesse, wie weit ich denn schon wäre, und dann ermahnte er mich, dass ich mich lieber auf meine Matheund Physik-Unkenntnisse konzentrieren sollte. Darin hatte ich nämlich aus allein mir bekannten Gründen immer noch keine Fortschritte gemacht. Wie sollte ich auch, wenn mir »Jimi Blue« nur wenige Zentimeter entfernt gegenübersaß? So nah kam ich Nico nicht einmal im Reitstall! Leider hatte sich zwischen uns noch nichts getan, was darauf schließen ließ, dass er mehr von mir wollte. Wegen unseres Ausritts am kommenden Wochenende erteilte er mir auch eine Absage. Da hätte er leider schon was vor. So ein Mist!
Die nächsten zwei Wochen verliefen ähnlich. Mit Katharina bekam ich fast Krach, da ich wahrscheinlich die unmöglichste Geigenschülerin war, die es auf der Welt gab. Es ging mir einfach nicht schnell genug voran. Ich hatte das Gefühl, überhaupt nichts zu lernen.
Zu allem Überfluss rückte die nächste Mathearbeit näher, und Nico drängte mich, doch mehr dafür zu tun. Aber irgendwie kam ich diesmal gar nicht in die Pötte. Bei Floh hatte ich wenigstens halbwegs verstanden, um was es ging. Bei Nico kapierte ich rein gar nichts, was weniger an seinen Erklärungsversuchen als an seiner bloßen Anwesenheit lag.
Florian doch zu fragen, traute ich mich nicht. Der verhielt sich nämlich immer noch komisch. Er war wieder fast wie immer, außer wenn ich das Thema »Nico« auch nur ansatzweise anschnitt. Dann reagierte er überaus gereizt. Und seit dem Konzert in Hamburg verbrachte er auffällig viel Zeit mit Jenny, was mir überhaupt nicht passte. Am liebsten würde ich ihm das ja mal sagen, aber dazu hatte ich bisher nicht die Gelegenheit gefunden.
Katharina hatte auch kaum Zeit. Ständig war sie unterwegs, hatte hier Unterricht oder musste da was besorgen oder war auf einem ihrer langen Bummelausritte mit Amazing Grace. Ich musste sagen, die Wochen verliefen für mich nicht unbedingt rosarot.
Am Samstagnachmittag standen wir nach unserer Reitstunde mit noch einigen Reiterkameraden zusammen und unterhielten uns. Nico war auch dabei. Das Wetter war seit einigen Tagen absolut herrlich. Blauer Himmel, Sonne pur, und das bei 25 Grad. Kein Wunder, dass ich null Bock zum Lernen hatte.
»Wollen wir morgen zum See reiten? Wir könnten dort picknicken und baden!«, schlug Katha vor.
»O ja, das wollten Floh und ich schon lange machen!«, rief ich begeistert.
»Das Wetter soll auch halten«, freute Florian sich.
»Nico, willst du mitkommen?«, fragte ich sofort.
»Klar, gern!«, nickte Nico erfreut, und ich strahlte übers ganze Gesicht. Florians Miene verdüsterte sich hingegen.
Auf dem Heimweg fing er doch tatsächlich davon an, dass er wahrscheinlich morgen doch keine Zeit habe, da irgendeine Oma Geburtstag hätte und er das vorhin total vergessen hätte.
»Meinst du, du kannst da wenigstens für ein paar Stunden weg? Es wird bestimmt ein ganz toller Ausflug und du wolltest doch auch schon lange mal wieder zum See reiten«, versuchte Katharina, ihn zu überreden.
»Ja, aber Ma macht immer so einen Aufstand... Ach, ich weiß nicht!«, redete Florian um den heißen Brei herum.
»Dann lass es eben bleiben«, zischte ich ungehalten. »Du willst doch nur wegen Nico nicht mit!«
»Stimmt gar nicht! Oma hat wirklich Geburtstag!«, protestierte Florian.
»Das hat dich aber von bisherigen Ausritten noch nie abgehalten«, erwiderte ich spitz.
»Mensch, Rike, Floh! Lasst die Sticheleien«, mischte Katha sich ein. »Floh, überlege es dir einfach noch mal, und wenn du doch Zeit hast, dann kommst du einfach mit, okay?«
»Hätte ich sowieso gemacht«, brummte Florian.
Ich schüttelte fassungslos den Kopf. Wie konnte er sich nur so aufführen? Sollte er doch bleiben, wo der Pfeffer wächst. Von ihm würde ich mir den morgigen Ausflug nicht verderben lassen.
Den ganzen Abend überlegte ich mir, welchen meiner drei Bikinis ich anziehen sollte. Schließlich entschied ich mich für den dunkelblauen mit den weißen Bändern, der im Nacken gebunden wurde. Der stand mir am besten. Voller Vorfreude packte ich meine Badesachen zusammen und konnte die ganze Nacht kaum schlafen.
Wir hatten uns um elf Uhr auf unserem Hof verabredet und so stand ich gegen neun Uhr auf, packte die Picknicksachen zusammen und war kurz vor zehn am Stall. Überrascht stellte ich fest, dass sowohl Katha als auch Florian bereits da waren.
»Nanu, kommst du also doch mit?«, begrüßte ich Floh erstaunt.
»Wir fahren erst gegen Abend zu Oma«, erklärte er knapp und widmete sich dann wieder Red Peppers Fellpflege. Der Fuchsschecke schien heute Nacht in seinem eigenen Mist gelegen zu haben, denn von dem weißen Fell war kaum mehr etwas zu sehen.
Ich ließ Floh in Ruhe und ging zu Katha. Aufgeregt tuschelte ich mit ihr über den bevorstehenden Ausflug und überlegte, wie ich mit Nico mal allein sein könnte. Katha versprach, mir nach besten Kräften zu helfen, und wir heckten einen Plan aus.
Ich wusste nicht, ob Florian unserem Gespräch lauschte, zumindest beachtete er uns nicht und mischte sich auch nicht ein. Umso besser, dann musste ich wenigstens nicht seine spitzen Kommentare ertragen. Painted Diamond war diesmal kaum dreckig, und so dauerte die Putzerei nicht lange, und ich hatte genug Zeit, um mit Katha zu quatschen.
Wir sattelten gerade unsere Pferde, als Nico mit Noblesse auftauchte.
»Hallo Nico! Was hast du denn in dem Rucksack?«, begrüßte ich ihn erstaunt.
»Na was wohl? Meine Picknick- und Badesachen«, erklärte er fröhlich.
»Tja, das ist ein Vorteil vom Westernreiten. Da kannst du nämlich bequem deine Sachen in die Satteltaschen packen«, erwiderte Florian spitz.
Ich warf ihm einen wütenden Blick zu. Er sollte es nur nicht wagen, Nico zu vergraulen.
»Satteltaschen gibt es nicht nur für Westernsättel«, entgegnete Nico ungerührt. »Aber meine stecken noch in irgendwelchen nicht ausgeräumten Umzugskisten. Bisher habe ich sie nämlich nicht gebraucht.«
»So ein Rucksack ist ja auch okay. Ist doch egal, worin man seine Sachen transportiert«, vermittelte Katha und stieg auf. Florian und ich folgten ihr und im Schritt ritten wir vom Hof.
Natürlich wollte ich neben Nico reiten, doch mein Pferd machte mir wieder einen Strich durch die Rechnung. Er nutzte jede Gelegenheit, um sich Noblesse zu nähern, und bedrängte sie regelrecht, während ich erfolglos versuchte, ihn daran zu hindern.
»Rike! Bring deinem Pferd Manieren bei! So geht das beim besten Willen nicht! Sorry, Noblesse ist völlig aufgeregt! Da macht der Ausritt keinen Spaß!« Verärgert hielt Nico die Fuchsstute an und mein Schecke blieb prompt ebenfalls stehen. Wütend verpasste ich ihm mit einem der offenen Zügelenden einen Klaps, was er mit einem munteren Auskeilen in Richtung Noblesse quittierte, die erschrocken quiekte und zur Seite sprang.
Grinsend trabte Florian an uns vorbei und Painted Diamond folgte seinem Freund munter. In einigem Abstand ritten Katha und Nico hinter uns her.
»Du blöder Gaul, du doofer!«, zischte ich sauer.
»Der wird schon wissen, warum«, erwiderte Florian süffisant. »Lass jetzt bloß deine schlechte Laune nicht an Diamond aus! Der kann nun wirklich nichts dafür!«
»Was muss er aber auch jedes Mal so ein Theater machen, wenn Noblesse dabei ist!«, zischte ich. »Bei Galina und Amazing Grace führt er sich auch nicht so auf!«
»Ich sag’s doch: Der wird schon wissen, warum! Bleib Noblesse halt fern, dann ist alles in Butter«, riet Florian mir, worauf ich nichts erwiderte.
»Los, lass uns ein bisschen galoppieren, dann kann dein Racker Dampf ablassen«, schlug Floh vor.
Ich drehte mich im Sattel um: »Galoppieren wir ein Stück?«
Katha schüttelte lachend den Kopf: »Könnt ihr gerne machen. Ich reite lieber Schritt oder einen langsamen Jog.«
»Ich bleibe bei Katharina, damit sie nicht allein ist!«, rief Nico schnell.
»Gut, dann reite ich auch Schritt. Leisten wir der werdenden Mama Gesellschaft«, seufzte ich.
Florian sah mich fassungslos an: »Du machst Witze, oder? Was soll denn der Scheiß?«
»Ich bleibe bei Katha und Nico«, wiederholte ich dickköpfig.
Florian schüttelte nur den Kopf: »Dir ist echt nicht mehr zu helfen!« Sprach’s und gab Red Pepper die Galopphilfen. Painted Diamond wieherte dem Freund sehnsüchtig hinterher und versuchte, ihm zu folgen, doch wenigstens daran konnte ich ihn Gott sei Dank hindern. Schnaubend zuckelte er voran und schlug heftig mit dem Kopf. Sein schwarzer Schweif peitschte unablässig hin und her, und ich spürte, wie er auf dem Gebiss kaute.
»Deinem Mustang würde es auch guttun zu laufen«, meinte Nico mit einem Blick auf ihn.
»Painted Diamond ist kein Mustang, sondern ein Vollblüter«, knurrte ich ungehalten. Jetzt war ich ihm zuliebe hiergeblieben und musste mir auch noch einen dummen Spruch anhören.
»Warum bist du eigentlich nicht mitgaloppiert?«
O Katha! Jetzt fall mir du nicht auch noch in den Rücken! Ich warf ihr einen wütenden Blick zu und Katha nickte schuldbewusst.
»Ich wollte euch nur Gesellschaft leisten«, versicherte ich betont lässig.
Während wir im Schritt dahinritten, verfolgte ich mit sehnsüchtigem Blick, wie Floh mit Red Pepper in einem munteren Galopp über die Felder flog.
Schließlich hatten wir den See erreicht. Florian hatte das Paint Horse bereits abgesattelt, ihm ein Halfter umgelegt und an einem Baum angebunden.
Im Schatten einer Weide luden wir unsere Picknicksachen ab und stellten unsere Pferde dann zu Red Pepper, der bereits friedlich döste. Er hatte sich austoben können, im Gegensatz zu meinem Araber, der nun gar nicht damit einverstanden war, ruhig unter einem Baum zu stehen. So dauerte es eine Weile, bis er Ruhe gab und ich mich zu den anderen gesellen konnte.
»Wollen wir gleich ins Wasser? Ich könnte zumindest eine Abkühlung vertragen!« Florian fing an, sich auszuziehen.
»Gute Idee! Mir ist auch superheiß«, stöhnte Katha.
Katharina und ich hatten bereits unsere Bikinis unter unseren Reitklamotten an und bald darauf rannten wir zu viert in das kühle Nass! Was war das erfrischend! Kreischend und prustend spritzten wir uns gegenseitig nass, versuchten, uns zu tauchen, und tobten ausgelassen im Wasser herum. Wir hielten es fast eine halbe Stunde im See aus, bis wir uns völlig erschöpft auf unsere Badetücher legten. Dann machten wir uns über das leckere Essen her, das wir mitgebracht hatten, und legten uns anschließend in die Sonne, um zu dösen.
»Rike, kannst du mir bitte mal den Rücken eincremen?«, bat Katha mich.
»Ach nö! Ich bräuchte selbst jemanden, der meinen eincremt«, brummte ich schläfrig. Ich hatte jetzt nicht die geringste Lust, aufzustehen.
»Ich creme ihn dir ein!«, bot Nico sich sofort an, und ich dachte schon, dass er mich meinte, aber er ging zu Katha rüber. Mist! Hätte ich sie doch nur eingecremt!
»Komm, gib mir deine Sonnencreme!«, meinte Floh, und seufzend reichte ich sie ihm. Ich schloss die Augen und spürte die warmen Sonnenstrahlen auf meiner Haut. Als Floh die kühle Creme auf meinen Rücken träufelte, zuckte ich kurz zusammen, doch dann genoss ich es, von ihm eingecremt zu werden. Er konnte das nämlich richtig gut. Während ich so dalag, wünschte ich mir nur, es wären Nicos Hände, die mich massierten. Florian cremte ungewöhnlich lange meinen Rücken ein, aber ich fand es äußerst schade, als er schließlich doch aufhörte.
»Danke«, murmelte ich.
»Gern geschehen«, sagte Florian leise und strich mir noch einmal flüchtig über den Rücken, worauf ich mit einem wohligen Schauer reagierte. Verwirrt hob ich den Kopf und blickte ihm direkt in die blauen Augen, die mich ungewohnt ernst anschauten. Ich streckte mich wieder auf meinem Handtuch aus und döste noch eine Weile, während sich Floh neben mich legte. Unsere Beine berührten sich und ich konnte die Musik aus Flohs MP3-Player hören.
»Kann ich mithören?«, bat ich ihn.
Floh reichte mir einen Ohrstöpsel. Zufrieden schloss ich die Augen und lauschte der Musik meiner Lieblingsband.
Ich musste eingenickt sein, denn plötzlich stupste Floh mich unsanft an.
»Los, du Schlafmütze! Wir wollen ins Wasser!«
»Ja... hm... gleich«, murmelte ich verschlafen und erhob mich. Wir rannten wieder ins Wasser und tobten eine Weile herum.
»Wollen wir zu der kleinen Insel schwimmen?«, fragte ich. Circa 200 Meter vom Ufer entfernt, befand sich das kleine grüne Eiland, das hauptsächlich von Vögeln bewohnt wurde.
»Also, mir ist das zu weit! Ich weiß nicht, ob meine Kräfte dazu noch ausreichen!«, lehnte Katha ab.
»Ich will nicht so weit rausschwimmen«, erklärte Nico. »Ich habe immer ein ungutes Gefühl bei offenen Gewässern, wenn ich nichts mehr unter den Füßen habe.«
Enttäuscht blickte ich die beiden an. Ich hatte so gehofft, allein mit Nico zur Insel schwimmen zu können.
»Los, dann schwimmen wir beide eben!«, forderte Floh mich auf und stürzte sich in die Fluten.
Ich folgte ihm leicht widerwillig, denn einen Rückzieher konnte ich nun auch nicht mehr machen. Wir waren beide gute Schwimmer und hatten die Insel schon bald erreicht.
»Lass uns eine Pause machen, bevor wir zurückschwimmen«, schnaufte ich und legte mich erschöpft ins Gras.
»Keine Bange! Ich werde dir die paar Minütchen schon gönnen«, grinste Floh gönnerhaft.
Eine Weile lagen wir nur da und ließen uns die Sonne ins Gesicht scheinen.
»So könnte es ewig sein. Sommer, Sonne und mit den Pferden zum See reiten«, murmelte ich zufrieden. »Wenn da nur nicht die blöde Schule wäre!«
»Man kann eben nicht alles haben im Leben«, seufzte Floh und kitzelte mich mit einem Grashalm an den Fü ßen.
Kichernd versuchte ich, ihn abzuwehren, doch ohne Erfolg. Deswegen sprang ich auf und stürzte mich auf Floh, der mir lachend auswich. Wir balgten eine Weile herum, bis ich völlig außer Atem im Gras lag und Floh auf mir. Prustend blies ich mir eine Strähne aus dem Gesicht und musste in Flohs freches Grinsen schauen. Seine blauen Augen funkelten vor Übermut und auch ihm hing eine braune Haarsträhne in die Stirn.
»So, und was bekommt der Sieger in solchen Fällen?«, fragte er mich herausfordernd.
»Gar nichts!«, lachte ich amüsiert.
»Dann hole ich mir eben meine Belohnung!«, sagte Floh, und bevor ich es verhindern konnte, hatte er mir einen Kuss auf den Mund gedrückt. Das Ganze passierte so schnell, dass ich es gar nicht richtig begriff. Verwirrt blickte ich ihn an und schon wieder war da dieser merkwürdig ernste Ausdruck in seinen Augen.
»Ähm, was sollte denn das?«
»Keine Ahnung, dachte mir, das wäre eine passende Belohnung für mich und Bestrafung für dich!«, sagte Floh knapp und stand auf. »Los, lass uns zurückschwimmen!«
Ich rannte hinterher, doch ich konnte ihn nicht mehr einholen. Er legte ein solches Tempo vor, dass ich es nicht schaffte, an ihm dranzubleiben. Florian war schon längst aus dem Wasser, als ich schließlich ans Ufer kletterte. Ich schüttelte meine Haare und kratzte mich am Nacken. Fühlte sich an wie Algen, die da herumhingen, doch dann erstarrte ich mitten in der Bewegung. Nico hielt sich die Hand vor das Gesicht und konnte sich mit Lachen kaum zurückhalten, Katha verzog schmerzvoll den Mund und gestikulierte wie wild mit den Händen, während Floh mich nur mit großen Augen anstarrte. Bevor ich begriffen hatte, was eigentlich los war, schaute ich selbst verdutzt auf meine losen Bikiniträger, die ich für Algen gehalten hatte. Ach du Schreck! Mein Nackenband hatte sich gelöst, und ich spürte, wie nichts mehr meinen Oberkörper bedeckte. Die Schamesröte stieg mir ins Gesicht, und ich wusste nicht, wohin. Sollte ich zurück ins Wasser? Aber eigentlich war es schon zu spät. Nico konnte sich nicht mehr halten vor Lachen und Katha schaute mich ganz mitleidig an. Mir schossen die Tränen in die Augen. Wie war mir das peinlich! Warum musste Nico auch noch so lachen? Wütend und voller Scham stürzte ich an ihnen vorbei und rannte hinter das nächstbeste Gebüsch, wo ich mich schluchzend auf den Boden setzte.
»Hey Rike! Alles klar?« Katha war mir gefolgt und sah mich nun bestürzt an.
»Gar nichts ist klar!«, schluchzte ich verzweifelt. Mit zitternden Fingern versuchte ich, mein Bikinioberteil wieder zu richten, doch es misslang. Katha musste mir helfen.
»Hey, ist doch nicht so schlimm«, versuchte sie, mich zu trösten.
»Und ob es schlimm ist! Weißt du, wie peinlich das ist, halb nackt aus dem Wasser zu kommen?«, heulte ich rum.
»Ja, aber so viel hat man jetzt auch nicht gesehen.«
»Von wegen! Du warst ja nicht nackt!«, schluchzte ich erneut los. »Und Nico hat gelacht! Er hat mich total ausgelacht! Wahrscheinlich findet er mich auch noch hässlich!«
»Blödsinn! Er hat bestimmt nur wegen der Situation gelacht. Es war eben wirklich sehr komisch, wie du da ahnungslos mit losem Bikinioberteil aus dem Wasser kamst.«
Es war nicht gerade das, was ich von Katha hören wollte.
»Komm, Rike, nimm es nicht so schwer! Das kann jedem mal passieren!«
»Aber mir ist es passiert, und dann auch noch vor Nico!«
»Schau, das war einfach nur witzig und...«
»Ja, witzig für euch!«, brauste ich auf, aber mittlerweile hatte ich mich wieder einigermaßen gefangen. »Ich kann Nico jetzt nicht unter die Augen treten«, murmelte ich.
»Warte, ich sage ihm und Floh Bescheid, dass sie schon mal heimreiten sollen, okay?«
»Danke!« Ich nickte Katha erleichtert zu.
Ich hörte, wie sie mit den beiden Jungs redete, und kurz darauf vernahm ich Hufgetrappel. Erst dann kam ich aus dem Gebüsch hervor und machte mich mit Katha ebenfalls auf den Heimweg. Irgendwie war auch dieser Ausflug in Hinblick auf Nico ein totaler Reinfall gewesen.